Martin Compart


NOIR-FRAGEN AN MYRON BÜNNAGEL by Martin Compart
29. März 2009, 12:00 pm
Filed under: Fragebogen, Interview, Noir, Porträt | Schlagwörter: ,

myself

Myron Bünnagel ist der Herausgeber des führenden deutschen Noir-Magazins MORDLUST. In den letzten Jahren trat er besonders als Autor einer Jugendkrimi-Reihe im Beltz-Verlag hervor, Grund genug, ihn etwas abzuklopfen. Übrigens finden sich Interviews mit diesem proustschen Fragenkatalog mit einer Reihe anderer Personen bei MORDLUST.

Berufungen neben dem Schreiben?
Webdesign, Rollenspiel

Film in Deinem Geburtsjahr?
Polanskis Chinatown

Was steht im Bücherschrank?
Eine ganze Menge … Hauptsächlich Noir-Literatur – Hammett, Chandler, Goodis, Thompson, McCoy, etc. Nicht zu vergessen diverse Sekundärliteratur zum Thema Roman noir & Film noir. Passend dazu eine Ladung True Crime u.a. über Capone, Dillinger, Bonnie & Clyde. Dann noch etwas Fitzgerald, Waugh, Wodehouse und natürlich Carroll.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Hammett, Chandler und Ross Macdonald – richtig eingeschlagen hat aber erst Jim Thompson mit A Hell Of A Woman. Danach war dann nichts mehr, wie es vorher war.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der hartgesottene Privatdetektiv – Trenchcoat und Hut haben mich schon von kleinauf schwer beeindruckt.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Nacht des Jägers, Rattennest, Gun Crazy. Filme jüngeren Datums: Point Blank, Der Tod kennt keine Wiederkehr, Vertigo, Get Carter (die 71er Fassung!), Der Eiskalte Engel.

Und abgesehen von Noirs?
Die Ferien des Monsieur Hulot

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Muss … Dobby, … den Hauself, … töten …

Internet?
www.zeilenrausch.de

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Outlaw a la Dillinger

2. Und der Spitzname dazu?
„Sideburns“

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Horace McCoy

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
Hab‘ ich es nicht gesagt?

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Eindeutig Schwarzweiß.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Nine Inch Nails, Portishead, Dream City Film Club

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Lizabeth Scott als Carol Chandler (in Dead Reckoning) – und zwar rauchend.

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Schwarzer Packard Eight

9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson Submachine Gun

10. Buch für den Knast?
Alice im Wunderland

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ich habe es immer gesagt …

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NEUE HÖRBÜCHER by Martin Compart
24. März 2009, 3:24 am
Filed under: Bücher, Edward Boyd, Hörbücher, Krimis, Noir, Raymond Chandler, Rezensionen | Schlagwörter: ,

OLIVER ROHRBECK liest SHUTTER ISLAND von DENNIS LEHANE (Lübbe Audio, 6 CDs)

Das Gute zuerst: Rohrbecks Vortrag ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Ihm gelingt es fast jede Figur in einem unterschiedlichen Ton zu treffen. Ein Grund, weshalb ich dem Hörbuch bis zum Ende gefolgt bin. Den Roman hätte ich spätestens nach 100 Seiten in die Tonne gehaun. Denn mit Dennis Lehane ist einer der größten Langweiler der zeitgenössischen amerikanischen Kriminalliteratur am Werk! Und er schafft es tatsächlich mit jedem Buch öder zu werden. Erst schrieb er eine Serie um ein Private-Eye-Paar, voll von Beziehungsproblemen, die eine Amelie Fried vor Verzückung glühen lassen. Dann hatte er mit dem Schnarchroman MYSTIC RIVER (von Clint Eastwood ebenso langweilig verfilmt) sowas wie seinen Durchbruch. Wie bei MYSTIC RIVER jaulen unbelesene Feuilletonisten von einem Meisterwerk. Wahrscheinlich haben sie bis auf ein paar Skandinavier und Trutschenkrimis nichts gelesen. Uninteressante Charaktere auf einer Insel, verquaster Psychomist, ein bißchen Neo-Gothic, CIA-Artischocke-Anspielungen, so dümpelt es dahin bis zum hirnrissigen Schluss. Nie wieder Lehane! Das ist Verschwendung von Restlebenszeit.

Der lange Abschied

Der lange Abschied

DER LANGE ABSCHIED von Raymond Chandler. Gelesen von Gert Heidenreich.13 CDs; 39,90 Euro. Diogenes Verlag.

Lang´ ist´s her, da bin ich gerne nachts mit dem Auto sinnlos durch Holland und Deutschland rum gefahren um dabei Bruce Springsteen zu hören, dem vielleicht größten Poeten nächtlicher Geschwindigkeitsübertretungen. Das war großer Spaß und große Freiheit. Man brauchte nicht mehr Geld als für eine erschwingliche Tankfüllung und ein paar Kaffees in Raststätten mit dem Charme eines Güterbahnhofs. War schon irgendwie prägend.
Lange hatte ich kein ähnliches Hörerlebnis. Heidenreichs Lesung von Chandlers Klassiker hat mir diese Empfindungen wieder geschenkt. Die Melancholie des Textes passt ganz wunderbar zu nächtlichen Autofahrten und sei jedem empfohlen, der längere Strecken beabsichtigt (vielleicht mit dem Auto bis Kapstadt). 956 Minuten Chandler at his best. Die inzwischen durchgesehene Diogenes-Übersetzung holpert gelegentlich, ist aber durchwegs gelungen. Ich lese den langen Abschied alle paar Jahre. Und er ist jedes Mal neu und ergreifend. Heidenreichs Vortrag ist großartig, packt einen und reißt mit.

HARD CASE CRIME bei Argon Hörbuch. Immer 4 CDs für je 16,95 Euro.

Crack

Crack

Alle gelesen von Reiner Schöne! Und das ist auch verdammt gut so. Denn Reiner Schönes kraftvolle, manchmal humorvolle, Vorträge geben den Dingern den echten Kick. Immer genau den Ton der Sujets treffend. Mit das Beste, was er seit HAIR gemacht hat. Ohne ihm zu Nahe treten zu wollen, behaupte ich mal: Die beste Stimme für große Pulp-Literatur.
Bisher erschienen:
Mickey Spillane: Das Ende der Straße
Richard Aleas: Tod einer Stripperin
Donald E.Westlake: Mafiatod
Lawrence Block: Abzocker
Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse
Ken Bruen & Jason Starr: Flop

EDWARD BOYD
Was ich wirklich nicht begreife: Warum bringen der SWF und der WDR nicht die Hörspielserien von Edward Boyd auf Kauf-CDs heraus). Der Schotte Boyd war und ist für das Kriminalhörspiel das, was Raymond Chandler für die Hard-boiled-Novel ist. Also nichts weniger als unerreichte Klasse und von einer Sprachgewalt, von der durchschnittliche Autoren nur träumen können. Und ohne Old Ray zu nahe treten zu wollen: Boyds Plots sind meistens besser, aber genauso eigenwillig. Um einen kurzen Überblick zu geben, um welche Hörspiele es sich handelt (sie werden mehr oder weniger regelmäßig in den ARD-Anstalten wiederholt:

DIE STEVE GARDINER TRILOGIE:

Die Figur des Steve Gardiner war ursprünglich die Hauptperson in Boyds Fernsehserie THE ODD MAN (1962-63).

1969 Fünf Finger machen eine Hand (40, 45, 42 und 38 Minuten)

1970 Die schwarze Kerze (57, 57 und 59 Minuten)

1973 Schwarz wird stets gemalt der Teufel (52, 48 und 47 Minuten)

UND:

1971 Kein Mann steigt zweimal in denselben Fluss (52, 54 und 54 Minuten) Davon gibt es eine Romanfassung, DER SCHWARZE ENGEL, die als Goldmann-Krimi antiquarisch für ein paar Cents zu kaufen ist.

1975 Dachse im Eulenlicht (34, 36 und 39 Minuten) 1982 gab es bei der BBC einen Dreiteiler, der auf der Hörspelserie basierte.

1986 Bullivants Match oder Brachvogel im Herbst (50, 49 und 53 Minuten)

1989 Spanische Schlösser (44, 49 und 52 Minuten)

Edward Boyd (1916-1989) war Theater-, Radio-, und TV-Autor. Er schuf die Serien THE CORRIDOR PEOPLE und die wunderbare PI-Serie THE VIEW FROM DANIEL PIKE, arbeitete an zahlreichen Serien wie Z-Cars mit. Aus THE ODD MAN gingen zwei spin-offs hervor: Die Serien IT´S COLD OUTSIDE und MR.Rose. 1967 schrieb er das Drehbuch zu Peter Hyams Klassiker ROBBERY mit Stanley Baker.
Aber sein größter und bleibendster Eindruck sind seine Hörfunkserien, die schlichtweg zu den Höhepunkten des gesamten Genres Kriminalliteratur zählen. Wie jedes gute Kunstwerk kann man sie wieder und wieder hören, wird in ihrer Dichte immer wieder etwas Neues finden. Eine Reproduktion in Spitzenqualität auf CD ist überfällig. Die deutsche Dramaturgie und Regie (Heiner Schmidt) ist perfekt. Absolut ein Höhepunkt deutscher Hörspielkunst, wie man sie heute nie oder selten zu Ohren bekommt. Wenn ich eine Boyd-Phase habe (in regelmäßigen Abständen), höre (im wahrsten Sinne des Wortes ich erst auf, wenn die Ohren bluten.

 



EASTENDBALLADE: DIE KRAYS by Martin Compart
13. März 2009, 8:33 am
Filed under: Die Krays, Drehbuch, Interview, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: , ,

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Die Zimmer im New Barbican Hotel sind etwas kleiner als Mick Jaggers Schuhschrank. Was ein relativ modernes Hotel mitten in Finsbury zu suchen hat, versteht keiner. Bis auf einige Bürogebäude, verdreckte und düstere Straßen ist hier, nahe der Grenze zu Shoreditch, nichts. Der Nordosten Londons hinter Old Street ist weder richtig Eastend, noch Westend. Stattdessen, von beidem das langweiligste. Ein paar hundert Meter weiter, in der festungsartigen Anlage Braithwaite House, wurden die Zwillinge um 6.oo Uhr früh am 9.Mai 1968 von Inspector „Nipper“ Read endgültig hochgenommen. Seitdem atmen sie gesiebt. Zwei Pubs, ein Fish & Ships-Laden und kaum Straßenbeleuchtung machen das Nachtleben zum Erlebnis. Es ist das östlichste Hotel, das ein deutsches Reisebüro buchen kann. Das Beste am ganzen Laden ist das exzellente Frühstück. Vielleicht denkt man das auch nur, weil man nach dem halbstündigen Platzanstehen so ausgehungert ist. Ich bin gerade dran, als ich zur Rezeption gerufen werde. Rita, Reggie Krays Kusine, ist am Telefon. „Ich hole dich in einer Stunde ab. Wir fahren zu Reg.“ Zeit genug, um noch mal anzustehen.
Rita ist eine gutaussehende Blondine, ein bisschen wie Billie Whitelaw in früheren Jahren. Sie kennt Reggie solange sie denken kann und ist inzwischen seine Vertraute. Eine zentrale Figur im Krays-Clan, zu dem neben vielen Freunden auch ein inoffiziell adoptierter Sohn gehört. Die hübsche Frau hat die Härte, aber auch den Charme des Eastends. Mindestens alle 14 Tage besucht sie Reg oder Ronnie und kümmert sich um vieles, was nur von außerhalb des Gefängnisses zu regeln ist. Ihre einzige Bedingung: die Krays müssen sie aus jeder Pressegeschichte raushalten. Sie organisierte meinen Besuch. Ich hatte lediglich Vornamen und eine Telefonnummer. Ich konnte einen Tag im Hotelzimmer rumsitzen – was in London einer verschärften Haftstrafe nahe kommt – und auf den Rückruf warten. Alles hatte etwas von einem konspirativen Treff. Kein Zweifel, die Krays haben ihr Gefühl für Dramatik bewahrt. Bevor unser Zug nach Brighton geht, trinken wir einen Kaffee in Victoria Station. Es ist eine wirkliche Schande, wie sie die alten Traditionsbahnhöfe zu einer Mischung aus Hallenbad und MacDonalds-Filialen restauriert haben. Sonntags braucht der Zug länger. Wir unterhalten uns über Reggies eventuelle Begnadigung. „Als sie ihn vor zwei Jahren nach Lewes verlegt haben, war das ein gutes Zeichen. Lewes ist eines der angenehmeren Gefängnisse in England. Sie haben Reggie gesagt, er solle keine Wellen machen und sich ruhig verhalten. Aber Reggie lässt sich ja nichts sagen. Erst kam der Film, dann sein neues Buch und jetzt auch noch die Schallplatte, auf der Reggie feixend Geschichten aus der wilden Zeit erzählt. Die Krays sind wieder in aller Munde. Nichts, was sich für eine vorzeitige Freilassung auszahlt.“ Rita traut mir noch nicht richtig über den Weg. „Reggie ist so leicht von Leuten auszunutzen.“ Klar, dass beweist seine ganze Biographie. Zwei arme, kleine Eastendzwillinge, die im Schneesturm ihr letztes Hemd an Onkel Dagobert verschenken. Umsteigen in Brighton. Noch mal eine ätzende halbe Stunde. Der Bahnhof von Lewes liegt am Fuße eines Hügels, um den das Zentrum des Ortes gruppiert ist. Eines dieser netten, kleinen Provinzstädtchen mit einem Charme, wie ihn nur englische Provinzstädtchen haben. Und wie alles in England an einem Sonntag: tot. Die Krone des Hügels ist eine alte Festung, der Hauptwohnsitz von Reginald Kray. „Die schlimmste Zeit waren die 16 Jahre in Gartree und auf Isle of Whight. Sie haben versucht, ihn zu brechen. Das war das dümmste, was sie tun konnten. Sie gaben ihm etwas, gegen das er kämpfen konnte. Dabei hätten sie ihn leicht fertig machen können: mit Freundlichkeit“, sagt Rita. Ein gutes Wort, und schon schmelzen sie dahin, die schlimmen Zwillinge. Die Seitentür im schweren Holztor ist noch geschlossen. Einige junge Frauen warten darauf, ihre Burschen zu besuchen. Besuchszeit ist von 13.oo Uhr bis 15.15 Uhr. Jetzt ist es gleich zehn nach Eins. Endlose Minuten, wie sie nur Gefangene und Flüchtlinge kennen. Zu Reggies prominenteren Besuchern, die gelegentlich vorbeischauen, gehören Patty Kensit, Roger Daltrey, Diana Dors, Rick Wakeman, Cliff Richard und Debbie Harry. Morgen ist Daltreys Manager angesagt. Daltrey will schon einige Zeit einen Kray-Film drehen und besonders erfreulich war Peter Medaks Machwerk wirklich nicht. Reggie hat ihn sich nichtmal angesehen. Alter Mist von Gestern interessiert ihn nicht. „Ein Wahnsinn. Manche sitzen nur fünf Monate hier. Reggie sagt ihnen, dass sie sich gar nicht erst hinzusetzen brauchen.“ Joe kommt. Joe war bei der BBC, hat Kinderfilme gemacht und arbeitet jetzt für die Pinewood Studios. Kein deutscher Fernsehsender würde es zulassen, dass Joe seine sensiblen Hallen betritt. Joe ist wie aus dem Ei gepellt, und golden glitzert es von Ringen und Kettchen. Er ist um die fünfzig und wirkt wie ein gepflegter Rausschmeißer. Unter seinem Maßanzug spielen harte Muskeln. Kein Knabe, dem man ungestraft das Bier verschüttet. Der richtige Mann für Kinderfilme. Der macht den lieben Kleinen schon klar, wie es im Leben läuft. Joe macht Konversation mit mir. Er kennt Hamburg und München, fragt mich nach seinen deutschen Kumpels. Ausnahmslos Puff- und Bumsbesitzer von der Reeperbahn und Spielhöllenchefs aus München. Als ich Joe mitteile, dass ich bedauerlicherweise keinen seiner Halbweltfreunde kenne, scheint er nicht sicher, ob ich wirklich aus Deutschland komme (inzwischen sitzt Joe auch im Knast. Nachdem Scotland Yard seine Filmproduktion unter die Lupe genommen hat, musste sie feststellen, dass Joe den Hauptumsatz nicht mit Käptn Blaubär macht, sondern mit weißen Pulver. Eine Zeitlang war Joe der Käptn Koks der Londoner Szene). Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen. Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen. Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984. Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung in den letzten 21 Jahren aus, als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist der härteste Knochen, der mir je genüber stand. Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhauen, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher hat er geschrieben, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte. Englands größte lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen! Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll. Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr.Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“ Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig. Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinander hetzen. Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.“ Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von der Planung bis zur Ausführung.“ Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Messer ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Film wäre der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahe gekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden. Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selber wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“ Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“ Und Nipper Read, der Mann, der sie in den Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“ Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.“ Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzählte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“ Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“

Die Commercial Street macht ihren Namen alle Ehre.
Sie führt Mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Moguln. An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten vier- bis sechsgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern. An den mit Paketen und Papp-Containern voll gestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte. Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist. Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“

In der schmalen Passage Miller’s Court,kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder. Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen. Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort. Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas Illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen. Der Einstieg ins Krays-County.
Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road. Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation. Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.

Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabenen Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind. In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes. In einem der Häuser hat George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 3oer- oder 50er Jahren zu drehen.
Kurz vor der Ecke zur Tapp-Streit hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt. Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten. Endlich bin ich in der Tapp Street. Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend hingegangen. Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging. Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu. Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 6oer Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man als Inder krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein. Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten als erste erwischt. Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann. Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.

Zurück zu Teil 1.



SCHWULE SADISTEN: ERNST RÖHM UND DIE SA 3.Teil by Martin Compart
12. März 2009, 12:07 pm
Filed under: Politik & Geschichte, Porträt, SA | Schlagwörter: , , ,

KARL ERNST
Nicht weniger widerwärtig war der SA-Führer Karl Ernst. „Sein mächtiges und gewöhnliches Gesicht verrät den Tunichtgut, sein Mund Genusssucht, und auf dem Kopf sitzt etwas nachlässig die Kappe des Obergruppenführers. Er fasziniert die Söhne der guten Berliner Familien. Man sagt, auch er sei homosexuell. Wenn er die verlassenen Lagerhäuser oder die Keller besucht, in denen die SA die widerspenstigen Deutschen züchtigt, dann leuchten die Augen und er lacht voll Zynismus. Seine Männer genießen Straffreiheit. Diebstahl, Mord, Vergewaltigung, all das wird zum Politikum, und Ernst deckt seine SA. Dennoch wird er in der guten Gesellschaft empfangen, und man sieht ihn stets in Begleitung von August Wilhelm von Preußen, dem vierten Sohn des Kaisers.“ 23 Der französische Militärattaché General Renondeau bezeichnete ihn als einen „der hitzigsten Männer“ der SA. Er wurde als dreister, wortgewandter, stets elegant gekleideter Zyniker geschildert, um dessen Nacken ein Orden des Großfürsten von Coburg baumelte. Prinz August Wilhelm von Hohenzollern, genannt Auwi, war ein Bewunderer von Ernst und dem SA-Schlächter Willi Schmidt, genannt Schweinebacke, die er gerne bei Empfängen in seiner Villa Liegnitz auf dem Schlossgelände von Sanssouci bewirtete, wenn Kaisers Geburtstag oder der Sieg von Sedan zu feiern war.

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Karl Ernst

Karl Ernst wurde am 1. September 1904 als Sohn eines Hausmeisters in Wilmersdorf geboren. Ein zwielichtiger Bursche, der sich als Hotelportier, Liftboy und Kellner im Schwulenmilieu durchschlug. 1923 trat er in die NSDAP ein. Ende der 20er Jahre hatte er im Berliner Homosexuellenlokal ELDORADO Hauptmann Paul Röhrbein kennen gelernt, den ersten Berliner SA-Führer. Röhrbein hatte Röhm schon zu Zeiten des Frontbanns unterstützt, indem er die Frontbanngruppen in Berlin aus alten Freikorpskämpfern organisierte. Bald nach der Bekanntschaft war Ernst in die SA eingetreten und wurde nur noch „Frau Röhrbein“ genannt. Er musste sich sofort einer SA-internen Untersuchung stellen, die diese Beziehung zu Röhrbein „aufdeckte“. „Gestandene SA-Männer hielten ihn für einen einfachen Ganoven, der unwürdig sei das braune Hemd zu tragen.“24 Protektion kam von entscheidender Seite: 1931 stellte ihn Röhrbein seinem Freund Röhm vor, der ihn sofort förderte.

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Röhm mit Karl Erns

Seit April 1931 galt Ernst im inneren Zirkel als Röhms Liebling, denn der machte ihn umgehend zum SA-Führer von Berlin und 1932 zum Mitglied des Reichstages. Nachdem Graf von Helldorf 1932 die von ihm kommissarisch mitverwalteten Berlin-Brandenburger SA abgab, wollte Hitler Gruppenführer Kasche zum SA-Obergruppenführer machen. Als der inzwischen als Stabsleiter von Berlin agierende Ernst davon erfuhr, alarmierte er Röhm, der ihn als Obergruppenführer durchsetzte. Nach der Pressehatz gegen schwule SA-Führer, konnte auch Ernst, der zusammen mit Röhm und Heines prominenteste Zielscheibe war, auf Hitlers (vorläufige) Unterstützung rechnen. Göring machte auch ihn zum Preußischen Staatsrat. In einer unveröffentlichten Erinnerung (1956) von „Putzi“ Hanfstaengl heißt es: „Ernst deutete in den dreißiger Jahren an, es genügten ein paar Worte, um Hitler zum Schweigen zu bringen, wenn er sich über Röhms Verhalten beklagte.“

Für die Berliner SA-Schwulenorgien, an denen Röhm natürlich gerne teilnahm, gab Ernst monatlich 30 000 Reichsmark aus, dreißig mal mehr als er Gehalt bezog…

Als die SA 1931 Amok lief, beteiligte sich Ernst gerne persönlich an der Misshandlung der Opfer. In dem antinazistischen BRAUNBUCH GEGEN REICHTAGSBRAND UND NAZITERROR von 1933 wurde ein Zusammenhang zwischen den auffallend perversen Folterungen durch SA-Männer und der speziellen Homosexualität in der SA hergestellt. Besonders herausgestrichen wurde der homosexuelle Berliner SA-Führer Graf Helldorf, der sofort nach … die unterirdischen Gefängnisse der Festung Wuppertal: „Hieronymus Bosch und Pieter Breughel haben nie solches Entsetzen erblickt. Die Gefangenen waren lebende Skelette … mit eiternden Wunden … Es gab keinen, dessen Körper nicht vom Kopf bis zu den Füßen die blauen, gelben und grünen Male der unmenschlichen Prügel an sich trugen.“ Als sich Diels um einen Gefangenen näher kümmern will, erschienen „in tadelloser Uniform, an Hals und Brust alte und neue Dekorationen, Ernst, einer der Berliner SA-Führer, und sein Gefolge … Lachend und plaudernd betraten sie das Verließ. ,Was bilden Sie sich ein! Lassen Sie sich nicht einfallen, uns in den Arm zu fallen‘, brüllte Ernst.“ Über das berüchtigte Wuppertaler KZ schreibt auch Longerich: „In Wuppertal wurde durch den zum Polizeipräsidenten ernannten örtlichen SA-Führer ein KZ in der ehemaligen Putzwollfabrik Kemna eingerichtet. In dem dreistöckigen Gebäude wurden zeitweise mehr als 1000 Gefangene untergebracht. Häftlingsberichte schildern spezielle Mißhandlungsmethoden, die sich die dort stationierte SA einfallen ließ: Die Gefangenen …“25
In Berlin eröffnete Ernst seine eigenen KZs. 1933 besetzte die SA-Standarte 12 das Pankower Gefängnis in der Borkumstraße, das von da an als „Karl-Ernst-Haus“ bezeichnet wurde und in dessen Zellen Ernst und seine Leute die übelsten Folterungen betrieben. Die Berlin-Brandenburger SA zählte bei Hitlers Machtübernahme 60 000 Mann; im Herbst 1933 war sie auf 220 000 angewachsen. Ab Februar ließ Ernst brutale SA-Greifkommandos Berlin durchpflügen. Sie jagten Kommunisten, SPDler und ihnen nicht genehme Bürger, die sie in ihre wilden KZs verschleppten. Die Zahl dieser Folterstätten in Berlin wird zwischen fünfzig und hundert angenommen. „Schätzungen gehen davon aus, dass über 100 000 Menschen von der SA inhaftiert wurden und mindestens 1000 ermordet wurden.“ 26 Über die Schließung eines Berliner Lagers berichtete Diels: „Die Opfer, die wir vorfanden, waren dem Hungertod nahe. Sie waren tagelang stehend in enge Schränke gesperrt worden, um ihnen Geständnisse zu erpressen. Die ,Vernehmungen‘ hatten mit Prügel begonnen und geendet; dabei hatten ein Dutzend Kerle in Abständen von Stunden mit Eisenstäben, Gummiknüppeln und Peitschen auf die Opfer eingedroschen. Als wir eintraten, lagen diese lebenden Skelette reihenweise mit eiternden Wunden auf dem faulen Stroh.“27 Höhnisch kommentierte Ernst seine Folterkeller: …
…Menschen blieben auf dem Pflaster zurück, verreckten in Durchfahrten oder zwischen Sträuchern, wenn dieser menschliche Abschaum krakeelend wieder aufsaß, um den nächsten Stadtteil mit Terror zu überziehen. „Mit Salzwasser wurden die Wunden der Opfer überschüttet, mit Stiefelwichse verschmiert. Bald lagen die Krankenhäuser voll Menschen mit zerbrochenen Gliedmaßen, halb irrsinnig von den ausgestandenen Martern, blutende, zerfetzte menschliche Klumpen. Vergebens flehte der stellvertretende Vorsitzende der Deutschnationalen Partei, Dr. von Winterfeldt, den Reichskanzler Hitler an, den Rechtsstaat nicht zerstören zu lassen… In Spandau holte die SA den Führer der sozialdemokratischen Arbeiterjugend, Erich Meyer, aus einer Laubenkolonie heraus, am nächsten Morgen wurde sein verstümmelter Leichnam gefunden… In Köln wurde der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Sollmann von SA bewusstlos geschlagen, durch die Straßen geschleift und nach fürchterlichen Misshandlungen in einen Kohlenkeller geworfen. In Köpenick wurde die 46 Jahre alte Sozialdemokratin Frau Jankowski in den Morgenstunden des 21. März aus ihrer Wohnung in eine nationalsozialistische Kaserne verschleppt, nackt ausgezogen und ausgepeitscht.“28 Seit dem 30jährigen Krieg war Deutschland nicht mehr mit einer solch brutalen Terrorwelle überzogen worden. Dieser primitive Gewaltkult existierte außerhalb jedes gesellschaftlichen Moralcodes. „Es waren diese Untaten, die in der Bevölkerung auf lange Zeit das Bild der SA bestimmten und später den Mördern des 30. Juni 1934 öffentliche Zustimmung sicherten.“29
Aus welchen Gründen auch immer: Hitler mochte weder Karl Ernst noch Edmund Heines – im Gegensatz zu Röhm, dem er noch in der Nacht der langen Messer das Leben schenken wollte. Sie gehörten zweifellos zu den Leuten, die zuviel wussten und dies auch noch wie eine Monstranz vor sich her trugen, um den Führer an ihr Mitwissen zu erinnern. Ernsts Beteiligung …

Nicht nur aus politischen Gründen rekrutierten Röhm und seine SA-Führer junge Männer aus der Arbeiterjugend: Der schwule Hofstaat hatte ein unstillbares Verlangen nach „Frischfleisch“. Dafür stellte Röhm den zwielichtigen Peter Granninger ein. Für einen Monatslohn von 200 Reichsmark suchte dieser unter den jungen SA-Männern nach homosexuellen Partnern für Röhms Orgien. Granninger hatte die Qual der Wahl: Die meisten SA-Männer waren 18 bis 25 Jahre alt. In Karl Ernsts Berliner SA waren 70% unter 26- und fast 90% unter 30 Jahre alt. Granninger konnte ausreichend Frischfleisch heranschaffen. Aber das genügte nicht: In München … nach dem Ende der Unterredung erfuhr Himmler am nächsten Tag, „dass während der ganzen Nacht im SA-Stabsquartier die tollste Orgie stattgefunden habe, die Himmlers Vertrauensleute jemals gesehen hätten. Flaschen flogen aus den Fenstern und zerbrachen klirrend auf dem Pflaster, das Lachen hörte man bis auf die Straße. Röhm hat die ganze Nacht mit seinen Lustknaben an der Orgie teilgenommen. Himmler tobt.“ 32 Granninger entkam zwar dem 34er Massaker, wurde aber im selben Jahr mit anderen angeklagt und vor Gericht gestellt. Über sein Schicksal ist bisher nichts weiter bekannt, wahrscheinlich endete er in einem KZ.

http://www.amazon.de/HITLER-PERVERS-RAUBAL-ERNST-Sexskandale-ebook/dp/B0071PNS1A/ref=la_B00457QT0Y_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1411245561&sr=1-4

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P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



PARANOID Nr.2 by Martin Compart

HIROHITOS GANGSTERBANDE UND DER GRÖSSTE SCHATZ DER WELT

Was das systematische Ausplündern von eroberten Ländern angeht, waren die Nazis Amateure im Vergleich zu den verbündeten Japanern. Die raubten wirklich alles und mit System: Von seltenen Dokumenten, wertvollen Kunstwerken bis hin zum letzten Goldzahn. Besonders auf Gold waren sie versessen. Um daran zu kommen gingen sie nicht nur militärisch vor, sondern setzten auch die eigenen Gangster, die Yakuza, ein. Die raubten die jeweiligen Unterwelten aus und versorgten China mit Drogen gegen cash. Unterstützt wurden Militär und Unterwelt von den ulra-nationalistischen Geheimbünden Schwarzer Drache und Schwarzer Ozean, die an dieser Stelle mal eine eigene Würdigung erfahren sollen.
Zur „Ehrenrettung“ der Nazis muss man feststellen das die Japaner auch über mehr Erfahrung verfügten: Sie legten bereits 1895 los mit der Versklavung und Vergewaltigung Koreas, dessen nationale Identität sie fast auslöschten. Und Korea war Jahrhunderte eine Hochkultur; dagegen wirkte der ritualisierte Samurai-Staat wie ein Kiosk in Castrop Rauxel im Vergleich zur Tate Gallery.
An Massenmorden haben sich beide nichts genommen: Die Nazis ermordeten 6 Millionen Juden und 20 Millionen Russen; die Japaner 30 Millionen Malaien, Filipinos, Vietnamesen, Kambodschaner, Burmesen, Indonesier, darunter 23 Millionen Chinesen. Was das Erobern und Plündern angeht, waren die Japaner länger im Geschäft.
Über Land durch Korea und auf See bis zu den Philippinen lief die japanische Route um das Raubgut zu transportieren. Nachdem die Amerikaner den Seezugang nach Japan blockiert hatten, legten die Japaner auf den Philippinen ein Tunnel- und Höhlensystem an, das sie mit Gold voll stopften. Anschließend wurden die Eingänge gesprengt und die japanischen Arbeiter entweder mit in die Höhlen eingeschlossen oder mit Maschinengewehren niedergemäht. Schließlich sollten nur Angehörige der Oberschicht wissen dürfen, wo die Schätze lagern.
Durch die Folter an Major Kashi, des Fahrers von General Yamashita, erfuhr der berüchtigte Colonol Lansdale von dem japanischen Beuteschätzen. Zwischen 1945 und 1947 verschiffte er das Gold an 146 Bankkonten in 42 Länder. Codewort des Schatzes: Golden Lily. Inzwischen hatte General MacArthur, der feige Flüchtling von Luzon, ein heimliches Abkommen mit Kriegsverbrecher Nr.1, Kaiser Hirohito, getroffen. Kriegsverbrecher wurden auf sieben Todesurteile runtergekürzt und die Macht im neuen Japan an dieselben Kriegstreiber und Kriegsgewinnler zurück gegeben. Unter dem schönen demokratischen Deckmantel der Liberalen Partei, die nach einigen Metamorphosen ab 1955 satte 38 Jahre regierte (Ähnlichkeiten mit Italiens Christdemokraten und Andreotti sind natürlich rein zufällig). Jedenfalls war das ungefähr so, als hätte man Heinrich Himmler mit einer neuen Partei zum Bundeskanzler gemacht und Männer seines Vertrauens in die Ministerien bestellt. Ein Hauptgegenstand des Geheimabkommens, das mit dem Einverständnis des US-Präsidenten Truman geschlossen wurde, war Stillschweigen über das Raubgold zu bewahren und es beiden Strippenziehern zur Verfügung zu stellen. Bis heute finanziert die CIA schmutzige Operationen aus dem Blutgold. Unter anderem wurden in den 50er Jahren damit Wahlen in Griechenland und Italien gekauft. Auch die Japaner kamen nicht zu kurz: Hirohito und sein Verbrechersyndikat lebten als Milliardäre und finanzierten die großen (ehemaligen Kriegs-)Konzerne (wie Mitsubishi) und sorgten für den Amerika genehmen Nachkriegsaufstieg zur wirtschaftlichen Supermacht. Die Liberale Partei, Sammelbecken für Kriegsverbrecher, Yakuza und Nationalisten, regierte durch Amerikas Gnaden. Der Kriegsminister für Munition, Nobuske Kishi etwa, war von 1957 bis 1960 japanischer Premierminister. Ebenfalls nicht zu kurz kam der Emissär MacArthur: Sein erfolgloser Präsidentschaftswahlkampf wurde von den Liberalen mit dem Raubgold mitfinanziert (auch Richard Nixon durfte sich über Zuwendungen im Wahlkampf gegen Kennedy freuen).
Während des Krieges hatten die USA in den Massenmedien ein überaus hässliches Bild des Volkes von Nippon in allen Medien propagiert. Das änderte sich nach dem Geheimabkommen: Aus den brutalen Japanern, man denke nur an das Nanking-Massaker, wurden in einem Goebbels würdigen Propagandafeldzug eine friedliebende Nation mit Papa Hirohito (der nur schändlich von den hingerichteten Kriegsverbrechern benutzt oder getäuscht wurde – falls er überhaupt von irgendwas gewusst hatte) an der Spitze. Ein paar Jahre nach Kriegsende war nicht mehr zu übersehen, dass Japan reicher als vor dem Krieg war. Bis heute höhnen japanische Millionäre, dass sie den Krieg nicht verloren haben.
Im Gegensatz zu deutschen Entschädigungen (dank des unermüdlichen Kampfes des Schweizers Jean Ziegler, der mit seinem Angriff auf die Schweizer Banken alles in Bewegung brachte) für Juden und Zwangsarbeiter, lehnen die führenden Eliten der USA und Japans bis heute dieses Unterfangen ab. Egal ob es dabei um gequälte amerikanische Kriegsgefangene geht, chinesische Opfer bakteriologischer Kriegsführung oder zur Prostitution gezwungene Koreanerinnen. John Foster Dulles formulierte vorausschauend im Friedensvertrag von 1951, dass keine japanische Firma oder die japanische Regierung Kompensationszahlungen an Kriegsgefangene, zivile Opfer oder gepresste Arbeiter leisten müsse. Japanische Opfer haben im Gegensatz zu den Opfern der Deutschen keinen Einfluss und keine Lobby in Washington. Weder Japan noch die USA möchten das Raubgold, dessen jährliche Zinsen das Bruttosozialprodukt von ganz Schwarzafrika übersteigen, an die bestohlenen Länder zurück geben. Länder die nach dem Kriegsende größere ökonomische Probleme hatten und haben als das Reich der aufgehenden Sonne.

Minutiös aufgedeckt wurde der ganze Dreck von den renommierten Historikern Sterling und Peggy Seagrave in ihrem Buch GOLD WARRIORS (selbstverständlich gibt es keine deutsche Ausgabe). Kein Thriller ist aufregender als die hier aufgeführten Fakten. Sie stießen während der Recherche zu ihrem Buch THE YAMATO DYNASTY auf die Vorgänge. Interessierten bieten sie außerdem über ihre Homepage http://www.bowstring.net zwei CDs an, die auf über 900 Megabytes Tausende Dokumente, und Zeugeninterviews gespeichert haben. Aufklärer, Verzeihung: ich meine selbstverständlich Verschwörungstheoretiker, leben gefährlich: „We have been threatened with murder before. When we published THE SSONG DYNASTY we were warned by a senior CIA official that a hit team was beeing assembled in Taiwan zo come murder us. We vanished for a year to an island. While we were gone, a Taiwan hit team arrived in San Francisco and shot dead the Chinese-American journalist Henry Liu… Many people told us this book was historically important and must be published – then warned us that if it were published, we would be murdered. An Australian economist who read it said: I hope they let you live. He did not have to explain who they were… If we are murdered, readers will have no difficulty figuring out who they are.“

Sterling & Peggy Seagrave:
GOLD WARRIORS
London u.New York: Verso, 2005.



PARANOID Nr.1 by Martin Compart
9. März 2009, 8:03 pm
Filed under: Conspiracy, Paranoid, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter:

Die Kolumne für unverbesserliche Verschwörungstheoretiker

Nur ungebildete Idioten oder nicht minder speichelleckerischen Medienkellner schreien heute noch entsetzt „Verschwörungstheorie“, wenn sie auf Fakten stoßen, die ihr lämmerhaftes Weltbild erschüttern. Deshalb mal ein kleiner Überblick über einige interessante Bücher der letzten Jahre (an dieser Stelle wird nicht dem ekeligen feuilletonistischen Geschreie nach kurzlebigen und unwichtigen Aktualitätenkram gehuldigt).
„Männer desselben Berufs schließen sich nie zusammen, es sei denn, um sich gegen die Allgemeinheit zu verschwören“, schrieb nicht etwa ein als Verschwörungstheoretiker diffamierter Autor eines Buches zum 11.9. oder des Irak-Krieges, sondern der Begründer der Klassischen Nationalökonomie Adam Smith (1723-1790). Und um Verschwörungen zu vertuschen, beziehungsweise genehme Wahrheiten zu verbreiten, bedarf es heutzutage der Medien. Der genauso viel gescholtene wie verkaufte Mathias Bröckers, der mit Andreas Hauß sein Werk FAKTEN, FÄLSCHUNGEN UND DIE UNTERDRÜCKTEN BEWEISE DES 11.9. (Zweitausendeins; mit Dokumentarfilm auf CD) vorgelegt hat, weiß auch dazu Bedenkenswertes zu berichten: „Anfang der 80er Jahre verfügten rund 400 Unternehmen über die Zeitungen, Radio- und TV-Sender der USA, heute sind es noch neun Konzerne, die den gesamten Medienoutput kontrollieren. Gerade beginnt in den USA die Debatte darüber, wie schmählich die Medien seit dem 11.9. versagt haben, indem sie kritiklos und ungeprüft das nachfaselten, was ihnen vom Weißen Haus und Ölmagnaten vorgelallt wurde. In Deutschland war dies nicht anders, wie Christian C. Walther in DER ZENSIERTE TAG (Heyne Verlag) belegt. Ohne Not unterdrückten die Heloten der Mächtigen jede unbequeme Wahrheit. Walther trägt alles ganz nett zusammen, aber leider auf eine eitle und schlecht geschriebene Weise, die manchen unnötigen Angriffspunkt bietet. Spannend erzählt ist dagegen DER BUSH-CLAN (C.Bertelsmann) von Kitty Kelly, die – trotz massiver Repressionen – mit tausend Menschen für ihr Buch gesprochen hat, die reichlich Unerfreuliches über diese Familie zu berichten haben. Kelly zeigt das bestürzende Bild einer Dynastie von mittelmäßigen, habgierigen und skrupellosen Machtmenschen. Eine Familie, bei der Drogenmissbrauch, Ehebruch, Vorteilsnahme im Amt, Ämterpatronage und illegale Geschäfte selbstverständlich sind. Man erfährt einiges, was man so noch nicht gelesen hat: “ ‚Sie wissen doch, was sie in Florida während der Stimmennachzählung vom Wahlkampf 2000 gemacht haben’, antwortete er und schilderte mir dann ausführlich den so genannten „Brooks Brothers Riot“ von republikanischen Parteiaktivisten. Diese Männer stürmten die Räume des Wahlprüfungsausschusses, was dazu beitrug, dass die Stimmauszählung in Miami abgebrochen wurde. Um seine Behauptung zu beweisen, schickte der Mann mir Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass viele Randalierer von Bushs Nachzählkomitee bezahlt worden waren.“ Und wer sind die Gruppierungen, die hinter Bush und seiner Mafia stehen? Der Geschichtsprofessor Theodore Roszak von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.
Eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Jahrzehnte dürfte die längst überfällige deutsche Ausgabe von Alfred McCoys DIE CIA UND DAS HEROIN – WELTPOLITIK DURCH DROGENHANDEL (Zweitausendeins) sein. Es ist das Lebenswerk des Amerikaners, der seit 1970 die Geschichte des Drogenhandels recherchiert. Sein Buch wurde zuletzt 2003 auf den neuesten Stand gebracht und ist schlichtweg das Standardwerk, das man gelesen haben muss. McCoy beschreibt minutiös, wie skrupellos die Kolonialmächte Drogenhandel betrieben, mal legal mal illegal, je nach Profitinteresse. Besonders die Drogenkriege der Amerikaner nehmen einen breiten Raum ein. Daneben erfährt man interessante Details: Die Zahl der verbotenen Drogen erhöhte sich bis 1995 auf 245; 1931 waren es erst 17 gewesen. Ende der 90er Jahre war der globale Drogenhandel nach Angaben der UNO eine 400-Milliarden-Dollar-Industrie mit 180 Millionen Konsumenten mit acht Prozent am Welthandel – vor Textil-, Stahl- oder Autoindustrie.

P.S.: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die wirtschaftliche (weil auf Steuergeldern beruhend) Existenz von Gerhard Schröder (Ex-Kanzlerdarsteller), Joschka Fischer (Angriffskriegsbefürworter), Rudolf Scharping (dito) Bodo Hombach und Wolfgang Clement zerstört gehört.



BOND? DAS ICH NICHT LACHE! by Martin Compart
9. März 2009, 5:51 pm
Filed under: James Bond, Rezensionen

Rezension von 1989:

John Gardner: Scorpius
(Scorpius,1988).
Deutsch von Hartmut Huff; Heyne o1/8033; 317 Seiten; DM 7,80.

Es ist der Geldgier der Fleming-Erben zu verdanken, dass John Gardner nun schon zum siebenten Mal den Versuch unternehmen kann, einen der großen Mythen das 2o.Jahrhunderts und Flemings Unsterblichkeit in den Dreck zu treten. Wer 007 lediglich durch die unerträglichen Moore-Filme oder die an der Schmerzgrenze des anspruchsvollen Thriller-Fans angesiedelten Gardner-Bonds kennt, wird nie verstehen können, warum der Hector der westlichen Beamtenschaft zum Welterfolg werden konnte.
Man muss Fleming und Bond mögen um zu erkennen, was ihnen durch diese rip-offs angetan wird. Wer Flemings überragendes literarisches Talent nicht erkennt und sich über die Pop-Ikone 007 ideologisch ereifert, dem dürfte eh wurscht sein, was Gardner anstellt. Aber für diejenigen, die Fleming und sein Werk schätzen, ist es ein echtes Ärgernis. Und immerhin gehörte der vielleicht schärfste aller Krimi-Kritiker zu Flemings härtesten Fans und Bewunderern: Raymond Chandler rezensierte sogar enthusiastisch die Bond-Romane LIVE AND LET DIE, MOONRAKER und DR.No.
Gardner hat kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hat sich das im Laufe seiner bisher geschriebenen Romane da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hat er weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und „sein“ Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:“Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ Gardner degradiert einen Pop-Mythos mit ähnlichen Steherqualitäten wie die Rolling Stones zu einem langweiligen Halbidioten der sich mühsam durch ungemein langweilige Bücher schleppt, die offensichtlich von einem Schwachsinnigen geschrieben wurden. Gardner ist völlig unfähig, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Peinlich wird er besonders dann, wenn er krampfhaft versucht Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr:
„Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.“
„`Nein! Nein!Nein!`’Ja‘, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!'“
Der Plot? Irgendein Schwachsinn über die xte Sekte mit einem diabolischen Führer der die Welt beherrschen will. Ein Plot, für den sich Fleming geschämt hätte. Es gibt nicht ein positives Moment für dieses stinklangweilige Buch festzuhalten. Warum durfte Bond nicht friedlich entschlummern? Und wenn schon nicht, dann hätte man wenigstens Kingsley Amis alias Robert Markham die Bond-Saga fortschreiben lassen sollen. Denn der kannte Fleming wie kein anderer und sein Bond-Roman COLONEL SUN ist immerhin besser als Flemings MAN WITH THE GOLDEN GUN. John Gardner gehört offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten.
Diese Rezension ist von 1989



zu DER SODOM KONTRAKT by Martin Compart
9. März 2009, 7:15 am
Filed under: Bücher, Drehbuch, Dutroux, Sodom Kontrakt | Schlagwörter: , , , ,

Zur Erzählstrategie:

Im SODOM KONTRAKT benutze ich eine Erzählweise, die weder dem allwissenden Erzähler entspricht, noch dem Ich-Erzähler. Stattdessen ist sie irgendwo dazwischen, gleichzeitig in der dritten Person und aus dem

Der Sodom-Kontrakt

Sodom-Kontrakt bei amazon.de

Blickwinkel der Haupt- und im Focus stehenden Personen. Die szenisch im Mittelpunkt stehende Figur dient als visueller auditiver und psychologischer Brennpunkt. Ihr Blickwinkel soll der Erzählweise Farbe geben und abgrenzen. Die Anwendung dieser Erzählstrategie soll dem Leser intime Einblicke in die Denkprozesse von mehr als nur der Hauptfigur ermöglichen, ohne dabei auf den allwissenden Erzähler zurückzugreifen. Die Beschränkung des Erzählers sollte dazu führen, dass der Leser die Weltsicht der Figuren auf einer tieferen Ebene nachvollziehen kann. Die unterschiedlichen Auffassungen der Figuren über die Geschehnisse sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Damit wird der Leser aufgefordert, Haltungen und Situationen selbst zu beurteilen, Dies erscheint mir von einiger Bedeutung: Nicht die individuelle Wahrnehmung der Figuren soll für eine gewisse Spannung sorgen, sondern die Widersprüche in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mit der existenzialistischen Psychologie ausgedrückt: Jeder nimmt gleichzeitig zwei Welten wahr: den idios kosmos, der die eigene, persönliche Welt ist, und den koinos kosmos, die (mit anderen) geteilte Welt. Das Stemmen gegen den Zusammenbruch des idios kosmos sollte als unbewusst wahrzunehmendes Spannungselement die Thriller-Handlung unterstützen. Der Astigmatismus der Figuren soll den Leser dazu bringen, den eigenen koinos kosmos abzuleiten. Der Leser übernimmt die Aufgaben des allwissenden Erzählers und muss Urteile fällen, Wertvorstellungen festlegen (oder die vom individuell ausgerichteten Erzählers verwerfen/zustimmen) und die Erzählung auf seine Metaebene heben. Natürlich versuche ich dies zu steuern, indem ich die Blickwinkel auswähle. Aber der Leser muss selbst die Bedeutung produzieren, indem er eigene Schlüsse zieht um sie seinem koinos kosmos anzugleichen, da dass Konglomerat aus verschiedenen Sichtweisen nicht durch einen allwissenden Erzähler aufgelöst wird.

Einige Rezensionen zum Roman SODOM KONTRAKT

JUNGE WELT
24.09.2007 / Feuilleton / Seite 13
Der beste Kaffee
Zwei klassische Thriller von Ross Thomas und Martin Compart geben vor, was heute anliegt
Von Ambros Waibel
… Der Alexander-Verlag flankiert nun seine Werkausgabe mit Büchern aus Fausers persönlichem und ideellem Umfeld, eine realistische Traditionslinie wird sichtbar, die nach Jahren im Untergrund der Genre-Literatur mit Leuten wie Meyer und Saviano gerade wieder auftaucht. Zuletzt erschienen sind der Klassiker »Umweg zur Hölle« von Ross Thomas, im Original 1978, 1984 auf Deutsch bei Ullstein herausgekommen, und ein schnelles, schmutziges, höchst unterhaltsames Paranoia-Ding vom eben damals verantwortlichen Ullstein-Herausgeber und Fauser-Kumpel Martin Compart, »Der Sodom-Kontrakt«…. Martin Comparts konsequenter »politisch inkorrekter Anti-EU-Thiller« »Der Sodom-Kontrakt«, der in einer agitprop-mäßig noch deutlich schärferen Fassung bereits 2001 im Strange-Verlag erschienen ist, geht da einen Schritt weiter, indem er mindestens einen zurückgeht. Er will nicht den Pulp-Roman auf die Höhe der goutierten Literatur bringen, sondern er nimmt ihn als reißfeste Tüte, in die er kräftig hineinkotzt. Das kann sich wohl nur jemand erlauben, der von der anderen, der Verleger-Seite herkommt und es da bis zum deutschen »Krimi-Papst« gebracht hat. Compart weiß den Zeitungen noch etwas zu entnehmen, insbesondere denen aus Witten/Ruhr, und was er nicht weiß, reimt er sich so kräftig zusammen, daß er in aller Ruhe und mit fieser Ironie Raymond Aron zitieren kann: »Die Gesamtheit der Ursachen, welche die Gesamtheit der Wirkungen bestimmen, übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Verstandes.«


DER SODOM KONTRAKT als eBook bei: http://www.amazon.de/DER-SODOM-KONTRAKT-ebook/dp/B006UJXY76/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1325937554&sr=8-6

Zuschaufeln, mit dem Auto drüber und Schluss!
Martin Compart glänzt mit einem bitterbösen Thriller
Von Jens Müller
TAGESSPIEGEL 13.1.2008

Charlie und Lee in „The Killers“. Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds Are Forever“. Jules und Vincent in „Pulp Fiction“. Killerduos mit sarkastischem Dialogwitz haben manchmal enormen Unterhaltungswert. Vorausgesetzt, man ist nicht ihr nächstes Opfer und muss nicht mit anhören, auf welche Art und Weise man selbst das Zeitliche segnen soll: „,Zuschaufeln, zweimal mit dem Wagen drüber, und das war’s.‘ ,Einfache Lösung, Herr Schmidt, einfach aber nicht simpel. Bewundernswert.‘ ,Vielen Dank, Herr Schneider.‘“

Mit den Herren Schmidt und Schneider bereichert Martin Comparts Thriller „Der Sodom-Kontrakt“ die Typologie der Killerduos um ein illustres Pärchen. Im Ruhrgebiet hinterlassen sie zwischen Witten und Dortmund eine beispiellose Blutspur: Sie zerlegen ihre Opfer mit einem Samuraischwert, erschießen sie aus dem fahrenden Auto oder knüpfen sie an einem Nylonseil auf – um nur einige Methoden zu nennen.
Ihren ersten Mord wollen sie Gill in die Schuhe schieben, einem Freund des Opfers. Was ein Fehler ist, denn dieser Gill ist ein harter Hund, ein ehemaliger Stasi-Agent, der mit seiner Glock-Pistole schlafen geht: „Man hatte es ihm während seiner Ausbildung beigebracht. Er war jedes Mal brutal durch einen Stromstoß geweckt worden, wenn er im Schlaf die Hand öffnete und die Waffe fallen ließ.“ Wow! Der Autor Compart spricht gerade dem aus Skandinavien importierten Krimistil Hohn, der in den vergangenen Jahren so reüssierte. Er psychologisiert nicht wie Henning Mankell; er reibt einem nicht seine literarische Ambition unter die Nase wie Hakan Nesser.
Compart beschwört eine ältere, sehr amerikanische, sehr schwarze Tradition: schnörkellos, rasant, brutal, schmutzig, trashig. Hier hat ein Kenner – Compart war Herausgeber der Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und Du Mont – kurzen Prozess gemacht und die ihm bekannten Genre-Versatzstücke derb gesampelt. Unnachgiebig verfolgt sein desillusionierter hardboiled detective das Killerduo und kommt dabei einer europäischen Korruptionsaffäre im Dunstkreis des Kinderschänders Dutroux auf die Spur. Weitere Akteure: Eine nymphomane Kommissarin, eine lokale Kiez-Größe („Karibik-Klaus“), ein exzentrischer Althippie mit ausgesuchtem Musikgeschmack (etwa: „Gilded Palace of Sin“ von den Flying Burrito Brothers). Und: korrupte Polizisten, korrupte Geheimdienstler, korrupte Politiker. Der böse Mann im Hintergrund ist ein deutscher EU-Kommissar, dessen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Martin Bangemann gewiss nicht zufällig ist. Comparts Roman trägt den Zweittitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“. Hier hat jemand mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch geschrieben.
Dass er nun – überarbeitet – im Berliner Alexander Verlag neu erscheint, liegt sicher auch an Comparts Freundschaft zu einem anderen Autor. Für die Jörg-Fauser-Werkausgabe hat der Verlag zu Recht– viel Lob erfahren. Vielleicht war es mehr als alles andere das, was die beiden Männer, Compart und Fauser, verbunden hat: die Wut im Bauch. Ein paar mehr solcher literarischen Killerduos könnte das Land gut vertragen.

MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG: 9.5.07
Politisch unkorrekter harter Thriller – Philosophische Killer
Von Hans Gerhold
Privatdetektiv Gill, ehemaliger Geheimdienstmann, der untreue Pärchen überwacht, gerät in Mordverdacht und zwischen alle Fronten. Zwei Killer hängen sich an seine Fersen, schalten ihn aus und schieben ihm den Mord an seinem Freund Hans Brenner, für den er einen Geldkoffer übergeben sollte, in die Schuhe. Wie Gill aus dieser Schieflage herauskommt, was er zwischen Dortmund, Witten und Brüssel erlebt und wie sich die verbissen hartnäckige Kriminalkommissarin Alexa Bloch, Star und Leiterin der Dortmunder Mordkommission, an den Mann ohne Koffer hängt, gehört zu einem Thriller, der fern der Behägigkeit deutscher Regionalkrimis in der Tradition des Hard-Boiled-Genres wandelt, nein: spurtet.
Denn Martin Compart, langjähriger Herausgeber der einflussreichen Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und DuMont, legt ein furioses Tempo vor und liefert ein Glanzstück des Genres, das es mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen kann, sie bruchlos auf deutsch-europäische Verhältnisse überträgt. Compart hat ein Ohr für Kneipengespräche, schaut „dem Volk aufs Maul“ und bringt das Maß an drastischem Realismus und absurdem Humor ein, das ein Noir-Roman benötigt. Eine Verfolgungsjagd mit Pfiff gehört dazu, der authentische Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux, undurchsichtige Geschäfte eines Karibik-Klaus, korrupte Beamte, die ineffektive EU-Bürokratie in Brüssel, unfähige Anwälte.
Herzstück ist das Killerpaar Schmidt und Schneider, zwei Gemütsmenschen, die sich wie Philosophen beim Stammtisch unterhalten und an legendäre Vorbilder wie Ernest Hemingways Short Story „The Killers“ und deren Verfilmungen erinnern, deren Niveau Compart mit geistreich witzigen Dialogen spielend erreicht. Grandios die Anspielungen auf populäre Kultur, Songs der Doors oder Charles Bronson („Spiel mir das Lied vom Tod“), dem eine Passage gewidmet ist, die jeden Film- und Thrillerfreund entzücken wird.

Voralberger Nachrichten
Kultur
Böse Buben und starke Frauen
Der Ruhrpott ist spätestens seit Schimanski als gefährliches Pflaster verrufen.
Von BRUNO LÄSSER

(VN) Vor einer Kulisse wie jener in der „Tatort“-Serie hat Martin Compart, bekannt als „Deutschlands Krimipapst“ mit dem Roman „Der Sodom-Kontrakt“ einen knallharten und spannenden Thriller mit unverhohlen deutlichem Realitätsbezug geschrieben.
Gill, ein ehemaliger Söldner und Einzelkämpfer im Auftrag des deutschen Geheimdienstes BND, hat sich von den kriegerischen Schauplätzen in Afrika und im Nahen Osten verabschiedet und arbeitet mittlerweile vergleichsweise ruhig als Privatermittler und Sicherheitsexperte. Eines Tages erhält er den Hilferuf von Brenner, einem Bekannten aus alten Tagen, der um sein Leben fürchtet. Obwohl Gill sofort seine Kontakte zur Halbweltszene nutzt, kann er nicht verhindern, dass dieser kurze Zeit später vor seinen Augen hingerichtet wird. Schlimmer noch, Gill steht bald darauf selbst unter Mordverdacht und wird von der Polizei ebenso wie von Brenners Auftragsmördern gejagt.
Bald schon pflastern noch mehr Leichen seinen Weg und, obwohl in Wirklichkeit unschuldig, glaubt die Polizei nach wie vor an Gill als Haupttäter und will ihn, ebenso wie der um auf möglichst wenig Publizität bedachte BND, so schnell als möglich aus dem Weg räumen.

Perfekt abgeschmeckt
Gill findet heraus, dass sein verstorbener Kollege Brenner sich seine Finger im wahrsten Sinn des Wortes an einer Erpressungssache verbrannt hat. Gills Ermittlungen lassen auch deutliche Querverbindungen zum Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux und einem unglaublichen Sumpf aus politischer Korruption bis in höchste EUKreise, moralischer Verkommenheit und skrupelloser Geschäftemacherei erkennen. Neben allerhand bösen Buben bevölkern Comparts Buch auch ein paar starke Frauen, die das Blut der Macho-Protagonisten bis zum ultimativen Showdown noch zusätzlich in Wallung bringen.
„Der Sodom-Kontrakt“ ist eine perfekt abgeschmeckte Mischung aus Spannung, Macho-Herrlichkeit und Aufdecker-Journalismus, garniert mit Sex, Hippie-Flair und fast schon wieder rührender Wissenshuberei über Popbands aus den 1960 er-Jahren.
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Mickey Spillane: Ich, der Rächer by Martin Compart
7. März 2009, 11:13 am
Filed under: Mickey Spillane, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: ,


Der 1918 in Brooklyn geborene Autor sorgte auch außerhalb seiner sex & crime-Epen für Schlagzeilen: Mit dem FBI ging er auf Dealerjagd (was ihm eine Schussverletzung einbrachte), im Zirkus trat er als menschliche Kanonenkugel auf – und er spielte sich selbst in einem Film und seinen Helden Mike Hammer in der von Roy Rowlands in England gedrehten Verfilmungseines Romans THE GIRL HUNTERS. Spillane tat alles um den Eindruck zu erwecken, er sei ebenso wie seine Schöpfung ein knallharter Bursche der mehr mit hart arbeitenden Fabrikarbeitern gemein hat, als mit Millionären und dünnblütigen Literaten.


1970 hatte er seinen letzten Mike Hammer-Roman veröffentlicht; seinen letzten Kriminalroman, den ebenfalls inder BRD in den 80er Jahren indizierten Polizei/Mafia-Roman THELAST COP OUT, 1973. Danach hatte sich Spillane nach einer turbulenten Ehe mit dem Ex-Modell Sherri, die als erste Nacktedas Cover eines amerikanischen Hardcovers auf Spillanes ebenfalls indizierten THE ERRECTION SET (SEXBOMBER) schmückte, scheiden lassen und zum dritten Mal geheiratet. Er machte in den USA äußerst populäre Werbespots für eine Biersorte und schrieb seit 1979 – man glaubt es kaum! – Jugendbücher. Das erste, THE DAY THE SEA ROLLED BACK, wurde sogar mit dem Junior Literary Guild Award ausgezeichnet, die einzige literarische Auszeichnung, die er bisher erhalten hat.

In den 8oer Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance des Privatdetektivromans. Im Schatten des Riesenerfolges des „linksliberalen Mickey Spillanes“ Robert B.Parker, begannen unzählige Autoren neue Privatdetektive in Trenchcoats zu stecken und durch die düsteren Großstadtschluchten zu schicken. Die mythische Figur des private eye übte nach Jahrendes Niedergangs eine große Anziehungskraft auf Leser und Autoren aus. Dabei wirkt diese Figur heute genauso anachronistisch wie ihr direkter Vorfahre, der Cowboy. Ausgerechnet das kriminalliterarische Subgenre Privatdetektivroman, das durch Hammett und Chandler Realismus in den Kriminalroman brachte, ist heute die wahrscheinlich unglaubwürdigste, irrationalste und unrealistischste Spielart des Krimis geworden. Die Figur des edlen Kleinunternehmers derals Erzengel der Gerechtigkeit schießend, saufend und prügelnddurch die Gegend zieht um für sozialen Ausgleich im Kleinen zu sorgen, wirkt heute mindestens so überholt wie etwa der Heros des Kalten Krieges und der Angestellten James Bond.

Eine Fernsehserie um einen auf TV-Maßstäbe zurechtgestutzten Mike Hammer mit Stacy Keach in der Titelrolle weckte neues Interesse an Spillanes legendären Helden. Und eine Folge für diese Serie war auch der Ausgangspunkt für Spillanes neuen Roman: „Ich fand die Idee viel zu gut, um sie in einer Serienfolge zu verheizen.“ Wieder einmal wird Mike zum Rächer, als er einen furchtbar verstümmelten Toten und seine halbtotgeschlagene geliebte Sekretärin Velda in seinem Büro vorfindet. Und wieder gerät Mike zwischen alle Fronten- von den Geheimdiensten bis hin zur Staatsanwaltschaft, die seit den 5oer Jahren vergebens versucht, Mikes Lizenz als Privatdetektiv einzuziehen. Die neurotische Kraft der frühen Romane ist seit den 6oer Jahren gebremster. Spillane und Hammer scheinen sich besser unter Kontrolle zu haben – bis sie in eine explosive Situation geraten. Spillane weiß immer noch eine spannende Geschichte kraftvoll zu erzählen. Und auch seine poetischen Einschübe über die Atmosphäre der Stadt New York, in der es immer zu regnen scheint, sind stark wie früher. Die Gewalt & Sex-Diskussion um Spillane hat immer den Blick verstellt auf die Qualitäten eines äußerst dynamischen und originellen Erzählers. Die Mike Hammer-Romane waren und sind auch immer die Romane New Yorks. Und für diese Stadt hat Spillane ein hinreißendes Gefühl:

„Sonntagmorgen in New York ist mit keiner anderen Zeit zu vergleichen. Vom Morgengrauen bis zehn hat die Stadt etwas von einem ungeborenen Fötus. Die leisen Geräusche und Störungen sind kaum wahrnehmbar, winzige Bewegungen gehen vonstatten, Formen verschmelzen ineinander, aber es passiert nichts. Es ist die Zeit, in der die ungewohnte Leere es einem ermöglicht, schnell mal von einem Ort zum anderen zu gelangen.“

NACHRUF VON 2006
Er war der meistgehaßte Autor seiner Generation – und der erfolgreichste. Für seine Fans war er gnadenloser Stoff, für die Kritiker ein Schwein, das mit Sadomaso-Pistolengeschichten in die Charts kam. Die jahrzehntelange Hatz beeindruckte ihn null:

Kritiker interessieren mich nicht. Die müssen für die Bücher nicht bezahlen.

Spillane wurde 1918 in Brooklyn geboren. Zu schreiben begann er Mitte der 30er Jahre, für Pulps und Comic-Books („Captain America“, „Human Torch“). Er war dreimal verheiratet und hatte vier Kinder.

1947 schrieb er 28jährig in 9 oder 19 Tagen den ersten Mike-Hammer-Roman, „I, The Jury“, für 1000 Dollar Vorschuß. Danach war die Welt der Literatur eine andere. Das Hardcover verkaufte lächerliche 7000 Exemplare, aber von der Taschenbuchausgabe wurden bis 1955 bereits 4,5 Millionen abgesetzt: der vierterfolgreichste Bestseller der amerikanischen Verlagsgeschichte. Kein Krimi vor Puzos „Paten“ hat das geschafft.

Spillane war mit dafür verantwortlich, daß sich das Taschenbuch als Massenmedium etablieren konnte. Er verkaufte Bücher an Millionen von Rednecks, die in ihren Trailer-Parks ums Verrecken nicht mit bedrucktem Papier erwischt werden wollten – es sei denn, mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. Von den zehn Romanen, die bis 1967 in den USA die höchsten Auflagen erreichten, hatte er alleine sieben geschrieben und war nach Lenin, Tolstoi und Jules Verne der meistübersetzte Autor. „Eines Tages quatschte mich auf einer Party so ein Kritiker an und sagte: ‚Es ist eine Schande für die lesenden Amerikaner, daß Sie mit sieben Büchern auf dieser Liste sind.‘ Ich sagte zu ihm: ‚Sei doch froh, daß ich nicht noch drei schreibe.‘ “ Für die Kritiker war der wahre Bösewicht der Mike-Hammer-Romane Spillane selbst. „Niemand hat je so gemein über Mike Hammer geschrieben wie über mich. Wahrscheinlich haben sie zuviel Schiß vor ihm.“

Mike Hammer ist ein Privatdetektiv, der keine Klienten hat, nur tote Freunde, die er rächt. Seine Abenteuer sind Rache-Epen. Mickey nannte Dumas´ „Graf von Monte Christo“ als einen seiner größten literarischen Einflüsse. Kein anderer Privatdetektiv vor ihm hat mehr Blut vergossen. Und alle Rächer nach ihm sind irgendwie Epigonen, auch Andrew Vacchs´ Burke (der denselben Namen hat wie der Held in Spillanes Cop-Thriller „The Last Cop Out“). Von Mike bekam jeder sein Fett weg: Kommunisten, korrupte Politiker, Mob, Killer, Millionäre. Und wenn es eine Frau verdient hatte, bekam sie es auch.

Um mit Manchette zu reden (der diese Bemerkung auf einen anderen Autor bezog): Es sind Bücher des Wahnsinns, die versuchen, ihren Wahnsinn zu exorzieren. Zu Mikes vornehmsten Eigenschaften gehörte es, in jeder Situation soviel Streß wie möglich zu verbreiten. Mike einigte sich immer außergerichtlich und pustete seine Feinde kopfüber in die Hölle. Immer nur als rechts und faschistoid eingeordnet, ist er aber ganz schön Anti-Establishment: Dauernd hat er Ärger mit Staatsanwälten, die ihm seine Lizenz entziehen wollen. Für FBI-Agenten hat er nur Verachtung übrig. Seine Freunde sind Huren, Obdachlose, Straßenhändler, Outcasts aus der Unterschicht – und Mike sagt: „Ich gehöre zu ihnen.“ Der Sex der frühen Romane wirkt heute harmlos. Der Spillane-Held benimmt sich wie ein präpubertärer Bube, dem die Ansicht eines weiblichen Körpers wichtiger ist als die Berührung. Wie oft haut Mike ab, wenn sich eine scharfe Blondine entblättert hat, um sich ihm hinzugeben! Lieber genießt er voyeuristisch; es ist der 50er-Jahre-Voyeurismus des PLAYBOY. Später ließ sich Spillane unglaublich bizarre Sachen einfallen – etwa eine Nymphomanin, die ihre Jungfräulichkeit für die Ehe bewahrt, indem sie es nur anal oder oral treibt. Da kam indirekt die Zeit als Comic-Texter durch.

Er schrieb nie länger als vier Wochen an einem Roman, den er mit zwei Fingern auf einer alten Smith Corona mit braunem Farbband runterknallte. Er überarbeitete nie. Die erste Fassung war die letzte Fassung. Und er begann immer mit dem Ende.

Niemand liest ein Buch wegen der Mitte. Sie lesen, um zum Ende zu kommen, und das muß befriedigen, um die investierte Lesezeit zu rechtfertigen.

Daß er in Deutschland nicht nur als einer der durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften meistindizierten Crime-Autoren angesehen wird, ist Jörg Fauser zu verdanken. Für eine Ullstein-Neuauflage von „Gangster“ hatte Jörg ein Nachwort geschrieben, daß der SPIEGEL (dank Karasek) vorabdruckte. Da war natürlich die Hölle los, und das Feuilleton wußte endgültig, was für ein Arschloch er doch war.

Wie Fauser festgestellt hat, Mickey konnte schreiben:

Niemand ging über die Brücke in so einer einsamen Nacht wie dieser. Der Regen hing fast wie Nebel in der Luft, es war ein kalter, grauer Vorhang, der mich von den blassen Schemen der Gesichter absperrte, die hinter den beschlagenen Fenstern der vorbeizischenden Autos zu sehen waren. Sogar das Lichtmeer, das Manhattan sonst bei Nacht ist, war nur noch ein müdes, gelbes Glühen in weiter Entfernung.

Dort drüben irgendwo hatte ich meinen Wagen stehen lassen und war losgegangen, den Kopf tief in den hochgeschlagenen Kragen des Regenmantels gesteckt, eins mit der Nacht, die ich wie eine Decke um mich zog. Ich lief, ich rauchte, ich schnippte die Stummel fort und sah zu, wie sie in einem Bogen aufs Pflaster fielen und dann nach einem letzten Aufglimmen verloschen. Falls hinter den Fenstern der Häuser auf beiden Straßenseiten Leben war, so merkte ich nichts davon. Die Straße gehörte mir, mir allein. Man überließ sie mir gern und wunderte sich höchstens, warum ich sie für mich allein haben wollte. Ich folgte dem harten Pflaster durch die tiefen Einschnitte zwischen den Wolkenkratzern und merkte gar nicht, wie die steilen Wände aus Beton und Stahl zurückblieben und dann ganz verschwanden an der Auffahrt zum stählernen Spinnennetz der George-Washington-Brücke, die zwei Staaten verbindet.

Ich ging bis zur Mitte des Riesenbogens und stand dann gegen das niedrige Geländer gelehnt da, mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, bis sich alles wieder klärte. (aus „One Lonely Night“)

Der Mann, der die Melancholie des regnerischen, nächtlichen New York so wunderbar einfangen konnte, haßte seine Geburtsstadt: „ein Scheißhaufen, ein Abfalleimer“. Das letzte Mal war er 1958 mit der New Yorker U-Bahn gefahren. Dann zog er in den Süden. „South Carolina war okay, als ich dort der einzige Yankee war. Damals konnte man glauben, der Süden hätte gewonnen.“

Er war der „working class hero“ unter den Krimiautoren, auch privat. Nie ließ er seinen unvorstellbaren Reichtum raushängen (ich erlebte ihn 1995 in Berlin – aber das ist eine andere Geschichte). Er aß am liebsten Hackbraten und fuhr mit einem Ford-Pickup durch seinen Heimatort Murrells Inlet in South Carolina, wo es keine Villen gibt und auch kein Mike-Hammer-Graceland. Selten sah man ihn in seinem 1956er-Jaguar, den er einst von John Wayne geschenkt bekam, weil er für ihn ein Drehbuch in drei Tagen umgeschrieben hatte. Der Film, in dem Mickey auch mitspielte, hieß „Ring of Fear“ und war durch nichts zu retten. Aber seinen größten Auftritt hatte er in dem in England produzierten „The Girl Hunters“, in dem er selbst Mike Hammer spielte. Und er war große Klasse! Seinem Image entsprechend machte er 19 Jahre lang Bierwerbung für Miller Lite. „Ich machte Miller zum zweitgrößten Bier der Welt, und alle sagen: Das Zeug rühre ich nicht an.“

Fauser liebte und bewunderte Mickeys Professionalität. Spillane bezeichnete seine Käufer als Kunden und ließ Sätze ab wie „Der erste Satz verkauft das Buch, der letzte Satz das folgende“ oder „Ich bin kein Autor, ich bin ein Schreiber. Autoren wollen in die Unsterblichkeit eingehen, ich will, daß der Schornstein qualmt“ oder „Ich laß mir doch nicht von Lektoren erzählen, was die Leute lesen wollen“ oder „Diese Kennedys waren alle Scheißkerle. Und dann dieser junge Kennedy, der mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Er hat ein verdammt gutes Flugzeug auf dem Gewissen.“

Die späte Anerkennung (1995 erhielt er gar den Grand Master Award der verlogenen Mystery Writers of America) verdankte Mickey dem unermüdlichen Trommeln des Multitalents Max Allan Collins. Dafür bedankte er sich, indem er in einem von Max´ Autorenfilmen mitspielte. Wie sagte mir der eher intellektuelle Max: „I love that man. I love his personality.“ Tatsächlich war Mickey ein komplexer Typ: Er liebte Waffen, haßte aber die Jagd. Er war begeisterter Hochseeangler, fing aber nur, was er auch essen konnte. „Scheiß-Stierkampf. Ich bin auf Seiten des Stieres. Ich hoffe immer, er bringt diesen Schwachsinnigen im Clownskostüm um. Ich hasse Tierquälerei.“ Mickey war Schatztaucher, trieb sich mit Alkoholschmugglern rum, fuhr Autorennen und reiste mit dem Barnum & Bailey-Zirkus mit; da ließ er sich als menschliche Kugel aus einer Kanone schießen. Er hatte eine jahrelange Fehde mit Hemingway, der ihm seinen Erfolg neidete. Mickey holte eine Menge Meilen aus seinem Leben raus. Zu den wenigen Sachen, die mir auf den Geist gingen, war sein Rumgemache mit den Zeugen Jehovas, denen er 1952 beigetreten war und die ich nur seinetwegen einige Male zu bescheuerten Diskussionen reingelassen habe.

Mickey starb im Alter von 88 Jahren.

Bei seinem Tod war seit Jahren kein einziges Buch mehr lieferbar – Folge der Zerstörung einer Verlagsstruktur durch Fusionen und Übernahmen, durchgeführt von Killern mit Kindergesichtern. Mickey war ein Dinosaurier, der wußte, daß der Meteor unterwegs ist. Man hatte ihn nach dem Ende des Kalten Krieges abgestellt, zusammen mit dem Rest der westlichen Zivilisation.

Mach´s gut, Mickey. Grüß Jörg, Ulf, Jean-Patrick, Ross, Gavin und die anderen von mir.

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SCHWULE SADISTEN-Ernst Röhm und die SA by Martin Compart
6. März 2009, 6:10 pm
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1.TEIL
Das Massaker an der SA-Führung, die sogenannte „Nacht der langen Messer“ oder auch „Röhm-Putsch“ dient einigen Historikern als Beleg für die Verfolgung und Vernichtung von Homosexuellen im 3.Reich. Homophobie war kein Grund für Hitlers Liquidierung von SA-Führer Röhm und seinem schwulen Hofstaat. Sie diente danach lediglich als aufgesetzte Rechtfertigung für Tötungen aus machtstrategischem Kalkül. Die sexuellen Präferenzen seiner Parteigenossen interessierten Hitler nur, wenn er sie nutzen oder gegen sie verwenden konnte. Anders einige höhere Parteifunktionäre: Sie störte Röhms schwuler Macho-Kult erheblich. Röhm war sich seines Einflusses und seiner Position so sicher, dass er sich nicht darum scherte, wie sein schwuler Kult auf andere Funktionsträger wirkte. Er sah sich als überlegener Homosexueller, der ein antikes Kriegerideal fortsetzte.

Max Gallo beschrieb diesen Erzmilitaristen wenig schmeichelhaft: „Seine Häßlichkeit ist unbeschreiblich. Der Schädel ist immer rasiert, das Gesicht, das durch eine Narbe von der Nase bis zum Kinn verunstaltet wird, ist fett, aufgebläht, gewöhnlich. Die Nase ist als Folge einer Gesichtsoperation verstümmelt, eine Karikatur. Dennoch ist etwas Geschniegeltes in diesem wilden und kräftigen Gesicht… Röhm mit seinem schwer zu ertragenden Gesicht, seinem tierischen Gesicht, mit seinem Bauch, der sich nur widerwillig vom SA-Koppel zusammenpressen läßt… Röhm umgibt sich mit jungen Adeligen, einem strahlenden Hofstaat mit den Gesichtern perverser Engel: Baron von Falkenhausen, Graf von Spreti, Prinz Waldeck, sie alle sind Adjudanten des Hauptmanns Röhm…“1

Ernst Röhm war für Adolf Hitler ein gefährlicher Mann. Nicht nur politisch als SA-Führer, der die zweite Revolution einklagte, sondern auch persönlich als Mitwisser privater Geheimnisse. Röhm war eng mit Hitler verbunden, einer seiner wenigen Duzfreunde. Ab März 1919 förderte er ihn, wo es nur möglich war. Hitlers erste öffentliche Rede im Oktober 1919, gehalten im Hofbräukeller, beeindruckte ihn so stark, dass er in die Partei eintrat. Man darf wohl annehmen, dass Röhm alle schmutzigen politischen und persönlichen Details aus der Frühzeit der Bewegung kannte. Später ließen er und sein Adlatus Heines gelegentlich verlauten, sie könnten Adolf erledigen, wenn sie auspacken würden. Letztlich schätzte Röhm seine Macht und die Loyalität seines Duzfreundes falsch ein. Ende Juni 1934 beendete die „Nacht der langen Messer“ sein Leben und das von einigen hundert anderen, die sich als Mächtige im 3. Reich sicher eingerichtet zu haben glaubten und nicht erkannt hatten, dass das Regime sie nicht mehr brauchte, ja, als störend und gefährlich empfand. 1933, auf dem Höhepunkt seiner Macht und die der SA, zeigte sich Röhms Arroganz gegenüber aller Staatlichkeit immer offener. Als Reichsminister Frick androhte, auf allen Ebenen gegen den Straßenterror der Sturmabteilungen vorzugehen, verkündete Röhm, dass er mit zwei Brigaden vor dem Ministerium in der Voßstrasse aufmarschieren würde, um den Minister öffentlich auszupeitschen.
Röhm war zeitweilig nur ein nützlicher Idiot Hitlers. Der erfahrene Soldat und Stabsoffizier formte aus dem rabaukenhaften Saalschutz die Mörderbanden der SA. Dann wurde er verstoßen. Als Hitlers Einfluss auf die Sturmabteilungen zu schwinden begann, holte der Führer den verstoßenen aus Bolivien zurück, um die Organisation in seinem Sinne umzugestalten. Und nicht zuletzt nutzte Hitler die Pöbelmacht von Röhms SA als Druckmittel gegen die Wehrmacht. Als die schließlich Unterordnung signalisierte, ließ er die alten Mitkämpfer über die Klinge springen.
Im öffentlichen Bild war Röhm vor allem ein militanter Homosexueller, dessen Ausschweifungen und Exzesse Zeitungen füllten und Stammtische erregten. Wie ein Kondotiere organisierte er einen schwulen Hofstaat, der ihm das hemmungslose Ausleben seiner Neigungen ermöglichte.

DER HOMOSEXUELLE ERZMILITARIST
Ernst Julius Röhm wurde am 28. November 1887 als Sohn eines bayrischen Eisenbahn-Oberinspektors in München geboren. Er hatte eine starke Mutterbindung und ein gestörtes Verhältnis zum autoritären Vater. Schon als Gymnasiast träumte er von einer militärischen Karriere. In seinen Memoiren GESCHICHTE EINES HOCHVERRÄTERS erinnerte er sich an das Soldatenspielen im Umfeld Münchener Kasernen und an die Erzählungen eines Onkels über den Krieg 1870/71. Er idolisierte militärische Leitbilder schon früh, was einherging mit Verachtung für Zivilisten. Nach dem Abitur am Münchener Maximilians-Gymnasium trat er 1906 in das 10. bayerische Infantrieregiment PRINZ LUDWIG ein, wurde Fahnenjunker und 1908, nach Besuch der Kriegsschule, zum Leutnant ernannt. Vor dem Krieg soll Röhm angeblich verlobt gewesen sein. Später sagte er, „alle Frauen seien ihm zuwider“. Erst die Welt der Soldaten ermöglichte ihm ein Leben wie in einer homosexuellen spartanischen Kriegerkaste.

 

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Zu Beginn des 1. Weltkriegs war er Kompanieführer in seinem Regiment. Seine hässlichen Narben verdankte er drei schweren Verwundungen. Max Gallo: „1914 befindet er sich als Frontoffizier in Lothringen, der seine Soldaten im Schlamm, in der Kälte schindet. Am 2. Juni 1916 nimmt er als Hauptmann am Sturm auf Thiaumont, einem Fort im Befestigungsgürtel um Verdun, teil.“ Ein Granatsplitter lädierte sein Gesicht – ein Teil der Nase wurde weggefetzt – bei den Kämpfen auf den Maashöhen im Herbst 1914; 1916 verwundeten ihn vierzehn Granatsplitter vor Verdun und beendeten „das schönste Jahr meines soldatischen Lebens“. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Nach der letzten Verwundung versetzte man ihn als Stabsoffizier in das 12. Bayrische Infantrieregiment. Der Tatmensch musste sich nun mit planerischen und organisatorischen Aufgaben abgeben, was ihm später bei der Strukturierung der SA zu Nutze kam. „Das Kriegserlebnis sollte Röhm wie viele aus seiner Generation der jüngeren Frontoffiziere entscheidend prägen. Die Leutnants und Hauptmänner waren im Prinzip den gleichen Bedingungen ausgesetzt gewesen wie ihre Untergebenen. Sie hatten die primitiven Existenzbedingungen in den Schützengräben und Unterständen, die fast permanente Bedrohung des eigenen Lebens erfahren. Diese über Jahre extremen äußeren Lebensumstände ließen auch bei Röhm Aversionen entstehen: gegen die unfähige und satte Etappe, gegen die betriebsblinde Militärbürokratie, gegen die Drückeberger und Kriegsgewinnler in der Heimat, gegen die unfähigen Politiker und Diplomaten. Wie viele andere sah Röhm sich nach dem Ausbleiben eines schnellen Sieges als Frontschwein missbraucht und betrogen.“2 Einem britischen Diplomaten erzählte er, dass er sich eher mit einem feindlichen Soldaten verständigen könne, als mit einem deutschen Zivilisten, der ein Schwein sei, dessen Sprache er nicht verstehe.
Nach dem Krieg diente Röhm als Stabsoffizier im Freikorps Epp, mit dem er im Mai 1919 an der Vernichtung der Münchener Räterepublik teilnahm. War zwischen dem eingefleischten Junggesellen Epp und Röhm auch eine sexuelle Beziehung? Laut Brigitte Hamann berichtete Wolfgang Wagner, dass Röhm, dessen Homosexualität bekannt war, ein alter Freund des Hauses Wagner gewesen war, häufiger Festspielgast, der das Privileg hatte, mit seinem Freund Epp im Siegfriedhaus übernachten zu dürfen.3 Nach Röhms eigenen Äußerungen, will er erst 1924 seine sexuellen Präferenzen entdeckt haben. Anderen Aussagen zufolge soll der Freikorpsführer Gerhard Rossbach ihn in die Homosexualität „eingewiesen“ haben. Es ist wohl wahrscheinlicher, dass Röhm schon in jungen Jahren seine Neigungen erkannt hatte, aber erst nach und nach alle Praktiken entdeckte. Der Historiker Flood meint, Röhm wurde vom latenten Homosexuellen zum bekennenden, nachdem er 1924 von Gerhard Roßbach verführt worden war. In einem der Briefe von 1929 an den Vertrauten und ebenfals homosexuellen Dr. Heimsoth schrieb Röhm: „Ich bilde mir ein, gleichgeschlechtlich zu sein, habe dies aber richtig erst 1924 ,entdeckt‘. Ich kann mich vorher an eine Reihe auch gleichgeschlechtlicher Gefühle und Akte bis in meine Kindheit erinnern, habe aber auch mit vielen Frauen verkehrt. Allerdings nie mit besonderem Genuss. Auch drei Tripper habe ich mir erworben, was ich später als Strafe der Natur für widernatürlichen Verkehr ansah. Heute sind mir alle Frauen ein Greuel; insbesondere die, die mich mit ihrer Liebe verfolgen; und das sind leider eine ganze Anzahl. Dagegen hänge ich mit meinem ganzen Herzen an meiner Mutter und an meiner Schwester… Ich bin über meine Veranlagung absolut nicht unglücklich…, im Inneren vielleicht sogar stolz darauf.“
Laut Machtan gibt es „Hinweise darauf, dass er schon zu Beginn der zwanziger Jahre eine längere sexuelle Beziehung zu seinem Liebling und Freikorpskameraden Edmund Heines hatte“.4 Nach anderen Quellen wurde er sich während der Haftmonate in Stadlheim 1923 seiner Veranlagung voll bewusst. Hitler selbst soll behauptet haben, dass er bereits 1920 von Röhms Homosexualität erfahren hätte. Also zu einem Zeitpunkt, zu dem ihre Bekanntschaft etwa ein Jahr alt war und Röhm ihn mit allen Kräften protegierte.
Nachdem von Epp zum Stadtkommandanten ernannt worden war, wurde Röhm sein Stabschef und Waffenreferent. Im Juli 1919 gliederte man ihn mit seiner Freikorpseinheit in die 7. Bayrische Division ein. Nach dem Frieden von Versailles war konspirative Arbeit angesagt: Röhm besorgte Waffenbestände, die vor den Alliierten verheimlicht werden mussten, arbeitete im militärischen Nachrichtendienst und engagierte sich als Gründungsmitglied der rechtsradikalen Geheimorganisation EISERNE FAUST, deren Ziel der Zusammenschluss der verschiedenen paramilitärischen Organisationen war. So kam er in Kontakt mit Hitler, der noch V-Mann der Reichswehr war. Fasziniert von seinem späteren Führer, nahm er ihn in die EISERNE FAUST auf. Nachdem Hitler in die Deutsche Arbeiterpartei eingetreten war, folgte ihm Röhm. Durch ihn bekam Hitler die ersten Verbindungen zu bayrischen Politikern und Militärs. Röhm wurde Verbindungsmann zwischen der NSDAP und der Reichswehr bis zu seiner Entlassung nach dem Novemberputsch, an dem er mit seinem eigenen Wehrverband REICHSKRIEGSFLAGGE teilgenommen hatte.

SA UND SCHWULE DIASPORA

Am 3. August 1921 gründete Röhm aus ehemaligen Freikorpskämpfern die militärisch trainierte SA als Saalschutz für die Partei. Nach dem Novemberputsch 1923 wurde auch Röhm verhaftet und verbrachte fünf Monate in Untersuchungshaft (bis zum 1. April 1924). Danach – während Hitler noch in Landshut einsaß – organisierte er den Wehrsportverein FRONTBANN, um das zeitweilige Verbot der SA aufzufangen, der eine Stärke von 30 000 Mann erreichte. Bei den Reichstagswahlen vom 4. Mai wurde er als Abgeordneter der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei ins Parlament gewählt. Ihn unterstützten die Männer, die später den Kern seines schwulen Hofstaates bildeten: Edmund Heines und Karl Ernst u.a. „Mit seiner SA-Gruppe ehemaliger Rossbach-Soldaten, die sich als Reitsport-Club getarnt hatte, gehörte Heines zu den ersten Mitarbeitern des Frontbanns, zumal ihn auch sexuelle Gründe an den Chef banden… Ein dritter Homosexueller half Röhm weiter: der ehemalige Hauptmann Paul Röhrbein, der in Berlin die ersten Frontbanngruppen aus Überbleibseln der Freikorps schuf. Röhrbein sammelte ehemalige Soldaten…, wobei ihm ein Kellner namens Karl Ernst, sein Liebhaber seit geraumer Zeit, eifrig assistierte. Röhm, Heines, Röhrbein, Ernst – es formierte sich die spätere Homosexuellenriege, die am 30. Juni 1934 ihr furchtbares Ende finden sollte.“5

Als Hitler im Dezember 1924 aus der Haft entlassen wurde, kam es zwischen ihm und Röhm zu ersten Spannungen: Röhm sollte den Frontbann auflösen und die SA bedingungslos Hitler und der Partei unterstellen. Röhm, dem mit der SA eine Art „modernes Volksheer“ vorschwebte, beharrte auf seiner Befehlsgewalt und der Autonomie der SA. Gleichzeitig tauchten die ersten Gerüchte und Informationen über Röhms Homosexualität in der Öffentlichkeit auf. Aber deswegen trat Röhm am 1. Mai 1925 aus all seinen Ämtern sicher nicht zurück. Denn in der „Kampfzeit“ war aggressive und martialische Homosexualität kein Makel: Der Hitleranhänger Franz Kirschtaler wurde am 27. Februar 1923 wegen widernatürlicher Unzucht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte sich wiederholt hauptsächlich an arbeitslosen Jugendlichen vergriffen. Er war früher Mitglied der EISERNEN DIVISION, dann Vizefeldwebel der BRIGADE EHRHARDT und hatte im Ruhrgebiet und in Oberschlesien gekämpft. Wegen Diebstahls war er bereits vorbestraft.
Vor Röhms Rücktritt hatte Hitler den Münchener SA-Chef Edmund Heines durch Emil Maurice ersetzen lassen. Heines war degradiert worden, und Eingeweihte vermuteten sogar, dass Röhms Rücktritt auch mit der Verärgerung über Heines‘ Absetzung zusammenhing.

Nachdem er sich aus Politik und Parteiarbeit zurückgezogen hatte, frönte er um so heftiger seinem Triebleben. Er trat offen für die Abschaffung des Paragraphen 175 ein. Über diesbezügliche Passagen in seiner Autobiographie schrieb er am 3.12. 1928 an seinen Freund Dr. Heimsoth: „Meinen Handschlag zuvor! Sie haben mich voll verstanden! Natürlich kämpfe ich mit dem Absatz über Moral vor allem gegen den Paragraphen 175. Sie meinen aber, nicht deutlich genug? Ich hatte in dem ersten Entwurf eine nähere Ausführung über dieses Thema; habe es aber auf den Rat von Freunden, die sich von dieser Art zu schreiben, mehr Wirkung versprechen, in die jetzige Fassung geändert.“

Nach der Verbannung durch Hitler musste er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Zuvor hatte er dafür gesorgt, dass seine Homosexualität aktenkundig wurde. Im Januar 1925 machte er sich an den siebzehnjährigen Stricher Hermann Siegesmund heran, lud ihn erst auf Bier ein und dann in sein Hotelzimmer. Als Röhm ihm „einen mir widerlichen Geschlechtsverkehr abverlangte, auf den ich nicht eingehen konnte“ – wie die MÜNCHENER POST aus dem folgenden Gerichtsverfahren zitierte –, verdrückte sich Hermann. Dabei steckte er „ganz zufällig“ einen Gepäckschein ein, mit dem er einen Koffer Röhms einlöste. In diesem Koffer befanden sich kompromittierende Dokumente, und Röhm erhob Anklage. Unter dem Aktenzeichen 197/D 18/25 wurde dann aber auch gegen Röhm verhandelt. Angesichts der Beweislage bekannte dieser sich zu seiner Veranlagung, blieb aber durch eine Gesetzeslücke straffrei: Damals waren im Paragraphen 175 lediglich „beischlafähnliche Handlungen“ unter Strafe gestellt. Röhm behauptete nur andere Praktiken zu vollziehen, was nicht zu widerlegen war.

Röhms Weg ging bergab, als ihn 1928 das Angebot der Bolivianischen Armee erreichte, als Militärberater nach Südamerika zu gehen. Im selben Jahr erschien sein autobiographischer Bericht GESCHICHTE EINES HOCHVERRÄTERS, der – wie seine Briefe – eine gewisse literarische Ausdrucksfähigkeit belegt. Überhaupt hatte der brutal aussehende Mann musische Seiten: Er liebte Musik und spielte auf dem Flügel gerne Partien aus Wagner-Opern. Als demagogischer Redner war er überzeugend. Und im privaten Umgang konnte er zärtlich und sentimental sein, was in einem merkwürdigen Kontrast zu seiner üblichen Verrohung stand.
Jedenfalls kam ihm der erneute Ruf zu den Waffen gerade recht. Trotz des angenehmen Lebens als Oberstleutnant im bolivianischen Generalstab litt Röhm. Probleme bereitete ihm sein sexueller Notstand, wie er Dr. Heimsoth am 25. Februar 1929 schrieb: „Nach allen bisher sorgfältig angestellten Ermittlungen scheint die von mir bevorzugte Art der Betätigung hierorts unbekannt zu sein. Wenn man jemanden fixiert, kann er sich gar nicht vorstellen, was man will. Eine absolute Verständnislosigkeit herrscht hier, so daß ich gar nicht weiß, was ich machen soll. Dabei glaubt man, wenn man auf die Straße geht, daß alles schwul sein müsste. Die – im übrigen teilweise sehr hübschen Jungen – gehen nach der hiesigen Sitte alle eng eingehängt, umarmen sich zur Begrüßung auf der Straße, was mich natürlich doppelt ärgert. Auch meinen spanischen Lehrer habe ich vorsichtig ausgeforscht; er meint auch, daß es dies in La Paz nicht gäbe. In Buenos Aires schon, aber dorthin dauert die Hin- und Herfahrt mindestens 10 Tage und kostet über 1000 Mark… Ich werde ja meine Versuche fortsetzen, hier einige Kultur zu verbreiten; obs aber glücken wird, muß ich allmählich bezweifeln. Puffs gibt’s natürlich hier in Menge, und alles rennt hin. Aber davon habe ich leider nichts… abends mache ich stets meine bis jetzt leider erfolglosen Streifzüge durch alle Viertel von La Paz. Es ist wahrhaftig zum Weinen…“
…Der hartnäckige Oberstleutnant ließ sich nicht entmutigen, um „einige Kultur“ zu verbreiten. In einem weiteren Brief an Heimsoth aus dem August desselben Jahres klang Röhm ein bisschen weniger frustriert: …

Sein sexuelles „Märtyrium“ endete 1930. Die SA begann Hitler Probleme zu machen, wurde immer rebellischer gegen Führer und Partei, forderte mehr Autonomie. Hitler kannte den richtigen Mann, um die Palastwache des Faschismus wieder auf Kurs zu bringen: Er rief Röhm zurück, der sich gleich ans Werk machte, um die verwahrlosten Horden umzustrukturieren. Darin war er wieder so erfolgreich, daß ihn Hitler 1933 sogar als Minister in die Regierung berief – nur ein Jahr, bevor Röhm liquidiert wurde.