Martin Compart


WARUM ICH INSPECTOR BARNABY LIEBE by Martin Compart
25. März 2018, 8:31 pm
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: ,

 

Die Plots sind unter aller Sau.

Die Charaktere sind Klischees.

Das Gesellschaftsbild ist grottig.

Die Ideologie und der Subtext ist konservativ bis reaktionär.

ABER ES HAT EINEN CHARME,

WIE IHN KEINE DEUTSCHE PROVINZ-SERIE HINKRIEGT (vergleicht das mit MORD MIT – würg – AUSSICHT).

Manchmal kann ich nicht glauben, mit welchem Schwachsinn die Serie bei mir durchkommt. Ist mir aber auch egal.

Ich glaube, man braucht Humor, um BARNABY wirklich zu goutieren. Oder einen guten Malt.

Oder als Neuaufguss des Golden Age sieht man Barnaby wie Fantasy. Das Schöne ist auch: Es spielt keine Rolle, ob man eine Folge schon gesehen hat, da man sich an den Schwachsinnsplot sowieso nicht erinnern kann (wenn man nicht die eigene geistige Gesundheit gefährden will). Ist doch auch egal: BARNABY ist ein abendländisches Ritualspiel.

Gucke ich BARNABY um einen Krimi zu sehen?

Nee, ich gucke BARNABY um BARNABY zu sehen.

Trotzdem kann mir kein Reisebüro Midsommer buchen. Das kann doch wohl nicht wahr sein!

INSPECTOR BANABY (nur echt mit John Nettles) ist sein eigenes Genre.

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VERGANGENHEIT IST NIE ZU ENDE : RIVER by Martin Compart
9. Februar 2018, 10:46 am
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: , ,

auf: https://crimetvweb.wordpress.com/2018/02/09/river/



NEWS: Neu in CRIME TV by Martin Compart
30. Januar 2018, 10:54 am
Filed under: Jean-Christophe Grangé, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

Über die herausragenden französischen TV-Produktionen GIER und DIE GEISTER VOM FLUSS in CRIME TV unter:
https://crimetvweb.wordpress.com/2018/01/30/gier-und-geister-vom-fluss-die-franzosen-zeigen-uns-die-schoenheit-des-neo-kolonialismus/

 



NEWS: HANNIBAL by Martin Compart
10. November 2017, 2:09 pm
Filed under: NEWS, Noir, TV-Serien | Schlagwörter: ,

HANNIBAL-DIE ARROGANTESTE TV-SERIE. Überlegungen dazu jetzt in meinem CRIME-TV-Blog:
https://crimetvweb.wordpress.com/2017/11/17/hannibal/

href=“https://martincompart.files.wordpress.com/2017/11/hannibal-episode-1-10-buffet-froid-hannibal-tv-series-34564066-4256-28321.jpg“>



50 JAHRE McGILL by Martin Compart
21. Oktober 2017, 12:12 pm
Filed under: DER MANN MIT DEM KOFFER, Noir, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Vor 50 Jahren revolutionierte eine britische TV-Serie das Crime-Genre: MAN IN A SUITCASE. Sein Hauptdarsteller, der die Serie prägte wie kaum ein Schauspieler eine Serie prägte (im Vergleich fällt mir nur Götz George als Schimanski ein), kann dieses Jubiläum leider nicht mehr erleben: Richard Bradford starb letztes Jahr.

Ihm ist diese Reminiszenz gewidmet.

Er war und ist noch immer einer der Höhepunkte des Brit Noir im Medium Fernsehen: Richard Bradford alias McGill in MAN IN A SUITCASE.

Als das vielbesungene 68er-Jahr damals wie eine biblische Heimsuchung über alle anständigen Bürger hereinbrach, geriet die Welt der Eltern eine Zeitlang ziemlich aus den Fugen. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über die ebenso banalen wie gutgemeinten Ratschläge ihrer Erziehungsberechtigten.

Die Spießerdroge Fernsehen – womit man die lieben Kleinen früher noch hatte heimlocken können – war out. Man würde ohnehin nie wieder einen solchen Kick erleben wie beim ersten Sehen von „Texas Rangers“, „Bob Moran“, „Mike Nelson“, „Tennisschläger und Kanonen“ oder „Simon Templar“. Lediglich „Der Mann mit dem Koffer“, der für Krimiserien das war, was die Stones im Bereich der Popmusik darstellten, lockte mich 1969 noch ganze dreizehnmal freitags, pünktlich um 21 Uhr, nach Hause – und natürlich „Nummer 6“ („The Prisoner“), samstags nach dem „Aktuellen Sportstudio“.

Eigentlich war man ja als hartgesottener Teenager über die Identifikation mit diversen Serienhelden hinaus – so dachte man wenigstens.
Doch dann kam er: McGill, der Mann mit dem Koffer. Er gab uns den Thrill der frühen Jahre zurück, als die Mattscheibe das gesamte Bewusstsein fiebriger Kinderhirne aufgesaugt hatte. McGill knallte alles weg, was zuvor noch Idolcharakter besessen hatte.

Er war der härteste TV-Held der Prä-Sonny-Crockett-Ära und der einsamste Wolf auf diesem Planeten (abgesehen von den männlichen, pubertierenden Fans, die seiner lakonischen Einsamkeit mit offenen Mündern und wütend geballten Fäusten folgten).

Die einst bewunderten TV-Helden wirkten im Vergleich zu ihm noch mehr wie Hochstapler und Flaschen.

Ihre inszenierten Prügeleien muteten angesichts der eigenen Straßenschlachten, nach denen man sich nicht die Haare kämmte, sondern wundgeprügelt in der Dunkelheit auf Schmerzlinderung wartete, absurd und lächerlich. Bei Kämpfen siegte nicht automatisch das Gute, wie uns die Arschlöcher von der Ponderosa weismachen wollten, sondern der stärkere oder brutalere.

McGill wusste das.

Er machte bereits in der ersten Einstellung klar, dass er nicht an alte Wertvorstellungen glaubte und wirklich gefährlich war. Der Mann bewegte sich über den Bildschirm wie ein Panther.
Zum ersten Mal sah man in einer Serie, wie beim Schießen Patronen aus der Pistole flogen.

Erstmals wurde auch gezeigt, wie man sich wirklich verhält, wenn man in ein Haus eindringt, wo die bösen Jungs schon auf einen warten. McGill nahm sich dafür Zeit, nutzte jede Deckung aus und arbeitete sich minutiös wie in einem Melville-Film von Zimmer zu Zimmer vor, darauf achtend, dass kein Licht in seinen Rücken fiel. „Amos Burke“ oder „Simon Templar“ wären wie Elefanten durch die Bude getrampelt, hätten den Kopf ein wenig zur Seite genommen (nicht zu hastig, damit die Frisur nicht verrutscht), um einer Kugel auszuweichen, und dann mit einem langen, langsamen Hieb aus der ganzen Schulter den Bösewicht ohnmächtig geschlagen – ein Hieb, den man auf der Straße nie zu sehen bekam.

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Nicht so McGill: der war ein übler, unglaublich schneller Schläger, der offensichtlich nicht nur zur Freude der Yellow-Press-Fotografen mit Stuntmen ein bisschen herummachte.
Nein, Richard Bradford hatte geboxt, und seinem Gesicht konnte man ansehen, dass er auch einzustecken wusste. Dass aus ihm kein Superstar geworden ist, ist unbegreiflich. Aber wahrscheinlich hat er zu vielen Produzenten aufs Maul gehauen, ohne dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

McGill war das coolste überhaupt; als dieser Begriff noch keine Anwendung fand.

Und McGill war eigentlich zu hart fürs deutsche Fernsehen – und genau deswegen war er unser Mann.
Er war ein Ex-CIA-Agent (ohne dass der Dienst je namentlich genannt wurde), den man reingelegt hatte, so wie wir damals alle regelmäßig reingelegt wurden, von staatlichen Institutionen wie der Lehrerschaft. So wie McGill seine Unschuld nachzuweisen hatte, musste auch unsereins vor elterlichen Tribunalen oder der pädagogischen Inquisition pausenlos beweisen, dass man nicht irgendwas angestellt hatte. Dabei wurde der Rechtsgrundsatz von der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils von der Blitzkriegsgeneration selbstverständlich außer Kraft gesetzt.
Wir waren also alles in allem nicht viel besser dran als McGill, der eine erhebende Metapher für junge Außenseiter war.

Die Firma beschuldigte McGill, er habe absichtlich nicht verhindert, dass ein westlicher Wissenschaftler zu den Russen übergelaufen war, und Schmiss ihn deshalb ohne Rentenanspruch raus. Natürlich war McGill schuldlos und versuchte das zu beweisen. In der Episode „Man from the Dead“, geschrieben vom genialen Stanley Greenberg, stellte sich seine Unschuld dann auch heraus. Aber da der vermeintliche Überläufer in Wahrheit ein Doppelagent war, konnte McGill natürlich nicht rehabilitiert werden, und seine zynischen Ex-Arbeitgeber ließen ihn weiterhin draußen in der Kälte stehen.

McGill: „Wenn er noch lebt, könnte er mich rechtfertigen.“
Direktor Cofflin: „Niemand kann Sie rechtfertigen, McGill.“

Widerliche Bürokraten sorgten zusätzlich dafür, dass er nicht zurück in die USA konnte, ohne verhaftet zu werden, und setzten ihn auf eine Schwarze Liste. So konnte jeder dumpfe Provinzbulle McGill das Leben noch schwerer machen.
Alles was ihm blieb, war ein Leben aus dem Koffer, mit dem er von einer miesen Absteige in die nächste zog. Er hatte nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft – und wurde so zum ersten proletarischen Krimihelden der Fernsehgeschichte.

„Paranoia heißt, alle Fakten kennen“, schrieb William S. Burroughs einst; McGill bestätigte diese Weisheit Woche für Woche. Um Kohle zu verdienen, nahm er so ziemlich jeden miesen Job an, und oft genug blieb man ihm den Lohn schuldig.

Für Konsumfetischismus und dummes Geplänkel hatte er dabei nichts übrig:

Bankkassierer: „Wie möchten Sie es haben?“
McGill: „Einfach in Geld.“

Nein, McGill ließ sich nichts vormachen. „Sie würden sich wundern, wie oft die eine Hand nicht weiß, was die andere versteckt“, sagte er gern.
Aber er war auch kein Glückspilz. Wenn er schon mal die Chance hatte, an eine satte Million Dollar zu kommen (wie in dem grandiosen Zweiteiler „Variation on a Million Bucks“ von Greenberg), landete er am Ende ohne Geld im Krankenhaus und musste noch dankbar dafür sein, dass jemand für die Kosten aufkam.

Bei fast jedem Job, selbst als Söldner in Afrika (in der Episode „No Friend of Mine“ von John Stanton), gerät er zwischen die Fronten und hat alle Seiten gegen sich. Und eine Suche nach geraubtem Geld, wie in „Which Way Did He Go, McGill?“ mit Donald Sutherland als Killer, konnte natürlich nur ergebnislos bleiben.

„Man in a Suitcase“ schlachtete eine goldene Kuh und schaffte das Happy-End in TV-Serien ab.

Bei diesen brutalen Stories kam in den naiven 60er Jahren manchmal wirklich das Gefühl auf, dass McGill am Ende einer Episode ins Gras beißen könnte. Genau das irritierte den durchschnittlichen Fernsehzuschauer, der schon zur Genüge um Dr. Kimble („Auf der Flucht“; OT: „The Fugitive“) gezittert hatte. Denn McGill war, im Gegensatz zu Kimble, ein echter gesellschaftlicher Außenseiter, und solche Typen schätzten die Mattscheibenspießer überhaupt nicht (weshalb die ARD nach 13 Folgen auch Schluss mit der Serie machte und uns die restlichen 17 Folgen lange Zeit vorenthielt).

Junge Leute, vielleicht die potentielle Zielgruppe dieser existentialistischen Serie, schauten damals nicht fern – schon gar nicht angelsächsische Action-Serien mit dem Geruch des „westlichen Kulturimperialismus“.
So wäre die Serie bei uns fast ein Flop geworden, hätte sie nicht eine der vielen unsäglichen öffentlichen Diskussionen darüber ausgelöst, „wieviel Brutalität denn das Fernsehen anbieten darf“. Damit hatte eine Hamburger Fischverkäuferin keine Probleme:
Als eine Fernsehillustrierte eine Umfrage („Was halten Sie von McGill – ist er zu gewalttätig?“) abzog, antwortete sie: „Der Mann ist eine Sünde wert.“

Selbst die stellenweise recht B-Movie-mäßigen Versuche, beim Publikum durch „geschickten“ Einsatz realer Hintergründe fernab gewohnter Studiokulissen etwas exotische Atmosphäre aufkommen zu lassen, taten der allgemeinen Begeisterung keinen Abbruch. Da wurden Standphotos von der Riviera oder grobkörnige Super-8-Aufnahmen von Rom dazwischen geschnitten, um zu belegen, dass sich McGill auch wirklich in Italien oder sonstwo aufhalten würde. Dabei sah jeder, dass er im lieblos ausgestatteten Elstree-Studio herumtobte.

Aber der Trash-Effekt war letztlich egal, solange nur der Drehbuchautor einen guten Job machte und sich Richard Bradford eine Zigarette in den Mundwinkel schieben konnte. Seit Humphrey Bogart hatte nämlich niemand mehr so cool mit Glimmstengeln hantiert. Was wiederum einige Kritiker auf die Palme brachte, wenn McGill mit Kippe im Mund einem Mittelschicht-Punk eine reinhaute.

Außerdem zeigte man erstmals in einer britischen Serie die dreckigen Londoner Hinterstraßen, auf denen Obdachlose herumlagen und Besoffene in Hauseingänge kotzten.

Als Nebenfiguren tauchten außerdem einige der schlimmsten Freaks auf, die man in einer 60er-Jahre-Serie zu sehen bekam: Donald Sutherland als völlig beknackter Killer in „Which Way Did He Go, McGill?“ oder ein ganzes Dorf voller aggressiver Arschlöcher in „All That Glitters“ von Greenberg, der auch hier wieder McGill am Ende ins Krankenhaus schickte. Und wenn die im deutschsprachigen Raum nie gezeigte Folge „Brainwash“ wirklich die letzte Episode war (was viele Fans behaupten), wissen wir nicht, ob McGill wirklich überlebt hat. Mit ihrer Ideologie der positiven Resignation war „Der Mann mit dem Koffer“ jedenfalls keine echte Sixties-Serie mehr und nahm „Miami Vice“ oder „Wiseguy“ bereits einiges vorweg. Statt sie jedoch an den Pranger zu stellen, hätten die üblichen besorgten Eltern Herrn Bradford lieber Dankschreiben schicken sollen: Er garantierte, dass wenigstens einige Rabauken Freitag abends zu Hause blieben…

Ron Grainer, der einige der besten Titelmusiken der Seriengeschichte komponierte (Stichwort: „The Prisoner“), legte mit der Musik zu „Der Mann mit dem Koffer“ übrigens sein Meisterwerk vor.





NEUES AUS DER BAKERSTREET by Martin Compart

Bücher über Sherlock Holmes füllen ganze Bibliotheken. Über keinen anderen fiktionalen Charakter (außer Hamlet) wurde mehr Sekundärliteratur produziert als über den koksenden Meisterdetektiv aus der Baker Street. Seine anhaltende Faszination hat mehrere Antriebe. Der ursächlich entscheidende für mich ist, das Conan Doyle mit ihr eine Synthese aus Aufklärung und Romantik geschaffen hat, die bis heute unser Lebensgefühl trifft und deshalb auch immer wieder sensibel und intelligent zu aktualisieren ist.

Kann da ein neues Buch noch irgendwas neues berichten? Mattias Boströms 600-Seiten-Schinken VON MR.HOLMES ZU SHERLOCK kann. Und das aus mehreren Gründen:

– bei der multimedialen Verwertung von Sherlock, die nun über 100 Jahre andauert, ist kein Ende in Sicht;

– der Autor trägt Fakten zusammen, die ansonsten nur in Publikationen zu Einzelaspekten zu finden sind.

Das Negative zuerst: Der Autor berücksichtigt kaum oder gar nicht die apokryphen Schriften des Holmes-Mythos der zahlreichen Autoren nach Conan Doyle Außerdem vermindert sich nach 1970 die vorher so großartige detailgenaue Darstellung (was um so ärgerlicher ist, da die 3. Sherlock-Renaissance in diesem Jahr eingeläutet wurde und bis heute trägt. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der Umfang. Hätte Boström beide Aspekte ausführlich behandelt, wäre das Buch gut dreimal so umfangreich geworden.

Trotzdem gehört es zu den besten Büchern über das Phänomen, das ich kenne. Das liegt vor allem an dem sowohl akribischen- wie unterhaltsamen Stil des Autors, der ganz nahe an Protagonisten oder Situationen heran geht und diese lebendig macht wie ein guter Romancier. Ihm gelingt es, die mediale Verwurstung der Figur genauso spannend darzustellen wie eine Sherlock Holmes-Geschichte. Der 1971 geborene schwedische Autor ist Mitglied der Baker Street Irregulars, der ältesten und angesehensten Gesellschaft von Holmesianern. Sie wurde 1934 von Christopher Morley gegründet und zählte zu ihren Mitgliedern prominente Leute wie Isaac Asimov, Anthony Boucher, Neil Gaiman oder Rex Stout.

Für jeden, der einen ersten umfassenden Überblick über eines der größten und langlebigsten kulturellen Monstren aller Zeiten lesen möchte, ist dies das richtige Buch. Und auch ausgewiesene Kenner des Phänomens werden es beglückt lesen, da Boström oft vergessene Details ausgräbt und neu gewichtet oder klassische Momente, wie die Begegnung zwischen Conan Doyle, seinem künftigen US-Verleger und Oscar Wilde, vermittelt, als wäre man persönlich zugegen.



MiCs Tagebuch: BLACK SAILS – Staffel 3 by Martin Compart
16. März 2017, 8:57 am
Filed under: Black Sails, Politik & Geschichte, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Nach zwei Staffeln hat Black Sails in der 3. seinen Rhythmus gefunden. Wendungen ohne Ende, stringent und temporeich erzählt, entsteht richtig Sog. Herrlich, wie die Macher mit immer gleichen dramaturgischen Techniken, die Geschichte vorantreiben. Als Zuschauer muss ich langsam auf die Bremse treten. Nur noch drei Folgen der 3. vor mir und die 4. braucht noch vier bis zum Ende. >Am 01. April läuft das Serienfinale, dann ist Finito. Und für mich geht‘s mit Staffel 4 weiter. „The villain makes the story”, lautet die Ansage der Schreiber, der Bösewicht macht die Geschichte aus, woraufhin jede Folge sich bemüht, diesem Diktum Rechnung zu tragen. Black Sails ist spannend und transparent zugleich. Die Autoren lassen sich ständig beim Handwerk zuschauen.

Zur politischen Dimension:
Nassau als Zentrum einer freien Gemeinschaft, die sich gegen die Knechtschaft Englands stellt, Frauen, Ex-Sklaven und freie Piraten, auf der Suche nach einer gleichberechtigten Form des Zusammenlebens, Basisdemokratie – alles schön und gut – die treibende Kraft ist jedoch immer der Schatz, der ständig wieder in den eigenen Besitz gebracht werden muss, weil Geld allein die Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht. So gesehen, geht es um einen gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Feudalkapitalismus: um die persönliche Freiheit und die Verteilungsfrage. Diese stellt sich im Wesentlichen nur für die Piraten – sie haben genaue Regeln für das gleichberechtigte Miteinander freier Männer. Die Entertainment- und Zulieferbranche Nassaus ist nach dem Eigentümer-Prinzip von Anfang an viel “bürgerlicher” organisiert. Trotzdem sind in der Serie alle Kapitalisten, sie leben vom freien Unternehmertum, die meisten allerdings in der selbstausbeuterischen Form einer Ich-AG. Einzig der Körper ist ihr Kapital, ob als Pirat, als Arbeiter oder als Nutte. (Obwohl Letztere eine strenge Madame und klare Vorgaben haben.)
Die Dekadenz der neuen freien Gesellschaftsordnung zeigt sich bereits, als Jack Rackham das Fort zur Verteidigung Nassaus wieder aufbauen will und die „freien Leute” für viel Geld so wenig arbeiten, dass befreite – besser erbeutete – Sklaven sie ablösen müssen, damit es voran geht. Ein veritables Spiegelbild unserer Zeit: Die Drecksjobs machen immer die Immigranten. (Seit „Onkel Tom” Ben Carson wissen wir, auch Sklaven waren lediglich Immigranten, die von einer besseren Zukunft in Amerika geträumt haben.)

Das gesellschaftliche Experiment wird auch in dieser Serie nicht den “Tag danach”, was nach dem Sieg geschieht, erzählen. Denn es wird keinen Sieg geben. Die Geschichte geht immer gleich aus. Am Ende werden die Bemühungen scheitern und Nassau den Engländern anheim fallen, selbst wenn Black Sails das nicht klar zeigen sollten. (Der jetzige neue Gouverneur ist ja eine historische Figur und war wirklich der 1. Gouverneur der Bahamas. Das „Voyage-Buch“ hat er auch tatsächlich geschrieben. Schön wie Stevensons Fiktion mit realer Historie verbunden, ich möchte beinahe sagen, verankert wird.) Damit erzählt Black Sail, wie Spartakus ebenfalls von Starz, am Ende immer gescheiterte Kämpfe gegen eine bestehende Ordnung. Wir lieben Helden, die Scheitern, ob ihres Mutes und ihres unermüdlichen Anstemmens gegen die Mächte des Bösen. Am Schluss unterliegen sie natürlich, wie auch wir tagtäglich unterliegen. Im Gegensatz zu ihnen sind wir aber nicht einmal zum Kampf angetreten. Unser einziger Kampf ist das Ringen mit der Fernbedienung und dem Verlangen, die nächste Folge nur nicht zu schnell zu schauen, weil dann immer weniger Folgen übrig bleiben.

Serien wie Black Sails, erleichtern uns um den eventuell noch vorhandenen Restwiderstandswillen. Der Kapitalismus unterhält und amüsiert uns Zuschauer, in dem er uns die eigene Passivität unter die Nase reibt und dabei zugleich ein „Wohlfühlgefühl” vermittelt, weil wir die kleinen Schimmer der Wirklichkeit in der Serie als Erkenntnis ausmachen und uns in unseren Ansichten bestätigt sehen. Diejenigen Zuschauer, die von Bildung völlig unbeschlagen, Black Sails ohne historischen Ballast anschauen, werden durch touristische Exotik, Sex, Gewalt, große Gefühle und schöne Menschen mit makellosen Kauleisten (wie dumpfe deutsche Kritiker mit Kopfschütteln monierten) bei Laune gehalten. Ein Serien-Produkt für Jedermann: Black Sails bereitet auch ohne Reflektion Freude. Tiefere Überlegungen können, müssen aber nicht angestrengt werden.

MiC, 15.03.17