Martin Compart


Jahresrückblick 2022 von Jochen König by Martin Compart
18. Januar 2023, 6:05 pm
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2022 hatte die Chance das Vorjahr in die Schranken zu verweisen. Doch es wurde versaubeutelt.

Corona rückte zwar in den Hintergrund, verblasste aber nicht völlig. Krieg, Naturkatastrophen, die FIFA, Korruptions- und Fake-News-Skandale, dazu viel zu viel eklige Menschen, die laut polternd zwischen Realitätsverweigerung und sozialer Verwahrlosung bevorzugt in den (anti)sozialen Netzwerken Nachrichten aus der Hohlwelt verbreiteten. Linus Volkmann bezeichnete 2022 in seinem Rückblick im „Musikexpress“ sehr treffend als „ein Jahr wie ein Typ, der einem ins Auto kotzt – und sich später nicht mal entschuldigt.“

Bleibt, wie so oft, das kulturelle Schaffen der vergangenen zwölf Monate, eine verkorkste Zeit zu retten. Oder die Krätze auszulösen (wie viel zu viele grottenöde Serienkiller-Thriller, Nena, Van Morrison, Filme, die nicht wissen, dass ein Ende zur rechten Zeit was Gutes ist)?

Schön, dass es wieder Konzerte gab.

Einen gelungenen Auftakt bildeten PURE REASON REVOLUTION und GAZPACHO im Columbia-Theater in Berlin. Zwischen Dancefloor, Art-Rock und großen Gesten boten beide Bands atmosphärisches Schwelgen, besonders GAZPACHO lieferten eine stimmungsvoll bebilderte Zeitreise. MELODY GARDOT, ebenfalls in Berlin, belegte, dass sie eine äußerst charmante Geschichtenerzählerin und große (Jazz)-Chanteuse ist. Leider kein „Preacherman“ für mich.
In der Elbphilharmonie gab es zwei Jugendorchester mit starkem Programm zum moderaten Preis. Von einer Eigenkomposition über Rachmaninoff und Shostakowich bis zur „What A Feeling“-Zugabe (die zur unbewussten Hommage an die kurz darauf verstorbene Irene Cara wurde) ein hervorragendes Konzert, mit viel Verve vorgetragen von jungen Musiker*innen zwischen 10 und 27 Jahren. Und die Bildungsbürgerreise in die „Elphi“ abgehakt.

Trotzdem muss man mit Erschrecken feststellen, dass Live-Events in Gefahr sind. Nicht wegen Corona. Während bekannte Künstler (vertreten durch viel zu groß gewordene „Dienstleister der Kulturbranche“ wie Live Nation oder Eventim) stellenweise Ticketpreise bis ins Vierstellige nehmen können, bleibt der Nachwuchs und unabhängige Kunst auf der Strecke.

Durch den Verkauf von Tonträgern lässt sich schon lange keine Tour mehr pushen, geschweige denn finanzieren. Logistik ist teuer, der Brexit sorgt für ein Aufblühen umständlicher und ebenfalls kostspieliger Zoll-Aktivitäten. Das Couch-Arrangement (und die Angst vor Ansteckung in prall gefüllten Räumen) mit Corona führte auch zu weniger Interesse an Konzerten. Zahlreiche Bands und Solokünstler sagten ihre bereits geplanten Touren ab oder verschoben sie auf unbestimmte Zeit. Prognosen sind düster.

Zu den musikalischen Veröffentlichungen, die mein Jahr prägten, stieß bereits früh „Call To Arms & Angels“, das neue Doppelalbum von ARCHIVE. Ein hypnotischer, langsamer Tanz, der sich sowohl bei Trip Hop, Pop wie Art Rock auskennt und auch passend für den Soundtrack eines Nicolas Winding Refn-Films (oder einer Serie) wäre.
Passend wäre auch „Nights Of Lust“, der Darkjazz-Slowburner des LOVECRAFT SEXTETs, die gegen BOHREN & THE CLUB OF GORE geradezu dem Geschwindigkeitsrausch verfallen sind.

Gefallen hat auch der gutgelaunte, spannende Retroprog der MOON LETTERS, deren erstes Album ich nicht so toll fand, während das zweite, „Thank You From The Future“, strahlte: „Überbordend, diffizil, dabei höchst ökonomisch, kein Ton zuviel“.

Ebenso klasse war die neue Inkarnation MAJOR PARKINSONs, der Beginn einer Trilogie. Ein weiteres Selbstzitat: „„Valesa – Chapter 1: Velvet Prison“ ist ein Grand Guignol-Musical der exzessiven Art. Genregrenzen interessieren MAJOR PARKINSON nicht, hier wird überbordend musiziert: Prog, Stadion-Rock und AOR treffen auf elektronische Entdeckungsreisen und grüblerische Singer-Songwriter-Sequenzen“.

Düsterer und intimer gings es bei der fabulösen Karin Park zu, deren eindringliche „Private Collection“ ein würdiger Nachfolger des exzellenten „Church Of Imagination“ ist. Steve Kilbey und Martin Kennedy hingegen überzeugten einmal mehr als vers(p)onnene Psychedeliker mit ihrem kryptisch betitelten „The Strange Life of Persephone Nimbus“. THE CHURCH sind stets präsent.

Kein Weg führte vorbei an TAYLOR SWIFTS neuem Output „Midnights“. Streamingdienste brachen bei Veröffentlichung zusammen und Swifty-Achselshirts waren ausverkauft. Ansprechend melancholischer Electro-Pop mit anrührenden, nachdenklichen Lyrics und nur sachtem R’n’B-Hochglanz-Muzak. Was der Musik gut tut. Nur selten klingt es nach einem Stück aus dem „Victorious“-Soundtrack. Aber auch da gibt es Schlimmeres.

SWIFT gelingt es mainstreamkompatibel zu sein und trotzdem die Dringlichkeit und den Charme von Indie-Produktionen zu bewahren. Das Album erschien in vier Ausführungen mit unterschiedlichem Artwork (Standard, Jade Green, Blood Moon, Mahogany). Besonders lohnt sich die später erschienene „Lavender“-Version mit drei famosen Bonustracks. Diese sind wieder originell instrumentiert und strahlen die bestrickende Intimität von TAYLOR SWIFTs in der Pandemie rearrangierten Werken aus. Digital erschien zudem die „3am“-Ausgabe mit insgesamt sieben Bonustracks.

SWIFT ist eine der wenigen Megastars, die einem nie auf den Senkel gehen. Und dass sie eine fantastische Musikerin ist, hat sie längst bewiesen. Allein mit E-Gitarre auf der Bühne ist sie die pure Freude. Davon bitte irgendwann ein komplettes Album!

Ein postumes Album bildet den Abschluss meiner kleinen musikalischen Reminiszenz ans Jahr 2022. Auch in dieser Beziehung ein ätzendes Jahr. Für mich wichtige und prägende Künstler starben: Dazu gehörten VANGELIS, MARK LANEGAN, MANUEL GÖTTSCHING, PHAROAH SANDERS, Jeff Beck und TERRY HALL. Mit dem Verlust von JULEE CRUISE und ANGELO BADALAMENTI wurde das „Twin Peaks“-Universum kleiner.

Besonders schwer traf mich der Tod KLAUS SCHULZEs, dessen Musik mich noch länger begleitet als die von VANGELIS. Mit „Deus Arrakis“, einer erneuten „Dune“-Reminiszenz, hinterließ er ein inspirierendes, atmosphärisches letztes Album.

Lobende Erwähnungen gibt es noch für die Comebacks von PORCUPINE TREE, „Closure P/T“ ist feinster Pop-Prog nach dreizehn Jahren Sendepause, die BROKEN BELLS (letzte Veröffentlichung 2014) mit dem der psychedelisch-poppigen Wundertüte „Into The Blue“. Der Übersong „The Chase“ enthält Spuren aus dem ARCHIVEt.

MADRUGADA melden sich mit dem funkelnden Nachtschattengewächs „Chimes At Midnight“ zurück. Ärgerlich ist die Veröffentlichungspolitik, bei der man es sich immer weiter mit der schrumpfenden Schar von Tonträger-Käufern verscherzt. Während PORCUPINE TREE ihr Album gleichzeitig in verschiedenen Versionen auf den Markt brachten, was eine Wahl möglich machte, erschien von „Chimes At Midnight“ nur wenige Monate nach dem Originalalbum eine Expanded Edition mit fünf(!) starken Bonustracks.
So verprellt man seine Interessenten.

Im Kino erledigte das über lange Zeit Corona. Und für mich und viele andere ist die Veränderung der Kino-Kultur hin zu einem umfassenden Event mit dauerhafter Fress-, Smartphone-, Trink-Begleitung und damit verbundenen Toilettenbesuchen ein Verweigerungsgrund.
Ist anscheinend schwer, Konzentration, Mund und Wasser eine ganze Filmlänge halten zu können. Von konzertierten Störaktionen irgendwelcher TikTok-Deppen ganz zu schweigen. Die Kino-Magie verflüchtigt sich ins Nichtige, was dazu führte, dass ich 2022 nur einen einzigen Film im Kino gesehen haben. Und das gleich im Januar.


Guillermo del Toros „Nightmare Alley“, die zweite Adaption des Romans von William Lindsay Gresham ist ein visuell ansprechender, passend düsterer Noir, ausgezeichnet besetzt und gespielt. Der Film leidet allerdings unter einer weitverbreiteten Krankheit des aktuellen Filmschaffens: Er ist mit 150 Minuten viel zu lang (Die erste Verfilmung von 1947 beschränkte sich auf, damals exorbitante, 110 Minuten).
Der Plot, und die nicht ganz so schwer zu entschlüsselnden Twists tragen neunzig Minuten locker, alles darüber hinaus ist Ignoranz gegenüber filmischer Ökonomie. Trotzdem eines der besseren Werke in del Toros Agenda der jüngeren Zeit.
Sein „Cabinet Of Curiosities“ blieb trotz hochinteressanter Regisseur*innen eine müde Angelegenheit mit wenigen Ausreißern nach oben. Besser als die unsäglichen „American Horror-Stories“, aber das will nichts heißen.

Weitere filmische Glanzpunkte:

Ein Highlight des Jahres gab es gleich zu Beginn. Brandon Cronenberg (richtig, David Cronenbergs Sohn) schuf mit „Possessor“ (der 2021 noch in der Warteschleife steckte) einen so intensiven wie verstörenden Psycho-Horror-Tripp. Mein Fazit: „“Possessor” ist ein kunstvoller, zwischen Meditation und psychedelischem Schlachtfest angesiedelter Trip zum Ende der Menschlichkeit. Gefühle und Bewusstsein sind austauschbar, Individualität kaum ein Schimmer in glitzernden Oberflächenreizen. Die Welt ist ein Modell, das Geschäftemacher untereinander aufteilen.“ Der Soundtrack ist ebenfalls highly recommended.

Alex Garlands „Men“ ist eine Mischung aus Gesellschaftskritik, Folk-, Slasher-Horror und Mindfuck. „Men“ beinhaltet Beziehungsdrama, Satire, Psycho-Thriller und blutigen Body-Horror als sperriges Gesamtpaket.
Ein Meta-Film, wie auch Jordan Peeles „Nope“, der wieder geschickt zwischen Horror, Science Fiction und Satire pendelt, dabei gespickt ist mit filmhistorischen Verweisen.

Kaum eine Jahresbestenliste kommt an „Everything Everywhere All at Once“ vorbei, so auch diese nicht. Bereits wegen der Besetzung mit Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis (direkt der Beamtenhölle entstiegen) ein Muss, überzeugt der Film auch als relevantes Multiversumsspektakel.

Im Gegensatz zu „Dr. Strange In The Multiverse Of Madness“, das, von einigen selbstreflexiven Sam Raimi-Momenten abgesehen, ein blutleeres CGI-Gehampel blieb. So seelen- und gehaltlos wie die meisten Marvel-Werke der letzten Jahre. Der Film ging zudem sehr liederlich mit dem eigenen Personal um.
Während sich das MCU im Fernsehen unterhaltsam zeigt (von „Moon Knight“, zwischen Langeweile und Hyperaktivität schwankend, abgesehen), bleiben die Kinofilme bestenfalls Zeitvertreib für einen regnerischen Sonntagnachmittag.

Besonders erfreulich und trickreich war das Horror-Genre mit ganz unterschiedlichen Gewächsen. „X“ beginnt als ironisches Spiel mit Erwachsenenfilmen und wird zum leichenreichen Backwood-Slasher mit Pfiff und sehr originellem Killer.

„The Innocents“ wagte sich, hervorragend gefilmt, in die bisweilen tödlichen Untiefen der Kindheit. Magischer Realismus vom Feinsten.

„Barbarian“ schließlich war ein außergewöhnlich spannendes Ereignis zum Jahresabschluss. In Deutschland leider nicht im Kino gelaufen, spielt der Film mit Erwartungen, bricht und bedient sie gleichzeitig gekonnt. Nicht nur von der Erzählstruktur her transportiert Regisseur Zach Cregger Alfred Hitchcock stilvoll in die Gegenwart. Und liefert nebenbei Bilder einer nicht nur sozial zerfallenden Zivilisation. Das überbordende Grindhouse-Finale, mit einigen der wenigen sehr blutigen Sequenzen, dürfte die Geschmäcker teilen. Zach Cregger darf das. Weil er es kann.


Mein TV-Höhepunkt waren „Die schwarzen Schmetterlinge“. Ein französische Produktion, die wild und visuell artistisch Psychothrill, Surrealismus und Giallo verband, dabei gleichzeitig als eine Reflexion über Erzählen und Wahrnehmen taugte. Obendrauf versehen mit einem traumhaften Soundtrack.

„Wednesday“ machte überwiegend Spaß, zumindest in den von Tim Burton inszenierten Episoden. Der Mystery-Anteil blieb unausgegoren und zu durchschaubar, die Monstereffekte waren stellenweise Power Rangers-würdig und in den letzten drei Folgen war das Ganze eher eine Art Addams-Familienbesuch in Hogwarts. Aber hey, „Wednesday“ hat die wunderbaren Jenna Ortega (auch in „X“ sehr experimentierfreudig dabei) UND Christina Ricci an Bord.
Die Miniserie wurde rasend schnell zum Medienhype, inklusive unzähliger überflüssiger Tanzvorführungen bei TikTok. Aber hey…

Heimisch geriet ich schnell wieder in der „Umbrella Academy“, die ebenfalls ihr Multiversum beherrschten.


„Reacher“ bot solide Kost und mit Alan Ritchson, nach dem Gernegroß Tom Cruise, endlich einen amtlichen Jack Reacher-Darsteller vorzuweisen hatte. Die Verfilmung des ersten Lee Child-Romans verriet die Vorlage nicht, blieb lakonisch und kantig. Besetzungstechnisch war das insgesamt eine Freude, mit Sonderlob an die bezaubernde und schlagkräftige Willa Fitzgerald.

Ansonsten gehörte das Jahr eher Aufholterminen. Viel Spaß mit elf Staffeln „Modern Family“ gehabt, „Superstore“ neigt zwar zu arg hohem Fremdschämfaktor, ist aber eine der besten, bittersten Betrachtungen über die ausbeuterischen Machenschaften von Großfirmen und dabei urkomisch.

„Gotham“ gefiel als ansprechend besetzter, visuell finsterer Noir, in dem Ben McKenzie aka Jim Gordon mit einer Handvoll Verbündeter gegen die Organisierte Kriminalität kämpft. Taugte ebenfalls als DC-Origin-Serie, wenn auch der juvenile Bruce Wayne einem gehörig auf den Senkel gehen konnte. Das entschärften Catgirl Camren Bicondova und Sean Pertwee als wehrhafter Butler und Ersatzvater Alfred. Jeden Penny worth.

Literarisch beschäftigten mich einige Zeit ein Buch, das nicht erscheinen wird und eines, dass erst im Herbst 2023 veröffentlicht wird. Daneben blieb die Leseauswahl überschaubar. Zu den Tops gehören:

Willi Achten – „Rückkehr“. Wenn Amazon mich zitiert, darf ich das auch: „Willi Achtens Roman ist ein melancholischer Rückblick auf etwas, das nie existierte. Die Sehnsucht nach Neuanfängen gepaart mit Verlustängsten. Eine ungesunde Kombination. Ein Text, so leise wie faszinierend, der einen reißenden Fluss als idyllischen Bergbach tarnt.“

Terry Miles – „Rabbits – Spiel um dein Leben“. Und wieder ein Multiversum. Donnie Darko irrt in Twin Peaks durch die Pforten der virtuellen Wahrnehmung. So in etwa. „Rabbits“ vereint gekonnt Mystery- mit Verschwörungsthriller, angesiedelt in High Tech-Universen, die von einer nicht allzu fernen Zukunft erzählen. Basiert auf Terry Miles eigenem Rabbits“-Podcast. So können großangelegte Verschwörungsmythen gefallen. NUR so.

Mechtild Borrmann – „Feldpost“. Auf Borrmann ist Verlass. Sprachlich gelingt ihr wieder die Kombination von Poesie und Effizienz. Sie kann mit wenigen Sätzen eindrücklich skizzieren, was anderen Autor*innen nicht über mehrere Seiten gelingt. Kompetent entwickelte Charaktere, überzeugende Handlung, die das Grauen des Dritten Reichs nachdrücklich schildert und in der Gegenwart weiter schwelen lässt. Mit der Chance auf Verarbeitung. Spannend, klug und im besten Sinne lehrreich (ohne erhobenen Zeigefinger).

Etwas älter, aber unbedingt einen Lesetipp wert: Kanae Minatos „Geständnisse“. Kongenial 2010 verfilmt von Tetsuya Nakashima nach einem Drehbuch der Autorin. Das Buch erschien auf Deutsch 2017 und schildert aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer nachvollziehbaren Rache, die aus dem Ruder läuft.
Statt einer erlösenden Katharsis entwickelt sich eine Eigendynamik, die Todesopfer fordert. Ein furioser Abstieg in eine Hölle, die nicht nur die anderen sind. Die bildgewaltige Verfilmung erfasst die Essenz des Romans, ohne ihm sklavisch zu folgen. Zwei Wunderwerke.

Das nachfolgende „Schuldig“ (mehr Romane sind von Minato leider nicht auf Deutsch erschienen) bewegt sich auf ähnlichem Terrain, ist immer noch lesenswert, aber deutlich schlichter und damit schwächer.

Trotzdem würde ich gern mehr von Minato lesen.

Meine kleine popkulturelle Nabelschau darf nicht ohne die Erwähnung einer starken Frau, mit der ich viel zeit verbracht habe. Mit Aloy durch „Horizon Forbidden West“ zu streifen war das reine Vergnügen. Eine wohl austarierte Spielmechanik und -dynamik, atemberaubende Grafik und eine solide Geschichte ergaben ein Videospiel-Highlight der besonderen Art. Mehr brauchte ich an der Konsole 2022 nicht.

Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung:

Die Arbeit auf und mit http://www.Booknerds.de war 2022 ebenfalls ein Hort der Freude. Chris Popp hat mit Dominic Schlatter einen ebenso würdigen wie engagierten Nachfolger als Chefredakteur gefunden, unter dessen Ägide ein monatlicher Redfaktions-Chat eingerichtet wurde und das Team quantitativ wuchs und qualitativ überzeugte.

Besonders freut mich, dass meine ehemaligen „Couch“-Kollegen Eva Bergschneider und Jörg Kijanski ebenfalls für Booknerds schreiben. Tolle Arbeit leistete auch Sarah Teicher (aka Sari Sorglos), die die sozialen Netzwerke mit positiven Inhalten pflegt (gibt es eh zu wenige von) und mit ihrer Kollegin Mariann Gaborfi den feinen Podcast „Autorinnen im Porträt“ am Start hat, der sich auch auf und via Booknerds finden und hören lässt. Lohnt sich. Wie das gesamte Booknerds-Programm mit Besprechungen quer durchs kulturelle Schaffen.

Ich habe 2022 sogar ein LP-Review geschafft. „Bleed’n’Blend“ der Isländerin KJASS wird hiermit vollumfänglich empfohlen. „KJASS weiß, wie man einnehmende Melodien schreibt und atmosphärisch vorträgt, während ihre Mitstreiter so kompetent, wie gefühlvoll zwischen Pop, Jazz, Folk und angrenzenden Genres wandeln.“ Lest den Rest (und auch meine anderen Betrachtungen zu Film, Fernsehen und Literatur) gerne selbst. Würde mich freuen.

2022 ist vorbei, und das ist verdammt gut so. Leider bin ich skeptisch, was 2023 angeht. Aber wie zitiert Martin Compart Urban Priol am Telefon so gerne wie treffend: Es kann immer noch besser als 2024 werden. Hauptsache, der kotzende Kerl ist weg.

Jochen König



THRILLER ÜBER DAS ELEND MIT DEM FINANZKAPITALISMUS by Martin Compart
20. November 2022, 1:33 pm
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In der ARTE-Mediathek findet sich aktuell die achtteilige Serie DAS HELSINKI-SYNDROM. Angeregt durch einen politischen Skandal aus den 1990ern thematisiert die Serie einen Vorgang, wie Politik, Justiz in Gemeinschaft mit der Finanzwirtschaft in Finnland (aber selbstverständlich nur da; Parallelen zur weltweiten „Bankenkrise“ zu ziehen wären pure Bosheit und sollten umgehend mit einem Sauna-Besuch mit Jens Spahn geahndet werden) die Bürger ausplünderten.

Schnell und zynisch erzählt und gefilmt, zeigt sie, dass auch in Finnland bessere und originellere TV-Serien produziert werden als beim internationalen Schlusslicht Deutschland.

Eine derartige Prämisse würde sich kein deutscher Redakteur oder Produzent wagen:
DAS HELSINKI-SYNDROM behauptet, dass ein wenig Verteilungsgerechtigkeit im Finanzkapitalismus nur durch klugen Individual-Terrorismus hergestellt werden kann.



DIE PROVINZ BRENNT: DER NEUE GRANGÉ by Martin Compart

Das Elsass während der Weinernte: In einer Kapelle wird unter den Trümmern eines Freskos die Leiche eines Mannes entdeckt. Das Gebetshaus liegt unweit des Wohnorts einer religiösen Gemeinschaft, deren Bewohner ein Leben wie vor 300 Jahren führen und sich durch den Weinbau finanzieren.
Kommissar Pierre Niémans ahnt schon bald, dass der mysteriöse Todesfall nicht das einzige finstere Geheimnis der Täufergemeinde ist. Um mehr zu erfahren, beschließt er, seine Assistentin Ivana undercover als Erntehelferin einzuschleusen. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät auch Ivana in große Gefahr…

Lübbe Belletristik
Hardcover, 22,00 €, 366 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2787-4
Ersterscheinung: 29.04.2022

eBook (epub) 16,99 €
Hörbuch (CD) gekürzt 19,99 €
Hörbuch (Download) gekürzt 13, 99€

In Deutschland sind die Zeiten vorbei, in denen der neue Grangé regelmäßig die Bestsellerlisten anführte.
Aber er hat auch hier noch ein großes und treues Stammpublikum, jenseits der  intellektuellen Verknappung der Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum, das nach wie vor vom Lübbe-Verlag bestens bedient wird. So ist auch dieser Band wieder exzellent ediert und produziert. Ersteres durch die Arbeit der langjährigen Grangé-Lektorin Iris Gehrmann und der Übersetzerin Ulrike Werner (die angesichts des vom Autor viel verwendeten Elsässer Dialekts hart gefordert wurde).

Für Grangés Werk ist dies ein kurzer Roman.
Das hat damit zu tun, dass er – wie schon sein Vorgänger, DIE LETZTE JAGD, – auf einem Drehbuch der erfolgreichen TV-Serie DIE PURPURNEN FLÜSSE basiert.
Für die Fernsehserie reanimierte Grangé extra seinen populärsten Helden, Kommissar Pierre Niémans (der dank der Darstellung durch Jean Reno in zwei erfolgreichen Kino-Filmen zum Serienhelden mutierte).

Mit Niémans nutzt Grangé einmal mehr das Klischee – oder charmanter ausgedrückt: den kriminalliterarischen Topos – des bärbeißigen Macho-Bullen. In den Romanen ist er noch mürrischer als in der TV-Serie („ Seine guten Vorsätze hielten nicht lange. Weder Sanftheit noch gute Laune passten zu ihm.“ „Die heutige Zeit, die nur noch aus Vorsorge für alle Eventualitäten zu bestehen schien, fand er zum Kotzen.“). Für ihn gelten natürlich weder Regeln noch Vorschriften, genauso wenig wie Hierarchien. Er neigt dazu, wie eine Abrissbirne ins Geschehen zu schlagen.

Ihm zur Seite steht die junge Kollegin Ivana (wohl auch ein Zugeständnis an die TV-Serie, die dort Camille heiß). Ivana, verletzlich, umtriebig, rücksichtslos und scharfsinnig, ist eine „moderne“ Frau mit turbulenter Vergangenheit. Als Typus inzwischen ebenso ein populärkulturelles Klischee – Verzeihung: Topoi – wie der griesgrämige Macho-Bulle.
Schlechte Autoren langweilen mit solchen Konstellationen, Grangé kommt damit nicht nur durch, er amüsiert und unterhält.

Wieder mal hat er sich die/eine französische Provinz vorgenommen und ihre Widerwärtigkeiten enttarnt. Immer wieder zeigt Grangé ein Frankreich-Bild, das sogenannte Patrioten zum Kotzen bringt. Außerdem variiert er zwei seiner „Lieblingsthemen“: Kinder als Opfer und Sekten.

Auch hier gelingen dem „Archäologen des Bösen“ eindringliche Bilder des Schreckens, die über visualisierte Umsetzungen hinaus reichen und Motive der Gothic Novel aktualisieren. Viele Romane des Autors beeindrucken als moderne Gothic Novels, verdanken einiges dem Marquis de Sade und Dekadenten wie Joris-Karl Huysmans.

Sein filmischer Stil, der die Szenen wie im Kino am Zuschauer vorbei rollen lässt, trügt häufig darüber hinweg, dass Grangé zu den besten Stilisten der aktuellen Noir-Literatur gehört.

Auch im TAG DER ASCHE finden sich wunderbare Apercus wie „Er nahm den Fuß vom Gaspedal wie ein Mörder, der plötzlich den Griff um den Hals seines Opfers lockert.“ Oder „Das Gehirn eines Polizisten ist wie eine Bibliothek. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen ständig überwacht werden.“.

Die Kapitel sind kurz. Und wie immer wird man sofort mit Beginn des Buches in die Handlung gesogen.
Atmosphäre, Stil, Charaktere, Handlung und Rhythmus sind ganz so, wie man es von einem Grangé-Roman erwarten darf. Aber es dauert ziemlich lang, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt und Action generiert. Das Ende erscheint mir ein bisschen schlampig gebaut. Für einen durchschnittlichen Thriller-Autor wäre TAG DER ASCHE ein Quantensprung.

Aber für Grangé gelten andere Maßstäbe.

Dies ist also mit Sicherheit nicht sein bester Roman (allerdings auch mehr als die ambitionslose novelization eines Drehbuchs). Aber das spielt keine wirkliche Rolle, denn es ist ein neuer Grangé!

Und der hat sich seit über zwei Jahrzehnten als eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Stimmen in der Noir- und Thriller-Literatur etabliert.

Der Autor mit den Hauptdarstellern der TV-Serie: Erika Sainte und Olivier Marchal.

2020 erzählte Grangé bei Europe 1 über seine nächsten Projekte folgendes:

„Momentan adaptiere ich meinen Roman LOTANTO (PURPURNE RACHE) für eine TV-Mini-Serie. Außerdem arbeite ich an einem Buch über das Nachtleben und den Untergrund in Tokio. Und ich schreibe an meinem ersten rein historischen Roman, der sehr umfangreich werden wird. Mindestens 800 Seiten. 400 Seiten habe ich bereits, aber um auf 800 zu kommen, brauche ich für die erste Fassung 1200 Manuskriptseiten. Der Roman spielt 1935 in Berlin. Außerdem arbeite ich an einer neuen Fernsehserie, ein Originalstoff für viele Folgen. Das ist eine Menge Arbeit. Niemand kann behaupten, dass ich untätig bin und dem Müßiggang fröhne“

Jedes dieser Projekte wird von mir sehnsüchtig erwartet).



DIE BEIDEN MICKS: JAGGER UND HERRON by Martin Compart
31. März 2022, 8:05 pm
Filed under: MICK HERRON, Spythriller, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Jagger schrieb für den 6-Teiler SLOW HORSES nach dem grandiosen Roman von Mick Herron mit Gary Oldman die Titelmusik!

siehe:https://www.theguardian.com/music/2022/mar/29/mick-jagger-acting-jack-nicholson-sex-slow-horses-performance-bent-dragged-ned-kelly?CMP=Share_iOSApp_Other

Hier ein erster Trailer:



BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



GUILT – BRIT NOIR MIT SCHWÄRZESTEN HUMOR by Martin Compart
1. September 2021, 5:56 pm
Filed under: Brit Noir, GUILT, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Wer ein Faible für Tartan Noir hat (gemischt mit bösartigsten schwarzen Humor), der sollte morgen (Donnerstag) keinesfalls versäumen, sich auf ARTE den britischen Vierteiler GUILT anzusehen (auch verfügbar über die ARTE-Mediathek). 2.9. ab 22.00 Uhr.

Guilt – Keiner ist schuld

Walter sei friedlich eingeschlafen, heißt es in der Todesanzeige. Zumindest tun Jake und sein älterer Bruder Max, alles dafür, dass es so aussieht. Denn nur wenige Tage zuvor haben sie den Rentner Walter aus Versehen tödlich angefahren … – Für Robert McKillops gelungene Miniserie gab es 2020 bei den BAFTA Scotland Awards den Preis für die beste Regie/Fiktion.

Wenn du schuldig bist, musst du dich auch schuldig fühlen?
Die Antwort auf diese Frage könnten der Mittdreißiger Jake und sein älterer Bruder Max nicht unterschiedlicher beantworten. So verschieden, wie ihre Persönlichkeiten sind, gehen sie auch mit der Tatsache um, dass sie aus Versehen auf dem Rückweg von einer Hochzeit den Rentner Walter vor seiner eigenen Haustür in Edinburgh tödlich angefahren haben. Der Fahrer Jake wird schnell von den Anwaltsreflexen seines Bruders Max überzeugt, nicht zur Polizei zu gehen.

Panisch setzen die beiden Brüder den Leichnam von Walter in seinen Fernsehsessel, als ob der unheilbar an Krebs erkrankte alte Mann dort seinen letzten Atemzug getan hätte. Doch ihr Plan gerät ins Wanken, als der bereits mit Gewissensbissen geplagte Jake wenige Tage später in seinem Plattenladen auch noch einen Anruf vom Anwalt des Verstorbenen bekommt, dass seine Brieftasche im Haus von Walter gefunden wurde. Für die Brüder heißt es nun, sich ein Lügengerüst aufzubauen und damit ausgestattet zur Trauerfeier zu gehen.

Max drängt Jake, Walters einziges Familienmitglied, seine Nichte Angie, die extra aus Chicago eingeflogen ist, zu überzeugen, dass ihr Onkel friedlich eingeschlafen ist. Jake gibt dabei vollen Körpereinsatz, doch selbst das bringt Angie nicht davon ab, ihrem Bauchgefühl nachzugehen und einen Privatermittler engagieren zu wollen. Wie gut, dass Max genau den richtigen Ermittler kennt: Kenny, der praktischerweise massive Alkoholprobleme hat und deshalb einen Klumpen Erde nicht mehr von einem Knopf unterscheiden könnte. Doch manchmal ändern sich Menschen von jetzt auf gleich! So auch Kenny – und Max und Jake müssen erkennen, dass die wenigsten Dinge im Leben kontrollierbar sind, wie sehr sie es auch versuchen …

Regie : Robert McKillop
Drehbuch : Neil Forsyth
Produktion : Expectation,Happy Tramp North
Produzent : Jules Hussey
Kamera : Nanu Segal
Schnitt : Nikki McChristie
Musik : Arthur Sharpe

Mit :
Mark Bonnar (Max McCall)
Jamie Sives (Jake McCall)
Ruth Bradley (Angie Curtis)
Siân Brooke (Claire McCall)
Emun Elliott (Kenny Burns)
Ellie Haddington (Sheila Gemmell)
Joe Donnelly (Walter)

Großbritannien 2019



HANNIBAL – DIE ARROGANTESTE TV-SERIE by Martin Compart

„Ich möchte, das Sie an das Beste in mir glauben.“
Dr.Lecter

Mit Hannibal Lecter gelang dem US-Autor Thomas Harris eine nder überragenden Mythen der Kriminalliteratur zu schaffen, nicht ganz – aber fast! – auf dem Level von Sherlock Holmes oder James Bond.

Mit Sicherheit ist Harris´ Schöpfung die einflussreichste Figur des Genres und der Pop-Kultur seit den 1980er Jahren. Der Erfolg der Lecter-Romane machte den Serienkiller zum erfolgreichsten kriminalliterarischen Subgenre der letzten 40 Jahre (zum Leidwesen vieler) und zur Pop-Ikone.

Natürlich nicht von ungefähr: Keine andere Figur verkörpert diese Epoche genauer als der Serienkiller. Niemand symbolisiert den herrschenden Raubtierkapitalismus, der soziopathisch für kurze oder mittlere Bedürfnisbefriedigung über Leichen geht, effektiver als der Serienmörder.

Die Qualität von Thomas Harris Romanen steht – im Gegensatz zu den meisten seiner Epigonen – nicht in Frage. Die Verfilmungen sind akzeptabel (die erste, RED DRAGON von Michael Mann, ist sogar herausragend).

Die überragende Umsetzung des Lecter-Mythos ist m.E. die TV-Serie HANNIBAL, die sogar die literarische Vorlage übertrifft.

HANNIBAL ist wohl die arroganteste TV-Serie, die bisher gedreht wurde. Ohne Rücksicht auf bildungsferne Schichten dekliniert sie fin de siècle als Crime-TV. Trotz der Brutalität, die anfangs dem US-Sender NBC immerhin 4,36 Mio Zuschauer einbrachte, stürzte sie ab und konnte in ihrer vorläufig letzten Staffel (der dritten) nur noch 1,5 Mio Zuschauer erreichen.
In Deutschland war die Erfolglosigkeit noch dramatischer.

Sympathischer Weise interessierte das die Produzenten (darunter Martha De Laurentis, die die Film- und Fernsehrechte der literarischen Vorlagen hält) nicht im Geringsten. Mit internationaler Verwertung und DVD-Verkäufen ist der Profit gesichert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sie weiteres planen.

„Es gibt keinen Gott.“
„Mit dieser Einstellung, sicher nicht.“

Es gibt viele Bezüge zu den Romanen, aber auch entscheidende Abweichungen und Unterschiede: In der TV-Serie wird der Profiler Will Graham durch Dr.Lecter geformt und manipuliert. Am Ende der 1.Season hat Lecter alle Beweise seiner Verbrechen so manipuliert, dass Graham für sie verantwortlich gemacht wird.

Das kompromisslose Ende der Serie zeigt Lecter und Graham nach dem Niederringen des Roten Drachen als Liebespaar, dass sich quasi die Reichenbachfälle herunterstürzt.
2015 verkündeten Bryan Fuller und Martha de Laurentis, dass man eine 4.Season vorbereitet (die zwei Jahre nach der letzten Folge spielen soll; Holmes hat den Sturz in die Reichenbachfälle auch überlebt).

Mit der Nutzung der Digitaltechnik schaffen die Macher faszinierende Traumbilder, die assoziativ Erkenntnisse über Handlung oder Charaktere im Zuschauer freisetzen (können).

„Sein Tod ist nichts persönliches. Er ist nur die Tinte, mit der ich meine Verse schreibe.“

Die hier geschilderten Serienkiller sind derartig abstrus in ihren Motiven und Neigungen, dass die TV-Serie die Schwarze Romantik (nach Mario Praz) aktualisiert.

Überhaupt scheint neben Thomas Harris und der Film „7“ der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans ein wichtiger Einfluss gewesen zu sein. In seinem Roman Á REBOURS lebt seine Hauptfigur den Ästhetizismus, in dem alles Künstliche dem Natürlichen vorzuziehen ist, bis zum exzessiven Niedergang aus.
Noch wichtiger könnte Huysmans Roman LÁ-BAS für die Serie gewesen sein: In ihm sucht ein dekadenter Literat, der an einer Biographie des „Vater aller Serienkiller“, Gilles de Rais, arbeitet Erfüllung im Satanismus.

In HANNIBAL wird die Natur auch optisch diskreditiert: Pflanzen wachsen zerstörerisch aus oder durch Körper (die Kamera zeigt es brutal im Zeitraffer) und Mörder, Serienkiller oder Perverse sind nichts anderes als Egozentriker in einem Danteschen Inferno.

Ton, Musik, Bild und Dialog bilden ein eigenes Universum, das nur innerhalb der Serie existiert.

In Harris´ Romanen hat sich das l´art pour l´art lediglich auf die Figur Dr.Lecter beschränkt; die anderen Personen, Handlungsorte und Plotlines sind in der sozialen Realität verankert.
In der TV-Serie ist Dekadenz der Kosmos, in dem Krieg zwischen Moral und Ästhetizismus herrscht. Losgelöst von soziologischen Impulsen spielt HANNIBAL in einer Parallelwelt, wodurch man die Serie als Noir-Fantasy oder Noir-Horror kategorisieren könnte. Auch hier führt Dekadenz in den Wahnsinn („Sie haben sehr spektakulär ihren Verstand verloren.“).
Die Serie bewegt sich in Räumen des Irrsinns, in denen sich vor den Augen des staunenden Zuschauers eine eigene Logik manifestiert. „Ich lasse mich von etwas so formbaren wie der Wahrheit nicht eingrenzen.“

Eine Parallelwelt, die fast ausschließlich aus Empathie freien Menschen besteht und in der Empathie immer weiter zurückgedrängt wird, den Fahndern nur als Aufklärungsinstrument dient (darin besteht vielleicht ein dystopischer Bezug zur sozialen Realität der Zuschauer).

Die immer wiederkehrenden Großaufnahmen von lukullischen Köstlichkeiten und ihres Verzehrs in verschwenderischen Farben, kippen den Zuschauer innerhalb weniger Sekunden von Gourmetfaszination in Ekel. Ein höchst informatives Gespräch über die Bildsprache in HANNIBAL findet sich unter: https://tv.avclub.com/hannibal-s-powerful-visuals-make-it-one-of-the-best-sho-1798242349

Für den DER SPIEGEL ist die Serie fast zu viel: „Das permanente Dräuen des Wahnsinns, die fehlende Entspannung und die kaum vorhandenen Glücks- oder Humormomente machen die Serie zu einer fast körperlichen Belastung: Sie staffelweise wegzugucken, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.“(Online 9.10.2013)

„Wovor ziehen Sie sich zurück?“
„Soziale Bindungen.“

Mads Mikkelsen ist natürlich der Star in diesem Ensemble blendender Schauspieler (wie in Hollywood inzwischen üblich, bedient man sich bei Ausländern für Starrollen, besonders bei den Briten wie hier mit Hugh Dancy als Graham).
Mikkelsen chargiert nicht wie Anthony Hopkins, sondern verkörpert Lecter als bedrohlichen Stoiker, der anscheinend lediglich aus sich ein wenig heraus geht, wenn er mit guten Speisen und Getränken konfrontiert wird.

Von Anfang an plante Fuller die ersten drei Seasons als eine perverse Liebesgeschichte, die sich zwischen Graham und Lecter entwickelt. Mikkelsen spielt Darcy gegenüber seinen homosexuellen Charme so dominant aus, dass dieser manchmal wie ein Kaninchen vor der Schlage wirkt, bevor er sich in einen beißfreudigen Mungo verwandelt.

In der dritten Season treiben sie – inhaltlich orientiert am dritten und ersten Harris-Roman – den Wahnsinn auf die Spitze; die surrealistische Bildsprache erreicht ihren Höhepunkt und driftet häufig ins psychedelische.

Diese TV-Serie ist wahrlich mit keiner anderen vergleichbar und baut einen so eigenen und in sich geschlossenen Kosmos, wie es auf völlig anderer Ebene nur THE PRISONER gelang.

P.S.: Dies ist wohl das letzte mal, dass ich mit einem funktionstüchtigen Classic Editor in meinem wordpress-Blog arbeiten konnte. Deshalb nenne ich hier meinen neuen Blog, in dem ich künftig schreiben werde: https://martincompart.blogspot.com/

HANNIBAL

US-TV-Serie. 39 Episoden in drei Staffeln, 2013-15.

Dr. Hannibal Lecter Mads Mikkelsen Matthias Klie
Will Graham Hugh Dancy Marcel Collé
Dr. Alana Bloom Caroline Dhavernas Susanne Geier
Beverly Katz Hettienne Park Victoria Sturm
Special Agent Jack Crawford Laurence Fishburne Leon Boden
Jimmy Price Scott Thompson Gerald Schaale
Brian Zeller Aaron Abrams Matthias Deutelmoser
Dr. Bedelia Du MaurierF Gillian Anderson


DER JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Ich liebe Listen, vor allem diese streng subjektiven am Jahresende.

2020 war, hauptsächlich durch Corona bedingt, ein Jahr, dass die feine englische Bezeichnung „strange“ zu Recht verdient.

Vor allem auf Filme hat das Jahr eine fatale Auswirkung gehabt. Kino fand fast gar nicht statt, deshalb fällt eine Einschätzung bildgewaltiger Filme so aus, als hätte ich sie im kleinen Arthouse-Kino ums Eck gesehen (wie seinerzeit die beiden laaangen Teile von „1900“ auf gerade mal stoffüberzogenen Holzsitzen gefühlte drei Meter von der Leinwand entfernt. D.h. ich würde glatt behaupten, unsere Sound-, Bild- und Sitzqualität daheim ist mittlerweile besser).

Weiterhin gilt:
„Das Corona-Virus hat an der Gesellschaft nichts geändert. Die Intelligenten sind immer noch intelligent und die Dummen sind immer noch dumm. Man sieht nur beides noch deutlicher.“

Zur Musik:

Jaume De Viala: Sonoritat De Mil Miralls
Mein Fazit bei Musikreviews.de: „„Sonoritat De Mil Miralls“ ist eine traumhafte musikalische Reise durch Katalonien, die sowohl auf der kleinen Folkbühne wie im Jazzkeller und im Prog-Rock-Theater Zwischenstation macht. Dabei homogen bleibt und gekonnt zwischen großer Sehnsucht und Laissez-faire kreist.“

Lucinda Williams – „Good Souls Better Angels“. Verlässlich wie immer. Ihre Stimme ist knarziger geworden, die Musik ist es auch. Auf die faszinierende Art.

Anna von Hausswolff – When Thoughts Fly. Kein Gesang, nur Kirchenorgel und diverse andere Tasteninstrumente. Es gibt Menschen, die finden das langweilig. Denen entgeht das rauschhafte Erlebnis einer wahrhaft transzendentalen Nachtmusik.

Domink Scherrer with Natasha Khan (aka Bat For Lashes): „Requiem – O.S.T.“
Die walisische Serie ist ganz okay, der Soundtrack ist eine Wucht. Hier gilt einmal: Atmosphärisch dicht ganz ohne Alkohol. Gilt auch für die Soundtracks zu „The Black Spot“ (im Original völlig konträr: „La Zone Blanche“) „La Foret“ und „Tabula Rasa“, die zwar schon++ etwas Zeit auf dem Buckel haben, aber jetzt erst von mir richtig entdeckt wurden.

Matt Holubowski: „Weird Ones“. Ich zitiere mich mal selbst: „„Weird Ones“ ist wunderschmerzlich-schön geworden, ein mehr als würdiger Nachfolger zum vorzüglichen „Solitudes“. Eine Ode an die Langsamkeit, das nachdenkliche Schlendern in eigentlich hektischen Zeiten.“
.
Grant-Lee Phillips: „Lightning, Show Us Your Stuff“.
Mein Americana-Album des Jahres (dicht gefolgt vom neuen Chuck Prophet-Werk „The Land That Time Forgot“). Um es mal so zu sagen: All das, was Bruce Springsteens lendenlahmes Altherren-Rockwerk „Letter To You “nicht ist.

The Alligator Wine: „Demons Of The Mind“ Ich mag keinen Retro-Rock. The Alligator Wine kommen aus Deutschland und spielen Retro-Rock. Ich liebe das Album und seine Power. Vielleicht weil die Combo näher bei den DOORS als bei Led Zeppelin ist.

White Rose Transmission – „Happiness At Last“. Selten wurde die Dunkelheit zu einem schöneren Kissen als „Happiness At Last“ es aufschüttelt. Ein mitunter tieftrauriges Album, das dennoch trostreich durch diesen coronageschwängerten Herbst lotste. Die Akustukvariante von Adrian Borlands „Winning“ ist traumhaft.

Paul Roland – „Lair Of The White Worm“. Der Mann ist natürlich gesetzt. Kurz vor Jahresende veröffentlicht Paul Roland ein weiteres seiner ganz besonderen psychedelischen, victorian-space-age-Wunderwerke. Folk, Baroque-Rock, ein geisterhafter Hauch Weltmusik, Velvet Underground treffen auf Donovan und Ian Anderson spielt im Keller von Hill House Flöte. Maskenball in einer gotischen Kathedrale. Melting away.

Idris Ackamoor & The Pyramids – „Shaman!“ Grandioses Alterswerk, eine mitreßende Mischung aus spirituellem Jazz, Psychedelic und Soul. In etwa als würden ausgeschlafene Gong auf Pharoah Sanders treffen.

Die Bücher:

Es waren vergleichsweise wenig dieses Jahr. Lara Croft und Nathan Drake forderten ihren (Zeit)tribut.

Christian Keßler – „Gelb wie die Nacht“. Keßlers flapsiger Stil liest sich immer noch launig, wirkt nach dreißig Jahren dennoch mitunter etwas manieriert. Ändert nichts daran, dass er mit viel Zuneigung, Herzblut und kenntnisreich über ein Genre schreibt, das gerne weiter in den Focus gehievt werden darf. Sympathisch auch, dass er in jedem noch so verkümmerten Spross ein mildes Blühen entdeckt. Essentielles Nachschlagewerk, dem verwandten „Giallo: Die Farbe des Todes: Eine Chronologie des italienischen Serienkillerfilms“ von Peter Osteried analytisch überlegen (Osteried spoilert zudem heftig. Trotzdem für Giallo-Interessierte lesenswert) und nicht nur für Fans der messermetzelnden Thrillerkost aus Sigmund Freuds Schattenkabinett lohnend.

Horst Eckert – „Im Namen der Lüge“. Nach seiner Beschäftigung mit dem NSU-Komplex, schreibt Eckert in diesem spannenden Politthriller über die Verflechtungen von Exekutive, Judikative und neofaschistischen Auswüchsen. Spannend und (leider zu) dicht an der Realität.

Willi Achten – „Die wir liebten“. Und wieder ein Selbstzitat: „“Die wir liebten” ist ein Coming Of Age-Roman, der voller poetischer Kraft von den vielen Facetten des Erwachsenwerdens erzählt. Voller Witz, Traurigkeit und Dramatik, die allem Alltäglichen innewohnt. Kleine Abenteuer, große Fluchten, Liebe und Verantwortungsbewusstsein, der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben voller Wahlmöglichkeiten. Eine überschaubare Welt der scheinbaren Freiheit, die zerbröselt, sobald die repressive, missgünstige Realität das machtvolle Zepter führt. Dann wandelt sich der Ton des Romans ins finster Schwarze, wird zum Horror. Der sich nicht aus der Phantastik speist, sondern aus der Wirklichkeit.“ Wunderbares, wichtiges Buch.

Jon Savage – „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere: Die Geschichte von Joy Division“. Die Musik, die Stadt, der Tod. Wichtige Wegbegleiter, literarisch ansprechend gewürdigt.

Achim Reichel – „Ich hab das Paradies gesehen“. Der Mann kann charmant erzählen, und er hat was zu erzählen. Amüsant und erhellend. Für mich einer der wichtigsten (deutschen) Musiker. Natürlich inklusive A.R. & Machines, gelle Martin? Pflichtprogramm.

Andreas Kollender „Mr. Crane“. Exzellent geschriebene (fiktive) Liebesgeschichte zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der tuberkulöse Autor Stephen Crane („Die rote Tapferkeitsmedaille“, ebenfalls von Pendragon neu aufgelegt) und die Krankenschwester Elisabeth begegnen sich in Badenweiler, in dessen Sanatorium der sterbenskranke Mr. Crane in Behandlung ist. Liebe, Paranoia und die Kraft des Erzählens. Je näher der Tod, umso intensiver das Leben.

Guillermo Martinez – „Der Fall Alice im Wunderland“. Der Nachfolger der „Oxford-Morde“ ist wieder ein intelligentes Vexierspiel. Der weiße Hase kennt den Mörder, hat aber keine Zeit, es zu verraten. Der verrückte Hutmacher denkt sich seinen Teil dazu und grinst zufrieden.

Film und Fernsehen

„The Nightingale“ ist eine düstere Rachegeschichte der besonderen Art. Jennifer Kents („The Babadook“) zweiter Langfilm erzählt von strukturellem Rassismus, Misogynie und Gewalt. Die neuseeländische Landschaft ist atemberaubend, die Darsteller*innen sind es auch. Ein Film, der wehtut und das ist auch gut so.

„The Hunt“ wurde bereits vor seinem Erscheinen kontrovers aufgenommen, sodass sich die Veröffentlichung Monat um Monat verzögerte. Die klassische „Dr. Zaroff“-Menschenjagd-Storyline als actionreiche Gesellschaftssatire voller cooler Twists und Widerhaken. Hillary Swank überzeugt, gegen den Strich besetzt (oder doch nicht?), Emma Roberts schaut nur ganz kurz vorbei und Hauptdarstellerin Betty Gilpin (die erst nach 25 Minuten auftaucht) ist ein funkelnder Diamant solitärer Art.

„Spuk in Hill House“ und „Spuk in Bly Manor“. Mike Flanagans serielle Verfilmungen der nicht ganz unbekannten Vorlagen von Shirley Jackson und Henry James gehören zusammen wie Hanni & Nanni. Ein Duo, das zum Besten gehört, was im letzten Jahr über die Mattscheibe flimmerte. Exzellente Bildgestaltung, stimmungsvoller Soundtrack, überzeugende Schauspieler*innen (insbesondere die Kinderdarsteller verdienen besonderes Lob) machen beide Serien zum düsteren Genuss. Liebe, Verlust, Verborgenes und Erahntes, (familiäre) Lügen und Traumata machen große Geistergeschichten, wahren Horror aus. Und nicht ein Übermaß an Jump Scares. Zudem eine packende Reise in die vielen Schichten der Traumdeutung.

„Birds Of Prey – The Emancipation Of Harley Quinn“. So schröcklich die „Suicide Squad“ war, so herrlich die Konzentration auf die einzig sehenswerte Komponente: Die brillierende Harley Quinn. Die sich in „Birds Of Prey“ vom Joker emanzipiert und eine Damenriege in die Oberliga der Superheld*innenfilme führt. In die vordersten Ränge. Und das in einer Zeit, die von einer magenverstimmenden MCU/DC-Übersättigung geprägt ist. Action, Fun und Frauenpower. Margot Robbie kickt sie alle.

„Knives Out“ – Ein Meta-Murder-Mystery mit einer Besetzung zum Niederknien. Voller Twists, hinterhältiger Komik, gegen den Strich-Besetzung und fröhlicher Spannung. Gewitzt wie sonst was, aber nie überheblich.

„The Devil All The Time“ – Die Verfilmung von Donald Ray Pollocks „Das Handwerk des Teufels“ ist ein aschfahler Southern Noir, episodisch aufgebaut, mit Off-Kommentar, der eine Distanzierung schafft, die diese deprimierende Schilderung über dumpfen Glauben, Misogynie, Verführung, Lust und Gewalt, erträglich macht. Die Besetzung ist erlesen, unter anderem trifft die verlockende Elvis-Enkelin Riley Keough (als prollige Femme Fatale mit Gewissen und wenig Glück bei der Wahl ihrer Männer) nach „Under The Silver Lake“ auf ihren zweiten Spiderman (geht nicht gut aus), und Sebastian „Winter Soldier“ Stan gibt einen verfetteten, korrupten Cop. Robert Pattinson indes hat das Zwielicht eingeatmet und gebärdet sich wie Christopher Walkens enthusiastischster Jünger, in einer selten unsympathischen Rolle. Overacting als Kunstform. Macht er gut. An den schwarzen Messen, die um das ersterbende Kaff Knockemstiff zelebriert werden, möchte man nicht teilnehmen. Stattdessen lieber ein heißes Bad nehmen. Der katholische Filmdienst mochte „The Devil All The Time“ nicht. Aus naheliegenden Gründen. Wir mögen diesen langsamen, aber steigen Ritt in die Finsternis dafür umso mehr.

Es war also nichts alles schlecht in diesem Jahr voller Einschränkungen und Unwägbarkeiten. Das Schönste: Ich kenne mehr Menschen, die das Leben lebenswerter machen als empathielose Rechtslenker, die Ethos für ein türkisches Bier halten. Und während Erstere prägend bleiben mögen, gilt für Letztere einmal mehr der Wunsch des tapferen Archives: „ Now the world needs to see that it’s time you should go – There’s no light in your eyes and your brain is too slow“.

2021 wird. Irgendwie. Besser.



BILLIONS – die Wall Street-Dystopie by Martin Compart

P.S.:Gerade läuft die 6.Staffel und schürrt angenehm Ekel und Hass vor dem Kapitalismus.

„BILLIONS exaggerates some scenes for entertainment value,
but it really does capture the social milieu that
some hedge fund players inhabit — the way people live,
their wives, the social events they attend after-hours.
There hasn’t been something fictional that has felt as
real about the Wall Street world since [Tom Wolfe’s 1987
novel] The Bonfire of the Vanities.”

Bruce Goldfarb, Gründer und CEO des Hedgefonds Okapi Partners.

„Some of those situations are clearly drawn from
real life. You can tell the writers are obviously reading
The Wall Street Journal or Businessweek and then
ransferring that into the scripts… If I was writing t
he script of BILLIONS, I would start exploring the
interplay between D.C. politics and the financial markets,
because regulation is really going to matter and hedge funds
have thrived by being unregulated.”

Euan Rellie, Co-founder und Seniordirector der Investmentbank BDA Partners.

BILLIONS ist eine höchst bemerkenswerte und spannende Serie: Sie führt vor, wie das unmoralische Wirtschaftssystem durch Finanzspekulationen ohne Rücksicht auf den Planeten die Gier einiger Weniger auf die Spitze getrieben wurde und wird, und dass der Planet dadurch nicht die geringste Chance aufs Überleben hat. Denn in der plündernden Finanzwelt wurde als todbringende Waffe das Reale längst durch das Virtuelle ersetzt.

BILLIONS ist die Serie der Trump-Administration, die durch weitere Deregulierung Milliardärsträume wahr machte.

In der Serie gibt es keine Sympathieträger, nur asoziale Arschlöcher, die umgehend unter die Guillotine gehören. Ein besonders widerliches Beispiel ist der „neue“ Justizminister (in der 3.Season), der scheinbar direkt aus dem Trumpschen Kabinett in die Serie gerüpelt ist. Mehr Kotzmittel auf einen Haufen findet man nur in der Londoner City, der Wall Street oder im Frankfurter Bankenviertel (dort allerdings nur die Wasserträger).

Der personalisierte Grundkonflikt ist geradezu klassisch:

Auf der einen Seite ist ein etablierter Vertreter des Systems (Chuck Rhoades) und auf der anderen Seite ein gieriger Aufsteiger aus der Unterschicht (Bobby Axelrod).

Der eine ist unattraktiv, leidet unter einem autokratischen Vater und geht gerne zur Domina(auch gemeinsam mit der Ehefrau);
der andere ist charismatisch, erfreut sich an Konsum und redet sich ein, dass er seine Familie mehr als seine aus Frustration geborene Gier liebt.

Chuck will, dass die Regeln des Systems von den meisten eingehalten werden, Ax ist das egal, denn er weiß um den repressiven Nutzen des Systems für die Etablierten. Stattdessen pflegt er einen Lebensstil, der sich an Dekadenz orientiert und seine geistigen Mittel überschreitet.

„Everybody’s a libertarian until it’s their own town that’s dying,”

Umringt sind sie von einem Panoptikum aus ekeligen Konkurrenten und widerwärtigen Heloten. Gier und gegenseitiger Hass sind die Motoren ihres Handelns. Zwei Phänotypen des Kapitalismus, für die Klimawandel eine Marktvariable ist.

Zwischen ihnen steht Wendy Rhoades, die mit Chuck verheiratet ist aber für Ax(elrod) arbeitet (und von dessen Frau eifersüchtig gehasst wird). Sie ist der komplexeste Charakter und nicht komplett durchschaubar (nicht unvorstellbar, falls sie sich als bestens getarnter Serienkiller herausstellen würde).

Asia Kate Dillon as Taylor in BILLIONS (Season 2, Episode 02). – Photo: Jeff Neumann/SHOWTIME – Photo ID: BILLIONS_202_1570.R

Einer der interessantesten Charaktere ist das nichtbinäre Spekulationsgenie Taylor Mason, das soziopathische Neigungen gelegentlich mit funktionaler Empathie auszugleichen sucht. Aber Taylor Mason ist auch ein unberechenbarer Nerd.

„They turned us all into Starship Troopers, sent us to Klendathu and some of us got our brains eaten. And it wasn’t until the end of our time in that we realized we were the bad guys all along. It’s not like that here.”

Um sie herum manipulieren oder zerstören sie alles und jeden. Die einzige „saubere“ Figur wird in der 3.Season aus einer staatlichen Institution gefeuert, weil sie unbestechlich ist und gut ihren Job gemacht hat.

Die Serie schreckt auch nicht davor zurück zu zeigen, dass das Rechtssystem ebenfalls fast völlig korrumpiert ist und vor allem der Egomanie der Oberschicht zu dienen hat, die einst ihre Privilegien ebenso kriminell erreicht hatten wie der Axelrod-Typus. Die gelegentlichen Konflikte mit Wall Street basieren darauf, dass etablierte Kräfte ihre Gier nicht mit Aufsteigern teilen mögen.

Tausende da draußen gucken Bruce Lee-Filme, trotzdem können sie kein Karate.“

“China’s a pig on LSD … you never know which way it’s gonna run!”

Chuck, der als Staatsanwalt bald eine politische Karriere anstrebt, ist eine unmoralische Figur, Bobby eher amoralisch. Auch aus dieser Spannung saugt die Erzählung zynisches Vergnügen. Genauso wie aus dem Verhältnis zwischen Hass und Gier als Energiequellen dieser vor Systemimmanenz glühenden Neo-Cons. Was Chuck noch eine zusätzliche Ekeldimension beschert, ist seine Bigotterie: Er erklärt seine gemeinsten Handlungen gerne damit, dass er den „kleinen Mann“ gegen das Establishment verteidigt. Trump wird seit der Erstausstrahlung (ab 2016) keine Folge verpasst haben (obwohl sie ihn geistig wohl überfordert hat).

In unserer Welt gibt es mehr Kapital als Dinge zu kaufen. Das unproduktive Kapital sucht ständig nach Anlagemöglichkeiten, um sich zu vermehren. Diese Spekulationsblasen sind ein perpetuum mobile, dass mittelfristig das eigene System zerstören wird. Denn im Gegensatz zum Axiom der liberalen Scharlatane ist Wachstum, auch das von Kapital, nicht unendlich. Diese These würden beide Antagonisten, Chuck und Ax, ablehnen. Reduktion der Ungleichheit ist für sie keine Option. Warum den Planeten für Säugetiere retten, wenn man mit seiner Zerstörung Geld verdienen kann?

Die Serie ist grandios umgesetzt (in einer Qualität, die man in Deutschland wohl nie erreichen wird). Bestes Schauspiel, effektive Regie.
Und geschrieben ist sie fantastisch, auf einem Niveau, wie es nur die besten Angelsachsen können. Selbst den Soap-Elementen gewinnen die Autoren meistens noch frische Aspekte ab.
Es sind vor allem die unerwarteten Volten in der Handlung, die einen an den Bildschirm fesseln und wohl weitgehend dazu beigetragen haben, dass BILLIONS immer erfolgreicher wird und SHOWTIME gerade eine sechste Season in Auftrag gegeben hat. Die fünfte wurde aus Corona-Gründen nach sieben Folgen beendet.

Man sollte auch berücksichtigen, dass da draußen genug Opfer einer ideologischen Illusion vor den Bildschirmen sitzen, die BILLIONS aus den falschen Gründen mögen.

Die Serie ist wie Ross Thomas‘ schlimmster Alptraum.

Verantwortlich für diese Qualität sind vor allem die drei Männer, die sie erfunden haben: Brian Koppelman, David Levien und Andrew Ross Sorkin, die BILLIONS auch produzieren.

Koppelman (geboren 1966) war Musikmanager (u.a. bei Elektra!), entdeckte Eddie Murphy und Tracy Chapman, für deren erste Tonträgerverträge er verantwortlich war. 1997 schrieb er mit David Levien seinen ersten Film: ROUNDERS. Weitere Drehbücher (WALKING TALL, OCEAN´S THIRTEEN, etc.) folgten. In MICHAEL CLAYTON (2007) und I SMILE BACK (2015; basierend auf einem Roman seiner Frau Amy) war er als Nebendarsteller zu sehen.

David Levien ist Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Schriftsteller (darunter die Serie um den Privatdetektiv Frank Behr). Der gebürtige New Yorker begann auf der Universität mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und stieg 1989 ins Film- und Fernsehgeschäft ein.

„I’d been an avid crime fiction reader since I was a kid. Chandler and Hammett, John D. MacDonald, Donald Westlake, Elmore Leonard, Lawrence Block, James Elroy and even the crime novels of Cormack McCarthy are among my favorites. They set the standard — which is a very literary one I believe — in the genre, and the one that I strive for in my books… I’m fortunate in my film work — screenwriting, directing and producing — to work with a great creative partner, Brian Koppelman. We’ve been life-long friends since meeting on a summer trip more than 25 years ago. I had moved back to New York and was writing novels in my mid-20s and he was pursuing a successful career in the music business when he said he really wanted to write a screenplay, and to learn the form. I knew a lot about screenwriting from my time in Hollywood, where one of my jobs was as a script reader, and volunteered that we should write one together. Soon after that, Brian was taken to an underground poker club in New York. He lost all his money but was excited by the colorful world of „No Limit Texas Hold ‚Em.“ We started going to the clubs, playing poker every night, and that’s where ROUNDERS, our first movie, was born… For us the collaboration starts right at inception — throwing dialog back and forth in our office. Since we’ve known each other for so long, and grew up reading the same books, listening to the same music, and watching the same movies, there is a shared creative language that makes the whole process very natural.“

Für die Stimmigkeit der Fakten und des Milieus ist Andrew Ross Sorkin zuständig.
Der Wirtschaftsjournalist und Autor hat eine eigene Kolumne in der New York Times und schrieb über die Bankenkrise den Bestseller TOO BIG TO FAIL (Vorlage des Films von Curtis Hanson mit William Hurt und Paul Giamatti). Das Wissen um sein Knowhow macht BILLIONS umso erschreckender.

Alle drei betreiben transzendentale Meditation.

Koppelman, Levien, Sorkin

Trotz all des Vergnügens, den der Konsum von BILLIONS bereitet: Die abgebildete Systemrealität ist nicht mal nihilistisch, sondern nur pervers destruktiv. Da können Pandemien zum Hoffnungsträger werden.

P.S.: Diese Rezension bezieht sich auf die ersten drei Seasons. Man kann nicht prognostizieren – und das gehört zum schönsten, was sich über eine Serie sagen läßt – wie und wohin sie sich weiterentwickelt.

P.P.S.: Die ersten vier Staffeln gibt es auf DVD. Genau das richtige für ein besinnliches Christenfest.

„The torrent of pop culture references continues. Before watching season two, it is wise to be up to speed on, among other things, The Philadelphia Story, the Dalai Lama, the musical Hamilton, Ali G, the Roman poet Pindar, and always, not far below the surface, Moby-Dick.“

Mark Lawson in THE GUARDIAN

Es ist die bisher konsequenteste Darstellung des Kapitalismus, inklusive intelligenter und umfassender kultureller Verweise.



GARY OLDMAN IST JACKSON LAMB by Martin Compart
9. September 2020, 6:56 am
Filed under: MICK HERRON, Spythriller, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Zur ersten Mini-Serie der Slough House-Serie von Mick Herron, in der Gary Oldman die Hauptrolle spielt, Schrieb Stephe Arnell am 6.Februar 2020 in TELEVISION BUSINESS INTERNATIONAL (TBI):

… Herron, who tells TBI he is enthused by the prospect of the Apple adaptation.
‘I’m very happy that we have a great team in Graham Yost (Justified) and Will Smith (Veep) bringing Slow Horses to the screen. I’ve already visited the writers room,” he says, adding that Yost’s presentation of the show’s storyline to Apple was “incredibly impressive.”
The author also stresses the importance of historical context in the Slough House series, emphasising that the story “hues to the tradition of more grounded, realistic British spy thriller, but includes satirical elements, often referencing current events.
“With the political turmoil of the present-day, it helps with such outlandish occurrences as Trump that you can push the boundaries, although Slough House eschews the gadgetry of some spy thriller novels.”

For Apple, Slow Horses is clearly another costly bet on talent-led drama. The presence of 2018 Oscar winner Oldman in a very rare TV role adds to the lustre of Slow Horses and could help sell the show to prospective subscribers who may not yet have engaged with the streamer.
The series may also have the knock-on effect of giving Oldman’s post-Oscar career a boost, following appearances in thrillers such as Tau, Hunter Killer, The Courier and Killers Anonymous. And while there has been little word yet on the supporting cast, the presence of the aforementioned Yost as executive producer, together with Veep co-writer and co-producer Smith promise a strong commitment to crackling dialogue and character development.