Martin Compart


Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock 2/ von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
28. Oktober 2010, 8:07 am
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Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Problematisch erschien jedoch den meisten Kritikern die formale Beliebigkeit dieser Geschichten. Moorcock legte hier keine exemplarische, wohldurchdachte und abgewogen auskomponierte Version seiner Fantasy-Konzepte vor – eine solche durchaus vollbracht zu haben, attestierte man ihm später vereinzelt angesichts seiner Spenser-Travestie „Gloriana“ – , sondern sich in ihrer thematischen Struktur häufig ähnelnde, je nach Belieben um einzelne Episoden zu straffende oder auszudehnende Romanzyklen, denen nicht allein die letzte künstlerische Entschiedenheit fehlte, sondern die zudem stets Gefahr liefen, in ihrem Bestreben, die Stereotypen der „Sword and Sorcery“ und die Rezeptionshaltung der Mehrzahl ihrer Leser subtil zu unterlaufen, zu subtil zu geraten und in ihrem subversiven Anspruch verkannt zu werden, da die entsprechenden Anspielungen häufig zu raffiniert verborgen waren und schlichtweg übersehen und folglich die entsprechenden Bücher als typische Produkte dessen wahrgenommen wurden, was sie produktiv zu überwinden beanspruchten.
Immerhin war es ihm auf diese Weise möglich, den stets zu verebben drohenden Kassenpegel von „New Worlds“ halbwegs im schwarzen Bereich und somit ein Forum für unkonventionelle und vorwiegend jüngere SF-Autoren am Leben zu halten – neben dem schon erwähnten Norman Spinrad vor allem James Graham Ballard, Brian W. Aldiss, David I. Masson, Langdon Jones, M. John Harrison, Gene Wolfe, Roger Zelazny, Thomas M. Disch, John T. Sladek, Michael Butterworth, Pamela Zoline und natürlich sich selbst.
Die Einschätzung von Moorcocks dezidiert anspruchsvolleren Werken aus jener Zeit ist ebenfalls keineswegs einhellig positiv. Gerade sie schienen vielfach nur zu bestätigen, dass der Autor Moorcock in offensichtlich experimentellen, sozialkritischen und Genrekonventionen kompromisslos überrennenden Texten nur selten die Ansprüche des Herausgebers und Kritikers Moorcock einigermassen adäquat umzusetzen wusste. Abgesehen davon blieben die meisten dieser Bücher recht unpopulär, mit Ausnahme der Chroniken um Jerry Cornelius, die rasch Kultstatus erlangten und Elric und Corum zeitweise durchaus Konkurrenz zu machen verstanden – und seines ursprünglich als Erzählung publizierten und später auf die Länge eines kurzen Romans erweiterten Textes „Behold the man“, im deutschen Sprachraum unter dem Titel „I.N.R.I. oder die Reise mit der Zeitmaschine“ bekannt.
Dieses ein weitverbreitetes feuilletonistisches Bedürfnis nach einem chef d´oeuvre offensichtlich befriedigende Opus repräsentiert weltweit bei vielen Lesern und Kritikern seit bald 40 Jahren den „anspruchsvollen“ und zugleich bei der Verwirklichung seiner künstlerischen Zielsetzungen auch tatsächlich erfolgreichen Michael Moorcock. Es brachte ihm in beiden Fassungen einen Hugo Gernsback Award und einen Nebula Award ein. Brian W. Aldiss rühmte es in seinem „Billion Year Spree“ als „das stärkste Argument“ gegen die Ansicht, Moorcock habe kläglich bei der Umsetzung dessen versagt, was er von der Kanzel von „New Worlds“ herab verkündete, und auch der gewiss von sämtlichen Musen liebkoste Verfasser des Deckblatttextes der bei Piper erschienenen Neuübersetzung versichert, man habe es hier mit einem visionären Klassiker zu tun, dem bedeutendsten Zeitreiseroman seit H. G. Wells „Zeitmaschine“ und einem der wichtigsten phantastischen Werke des 20. Jahrhunderts.
Erzählt wird die Geschichte Karl Glogauers, Sohn eines aus Hitlerdeutschland nach England emigrierten jüdischen Elternpaares, der nach der Trennung seiner Eltern sowohl unter seiner dominanten Mutter als auch den Attacken seiner „native born“ britischen Altersgenossen zu leiden hat, sich als Student in zahllose erotische Abenteuer stürzt und den Sinn des Lebens sucht, auf dessen Spur er zumindest in den Schriften C. G. Jungs stösst. Glogauer, von dem man übrigens in anderen Büchern erfährt, dass er eine weitere Inkarnation des Ewigen Helden darstellt, nutzt nach dem Bruch mit seiner langjährigen Freundin Monica die Chance, das Geheimnis Jesu Christi zu ergründen: Als Jude in christlicher Umwelt schon seit Kindertagen von der Gestalt Jesu fasziniert, bietet er sich einem verkrachten Wissenschaftler, der ihm zuvor auch eine homosexuelle Beziehung offerierte, die Glogauer allerdings ablehnte, als lebendes Versuchskaninchen für dessen Zeitexperimente an und lässt sich mit einer Zeitmaschine ins Jahr 29 nach Christus versetzen.
Nachdem das Vehikel bei der Ankunft unwiderruflich in die Brüche gegangen ist, sucht Karl den Ort Nazareth auf, wo er tatsächlich den Zimmermann Joseph antrifft, zu dessen zurückgebliebenem Sohn Jesus schon öfters Fremde pilgerten, die in seinem Stammeln orakelhafte Aussprüche und Offenbarungen göttlicher Weisheit vermuteten. Dieser Jesus, von dessen Mutter, der ehrgeizigen und alles andere als jungfräulichen Maria, Glogauer anlässlich eines Beischlafs erfährt, dass er die Frucht eines Seitensprunges ist, kann unmöglich der Messias sein. Gab es überhaupt keinen Jesus von Nazareth, wie ihn uns das Neue Testament überliefert, oder ist Glogauer in einem Paralleluniversum gelandet, dessen Geschichte hier einen anderen Verlauf zu nehmen beginnt als die Geschichte unserer Welt?

Desillusioniert zieht der Zeitreisende durch die Lande, verblüfft alle Leute mit seinen Kenntnissen der heiligen Schriften und gerät immer mehr selbst in die Rolle des Jesus von Nazareth hinein. Systematisch sucht er nach den zwölf Aposteln und versucht, der Geschichte genau den aus den Evangelien bekannten Verlauf zu geben. Sein charismatisches Auftreten fesselt die Massen bei seinen Predigten und hilft ihm, im heutigen Sprachgebrauch an psychosomatischen Beschwerden leidende Menschen zu heilen. Den Verrat des Judas und seine Festnahme leitet er selbst in die Wege, und noch am Kreuze hängend, vermag seine Ausstrahlung zu überzeugen: Sein Flehen, ihn doch bitte wieder herunterzuholen, gerät in den Ohren der Anwesenden zu einer Anrufung des Elias oder zur Bitte an seinen himmlischen Vater, den Menschen zu vergeben, da diese nicht wüssten, was sie täten.

Eine literarische Revolution oder gar ein erzählerisches Meisterwerk hat Moorcock mit dieser Geschichte nicht vorgelegt, wohl aber ein Stück Literatur, dem man auf weite Strecken durchaus Solidität zu bescheinigen vermag, das indes an anderer Stelle den Eindruck unfreiwilliger Schaumschlägerei erweckt. Die besondere Stärke der Romanfassung zeigt sich vor allem in Moorcocks Handhabung einer durchaus komplexen Erzählstruktur: Der Roman erzählt zum einen linear die Ereignisse von Glogauers Ankunft in der Vergangenheit an bis zur Kreuzigung, springt dabei aber immer wieder zur – gleichfalls weitgehend linearen – Schilderung seines Lebens im 20. Jahrhundert um, was in diesem Fall unaufgesetzt und gekonnt wirkt. In jeder Hinsicht aufgesetzt und gewollt tiefsinnig wirken hingegen die zahllosen und vielleicht auch wahllos eingesetzen inneren Monologe Glogauers sowie die fundiert klingenden, im Gesamtzusammenhang aber nur mit Worten klingelnden Gespräche und Reflexionen über Religion, Philosophie, Psychologie und deren Kulmination im Werke Carl Gustav Jungs, gewollt provokant und folglich auf geradezu lächerliche Weise altbacken wiederum die zahlreichen sexuellen Details, die Moorcock in der Erzählungsfassung zu seinem und unserem Glück ausgespart hatte.

Die Nicht-SF-Handlung im 20. Jahrhundert, subtrahiert man Sex und (Pseudo-) Tiefsinn, birgt ansonsten die meisten Qualitäten des Werks. Aufgrund ihrer Krassheit überzeugen die Schilderungen der Demütigungen Karls durch Spielkameraden, Mitschüler und Erwachsene, seines Leidens unter mangelnder Mutterliebe und seiner Trauer um den verlorenen Vater – liegt die Eindringlichkeit dieser „naturalistischen“ Passagen zwar überwiegend im rein Thematischen begründet, so dürfte doch kaum zu bestreiten sein, dass solcherlei Naturalismus sich auf die Dauer als beständiger bestätigen dürfte denn sämtliche Exkurse über Archetypen oder Satinhöschen.

FORTSETZUNG FOLGT



Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
26. Oktober 2010, 10:37 am
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Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Dietmar Dath bezeichnete Michael Moorcock im Sommer 1994 anlässlich der Ankündigung des Erscheinens des vierten und letzten Colonel Pyat-Romans als den „Schriftsteller des Urbanen“, von dessen 80 Büchern zwar 60 Schrott seien, „aber noch im Schlechtesten findet sich ein Wort zum Tage. Selbst wenn er will, kann er nicht miserabel schreiben, denn so miserabel er dann häufig wirklich schreibt: er denkt zu heftig dabei. Moorcock, einer von den Allergrößten in diesem Jahrhundert“. Wenngleich diese Charakteristik nicht frei von typisch Dath’schen Übertreibungen ist, berührt sie doch den Kern der Problematik, mit welcher sich konfrontiert sieht, wer den Autor Moorcock im Wortsinne beim Worte zu nehmen sucht.
Wer sich ernsthaft mit der literarhistorischen Entwicklung der Science Fiction und der Fantasy auseinandersetzen möchte, wird an der Gestalt des 1939 geborenen Engländers Michael Moorcock in der Tat nicht vorbeikommen können. Moorcock, der bereits mit drei Jahren lesen konnte, als Siebzehnjähriger Redakteur einer Comicheftreihe war, jahrelang als Bluessänger und Gitarrist Europa und Nordamerika bereiste und nebenbei eine schier uferlose schriftstellerische Aktivität entwickelte und in den verschiedensten Sparten reüssierte – von der Science Fiction bis zum Spionage Thriller und vom historischen Roman bis zur Fantasy – ist seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten wie umstrittensten Persönlichkeiten der modernen phantastischen Literatur.
Im Jahr 1964 übernahm Moorcock von Ted Carnell die Herausgeberschaft des bis dato eher biederen britischen SF-Magazins „New Worlds“ und löste schon bald eine kleine literarische Revolution aus, da sich unter seiner Ägide „New Worlds“ zum Zentralorgan der angloamerikanischen „New Wave“ entwickelte, deren Vertreter die Science Fiction für experimentelle Schreibweisen einerseits und stärkeres politisches Engagement andererseits zu öffnen bestrebt waren. In ihrer zum Teil harschen Ablehnung eines Grossteils der marktbeherrschenden traditionellen Science Fiction, die immer noch vorwiegend durch die Person John W. Campbell jrs. geprägt war, der als Herausgeber des legendären Magazins „Astounding“ in den vierziger Jahren das „Golden Age“ der primär naturwissenschaftlich orientierten US-amerikanischen Science Fiction eingeläutet hatte, dem man in späteren Jahren aber immer häufiger vorwarf, in reaktionären Positionen erstarrt zu sein, brachten Moorcock und seine Mitstreiter viele Leser gegen sich auf, weshalb „New Worlds“, trotz seiner Bekanntheit, die es auch dem Protest verschiedener konservativer Politiker verdankte, deren Ablehnung sich nicht nur an provokanten Inhalten wie etwa Norman Spinrads Wahlkampfthriller „Bug Jack Barron“, sondern auch an der zeitweiligen Subventionierung des Magazins durch den „Arts Council“ entzündete, immer wieder am Abgrund des Bankrotts balancieren sollte, bis es schliesslich 1970 eingestellt wurde.

Die hitzigen Debatten der Vergangenheit sind längst Literaturgeschichte; Klassiker brachten, wie Alfred Elton van Vogt einmal formulierte, sowohl die Grossen Denker des „Golden Age“ als auch die Großen Herzen der „New Wave“ hervor, wie es auch auf beiden Seiten genügend Erzeugnisse gab, die der, teils berechtigten, teils ungerechtfertigten, Vergessenheit anheimfielen. Unter den Autoren der „New Wave“ nahm Michael Moorcock stets eine Sonderstellung ein. Seine Bedeutung für einen Wandel des literarischen Bewusstseins innerhalb der Science Fiction ist gewiss unbestritten – allerdings in erster Linie als Anreger und Herausgeber. Moorcocks eigenes literarisches Werk, insbesondere das der 60er und 70er Jahre, wurde trotz oder gerade aufgrund seiner Vielseitigkeit und Popularität von der Kritik überwiegend skeptisch aufgenommen.

Da Moorcock bereits Mitte der 60er Jahre erkannte, dass sein kompromissloser Kurs finanzielle Risiken barg, sicherte er seine editorischen Tätigkeiten durch Einnahmen aus seiner schriftstellerischen Arbeit ab. Um die zunächst wenig Gewinn versprechenden Experimente der „New Wave“ zu finanzieren, musste Geld durch Texte hereinkommen, die ein Massenpublikum zu begeistern wussten, dabei jedoch keinen Verrat an Moorcocks herausgeberischen Idealen darstellten. Insbesondere mit seinen Fantasy-Zyklen um den „Ewigen Helden“, eine Art Sinnbild des Menschen im Spannungsfeld der abstrakten Prinzipien von Ordnung und Chaos, welche beide in ihrer Totalität als gleichermassen lebens- wie menschenfeindlich sich erwiesen und zwischen denen sich der Held in zahlreichen Inkarnationen – am bekanntesten sind hiervon sicherlich die Romane um Dorian Falkenmond, den Herzog von Köln, um Prinz Corum Jhaelen Irsei von den Vadagh und vor allem um den Albino Elric von Melnibone mit seinem seelentrinkenden Schwert Sturmbringer – in den verschiedensten Welten zu behaupten sucht, verhalfen Moorcock zu einem enormen ökonomischen Erfolg und etablierten ihn auch rasch als Klassiker der modernen, nachtolkien´schen Fantasy. Gleichwohl sollte sich insbesondere an ihnen die Kritik am Autor Moorcock entzünden.
Weitgehend unbestritten war, dass Moorcock sich in diesen Romanen auf durchweg redliche Weise bemühte, die Stereotypen der trivialeren Spielarten der Heroic Fantasy, der sogenannten „Sword and Sorcery“, als Chiffren für eine tragische Weltsicht zu verwenden, die der Umbruchsituation der 60er und 70er Jahren angemessen erschien. Anders als viele Repräsentanten des damals erst allmählich in die Gänge kommenden Fantasybooms, deren Helden in missverstandener Nachfolge Robert Ervin Howards und dessen Conan allzu häufig zu reinen Totschlägern mutierten, erwiesen sich die Inkarnationen von Moorcocks „Ewigem Helden“ überwiegend als Anti-Helden, „mehr der Kithara als dem Schwert ergeben“, wie Pylades seinen Freund Orest in Gerhart Hauptmanns „Elektra“ der Titelfigur gegenüber charakterisiert. Seine Figuren geraten meist erst durch Schockerfahrungen mit dem Phänomen der Gewalt in Berührung und können oft nur unter Drogeneinfluss oder im Banne magischer Schwerter zu mehr oder weniger eigenständigen Kämpfern werden, die sich aber letztlich in der Regel früher oder später selbst zugrunderichten, da ihre Siege hauptsächlich Pyrrhussiege sind, oder die sterben müssen, wenn die Welt ihrer nicht mehr bedarf.

FORTSETZUNG FOLGT



DER SCHLÄCHTER VOM USSURI – ATAMAN KALMYKOW 2/ by Martin Compart
16. Oktober 2010, 9:36 am
Filed under: Politik & Geschichte, Porträt, Russischer Bürgerkrieg, Ungern-Sternberg | Schlagwörter:

Seinen Leuten verkündete er: „Schneidet allen Bolschewisten die Kehle durch, oder sie werden eure durchschneiden.“ Das tat er in den folgenden Jahren mit großer Hingabe. Die Einwohner von Chaborowsk lebten während seiner eineinhalbjährigen Terrorherrschaft in ständiger Todesangst. „Sein weißgestrichener Panzerzug, der zuweilen bis nach Wladiwostok hinunter Besuche machte, war für die Bevölkerung ein Bote des Schreckens.“ (Essen, S.159)
Die Ussuri-Front brach am 24.August 1918 zu Gunsten der Konterrevolution zusammen. Tschechen und Japaner drangen von Spassk aus nördlich vor, während Kalmykows Kavallerie die östliche Flanke deckte. Diese Offensive fegte die Sowjetherrschaft am Amur hinweg.
Am 5.September eroberte er mit den Japanern und den Tschechen Chaborowsk. Die Stadt war aus zweierlei Gründen strategisch wichtig: Als Knotenpunkt der Transsibirischen Eisenbahn und mit dem Amur als Grenze zur Manchurai, also zu China.

Voller Freude ließen die Popen sämtliche Kirchenglocken der Stadt läuten. Zum Klang des Kirchenspiels begann Kalmykow umgehend, die Bolschewiken nieder zu metzeln. Die meisten waren jedoch rechtzeitig geflohen.
Nicht retten konnte sich Alexandra Kim, die erste Kommunistin Koreas. Sie hatte Chaborowsk an Bord der „Baron Korf“ verlassen, Das Schiff wurde stromaufwärts von Kosaken abgefangen und Alexandra wurde an Kalmykow ausgeliefert und am 16.September hingerichtet.
Dass dieser Schlächter auch den eigenen Leuten unheimlich war und mit seiner unberechenbaren Grausamkeit ängstigte, zeigen die vielen Desertationen in seiner Truppe. Beliebt war er aber sicherlich bei seinem treuesten Gefolgsmann, einem Tschechen namens Julinek. Der hasste alle Deutschen, Ungaren und natürlich die Kommunisten. Er war für Kalmykow ein wertvoller Mitarbeiter, da er sich darauf spezialisiert hatte ausländische Hilfsorganisationen und das Rote Kreuz rücksichtslos auszurauben und den Großteil der Beute an seinen Herrn und Meister weiter zu geben.

Zwei Tage später zog das 27. Infanterie Bataillon der US-Armee, die „Wolfhounds“, unter Lieutnant-Colonel Charles Morrow in die Stadt ein. Neben der aufgehenden Sonne, wurden Stars und Stripes am Bahnhof hochgezogen. Es kam schnell zu Spannungen zwischen den Amerikanern und Kalmykow. Er verbot sogar Eheschließungen zwischen Russinnen und Amerikanern. Nach einem Zwischenfall der dazu führte, dass Kalmykow amerikanische Soldaten auspeitschen ließ, gab Colonel Morrow folgenden Befehl aus: „Jeder Hurensohn, der von einem Kosaken gepeitscht wurde und diesen nicht sofort erschießt, bekommt sechs Monate Bau.“ Morrows Antipathie ging so weit, dass er 1919 die Inhaftierung von Bolschewisten verhinderte. Viele Amerikaner unterstützten angesichts der weißen Terrorherrschaft die Bolschewiken mit Essen, Zelten, Colt Revolvern und sogar Maschinengewehren. Einmal beobachteten die Amerikaner folgende Szene: Kalmykow ließ Bolschewiken mit ihren Frauen und Kindern an den Stadtrand treiben.. Dort mussten sie sich auf den Boden legen. Dann schritt der Ataman über sie hinweg und wählte Männer, Frauen und Kinder aus, die aufstehen und wegrennen mussten. Kosaken folgten ihnen schreiend, ritten sie nieder und zerstückelten sie mit ihren Säbeln.
Außerdem hatten die Amerikaner Probleme mit den Japanern, die in ihrem Sektor brutale Übergriffe und Morde begingen. Wenn die japanischen Soldaten nicht selber angebliche Bolschewiken niedermetzelten, ließen sie Kalmykow durch Telegramme von Semjonow aufstacheln, den Amerikanern Schaden zuzufügen. Oft wurden die Gis aus den ein und zweistöckigen Holzhäusern beschossen, wenn sie durch die Strassen gingen.

Kalmykow (x); rechts daneben: Semjonow

Am 8.November 1919 raste er mit seinem Panzerzug nach Wladiwostok um an der Niederschlagung des Coups von General Gaida teilzunehmen. Der ehemalige tschechoslowakische Feldscheer Gaida hatte es bis zum Oberkommanmdeure der Tschechischen Legion gebracht und in Wladiwostok einen Coup angezettelt, der ihn zu einer Art Diktator machen sollte. Japanische Torpedoboote griffen Gaidars Stellungen vom Hafen aus an, während sich Kalmykows Panzerzüge zu Lande näherten. Die kurze Schlacht fand in einem unheimlichen Regen statt, der Wladiwostok in einen grauen Mantel hüllte. Gaida wurde leicht am Fuß verwundet und versprach nach seiner Niederlage, Russland für immer zu verlassen. Er begab sich umgehend an Bord eines Schiffes um abzureisen. Zum selben Zeitpunkt führte Kalmykow unter Gaidars Mitkämpfern Massenexekutionen durch.
Nach dem sich abzeichnenden Sieg der Roten, wartete Kalmykow nicht ab, dass die Partisanen bis Chaborowsk vordrangen. Mit seinem persönlichen Goldschatz, einem Dutzend Kosaken und achtzig Kadetten des Kalmykow-Korps überquerte er am 12. Februar 1920 den gefrorenen Amur nach China. Am 8.März entwaffneten Chinesen den Trupp, nahmen den Schatz an sich und setzten ihn in Jilin gefangen. Kalmykow hatte dummer Weise während seiner Terrorherrschaft auf chinesische Kanonenboote feuern lassen, die Chabarowsk zu nahe gekommen waren. Kalmykow gelang es zu fliehen und er versteckte sich auf dem Gelände des alten russischen Konsulats. Nachdem man ihn wieder eingefangen hatte, erschoss man ihn im Juli während seines Transports nach Peking.



TV: Eine (fast) perfekte Action-Serie: HUMAN TARGET by Martin Compart
7. Oktober 2010, 4:37 pm
Filed under: Comics, Drehbuch, La Femme Nikita, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Wenn man die ersten Folgen der neuen Action-Serie HUMAN TARGET gesehen hat, bestätigt sich, was andere US- und GB-Serien schon bewiesen haben: In Deutschland ist die Zeit stehen geblieben. Zumindest auf dem Lerchenberg und den Räumen deutscher Produktionsfirmen. Kein gegängelter deutscher Drehbuchautor hätte solche Lines, mythisch anmutende Charaktere, Plot-und Subplotwendungen auch nur im Ansatz hingekriegt. Deutsche Regisseure hätten aus dem US-Drehbuch mindestens einen Dreistünder machen MÜSSEN, da sie nie Timing gelernt haben. Und das deutsche Action-TV-Aushängeschild COBRA 11 wirkt im Vergleich mit HUMAN TARGET so antiquiert wie die Keystone Cops.

Perfekt nutzen die Macher die Möglichkeiten des nicht linearen Erzählens, wie es zuvor schon effektiv bei HUSTLE eingesetzt wurde (momentan scheinen die meisten Innovationen aus Großbritannien zu kommen – siehe auch SPOOKS oder LITTLE BRITAIN). Produziert wird sie in Vancouver (seit der gerade verstorbene Stephen J.Cannell die Stadt für WISEGUY entdeckte und sie beispielsweise Joel Surnow für LA FEMME NIKITA nutzte, gilt Vancouver dank günstiger Gewerkschaftsbedingungen als Mekka für Action-Serien). Und jede Folge hat tatsächlich den look eines Bruce Willis-Kinofilm. Action-Kino für Arme ist das nicht. Und die tollen Bücher sorgen dafür, dass alles was momentan in den verseuchten Cinemaxen vor einem debilen Publikum abgespielt wird, dagegen alt aussieht. Noch älter sehen natürlich deutsche Gähnserien aus. Klaus Bassiners Lerchenberger Geronten-Sokos verstehen sich natürlich nicht als Action-TV sondern als homöopathisches Sedativ. Aber der ganze Mist der unfähigen RTL-Tante Anke Schäferkordt stinkt jetzt wieder mächtig ab. Ob sogenannte „Eventfilme“, die scheinbar in einem Legoland gedreht werden, oder LASKO und die vielen vergessenen Flop-Serien, die US-Konzepte grottig kopierten, – so was kann man wohl nur noch für kleines Geld in deutsche Urlaubsgebiete an der
Schwarzmeerküste verscherbeln. Im Gegensatz dazu zeigt HUMAN TARGET, wie man Massen taugliches Action-Format macht ohne die Intelligenz zu beleidigen. Aber auch dieses Highlight wird Tante Anke nicht davon abhalten wieder los zu brausen zu neuerlichen, noch finsteren Tiefpunkten derber Unterhaltung. Immer SAT 1 und pro/ im Rückspiegel.

Die Kunst bei solchen Action-Serien ist die Gradwanderung zwischen Leichtigkeit, Augen zwinkernder Selbstironie und Suspense gepaart mit der Glaubwürdigkeit von Hero-Comic-Charakteren, die in ihrem Kosmos vollkommen glaubwürdig agieren und in ihm dreidimensional wirken. HUMAN TARGET macht das perfekt. Ein absoluter Quantensprung seit dem MILLION DOLLAR MAN oder dem A-Team. TARGET funktioniert auf allen Ebenen und spricht alle Bildungsschichten an. Ein Zeichen wahrer Industriekunst, also mehr als nur gutes Handwerk! Neben der Action ist die Interaktion zwischen den drei Hauptfiguren ein besonderer Reiz der Serie. Mark Valley drückte das ebenso kryptisch wie nett aus: „Wenn Chance ein ehemaliger Junkie oder Alkoholiker wäre, dann ist Winston eher sowas wie sein Helfer während Jackie sein Ex-Dealer ist.“
Die Serie beginnt klassisch in Episodenform. Ab der Folge SANCTUARY steigt sie intensiver in die Personen und ihre Hintergründe ein und baut behutsam ihre eigene Mythologie. Hinweise und Andeutungen werden geschickt in die einzelnen Folgen eingebaut, die beim großen Finale erst ihren Sinn bekommen. Da erfahren wir dann die „großen“ Geheimnisse hinter dem Mann, der sich Christopher Chance nennt. Die Season endet mit einem cliffhanger, da man die Verlängerung durch FOX wohl in der Tasche hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in der zweiten Staffel zu einem noch stärkeren Mix aus episodischen- und seriellem Erzählen kommt. Wie gut das funktionieren kann, haben bereits LA FEMME NIKITA oder X-FILES bewiesen. Aber wer weiß? Vielleicht bauen die Produzenten auch stärker auf das rein serielle Erzählen. Denn das hat momentan den größten Zuspruch des Publikums; abgesehen mal von police procedurals wie CSI. Mich würde es nicht wundern, wenn sich TARGET zur nächsten großen Kult-Serie entwickelt. Das Ende von 24 und dem J.J.Abrams-Zeugs hinterlassen ein Vakuum. Die erste Season ist dann nichts anderes als eine äußerst ausführliche Exposition.

Christopher Chance erblickte das Licht der Comic Book-Welt 1958 in GANG BUSTER No.61. Er wäre ein längst vergessener One Shot, hätten ihn micht Len Wein und Carmine Infantino 1972 neu belebt. In den frühen 1970ern diente er als Füllserie für Superman in der ACTION COMIC-Reihe. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnt wechselte er als Füllmaterial zu Batman in DETECTIVE COMICS. Zu seinen Zeichnern zählten immerhin Stars wie Neal Adams und Howard Chaykin! 1990 wurde er für sieben Folgen auf den Bildschirm gezerrt, gespielt von Rick Springfield. Das Gute an der erfolglosen Serie war, dass sich DC wieder an Chance erinnerte und Pete Milligan ein neue Interpretation für Erwachsene ermöglichte. Mit den Zeichnern Edvin Biukovic, Cliff Chiang und Javier Pulido legte er für DCs VERTIGO-Line 1999 eine beeindruckende Mini-Serie und 2003 eine Graphic Novel vor; und von 2003 bis 2005 gab es dann eine monatliche Heftserie in 21 Comic Books. Markanter Unterschied zur neuen TV-Serie: In den Comics nimmt Chance die Identität des Klienten an, währen er im TV eher als HUMAN SHIELD agiert, Die TV-Serie wurde von Jonathan E.Steinberg entwickelt. Er hatte zuvor als Autor, story editor und Produzent an JERICHO gearbeitet; die Serie bezeichnet er als „very good boot camp“. Der Grund für den Konzeptwechsel des Comics ist eine medienspezifische Vorgabe: so kann man prominente Gaststars in jede Folge einbauen:
„ This was a property that had been in development both for TV and the movies for a while, and I think for good reason. It’s a very enticing idea – a guy who is always looking to or is willing to become you and get into the trouble that you made for yourself, and I think everybody had tried to figure out a way to make it work. It was pitched to me as something that Peter Johnson andWarner Bros. were looking to do…It’s fun and allows you to play with identity in a cool way, but as soon as it becomes flesh and blood, it’s a strange credibility that is detrimental to the story. That was one of the earlier obstacles with us, how do we make it real? If there was a guy who did this job, how would he do it? He probably wouldn’t do it by putting on a rubber mask.
So I think that was the beginning of it. After that it became clear to us that we wanted to create an action hero that was like the action heroes that I grew up with, the Indiana Joneses. The John McClanes. It’s very hard to fall in love with Indiana Jones when he looks like somebody else every week.“

Nach der ersten Season mit 12 Folgen ist eine zweite mit über zwanzig Folgen in der Produktion. Obwohl die Zuschauerzahlen bei FOX eher mittelmäßig waren: Von Anfangs ca.10 Millionen sank sie auf 7,5 Millionen. Zum Glück für HUMAN TARGET hat Fox aber nicht mehr 24 am Start (endete mit der 8.Season) und braucht einen zumindest ähnlichen Ersatz im Genre. In der 2.Season bekommen die drei von der Rettungsstelle einen weiblichen Boss. Der neue Showrunner Matt Miller lüftete die Hintergründe: Die Milliardärin Ilsa, gespielt von Indira Varma (Rom, Torchwood) kauft die Agentur, die permanent in finanzielle Schwierigkeiten steckt und wird ihr Chef. Natürlich – wie es sich nach Genrekonventionen gehört – ist sie von Chance völlig unbeeindruckt und aus der Situation wird sicher Knistern und Spannung destiliert. Chi McBride alias Winston: „Wir sind wie eine dysfunktionale Familie. Wir streiten uns, aber wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen.“ Ein Konzept, dass seit Jahrzehnten funktioniert: Streitende Ritter, die von ihrer Burg zu einer Quest aufbrechen um das Böse zu bekämpfen. Matt Miller: „In der 2.Season legen wir Wert darauf, dass man neben der Haupthandlung auch in jeder Folge etwas neues über einen der Protagonisten erfährt.“ Miller spielt einen hohen Ball wenn er HUMAN TARGET mit den Büchern von Elmore Leonard vergleicht: „Durchaus, was Witz, Charakterisierung und Stimmung angeht. Guerrero ist ein Typ, der direkt einem Leonard-Roman entstiegen sein könnte.“ Man denkt auch daran, künftig Autoren des Comics für Drehbücher zu verpflichten.

Neben der guten Story-Struktur und dem perfekten Szenenaufbau gelingt es den Autoren mit den Schauspielern in der kürzesten Zeit alle Figuren individuell und zumeist auch originell zu charakterisieren. Das heißt: auch die Dialoge sind genau das Gegenteil vom sinnlosen Gestammel in deutschen Crime-Serien. Großartige Lines kriegt natürlich Mark Valley, die Christopher Chance als witzigen und ultracoolen Charakter unterstreichen:

Chance: Ich muss das brennende Flugzeug auf den Rücken legen um den Brandherd auszublasen.
Stewardess: Haben Sie so was schon gemacht?
Chance: Häufig In allen Möglichkeiten.
Stewardess: Wann und wo?
Chance: In einem Simulator.
Stewardess: Oh, nein.
Chance: Es war ein sehr guter Simulator.
Chance dreht das Flugzeug was zur Folge hat, dass die Instrumente nicht mehr funktionieren und er es nicht mehr kontrollieren kann.
Stewardess: Was bedeutet das?
Chance: Technisch gesehen: Das Flugzeug ist kaputt.

Man muss Mark Valley dabei sehen. Der Golfkriegveteran (des 2. Golfkriegs 1991; der 1.fand zwischen Irak und Iran statt) hat das Charisma um diese Comicfigur im allerbesten Sinn glaubwürdig rüber zu bringen. Wäre die Hauptrolle schlecht gecastet, hätte die Serie trotz guter Bücher riesige Probleme.
Das einzige Ärgernis ist, dass man HUMAN TARGET montags auf pro7 mit Werbeunterbrechungen sehen muss. Wer das nicht will, muss auf die Box warten oder sich im Internet die amerikanischen Folgen zusammen suchen.

Zu Gast auf einem Comic Con:




BRIT-NOIR 12: DIE DARK SOAPS DES JAMES TUCKER by Martin Compart

Der 1929 geborene Waliser Allan James Tucker ist heute der große alte Mann der britischen Kriminalliteratur. Der Exjournalist schreibt unter verschiedenen Pseudonymen seit 1960 und zeichnet sich durch stilistische Originalität und einer beeindruckenden thematischen Spannbreite aus; sie reicht vom Noir-Roman über die police procedural (in höchst eigenwilliger Form) bis zum Spionageroman. In Erinnerung geblieben sind vielen Thriller-Fans vor allem seine Spionageromane aus den 1960ern und 1970ern, die er unter dem Pseudonym David Craig schrieb.

Als Noir-Autor schuf er 1974 auch einen Klassiker des Genres, der zum Kanon des Brit-Noir zählt: WHOSE LITTLE GIRL ARE YOU? (JILL UND DIE BOYS; Goldmann Krimi 4407). Die Geschichte um die entführte Tochter eines Kingpins und dessen ebenfalls entführte Freundin. Diese ist pikanter weise die Ex-Frau eines geschiedenen Ex-Kriminalbeamten und Alkoholikers, der sich mit der Londoner Unterwelt und dem neuen Gatten seiner Frau anlegt, wurde 1977 grandios von Michael Apted mit Stacy Keach, Stephen Boyd (als unvergesslicher Gangsterboss) und David Hemmings als THE SQUEEZE (DER AUS DER HÖLLE KAM)verfilmt. Die Adaption gehört zusammen mit GET CARTER und VILLAIN zu den drei großen britischen Noir-Filmen des Jahrzehnts und zu den Klassikern des Noir-Kinos überhaupt.

Natürlich hatte auch Craig/Tucker die Prozesse gegen die Krays-Zwillinge und die Südlondoner Richardson-Gang verfolgt. Spätestens nach dem großen Gerichtsverfahren gegen die Krays-Zwillinge und ihre „Firma“, die als Gangsterimperium das Eastend Londons und mehrere Klubs im Westend umspannte, wusste man, dass diese Autoren keine Spinner waren, sondern das Großbritannien über eine organisierte und funktionstüchtige Unterwelt verfügte. Was Al Capone für Autoren wie W.R.Burnett, Armitage Trail und den amerikanischen Gangsterroman war, sind die Krays für den britischen Noir-Roman: Seit den Romanen von Douglas Warner aus den frühen 60er Jahren beeinflusst ihr Mythos bis heute die Literatur.

Heute ist der Autor als „Bill James“ unterwegs und schreibt eine der literarisch beeindruckendsten Polizei-Serien. Im Vergleich mit seinen Harpur & Iles-Romanen wirken die Inspector Rebus Novels von Rankin wie das, was sie sind: langweiliger Schrott.

Sie spielen in einer namenlosen Stadt im südwestlichen England, die James alle Möglichkeiten gibt, seine bissig sarkastische Gesellschaftskritik auszudrücken. Alex Grant nannte die Bücher „machiavellistisch und bittersüß“. Er lässt sich viel Zeit, um die Gedankenwelt seiner Personen dem Leser mitzuteilen. Selbst der schlimmste Idiot bekommt genügend Raum um seine Logik scheinbare plausibel zu machen. Dabei diffamiert James nicht, sondern verschmilzt mit den Figuren. Es entsteht etwas, dass ich als „poetisches psychologisieren“ bezeichne. „Ich denke, ich betrachte die Gesellschaft und die Menschheit allgemein aus einem humorvollen Blickwinkel. Ich lese kaum Kriminalliteratur aus Angst, unbewusst etwas zu imitieren. Aber THE FRIENDS OF EDDIE COYLE von George V.Higgins war eine wichtige Erfahrung für mich. Er schaffte es, aus einer so widerwärtigen Figur wie einen Spitzel einen Sympathieträger zu machen. Es ist einer der besten Kriminalromane, der je geschrieben wurde. Hat mich sehr beeindruckt. Und ich schreibe auch häufig über Informanten, Spitzel und ihre Welt.“

Wie schon in den frühen David Craig-Romanen, nimmt die Familie oder besser das Familienleben der Protagonisten und Antagonisten einen wichtigen Platz in den unbedingt chronologisch zu lesenden Harpur & Iles-Romanen ein. Die große Zahl an Personen mit ihren persönlichen Entwicklungen, bzw. Fehlentwicklungen, machen die Serie zu einer modernen comédie humaine, die ohne Beispiel in der gesamten Kriminalliteratur ist. Das sich bisher kein deutscher Verlag konsequent an diese Meisterwerke herangetraut hat, sagt wieder alles über den erbärmlichen Zustand der hiesigen Buchkultur. Für James funktionieren Organisationen wie Polizei oder Gangstersyndikate wie Familien – und umgekehrt. Aus dieser Herangehensweise zieht er einen Thrill, der tiefe Einblicke in die Charaktere gibt und jede Figur individuell gestaltet.

Die Serie ist auch eine genaue Chronik der gesellschaftlichen Veränderungen in der englischen Gesellschaft seit dem von Thatcher begonnenen Roll back sozialer Errungenschaften. Es ist die Beschreibung einer zerbrochenen Gesellschaft mit nur noch rudimentärem Common sense, die moralisches Handeln lediglich von Besitzlosen einfordert.
„Ich schreibe über Organisierte Kriminalität und nicht über individuelle Mordfälle.“ Die Grenzen zwischen Ordnungskräften und Organisierter Kriminalität liegen fließend im Flussbett eines breiten Niemandslandes.

Ein immer wieder kehrendes Motiv ist die Undercoverarbeit von Polizisten. „Eine Obsession von mir. Wahrscheinlich der Einfluss der Spionagethriller. Die Situation ermöglicht eine Menge hochdramatische Ironie. Der Leser weiß mehr als die meisten Charaktere. Die Spannung, die daraus resultiert, die moralisch-ethische- und juristische Problematiken sind hervorragende Quellen für Geschichten.“ Stilistisch riskiert er immer wieder neues, wagt er sich an die unterschiedlichsten und abenteuerlichsten Strukturen.


Im LOLITA MAN setzt er zum Beispiel das Tagebuch eines Vergewaltiger und Mörders von Teenagern gegen die Tagebucheintragungen seines nächsten Opfers. Bei der Lektüre fallen jedem Vater einer pubertierenden Tochter die Kronen von den Zähnen bevor es zum Kolbenfresser im Oberstübchen kommt!
John Harvey, ein großer Fan von Tucker, nannte die erste Zeile seines Romans, ROSES,ROSES, eine der besten Eröffnungen in der gesamten Kriminalliteratur: „Als sie mit drei Messerstichen in den Bauch auf einem Bahnhofsparkplatz ermordet wurde, war Megan Harpur gerade auf dem Heimweg um ihrem Ehemann mitzuteilen, dass sie ihn für einen anderen verlassen würde.“
Seit 1985 legt James jedes Jahr einen neuen Band dieser Serie vor, schreibt aber als David Craig noch weitere Serienfiguren wie etwa die Abenteuer des schwarzen Waliser Geheimagenten Simon Aberlad.

Es gab bisher die BBC-Verfilmung eines Romans (PROTECTION) und mehrere sind optioniert. Aber die beste Umsetzung von James Kosmos, den er in fast 30 Büchern entwickelt hat, wäre eine seriell erzählende Fortsetzungsserie wie SOPRANOS (mit der sie mehr als Humor und Weltsicht gemeinsam haben könnte), eine echte „dark soap opera“.

Leider sind bei uns bisher nur drei Bände der Harpur & Iles-Serie erschienen (Band 10 als AUF ROSEN GEBETTET bei Ullstein und Band 14 und 15 als RIVALEN und TOTE SCHREIBEN NICHT bei Rotbuch) und der ansonsten gute Übersetzer Gerold Hens kannte nicht den Unterschied zwischen Pistole und Revolver. Ebenso wenig wie das Lektorat, was ein bisschen peinlich für die Ansprüche bei Rotbuch ist. Aber die Erfolglosigkeit von James in Deutschland (sonst wäre seine Veröffentlichung nicht eingestellt) hat wohl eher mit unanständigen Buchketten und mit bescheidenen Lesern zu tun.

HARPUR & ILES-SERIE:
1. You’d Better Believe It (1985)
2. The Lolita Man (1986)
3. Halo Parade (1987)
4. Protection (1988) aka Harpur and Iles
5. Come Clean (1989)
6. Take (1990)
7. Club (1991)
8. Astride a Grave (1991)
9. Gospel (1992)
10. Roses, Roses (1993)
11. In Good Hands (1994)
12. The Detective is Dead (1995)
13. Top Banana (1996)
14. Panicking Ralph (1997)
15. Lovely Mover (1998)
16. Eton Crop (1999)
17. Kill Me (2000)
18. Pay Days (2001)
19. Naked at the Window (2002)
20. The Girl with the Long Back (2003)
21. Easy Streets (2004)
22. Wolves of Memory (2005)
23. The Sixth Man and Other Stories (2006)
23. Girls (2006)
24. Pix (2007)
25. In the Absense of Iles (2008)
26. Hotbed (2009)
27. I Am Gold (2010)