Martin Compart


IM REICH DER UNTERGEHENDEN SONNE – DAVID PEACES TOKIO by Martin Compart
29. April 2021, 8:17 am
Filed under: Brit Noir, David Peace, Noir, Politik & Geschichte, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

In seinem lang erwarteten neuen Roman erzählt David Peace von einem mysteriösen Todesfall, in den höchste Kreise verwickelt sind, und von einer Verbrecherjagd, die ein ganzes Land in Atem hält. Manchmal darf die Wahrheit nicht ans Licht kommen, weil die Nacht sonst ewig währt.

Tokio, 5. Juli 1949. Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft, verschwindet spurlos – einen Tag nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten verkünden musste. Die amerikanischen Besatzer führen in dem kriegsversehrten, gedemütigten Land umfassende Reformen durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Auf den Straßen herrschen Gewalt und Chaos, die Kommunisten gewinnen an Einfluss, was die Amerikaner mit allen Mitteln verhindern wollen.
Detective Harry Sweeney aus der Abteilung für öffentliche Sicherheit leitet die Vermisstensuche- auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Doch dann wird der verstümmelte Leichnam Shimoyamas gefunden. Der Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft wurde von einem Zug überrollt. Hat er Selbstmord begangen, aus Verzweiflung darüber, Abertausende Menschen ins Elend zu stürzen? Oder waren die Kommunisten für seinen Tod verantwortlich? Der Krieg ist vorbei, aber die dunklen Schatten der Vergangenheit werden immer länger …

Tokio, neue Stadt

Roman
Aus dem Englischen von
Peter Torberg
432 Seiten, € 24,00
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN
978-3-95438-127-2
Auch als eBook erhältlich

Die frühe Nachkriegszeit in Japan war chaotischer und turbulenter als in Deutschland. Die amerikanischen Besatzer führten ein brutales Regime, beherrscht von Rassismus und vor allem der Angst vor dem Kommunismus. Sie brachten japanische Kriegsverbrecher wieder in Brot und Arbeit und nutzten die organisierte Kriminalität der Yakuza für den Kampf gegen Gewerkschaften und alles, was der Soziopath und oberste Besatzer General MacArthur als links definierte.

Vor diesem Hintergrund siedelt der britische Autor David Peace seine Tokio-Trilogie an, dessen letzter Roman TOKIO NEUE STADT (TOKIO REDUX) soeben erschienen ist. Peace lebte 15 Jahre in Tokio, und das spürt man: Sein Tokio ist kein touristisches Klischee und die japanische Mentalität, soweit ich das von außen beurteilen kann, zugänglich dargestellt.

Allen Romanen liegen tatsächliche Kriminalfälle zugrunde und beleuchten unterschiedliche Zeitebenen. Wie sein Idol James Ellroy ist Peace von der Vergangenheit besessen: „Das Gute an der Gegenwart ist, dass sie sehr schnell Vergangenheit wird.“

In TOKIO NEUE STADT sind es drei Zeitebenen, die aus der Perspektive von drei Männern erzählt werden: 1949 von US-Ermittler Sweeney, 1964 von Privatdetektiv Murota Hideki und 1988 von dem in Japan lebenden Lehrer Donald Reichenbach. Drei Männer werden in drei unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen von demselben Mysterium beherrscht.

An dem Roman arbeitete er lange Zeit: „Redux. I’ve been working on it for 10 years and the various abandoned drafts must run to well over half a million words. Redux has been a big part of these last 15 years, neglected at times because of some of the changes during those years. The routine has fundamentally remained the same: I work from eight to four, seven days a week. But I’m much less confident in my writing than I used to be, and often feel paralysed by doubt.”

Der 1967 geborene Autor gilt seit seinem RED RIDING HOOD-Quartett als ein Erneuerer und als Hoffnung der Noir-Literatur, die stilistisch seit Jean-Patrick Manchette, Derek Raymond, James Sallis und wenigen weiteren nicht besonders innovativ ist. Kolja Mensing sagte in einer Rezension: „David Peace größter Verdienst besteht sicherlich darin, dem Thriller seine gesellschaftliche Relevanz zurückgegeben zu haben. Das „Red Riding Quartett“ ist mehr als nur eine literarisch avancierte Revision der „Yorkshire Ripper“- Morde, sondern eine mentalitätsgeschichtliche Studie Großbritanniens zwischen 1974 und 1982.“

Das ehemalige Mitglied der Kommunistischen Partei spiegelt in seinem Lebenslauf dabei ironischerweise die Deterritorialisierung des Kapitals wider: Mit 24 Jahren ging er als Englischlehrer nach Istanbul, drei Jahre später, 1994, nach Japan. Als er nach Tokio kam, sprach er kein Wort Japanisch; inzwischen spricht er es fließend, kann es aber kaum lesen.

„I didn’t know too much about Tokyo before I arrived, but I had seen Kurosawa’s film version of Ryunosuke Akutagawa’s „Rashômon“ and so bought the author’s collected stories. But the one that really caught my eye was not „Rashômon“; it was called „In a Grove“, which is essentially an account of a rape and murder told from six different and conflicting perspectives. It’s stayed with me ever since.“

Vereinsamt in der fremden Stadt, schrieb er in seiner kleinen Wohnung das, was sein erster Roman werden sollte. Er schickte das Manuskript jahrelang herum und bekam nur Ablehnungsschreiben.
Als es dann 1999 als erster Band seiner Yorkshire-Tetralogie doch noch veröffentlicht wurde, war seine Zielsetzung klar: es sollte eine Chronik des politischen Scheiterns werden.

Er blieb in Japan, heiratete eine Japanerin, mit der er zwei Kinder hat. Die Kultur schlug ihn in seinen Bann, insbesondere der Shintoismus. Besonders die Vorstellung, dass Räume von ihren Geistern beherrscht werden, fasziniert ihn und schlägt sich in seiner Literatur nieder.

Ein weiterer Grund bestätigt ihn darin, sich mit der japanischen Zeitgeschichte zu befassen: „for obvious reasons not too much interest in the 20th century for most people here.“ Das gilt bis hinauf zur Regierung, wie sich hervorstechend an dem Vorgängerroman TOKIO, BESETZTE STADT über die gigantischen bio-chemischen und Folter-Verbrechen der Unit 731 festmachen lässt: Die japanische Regierung leugnete die Existenz der Einheit 731 bis in die späten 1990er Jahre, verweigert bis heute eine Erörterung ihrer Taten und hält entsprechendes Archivmaterial unter Verschluss.

„I was drawn to writing about individuals and societies in moments that are often extreme, and often at times of defeat, be they personal or broader, or both.”

Sein Stil scheint auch durch seine jugendliche “Musikkarriere” beeinflusst. Er war Sänger in einer Pub-Band und schrieb auch die Lyrics. “- and then there was an obsession with Joy Division, and all that, dead poets…
But while people a little older than me were radicalised by the Clash, I was de-radicalised by the Sisters of Mercy, and became more interested in clubs and going out drinking. That said, by the time of the miners‘ strike, there was never any question of not supporting them, and my band played benefit gigs.“

Um seine historischen Perspektiven zu vertiefen, benutzt Peace ein selten gebräuchliches Stilmittel: Er setzt keine Zitat- oder Anführungszeichen. Wahrscheinlich um den Dialog nicht aus dem historischen Fluss zu reißen und somit weniger gegenwärtig erscheinen zu lassen. Den Verzicht auf Anführungszeichen findet man ebenfalls bei Cormac McCarthy oder William Gray.

Der Peace-Fan Mark Fisher beschrieb dessen Arbeitsweise oder Stil so:

„Peace stellte die Dramatik wieder her, indem er alles im Nachhinein gewonnene Wissen ausschließt. Die Ereignisse treten einem entgegen, wie als würden sie zum ersten Mal geschehen, und zwar ohne den lindernden Schutzschild eines allwissenden Erzählers.“

Auch der Noveau Roman dürfte ihn beeinflusst haben, dessen Maxime war ja die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der angeblich unbefriedigenden Darstellung im Roman. Peace scheint da Michel Butors Forderung einer „kritischen Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“ zu folgen. Als Strategie hatte Jean Ricardou gefordert, aus dem Roman „das Abenteuer des Berichtens“ zu machen und „Den modernen Text lesen heißt, nicht einer Illusion von Wirklichkeit anheimzufallen, sondern der Wirklichkeit des Textes Aufmerksamkeit zu schenken“.

Entscheidend für sein frühes Werk nennt David Peace den Eindruck, den der Stakkato-Stil in WHITE JAZZ von James Ellroy bei ihm hinterlassen hat. Mit Ellroys Idiosynkrasie verbindet ihn auch die eigenwillige Synthese aus Fakten & Fiktion zu einer Art konspirativen Zeitgeschichtsinterpretation (dies ist keinesfalls abwertend gemeint, insbesondere angesichts der verlogenen und verschweigenden „offiziellen“ Geschichtsdarstellungen).

„White Jazz was the Sex Pistols for me. It reinvented crime writing and I realised that, if you want to write the best crime book, then you have to write better than Ellroy.“

Was sie unterscheidet, sind die politischen Haltungen: Ellroy ist ein Reaktionär, Peace ein Linker.

Er selbst beschreibt seine (gelegentliche) Arbeitsweise so: „My wife isn’t a fluent English speaker. Perhaps that has made a difference to how I write. What I do know is I walk round this room and say everything out loud over and over to get it right. Or sometimes I’ll get a kind of obsession where you will have to have in a sentence the first word as six letters, the second as five, the third as four and so on. Mad stuff.“

Im Vergleich zu den Yorkshire-Romanen wirkt TOKIO, NEUE STADT relativ konventionell erzählt, obwohl unter der Oberfläche alles lauert, was Peace zu einem unkonventionellen Schriftsteller macht.

In einem SPIEGEL ONLINE-Interview sagte Peace, dass er insgesamt 12 Romane zu schreiben gedenke, „weil mir das vor einigen Jahren klar wurde. Ich habe für alle Romane die Themen, ja sogar schon die unterzeichneten Verträge.“



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Peace: „Die großen Kriege der Gegenwart wurden von Menschen wie George W. Bush oder Tony Blair in Auftrag gegeben. Männern, die selbst nie einen Krieg erlebt haben und für die solche Gräuel deshalb abstrakt sind.
Herrn Kodaira aus „Tokio im Jahr Null“ hat es ja genau so gegeben. Er ging in Japan zur Armee und wütete schlimm in China, vergewaltigte, mordete und bekam daheim Orden. In Tokio mordete er weiter. Als das alles aufflog, richteten sie ihn hin.“



DUNKLE TAGE IM BAYOU – JAMES LEE BURKES 15. ROBICHEAUX-ROMAN by Martin Compart

To my mind, every good novel is a mystery.
To me the crime novel is actually the noir
novel of the 1930s and ‘40s. Those books—and
those films—are about the maturing of
America, class war, growth of the unions,
coming of the mob. It is all the story of America.

However, I would say that the setting of all my
stories is Golgotha. Not in a way that is morbid.
Instead, the story of Jesus is about the struggle
of the oppressed, the poor…
Everything I’ve written includes the story of
Golgotha, and also the search for the Grail.

James Lee Burke

Als eine Frau namens Trish Klein in aufgewühltem Zustand in New Iberia auftaucht, stellt Dave Robicheaux fest, dass es sich dabei um die Tochter von Dallas Klein handelt – seinem Freund aus dem Vietnamkrieg, für dessen Tod er sich bis heute schuldig fühlt. Kaum angekommen, schließt Trish zweifelhafte Deals in Casinos ab. Der Verdacht kommt auf, dass sie in Wahrheit einen viel größeren Coup plant. Kann es sein, dass Trish den Mord an ihrem Vater rächen will? Und was hat sie mit dem angeblichen Selbstmord einer jungen Studentin zu tun? Um den Fall aufzuklären, muss Robicheaux sich endlich seinen Schuldgefühlen stellen.

Dunkle Tage im Iberia Parish

Original: Pegasus Descending
Übersetzt von NORBERT JAKOBER
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
480 Seiten, Klappenbroschur, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-745-1
Auch als eBook erhältlich.

Es muss einem Respekt abverlangen, wie sich Günther Butkus mit dem Pendragon-Verlag bei James Lee Burke reinhängt.

Seit dem Start bei Ullstein hat der Autor mehrmals seine deutschen Verlage gewechselt und bei uns nie den Erfolg gehabt, den man sich erhoffte.
Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Burke verhältnismäßig dicke Bücher schreibt und somit die Kalkulation erschwert. Hinzu kommt, dass er nicht einfach zu übersetzen ist mit seiner Besessenheit von Fauna- und Landschaftsbeschreibungen. Da muss man schon gute Übersetzer verpflichten.

Das größte Manko für Burke und andere Hochkaliber des Genres ist das deutsche Krimi-Publikum. Seit Anfang des Jahrtausends (manche Kenner der Szene datieren den Dammbruch bereits auf die 1990er Jahre) ist der Niedergang des Publikumsgeschmacks unübersichtlich und scheint sich alle paar Jahre zu potenzieren. Wer Charlotte Link oder Sebastian Fitzeck in die Bestsellerliste kauft, bevorzugt leblosen Schwachsinn im restringierten Code und würde von Autoren wie Burke über die Belastungsgrenze ihres Verstandes herausgeführt.

Ich hatte mich vor einigen Jahren ein wenig satt gelesen an Burke. Hätte Chandler über zwanzig Marlowe-Romane geschrieben, wäre sicherlich derselbe Effekt eingetreten. Aber nun bekam ich doch wieder große Lust darauf, den alten Freund Robicheaux zu besuchen – und ich bereue es nicht! Viel zu oft habe ich mich in den letzten Jahren auf schlechte bis mittelmäßige Neuerscheinungen eingelassen, die dann nach 50 Seiten in die Tonne gekloppt wurden.

Burke schreibt labyrinthische Plots, vollgepackt mit ungewöhnlichen Charakteren, angesiedelt (meistens) in Louisiana. Manchmal erschreckend, wie seine Geschichten unter die Oberfläche dringen (vorwiegend duch die Charaktere) und tief sitzende Ängste aufwühlen. Wie schon bei Ross Macdonald sorgen die Geister der Vergangenheit für Gefahren der Gegenwart.

Dieser 15.Roman der Serie spielt unmittelbar vor Hurricane Katrina, den er voller Wut über das Versagen von Politik und Administration im Folgeband (STURM ÜBER NEW ORLEANS) thematisiert. In DUNKLE TAGE IM IBERIA PARISH brauen sich die Stürme über dem Atlantik zusammen und iIm Epilog bezieht sich Burke bereits auf die verheerenden Auswirkungen dieser Katastrophe, in der ein Hurrikan die Stadt New Orleans schredderte.

Der Roman beginnt mit einem hinreißenden Rückblick auf die frühen 1980er Jahre, als Robicheaux durch ein Austauschprogramm befristet für die Mordkommission des Miami Police Department arbeitet. Seine Sauferei ist mitschuld daran, dass er nicht die Tötung seines Vietnamkameraden Dallas Klein verhindert.

Ein weiterer Eintrag in Daves üppigem Schuldkonto. Robicheaux war immer ein Gefangener seiner Vergangenheit, aber wohl nie so intensiv wie in diesem Roman.

Wehmütig denkt er auch über seine Stadt, dem Big Easy, nach:

„Nicht wie es heute war, sondern von der Stadt, in der Clete und ich als junge Polizisten im Streifenwage unterwegs waren oder, mit einem Schlagstock bewaffnet, zu Fuß unsere Runde drehten. Es war eine Zeit, in der die Stadt in ihrer provinziellen Unschuld vor allem die Black Panthers fürchtete, oder langhaarige Kerle in Sandalen.

Das war bevor in den Achtzigerjahren Crack in der Stadt einschlug wie eine Wasserstoffbombe und die Regierung in Washington den Bundeszuschuss um die Hälfte kürzte.

Erstaunlicherweise herrschte bis in die 1970er eine genusselige Ruhe, die auf einem Pakt zwischen dem Teufel und der Justiz beruhte… Das French Quarter war der Goldesel der Stadt. Wer sich an einem Touristen oder einem älteren Menschen vergriff, wurde aus dem Verkehr gezogen… wer ein Kind belästigte, wurde halbtot geprügelt und an der Bezirksgrenze bei hoher Geschwindigkeit aus einem Polizeiwagen geworfen – und das auch nur, wenn er Glück hatte…

Das traditionelle New Orleans war wie ein Stück Südamerika, das vom Kontinent abgetrennt, von Passwinden über die Karibik herübergeweht worden war und am Südrand der Vereinigten Staaten angedockt hatte.“

Es ist ein Kriminalroman, der auch eine Eloge an Burkes geliebtes New Orleans und die Bayous ist; voller Melancholie und Zynismus.

Für seine „Southern Gothics“ gilt, was Leslie Fiedler über den Roman des Südens schrieb: „… dass der Roman des Südens ganz anders als der aus dem Norden das Melodramatische niemals zu umgehen versucht, sondern geradezu auf bluttriefende Handlungen versessen ist… und die sich mit Vorliebe im schwülen Klima eines `langen, heißen Sommers´ abspielen, vor der Kulisse von Fiebersümpfen…“ (Leslie Fiedler: THE RETURN OF THE VANISHING AMERICAN, 1968)

Aktuell hat Burke innerhalb der Robicheaux-Serie eine „Trilogie des Bösen“, wie er sie nennt, geschrieben:

„The last three books, including A Private Cathedral, comprise a trilogy. They tell a story that, I believe, has been in the making in the United States for a number of years.
That is the coming of a truly dark figure waiting in the wings. For many years we’ve been messing around fascism. We came close to it with Nixon, and later on we had the Bush administration, which I believe will go down as one of the worst. And then Trump…

But this is the first time that I’ve tried to write with an element of fantasy or science fiction, in terms of the time traveler.”

“I believe this is the century that will determine if we survive as a species.
That begins with global warming. Then, there is the recreation of colonialism, or what we could call, “neo-colonialism.” We are seeing the resurgence of a menace we thought we had left behind. Nationalism is growing stronger every day. There are white nationalists within the Trump administration, exerting an influence on national policy. The urgency of the threat has permeated into the writing.”

James Lee Burke ist einer der besten Gegenwartsliteraten und eine der angenehmsten und wichtigsten Stimmen der US-Literatur. Kriminalliterarisch hat er längst Klassikerstatus.

Und ich werde nicht mehr viel Zeit verstreichen lassen, um den nächsten Burke-Roman zu lesen.

Vielleicht noch eine Woche…

Ein Song, der zu Robicheaux passt:



DIE ERBÄRMLICHKEIT ALLER STREAMINGDIENSTE… by Martin Compart
17. April 2021, 6:21 pm
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… beruht auf ihrer an Dämlichkeit in der menschlichen Kulturgeschichte unübertroffenen Präsentation ihres Produkts. Die immer gleichen Floskeln, gepaart mit Nicht-Informationen, verhindern eine interessierte Ansteuerung. Über kurz oder lang wird sich neben digital-strukturellen Komfort (muss ich bei jeder Folge in folge einen Alterscode eingeben und kann „was bisher geschah“ nicht wegdrücken) daran mitentscheiden, welcher Streamingdienst erfolgreich im Markt sein/bleiben wird.

Momentan sind  alle auf demselben Idiotenniveau.

Wahrscheinlich werden die deutschen Texte dieser zweizeiligen  inhaltslosen Präsentationen nebenbei von Springer- oder Burda-Idioten, oder wie sie alle heißen, gemacht, immer auf der Suche nach einem Zubrot für ihre überflüssige Existenzsicherung.

 

Um einen Claim der webungsfinanzierten Verblödungssender zu zitieren: SO SIEHTS AUS:

„In dieser dauernd preisgekrönten Serie muss die Heldin alles geben um ihre Lieben/Menschheit/Kosmos/Haustier/Beziehung zu retten.“

„In dieser preiswürdigen Krimi-Serie wird die alleinerziehende/unter Schwachsinn leidende/gelähmte/hyperaktive Kommissarin in ihr Heimatdorf in der Nähe des Golf-Stroms versetzt, wo ihr Vater wohnt, und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.“

„Ausgezeichnet mit internationalen Preisen und voll mit großen Stars. Es steht schon fest: Es wird eine 2. Staffel geben.“

„Sie war eine erfolglose Influencerin, dann wurde sie von einem radioaktiven Buddhisten vom Mars gebissen, bekam Superkräfte und zeigte es allen.“

„In dieser unglaublich guten deutschen Serie, die es mit internationalen Standards aufnehmen kann und keinen Vergleich mit LINDENSTRASSE, BONANZA oder DER PATE 3 scheuen muss, wird ein fränkischer Transvestit Ministerpräsident und verirrt sich im Wald.“

„Eine Frau sucht sich selbst und findet die Autobahnausfahrt. Ab Freitag: die 5.Staffel.“



JAGGERS NEUER SONG by Martin Compart
17. April 2021, 11:15 am
Filed under: MUSIK | Schlagwörter: ,



DER TASMANISCHE TEUFEL ERZÄHLT by Martin Compart
9. April 2021, 2:16 pm
Filed under: ERROL FLYNN, Film, Porträt, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

Errol Leslie Thomson Flynn (1909-58) hatte viel von einem Anti-Helden aus einem Roman von Ernest Hemingway.

Flynns Leben war aufregender als die meisten seiner Filme (von denen er keine sehr hohe Meinung hatte).

Bücher über Flynn sind schon sowas wie ein eigenes Genre. In den letzten zwanzig Jahren hat das Interesse an dem einst größten Film-Star der Welt wieder zugenommen.
Es gibt sogar einen interessanten Blog über ihn, in dem die irrwitzigsten Details und alle Aspekte seines Lebens beleuchtet werden: https://www.theerrolflynnblog.com .
Manche dieser Flynn-Bücher sind so begehrt, dass sie inzwischen für Summen zwischen 100 und 400 Dollar gehandelt werden.

Das schönste Errol Flynn-Buch ist von Errol Flynn – seine Autobiographie MY WICKED WICKED WAYS.
Angeblich hat es Flynn dem Ghost Writer Earl Conrad auf Jamaica von August bis Oktober 1958 diktiert. Vertrauenswürdigen Quellen nach war Conrad allerdings dauernd betrunken oder jagte Frauen nach.
Als Vorschuss erhielt Flynn vom Verlag Putnam 9000 Dollar. Von dem Buch sind schon bis in die 1970er Jahre über eine Million Exemplare verkauft worden.

2005 legte Aurum Press das Buch mit einer Einführung des Filmhistorikers Jeffrey Meyers neu auf. Veröffentlicht ist der unzensierte Originaltext, denn der wurde in früheren Ausgaben um einiges gekürzt, da die Verlage meinten, einiges sei zu „hart“, um es dem zeitgenössischen Publikum zuzumuten.
Überraschend ist die Qualität des Textes, die Errol Flynn als überraschend brillanten Schriftsteller zeigt. Inzwischen gilt MY WICKED WICKED WAYS neben dem Werk von David Niven als die beste Autobiographie, die je von einem Schauspieler verfasst wurde.

Kein Wunder, dass die Kritik zur Neuauflage euphorisch reagierte:
„Flynn set the record straight and is brutally honest in his posthumously published self-portrait. This restored version of the 1959 original contains numerous passages deleted from earlier editions for fear of lawsuits—he was equally brutal in his portrayal of many Hollywood big shots—plus eight pages of photos and a new introduction by biographer Jeffrey Meyers.“ – Library Journal

„Incredibly absorbing… Just as in life, Flynn spares himself nothing—and from his book emerges the same roguish charm that endeared his celluloid incarnation to millions.“ – Saturday Review

Die Geschmackvollste erschien in The Guardian:

„This is a major autobiography in the tradition of Cellini, Casanova, and Frank Harris. Perhaps it is not the book to leave alone in the house with your daughter, but Flynn was not the man to leave in the house with your daughter.”

Dem kann ich nur zustimmen: eines der besten und aufregendsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Unbegreiflich, dass es das Buch nicht auf deutsch gibt. Denn auch bei uns ist Errol Flynn inzwischen kult (bei uns hat sich sogar eine Punk-Band nach ihm benannt; siehe den Link weiter unten).

Flynn soff, prügelte sich, kiffte, strich Kokain auf seinen Schwanz und vögelte sich um den Planeten. „I have been in rebellion against God and government ever since I can remember,”

Schon über den kleinen Errol hatte seine Mutter gesagt: ”A devil in boy’s clothing,”

Er war Mitglied einer Jugendgang in Sidney, Abenteurer in Neu-Guinea, Seefahrer, Manager einer Plantage, und… und… und.

Nicht immer stimmt das so alles, wie er es erzählt, sagt der Filmhistoriker Jeffrey Myers in seinem Vorwort. Manches ließ er aus, ungeklärt, ob er es vergessen oder verdrängt hatte (etwa der öffentliche Faustkampf mit John Huston). Bei diesem ungewöhnlichen Leben voller Drogenkonsum verschwamm wohl während der Aufzeichnung ein Jahr vor dem Tod einiges zwischen Realität, gestörten Erinnerungen und Phantasie. Wer sich so intensiv zwischen Natur, wilden Tieren (die er von klein auf liebte), Kriegen (er war als Reporter im chinesisch-japanischen Krieg und im Spanischen Bürgerkrieg) und dem Luxus der Glamour-Industrie herumtreibt, der kann an den Widersprüchen kaputt gehen.
Außerdem lebte der Autor lange, lange Zeit in der Hauptstadt der Lügen (wo man nicht mal davor zurück schreckt, Adam Sandler als Schauspieler zu bezeichnen).

Er lässt kaum ein gutes Haar am Filmgeschäft, versucht sich aber in keinster Weise als strahlender Held darzustellen. Eher im Gegenteil. Dabei zeigt er sich – ob nun im Diktat oder in seinem schriftlichen Lektorat – als glänzender Schriftsteller, dessen Ironie und Zynismus entwaffnend ist.

Er ist sich selbst gegenüber von brutaler Ehrlichkeit. Flynn wollte Schriftsteller werden: Bereits 1937 legte er mit BEAM ENDS einen Roman vor, der auf seinen Erlebnissen in Neu-Guinea beruhte; der Abenteuerroman SHOWDOWN folgte 1946. Darüber sagte er einmal: „Schreiben ist viel härter als Filme drehen. Wenn ich lese, was ich am Vortag geschrieben habe, könnte ich manchmal kotzen.“

Auch als Journalist hat er gearbeitet und zum Beispiel über die republikanische Seite im Spanischen Bürgerkrieg berichtet.

Es wimmelt nur von unglaublichen Anekdoten: Welcher Mann hat je seine zweite Frau bei seinem ersten Vergewaltigungs-Prozess kennengelernt (Verführung Minderjähriger – also unter 18 Jahren – wurde damals generell als Vergewaltigung geahndet)?

Gleich im ersten Kapitel berichtet er, wie er Anfang der 1950er Jahre pleite war (die acht Millionen Dollar, die er seit 1934 bei Warner Brothers verdient hatte, waren nicht nur verprasst, sondern von seinem Finanzverwalter veruntreut worden). Schweren Herzens verkauft er seinen Gaugin und kommentiert: „Paintings seem to be just loaned to you. The longest you can have a painting is your own lifetime. You stop, but the painting goes on – if it is one that is worth going on.”

Manchmal liest es sich, als würde ein betrunkener James Crumley Abenteuer- und Hollywood-Geschichten erzählen. Selbstzerstörerisch und lebensgeil zugleich ging er seinen Weg, der jeden Moralapostel zurück in die Kirchen treiben würde Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick oder inneren Frieden endete er finanziell und gesundheitlich ruiniert, geplagt von Selbstmordgedanken. Aber da er sich nicht wirklich ernst nahm, rang er allem etwas ab – voller Ironie und Sarkasmus für seine Art zu leben.
„Jeder, der einen Dollar zurücklässt, ist ein Versager.“

In den 1950ern verwelkte der tasmanische Teufel dramatisch.

Er drehte keine Hollywood-Blockbuster mehr mit ihm als Star, sondern internationale B-Picture, die seine schwindende Prominenz ausnutzten.
Aber er tauchte auch als Neben- oder Hauptdarsteller in einigen großartigen Filmen auf: THE ROOTS OF HEAVEN (1958) von John Huston nach Romain Gary oder THE SUN ALSO RISES (1957) von Henry King nach Hemingway.
Als seine beste Leistung gilt die Darstellung eines Alkoholikers in TO MUCH, TOO SOON (1958). „Das war leicht. Ich musste nur ich selber sein.“

In all den späten Filmen kann man sehen, was für ein bemerkenswerter Schauspieler Flynn war, der sich zu Recht beklagt hatte, dass Jack Warner ihn „immer nur in Strumpfhosen gesteckt hatte“.

Nicht seine Affären (oder seine Freundschaft mit dem Nazi Herrmann Erben, den er als Reporter mit in den Spanischen Bürgerkrieg mitnahm und von dessen Parteizugehörigkeit Flynn nichtd wusste) brachen Flynn in Hollywood endgültig das Genick, sondern seine Sympathien für Fidel Castro. In Wikipedia wird das zusammengefasst:

Beispielhaft war rückblickend auch der vom Fernsehsender Arte im April 2007 als deutsch-französische Erstausstrahlung gesendete Film Die Wahrheit über Fidel Castros Revolution, der bis zu diesem Zeitpunkt unbeachtet in den „Giftschränken“ Hollywoods ruhte. Flynn befand sich auf Kuba, als Fidel Castro seine Revolution in dem Inselstaat begann. Statt Kuba fluchtartig zu verlassen, beschloss Flynn, die gesellschaftliche Umwälzung auf der Insel gemeinsam mit seinem Freund, dem Regisseur Victor Pahlen, filmisch zu dokumentieren. Offensichtlich tief beeindruckt vom Idealismus und der Energie des Revolutionsführers Fidel Castro, erzählt Flynn auf sehr persönliche Weise seine Sicht auf die kubanische Geschichte. Auch in seiner Autobiografie und im kanadischen Fernsehen gab er seiner Bewunderung für Castro Ausdruck, den er als seinen Freund bezeichnete.“

In dem Film sagt Flynn, er hoffe, die Kubanische Revolution sei der Beginn der Vernichtung aller lateinamerikanischer Diktaturen, und er wünsche allen jungen Revolutionären viel Kraft.

Der Mann wusste, wie man sich im State Department oder bei der United Fruit Company Freunde macht.

Bis zum Schluss war er der Hellraiser, der selbst Hollywood überforderte.

Und nach der Lektüre der Autobiographie steht fest:
„There will never be another one like you.”


https://www.errolflynn.de


Flynns Sohn Sean war u.a.Kriegsfotograf und ist einer der Vermissten des Vietnamkrieges.



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart



DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET – DER FILM by Martin Compart

Der Film-& Hörspielverlag PIDAX ist bekanntlich immer für Überraschungen und Neuentdeckungen gut! Diesmal überrascht er mich mit der DVD der Yukio Mishima Verfilmung DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET (https://martincompart.wordpress.com/2018/04/10/klassiker-des-noir-romans-der-seemann-der-die-see-verriet-von-yukio-mishima/) von 1976. Leider gibt es kein nennenswertes Zusatzmaterial, aber Ton- und /Bildqualität sind exzellent!

Bei uns kam der Film unter dem hirnrissigen Melodram-Titel DER WEG ALLEN FLEISCHES kurz in die Kinos. Regie führte Lewis John Carlino (1932-2020); der dürfte den Noir-Fans vor allem durch sein Drehbuch zu THE MECHANIC (KALTER HAUCH) bekannt sein. Er adaptierte dieses auch zu einem lesenswerten Roman.

Carlino, der auch das Drehbuch schrieb, überführte Mishimas komplexen Roman aus Japan nach England (Darthmouth in Devon ist beeindruckend abgefilmt) und versuchte die vielschichtige Mentalität der Jugendlichen, die in der Vorlage untrennbar in den Auswüchsen der Samurai-Kultur verwurzelt ist, in vulgär-nietzscheanische Vorstellungen zu übertragen. Heraus kam eine Art Psychogramm einer Jugendgang. Im Vergleich dazu wirken die Kinder aus HERR DER FLIEGEN wie brave Pfadfinder.

Herausragend, neben den jugendlichen Darstellern, ist Sarah Miles, die sich souverän auf Sex-Szenen einließ, die für damalige Kino-Normen mutig und ungewöhnlich waren (obwohl die billige Soft-Porno-Welle durch die Filmtheater tobte und harcore porn, zumindest in den USA, den Schmuddelkinos entkommen war).

MEDIENNERD hat sehr schön zusammengefasst, wie der Film auf jemanden wirken kann, der ihn unbelastet von der Lektüre der Romanvorlage sieht:

„Bei diesem Film dachte ich mir, dass ich den unbedingt sehen muss, weil die Zusammenfassung schon so spannend klang und ich wurde nicht enttäuscht. Der Film war richtig spannend und auch stellenweise sehr verstörend in Szenen wenn der Junge seiner Mutter zuschaut wie sie sich selbst befriedigt. Aber am krassesten war die Szene wo die Jugendlichen zusammen die Katze… ich will es hier nicht weit vorweggreifen oder euch zu sehr spoilern, aber ich will so viel sagen: Ich schaue selten bei Filmen weg, weil mich etwas entsetzt. Hier habe ich das getan und das zeigt mir, dass der Film richtig gut umgesetzt war, wenn die Schranke zwischen Film und wirklicher Wahrnehmung schwindet. Ich kann euch also sehr empfehlen hier einmal reinzuschauen, ein einfach nur krasser Film.“ (https://mediennerd.de/der-weg-allen-fleisches/)