Martin Compart


KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: TRIAL AND ERROR von ANTHONY BERKELEY by Martin Compart

„Überall, vom politischen System bis zum menschlichen Körper, muß das Böse herausgeschnitten werden, bevor das Gute sich ausbreiten kann.“
„Ja. Ja, ich denke, das klingt vernünftig“ , sagte der Major.
„Absolut“, bekräftigte der Zivilist.
„Aber ich muss schon sagen, dass ich gerne jeden unredlichen Politiker in unserem Land erschossen sähe.“
„Bliebe dann einer übrig?“ fragte Ferrers lächelnd.
„Sie meinen, Sie könnten sich zum Richter über Leben und Tod machen?“ wiedersprach der Pfarrer.
„Warum nicht? Ich wäre ein guter Richter.“

Stammen diese Sätze aus einem zeitgenössischen zynischen Noir- oder Kriminalroman?
Nein. Aus dem ersten Kapitel eines britischen Klassikers von 1937, aus dem Golden Age. Aus einem der Meisterwerke des größten Innovators der gesamten Kriminalliteratur, Conan Doyle, Hammett, Cain oder Forsyth mit eingeschlossen. Nämlich aus TRIAL AND ERROR (DER VERSCHENKTE MORD)von Anthony Berkeley Cox. Heute fast völlig in Vergessenheit geraten, war Cox der intelligenteste Schriftsteller, der je Detektivromane geschrieben hat und mit Sicherheit verkörpert er inhaltlich und stilistisch der Höhepunkt des Golden Age. Er führte den formalen Rätselroman auf einen Höhepunkt und entwickelte aus ihm den modernen Kriminalroman. Seine Plots waren raffinierter als die von Agatha Christie, seine Plaudereien gebildeter als die von Michael Innes oder Nicholas Blake und stilistisch mag ich ihn lieber als Dorothy L.Sayers oder die hoch geschätzte Margery Allingham, da er eher mit P.G.Wodehouse, dem der Roman gewidmet ist, oder H.C.Bailey und sogar mit Chesterton vergleichbar ist. Jedenfalls was zynischen Witz angeht. Mit Bailey verbindet ihn auch die oft amoralische Haltung und das geringe Vertrauen in staatliche Organisationsstrukturen.
TRIAL AND ERROR nutzt die Strukturen des klassischen Detektivromans nur da, wo Cox sie auf den Kopf stellen kann: Der todkranke Mr.Lawrence Todhunter will seinem Leben einen Sinn geben indem er einen Gesellschaftsschädling umbringt. Aber das richtige Opfer zu wählen, ist nicht ganz einfach. In einer Besprechung mit Freunden, die nichts von Todhunters Absichten ahnen, wird das Thema abstrakt diskutiert und Hitler und Mussolini als potentielle Opfer ausgeschlossen, da diese nur Spitzen ihrer Bewegungen seien und sofort durch andere ersetzt würden. Auch ein Zeitungsherausgeber, „der seine Leser absichtlich zu seinem eigenen Nutzen in die Irre führt“ scheidet aus mit der Erkenntnis „Würde das nicht alle Herausgeber betreffen?“
Trotzdem wird ein Opfer gefunden und ein Unschuldiger gerät unter Mordverdacht. Und nun beginnt die Coxsche Plotmaschine auf vollen Touren zu laufen. Etwa dadurch, dass Mr.Todhunter trotz alle Bemühen nicht dazu in der Lage ist, den Unschuldigen zu entlasten, seine Schuld zu beweisen. William B. Strickland bringt es in seinem Essay über Cox (in TWELVE ENGLISHMEN OF MYSTERY, Bowling Green University Press, 1984) auf den Punkt: „It is a mad tea-party of a book, with the inverted form combined with the puzzle, the courtroom drama with near farce, the novel of suspense with the comedy of P.G.Wodehouse.“
Cox´ Ansatz ist nicht nur zynisch oder ironisch, er interessiert sich wirklich für die moralische Dimension. Das Verbrechen ist kein blutloser Problemauslöser, sondern eine ernsthaft zu untersuchende Kategorie im zivilisatorischen Prozess.

Der 1893 geborene Autor kämpfte im 1.Weltkrieg in Frankreich an der Westfront bis er durch einen Gasangriff invalid wurde. Wirtschaftlich nicht auf Überlebenssicherung durch Lohntätigkeit angewiesen, begann er eine Schreiberkarriere mit humoristischen Stücken für „Punch“ und andere Magazine. 1925 erschien sein erster Kriminalroman, THE LAYTON COURT MYSTERY, der auch der erste Roger Sheringham-Roman war. Seine ersten beiden Roman wurden anonym veröffentlicht. Zeit seines Lebens war Cox um Diskretion und Distanz bemüht. Um so verwunderlicher, dass er 1928 den legendären „Detection Club“ gründete um sich mit anderen Autoren zu treffen. Christianna Brand, ebenfalls Mitglied des Clubs und seine Nachbarin, schrieb über ihn: „Ein charmanter Städter, der cleverste von uns aber auch rücksichtslos und gemein.“ Seine Karriere als Kriminalliterat umspannte gerade mal 15 Jahre. Er war Bestsellerautor, aber durch Erbe und Herkunft nicht darauf angewiesen,
Nach seiner letzten Romanveröffentlichung lebte er noch 32 Jahre und schrieb als „Francis Iles“ einflussreiche Krimikritiken im „Daily Telegraph“und in der „Sunday Times“.. So wird ihm in dieser Funktion zugeschrieben, er habe als einer der ersten auf die Talente von P.D.James und Ruth Rendell hingewiesen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte er in einem Haus St. John´s Wood und ging täglich in sein Büro auf dem Strand, wo er als einer von zwei Direktoren der A.B.Cox Ltd. tätig war. Bis heute weiß niemand, was diese Firma getrieben hat. Very british.
Er starb 1971.

Von 1925 bis 1934 schrieb er seine Serie über den nicht unbedingt sympathischen und zur Selbstüberschätzung neigenden Amateurdetektiv Roger Sheringham, der nichts mit den übergescheiten Superdetektiven der Epoche gemeinsam hat, sondern Fehlschlüssen nachrennt oder sogar aus reiner Blödheit Tatorte verändert (JUMPING JENNY). In dem unterschätzten Castaway-Krimi PANIC PARTY erahnt Sheringham zwar den Mörder, kann ihn aber nicht überführen. Beeinflusst wurde die Figur Sheringham durch E.C.Bentleys Trent, der als Gegentwurf zum allwissenden Superdetektiv à la Sherlock Holmes konzipiert worden war. Cox interessierte sich für echte Kriminalfälle und sein zweiter Roman, THE WYCHFORD POISONING CASE, 1926, war direkt beeinflusst von dem damals Aufsehen erregenden Florence Maybrick-Fall. Auch die Polizei, die im Vergleich mit dem Superamateuren fast immer dämlich wirkt, besteht bei Cox nicht aus Idioten, sondern ernsthaften Profis. Inspector Moresby ist ein weitaus besserer Ermittler als Roger Sheringham.
Im Gegensatz zu den ideologisch angepassten Autoren der Zwischenkriegsjahre ist der Mörder in Cox´ Geschichten nicht immer ein unsympathischer Regelbrecher. Manchmal ist er sogar ein Sympathieträger mit ehrenwertem Motiv. Er gehört also nicht zu der Vielzahl der Golden Age-Autoren, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht hinterfragen. Damit ist er ein Vorläufer der kritischen Schule der 1950er Jahre, von John Bingham bis Julian Symons.

Eine Figur, die in mehreren Büchern – auch in TRIAL AND ERROR – auftaucht ist der unscheinbare Ambrose Chitterwick, der in den dem Sheringham-Klassiker POISONED CHOCOLATES (DIE VERGIFTETEN PRALINEN), 1929, die entscheidende Rolle spielt. Schon in der Sheringham-Serie wird deutlich, wie experimentierfreudig Cox die Formeln des klassischen Detektivroman durch Varianten aufbricht und manchmal die Grenzen durchbricht. Stil, Ironie und psychologischer Suspense werden ihm zunehmend wichtiger. Die Entwicklung hin zu den Francis Iles-Romanen erscheint folgerichtig.

Bereits 1930 hatte Cox im Vorwort zu THE SECOND SHOT geschrieben: „Ich bin davon überzeugt, daß die Tage des alten Krimi-Puzzles, rein und einfach, das nur von der Grundsituation ausgeht und bei dem es keine attraktiven Charaktere, Stil, ja nicht einmal Humor gibt, ihrem Ende entgegen gehen. Ich bin davon überzeugt, dass sie Detektivgeschichte dabei ist, sich in einem Roman mit detektivischen oder kriminallistischen Interesse zu entwickeln, wobei der Leser mehr durch psychologische als durch mathematische Probleme gefesselt wird. Das Puzzle-Element wird zweifellos bleiben, aber es wird eher ein Rätsel des Charakters als ein Rätsel der Zeit, des Ortes, des Motivs oder der Gelegenheit sein.“

Heute nennt ihn die Sekundärliteratur hauptsächlich wegen seiner Romane, die er unter dem Pseudonym Francis Iles schrieb. Mit MALICE AFORETHOUGHT, 1931, und BEFORE THE FACT, 1932, entwickelte er aus der „inverted story“ den modernen psychologischen Kriminalroman. Ohne seine Pionierarbeit wären z.Bsp. Patricia Highsmith, Boileau/Narcejac oder F.J.Bardin nicht denkbar. Dies war wohl seine wichtigste Innovation. Der erste Roman ist aus der Täterperspektive geschrieben, der zweite aus der des Opfers. Die Opfer/Heldin ist so dämlich, dass der Leser sie am liebsten selber umbringen würde. Joy Fielding & Co verdanken diesem Roman alles – bis hin zu den unerträglich blöden Heldinnen, die nur noch von der Blödheit des lesenden Publikums übertroffenen werden. Der Snob Berkeley verachtete sein Publikum. Er lässt seinen Roger Sherinham, der wie sein Erfinder zum Bestsellerautor aufstieg, sagen, er verdanke seinen Erfolg lediglich der Dummheit seiner Leser. Alfred Hitchcock ruinierte die Verfilmung von BEVOR THE FACT als SUSPICION durch ein völlig anderes Ende, da er Cary Grant nicht als psychopathischen Mörder vorführen wollte. Der völlig überschätzte Alfred hatte zuvor bereits John Buchans 39 STEPS in den Sand gesetzt. 1939 erschien ein dritter Iles-Roman, AS FOR THE WOMAN, mit einer vergleichbaren Ausgangsidee wie DOUBLE INDEMNITY. Nur zeigte Cox dem guten James Malahan Cain, wie man alles aus einem Plot rausquetscht. Sein Verleger lehnte das Buch mit der Begründung ab, es sei zu „sadistisch“.
Einschränkend zu der Iles-Innovation durch MALICE AFORETHOUGHT muss man sagen, dass C.S.Forester, bevor er Hornblower erfand, mit PAYMENT DEFERRED diese Plotstruktur schon 1926 anwendete. Und das mit beeindruckender Konsequenz. Man muss auch Marie Belloc Lowndess erwähnen, die bereits 1913 mit ihrem berühmtesten Werk THE LODGER (DER UNTERMIETER) auf den modernen Psychothriller hinwies. Das Pseudonym „Francis Iles“ basierte auf einem seiner Vorfahren mütterlicherseits, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt.
Boileau/Narcejac würdigten MALICE in ihrem Buch DER DETEKTIVROMAN (Luchterhand, 1967) als ersten organisch vollkommenen Kriminalroman: „Weil er uns ein Schicksal erzählt; weil sich Intelligenz und Fatalität so eng miteinander vermischen, dass der Autor wie ausgeschlossen von den Ereignissen scheint, die er berichtet.“ Sich also nicht der Formelhaftigkeit des klassischen Detektivromans unterwirft.

Der große Erfolg von Berkeley in den 1930ern begründet sich auch auf seinen freizügigen Umgang mit Sexualität. Nach heutigen Maßstäben ist das alles harmlos, aber im Gegensatz zu den meisten Golden Age-Autoren steckte er nicht bis zur Kinnlade im Sumpf viktorianischer Sexualmoral. Auffällig ist eine Parallele zu den amerikanischen Pulp-Vettern, die in ihren Geschichten gerne Männer der Mittelklasse unter der Lust und Sexualität destruktiver Frauen leiden ließen. Bei Berkeley sind es natürlich Männer der Oberschicht. Aber auch sie sind den Gemeinheiten bösartiger Frauen ausgesetzt, die Berkeley als ruchlose Erpresserinnen brandmarkt (und ihr tödliches Schicksal verdienen; daran lässt er keinerlei Zweifel).

Deutsche Ausgaben erschienen bei Heyne und Diogenes.