Martin Compart


WEISE WORTE by Martin Compart
3. November 2017, 12:36 pm
Filed under: Politik & Geschichte, Rolling Stones, Rolling Stones, Weise Worte | Schlagwörter: , ,

„Das hier ist Protest gegen das System. Ich sehe eine Menge Ärger. Wir haben die ersten Schritte getan, jetzt müssen wir zu Ende bringen, was wir angefangen haben. Es ist absoluter Mist, wie die Dinge in Großbritannien und den Staaten laufen. Die Zeit ist reif. Die Revolution legitim. Die jungen Leute sind bereit, die Mietskasernen und die stinkenden Fabrikgebäude, in denen sie ihr Leben fristen müssen, niederzureißen. Ich werde alles tun, was getan werden muss, um das, was da draußen passiert, zu unterstützen.“

Mick Jagger, 1968

Advertisements


STONES BUCH by Martin Compart
9. September 2017, 11:48 am
Filed under: Rolling Stones | Schlagwörter:

Wenn die Stones schon auf Tour gehen um mein Buch zu promoten, will ich sie dabei auch unterstützen. Hier also ein Auszug aus dem ersten Kapitel der m.W. bisher einzigen buchlangen Betrachtung der Greatest Band ever. Das Cover ist von Helmut Wenske.

„Rock’n’Roll erwischte England wie die Bombe von Hiroshima“, sagte Keith. Dann kamen die Beatles und Europas Teenager begannen durchzudrehen; 1963. 1964 kehrte der Rock in die USA zurück mit der großen British Invasion: Alle englischen Bands wurden von Bomber Harris in ein Flugzeug in die Staaten gesetzt und zerbombten die US-Hitparaden. Mit Gitarren wie Kalaschnikovs schossen die Brit-Bands den Frankies & Rickys die Eier weg. Die Kulturrevolution trat in die entscheidende Phase.

 

Es muss so ’64 gewesen sein, als mir erstmals die Basslinien von Bill Wyman die Magengedärme aufwühlten und Technicolour in mein Leben brachte. Es war Sommer, und während ich auf repressiven Druck meiner Eltern zum Schlafengehen verurteilt wurde und mich fürs Bettchen fertig machte, trug eine leichte Brise exotische Klänge über die Mauer des Gemeindehauses direkt in mein Kinderzimmer. Dort war nämlich samstags regelmäßiges Abhotten bis 22.00 Uhr erlaubt – für die Methusalems über 14 Jahre. Ich war zehn und hatte bisher Freddy (FÄHRT EIN WEISSES SCHIFF NACH HONGKONG; B-Seite: DAS IST LANG VORBEI!!!), deutsche Schlagerheinis und andere Könige der flotten Musik hochgeschätzt. Auch das, was man später Highschool nannte, gefiel mir:

Manchmal klang es wie das nächtliche Gejaule geiler Coyoten, die sich bis an den Rand der Vorstädte herangewagt hatten. War ganz schön. Was aber nun wie Kreissägen die stille Unschuld meines Zimmers zersägte, faszinierte mich ungeheuer viel mehr; der Krach ging mir nicht mehr aus dem präpubertären Schädel. Das war etwas anderes als die Beatles, deren melodische Töne mir in den Ferien am Comer See ununterbrochen ums Hirn gespült worden waren. Hier gab es eine Welt jenseits der humorlosen Konventionen der bürgerlichen Welt. Wenige Tage später sollte ich erfahren, was mich so angemacht hatte: Wir waren auf einem dieser unerträglichen Verwandtschaftssonntagsbesuche bei einem Onkel, und mein älterer Cousin besaß dank seiner noch älteren Schwester einige dieser neuen Lärmplatten mit langhaarigen Affen auf der Hülle, die bei Erwachsenen nicht allzu gut anzukommen schienen. Die sagten einem auch klipp und klar, was das war: Es war Negermusik aus dem Dschungel, gespielt von ungewaschenen Langhaarigen, die nur Vergewaltigung, Totschlag, die Abschaffung der Zivilisation und die Vorbereitung der kommunistischen Weltherrschaft im Sinn hatten. Diese Kerle waren gegen geregelte Arbeit, ordentliches Familienleben, Zebrastreifen, den Goldenen Schuss (Lou van Burg – nicht das Frankfurter Bahnhofsklo), den Blauen Bock, Turmfrisuren, VW-Käfer, Wirtschaftswunder und saubere Gesinnung, erklärten die Alten rot angelaufen mit Geifer vor dem Maul. Die wollten alles kaputt machen. Sie waren das Schlimmste, was es gab. Genauso schlimm wie Fidel Castro und Mao und schlimmer als Hitler oder der 2.Weltkrieg, den man leider verloren hatte. Im Grunde verkörperten sie das, wogegen die Alten heroisch gekämpft hatten: die Dominanz des Untermenschentum. Nur Untermenschen konnten derartigen Krach machen. Verjudete Negermusik.

Später bewiesen unsere Wirtschaftswunderkapitäne und deren toupierte Frauen bemerkenswertes Differenzierungsvermögen, indem sie die Beatles zähneknirschend akzeptierten oder gar zu YESTERDAY an den fetten Wanst drückten – Haare zwar lang, aber gewaschen und anständig in Uniformen angezogen, na ja, halt englische Künstler. Sogar die HÖR ZU hatte positives über das erste Beatles-Album zu berichten: „Die zentrale Tanzschaffe.“
.All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripklub waren. EVENING STANDARD vom 21.3.64: „Sie haben in der Musikszene Schreckliches angerichtet; sie haben sie an die acht Jahre zurückgeworfen. Als wir unsere Popsänger gerade soweit hatten, dass sie alle sauber, ordentlich und nett aussahen, da kamen die Stones daher und sahen aus wie Beatniks. Sie haben das Image der Popsänger der sechziger Jahre ruiniert.“ Und zur ersten Australien-Tournee stellte der SYDNEY MORNING HERALD fest: „Ein unverhohlen sexueller Akt, auf den die keuschen Beatles unsere zarten Teenager nicht vorbereitet hatten.“

Die fett gewordenen Weltkriegsveteranen und Wirtschaftswunderspießer wussten genau, wie man mit solchen Burschen verfahren musste: Erst mit dem Schlauch abspritzen und dann erschießen. Liberalere Geister erwogen noch Arbeitsdienst oder ein paar Monate in einem gut geführten KZ. Sie hatten es aber auch verdammt schwer. Erst mal kam diese verdammte Anti-Babypille, die Frauen angstfreien Sex garantierte. „Die Pille verautomatisiert die Liebe und versaut die Moral.“ Unterstützt wurde diese Schweinerei noch durch die Mode. „Die Mini-Mode ist so aufreizend, dadurch kommen so viele Sexualverbrechen.“ Gut erzogene Frauen waren ebenfalls nicht begeistert und verstanden die Qualen ihrer rotgesichtigen Ehemänner: „Manche haben nur ein paar Fetzen dran, da kann man den ganzen Hintern sehen. Und da sollen die Männer nicht verrückt werden?“

Die Stones waren fast so schlimm wie Pille und Minirock („Denen verdanken wir das doch! Das ging los mit langen Haaren und Affenmusike.“).

Außerdem hörte, sah und las man, was bei den Konzerten dieser Beknackten („Die nennen das Konzert!“) so abging:
„Die spastischen Bewegungen des Bruders, Märtyrers und Gottes auf der Bühne pflanzen sich wie eine Welle durch die Bankreihen des Saales fort. Immer zwingender wird der Rhythmus, immer hektischer werden die Bewegungen im Saal. Hier und da springen die Burschen auf, reißen sich die Hemden vom Körper; ihre stumpfen Augen lassen nicht erkennen, ob sie die Umwelt noch wahrnehmen, nur der Über-Rhythmus scheint sie noch voranzutreiben. Man hat das Gefühl, als ob man den Riten irgendeines obskuren Stammes von Wilden beiwohnt, dessen Kommunikationsmittel einem unbegreiflich bleiben. Ein erwachsener Mensch kann sich regelrecht fürchten. Zu recht forderten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche den Boykott der `beleidigenden Musik‘. In den Straßen geht der Veitstanz weiter. Erst kurz vor Mitternacht sind die letzten grölenden Gruppen verstreut.“

Jugendliche brüllten auf Stones-Konzerten wie Bauerntölpel, deren Gehänge sich im Stacheldraht verfangen haben.
Der erste wirklich große deutsche Hit der Stones war natürlich das Zerlegen der Berliner Waldbühne – hinreichend bekannt. Sentimentalität kommt auf, wenn man den Bericht des Axel-Springer-Heloten Matthias Walden darüber liest (in DER MONAT 11/65): „Auf überhohen Laternen der steilen Riesenarena hockten nun Menschen in der Haltung exaltierter Affen und versetzten die ächzenden Masten in Schwingungen, bis die besessenen Jockeys brüllend von den Kandelabern brachen, um zehn Meter tief auf die Köpfe und Rücken ihrer Kumpane zu stürzen… Die Hauptakteure, in ihrem Äußeren und ihren gestischen Äußerungen eine Mischung aus jugendlichen Landstreichern und Harlekinen begannen zu schlagwerken, zu zupfen und zu singen… Einige Träger platzenger Hosen sah ich geschüttelt wie von verschluckten Pressluftbohrern, Schulmädchenkörper zuckten in einer Weise, die den Chronisten ratlos machen und den Pornographen inspirieren musste. Die elektrischen Gitarren teilten Schläge eines rhythmisch-musikalischen Flagellantismus aus, der unmöglich nur die Ohren treffen konnte… Die Rolling Stones, Geröll des verlangten Anstoßes…stelzten und sprangen über den Haufen von Wurfopfergaben, als agierten sie auf einem Altar der Blasphemie. Mick Jagger, stöhnender Chef der Lotter-Idole, sang I can’t get no satisfaction…zuckte von den Zehen bis zu den Spitzen seines weibischen Schopfes und wiederholte mit obszöner Stimmvibration sein glaubhaftes Geständnis: I can’t get no satisfaction… Man hat zwar in der Waldbühne keinen weißen Kittel gesehen, aber die Zuständigkeit der Medizin ist wohl nicht ganz zu leugnen.“ Auch das Fernsehen berichtete entsetzt über den neuen Vandalismus: „21000 Menschen in der Waldbühne, die wie ein Pulverfass explodierte als tausende von jugendlichen Beatfans der Massenpsychose verfielen und aufgepeitscht durch die hämmernden Rhytmen nicht mehr wussten, was sie taten… Während und nach dem Auftritt der Rolling Stones feierte die Zerstörungswut hemmungsloser Jugendlicher wahre Triumphe.“

Das kam mir gerade recht. Ich begann nämlich an der natürlichen Ordnung der Welt zu zweifeln und nahm den Kampf gegen Eltern- und Lehrerautorität auf. Krieg den alten Säcken und Friede der Musikbox. Zunächst ging es darum, länger draußen bleiben zu dürfen („Der wird noch ein richtiger Rumtreiber! Hoffentlich hält er sich wenigstens von den Gassenjungs fern.“), mehr Fußball zu spielen („Erst machst du deine Hausaufgaben. Und mach das Radio aus, dabei kann man nicht lernen.“) und freitags um neun Kimble auf der Flucht zu sehen. Es war eine harte Zeit, und die Stones waren nicht mal im Radio zu hören (ausgenommen Besatzersender).

Keine Negermusik auf deutschen Wellen war das grimmige Prinzip der öffentlich-rechtlichen Sender. Wahrscheinlich wären die Ätherwellen kotzend zusammengebrochen. Lediglich Radio Luxemburg und AFN ermöglichten uns einen Blick in die angelsächsischen Hitparaden. Und wenn man die laut aufdrehte, stand garantiert ein tobender SS-Mann im Zimmer, weil man unerlaubt den Feindsender hörte: „Mach die Urwaldmusik aus. Davon wird man krank.“ Rock-Musik war verboten! Aber natürlich fand die Musik immer einen Weg zu den wahren Glaubensbrüdern.

Um Platten mit entarteter Musik zu kaufen, brauchte man Geld – 4,75 DM die Single – ungefähr. Und das vom mageren Taschengeld („Er muss lernen, mit Geld umzugehen; je früher, je besser.“), das auch noch für TIBOR-SOHN DES DSCHUNGELS, NICK-PIONIER DES WELTALLS oder SIGURD, DER RITTERLICHE HELD und möglichst noch für Sinalco an der Bude ausreichen musste. Außerdem war es ziemlich schwierig, die Neger-Platten zu verheimlichen, wenn man sie dauernd hören wollte. Eine neue Single brachte es locker auf täglich vier Stunden Spielzeit in den ersten Wochen.

Also wurde zu Weihnachten ein Tonbandgerät gewünscht. Diese Kisten waren damals sowieso das Größte – ob Stereo oder nicht. Wer sich noch an die tonnenschweren Container der ersten Tonbandgeneration erinnert, weiß, was ich meine. Uher war der Mercedes unter diesen Kästen. Mit dem Tonbandgerät in Habacht-Stellung lauerte man dann einmal die Woche auf die TOP 20 im Engländer oder Ami. Da war immer reichlich Dschungelmusik dazwischen und die Stones ganz groß: IT’S ALL OVER NOW, LITTLE RED ROOSTER, THE LAST TIME, GET OFF OF MY CLOUD, SATISFACTION, 19 NERVOUS BREAKDOWN, PAINT IT BLACK – die Hämmer! Nicht zu vergessen der schlimmste Krach, der je in Vinyl gepresst wurde: HAVE YOU SEEN YOUR MOTHER, BABY, STANDING IN THE SHADOW? Dagegen klang das Guss-Stahlwerk wie Schubert. Die Stones beballerten die weißen Redneck-Charts mit schwarzen Rhythmen. Der wahre Sound zur Teenage-Angst, dass woanders das wahre Leben stattfindet. Im Mai 1965 hatten die Stones in LA bei den Aufnahmen zu SATISFACTION erstmals Kokain genommen. Welche außerirdische Substanz mag sie zu HAVE YOU SEEN YOUR MOTHER, BABY inspiriert haben? Dieser – ihr vielleicht größter – Song macht das Gehirn kugelsicher. Den Veranstaltern der 65er Deutschlandtour schickte die Regierung von Oberbayern eine Rechnung über die Nachzahlung von 14.158 Mark Vergnügungssteuer, da es sich beim Münchner Stones-Spektakel nicht um eine musikalische Darbietung gehandelt habe, sondern um „schieren Lärm mit artistischen Beigaben“.

PAINT IT BLACK ist natürlich eine meiner Stones-Top 5. Das Stück zum ersten Mal ins Ohr geknallt, ist nur mit dem ersten Joint (der anschlug) zu vergleichen. Es brachte einen auf eine nie zuvor gekannte Bewusstseins- und Gefühlsebene. Nicht so effektiv war dagegen Karel Gotts Coverversion SCHWARZ UND ROT. Teufel noch mal, hatten die Alten denn vor gar nichts Respekt?
Jetzt begann ich, was in der Familie hysterische Weinkrämpfe und Exekutionsdrohungen auslöste („Du wirst von der Schule genommen und gehst zur Müllabfuhr.“), BRAVO zu lesen. Damals ein wirklich obszönes Blatt, das Marie Versini oder Elke Sommer im Bikini zeigte und schamlos über erste Zungenküsse berichtete („Kriege ich jetzt ein Kind?“). Ich konnte mich gerade noch damit rausreden, dass ich den Pierre-Brice-Starschnitt sammelte und wegen Winnetou und Old Shatterhand dieses sittlich desorientierende Magazin in die Hand nähme. Mit einer Erinnerung von Pierre Brice über seine Zeit in Indochina im Kampf gegen die Viets konnte man sogar bei den männlichen Autoritäten milde Hoffnung erwecken („Steht nicht nur Mist drin.“). DER LANDSER hatte eben keinen Winnetou-Starschnitt. Natürlich war die BRAVO längst auf die üblich anscheißerische und abwiegelnde Art auf den Zug aufgesprungen und berichtete – anfangs durchaus verdattert – über Jagger & Co: „Sie haben die längsten Haare und den härtesten Beat.“ Gut waren immer die Prognosen: „Rolling Stones verspielen Weltkarriere. Bald will sie keiner mehr hören.“ Über die KINKS textete BRAVO mal: „Für viele sind sie hinter BEATLES und ROLLING STONES schon die große Nummer Drei!“ Aber der Abschuss war ein Interview mit Brian Jones in LUPO MODERN:

FRAGE: Wer sind die besten Sänger?
JONES: Ganz klar die Italiener. Denen liegt das Singen so im Blut wie uns Engländern das gute Benehmen.

Neben Berichten über Beat-Musik und wie der alte Pierre im Dschungel von Asien aufgeräumt hatte, gab es zum Glück in BRAVO noch genug anderen Mist, auf den man sich rausreden konnte: Jeden Tag übt Hugh O’Brian (Wyatt Earp) vor dem Spiegel das schnelle Ziehen. Da lernte man was fürs Leben.

In der Penne tobte indes das vereinigte Lehrerkollegium gegen Beat-Musik („Macht aggressiv, taub und verblödet.“) und Comics („Machen aggressiv, blind und verblöden.“) – Stichwort Tornisterkontrolle. Samstags dann Bücherverbrennung, wo man einen Schwung edler Wäscher-Comics gegen ein pädagogisch wertvolles Jugendbuch eintauschen konnte. Zum Beispiel H.V.Pahlen: DER PAVIANEXPRESS mit den schönen Zeilen: Wenn der Neger erstmal das Morden anfängt, hört er so schnell nicht auf. Dann konnte man zusehen, wie ein Berg voller Comics (wo bekamen die die Hefte bloß immer her? Ich kannte keinen, der seine AKIMs abgegeben hätte) in Flammen aufging. Jeder Generation ihre Bücherverbrennung. Manchmal versuchte man sogar ein Himmelfahrtskommando, auf das Skorzeny oder Sepp Dietrich stolz gewesen wären: Man robbte sich an den Scheiterhaufen, um ein paar (fehlende) Hefte zu klauen. Erwischten sie einen, wurde man mitverbrannt.

In den großen Pausen trafen sich Stones- und Beatles-Fans, um sich gegenseitig auf die Fresse zu hauen. Da trafen unversöhnliche Weltanschauungen aufeinander – mit Musik hatte das nichts zu tun. Die Stones wollten nicht die Hand von irgendjemand halten. Endgültig erledigt waren die Liverpooler spätestens, als ein Klassenkamerad von seiner Tante ein Beatles-Album zum Geburtstag geschenkt bekam. Nie hätte ein pflichtbewusster älterer Mensch einem gefährdeten Heranwachsenden eine Stones-Scheibe geschenkt. Nein, er hätte sich todesmutig dazwischen werfen müssen. Noch grausamer als die Beatles fand ich die Beach Boys und diese ganze Surf-Scheiße: Hitlers Südkalifornische Herrenrasse; Bikini-Sturmtruppen und Surf-Nazis. Blond, gesund und doof. Die grinsten noch debil, während ihnen ein Hai das Gemächt abbiss. Ja,ja, heute sehe ich vieles anders (aber manches war nun wirklich schlimm!).
Noch verwirrender für viele Erziehungsberechtigte als der Bremer BEAT CLUB (als mein Vater FIRE von Arthur Brown, vorgetragen im BEAT CLUB, sah, legte er die Zeitung zur Seite, stand auf, trat nahe an den Fernseher, betrachte das dortige Treiben, murmelte dabei „Das ist doch nicht normal“, wandte sich dann mir zu und fragte: „Ist das etwa ein Idol?“) war die MONKEES-Fernsehserie, die das ZDF samstagnachmittags über die Nation brachte. Die jokes und das Rumgeblödel machte älteren ähnlich schwer zu schaffen, wie später MTV. Aber zum Glück war alles harmlos. Und die melodiösen Hits der Monkees, geschrieben von Neil Diamond, konnte durchaus gefallen. Inzwischen hatte man sich ja an Schlimmeres gewöhnt. „Wenn Weißbrot singen könnte, dann würde es so klingen wie die Monkees.“

Der Grabenkrieg mit den Eltern ging so bis `67, `68, dann hatten die Alten aufgesteckt. Das Zuhause als offener Strafvollzug. In der Gewissheit, dass ich als Verbrecher enden würde (oder noch schlimmer: bei der Müllabfuhr), aus der deutschen Art geschlagen sei und eh der Weltuntergang unmittelbar bevorstand, mischten sie sich kaum noch ein. Ihre Energiereserven waren verbraucht, und ihnen fehlte das Rolling-Stones-Energie-Aufladegerät. Von nun an durchgeistigtes, resignierendes, stilles Leiden – nur die heilige Kirche und das Wirtschaftwachstum gaben noch die Kraft, um weiterzumachen. Aber wofür? So ein undankbarer Junge. Mit Märtyrerblick wurde ich bedacht: Ich konnte unmöglich ihr Kind sein, eher ein fremdes Wesen aus dem All, nur zur Vernichtung der Rasse in den Mutterleib gepflanzt. Vielleicht sogar von den Russen untergeschoben. Einzig Taschengeldterror war noch dagegen zu setzen.

Eines der besten und stärksten Argumente der Alten in der BRD lautete: GEH DOCH RÜBER, WENN ES DIR HIER NICHT PASST. Gemeint war natürlich die DDR, wo alle am Hungertuch nagten, in Neo-KZs vegetierten und mit der Kalaschnikow zwischen den Zähnen hinter der Mauer lauerten, um die freie westliche Wohlstandsgesellschaft zu überrennen. „Wenn ich das schon höre: Das System ist schuld! Geh doch rüber, wenn es dir hier nicht passt! Ja, ja: Manipulation! Alle sind manipuliert. Dann geh doch rüber. Der Iwan wird dir schon zeigen, was System ist. Dir und deinem Adorno. Die Rolling Stones kannste gleich mitnehmen.“ Im tiefsten Herzen ahnten sie, dass es drüben besser war. Sie wussten nur nicht, wo drüben ist.

Und dann geschah ein weiteres Wunder: AFTERMATH kam raus. Das stellte alles Bisherige in den Schatten. OUT OF TIME, STUPID GIRL, HIGH AND DRY, UNDER MY THUMB! 22 Eier sollte sie kosten! Teuer, teuer, teuer. Sparen, sparen, sparen. Jeden Tag drückte ich mir bei Musik Born die Nase am Fenster platt. Dahinter war sie. So nah und doch so ungerecht fern. Eine ungeheure Anziehungskraft ging von dem schattigen braunen Cover aus. Diese fünf Visagen hatten für mich dieselbe Symbolkraft wie Marilyn über dem U-Bahnschacht oder Bogart mit der Zigarette. Nichts in der Welt wollte ich lieber besitzen als diese Platte mit den entscheidenden Eröffnungsworten: Kids are different today, I hear every mother say. Der Eintritt in eine andere Dimension. Diese Platte hatten meine Jungs für mich gemacht, damit ich diese betonharten Zeiten durchstehen konnte. Die Stones standen mir bei im Elend dieser von Geisteskranken beherrschten Welt.

Sollte ich einen Zigarettenautomaten aufbrechen? Parkuhren absägen? Die Stadtsparkasse überfallen? Am Schultor Schutzgeld erpressen? Ich setzte mit TIBOR, MICKYVISION (mit Michael Voss!) und BRAVO aus (Was wird denn nun aus dem Pierre-Brice-Starschnitt?) und führte ein zurückgezogenes Leben. Freude bereitete nur das tägliche Geldzählen. Ich erpresste ein paar Mark, besuchte Verwandte (die ich nicht ausstehen konnte) und schleimte um jeden Dollar. Dann stand ich morgens zitternd vor Musik Born und wartete, dass der Laden endlich aufmachte. An einem so großen Tag hatte man nichts in der Schule verloren. Den ganzen Vormittag drückte ich mich in der Milchbar über dem Hallenbad herum, nahm nicht an der ewigen Skatrunde der ewigen Schulschwänzer teil, sondern starrte nur verzückt die unendlich kostbare erste Langspielplatte meines Lebens an. Selbst meine erste unglückliche Verliebtheit rührte mich nicht länger. In wenigen Stunden wäre ich im Nirwana. Auf der Beatwolke, von der mich keiner so schnell vertreiben würde.

Punkt zwei nach Hause. Meine Mutter war in einer Ratssitzung, und mein Alter montierte sowieso irgendwo im Orient Maschinen für dumme, faule Bimbos, denen der weiße Mann erstmal das Arbeiten beibringen musste. Der Nachmittag gehörte mir und den Stones. Unendliches Glücksgefühl, als man das Vinyl vorsichtig aus der Hülle schälte, um es dann von Mr.Hit deflorieren zu lassen. Gott schrieb nicht mehr auf Steintafeln, er presste in Vinyl.

Abends war ich ein anderer. Ein weiser, wilder Typ, der das Leben kannte und den man nicht so leicht fertigmachen konnte. Vielleicht nicht direkt ein Gott, aber ziemlich nahe dran. Meine tägliche Dosis AFTERMATH machte mich überlegen. Die Grenzen waren abgesteckt und wurden hart verteidigt. Kleiner Grenzverkehr an Weihnachten und zu Geburtstagen. Ich blieb so lange weg, wie ich wollte, trieb mich rum, mit wem ich wollte und ließ mir die Haare wachsen. Jetzt hätten sie eigentlich sterben müssen: Sie hatten einen Langhaarigen großgezogen. In hilfloser Wut tagte der Familienrat („Man kann ihn ja schlecht ins Gefängnis stecken!“). Aber sie hatten auch Angst. Wenn das eigen Fleisch und Blut lange Haare bekam, dann war schlichtweg alles möglich. Das schöne Mexiko mit seiner langen demokratischen Tradition war da einfach einen Schritt weiter: Wenn in Mazatlán ein Flugzeug landete oder zwischenlandete, wurden den Langhaarigen gleich im Flughafengebäude zu ihrem Besten die Haare geschnitten. „Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen, kein Geld für langbehaarte Affen“.

Die Angst war berechtigt. Die ersten Aussteiger tauchten auf. Prosaisch Gammler genannt „Die tun nix, gammeln nur rum. Auf unsere Kosten.“.
„Sie müssen eingesperrt werden und gezwungen, zu arbeiten. Das ist meine Meinung.“
„Die gehören ins Arbeitshaus, beziehungsweise mit Knüppeln hier runter gejagt. Anders sind die gar nicht mehr groß zu kriegen. Bei Adolf hätte es so was nicht gegeben.“
„Richtige Schweine sind das. Die müssen sich erst mal sauber waschen.“



Steine im Park by Martin Compart
8. September 2017, 9:27 pm
Filed under: Rolling Stones | Schlagwörter:

Am Wochenende spielen die Stones in einem Hamburger Park.
Mit keiner anderen Band ist mein Leben mehr verbunden als mit den Stones.

Ich habe ein Buch über die Stones geschrieben.

Eintrittspreise zwischen 100 und 8000 €.

Könnte mir zum x-ten Mal Jumping Jack, Street Fighting Man, Ruby Tuesday, Sympathy, Start Me Up und die anderen Greatest Hits aus dem Vierfachalbum reintun.

Zusammen mit drei Generationen Halbidioten, für die die Stones nie sein können, was sie für mich waren.

Das letzte Album war das erste, was ich nicht gekauft habe. Nur runtergeladen, zweimal gehört. Was für ein arthritischer Scheiss für Leute, die bei Elvis jung waren. Back to the roots – wenn ich so einen Mist schon höre. Die Stones wurden gut, als sie diese Kirmes-Musik über wunden hatten (Aftermath).

Würde ich vielleicht doch hingehen?

Ja, wenn sie ein neues Album mit Eigenkompositionen durchspielen würden.
Oder das komplette unter schätzte UNDERCOVER (nie live gespielt).
Ich bleibe zu Hause.

Trink und rauch was zu Living End oder Misfits. Oder zu BIGGER BANG. Ist auch nostalgisch.
Bei so einem Gig kriege ich keine Befriedigung. Ist was für die deutsche Springer-Musik-Presse (Rolling Stone, Musik Express), die ja wenigstens noch ineinander existiert.

Mir ist das zu blöde.

P.S.: Das sie immer noch verdammt gut sind, steht außer Frage:



VOR 50 JAHREN… by Martin Compart
3. September 2017, 4:46 pm
Filed under: MUSIK, Rolling Stones | Schlagwörter: ,

…wusste man noch wie man mit langhaarigen Radaubrüdern umgehen musste, die dauernd Freddy und Peter Hinnen aus der Hit-Parade rausschmissen!



DEUTSCHER SPITZEN-JOURNALISMUS by Martin Compart
15. April 2016, 11:39 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Rolling Stones | Schlagwörter:

Immer wieder schön!

„Mick Jagger kramt in seinen Erfahrungen mit jungen Mädchen – es fallen die ersten Hemmungen…“