Martin Compart


NOIR-KLASSIKER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: INTERFACE VON JOE GORES by Martin Compart
24. November 2017, 12:22 pm
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Ein Rattennest aus Junk, Alkohol und Sittenlosigkeit“, überschrieb der Futura-Verlag den Klappentext zur englischen Taschenbuchausgabe von Joe Gores INTERFACE.

Und der Roman fängt gleich richtig böse an: Vietnamkriegsveteran Docker legt einen mexikanischen Dealer um und schnappt sich eine Ladung Junk und gleich dazu auch noch das Übergabegeld. Dann zieht er los, um in San Francisco richtig einen drauf zu machen. Darunter versteht Docker, eine schöne Blutspur durch die Bay Area zu ziehen. Gleichzeitig wird der nicht minder sympathische Privatdetektiv Neil Fargo von einem Plutokraten beauftragt dessen Tochter Roberta zu suchen, die sich in miesen Kaschemmen verkauft um ihre Sucht zu finanzieren.

Und damit öffnet sich für den Leser das Höllentor zu einem San Francisco jenseits der Postkartenromantik der Golden Gate.

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Gores widmete INTERFACE Donald Westlakes Serien-Gangster Parker „because he´s such a beautiful human being“. Tatsächlich hat Gores Romanheld, der Privatdetektiv Neil Fargo, mehr gemein mit dem Gangster Parker als mit Lew Archer oder Phil Marlowe. Fargo ist studierter Jurist, ein Ex-Football-Profi und ein ehemaliger Special Force.

INTERFACE wurde mal als der „Italo-Western unter den Privatdetektivromanen“ benannt. So wie der Italo-Western den klassischen Hollywood-Western dekonstruiert, zertrümmert Gores in seinem Roman jedes Stereotyp der Private-Eye-novel.Interface[1]

INTERFACE gehört zu den richtungweisenden Romanen der Noir-Literatur der 1970er. Auf derselben Ebene wie Higgins´ FRIENDS OF EDDIE COYLE, Crumleys LAST GOOD KISS, Robert Stones DOG SOLDIERS oder Thornburgs CUTTER AND BONE.
Wie die genannten Bücher ist INTERFACE tief verwurzelt in der durch Vietnam, Watergate, den politischen Attentaten und der Sixties-Rebellion traumatisierten US-Gesellschaft. Wie diese Romane ist auch Gores Roman ein Lageplan der Müllkippe, zu der der „amerikanische Traum“ heruntergebrannt ist.

Erzählt ist INTERFACE in der dritten Person in einem ähnlich brutal-objektiven Stil (den Manchette so mochte und durch seinen „subjektivierten Realismus“ revolutionierte) wie Hammetts MALTESE FALCON. Wie Hammett geht auch Gores nie in die Gedankenwelt seiner Figuren und charakterisiert sie behavioristisch durch ihre Handlungen.

Stark-Eine-Falle-fuer-Parker[1]Wenn heute von modernen Klassikern der Kriminalliteratur, hard-boiled novel oder Noir-Thrillern die Rede ist, fällt sein Name seltener als zum Beispiel die von Donald Westlake, Lawrence Block oder gar Robert B.Parker. Irgendwie scheint Joe Gores ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Das ist umso erstaunlicher, da keinem mir bekannten Autor seit Dashiell Hammett so viele Innovationen im Genre gelungen sind:

Mit HAMMETT (1975) schrieb er wohl die erste Private-Eye-Novel als period piece, die auf realen Figuren basiert (Max Allan Collins perfektionierte mit der Nate-Heller-Serie in den 1980ern dieses Sub-Genre).

Mit A TIME OF PREDATORS (1969) antizipierte er vor Brian Garfield und Don Pendleton den modernen Vigilanten, der das Kino und den Kriminalroman der 1970er Jahre folgenschwer mitprägte.

Mit seiner Serie um die Privatdetektivagentur „Dan Kearney and Associates“ übertrug er die police-procedural-Elemente des Polizeiromans à la Ed McBain, nämlich Team und genau geschilderte Ermittlungsarbeit, auf den Privatdetektivroman.

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Gores war sein Leben lang besessen von Dashiell Hammett, mit dem sein Leben mehr Parallelen hatte als nur beider Tätigkeiten für Privatdetektivagenturen.

Man mag kaum an Zufall glauben, verdeutlicht man sich den Todestag von Joe Gores: Er starb mit 79 Jahren am 10. Januar 2011 – auf den Tag genau 5o Jahre nach Dashiell Hammett!

Geboren wurde Joseph Nicholas Gores Weihnachten 1931 in Rochester, Minnesota. Als großer Comic-Fan wollte er ursprünglich Comic-Zeichner und Erzähler werden. Seine Vorbilder war die absolute Weltklasse des Zeitungs-Strips: Milton Caniff, Burne Hogarth, Hal Foster und Alex Raymond.

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“When I was 6, my Ma said I could read anything I could reach, so she made sure on the bottom shelves was Lives of the Saints, The Pilgrim’s Progress. But he quickly figured out how to climb to the top shelf, where Ma Gores kept the hard stuff: Agatha Christie, Sherlock Holmes and, of course, Hammett… I still remember opening The Dain Curse. At 6 years old, you don’t know that much, but ‘It was a diamond all right…’ was the first line of that novel, and I thought, ‘Oh, God, wow!’“

Gores studierte Literaturwissenschaften in Notre Dame und dann in Stanford. “You become very highbrow when you are in college.. I was writing the kind of stuff you write in graduate school, which is, you know, ‘the girl with the ponytail commits suicide.’”

Eines Tages fiel ihm ein Band mit Lew Archer-Kurzgeschichten von Ross Macdonald in die Hand und die erste Zeile von GONE GIRL erwischte ihn genauso hart wie schon als Kind die erste Zeile von THE DAIN CURSE: “The opening line of ‘Gone Girl’ was ‘I was tooling home from the Mexican border in a light blue convertible and a dark blue mood. And I thought ‘My God, that is the way I want to write! . . . That kind of tightness, that kind of directness, no nonsense, no navelgazing. You are in there to create vivid characters who are doing extremely interesting things and that’s it.”

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1954 wollte er seine Masterarbeit über Hammett, Chandler und Ross Macdonald schreiben. Aber das Thema wurde mit der Begründung abgelehnt, es handele sich dabei “um Autoren, die so schreiben würden, als wollen sie ihre Bücher verkaufen“. Also könne es sich bei ihnen nicht um Literatur handeln und infolge dessen könne man über sie auch keine „Master´s Thesis“ verfassen. Dann stellte er fest, dass die meisten Autoren, die über die Südsee schrieben, Pulp-Autoren waren. Mit drei offensichtlichen Ausnahmen: „In 1961, Stanford University granted me a Master’s Degree in English Lit. because it had to. My thesis was on the Literature of the South Seas; my advisor had read only Conrad, Maugham, and Melville of my 50 authors, so he could not say it was wrong to write about the other 47.”

Will Ready, sein Professor für kreatives Schreiben in Stanford, gab ihm einen Rat, den Gores für den wichtigsten Rat für sein Schreiben empfand: Alles runterkochen.

Zusammen mit einem Freund heuerte er auf einen Frachter an und fuhr nach Haiti.manhunt_195312[1] „Damals fing ich ernsthaft zu schreiben an und verkaufte meine erste Geschichte 1957 an das letzte übrig gebliebene Pulp Magazin MAN HUNT.“ Anschließend erwischte ihn die Army. Dort endete er als Schreiber von Generals-Biographien. Er blieb also dem Crime-Thema treu. Dann ging er zurück nach Stanford um sein Diplom zu machen.

Nebenbei schrieb er und arbeitete als Privatdetektiv.

In einem Jahr bekam er über 300 Ablehnungsschreiben, mit denen er sein Badezimmer tapezierte. Drei Jahre lebte er in Kenia um zu unterrichten. „Ich war als Kind ein großer Tarzan-Fan und wollte Afrika kennen lernen.“ Bis Ende der 1960er arbeitete er abwechselnd oder gleichzeitig als Autor und als Privatdetektiv in San Francisco. Kein Autor seiner Generation kannte San Francisco besser als Gores. „Als Repo-Man fuhr ich manchmal 5000 Meilen im Monat – ohne die Stadt zu verlassen. San Francisco war in den 1970er Jahren noch in den größten Teilen so wie die Stadt war, als Hammett über sie schrieb.“

1967 war er mit Kurzgeschichten, die auch im renommierten ELLERY QUEEN´S MYSTERY MAGAZINE erschienen, ganz gut im Geschäft. Die legendäre Krimi-Herausgeberin Lee Wright, damals bei Random House, schrieb Gores: „Falls Sie jemals einen Roman schreiben, wäre ich daran interessiert, ihn zu veröffentlichen.“ Also setzte sich Gores hin und schrieb A TIME OF PREDATORS und gewann einen Edgar-Allan-Poe-Preis der Mystery Writers of America.

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Hammett war ganz klar der größte Einfluss für Gores. Wenn Otto Penzler meint, „Hammetts Welt ist zynisch und unsentimental; Gores ist wärmer und positiver“, hat er wohl vergessen, was Gores mit INTERFACE geschrieben hat: Dieser „Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen“ ist genauso kalt und distanziert formuliert wie Hammett. Wenn Hammett mit RED HARVEST und den MALTESE FALCON die bösartigsten und härtesten Romane seiner Generation geschrieben hat, dann schuf Gores mit INTERFACE eine nie wieder genutzte Blaupause für den Privatdetektivroman des 21.Jahrhunderts. Eine zynische Abrechnung mit den USA, nachdem auch für die Naivsten die Putschblase „Land der Freien“ zerplatzte.Stark-Richard-Harte-Zeiten-weiche-Knie[1]
Neil Fargo ist Richard Starks Parker als Privatdetektiv… Nein, der Typ ist noch viel schlimmer. Gores war gut mit Donald Westlake befreundet. Das drückte sich auch darin aus, dass beide Autoren dieselbe Szene nur aus anderen Blickwinkeln für zwei ihrer Romane nutzten: Gores lässt seinen Serienhelden Dan Kearny in DEAD SKIP, 1972, kurz auf Westlake/Starks Parker treffen. Westlake greift dieselbe Szene dann in PLUNDER SQUAD auf (ähnliches machten sie dann noch mal mit Westlakes Figur Dortmunder in DROWNED HOPES und 32 CADILLACS).

Gores gehörte neben seinem Freund Donald E. Westlake und William L. DeAndrea zu dem Trio, das in drei verschiedenen Kategorien mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnet wurde. Gores bekam ihn für den besten Erstling (A TIME OF PREDATORS, 1969), die beste Kurzgeschichte (GOODBYE, POPS, 1970) und für das beste Drehbuch einer TV-Serie (KOJAK: NO IMMUNITY FOR MURDER, 1975).

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P.S.:
Die Ullstein-Ausgabe wurde 1975 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit der Entscheidung Nr.2572 indiziert. In der Begründung hieß es u.a.: „Insgesamt lehrt das vorliegende Taschenbuch die grundsätzliche Hinnahme von Gewalt, die Heroisierung des Verbrechers und allg. destruktives Verhalten aus Machtgier oder neurotischer Mordlust… ´Wirklich einmal etwas Neues`, sagt der Verlag auf dem Titelblatt. So macht man Rechtsbrecher salonfähig, oder um es lerntheoretisch auszudrücken, schafft man für labile Jugendliche…“

Wo ist er bloß geblieben – der tiefe Glaube an die Macht der Literatur?

Hier die Begründung der Bundesprüfstelle für die Indizierung (Achtung! Spoiler-Alarm!):



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