Martin Compart


PLAYLISTEN DER FREUDE UND DES GRAUENS by Martin Compart
26. Januar 2023, 1:09 pm
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Die große Zeit individueller Musik-Playlisten begann mit dem Kassetten-Recorder. Für die Beschallung im Freibad oder im PKW wurden sorgfältig in stundenlanger Heimarbeit Lieblingssongs auf Audio-Kassetten übertragen.
Auch als Ersatz für Liebesbriefe bot sich das Medium an: Um die Umschwärmte zu beeindrucken, bastelte man ihr eine Kassette voller Songs, von denen man hoffte, das sie berührten oder beeindruckten. Da konnte man auch schwer daneben liegen, wenn die Angebetete deinen Musikgeschmack als „erschreckend psychopathisch“ enttarnte. Ich war dabei; ich weiß, wovon ich rede.

In der heutigen Streaming-Zeit haben die Playlisten wieder enorm an Bedeutung gewonnen.

Höchste Zeit, sich mit diesem kulturellen Massenphänomen zu befassen, dachte sich Heribert Kurth und legt in deutscher und englischer Sprache einen voluminösen und durchgehend bebilderten Ziegelstein von Buch vor:

Heribert Kurth & Friends
SOUNDCASE
The Playlist Book
Außer der Reihe 73
p.machinery, Winnert, Januar 2023, 556 Seiten, Paperback 210 x 210 mm
ISBN 978 3 95765 309 3 – EUR 59,00

Das Buch enthält 222 Playlists mit Abspieltipps aus mehr als 2000 Alben, Singles oder EPs und – im Rahmen des Bildzitat-Rechts – deren Coverfotos. Die Auswahl geht von Fruupp bis Steamhammer, von John Coltrane bis Townes Van Zandt und David Bowie, von Johnny Cash bis Tool und den Tielman Brothers, von Bob Dylan bis Gong … über Opeth zu den Choralvorspielen von Bach, vorbei an Orange Peel … und wieder zurück zwischen Iggy Pop, Frogg Café, Patti Smith und Frank Zappa.“

Zu den Freunden, die zu bestimmten Themen ihre individuellen Playlists offenbaren, gehören u.a. auch der Musikjournalist und Musiker Alan Tepper und the one and only Helmut Wenske alias Chris Hyde. Alle Freunde werden natürlich auch biographisch vorgestellt.

Das Buch ist gefährlich:

Wenn man durch die Listen schnüffelt, kommt viel vergessenes wieder hoch.
Bevor man sich versieht, wühlt man im Plattenschrank oder im CD-Regal und holt sich eine Staublunge. Das wäre noch zu verkraften, aber wenn man dann in alten oder nicht so alten Songs schwelgt (und die eine oder andere Playlist „überprüft), ist der Tag rum – wenn nicht ´ne ganze Woche.
Und dann kann man sich auch noch an den Covern berauschen, die von bescheuert bis genial reichen.

Aber dann beginnt das wahre Grauen: Man fängt an, Playlisten zu erstellen…



Jahresrückblick 2022 von Jochen König by Martin Compart
18. Januar 2023, 6:05 pm
Filed under: JAHRESRÜCKBLICK, Jochen König, MUSIK, Rezensionen, Taylor Swift, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

2022 hatte die Chance das Vorjahr in die Schranken zu verweisen. Doch es wurde versaubeutelt.

Corona rückte zwar in den Hintergrund, verblasste aber nicht völlig. Krieg, Naturkatastrophen, die FIFA, Korruptions- und Fake-News-Skandale, dazu viel zu viel eklige Menschen, die laut polternd zwischen Realitätsverweigerung und sozialer Verwahrlosung bevorzugt in den (anti)sozialen Netzwerken Nachrichten aus der Hohlwelt verbreiteten. Linus Volkmann bezeichnete 2022 in seinem Rückblick im „Musikexpress“ sehr treffend als „ein Jahr wie ein Typ, der einem ins Auto kotzt – und sich später nicht mal entschuldigt.“

Bleibt, wie so oft, das kulturelle Schaffen der vergangenen zwölf Monate, eine verkorkste Zeit zu retten. Oder die Krätze auszulösen (wie viel zu viele grottenöde Serienkiller-Thriller, Nena, Van Morrison, Filme, die nicht wissen, dass ein Ende zur rechten Zeit was Gutes ist)?

Schön, dass es wieder Konzerte gab.

Einen gelungenen Auftakt bildeten PURE REASON REVOLUTION und GAZPACHO im Columbia-Theater in Berlin. Zwischen Dancefloor, Art-Rock und großen Gesten boten beide Bands atmosphärisches Schwelgen, besonders GAZPACHO lieferten eine stimmungsvoll bebilderte Zeitreise. MELODY GARDOT, ebenfalls in Berlin, belegte, dass sie eine äußerst charmante Geschichtenerzählerin und große (Jazz)-Chanteuse ist. Leider kein „Preacherman“ für mich.
In der Elbphilharmonie gab es zwei Jugendorchester mit starkem Programm zum moderaten Preis. Von einer Eigenkomposition über Rachmaninoff und Shostakowich bis zur „What A Feeling“-Zugabe (die zur unbewussten Hommage an die kurz darauf verstorbene Irene Cara wurde) ein hervorragendes Konzert, mit viel Verve vorgetragen von jungen Musiker*innen zwischen 10 und 27 Jahren. Und die Bildungsbürgerreise in die „Elphi“ abgehakt.

Trotzdem muss man mit Erschrecken feststellen, dass Live-Events in Gefahr sind. Nicht wegen Corona. Während bekannte Künstler (vertreten durch viel zu groß gewordene „Dienstleister der Kulturbranche“ wie Live Nation oder Eventim) stellenweise Ticketpreise bis ins Vierstellige nehmen können, bleibt der Nachwuchs und unabhängige Kunst auf der Strecke.

Durch den Verkauf von Tonträgern lässt sich schon lange keine Tour mehr pushen, geschweige denn finanzieren. Logistik ist teuer, der Brexit sorgt für ein Aufblühen umständlicher und ebenfalls kostspieliger Zoll-Aktivitäten. Das Couch-Arrangement (und die Angst vor Ansteckung in prall gefüllten Räumen) mit Corona führte auch zu weniger Interesse an Konzerten. Zahlreiche Bands und Solokünstler sagten ihre bereits geplanten Touren ab oder verschoben sie auf unbestimmte Zeit. Prognosen sind düster.

Zu den musikalischen Veröffentlichungen, die mein Jahr prägten, stieß bereits früh „Call To Arms & Angels“, das neue Doppelalbum von ARCHIVE. Ein hypnotischer, langsamer Tanz, der sich sowohl bei Trip Hop, Pop wie Art Rock auskennt und auch passend für den Soundtrack eines Nicolas Winding Refn-Films (oder einer Serie) wäre.
Passend wäre auch „Nights Of Lust“, der Darkjazz-Slowburner des LOVECRAFT SEXTETs, die gegen BOHREN & THE CLUB OF GORE geradezu dem Geschwindigkeitsrausch verfallen sind.

Gefallen hat auch der gutgelaunte, spannende Retroprog der MOON LETTERS, deren erstes Album ich nicht so toll fand, während das zweite, „Thank You From The Future“, strahlte: „Überbordend, diffizil, dabei höchst ökonomisch, kein Ton zuviel“.

Ebenso klasse war die neue Inkarnation MAJOR PARKINSONs, der Beginn einer Trilogie. Ein weiteres Selbstzitat: „„Valesa – Chapter 1: Velvet Prison“ ist ein Grand Guignol-Musical der exzessiven Art. Genregrenzen interessieren MAJOR PARKINSON nicht, hier wird überbordend musiziert: Prog, Stadion-Rock und AOR treffen auf elektronische Entdeckungsreisen und grüblerische Singer-Songwriter-Sequenzen“.

Düsterer und intimer gings es bei der fabulösen Karin Park zu, deren eindringliche „Private Collection“ ein würdiger Nachfolger des exzellenten „Church Of Imagination“ ist. Steve Kilbey und Martin Kennedy hingegen überzeugten einmal mehr als vers(p)onnene Psychedeliker mit ihrem kryptisch betitelten „The Strange Life of Persephone Nimbus“. THE CHURCH sind stets präsent.

Kein Weg führte vorbei an TAYLOR SWIFTS neuem Output „Midnights“. Streamingdienste brachen bei Veröffentlichung zusammen und Swifty-Achselshirts waren ausverkauft. Ansprechend melancholischer Electro-Pop mit anrührenden, nachdenklichen Lyrics und nur sachtem R’n’B-Hochglanz-Muzak. Was der Musik gut tut. Nur selten klingt es nach einem Stück aus dem „Victorious“-Soundtrack. Aber auch da gibt es Schlimmeres.

SWIFT gelingt es mainstreamkompatibel zu sein und trotzdem die Dringlichkeit und den Charme von Indie-Produktionen zu bewahren. Das Album erschien in vier Ausführungen mit unterschiedlichem Artwork (Standard, Jade Green, Blood Moon, Mahogany). Besonders lohnt sich die später erschienene „Lavender“-Version mit drei famosen Bonustracks. Diese sind wieder originell instrumentiert und strahlen die bestrickende Intimität von TAYLOR SWIFTs in der Pandemie rearrangierten Werken aus. Digital erschien zudem die „3am“-Ausgabe mit insgesamt sieben Bonustracks.

SWIFT ist eine der wenigen Megastars, die einem nie auf den Senkel gehen. Und dass sie eine fantastische Musikerin ist, hat sie längst bewiesen. Allein mit E-Gitarre auf der Bühne ist sie die pure Freude. Davon bitte irgendwann ein komplettes Album!

Ein postumes Album bildet den Abschluss meiner kleinen musikalischen Reminiszenz ans Jahr 2022. Auch in dieser Beziehung ein ätzendes Jahr. Für mich wichtige und prägende Künstler starben: Dazu gehörten VANGELIS, MARK LANEGAN, MANUEL GÖTTSCHING, PHAROAH SANDERS, Jeff Beck und TERRY HALL. Mit dem Verlust von JULEE CRUISE und ANGELO BADALAMENTI wurde das „Twin Peaks“-Universum kleiner.

Besonders schwer traf mich der Tod KLAUS SCHULZEs, dessen Musik mich noch länger begleitet als die von VANGELIS. Mit „Deus Arrakis“, einer erneuten „Dune“-Reminiszenz, hinterließ er ein inspirierendes, atmosphärisches letztes Album.

Lobende Erwähnungen gibt es noch für die Comebacks von PORCUPINE TREE, „Closure P/T“ ist feinster Pop-Prog nach dreizehn Jahren Sendepause, die BROKEN BELLS (letzte Veröffentlichung 2014) mit dem der psychedelisch-poppigen Wundertüte „Into The Blue“. Der Übersong „The Chase“ enthält Spuren aus dem ARCHIVEt.

MADRUGADA melden sich mit dem funkelnden Nachtschattengewächs „Chimes At Midnight“ zurück. Ärgerlich ist die Veröffentlichungspolitik, bei der man es sich immer weiter mit der schrumpfenden Schar von Tonträger-Käufern verscherzt. Während PORCUPINE TREE ihr Album gleichzeitig in verschiedenen Versionen auf den Markt brachten, was eine Wahl möglich machte, erschien von „Chimes At Midnight“ nur wenige Monate nach dem Originalalbum eine Expanded Edition mit fünf(!) starken Bonustracks.
So verprellt man seine Interessenten.

Im Kino erledigte das über lange Zeit Corona. Und für mich und viele andere ist die Veränderung der Kino-Kultur hin zu einem umfassenden Event mit dauerhafter Fress-, Smartphone-, Trink-Begleitung und damit verbundenen Toilettenbesuchen ein Verweigerungsgrund.
Ist anscheinend schwer, Konzentration, Mund und Wasser eine ganze Filmlänge halten zu können. Von konzertierten Störaktionen irgendwelcher TikTok-Deppen ganz zu schweigen. Die Kino-Magie verflüchtigt sich ins Nichtige, was dazu führte, dass ich 2022 nur einen einzigen Film im Kino gesehen haben. Und das gleich im Januar.


Guillermo del Toros „Nightmare Alley“, die zweite Adaption des Romans von William Lindsay Gresham ist ein visuell ansprechender, passend düsterer Noir, ausgezeichnet besetzt und gespielt. Der Film leidet allerdings unter einer weitverbreiteten Krankheit des aktuellen Filmschaffens: Er ist mit 150 Minuten viel zu lang (Die erste Verfilmung von 1947 beschränkte sich auf, damals exorbitante, 110 Minuten).
Der Plot, und die nicht ganz so schwer zu entschlüsselnden Twists tragen neunzig Minuten locker, alles darüber hinaus ist Ignoranz gegenüber filmischer Ökonomie. Trotzdem eines der besseren Werke in del Toros Agenda der jüngeren Zeit.
Sein „Cabinet Of Curiosities“ blieb trotz hochinteressanter Regisseur*innen eine müde Angelegenheit mit wenigen Ausreißern nach oben. Besser als die unsäglichen „American Horror-Stories“, aber das will nichts heißen.

Weitere filmische Glanzpunkte:

Ein Highlight des Jahres gab es gleich zu Beginn. Brandon Cronenberg (richtig, David Cronenbergs Sohn) schuf mit „Possessor“ (der 2021 noch in der Warteschleife steckte) einen so intensiven wie verstörenden Psycho-Horror-Tripp. Mein Fazit: „“Possessor” ist ein kunstvoller, zwischen Meditation und psychedelischem Schlachtfest angesiedelter Trip zum Ende der Menschlichkeit. Gefühle und Bewusstsein sind austauschbar, Individualität kaum ein Schimmer in glitzernden Oberflächenreizen. Die Welt ist ein Modell, das Geschäftemacher untereinander aufteilen.“ Der Soundtrack ist ebenfalls highly recommended.

Alex Garlands „Men“ ist eine Mischung aus Gesellschaftskritik, Folk-, Slasher-Horror und Mindfuck. „Men“ beinhaltet Beziehungsdrama, Satire, Psycho-Thriller und blutigen Body-Horror als sperriges Gesamtpaket.
Ein Meta-Film, wie auch Jordan Peeles „Nope“, der wieder geschickt zwischen Horror, Science Fiction und Satire pendelt, dabei gespickt ist mit filmhistorischen Verweisen.

Kaum eine Jahresbestenliste kommt an „Everything Everywhere All at Once“ vorbei, so auch diese nicht. Bereits wegen der Besetzung mit Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis (direkt der Beamtenhölle entstiegen) ein Muss, überzeugt der Film auch als relevantes Multiversumsspektakel.

Im Gegensatz zu „Dr. Strange In The Multiverse Of Madness“, das, von einigen selbstreflexiven Sam Raimi-Momenten abgesehen, ein blutleeres CGI-Gehampel blieb. So seelen- und gehaltlos wie die meisten Marvel-Werke der letzten Jahre. Der Film ging zudem sehr liederlich mit dem eigenen Personal um.
Während sich das MCU im Fernsehen unterhaltsam zeigt (von „Moon Knight“, zwischen Langeweile und Hyperaktivität schwankend, abgesehen), bleiben die Kinofilme bestenfalls Zeitvertreib für einen regnerischen Sonntagnachmittag.

Besonders erfreulich und trickreich war das Horror-Genre mit ganz unterschiedlichen Gewächsen. „X“ beginnt als ironisches Spiel mit Erwachsenenfilmen und wird zum leichenreichen Backwood-Slasher mit Pfiff und sehr originellem Killer.

„The Innocents“ wagte sich, hervorragend gefilmt, in die bisweilen tödlichen Untiefen der Kindheit. Magischer Realismus vom Feinsten.

„Barbarian“ schließlich war ein außergewöhnlich spannendes Ereignis zum Jahresabschluss. In Deutschland leider nicht im Kino gelaufen, spielt der Film mit Erwartungen, bricht und bedient sie gleichzeitig gekonnt. Nicht nur von der Erzählstruktur her transportiert Regisseur Zach Cregger Alfred Hitchcock stilvoll in die Gegenwart. Und liefert nebenbei Bilder einer nicht nur sozial zerfallenden Zivilisation. Das überbordende Grindhouse-Finale, mit einigen der wenigen sehr blutigen Sequenzen, dürfte die Geschmäcker teilen. Zach Cregger darf das. Weil er es kann.


Mein TV-Höhepunkt waren „Die schwarzen Schmetterlinge“. Ein französische Produktion, die wild und visuell artistisch Psychothrill, Surrealismus und Giallo verband, dabei gleichzeitig als eine Reflexion über Erzählen und Wahrnehmen taugte. Obendrauf versehen mit einem traumhaften Soundtrack.

„Wednesday“ machte überwiegend Spaß, zumindest in den von Tim Burton inszenierten Episoden. Der Mystery-Anteil blieb unausgegoren und zu durchschaubar, die Monstereffekte waren stellenweise Power Rangers-würdig und in den letzten drei Folgen war das Ganze eher eine Art Addams-Familienbesuch in Hogwarts. Aber hey, „Wednesday“ hat die wunderbaren Jenna Ortega (auch in „X“ sehr experimentierfreudig dabei) UND Christina Ricci an Bord.
Die Miniserie wurde rasend schnell zum Medienhype, inklusive unzähliger überflüssiger Tanzvorführungen bei TikTok. Aber hey…

Heimisch geriet ich schnell wieder in der „Umbrella Academy“, die ebenfalls ihr Multiversum beherrschten.


„Reacher“ bot solide Kost und mit Alan Ritchson, nach dem Gernegroß Tom Cruise, endlich einen amtlichen Jack Reacher-Darsteller vorzuweisen hatte. Die Verfilmung des ersten Lee Child-Romans verriet die Vorlage nicht, blieb lakonisch und kantig. Besetzungstechnisch war das insgesamt eine Freude, mit Sonderlob an die bezaubernde und schlagkräftige Willa Fitzgerald.

Ansonsten gehörte das Jahr eher Aufholterminen. Viel Spaß mit elf Staffeln „Modern Family“ gehabt, „Superstore“ neigt zwar zu arg hohem Fremdschämfaktor, ist aber eine der besten, bittersten Betrachtungen über die ausbeuterischen Machenschaften von Großfirmen und dabei urkomisch.

„Gotham“ gefiel als ansprechend besetzter, visuell finsterer Noir, in dem Ben McKenzie aka Jim Gordon mit einer Handvoll Verbündeter gegen die Organisierte Kriminalität kämpft. Taugte ebenfalls als DC-Origin-Serie, wenn auch der juvenile Bruce Wayne einem gehörig auf den Senkel gehen konnte. Das entschärften Catgirl Camren Bicondova und Sean Pertwee als wehrhafter Butler und Ersatzvater Alfred. Jeden Penny worth.

Literarisch beschäftigten mich einige Zeit ein Buch, das nicht erscheinen wird und eines, dass erst im Herbst 2023 veröffentlicht wird. Daneben blieb die Leseauswahl überschaubar. Zu den Tops gehören:

Willi Achten – „Rückkehr“. Wenn Amazon mich zitiert, darf ich das auch: „Willi Achtens Roman ist ein melancholischer Rückblick auf etwas, das nie existierte. Die Sehnsucht nach Neuanfängen gepaart mit Verlustängsten. Eine ungesunde Kombination. Ein Text, so leise wie faszinierend, der einen reißenden Fluss als idyllischen Bergbach tarnt.“

Terry Miles – „Rabbits – Spiel um dein Leben“. Und wieder ein Multiversum. Donnie Darko irrt in Twin Peaks durch die Pforten der virtuellen Wahrnehmung. So in etwa. „Rabbits“ vereint gekonnt Mystery- mit Verschwörungsthriller, angesiedelt in High Tech-Universen, die von einer nicht allzu fernen Zukunft erzählen. Basiert auf Terry Miles eigenem Rabbits“-Podcast. So können großangelegte Verschwörungsmythen gefallen. NUR so.

Mechtild Borrmann – „Feldpost“. Auf Borrmann ist Verlass. Sprachlich gelingt ihr wieder die Kombination von Poesie und Effizienz. Sie kann mit wenigen Sätzen eindrücklich skizzieren, was anderen Autor*innen nicht über mehrere Seiten gelingt. Kompetent entwickelte Charaktere, überzeugende Handlung, die das Grauen des Dritten Reichs nachdrücklich schildert und in der Gegenwart weiter schwelen lässt. Mit der Chance auf Verarbeitung. Spannend, klug und im besten Sinne lehrreich (ohne erhobenen Zeigefinger).

Etwas älter, aber unbedingt einen Lesetipp wert: Kanae Minatos „Geständnisse“. Kongenial 2010 verfilmt von Tetsuya Nakashima nach einem Drehbuch der Autorin. Das Buch erschien auf Deutsch 2017 und schildert aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer nachvollziehbaren Rache, die aus dem Ruder läuft.
Statt einer erlösenden Katharsis entwickelt sich eine Eigendynamik, die Todesopfer fordert. Ein furioser Abstieg in eine Hölle, die nicht nur die anderen sind. Die bildgewaltige Verfilmung erfasst die Essenz des Romans, ohne ihm sklavisch zu folgen. Zwei Wunderwerke.

Das nachfolgende „Schuldig“ (mehr Romane sind von Minato leider nicht auf Deutsch erschienen) bewegt sich auf ähnlichem Terrain, ist immer noch lesenswert, aber deutlich schlichter und damit schwächer.

Trotzdem würde ich gern mehr von Minato lesen.

Meine kleine popkulturelle Nabelschau darf nicht ohne die Erwähnung einer starken Frau, mit der ich viel zeit verbracht habe. Mit Aloy durch „Horizon Forbidden West“ zu streifen war das reine Vergnügen. Eine wohl austarierte Spielmechanik und -dynamik, atemberaubende Grafik und eine solide Geschichte ergaben ein Videospiel-Highlight der besonderen Art. Mehr brauchte ich an der Konsole 2022 nicht.

Zum Schluss noch ein bisschen Eigenwerbung:

Die Arbeit auf und mit http://www.Booknerds.de war 2022 ebenfalls ein Hort der Freude. Chris Popp hat mit Dominic Schlatter einen ebenso würdigen wie engagierten Nachfolger als Chefredakteur gefunden, unter dessen Ägide ein monatlicher Redfaktions-Chat eingerichtet wurde und das Team quantitativ wuchs und qualitativ überzeugte.

Besonders freut mich, dass meine ehemaligen „Couch“-Kollegen Eva Bergschneider und Jörg Kijanski ebenfalls für Booknerds schreiben. Tolle Arbeit leistete auch Sarah Teicher (aka Sari Sorglos), die die sozialen Netzwerke mit positiven Inhalten pflegt (gibt es eh zu wenige von) und mit ihrer Kollegin Mariann Gaborfi den feinen Podcast „Autorinnen im Porträt“ am Start hat, der sich auch auf und via Booknerds finden und hören lässt. Lohnt sich. Wie das gesamte Booknerds-Programm mit Besprechungen quer durchs kulturelle Schaffen.

Ich habe 2022 sogar ein LP-Review geschafft. „Bleed’n’Blend“ der Isländerin KJASS wird hiermit vollumfänglich empfohlen. „KJASS weiß, wie man einnehmende Melodien schreibt und atmosphärisch vorträgt, während ihre Mitstreiter so kompetent, wie gefühlvoll zwischen Pop, Jazz, Folk und angrenzenden Genres wandeln.“ Lest den Rest (und auch meine anderen Betrachtungen zu Film, Fernsehen und Literatur) gerne selbst. Würde mich freuen.

2022 ist vorbei, und das ist verdammt gut so. Leider bin ich skeptisch, was 2023 angeht. Aber wie zitiert Martin Compart Urban Priol am Telefon so gerne wie treffend: Es kann immer noch besser als 2024 werden. Hauptsache, der kotzende Kerl ist weg.

Jochen König



WER KANN NOIR-SONGS WIE SIE? by Martin Compart
21. Oktober 2022, 7:27 pm
Filed under: MUSIK, Taylor Swift | Schlagwörter: ,



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
4. September 2022, 12:23 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: , ,



LINES FROM TAYLOR by Martin Compart
15. Juli 2022, 3:31 pm
Filed under: MUSIK | Schlagwörter: ,

Hier ein paar Lieblingszeilen von der größten Songwriterin der Gegenwart:

“Band-Aids don’t fix bullet holes.” Bad Blood(2014)

“I’ll be strong/I’ll be wrong/Oh, but life goes on.” A Place in This World (2006)

“I’m only up when you’re not down/Don’t wanna fly if you’re still on the ground.” I’m Only Me When I’m With You(2006)

“Your money’s all gone, and you lose your whip.” Both of Us, (2012)

“I watch from the dark, wait for my life to start / With no beauty in my memory.”eautiful Ghosts (2019)

“These walls that they put up to hold us back will fall down.”

“I bury hatchets, but I keep maps of where I put ‘em.” End Game (2017)

“Wake up, and smell the breakup/Fix my heart, put on my makeup.” I Heart ? (2008)

“I keep him forever like a vendetta.” …Ready for It? (2017)

“He’s so obsessed with me, and boy, I understand.” I Think He Knows (2019)

“Something keeps me holding on to nothing.” Haunted (2010)

“Fighting with a true love is boxing with no gloves.” Afterglow(2019)

“Every lesson forms a new scar.” Eyes Open(2012)

“You’re all I want, but it’s not enough.” Bye Bye Baby (2020)

“Stand there like a ghost shaking from the rain / She’ll open up the door and say ‘Are you insane?‘ How You Get the Girl (2014)

“All those other girls, well, they’re beautiful/But would they write a song for you?” Hey Stephen (2008)

“He spends most of his nights wishing it was how it used to be/He spends most of his flights getting pulled down by gravity.” Forever Winter (2021)

“She would have made such a lovely bride/What a shame she’s fucked in the head.” Champagne Problems (2020)

“Will you kiss me on the porch in front of all your stupid friends?” Betty (2020)

“Nothing good starts in a getaway car.” Getaway Car (2017)

“Lovin’ him is like driving a new Maserati down a dead-end street.” Red (2012)

They told me all of my cages were mental/So I got wasted like all my potential.” This Is Me Trying (2020)

“I snuck in through the garden gate / Every night that summer just to seal my fate.” Cruel Summer“(2019)

“Darling, I’m a nightmare dressed like a daydream.” Blank Space(2014)



DAURISCHE GOTIK – ÜBER ZENTRALASIATISCHE HORROR-KULTUR 2/ by Martin Compart

ENTWICKLINUGSGESCHICHTE DES GENRES

DIE 1920er

Zwei belletristische Werke, beide über Ungern-Sternberg, legten den Grundstein für die daurische Gotik.
Das erste war Ferdinand Ossendowskis romanhafter „Reisebericht“ TIERE, MENSCHEN UND GÖTTER („… diese slawistischste aller Reisebeschreibungen“, James Webb, S.242.). In dem Buch von 1922, dass in den USA im Erscheinungsjahr 300 000Exemplare in 28 Auflagen verkaufte, popularisierte der Autor im Westen den ein Jahr zuvor füsilierten „blutigen Baron“.

Die Poetik der daurischen Gotik spiegelt sich in den Kapitelüberschriften: „In die Wälder hinein“, „Drei Tage unter Feinden“, „Die Schlacht am Seybi“, „Mysterien“, „Das Herz Asiens in Zuckungen“, „Vor dem Antlitz Buddhas“, „Die Prophezeiung des Königs der Welt“ etc.
Das Buch behandelte als erstes die beiden wichtigsten Figuren des Genres: den „wahnsinnigen Baron“ und den „Rächer-Lama“.

Ossendowski berichtete auch von den eurasischen Träumen des Barons. Seine Motivation zur Schaffung eines zentralasiatischen Reichs, das sich auch auf Europa ausdehnen sollte, war zuerst Kampf gegen- und Vernichtung des Bolschewismus, dann aber auch die Führung eines dekadenten Europas hin zum tibetanischen Mystizismus.

Da der extreme Antikommunist Ossendowski polnischer Herkunft war, erklärten die chauvinistischen russischen Theoretiker aber ein späteres Werk zur Grundlage des Genres.
Für sie entstand die daurische Gotikd in den 1920er Jahren in Harbin unter russischen Emigranten. Auch der russische Faschismus entwickelte sich in diesem Umfeld.

Als erstes Werk des russischen Kanons gilt DIE BALLADE DES DAURISCHEN BARONS aus 1928, das ebenfalls Ungern-Sternberg heroisiert und mystifiziert.
In der Ballade werden gotische Motive in extremem Maße ausgeführt: Wie ein apokalyptischer Reiter erscheint der verrückte Baron aus dem Nichts. reitet auf einem schwarzen Pferd, steigt herab und „geht auf Leichen zu“ und durchbohrt einige mit seinem Dolch, seine Augen leuchten dämonisch in der Dunkelheit, begleitet von einem Raben und dem Heulen der Steppenwölfe. In der Ballade schwingt auch der Okkultismus von Helena Blavatsky mit, die seit dem 19. Jahrhundert großen Einfluss bei russischen Esoterikern ausübte.

Geschrieben von Arseny Mitropolsky (1889—1945) unter dem Pseudonym „Nesmelov“. Mitropolsky, alias “Nesmelov” war ein weißrussischer Offizier, der im Weltkrieg und im Bürgerkrieg gekämpft hatte. Er war Mitglied der faschistischen Partei in Harbin und machte Propaganda für die Japaner. Aber er gilt bis heute auch als talentiertester Lyriker der weißrussischen Diaspora in der Manschurei, respektive China. Unter dem Pseudonym „Nikolay Dozorov” war er der führende Propagandist für die japanische Kwantung-Armee.

Weißrussische Emigranten machten in häufig fragwürdigen Memoiren aus dem blutigen Baron einen romantischen Helden des Faschismus. Es wurden alle Arten von Memoiren, neben offenen Mystifikationen, von ehemaligen Offizieren der asiatischen Kavalleriedivision geschrieben. Idiotische Verklärungen und Rechtfertigungen, vollgestopft mit antisemitischen Phrasen, wie sie der Baron so leidenschaftlich verkündet hatte.
So weitete sich unter den Emigranten der Mythos aus.
Der Antisemitismus hatte Tradition in der weißrussischen Armee – und nicht nur, weil zu den führenden Bolschewisten Juden wie Trotzki zählten.
Als organisierte Propaganda wurden DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION nachgedruckt und in der Armee verteilt. Admiral Koltschak ließ sie in Sibirien in großer Zahl produzieren und in seiner Administration ausgeben. Mit dümmlicher Perfidie versuchten sie die Revolution durch antisemitische Propaganda zu diskreditieren. Auch in der aktuellen daurischen Gotik findet sich Antisemitismus und Antirationalismus als Sinnangebot.

Die Beziehung zwischen dem Genre und Faschismus drückte sich unbewusst schon früh aus: Einer von Ossendowskis größten Fans war Heinrich Himmler, fasziniert von zentralasiatischer Mystik richtete er mehrere Tibet-Expeditionen aus, die wohl inoffiziell auch nach Agarthi oder Shambala suchen sollten. Auch ein Artikel von Julius Evola von 1973 beschreibt den faschistischen Kult um Ungern, basierend auf dem Buch von Ossendowski.

1930er UND SOWJETUNION

In der Sowjetzeit wurde der Baron als abschreckendes Beispiel für einen blutrünstigen Konterrevolutionär gelegentlich in Buch und Film behandelt. Er ist der Antagonist in einer Reihe von Spielfilmen über revolutionäre Ereignisse im Fernen Osten: SEIN NAME IST SUKHE-BATOR (1942), EXODUS (1968), DIE WANDERNDE FRONT (1971) und einige andere.

Das erste Sachbuch war wohl die Monographie von B. Tsibikov von 1947; zuvor war 1931 in der Zeitschrift „Krieg und Revolution“ der längere Aufsatz „Die Niederlage von Ungern“ von A.N. Kislov erschienen. 1937 befasste sich Valentin Tikhonov in einem frühen Roman mit ihm.

Die Propagandamaschine des Dritten Reiches erzeugte schließlich das Bild von Ungern als dem ersten Führer eines neuen Typs, dem ersten Faschisten. Ein Höhepunkt war Bernd Krauthoffs Roman ICH BEFEHLE (1938). Wenn man so will: der (bisher) einzige deutsche Beitrag zur daurischen Gotik.

Reichsleiter Alfred Rosenberg, wie Ungern-Sternberg Este und Antisemit und wichtiger Nazi-Ideologe, beschrieb den Baron als „den idealen Arier„, bemerkt Professor Mikhalev (in . https://iq.hse.ru/en/news/296270159) und stellte Ungern als „den ersten Führer eines neuen Typs, den ersten Nazi“ dar. Angeblich widmete Rosenberg Ungern ein Theaterstück, das in den 1930er Jahren in deutschen Theatern lief. „Nach unserer Hypothese liegt der Grund darin, dass Ungerns Kult – im Gegensatz zu denen um Koltschak oder Krasnow – in den 1930er Jahren in Nazi-Deutschland entstand. Die heutigen Imperialisten und die extreme Rechte reproduzieren alte ideologische Muster und Mythen in neuen Kontexten. Der Mythos Ungern wird genutzt, um verschiedene politische Kräfte zu konsolidieren.“

1990 BIS HEUTE

Die Renaissance der daurischen Gotik in den 1990er bis 2000er Jahren war im rechten politischen Kontext eingegliedert, genauso wie in den 1920er Jahren. Die Hauptkonsumenten dieses Produkts waren und sind Vertreter verschiedener radikaler eurasischer Kreise und ihre Anhänger.

1993 veröffentlichte Leonid Yuzefovich das Buch HERRSCHER DER STEPPE über Ungern-Sternberg. Nach Mikhalev ist dieses Buch auch Teil des daurisch-gotischen Kanons, vielleicht das Schlüsselwerk für die Neubelebung.

Auch in westlicher Literatur fand und findet der Baron Eingang, insbesondere in die romanische.
In Frankreich wurde durch Hugo Pratts Graphic Novel CORTO MALTESE IN SIBIRIEN (1973) Interesse entfacht; zwei weitere Umsetzungen als Comic folgten.
Die französische Punk Band Paris Violence widmete ihm 2005 einen Song:

In den Thrillern DARK STAR von Alan Furst, THE FULLER MEMORANDUM von Charles Stross, CLUB DUMAS von Arturo Pérez-Reverte und THE NINTH BUDDHA von Daniel Easterman wird Ungern erwähnt oder spielt sogar eine Rolle

PROTAGONISTEN

Neben Dja Lama und einigen konterrevolutionären Schlächtern ist der blutige Baron zweifellos die populärste und meistgenutzte Figur der daurischen Gotik und in der Verbreitung einer rechten eurasischen Ideologie.

Ungern war laut Augenzeugen, die ihn persönlich kannten, der perfekte Genre-Held: „Die Figur des Barons erinnerte an das Mittelalter, und etwas atavistisch war auch, dass er von seinen Vorfahren, den Deutschen Ordensrittern, denselben Durst nach dem Kriegerleben geerbt hatte, und vielleicht den gleichen Glauben an das Übernatürliche, Jenseitige. Er war abergläubisch; er wurde immer, auch im Feldzug, von Lamas, Astrologen, Wahrsagern begleitet… Er war überzeugt davon, dass er den Menschen bei ihrer Inkarnation half, wenn er sie umbrachte.“ (Pershin).

Seine Aussage „Denken ist Feigheit“ bringt jede rechte Ideologie trefflich auf den Punkt. Der faschistischen Doktrin gemäß: „Immer im Irrtum, nie im Zweifel.“

Hier nur ein kurzer Überblick: Die Offensive und die Guerillaaktionen der Roten Armee in Transbaikalien führten zur Niederlage der Weißen Armee. Der Baron zog sich aus Dauria zurück, marschierte in die Mongolei ein (1920), vertrieb chinesische Truppen aus der Hauptstadt Urga und stellte dann die buddhistische theokratische Monarchie in der Mongolei wieder her. Am Ende der Geschichte verschwörten sich seine eigenen Offiziere gegen ihn und überließen ihn den Bolschewiki, die ihn vor Gericht stellten, verurteilten und hinrichteten.

JÜNGERE MEDIALE VERMARTUNG

Wie schon erwähnt: In der Sowjetzeit wurden fünf oder sechs Filme über Ungern gedreht. In ihnen wurde er als verrückter reaktionärer Diktator dargestellt.
In den 2000er Jahren wurde er auch vom russischen Fernsehen entdeckt. In der erfolgreichen Serie BRIGADA (8 Folgen, je 37 Min.) wurde er als Hauptfigur dargestellt.
In VEPR (das Wildschwein) erscheint Ungern als mystischer Antiheld, der eine gewisse Sympathie weckt.

Ungern taucht verstärkt in der Musik auf. Die Musikgruppe Kalinov Most widmete ihm ein ganzes Album, in dem es im Hauptlied um den Orden Nr. 15 ging, den berüchtigten Vernichtungsbefehl. Die ukrainische Black-Metal-Band „Ungern“ benannte sich nach ihm und schwelgte in Texten zur Verherrlichung des Nationalsozialismus.

Vor allem die osteuropäische Fantasy soll eine Vielzahl von Verweisen auf Ungern enthalten.

Im Jahr 2014 unterstützte das russische Kulturministerium die Finanzierung eines Dokumentarfilms über die Spuren der Wilden/Asiatischen Division.

Ungerns Konterfei ziert heute T-Shirts und gefälschte buddhistische Ikonen.

In den letzten Jahren wurden in Russland Anfragen zur Errichtung eines Denkmals für Roman Ungern gestellt. Die initiierende Gruppe bezog sich auf die Erfahrung der mongolischen Nazi-Gruppierung Tsagaan Haas, die nach unbestätigten Daten die Erlaubnis erhalten hat, ein Denkmal für Ungern in Ulaanbaator zu errichten. Aber bisher ist es noch nicht errichtet worden, und Tsagaan Haas ist eine kleine Gruppierung ohne großen politischen Einfluss.
Während einer Abstimmung in Transbaikalien über die Frage nach einer „Symbolfigur“ für die Region erzielten Ungern und Ataman Semenov die meisten Stimmen. Infolgedessen änderten die regionalen Behörden das Format der Abstimmung und entfernten einige der problematischen historischen Figuren.

Aber auch die Tanibalisierung der USA durch fundamentalistische Christen-Sekten wird dieses merkwürdige Genre in der westlichen Welt kaum marktfähig machen.

LITERATURHINWEISE u.ä.:

Aleksey Mikhalyev, ein Politikwissenschaftler an der Buryatischen Staatsuniversität State University, hat die Popularität Ungern-Sternbergs im heutigen Russland und das Genre untersucht; siehe dazu: http://windowoneurasia2.blogspot.com/2019/06/dauria-gothic-why-russians-today-are.html .

James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur & Okkultismus im 20. Jahrhundert. Marix, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-86539-152-0.


hhttps://www.youtube.com/watch?v=8dkPIjfikKcttps://www.youtube.com/watch?v=2TBsJVecfI0

P.S.:

Nichts Neues aus Estland

Im November 2020 erhielt der Verein Ungern Khaan von der Koalitionsregierung Estlands 45.000 Euro an Zuschüssen. Es löste einige Diskussionen in Estland aus. Einige fanden es bedauerlich, dass die estnische Regierung eine Statue eines antisemitischen Kriegsverbrechers mit Plänen zur Weltherrschaft aktiv unterstützte.

Auch der Historiker Ago Pajur von der Universität Tartu wies darauf hin, dass Ungern-Sternberg keine wichtige Rolle in der Geschichte Estlands gespielt habe:

– Es gibt viele Menschen in der Geschichte Estlands, die ein Denkmal mehr verdienen als Ungern-Sternber. Ich sehe keinen Grund, ihm im heutigen Estland ein Denkmal zu errichten.

Eine verdrehte Interessenvereinigung lehnte das Geld dann ab. Grund seien „die medialen Beschreibungen des Barons als Warlord und Kriegsverbrecher, nicht als Befreier der Mongolei (…) Wir treffen die Entscheidung, weitere Beleidigungen des Barons in den Medien zu vermeiden.“

Ungern Khaan hat die Pläne für ein Denkmal von Baron Ungern-Sternberg jedoch nicht aufgegeben. Doch der Plan wird nun ausschließlich durch Spenden finanziert.

Der Wunsch, dem „Blutigen Baron“ Ungern-Sternberg eine Statue zu errichten, sei ebenso politisch wie historisch motiviert, sagt der Archäologe Torgrim Sneve Guttormsen.

Guttormsen betont, dass das Entfernen oder Einsetzen umstrittener Denkmäler in einen Kontext nicht dasselbe ist wie das Entfernen oder Verändern von Geschichte. Stattdessen kann es konstruktive Möglichkeiten geben, die Geschichte zu diskutieren oder zu korrigieren. Doch das ist wohl kaum die Motivation für den Verein Ungern Khaan, glaubt Guttormsen:

Der Artikel wurde ursprünglich in Vi Menn Nr. 07 2022 veröffentlicht
https://www-klikk-no.translate.goog/historie/den-blodige-baronen-mente-han-var-den-gjenfodte-djengis-khan-7121065?_x_tr_sl=no&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc

https://news.err.ee/1192453/coalition-grants-45-000-for-memorial-to-baltic-german-war-crimes-baron



DIE BEIDEN MICKS: JAGGER UND HERRON by Martin Compart
31. März 2022, 8:05 pm
Filed under: MICK HERRON, Spythriller, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Jagger schrieb für den 6-Teiler SLOW HORSES nach dem grandiosen Roman von Mick Herron mit Gary Oldman die Titelmusik!

siehe:https://www.theguardian.com/music/2022/mar/29/mick-jagger-acting-jack-nicholson-sex-slow-horses-performance-bent-dragged-ned-kelly?CMP=Share_iOSApp_Other

Hier ein erster Trailer:



JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG 2/ by Martin Compart
2. Januar 2022, 11:56 am
Filed under: JAHRESRÜCKBLICK, Jochen König, MUSIK | Schlagwörter: , , ,

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Literarisch war erneut James Sallis mit seinem Roman „Sarah Jane“ ein stilsichere Bank:
„James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. `Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen´, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Randeauftauchen. […] Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibter seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text
weiterzuentwickeln. Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.“ (Aus meiner Rezension für Stefan Heidsieks Crimealley- Blog)

Sehr fein war zudem „Frostmond“, das bei Pendragon erschienene Debüt von Frauke Buchholz über
die Mordserie an indigenen Frauen entlang des kanadischen Highways 16, besser bekannt als „Highway of Tears“.

Frostmond ist ein stilistisch präzise artikuliertes, formal und inhaltlich ausgereiftes Debüt. Die
verschachtelte Erzählweise fordert die Leserschaft; ein Abgleiten in die Untiefen des herkömmlichen
Serial-Killer-On-The-Loose-Krimis vom Grabbeltisch vermeidet Frostmond gekonnt.
“ (Kritik auf Krimi-
Couch.de)

Weitere Favoriten sind die Autobiographie Mark Lanegans, der ziemlich schonungslos und nachtschwarz mit sich und seinen Kollegen und Freunden abrechnet, John Mairs „früher
existenzialistischer Roman“ (Eva König) „Es gibt keine Wiederkehr“, die erneute Beschäftigung mit
Patricia Highsmiths exzellentem „Das Zittern des Fälschers“, erstmals in der ungekürzten Neuübersetzung,
„Future Sounds – Wie ein paar Krautrocker die Musikwelt revolutionierten“ von
Chrisszoph Dallach, als Würdigung des ursprünglich despektierlich gemeinten Begriffs „Krautrock“
und der dazugehörenden Musik. Passend zur pandemischen Zeit „Das kleine Weltuntergangs-Lesebuch“ aus der Edition Phantasia „Die schwarze Grippe“.

Die Musik des Jahres 2021 gehört in erster Linie Veteran*innen. Tom Jones bewegte sich mit seinem abwechslungsreichen Werk „Surrounded By Time“ meisterlich auf den Spuren Scott Walkers, Pharoah Sanders veröffentlichte mit Floatings Points und dem LSO ein höchst stimmungsvolles „Promises“ vor, ebenso klasse Charles Lloyd & The Marvels mit dem überzeugenden „Tone Poem“. The The bescherten uns „The Comeback Album“ und klangen als wären sie nie weg gewesen, was noch mehr für die Wiederauferstehung ABBAs gilt, die mit „The Voyage“ nicht nur Corona sondern die letzten 40 Jahre vergessen ließen.

Das weiß ganz sicher auch Steven Wilson zu schätzen, dessen „Future Bites“-Album den ein oder anderen Progger arg verschreckte. Recht so. Mit dem Silver Surfer auf nächtlichen Trips durch die Roller-Disco.

Nick Cave & The Bad Seeds präsentierten endlich Part II der „B-Sides & Rarities“ und zelebrierten eine durchweg gelungene Schwarze Messe.

Direkt aus dem Jahr 1975 schließlich stammt das Doppelalbum von CAN, die Aufnahme eines Konzerts in Stuttgart. Eine klanglich fein herausgeputzte hypnotische Reise in die Vergangenheit und wieder zurück.

Aktuell und dennoch die Vergangenheit immer im Blick haben die mexikanischen Rider Negro mit ihrem psychedelisch rockenden „The Echo Of The Desert“. Nicht nur stimmlich sind THE DOORS die prägenden Schatten an der Wand. Ein Wüstenritt vom Feinsten.

Logan Richardsons „Afrofuturism“ ist ein faszinierendes Werk, das gekonnt Modern Jazz, nachtschwarze Elektronik und verfremdeten Blues präsentiert, voller zeit- und gesellschaftskritischer Bezüge. Ähnlich, nur einen Hauch heller und sentimentaler zeigten sich Orlando Le Fleming + Romantic Funk auf „The Unfamiliar“. Fusion von flackernder Intensität, die an die besten Momente Marcus Millers und den späten Miles Davis erinnern.

Neben den bereits erwähnten Alben, (m)eine Top 20 des Jahres, die ich locker mit gleichwertigen Werken erweitern könnte. Trotz (oder wegen) Corona war 2021 produktiv:
Peter Raeburn – The Dry (OST)
Eldovar – A Story Of Darkness & Light
Stefano Panunzi – Beyond The Illusion
Lingua Ignota – Sinner Get Ready
Lucy Kruger & The Lost Boys – Transit (For Women Who Move Furniture Around)
Nubyian Twist – Freedom Fables
The Weather Station – Ignorance
Grandbrothers – Howth
Cult With No Name – Nights in North Sentinel
Angela Dubeau, La Pietà – Immersion
Abba „The Voyage“ (dafür, dass die Zeit stillsteht)
Steven Wilson – The Future Bites
Can – Live in Stuttgart 1975
Meer – Playing House
The Anchoress – The Art Of Losing
The The – The Comeback Album (live)
Robert Fripp – Music for Quiet Moments (Package mit 10 Alben)
Lloyd, Charles & The Marvels – Tone Poem
Floating Points, Pharoah Sanders & The LSO – Promises
Nick Cave & The Bad Seeds – B-Sides & Rarities Part II
Tom Jones – Surrounded By Time

2022 kann kommen. Mit gespannten Wünschen bin ich vorsichtig, das hat 2020 auch nicht hingehauen. Also halte ich es weiter mit Special Agent Dale B. Cooper: „I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.“ Immer noch eine hohe Erwartung in einer bizarren Zeit.

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Weiterhin viel Vergnügen mit dem neuen Jahr!
MC



WEISE WORTE by Martin Compart
16. Oktober 2021, 5:15 pm
Filed under: MUSIK, Weise Worte | Schlagwörter: , ,



HANAUER FOLKLORE – THE TWENS by Martin Compart
8. Juli 2021, 4:08 pm
Filed under: Manny Herrmann, MUSIK, Rezensionen, WENSKE | Schlagwörter: , , ,

Jörn Rauser
ROCK´N ROLL TRASH: „The Twens“ Backstage

‎readmybook; 2000. Edition (1. April 2020)
Broschiert ; 120 Seiten
ISBN-10 ‏ 3000652957
ISBN-13 ‏ 978-3000652950

Mit 13 stieg er das erste Mal auf eine richtige Bühne – im Bierzelt auf dem Hanauer Lamboyfest. Er sang prophetisch zur Big Band-Begleitung „Grüß mir die Damen aus der Bar von Johnny Miller“. Bars und Damen sollten ihn die nächsten Jahre intensiv begleiten. Er stieg zu einem der führenden Frauenhelden Hanaus auf.

1957 enterte er an einem Sonntagnachmittag in der City Bar erneut die Bühne und intonierte mit den Rock Cats „Hello Josephine“. Auch Krawallmusik würde künftig sein Begleiter sein.

Spätestens jetzt war Jörn Rauser vorerst für eine bürgerliche Karriere verloren. Zwischen „Rock Around the Clock“ und dem Welterfolg der British Invasion hatte er nur noch Rock´n Roll (und was dazu gehört) in der Birne.

Im Juni 1958 trat er dann erstmals mit einigen Kumpels auf.
Sie nannten sich The Twens und wurden zu einer Rock´n Roll-Legende der Garnisonsstadt und hielten bis 1965 durch. Danach gab es immer mal wieder kurzfristige Reunions und Gastauftritte bei Hanauer Feierstunden und Gedenktagen.

Garnisonsstädte wie Hanau sorgten dafür, dass sich der Rock´n Roll in Deutschland einnistete und festsetzte wie eine unheilbare Krankheit, die Hütchenträger und Nylonkittelträgerinnen das Leben zur Hölle machte. Ein wenig Trost fanden die Alten damals nur, wenn sie in der Zeitung unter „Vermischtes“ lesen konnten, dass sich ein paar Halbstarke gegenseitig abgestochen hatten. Auch bei Jörn sorgte die Teufelsmusik dafür, dass er seine vielversprechende Ausbildung zum Zolldeklaranten abbrach. Wenn man nicht zu weit ging, ging man nicht weit genug.

2020 hat Rauser ein Buch geschrieben, in dem er launisch über seine wilde Zeit plaudert – von den Anfängen als Bass-Poser, über den Einsatz von Cuprex (eine Art Agent Orange für den Genitalbereich) gegen Filzläuse bis zum Ende der Karriere als Profimusiker.

Halb- und Unterwelt gehörten zum Milieu des Rock´n Roll. Genauso wie Girls, wüste Saufereien, Schlägereien, möglichst schnelle Autos, Ladendiebstähle, Groupies, Polizeikontrollen, Nachtklubs und Machogehabe.
Rauser erzählt darüber so manche nette Schote, etwa über Nuttenrivalitäten oder wegbegleitende Kumpels. Garniert hat er es mit vielen Fotos, die von den Girls brav gepixelt.
Das Buch bringt einem zwei bis drei Stunden Spaß aus einer Zeit, in der James Dean-Jacken und Blue Jeans (Nietenhosen) als Umweltverschmutzung eingeordnet wurden.