Martin Compart


NOIR-FRAGEN AN MYRON BÜNNAGEL by Martin Compart
29. März 2009, 12:00 pm
Filed under: Fragebogen, Interview, Noir, Porträt | Schlagwörter: ,

myself

Myron Bünnagel ist der Herausgeber des führenden deutschen Noir-Magazins MORDLUST. In den letzten Jahren trat er besonders als Autor einer Jugendkrimi-Reihe im Beltz-Verlag hervor, Grund genug, ihn etwas abzuklopfen. Übrigens finden sich Interviews mit diesem proustschen Fragenkatalog mit einer Reihe anderer Personen bei MORDLUST.

Berufungen neben dem Schreiben?
Webdesign, Rollenspiel

Film in Deinem Geburtsjahr?
Polanskis Chinatown

Was steht im Bücherschrank?
Eine ganze Menge … Hauptsächlich Noir-Literatur – Hammett, Chandler, Goodis, Thompson, McCoy, etc. Nicht zu vergessen diverse Sekundärliteratur zum Thema Roman noir & Film noir. Passend dazu eine Ladung True Crime u.a. über Capone, Dillinger, Bonnie & Clyde. Dann noch etwas Fitzgerald, Waugh, Wodehouse und natürlich Carroll.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Hammett, Chandler und Ross Macdonald – richtig eingeschlagen hat aber erst Jim Thompson mit A Hell Of A Woman. Danach war dann nichts mehr, wie es vorher war.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der hartgesottene Privatdetektiv – Trenchcoat und Hut haben mich schon von kleinauf schwer beeindruckt.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Nacht des Jägers, Rattennest, Gun Crazy. Filme jüngeren Datums: Point Blank, Der Tod kennt keine Wiederkehr, Vertigo, Get Carter (die 71er Fassung!), Der Eiskalte Engel.

Und abgesehen von Noirs?
Die Ferien des Monsieur Hulot

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Muss … Dobby, … den Hauself, … töten …

Internet?
www.zeilenrausch.de

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Outlaw a la Dillinger

2. Und der Spitzname dazu?
„Sideburns“

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Horace McCoy

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
Hab‘ ich es nicht gesagt?

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Eindeutig Schwarzweiß.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Nine Inch Nails, Portishead, Dream City Film Club

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Lizabeth Scott als Carol Chandler (in Dead Reckoning) – und zwar rauchend.

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Schwarzer Packard Eight

9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson Submachine Gun

10. Buch für den Knast?
Alice im Wunderland

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ich habe es immer gesagt …

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NEUE HÖRBÜCHER by Martin Compart
24. März 2009, 3:24 am
Filed under: Bücher, Edward Boyd, Hörbücher, Krimis, Noir, Raymond Chandler, Rezensionen | Schlagwörter: ,

OLIVER ROHRBECK liest SHUTTER ISLAND von DENNIS LEHANE (Lübbe Audio, 6 CDs)

Das Gute zuerst: Rohrbecks Vortrag ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Ihm gelingt es fast jede Figur in einem unterschiedlichen Ton zu treffen. Ein Grund, weshalb ich dem Hörbuch bis zum Ende gefolgt bin. Den Roman hätte ich spätestens nach 100 Seiten in die Tonne gehaun. Denn mit Dennis Lehane ist einer der größten Langweiler der zeitgenössischen amerikanischen Kriminalliteratur am Werk! Und er schafft es tatsächlich mit jedem Buch öder zu werden. Erst schrieb er eine Serie um ein Private-Eye-Paar, voll von Beziehungsproblemen, die eine Amelie Fried vor Verzückung glühen lassen. Dann hatte er mit dem Schnarchroman MYSTIC RIVER (von Clint Eastwood ebenso langweilig verfilmt) sowas wie seinen Durchbruch. Wie bei MYSTIC RIVER jaulen unbelesene Feuilletonisten von einem Meisterwerk. Wahrscheinlich haben sie bis auf ein paar Skandinavier und Trutschenkrimis nichts gelesen. Uninteressante Charaktere auf einer Insel, verquaster Psychomist, ein bißchen Neo-Gothic, CIA-Artischocke-Anspielungen, so dümpelt es dahin bis zum hirnrissigen Schluss. Nie wieder Lehane! Das ist Verschwendung von Restlebenszeit.

Der lange Abschied

Der lange Abschied

DER LANGE ABSCHIED von Raymond Chandler. Gelesen von Gert Heidenreich.13 CDs; 39,90 Euro. Diogenes Verlag.

Lang´ ist´s her, da bin ich gerne nachts mit dem Auto sinnlos durch Holland und Deutschland rum gefahren um dabei Bruce Springsteen zu hören, dem vielleicht größten Poeten nächtlicher Geschwindigkeitsübertretungen. Das war großer Spaß und große Freiheit. Man brauchte nicht mehr Geld als für eine erschwingliche Tankfüllung und ein paar Kaffees in Raststätten mit dem Charme eines Güterbahnhofs. War schon irgendwie prägend.
Lange hatte ich kein ähnliches Hörerlebnis. Heidenreichs Lesung von Chandlers Klassiker hat mir diese Empfindungen wieder geschenkt. Die Melancholie des Textes passt ganz wunderbar zu nächtlichen Autofahrten und sei jedem empfohlen, der längere Strecken beabsichtigt (vielleicht mit dem Auto bis Kapstadt). 956 Minuten Chandler at his best. Die inzwischen durchgesehene Diogenes-Übersetzung holpert gelegentlich, ist aber durchwegs gelungen. Ich lese den langen Abschied alle paar Jahre. Und er ist jedes Mal neu und ergreifend. Heidenreichs Vortrag ist großartig, packt einen und reißt mit.

HARD CASE CRIME bei Argon Hörbuch. Immer 4 CDs für je 16,95 Euro.

Crack

Crack

Alle gelesen von Reiner Schöne! Und das ist auch verdammt gut so. Denn Reiner Schönes kraftvolle, manchmal humorvolle, Vorträge geben den Dingern den echten Kick. Immer genau den Ton der Sujets treffend. Mit das Beste, was er seit HAIR gemacht hat. Ohne ihm zu Nahe treten zu wollen, behaupte ich mal: Die beste Stimme für große Pulp-Literatur.
Bisher erschienen:
Mickey Spillane: Das Ende der Straße
Richard Aleas: Tod einer Stripperin
Donald E.Westlake: Mafiatod
Lawrence Block: Abzocker
Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse
Ken Bruen & Jason Starr: Flop

EDWARD BOYD
Was ich wirklich nicht begreife: Warum bringen der SWF und der WDR nicht die Hörspielserien von Edward Boyd auf Kauf-CDs heraus). Der Schotte Boyd war und ist für das Kriminalhörspiel das, was Raymond Chandler für die Hard-boiled-Novel ist. Also nichts weniger als unerreichte Klasse und von einer Sprachgewalt, von der durchschnittliche Autoren nur träumen können. Und ohne Old Ray zu nahe treten zu wollen: Boyds Plots sind meistens besser, aber genauso eigenwillig. Um einen kurzen Überblick zu geben, um welche Hörspiele es sich handelt (sie werden mehr oder weniger regelmäßig in den ARD-Anstalten wiederholt:

DIE STEVE GARDINER TRILOGIE:

Die Figur des Steve Gardiner war ursprünglich die Hauptperson in Boyds Fernsehserie THE ODD MAN (1962-63).

1969 Fünf Finger machen eine Hand (40, 45, 42 und 38 Minuten)

1970 Die schwarze Kerze (57, 57 und 59 Minuten)

1973 Schwarz wird stets gemalt der Teufel (52, 48 und 47 Minuten)

UND:

1971 Kein Mann steigt zweimal in denselben Fluss (52, 54 und 54 Minuten) Davon gibt es eine Romanfassung, DER SCHWARZE ENGEL, die als Goldmann-Krimi antiquarisch für ein paar Cents zu kaufen ist.

1975 Dachse im Eulenlicht (34, 36 und 39 Minuten) 1982 gab es bei der BBC einen Dreiteiler, der auf der Hörspelserie basierte.

1986 Bullivants Match oder Brachvogel im Herbst (50, 49 und 53 Minuten)

1989 Spanische Schlösser (44, 49 und 52 Minuten)

Edward Boyd (1916-1989) war Theater-, Radio-, und TV-Autor. Er schuf die Serien THE CORRIDOR PEOPLE und die wunderbare PI-Serie THE VIEW FROM DANIEL PIKE, arbeitete an zahlreichen Serien wie Z-Cars mit. Aus THE ODD MAN gingen zwei spin-offs hervor: Die Serien IT´S COLD OUTSIDE und MR.Rose. 1967 schrieb er das Drehbuch zu Peter Hyams Klassiker ROBBERY mit Stanley Baker.
Aber sein größter und bleibendster Eindruck sind seine Hörfunkserien, die schlichtweg zu den Höhepunkten des gesamten Genres Kriminalliteratur zählen. Wie jedes gute Kunstwerk kann man sie wieder und wieder hören, wird in ihrer Dichte immer wieder etwas Neues finden. Eine Reproduktion in Spitzenqualität auf CD ist überfällig. Die deutsche Dramaturgie und Regie (Heiner Schmidt) ist perfekt. Absolut ein Höhepunkt deutscher Hörspielkunst, wie man sie heute nie oder selten zu Ohren bekommt. Wenn ich eine Boyd-Phase habe (in regelmäßigen Abständen), höre (im wahrsten Sinne des Wortes ich erst auf, wenn die Ohren bluten.

Eine detailierte Betrachtung von Boyds Hörspielen unter:
http://filme-hoerspiele.de/Edward.Boyd/EDWARD.BOYD.KRIMIS.htm



EASTENDBALLADE: DIE KRAYS by Martin Compart
13. März 2009, 8:33 am
Filed under: Die Krays, Drehbuch, Interview, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: , ,

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Die Zimmer im New Barbican Hotel sind etwas kleiner als Mick Jaggers Schuhschrank. Was ein relativ modernes Hotel mitten in Finsbury zu suchen hat, versteht keiner. Bis auf einige Bürogebäude, verdreckte und düstere Straßen ist hier, nahe der Grenze zu Shoreditch, nichts. Der Nordosten Londons hinter Old Street ist weder richtig Eastend, noch Westend. Stattdessen, von beidem das langweiligste. Ein paar hundert Meter weiter, in der festungsartigen Anlage Braithwaite House, wurden die Zwillinge um 6.oo Uhr früh am 9.Mai 1968 von Inspector „Nipper“ Read endgültig hochgenommen. Seitdem atmen sie gesiebt. Zwei Pubs, ein Fish & Ships-Laden und kaum Straßenbeleuchtung machen das Nachtleben zum Erlebnis. Es ist das östlichste Hotel, das ein deutsches Reisebüro buchen kann. Das Beste am ganzen Laden ist das exzellente Frühstück. Vielleicht denkt man das auch nur, weil man nach dem halbstündigen Platzanstehen so ausgehungert ist. Ich bin gerade dran, als ich zur Rezeption gerufen werde. Rita, Reggie Krays Kusine, ist am Telefon. „Ich hole dich in einer Stunde ab. Wir fahren zu Reg.“ Zeit genug, um noch mal anzustehen.
Rita ist eine gutaussehende Blondine, ein bisschen wie Billie Whitelaw in früheren Jahren. Sie kennt Reggie solange sie denken kann und ist inzwischen seine Vertraute. Eine zentrale Figur im Krays-Clan, zu dem neben vielen Freunden auch ein inoffiziell adoptierter Sohn gehört. Die hübsche Frau hat die Härte, aber auch den Charme des Eastends. Mindestens alle 14 Tage besucht sie Reg oder Ronnie und kümmert sich um vieles, was nur von außerhalb des Gefängnisses zu regeln ist. Ihre einzige Bedingung: die Krays müssen sie aus jeder Pressegeschichte raushalten. Sie organisierte meinen Besuch. Ich hatte lediglich Vornamen und eine Telefonnummer. Ich konnte einen Tag im Hotelzimmer rumsitzen – was in London einer verschärften Haftstrafe nahe kommt – und auf den Rückruf warten. Alles hatte etwas von einem konspirativen Treff. Kein Zweifel, die Krays haben ihr Gefühl für Dramatik bewahrt. Bevor unser Zug nach Brighton geht, trinken wir einen Kaffee in Victoria Station. Es ist eine wirkliche Schande, wie sie die alten Traditionsbahnhöfe zu einer Mischung aus Hallenbad und MacDonalds-Filialen restauriert haben. Sonntags braucht der Zug länger. Wir unterhalten uns über Reggies eventuelle Begnadigung. „Als sie ihn vor zwei Jahren nach Lewes verlegt haben, war das ein gutes Zeichen. Lewes ist eines der angenehmeren Gefängnisse in England. Sie haben Reggie gesagt, er solle keine Wellen machen und sich ruhig verhalten. Aber Reggie lässt sich ja nichts sagen. Erst kam der Film, dann sein neues Buch und jetzt auch noch die Schallplatte, auf der Reggie feixend Geschichten aus der wilden Zeit erzählt. Die Krays sind wieder in aller Munde. Nichts, was sich für eine vorzeitige Freilassung auszahlt.“ Rita traut mir noch nicht richtig über den Weg. „Reggie ist so leicht von Leuten auszunutzen.“ Klar, dass beweist seine ganze Biographie. Zwei arme, kleine Eastendzwillinge, die im Schneesturm ihr letztes Hemd an Onkel Dagobert verschenken. Umsteigen in Brighton. Noch mal eine ätzende halbe Stunde. Der Bahnhof von Lewes liegt am Fuße eines Hügels, um den das Zentrum des Ortes gruppiert ist. Eines dieser netten, kleinen Provinzstädtchen mit einem Charme, wie ihn nur englische Provinzstädtchen haben. Und wie alles in England an einem Sonntag: tot. Die Krone des Hügels ist eine alte Festung, der Hauptwohnsitz von Reginald Kray. „Die schlimmste Zeit waren die 16 Jahre in Gartree und auf Isle of Whight. Sie haben versucht, ihn zu brechen. Das war das dümmste, was sie tun konnten. Sie gaben ihm etwas, gegen das er kämpfen konnte. Dabei hätten sie ihn leicht fertig machen können: mit Freundlichkeit“, sagt Rita. Ein gutes Wort, und schon schmelzen sie dahin, die schlimmen Zwillinge. Die Seitentür im schweren Holztor ist noch geschlossen. Einige junge Frauen warten darauf, ihre Burschen zu besuchen. Besuchszeit ist von 13.oo Uhr bis 15.15 Uhr. Jetzt ist es gleich zehn nach Eins. Endlose Minuten, wie sie nur Gefangene und Flüchtlinge kennen. Zu Reggies prominenteren Besuchern, die gelegentlich vorbeischauen, gehören Patty Kensit, Roger Daltrey, Diana Dors, Rick Wakeman, Cliff Richard und Debbie Harry. Morgen ist Daltreys Manager angesagt. Daltrey will schon einige Zeit einen Kray-Film drehen und besonders erfreulich war Peter Medaks Machwerk wirklich nicht. Reggie hat ihn sich nichtmal angesehen. Alter Mist von Gestern interessiert ihn nicht. „Ein Wahnsinn. Manche sitzen nur fünf Monate hier. Reggie sagt ihnen, dass sie sich gar nicht erst hinzusetzen brauchen.“ Joe kommt. Joe war bei der BBC, hat Kinderfilme gemacht und arbeitet jetzt für die Pinewood Studios. Kein deutscher Fernsehsender würde es zulassen, dass Joe seine sensiblen Hallen betritt. Joe ist wie aus dem Ei gepellt, und golden glitzert es von Ringen und Kettchen. Er ist um die fünfzig und wirkt wie ein gepflegter Rausschmeißer. Unter seinem Maßanzug spielen harte Muskeln. Kein Knabe, dem man ungestraft das Bier verschüttet. Der richtige Mann für Kinderfilme. Der macht den lieben Kleinen schon klar, wie es im Leben läuft. Joe macht Konversation mit mir. Er kennt Hamburg und München, fragt mich nach seinen deutschen Kumpels. Ausnahmslos Puff- und Bumsbesitzer von der Reeperbahn und Spielhöllenchefs aus München. Als ich Joe mitteile, dass ich bedauerlicherweise keinen seiner Halbweltfreunde kenne, scheint er nicht sicher, ob ich wirklich aus Deutschland komme (inzwischen sitzt Joe auch im Knast. Nachdem Scotland Yard seine Filmproduktion unter die Lupe genommen hat, musste sie feststellen, dass Joe den Hauptumsatz nicht mit Käptn Blaubär macht, sondern mit weißen Pulver. Eine Zeitlang war Joe der Käptn Koks der Londoner Szene). Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen. Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen. Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984. Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung in den letzten 21 Jahren aus, als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist der härteste Knochen, der mir je genüber stand. Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhauen, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher hat er geschrieben, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte. Englands größte lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen! Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll. Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr.Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“ Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig. Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinander hetzen. Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.“ Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von der Planung bis zur Ausführung.“ Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Messer ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Film wäre der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahe gekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden. Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selber wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“ Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“ Und Nipper Read, der Mann, der sie in den Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“ Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.“ Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzählte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“ Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“

Die Commercial Street macht ihren Namen alle Ehre.
Sie führt Mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Moguln. An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten vier- bis sechsgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern. An den mit Paketen und Papp-Containern voll gestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte. Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist. Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“

In der schmalen Passage Miller’s Court,kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder. Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen. Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort. Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas Illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen. Der Einstieg ins Krays-County.
Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road. Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation. Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.

Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabenen Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind. In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes. In einem der Häuser hat George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 3oer- oder 50er Jahren zu drehen.
Kurz vor der Ecke zur Tapp-Streit hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt. Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten. Endlich bin ich in der Tapp Street. Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend hingegangen. Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging. Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu. Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 6oer Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man als Inder krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein. Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten als erste erwischt. Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann. Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.

Zurück zu Teil 1.



SCHWULE SADISTEN: ERNST RÖHM UND DIE SA 3.Teil by Martin Compart
12. März 2009, 12:07 pm
Filed under: Politik & Geschichte, Porträt, SA | Schlagwörter: , , ,

KARL ERNST
Nicht weniger widerwärtig war der SA-Führer Karl Ernst. „Sein mächtiges und gewöhnliches Gesicht verrät den Tunichtgut, sein Mund Genusssucht, und auf dem Kopf sitzt etwas nachlässig die Kappe des Obergruppenführers. Er fasziniert die Söhne der guten Berliner Familien. Man sagt, auch er sei homosexuell. Wenn er die verlassenen Lagerhäuser oder die Keller besucht, in denen die SA die widerspenstigen Deutschen züchtigt, dann leuchten die Augen und er lacht voll Zynismus. Seine Männer genießen Straffreiheit. Diebstahl, Mord, Vergewaltigung, all das wird zum Politikum, und Ernst deckt seine SA. Dennoch wird er in der guten Gesellschaft empfangen, und man sieht ihn stets in Begleitung von August Wilhelm von Preußen, dem vierten Sohn des Kaisers.“ 23 Der französische Militärattaché General Renondeau bezeichnete ihn als einen „der hitzigsten Männer“ der SA. Er wurde als dreister, wortgewandter, stets elegant gekleideter Zyniker geschildert, um dessen Nacken ein Orden des Großfürsten von Coburg baumelte. Prinz August Wilhelm von Hohenzollern, genannt Auwi, war ein Bewunderer von Ernst und dem SA-Schlächter Willi Schmidt, genannt Schweinebacke, die er gerne bei Empfängen in seiner Villa Liegnitz auf dem Schlossgelände von Sanssouci bewirtete, wenn Kaisers Geburtstag oder der Sieg von Sedan zu feiern war.

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Karl Ernst

Karl Ernst wurde am 1. September 1904 als Sohn eines Hausmeisters in Wilmersdorf geboren. Ein zwielichtiger Bursche, der sich als Hotelportier, Liftboy und Kellner im Schwulenmilieu durchschlug. 1923 trat er in die NSDAP ein. Ende der 20er Jahre hatte er im Berliner Homosexuellenlokal ELDORADO Hauptmann Paul Röhrbein kennen gelernt, den ersten Berliner SA-Führer. Röhrbein hatte Röhm schon zu Zeiten des Frontbanns unterstützt, indem er die Frontbanngruppen in Berlin aus alten Freikorpskämpfern organisierte. Bald nach der Bekanntschaft war Ernst in die SA eingetreten und wurde nur noch „Frau Röhrbein“ genannt. Er musste sich sofort einer SA-internen Untersuchung stellen, die diese Beziehung zu Röhrbein „aufdeckte“. „Gestandene SA-Männer hielten ihn für einen einfachen Ganoven, der unwürdig sei das braune Hemd zu tragen.“24 Protektion kam von entscheidender Seite: 1931 stellte ihn Röhrbein seinem Freund Röhm vor, der ihn sofort förderte.

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Röhm mit Karl Erns

Seit April 1931 galt Ernst im inneren Zirkel als Röhms Liebling, denn der machte ihn umgehend zum SA-Führer von Berlin und 1932 zum Mitglied des Reichstages. Nachdem Graf von Helldorf 1932 die von ihm kommissarisch mitverwalteten Berlin-Brandenburger SA abgab, wollte Hitler Gruppenführer Kasche zum SA-Obergruppenführer machen. Als der inzwischen als Stabsleiter von Berlin agierende Ernst davon erfuhr, alarmierte er Röhm, der ihn als Obergruppenführer durchsetzte. Nach der Pressehatz gegen schwule SA-Führer, konnte auch Ernst, der zusammen mit Röhm und Heines prominenteste Zielscheibe war, auf Hitlers (vorläufige) Unterstützung rechnen. Göring machte auch ihn zum Preußischen Staatsrat. In einer unveröffentlichten Erinnerung (1956) von „Putzi“ Hanfstaengl heißt es: „Ernst deutete in den dreißiger Jahren an, es genügten ein paar Worte, um Hitler zum Schweigen zu bringen, wenn er sich über Röhms Verhalten beklagte.“

Für die Berliner SA-Schwulenorgien, an denen Röhm natürlich gerne teilnahm, gab Ernst monatlich 30 000 Reichsmark aus, dreißig mal mehr als er Gehalt bezog…

Als die SA 1931 Amok lief, beteiligte sich Ernst gerne persönlich an der Misshandlung der Opfer. In dem antinazistischen BRAUNBUCH GEGEN REICHTAGSBRAND UND NAZITERROR von 1933 wurde ein Zusammenhang zwischen den auffallend perversen Folterungen durch SA-Männer und der speziellen Homosexualität in der SA hergestellt. Besonders herausgestrichen wurde der homosexuelle Berliner SA-Führer Graf Helldorf, der sofort nach … die unterirdischen Gefängnisse der Festung Wuppertal: „Hieronymus Bosch und Pieter Breughel haben nie solches Entsetzen erblickt. Die Gefangenen waren lebende Skelette … mit eiternden Wunden … Es gab keinen, dessen Körper nicht vom Kopf bis zu den Füßen die blauen, gelben und grünen Male der unmenschlichen Prügel an sich trugen.“ Als sich Diels um einen Gefangenen näher kümmern will, erschienen „in tadelloser Uniform, an Hals und Brust alte und neue Dekorationen, Ernst, einer der Berliner SA-Führer, und sein Gefolge … Lachend und plaudernd betraten sie das Verließ. ,Was bilden Sie sich ein! Lassen Sie sich nicht einfallen, uns in den Arm zu fallen‘, brüllte Ernst.“ Über das berüchtigte Wuppertaler KZ schreibt auch Longerich: „In Wuppertal wurde durch den zum Polizeipräsidenten ernannten örtlichen SA-Führer ein KZ in der ehemaligen Putzwollfabrik Kemna eingerichtet. In dem dreistöckigen Gebäude wurden zeitweise mehr als 1000 Gefangene untergebracht. Häftlingsberichte schildern spezielle Mißhandlungsmethoden, die sich die dort stationierte SA einfallen ließ: Die Gefangenen …“25
In Berlin eröffnete Ernst seine eigenen KZs. 1933 besetzte die SA-Standarte 12 das Pankower Gefängnis in der Borkumstraße, das von da an als „Karl-Ernst-Haus“ bezeichnet wurde und in dessen Zellen Ernst und seine Leute die übelsten Folterungen betrieben. Die Berlin-Brandenburger SA zählte bei Hitlers Machtübernahme 60 000 Mann; im Herbst 1933 war sie auf 220 000 angewachsen. Ab Februar ließ Ernst brutale SA-Greifkommandos Berlin durchpflügen. Sie jagten Kommunisten, SPDler und ihnen nicht genehme Bürger, die sie in ihre wilden KZs verschleppten. Die Zahl dieser Folterstätten in Berlin wird zwischen fünfzig und hundert angenommen. „Schätzungen gehen davon aus, dass über 100 000 Menschen von der SA inhaftiert wurden und mindestens 1000 ermordet wurden.“ 26 Über die Schließung eines Berliner Lagers berichtete Diels: „Die Opfer, die wir vorfanden, waren dem Hungertod nahe. Sie waren tagelang stehend in enge Schränke gesperrt worden, um ihnen Geständnisse zu erpressen. Die ,Vernehmungen‘ hatten mit Prügel begonnen und geendet; dabei hatten ein Dutzend Kerle in Abständen von Stunden mit Eisenstäben, Gummiknüppeln und Peitschen auf die Opfer eingedroschen. Als wir eintraten, lagen diese lebenden Skelette reihenweise mit eiternden Wunden auf dem faulen Stroh.“27 Höhnisch kommentierte Ernst seine Folterkeller: …
…Menschen blieben auf dem Pflaster zurück, verreckten in Durchfahrten oder zwischen Sträuchern, wenn dieser menschliche Abschaum krakeelend wieder aufsaß, um den nächsten Stadtteil mit Terror zu überziehen. „Mit Salzwasser wurden die Wunden der Opfer überschüttet, mit Stiefelwichse verschmiert. Bald lagen die Krankenhäuser voll Menschen mit zerbrochenen Gliedmaßen, halb irrsinnig von den ausgestandenen Martern, blutende, zerfetzte menschliche Klumpen. Vergebens flehte der stellvertretende Vorsitzende der Deutschnationalen Partei, Dr. von Winterfeldt, den Reichskanzler Hitler an, den Rechtsstaat nicht zerstören zu lassen… In Spandau holte die SA den Führer der sozialdemokratischen Arbeiterjugend, Erich Meyer, aus einer Laubenkolonie heraus, am nächsten Morgen wurde sein verstümmelter Leichnam gefunden… In Köln wurde der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Sollmann von SA bewusstlos geschlagen, durch die Straßen geschleift und nach fürchterlichen Misshandlungen in einen Kohlenkeller geworfen. In Köpenick wurde die 46 Jahre alte Sozialdemokratin Frau Jankowski in den Morgenstunden des 21. März aus ihrer Wohnung in eine nationalsozialistische Kaserne verschleppt, nackt ausgezogen und ausgepeitscht.“28 Seit dem 30jährigen Krieg war Deutschland nicht mehr mit einer solch brutalen Terrorwelle überzogen worden. Dieser primitive Gewaltkult existierte außerhalb jedes gesellschaftlichen Moralcodes. „Es waren diese Untaten, die in der Bevölkerung auf lange Zeit das Bild der SA bestimmten und später den Mördern des 30. Juni 1934 öffentliche Zustimmung sicherten.“29
Aus welchen Gründen auch immer: Hitler mochte weder Karl Ernst noch Edmund Heines – im Gegensatz zu Röhm, dem er noch in der Nacht der langen Messer das Leben schenken wollte. Sie gehörten zweifellos zu den Leuten, die zuviel wussten und dies auch noch wie eine Monstranz vor sich her trugen, um den Führer an ihr Mitwissen zu erinnern. Ernsts Beteiligung …

Nicht nur aus politischen Gründen rekrutierten Röhm und seine SA-Führer junge Männer aus der Arbeiterjugend: Der schwule Hofstaat hatte ein unstillbares Verlangen nach „Frischfleisch“. Dafür stellte Röhm den zwielichtigen Peter Granninger ein. Für einen Monatslohn von 200 Reichsmark suchte dieser unter den jungen SA-Männern nach homosexuellen Partnern für Röhms Orgien. Granninger hatte die Qual der Wahl: Die meisten SA-Männer waren 18 bis 25 Jahre alt. In Karl Ernsts Berliner SA waren 70% unter 26- und fast 90% unter 30 Jahre alt. Granninger konnte ausreichend Frischfleisch heranschaffen. Aber das genügte nicht: In München … nach dem Ende der Unterredung erfuhr Himmler am nächsten Tag, „dass während der ganzen Nacht im SA-Stabsquartier die tollste Orgie stattgefunden habe, die Himmlers Vertrauensleute jemals gesehen hätten. Flaschen flogen aus den Fenstern und zerbrachen klirrend auf dem Pflaster, das Lachen hörte man bis auf die Straße. Röhm hat die ganze Nacht mit seinen Lustknaben an der Orgie teilgenommen. Himmler tobt.“ 32 Granninger entkam zwar dem 34er Massaker, wurde aber im selben Jahr mit anderen angeklagt und vor Gericht gestellt. Über sein Schicksal ist bisher nichts weiter bekannt, wahrscheinlich endete er in einem KZ.

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P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



PARANOID Nr.2 by Martin Compart

HIROHITOS GANGSTERBANDE UND DER GRÖSSTE SCHATZ DER WELT

Was das systematische Ausplündern von eroberten Ländern angeht, waren die Nazis Amateure im Vergleich zu den verbündeten Japanern. Die raubten wirklich alles und mit System: Von seltenen Dokumenten, wertvollen Kunstwerken bis hin zum letzten Goldzahn. Besonders auf Gold waren sie versessen. Um daran zu kommen gingen sie nicht nur militärisch vor, sondern setzten auch die eigenen Gangster, die Yakuza, ein. Die raubten die jeweiligen Unterwelten aus und versorgten China mit Drogen gegen cash. Unterstützt wurden Militär und Unterwelt von den ulra-nationalistischen Geheimbünden Schwarzer Drache und Schwarzer Ozean, die an dieser Stelle mal eine eigene Würdigung erfahren sollen.
Zur „Ehrenrettung“ der Nazis muss man feststellen das die Japaner auch über mehr Erfahrung verfügten: Sie legten bereits 1895 los mit der Versklavung und Vergewaltigung Koreas, dessen nationale Identität sie fast auslöschten. Und Korea war Jahrhunderte eine Hochkultur; dagegen wirkte der ritualisierte Samurai-Staat wie ein Kiosk in Castrop Rauxel im Vergleich zur Tate Gallery.
An Massenmorden haben sich beide nichts genommen: Die Nazis ermordeten 6 Millionen Juden und 20 Millionen Russen; die Japaner 30 Millionen Malaien, Filipinos, Vietnamesen, Kambodschaner, Burmesen, Indonesier, darunter 23 Millionen Chinesen. Was das Erobern und Plündern angeht, waren die Japaner länger im Geschäft.
Über Land durch Korea und auf See bis zu den Philippinen lief die japanische Route um das Raubgut zu transportieren. Nachdem die Amerikaner den Seezugang nach Japan blockiert hatten, legten die Japaner auf den Philippinen ein Tunnel- und Höhlensystem an, das sie mit Gold voll stopften. Anschließend wurden die Eingänge gesprengt und die japanischen Arbeiter entweder mit in die Höhlen eingeschlossen oder mit Maschinengewehren niedergemäht. Schließlich sollten nur Angehörige der Oberschicht wissen dürfen, wo die Schätze lagern.
Durch die Folter an Major Kashi, des Fahrers von General Yamashita, erfuhr der berüchtigte Colonol Lansdale von dem japanischen Beuteschätzen. Zwischen 1945 und 1947 verschiffte er das Gold an 146 Bankkonten in 42 Länder. Codewort des Schatzes: Golden Lily. Inzwischen hatte General MacArthur, der feige Flüchtling von Luzon, ein heimliches Abkommen mit Kriegsverbrecher Nr.1, Kaiser Hirohito, getroffen. Kriegsverbrecher wurden auf sieben Todesurteile runtergekürzt und die Macht im neuen Japan an dieselben Kriegstreiber und Kriegsgewinnler zurück gegeben. Unter dem schönen demokratischen Deckmantel der Liberalen Partei, die nach einigen Metamorphosen ab 1955 satte 38 Jahre regierte (Ähnlichkeiten mit Italiens Christdemokraten und Andreotti sind natürlich rein zufällig). Jedenfalls war das ungefähr so, als hätte man Heinrich Himmler mit einer neuen Partei zum Bundeskanzler gemacht und Männer seines Vertrauens in die Ministerien bestellt. Ein Hauptgegenstand des Geheimabkommens, das mit dem Einverständnis des US-Präsidenten Truman geschlossen wurde, war Stillschweigen über das Raubgold zu bewahren und es beiden Strippenziehern zur Verfügung zu stellen. Bis heute finanziert die CIA schmutzige Operationen aus dem Blutgold. Unter anderem wurden in den 50er Jahren damit Wahlen in Griechenland und Italien gekauft. Auch die Japaner kamen nicht zu kurz: Hirohito und sein Verbrechersyndikat lebten als Milliardäre und finanzierten die großen (ehemaligen Kriegs-)Konzerne (wie Mitsubishi) und sorgten für den Amerika genehmen Nachkriegsaufstieg zur wirtschaftlichen Supermacht. Die Liberale Partei, Sammelbecken für Kriegsverbrecher, Yakuza und Nationalisten, regierte durch Amerikas Gnaden. Der Kriegsminister für Munition, Nobuske Kishi etwa, war von 1957 bis 1960 japanischer Premierminister. Ebenfalls nicht zu kurz kam der Emissär MacArthur: Sein erfolgloser Präsidentschaftswahlkampf wurde von den Liberalen mit dem Raubgold mitfinanziert (auch Richard Nixon durfte sich über Zuwendungen im Wahlkampf gegen Kennedy freuen).
Während des Krieges hatten die USA in den Massenmedien ein überaus hässliches Bild des Volkes von Nippon in allen Medien propagiert. Das änderte sich nach dem Geheimabkommen: Aus den brutalen Japanern, man denke nur an das Nanking-Massaker, wurden in einem Goebbels würdigen Propagandafeldzug eine friedliebende Nation mit Papa Hirohito (der nur schändlich von den hingerichteten Kriegsverbrechern benutzt oder getäuscht wurde – falls er überhaupt von irgendwas gewusst hatte) an der Spitze. Ein paar Jahre nach Kriegsende war nicht mehr zu übersehen, dass Japan reicher als vor dem Krieg war. Bis heute höhnen japanische Millionäre, dass sie den Krieg nicht verloren haben.
Im Gegensatz zu deutschen Entschädigungen (dank des unermüdlichen Kampfes des Schweizers Jean Ziegler, der mit seinem Angriff auf die Schweizer Banken alles in Bewegung brachte) für Juden und Zwangsarbeiter, lehnen die führenden Eliten der USA und Japans bis heute dieses Unterfangen ab. Egal ob es dabei um gequälte amerikanische Kriegsgefangene geht, chinesische Opfer bakteriologischer Kriegsführung oder zur Prostitution gezwungene Koreanerinnen. John Foster Dulles formulierte vorausschauend im Friedensvertrag von 1951, dass keine japanische Firma oder die japanische Regierung Kompensationszahlungen an Kriegsgefangene, zivile Opfer oder gepresste Arbeiter leisten müsse. Japanische Opfer haben im Gegensatz zu den Opfern der Deutschen keinen Einfluss und keine Lobby in Washington. Weder Japan noch die USA möchten das Raubgold, dessen jährliche Zinsen das Bruttosozialprodukt von ganz Schwarzafrika übersteigen, an die bestohlenen Länder zurück geben. Länder die nach dem Kriegsende größere ökonomische Probleme hatten und haben als das Reich der aufgehenden Sonne.

Minutiös aufgedeckt wurde der ganze Dreck von den renommierten Historikern Sterling und Peggy Seagrave in ihrem Buch GOLD WARRIORS (selbstverständlich gibt es keine deutsche Ausgabe). Kein Thriller ist aufregender als die hier aufgeführten Fakten. Sie stießen während der Recherche zu ihrem Buch THE YAMATO DYNASTY auf die Vorgänge. Interessierten bieten sie außerdem über ihre Homepage http://www.bowstring.net zwei CDs an, die auf über 900 Megabytes Tausende Dokumente, und Zeugeninterviews gespeichert haben. Aufklärer, Verzeihung: ich meine selbstverständlich Verschwörungstheoretiker, leben gefährlich: „We have been threatened with murder before. When we published THE SSONG DYNASTY we were warned by a senior CIA official that a hit team was beeing assembled in Taiwan zo come murder us. We vanished for a year to an island. While we were gone, a Taiwan hit team arrived in San Francisco and shot dead the Chinese-American journalist Henry Liu… Many people told us this book was historically important and must be published – then warned us that if it were published, we would be murdered. An Australian economist who read it said: I hope they let you live. He did not have to explain who they were… If we are murdered, readers will have no difficulty figuring out who they are.“

Sterling & Peggy Seagrave:
GOLD WARRIORS
London u.New York: Verso, 2005.



PARANOID Nr.1 by Martin Compart
9. März 2009, 8:03 pm
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Die Kolumne für unverbesserliche Verschwörungstheoretiker

Nur ungebildete Idioten oder nicht minder speichelleckerischen Medienkellner schreien heute noch entsetzt „Verschwörungstheorie“, wenn sie auf Fakten stoßen, die ihr lämmerhaftes Weltbild erschüttern. Deshalb mal ein kleiner Überblick über einige interessante Bücher der letzten Jahre (an dieser Stelle wird nicht dem ekeligen feuilletonistischen Geschreie nach kurzlebigen und unwichtigen Aktualitätenkram gehuldigt).
„Männer desselben Berufs schließen sich nie zusammen, es sei denn, um sich gegen die Allgemeinheit zu verschwören“, schrieb nicht etwa ein als Verschwörungstheoretiker diffamierter Autor eines Buches zum 11.9. oder des Irak-Krieges, sondern der Begründer der Klassischen Nationalökonomie Adam Smith (1723-1790). Und um Verschwörungen zu vertuschen, beziehungsweise genehme Wahrheiten zu verbreiten, bedarf es heutzutage der Medien. Der genauso viel gescholtene wie verkaufte Mathias Bröckers, der mit Andreas Hauß sein Werk FAKTEN, FÄLSCHUNGEN UND DIE UNTERDRÜCKTEN BEWEISE DES 11.9. (Zweitausendeins; mit Dokumentarfilm auf CD) vorgelegt hat, weiß auch dazu Bedenkenswertes zu berichten: „Anfang der 80er Jahre verfügten rund 400 Unternehmen über die Zeitungen, Radio- und TV-Sender der USA, heute sind es noch neun Konzerne, die den gesamten Medienoutput kontrollieren. Gerade beginnt in den USA die Debatte darüber, wie schmählich die Medien seit dem 11.9. versagt haben, indem sie kritiklos und ungeprüft das nachfaselten, was ihnen vom Weißen Haus und Ölmagnaten vorgelallt wurde. In Deutschland war dies nicht anders, wie Christian C. Walther in DER ZENSIERTE TAG (Heyne Verlag) belegt. Ohne Not unterdrückten die Heloten der Mächtigen jede unbequeme Wahrheit. Walther trägt alles ganz nett zusammen, aber leider auf eine eitle und schlecht geschriebene Weise, die manchen unnötigen Angriffspunkt bietet. Spannend erzählt ist dagegen DER BUSH-CLAN (C.Bertelsmann) von Kitty Kelly, die – trotz massiver Repressionen – mit tausend Menschen für ihr Buch gesprochen hat, die reichlich Unerfreuliches über diese Familie zu berichten haben. Kelly zeigt das bestürzende Bild einer Dynastie von mittelmäßigen, habgierigen und skrupellosen Machtmenschen. Eine Familie, bei der Drogenmissbrauch, Ehebruch, Vorteilsnahme im Amt, Ämterpatronage und illegale Geschäfte selbstverständlich sind. Man erfährt einiges, was man so noch nicht gelesen hat: “ ‚Sie wissen doch, was sie in Florida während der Stimmennachzählung vom Wahlkampf 2000 gemacht haben’, antwortete er und schilderte mir dann ausführlich den so genannten „Brooks Brothers Riot“ von republikanischen Parteiaktivisten. Diese Männer stürmten die Räume des Wahlprüfungsausschusses, was dazu beitrug, dass die Stimmauszählung in Miami abgebrochen wurde. Um seine Behauptung zu beweisen, schickte der Mann mir Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass viele Randalierer von Bushs Nachzählkomitee bezahlt worden waren.“ Und wer sind die Gruppierungen, die hinter Bush und seiner Mafia stehen? Der Geschichtsprofessor Theodore Roszak von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.
Eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Jahrzehnte dürfte die längst überfällige deutsche Ausgabe von Alfred McCoys DIE CIA UND DAS HEROIN – WELTPOLITIK DURCH DROGENHANDEL (Zweitausendeins) sein. Es ist das Lebenswerk des Amerikaners, der seit 1970 die Geschichte des Drogenhandels recherchiert. Sein Buch wurde zuletzt 2003 auf den neuesten Stand gebracht und ist schlichtweg das Standardwerk, das man gelesen haben muss. McCoy beschreibt minutiös, wie skrupellos die Kolonialmächte Drogenhandel betrieben, mal legal mal illegal, je nach Profitinteresse. Besonders die Drogenkriege der Amerikaner nehmen einen breiten Raum ein. Daneben erfährt man interessante Details: Die Zahl der verbotenen Drogen erhöhte sich bis 1995 auf 245; 1931 waren es erst 17 gewesen. Ende der 90er Jahre war der globale Drogenhandel nach Angaben der UNO eine 400-Milliarden-Dollar-Industrie mit 180 Millionen Konsumenten mit acht Prozent am Welthandel – vor Textil-, Stahl- oder Autoindustrie.

P.S.: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die wirtschaftliche (weil auf Steuergeldern beruhend) Existenz von Gerhard Schröder (Ex-Kanzlerdarsteller), Joschka Fischer (Angriffskriegsbefürworter), Rudolf Scharping (dito) Bodo Hombach und Wolfgang Clement zerstört gehört.



BOND? DAS ICH NICHT LACHE! by Martin Compart
9. März 2009, 5:51 pm
Filed under: James Bond, Rezensionen

Rezension von 1989:

John Gardner: Scorpius
(Scorpius,1988).
Deutsch von Hartmut Huff; Heyne o1/8033; 317 Seiten; DM 7,80.

Es ist der Geldgier der Fleming-Erben zu verdanken, dass John Gardner nun schon zum siebenten Mal den Versuch unternehmen kann, einen der großen Mythen das 2o.Jahrhunderts und Flemings Unsterblichkeit in den Dreck zu treten. Wer 007 lediglich durch die unerträglichen Moore-Filme oder die an der Schmerzgrenze des anspruchsvollen Thriller-Fans angesiedelten Gardner-Bonds kennt, wird nie verstehen können, warum der Hector der westlichen Beamtenschaft zum Welterfolg werden konnte.
Man muss Fleming und Bond mögen um zu erkennen, was ihnen durch diese rip-offs angetan wird. Wer Flemings überragendes literarisches Talent nicht erkennt und sich über die Pop-Ikone 007 ideologisch ereifert, dem dürfte eh wurscht sein, was Gardner anstellt. Aber für diejenigen, die Fleming und sein Werk schätzen, ist es ein echtes Ärgernis. Und immerhin gehörte der vielleicht schärfste aller Krimi-Kritiker zu Flemings härtesten Fans und Bewunderern: Raymond Chandler rezensierte sogar enthusiastisch die Bond-Romane LIVE AND LET DIE, MOONRAKER und DR.No.
Gardner hat kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hat sich das im Laufe seiner bisher geschriebenen Romane da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hat er weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und „sein“ Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:“Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ Gardner degradiert einen Pop-Mythos mit ähnlichen Steherqualitäten wie die Rolling Stones zu einem langweiligen Halbidioten der sich mühsam durch ungemein langweilige Bücher schleppt, die offensichtlich von einem Schwachsinnigen geschrieben wurden. Gardner ist völlig unfähig, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Peinlich wird er besonders dann, wenn er krampfhaft versucht Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr:
„Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.“
„`Nein! Nein!Nein!`’Ja‘, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!'“
Der Plot? Irgendein Schwachsinn über die xte Sekte mit einem diabolischen Führer der die Welt beherrschen will. Ein Plot, für den sich Fleming geschämt hätte. Es gibt nicht ein positives Moment für dieses stinklangweilige Buch festzuhalten. Warum durfte Bond nicht friedlich entschlummern? Und wenn schon nicht, dann hätte man wenigstens Kingsley Amis alias Robert Markham die Bond-Saga fortschreiben lassen sollen. Denn der kannte Fleming wie kein anderer und sein Bond-Roman COLONEL SUN ist immerhin besser als Flemings MAN WITH THE GOLDEN GUN. John Gardner gehört offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten.
Diese Rezension ist von 1989