Martin Compart


Klassiker Des Noir-Romans: DEATH WISH von Brian Garfield by Martin Compart

Es gibt wohl wenige literarische Werke, die unter dem überragenden Erfolg einer Verfilmung so zu leiden haben wie DEATH WISH von Brian Garfield. Der wahnwitzige Erfolg, der Charles Bronson endgültig zur Ikone machte, versaute das Image eines Meisterwerks des psychologischen Noir-Thrillers auf breiter Front. Fans der Filme enttäuscht die Lektüre der Vorlage. Verächter der Filme kommen gar nicht auf die Idee, den Roman mit spitzen Fingern in die Hand zu nehmen.

Das hat schon ein bisschen was Tragisches.

Ende der 1960er begann der Vigilantismus zu einem erfolgreichen Topos in der Pop-Kultur zu werden, der seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren erreichte. Einer der Ersten, der das Thema kontroverser als die Standard-Rächer-Romane in den Pulps und Paperback Originals behandelte, war Joe Gores mit A TIME FOR PREDATORS, 1969, für den er zu Recht den „Edgar-Allan-Poe-Award“, der damals noch etwas bedeutete, erhielt. Den literarischen (und dann filmischen) Höhepunkt erreichte das Motiv ausgerechnet mit dem Anti-Vigilanten-Roman DEATH WISH, aus dem Hollywood den Inbegriff des Vigilanten als Superhelden machte.

Aber hier geht es nicht um das Remake von Bruce Willis, hier geht es um einen der besten Noir-und anderes-Autoren des 20. Jahrhunderts.

Garfield schrieb DEATH WISH in zwei Wochen!

Im Roman ist Paul Benjamin (für Film und deutsche Übersetzung hat man den Nachnamen in Kersey geändert) Steuerberater, und am Anfang des Romans wird man in die schmutzigen Tricks der Aktiengeschäfte eingeführt, die heute geradezu niedlich anmuten, aber die kriminelle Progression schon erahnen lassen.
Er ist der typische Liberale, der an die gesellschaftlichen Regeln glaubt, tolerant und sanftmütig.

Eines Tages erfährt er telefonisch (anders als im Film wird der Überfall im Roman nicht ausgeführt), dass seine Frau und Tochter im Krankenhaus liegen. Sie wurden Opfer eines Überfalls in ihrer Wohnung. Pauls Frau stirbt an den Folgen, seine Tochter fällt in eine anhaltende Gemütsstarre und wird zum Pflegefall.

Langsam entwickelt sich der brave Angestellte zu einem Monster. Das eigentliche Thema des Romans. Paul ist weder Held noch Anti-Held, eher ein Opfer urbaner Schizophrenie mit der typischen gehobenen Redneck-Mentalität: “Those who commit crimes should be killed. If they didn’t want to face the consequences, then they shouldn’t have broken the law.”

Die Idee zum Roman kam Garfield durch eine unangenehme Erfahrung:

„I was the victim of a minor crime of violence; it all followed from there. I’d been at my publisher’s apartment — a penthouse overlooking the Hudson River (the area where Paul stalks muggers in the film). When I came out to get my car and drive home to the Delaware River, I found the top of my 10-year-old convertible slashed to ribbons. Must’ve been some vandal having his fun with a knife. For me the „rage“ element was that it was snowing pretty hard and it was cold. I had a two or three hour drive home. It wasn’t exactly a comfortable ride. I got pretty mad, [and thought] „I’ll kill the son of a bitch. Of course by the time I got home and thawed out, I realized the vandal must have had a strong sharp knife (convertible-top canvas is a very tough fabric to cut) and in reality I didn’t want to be anywhere near him. But then came the thought: What if a person had that kind of experience and got mad and never came out of it? I thought at the time that the impetus needed to be something stronger, more personal, than the slashing of an impersonal canvas car-top, but later I’ve become aware that the very triviality of the crime would have made much clearer the point of the story. Anyhow that was its provocation. The hero, or anti-hero, set himself up to clean up the town. I felt a sort of sympathy for him, but right from the outset it seemed clear enough to me that he was a nut who kept becoming nuttier.”

Der komplexe Roman ist auch das Portrait einer Stadt im Niedergang, eines Manhattans, bevor es von Walt Disney umgebaut wurde, und die Kriminalität noch vornehmlich auf den Straßen stattfand. Es ist die Zeit kurz vor der kulturellen Erosion New Yorks.

Bereits 1972 reflektiert Garfield die zunehmende Umweltverschmutzung Manhattans. Das klingt heute fast so wie bei Diskussionen über Dieselfahrverbote: „Normalerweise konnte man nicht sehen, wie die vergiftete Luft die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf… Es kommt noch so weit, dass man sich nichts mehr einzuatmen traut, was nicht durch eine Zigarette gefiltert ist.“

Eines der Hauptthemen, das sich durch Garfields Werk zieht, ist der plötzliche Einbruch unerwarteter Gewalt und wie sie Leben und Verhalten der betroffenen Menschen verändert.


In DEATH WISH dekliniert Garfield an dem Protagonisten, der vom Opfer zum Täter wird, psychologisch, politisch und philosophisch diese Erfahrung durch. Im Roman geht es nicht darum, einen body-count zu illustrieren, sondern um diese Transformation. Dieser Prozess ist in der Verfilmung kaum realisiert. „Wenn Bronson in einem Film auftaucht, weiß man, dass er bald ein paar Typen wegblasen wird. Ich habe das als Kritikpunkt gegenüber Michael Winner erwähnt. Er nannte mich einen Idioten.“

Im inneren Monolog werden Pauls Entwicklungen hin zur Paranoia so glaubhaft wie nachvollziehbar gezeigt. Große schriftstellerische Kunst! Garfield braucht (in diesem Roman) so gut wie keine Action. In einem anderen Kontext als dem um den Film-Hype hätte man ihn als meisterhaften Psychothriller eingeordnet, der einer Patricia Highsmith würdig gewesen wäre.

Wenn Paul gen Schluss des Buches durch die Stadt streift und Drogensüchtige als potenzielle Angreifer erhofft, wertet er ihre Harmlosigkeit als Enttäuschung. Alles andere als ein Rächer-Held, muss er seine Veränderung erkennen:
„Er hatte sein Gleichgewicht nur deshalb bewahrt, weil ihn dasselbe Leiden erfaßt hatte, das auch (seine den Überfall und die Vergewaltigung überlebende Tochter) Carol infiziert hatte – die Unfähigkeit, irgend etwas zu fühlen… als wäre sein Empfindungszentrum gelähmt worden.“


Der Leser folgt einer Entwicklung, die der eines Serienkillers nicht unähnlich ist. Bis hin zum typischen Selbstmitleid:

„Niemand hatte Zuspruch für ihn – er war elendiglich einsam; er wollte die Nacht nicht mit einer Frau verbringen – er wollte die Nacht überhaupt nicht verbringen.“

Während der Film nur mäßig spannend ist (wer fürchtet schon um Charles Bronson?), liest sich der Roman atemlos, auch noch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Brian Garfield ist außerstande, einen langweiligen Satz zu schreiben. Ein weit unterschätzter Autor, vielen vom Feuilleton gepriesenen Highbrow- Schreibern überlegen, mit scharfer Beobachtungsgabe, die er literarisch umzusetzen versteht. Das Wartezimmer eines Krankenhauses: „Es war die Art von Raum, wo man die Dinge nicht ansah; man vermied es hinzusehen.“

Und das grandiose Finale hat eine intelligentere und bessere Pointe als der Film.
Existenzialistisch  veranschaulicht der Roman Penn-Warrens These: „Es gibt nur ein paar Monate, die das Leben bestimmen. Manchmal nur einen. Dann ist es vorbei.

Garfields Stil ist trotz innerer Monologe sehr visuell, was für einen Autor, der ca. zwanzig Filme geschrieben und/oder produziert hat, nicht verwunderlich ist. Er schrieb von 1960 bis 69 34 Romane (fast alles Western), danach 28 weitere, zwei Story-Collections und drei Sachbücher (darunter ein inzwischen sehr gesuchtes Buch über Western-Filme, „Western Films: A Complete Guide“, 1982 ). Sein vielseitiges Werk umfasst Western, Abenteuer, Comedy, eine Biographie, Polit-Thriller, historische Thriller, Noir- und Crime-Fiction; 17 Bücher dienten als Vorlage für Film- oder TV-Produktionen. Sein Sachbuch „The Thousand-Mile War: World War II in Alaska and the Aleutians“, war Finalist beim Pulitzer-Preis, und sein Roman „Hopscotch“ gewann 1976 den Edgar; 1980 co-produzierte er die Verfilmung mit Walter Matthau. Weltweit verkauften seine Bücher bisher 20 Millionen Exemplare.

In den 1950ern war er Musiker und hatte mit seiner Band „The Palisades“ sogar einen Top-40-Hit mit dem charmanten Doowop-Song I CAN´T QUIT.

Er begann das professionelle Schreiben 1960,zur selben Zeit wie seine Freunde Donald Westlake und Larry Block, mit denen ihn nicht nur die hohe Produktionszahl in den 1960ern verbindet. Ab 1965 lebte er in New York und gehörte zu der legendären Poker-Runde mit Westlake, Block, Justin Scott, Robert Ludlum (und wenn er in der Stadt war: Ross Thomas), Henry Morrison (Agent der meisten und Entdecker von Ludlum, dessen Bourne-Verfilmungen er produziert) u.a.

Michael Winners DEATH WISH folgten weitere Vigilanten-Filme. Der künstlerisch gelungenste war wohl TAXI DRIVER. Charles Bronson wurde durch vier Fortsetzungen und viele Variationen gejagt.

“I hated the four sequels. They were nothing more than vanity showcases for the very limited talents of Charles Bronson. The screenplay for the original Death Wish movie was quite good, I thought. It was written by Wendell Mayes — look him up; he was a great guy and a splendid screenwriter; but his Death Wish script was designed to be directed by Sidney Lumet, with Jack Lemmon to star as Paul. The last-minute changes in director and star were imposed by a new producer to whom the project was sold, rather under protest, by the original producers Hal Landers and Bobby Roberts. The point of the novel Death Wish is that vigilantism is an attractive fantasy but it only makes things worse in reality.”

Da Garfield zur Zeit der Premiere des Films in Afrika zu Recherchen weilte, bekam er den Rummel um den Film nicht mit. Nach seiner Rückkehr sah er sich ihn zusammen mit Donald Westlake an. Beide mochten den Film nicht und teilten dies auch Michael Winner mit. Das Dumme daran war, dass Garfield und Westlake ein weiteres Projekt mit Bronson und Winner entwickelten: Die Verfilmung von Westlakes Parker-Roman BUTCHER´S MOON:

“Charles Bronson had an estate across the Hudson River from Albany, and he’d agreed to do Butcher’s Moon if it could be filmed in and around Albany so he could commute to work. Michael Winner had said he’d direct Butcher’s Moon as his next project. These elements were all in place when Don recommended that Fox hire me to write the script;
I’d just written the introduction for the book of Butcher’s Moon, and my Death Wish was just then being filmed in New York with Bronson, directed by Michael Winner.
The producers had cooled, Bronson had cooled, and Winner had finished filming Death Wish—a movie that both Don and I, having seen it in screenings, disliked. It became a huge hit in the summer of ’74, at a time when I was in Africa researching something else. I sort of understand the appeal of the movie—it had an excellent screenplay by Wendell Mayes—but I thought it was a hasty and indifferent job of filmmaking. I suppose Don and I both failed to hide our disappointment with the movie, so it’s not too surprising that both Bronson and Winner walked away. Without them, I gather Fox had very little interest in pursuing the project.”

Für angehende Thriller-Autoren hat Garfield generös Tipps bereit:
http://thrillerwriters.org/library/Brian%20Garfield%20-%20Ten%20Rules%20for%20Suspense%20Fiction.pdf

Garfield schrieb mit DEATH SENTENCE (ebenfalls verfilmt) einen weiteren Roman um Paul Benjamin – aber das ist eine andere Geschichte.




Advertisements


MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 4/ by Martin Compart

Herron saugt seine Plots aus den Aktualitäten, die unsere Nachrichten dominieren. Er steigt hinter die Oberfläche und sieht neben dem Terrorismus viel entscheidendere Bedrohungen: Korruption, Geldwäsche in der City, eine dysfunktionale Regierung, immer weiter nach rechts wandernder Konservativismus und Klassenkonflikte.
Eben England, wie es heute ist, nachdem es von Thatcher, Blair & Co. auf rechts gedreht wurde. Europa im Würgegriff der Banken und Konzerne, die für den Wiederaufstieg des Faschismus – mit dem unzutreffenden und verharmlosenden Begriff „Populismus“ verklärt – verantwortlich sind, indem sie mit ihrem politisch unkontrollierten Feudal-Kapitalismus für ein Gerechtigkeitsgefälle sorgen, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat.

In seiner Verachtung für das Establishment steht Mick Herron eher dem großen Brian Freemantle (insbesondere seiner Charlie Muffin-Serie, dem wohl unterschätzteste Klassiker des Polit-Thrillers) nahe, als etwa LeCarré, bei dem noch immer eine gewisse Wehmut über das untergegangene Empire nachschwingt.

Auch Brian Freemantle war und ist für seine überraschenden Handlungswendungen berühmt und berüchtigt. Im ersten Muffin Roman, CHARLIE M, 1977, orchestrierte er einen der nachhaltigsten Regelbrüche und Plotwendungen in der Geschichte des Spionageromans (eine genauere Beschäftigung mit ihm ist in diesem Blog längst überfällig).
Den Humor teilt Herron mit Freemantle, wie dessen Verachtung fürs Establishment.

Wenn man literarische Bezugspunkte und Traditionen für Herron ausfindig machen will, dann dürfte Brian Freemantle (der inzwischen fast 100 Bücher geschrieben hat) ihm am nähesten kommt. Freemantle schrieb sogar eines der ersten Sachbücher über den KGB; das einzige Proof Copy davon wurde seinerzeit vom KGB auf der Frankfurter Buchmesse vom KGB entwendet.

Man könnte glauben, diese überraschenden Wendungen sind von einem kriminellen Mastermind haarklein geplant. Aber das Gegenteil ist der Fall: “Some of those twists will have occurred to me at about the same point in the novel that they’re dropped on the reader.”

Herron fordert dem Leser einiges ab:

Sein reichhaltiges Personal und sein zynischer Erzähler erfordern mitdenken, manchmal muss man auch zwischen den Zeilen lesen. Die häufig naiv-patriotische Weltsicht amerikanischer Agenten-Thriller-Autoren teilt er nicht. Sein sowohl kunstvoller wie unterhaltsamer Stil verhindert, in die Langeweile von High-brow-Thrillern à la LeCarré abzugleiten.

Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz.

Auch wenn das Intro im ersten Roman sehr lang ist, da Herron den Lesern sein Personal genau vorstellt, liest es sich spannend und höchst amüsant.

Ein Geheimnis großer Literatur ist, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wahrscheinlich überfordert Herron deutsche Thriller-Leser, die das restringierte Gestammel von Autoren wie Fitzeck oder Schwätzing mit Freude ertragen.

Nein, Mick Herron is „the thinking men´s spy writer”.

Seine Dialoge gehören zu den besten, die heute geschrieben werden, erinnern in Intelligenz und Witz manchmal an Chandler:

(Lamb)„Der kalte Krieg hatte auch seine guten Seiten, wissen Sie. Ist doch nicht schlecht, wenn man seine jugendliche Unzufriedenheit rauslassen kann, indem man ein Parteibuch rumträgt statt eines Messers und man endlose Versammlungen in den Hinterzimmern von Kneipen besucht und für Anliegen auf die Straße geht, für die kein anderer aus dem Bett aufstehen würde.“
(Rivers.) „Tut mir leid, dass ich das verpasst habe. Gibt es das auf DVD?“

Das treibt doch jedem Sixties-Nostalgiker die Lachtränen in die Augen!

Herron gelingt, was nur wenigen Autoren – wie etwa Joseph Conrad – gelingt: Er schafft einen eigenen Kosmos. Sogar bis hin zu einer eigenen Terminologie.

Er hat sich einen eindrucksvolle Sprachcode für „seinen“ Geheimdienst einfallen lassen. Dieser ist inzwischen so elaboriert, dass ein Fan ein Glossar erstellt hat: https://spywrite.com/2018/07/04/mick-herrons-slough-house-a-glossary/.

David Hemings als Charlie Muffin in dem gleichnanmigen TV-Movie von Jack Gold.

P.S.: Warum ich immer mal wieder auf Schwätzing und Fitzeck rumhacke?

Erstmal ist mir ihr Erfolg so wenig begreifbar wie der der AfD. Vielleicht ist das Bindeglied Kohls „geistig-moralische Wende“ und der seitdem fortschreitende Niveauverfall in fast allen Belangen der Republik.

Zum zweiten wurde ich mal pekuniär dazu genötigt, zwei, bzw. drei Bücher von ihnen zu lesen (die jeweiligen Verlage hatten nicht mal eine große Packung Aspirin mit eingeschweißt).
Die deprimierendsten Leseerlebnisse seit den Rückerstattungsbescheiden des Finanzamtes und literarisch anspruchsloser als staatsanwaltliche Vorladungen.



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 3/ by Martin Compart

Mick Herron gehört zu den „heißesten“ Autoren, die Großbritannien zu bieten hat. Dort hat er Bestsellerstatus, und Leser und Kritik lieben ihn. Bis 2010 war er ein Geheimtipp, aber mit der SLOUGH HOUSE-Serie über die Bad Bank von MI5 kam der ganz große Erfolg und gleichzeitig Kult-Status („The Telegraph“ wählte SLOW HORSES zu einer der „20 best spy novels of all time“).

Die eindrucksvolle Liste der Awards, für die er nominiert war oder gewonnen hat, zeigt seine Wertschätzung in der Krimi-Szene:

Joint winner, Ellery Queen Readers Award 2009, Dolphin Junction
Longlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2010, Slow Horses
Shortlisted for Barry Award 2014, for best thriller, Dead Lions
Shortlisted for Macavity Prize, 2014, for best novel, Dead Lions
Winner, CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2103, Dead Lions
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2015, Nobody Walks
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2016, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2016, Real Tigers
Winner, Last Laugh Award, 2017, Real Tigers
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2017, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2017, Spook Street
Winner, Ian Fleming Steel Dagger Award 2017, Spook Street
Shortlisted, British Book Awards, Crime and Thriller Book of the Year 2018, Spook Street
Shortlisted for Barry Award 2018, for best thriller, Spook Street
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2018, Spook Street
Winner, Last Laugh Award, 2018, Spook Street
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2018, London Rules
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2018, London Rules

Das Interesse an einer Verfilmung von SLOW HORSES kam früh (inzwischen scheint klar, dass es ein TV-Vierteiler wird).

Herron kann eine wirklich nette Geschichte zur Filmindustrie erzählen: „ Vor einiger Zeit erklärte mir ein für Verfilmungen zuständiger Agent, das Slow Horses kein richtiger Titel für einen Film sei. Er bevorzuge The Misfits, oder vielleicht The Losers, das seien richtige Filmtitel! Ich vermute, er sah schon Bruce Willis als Jackson Lamb. Was auf seine Art sicherlich Wahnsinn gewesen wäre, wenn ich so darüber nachdenke. Und es hätte mit Sicherheit nichts mit dem Buch zu tun gehabt, dass ich geschrieben habe.

Wie schon erwähnt, ist es Herrons einzigartige Mischung aus Charakteren, Plot und Stil, die seine Romane so einzigartig machen und für seinen Erfolg verantwortlich sind. Seine Beschreibung des Geheimdienstes, dessen Strukturen und Mechanismen wirken völlig authentisch, dabei hat er sich diese genauso ausgedacht, wie seine Plots, die allerdings ihre Wurzeln in der Realität des Heute und Jetzt haben.

Recherche, die Grundlage und das Lebenselixier so vieler bedeutender Polit-Thriller-Autoren, interessiert ihn wenig. Für viele Autoren, die ich kenne, ist das Recherchieren der schönste Teil bei der Arbeit an einem Buch.

Nicht für Mick Herron, der sie meidet. Eine seltene Ausnahme war die Recherche über einen Atombunker für REAL TIGERS: „Ich habe einen Bunker besucht und mir alles genau angesehen, jedes Detail. Als es dann ans Schreiben ging, musste ich alles ändern. Ich veränderte wirklich alles, da der reale Bunker nicht zu den Bedürfnissen meines Plots passte. Die Realität funktionierte nicht, also musste ich sie für mich passend machen.

Wer nur nebenher schreibt und tagsüber einem Fulltimejob nachgeht, hat natürlich auch weniger Zeit für die Recherche. Aber Herrons „literarische Sozialisationsgeschichte“ zeigt, dass er sich dem Thriller lieber vom literarischen als vom faktischen nähert. Das bei ihm beides trotzdem harmoniert und zusammenkommt, hat wohl mit hoher Intelligenz zu tun.

Ist ihm Routine und ritualisiertes Schreiben wichtig?

“Absolutely. The important part of being a novelist is the bit where you actually sit down and put the words on the page, which is something most of us would go to great lengths to avoid. So making it part of a routine is crucial. For me, the magic number is 350 – that’s how many words I set myself to write every evening. (A pitiful amount, I know, but I do have a full-time job.) Music helps. Right now, I’m listening to the (sorely missed) Esbjörn Svensson Trio.
As for the actual business of structuring a book, when I start a novel, I usually have a scene-by-scene breakdown of the first chapter, but nothing much after that. By the time I get to the end, I’m about a page ahead of the reader.”

Seitdem er vor kurzem seinen Job aufgegeben hat und hauptberuflich schreibt, hat er noch keine überzeugende Routine entwickelt. „Aber ich schreibe jeden Tag. Statt 350 Worte wie früher, sind es jetzt zwischen 900 und 1200 Wörter. Und ich habe festgestellt, dass ich morgens besser arbeite. Aber alles ist noch kein beendeter Prozess, eingebettet in einer klaren Routine.“

FORTSETZUNG FOLGT



Mick HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 2/ by Martin Compart

Die Leute vom Sumpfhaus:

Das Personal, mit dem Mick Herron sein Slough House ausstattet, ist durchweg faszinierend, und jede Figur hätte wohl die Potenz für eine eigene Serie. Dieses Ensemble ist wichtig und das Herzstück von Herrons Thrillern.

Neben Stil sorgen die Charaktere dafür, dass Herrons Bücher große Romane sind und nicht nur Produkte für den Thriller-Markt.


Wie schon so grandios in der TV-Serie SPOOKS vorgeführt, kann sich der Leser oder Zuschauer bei einer Ensemble-Serie nie sicher sein, was mit den Personen passiert: Etablierte Figuren können sterben oder aus anderen Gründen die Serie verlassen, neue können eingeführt werden (Ed McBain hat dies ja noch etwas zaghaft in seiner Serie über das 87.POLIZEIREVIER in den 1950er und 1960er Jahren praktiziert). Herron ist sich dem genau bewusst. 2016 sagte er in einem Interview: „You can get rid of characters, bring new ones in, and there will be people who die. As far as I’m concerned, there are only two characters who are sacrosanct and I don’t think I’m going to tell you who they are, actually!”

Das Slough House-Personal ist wahrlich nicht sonderlich sympathisch. Man würde sie wohl kaum zu einer Party einladen, aber man sieht ihnen bei ihrem Treiben gerne von der sicheren Seite des Buches aus zu.

Ebenfalls von SPOOKS angeregt scheint mir die realistische Prämisse, dass neben Terroristen, Maulwürfen oder feindlichen Residenten der MI5 heute politische Entscheidungsträger, britischen Journalismus und radikale Subkulturen als direkte Feinde ansieht. MI5 kann sich weder öffentliche Skandale leisten, noch Arbeitsprozesse. Deshalb wurde für die Problemfälle das Sumpfhaus geschaffen.

Die Szenen sind so aufgebaut, dass sie aus der Perspektive des jeweiligen Charakters geschildert werden. Das vermittelt nicht nur Nähe beim Leser, sondern auch einen direkteren Eindruck des Geschehens.

Nur bei Lamb ist das anders: Der Autor teilt uns höchst selten mit, was Lamb denkt und fühlt. Wir erfahren nur, was er sagt und wie er sich verhält. So bleibt der Leser bei ihm genauso auf Distanz wie die Lahmen Gäule.

Im Slough House leben alle desillusioniert und hoffnungsfroh mit dem Karriere-Rückkehr-Mantra „Wenn sich etwas ergibt, lässt man es dich wissen. Aber es wird sich nichts ergeben“. “Their backgrounds are a mixture of comic incompetence and tragic circumstance: Shakespearean fools and wounded souls.”

Bei ihnen zeigt sich auch sehr schön die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und wie man für eine Wiedereingliederung über Leichen geht statt Solidarität zu üben. Herron ist auch in den Subtexten auf der Höhe der Zeit.

Dann werfen wir mal einen näheren Blick auf diese Herzchen:

River Cartwright ist vielleicht die konventionellste Figur, die dem abgeschmackten Profi von Gestern noch am nächsten kommt. Er hatte bei einem Worst-Case-Szenario versagt, da er wahrscheinlich von einem Mitbewerber reingelegt worden war. Dass er „nur“ im Slough House gelandet ist, verdankt er verwandtschaftlichen Beziehungen. „Wenn Ihr Opa nicht wäre, wären Sie nur noch eine ferne Erinnerung.“ Und Opas Vergangenheit hat es in sich.

Roddy “Clint” Ho ist das Computergenie, asozial und im Umgang mit Kollegen und anderen Menschen komplett inkompetent. Daheim ist er in einem Haus „umgeben von ziemlich viel Elektronik. Einige Geräte warteten still auf ihre Aktivierung, andere summten in freudiger Erwiderung auf bereits erteilte Befehle, und ein anderes plärrte laut Death Metal heraus, in einer Lautstärke, dass der Name drohte, Realität zu werden.“

Min Harper and Louisa Guy scheinen die einzigen zu sein, die eine nicht von Antipathie, Furcht oder Misstrauen beherrschte Beziehung haben. Aber was weiß ich schon, wie oder was sich da entwickelt. Letztere spielt eine – oder gar die – Hauptrolle im zweiten Band, DEAD LIONS. Im Slough House überwacht Louisa Websites, auf denen „die Wut keine Grammatik“ kennt.

Catherine Standish
ist formal Lambs rechte Hand. Eine Alkoholikerin, zumindest am Anfang der Serie trocken. „Die Catherine in ihrem Puderdosenspiegel war immer zehn Jahre älter als die, die sie zu erblicken erwartete… sie sah die Fältchen, durch die ihre Jugend versickert war.“ Die Versetzung ins Sumpfhaus erscheint ihr als „eine verspätete Strafe für ein Vergehen, für das sie bereits gebüßt hatte“.

Sid Baker ist jung, attraktiv und ziemlich abgewichst, Eigentlich ziemlich merkwürdig, dass sie im Slough House gelandet ist.

Jed Moody
war früher ein “Dog”, so nennt Herron die interne Rumschnüffel- und Aufräumabteilung des MI5 („Der Zwinger der Dogs befand sich in Regent´s Park, doch sie hatten die Lizenz zum Streunen.“). Ein kräftiger, abschreckender Typ, nie „vor elf bereit für irgendwas Komplizierteres als ein Heißgetränk“. Er weiß nicht, warum man ihn kaltgestellt hat – und das lässt ihm keine Ruhe.

Diana “Lady Di” Taverner, die Chefin des MI5 thront über allen und ist die Königin der Intriganten (denn das sind sie alle – mehr oder weniger). Ein Kritiker sagte über sie: „Sie hat die Intrige zur Kunstform erhoben“. Auch darin könnte man Einflüsse von Shakespeare sehen – sowohl aus den Dramen wie aus den Komödien.

James “Spider” Webb
war wohl eifersüchtig auf seinen Konkurrenten River und hat ihn sabotiert, damit er in den Gulag des Slough House verschickt wurde. Er neigt zur Selbstüberschätzung und sieht eine brillante Karriere vor sich.

Jackson Lamb ist die zentrale Figur, die alles zusammenhält. Einer der übelsten Chefs in der Literaturgeschichte. Der Einzige, dem sein Job hier gefällt und an einer Rückkehr zum Regent´s Park völlig uninteressiert ist.
Er ist bösartig, faul, trinkt manchmal zu viel und ist übergewichtig.
Ein Charakter, der manchmal an Joyce Porters Inspector Dover denken lässt. Er trauert dem Kalten Krieg nach und weiß, wo die Leichen begraben sind. Seine Umgangsformen würden Chaucer erröten lassen.

Mick Herron: „Jackson Lamb ist sozusagen die durchgängige Hauptfigur der Serie, mit der alle anderen Figuren zu tun haben, weil er der Leiter von ›Slough House‹ ist. Er ist für seinen Autor ein bisschen rätselhaft, und ich hoffe, ebenso für die Leser. Einer seiner Mitarbeiter sagt einmal zu ihm, dass er nach dem Fall der Berliner Mauer selbst eine gebaut hat, und zwar eine um sich herum. Er lebt immer noch im Kalten Krieg, während dem er, vor langer Zeit, Geheimagent gewesen war. Jetzt ist er kein Geheimagent mehr und in vielerlei Hinsicht sehr verbittert. Es macht ihm großen Spaß, andere Menschen zu verletzen. In jeder Situation wird er das Schlimmstmögliche sagen. Er tut dies mit Absicht, aber ohne konkretes Ziel. So ist er eine Art überlebensgroßes, überhebliches Monster. Trotzdem folgt er einem sehr klaren Moralkodex, und dieser Kodex besteht darin, seine Agenten zu schützen. Für mich als Autor liegt der Spaß darin, Situationen zu erfinden, in denen er seine Faulheit und seine schlechten Angewohnheiten und seine Beleidigungen beiseitelegt und tatsächlich etwas unternimmt. Darum geht es beim Erfinden von Plots.“ (im Interview mit Anna von Planta und Kerstin Beaujean vom 29.8.2018)

Herron selbst nennt als einen Einfluss für Lamb den Schauspieler William Clarke in seiner Rolle als Andy Dalziel in der Fernsehserie nach den Romanen von Reginald Hill (den er als Autor hoch schätzt). Die Drehbücher für einen ersten TV-Vierteiler von SLOUGH HOUSE sind bereits geschrieben und bei britischen Produktionen ist die Wahrscheinlichkeit für ein qualitatives Spitzenprodukt besonders hoch.

FORTSETZUNG FOLGT



BEAR GRYLLS THRILLER-DEBUT by Martin Compart


Der Roman fängt gleich an einem der übelsten Orte des Planeten an: im Black-Beach-Knast in Äquatorialguinea. Dort wird Will Jaeger durch einen Trick seines Maori-Kumpels Raff aus der brutalen Gefangenschaft befreit, muss hilflos Schreckliches mitansehen und bekommt gleich einen neuen Auftrag.

Will Jaeger, Ex-Elitesoldat und Gründer von Enduro Adventures, erhält den Auftrag seines Lebens: Für eine TV-Show soll er mit einer Gruppe von Kandidaten ein mysteriöses Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg im brasilianischen Dschungel bergen.

Das Geheimnis um das Flugzeug ist in der deutschen Nazigeschichte im zweiten Weltkrieg verankert und findet auf verschlungenen Wegen bis in die Gegenwart.
Doch bei den Vorbereitungen stirbt sein Freund Smithy. Die Polizei wertet den mysteriösen Tod als Unglück. Ein Symbol, das der Tote trägt, lässt Will jedoch Böses erahnen. Denn er hat es schon einmal gesehen: in den Hinterlassenschaften seines Großvaters, des legendären Nazi-Jägers… (eine Hommage von Grylls an seinen eigenen Großvater, Befehlshaber der T-Force).

Edward Michael Grylls, geboren 1974 in Nordirland, ist ein ehemaliger SAS-Soldat und in England und den USA als Abenteurer und Überlebensspezialist eine bekannte Medienfigur. 1998 hatte er mit 23 Jahren als jüngster Bergsteiger den Mount Everest bestiegen.

Seit 2005 dreht er Dokumentationen und TV-Shows (ABENTEUER SURVIVAL, GET OUT ALIVE, STARS AM LIMIT u.a.), die auch auf deutschen Sendern gezeigt werden.

Mit Unterstützung des Journalisten und Thriller-Autors Damien Lewis hat Grylls einen rasanten Action-Thriller vorgelegt, der in seinen besten Momenten mit einem Kaliber wie Andy McNab locker mithält. In physischen Beschreibungen (die Anfangsszene mit dem zerschundenen Helden) erinnert er gar an die Brillanz von Ian Fleming (in DR.NO). Autoren wie Matthew Reilly oder Clive Cussler ist er erzählerisch überlegen – besser gesagt: sind Grylls und Lewis überlegen.

Gut, das Ende ist ein wenig überzogen. Aber das verzeiht man gerne, denn das hohe Erzähltempo, die effektiven Charakterisierungen und die überraschen Wendungen machen die Lektüre zu einem aufregenderen Erlebnis als das Bestarren eines Hollywood-Blockbusters.

Bear Grylls und sein Gr0ßvater, der „Nazi-Hunter“, der den Roman inspirierte.

Man findet auch ein paar Brüche und Ungereimtheiten, aber wie bei einem besseren James Bond-Film werden sie durch das Tempo weggebügelt. Auch McNabs erste Romane hatten noch nicht ihre volle Schubkraft. Ich behalte Grylls jedenfalls auf dem Schirm. Der Mann hat nicht umsonst einen eine Million Pfund Vertrag mit Orion über drei Romane seiner Will Jaeger-Serie abgeschlossen. Aber der britische Thriller-Markt setzt in seinem Segment auch jährlich an die 100 Millionen Pfund um (SF- und Fantasy 34 Mio., Romance 20 Mio und historische Romane 18,5 Mio; Stand von 2013).

Für die Qualitäts-Wachtmeister der Krimi-Szene ist der „Action-Thriller“ und noch schlimmer: der „Commando-Thriller“ (in dessen Tradition Grylls steht) ja was ganz übles, dass die Lesekultur gefährdet.

Dabei übersehen sie natürlich, dass der „Action-Thriller“ eine beeindruckende Tradition vorzuweisen hat. Angefangen bei Robert Louis Stevensons KIDNAPPED über John Buchans wahnwitzige Jagd- und Fluchtgeschichten, THE 39 STEPS oder GREENMANTLE, Geoffrey Household bis hin zu Ian Fleming, Duncan Kyle oder Alister MacLean und Adam Hall.

In den 1970er- und 1980er Jahren wurde das Genre von amerikanischen Paperback-Original- Serien wie PHOENIX TEAM dominiert, deren Weltbild bestenfalls als schlicht bis dümmlich zu bezeichnen ist. Autoren wie Chris Ryan oder Andy McNabb haben das Genre seit den 1990er Jahren wiederbelebt. Und es ist immer wieder beeindruckend, mit welchen literarischen Fähigkeiten gute Autoren wie Grylls (und Lewis) die Leser durch die Seiten peitschen.

Wer in vier bis fünf Stunden ein paar Pfund Körpergewicht verlieren will, schwindelfrei ist und gute Nerven hat, wird mit GHOST FLIGHT ein schweißtreibendes Vergnügen genießen.
Außerdem bekommt man noch Survival-Tipps, die einem eventuell das Leben retten, wenn man mal wieder im Stadtpark verloren geht.

P.S.: Die Übersetzung – und das ist ja nicht so einfach wenn es um Tempo in der deutschen Interpretation geht – hält die Geschwindigkeit locker mit.

Bear Grylls
Ghost Flight – Jagd durch den Dschungel

Aus dem Englischen von Marco Mewes
HarperCollins, 2018
ISBN: 9783959677547
€ 10,99



JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN 3/ by Martin Compart


Seine Romane sind sehr filmisch angelegt. Als würde er unbewusst oder bewusst auf eine cineastische Umsetzung hinarbeiten. Und tatsächlich ist er mit der Filmindustrie seit langem eng verbunden. Der beste bisherige Film, für den er mitverantwortlich ist, ist m.E. SWITCH, nach einem Originaldrehbuch, von Pierre Schoendoerfers Sohn Frédéric.

„Das Genre selbst ist sehr filmisch. Es gibt eine Intrige, die eine segmentierte und geordnete Erzählung bedingt, ähnlich der Entwicklung in einem Film. Die Kapitel sind kurz und erinnern an Szenen in einem Film. Ich benutze die Technik der subjektiven Kamera: alles wird durch diese Perspektive gefiltert. Ein Problem ist auffällig: Das Filmische meiner Bücher, was ja auch zum Rechteerwerb führt, wird in den Verfilmungen selten umgesetzt.“

Starke Frauen findet man fast immer in seinen Romanen. Nur das Noir-Klischee der femme fatale sucht man vergeblich.
Ich versuche bei Frauen dieselben Prinzipien anzuwenden wie bei den starken Männern, aber natürlich aus weiblicher Sicht. Aus diesem Grund sind Frauen in meinen Romanen so stark, fast männlich. In SCHWARZRS REQUIEM zeigt Gaelle, die jüngere Schwester, die schreckliche Dimension ihrer Stärke, Kraft, die in diesem Fall als männliche Kraft verstanden wird. Ich möchte keine Geschichten von Männern erzählen, die von einer Femme Fatale in einer Falle gefangen sind, denn dies sind Dinge, die bereits im wirklichen Leben passieren.
Im Allgemeinen mag ich Sexszenen nicht sehr, es verlangsamt die Maschine, es nimmt den Leser aus dem Buch
.“

Spirituelle und religiöse Themen sind häufig Bestandteile seiner Romane. Also ein Spektrum, das ihn sehr interessiert.

Schon als ich aufwuchs, war ich immer ein Glaubender. Ich lebte bei meiner Großmutter, einer praktizierenden Katholikin. Sie erzählte mir von Himmel und Paradies … Ich habe nicht alle ihre Gewissheiten geteilt oder behalten, aber in mir brennt eine kleine spirituelle Flamme. Ich hatte meine Zeit als atheistischer Marxist. Irgendwann ermüdete mich dieses ewige Gott ist tot`´-Gefasel. Verdammt, was wissen wir?.Damals beschränkten sich die spirituellen Fragen der Studenten auf rein intellektuelle Spekulationen.

Christus ist revolutionär. Er schwimmt gegen den Strom, bittet uns, unsere Feinde zu lieben, betrachtet unsere Schwächen als eine Tür zur Liebe. Ihm zu folgen heißt, einem Pfad der Güte zu folgen, um einen Schlüssel zum Verständnis des Kampfes zwischen Gut und Böse zu finden. Meine schwarzen Geschichten sind Metaphern des unaufhörlichen Kampfes des Engels gegen den Drachen, Eros gegen Thanatos. In meinen Romanen siegt der Engel immer. Ich liebe Christus, weil er uns vor dem Bösen bewahrt. Das Gefühl, zum Guten berufen zu sein, ist bereits der „Beweis“ für die Existenz Gottes.“

Das ist für mich als Leser und Fan von Grangé nicht leicht zu verarbeiten. Oberflächlich betrachtet ist es schwer zu verstehen, dass jemand der die realsten Grausamkeiten im aktuellen Noir-Roman „fantasiert“ ein derart überzeugter Christ ist. Andererseits ist wie bei Dante vielleicht dieser Glaube die Notwendigkeit dafür, um unbeschadet in derartige Schreckenstiefen zu tauchen und daraus einigermaßen gesund wiederaufzutauchen.

Auch sein Lebenscredo hat etwas Religiöses:

„Meine Zeit auf Erden ist kurz und oft frage ich mich, was meine kosmische Mission ist. Meine Freude besteht nicht darin, mich mit Konsum zu verstopfen oder Lob zu bekommen – selbst wenn Erfolg das Leben leichter macht – sondern im Leser eine intensive, aus Worten geborene, ästhetische Emotion zu wecken.“

Der zukünftige König des weltweit angesiedelten Noir-Thrillers war in seiner Jugend kaum gereist, sein Universum beschränkte sich auf das 6. Arrondissement von Paris. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, macht er Karriere bei einer Werbeagentur, was ihn ankotzte. „Als Jugendlicher dachte ich, dachte ich, dass Schriftsteller die Welt anführten. Ich wollte studieren! Am Ende meines Masterstudiums über Flaubert war ich verheiratet und habe Anti-Dehnungsstreifen-Produkte in Werbebroschüren gelobt. Diese Zukunft hat mich beunruhigt. “

Angewidert von der merkantilen Atmosphäre der Werbung und den unverdaulichen Summen, die den Führungskräften bezahlt wurden, nach einem Job in einem Pressebüro, entschloss er sich, eine eigene Presseagentur zu gründen und die Dienste großer Reporter in Anspruch zu nehmen

Dann traf er den Fotografen Pierre Perrin, der ihm eine Chance gab und ihn zu Nomadenstämmen mitnahm. „In einem Jahr folgten wir Eskimos, Pygmäen, Tuareg, Zigeunern und Mongolen! Als ich nach Hause kam, war ich nicht mehr derselbe. „

Perrin erinnert sich: „Als ich ihn kennenlernte, war Jean-Christophe ein echter Bücherwurm, er war noch nie in den Bergen, noch nicht am Meer, noch in den Wäldern! Er entdeckte alles während unserer Reportagen. Wie ein Schwamm saugte er alles in sich auf, es war großartig.“

„Es war der Schock meines Lebens: Als ich 29 war, sprang mir das wahre Leben direkt ins Gesicht! Zuerst an der birmanischen Grenze, dann am Nordpol, dann in der Tuareg-Wüste. Eines Tages, in einer völlig verlorenen Ecke der Mongolei, in einer grasbewachsenen Ebene, so weit wie das Auge reichte, entfernte ich mich vom Hirtenstamm, deren Leben wir teilten. Plötzlich verwirrte mich die Unermesslichkeit der Steppe. Unmöglich zu glauben, dass diese Schönheit das Ergebnis des Zufalls ist. Das unendlich Große und das unendlich Kleine haben in mir den Glauben an das Göttliche gestärkt, eher intellektuell als physisch.“

FORTSETZUNG FOLGT



JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN /2 by Martin Compart


Dass die französische Noir-Kultur hoch entwickelt ist, darf man wohl eine Binsenweisheit nennen.
Es gibt wohl kein anderes Land, in der die Kriminalliteratur allgemein und die Noir-Kultur eine größere Anerkennung genießt und über eine vergleichbare Infrastruktur verfügt.
Trotzdem findet man dort gelegentlich Arroganz und Tunnelblick. Es gibt dort Noir-Puristen, die aus fadenscheinigen Gründen den weltweit erfolgreichsten Noir-Autoren Grangé nicht als „schwarzen Schriftsteller“ anerkennen. Der Vorwurf, er sei nicht soziologisch oder politisch genug ist ja leicht als schwachsinnig zu entlarven. Welche ungelüfteten Vorstellungswelten!

Nur weil er sich wenig um die Probleme im Banlieue kümmert und zu breiteren Blickwinkeln neigt, ist er alles andere als apolitisch. Die Weltsicht von Grangé unterscheidet sich nicht von der „puristischer Autoren“, sie geht nur häufig thematisch über Provinzsoziologie hinaus.
Auch in seinem Blick auf die Welt ist es längst zu spät, um die Korruption auszurotten.
Auch seine Protagonisten können den Gang der Welt nicht wirklich kontrollieren und höchstens eine Wahl treffen, wie sie in ihr leben oder untergehen.

Aber Erfolg kann bekanntlich einsam machen. Und da sich Grangé auch selten bei „Klassentreffen“ der Krim-Szene sehen lässt, steigert das nicht unbedingt seine Beliebtheit bei Kollegen und den üblichen Szene-Bürokraten.

Ich habe noch nie einen Literaturpreis gewonnen, auch keinen der Kriminalliteraturszene. Für die Literaturszene bin ich zu noir , und für die Noir-Szene bin ich zu erfolgreich und werde naserümpfend als Thriller-Autor abgestempelt. Aber was ist der Unterschied zwischen einem Noir-Roman und einem düsteren Thriller? Wohl nur der Verlag, in dem man veröffentlicht.“

Selbst in Frankreich halten sich noch abgestandene Vorurteile gegenüber dem Genre in der Kultur-Bourgeoisie, die verängstigt auf die Noir-Literatur als Poesie der Citoyens starrt.

Es gibt noch immer das Vorurteil, dass der Thriller ein minderwertigeres Genre ist, aber das heimtückischste ist, dass es innerhalb des Thrillers eine Menge Snobismus seitens derer gibt, die soziologische Romane schreiben, oder historisch-politische anderen Autoren gegenüber. Besonders, wenn diese mehr Bücher verkaufen.“

Bekanntlich gibt es bis heute keine allgemeinverbindliche Definitionen von Kriminalliteratur oder dem Noir-Genre. Für beide gilt wohl der legendäre Satz des US-Richters Potter Stewart von 1964: „Ich kann sie („hard-core pornography“) nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.“

Alle Grangé-Romane sind politisch.

Besonders das neokoloniale Afrika, in das Frankreich tief und unrühmlich verwickelt ist, wird von ihm seit dem Erstling DER FLUG DER STÖRCHE immer wieder thematisiert. Der bisherige Höhepunkt dieses Anliegens sind die beiden Romane PURPURNE RACHE und SCHWARZES REQUIEM, die zugleich eine zuriefst verstörende Familien-Saga sind und die französischen Verstrickungen im Kongo an der Figur des Patriarchen und politischen Agenten Gregoire Morvan aufarbeiten. „Grégoire ist nur die Verkörperung dieser schwierigen Beziehungen zum Kongo. Die schrecklichen Verhaltensweisen, die er im Kongo präsentiert, zeigen, wie Frankreich in den 70er Jahren die Kolonien mit Verachtung und gleichzeitig mit einer Art herablassender Zuneigung ausbeutete. Es war eine Ära, in der man Geschäfte machte, bei denen man gleichzeitig diese Länder verachtete und ausplünderte. Aus diesem Grund sind die französischsprachigen afrikanischen Staaten derzeit vielleicht rückständiger als die früheren britischen Kolonien.“

Die Kriminalliteratur entdeckte Grangé während seiner langen Flugreisen als Journalist. Als Lieblingsromane nennt er: „James Ellroys BLUTSCHATTEN, Martin Cruz Smiths GORKY PARK, Sébastien Japrisots DAME MIT BRILLE UND GEWEHR und Claude Klotz KOBAR. Als ich anfing zu schreiben, gab es eine Welle des neopolar, mit viel sozialem Bewusstsein und sehr armen Intrigen; Romane, die darauf hinausliefen, dass die bösen Jungs Rechte waren. Das war mir zu wenig.“ Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Rechte auch in Grangés Literatur keine Sympathieträger sind.

Vielleicht könnte man einige Romane von Grangé als cross-over-Literatur bezeichnen – ich denke da besonders an den Esoterik-Thriller DER STEINERNE KREIS, aber manche Vergleiche sind an Dämlichkeit schwer zu überbieten. „Ich wurde mit Stephen King verglichen, den ich nie gelesen habe. Man nannte mich auch im Zusammenhang mit Grisham und anderen Angelsachsen, aber unsere Welten sind so verschieden.“
Großräumig könnte man ihn vielleicht – wenn überhaupt – ein wenig mit Michael Crichton vergleichen, was das Einarbeiten wissenschaftlicher Fakten oder Spekulationen angeht, aber was die Düsternis seiner Romane angeht, steht er deutlich in den Traditionen der französischen Literatur.

„Wenn ich ein Buch anfange, beginne ich immer mit Erinnerungen von meinen Reisen. Dann mache eine sehr genaue Zusammenfassung und fange dann erst an zu schreiben. Während ich schreibe, recherchiere ich mehr und mache kleine historische oder wissenschaftliche Einschübe, die auch für die Entwicklung der Charaktere wichtig sind. In beiden Fällen mache ich sehr realistische Beschreibungen, um die Tatsache auszugleichen, dass die Geschichten in meinen Romanen übertrieben wirken Die detaillierten und realistischen Einschübe helfen dem Leser, die Fakten des Romans als glaubwürdig und überzeugend wahrzunehmen.“

Bei all meiner Verehrung für Grangés großes Können, muss man aber auch feststellen, dass er häufig zum „overplotten“ neigt und das kann dem Romanende, dass ja meist als Höhepunkt angelegt ist, einiges an Plausibilität oder Durchschlagskraft nehmen. Diese Explosionen können im Finale auch Nebel über die Logik werfen.

„Meine Vorstellungen von Noir-Literatur wurden durch meine Kindheit geprägt. Sie war glücklich, aber durch die Abwesenheit meines gefährlichen Vaters geprägt. Ich bin also mit diesem allgegenwärtigen Gefühl der Gefahr aufgewachsen, auch wenn niemand in der Familie jemals darüber gesprochen hat. Dies hat die Entwicklung meiner Persönlichkeit beeinflusst, was zu einer Reihe von Albträumen geführt hat, aber gleichzeitig diesen Geschmack für Angst schuf, einen Geschmack, der jedes Mal wieder auftaucht, wenn ich schreibe. Eine Idee für ein Buch, ist definitiv eine sehr, sehr schwarze Idee. Das heißt, in meinem täglichen Leben bin ich eine ganz andere Person als wenn ich am Schreibtisch sitze.

Identitätssuche, Verschleierung und Identitätsauslöschung sind immer wieder kehrende Themen. Ähnlich wie die Kombination aus – wie zuvor angesprochen – problematischer Vaterfigur und mies sozialisierter Sohnfigur bei den Ermittlern.

„Es ist auch kein Zufall, wenn meine Bücher immer zur Suche nach Ursprüngen und Identitäten führen. Das spricht mich am meisten an. Ich suche gerne nach den Rissen der menschlichen Seele. Ich mag aber auch dieses Bild des Helden, der den Fluss des Bösen gegen den Strom hinauffährt. Alle meine Bücher sind so angelegt. Als ich als Kind Kriege, Hungersnöte, Konzentrationslager entdeckte, konnte ich es nicht verdauen.“

Sein Werk durchzieht die These, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Dies begreift er global.
So behandelte er etwa in CHORAL DES BÖSEN eines der miesesten Kapitel der französischen Außenpolitik: Um nach der Unabhängigkeit Kameruns den zum Ministerpräsidenten und de facto Diktator aufgestiegenen Ahmadou Ahidjo weiterhin an Frankreich zu binden, schickte man Spezialtruppen, die das Land gegen jegliche Opposition mit Terror überzogen. Alle Akten dazu wurden vernichtet und viele Franzosen erfuhren erst durch Grangés Roman non diesem verdrängten Schandfleck in der an Schandflecken bis heute reichen Geschichte Frankreichs.

„Ich möchte verstärkt die Kriege im Kongo oder auch in Syrien behandeln. Vergessene oder ignorierte Kriege. Die Kriege, die festgefahren sind, interessieren die. Menschen nicht mehr, obwohl weiterhin Bomben fallen. Was in Frankreich passiert, interessiert mich kaum noch. Provinzielle Eigeninteressen spalten die Gesellschaft, werden lautstark zum Stresstest der Demokratie hochgeputscht, während Kinder zu Hunderten in aller Stille auf der anderen Seite der Welt getötet werden.“