Martin Compart


DAMNATION – Wenn Hammett heute TV-Producer wäre… by Martin Compart
29. März 2019, 2:43 pm
Filed under: Dashiell Hammett, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Die grandiose TV-Serie DAMNATION (Netflix), eine der bisherigen intellektuelle Höchstleistungen der amerikanischen TV-Serienkultur, in  CRIME TV:
https://crimetvweb.wordpress.com/2019/03/29/damnation-wenn-hammett-heute-tv-producer-waere/

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Amerikanischer Abschaum: Roy Cohn by Martin Compart
14. Juli 2018, 10:52 am
Filed under: Dashiell Hammett, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , ,

MiCs Tagebuch – Juli 2018

Eine kurze Anmerkung zu Dashiell Hammett

Charakter offenbart sich in der Prüfung. Dieser Satz bewahrheitet sich insbesondere bei Dashiell Hammett, der sich seit den 1930er Jahren politisch stark gegen den Faschismus und Kapitalismus engagierte. Seine zeitweilige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei machte ihn Anfang der 1950er Jahre u.a. zur Zielscheibe der von Senator Joe McCarthy betriebenen hysterischen Kommunistenhatz in den USA. Die Befragung von Hammett vor dem HUAC, dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe, 1953, führte unter anderem Roy Cohn durch, damals der oberste Rechtsberater McCarthys. Das Protokoll ist lesenswert.

Roy Cohn gelangte später als Mafia-Anwalt zu Ruhm und Reichtum und war zudem Rechtsberater von Fred Trump, dem Vater des pissblonden US-Präsidenten. Frederik Christ Trump, so der volle Name, gab seinem Sprössling Cohn als Mentor an die Hand, damit der Junge das Immobiliengeschäft von der Pike auf lernt. 1977 versuchte Cohn seinen Ex-Chef McCarthy mit einem Buch über die großartige Arbeit der HUAC reinzuwaschen. In einer Mittagstalkshow im Rahmen der Buchpromotion von Cohn, nahm Gore Vidal sich Autor, Werk und die Zeit der unamerikanischen Umtriebe vor. Die Qualität des US-Fernsehens vor vierzig Jahren ist immer wieder überraschend. Die Aktualität von Vidals Äußerungen ebenso.

Dashiell Hammett wurde aufgrund seiner Überzeugung von den Finanzbehörden verfolgt und finanziell ruiniert, seine Bücher wurden zeitweilig aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Nachdem er 1951 vor Gericht die Aussage über den Kautionsfond des Civil Rights Congress verweigert, steckte man ihn als „unkooperativen Zeugen“ für sechs Monate Beugehaft ins Gefängnis. Er schwieg auch nach seiner Freilassung. Hammett blieb seiner Überzeugung treu.

MiC, 14.07.18

https://martincompart.wordpress.com/2009/06/17/der-flug-des-malteser-falken-zu-dashiell-hammett-2/



WEISE WORTE by Martin Compart
24. Januar 2017, 5:12 pm
Filed under: Dashiell Hammett, Weise Worte | Schlagwörter: ,

„Mr. Hammett, welche Art von Literatur ist am erfolgreichsten?“
„Erpresserbriefe.“



HILLMANNs HAMMETT by Martin Compart
25. März 2015, 3:08 pm
Filed under: Bücher, Comics, Dashiell Hammett, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

eintret[1]
Man mag es heute kaum glauben, aber es gab eine Zeit, da existierte der Begriff Graphic Novel noch nicht. Bei der Erstveröffentlichung von Hans Hillmanns „Fliegenpapier“, schauten die meisten dumm aus der Wäsche. Hans_Hillmann[1]Es war kein „richtiger“ Comic – aber irgendwie doch noch einer. Wie Hal Foster bei „Prinz Eisenherz“ oder Burne Hogarth bei „Tarzan“, verzichtete Hillmann auf Sprechblasen, aber anders als bei Prinz Eisenherz zog sich jedes Panel über die ganze Seite, häufig über zwei Seiten. So etwas hatte man in dieser Konsequenz zuvor noch nicht gesehen. Wer damals die Arbeiten des amerikanischen Großmeisters Jim Steranko (Chandler) kannte, war nicht ganz so verwirrt. Heute fällt es leicht zu beurteilen, was Hillmann damals gemacht hat: er schuf eine völlig eigenwillige Form der Graphic Novel, mehr am Film orientiert als am Comic. Das Werk hat längst Klassiker-Status.
Faszinierend ist das Timing der Erzählung: Hillmann wechselt von statischen Bildern zu explosiven Sequenzen und verleiht der Geschichte eine Dynamik, die man in Dashiell Hammetts Vorlage so expressiv nicht findet. Anders als die üblichen Graffic Novels wird man diesen Band immer wieder in die Hand nehmen und in den Panels stöbern wie in einem Bildband.

Detaillierte Hintergründe zum epochalen Werk und seinem Autor findet man in dem wunderbaren Aufsatz „In der Lücke“ von CHRISTOPH HOCHHÄUSLER unter:
http://parallelfilm.blogspot.de/2014/05/in-der-lucke.html
dash3ok[1]
Hier nur ein kurzes Zitat:

“ Wahrheit diesseits der in Nach über 120 Plakaten, darunter für Filme von Buñuel, Kurosawa, Hawks, Welles, Lubitsch, Godard – entstand der Wunsch, einen Film auf Papier* zu machen. Eine Vorlage war bald gefunden: „Flypaper” von Dashiell Hammett, eine Kurzgeschichte, hard boiled. Erklärtes Ziel war es, den Text zu verzehren, bis auf einige Dialoge sollte alles Zeichnung werden. Hammett deshalb, weil er, mit seinem realen detektivischen Hintergrund, von der Beobachtung her kommt. Zwei Reisen in die USA, eine während eines dafür genommenen Forschungssemesters 1976, nutzt Hillmann zur Recherche; mit Bleistift und Kamera notiert er visuelle Details in New York und vor allem San Francisco; Feuertreppen, Hotelfensterblicke, Straßenecken, Möbel, Treppenhäuser…“
http://www.amazon.de/Fliegenpapier-Hans-Hillmann/dp/3945034043/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1427295968&sr=8-1&keywords=fliegenpapier+avant+verlag

Die Erstausgabe erschien 1982 bei 2001;2005 gab es eine schöne Paperback-Ausgabe bei dtv. Jetzt veröffentlichte der Avant Verlag eine großformatige 260seitige Hardcover Ausgabe, hervorragend gedruckt auf gutem Papier. Für 29,95 € erhält man eines dieser besonderen Bücher, die für immer einen besonderen Platz im Buchregal einnehmen.
HH_13_1982_Titel-Illustration_Fliegenpapier__Hans_Hillmann_[1]

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 3/ by Martin Compart

Also schrieb er seinen Klassiker: JACK’S RETURN HOME. „Die Inspiration kam durch zwei Quellen: Chandlers Romane und die amerikanischen Noir-Filme der 40er- und 50er Jahre. Beides beeinflusste mich ungefähr zur selben Zeit. Ich war noch in der Grundschule, und meine Kumpels und ich verbrachten die meisten Abende in einem der zwei Kinos der Stadt. Das eine Kino zeigte vor allem britische Filme und amerikanischen Mainstream. Aber das andere zeigte B-Pictures, uraltes Zeug zum Teil, und in Doppelvorstellungen. Da gingen wir hin. Das war das Zeug, das man sich nicht ansehen sollte.“

Ted Lewis gelingt ein bedrückendes Portrait einer miesen Industriestadt (die fatal an heutige Städte im Ruhrgebiet erinnert) Ende der 60er Jahre. Der Hedonismus des rebellischen Jahrzehnts ist verweht, der Optimismus auf eine bessere Welt in der Endlichkeit des Wirtschaftswachstums versumpft. Dumpf vegetieren die Menschen dahin, zerbrochen vom Überlebenskrieg. Auf sie trifft H.P.Lovecrafts Satz zu: Weder leben die Bewohner, noch wissen sie zu leben in dem Haschisch industrieller Knechtschaft. Sie leben in einer urbanen Landschaft, ohne klare Wahrnehmung und ohne sichere Existenz. In schleichender Verwesung sitzen sie in den Pubs um das Ende aller Träume abzuwarten. Jack Carter ist eigentlich einer von ihnen, hatte sich aber rechtzeitig abgesetzt und kommt angeschlagen aber unbesiegt zurück in seine elende Heimatstadt. Er will seinen Bruder beerdigen, der Nichte ein besseres Leben ermöglichen und herausfinden, was wirklich hinter dem Tod des Bruders steckt. You can«t go home again, hatte Thomas Wolfe behauptet. So genannte Return-Romane sind inzwischen fast ein Subgenre, und auch in der Kriminalliteratur gibt es dafür eindrucksvolle Beispiele: Mickey Spillanes THE DEEP und THE ERRECTION SET oder etwa Kenneth Millars BLUE CITY (fast immer verbinden sie sich mit den Corruption-City-Geschichten in der Folge von Dashiell Hammetts RED HARVEST) Lewis Sprache packt den Leser von der ersten Seite an. Der szenisch-filmische Aufbau treibt die Handlung mit hohem Tempo voran. Die Settings wechseln von elenden Kitchen-Sink-Momenten zu harter Action oder gehobenen Unterweltmilieus. Der Angry Young Man als Hard-boiled-Autor, der John Osborne oder Alan Silitoe mit Hammett, Jim Thompson und John MacPartland kreuzt. Er ist kein väterlicher Reiseleiter durch diesen Alptraum, er schafft den Alptraum und steigert ihn bis zum bitteren Ende. Der wenig angenehme Jack Carter gewinnt unsere Sympathien, weil er geradezu archaisch auf Blutrache besteht. Zivilisatorische Schranken haben in seiner Welt wenig Bedeutung. Ted Lewis macht ihn zu einem in jeder Sekunde glaubhaften Charakter. Carter ist eine runde Figur, die einen aus den Seiten des Romans anspringt, kein Pappcharakter. Und der Leser mit seinen gebremsten Sympathien für diesen knallharten Gangster kann sich der Anteilnahme nicht entziehen, denn Carter ist ein ebenso intelligenter wie ironischer (jedenfalls manchmal) Erzähler. Nur weil er ein so brutaler Kerl ist, hat er überhaupt eine Chance. Und ernsthaft würde wohl kein Leser die versaute Arbeiterexistenz des Bruders der Gangsterexistenz Carters vorziehen. Carter ist kein üblicher Held – Gott bewahre! Er ist nicht stark genug um der Korruption zu widerstehen, aber stark genug um sich ein Stück davon zu erkämpfen. Er kennt die Codes der Unterwelt genauso wie die Rituale der Unterschicht. Carter ist kein Gentleman-Hero. Er ist der proletarische Facharbeiter des Verbrechens. Ein Profi, der, wie Richard Starks Parker, seinen Job gelernt hat und ihn selbstsicher ausübt. Ganz den Idealen der 60er Jahre verpflichtet, ordnet er sich keiner Authorität unter. Weder seinen direkten Vorgesetzten, den Fletchers, noch den regionalen Geschäftspartnern. Er hat keine Skrupel mit der Frau seines Bosses ins Bett zu steigen, will sie ihm sogar endgültig ausspannen. Loyalität hat Grenzen. Er ist nur ein Söldner, der seine Arbeitskraft verkauft. Das Gegenstück zum amerikanischen Revolvermann des Wilden Westens, der seine Fähigkeiten vermietet und die Mieter immer auch verachtet. Die Rückblenden, in denen er sich an Frank erinnert, sind knapp und eindringlich, verdeutlichen, das Carter zur ersten amerikanisierten Generation gehört (wie sein Autor). Die Jungen eiferten Cowboys nach, hörten Jazz und sahen amerikanische Filme. Ein Gewehr mit sich rumzuschleppen ist für sie der Inbegriff der Freiheit (und eines gelungenen Tages). Die Sozialisation durch amerikanische Gewaltkultur ging bei Jack bestens auf – den Bruder ließ sie als Versager zurück. Es ist eine amerikanische Form von Freiheit und Glück, denen die Carter-Jungs nachhingen. Das Glück des Brutaleren oder Cleveren. Was Lewis Roman ebenfalls bemerkenswert macht, ist die Darstellung des Einbruchs amerikanischer Verhältnisse in England (und Europa). Nicht nur Jugend und Subkulturen sind amerikanisiert, auch das organisierte Verbrechen ist es jetzt: Die Grenzen zwischen Kriminalität und legalen Geschäften sind verwischt. Legale und illegale Wirtschaft verschmelzen – ganz amerikanisch – in den Händen derselben Bosse, die die Stadt kontrollieren. Nicht umsonst erinnerte Jack die Stadt in seiner Jugend an eine amerikanische Boomtown. Fair play existiert in seiner Welt nicht. Im Umgang mit Frauen ist er genauso brutal wie bei Männern. Es macht ihm nichts aus, Frauen zu schlagen. Aber dahinter steckt nie sadistisches Vergnügen. Seine zielgerichtete Gewalt ist Mittel zum Zweck. Genauso wenig belastet es ihn, wenn ein tumber Verbündeter (Keith) seinetwegen in Not gerät (oder die Geliebte verstümmelt wird und damit keinen sexuellen Wert mehr für ihn hat).
http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 2/ by Martin Compart

Edward Lewis wurde am 15. Januar 1940 in Manchester geboren. Er wuchs als Einzelkind auf und sah seinen Vater zum ersten Mal mit sechs Jahren, als dieser aus dem Krieg heimkehrte. Nach der Rückkehr des Vaters zog die Familie nach Barton-On-Humber. Ted war ein ruhiges Kind, hatte aber ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. Er suchte ihre Anerkennung, schien aber keine zu bekommen. Jo White, Teds Exfrau, beklagte diesen Komplex noch nach Teds Tod. Wie gering Teds Fähigkeiten von seinen Eltern geschätzt wurden (und auch nie gefördert), illustriert eine Anekdote, die sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere zutrug: Bei der Premiere von GET CARTER fragte der Vater allen Ernstes Teds Agenten: „Wann fängt Ted an etwas Vernünftiges zu arbeiten?“ Die Anerkennung, die ihm im Elternhaus versagt blieb, suchte der unglückliche Junge anderswo.
Teds Englischlehrer war der Schriftsteller Henry Treece, der die Talente erkannte und ihn ermutigte. So schrieb Ted erste Arbeiten für die Schülerzeitung. Aber auch Treece konnte die Zurückweisung durch die Eltern nicht kompensieren. Aber vielleicht das Leben auf der Strasse, in der Gemeinschaft jugendlicher Rabauken und in den schummerigen Pubs. Bereits mit vierzehn Jahren begann Ted zu trinken. Seine Exfrau interpretierte das als Rebellion gegen seinen Vater. Ted entwickelte seine Hyde-Seite, da man seine Dr.Jekyll-Begabung nur unzureichend würdigte.
Als Ted seinen Eltern offenbarte, er wolle auf die Kunsthochschule von Hull gehen, waren die natürlich sofort dagegen. Künstlerische Aktivitäten galten nichts im Hause Lewis. Brotlose Kunst für reiche Müßiggänger. Mühsam intervenierte Treece mit der ganzen Autorität als Lehrer und anerkannter Schriftsteller und setzte schließlich Teds Ambitionen bei den Eltern durch. Ted war Treece Zeit seines Lebens dankbar, blieb mit ihm befreundet und kümmerte sich nach dem Tod des väterlichen Freundes um dessen Witwe und Kinder.
Vier Jahre besuchte er die Kunsthochschule und ließ sich zu einem professionellen Illustrator und Zeichner ausbilden. Es scheint eine glückliche und wilde Zeit gewesen zu sein. Gemeinsam mit seinen Kumpels Brian Case (später Autor des Noir-Thrillers THE USERS) und Neville Smith (Autor von GUMSHOE) zog er durch die Pubs der Stadt, immer auf der Jagd nach Mädchen. Er spielte in einer Band Klavier (in der Helen Shapiros Bruder das Schlagzeug bearbeitete).
Neben Malerei und Musik faszinierte ihn das Schreiben immer mehr. 1965 erschien sein erstes Buch: ALL THE WAY HOME AND ALL THE NIGHT THROUGH. Eine stark persönlich geprägte Geschichte über eine Romanze an einer Kunsthochschule. Sein Lektor beim Verlag Hutchinson, Giles Gordon, erinnerte sich: „Ted war einer der unmöglichsten und arrogantesten Menschen, die mir je begegnet sind. Er war vollkommen davon überzeugt, er sei der beste Schriftsteller, der je auf Erden gewandelt ist.“
Vom Schreiben konnte er natürlich nicht leben. In dieser Zeit illustrierte er Kinderbücher, Pierre Boules Roman DIE BRÜCKE AM RIVER KWAI und arbeitete für eine Werbeagentur.
1966 heiratete er Jo Whittle. Und er konzentrierte sich als freiberuflicher Illustrator auf Zeichentrickfilme (u.a. malte er die Hintergründe für eine LONE RANGER-Fernsehserie). Er verdiente gut und kaufte ein Haus in Wicken Bonhunt in Essex. Ted wollte jetzt hauptsächlich schreiben, und Jo unterstützte ihn darin, indem sie als Sekretärin arbeitete. Wenn das Geld knapp wurde, nahm er einen Job beim Zeichentrickfilm an. So arbeitete er 1968 auch an YELLOW SUBMARINE mit.
Der Großmeister des Brit-Noir, Derek Raymond, erinnerte sich an Lewis: „Ich kannte Ted Lewis – nein, eigentlich saß ich nur neben ihm. Niemand, den ich kannte, kannte jemals Ted Lewis – es war unmöglich, ihn kennenzulernen, nicht mal oberflächlich. Ich traf ihn, weil mein erster Roman in derselben New Authors-Reihe bei Hutchinson erschien wie Teds erstes Buch. Und so war Lewis regelmäßig im selben Pub unter Hutchinsons Büro, im HORSE AND GROOM in der Great Portland Street, wie wir anderen (inklusive unseres Herausgebers Graham Nicol). Und aus denselben Gründen – nicht nur wegen der Biere, sondern um ein paar Pfund Vorschuss locker zu machen (keiner von uns hatte es leicht, und ich hatte dazu noch eine kostspielige Freundin). Aber Lewis saß ausnahmslos allein am anderen Ende der Bar, und ich sah ihn nie mit einem Mädchen. Gewöhnlich saß er nach vorn gebeugt, mit einer Haltung, die an ein Gebet erinnerte, den Kopf auf seine Arme gestützt. Keiner von uns konnte ihn kennenlernen, denn er war immer völlig betrunken. Er war blond, sah gut aus, hatte ein Gesicht, das ich mochte – und ich hätte nichts gegen eine längere Unterhaltung einzuwenden gehabt, besonders nicht, nachdem ich JACK’S RETURN HOME gelesen hatte. Sie kam nie zustande. Man konnte etwas zu ihm sagen, aber er antwortete nicht, und wenn man ihn ansah, hatte man den Eindruck, als offenbare sich einem der geheimnisvolle Anblick eines farbigen Glasfensters. Das war in den Sechzigern, vermute ich. Dann ging ich nach Spanien und Tanger und sah ihn nie wieder. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, ihm meinen Respekt für seinen Mut zu zollen, der es ihm ermöglicht hat, so zu schreiben, wie er es tat, solange er es tat, den Horror draußen mit Begriffen seines eigenen inneren Horrors zu beschreiben, wenn nötig mit der Hilfe von Alkohol oder irgendeiner anderen Waffe, die es ihm ermöglichte, seine Sache durchzuziehen… Er ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich das Schreiben sein kann, wenn man es ernsthaft betreibt, und Ted Lewis‘ Werke beweisen, dass er nie vor irgendwas davongerannt ist.“
Ted war ein großer Fan von Raymond Chandler und der amerikanischen Hard-boiled-School. Weiterhin zählten Ed McBain, John O’Hara, Saul Bellow, James Thurber, Isaac Asimov, Graham Greene, Patrick Campbell und – natürlich! – Henry Treece zu seinen Lieblingsautoren. Aber es waren vor allem Chandler und die amerikanischen Tough-Guy-Autoren, die ihn inspirierten. Er fand nichts vergleichbar überzeugendes unter den britischen Autoren, obwohl es einige gab. Wenn auch nicht auf dem Level seiner Vorbilder. James Hadley Chase, die bereits erwähnten Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth und andere hatten bereits finstere London-Novels vorgelegt und unbemerkt die eine und andere Gemme des britischen Noir-Romans geschrieben. Außerdem war der weltweite Erfolg dieser Literatur ein weiterer Grund für Ted, sich dem Genre zuzuwenden.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 1/ by Martin Compart

Ted Lewis und sein Antiheld Jack Carter begleiten mich seit Jahrzehnten. Zuerst begegnete ich ihnen Anfang der 70er Jahre in einem Kino in England. Ich war völlig fertig nach dem Film. Mitte der 80er Jahre veröffentlichte ich die Carter-Trilogie in der Schwarzen Serie von Bastei. 2003 gab ich JACKS RETURN HOME nochmal als prachtvolles Hardcover mit Bildmaterial und Nachworten (u.a. eines von the one and only Hans Gerhold) heraus. Und vor einigen Jahren bearbeitete ich JACK RECHNET AB zum Hörspiel für den WDR. Dabei war das Runterkürzen auf 50 Minuten nicht sehr befriedigend; m.E. hätte man besser einen Zweiteiler daraus gemacht. Schon die Adaptionen von Horace McCoy, Manchette oder Jim Thompson haben ja bewiesen, wie nichtssagend diese Romane als kurze Hörspiele wirken.

Es gibt wohl kein solitäres Buch und keinen einzelnen Film, der so einen starken Einfluss auf das britische Noir-Genre hatte wie JACK’S RETURN HOME und seine Verfilmung GET CARTER. Für Jahrzehnte vergessen, wurde der Film in den 90ern (auch dank der Begeisterung von Blurs Damon Albarn) wiederentdeckt und taucht nun regelmäßig in Listen über die wichtigsten britischen Filme unter den Top 3 auf. In der britischen Filmkritik gilt der Film als „Weckruf der 70er Jahre“. „Die Permissivität der Swinging Sixties mutiert in Pornographie und Gewalt“, wie es Robert Murphy ausdrückt. GET CARTER ist absolut „in“: In Alex Cox’s MOVIEDROME wurde die ungekürzte Fassung gezeigt, in LOADED lief vor ein paar Jahren eine Comic-Strip-Version, in CRIME TIME und UNCUT waren Carter & Ted Lewis Titelthema und in MEN ONLY bekam die Videoveröffentlichung fünf Hämmer für Härte. Unglücklicher Abschluss der Carter-Hysterie war dann das Stallone-Remake. Lewis‘ Roman ist gerade in Frankreich wiederveröffentlicht worden und in England ist inzwischen fast jedes Buch von ihm wieder lieferbar. JACK RECHNET AB ist der Schlüsselroman der britischen Noir-Literatur, die im Vergleich zur amerikanischen keine ähnliche Stringenz aufweist. Die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition brachte zwar einige Meisterwerke hervor, hatte aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, W.R.Burnett, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Horace McCoy. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Szene unterschlagen (weil nicht erkannt?) und höchstens einzelne Autoren isoliert betrachtet. Lewis kommt in dem Buch gar nicht vor. Folgerichtig orientierte sich Lewis (ähnlich wie die Noir-Autoren der neuen Generation) an amerikanischen Vorbildern und nicht an englischen Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth oder Douglas Warner Die schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole seit den 40er Jahren, waren aber keineswegs stilbildend. Es ist geradezu ruchlos, wie Regisseur Mike Hodges die Vorlage seines nicht minder stilbildenden Films runterputzte und darauf beharrt, wie grandios er doch die Vorlage bearbeitet habe (indem er zum Beispiel bei einer Kneipenbestellung Carters höhnisches „bitte“ weggelassen hat), um sie noch härter zu machen. Er hatte, was dem Film gut tat, auch eine ziemliche Distanz zur Hauptperson: „Jack Carter war so ein Haufen Scheiße, ich hätte nie gedacht, dass ein Star seine Reputation riskiert, um diese Rolle zu spielen.“ Der Regisseur, der zuvor zwei Fernsehfilme gemacht hatte und Dokumentationen für WORLD IN ACTION drehte, landete mit der 750 000 Pfund teuren Produktion den großen Wurf. Aber sind wir ehrlich: Ohne den grandiosen Film wäre der Roman nur ein Tip unter Eingeweihten, Mundpropaganda unter den härtesten der harten Noir-Afficionados. Und Ted Lewis wäre längst in Vergessenheit versunken, seine Bücher hochdotierte Jagdtrophäen in den schmuddligsten Antiquariaten des Eastends. Wer war dieser Mann, der fast im Alleingang den britischen Noir-Romanen eine Tradition und eine Identität gab?