Martin Compart


2000 LIGHTYEATS FROM HOME jetzt auch als eBook by Martin Compart

Mit dem Bonus-Track: DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL – ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER.

Aus dem Bonus-Track:

LOCCUM

Nach dem ersten Treffen im Juli oder August 1982 legte die
Krimi-Tagung in Loccum die Grundlagen für unsere
Freundschaft (Jörg schrieb einen bösen Bericht darüber als
LEICHENSCHMAUS IN LOCCUM für „TransAtlantik“ in
Nr.3/1983).
Man kennt jemanden erst, wenn man weiß, was er will.
Deshalb haben sich Jörg und ich unter den verschärften
Bedingungen in Loccum schnell erkannt. Die Schnittmenge von
dem, was wir beide wollten, war extrem hoch.
Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne
die Krimiszene zu Tagungen in ostblockartige Farblosigkeit ein,
deren inhaltliche Öde durch abendliche Trinkgelage kompensiert
wurde. Hier trafen sich überwiegend Autoren der bescheidenen
Kategorie zu lärmender Ausgelassenheit und stupiden Katerforen.
Da rannten sie dann ein paar Tage wild onanierend durch
die Gegend. Jeder davon ehrlich überzeugt, dass ihm der
Kardinalshut gebührt.
Für den sogenannten „Sozio-Krimi“ fanden wir beide
wenige gute Worte. Jörg noch weniger als ich, der sich darüber
freute, dass sich überhaupt was in dieser verschnarchten
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Literaturlandschaft tat. Eine Haltung, die mir aber bald verloren
gehen sollte.
Die meisten Romane waren einfach zu schlecht geschrieben,
und brave Gesinnung ist für Literatur nicht ausreichend.
Sicherlich gab es das eine und andere herausragende Werk von
Friedhelm Werremeier oder Michael Molsner, das Gnade vor
unserer arroganten Poetik fand. Aber der die deutschsprachige
Kriminalliteratur dominierende Sozio-Krimi hatte sich seit den
1970ern zügig zum abschreckenden Klischee entwickelt. Nicht
gerade ein Feindbild, aber ein redundantes Konzept, erfüllt von
eher drittklassigen Autoren. Eine aufs Ganze gesehen recht trübe
Literatur.
In weiser Voraussicht hatte man uns in einem unbewohnten
Seitenflügel ausquartiert, zwei karge Klausen zugewiesen, die
unserem Außenseiterstatus entsprachen.
Als frischgebackener Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den
meisten anwesenden Deutschschreibern gleich mal meine
Popularität auf null gebracht, indem ich kategorisch verkündete,
dass ich keine deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe
machen würde, solange mir angelsächsische Weltklasse zur
Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er
hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen. Was da
rumschlich und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete,
waren die Gründerväter einer Organisation namens „Syndikat“,
die angebliche Krimiautoren vertrat. Der Verein schadete
ähnlich stark wie die „Gruppe 47“. Jörg verachtete diese
sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine
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Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben
sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen und
damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit erreicht. Wenn
der Kadaver lang genug gefahrlos gesiecht ist, kommen die
Aasfresser. In der deutschen Kleinliteraturszene beanspruchen
sie weniger das Fleisch, von dem sie lernen könnten, als den
vermuteten Geist, der ihren übersteigt.
Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf dem
Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits wahrgenommen zu werden.
In seinem Essay:
„Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und
toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer
Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die
Kneipe.“

Der Star der Veranstaltung war – zumindest für Jörg und
mich – der legendäre Rowohlt-Thriller-Herausgeber Richard K.
Flesch. Er hatte seine Reihe zur innovativsten der 1970er Jahre
gemacht. Jörg und ich waren Fans von ihm, schon wegen seiner
zynischen Autorensicht. Angesprochen auf einen anwesenden
schlimmen Autor, dessen Bücher und Drehbücher bis vor
kurzem kaum erträgliches abgeliefert haben (nein, nicht Felix
Huby), meinte Fleschi:
„Ich kann ihn nicht rausschmeißen. Er schenkt mir jedes
Jahr zu Weihnachten ein Kistchen sehr guten Whisky.“

Ich hatte außerdem wunderbare Erinnerungen an ihn, da er
als einer der ersten Profis, die Arbeitsgemeinschaft
Kriminalliteratur unterstützte. Er sorgte sogar dafür, dass uns Rowohlt
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eine Schreibmaschine spendete, als unsere verreckt war. In
gewisser Hinsicht war das die Gründung des deutschen KrimiFandoms,
dass er stützte.
Richie hatte fast ununterbrochen zwischen den Podiumsdiskussionen Interviewtermine. Jörg und ich hingen da nur so
ein wenig herum. Zwischen zwei Terminen kam er dann gerne
zu uns, hielt seinen Kaffeebecher hin und sprach: „Habt ihr
noch einen Schluck Whisky? Ich fasel hier seit Stunden immer
denselben Mist in irgendwelche Mikrofone.“
Zu dem Zeitpunkt
stand Fleschis Renteneintritt bereits fest, und Bernd Jost war
schon in Reinbeck, um zu übernehmen.
Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen,
überließen wir die Fachleute weitgehend ihrem Elend. Jörg,
Peter Schmidt (damals einziger deutscher Autor der Ullstein
Krimis, noch von Jost eingekauft und folgerichtig dann zu
Rowohlt gewechselt) und ich erkundeten lieber die geringe
örtliche Gastronomie.
Schmitti und Jörg bekundeten in der Dorfkneipe mit der
Kühnheit und Autorität der Wissenden lauthals ihre
John-leCarré-Bewunderung.
Jörg: „Hier fielen drei, vier fremde Herren
nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis auf
Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten,
wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen: Greene!
Oder: Himes! Oder: le Carré!“

Das war wohl der Tag der Zeugung der GRUPPE
OBERBAUMBRÜCKE, die etwa neun Monate später zur Welt
kam.
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Beim Auspacken hatte ich mitbekommen, dass Jörg vorausschauend
zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte
uns über den ersten Tag (wir teilten ja auch brüderlich mit
Flesch und dem einen oder anderen). In der Nacht darauf ging
uns der Stoff aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos
nuckelte ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum
Plündern aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky
zurück.
Wie hatte er das wieder hingekriegt?
Er schrieb nicht nur wie kein zweiter deutscher Autor, er
löste auch Logistikprobleme mit links. Später haben Schmidt
und ich es aus ihm rausgelockt. Jörg war durch ein offenes
Fenster in die bereits geschlossene Dorfkneipe eingestiegen,
hatte Licht gemacht und dann lautstark Bedienung eingefordert.
Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug aus dem ersten Stock
heruntergetapert und hatte ihm anstandslos eine Pulle verkauft.
Wenn Jörg Durst hatte, gab es keine Mauern.
In Loccum hatten wir auch unseren ersten Streit. Wir
gerieten uns wegen Patricia Highsmith in die Wolle. Für Jörg
war das nur Psychokram. Für mich die Göttin des dunkelsten
Psycho-Thrillers. „In meiner Gegenwart pisst man niemanden
aus meinem Pantheon an – selbst nicht, wenn er dazu gehört.“

Aus Jörgs Sicht klang das so: „Ja, ich erinnere mich noch an die
Szene weit nach Mitternacht, als ich mit einem Lektor, der
ansonsten ganz gescheite Maßstäbe hatte, aneinandergeriet, es
wäre fast zu Tätlichkeiten gekommen, ich: Die Highsmith!
Psychokram! Kunsthandwerk! Er: Phantastisch! Stil! Härte
zehn! Ich: Bornierter Blödsinn! Er: Schreib erst mal was

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Besseres! Da stand uns dann beiden die Lust zum Totschlag in
den Augen, der Killerinstinkt. Freilich hatten wir auch schon
einigen Whisky intus, denn das muß ich Ihnen gestehen, Herr
Prof. Dr. Ermert: So ganz nüchtern läßt sich das Evangelische
leider nicht ertragen.“

P.S.: Der erbärmliche Satzspiegel hier im Blog ist natürlich nicht mit dem im Buch zu vergleichen.

 



Absinth für den Geist by Martin Compart
23. Januar 2014, 10:26 am
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VISIONARIUM Ausgabe 01 erschienen!

Veröffentlicht am Januar 18, 2014 von doc nachtstrom

Lange haben wir getüftelt und geträumt, bis in die Nächte hinein uns den Mund fusslig geredet, Ideen gewälzt, und uns dann ordentlich ins Zeug gelegt – nun präsentieren Bernhard Reicher und ich voller Freude die erste Ausgabe unseres „Magazins für abseitige Phantastik“ – über 100 Seiten hochwertiger Stoff mit handverlesenen Stories von Martin Compart, John Aysa und Christina Scholz, alle extra illustriert von einer ganzen Riege von namhaften Künstlern (wir freuen uns besonders darüber, Perry Rhodan-Zeichner Michael Wittmann für diese und künftige Großtaten mit an Bord zu haben!) und den entsprechenden Artikeln dazu.

Einfach auf die entsprechenden Links klicken, um die erste Ausgabe von VISIONARIUM als gedrucktes Buch oder E-Book zu bestellen!

Über Feedback freuen wir uns jederzeit auf der entsprechenden Facebook-Page!

Dr. Nachtstrom, Herausgeber

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WORK IN PROGRESS: DIE GOMORRHA DEPESCHE by Martin Compart

Der nächste Gill-Roman, DIE GOMORRHA DEPESCHE, schließt direkt an DIE LUCIFER CONNECTION an. Er spielt zum Teil auf dem Balkan (im früheren Jugoslawien) und ich will u.a. versuchen, den Serben mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unsere einseitige Berichterstattung hat dieses Volk zu Bad Guys gemacht und nie in derselben Form die Grausamkeiten der anderen Kriegsparteien dargestellt (mal ganz abgesehen von den Unwahrheiten von Scharping, Proll-Gert, Fischer & Co, die fatal an die Irak-Kriegs-Lügen erinnern).

Ich war nun einige Male in unterschiedlichen Regionen Ex-Jugoslawiens und habe fast ausschließlich positive Eindrücke abgespeichert. Ich habe nie einen Serben getroffen, der mir und meiner Generation die Verbrechen der deutschen Nazis vorgeworfen hatte. Jetzt könnten sie es: Wie Hitler die kroatischen Faschisten der Ustascha beim Völkermord an den Serben unterstützte, sorgte fataler Weise ein widerwärtiger deutscher Außenminister, Hans- Dietrich Genscher, für die Eskalation des zerfallenden Jugoslawien indem er Kroatien staatlich anerkannte (damit sie legitim Waffen einkaufen konnten – vorzugsweise bei deutschen Händlern des Todes).

Es geht nicht darum, die Serben rein zu waschen. Zarkan1[1]u viele serbische Mordbrenner (wie der von Oberganoven Milosevic eingesetzte Arkan) haben ihr Unwesen getrieben und auch das eigene Volk ausgebeutet und zerfleischt. Aber das es heute Mafia-Staaten wie Montenegro, Albanien oder den Kosovo gibt, kann man ihnen nicht in die Schuhe schieben. Diese Leistung dürfen EU-Europäer und Amerikaner für sich verbuchen. Der gesamte Balkan versinkt inzwischen in übelster organisierter Kriminalität, die dank der Banken ihr kriminell erwirtschaftetes Geld waschen kann um es dann in den „legalen“ Finanzmarkt einzuspeisen. Mit dem ganzen schmutzigen Geld, das unsere immer rettungswürdigen Banken seit Jahren anlegen, könnte man Griechenland, Spanien und Portugal locker entschulden und aus Schwarzafrika einen Sozialstaat machen. Aber es ist politisch ja gar nicht erwünscht, Drogenhandel, erzwungene Prostitution oder Kindersklaverei auszurotten. Denn indirekt profitieren davon auch die unfähigen oder bösartigen Kreaturen in den Parlamenten und Parteien. Unser neues Prostitutionsgesetz, für das alle Menschenhändler die Deutschen lieben, hat aus der Bundesrepublik den größten Puff der Welt gemacht (und dafür gesorgt, dass immer mehr Mädchen zum Anschaffen in „dieses, unsere Land“(Altkanzler Kohl) verbracht werden.

Genug ausgekotzt. In der unregelmäßigen Reihe „work in progress“ werde ich gelegentlich Szenen oder Impressionen vorstellen um sie auszuprobieren und vielleicht Diskussionen anzuregen.

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BELGRAD 16:00 UHR

Der junge Serbe starrte mit brennenden Augen durch das schmutzige Fenster des Cafés auf die in grauer Trostlosigkeit dahin fließende Save. Das Café befand sich auf einem angetauten Schiff mit dem Namen 20/44. 20 Grad Ost, 44 Grad Nord, die Koordinaten von Belgrad, und diente nachts als Disco. Dann spielte man übelsten Balkan Pop, Gypsy Groove und Bukowina Dub. Diese Daten waren auch die Zielkoordinaten der Natojets, die ihre Bomben auf Belgrad warfen.

Belgrad ist eine unglückliche Stadt. Hunderte von Jahren wurde sie unregelmäßig von den Türken geplündert, geschleift und zu Klump gehauen.
Im 20.Jahrhundert ist außer Warschau keine andere europäische Stadt so oft bombardiert, gesprengt oder zusammen geschossen worden. Zuerst von den Österreichern, dann von den Nazis, dann von den Alliierten und schließlich von der NATO. Die Nazis zerstörten am Palmsonntag 1941 mit 234 Fliegerangriffen über 700 Gebäude. In ihrer langen tragischen Geschichte haben die Serben nie einen Angriffskrieg geführt. Nur verteidigt gegen Ottomanen, Habsburger, deutsche und kroatische Faschisten, Nato, Kosovo-Separatisten, EU-Bürokraten, die eigene korrupte Regierung und die Gangs.
In den 1990ern wurde Beograd,die „weiße Stadt“ am Rande der Pannonischen Tiefebene, blutig rot, vom Bürgerkrieg und Mafia-Kriegen verwüstet. Beherrscht von korrupten Politikern und verrückten Warlords, die den Schwarzmarkt kontrollierten und Vermögen verdienten, während der Großteil der Bevölkerung am Existenzminimum vegetierte oder vom Hungertod bedroht war. Manche nennen die Stadt „Mordor“.

Heute hat sie 1,6 Millionen Einwohner. Eine verzweifelte Party-Metropole, die auf dem Vulkan tanzt. Ein Paradies der organisierten Kriminalität. Grau und trostlos hockt sie am Zusammenfluss von Donau und Sava. Die hässlichen Betonbauten zwischen noch hässlicheren Hochhäusern und zerbombten Gebäuden geben nur selten einen architektonischen Einblick in die lange Geschichte. Verrostende Ladas und qualmende Busse quälen sich durch die auf und absteigenden Strassen an den Luxuslimousinen mit kugelsicheren Scheiben der Mächtigen vorbei.

Unter der Branko-Brücke, die das alte und das neue Belgrad trennt, vegetieren in aschigen Shanty Towns die Zigeuner. Spärlich gewärmt von brennenden Ölfässern haben sie nur das fettige Flusswasser zum waschen und kochen. Daneben existieren glitzernde Nachtklubs und teure Luxusrestaurants, besucht von Gangsterbossen, die in Festung ähnlichen Villen leben und ohne Rücksicht auf den Verkehr in düsteren Konvois durch die Stadt rasen zu ihren zwielichtigen Geschäftsgesprächen. Oder sich in Luxusdiscos und Edelbordellen vergnügen, in denen die Wohlhabenden herum hängen und ihre sinnlose Existenz betäuben: Gangster, Kriegsgewinnler neben über Reformen plappernden Politikern, Popstars und den schönen Menschenschrott der Armen, die ihnen mit allem dienen um zu überleben. Die Gangster selber waren Pop-Stars. Schwermütiger Nihilismus wechselt sich mit geisteskrankem Frohsinn ab, der nicht über die Nacht hinaus geht.

Darko, so hieß der junge Serbe, zündete sich eine weitere Zigarette an. Rauchverbote gab es in Serbien nominell an Arbeitsplätzen, aber nicht in der Gastronomie. Es war keine Grundvoraussetzung für den von vielen sehnlich angestrebten EU-Beitritt. Außerdem hätte sich keiner mit dem jungen Mann deswegen angelegt. Er war Anfang zwanzig, hatte aber ein viel älteres Gesicht, geprägt von Zorn- und Schmerzfalten. Auf seiner rechten Wange glühten Narben, die unschwer als Folgen von Folter zu erkennen waren. Er verströmte die Energie und Bedrohlichkeit einer tickenden Zeitbombe. Für die anderen hat der Krieg aufgehört als er ein Junge war. Für ihn hat er da erst begonnen. Nach dem Selbstmord seiner Mutter fraß ihn die Düsternis und sein Lebensmotto wurde: „Ich bin alles, was von mir übrig geblieben ist“. Zum Glück gab es genügend Menschen, die er hasste. Sonst hätte ihn sein Selbsthass aufgefressen.

Er sah zu den beiden Männern am Eingang, die ihn durchsucht hatten. Sie gehörten zu Stojan, einem der ganz großen Scheichs der Balkan-Emirate. Er war schon in Mailand dabei gewesen als die Nasa Stvar, die serbische Mafia, zu erster Größe erblühte. Damals musste man noch sklavisch mit Titos Geheimdienst zusammen arbeiten und Exil-Oppositionelle liquidieren. Erst mit dem Bürgerkrieg wurden aus den Bandenchefs Könige. Ob Kroaten, Serben, Bosnier oder Mazedonier – alle arbeiteten über die Konflikte hinaus zusammen um ihre Vermögen zu machen. Die idiotische Politik des Westens gegenüber Serbien hatte die Gangster und korrupten Politiker reich gemacht und alle anderen arm. Stojan hatte das Treffen mit dem Albaner organisiert und für ihre Sicherheit garantiert. Er verließ nur noch selten seine festungsartig gesicherte Villa im Stadtteil Dedinje. Wahrscheinlich gehörte ihm das Disco-Schiff. Ein weiterer Wächter ließ den Kaffee-Automaten zischen um Darkos Espresso aufzubrühen. Er stellte ihn schweigend vor ihn hin. originalslika-10593488[1]

Darko zog ein zerlesenes Taschenbuch aus seiner Lederjacke. GORILA von Dusan Savkovic, geschrieben 1974, war das einzige Buch, das er immer wieder las. Es war das einzige Buch, das er besaß und je gelesen hatte. Es basiert auf dem Leben von Alain Delons ermordeten serbischen Leibwächter Markocvic und ist ein böser, rabenschwarzer Roman, in dem alle Frauen Huren und alle Männer Verbrecher sind. Der Gangster Milutin Dacovic, der Marcovic kannte, sagte, dass die meisten Anekdoten im Roman wahr seien. In ihm gibt es nicht eine positive Figur. Der Roman zeigte die Reichtümer Frankreichs, zu denen man nur durch brutale Gewalt Zugang erhielt – wenn man Serbe und Außenseiter war. Das Buch war wieder in Mode gekommen, weil er das düstere Weltbild der jungen Generation widerspiegelte. Sie war in einem von Dieben und Mördern kontrollierten Land aufgewachsen. Auch Darko gehörte zu diesen jungen Serben, denen alles egal war und denen legale Arbeit kaum Chancen bot. Aber die Flamme seines Hasses brannte heißer. Man hatte nicht wirklich etwas zu verlieren als stolzer Serbe. Die Serben sind das einzige Volk, das aus einer militärischen Niederlage seinen Nationalmythos destilliert hat: Die verlorene Schlacht am Amselfeld gegen die Türken am 28. Juni 1389. Als Vidovan, „heiligerTag“ ist er im Bewusstsein tief verankert. Damals wurde am Kosovo polje Europa verteidigt. Und wie so oft danach, wurden die Serben von Europa im Stich gelassen. Europa hatte sie erniedrigt, zerbombt und gequält. Es war nichts unmoralisches dabei, sich durch organisierte oder andere Kriminalität an Europa zu rächen.

Der abgegriffene Abschiedsbrief seiner Mutter fiel aus dem Buch. Mit zitternden Händen faltete er ihn wohl zum hunderttausendsten Mal auseinander, bedacht darauf, das abgenutzte Papier nicht mit den scharfen Fingernägeln zu beschädigen. „Verzeih mir meine Schwäche, mein Sohn. Egal, wo ich jetzt hingehe, ich werde von dort versuchen, Dich zu beschützen.“
Mein Herz ist tot, dachte er. Daran ist nichts zu ändern. Dafür würde der Mann, der sein Vater war, büßen.

Seine mächtigen Muskeln spannten sich. Er atmete tief durch um das Zittern seines zur Waffe trainierten Körpers zu unterdrücken. Seit seiner Kindheit stemmte er Gewichte und trat Sandsäcke aus den Halterungen. Er war einer der besten Kickboxer des Landes und übte sich auch in anderen Kampfsportarten. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Gang rauchte er nicht, trank keinen Alkohol und ließ die Finger von Drogen oder Psychopharmaka. Auch mit Frauen ließ er sich selten ein. Eine hatte ihm mal gesagt, er vögle, als sei er nicht wirklich interessiert. Darkos Laster war der Adrenalinkick.

Heute rauchte er. Es war ein besonderer Tag, den er sich einprägen wollte.

Der Albaner ließ ihn bewusst warten um zu demonstrieren, wo er in der Hierarchie stand. Betim, der Albaner, hatte viel Geld verdient an dem Handelsembargo gegen Serbien. Die NATO und die Europäer wussten, dass sie mit ihrem Embargo nur Milosevic und den Gangstern halfen und das Land weiter in den Untergang trieben. Entweder war es ihnen egal oder es war gewollt. Über Albanien wurde vor allem das knappe Benzin eingeschmuggelt. Aber vor allem hatte der Albaner mit Milosevic und dessen korrupter Staatsgang ein Vermögen mit Zigaretten gemacht: 1993 waren die Zigaretten so hoch besteuert, dass sie sich kein Serbe mehr leisten konnte. Betim kaufte im Westen en gros für ein paar Cents die Packung beim Hersteller ein und brachte sie nach Rotterdam. Dort wurden sie in ukrainische Flugzeuge verladen und nach Albanien und Montenegro geflogen. Dann wurden die einzelnen Packungen mit gefälschten Steuermarken beklebt, in den Markt geschleust und für zwei bis drei Dollar verkauft. Den Gewinn teilte sich Betim mit der serbischen Regierung.

Geräusche an der Tür sagten Darko, dass der Albaner endlich eingetroffen war. Wie er zuvor, wurde auch Bekim von Strojans Männern akribisch abgetastet und nach Waffen durchsucht. Darkos Waffe hatten sie nicht entdeckt, obwohl er sie ihnen vor die Augen gehalten hatte.
Mit bester Laune und ausgebreiteten Armen ging er auf Darko zu. Er trug eine weiße Seidenkrawatte, sein Wahrzeichen. Wie das ironische Grinsen, das in sein Gesicht gemeißelt war.
„Wo hat uns Strojan nur hinbestellt? Was ist das hier für eine billige Absteige? Ein Ort, wo die Wölfe ficken.“
(FORTSETZUNG FOLGT)

lucifer-connection-compart[1] http://www.evolverbooks.com/evolver-books-verlagsprogramm/martin-compart-die-lucifer-connection/