Martin Compart


AM TOD KANN MAN SICH NICHT RÄCHEN: „DER KÖNIGSWEG“ VON ANDRÉ MALRAUX by Martin Compart

„Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?“

An Bord eines Schiffes von Marseille nach Indochina freunden sich die Protagonisten dieses frühen existenzialistischen Abenteuerromans an: der junge Franzose Claude Vannec und der ältere Asien-Abenteurer Perken, ein deutschstämmiger Däne.

Vannec will über den Königsweg zu den Khmer-Tempelstädten, um dort Basreliefs zu plündern. Aber ihn „bannte auch diese unerbittliche Drohung des Verlassenseins tief im Urwald“. Das Abenteuer ruft
Perken will den vermissten Abenteurer Grabot finden, der sich selbst ein Reich unter den Bergvölkern geschaffen hat und um den sich Legenden ranken. Inspiriert von dem französischen Abenteurer de Mayrena, der sich zum König der Sedang aufschwang.

Perken ist ein interessanter Bursche – ein Desperado mit einem Gesicht wie eine „brutale Usurpatorenmaske“. Auch er hatte sich einst eine Art Reich geschaffen, Und Vannec berbindet mit ihm, „dass dieser Mann mit den ergrauenden Haaren viele Dinge liebte, die Claude gleichfalls wert waren“.
Nachdem die französische Kolonialbürokratie überwunden ist, geht es hinein in den furchtbaren und geheimnisvollen Dschungel. „Vor ihm lag die düstere Masse des Waldes wie ein Feind mit geballter Faust.“

Unter Schwierigkeiten dringen sie auf dem Königsweg, die Straße, die in alten Zeiten Angkor und die Seen des Menambeckens verband, zu den Tempeln vor und können erfolgreich sieben Reliefs von den Heiligtümern rauben.

Der erste Teil basiert auf den eigenen Erfahrungen von Malraux. Der zweite bis vierte Teil auf Reiseberichten und Abenteurerzeugnissen, denn das Hochland von Amman hat Malraux wohl nicht besucht.

Um den Kolonialbehörden auszuweichen, nehmen sie den Weg nach Siam durch das zentrale Hochland der Montagnards, wo Perken Grabot vermutet.
„Dieses halbwilde Gebiet war ebenso verdächtig, ebenso drohend wie der Urwald… einzig die Welt der Wilden mit ihrem Fleischgeruch… Wenige Meter von ihnen entfernt, auf dem lehmigen Abhang, standen, einer oberhalb der anderen, drei Mois und betrachteten sie mit einer Regungslosigkeit, die, gleichsam außermenschlich, nicht aus ihnen selbst gekommen, sondern ein Ausdruck der schweigenden Natur zu sein schien.“ Mois bedeutet im Vietnamesischen „Die Wilden“.

Sie kommen in ein Dorf und finden den geblendeten Grabot, der als Sklave gehalten wird. „Auch dieser Mann war, wie die alten Tempel in Fäulnis geraten unter dem Fluch Asiens.“ Der Abenteurer entartete zum Sklaven eines verabscheuungswürdigen Wilden.

Es kommt zum Konflikt, und Vannec und Perkens werden eingekesselt; wie später die französische Armee in Dien Bien Phu. Umgeben von „diesem Konzil des Wahnsinns“. In ihm „hing alles Leben dieses von der Welt geschiedenen Ortes am schweigenden Schatten des Häuptlings“.

Bei einem Fluchtversuch tritt Perken in Chamrongs (vergiftete Bambusspitzen, die später den US-GIs viel Freude machten) und infiziert sich. Sietrekken auf ihrem Ochsenwagen weiter Richtung Laos, „Perkens Region“. Verfolgt von Stiengs (Mois), die ebenfalls verfolgt werden von einer siamesischen Strafexpedition, die den Bau einer Eisenbahn sichert.

Die eiternde Entzündung besiegelt Perkens Schicksal unter Qualen.

PESSIMISTISCHER HEROISMUS

Perken und Vannec sind Nonkonformisten. Sie verbindet die Verachtung für die bürgerliche Gesellschaft, die auf Sicherheit bedacht ist. Für sie gilt Risiko als Lebensprinzip. Existenzialistisch sehen sie den Tod als absurd an. Sie lehnen ihn ab, wissen, dass sie ihm nicht entkommen können. Ein zentrales Thema im gesamten Schaffen des Autors, für den der Tod immer ein Ärgernis ersten Ranges war (dem nur die Kunst einen Ausweg aus dem Dilemma der Absurdität der Sterblichkeit eröffnete). „Der eigentliche Tod ist der Verfall… Das Altern ist viel schlimmer… die Hundehütte, die man auf seinem ehemaligen Leben errichtet hat… Womit verbringt denn ein Leben seine Zeit? Mit dem Töten von Möglichkeiten.“


Die anderen Weißen, etwa an Bord des Schiffes werden verächtlich beschrieben: Kleine Bourgeois und dumpfe Kolonialbeamte, die grob, schwer und bodenständig ihren materiellen Vorteil suchen. Sie sind das Gegenteil der nonkonformistischen Helden. Sie repräsentieren die Kategorie der Touristen und insbesondere der Kolonialisten, Profiteure und Zerstörer. Der Charakter des „Armeniers“ repräsentiert die Kolonialzeit schlechthin. Er wird als „der dicke Mann“ beschrieben, der dem abwertenden Bild entspricht. Diese abwertenden Beschreibungen von französischen Kolonialbeamten und ihrer Handlanger findet man häufig in der französischen Literatur zwischen den Weltkriegen. Man trifft sie bei Gide oder Céline genauso wie schon in den frühen TINTIN-Comics von Hergé.

Malraux´ Abenteurer wissen, dass der Tod unvermeidlich ist und reflektieren in pessimistischen Heroismus häufig über seine „Natur“. Die Risiken, die sie eingehen, mögen dem Leben Sinn geben, aber am Ende des Lebens lauert der Tod. Nihilistische Romantiker. Rebellen gegen das Universum, die, wie ihr Autor, nur Tat und Kunstwerk als Sieg in der ansonsten sinnlosen Existenz gelten lassen.
Aber Tat und Risiko müssen intellektuell begründet sein – wie ein Kunstwerk. Ohne vorausgehende Reflexion sind sie ausdruckslos.

Abgeleitet von Nietzsche, der mit der Proklamation vom Tode Gottes der westlichen Zivilisation ihre Bedeutung nahm, haben Vannec und Perken den Westen verlassen, um ihn in sich auszulöschen. Jeder muss für sich selbst einen Weg finden, da es keine „allgemein gültigen“ Gottesgesetze mehr gibt. Die Regeln des bürgerlichen Staates, deren Widerwärtigkeit sich besonders in der Kolonialpolitik ausdrückt, gelten für Nonkonformisten erst recht nicht. Der bürgerlichen Gesellschaft sind sie zwar entkommen, aber ihrem Schicksal bleiben sie unterworfen.

Die Freuden, die man in der Existenz leben kann, können nur vom Tod beendet -nicht vom Staat ideologisch reglementiert werden. Der Tod ist die schlimmste Erniedrigung, denn an ihm kann man sich nicht rächen. Tragik entsteht nicht aus menschlichem Handeln, die menschliche Natur in ihrer Sterblichkeit ist die Tragödie.

Das Ende lässt Vannec und den Leser gleichermaßen verstört zurück.

Alles endet im Verlust.

Ein wahrer Noir-Roman als Abenteuergeschichte.

MALRAUX UND INDOCHINA

1923 auf Schatzsuche in die Dschungel von Südostasien zu gehen, war eine sportliche Art zu beweisen, dass man zur jungen Generation der wilden Zwanziger gehörte. Malraux war gerade Anfang zwanzig und hatte sich bereits in den Pariser Salons und bei den Bohemiens eine gewisse Reputation erblufft. Als Autodidakt gab er vor, studierter Experte für asiatische Kunst zu sein.

Malraux hatte das beträchtliche Vermögen seiner Frau durch einen Börsen-Crash verloren. Um an Geld zu kommen, beschloss er Reliefs bei Angkor Wat zu plündern und sie in London und New York zu verkaufen.

Am 23. Oktober gingen die Malrauxs in Marseille an Bord der „Angkor“, die sie nach Hanoi bringen sollte. Malraux und seine Frau Clara reisten als Touristen über das Mekong Delta nach Kambodscha und ab Mitte Dezember von Siem Reap über den Königsweg zu den Tempeln von Banteay Srei. Zusammen mit seinem Schulfreund Louis Chevasson brach er brutal mit Hammer und Meißel die Flachreliefs aus den Heiligtümern.

Beim Versuch die Basreliefs auszuführen, wurden sie verhaftet und in einem Schauprozess in Phnom Penh wurde Malraux zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt (Chevasson erhielt 18 Monate). Der Prozess rückte die Tempel von Angkor stärker in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Clara organisierte unter den Pariser Intellektuellen einen Aufschrei der Empörung, der zur Aussetzung der Haftstrafe (später zur Aufhebung) führte.

Nach seiner Rückkehr war Malraux noch radikalisierter als zuvor und kritisierte insbesondere die Kolonialpolitik in Indochina. Er begann auch an seinem ersten Asien-Roman, LES CONQUÉRANTS, zu arbeiten.

Malraux trug seinen Unabhängigkeitskrieg in die Welt hinaus.

Er reiste wieder nach Indochina und half 1925 zusammen mit dem Rechtsanwalt Paul Monin eine anti-koloniale Oganisation, „das junge Amman“, zu organisieren. In Saigon gründete er die Zeitschrift „L’Indochine Enchaînée“, die die Kolonialbehörden und ihre Vergehen anprangerte.

Als er dann 1926 nach Paris zurückkehrte, wurde sein erster Roman veröffentlicht, der radikal Stellung zur revolutionären Situation in Asien bezog. Ganz Asien war jetzt in Bewegung (auch durch die Tätigkeit der von der UdSSR gelenkten Komintern). Angst, gepaart mit Dummheit domminierte das Denken und Handeln der Imperialmächte.
Die Erfahrungen in Indochina klangen in Malraux nach.

Noch 1937, während einer Rundreise durch die USA, in der er um Unterstützung für die Spanische Republik warb, sagte er der „New York Post“ in einem Interview: „Wenn ein Land faschistisch ist, na gut; in den Kolonien muss man auf Faschismus gefasst sein. Aber Frankreich ist eine Demokratie, und als ich in die Kolonien kam, fand ich mich dem Faschismus gegenüber.“

INSPIRATION

DER KÖNIGSWEG (1930) basiert natürlich auf diesen Erfahrungen der ersten Indochina-Reise. Verschiedene Lektüren beeinflussten den Roman ebenfalls.
Aber vor allem die Figur des Marie-Charles David de Mayréna, dem König von Sedang war Inspirationsquelle. Diese abenteuerliche Figur war damals jedem Schuljungen bekannt und beeinflusste die populäre Abenteuerliteratur ebenso wie akademische Diskurse.

„Ich habe Mayrena nicht vergessen, dessen Legende, die 1920 in Indochina sehr präsent war, ist teilweise der Ursprung meines KÖNIGSWEGs“, sagte er später. Er hatte alle Bücher und Artikel über Mayrena, sowie über die indochinesischen Ethnien, gelesen, deren er habhaft werden konnte.
Sogar noch in den ANTIMEMOIREN (1967) taucht Mayrena auf – als Objekt eines Drehbuches (präsentiert vom Baron de Clappique, einer seiner Figuren aus LA CONDITION HUMAINE, 1933).

1941 begann André Malraux zwei Geschichten zu schreiben: LE RÈGNE DU MALIN über Mayrena und eine über, T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien). Die Fragmente wurden 1996 bei Pléiade veröffentlicht.

Die Intertextualität bezieht sich auf die große Tradition von Reiseliteratur und Abenteuerroman, insbesondere auf Joseph Conrads HEART OF DARKNESS.

Malrauxs Schriften über Asien reflektieren den damaligen Einfluss des „Orientalismus”, der den Fernen Osten als außergewöhnlich fremd, exotisch, dekadent, mysteriös und brutal charakterisierte.

MAYRENA war einer dieser exzentrischen Abenteurer, die Rudyard Kipling zu seiner unsterblichen Geschichte THE MAN WHO WOULD BE KING (1888) angeregt haben könnte. Getriebene, die in die Welt hinaus gingen, um eigene Königreiche zu erobern. Ihr berühmtester Vertreter war wohl James Brooke, der weiße Radschah von Sarawak, der auf Borneo eine Dynastie gründete, die bis nach dem 2.Weltkrieg herrschte.

Marie-Charles David de Mayréna (auch bekannt als Charles-Marie David de Mayréna oder Marie I, König von Sedang; 31 Januar 1842 – 11 November 1890) wurde zum selbsterklärten König von Sedang im nördlichen zentralen Hochland von Indochina, im heutigen Südvietnam.

Er kam zuerst als Pflanzer nach Vietnam. Der französische Generalgouverneur stimmte einem Vorschlag zu, eine Expedition durch die Hochebene zu führen, um Verträge mit den dortigen Stämmen abzuschließen.

Begleitet wurde Mayrena u.a. von einem zwielichtigen Abenteurer namens Mercurol, einem ehemaligen Croupier, dem Kaufmann Paoli sowie einigen Frauen, einschließlich seiner vietnamesischen Konkubine („Congai“).

Unter seinem Gewand trug er immer einen schweren Mantel, der sein Leben mehrmals rettete, vor allem, wenn er mit Pfeilen beschossen wurde. Das begründete seinen Ruf unverwundbar zu sein. Innerhalb von sechs Monaten gelang es ihm, sechs Stämme zu vereinigen, darunter die extrem gefürchteten Sedang. Nachdem er einige Prüfungen (auch der Kampf mit einem jungen Krieger gehörte dazu) bestanden hatte, wurde er von den Häuptlingen der Bahnar, Rengao und Sedang im Dorf Kon Gung am 3. Juni 1888 zum König auf Lebenszeit bestimmt.

Er wollte das Königreich von den Franzosen anerkannt bekommen und es Frankreich gegen ein Pflanzmonopol unterstellen, aber man konnte sich nicht eingen. Daraufhin wandte sich Mayrena vergeblich an Briten und Preußen. Nach seinem Werbezug durch Europa, wurde er mit einer Waffenladung bei der Rückreise nach Indochina von den Franosen vor Singapur festgenommen. Er wurde auf die malaiische Insel Tioman deportiert.

Verbannt auf diese kleine malaysische Insel, überlebte er durch das Sammeln von Schwalbennestern, die er an chinesische Händler verkaufte. Seine geistige Gesundheit verschlechterte sich mehr und mehr, und er entwickelte einen Verfolgungswahn vor den Franzosen. Als der einstige König am 11.November 1890 starb, war er von allen verlassen, außer von seinem treuen Hund. Einige behaupten, er sei von einem seiner ehemaligen Gefährten vergiftet worden, andere, er habe Selbstmord begangen oder sei an einem Schlangenbiss gestorben.

TRADITION DES ABENTEUERROMANS

DER KÖNIGSWEG ist ein Roman des Scheiterns, eine pessimistische Arbeit, die grausam „die Demütigung des Menschen inszeniert, der von seinem Schicksal gejagt wird“. Anders als in B. Travens DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (1927) werden die Protagonisten nicht aus rein ökonomischen Gründen zu ihrer Quest getrieben.

Im traditionellen Abenteuerroman des imperialistischen Zeitalters ging es häufig um das Bereisen eines zu kolonialisierenden Gebietes oder um die Befriedung einer noch nicht endgültig kolonialisierten Region. Dort lauerten – vorzugsweise im Dschungel – große Gefahren auf den Europäer, der seine überheblichen westlichen Werte im Gepäck hatte oder wie eine Monstranz vor sich hertrug. Für den Westler waren es „Reisen in die Finsternis“ – seit Joseph Conrad das Synonym für derartige Unternehmungen.

Entweder kolonialisierte der Reisende, der auch immer ein Eroberer war, für sein Land, Reich Empire oder Glauben, oder um selbst ein König zu werden – natürlich immer im Sinne heimatlicher Ideale. Seit den Pizarros und spätestens seit der ruhmreichen Geschichte des weißen Radschahs James Brooke tauchten immer wieder Abenteurer auf, die nach einem eigenen Reich strebten (das sie häufig an die Imperien ihrer Heimatländer ankoppelten). Sie suchten das Abenteuer, um der Enge der „zivilisierten Welt“ zu entkommen, pflanzten aber in die Weite der Exotik deren bürgerliche Prinzipien.

JOSEPH CONRAD
Angefangen mit Joseph Conrad verschobt sich das Bild des Reisenden im Abenteuer- oder Kolonialroman. Zwischen den Weltkriegen ändert sich (bei Traven sehr deutlich) das Gesamtbild des Imperialismus.

Die Auswirkungen werden nicht mehr ausschließlich positiv dargestellt. Jetzt sprachen Literaten, die von marxistischen Analysen und der Russischen Revolution beeindruckt waren, vom ausbeuterischen Charakter des Imperialismus. Zunehmend antibürgerliche Tendenzen wurden thematisiert. Besonders im Werk von B.Traven werden die Menschen als heimatlos geschildert – nicht nur die Indios, denen man die Heimat gestohlen hatte, auch weiße Ausbeuter, die durch falsche Versprechungen und Hypothesen in die Fremde gelockt wurden.
An Stelle der ersehnten exotischen Ferne tritt nun ihre bedrohliche Fremdheit und liederliche Ausbeutung.

Sobald DER KÖNIGSWEG veröffentlicht war, bemerkte der Literaturkritiker Emile Bouvier den Einfluss von Conrad auf den Text von Malraux.

Der Einfluss von Conrads HERZ DER FINSTERNIS ist nicht nur in der alptraumhaften Atmosphäre spürbar:

Beide beginnen auf einem Schiff.

Beide beziehen sich auf die Suche nach einem Europäer, der tief im Dschungel unter Barbaren ein eigenes Reich geschaffen hat.

„Beiden Autoren bot der Kolonialexotismus die Gelegenheit, eine westliche Seele aufzuzeigen, die von innerer Fäulnis bewohnt und verlockt wurde“ (Jean-Francois Lyotard: Gezeichnet: Malraux, Paul Zsolnay, 1999).

Aber Malraux verdreht die Figur des weißen Eroberers: Conrads Kurz wird von „seinem“ Kannibalenstamm verehrt und angebetet, Malrauxs Grabot von den Mois versklavt, geblendet und wahrscheinlich kastriert.

Zwischen 1899, dem Erscheinen von Conrads Werk, und 1930 hatte– insbesondere nach dem 1.Weltkrieg – die Glorifizierung des europäischen Imperialisten stark abgenommen. Überall waren Freiheitsbewegungen entstanden und versetzten die Kolonien in Aufruhr. Für Malraux war die Hybris des Kolonialreichs Frankreich nur noch lächerlich und unbegründet.

Malrauxs Roman DER KÖNIGSWEG muss m.E. zu den bedeutenden Abenteuerromanen des 20. Jahrhunderts gezählt werden, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzen.
Wie in jeder großen Literatur gibt es hier Sätze und Szenen, die zuvor nicht geschrieben worden waren. Das Buch quillt davon über.

Auch wenn er von den Wächtern der Literaturwissenschaften und des Feuilletons nur auf „frühexistenzialistisch“ reduziert wird (was er natürlich auch ist).

Als kolonialer Abenteuerroman erahnt das Werk das Ableben des französischen Imperiums. Mit etwas Phantasie kann man das Ende der Protagonisten gar als Vorwegnahme von Dien Bien Phu deuten. Perken unterscheidet sich von den „Helden“ des Abenteuerromans des 19.Jahrhunderts: Er „missioniert“ nicht für ein wie auch immer geartetes Ideal, er ist sich selbst seine eigene Mission.

WÜRDIGUNG
Malrauxs zweiter Asien-Roman steht in der Tradition des kolonialen Abenteuerromans. Aber es ist auch ein philosophischer Roman, der unentwegt die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. „Der Tod ist da als unwiderleglicher Beweis der Absurdität des Daseins“, stellt Perkens existenzialistisch fest.
Als das Buch 1930 veröffentlicht wurde, war es ein Flop. Der Verleger vermarktete es als simplen Abenteuerroman über Indochina und begrenzte und überforderte das anvisierte Zielpublikum. Malrauxs topographisches und wissenschaftliches Inventar wird den naiven Romanleser ebenfalls verwirrt haben.

Zwar ist das Buch auch ein großer Abenteuerroman, aber ebenso eine metaphysische Reflexion über den Menschen und sein Schicksal.

MALRAUX
Malraux war ein Mythomane und machte aus seinem Leben ein Werk. So wandelte er bloße Tatsachen und Erlebnisse in Ereignisse, die der Absurdität des Todes entkommen sollten.

Lyotard, einer seiner Biographen, schrieb: „Das Kind aus Bondy liebte Bücher als Waffen und die Straße als Abenteuerroman.“

Für ihn war ein Künstler ein einsamer Held im Kampf gegen die Sterblichkeit. „Kunst”, schrieb er in LES VOIX DU SILENCE, „ist eine Revolte gegen das Schicksal.“

Malraux wandte sich früh gegen jede Form von Antisemitismus, der in Frankreich politisch auch bei der Linken zu finden war. Seine erste Frau, Clara Goldschmidt, sagte einmal: „Man kann über Malraux sagen, was man will, aber sicherlich nicht, dass er ein Antisemit ist. Und Gott weiß, ich gab ihm genügend Gründe dafür.“

Bekannt ist er heute noch als ehemaliger Kulturminister von de Gaulle, der die französische Kulturszene nach dem 2.Weltkrieg gestaltet hat. Als Theoretiker des „imaginären Museums“ war er seiner Zeit weit voraus.

Aber natürlich erinnert sich in Frankreich auch jeder an den Abenteurer, Krieger, Schriftsteller und anti-faschistischen Kämpfer, der die Luftwaffe der Spanischen Republik aufgebaut hat und im Widerstand den Deutschen als Colonel Berger zusetzte. Über ihn gibt es viele Geschichten und Anekdoten. Und er verstand es, sich mythisch zu erhöhen – auch auf Kosten der Realität (die nicht immer – im Malrauxschen Sinne – „wahrhaftig“ ist).

Sartre über ihn: „Malraux ist ein Romantiker der Aktion. Sein freiwilliges Engagement war immer etwas unverbindlich – man könnte sagen, dass er sich fast ausschließlich dafür interessierte, den Tod und das Böse herauszufordern, und dass ihm das Endziel gleichgültig war.“

Malraux hasste alles und jeden, der Unterwürfigkeit verlangte („Ich will keiner Sache Untertan sein“, sagte der, der sich so oft für Menschen und Ideen unter größten Gefahren einsetzte).

Auf dem Schreibtisch wachte über seine Inspiration die Bronzefigur der ägyptischen Katzengöttin Bastet.

Einmal versuchte er in der französischen Linke ein Kommando aufzustellen, um Trotzki (mit dem er sich 1933 anfreundete) aus Stalins Exilgefängnis in Kasachstan zu befreien.

Im Krieg brach er mit dem Kommunismus und ersetzte „das Proletariat durch Frankreich“. Aber noch 1946 hatte er „das Ende des Kapitals“ verkündet.

Als sich der 70jährige anbot, in Bangladesch auf Seiten der Rebellen zu kämpfen, musste ihm Indira Gandhi „so taktvoll wie möglich“ („Sunday Times“) klarmachen, dass „sein Einsatz dort nicht wirklich gebraucht werde“.
.
1972 wurde er nach Washington eingeflogen, um Präsident Nixon vor seiner China-Reise zu briefen.

Sein persönliches Schicksal war oft hart: Seine Brüder starben unter den Nazis, seine zweite Frau bei einem Eisenbahnunglück, seine beiden Söhne 1961 bei einem Autounfall.

In seinen letzten Jahren litt er unter Depressionen und Alkoholismus und existierte nur noch durch Amphetamine und Schlaftabletten.

Er starb 1976. Zwanzig Jahre später wurde seine Asche in das Panthéon überführt. Unter den dort verehrten großen Franzosen gehört er nach wie vor zu den umstrittensten. Aber da für die Franzosen seit der glorreichen Revolution die Literatur als Religionsersatz dient, ist ihm die Verehrung gewiss.

Sein Werk hat viel aufklärerisches Licht, aber wenig Wärme.

Oder um mit einem seiner Lieblingszitate von Nietzsche zu beschließen:
„Wir haben das Glück erfunden, sagten die letzten Menschen und blinzelten.“

Möge der große Peter Scholl-Latour hier das letzte Wort zum KÖNIGSWEG haben (aus seinem Frankreich-Buch; Kapitel über einen Besuch beim Roten Khmer in Kambodscha):

„Am folgenden Abend waren wir von den jugendlichen Partisanen mit der chinesischen Ballonmütze ins thailändische Grenzgebiet zurückgeleitet worden. Ein paar Tage war ich tatsächlich in die Rolle Perkens versetzt worden, jenes deutsch-dänischen Helden aus dem KÖNIGSWEG, der schließlich auf einen vergifteten Bambusspieß, wie sie rechts und links unseres Pfades zu Tausenden in die modrige Erde gerammt waren, gestürzt und in fiebrigem Krampf verendet war… (Das freundliche Nachwinken des bewaffneten Knaben) war wie in Erz gegossen, und auf den braunen Bronzelippen, so schien mir, spielte ein geheimnisvoll grausames Lächeln wie auf den monumentalen Tempelskulpturen des Bayon-Tempels.“

 



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



BOSTON TERANS MUTTER DES JAHRES by Martin Compart

„No one looks exactly like they really are. That’s the secret of the human race.
How the honest and the dishonest get by in the harsh climate of everyday life.
How both beautiful and barbarous motives go unnoticed until it’s too late.“

In a rundown Los Angeles bungalow, Shay Storey sits across a battered Formica table watching her mother clean the semi-automatic they will use for a killing. It is 1987 and Shay is just thirteen. Their intended victim is a local policeman named Victor Sully from Baker. Shay and her mother shoot him and bury him in a shallow grave in the desert northeast of Los Angeles, but somehow, some way, Sully claws his way to survival.

His life, though, is destroyed anyway, and he slips out of Los Angeles under cover of darkness, a broken man. It is more than ten years later that these three lost souls meet again to play out the inevitable drama set in motion by that first violent meeting in the desert, each searching for revenge, and perhaps, redemption.

Riveting, powerful, and brilliantly written, Never Count Out the Dead is an unforgettable reading experience that will linger in your brain long after the last page is turned.

Der Erstling von Boston Teran fegte wie ein Wüstensturm aus dem Nichts über die Noir-Szene hinweg. Mit Spannung wurde der zweite Roman erwartet.

Entweder würde er groß scheitern oder triumphieren.

NEVER COUNT OUT THE DEAD bewies, daß Teran kein One-Hit-Wonder war. Thematisch völlig anders als GOD IS A BULLET schoss der Roman sofort in den Pantheon der Noir-Kultur.

Ein Kritiker bezeichnete ihn als Mischung aus CHINATOWN und MACBETH.

Der Roman erlebte nur zwischen 2001 und 2004 Übersetzungen in drei Sprachen und 15 Auflagen.

Auch weil er eine der ungewöhnlichsten und erschreckendsten Noir-Ladies vorführte.

Wie man schon seit Cyrus aus GOD weiß: Für Terans Antagonisten gibt es eine eigene Lounge in der Hölle. Aber ob da auch die Berufsmörderin Dee Storey Einlass findet, ist fraglich.
Dee könnte einen eigenen Kerker beanspruchen.
Sie ist das ganze Gegenteil von Donna Reed in MUTTER IST DIE ALLERBESTE. Eine durchgeknallte Speedsüchtige, die als Mietkillerin die ökonomischen Lebensumstände schwer verbessert hat. Ihre 13jährige Tochter Shay hat sie schon mal an Pornographen und Perverse vermietet. Von einem beschissenen Leben gebeutelt, versucht sie auf ihre Art, die Tochter fürs Leben vorzubereiten. Und um die Mutterliebe komplett zu machen, überrascht sie ihre Tochter eines Tages mit dem Wunschtraum einer jeden 13jährigen: „We’re going to kill a man tomorrow night . . . it won’t be easy, I know”.
Und damit geht es erst los!

Ein abschreckendes Beispiel dafür, was Southern Comfort mit Speed selbst aus den Derbsten unter uns machen kann.

Wie in GOD IS A BULLET muss der männliche Protagonist eine Wandlung von Passivität zur Aktivität durchlaufen. Diesmal ist der Journalist Landshark der Katalysator.

NEVER COUNT OUT THE DEAD, ebenfalls im present tense geschrieben, gibt dem Leser erste Anzeichen dafür, wie Boston Teran nach dem überschwänglichen Erstling seine Sprachgewalt zu zähmen beginnt. Vergleicht man die apokalyptische Stimme der ersten Romane etwa mit THE CREED OF VIOLENCE, sieht man die Entwicklung deutlich.
Und noch frappanter fallen die Vergleiche mit THE COUNTRY I LIVED IN aus. Aber hier arbeitet er noch mit fast so vielen Metaphern wie im Erstling.

Chandler unter Crystal Meth. „As in Chandler’s books the Southern California landscape is evoked so strongly -the hot, sweet aroma of the chaparral, the gritty, mineral taste of sand- that it becomes a virtually independent character looming over the rest of the story. The book is shot through with seething anger; each character is haunted by memories of loss and betrayal. At times rage drives the writing almost out of control; the author’s prose-style is simultaneously propulsive and twisty, reading some of the author’s sentences is like driving too fast on a curvy mountain road. I found myself crashing at times, but the style perfectly suits the swift, violent nature of the story”, schrieb ein zufriedener Amazon-Kunde.

Der Roman beginnt und endet im San Frasquito Canyon (gemeint ist wohl der San Francisquito Canyon). Ein nettes Plätzchen. “In between confrontations, Teran displays a deep, loving knowledge of Southern California, particularly its underbellies: Franklin Canyon, where the Hillside Strangler once roamed, and a dozen neighborhoods of Los Angeles that have seen better days.
Teran’s geographic and historic knowledge is so great and his descriptive powers so developed that he makes one want to jump in the car with only a road map and explore all these long-forgotten and never-seen places. We might end the day at a dusty desert motel with a bottle of bourbon, the air conditioner broken down, sweating on top of the sheets, and thinking about God and sin and endless highways.”
(Mark Johnson ).

.

Korruption und andere Verbrechen haben in Kalifornien geradezu byzantinische Ausmaße, die bekanntlich nicht nur BT inspiriert haben. Tom Long fragte zu Recht: “This is mean, nasty stuff, so thoroughly laced with vileness and hopelessness that you wonder who the heck Teran hangs out with.”

Aber was hat ihn zu NEVER COUNT OUT THE DEAD inspiriert?
In einem Interview aus 2001 erzählt er:

“The inspiration for NEVER COUNT OUT THE DEAD came when the traffic of two completely independent realities converged upon one intersection: theme.

First reality: My father was a widowed gamblaholic who liked the taste of everything a little too much. He indulged in what might be called the larcenous expedition or the conning adventure. Unfortunately, some went bust and he couldn’t just scam his way out of trouble.

While I was growing up and these little „catastrophes“ played out my father sometimes took me from home and had me live somewhere else. Once I was moved into the basement apartment of a two family house owned by a mother and daughter prostitute team. Their apartment was on the floor above. My father was dating both women at the time and felt I was better off having them look out for me.

All I witnessed and experienced of their relationship, their cunning and fearlessness, every brutal and tortured confrontation, I carried around inside my head until I could find a home on the written page for the mythos of that living drama.

Second reality: When GOD IS A BULLET was first published, I began a dialogue with someone I can describe only loosely as „an investigator with journalistic aspirations“ and who called themself Birdhous-gal.

We began to exchange written dialogues on the corruption behind the building of certain L.A. schools on toxic and potentially toxic sites.

Disaster heaped upon youth because of the cancerous character of adults was a motif that seemed to connect these two distinct realities, and so an idea was born. “

Aus “Birdhouse-gal” ist im Roman dann “Landshark” geworden, der investigative Journalist „too intense for his own flesh. Driven hard by sad, desperate needs that might bring about his own destruction. And angry to a point he doesn’t recognize.“

ZWEI BLURBS:

‚Jim Thompson´s crown and his fury seem to have passed to Boston Teran, the new voice of pulp fiction‘ – Dennis Lehane

‚A grim glorious Gothic that culminates in an action finish Bruce Willis would kill for.The tension ratchets up like thumbscrew in the hands of a master inquisitor… Boston Teran anatomizes loss like nobody else, but he never loses sight of the indomitability of the human spirit. If writing is therapy, I´m very glad not to be inside Boston Teran´s head. This is a terrifying glimpse into lives that make you sit and count your blessing till dawn.´

Val McDermid



BOSTON TERANS GÄRTEN DES SCHMERZES by Martin Compart

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten,
gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg

GARDENS OF GRIEF (2010) a brilliant, and socially important novel – is less a sequel to THE CREED OF VIOLENCE than an organic evolvement. It follows John Lourdes, an agent with the Bureau of Investigation, who is sent by the U.S. State Department to Constantinople in 1915. The Great War has begun and the British have been defeated at the Dardenelles. In Turkey the government means to see every Christian Armenian exterminated, in what will become the first genocide of World History. John Lourdes clandestine assignment is to help an outlaw priest named Malek get safely across the war-ravaged Ottoman Empire. The priest, hunted by the Turkish government because he is an Armenian, is a hero to his people and a political threat to the Central Powers.

Wie schon mehrfach festgestellt, ist Boston Teran der moderne Meister der epischen Quest. So auch in diesem Polit-Thriller, der auch ein Buch über den Krieg ist.

Mit wenigen Sätzen und prägnanten Dialogen schreibt Teran jede Nebenfigur zu einem lebensechten Charakter.

Die wahnwitzig schnelle Handlungsführung ist völlig organisch in den historischen Kontext integriert, über den der Leser scheinbar nebenbei informiert wird. Ein beeindruckendes Charakteristikum aller historischen Polit-Thriller von Boston Teran. Wer sich nicht für das geschichtliche Umfeld interessiert, kann sich an der Action, den ungewöhnlichen Charakteren oder der Sprache erfreuen.

An Terans Sprache kann ich mich nicht sattfressen! Manchmal scheint auch eine an Chandler erinnernde Diktion durch:

„He was not short of mind, he was short of men.”

We have even less ammunition than we have luck.”

„And as in the west of John Lourdes, the poorer the town, the richer the church.“

Häufig schwingen archaische Töne in den Sätzen, die man ähnlich auch von Cormac McCarthy kennt. Ein bewusstes und effektives Stilmittel, das den Büchern etwas zeitlos Aufrichtiges gibt.

Das Gemälde in einer geschändeten Kirche:

„Time had phantomed the paints, leeching their shine, condemning their glory to everyday dust, get never stealing the artist´s soul“

Mit seinen historischen und zeitgeschichtlichen Thrillern durchdringt Teran die Nebelbänke der herrschenden Geschichtsschreibung, um sich anderen Wahrheiten zu nähern. Terans Texte können einen wahrlich aus dem Zustand tiefster Betrübnis oder arrogantester Gelangweiltheit befreien.

So zynisch es klingen mag: Boston Teran verwandelt (historische) Tatsachen in literarische Ereignisse; das ist wahre Kunst. Und ganz nebenbei eröffnet er einen Zugang zu mehr Geschichtsbewusstsein.

Die Amerikaner sind zwar noch nicht in den Krieg eingetreten, unterstützen aber die Entente. Auch aus eigennützigen Gründen, denn der Weg zur Weltmacht ist spätestens seit dem spanisch-amerikanischen Krieg (1898) beschlossen. Lourdes „had agreed to been part of the larger enterprise known as war”.

Wieder geht es auch um Öl – wie in dem vorherigen Roman THE CREED OF VIOLENCE. Diesmal um die Ölfelder von Baku und Basra, die für die kriegsführenden Mächte im 1.Weltkrieg Bedeutung hatten. Denn mit der maschinellen Kriegsführung begann auch die Bedeutung der fossilen Brennstoffe, wie Teran in seinem Roman verdeutlicht. Öl, das heilige Wasser des Kommenden.

Teran zeigt an diesem wenig thematisierten Völkermord (an ca. 2 Millionen Armeniern) mitten im Krieg die Zeichen der Zerstörung der alten Welt und das Entstehen einer Zeit, in der die Barbarei wissenschaftlich wird und sich ökonomische Interessen krebsartig in sämtliche moralische Entscheidungen einfressen. Die Grundlagen unserer Gegenwart.

Verblüffend sind die Parallelen zu Heute – von den brutalen wirtschaftlichen Interessen bis hin zu den Taktiken und Strategien des Terrorismus. Ein weiterer Beweis dafür, dass gute Polit-Thriller ein scharfes Schwert der Aufklärung sind.

John Lourdes wurde vom FBI für diese Mission ausgewählt, weil er als mexikanischer US-Amerikaner „nicht weiß“ sei. Das müsste Donald Dumb missfallen.

Die Reise beginnt mit einer Schiffsfahrt von Konstantinopel nach Trapezunt. In der Nacht vor der Ankunft treiben nackte Leichen in den Wellen. „…is what the government defines as deportation.

Lourdes deutscher Gegenspieler Richtmeister Franke führt eine Truppe brutaler Mörder an, die von den Jungtürken aus den Gefängnissen geholt wurden, um Armenier abzuschlachten.
„It was a commission of the foul and the wretched. Recruits from some dark nightmare with scythes across their shoulders and double headed axes protruding from scabbards. Some carried rifles and scimitars, and clubs fleshed with metal arrowtips. Their clothes bore the filth of the nation and this cast of horribles gave no man his due, nor expected any… However accomplished they were as murderers and torturers and rapists, they left much to be desired as marksmen.” Mit ihnen und ihrer Soldateska sorgen die Türken für eine Landschaft, die mit Angst und Terror vollgesaugt ist, was Teran fühlbar macht.

Ihre Reise, die nach der Befreiung des Priesters und armenischen Märtyrers zur Flucht wird, führt sie auch zu einem geschichtsträchtigen Ort (der auch in John Buchans GREENMANTLE von zentraler Bedeutung ist): „Erzurum had been at the crossroads of violence since was with the Seleucids and Parthians.“

Auch GARDENS ist nichts für schwache Nerven oder Mägen. Folter, Mord, qualvolles Verenden… Teran macht daraus kein angenehm gruseliges Unterhaltungsspektakel. Er sucht nach historischen und zeitlosen Wahrheiten.

Dem Priester Malek hatten die Türken die Füße mit Hufeisen besohlt, um Fluchtversuche zu erschweren. Wie er von den Eisen befreit wird, ist gegen Dialoge so subtil inszeniert, dass die Vorstellungskraft des Lesers Amok läuft.

Mit der Armenierin Alev Temple schuf Boston Teran – natürlich – eine weitere starke weibliche Protagonistin, die sein Werk durchziehen und die man nie vergisst.

Universal hält auch an GARDENS OF GRIEF die Filmrechte.

https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/

´.
.
.
.
.
Über den Völkermord an den Armeniern gibt es inzwischen eine Anzahl von Büchern – auch in deutscher Sprache. Ich empfehle als weiterführendes Sachbuch

OPERATION NEMESIS
(Kiepenheuer & Witsch, 2005)

von Tucholsky- und Heine-Biograph Rolf Hosfeld.

Natürlich erspart er auch nicht die unrühmliche Rolle der Kurden als Handlanger der Türken.



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: SHANE STEVENS und sein Roman „KILL“ by Martin Compart

„Inspiriert von realen Fällen zeigt »Kill« im fesselnden, halb dokumentarischen Stil den (fiktiven) Serienmörder Thomas Bishop in seiner Entstehung, in seinen Taten, aber auch in seinem Alltagsleben, und beleuchtet die Auswirkungen, die seine grausamen Morde auf die Gesellschaft und ihre Moral haben.

»Kill« von Shane Stevens gilt als der erste Roman, der einen Serienmörder in den Mittelpunkt stellt, und ist damit das Vorbild für Thomas Harris und seine Hannibal Lecter-Romane.
»Kill« gilt als erster Serienkiller-Roman, der zugleich die True-Crime-Literatur vorwegnahm, und wird heute von der Literaturkritik als Klassiker gewürdigt.“

Immer noch gibt es unbekannte Klassiker zu entdecken!

Das gilt auch für Shane Stevens, dessen Roman KILL (BY REASON OF INSANITY) der Heyne-Verlag neu aufgelegt hat (eine gekürzte Version erschien bereits bei Moewig, 1981).

Shane Stevens ist ein wunderbarer Schriftsteller mit einem ungewöhnlich treffenden Gespür für Sprache, Charaktere, Situationen und Atmosphäre. Gleich das erste Kapitel ergießt sich mit emotionaler Wucht über Leser, die befähigt sind, diese literarische Qualität wahr zu nehmen:

„Im Frühjahr wälzt sich der Nebel wie stummer Donner über die Bucht und scheint San Francisco in Quecksilber zu baden.“

Was für ein erster Satz! Chandler hätte Freude an dieser Poesie gehabt.

Ich mag auch den Humor des Autors:

„Um die Hintergründe zu verstehen, müssen wir in die frühen Nachkriegsjahre zurückgehen… Im Valley wurden neue Reihenhäuser gebaut… Es gab auch wieder mehr Lebensmittel… In Washington versuchte die Truman-Administration Europa vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten. Aber wie üblich tat niemand etwas gegen das Wetter… Irgendwann am Abend entschied ein Mann, dass dies eine gute Nacht wäre für Raub und Vergewaltigung…“

Völlig natürlich gleitet Steven stilistisch zwischen humorigen Bemerkungen aus der Metaebene zu berührenden subjektiven Perspektiven:

„Sie wollte nicht sterben, und sie wollte auch nicht schwanger werden. Und doch lag sie hier, die Beine gespreizt, und dieser Fremde auf ihr hatte seinen Spaß. Und das alles nur, weil er ein Mann war und eine Waffe hatte.“

Die verschachtelten Rückblenden im ersten Kapitel zeigen bereits Stevens großes Können.

Stevens behandelt sein Personal mit der Höflichkeit eines gut erzogenen Henkers.

Er beschreibt die politischen, journalistischen, medizinischen und gesellschaftlichen Implikationen dieser Jagd in erstaunlicher stilistischer Meisterschaft. Unterfüttert wird alles mit einer sein gesamtes Werk durchdringenden Frage: Was ist Identität?

Kriminaltechnisch ist das Buch natürlich veraltet. Kein abschreckendes Argument, höchstens für anspruchslose Novitätenleser. Als wütendes Portrait der USA ist es nach wie vor aktuell.

Neben den Aktivitäten des Killers Thomas Bishop, bilden den zweiten Hauptstrang die Nachforschungen des Journalisten Adam Kenton, die häufig in die Irre führen. Geradezu klassisch führt Stevens beide Stränge zum Höhepunkt in eine Synthese.

Die üblichen Serien-Killerromane, die die Bestsellerlisten zumüllen, interessieren mich einen Dreck. Ihr Subtext ödet mich an: Serienkiller-Geschichten unterstellen, dass Technologie und Wissenschaft ausreichen, um soziales Fehlverhalten auszuschalten. Stevens gibt der Sozialisationstheorie weiten Raum, beschreibt das dämonische in der entsprechenden Konditionierung, ohne zu dämonisieren.

„In einem Alter, wo junge Leute nach Möglichkeiten suchen, um ihr Innerstes zum Ausdruck zu bringen, suchte Bishop nach Möglichkeiten, wie man dies am besten verbarg.“

Eine fließende, mehrstufige Geschichte, die auch ein Plädoyer für die Lerntheorie ist, denn die Darstellung von Bishops Konditionierung dürfte jeden Behavioristen begeistern.
Wenn man Bishops Entwicklungsgeschichte gelesen hat, erscheint einem die Karriere zum Serienkiller fast zwangsläufig.

Einmal in die Hand genommen, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Ein einzigartiges und eigenartiges Meisterwerk. Wieder mal ein Buch das den deutschen Spitzweg-Spießer in seiner you-Tube-Gestalt überfordern könnte.

Die wenigsten Serienkiller-Autoren verfolgen die These, dass eine empathielose Gesellschaft sich in empathielosen Mördern spiegelt. Oder warum einige Theoretiker den Serienkiller als „letzten amerikanischen Helden“ titulieren (eine besonders perverse Variante ist der „gerechte Serienmörder“ in DEXTER von und nach Jeff Lindsay).

Über den Autor ist wenig bekannt.

Shane Craig Stevens wurde am 8.Oktober 1941 in New Yorks Hell´s Kitchen geboren; er starb 2007. Er wuchs in Harlem auf und war mit Harry Crews während ihrer gemeinsamen Zeit als Stipendiaten in Bread Loaf befreundet (damals entstanden die beiden einzigen Fotos von Stevens, die zugänglich sind). Er schrieb acht Romane, die in sechs verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Im heutigen Markt wäre er wohl e-Publisher geworden.
In den USA ist er fast so unbekannt wie bei uns. Und natürlich – man muss es wie ein Mantra runterbeten – kennt ihn in Frankreich jeder Noir-Fan.

Er war politischer Aktivist und Vietnam-Kriegs-Gegner, was sich in vielen seiner Romane brutal äußert. Sein Platz war mitten in den Ereignissen, und seine Erfahrungen im Harlem der 1960er Jahre finden sich in den ersten Büchern.

Seine Hautfarbe war Stevens unwichtig.

Er schlug sich durch, kannte die Armut. Einmal musste er seinen ersten Agenten um ein paar Dollar anbetteln, damit er nicht ins Gefängnis kam.

Im Malrauxschen Sinne dürfte kein Unterschied zwischen Leben und Handeln gestanden haben, kein Gegensatz zwischen Werk und Leben. Noir-Romane sind Grenzbegegnungen in den Randbezirken des Grauen. Bücher als Waffen.

In seiner Besprechung von Eldridge Cleavers SOUL ON ICE in „The Progressive“ zeichnete Stevens so etwas wie sein Credo als Autor:

„For those of us who believe that the writer must grapple with the moral issues of his day, that he must view himself in the context of events and not just from his own personal needs, these are dangerous times. The urge to be a full-time revolutionary in a country so desperately ill is overwhelming.”
Crime fiction is supposed to be social fiction—I think even more so than “literary fiction”—confronting the issues we currently face as human beings in our society… It’s much more comforting for us to reduce criminal actions to the purely aberrant: the criminal becomes mutant, his behavior occurring for the same reasons that a baby might be born with six fingers or webbed toes. These actions are then countered through: the might of pure logic/reason; the law-breaking force which exists only to reaffirm the status quo; or because the mutation (the criminal) is faulty, it simply “fails to thrive”. Too often as well, the crime itself becomes the only important thing without any acknowledgment of motivation and circumstance. The heist, the murder for hire, and the million dollar drug-deal are played simply for thrills and to showcase the writer’s ingenuity or capacity to craft empty brutality.”

Der zweite Roman, WAY UPTOWN IN ANOTHER WORLD, ist die zornige Ich-Erzählung eines Schwarzen, der voller Verachtung über „sein Volk“ spricht und für die politischen Aktivitäten der Afro-Amerikaner nur Hohn hat. Outlaw-Literatur in der Tradition von William S. Burroughs und Hubert Selby jr. (der seinen Erstling GO DOWN DEAD, an dem Stevens sechs Jahre gearbeitet hatte, über einen Harlemer Gang-Leader lobte).

Sein dritter Harlem-Roman war RAT PACK – also kein Wunder, das zeitgenössische Leser ihn für einen Schwarzen hielten. Über letzteren schrieb Chester Himes: “Truly a classic of the lower depths.”

Der Roman DEAD CITY, 1973, ist ein brutales Mob-Drama, das einem Kritiker als eine Art Vorläufer für Martin Scorseses Film GOODFELLAS erscheint.

Der letzte Roman unter seinem Namen war der Polit-Thriller THE ANVIL CHORUS über die Jagd nach einem Nazi-Killer,1985. Danach erschienen noch die beiden Privatdetektiv-Romane unter J.W.Rider.

In KRIMIAUTOREN VON A-Z (https://krimiautorena-z.blog/2018/05/22/stevens-shane/) steht über die Malone-Romane von Rider:

„Malone ist einer der härtesten und gemeinsten Ermittler der Kriminalliteratur. Er nimmt grundsätzlich nur Mordfälle an – allenfalls noch Fälle von Morddrohung. Liiert ist er mit der aparten Malerin Marilyn, die sich auf Werwolf-Bilder spezialisiert hat. Im ersten Roman ‚Der Teufel hat vielen Masken‘, einer mit ausgesprochen fiesen Gestalten bevölkerten Geschichte, hat Malone zwei Auftraggeber: Den aufstrebenden Immobilienhai Cooper Jarrett, dem anonyme Telefonanrufer einen baldigen Tod vorausgesagt haben, wenn er sich nicht aus seinem Milliardenprojekt beim Hafen von Jersey City zurückzieht; und Constance Kelly, eine atheistische Aktivistin, deren Mutter kürzlich durch eine Kugel aus dem Leben schied – laut der Polizei handelte es sich um Suizid. Schon bald wird Malone klar, dass die beiden Fälle eng miteinander verknüpft sind – Geldgier und Korruption, Sexualität und Hass sind die Bindeglieder. Welche Rolle aber spielt Jarretts Ex-Frau und Geschäftspartnerin Laura, die Malone heftig umgarnt?“

Warum seine Stimme dann verstummte, ist mir nicht bekannt. Aber kaum entschuldbar. Stevens war einer der klügsten Köpfe und besten Schreiber im Genre, der „Black Experience“ und die Outlaw-Literatur der Beats mit tiefsten noir verband.

Die meiste Zeit verdiente er wenig. Erst mit KILL kam das „große Geld“: Der Roman verkaufte sich gut, es kamen ausländische Lizenzen hinzu und Hollywood kaufte die Filmrechte. Für Columbia Pictures schrieb er ein Drehbuch nach KILL. Daneben verfasste er wohl noch andere Adaptionen für Hollywood.

Popular crime fiction is really one big buffer zone that reinforces the status quo.

Shane Stevens bediente nicht die lahmen Mittelschichts-Phantasien, die den durchschnittlichen Kriminalroman verseuchen. Rassen- und Klassenkampf, institutionalisierte Gewalt, Armut, Korruption, Verrohung, rücksichtslose Ausplünderung gehörten zu seinen Themen, und sie sind gerade in den Staaten aktueller denn je. Auch wenn es in seinen Büchern keine Smartphones gibt.

In einem Brief an Charles Harris:

“What’s happening is that this is a class struggle going on in this insane country. Of which white racism is a part. What counts is not skin color but life style: money, Charles, money. The question is how you live—that determines what side of the gun you’re on. Now the people of all colors who are poor are beginning to move and they’re moving against those who keep them down. Middle class America: with its false liberals, its private ownership of everything needed to live, its slave state mentality and racist theology…”

Stephen King sagte über sein Werk, dass er drei der besten Bücher über die dunkle Seite des amerikanischen Traums geschrieben habe. Nachdem sich King im Nachwort zu seinem Roman THE DARK HALF begeistert über Stevens ausgelassen hatte, wurden drei Bücher neu aufgelegt. King hatte von Stevens in seinem Roman den Namen Alexis Machine aus DEAD CITY für George Starks Protagonisten übernommen.

Vom Heyne-Verlag wird der Roman unnötig als „Mutter aller Serienkiller-Romane“ vermarktet (Serienkiller bevölkerten die Literatur bereits vor 1979; z.Bsp. Ellery Queens CAT OF MANY TAILS, 1949, oder Robert Blochs PSYCHO, 1959). Das sei gerne verziehen für diese Veröffentlichung und hoffentlich die Publikation weiterer Romane Stevens (dessen beiden J.W.Rider-Bücher ich in der SCHWARZEN SERIE publizieren durfte). Die Behauptung, dieser Roman hätte die True-Crime-Literatur vorweggenommen, ist natürlich absoluter Schwachsinn. Und mit True-Crime hat er genauso wenig zu tun wie DRACULA mit Chiropterologie.

Sicherlich kann man aber KILL zusammen mit Lansdales ACT OF LOVE und Thomas Harris´ RED DRAGON, beide 1981, als die Romane ansehen, die das Sub-Genre in seiner aktuellen Form definiert haben. KILL hebt sich dank der literarischen Qualität und dem gesellschaftlichen Blick ganz klar heraus.

Die von Heiko Arntz ergänzte und überarbeitete Übersetzung von Alfred Dunkel ist gut gelungen (auch wenn mal wieder ein „Sedan“ herumfährt).

P.S.: Quelle der Zitate ist der angehende Stevens-Biograph Chad Eagleron.



POET DES WHITE TRASH – DER NOIR-AUTOR DANIEL WOODRELL by Martin Compart


„Der Revolver war im Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, dass wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück nähergekommen waren“, berichtet Sammy, Herumtreiber und Ich-Erzähler in Daniel Woodrells Roman TOMATO RED.

Zusammen mit der rothaarigen Jamalee und ihrem bildschönen kleinen Bruder Jason („Im Lebensmittelladen werfen ihm erwachsene Frauen ihre Schlüpfer zu, auf die sie mit Lippenstift ihre Telefonnummern geschrieben haben.“) schreckt er vor nichts zurück, um ans bessere Leben zu kommen. Denn die Geschwister stammen aus Venus Holler – und wer daher kommt, hat nichts zu verlieren. Venus Holler ist der Slum der fiktiven Stadt West Table, die wohl einiges gemein hat mit West Plains, dem Wohnort des Autors.
Woodrell-Fans kennen dieses Dreckloch noch aus seinem vorherigen Roman STOFF OHNE ENDE, den auch ein Looser erzählte und bei dem ebenfalls so einiges schief ging.

Daniel Woodrell berichtet aus einer Hölle, die Ozarks heißt und im südlichen Missouri liegt. Reichlich Wälder, Hügel, ein paar stinkreiche Ausbeuter, korrupte Bullen, debile Hillbillys und jede Menge White Trash-Clans, die sich gegenseitig die Marijuana-Ernten abjagen und die Schädel wegschießen. „Die Ozarks sind die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs.“

Alles ist käuflich und mit genügend Land oder Geld aus krummen Geschäften kann man sich aus jedem Haftbefehl freikaufen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern Herrenhäuser, verkommene Farmen und kleine Städte voller Slums, in denen „Schuppen die Gegend überziehen wie Pockennarben und massenhaft Kinder ausbrüten, mit denen der Rest der Welt klarkommen muss.“ Woodrell schrieb schon über Trump-Wähler als die noch trainierten, um aus ihrem spärlichen Hirn Grütze zu machen.

Wer Trump-Wähler rudimentär verstehen will, sollte ihren verwurzeltsten Analytiker kennen. Es gibt in den USA Menschen, die nichts mit der Mainstream-Kultur zu tun haben. Sie leben in einem Paralleluniversum aus Trailer-Parks und Nachtjackenviertel. Von den Normalos erwarten sie nur Ärger. Denn die stecken sie in den Knast, verpassen ihnen Strafbefehle oder nehmen ihnen ihr bisschen Land weg. Also leben sie nach ihrem eigenen Wertesystem. Die Waltons würden von ihnen geteert und gefedert. Selbst in dieser Elendszone gibt es noch schlimmere Hinterhöfe.

In denen durchwühlt Woodrell die Mülltonnen für seine Noir-Romane und Sittengemälde aus der amerikanischen Jauchegrube.

Daniel Woodrell, geboren 1953, ist ein Kind der 60er, aufgewachsen in den Ozarks in einer Familie, die den Vietnamkrieg ganz in Ordnung fand.
Mit 17 ging er zu den Marines. Anschließend hatte er mächtig mit Drogen und Subkulturen zu tun. „Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich freiberuflich. Habe es nie in einem Job ausgehalten. Der Rekord waren sechs Monate. Tja, man muss für die Schriftstellerei alles geben. Entweder schwimmen oder absaufen.“

Schließlich landete der Outsider in einem Schriftstellerworkshop in Iowa. „Mit meinem blue-collar-Hintergrund passte ich denen nicht. Sie wollten mich nach der Hälfte rausschmeißen, aber ich blieb einfach.“

In dieser Zeit schrieb er seinen ersten Roman CAJUN BLUES, den ersten Band seiner Shade-Trilogie, den er erst 1985 verkaufen konnte, und der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht wurde. Jahre des Schreibens und der Frustrationen. Jedes Buch ein kommerzieller Misserfolg.

Auch das zweite Buch, von Ang Lee als RIDE WITH THE DEVIL verfilmt, war ein Flop. Dabei einer der besten Bürgerkriegs-Romane und als „Western“ nur mit Cormac McCarthys Klassiker BLOOD MERIDIAN vergleichbar.

Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell die Hollywoodklischees über den Sezessionskrieg. Der Roman folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill.
In den West Plains tobte ein brutaler Partisanenkrieg, der noch Jahre nach Ende des Bürgerkrieges Opfer forderte.

„Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist. Ich bekam keine Rezensionen nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien.“

Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch. Der 35-Millionen-Dollar-Film floppte in den Staaten ebenso wie das Buch, das in der Erstauflage gerade mal 2600 Exemplaren verkaufte.

Die beiden nächsten Shade-Romane liefen ebenfalls nicht besonders.
Einigen verblödeten Kritikern galt Woodrell gar als eine Art James Lee Burke ohne Abitur.
„Ich war so wütend, dass ich vier Jahre nichts mehr schrieb. Ich wollte nur einige dieser Rezensenten treffen und ihnen die Scheisse aus dem Leib prügeln.“

Dann schlug er mit STOFF OHNE ENDE zu. Ein country-noir, in dem er seine Technik perfektionierte, jedes Kapitel wie eine Kurzgeschichte aufzubauen: Kurz, mit abrupten Eröffnungen und schnelle Enden. Das Ganze aber ist mehr als die Summe der Einzelteile.

Woodrell hält die Regeln des Noir-Romans ein: Die Verdammten bleiben verdammt, und keine heruntergekommene Nutte wandelt sich zur treusorgenden Hausfrau. Dabei missachtet Woodrell jede einengende Tradition und romantisiert seine Außenseiter nicht.

Wenn sie jemanden umlegen und verbuddeln, beten sie nicht am Grab sondern pinkeln auf die Leiche. Sie leben hart und schnell, saufen, schlucken Drogen, taumeln zwischen Hoffen und Fatalismus und träumen Träume, die regelmäßig zusammengetreten werden:
„Daß ihr Traum nur eine Phantasie ist, an der man sich eine Weile festhält, die aber eines scheußlichen Nachts, ein Stückchen weiter die Straße des Lebens hinab, erschlaffen und sich um ihren hübschen Hals zusammenziehen wird.“

Endgültig als Poet des Trailer-Park-Trash abgestempelt, kann Woodrell mit dieser Schublade mehr schlecht als recht leben. Neben der Jerry Springer-Show und den neuen Trash-Bands ist er zum herausragende Protagonisten der hässlichen Amerikaner geworden -mehr noch als sein kaum weniger begabter Kollege Joe R.Lansdale.

Woodrell schreibt wie ein Bastardsohn von Raymond Chandler und Erskine Caldwell.
In den Dialogen, Bildern oder Vergleichen wird der Einfluss von Chandler deutlich, ohne dass Woodrell zum Epigonen wird: „Ich sah ihn an und dachte, es stimmt wohl, daß uralte Menschen plötzlich wieder wie Kinder aussehen können, wie wenn bei einem Auto der Kilometerzähler umspringt und wieder bei Null anfängt. Nur daß es inzwischen ein klappriges Vehikel ist.“

TOMATO RED ist noch düsterer als STOFF OHNE ENDE, der ebenfalls in West Table spielt, wo die eiserne Regel gilt: Du bist das, wo du geboren wurdest. Und wenn du im Slumviertel Venus Holler geboren wurdest, bist du gar nichts. Dort ist man nicht so anmaßend, leben zu wollen, dort ist man froh zu überleben. Der „Held“ Sammy ist natürlich wieder ein echter Looser, der in die Fallstricke des Noir-Romans gerät: Sex und Gewalt.
Aber Sammy verkündet auch die Erkenntnisse eines Linksaußen, der jeden Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt verloren hat:
„Die Reichen können sich entspannt zurücklehnen. Wir könne nie einen richtigen Krieg gegen sie anzetteln. Denn die Reichen können uns jederzeit kaufen, damit wir uns gegenseitig umbringen.“

Woodrell ist das Sprachrohr für die, die nichts mehr zu verlieren haben. Für den Poeten des Lumpenproletariats gilt, was er über sein Alter Ego in Stoff schrieb: Er lebte den Schund, den er schrieb.

WOODRELLS HIER BEHANDELTE ROMANE:

Cajun Blues (Under the Bright Lights, 1986); Heyne, 1994.

Zum Leben verdammt (Woe to Live On, 1987), rororo 22336.

Zoff für die Bosse (Muscle for the Wing, 1988.

John X. (The Ones You Do, 1992), Rowohlt Paperback.

Stoff ohne Ende (Give Us a Kiss, 1996), rororo 22773.

Tomato Red (Tomato Red, 1998), Rowohlt Paperback.

Die neuen Romane, wie WINTER KNOCHEN oder DER TOD VON SWEET MISTER sind bei Heyne und Liebeskind.
.
.
.

Susanne Fink vom Liebeskind-Verlag hat mir diese genaue Faktensammlung zu Woodrell zur Verfügung gestellt:

Preise / Auszeichnungen
1999 PEN USA Award for Fiction für Tomato Red (1998).
2000 Auf der Longlist des International IMPAC Dublin Literary Award für Tomato Red.
2008 – Die Kurzgeschichte „Uncle“, zuerst erschienen in A Hell of a Woman: An Anthology of Female Noir (2007), wurde für den 2008 Edgar Award nominiert.
2011 Clifton Fadiman Medal für Der Tod von Sweet Mister/The Death of Sweet Mister. http://centerforfiction.org/awards/fadiman/2011-clifton-fadiman-medal/
2014 The Chicago Tribune Heartland Prize für In Almas Augen / The Maid’s Version

Bibliographie
• Under the Bright Lights (Henry Holt, 1986) – DE: Cajun-Blues (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1994 – Bd. 1 der Bayou-Trilogie • Woe to Live On (Henry Holt, 1987, NA Little, Brown 2012) – DE: Zum Leben verdammt, Rowohlt TB 1998. 1999 verfilmt unter der Regie von Ang Lee unter dem Titel Ride with the Devil – Neuübersetzung DE: Zum Leben verdammt, Liebeskind Herbst 2018
• Muscle for the Wing (Henry Holt, 1988) – DE: Zoff für die Bosse (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1995 – Bd. 2 der Bayou-Trilogie
• The Ones You Do (Henry Holt, 1992) – DE: John X. (Ein René-Shade-Thriller), Rowohlt 1999 – Bd. 3 der Bayou-Trilogie • Give Us a Kiss. A Country Noir (Henry Holt, 1996, NA Little, Brown 2012) – DE: Stoff ohne Ende, Rowohlt 1998
• Tomato Red (Henry Holt, 1998, NA Little, Brown 2012) – DE: Tomato Red, Rowohlt TB 2001 – Neuausgabe DE: Tomatenrot, Liebeskind Frühjahr 2016
• The Death of Sweet Mister (Putnam, 2001, NA Little, Brown, 2012) – DE: Der Tod von Sweet Mister, Liebeskind 2012 (Hardcover), Heyne TB, Nov. 2013
• The Bayou Trilogy (Under the Bright Lights, Muscle for the Wing, and The Ones You Do, NA Little, Brown 2011) – Neuausgabe: Im Süden – Die Bayou-Trilogie, Heyne TB, 12.11.2012.
• Winter’s Bone (Little, Brown, 2006) – DE: Winters Knochen, Liebeskind 2011 (Hardcover), Heyne TB, Sept. 2012
• The Outlaw Album: Stories (Little, Brown, 2011)
• The Maid’s Version (Little, Brown, 2013) – DE: In Almas Augen, Liebeskind 2014

Filmographie
• Ride with the Devil (adapted from novel Woe to Live On) (1999)
• Winter’s Bone (adapted from novel) (2010) o 2010 Sundance Film Festival Award für den besten dramatischen Film und das beste Drehbuch o 2010 21. Stockholm International Film Festival – bester Film o 2010 New York Gotham Independent Film Award für den besten Film und das beste Ensemble o Nominierung Golden Globes 2011: Jennifer Lawrence / Kategorie Best Actress / Drama o 4 Oscar-Nominierungen 2011: Bester Film, beste Hauptdarstellerin, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch o Independent Spirit Awards 2011: beste Nebendarsteller (Dale Dickey und John Hawkes)

Und ist nicht die beste Woodrell-TV-Serie, die nichts mit ihm zu tun hatte, Elmore Leonards Nachbarstaatsserie  JUSRUFIED; wobei Woodrell Leonards Marshal-Romantik -Schwachsinn weggelassen hätte.



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: LEO MALETS SCHWARZE TRILOGIE by Martin Compart
19. Januar 2019, 1:55 pm
Filed under: LEO MALET, Noir, NOIR-KLASSIKER, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,


Jean Fraiger, der Ich-Erzähler des ersten Bandes, ist alles andere als ein sympathischer Zeitgenosse. Absolut asozial und voller Hass auf eine Gesellschaft, die ihn offensichtlich von den vollen Futterkrippen fernhält, hat er ihr den Kampf angesagt. Im Grunde hat er kleinbürgerliche Bedürfnisse und auch ein bourgeoises Normensystem verinnerlicht. Aber als ideologische Rechtfertigung für seine kurzfristige Bedürfnisbefriedigung hat er sich den Anarchisten angeschlossen, um dort als radikaler Anhänger der „illegalen Aktionen“ gewalttätige Umverteilung durch blindwütigen Aktionismus vorzunehmen.

Die blutrünstigen Aktionen reißen ihm bald sein Mäntelchen runter und schließlich verlässt er den mehr schlecht als recht gezimmerten ideologischen Überbau, um sich ganz seinen kriminellen Neigungen hinzugeben. Dabei natürlich immer auf der Suche nach dem bürgerlichen Paradies. Die jahrelang angebetete Frau, deren Bezugspersonen er mehr fahrlässig als geplant vernichtet, ist für ihn ebenfalls nichts anderes als Besitz.

Geradezu höhnisch führt Malet uns in seinem wahrscheinlich besten Buch vor, wie die anarchistische Bewegung der 20er und 30er Jahre am bürgerlichen Bewusstsein ihrer Anhänger scheiterte, was wohl vor allem Schuld des Flügels der „illegalen Aktion“ war. Parallelen zum Auseinanderbrechen der bundesrepublikanischen Linken in den frühen 70er Jahren drängen sich auf. Auch wenn bei der RAF, anders als bei Malets Helden, Mord und Zerstörung aus einem – wie auch immer gearteten – sozialen Engagement entstanden.

Die französische Kriminalliteratur, wurde schon sehr früh durch extreme Rebellion und anarchistische Elemente geprägt. Die Popularität des äußerst unbefriedigend sozialisierten Meisterdiebs Arsène Lupin Anfang des Jahrhunderts oder die anhaltende Verehrung für FANTOMAS, den nihilistischen Anarchisten schlechthin, haben ihre Spuren hinterlassen. Anders als die frühen angelsächsischen Verbrecherhelden, wie etwa Raffles, die gesellschaftlichen Normen akzeptierten, zeigten die französischen Anarchos eine tiefe Verachtung für die herrschenden Systeme.

In den 5oer Jahren, als Malet durch seine Burma-Romane als eine Art französischer Peter Cheyney galt, ging die französische Kriminalliteratur konservative Wege: auf der einen Seite wurde der Gangster als bürgerlicher Held romantisiert, auf der anderen Seite wandte man sich mit  Psycho-Thrillern der Innenwelt zu. Bei uns fast völlig unbeachtet, hatte sich seit den 7oer Jahren in Frankreich eine neue Garde von Autoren etabliert, die den französischen Kriminalroman mit schwarzer Weltsicht und literarischen Experimenten zu einer neuen Blüte gebracht haben. Der Dynamo dieser „neuen Welle“ war Jean-Patrick Manchette, der einige der bösartigsten Bücher der gesamten Kriminalliteratur geschrieben hat.

Aber der Großvater des französischen Noir-Romans ist, wenn man FANTOMAS als Urahn akzeptiert, Leo Malet – und zwar nicht mit seinen ungleichmäßig und oft, was man ihnen anmerkt, zu schnell geschriebenen Nestor Burma-Romanen, sondern mit seiner Schwarzen Trilogie, die er Mitte der 40er Jahre schrieb und nicht von ungefähr im Verlag „Scorpion“, in dem auch Boris Vian erschien, veröffentlichte.

Diese absolut schwarzen Bücher, voller Wut, Hass und einer seltsam berührenden Zärtlichkeit, gaben für die späteren Autoren den Ton vor und etablierten das Politische System endgültig und unwiderruflich als das Böse schlechthin. Das Böse, das auch kein Protagonist des Kriminalromans besiegen konnte.


Selbst der französische Film konnte seine Starvehikel davon nicht freihalten (man denke nur an den FALL SERANO oder I WIE IKARUS und…und…und… Ein Millionenpublikum goutierte diese Sicht der Gesellschaft – was einen Autor wie Manchette für viele Jahre das Schreiben aufgeben ließ, weil er seine politische Zielsetzung, die er mit dem Schreiben von Kriminalromanen verfolgte, durch Akzeptanz und Konsumierbarkeit in ihr Gegenteil umkippen sah.

Auf ästhetischer Ebene formulierte Malet einen ähnlichen Widerspruch, wenn er als ehemaliger Surrealist konstatierte, das sich das Romanschreiben nicht mit dem surrealistischen Programm vereinbaren ließe.

Erst nach den 68er Unruhen und der Neuveröffentlichung der Schwarzen Trilogie 1969 im Verlag Losfeld, brachen Manchette und bald darauf auch eine ganze Reihe junger, begabter Autoren strategisch auf, um den Schrecken der bürgerlichen Herrschaft auf allen Ebenen, psychologisch, emotional, politisch, aufzuspüren. Sie entkleideten Paris jeder Gemütlichkeit, ohne aber auf die Faszination dieses Schmelztiegels zu verzichten, stöberten in der Provinz die absolut bösartigen Regionaldespoten und Kinderschänder auf und zeigten mit geballter Faust auf den machtgeilen Kleinbürger. Voller Zorn zeigten sie, wie leicht man den Schritt ins Verbrechen tun kann und wie ehrenwert der Krieg gegen eine korrupte Ordnung sei. Sie brüllten Hass auf die Ungerechtigkeitsordnung in brillant geschriebenen und höllisch konstruierten Kriminalromanen heraus und schreckten auch nicht vor dem scheinbar Absurden zurück.

Eben all das, was sie in der Schwarzen Trilogie schon vorgefunden hatten, die nichts von ihrer Aktualität verloren hatte und so etwas wie ein Manifest des Schwarzen Romans ist. Die Trilogie ist aktuell, indem sie am Anfang einer literarischen Strömung steht, die weiterhin fortwirkt. Sie ist auch in ihrem modernen Sprachgebrauch aktuell und liest sich fast so, als wäre sie heute geschrieben. Die schwarzen Nächte der Außenseiter unterscheiden sich wohl gegenwärtig nicht von den dunklen Obsessionen der Getriebenen der 30er Jahre.

Was die deutsche Edition angeht: sie ist hervorragend. Blendend übersetzt und im ersten Band hat man auch nicht das Nachwort von Francis Lacassin, einem der Großmeister der französischen populärkulturellen Kritik, vergessen.

Das Leben ist zum Kotzen

Die Sonne scheint nicht für uns

Angst im Bauch.

 

Nautilus-Nemo Press. Deutsch von Sarah Baumfelder und Thomas Mittelstädt; Andrea Jossen.