Martin Compart


DR.HORROR ERKLÄRT DIE 7.KUNST by Martin Compart
3. August 2018, 1:16 pm
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Die 7.Kunst birgt noch viele Geheimnisse und Mysterien, die von waghalsigen Filmhistorikern entdeckt und aufgeklärt werden müssen. Kaum einer sieht die Röhren, Stollen und Querverbindungen, die unterhalb der Oberfläche verlaufen, so wie DR.HORROR. Mit seinem privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt er uns Erkenntnisse, die uns aus dem Zustand tiefster Betrübung befreien.

Auch heute geht er wieder dahin, wo es weh tut. Wer denkt, er habe schon alle schlechten Filme gesehen, wird von Dr.Horror immer wieder erleuchtet.
Achja, nochwas: Für die Lektüre und Filmbetrachtung bekommt man diesmal keine Payback-Punkte.



Sie haben einmal die Behauptung aufgestellt, dass der Film HERKULES, SAMSON UND ODYSSEUS der beste Film sei, den es gibt. Das wird manchen Cineasten verdrossen haben.

Ich sehe diesen 1963 in Italien entstandenen Film, mehr noch als die Nouvelle Vague, als einen Vorläufer der 68er-Bewegung. Die jungen Radikalen Herkules (Dutschke & Co. in Westberlin) und Samson (Cohn-Bendit) lassen sich vom Heiligen Geist des listenreichen Odysseus (Ernst Bloch, Adorno, Marcuse) erleuchten und bilden über die Grenzen der Geschichte hinweg eine eindrucksvolle Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus.

Wie kommen Sie darauf, dass dies ein antifaschistischer Film ist?
Sind Sie noch bei Sinnen?

Es wird Ihnen entgangen sein, dass nach dem Kampf gegen ein Seeungeheuer (ein Walross in Vergrößerung), dem Erlegen eines Stiers und eines Löwen die Philister in Mannschaftsstärke gegen das Trio Infernal antreten und damit die Vorfahren terrorgeschulter Palästinenser. Und diese Typen tragen Wehrmachtshelme, echt. Ich habe es noch einmal gecheckt. Wahrscheinlich ein Geschenk des gut zehn Jahre später in Beirut verstorbenen Hitler-Bewunderers Mohammed Amin al-Husseini, eines erklärten Antisemiten, der Muslime für die Waffen-SS mobilisiert hat. Der Terror im Nahen Osten hat ja eine lange Geschichte, und wir Deutsche spielen da eine gewisse Rolle, die das Filmwerk pointiert thematisiert.

Leidet der Film unter der Abwesenheit von Mark Forest?

Das Fehlen von Maciste ist sehr bedauerlich, wie auch die Abwesenheit eines Goliath auf Seiten der Philister. Der Amerikaner Mark Forest singt heute ja Wagner-Opern. Er hat Gesang studiert. Aber der italienische Herkules Kirk Morris hat ja auch Maciste gespielt und in dieser Rolle die Feuerteufel besiegt (heute würden wir sagen: Andreas Baader und seine Kaufhaus-Brandstifter). Und Odysseus Enzo Cerusico hat schon als Achtjähriger vor der Kamera gestanden und unter der Regie von Vittorio de Sica und anderer Neorealisten gespielt. Übrigens war der unter den Decknamen Richard Lloyd oder Rod Flash geführte Samson ein gebürtiger Iraner: Iloosh Khoshabe verstarb 2012 in Teheran. Palästina und Iran, Syrien noch dazu – da kommt einiges in diesem monumentalen Filmwerk zusammen! Und der Eintritt kostete damals in der Jugendvorstellung nur eine Mark fünfzig.

In Witten kostete der nur einszwanzig!

Da sehen Sie mal: ein Film, der Rücksicht nahm auf die Geldbörse. Heute zahlt man für die Disney-Marvel Avengers doch mindestens zehn Euro, aber was sind Spider-Man, Captain America oder Dr. Strange gegen Herkules, Samson und Odysseus?

Würden Sie sagen, dass er als Regisseur anständig gehandelt hat? Da gibt es ja wohl international den einen oder anderen Zweifel.

Der Autorenfilmer Pietro Francisci hatte ein Jura-Examen in der Tasche und hob dann erst mit Steve Reeves als Herkules die Muskelmann-Filmmythen aus der Taufe. Ein großartiger, kleiner, dicker Mann, für den die geschäftliche Seite der Filmkunst keine Schande bedeutete.
Er war Lateiner und wusste, was viele junge Kollegen in Deutschland nicht begreifen: non olet! Steve Reeves, so sagt man, habe seine Partner beim Dreh nicht verletzen wollen, aber Francisci sagte ihm: „Wenn du ihnen nicht weh tust, werden sie nicht bezahlt!“ Das ist noch echte kommerzielle Filmregie und keine amphibische Film/Fernsehscheiße. 1966 drehte er übrigens ein Pendant zu unserer faschistischen Raumpatrouille: Raumkreuzer Hydra – Duell im All. Er ist zu früh von uns gegangen: 1977.

Postskriptum:

Je mehr ich über HERKULES, SAMSON & ODYSSEUS nachdenke, umso eindringlicher wird die Botschaft: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Louis Malles VIVA MARIA gab der Protestbewegung die Bomben, HERKULES, SAMSON & ODYSSEUS schon vorher die preiswerteren Steine, die überall herumliegen. Herkules und Samson begruben die Philister unter schweren Felsbrocken. In Wahrheit waren es natürlich Special Effects und die Felsbrocken aus Pappmaché. (Wieder eine Illusion von damals weniger.) Und da auf Berliner und Frankfurter Straßen damals keine Felsbrocken herumlagen und Joschka und Genossen auch zu schwach gewesen wären, nahmen sie Pflastersteine. Die Idee kam von Herkules, Samson und dem listenreichen Odysseus. Heute laufen solch inspirierend mythologischen Filme nicht mehr, sondern nur noch Raketenfilme. Deshalb werfen sie keine Pflastersteine, sondern vertiefen sich in Computerspiele und bewerben sich bei Frau von der Leyen für das Cyberkrieg-Department.

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Dr.HORROR: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel by Martin Compart

Heute geht Dr.Horror einem der vielen Bluffer und Versager nach, die früher als Wirtschaftskapitäne bezeichnet wurden.
Heute ist „Niete im Nadelstreifen“ ein anerkannter Lehrberuf und die Absolventen ermöglichen dem Kapitalismus so manche zusätzliche Krise. Damit haben sie im Umverteilungsprozess von unten nach oben eine nicht unbedeutende Aufgabe.
Erinnern wir uns nur kurz an die wunderbare Bankenkrise, die ohne Gier und Inkompetenz der Nieten im Nadelstreifen nicht möglich gewesen wäre. Aber Dank ihrer zielgerichteten Dämlichkeit wurden immense Verluste erwirtschaftet, die dann sozialisiert und von den unteren 80% der Bevölkerungen bezahlt wurden.
Solche gelungenen Umverteilungen verlangen natürlich ihre Boni!

Helmut Mehldorf pinkelte im Stehen. Nur mühsam reichte sein Pullermann an den Beckenrand des Klosetts.

Mehlstadt überließ sich seinen Gedanken, während das Wasser floss. Immerhin war er gerade Aufsichtsratsvorsitzender der Airlines of Russia geworden und überlegte schon, wie er mit viel Gebraus über den russischen Schlendrian fegen würde, da vernahm er eine Stimme.

Vor Schreck pinkelte er daneben.

Verdutzt sah er sich um. Da war niemand. Dafür war die Kabine zu eng.
Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor.
Mehduft öffnete die Tür und wankte zurück auf seinen Sitz in der First Class auf dem Flug nach Moskau.

„Mehlwurm! Mehlwurm!“, rief ihm die Stimme aus dem Klosett nach.
Mehlohr schüttelte den Kopf: Werde ich verrückt – oder bin ich es schon?
Er kramte in seinem Namensgedächtnis und ließ Namen Revue passieren, die zu der Stimme passen könnten: Dr. Oetker? Meister Proper? Beide Marken hatte er saniert. Ronald Pofalla? Pofallas Ziehmutter Merkel? Nein, unmöglich, dafür klang die Stimme zu – wie soll man sagen: männlich.

„Mehlwurm!“

Der Ruf klang wie eine Anklage.
War es die Stimme Gottes? Hatte seine letzte Stunde geschlagen? Wurde über ihn gerichtet?

„Nein!“, schrie er. „Ich habe die Bahn nicht kaputtgespart. Ich habe sie saniert.“
Die anderen Fluggäste guckten betroffen.
Mehlschwitz war die Situation, in die ihn die Stimme gebracht hatte, sichtlich peinlich.
„Ich habe die Logistik der Bahn gepäppelt, klar, das war auch bitter nötig, denn die Politik wollte, dass ich mehr Verkehr auf die Schiene bekomme. Vor meinem Amtsantritt hat die Bahn rote Zahlen geschrieben. Als ich fertig war mit Sanieren, waren es 2,4 Milliarden Euro Gewinn.“

„Aber die Berliner S-Bahn“, keifte eine Frauenstimme aus der zweiten Reihe, die keine Geisterstimme war.

„In keine andere S-Bahn wurde mehr investiert, gnädige Frau“, keifte Mehlsaft zurück. „Wenn es da Probleme gibt, haben sie die Zulieferer zu verantworten.“
Er machte ein griesgrämiges Gesicht, das Ähnlichkeit mit einer rohen Kartoffel hatte. Die in der Nähe saßen, schwiegen betroffen.

Nur die Geisterstimme schwieg nicht: „Ganz recht, Volksgenosse Mehlbier. Räder müssen rollen für den Sieg. Darum auch ist meine Wahl auf dich gefallen.“
Pardauz, die Stimme, die aus ihm oder besser: die zu ihm sprach, gehörte dem Geist von Adolf Hitler! Für einen Augenblick war Mehlohr sprachlos. Als er seine Sprache wiederfand, flüsterte er, dass er sich sehr geehrt fühle für das Privileg, aber er habe jetzt einen Vertrag mit den Russen, auch da gebe es einiges zu sanieren und so weiter und so fort…

„Einen Vertrag … mit den Russen?“ Die Geisterstimme des ehemaligen Führers überschlug sich. „Mit Stalin etwa?!“

„Nicht ganz so“, redete Mehwert um den heißen Brei herum. „Mit Putin!“

„Putin? Wer ist Putin? Ist das ein Geflügel? Du, ein Stalingrad-Kind, du arbeitest für die Bolschewiken?! Du, der Sohn eines Stalingrad-Kämpfers?!“

Der VW-Manager, der uns verloren ging.

Jetzt hatte ihn der Führer bei seiner Herkunft gepackt.
Mehlort war in der schlimmsten Phase der Schlacht um Stalingrad zur Welt gekommen, während seine Mutter um das Leben des heldenhaften Vaters bangte, der zum Stab von Paulus gehört hatte. Er fasste sich an den Kopf.

Eine Stewardess wollte wissen, ob sie dem Fluggast ein Glas Wasser und ein Aspirin reichen dürfe.
„Verschwinde!“, blaffte Mehlmann und widmete sich wieder seinen Gedanken und seinem neuen Auftraggeber.

„Du, Mehlspitz, sollst meine Wehrmacht sanieren!“, verlangte der.

„Aber, mein Führer, die ist doch schon kaputtgespart“, warf Mehlmilch ein.
Die Fluggäste wurden gebeten, sich anzuschnallen. Es würden einige Turbulenzen erwartet.

„Du sollst nicht sparen! Privatisieren sollst du sie und an die Börse bringen!!!“

„Die Bundeswehr? Einen Teilbetrieb oder alles zusammen?“

Die Geisterstimme Hitlers gurgelte unverständlich. Mehlwut hörte sie über diesen „jämmerlichen Haufen“ schimpfen: „Nicht Bundeswehr! Wehr-macht-Aktiengesellschaft. Alles komplett.“

Die Ideen des Führers waren wie immer verblüffend. Ja, dachte Mehdom, der Plan könnte funktionieren. Zwar funktionierte nur noch wenig in Deutschland: Straßen barsten in der Gluthitze, die Elbphilharmonie war ein Labyrinth, Flughäfen wurden angefangen und nicht fertig gebaut, Politiker trugen Dackelkrawatten statt Uniform-Braun, ein CSU-Innenminister hatte den in Tunis geborenen Migranten Roberto Blanco einen „wunderbaren Neger“ genannt, deutsche Fußballer steckten gegen die Nachkommen des Rebellen Pancho Villa eine Niederlage ein. Ja, wo sind wir denn? Gegen Mexiko!!! Aber der Glaube an die deutschen Waffen war schließlich ungebrochen. Selbst im Zeitalter des Cyberkriegs. Dafür hatte der Führer gesorgt. Auf die Führung kam es an.

Mehlsupp stellte sich vor, wie der Führer grinste und die Hand zum deutschen Gruß erhob. Auch Mehltank hob jetzt die Rechte.
Die Stewardess sah ihn fragend an.
Mehlmark starrte entgeistert zurück. Die Stewardess sah Eva zum Verwechseln ähnlich: Eva Braun.
Nicht die Außerirdischen, die Nazis waren wieder gelandet, alte Bekannte aus grauen Tagen.

„Selbstverständlich müssen einige der älteren Generäle liquidiert werden!“, verlangte die Stimme.

„Selbstverständlich!“ Mehlmuts Zeigefinger strich über den hässlichen Schmiss, den er sich als Burschenschafter geholt hatte. Außerdem war er ja Hauptmann der Reserve. Er hatte gedient und nicht verweigert. Vielleicht, nein, bestimmt war die Wahl des Führers auf den Richtigen gefallen. Liquidieren, das sollte kein Problem sein. Wofür gab es die Russen-Mafia? Er würde da nach der Landung in Moskau gleich mal einen Wink mit dem Zaunpfahl geben. Und dann, ja, dann müsste er Ronald Pofalla im Bahnvorstand anrufen. Der hatte immer noch eine direkte Leitung zur Kanzlerin und würde ihr eine entsprechende SMS schreiben.

Hitler hatte recht. Die Wehrmacht-Aktien werden uns alle reich machen. Es müsste nur einen Dritten Weltkrieg geben. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Mehlwurst überlegte schon, in welches Land sie am besten einfallen könnten. Da kamen ja einige infrage.

Die Maschine setzte zur Landung an. Mehlwahn schreckte aus seinem Schlummer. Es war alles nur ein Traum. Wie konnte er, ein aufrechter Demokrat, nur solchen Blödsinn träumen? Und doch, irgendwie fühlte er sich geehrt, dass Hitler ausgerechnet ihn angesprochen hatte. Er schnallte sich an. In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Rolf Giesen



WIE WIRD 2018? Dr.Horror weiß es by Martin Compart

Eine Vorschau – Demnächst in diesem Theater

Im Fernsehen häufen sich die Jahresrückblicke wie die Kochshows. (Bestimmt wird irgendwann einmal einer dieser Köche ein hohes Regierungsamt übernehmen: Früher wurde für Deutschland geritten, jetzt wird gekocht.) Jahresrückblicke jedenfalls sind schnell zubereitete Kost aus digitalen Konserven, die nicht anbrennen kann, weil sie schon angebrannt ist. Niemand will so was essen, geschweige denn sehen.

Was aber ist mit einem Jahresvorblick?
Die Sterne im persönlichen Jahreshoroskop stehen bekanntlich immer gut, auch wenn wieder ein Jahr Lebenszeit im Eimer ist, aber in die Wunderkiste der Zukunft schauen mag so recht niemand, am wenigsten die Autoren der Science Fiction, die lieber Weltraumsagas für Blöde erzählen. (Die Blockbuster sind mittlerweile auf RTL2-Niveau gelandet und Deutschland, das Land der Dichter, Denker und Nazis, die den Massenmord industrialisiert haben, auf dem Level von FACK JU GÖHTE TEIL 3. Hurra, ich hab den Titel richtig geschrieben, also richtig falsch.)

Persönlich viel Glück und viel Segen und einen gut gefüllten Gabentisch: Fressen – Saufen – Surfen, nur das Beste für den Allerwertesten. Brot für die Welt: das Gammelfleisch bleibt hier. In Deutschland haben sie mehr Angst vor zugegeben üblen Islam-Terroristen (im Kino kennen wir sie spätestens, seit Laurence Olivier als Mahdi ihre Scharen nach KHARTOUM führte) als vor den Terroristen der Zucker- und Fleischmafia, deren Verbrechen so gut wie gar nicht geahndet werden.

Aber es kommt noch ärger: Mittlerweile kommen nicht nur Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten, sondern die Kartoffeln auch aus Ägypten. Möglicherweise wird das Jahr 2018 eines, das wir uns werden merken müssen. Es wird geschichtlich relevant sein; man wird diese Jahreszahl im Geschichtsunterricht, wenn es das in Zukunft noch geben sollte, lernen müssen wie „3-3-3 bei Issos Keilerei“, und wir dürfen uns freuen, als Zeitzeugen mit dabei gewesen zu sein. Dabei sein ist alles.

„Noch mehr Geld? Die wissen doch jetzt schon nicht mehr, wohin mit der Kohle!“

Zum 1. Januar gibt es für die, die Nachwuchs haben, wieder mehr Kindergeld. Mehr Geld (7 € zum verprassen) soll es auch für Bezieher von Hartz-IV-Leistungen geben. Während die Zahl der Kinder im Wunderland der Export- und Fußballweltmeister (wir sehen uns 2018 wo? in Russland?) nicht signifikant steigen wird, zeigen die Hartz-IV-Bezieher, dass es doch auch noch weiter nach oben geht. (Zu Zeiten des vorbestraften gebürtigen Saarländers Peter Hartz bestimmte noch der von Hitler ins Leben gerufene Volkswagen-Konzern, wo und wie es langzugehen hatte in Deutschland, und die Sozialdemokratie bewies, dass sie politischen und wirtschaftlichen „Notwendigkeiten“ ebenso ins Auge zu sehen wusste wie weiland der unvergessene „Bluthund“ Gustav Noske.

Allerdings wird sich eine Hoffnung für die Sozialdemokraten auch 2018 nicht erfüllen: Würselen wird nicht das Bethlehem des Vereinigten Europa werden. Hier wurde uns nicht der Heiland geboren und auch nicht St. Martin. Martin Schulz ist der lebende Beweis, dass der Aberglaube nicht ausgestorben ist, und Til Schweiger dafür, dass es keine richtigen Helden mehr gibt im Reich der Gartenzwerge.)

„Auch ich sehe gerne Filme ohne Til Schweiger.“

Mehr Wachstum (der Arbeitslosigkeit) verspricht auch das digitale Zeitalter, die virtuelle Zeitenwende, an deren Beginn wir staunend stehen wie Steinzeitmenschen. „Das Thema Digitalisierung beschäftigt uns alle, aber was wollen wir damit erreichen?“ lese ich auf einer Website und kann die Frage nicht beantworten. Alles will wachsen, aber niemand weiß, wieso und warum. Wachset und mehret euch – und macht euch die Erde untertan. Für eine einzige Erde sind unsere Wachstumsambitionen längst schon zu gewaltig. Deshalb vermehren die Dummen ihre Dummheit jetzt digital und posten sie global.

Zuerst hauen wir die Welt militärisch auseinander, vor allem unsere Bundesgenossen in Amerika tun das, die nach Afghanistan, Syrien, in die Ukraine (NATO-Osterweiterung) und sonst wohin drängen, angeblich um niederträchtige Terroristen zu erwischen oder bösartigen Tyrannen wie Saudum Hussein den Garaus zu machen, und dann wundern wir uns, dass die Menschen dort in Bewegung geraten, Naturkatastrophen noch nicht einmal eingerechnet. Der Trump ist ein kühler Rechner: Der Wachstumsprozess des Extremwetters ist nicht mehr aufzuhalten. Warum dann noch Klimaschutz? Das Geld ist besser angelegt, indem man weitere Krisenherde (was für ein Begriff: Krisenherd. Bauknecht weiß, was Frauen wünschen) schafft: das bitterarme Nordkorea, Iran, die Döner-Türkei… An allen Ecken und Enden wird an der Lunte gezündelt, in der Hoffnung, dass es bald mal wieder einen richtig großen Knall geben wird, den die Außerirdischen, die sich bedenklich rar gemacht haben in 2018, auch im Weltall hören werden. Weltweit horten wir fast 15.000 Atomsprengköpfe. Die Nordkoreaner haben daran einen Anteil von 15. Vielleicht haben sie sogar schon zwanzig Atombomben. Und das sind zwanzig zu viel.

Manchmal mag man am Allgemeinen Wahlrecht auch für Dumme verzweifeln: Brexit, Separatisten, Erdogan (über den sie in der Türkei inzwischen ein Heldenlied fürs Kino gedreht haben: REIS bedeutet in etwa der Führer), in den USA der Milliardär und potentielle Frauenfummler vom Trump Tower (1973 orakelte der SPIEGEL visionär: Tagediebe und Frauenfummler lungern in Fahrstühlen und Fluren…), Le Pen und AfD. Mittlerweile bin ich dafür, dass der IQ von Wahlberechtigen vor dem Gang an oder in die Urne überprüft wird.

Ich bin doch viel charmanter als der Gauland.

Letztens sah ich Alexander Gauland in einem Berliner Restaurant in der Nähe des Reichstags einsam an einem Tisch sitzen und missmutig in sein Glas Rosé stieren: Wahrscheinlich ist ihm der enorme Zuspruch, den seine Amateur-Liga findet, inzwischen selbst unheimlich. Das Wachstum einer Partei, die nicht einmal ein halbwegs verständliches Wahlprogramm hat, ist vor allem auf das Wachstum der Dummheit zurückzuführen. Und das hat mehrere Gründe. Vor allem, dass das Gehirn, so Reste noch vorhanden sind, immer seltener eingeschaltet wird. Wie sonst ist es möglich, dass die Amerikaner einen wählen, der eine Steuerreform zugunsten der Reichen durchführt?

Zurück zur Frage, wem die Digitalisierung nutzt: weniger den Doofen als dem Überwachungsstaat, der selbst Orwell das Fürchten gelehrt hätte, dem es aber noch nicht gelungen ist, vollends in das menschliche Gehirn einzudringen und es zu unterwandern. Da wird noch einiges Hochwasser den Rhein herunterfließen und über die Ufer treten, bis das Ziel erreicht ist. Christian Lindner, der Reserveoffizier aus Wermelskirchen, fordert übrigens einen „Weltmeisterplan für die Digitalisierung“.

Da bleibe ich lieber Gasableser für Putin. Und die Frisur sitzt. Kein graues Häarchen.

Dank der Digitalisierung sind wundersam in den Statistiken der Ein-Euro-Jobber die Arbeitslosenzahlen für sinnlose Arbeit rückläufig, obwohl de facto ganze Berufsgruppen verschwinden: In der Dekra Toys Company puzzelten Ein-Euro-Jobber, um herauszufinden, ob ein Puzzle mit 5000 Teilen vollständig ist.

Irgendwann muss ja der schon lange von uns Pessimisten herbeigesehnte Finanzcrash kommen. Die Digitalisierung wird ihn beschleunigen, weil wir die „schwarzroten Nullen“ der Schulden, die wir an nachfolgende Generationen weiterreichen, gar nicht mehr zählen können. Die Finanztransaktionen laufen mittlerweile digital so schnell, dass der menschliche Sachverstand kaum noch mitkommt und nur noch KI den Kollaps der Menschheit verhindern kann: Der Künstlichen Intelligenz wird es nicht schwerfallen, die menschliche Dummheit rechts zu überholen. Dann müssen wir auch nicht mehr wählen gehen, und es wird keine Regierungskrisen mehr geben und schon gar keine überhöhten Diäten für Abgeordnete und Hinterbänkler, die ihre Zeit nicht mit Puzzeln verbringen, sondern damit, Selfies über Facebook zu posten und zu twittern.

Für die breite Unterschicht der einstmals Werktätigen, Mägde und Knechte wird irgendwann alles via Chip in der Hand zentral und unbürokratisch an der Kasse beim Discounter gesteuert. Die ersten Versuche laufen schon in Schweden, wo eine Firma Mitarbeitern einen Chip zum Türöffnen implantiert hat. Die Technik gestattet eine lückenlose Überwachung von der Geburt bis zur Bahre.

„Heut lass ich mal richtig die Sau raus.“

Jetzt haben wir aber schon 2018 übersprungen und sind in 2019 gelandet, möglicherweise ganz weit in der Zukunft 2025 oder 2027 oder 2029, Jahre, die wir uns eigentlich gar nicht vorstellen können, denn sie bezeichnen ein Märchen von übermorgen: Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Dies ist ein Märchen von übermorgen. Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum. Man siedelt auf fernen Sternen. Der Meeresboden ist als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe unser Milchstraßensystem.

Ein Arschloch wie ich, sollte hier nicht vergessen werden.

Eins dieser Raumschiffe ist die Orion… und sie wird übrigens nicht, sie wird niemals vom Flughafen BER starten, denn die Flug- und Weltraum-Baustelle in Schönefeld stagniert weiter, trotz des 2013 von Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn, Air Berlin) verordneten „Sprint“-Programms, das fatal an den zum Ende des Zweiten Weltkriegs verordneten „Endsieg“ erinnert.
Apropos, in 2018 feiern wir den heimtückischen Dolchstoß im Ersten Weltkrieg, dessen Kosten mittlerweile, glaube ich, bezahlt ist. Da könnten wir uns ja bald einen Dritten leisten. Ich schreib schon mal an den Weihnachtsmann…

RG, Jahresende 2017

 

WEISE WORTE ZU 2018

2018 werden große Teile von Medien und Politik (Wirtschaft sowieso) verstärkt aus ideologischen Gründen den Begriff Ungerechtigkeit durch „Neid-Faktor“ ersetzen.

Den Widerspruch zwischen dem kapitalistischen Leistungsbegriff und dem mittelalterlichen Erbrecht mit Phrasen zu verkleistern, damit „Erbe“ nicht zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen heran gezogen wird, ist ebenfalls Aufgabe von Medien und Politik in diesem Jahr.

Und auch in diesem Jahr wird die Priesterschaft des „Liberalismus“ (der wie jede Religion eine Angelegenheit des Glaubens, d.h. des nicht Wissens, ist) weiterhin Gesellschaftseigentum privatisieren (Stichwort: Autobahnen), was einer Enteignung von Gesellschaftsvermögen entspricht. Dafür haben die Lobby-Vertreter im Bundestag, die in der Regel nach zwei bis drei Legislaturperioden ihre Korrumpiertheit durch einen Job in der Industrie krönen, Grundgesetzänderungen durch Winkelzüge erledigt. Diese Korrumpel werden uns diese Umverteilung häufig in den Medien sophistisch als Entlastung des Bürgers verkaufen.

Dank verschlagener Figuren wie Dobrint, Scheuer oder Söder, wird die CSU bei der Landtagswahl eine derartige Klatsche einstecken, die Rotatiosphänomene im Grab von Strauss auslösen wird. Das Schöne an den genannten Gestalten ist, dass ihre Karrieregeilheit gepaart mit asozialer Energie in den Visagen ablesbar ist und damit Wahlplakate konterkariert.

Nicht die Cleverness der AfD sorgt für weiteren Aufschwung dieser grenzdebilen Partei, sondern die unfassbare Dämlichkeit der korrupten Etablierten (die seit den Tabubrüchen von Bangemann und Proll-Gert) die politische Struktur in „diesem, unseren Land“ definiert.

In diesem Jahr wird Bildung noch stärker mit Qualifikation gleichgesetzt werden. Qualifikation für was? Um mit Mick Jagger zu antworten: „I mean really?!!“

In Berlin gibt es im Regierungsbezirk für Abgeordnete ein eigenes Hallenbad. Erinnert alles sehr an Ludwig und Nikolaus.

Das republikanische Fernsehen, bezahlt von Bürger-Geldern und politisch verteilten Zuwendungen, berichtet weiterhin verstärkt über „royale“ (was für eine dämlich klingende Eindeutschung! – kommt direkt hinter „challange“ und „wording“) Uninteressantheiten, um damit den Eindruck zu verstärken, dass Politiker unter vorguilletonierbare Unangreifbarkeit zu subsumieren sind.

Immer weniger Kinder werden 2018 schwimmen lernen. Von den unter dreißig-jährigen können jetzt schon an die 50% nicht schwimmen (was dabei heraus kommt, sieht man an Dobrint und ähnlichen Nichtschwimmern). Das werden 2018 durch Bäderschließungen und soziale Unverpflichtungen mehr werden. Unter Adenauer gab es 90% „schwimmfähige Deutsche“.

Und der Höchst ehrenwerte Papst wird 2018 zunehmend feststellen: Es gibt nichts Richtiges im Falschen.

Dieses Jahr kommt wohl endlich der Algorithmus auf den Markt, der die Bestsellerlisten aller Staaten durchsucht, um den Auftraggeber zu informieren, welcher Lizenzen in seinem Land vertraglich verfügbar ist. Für Großverlage eine Riesenchance zur Personaleinsparung.

AUCH DIESES JAHR WIRD FÜR DIE BELEIDIGTEN UND AUSGEBEUTETEN EIN JAHR IM KONJUNKTIV.



WEISE WORTE by Martin Compart
15. Dezember 2017, 7:01 pm
Filed under: Dr. Horror, Weise Worte | Schlagwörter: ,

„Der Kapitalismus hat viel von seiner Leichtigkeit verloren.“

Dr. Horror

Ohne Kapitalismus hätte ich doch keine Chancengleichheit, sagt ein zufriedener Amazon-Kunde.

Zum Glück stirbt er und kann nicht als Wirtschaftsflüchtling aktiv werden. Der Markt regelt das.

Begraben wird man ihn nicht, denn der Boden wird von europäischen Konzernen nach Bodenschätzen durchwühlt. Die bezahlen das mit Schweizer Chalets und Nummernkonten für die paar Mächtigen im Land.

Außerdem ist Afrika mit Monokulturen vollgestopft, die eine autonome Versorgung behindern und den Markt für Überschussdreck aus der EU öffnen.

Einen Teil des Geldes müssen diese aber einem Schwester-Konzern überlassen, der ihnen dafür zu günstigen Konditionen Waffen liefert, die sie im Kampf gegen Rebellen, die man mitgeliefert bekommen kann, einsetzt.

Oh, Gott! Was für eine primitive Kapitalismuskritik!
Wie die Deutsche Bank im Einvernehmen mit Adolf Hitler weiß: Nicht jeder Aktionär kann überleben.

Der Kapitalismus braucht bekanntlich keine Demokratie.
Kann eine Demokratie langfristig den Kapitalismus aushalten?
Die Indizien sprechen dagegen.



MONTINI – AUSZUG AUS HITLER IM WELTALL von Rolf Giesen by Martin Compart
13. November 2017, 4:34 pm
Filed under: Dr. Horror, Drehbuch, Film | Schlagwörter: , , , , ,

LESEPROBE aus der Erzählung

HITLER IM WELTALL

Ein Film-Roman
von Rolf Giesen

Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind möglicherweise nicht immer rein zufällig. Der Ich-Erzähler, ein Mann mit Namen Fick, der inzwischen unter der Erde liegt, ist dennoch hundert Prozent fiktiv. Er hat an der Filmhochschule der ehemaligen DDR studiert und ist dann, nach seiner Übersiedlung in den Westen, sprichwörtlich unter die Räder gekommen. Jetzt bemüht er seine alten „Kontakte“, damit er nicht vom Pfandflaschensammeln leben muss.

Als E-Book erschienen im
APEX-VERLAG
POSTFACH 801461
81614 MÜNCHEN
http://www.apex-verlag.de

Montini, die Lollo und Hitlers Telefonnummer

Die Wende holt den Ich-Erzähler in West-Berlin ein:

Auf einem Empfang der Berlinale – ich stand gerade mit meiner Lollo, die gedroht hatte, auszupacken über mich, wenn ich sie nicht zu den Filmfestspielen mitnähme, ich stand also mit meiner Nilpferd-Schönheit am Buffet – da fühlte ich verächtliche Blicke in meinem Rücken. Leute, die ich von früher aus dem Studio kannte, erwiderten meinen Gruß nicht mehr, gingen mir sogar aus dem Weg. Gut, so musste ich nicht meine ständig mäkelnde Lollo vorstellen. Ich schob mir ein Brötchen in den Mund und spülte, etwas zu hastig, mit Rotwein nach, als mir jemand unerwartet auf die Schulter klopfte. Schon hatte ich einen Rotweinfleck auf meiner weißen Weste.

Es war Pralines schärfster Konkurrent, der noch am Leben und inzwischen aus Rom zurückgekehrt war. Er war ein gläubiger Katholik und stammte aus Münster, wo ihn seine Mutter schon auf dem Bischofsstuhl sah. Darum nannten sie ihn in Rom auch nur Montini, nach dem Montini-Papst, der für andere der Pillen-Paul war. Einige unter den Älteren werden sich vielleicht noch erinnern. Montini hatte in Rom mit zweifelhaften deutschen Anlegergeldern und Mafia-Verbindungen Hannibals Zug über die Alpen verfilmt und wegen Überziehung des Produktionsbudgets um 20 Millionen Mark um ein Haar das europäische Completion-Bond-System gesprengt.

Auch Montini war ein Sportler, ganz so wie ich. Das machte uns auf Anhieb sympathisch. Aber im Unterschied zu mir hob er in seinem privaten Fitness-Studio auch noch Gewichte. Ansonsten lebte er nach der Devise: Nur Bares ist Wahres! Ich ahnte damals nicht, dass er genauso abgebrannt war wie ich und dringend wieder flüssig werden musste. Die Mafia saß ihm immer noch im Nacken, auch wenn er jede Verbindung bestritt und ins Reich der Dichtung verwies. Auch ich schwor, dass es mir gut gehe und ich die Flut von Angeboten und Aufträgen gar nicht bewältigen könne.

Nachdem wir eine Weile über die verblichene Praline geschimpft und überhaupt über die Filmindustrie und ihre Partizipanten gelästert hatten, fragte mich Montini, ob ich was Geeignetes für ihn auf Lager hätte, eine Geschichte, ein Drehbuch oder so. Ich wusste, einem wie ihm konnte ich nur mit etwas ganz Abgefahrenem kommen.

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag standesgemäß in der Paris-Bar, wo Monti alle duzte. Wir bestellten Martini.
Ich hatte eine Geschichte vorbereitet, aber erst einmal musste ich mir Montis Erfolgsgeschichte anhören. So wie er es sah, hatte er Filmgeschichte geschrieben. Gerade sei er, erzählte er mir, an den Rechten von den Nibelungen dran.
„Aber die Nibelungen sind doch rechtefrei.“
„Wo denkst du hin! Nicht die Urgeschichte!! Die Version von Böll natürlich!!!“
„Böll hat eine neue Fassung der Nibelungen geschrieben?“
Ich sah ihn ungläubig an, aber sein bestimmter Gesichtsausdruck signalisierte mir, dass er keine Nachfragen zuließ, und Böll konnte man nicht fragen, weil der schon seit ein paar Jahren wie ich jetzt unter der Erde lag.
„Ich habe da auch eine Geschichte.“
„Lass hören.“
[…]

Ich hatte erfahren, er wolle etwas über den Vampir von Hannover, einen Film über den Serienkiller Fritz Haarmann machen.
„Als Haarmann sich in Hannover umtrieb, gleich nach dem Ersten Weltkrieg, da war die Leine voller Leichen“, behauptete er.
Das war eine stupende Prämisse.
[…]

„Sag mal“, fing ich an, „du willst von den verheerenden, rechtlosen und zügellosen Verhältnissen in Hannover nach dem Krieg erzählen.“
„Das ist der Background, ja. Da wurden die Leute umgebracht schon wegen Nichtigkeiten: Kleidung, eine Hose. Wegen nichts hat der Haarmann gemordet. Heute ist es ja nicht viel anders. Das war ein Schlächter, ein Kannibale.“
„Aber er war nicht allein.“
„Nicht allein? Wie meinst du?“
„Der hatte einen Komplizen.“
„Na ja, aber gemordet hat er.“
„Nicht unbedingt er allein. Du weißt doch, was er über den Hans Grans erzählt hat. Der Haarmann hat seinen Freund Grans in den ersten Verhören doch richtig schwer belastet. Ich glaube, der Grans war der Mastermind und der Haarmann nur sein gestörtes Faktotum. Grans war der Spiritus rector der abscheulichen Verbrechen.“ Ich zitierte aus dem Haarmann-Lied:

„In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein‘ Gehilfen,
Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen
alle kleinen Jungen an.“

Montini wurde hellhörig.

„Monti“ – sagte ich, ich gebrauchte die Kurzfassung seines Namens – „weißt du, Monti, wann dieser Grans gestorben ist?“
Montini sah mich an.

„1975. In Hannover. Er war 74 Jahre alt. Und verheiratet. Und nur ein Lokalreporter hat ihn jemals interviewt, bei Kaffee und Kuchen, schön kleinbürgerlich. Nicht Stern, nicht Spiegel oder Focus, nicht die FAZ oder die Süddeutsche, nein, ein Lokalblättchen. Das ist alles. Der Reporter lebt noch. Er ist halbblind, aber sein Gedächtnis funktioniert immer noch prima. Ich hab ihn angerufen.“

„Du hast mit ihm gesprochen? Was hat er gesagt?“

„Er beschreibt Grans als sehr intelligent. Der hatte sich auf das Interview vorbereitet und wollte seine Version der ganzen Geschichte darstellen. Seine Frau musste während des Gesprächs das Wohnzimmer verlassen. Die wusste von nichts. ‚Haarmann hat mein Leben verpfuscht‘, hat er angefangen. Nicht um das Leben der Opfer ging es ihm, sondern nur um sein eigenes armseliges Leben. Er saß ja im KZ, wo es ihm aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schlecht ging…“

„Es ging ihm nicht schlecht? In einem KZ?“

„Den Umständen entsprechend. Denn da konnte er seinen sadistischen Trieben nämlich ganz legal freien Lauf lassen. Eigentlich war er da ganz richtig. Na, fällt der Groschen?“
Montini schien nicht ganz bei der Sache, aber so viel verstand er: „War wohl Kapo gewesen.“

„Du sagst es. Hat die armen Schweine gedemütigt und verprügelt. Nach dem Krieg soll er geradezu empört gewesen sein, dass die britische Militärregierung ihn, das ausgewiesene KZ-Opfer, noch einmal einsperren ließ. Der Artikel erschien am 19. Juni 1974, und damit hatte es sich. Zeitlebens ist er als Opfer durchgekommen, dabei war er doch der Anstifter der Morde. Drei Welten hat er schadlos überstanden: die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus im KZ, das nur für ihn allein ein goldener Käfig war, und die Bundesrepublik.“

Montini überlegte.

Ich stand auf, um mich zu verabschieden. Er hatte mir nichts zu trinken angeboten: „Soll ich dich anrufen?“

„Ich ruf dich an“, sagte er.

Auf den Anruf wartete ich vergeblich, wochenlang.
Schließlich las ich in einem Branchenblatt, dass Montini Development-Förderung für ein Filmprojekt Der zweite Mann bekommen hatte, in dem es um die Geschichte des Haarmann-Hintermanns Hans Grans gehen sollte.

Empört rief ich Montini an:
„Das war meine Geschichte.“
„Was war deine Geschichte?“
„Die Sache mit Haarmann und Grans. Ich hab’s gerade gelesen.“
„Momentchen, jetzt werd mal nicht frech, Fick, das Haarmann-Projekt hatte ich schon auf dem Radar, bevor du deinen Riechkolben reingesteckt hast.“

Angriff war bekanntlich die beste Verteidigung.

„Haarmann vielleicht, aber nicht Grans. Du musst mich als Autor nehmen. Die Kohle steht mir zu. Das war meine Idee.“
„Ich muss gar nichts, und dir steht auch nichts zu. Und es war auch nicht deine Idee. Und die Option an der Grans-Geschichte hab ich mir gesichert. Ich hab nämlich diesen halbblinden Journalisten aus Hannover besucht und hab seine Unterschrift. Der Deal ist perfekt. Ich hab schon zwei Giallo-Spezialisten aus Italien rangesetzt. Die kommen aus der Dario-Argento-Ecke. Und vielleicht führt der Dario ja auch Regie. Oder der Paul.“
„Der Paul?“
„Paul Verhoeven. Unter einem wie Paul mach ich’s nicht.“
Ein Wort gab das andere.
„Jetzt reg dich endlich ab. Ich will dir ja was geben.“
„Geld?“, fragte ich unschuldig.
Er sah mich mitleidig an: „Etwas viel Besseres. Eine Geschichte, die wir noch vor den zwei Aasgeiern Haarmann und Grans drehen. Natürlich nehm ich dich rein bei Grans. Aber erst machen wir ein paar Fingerübungen, was, Alter? Überschaubares Budget. Nur freie Natur und gute Luft. Sag mal, führst du auch Regie?“
„Ich hab Regie studiert.“
„Du hast Regie in der Zone studiert. Das ist etwas anderes.“
Ich erklärte ihm, dass ich durch meine regelmäßigen Kinobesuche auf dem Laufenden sei und dass ich ihm Action pur liefern könne.
„Das wird ein Actionfilm, über den wird Deutschland, was sage ich: über den wird Europa sprechen.“

Das gefiel mir. Ich war schon immer für Europa: Europa prima! (Leider hatte mir diesen werbewirksamen Slogan niemand abkaufen wollen.)



DR.HORROR operiert am offenen Herzen. Diesmal: BLADE RUNNER 2 by Martin Compart
8. Oktober 2017, 11:47 am
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BLADE RUNNER 2049

Etwa 30 Filme sind es, die weltweit eine Milliarde Dollar und mehr eingespielt haben. Wir nennen sie Blockbuster: Renner, Hammer, Kassenschlager, Knüller. Das ist kein neues „Genre“, das ist amerikanische Marktmacht pur. Zwar sind einige dieser Filme mit chinesischem, früher auch mal deutschem Geld co-finanziert, aber das Copyright ist in der Regel US-amerikanisch. Disney hat wie wild entsprechenden Content für die nächsten eingekauft: Star Wars, Lucasfilm, Marvel. Warner bemüht Superman, Batman, Wonder Woman, Steven King (Es).

Die gesamte intellektuelle Reserve der amerikanischen Comic-Nation wird auf die Leinwand geknallt: The Last Stand. Aber was kommt danach? Was kommt, wenn die Blockbuster nicht mehr so funktionieren, wie man es von ihnen erwartet, und sie nicht mehr eine Milliarde Dollar und mehr einspielen? Was kommt nach der vollen Dröhnung auf allen Kanälen?

Nun, dann kommt die Zukunft.

Dann kommt das Jahr 2049. Die „Fortsetzung“ von Blade Runner. Der erste Blade Runner spielte nächstes Jahr, im November 2019. So stellten wir uns vor 30 Jahren die Zukunft vor. 30 Jahre sind ja keine Zeit.

Natürlich wird es mit den Blockbustern noch Jahre weitergehen, aber nun, nachdem ich Blade Runner 2049 gesehen habe, habe ich das Gefühl, das Ende der Fahnenstange ist in Sicht.

Die Grenzen des Wachstums sind auch im Kino spürbar. Früher gab es, der religiösen Einkehr wegen, vielleicht mal alle drei Jahre einen Monumentalfilm: Quo Vadis, Das Gewand, Ben Hur, Cleopatra (ein Desaster an der Kinokasse), Die Bibel (gezeigt wurde nicht mal die halbe) und abschließend, als das Rennen schon vorbei war, Artur Brauners in Rumänien und Spandau produzierter Kampf um Rom in zwei Teilen. Dann war es aber auch gut. Heute gibt es jede Woche einen neuen Blockbuster, mit oder ohne Darm, mit oder ohne Brille. Die mit digitalen VFX vollgepumpten Dinger graben sich mittlerweile selbst das Wasser ab.

Über das Jahr 2049 erfahren wir in der Fortsetzung weniger als im Original von 1982 über das kommende Jahr, sozial schon gar nichts. Nur dies: Ohne Maschinen, ohne Androiden und Replikanten geht gar nichts mehr. Die Menschheit ist längst verblödet. Die bange, noch nirgendwo gestellte Frage steht im Raum: Hat die Maschine den Menschen überholt?

Wenn ich mich in der Berliner U-Bahn zum Preis einer Fahrkarte unter Smartphone-Nutzern umsehe oder mal zu RTL2 zappe, scheint das leicht vorstellbar. Blade Runner 2049 setzt noch eins drauf: Können Replikantinnen Kinder bekommen? Ryan Gosling (La La Land) als Officer K ermittelt. Damit es überhaupt etwas mit dem „ersten Teil“ zu tun hat, kehrt auch Harrison Ford als gealterter Rick Deckard zurück, ein Darsteller übrigens, der jede Rolle gleich spielt: Because without Harrison, there was no movie. Jetzt haben wir aber genug verraten. Ist auch Deckard ein Replikant oder wie oder was? Viel mehr passiert in der werbefilmwirksam fotografierten Bilderwelt in 150 Minuten nicht. Das Ganze hätte man bestimmt auf 80 Minuten Länge kondensieren können.

Genug verraten, denn in einem Einladungsschreiben zur Pressevorführung ermahnt mich der Verleih: Wir ersuchen Sie mit Nachdruck, in Ihren Berichten aus Rücksicht auf die Kinogänger keine wichtigen Handlungsstränge zu verraten… Mobiltelefone, Kameras und sonstige Aufnahmegeräte müssen an der Garderobe abgegeben werden.

Wichtige Handlungsstränge?

Habe ich nicht wahrgenommen. Hätte ich nur auch meinen Verstand an der Garderobe abgegeben.

Die Zukunft, möchte man mit dem weisen Karl Valentin sagen, war früher auch mal besser. Heute ist sie unberechenbar. Da wagt sich kein Autor, der auf sich hält, mehr ran. Es fehlt an couragierten utopischen Autoren: Kein neuer Lem, kein neuer Galouye, kein neuer Philip Dick in Sicht? Frank Schätzing? Hm…
In der Presse lese ich über Denis Villeneuves Film: Blade Runner 2049 Is An Exquisitely Made Disappoinment. – An Overlong, Underwhelming Sequel. – Jaw-Dropping Style [sic!] but Too Little Substance.

Er spricht Recht, wo das Gesetz nicht hinkommt.
Richter Gnadenlos ist Charles Bronson
in
EIN MANN SIEHT BRAUN

Das nächste Mal drehen wir eine Forsetzung von Ein Mann sieht rot in Deutschland. Oder: Ein Mann sieht braun. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch. (Brecht) Und für die Hauptrolle – weil Til Schweiger nicht in Charles Bronsons Galoschen passt – holen wir „Richter Gnadenlos“ aus Rio zurück, Der spielt auch für eine Million weniger als Harrison Ford…

Rolf Giesen



DR.HORROR über FAUSER by Martin Compart
2. September 2017, 9:56 am
Filed under: Dr. Horror, JÖRG FAUSER | Schlagwörter: ,

Rolf und Jörg kannten sich gut. Nicht nur aus der gemeinsamen TIP-Redaktion, sondern auch von häufigen Streifzügen durch das Nachtleben. Rolf gibt jetzt einen ersten Einblick, wie er Fausers Berliner Jahre erlebt hat.

Rolf Giesen im Fauser Wiki

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