Martin Compart


MiCs Tagebuch spezial, September 2018: DIE EMMYS by Martin Compart
20. September 2018, 8:14 am
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Abgebrannt in Lalaland

Natürlich spricht es gegen den Kolumnisten, wenn er glaubt, Emmys,
Oscars und andere „Wahlen“ hätten eine Relevanz, die über
brancheninternes „Pillermann zeigen“ hinaus ginge. (Die haben sie
selbstverständlich nicht.) Dennoch ist der nachfolgende Hinweis auf
verdientere Sieger des vorgenannten Zeigespaßes, als notwendige
Ventilfunktion bei dem persönlich empfundenen Unbehagens angesichts der
globalen „Entertainment-Leitkultur“, nicht zu unterschätzen.

Die Emmys bestätigten erneut die unglaubliche Borniertheit des
US-Establishments.

Zwei der wohl großartigsten Shows der letzten Jahre, „The Americans“ und
Atlanta„, wurden wieder einmal „übersehen“.

Kategorie Fiction Drama Series:

Hier gewinnt erneut die öde Zementierung irrelevanten Bombasts, die
totale Fanatasy-Eskapismus-Regression für eine immer hilflosere und aus
Ohnmacht wundergläubige Zuschauerschaft, gegen „The Americans“? „Game
of Thrones“ plündert die Weltgeschichte, um mit Shakespeare-,
Machiavelli- u.v. a. Zitaten eine dramatische Größe vorzugaukeln, die in
Wahrheit nur das Deckmäntelchen für die überbordenden Billo-Sex- und
Gewaltorgien dieser Intrigen-, Brot-und-Spiele-Primitivität abgeben. Ein
Publikumsformat, dessen Erkenntnisgewinn nicht einmal an das Niveau von
Glückskeks-Weisheiten heranreicht. Lächerlich.

Conclusio: Spektakel regiert in Zeiten Hedgefond finanzierten
TVs/Streamings. Irgendwie muss das ganze Schwarzgeld ja gewaschen werden.

Kategorie Fiction Comedy Series:

„The Marvelous Mrs Maisel“, eine scheinbar mutige, sich emanzipierende
weiße Mittelstandsfrau, die sich in einer misogynen Männerwelt der
1950er Jahre als Stand-up Comedian behaupten will, lässt „Atlanta“
leerausgehen? Die wohl eigenwilligste und genialste Show, die der
serielle Overkill in den letzten 4 Jahren hervorgebracht hat und welche
die zeitgemäßeste Kritik der US-Gesellschaft aus Minderheitenperspektive
darstellt? Mit „weiße Mittelklasse-Frau toppt schwarze
Unterklasse-Typen“, ist die Welt ja noch in Ordnung, was? Wohl bekomm’s,
Academy.

N.B. 1: Nominiert und ignoriert, trotzdem der beste Actor in einer
Nebenrolle, ist natürlich „Paper Boi“ Alfred alias Bryan Tyree Henry.
Take a good look, guys.

N.B. 2: Das freut die Damen und den Boulevard: Feiern
US-Zeitungsschreiber doch glatt einen Heiratsantrag von Oscar-Producer
Weiss samt Kniefall coram publico als emotionales Ausrufezeichen der
Preisverleihungen – warum nimmt der Bock dafür die Emmys zum Anlass?
Schön, wenn es in kalten, pissblonden Zeiten auf dem Flastscreen
überraschend menschelt.

MiC, 18.09.18

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CHARLES DEWISME WIRD 100! – UND BOB MORANE 65 /1 by Martin Compart
23. August 2018, 5:57 pm
Filed under: Bob Morane, Comics, Heftroman, henri vernes, Porträt, Pulp, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Er schrieb um die 250 Romane, mehrere Comic-Szenarien und verkaufte bisher weltweit an die 50 Millionen Bücher: Charles Dewisme, alias Henri Vernes, ist nach Georges Simenon (Gesamtauflage über 500 Millionen) der erfolgreichste Schriftsteller Belgiens. Erfolg und Bekanntheit verdankt er vor allem seinem Serienhelden BOB MORANE, der außerhalb des englischsprachigen (und des deutschsprachigen) Raumes ungeheuer populär ist). Seit 1953 wurden seine Abenteuer in über 200 Romanen, 85 Comic-Alben, einer Real-TV-Serie und in einer Zeichentrickserie verbreitet. Trotz mehrerer Anläufe und Versuche schaffte er es bisher nur ein einziges Mal auf die große Leinwand (die einzige Kopie des Films ist bei der Premiere verbrannt).

Henri Vernes schuf mit BOB MORANE das dichteste, komplexeste und schamloseste Werk an Intertextualität in der gesamten Pop-Literatur.

Während BOB MORANE seinen 65.Geburtstag feiert (und von neuen Autoren weitergeführt wird), erlebt Charles-Henri-Jean Dewisme am 16. Oktober seinen 100.Geburtstag und blickt auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben.
„Ich hatte viel Glück und ein gutes Leben. Aber wenn ich Amerikaner wäre, wäre ich heute auch Multimilliardär.“

Der 1999 als Offizier der belgischen Ehrenlegion ausgezeichnete Autor, ist ein Pionier des Crossover Thrillers. Seine langlebige Figur, deren Erfolg längst nicht mehr so groß ist wie in den ersten vierzig Jahren, durchlebte die Metamorphose vom Jugendbuchhelden zum Synonym für Abenteuerliteratur und ist heute museal:

Seit 1986 gibt es einen eigenen BOB MORANE-FAN CLUB, 1991 fand eine ihm gewidmete Ausstellung im Kulturhaus der Stadt Tournai statt; sie ist inzwischen auch Hort des Henri Vernes-Archivs. Und in der Brüsseler Rum- Bar La Canne à Sucre steht seit 2008 eine lebensgroße Bronzestatue des Weltenbummlers.

1982 hatte die Band INDOCHINE in Frankreich einen Riesenhit mit einem Song über BOB MORANE: L´AVENTURIER (über 10 Millionen Klicks auf YouTube). Mit MISS PARAMOUNT und anderen Songs würdigte die Band immer wieder den Moranschen Kosmos.

Charles-Henri-Jean Dewisme wurde am 16. Oktober 1918 in Ath geboren.
Bald ließen sich die Eltern scheiden, und Charles wurde von seinen Großeltern in einem Haus in Tournai in der Rue Duwez im Viertel Saint-Piat aufgezogen. Heute ist eine Gedenktafel an der Vorderseite des Hauses zu sehen.

Bereits als Kind entwickelte er einen ausgeprägten Geschmack für Abenteuerromane, wie zum Beispiel Harry Dickson von seinem zukünftigen Freund Jean Ray.

Mit 16 verließ er die Schule und arbeitete in der Fleischerei seines Vaters, was ihm aber so missfiel, dass er zurück zur Schule ging. Seiner eigenen Legende nach, verliebte er sich 1937 in die Chinesin „Madame Lou“. Mit einem gefälschten Pass begleitete er sie nach Kanton ins Rotlichtmilieu. Nach zwei Monaten soll er nach Belgien zurückgekehrt sein. „1940 heiratete ich Gilberte, die Tochter eines Antwerpener Diamantenschleifers. Antwerpen war damals eine aufregende Stadt mit dem alten Hafen. Trotzdem hielt ich es nur ein Jahr aus.“
Die Ehe mit Gilberte wurde 1941 geschieden.

Nach der Kapitulation Belgiens, trat er im Mai 1940 in ein Spionagenetzwerk ein, das von den Briten geführt wurde. Während dieser Zeit las und schrieb er viel: Einen ersten Roman, ein Thriller, der keinen Verleger findet: Er hatte das Manuskript an die Krimi-Reihe geschickt, die von dem namenhaften Autor Stanilas-André Steeman herausgegeben wurde. Steeman war bis in die 1960er Jahre ein Starautor, dessen Bücher auch verfilmt wurden. Angeblich akzeptierte er Dewismes Manuskript nicht, weil es gerollt und nicht flach – wie bis heute üblich – bei ihm einging.

Im Jahr 1943 traf er den Großmeister der belgischen Populärliteratur, Jean Ray, den Autor des phantastischen Klassikers MALPERTIUS und der Harry Dickson-Geschichten, die Dewisme in seiner Kindheit verschlungen hatte. Die Freundschaft hielt bis zum Tode Jean Rays 1964. Ray-Spezialisten werden seinen Einfluss auf das Werk von Henri Vernes erkennen.

Ende 1944 erschien dann sein erster Roman, LA PORTE OUVERTE. Damals schrieb Henri Vernes noch unter seinem richtigen Namen: Charles-Henri Dewisme. Dieser phantastische Roman (der Einfluss von Jean Ray) war nicht besonders erfolgreich und verkaufte lediglich 700 Exemplare.

1946 ging er nach Paris um als Journalist zu arbeiten. Er schrieb für zwei belgische Zeitungen und für die amerikanische Nachrichtenagentur Overseas News.
Er verfasste auch Geschichten und Romane in unterschiedlichen Genres unter den Pseudonymen Cal.W. Bogard, Pat Richmond, Lew Shannon, Jacques Colombo, Robert Davids, Duchess Holiday, C. Reynes, Jacques Seyr u.a. 1949 folgte unter seinem Geburtsnamen ein dritter Roman, der düstere Kriminalroman LA BELLE NUIT POUR UN HOMME MORT.

„Das war eine schöne Zeit und Paris ist einfach prächtig. Ich schloss viele Freundschaften. Aber ich begann Belgien und giung Anfang der 1950 zurück und ließ mich in Brüssel nieder. Warum Brüssel? Weil es wichtig war, in der Hauptstadt zu sein, wo die wichtigen und einflussreichen Leute sind. Hier gibt es immer was zu tun.“

Einer der wichtigen Leute, die er dort traf, war Bernard Heuvelmans, der Vater der Kryptozoologie, mit dem er sich anfreundete.

In dieser Zeit begann seine Arbeit für Jugendblätter und Comic-Magazine, die neben Bildgeschichten auch pseudowissenschaftliche Artikel und Stories veröffentlichten. So schrieb er zwischen 1949 and 1953 für Heroïc Albums, Tintin und Mickey Magazine unter Pseudonym.

Ein damals hart umkämpfter Markt der Verlage war das Buchsegment für Kinder und Jugendliche. Traditionelle Verlage, die häufig konfessionelle Bindungen hatten und in der Zwischenkriegszeit den Markt beherrschten, und Newcomer (oft aus Druckereien hervorgegangen), umwarben mit relativ kostengünstigen Produkten die Nachkriegsgeneration.

Der Verlag Veviers hatte 1953 seine Taschenbuchreihe „Marabout Junior“ mit geographischen und historischen Sachbüchern etabliert. Der Chefredakteur Jean-Jacques Schellens hatte die Idee, die Reihe mit einer Abenteuer-Serie zu bereichern, die in das Geographie lastige Gesamtkonzept passen sollte. Außerdem war der koloniale Abenteuerroman noch immer das dominierende Genre in der männlichen Jugendliteratur.

Die Serie sollte in kurzen Abständen erscheinen und die Leserbindung erhöhen. Als Autor versuchte er Bernard Heuvelman zu gewinnen, Der „Vater der Kryptozoologie“ lehnte ab, da er zu beschäftigt war, die Existenz von mythologischen- oder Fabeltieren zu erforschen.

Heuvelman schlug ihm seinen Freund Dewisme vor: „Er ist ein guter Journalist, der leicht schreibt, er liebt Abenteuer und er ist viel gereist.“

Schellens setzte sich mit Dewisme in Verbindung und ließ in als Test in kurzer Zeit ein populäres Sachbuch schreiben: CONQUÉRANTS DE L´EVEREST. Obwohl der Autor keine Ahnung vom Bergsteigen hatte, lieferte er ein akzeptables Ergebnis ab (Schellens hatte wohl ebenfalls keine Ahnung). Dewisme hatte den Test bestanden: Er konnte innerhalb eines engen Zeitrahmens ein akzeptables Produkt liefern. Ein Produkt, ganz ähnlich dem früheren Feuilletonroman bis hin zu FANTOMAS, den Hero-Pulps à la DOC SAVAGE oder dem Heftroman.

Schellens und Dewisme überlegten. BOB MORANE wurde als romantische Variation dieser dokumentarischen Formen konzipiert.

Dewisme, der sich von nun an Henri Vernes nennen sollte, feilte ein genaues Profil aus.

Er kannte die amerikanischen Dime Novels und Pulps und er kannte W.E. Johns langlebige Jugendserie über den Kampfpiloten BIGGLES, der rund um den Erdball seine Abenteuer erlebte. Und er kannte Abenteuer-Filme und Comics. Außerdem hatte er in seiner Kindheit die Abenteuer-Klassiker von Jules Vernes über Rider Haggard bis Edgar Rice Burroughs aufgesogen.

Und er war jung genug, diese Genre spezifischen interkulturellen Dependenzen zu aktualisieren und den antiquierten europäischen Ansatz zu amerikanisieren.

Die Figur des BOB MORANE hat einige Gemeinsamkeiten mit seinem geistigen Vater: Dunkles kurzes Haar, graue Augen in einem kantigen Gesicht, athletischer Körper.

Aber er ist Franzose, ein Waise, der von seiner alten Tante Brittany aufgezogen wurde.

Im 2.Weltkrieg war er Spitfire-Pilot in der RAF und mit 42 Abschüssen ein Held der Schlacht um England und Frankreichs höchstdekorierter Kampfflieger.

Er hat eine Ingenieursausbildung, arbeitet aber gelegentlich als Fotograf und Reporter für das Magazin „Reflets“ (so nennt sich auch das Fanzine des Fan-Klubs).

Er spricht fast so viele Sprachen wie Karl May und beherrscht Kampfsportarten, darunter Judo, Karate, Kickboxen und Juijitsu. Seine angeborene Neugier und sein extremer Sinn für Gerechtigkeit treiben ihn um den Globus (und darüber hinaus).

„Frankreich ist größer, bietet mehr Möglichkeiten. Und zu dieser Zeit gab es noch Kolonien, um das Setting zu erweitern. Ich komme aus Tournai, sehr nah an der Grenze und sie ist sowohl eine französische wie eine belgische Stadt. Zu meiner frühen Lektüre gehörten natürlich französische Autoren: Louis-Henri Boussenard, Jean de la Hire… Es ist also für mich ganz natürlich, dass ich Bob Morane zu einem Franzosen gemacht habe.“

Und woher der Name?

„Wenn ein Massai seinen ersten Löwen tötet, wird er zu Morane. Für den Vornamen wählte ich Bob, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg die Mode war, die Vornamen zu amerikanisieren.“

Vernes erhielt einen Vertrag über sechs Bücher pro Jahr und ging ans Werk, um den ersten von 142 Titeln für Marabout zu schreiben.

„Ich habe das Glück, überall schreiben zu können solange ich atme. Das stammt sicherlich aus meiner langjährigen journalistischen Praxis. Ich kann, wenn es sein muss, dreißig Seiten in einer Nacht schreiben. Das habe ich schon mehrfach.“

Am 16. Dezember 1953 erschien BOB MORANE Nr. 1: LA VALLÉE INFERNAL, das erste Abenteuer schilderte Moranes erste Heldentaten in Neuguinea.

Fünf BOB MORANEs erschienen 1954, sechs im Jahr 1955, sieben im Jahr 1956, sieben im Jahr 1957 – und so sollte es bei Marabout bis 1977 weitergehen.

Während der Premiere war Vernes auf Reisen.

„Ich hatte keine Wahl! Während ich auf dem Schiff nach Kolumbien unterwegs zum Amazonas war, erhielt ich bei den Westindischen Inseln ein Telegramm von meinem Herausgeber, der mich aufforderte, den zweiten Roman zu schicken. Ich habe ihn beendet, als ich in Martinique ankam. Der dritte wurde in Haiti und Kolumbien gestartet und ich habe ihn auf dem Rückweg beendet. Als ich ankomme, bemerkte ich, dass Bob Morane in aller Munde ist. Von diesem Moment an schrieb ich alle zwei Monate ein Buch.“

Zum Glück beruhte das Konzept auf relativ kurzen Romanen mit etwa 150 Druckseiten.

„Ich hatte bei Marabout völlige Freiheit. Im Verlag lasen sie nie, was ich geschrieben habe: Oft kam das Manuskript so spät, dass sie es am nächsten Tag drucken mussten. Ich hatte nie Vorgaben, abgesehen von einigen Treffen mit dem Herausgeber, bei denen es darum ging, was wir als nächstes mit Bob anstellen wollten. Wenig Regen, viel Sonnenschein. Obwohl sie mich bei meinen Abrechnungen belogen haben – hunderttausend Exemplare statt zweihunderttausend. Aber als ich gut davon leben konnte, war es vorbei.“

FORTSETZUNG FOLGT



WARUM ICH INSPECTOR BARNABY LIEBE by Martin Compart
25. März 2018, 8:31 pm
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: ,

 

Die Plots sind unter aller Sau.

Die Charaktere sind Klischees.

Das Gesellschaftsbild ist grottig.

Die Ideologie und der Subtext ist konservativ bis reaktionär.

ABER ES HAT EINEN CHARME,

WIE IHN KEINE DEUTSCHE PROVINZ-SERIE HINKRIEGT (vergleicht das mit MORD MIT – würg – AUSSICHT).

Manchmal kann ich nicht glauben, mit welchem Schwachsinn die Serie bei mir durchkommt. Ist mir aber auch egal.

Ich glaube, man braucht Humor, um BARNABY wirklich zu goutieren. Oder einen guten Malt.

Oder als Neuaufguss des Golden Age sieht man Barnaby wie Fantasy. Das Schöne ist auch: Es spielt keine Rolle, ob man eine Folge schon gesehen hat, da man sich an den Schwachsinnsplot sowieso nicht erinnern kann (wenn man nicht die eigene geistige Gesundheit gefährden will). Ist doch auch egal: BARNABY ist ein abendländisches Ritualspiel.

Gucke ich BARNABY um einen Krimi zu sehen?

Nee, ich gucke BARNABY um BARNABY zu sehen.

Trotzdem kann mir kein Reisebüro Midsommer buchen. Das kann doch wohl nicht wahr sein!

INSPECTOR BANABY (nur echt mit John Nettles) ist sein eigenes Genre.



VERGANGENHEIT IST NIE ZU ENDE : RIVER by Martin Compart
9. Februar 2018, 10:46 am
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: , ,

auf: https://crimetvweb.wordpress.com/2018/02/09/river/



NEWS: Neu in CRIME TV by Martin Compart
30. Januar 2018, 10:54 am
Filed under: Jean-Christophe Grangé, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

Über die herausragenden französischen TV-Produktionen GIER und DIE GEISTER VOM FLUSS in CRIME TV unter:
https://crimetvweb.wordpress.com/2018/01/30/gier-und-geister-vom-fluss-die-franzosen-zeigen-uns-die-schoenheit-des-neo-kolonialismus/

 



NEWS: HANNIBAL by Martin Compart
10. November 2017, 2:09 pm
Filed under: NEWS, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: ,

HANNIBAL-DIE ARROGANTESTE TV-SERIE. Überlegungen dazu jetzt in meinem CRIME-TV-Blog:
https://crimetvweb.wordpress.com/2017/11/17/hannibal/

href=“https://martincompart.files.wordpress.com/2017/11/hannibal-episode-1-10-buffet-froid-hannibal-tv-series-34564066-4256-28321.jpg“>



50 JAHRE McGILL by Martin Compart
21. Oktober 2017, 12:12 pm
Filed under: DER MANN MIT DEM KOFFER, Noir, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Vor 50 Jahren revolutionierte eine britische TV-Serie das Crime-Genre: MAN IN A SUITCASE. Sein Hauptdarsteller, der die Serie prägte wie kaum ein Schauspieler eine Serie prägte (im Vergleich fällt mir nur Götz George als Schimanski ein), kann dieses Jubiläum leider nicht mehr erleben: Richard Bradford starb letztes Jahr.

Ihm ist diese Reminiszenz gewidmet.

Er war und ist noch immer einer der Höhepunkte des Brit Noir im Medium Fernsehen: Richard Bradford alias McGill in MAN IN A SUITCASE.

Als das vielbesungene 68er-Jahr damals wie eine biblische Heimsuchung über alle anständigen Bürger hereinbrach, geriet die Welt der Eltern eine Zeitlang ziemlich aus den Fugen. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über die ebenso banalen wie gutgemeinten Ratschläge ihrer Erziehungsberechtigten.

Die Spießerdroge Fernsehen – womit man die lieben Kleinen früher noch hatte heimlocken können – war out. Man würde ohnehin nie wieder einen solchen Kick erleben wie beim ersten Sehen von „Texas Rangers“, „Bob Moran“, „Mike Nelson“, „Tennisschläger und Kanonen“ oder „Simon Templar“. Lediglich „Der Mann mit dem Koffer“, der für Krimiserien das war, was die Stones im Bereich der Popmusik darstellten, lockte mich 1969 noch ganze dreizehnmal freitags, pünktlich um 21 Uhr, nach Hause – und natürlich „Nummer 6“ („The Prisoner“), samstags nach dem „Aktuellen Sportstudio“.

Eigentlich war man ja als hartgesottener Teenager über die Identifikation mit diversen Serienhelden hinaus – so dachte man wenigstens.
Doch dann kam er: McGill, der Mann mit dem Koffer. Er gab uns den Thrill der frühen Jahre zurück, als die Mattscheibe das gesamte Bewusstsein fiebriger Kinderhirne aufgesaugt hatte. McGill knallte alles weg, was zuvor noch Idolcharakter besessen hatte.

Er war der härteste TV-Held der Prä-Sonny-Crockett-Ära und der einsamste Wolf auf diesem Planeten (abgesehen von den männlichen, pubertierenden Fans, die seiner lakonischen Einsamkeit mit offenen Mündern und wütend geballten Fäusten folgten).

Die einst bewunderten TV-Helden wirkten im Vergleich zu ihm noch mehr wie Hochstapler und Flaschen.

Ihre inszenierten Prügeleien muteten angesichts der eigenen Straßenschlachten, nach denen man sich nicht die Haare kämmte, sondern wundgeprügelt in der Dunkelheit auf Schmerzlinderung wartete, absurd und lächerlich. Bei Kämpfen siegte nicht automatisch das Gute, wie uns die Arschlöcher von der Ponderosa weismachen wollten, sondern der stärkere oder brutalere.

McGill wusste das.

Er machte bereits in der ersten Einstellung klar, dass er nicht an alte Wertvorstellungen glaubte und wirklich gefährlich war. Der Mann bewegte sich über den Bildschirm wie ein Panther.
Zum ersten Mal sah man in einer Serie, wie beim Schießen Patronen aus der Pistole flogen.

Erstmals wurde auch gezeigt, wie man sich wirklich verhält, wenn man in ein Haus eindringt, wo die bösen Jungs schon auf einen warten. McGill nahm sich dafür Zeit, nutzte jede Deckung aus und arbeitete sich minutiös wie in einem Melville-Film von Zimmer zu Zimmer vor, darauf achtend, dass kein Licht in seinen Rücken fiel. „Amos Burke“ oder „Simon Templar“ wären wie Elefanten durch die Bude getrampelt, hätten den Kopf ein wenig zur Seite genommen (nicht zu hastig, damit die Frisur nicht verrutscht), um einer Kugel auszuweichen, und dann mit einem langen, langsamen Hieb aus der ganzen Schulter den Bösewicht ohnmächtig geschlagen – ein Hieb, den man auf der Straße nie zu sehen bekam.

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Nicht so McGill: der war ein übler, unglaublich schneller Schläger, der offensichtlich nicht nur zur Freude der Yellow-Press-Fotografen mit Stuntmen ein bisschen herummachte.
Nein, Richard Bradford hatte geboxt, und seinem Gesicht konnte man ansehen, dass er auch einzustecken wusste. Dass aus ihm kein Superstar geworden ist, ist unbegreiflich. Aber wahrscheinlich hat er zu vielen Produzenten aufs Maul gehauen, ohne dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

McGill war das coolste überhaupt; als dieser Begriff noch keine Anwendung fand.

Und McGill war eigentlich zu hart fürs deutsche Fernsehen – und genau deswegen war er unser Mann.
Er war ein Ex-CIA-Agent (ohne dass der Dienst je namentlich genannt wurde), den man reingelegt hatte, so wie wir damals alle regelmäßig reingelegt wurden, von staatlichen Institutionen wie der Lehrerschaft. So wie McGill seine Unschuld nachzuweisen hatte, musste auch unsereins vor elterlichen Tribunalen oder der pädagogischen Inquisition pausenlos beweisen, dass man nicht irgendwas angestellt hatte. Dabei wurde der Rechtsgrundsatz von der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils von der Blitzkriegsgeneration selbstverständlich außer Kraft gesetzt.
Wir waren also alles in allem nicht viel besser dran als McGill, der eine erhebende Metapher für junge Außenseiter war.

Die Firma beschuldigte McGill, er habe absichtlich nicht verhindert, dass ein westlicher Wissenschaftler zu den Russen übergelaufen war, und Schmiss ihn deshalb ohne Rentenanspruch raus. Natürlich war McGill schuldlos und versuchte das zu beweisen. In der Episode „Man from the Dead“, geschrieben vom genialen Stanley Greenberg, stellte sich seine Unschuld dann auch heraus. Aber da der vermeintliche Überläufer in Wahrheit ein Doppelagent war, konnte McGill natürlich nicht rehabilitiert werden, und seine zynischen Ex-Arbeitgeber ließen ihn weiterhin draußen in der Kälte stehen.

McGill: „Wenn er noch lebt, könnte er mich rechtfertigen.“
Direktor Cofflin: „Niemand kann Sie rechtfertigen, McGill.“

Widerliche Bürokraten sorgten zusätzlich dafür, dass er nicht zurück in die USA konnte, ohne verhaftet zu werden, und setzten ihn auf eine Schwarze Liste. So konnte jeder dumpfe Provinzbulle McGill das Leben noch schwerer machen.
Alles was ihm blieb, war ein Leben aus dem Koffer, mit dem er von einer miesen Absteige in die nächste zog. Er hatte nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft – und wurde so zum ersten proletarischen Krimihelden der Fernsehgeschichte.

„Paranoia heißt, alle Fakten kennen“, schrieb William S. Burroughs einst; McGill bestätigte diese Weisheit Woche für Woche. Um Kohle zu verdienen, nahm er so ziemlich jeden miesen Job an, und oft genug blieb man ihm den Lohn schuldig.

Für Konsumfetischismus und dummes Geplänkel hatte er dabei nichts übrig:

Bankkassierer: „Wie möchten Sie es haben?“
McGill: „Einfach in Geld.“

Nein, McGill ließ sich nichts vormachen. „Sie würden sich wundern, wie oft die eine Hand nicht weiß, was die andere versteckt“, sagte er gern.
Aber er war auch kein Glückspilz. Wenn er schon mal die Chance hatte, an eine satte Million Dollar zu kommen (wie in dem grandiosen Zweiteiler „Variation on a Million Bucks“ von Greenberg), landete er am Ende ohne Geld im Krankenhaus und musste noch dankbar dafür sein, dass jemand für die Kosten aufkam.

Bei fast jedem Job, selbst als Söldner in Afrika (in der Episode „No Friend of Mine“ von John Stanton), gerät er zwischen die Fronten und hat alle Seiten gegen sich. Und eine Suche nach geraubtem Geld, wie in „Which Way Did He Go, McGill?“ mit Donald Sutherland als Killer, konnte natürlich nur ergebnislos bleiben.

„Man in a Suitcase“ schlachtete eine goldene Kuh und schaffte das Happy-End in TV-Serien ab.

Bei diesen brutalen Stories kam in den naiven 60er Jahren manchmal wirklich das Gefühl auf, dass McGill am Ende einer Episode ins Gras beißen könnte. Genau das irritierte den durchschnittlichen Fernsehzuschauer, der schon zur Genüge um Dr. Kimble („Auf der Flucht“; OT: „The Fugitive“) gezittert hatte. Denn McGill war, im Gegensatz zu Kimble, ein echter gesellschaftlicher Außenseiter, und solche Typen schätzten die Mattscheibenspießer überhaupt nicht (weshalb die ARD nach 13 Folgen auch Schluss mit der Serie machte und uns die restlichen 17 Folgen lange Zeit vorenthielt).

Junge Leute, vielleicht die potentielle Zielgruppe dieser existentialistischen Serie, schauten damals nicht fern – schon gar nicht angelsächsische Action-Serien mit dem Geruch des „westlichen Kulturimperialismus“.
So wäre die Serie bei uns fast ein Flop geworden, hätte sie nicht eine der vielen unsäglichen öffentlichen Diskussionen darüber ausgelöst, „wieviel Brutalität denn das Fernsehen anbieten darf“. Damit hatte eine Hamburger Fischverkäuferin keine Probleme:
Als eine Fernsehillustrierte eine Umfrage („Was halten Sie von McGill – ist er zu gewalttätig?“) abzog, antwortete sie: „Der Mann ist eine Sünde wert.“

Selbst die stellenweise recht B-Movie-mäßigen Versuche, beim Publikum durch „geschickten“ Einsatz realer Hintergründe fernab gewohnter Studiokulissen etwas exotische Atmosphäre aufkommen zu lassen, taten der allgemeinen Begeisterung keinen Abbruch. Da wurden Standphotos von der Riviera oder grobkörnige Super-8-Aufnahmen von Rom dazwischen geschnitten, um zu belegen, dass sich McGill auch wirklich in Italien oder sonstwo aufhalten würde. Dabei sah jeder, dass er im lieblos ausgestatteten Elstree-Studio herumtobte.

Aber der Trash-Effekt war letztlich egal, solange nur der Drehbuchautor einen guten Job machte und sich Richard Bradford eine Zigarette in den Mundwinkel schieben konnte. Seit Humphrey Bogart hatte nämlich niemand mehr so cool mit Glimmstengeln hantiert. Was wiederum einige Kritiker auf die Palme brachte, wenn McGill mit Kippe im Mund einem Mittelschicht-Punk eine reinhaute.

Außerdem zeigte man erstmals in einer britischen Serie die dreckigen Londoner Hinterstraßen, auf denen Obdachlose herumlagen und Besoffene in Hauseingänge kotzten.

Als Nebenfiguren tauchten außerdem einige der schlimmsten Freaks auf, die man in einer 60er-Jahre-Serie zu sehen bekam: Donald Sutherland als völlig beknackter Killer in „Which Way Did He Go, McGill?“ oder ein ganzes Dorf voller aggressiver Arschlöcher in „All That Glitters“ von Greenberg, der auch hier wieder McGill am Ende ins Krankenhaus schickte. Und wenn die im deutschsprachigen Raum nie gezeigte Folge „Brainwash“ wirklich die letzte Episode war (was viele Fans behaupten), wissen wir nicht, ob McGill wirklich überlebt hat. Mit ihrer Ideologie der positiven Resignation war „Der Mann mit dem Koffer“ jedenfalls keine echte Sixties-Serie mehr und nahm „Miami Vice“ oder „Wiseguy“ bereits einiges vorweg. Statt sie jedoch an den Pranger zu stellen, hätten die üblichen besorgten Eltern Herrn Bradford lieber Dankschreiben schicken sollen: Er garantierte, dass wenigstens einige Rabauken Freitag abends zu Hause blieben…

Ron Grainer, der einige der besten Titelmusiken der Seriengeschichte komponierte (Stichwort: „The Prisoner“), legte mit der Musik zu „Der Mann mit dem Koffer“ übrigens sein Meisterwerk vor.