Martin Compart


REZENSIONEN ZU „DIE GROSSE UHR“ by Martin Compart
16. Januar 2023, 5:59 pm
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https://www.radioeins.de/programm/sendungen/modo1619/schoener_lesen/-die-grosse-uhr–von-kenne

Kenneth Fearing



„DIE GROSSE UHR“ von Kenneth Fearing – AUS DEM NACHWORT by Martin Compart

DIE GROSSE UHR war Kenneth Fearings vierter Roman und mit Abstand sein erfolgreichster – künstlerisch wie kommerziell. Er schuf damit einen Klassiker, der seit der Erstveröffentlichung von 1946 fast durchgehend lieferbar war und ist. Und das nicht nur im englischsprachigen Raum; auch im romanischen.

THE BIG CLOCK hat eine mörderische Prämisse:
Ein Unschuldiger muss sich selbst als Mörder jagen.


Kenneth Fearing

Die große Uhr

Ein Klassiker des Noir-Thrillers
Deutsch von Jakob Vandenberg

Mit einem Nachwort herausgegeben von Martin Compart

Deutsche Erstausgabe

Elsinor Verlag, Coesfeld 2022 (200 Seiten, Klappenbroschur, 14 x 22 cm, ISBN 978-3-942788-71-7; 20,00 Euro [D])

Der Protagonist, der gegen sich selbst ermitteln soll, ist einer der ganz großen Plots der Kriminalliteratur. Vergleichbar nur mit den besten von Agatha Christie (MURDER OF ROGER ACKROYD, MURDER AT THE ORIENT EXPRESS), Nicholas Blake (THE BEAST MUST DIE) oder Anthony Berkeley Cox (BEFORE THE FACTS, TRIAL AND ERROR). Im Unterschied zu den genialen Plots der genannten britischen Großmeister des „Golden Age“ ist Fearings Werk ein Noir-Roman, in dem der Plot in düsterer Zivilisationskritik eingebettet ist.
Und da diese Literatur eine Welt ohne moralisches Zentrum portraitiert, stellt es eine der klassische Noir-Frage: Wer wird mit was davonkommen?

Der Schriftsteller Michael Gilbert nahm THE BIG CLOCK in seine Liste der zehn besten Kriminalromane aller Zeiten auf. Der Roman erscheint fast auf jeder der Listen mit den besten Kriminalromanen/Thriller, die je geschrieben wurden. Die meisten Theoretiker des Genres priesen das Werk, und sogar Großmeister Raymond Chandler, bekannt und berüchtigt für seine oft bösartige Kritik, nannte es eine tour-de-force.

Ins Französische wurde das Buch bereits 1947 von Boris Vian übersetzt.

Nie wieder sollte Fearing ein ähnlicher wirtschaftlicher Erfolg gelingen. Zwar gingen im Laufe der 1950er auch weiterhin Einnahmen aus Lizenzgeschäften bei ihm ein, aber die Beträge etwa aus Auslandsgeschäften waren vergleichsweise gering.

Der Roman wurde weltweit zum Klassiker und zweimal verfilmt. Im Oktober 1973 gab es eine neue Adaption für den Hörfunk: Rod Serling (unvergessenes Mastermind der TWILIGHT ZONE) stellte sie unter dem Titel DESPERATE WITNESS in der Reihe THE ZERO HOUR vor 1). 1976 legten die renommierten Kritiker Jacques Barzun and Wendell Hertig Taylor den Roman mit einem ausführlichen Nachwort neu auf in ihrer Hardcover- Reihe „Fifty Classics of Crime Fiction 1900–1950“ bei Garland. Robert Polto nahm den Roman 1997 in seinen klassischen Sammelband CRIME NOVELS: AMERICAN NOIR OF THE 1930s & 40s auf. 2012 dann auch in die zweibändige “Liberary of America“-Edition der Noir-Klassiker.

Fearing gelang diese seltene und beneidenswerte Leistung: ein Page-Turner, der gekonnt geplottet und so eng wie eine Uhrfeder gewickelt ist, und dessen erzählerische Zahnräder auch als existenzielle Metapher dienen.

Der einzige Noir-Autor dieser Zeit, den man mit Fearing vergleiche könnte – jedenfalls als Autor von THE BIG CLOCK – ist m.E. Cornell Woolrich (1903-68). Seine paranoiden Plots gingen häufig in eine ähnliche Richtung (scheinbar aussichtslose Situationen der isolierten Protagonisten), aber seine zahlreichen Kurzgeschichten und Romane haben nicht die subtextliche Tiefe wie Fearings Buch.

Der Roman erschien zu einem Zeitpunkt, als die USA in einen großen paranoiden Abgrund glitten: Der zweite Weltkrieg war beendet, der Kalte Krieg hatte begonnen und der McCarthyismus startete seinen zerstörerischen Siegeszug. Diese Atmosphäre der Verunsicherung fängt THE BIG CLOCK ein. Das Buch spiegelt neben der existenzialistischen Dimension den bewusster werdenden Kontrollverlust des Individuums durch wirtschaftliche Systeme – symbolisiert durch „die große Uhr“. Den Amerikanern, stellvertretend für alle kapitalistischen Volkswirtschaften, wurde zunehmend deutlich, dass die Verfügungsgewalt über ihr Leben nicht in ihrer vermeintlichen Selbstbestimmung angesiedelt ist.
Paranoia ist eine der stärksten Triebfedern der Noir-Kultur.
BIG CLOCK stützt besonders intensiv die Erkenntnisse von Gilles Deleuze und Felix Guattari: Ursachen für Paranoia sind nicht psychologische oder gar psychopathologische Fehlentwicklungen, sondern eine psychopathologische Kultur auf die sich das Individuum bezieht. 2)

In seinem Buch AMERICAN NIGHT: THE LITERARY LEFT IN THE ERA OF THE COLD WAR (dessen Cover ein Portrait von Fearing ziert), schreibt der Literaturwissenschaftler Alan M. Wald, ein Historiker der amerikanischen Linken, über den Roman: er fasse die „beängstigende und fragmentierte Hohlheit“ zusammen, die Fearing in der Nachkriegsgesellschaft der USA sah.

„Das bedrohliche Ambiente der Verwerfung, das THE BIG COCK durchdringt, wird strukturell und symbolisch als Industriekapitalismus dargestellt, eine sozioökonomische Ordnung, in der sich die Kommunikationswege, insbesondere Printprodukte und Rundfunk, zu einer Wissenschaft der geplanten Manipulation entwickeln, die darauf abzielt, die Rentabilität sicherzustellen. Gut bezahlte Betrüger werden zusammen mit den Naiven und Getäuschten als Rädchen im Apparat der modernen Institutionen des Privatunternehmens gesperrt… Das Geniale an THE BIG CLOCK ist die Vorwegnahme der vielfältigen mythologischen Dimensionen einer Konsumrepublik, die die anbrechende Ära prägen würde.“ 3)
Er nannte ihn weiterhin „einen psychosexuellen Roman Noir, der die unheimliche Wirkung der Marktsegmentierung in der Verlagsbranche betont“
.

Die im Roman geäußerte Medienkritik erscheint noch immer aktuell. Fearing orientierte sich an gewissen Zuständen der Time Incorporated, für die er zeitweilig arbeitete.

Fearing war ein modernistischer Romancier und proletarischer Lyriker. Im Modernismus stand er besonders dem Symbolismus nahe und Motive wie apokalyptische Endzeitstimmung, individuelle Wahrnehmungen, das Unterbewusste, Dekadenz, Verfall und Tod und zivilisatorischer Pessimismus finden sich auch mehr oder weniger ausgeprägt in THE BIG CLOCK.

Die innovative Struktur des Romans wird aus der Sicht von sieben verschiedenen Charakteren dargestellt. Die ersten fünf Kapitel werden von George Stroud erzählt, der für einen New Yorker Zeitschriftenverlag arbeitet. Er scheint den Umständen kaum gewachsen, bewegt sich aber intelligent durch ein Labyrinth von Möglichkeiten.

Die Erzähler sind Stroud, Janoth, Hagen, Strouds Frau, zwei Crimeways-Reporter und die exzentrische Künstlerin Louise Patterson. Fearing leistet hervorragende Arbeit, um die Stimme jedes einzelnen Erzählers einzufangen.

Trotz der unterschiedlichen Erzählperspektiven entwickelt Fearing den Plot chronologisch. Jeder Erzählerwechsel treibt die Handlung weiter voran.



AB SOFORT LIEFERBAR by Martin Compart
12. Dezember 2022, 6:30 pm
Filed under: Elsinor Verlag, KENNETH FEARING, NOIR-KLASSIKER | Schlagwörter: , , ,

P.S.:
Wegen Chaos bei den Logistikern (DHL u.a.) kann es zu Verzögerungen kommen.

Aber wie sagte schon der große Dashiell Hammett?
„Was man leicht bekommt, ist meistens nicht viel wert.“



TÖTET DIE AUSBEUTER – „CRIPPLED JACK“ WEHRT SICH by Martin Compart

In der amerikanischen Presse wird CRIPPLED JACK als „revisionistischer Western“ gefeiert.
Das stimmt insofern, dass Boston Teran in seinen zeitgeschichtlichen- und historischen Thrillern immer mit der verlogenen Geschichtsklitterung der USA aufräumt und die Wahrheiten hinter den Lügen aufdeckt. Das moralische Territorium von Amerikas verderbter Seele ist eines seiner Hauptthemen.
Nach der Lektüre wird man erbost 90% aller Hollywood-Western in die Tonne kloppen.

Dieses Buch könnte man auch als eine Art Fortsetzung seiner DEFIANT AMERICANS-SERIE lesen. Nicht nur, was das historische Umfeld betrifft, sondern auch die „coming of age“-Nebenhandlung würde dazu passen.
Aber der amerikanische Horror, den junge Menschen erleiden müssen, durchzieht Boston Terans gesamtes Werk. Seit seinem ersten Roman, GOD IS A BULLET, erzählt er von den Grauen, die eine kapitalistische Gesellschaft ihren Kindern antut.

Wie fast immer serviert Boston Teran einen Knaller als Opener um sich dann weiter zu steigern:

Am Chihuahua-Trail kriecht ein achtjähriger Junge durch die Wildnis von Texas. Er ist gefesselt, teilweise gelähmt und kann sich nur mühsam fortbewegen. Seit zwei Tagen hat er weder gegessen noch getrunken, sich nur langsam vorwärtsgeschleppt. Seine Haut wirft bereits Hitzeblasen. Jedenfalls wird er es nicht mehr lange machen. Er liegt allein da und wartete auf den Tod, in all dieser unbarmherzigen Leere mit nur einem Gedanken: Warum hasst Gott mich so sehr?

An seinem zerrissenen Hemd ist eine Seite aus der Bibel geheftet, auf der mit schöner Handschrift die Bemerkung geschrieben steht: Alles weitere ist Gottes Angelegenheit. Diese schöne Widmung stammt vom Vater des Jungen, der ihn gefesselt und zum Sterben zurückließ, als er mit Frau und Tochter weitergezogen ist. Für den verkrüppelten Sohn hätte Wasser und Nahrung nicht mehr gereicht. Ein klarer Fall für Gott.

Zum Glück für den Knaben kommt Ledru Drum des Weges, genannt „The Coffin Maker“. Er ist auf der Flucht vor einer Bande, die er als „Wolves of the empire“ bezeichnet und die Agenten der Pinkerton Detective Agency sind. „They are an army of paid trash. A posse, militia, a gang that works for the wealthy mine owner, the oil company lord, the industrial robber baron. Their job is to keep the poor and disenfranchised in place. Even though they themselves are of that class.

Das Kind erzählt Drum, dass seine Familie ihn hasste und ihn verstieß, nachdem er sich geweigert hatte, weiterhin als Krüppel betteln zu gehen, müde von den ständigen Schlägen anderer Bettellknaben. Trotz seiner Behinderungen durch eine gelähmte, knorrige rechte Hand und eine Sprachbehinderung ist der Junge intelligent und den Umständen entsprechend gebildet.

Ledru gibt dem Jungen den Namen Matthew und nimmt ihn unter seine Fittiche. Er zeigt ihm, wie man trotz verkrüppelter rechter Hand als Linkshänder überleben kann. Aber er setzt auch seine terroristischen Aktionen gegen die Eisenbahnbarone fort.

Ledru ist eine individualterroristische Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1873, die besonders den Aufbau der Union veränderte:
Sie setzte der Post-Bürgerkriegsgesellschaft der 1870er Jahre mit ihrem optimistischen Bestreben, das Land durch die Eisenbahn zu verbinden und zu einen ein abruptes Ende. Die Banken vergaben massiv Kredite, von denen sie wussten, dass sie Farmer und Kleinunternehmer ruinieren würden, Spekulanten und Aktienhändler ernteten Gewinne mit Versprechen, von denen sie wussten, dass sie sie nicht halten konnten, und es gab keine Ausstiegsstrategie. Eben eine der üblichen zyklisch auftretenden kapitalistischen Krisen zur Manifestation von Oligarchien und Knechtung der Besitzlosen.

Ich will nicht zuviel verraten: Aber es läuft auf die blutigen Konfrontationen zwischen den Räuber-Baronen und den sich formierenden Gewerkschaften hinaus; dabei setzt Teran auch der realen „Mother“ Mary Jones ein literarisches Denkmal.

Boston Teran schildert überzeugend und gleichermaßen die Erfahrungswelten von Männern und Frauen und kontrastiert die psychologischen Selbstinspektionen mit sozialen Reflexionen. Der Roman gibt einmal mehr Anlass zu den Spekulationen, ob sich hinter dem Pseudonym doch eine Frau verbirgt oder ob Boston Teran das Pseudonym mehrerer Autoren – darunter eine Frau – ist.

Die befriedigende Mischung aus historischen Fakten und revolutionären Konzepten wird unter Terans Hand lebendig. Eine Westerngeschichte, aber auch große Literatur, die alle Insignien des Westerns verwendet und die Handlung auf eine höhere Ebene hebt. Höchst attraktiv für literarische Leser, die nach etwas anderem suchen. Boston Teran hat mit CRIPPLED JACK ein weiteres wunderschön geschriebenes und brutal kompromissloses Meisterwerk vorgelegt. Trotz der zeitlichen Distanz liest sich das Buch erschreckend aktuell.

Der 15. Roman von einem den größten lebenden amerikanischen Schriftstellern.

Es gibt wenige zeitgenössische Schriftsteller, die über einen vergleichbar reichen Wortschatz verfügen. Meist drängt sich der Vergleich mit Cormac McCarthy auf (auch wegen ähnlich harter Sujets), aber Teran ist anders und mindestens genauso überzeugend.

Pflichtlektüre für den Schwarzen Block (die im Gegensatz zu dümmlichen Nazis auch „verjudete“ Fremdsprachen beherrschen. „Beherrschen“ – mehr Idiotie geht kaum.



CRIPPLED JACK IS COMING! by Martin Compart

Der 15. Roman von einem der größten lebenden US-Autoren wird am 5. September veröffentlicht!

Inzwischen bin ich verwöhnt und dankbar, denn alle ein- bis zwei Jahre kann man damit rechnen, dass er ein neues Buch vorlegt. Und jedes war bisher ein Knaller!

Mit seinen Verfilmungen hatte er bisher leider Pech: Seit Jahren sind zwei in Hollywoods Pipeline. Aber mit etwas Glück könnte Nick Cassavetes Adaption des Klassikers GOD IS A BULLET dieses Jahr noch in die Kinos kommen.

Als Europäer vergisst man manchmal, dass die härtesten Kritiker der USA Amerikaner selbst sind. Dieser Autor nutzt in seinem eindrucksvollen Werk klassische amerikanische Genre, Noir und Western, um daraus (auch) Polit-Thriller zu machen, die den amerikanischen way of life als crooked mile enttarnen.

Mehr Anti-Trumpismus als CRIPPLED JACK ist schwer vorstellbar.

Dass ich seit langem ein großer Fan von ihm bin, kann man in zahlreichen Beiträgen in diesem Blog verfolgen. Das er bisher keinen deutschen Verlag gefunden hat, sagt eine Menge über die Verlage (aber das wird sich nächstes Jahr ändern).

CRIPPLED JACK is a revisionist western set against a landmark era in American folklore.

Those were the years of poverty, homelessness and hatred between the classes.
In that time when bloodthirsty violence ruled the day a boy was bound and gagged and left to die in the desert. He was not yet nine and suffered what they called the palsy.
There was a note pinned to his chest – It’s up to God now.

But the boy did not die. Fate and history merged in his will to live. He was found by a horseman who was at war with the profiteers of the day, the Czars of business, the masters of corporate avarice. He was known as – The Coffin Maker.

He became the star on the boy’s horizon. The boy would grow to become an expert marksman known as Crippled Jack. He will come of age during the labor wars that were consuming the West. His friends will be enemies of the state. He will come to love a woman who has escaped the orphan trains and is a reporter covering the bloodshed sweeping the nation.
Together they will usher in a new America. An America that has every intention of turning the country upside down, so that it may stand right side up.

CRIPPLED JACK transforms the classic American western into a scathing and violent protest novel. A war for social justice, for equality, and for hope – a war we’re still fighting today.

Publishers Weekly raved in a starred review: „Teran’s storytelling has a mythic quality to it, and his recreation of a violent era in American history will resonate with many today. Fans of Charles Portis and Philipp Meyer will be enthralled.“
https://www.publishersweekly.com/9781567031010



IM HERBST 2022:KENNETH FEARING BEI ELSINOR by Martin Compart




J.ROBERT JANES UND DIE NAZIS IN FRANKREICH by Martin Compart
1. Oktober 2021, 6:01 pm
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Einige Krimi-Fans, die ich getroffen habe, sagten mir, sie seien wegen der Vichy-Romane von J.Robert Janes dazu übergegangen, Kriminalliteratur nur noch auf Englisch zu lesen. Denn nachdem die Dumont-Noir-Reihe nicht mehr fortgesetzt wurde, war auch die Publikation dieser Serie in Deutschland beendet. Mir ist auch aufgefallen, dass Janes Dumont-Romane in den Antiquariaten relativ teuer gehandelt werden. Nun ist Janes auch im englischsprachigen Raum kein Bestseller-Autor, aber er hat sich eine Gemeinde erschrieben, in der seine Vichy-Serie Kultstatus genießt (weshalb er sie über die geplanten 10 Bände fortgesetzt hat). Um an ihn zu erinnern und ihn zu würdigen, hier noch mal mein Nachwort zu Dumont-Noir Bd.10 SALAMANDER (mit allen zeitbedingten Überholtheiten).

IM ZWIELICHT VON VICHY

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei besonders historische Kriminalromane sich augenblicklich großer Beliebtheit erfreuen.
Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres, als dessen Höhepunkt gerne THE DAUGHTER OF TIME von Josephine Tey genannt wird.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE).
Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 4oer Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat. 1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.
Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.
Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen L.A. Quartett oder AMERICAN TABLOID.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum zu glauben, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde der Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben!

Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman (der einiges aus dem James Hadley Chase-Roman THE WARY TRANSGRESSOR „übernommen“ hatte und dies in den credits der Verfilmung auch zugeben musste) war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Trilogie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmählich missachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der einzige deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.


1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der ziemlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte.

1992 erschien dann endlich mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, musste jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, dass sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und anderes.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte.

Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflußt. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oevre gehören neben Geologie-Sachbüchern Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher plötzlich immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf ein PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“ Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, hätte ihm sicherlich zugestimmt.

„Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wußte jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in dem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er eindrücklich den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees. Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich darüber wissen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht.

Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Er macht die Vergangenheit auch emotional erfahrbar.
Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus. „Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“

Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen. „Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden lässt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Die „Globe and Mail“ verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden und seitdem sind immer wieder ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch.

1. Mayhem (1992)

2. Carousel (1992)

3. Kaleidoscope (1993)

4. Salamander (1994

5. Mannequin (1994)

6. Sandman (1994)

7. Stonekiller (1995)

8. Dollmaker (1995)

9. Gypsy (1997)

10. Madrigal (1999)

11. Beekeeper (2001)

12. Flykiller (2002)

13. Bellringer (2012)

14. Tapestry (2013)

15. Carnival (2014)




DUNKLE TAGE IM BAYOU – JAMES LEE BURKES 15. ROBICHEAUX-ROMAN by Martin Compart

To my mind, every good novel is a mystery.
To me the crime novel is actually the noir
novel of the 1930s and ‘40s. Those books—and
those films—are about the maturing of
America, class war, growth of the unions,
coming of the mob. It is all the story of America.

However, I would say that the setting of all my
stories is Golgotha. Not in a way that is morbid.
Instead, the story of Jesus is about the struggle
of the oppressed, the poor…
Everything I’ve written includes the story of
Golgotha, and also the search for the Grail.

James Lee Burke

Als eine Frau namens Trish Klein in aufgewühltem Zustand in New Iberia auftaucht, stellt Dave Robicheaux fest, dass es sich dabei um die Tochter von Dallas Klein handelt – seinem Freund aus dem Vietnamkrieg, für dessen Tod er sich bis heute schuldig fühlt. Kaum angekommen, schließt Trish zweifelhafte Deals in Casinos ab. Der Verdacht kommt auf, dass sie in Wahrheit einen viel größeren Coup plant. Kann es sein, dass Trish den Mord an ihrem Vater rächen will? Und was hat sie mit dem angeblichen Selbstmord einer jungen Studentin zu tun? Um den Fall aufzuklären, muss Robicheaux sich endlich seinen Schuldgefühlen stellen.

Dunkle Tage im Iberia Parish

Original: Pegasus Descending
Übersetzt von NORBERT JAKOBER
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
480 Seiten, Klappenbroschur, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-745-1
Auch als eBook erhältlich.

Es muss einem Respekt abverlangen, wie sich Günther Butkus mit dem Pendragon-Verlag bei James Lee Burke reinhängt.

Seit dem Start bei Ullstein hat der Autor mehrmals seine deutschen Verlage gewechselt und bei uns nie den Erfolg gehabt, den man sich erhoffte.
Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Burke verhältnismäßig dicke Bücher schreibt und somit die Kalkulation erschwert. Hinzu kommt, dass er nicht einfach zu übersetzen ist mit seiner Besessenheit von Fauna- und Landschaftsbeschreibungen. Da muss man schon gute Übersetzer verpflichten.

Das größte Manko für Burke und andere Hochkaliber des Genres ist das deutsche Krimi-Publikum. Seit Anfang des Jahrtausends (manche Kenner der Szene datieren den Dammbruch bereits auf die 1990er Jahre) ist der Niedergang des Publikumsgeschmacks unübersichtlich und scheint sich alle paar Jahre zu potenzieren. Wer Charlotte Link oder Sebastian Fitzeck in die Bestsellerliste kauft, bevorzugt leblosen Schwachsinn im restringierten Code und würde von Autoren wie Burke über die Belastungsgrenze ihres Verstandes herausgeführt.

Ich hatte mich vor einigen Jahren ein wenig satt gelesen an Burke. Hätte Chandler über zwanzig Marlowe-Romane geschrieben, wäre sicherlich derselbe Effekt eingetreten. Aber nun bekam ich doch wieder große Lust darauf, den alten Freund Robicheaux zu besuchen – und ich bereue es nicht! Viel zu oft habe ich mich in den letzten Jahren auf schlechte bis mittelmäßige Neuerscheinungen eingelassen, die dann nach 50 Seiten in die Tonne gekloppt wurden.

Burke schreibt labyrinthische Plots, vollgepackt mit ungewöhnlichen Charakteren, angesiedelt (meistens) in Louisiana. Manchmal erschreckend, wie seine Geschichten unter die Oberfläche dringen (vorwiegend duch die Charaktere) und tief sitzende Ängste aufwühlen. Wie schon bei Ross Macdonald sorgen die Geister der Vergangenheit für Gefahren der Gegenwart.

Dieser 15.Roman der Serie spielt unmittelbar vor Hurricane Katrina, den er voller Wut über das Versagen von Politik und Administration im Folgeband (STURM ÜBER NEW ORLEANS) thematisiert. In DUNKLE TAGE IM IBERIA PARISH brauen sich die Stürme über dem Atlantik zusammen und iIm Epilog bezieht sich Burke bereits auf die verheerenden Auswirkungen dieser Katastrophe, in der ein Hurrikan die Stadt New Orleans schredderte.

Der Roman beginnt mit einem hinreißenden Rückblick auf die frühen 1980er Jahre, als Robicheaux durch ein Austauschprogramm befristet für die Mordkommission des Miami Police Department arbeitet. Seine Sauferei ist mitschuld daran, dass er nicht die Tötung seines Vietnamkameraden Dallas Klein verhindert.

Ein weiterer Eintrag in Daves üppigem Schuldkonto. Robicheaux war immer ein Gefangener seiner Vergangenheit, aber wohl nie so intensiv wie in diesem Roman.

Wehmütig denkt er auch über seine Stadt, dem Big Easy, nach:

„Nicht wie es heute war, sondern von der Stadt, in der Clete und ich als junge Polizisten im Streifenwage unterwegs waren oder, mit einem Schlagstock bewaffnet, zu Fuß unsere Runde drehten. Es war eine Zeit, in der die Stadt in ihrer provinziellen Unschuld vor allem die Black Panthers fürchtete, oder langhaarige Kerle in Sandalen.

Das war bevor in den Achtzigerjahren Crack in der Stadt einschlug wie eine Wasserstoffbombe und die Regierung in Washington den Bundeszuschuss um die Hälfte kürzte.

Erstaunlicherweise herrschte bis in die 1970er eine genusselige Ruhe, die auf einem Pakt zwischen dem Teufel und der Justiz beruhte… Das French Quarter war der Goldesel der Stadt. Wer sich an einem Touristen oder einem älteren Menschen vergriff, wurde aus dem Verkehr gezogen… wer ein Kind belästigte, wurde halbtot geprügelt und an der Bezirksgrenze bei hoher Geschwindigkeit aus einem Polizeiwagen geworfen – und das auch nur, wenn er Glück hatte…

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte.“

Es ist ein Kriminalroman, der auch eine Eloge an Burkes geliebtes New Orleans und die Bayous ist; voller Melancholie und Zynismus.

Für seine „Southern Gothics“ gilt, was Leslie Fiedler über den Roman des Südens schrieb: „… dass der Roman des Südens ganz anders als der aus dem Norden das Melodramatische niemals zu umgehen versucht, sondern geradezu auf bluttriefende Handlungen versessen ist… und die sich mit Vorliebe im schwülen Klima eines `langen, heißen Sommers´ abspielen, vor der Kulisse von Fiebersümpfen…“ (Leslie Fiedler: THE RETURN OF THE VANISHING AMERICAN, 1968)

Aktuell hat Burke innerhalb der Robicheaux-Serie eine „Trilogie des Bösen“, wie er sie nennt, geschrieben:

„The last three books, including A Private Cathedral, comprise a trilogy. They tell a story that, I believe, has been in the making in the United States for a number of years.
That is the coming of a truly dark figure waiting in the wings. For many years we’ve been messing around fascism. We came close to it with Nixon, and later on we had the Bush administration, which I believe will go down as one of the worst. And then Trump…

But this is the first time that I’ve tried to write with an element of fantasy or science fiction, in terms of the time traveler.”

“I believe this is the century that will determine if we survive as a species.
That begins with global warming. Then, there is the recreation of colonialism, or what we could call, “neo-colonialism.” We are seeing the resurgence of a menace we thought we had left behind. Nationalism is growing stronger every day. There are white nationalists within the Trump administration, exerting an influence on national policy. The urgency of the threat has permeated into the writing.”

James Lee Burke ist einer der besten Gegenwartsliteraten und eine der angenehmsten und wichtigsten Stimmen der US-Literatur. Kriminalliterarisch hat er längst Klassikerstatus.

Und ich werde nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen, um den nächsten Burke-Roman zu lesen.

Vielleicht noch eine Woche…

Ein Song, der zu Robicheaux passt:



KLASSIKER DES NOIR-THRILLERS: „DIE ERSTE TODSÜNDE“ von LAWRENCE SANDERS by Martin Compart

Mitternacht in New York: In einer Straße der vornehmen Upper East Side wird ein Mann ermordet aufgefunden. Der Tote war ein einflussreicher Politiker, der lautstark für Recht und Ordnung eintrat. Aber dieses Verbrechen ist nur das erste Glied in einer Kette von Morden ohne erkennbares Motiv, die die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen.

So beginnt dieser Roman zweier Männer: Captain Edward X. Delaney, Leiter des 251. Polizeireviers in Manhattan, seit über 25 Jahren im Polizeidienst, guter Ehemann und Vater, stolz auf seine Familie, seine Stadt, sein Revier und vor allem auf seinen Beruf. Daniel Blank, mit 36 Jahren Vertriebsleiter eines großen Zeitschriften-Konzerns, stolz auf seine intellektuellen Fähigkeiten genießt die Früchte seines Erfolgs: er besitzt eine Luxuswohnung, fährt einen schnellen Wagen, hat ein sehr männliches Hobby: als Bergsteiger unternimmt er gern gewagte Kletterpartien.

Aber es gibt Risse im Leben beider Männer: Delaneys Frau wird von einer geheimnisvollen Krankheit befallen. Auch beruflich: Politiker der Stadt mischen sich in seine Arbeit ein, undurchsichtige Machtkämpfe schaffen bald eine Atmosphäre des Misstrauens und bedrohen das festgefügte Weltbild des Captains. Für Daniel Blank endet eine nach außen glückliche Ehe mit der Scheidung von seiner Frau Gilda. Dann tritt die exotische, reizvolle Celia Montfort in sein Leben. Ihre bloße Gegenwart entfesselt dunkle, abseitige Triebe in Daniel, die ihn selbst erschrecken.
Inzwischen häufen sich die Morde, es gibt kein Motiv, keine Erklärung für sie – die Polizei kann nicht einmal die Tatwaffe feststellen. Hier beginnt der einsame Kampf Captain Delaneys, der sich geschworen hat, den Mörder zu überführen und die Gesellschaft gegen die Macht des Bösen zu schützen.

Der Leser wird mit Männern und Frauen diesseits und jenseits des Gesetzes konfrontiert, mit Opfern des Zufalls und der Umstände. Er wird hineingerissen in einen Strudel von Ehrgeiz, Hochmut und Stolz, Sex, Liebe und Leidenschaft.

Im Wesentlichen aber handelt diese Geschichte von Verbrechen und Bestrafung, von dem Kampf zwischen Polizisten und Mördern, zwischen Jäger und Gejagten, von dunklen Besessenheiten und vor allem von der ersten Todsünde, dem Hochmut, der beide einander immer ähnlicher werden lässt, der ihre Identitäten zu zerstören droht, ein psychologisches Duell, das an die Moral der Gesellschaft rührt. Noch kein Roman hat den gigantischen Polizeiapparat einer Metropole, das raffinierte Räderwerk kriminalistischer Ermittlungen, aber auch die menschlichen Unzulänglichkeiten und Rivalitäten der Beamten so überzeugend und detailliert dargestellt. Atemberaubende Wirklichkeit. Schuld und Sühne in New York.
(KLAPPENTEXT)

Von den 1970er – bis in die 1990er Jahre war Lawrence Sanders (1920-98) in den USA ähnlich populär wie Stephen King. Und er hatte einen ähnlich hohen Ausstoß dank – wie man heute weiß – der Beschäftigung von Ghostwritern oder Co-Autoren. Sanders war ein sehr ungleichmäßiger Schriftsteller, der neben faszinierenden und fesselnden Romanen auch banalen Trash produzierte. Die meist gleichmäßige Qualität bei hohem Ausstoß, wie man sie von King kennt, gelang ihm nicht.

1985, auf dem ersten Höhepunkt seiner Popularität, waren von seinen 20 Büchern 25 Millionen Taschenbücher und 1.5 Millionen Hardcover in 15 Sprachen verkauft worden.
In seinem Todesjahr hatten seine 23 Bücher, die in 30 Ländern veröffentlicht worden waren, allein in den USA fast 60 Millionen Exemplare verkauft.

Sanders, der zuvor im Vertrieb der Verlagsbranche und als Lektor tätig war, begann erst relativ spät zu schreiben: Er war 50 Jahre alt, als er seinen ersten Roman veröffentlichte (den aus fiktiven Dokumenten und Abhörprotokollen konzipierten THE ANDERSON TAPES). Für ihn bekam er den damals bei Debütanten üblichen Vorschuss von $ 3.000, aber sein Agent verkaufte anschließend die Filmrechte für $ 100.000 und die Taschenbuchrechte für $ 210.000.

Er verdiente in drei Jahrzehnten Millionen Dollar, hätte sich zurücklehnen können und darauf warten, wie die Tantiemen aufs Konto rollten. Stattdessen arbeitete er täglich bis zu seinem Tod:

„I don’t have hobbies. I have no desire to travel. I start writing every night a 17 and finish at 21:30 p.m. Sound boring? Writing is the most important thing in my life—above marriage. You can live a million lives. All your fantasies come true. It’s all from imagination and newspaper clips.”
Er schrieb handschriftlich auf Schreibblöcken fünf Seiten pro Sitzung, sieben Tage die Woche.

Lawrence Sanders war der erste Autor, der eine bis heute gültige Formel für den Serienkiller-Thriller fand.

In seinem Bestseller THE FIRST DEADLY SIN nahm er weitgehend voraus, was dann Thomas Harris in seinen Lecter-Romanen perfektionierte: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jäger und Gejagten, erzählt in wechselnden Perspektiven. Diese Perspektivwechsel zwischen Prota- und Antagonisten bewährten sich, da sie mehr Dynamik in den Handlungsablauf bringen.

Sanders Detektiv versucht sich naiv behavioristisch in den Mörder zu versetzen. Er verfügt noch nicht – wie Harris´ FBI-Profiler – über die Erkenntnisse der Behavioral Science Unit. Das macht die retrospektive Lektüre sowohl interessant wie auch antiquiert. Ein wenig so, als würde man die langen Landschaftsbeschreibungen bei Walter Scott lesen.

Er brachte den Polizeiroman wie auch den Serienkillerroman als erster auf die Bestsellerlisten. Zuvor waren die „police proceduralsˮ zumeist kurze Taschenbuchoriginalausgaben gewesen. Sanders schrieb Hardcover, die zwischen 400 und 600 Seiten lang sind. Genug Platz für Charakterisierungen, die man so zuvor noch nicht gelesen hatte.

THE FIRST DEADLY SIN, und die drei weiteren Captain Edward X. Delaney-Romane beschrieb ein Kritiker als „psychosexual thriller”, der den Standard für die weiteren Entwicklungen des Subgenre setzten.

Sensibel wird der Leser gleich zu Beginn des Romans in die Geschichte und Persönlichkeit des Killers Daniel Blank eingeführt. Er ist wahrlich böse, aber im Gegensatz zu späteren Serienkillern kein Sadist und an jeder Form von perverser Erotik interessiert. Seit jungen Jahren ist er fasziniert von der Entgrenzung des Bösen.

Nicht weniger sensibel wird auch sein Gegenspieler dem Leser nahegebracht: Edward X.Delaney hatte zuvor sein Debüt in dem experimentellen Erstling von Sanders, THE ANDERSON TAPES, der mit dem Edgar ausgezeichnet und mit Sean Connery verfilmt wurde. Delaney ist ein alter Hase, knallharter Ermittler, aber auch um seine kranke Frau rührend besorgt. Er respektiert Frauen und ist ein ungewöhnliches Beispiel aus einer Zeit, in der ein Ermittler meistens ein männlicher Chauvinist ist.

„I don’t like him,“ sagte Sanders. „I think he’s an old expletive . An opinionated, pontifical SOB. But the readers love him, mostly the women. I don’t understand it. The guy took on a life of his own.“

Liest man das Buch heute, hat es bei allen zeitlosen Qualitäten auch etwas von einer Zeitreise. Wie eingefroren liegt das damalige New York vor einem; es hat so gut wie nichts mit der heutigen Stadt zu tun. New York war ein gefährliches Pflaster in den frühen 1970er Jahren, mit täglich mindestens fünf Mordfällen allein in Manhattan. Brave Bürger blieben abends daheim und mieden sinistere Orte wie etwa den damaligen Times Square.
Von 1963 bis 1972 war die Zahl der Morde in New York von 550 auf 1691 gestiegen. New York war in den 1970er Jahren ein Ort der Stadtflüchtlinge, für die selbst die Lichtquellen die Farbe der Finsternis angenommen hatte. Das vermitteln Sanders Romane ziemlich eindrucksvoll. New York ist als Hintergrundrauschen in den SIN-Romanen allgegenwärtig.

Heute ist vielen Lesern der Roman viel zu lang. Der Plot hebt erst ab Seite 200 richtig ab. Zuvor nutzt er den Raum, um seine Charaktere sorgfältig zu entwickeln. Das verlangt eine Geduld, die der heutige Leser kaum noch aufbringt (die aktuellen „dicken Schinken“ unter den Thrillern zeichnen sich meistens durch nervtötende Redundanz aus, nicht durch Stil oder sorgfältige Charakterisierung).

Sanders galt als heiß (und ab 1973 war er Stammgast auf den Bestsellerlisten) und verkaufte umgehend die Filmrechte von SIN an Columbia.

Es dauerte sieben Jahre, bis die Adaption in die Kinos kam. Ursprünglich war Roman Polanski als Regisseur vorgesehen. Nachdem er aber nach Frankreich geflogen war, um der Strafverfolgung wegen seiner Vergewaltigungsanklage zu entgehen, übernahm Brian G.Hutton. Frank Sinatra spielte überzeugend den Detektiv und Bruce Willis gab als „Man entering Diner“ sein Leinwanddebut.

Das Ende des Romans wurde für den Film drastisch geändert. Faye Dunaway, die Delaneys kranke Frau spielte, wurde als schlechteste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Sicherlich kein großer Film, aber man kann ihn sich immer noch ansehen.

Sanders Roman ist zusammen mit KILL von Shane Stevens der wichtigste Vorläufer für den Serial Killer-Boom seit den späten 1980er Jahren. Inzwischen scheint das Subgenre als Teil der Sublimierungskultur totgetrampelt. Trauriger Endhöhepunkt sind Romane wie die von Ethan Cross um eine „Familie der Serienkiller“ (nein, es handelt sich dabei nicht um surrealistische Werke). Mit dem Roman THE THIRD DEADLY SIN führte Sanders 1981 den wahrscheinlich ersten weiblichen Serienkiller im Subgenre ein.
DIE ERSTE TODSÜNDE führt ebenfalls die Darstellung des Serienkillers als Pathographie ein.

“The vision of life that Lawrence Sanders communicates has been called depressing. The sweaty sex, the deadpan descriptions of sadistic killings, the downbeat endings – Delaney has an unattractive tendency to toy with his villains until they destroy themselves – leave some readers slightly queasy. Sanders says that’s just the way things are.“ (THE WASHINGTON POST)

Edward X. Delaney–Serie

1970 The Anderson Tapes (dt. 23 Uhr, York Avenue. Molden, Wien 1971)
1973 The First Deadly Sin (dt. Die erste Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1975)
1977 The Second Deadly Sin (dt. Die zweite Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1980)
1981 The Third Deadly Sin (dt. Die dritte Todsünde. Blanvalet, München 1987)
1985 The Fourth Deadly Sin (dt. Die vierte Todsünde. Blanvalet, München 1986)

„Ich hab den Sinnattra immer gern gehört. Besonders das Lied über die sieben Fässer Wein. Oder waren es acht? Musse mal hören, wenze Kanzler bist. Da isss Kraft drinn.“




Soeben Erschienen: JOHN MAIRs KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS by Martin Compart

Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:

„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“

„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“

„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“

„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“

„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“

„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibes­ertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“

Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.

ELSINOR VERLAG: https://www.elsinor.de/elsinor/

INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/

JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/

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