Martin Compart


MiCs Tagebuch by Martin Compart
9. Februar 2019, 10:40 am
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: , ,

MiCs Tagebuch – Februar 2019

EL CHAPO im Liveticker

in CRIME-TV unter https://crimetvweb.wordpress.com/2019/02/09/mics-tagebuch-februar-2019-el-chapo-im-liveticker/

„Baut die Mauer hoch genug, Gringos.“

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EL CHAPO: Die 3.Welt kommt zu dir by Martin Compart
18. Januar 2019, 2:35 pm
Filed under: Rauschgift, TV-Serien | Schlagwörter: ,

Die von der spanischen Produktionsfirma Univision Studios für Netflix produzierte Serie EL CHAPO erzählt die beeindruckende Lebensgeschichte des neben Pablo Escobar populärsten Großhändlers für Freizeit-Pharmazeutika.

Die bisherigen drei Staffeln (2017-18) wurden von Silvana Aguirre,und Carlos Contreras entwickelt und geschrieben.

Erinnert sich noch jemand an Ricardo Tubbs weise Worte in MIAMI VICE? „Du brauchst nicht in die 3.Welt gehen, Sonny – sie kommt zu dir.“
Genauso ist es mit der TV-Serie EL CHAPO (drei Staffeln): Sie bringt dir die dritte Welt ins Fernsehzimmer.

Es fängt alles ein bisschen anstrengend und harmlos an. Etwas gereizt zieht man Vergleiche mit der glatteren US-Produktion NARCOS (die man ebenfalls nur empfehlen kann!). Es braucht drei oder vier Folgen, um in diese hoffnungslose Welt einzutauchen um dann in ihr fasziniert abzutauchen. Sie müssen erst den Rhythmus finden. Die Serie wird von Folge zu Folge intensiver.
Die Gefängnisszenen in den drei letzten Folgen der ersten Staffel sind von einer Intensität, und vor allem auch psychischen Brutalität, wie man es noch nie gesehen hat.
Gedreht ist sie in einem banalen Realismus, der jederzeit mögliche Gewaltausbrüche als Selbstverständlichkeit impliziert.
Für die Schauspieler lässt sich kein schlechtes Wort finden. Wahrscheinlich haben drei Staffeln EL CHAPO soviel gekostet, wie fünf Folgen NARCOS. Das sieht man. Zu ihrem Vorteil, denn NARCOS wirkt dagegen wie ein übliches geleckte Hollywood-Projekt für gelangweilte Gymnasiasten aus gutem Haus.
Die Serie macht ganz klar: In dieser 3.Welt gibt es nur Täter und Opfer. Dazwischen ist kaum Platz für Alternativen. Man muss sich für eine Seite entscheiden.

„Wir werden den Drogenhandel nicht ausrotten können, Herr Präsident. Aber wir können ihn kontrollieren, indem wir mit dem dicksten Fisch zusammenarbeiten, der die anderen frisst.“

Der mexikanische Kriminalschriftsteller Paco Taibo II sagte mir mal: „Ihr Europäer jammert darüber, dass die Mafia so mächtig ist, dass sie den Staat bedroht. Bei mir zuhause ist der Staat die Mafia.“

In der 2.Season zeigt eine Folge, was der angebliche Krieg gegen die Drogen-Mafias mit der Bevölkerung macht. Deprimierender geht es kaum! Danach weiß man, das keine Mauer die aufhalten wird, die diesem Inferno entkommen wollen. Da würde ich lieber mit einem Schlauchboot den Atlantik zu überqueren versuchen. Und explodiert ist alles mit Bill Clintons NAFTA-Abkommen, dass korrupten Politikern, Drogen-Kartellen und US-Konzernen immensen Reichtum bescherte, während die Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes zu Mindestlohn-Sklaven herab gewürdigt werden.

Keine Serien für schwache Mägen. Eines wird uns Marzipanpüppchen durch die Serie deutlich: In der 3.Welt mag keiner von uns leben. Gebt uns die Vorteile von NAFTA (dadurch kann man kaum noch Grenzkontrollen vornehmen, denn dann müsste die marode US-Industrie ein Jahr auf Zulieferer aus Mexiko warten), und lasst die Probleme im Land. Eine Mauer schützt nicht vor den erwünschten Drogen, aber unzureichend vor ihren Opfern.

Die Gringos tauchen nur sporadisch und am Rande auf. Wenn sie unzufrieden sind. Dann maßregeln sie den mexikanischen Präsidenten in unfassbarer Arroganz und sagen ihm, was er gefälligst in ihrem Sinne zu tun habe. Das bezieht sich dann auch noch auf Guatemala, San Salvador usw. Man erkennt, wie der US-Imperialismus seit über hundert Jahren seinen Hinterhof foltert, manipuliert und ausbeutet. Das Korruptionsgeflecht, aus dem die Staaten bestehen und die keine zu bewältigende Ausnahme sind, wird in der Serie so greifbar, dass man beim Zusehen am besten ein paar Kotztüten bereit hält. Jeder Lateinamerikaner ist ein potentieller Asylant. Kein Wunder, dass Kuba als einziger Leuchtturm des Kontinents (siehe Michael Moores Film SICKO über das US-Gesundheitssystem im Vergleich zum kubanischen) von den USA seit 1960 mit psychopathischen Hass bedroht wird.

El Chapo von Malcolm Beith

Alles ist bestens recherchiert und durch einschlägige Literatur belegt. Lediglich die Namen der an Ekelhaftigkeit nicht zu überbietenden Politiker wurden aus mir unverständlichen Gründen geändert. Um sie zu entschlüsseln, empfehle ich als Begleitbuch zur Serie: EL CHAPO von Malcolm Beith, Heyne Hardcore, 2011.
Da El Chapo inzwischen an die USA ausgeliefert ist (nachdem er blöderweise dem genauso unnütz ambitionierten wie dummen Hollywood-Menschen Sean Penn ein Interview geliefert hatte, wurde sein Standort durch die SMS-Kommunikation mit Penn gepeilt und Chapo festgenommen) und sein Prozess durch die Imperialmacht läuft, bleibt es abzuwarten, ob es mal eine vierte Staffel geben wird.



TV-NOSTALGIE by Martin Compart
17. Dezember 2018, 7:33 pm
Filed under: 77 Sunset Strip, Max Allan Collins, ROCKFORD FILES, TV-Serien | Schlagwörter: ,

Für ihr ungemein unterhaltsames Buch THE BEST OF CRIME & DETECTIVE TV (1988) fragten die Autoren Max Allan Collins und John Javna 37 Kriminalschriftsteller, darunter Larry Block, Mary Higgins Clark, Jack Early, Loren Estleman, Joe Gores,Stephen King, Elmore Leonard, Warren Murphy,Ben Schutz, Mickey Spillane, Donald E.Westlake und Sara Paretskyund über 50 Fernsehkritiker nach den ihrer Meinung nach besten Krimifernsehserien aller Zeiten in unterschiedlichen Kategorien.
Da hat sich zum Glück doch vieles verändert! Obwohl: Rockford, Harry O, Car 54 oder Crime Story könnte ich mir gerne mal wieder ansehen…

Und was ich Max und seiner Gang nie verzeihen werde, ist die Abwesenheit von MAN IN A SUITCASE. Und eine Cop-Serienliste ohne MIAMI VICE – da diskreditiert man sich aber gewaltig!

PRIVATDETEKTIVSERIEN:

1. DETEKTIV ROCKFORD-ANRUF GENÜGT (THE ROCKFORD FILES)
2. HARRY O
3. PETER GUNN
4. CITY OF ANGELS
5. DIE SCHNÜFFLER (TENSPEED AND BROWN SHOE)
6. PERRY MASON
7. MAGNUM
8. RICHIE BROCKELMAN, PRIVATE EYE
9. 77 SUNSET STRIP
10.MANNIX

POLIZEISERIEN:

1. POLIZEIREVIER HILL STREET(HILL STREET BLUES)
2. DRAGNET(POLIZEIBERICHT, die frühen Folgen, die bei uns nie gezeigt wurden)
3. NAKED CITY
4. COLUMBO
5. POLICE STORY
6. THE UNTOUCHABLES
7. CRIME STORY
8. EINSATZ IN MANHATTAN(KOJAC)
9. CAGNEY & LACEY
10.BARETTA

SERIEN MIT AMATEURDETEKTIVEN:

1. LORD PETER WIMSEY
2. ELLERY QUEEN
3. KOLCHAK: THE NIGHT STALKER
4. IMMER WENN SIE KRIMIS SCHRIEB(MURDER SHE WROTE)
5. SIMON TEMPLAR(THE SAINT)

KRIMINALKOMÖDIEN:

1. RUMPOLE OF THE BAILEY
2. WIR VOM 12.REVIER(BARNEY MILLER)
3. POLICE SQUAD
4. BATMAN
5. WAGEN 54 BITTE MELDEN(CAR 54, WHERE ARE YOU?)



ERSTE TAGE IM BUNKER – DIE TV-SERIE MINDHUNTER by Martin Compart

Eine Welt ohne Serienkiller ist heute nicht mehr vorstellbar. Ob in Realität oder Fiktion, der Serienkiller ist zum Topos eines Horrors der westlichen Zivilisation geworden. Film, TV und vor allem die zeitgenössische Kriminalliteratur sind überflutet mit den hirnrissigsten Killern (der bisherige Höhepunkt literarischer Idiotie dürfte Ethan Cross mit seiner Familie der Serienkiller sein; ein Gevatter arbeitet gar für das FBI, um den Horror heimelich zu machen).
Erst vor etwa vierzig Jahren wurde der Begriff „Serienkiller“ kreiert, und zwar von dem FBI-Agenten Robert Ressler. Obwohl zuvor dieses kriminelle „Phänomen“ bekannt war (von Jack the Ripper bis Ed Gein), wurde es erst seit Mitte der 1970er Jahre wissenschaftlich erforscht.

Und zwar von den Pionieren Professor Ann Burgess, Robert Ressler und John Douglas.

Die spannende Entwicklungsgeschichte ihrer Forschungsarbeit, die für die Kriminologie neue Türen öffnete, ist das Thema der TV-Serie MINDHUNTER von David Fincher, Charlize Theron, Joe Penhall und Jim Davidson nach den Erinnerungen von John Douglas.
MINDHUNTER ist eine der radikalsten Serien der jüngeren TV-Geschichte…

weiterlesen auf CRIME-TV unter https://crimetvweb.wordpress.com/2018/12/14/erste-tage-im-bunker-mindhunter/



GELDWÄSCHE AM STAUSEE: Die TV-Serie OZARK by Martin Compart
9. November 2018, 3:56 pm
Filed under: Noir, Politik & Geschichte, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Seit der „Bankenkrise“ bestätigen die besseren US-TV-Serien den anthropologischen Pessimismus. Moral ist kein Thema mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wird nur noch thematisiert, wenn die herrschende Amoral eine Figur negativ betrifft. Über den Quality-Serien hängt seit 9/11 und dem Bush jr.-Regime eine dystopische Stimmung, die in Schundserien wie NAVY SEALS oder CHICAGO P.D. durch faschistoiden Aktionismus oder Glaubenskriege kompensiert wird. Seit 2008 hat der Defätismus aber nochmal richtig Fahrt aufgenommen, und Donald Trump wurde zum Pressesprecher der Apokalypse

OZARK ist wohl die erste TV-Serie über Trumps Amerika. Wobei es zwischen den Kategorien „Drama“ und „Crime“ keinen Unterschied mehr macht (wie in ANIMAL KINGDOM bereits vorgeführt, hat sich die Familie längst kriminalisiert, um es sich in einem kriminellen System ein bisschen nett zu machen).

Im Endzeitkapitalismus entscheidet nur der Gewinn über ein „gutes Geschäft“. Weder Illegalität des Handelsgutes, Zerstörung von Lebensgrundlagen noch Betrug sind Kriterien, alleine Gewinn und Gewinnmaximierung zählen. Die Lemming-Mentalität des Feudalkapitalismus hat den Planeten fest im Würgegriff.


Auch den White-collar-Gangster Marty Byrd (grandios verkörpert von Jason Bateman), der als Anlageberater Spezialist für Geldwäsche ist. Marty wäscht Geld für das „zweitgrößte mexikanische Kartell“. Leider hat sein Partner dem Großunternehmen Geld gestohlen – was zu extremen Konsequenzen führt. Marty kann sich und seine Familie nur retten, wenn er innerhalb eines kurzen Zeitraums eine ungeheure Menge Geld für den Manager des Kartells wäscht. Aus einem Irrglauben – und weil er aus dem von Finanz- und Drogenfahndern verseuchten Chicago raus will – zieht er mit der Familie nach Missouri an den Lake Orzak. „Mehr Küstenlinien als Kalifornien.“ Statt seine Vorhaben schnellstmöglichst umsetzen zu können, gerät er von einem Mist in den schlimmeren nächsten. Das haben die angelsächsischen TV-Autoren wirklich raus: Eine Situation immer weiter zu verschlimmern, bis man glaubt, dass nichts mehr geht. Und genau das sorgt ja für die Überraschungsmomente, die man bei deutschen Serien nie findet.

Und es gibt genügend Parallelhandlungen mit eigenen Entwicklungen (der schwule FBI-Soziopath hätte ein spin-off verdient), die aber effektiv mit dem Hauptstrang verzahnt sind.

Die einheimischen Hillbillys könnten einem Daniel Woodrell-Roman entsprungen sein. Da machen sogar Klischees Spaß.

Die Familie ist nicht länger emotionaler Rücksturzort. Martys Frau Wendy hatte eine offenbar unverzeihliche Affäre, und Marty sieht nun ihre Gemeinschaft als „Unternehmen zur Sozialisation und Aufzucht der Kinder“.

Der gerne genommene Vergleich mit BREAKING BAD ist nur oberflächlich: In BREAKING BAD gab es noch sowas wie Hoffnung in einer Welt, in der lediglich die mangelnde medizinische Versorgung eine Hochschullehrer in die Kriminalität treibt. In ORZAK sind so ziemlich alle Personen so mies, das man kotzen könnte – wenn sie nicht so unterhaltsam wären.

Sein Sohn erklärt einer verblüfften Lehrerin, warum man den Drogenhandel differenziert sehen muss: „Durch das Drogengeld war 2008 die einzige Möglichkeit, das Bankensystem zu retten. Sonst wäre alles noch schlimmer geworden.“
Und ein lokaler Großunternehmer vermeldet – eines Lobbyparlamentariers würdig – : „Ich schaffe Arbeitsplätze. Ohne Mohn würde hier ein Drittel aller Arbeitsplätze wegfallen.“ Erpressungsrhetorik, wie wir sie regelmäßig von der Auto- und anderen Industrien hören und genauso wahr.

Der künstliche Lake Ozark, deren Anwohner weitgehend von Tourismus und Kriminalität leben, ist eine schöne Metapher für die Entfremdung des Menschen von sich selbst und der Natur: Kapitalismus schuf und schafft Scheinbedürfnisse, die künstlich sind und letztlich in die Zerstörung führen. Für das Wasserkraftwerk wurde eine gewachsene Natur überflutet und mit dem künstlichen See eine scheinbar schöne Oberfläche geschaffen, die zweckgebunden ist.

Die Serie ist komisch, brutal, dramatisch, verblüffend, manchmal nervig(aber selten), literarisch, grandios gefilmt und gespielt und spannend. Die dritte Season wird gedreht und ich freue mich erstmal auf die zweite, die sogar noch besser als die erste sein soll.

P.S.: Hier irrt übrigens MiC in seinen vorangegangenen Analysen: Die Familie bildet in den aktuellen Serien kein hoffnungsvolles Rückszuggebiet mehr. Siehe seine bemerkenswerte Betrachtung unter:
https://martincompart.wordpress.com/2018/10/29/mics-tagebuch-oktober-2018/

PPS: Letztlich die erste Serie, in der der anthropologische Pessimismus nicht mehr hinterfragt wird, sondern gesetzt ist. Make America great… it had never been. Oder wie Matthew Quick 9n ANSTAND schrieb: „Bei den Deutschen waren die Nazis irgendwann weg, die amerikanische Regierung ist immer noch da und fühlt sich wohl.“



MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18



DIE USA ALS KANNIBALEN-NATION ENTTARNT! by Martin Compart
20. Oktober 2018, 3:18 pm
Filed under: Horror, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , , , ,

Für gute Weird Fiction bin ich immer zu haben!

Sei es literarisch, als Hörbuch oder audiovisuell.

„So war es George Washington möglich, eine Nation von Kannibalen zu schaffen“,

heißt es in Peter Medaks spannender Verfilmung von Bentley Littles Story THE WASHINGTONIANS, Bestandteil der ziemlich ungleichmäßigen TV-Horror-Anthologie MASTERS OF HORROR von 2007.

Diese einstündige Folge war bestes Grusel-Vergnügen, in dem Little eine der heiligsten Kühe des amerikanischen Mythos schlachtet, den verehrten Gründervater Washington. Wie gerne bei Little zeigt er auch hier, dass hinter allen Formen des Establishments das Böse lauert. Das sich hinter den verbreiteten Bildern und Wahrheiten ganz anderes verbirgt:

Die meisten Historiker sind nichts anderes als PR-Manager der Vergangenheit.“
THE WASHINGTONIANS ist in eine Story aus Littles THE COLLECTION.

Bentley Littles Bücher sind eine Weile auch bei uns bei Bastei-Lübbe veröffentlicht worden.

Die wenigen, die ich gelesen habe, gefielen mir ausgesprochen gut. Ich werde auf den Autor zurück kommen. Man muss sich allerdings häufig auf lange Intros einstellen, in denen der Autor seine Sets geradezu plastisch werden lässt, damit die anschließenden Schockwellen wie ein Tsunami über den Leser hinein brechen.

Mein Tipp ist FURCHT (THE ASSOCIATION). Das sollte man lesen, bevor man sich dazu entschließt, in eine abgeschottete Enklave der Wohlhabenden zu ziehen, obwohl die einem ein schwer zu widerstehendes Angebot gemacht haben. Lange (aber faszinierende) Anfahrt, und dann eine Explosion, die lange nachhallt. Eine Suburbia-Allegorie auf den Überwachungsstaat und seiner üblen Interessen vor dem Hintergrund scheinbar garantierter Sicherheit.

https://www.amazon.de/Furcht-Spannungs-Roman-Bentley-Little/dp/3404157982

In diesen Horror-Romanen schwingt als Subtext mit, dass man heutzutage kaum noch dazu in der Lage ist, sich und die Familie gegen die maßlose Gier des Establishments zu verteidigen. Wer nicht mitmacht und selbst zum Kannibalen wird, der wird von ihnen gnadenlos erledigt. Es gibt keinen Platz mehr für Rebellen und Outsider im neuen Jahrtausend.

Am Ende von THE WASHINGTONIANS steht die Botschaft: Die einzige Möglichkeit, mit diesen Ghoulen und ihrer unstillbaren Gier fertig zu werden, ist, sie niederzumetzeln.

Das ist allerdings Peter Medaks Botschaft (obwohl Little dem in anderen Werken zustimmt).

In der literarischen Vorlage erzählt der Autor einen anderen Gag.

Die zusätzliche Punchline von Medak im Epilog ist ebenso gruselig wie spaßig.