Martin Compart


„WIR UND DAS KLIMA“ von DR.HORROR by Martin Compart
26. September 2019, 8:30 am
Filed under: Dr. Horror, Ekelige Politiker, Parasiten, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

Alle reden vom Wetter. Wir nicht…

lautete im Herbst 1966 der Slogan der Deutschen Bundesbahn.

Gegen das Wetter können wir relativ wenig tun, sagt ein halbes Jahrhundert später der Kopfschmerz-Experte der Berliner Charité im Frühstücksfernsehen mit Blick auf Patienten, die über Migräne bei Wetterwechsel klagen.

Da kann man entweder wie die AfD Wetter und Klima ignorieren und, wie Herr Gauland, Allzweck-Unterwäsche tragen: Wie das Wetter auch wird für unser Klima: Medima, Medima. Man kann, laut Beatrix von Storch, ja auch der Sonne nicht verbieten zu scheinen. Und, möchten wir ergänzen: dem Regen nicht zu regnen. Dem Sturm nicht zu stürmen. Und dem Nebel nicht zu vernebeln. Da kann man nichts machen. Das ist sozusagen höhere Gewalt und kann nicht eingeklagt werden. Karsten Hilse, AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag, Polizist aus Hoyerswerda (!), wehrt sich gegen, wie er wohl meint: pseudowissenschaftliche Urteile über den Klimawandel: „Bis zu Zeiten von Kopernikus sind 100 Prozent davon ausgegangen, dass die Erde im Mittelpunkt steht. Bis 1930 sind 100 Prozent aller Wissenschaftler davon ausgegangen, dass es keine Kontinentaldrift gibt. Also kann sich auch die Mehrheit [der Wissenschaftler] quasi irren.“ Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. Der Ball ist rund, also ist es auch die Erde. Da ist für jeden etwas drin. Es ist wie der Wetterbericht in den Lokalnachrichten: mal so, mal so, etwas Sonne, etwas Regen, auch Wind dabei, Sturmböen am Abend nicht ausgeschlossen. Schauen Sie am besten aus dem Fenster. Wenn es schön ist, ist es schön, und wenn es schlimm kommt, erwischt es uns arg.

Die Bundesregierung packt in der Zwischenzeit Pakete: Klimapakete. Sie setzt Steuern gegen den Klimawandel ein, da wird das Klima ja wohl ein Einsehen haben müssen. Diese Klimapakete erinnern irgendwie an die Ablassbriefe des 15. Jahrhunderts.

Noch einmal O-Ton Karsten Hilse, der sich wie Pig Brother Trump auf die Fake-News aus den Laboren einschießt: „Und außerdem ist Wissenschaft keine Demokratie, sondern basiert auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf Mehrheitsverhältnissen.“ Am besten, wir stellen beides zur Disposition: Wissenschaft und Demokratie.

Ein Planet wird geplündert, hieß 1975 ein Beststeller des vergessenen CDU-, GAZ- und ÖDP-Politikers Herbert Gruhl. Der konservative Gruhl sah aufgrund von Überbevölkerung eine „Menschenlawine“ auf uns zukommen, und auch Wolfgang Schäuble erwähnte in einer sonst belanglos schwäbelnden Rede am 12. November 2015, der ich beiwohnte, mit einem Mal die Gefahr von Lawinen: „Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt.“ Mit den Lawinen meinte er Menschenlawinen und mit dem unachtsamen Skifahrer die Frau Bundeskanzlerin. Da könnt ihr zehn Meter hohe Mauern bauen in Europa, wenn ihr uns wirtschaftlich hängen lasst: Wir kommen, drohte ein afrikanischer Ökonom in einem Dokumentarfilm über das, was man gewiss nicht essen kann, zumal es schon virtuell ist: das Geld.
Gewiss stellt eine Erhöhung der Weltbevölkerung, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, eine echte Herausforderung dar. Irgendwann werden es neun Milliarden und zum Ende des Jahrhunderts über zehn sein, und die müssen ernährt werden. Das ist genug Stoff für zwei Planeten von irdischer Dimension. Trumps Lösung: McDonalds- oder Burger King-Franchise weltweit. Das ist auch nicht besser als Solyent Green. Globalisierung made in USA. In Japan haben Wissenschaftler einen Weg gefunden, menschliche Fäkalien zu recyceln und in Nahrung rückzuverwandeln. Soylent Brown nannte das mal jemand im Internet.

Wir schaffen das auch ohne Galactus.

Scheiß der Hund drauf! Wenn es nach Politikern wie Trump geht, werden wir alle zu „Klimasündern“. Tanz auf dem Vulkan. Nach uns die Sintflut. Das Klima werden die, die nach uns kommen, schon richten. Puerile Science Fiction hatte in solchen Fällen immer schon eine Wunderwaffe parat. Zum Beispiel könnten wir mit Warpgeschwindigkeit die Menschheit auf andere Planeten umsiedeln. Oder Teile davon. Oder wenigstens einen klitzekleinen Teil in einer Raum-Arche oder so. Oder die Erde selbst zu einer Raumarche machen wie in der Dystopie des Chinesen Cixin Liu. Im Universum können wir uns dann ja grenzenlos vermehren und unseren Schmutz in die Milchstraße kippen. Und wenn es nicht körperlich geht, vielleicht können wir es digital realisieren und uns selbst entkörperlichen, durch Virtualisierung im Netz oder so. Dann wäre schön viel Platz für die Trumps dieser Welt, denen dann die Freeways gehören. Auch die Kriege der Zukunft finden ja nur noch virtuell statt: als CyberWars.

Eine andere Idee der Science Fiction waren die kleinen grünen Männchen.
Sie konnten nach Meinung der Autoren nur vom Mars oder sonst woher kommen. Wenn sich nun aber irgendwann, in ferner, naher Zukunft, die Grünen mit den Braunen paaren…? Ist die Zeit wieder reif für drastische Maßnahmen? Wenn schon eine Diktatur, sagt ein im Fernsehen Befragter, dann bitte: hart, aber herzlich. Also nicht ganz so wie bei Adolf, aber man wird ja wohl mal drüber reden dürfen. Wie diese ehemalige Tagesschau-Sprecherin: „Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat“, aber: „Was gut war, das sind die Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt.“ Und hat nicht auch die Diskussion um erneuerbare Energie, wenn man genau hinsieht, eine Geschichte, die in die Abgründe der Nazizeit hineinreicht?

Braucht es nicht – Zitat: eine „Mobilisierung wie in Kriegszeiten“, um dem Klimawandel die Stirn zu bieten?
LET’S WIN THE WAR ON WARMING, überschreibt Bill McKibben einen Artikel im US-Magazin “New Republic” und spricht von der Herausforderung wie vom Dritten Weltkrieg…

The question is not, are we in a world war? The question is, will we fight back? And if we do, can we actually defeat an enemy as powerful and inexorable as the laws of physics?



SOvIEL ZEIT MUSS SEIN by Martin Compart
21. September 2019, 11:41 pm
Filed under: Allgemein

Für Martin Däniken:



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL 4/

Heute: GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE

Was sind schon Schriftsteller, Kritiker und Autoren ohne einen Verein, der den Lauf der Zivilisation ändert?

1983 gründeten Peter Schmidt, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE mit Programm, Pressekonferenz und dem ganzen Kram. Georg Schmidt sorgte dafür, dass das Manifest im „TIP“ verbreitet wurde. Der Name basierte auf dem Ort, der beim Austausch von Spionen im Kalten Krieg bevorzugt wurde.
Das musste erstmal gefeiert werden.

Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin angesagt. Gemäß unserem Konzept für progressive Völkerfreundschaft und deutsche Thriller-Motive von internationalem Niveau.
Treffpunkt Kochstraße, mit der U zur Friedrichstraße. Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt, nach Hause zu gehen und führte das OBERBAUM-Manifest in der israelischen Kampfjacke mit.

Jörg und Schmidt kamen unbelästigt durch die Kontrollen.
Mich krallten sie sich und zogen das subversive Pamphlet aus der Brusttasche. Wahrscheinlich hatte ein Spitzel in der U-Bahn mitgekriegt, dass ich mir Sorgen wegen des mitgeführten Textes machte.

Das war’s.

Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Bautzen oder Sibirien?
Ob Markus Wolf einen Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich könnte die nächste Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.

Mein ohnehin gestörtes Vertrauen in den real existierenden Sozialismus schwand von Minute zu Minute mehr, und ich fühlte mich Matthias Walden plötzlich so nahe, wie es nicht sein durfte.

Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Elend durstig, kaufte ich mir am Getränkestand vor dem Bahnhof eine Art Flüssigkeit, die als „Klub-Cola“ in die Geschichte der deutschen Trennung eingegangen ist. Ich spie sie umgehend aus, und umgehend machte ich mich an die Ausreise. Die geschah innerhalb von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze voll vom Arbeiter- und Bauernstaat.

Schmidt und Jörg hatten eine Stunde gewartet, bevor sie alleine los tobten. Jörg hatte zu Schmidt gesagt: „Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den Vorstand von Springer.“
Ja, ein guter Freund denkt auch ans berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel.

Ich verzog mich umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich hin. Da war ich wohl gerade noch einem Schicksal schlimmer als der Tod entkommen.
Ob West- oder Ost-Berlin – warum wollten sie mich denn bloß dauernd in den Knast stecken?

Abends wurde Sturm geklingelt. Ich turselte benommen zur Gegensprechanlage, und Jörg fragte aufgeregt: „Haben sie dich wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?“
Wir gingen einen trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit Schmidt hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen.

Sie hatten ab Friedrichstraße einen Stasi im Schlepptau gehabt, der sie „unauffällig“ beschattete. Den Beiden machte das Spaß. Einmal klatschte Schmidt seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und brüllte: „Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.“ In den Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, dass es nur Korn gäbe.
„Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste nicht lesen? Gib uns Wodka!“, verlangte Schmidt, während sich auf Jörgs Stirn die Schweißperlen vermehrten.
Kein Feingefühl für das Empfinden der Besetzten.

Ende Januar 1985 hatte sich Gavin Lyall mal wieder in Berlin angesagt. Gavin war immer einer meiner Lieblingsautoren gewesen. Erst durch Abenteuer- und Action-Thriller wie MIDNIGHT PLUS ONE (Filmrechte kaufte der unvermeidbare Steve McQueen) oder THE MOST DANGEROUS GAME, später dann die MAJOR MAXIM-Serie und vier historische Spionage-Romane. In meinem ersten Monat hatte ich die deutschen Rechte an Lyall für Ullstein erworben. Es entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft daraus.
Natürlich kannte Jörg ebenfalls Gavins Bücher.

Ein guter Grund für ein Annual Dinner der Gruppe Oberbaumbrücke.

Wir luden dazu unseren Ehrenpräsidenten Ross Thomas ein, der so kurzfristig nicht konnte. Jörg hatte ihm geschrieben, dass wir ein paar Leute rausgeschmissen hätten und nun nur noch eine Handvoll Mitglieder wären.
Ross schrieb ihm zurück, wir sollten noch ein paar Leute rauswerfen, um ein wirklich exklusiver Verein zu werden.

Beim Interview in der ZDF-Doku VERRÄTER UND SPIONE.

Am 30. Januar trafen wir uns zum Dinner in einem höchst exklusiven Restaurant, das Jörg ausgesucht hatte, um unseren Ehrengast Gavin Lyall zu würdigen.

Jörg schrieb das Protokoll:

„Annual Dinner of Oberbaumbrücke, 30 January 1985 at Bamberger Reiter, Berlin. Present: Mr. M.Compart, Mr. W.Proll, Mr.J.Behrens, Mr.J.Fauser. Guest of Honour: Mr.Gavin Lyall. Order of the Day: Speech. Food. Drink. General amusement. “

Über das Dinner schrieb Gavin im OBSERVER:

„You don’t expect friends to be perfect. They want me to go to a small literary dinner where I know Martin will try to get me to drink Korn (dynamite-flavoured vodka), and Wolfgang (Proll) slipped on the ice and knocked out two teeth, which spoils his perfect English, and when he asked what he should wear for the dinner, Jörg said `Teeth ‚which tells you something about Jörg. Friends should be friendly, comfortable and sometimes exciting. That is how I would describe West Berlin.“

Wir hatten uns hingesetzt und die ersten Drinks genommen.

Jörg stand auf und schlug leicht gegen sein Glas. Dann legte er los:

Gentlemen, informed that one of the original members of Oberbaumbrücke had been defected, Mr. Ross Thomas, as our Honorary President, wrote: „I refuse to admit that the group has become defunct. Instead, it has only become more exclusive. With just a few more defections, it may well become the most exclusive organization in the world with a total membership of minus one.“

Introducing our guest of honour tonight I can now assure Mr.Thomas that even without more defections we have become exclusive. Or what could be more distinguished company than Mr.Gavin Lyall, of whom John London’s once wrote: „Good thriller writers are born, not made. They are one in a thousand – and Gavin Lyall is unmistakably of their company.“
In one of your novels, Mr.Lyall, you give a very vivid description of what it means for a professional pilot to be cut off from the daily weather report. This has struck me as a perfect image of what literature – at least the kind we at Oberbaumbrücke support – is all about.

The thriller is indeed like a weather report of the troubled regions of human existence, and to be cut off from these reports would be like being condemned to live permanently in the vast hall of an airport where everybody is on strike, staring at the disconnected announcement boards, cut off from reality.

The heroes of your novels – whether they are smugglers or pilots, hunters or soldiers – rank among the finest of their kind, because – however offhand they might approach their subject – they are performing reconnaissance missions for human qualities without which we could not survive as men and as writers: courage and loyalty.

Reading your novels one knows what kind of storms we are living through; but one draws also a very British kind of toughness from them: we shall endure.

I congratulate our group on having you with us tonight.

Der ultracoole Gavin hatte eine Träne im Auge.

Vor dem Dessert fragte Gavin in die Runde, ob und warum der Wald so eine starke Bedeutung für die Deutschen habe. Wir vier schnatterten aufgeregt eine halbe Stunde hin und her. Dann kamen wir mit dem epochalen Konsens: Nicht unbedingt für Städter, aber auch!
Gavin kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Jörgs Originaltext

Gavins charmante und brillante Frau ist in GB selbst ein Star:



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart
13. September 2019, 9:06 am
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DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 3/

HEUTE: ABENTEUER IM ÜBERBAU

Drei Tage vor dem Bruce Springsteen-Konzert 1981 war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung durch München einen neuen Rekord aufgestellt. Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das Speed glühte nach. Ich war dabei, die Entgiftung mit summa cum laude abzuschließen: Da war doch dieses Buch, das ich schon ´ne Weile lesen wollte: MARLON BRANDO von Fauser. Ein bisschen was hatte ich von ihm schon im „TIP“ gelesen.

Und natürlich war ich von ALLES WIRD GUT begeistert, das mir verdeutlichte, wie tief man in München noch sinken kann…

Später bekundeten wir häufig und missionarisch, dass München viel härter wäre als Berlin mit seiner Subventionskultur, in der jeder für ein „Projekt“ ein paar Groschen abgreifen konnte. Das erzählten wir jedem, der es nicht hören wollte – wie hart sich unser Überlebenskampf in Minga gestaltet hatte:

„Wasser? Wasser gab es nicht jeden Tag. Manchmal war man zu schwach, um sich bis zur Isar zu schleppen, um zu trinken. Und wer hatte schon eine Flasche, um Wasser mitzunehmen? Ein seltenes und kostbares Gut für die bürgerlichen Schichten.

Essen? Nun ja, gelegentlich warf einem schon mal eine gutherzige Marktfrau eine glasige Kartoffel zu oder eine vertrocknete Brezen… Das waren dann Feiertage, an denen man weinend dem Herrn dankte, dass er doch über einen wachte. Man war zu arm, um sich Aberglauben leisten zu können. Wir hatten nur unseren Seelenadel.

Bier? Jaja, Minga-Bierstadt. Bayrisches Bier gilt da ja als Grundnahrungsmittel. Kein Getränk für jedermann. Für uns was ganz seltenes und besonderes. Da kam man ganz schwer dran. Das einzige Bier, das wir auch nur wenige Male gekostet haben, bestand aus zusammen geschütteten, abgestandenen Resten in der Blauen Nacht oder einem unübersichtlichen Biergarten, bevor man mit Tisch- oder Stuhlbeinen da weggeprügelt wurde.

Nachts suchte man Trost beim einzigen Buch, das man aus einem Sperrmüll gezogen hatte und der größte Schatz war, den man in seiner abgewetzten Wehrmachtsuniform immer bei sich trug. Im schummrigen Licht der Straßenlaterne (wenn man das Glück hatte, eine zu finden, von der man nicht mit bissigen Hunden vertrieben wurde) las man dann in der zerfledderten Vorkriegsausgabe von OLIVER TWIST, um ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Das ermutigte manchmal, den Strick um den Hals an einer der Isarbrücken wieder zu lösen. Manchmal auch nicht. Dann hing man da, über der nächtlichen Isar, leicht im Wind baumelnd, mit gebrochenem Genick…“

Ich knallte mir das Buch rein und konnte nicht fassen, wie gut es war. So eine Star-Biographie hatte ich noch nie gelesen!

Ich nahm mir fest vor, diesen Typen kennenzulernen.
Später stellte sich heraus, dass wir in München wohl zur selben Zeit in teilweise dieselben Kneipen gegangen waren.
Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden, ohne ins Gespräch zu kommen. Denn im Gegensatz zu Jörg, bin ich fast nie allein um die Häuser geschlichen. Weißbierkeller, Blaue Nacht, rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel… Wahrscheinlich hatten wir in denselben Nachtvorstellungen dieselben französischen Gangsterfilme geguckt.

„Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere auch gemacht“, fragte mich Jörg später.
„Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest du mich garantiert abserviert.“
„Nicht unbedingt.“
„Nee, nicht unbedingt.

Für die „Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur“ (im Umfeld der Münchener Uni 1980 gegründet) schrieb ich regelmäßig Artikel und Kolumnen für das Mitteilungsblatt. Aber auch schon mal ein Feature über das Sammeln von Kriminalliteratur für das „Sammlerjournal“.
Da ich zu zart für körperliche Arbeit bin, schrieb und übersetzte ich, um das karge Bafög aufzustocken.

In München bekam man sogar den Berliner „TIP“, der damals verstärkt überregional vertrieben wurde. Den las ich regelmäßig, denn der Kulturteil war moderner und progressiver als der durchschnittlicher Blätter. Film und Musik hatten mehr Platz, und mit den Rezensionen konnte ich mehr anfangen. Dass da Jörg Fauser seit Anfang 1981 am Werk war, fiel mir erst auf, als DER SCHNEEMANN vorabgedruckt wurde. Der Roman gefiel mir, klar, dass er als Redakteur stattfand, war mir nicht klar.

Der „TIP“ wäre vielleicht das richtige Forum für einen Artikel über Kriminalliteratur. Ich schickte, er wurde angenommen, veröffentlicht.

Nachdem Bernd Jost seinen bevorstehenden Wechsel zu Rowohlt als Nachfolger von Richard K.Flesch verkündet hatte, musste für Ullsteins Gelbe Reihe ein Nachfolger gesucht werden.
Ullsteins Geschäftsführer Viktor Niemann und Pressechef Wolfgang Mönninghof (in Personalunion als Chef-Lektor) trafen sich gelegentlich auf Drinks mit Fauser und „TIP“-Chef Werner Matthes, der Fauser nach Berlin geholt hatte. Es gab auch keine Zweifel, dass Niemann an Fauser als Autor für Ullstein interessiert war. Jedenfalls regte man an, die Ullsteiner sollten sich doch mal den Typen von der Arbeitsgemeinschaft ansehen, der diesen Artikel über Kriminalliteratur geschrieben hatte.

Niemann hatte ich schon zuvor als Chefideologe der AK belästigt
(„Hören Sie auf, die Innenklappe mit Marlboro-Werbung zu verunstalten.“
– „Wäre es Ihnen lieber, dass die Krimis dann teurer würden?
– „Nein. Senken Sie den Preis und lassen Sie gleichzeitig die Reklame weg.“

Ich hatte also meine betriebswirtschaftliche Kompetenz bereits nachgewiesen).

Der Rest ist bekannt: Nach einem Gespräch in Berlin hatte ich den Job, wurde jüngster Herausgeber Deutschlands, und bereits im ersten Job-Monat kreuzten sich Jörgs und meine Pfade.

Ich hatte zwar schon „TIP“-Chefredakteur Werner Mathes persönlich getroffen, aber Jörg noch nicht kennengelernt. Muss Anfang August ’82 gewesen sein, als Matthes mich zu einer Gaststätte bestellte, um über den „Literatur-Tip“ zur Buchmesse zu sprechen. Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur.

Es war ein scheißheißer Tag, und ich frittierte im Büro im eigenen Schweiß. Mit einem Taxi fuhr ich durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz. Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken Whisky. Matthes stellte Fauser und mich einander vor. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich es Ihnen zu verdanken hatte, bei Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich wollte auch einen Whisky. Fauser grinste. Ich konnte kein ganz schlechter sein.
Aber wir saßen nicht nur da und waren hübsch anzusehen, wir gingen auch ernsthafter Trinkertätigkeit nach, und ich akzeptierte natürlich den Vorschlag, über Jim Thompson zu schreiben.

Nach der Veranstaltung in Loccum, verdichtete sich unsere Bekanntschaft und entwickelte sich zu einer zelebrierten Männerfreundschaft.

Wir besuchten gelegentlich Kultur-Veranstaltungen, gehörten aber nicht dazu, weil wir nicht dazu gehören wollten. Wir meinten eine Art „freundlichen Stalinismus“ der Apparatschicks auszumachen, der sich für Disziplin gegenüber genehmen Denkmustern und gegen abweichenden Individualismus richtete. Ihrem Kastendenken stellten wir die Wahrhaftigkeit der Noir-Avenues gegenüber. Diese Kulturszene interessiert (e) sich nur für Biedermeierthemen. Wie die Welt wirklich funktioniert, interessiert sie nicht. Da mussten wir schon zu Jim Thompson oder Ted Allbeury greifen. Es ging gar nicht mal um die Systemfrage, es ging darum, wie das System funktioniert. Erkennt man das, kommt die Systemfrage von selbst.

Existentialistische, an Camus erinnernde Aussage, wie diese von Jean-Pierre Melville passten hier nicht hin: „Ich mag nutzlose Anstrengungen sehr. Der Aufstieg zum Misserfolg ist eine ganz und gar menschliche Seite. Der Mensch geht von Erfolg zu Erfolg unentrinnbar auf sein letztes Scheitern zu: den Tod. In meinen Filmen gibt es immer eine Minute der Wahrheit: Der Mensch vor dem Spiegel, das ist die Prüfung, die Bilanz.“
Nein, hier kreiste alles um großbürgerliche Ästhetik, bürgerliches Glücksstreben in der Idylle eines progressiven Opernhauses und dessen Unmöglichkeit wegen der großen Schuld der Väter. Echokammern eines überholten Geisteslebens. Kulturelle Geisterfahrer.

Jörg wurde nicht vom bourgeoisen Feuilleton missachtet, er wurde von ihm nicht verstanden. Das zeigt sich auch darin, dass er jederzeit zu ihm Zugang fand. Ein Helmut Karasek hatte kein Problem, Jörg im „Spiegel“ über Mickey Spillane schreiben zu lassen, die „FAZ“ druckte seinen Essay über Ross Thomas vorab. „Lui“, „TransAtlantik“ und andere Zeitungen und Magazine standen ihm offen. Indem er den TIP (nicht nur mit der jährlichen Literaturbeilage zur Buchmesse) mit einer regelmäßigen literaturkompetenten Portion ausrüstete, wurde er selbst zum Player in diesem desparaten Genre. Seine Überlegenheit und Originalität kam eben nur nicht bei jedem Mitkombattanten gut an. Besonders nicht seine Tunnelbohrungen durch diesen überdimensionalen Misthaufen, der als deutsche Gegenwartsliteratur gefeiert wurde.

Denn unter den Möglichkeiten für eine zeitgemäße Literatur sahen wir Formen der Kriminalliteratur als überzeugendste Möglichkeiten (in der Umsetzung anders als der häufig talentlose Sozio-Krimi und seine stilistisch begrenzten Autoren). Denn in der sogenannten zeitgenössischen deutschen Literatur ging es ja nur darum, dass Leute, die einen nicht interessieren, nichts erleben.

Mit André Malraux teilten wir die Ansicht, dass Kriminalliteratur „das wirksamste Mittel ist, einen ethischen oder poetischen Sachverhalt in seine ganze Intensität zu übersetzen“.
Angesichts des Widerstandes (zum Teil Hass), der uns von Feuilletonisten und Autoren entgegenschlug, grinsten wir lediglich in unserer tief empfundenen Arroganz und hielten es (abgewandelt) mit John Milton: „Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.“
Eine unserer Strategien gegen unserer Meinung nach gestriges Kulturverständnis waren Debatten statt Diskussionen, da diese den höheren Provokationsfaktor haben. Jörg kannte die gegnerischen Konzepte genau: Oft las er diese Nabelschau-Bücher nur zu Ende, weil er wissen wollte, ob der Autor tatsächlich dieses miese Niveau halten konnte.

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Für mich sollte sich diese schöne Erkenntnis einmal mehr beweisen. Eines Abends – ich machte mich gerade für die Piste fertig – klingelten die Bullen. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus der Münchener Zeit mit Karibik-Horst, den ich längst begraben wähnte, war noch anhängig. Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft, bis die Banken öffneten.

Soviel Kohle hatte ich nicht einstecken, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram wie Kreditkarten. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort am Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer besseres als Knast vor?

Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte in der Frontstadt damals manch kleines Wunder. Die Cops waren einverstanden und führten mich ohne Handschellen zu Jörg ins 13.Arrondissement.
Da Jörg Gäste erwartete, musste er zu Hause sein. Es war noch früh, zu früh für einen Joint, die Gäste waren erst angekommen. Keine Rauchschwaden zu erwarten.
Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg musterte die grinsenden Bullen, zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein und die Bullen wünschten uns noch einen schönen Abend.

Gibt wohl nicht viele Autoren, die einen Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht. Allerdings liebte er es auch, erbost zu sein. Ein feuilletonistischer Streuner, Hass in der Feder, hatte ihn oder von ihm geschätztes dann angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muss, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen.

Von Jörg selbst bearbeitetes Manuskript.

Zeit seines Lebens, wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt: „Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert“. Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrissbirnen nicht an ihn ran.

Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name, Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen den Hass auf Jörgs Überlegenheit, den Hass darauf, dass er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Hass darauf, dass er in jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold herstellte, den Hass darauf, dass er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Hass auf ihre eigene Unzulänglichkeit.

Noch heute gibt es ja solch ewige Buben, die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, dass von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. „Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden“, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.

Was zum Teil von denen zu halten ist, die ihre Talentlosigkeit damit überdecken, dass sie sich heute auf Fauser beziehen, ist eine andere Geschichte.

Wie wir alle (und insbesondere Künstler), war auch Jörg eitel. Wenn jemand clever genug war, die richtigen Knöpfe zu drücken, konnte er mit seiner Wohlgesonnenheit spekulieren. Mich hat das häufig verärgert:
„Aber der hat doch bereits nachgewiesen, dass er nicht schreiben kann!“
„Jeder fängt mal an. Und in seiner Bestrebung zu mir lässt sich erkennen, dass er nach dem richtigen Weg sucht.“
„Er schmiert dir Honig ums Maul, weil er hofft, dass du für ihn nützlich sein kannst.“
„Zweifellos ein Zeichen von Intelligenz.“
„Du hast selbst gesagt, wie schlecht er schreibt.“
„Er hat noch einen langen Weg vor sich. Um so wichtiger, von den Besten zu lernen.“
„Aber sicher. Du bist eine Vollkaskoversicherung für ästhetisches Gelingen.“


Alles was auch nur den Anflug von Hippie-Kultur und Verwandtem hatte, war für Jörg sehr schlecht beleumdet. In seiner TIP-Kolumne ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um sich mit alternativen Subkulturen anzulegen („Lieber die Pershing im Vorgarten, als den Politkommissar am Schreibtisch“). Vom „Underground“ war da nicht viel übrig.
Es waren Zeiten der Polarisierung, und das liebte Herr Fauser. Außerdem gefiel ihm die Rolle des Advocatus Diaboli.
Abgesehen von seinem Gespür und Bewusstsein für (politische) Kriminalität war Jörg in vielem so progressiv wie ein sozialdemokratischer Ortsvereinskassierer.
Aber für die vielen Masken der Korruption hatte er ein feines Gespür.

Ich hatte zwar auch für den Rest meines Lebens genug von dem Alternativscheiss (siehe meine Aufzeichnungen in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Sozialisationsgeschichte mit den Rolling Stones), aber mir standen Hausbesetzer näher als Innensenator Lummer.
Jörg hatte ein Faible für kleinwüchsige autoritäre Spießer. Erkennbar auch in seiner kurzzeitigen Faszination von Proll Gert Schröder und Joschka Fischer. Deren volle Idiotie des Kommenden war damals noch nicht wirklich vorhersehbar; das muss man als mildernde Umstände anführen.
Das Meiste aus dem Alternativscheiss wird sowieso zum Mainstream von Morgen, wenn es sich kommerziell verwerten lässt. Zwischen den Stühlen konnten wir vortrefflich stehen um auf die Sitzenden herabzublicken.

Andererseits war Jörg immer interessiert am Anarchismus und an Freiheitskriegen. Ihm missfiel die Idiomatik, mit der die „Linke“ (was immer das sein mag) alles heroische verteufelte und klein zu machen versuchte. Wir hatten beide erlebt, wie die Linke sich seit den 70ern gegenseitig exkommunizierte. Diese dogmatischen Idioten ernst zu nehmen, fiel schwer, während wir der Roten Armee Fraktion Respekt nicht verweigern konnten.
Der Spanische Bürgerkrieg und George Orwell und die Beats hatten ihm jeden Dogmatismus ausgetrieben. Mit der Faszination des Faktischen, der Macht der Tat, war Jörg ganz bei seinen literarischen Idolen.

Zu meinen Freundschaftsaufgaben gehörte es auch, Jörg gelegentlich zu stabilisieren.
Da ich alles verachtete, was Häme oder Unverständnis über ihn ausschüttete, war das ziemlich leicht. Wenn ich mit meinem hypertrophierten Selbstbewusstsein diese Bagage lächerlich machte und vollkommen überzeugt darauf hinwies, dass es keinen Autor deutscher Zunge gab, der ihm das Wasser reichen könne, blieb ihm nur Zustimmung, bessere Laune und weitere Pläne schmieden.

Kritiker haben Jörg immer mal wieder vorgeworfen, er hätte Probleme gehabt mit Gefühlen umzugehen, sei unnahbar und arrogant gewesen, habe sich hinter einer Männerwelt verschanzt.
Gerade aufs SCHLANGENMAUL bezogen hat man das öfters gehört und gelesen. Alles völlig verblödeter Unsinn kontaktgestörter Stubenhocker. Der Preis für Autonomie ist Isolation.

Jörg konnte ein äußerst warmherziger und sensibler Freund sein. Genauso konnte er eiskalt und arrogant gegenüber Arschlöchern sein (oder weil er gerade schlecht drauf war).
Jörg schrieb über Männerwelten, weil er diese kannte und sich in ihnen bewegte. Für diese Kritiker ist das exotischer als eine Reise mit der Enterprise. Dieselbe Art kastrierter Marketender der Literatur haben Hemingway vorgeworfen, dass er über Stierkampf, Krieg oder das Fischen schrieb. Oder Dashiell Hammett, dass er die harte Welt der Pinkertons kannte. Jörg liebte es, durch Schlamm und Morast der dunkelsten Ecken unserer Gesellschaft zu waten.
Diese geistigen Feuilleton-Hinterlader finden ihre schlichten Freuden wohl nur bei lästigen Autoren, für die Rolf Giesens unsterblicher Satz über den deutschen Film gilt: „Wenn sie schon nichts erlebt haben, warum müssen sie dann Filme darüber drehen?“

Jörg, je mehr ich diesen Scheiß aufzeichne, um so mehr habe ich das Gefühl, mich von Dir zu entfernen.

Gewisse Autoren, die heute begeistert über Fauser sind, ahnen wahrscheinlich tief in ihrem Inneren, dass Jörg für ihr Geschreibsel nur Hohn und Spott übrighätte.

In ihren Betriebszeitschriften schreiben sie alles hoch, was bedeutungslos, langweilig, unerotisch und fade ist. Eben alles, was wie sie ist.
Und dazu gehört noch immer oder wieder das Gros „neuer“ deutscher Kriminalliteratur nach/seit Fauser. Ein guter Referenzpunkt für Idioten.
Leblose Romane für Alphabeten-Zombies mit Restmimik.

FORTSETZUNG FOLGT



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 2/

HEUTE: GETRÄNKEKONSUM

Wir erlebten viel, vorzugsweise nachts. Wir zogen nicht dauernd durch dieselben Destillen, sondern erkundeten Bezirke vom Wannsee bis Neukölln.
Manche dieser Kneipen waren Wartesäle der Verzweiflung, in denen das halbkomatöse Publikum aufs Ableben hinsoff. Wir tranken ohne Berührungsängste in Kaschemmen voller zechender Wüstlinge, in denen das Bier wie die Pisse volltrunkener Diabetiker schmeckte, bis wir bei Morgengrauen am Tageslicht zupften. Höhlen, in die sich nie Autoren, Feuilletonisten oder andere Kulturfuffis verirrten. In diesen letzten Ausfahrten vor der Gosse war man sicher vor ihren schleimigen Zellhaufen.

Sollte ein unangenehmer Zeitgenosse in die Quere kommen, warf Jörg die Killermaschine an – und dann ging man besser schleunigst in Deckung. Jörg konnte Leute rhetorisch auseinandernehmen, bis sie weinten. Oder er killte mit absoluter Sprachlosigkeit, starrte den anderen nur an, ohne auf eine Frage zu antworten. Irgendwann schlich er gedemütigt davon.

Eingekeilt zwischen Tresen und kalten Drinks redeten wir über alles und nichts. Wir waren immer auf der Suche nach der perfekten Bar, in der es den perfekten Martini gab und uns der perfekte Barkeeper – wie bei Ross Thomas – mit den Worten begrüßte: „Und was wollen wir heute gegen das Elend tun?“
Auf der Suche nach Mac’s Place folgten wir jedem Gerücht wie Esel der Mohrrübe.

Wir waren echte Zen-Buddhisten: Der Weg war das Ziel.

Eine Zeitlang existierte genau in der Mitte zwischen Jörgs und meiner Wohnung etwas, was nahe ran kam: das Martini-Stübchen. Die Cocktails waren exzellent, es gab Becks vom Fass, und der Tresen hatte die richtige Höhe. Die Höhe des Tresens war ein immer wieder kehrendes Thema, dass in großer Ernsthaftigkeit diskutiert wurde.

Euphorie war nie weiter entfernt als der nächste Barhocker. In der DICKEN WIRTIN gab es hervorragende Eintöpfe, die wir als Grundlage für unsere Reisen durch die Nacht zu uns nahmen.
Schräg gegenüber war ein Frauenbuchladen mit dem schönen Schild: MÄNNER MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN. Wir vermuteten, dass der Gehalt an heterosexueller Pornographie der dort angebotenen Lektüre eher gering war.

Der Bummel durch die „Bleistreustrasse“ war uns meist zu fade angesichts der alternativ-kleinbürgerlichen Bistrokneipen. Aber gelegentlich musste man da mal durch, um das lang zurückliegende Shootout zwischen persischen und deutschen Zuhältern zu würdigen. Wir fanden ein paar Einschusslöcher.

Spät in der Nacht konnten wir uns impulsiv dazu entschließen, ein anderes Reservat aufzusuchen, ein neues Territorium zu erkunden. Dann sprangen wir ins Taxi und genossen die Fahrt durch ein ebenso düsteres wie nuttig beleuchtetes Berlin. Stumm aus dem Fenster blickend, brachte uns ein dumm vor sich hin schimpfender, specknackiger Taxifahrer durch fremde Straßen mit fürchterlichen Schicksalen hinter jedem Fenster. Hier schlummerte eine Menge Rohstoff.

Berüchtigt waren die Trinkgelage bei Ullstein. Vor den halbjährlichen Vertreterpartys sammelte sich die Clique in meinem Büro: Rolf Giesen (vollgestopft mit den neuesten Gemeinheiten über die Filmszene), Wolfgang Proll (der im Auftreten wieder in seine undurchsichtigen Zeiten beim Diplomatischen Korps zurückfiel, Jürgen Behrendt (in freudiger Erwartung der Freidrinks), Ronald M.Hahn (als Science Fiction-Lektor extra aus Wuppertal angereist) und Jörg (im besten Zwirn). Dann war Lärm im Maschinenraum.

Die Nacht endete meistens mit einer Roomparty im Exzelsior, wo unsere Vertreter Domizil nahmen. Es muss wohl in der Suite von Eckkart Müller gewesen sein. Christiane Bertoncini hatte sich ins Bad geflüchtet, war dort – wie häufig – wahrscheinlich eingeschlafen. Jörg hämmerte gegen die Badezimmertür und forderte beständig: „Machen Sie auf, Madame! Lassen Sie mich für heute Nacht Ihr Gatte sein!“

Wir zogen gerne mit den Ullstein-Vertretern herum, eine handfeste und intelligente Clique. Jörg sah den Nebeneffekt wie ich: Das waren die ersten Verkaufsgespräche für unsere Produkte.

Gelegentlich trafen wir uns im Musik Café am Olivaer-Platz (dort begann auch die Veröffentlichungsfeier von ROHSTOFF). Die Kundschaft bestand hauptsächlich aus vergnügungssüchtiger Mittelschicht, die sich wie ein Song von CULTURE CLUB stylte.

Wir machten Wallfahrten zu den Puffs in der Giesebrecht (Salon Kitty)- und Clausewitzstrasse (hier verkehrte James Bond) und anderen Heiligtümern. Gärten der Verderbtheit.

Wir gingen nicht nur in hippe Bars oder etablierte Schänken, wir durchpflügten die Berliner Tränken vertikal. Eben noch in einer feinen Hotelbar, dann in einer brutalen Absturzkneipe. Diese Unterschiede und Gegensätze machten Vergnügen. Mit dem Bierglas in der Hand durch die Gesellschaftsschichten. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Hoffnungen, unterschiedliche Codes, unterschiedliches Grauen, unterschiedliche Musik, unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Wut, unterschiedlicher Spaß, unterschiedliche Preise, unterschiedliche Einkommen.

Jörg registrierte alles, um es gegebenenfalls literarisch zu verwerten. Diesen Hang zur Schichtendurchlässigkeit hatten wir wohl beide aus München mitgebracht.

Unwohl fühlte sich Jörg nur in alternativen Kiez-Szenekneipen, in denen Mütter ihre Säuglinge öffentlich und nicht mit Gin stillten. Wenn ich ihn dazu bewegte, eine „Alternativkneipe“ zu besuchen, machte er ein Gesicht, als müsse er zu einer Darmspiegelung. Keine Druckbetankung würde helfen. Da konnte Jörg ausfallend und richtig aggressiv werden. Das führte natürlich auch zu äußerst begrenzter Verweildauer – was Herr Fauser von Anfang an im Sinne hatte. „Ein solcher Scheißladen reicht für einen Abend.“

Auch die „Paris-Bar“ war nicht unser Ding. Da wurde man von den falschen Leuten erkannt. Denn dort verkehrte jeder, der sich selbst als kulturell wertvoll empfand. Berlins selbsternannte Qualitäts-Elite. Hauptsache, die Armen, Ungebildeten und Hässlichen blieben, wo sie hingehörten, nämlich die Nasen von außen an die Scheiben gepresst.

Der „Zwiebelfisch“ war nicht weit von dieser parfümierten Jauchegrube, aber freigeistiger.

Wir suchten den Zauber der Großstadtnacht in Ruinen, in Bars, beim Flanieren, in zügigen Neuköllner Hinterhöfen, in einer düsteren Spelunke tief unter dem Anhalterbahnhof, in Mitternachtsvorstellungen mit Eastwood, Delon und Bronson, in koreanischen Stehausschänken oder Kiezfesten. Das war eine Welt jenseits der dreisten Konventionen der Bürgerlichen Gesellschaft. Dann wurde bei der Zeit der Pausenknopf gedrückt. Und wir erregten uns gerne über das Versagen der zeitgenössischen deutschen Literatur vor der Realität. Besonders der politischen. Dann zählten wir angelsächsische West-Berlin-Romane auf un fragten einander, welcher deutsche Autor da mithalten könne. Oder welcher deutsche Autor schon mitbekommen hat, dass diese Stadt ein Brennpunkt des Kalten Krieges ist. Nach Kirst, Heinrich oder Herbst wohl keiner mehr. Und was war Günter Grass im Vergleich zu Fallada? Und warum kennt keiner mehr Kirst – bei allen Mängeln, die ein kompetentes Lektorat hätte ausgleichen können? Manchmal wurde es richtig abstrus: Etwa, dass man jede deutsche Großstadt (und Weltstädte sowieso) am Trottoirpflaster erkennen könne…

Nachdem er in die Krumme Straße gezogen war, hingen wir gelegentlich bei ihm ab. Er hatte eine Wohnung im 13.Stockwerk eines Hochhauses, die wir das 13.Arrondissement nannten. Wenn es stürmte, wackelte die schmale Terrasse, die sich um die Wohnung zog, und der Wind rüttelte an den Fenstern. Mit einer Dose Becks stellten wir uns ans Geländer, darauf bedacht, nicht über die Brüstung geweht zu werden. Wie an eine Reling gelehnt, machten wir eine Sturmfahrt über das in Donner und Blitz getauchte Berlin unter uns.
Ein Joint half dabei.

Während eines heißen Sommers zeigte ich Jörg, wie man in der Karibik Bier trinkt, um den Kater zu bekämpfen. Das wurde zum regelmäßigen Ritual, für das Jörg Paletten Becks-Büchsen und Zentnerweise Zitronen einkaufte. Dann saßen wir in der Hitze auf der Terrasse, eine Kiste mit Zitronenhälften, Salz und eiskaltes Bier. Salz wurde vor den Öffnungsschlitz gestreut, Zitronensaft bis zum Büchsenrand drauf und dann alles zusammen in die Kehle. Das kam gewaltig, und nach der dritten Büchse wich der Kater einem neuen, euphorischen Rausch.

Beim alten Fremdenlegionärscocktail „Apotheke“ (halb Fernet, halb Pastis) hielt sich seine Begeisterung in Grenzen (obwohl das Bukett Fliegen tot von der Decke fallen ließ).

Möglichst an Tagen, an denen wir im DDR-Fernsehen Umzüge ansahen und so schöne Plakate entdeckten wie „Wir danken der Partei für ihre kluge Politik“.
Unser Shinto-Schrein war der Videorecorder, munitioniert mit Melville-Filmen. Wenn wir nachts aus den Kneipen wankten, war immer noch Zeit für einen Joint bei UN FLIC.
Manchmal telefonierte Jörg nachts mit seiner Tochter in England. Der Tonlage nach mussten die Beiden ein gutes Verhältnis zueinander gehabt haben.

Häufig war nach dem vorvorletzten Getränk rund um uns der Morgen schon im vollen Gange. Die Nacht war weggesickert. Es war nicht angenehm, bei Tageslicht aus einem Laden zu kommen: Um einen herum die hysterischen Bewegungen der Graden, die zum Arbeitsplatz eilten. Man selbst hatte sich wieder nüchtern gesoffen, ohne Geld zurück verlangen zu können. Dann verabschiedeten wir uns schlecht gelaunt, stürzten heim, um die Decke über den Kopf zu ziehen und versperrten dem Universum den Zutritt zum Schlafzimmer.

Das bereits erwähnte „Martini-Stübchen“ lag auf halber Strecke zwischen Jörgs Wohnung in der Krumme Straße und meiner auf der Kant. Wenn wir sowas wie einen Hauptwohnsitz hatten, dann war das hier.

Betrieben von zwei cleveren jungen Männern und einer hübschen jungen Frau, die höchst angenehm und humorvoll im Umgang waren. Einer von ihnen war wohl ein ausgebildeter Barmann. Jedenfalls bekamen wir dort die besten Martinis von Berlin – und das nutzten wir weidlich. Vor einem leeren Glas zu sitzen, hätte an Hausfriedensbruch gegrenzt. Außerdem war es eine Art Salon, in dem wir Verabredungen empfingen, Gäste einladen konnten, die wir nicht in unseren Wohnungen haben wollten. Endlich eine Destille, die nicht zu klein war für unsere Gespräche. Ja, näher waren wir nie an „Mac´s Place“. Davon gibt es kein Filmmaterial – eine kulturgeschichtliche Schande.

Gelegentlich lief da auch ein „Nachwuchsautor“ ein. Ich habe dann Jörg vorgeworfen, er sei viel zu freundlich. Denn jeder angehende Möchtegernautor konnte ihm sein Manuskript andrehen. Statt es dann in die Tonne zu kloppen, verschwendete Jörg Stunden darauf, es zu redigieren und mit dem „Autor“ zu reden. Meist war die Karriere damit erledigt. Kaum einer wollte am Text arbeiten, umschreiben und lernen. Getreu dem Hammett-Motto: „Es ist schön, einen neuen Roman zu haben, an dem ich nicht arbeite. Der alte, an dem ich nicht gearbeitet habe, begann mich zu langweilen.“

Ullstein hatte damals eine Gelddruckmaschine: das GUINNESS-BUCH DER REKORDE, lektoriert vom ehemaligen SAFARI-Verlagsleiter Hans-Heinrich Kümmel mit der Assistenz von Karin Fehse. In vielen Haushalten muss es das einzige Druckwerk gewesen sein, Deshalb gab es auch jahrelang auf der Frankfurter Buchmesse beim Ullstein-Stand einen Guinness-Ausschank. Da konnte dann der geneigte Messebesucher auf Ullstein kosten ein gepflegtes Guinness trinken, wenn ihm das Durchpflügen der heiligen Hallen die Kehle ausgetrocknet hatte.

Ich hatte mich eines Morgens mit Helmut Wenske verabredet. Ein oder zwei Jahre zuvor war sein Underground-Klassiker ROCK´N ROLL TRIPPER erschienen, aber Wenske war nach wie vor als Maler und Cover-Künstler bekannt. Wir richteten uns an der schönsten Stelle am Stand ein, denn ich war auch mit Jörg verabredet. Wenske und ich sprachen dem dunklen Bier zu.

Und dann kam auch irgendwann Herr Fauser.
Jetzt ging die Party richtig los:

Zwei lautstarke Underground-Hessen, Guinness und dazwischen ein schüchterner Lektor. Hessischer Anarchismus, der in dem Manifest gipfelte: „Ich lass mir doch nicht von Idioten erzählen, was ich zu machen habe.“
Die Hostess kam mit dem Zapfen kaum nach. Für weitere Kundschaft war nun wirklich kein Raum oder Becher mehr. Das Kontingent reichte ja kaum für uns.
Die Kreise, die man um uns (und den Ullstein-Stand) zog, wurden immer weiter. Keiner schien dem niveauvollen Geplärre lauschen zu wollen.

Dann kam Geschäftsführer Viktor Niemann, ein durchaus toleranter und humorvoller Mensch, und nahm mich beiseite. Er bot mir einen Hunderter an, wenn ich mit meinem Pack woanders hingehen würde. Sein Wunsch war mir pekuniärer Befehl und so zogen wir zu Fischer, Hoffmann & Campe… und…und… Na dahin, wo schon vormittags was im Ausschank war. Immer nur zwei, drei Wein und ein paar Kurze. Denn kein Verlag schien gewillt zu sein, Büchermacher auf Motivsuche langfristig zu bewirten. Der Hunderter ging dann irgendwann in Äppelwoi-Kaschemmen drauf, bevor Jörg und ich zum Ullstein-Empfang torkelten, um Scholl-Latour zu treffen, der ein Idol von uns war.

Jörg hatte wie jeder ernsthafte Trinker den Trick raus, nüchtern zu sein, wenn es drauf ankam. Zum Beispiel, wenn eine Deadline bevorstand. Oder wenn er beim TIP „Heft machen musste“. Alle zwei Wochen. Dann zeigte er eiserne Selbstdisziplin. Er war eben kein Säufer, sondern ein ernsthafter Trinker.

Wenn Jörg an einem längeren Stück arbeitete – insbesondere an Romanen -, gab es kein um die Häuser ziehen oder Saufereien. Dann verließ er seinen Kampfstand nur um einzukaufen, vor allem Milch, literweise Milch. Jörgs Image als Streuner war seit Frankfurter Tagen so etabliert, dass die Zeitungen darüber berichteten, wenn er mal zu Hause war.

In Klausur hämmerte er auf seine mechanische Reiseschreibmaschine ein, wie die großen Vorbilder von Graham Greene bis George Orwell. Ich schlug ihm mal vor, es mit einer schönen neuen elektrischen zu versuchen (ich selber hatte gerade die Freuden einer IBM Kugelkopf kennengelernt), die ihm das Schreiben erleichtern könne. Er sah mich nur verächtlich an: „Man muss um jeden Satz kämpfen.“

Und dieser selbstmitleidlose Kampf zeichnete seine Texte aus. Die meisten Bücher werden nur gelesen, andere sind Erfahrungen, die zum Bestand der eigenen Biografie werden. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Jörg heute noch auf so viele jüngere Leser eine Faszination ausübt.

FORTSETZUNG FOLGT