Martin Compart


Klassiker des Polit-Thrillers: Stephen Becker by Martin Compart

DER LETZTE MANDARIN

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Der Winter 1948 ist hart in Peking. Die Menschen erfrieren und verhungern und die Stadt ist von Maos Truppen eingeschlossen. Man erwartet den Todesstoß der Kommunisten („Es wird mehr und bessere ärztliche Versorgung geben, und vieles, was die soziale Seele freut“). Seit Jahrzehnten leidet das Reich der Mitte unter Warlords, Bürgerkrieg, japanischer Vergewaltigung und erneuten Bürgerkrieg. Alle Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten bestimmen das Bewusstsein in Peking. „Die Reichen schmieden Pläne zur Flucht. Aber wohin?…die, die zu arm waren, konnten sich nicht mal Aberglauben leisten.“

In dieser Situation wird der ehemalige Guerilla-Kämpfer und Ex-Major der US-Armee Jack Burnham in die umzingelte Stadt eingeflogen. Seine Aufgabe: er soll den japanischen Kriegsverbrecher Major Kanamori aufspüren und der Hinrichtung übergeben. Die Gräueltaten, die Kanamori von 1938 bis 1945 in China begangen hat, sind ungeheuerlich. Er war einer der Schlächter Nankins, wo sich die Wege mit Burnham gekreuzt hatten.

Aber warum ausgerechnet Kanamori?
Es gibt Tausende von Kriegsverbrechern wie ihn…

Burnham taucht in diese fremde Welt, die er so liebt, ein und durchforscht sie auf jeder exotischen Ebene („Nicht zu wissen, wer was wie´- das ist die wahre Unwissenheit„). Seine Suche in Peking wird durch Rückblenden unterbrochen, die den japanischen Plünderungszug durch China und Kanamoris Abscheulichkeiten und Leben im Dienst der aufgehenden Sonne schildern.

Burnham ist einer der typischen Becker-Helden: Antiautoritär und von Asien „korrumpiert“. „Wer von Schmeicheleien leben will“ zitierte Burnham kühl, „muss härter schuften als ein Bauer.“

Der Umbruch in China war bereits Thema von Beckers beiden ersten Romane, THE SEASON OF THE STRANGER, 1951, und SHANGHAI INCIDENT, 1955, sein erster Thriller, für den er einmalig das Pseudonym Steve Dodge verwendete und der in der legendären Gold Medal-Reihe erschien (siehe dazu Gary Lovisis Text http://www.mysteryfile.com/Becker/Becker.html ).beckerb1

2006 war eine Verfilmung non THE LAST MANDARIN in Planung. Regie sollte Andreij Konchalovsky führen und Burnham von Alec Baldwin gespielt werden. Der Titel des 15-Millionen-Dollar-Projekts, das bisher nicht weiter verfolgt wurde, war THE FORBIDDEN CITY.

Wer dieses Buch liest, wird es nie mehr vergessen. Es ist Thriller, exotischer Abenteuerroman, philosophische Betrachtung, zynische Welterklärung und grauenhafter Kriegsroman in einem. Und vor allem ist es Weltliteratur. In einigen Jahren wird man vielleicht erkennen, dass Stephen Becker zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts gehört, auf derselben Stufe wie etwa Cormac McCarthy. Er ist einer dieser Autoren, die prägend in ein Leben eingreifen können und Denken und literarisches Stilgefühl beeinflussen. Seine Mischung aus Lakonie und Ironie erzeugt eine ganz eigene Melodie.

becker1Der Roman ist der mittlere Band von Beckers so genannter Asien-Trilogie (DER CHINESISCHE BANDIT und DER WEISSE SHAN sind genauso gut und lesenswert; mein Herausgreifen des DER LETZTE MANDARIN ist rein willkürlich).

Ein gemeinsames  Thema ist die Kollision zwischen amerikanischen Abenteurern mit asiatischen Kulturen, die sie in den Bann schlagen und fast aufsaugen. Es basiert wohl auf Beckers eigenen Erfahrungen. Bei aller Tragik und Ernsthaftigkeit lockert Becker die Handlung durch Humor auf, der auf den komischen Eigenheiten der jeweiligen asiatischen Kultur wie auch den Idiotien des Westens basiert.
„Ein merkwürdiges Volk, die Amerikaner, ohne jedes Feingefühl und ohne Sinnlichkeit. Sie haben keine Geschichte. Sie durchstreifen die Welt wie hirnlose Nomaden, sie überschreiten alle Grenzen, und wenn sie einen Pfau sehen, nehmen sie ihr Gewehr und erschießen ihn und fressen ihn roh. Andererseits verbringen sie auch Großes und übergehen das Gelächter ihrer Kritiker. Unbezahlbar, wie gesagt.“51zva0necfl-_uy250_11

Ein Zauber seiner Trilogie besteht darin, dass er dem Leser diese Kulturen näher bringt, aber ihre Mysterien bewahrt. Er klärt auf und mystifiziert gleichzeitig. Ein Widerspruch, den nur ein wirklich großer Autor auflösen kann, der die Widersprüche des Lebens kennt und in einer Synthese aus Orient und Okzident ästhetisiert.
Dafür findet er, wie zuvor gesagt, eine ganz eigene Sprache. Häufig sind es Beckers eigenwillig ironische Brechungen, die den Leser die oft schwer erträgliche Brutalität ertragen lässt.

„In der Nacht zum Montag, dem 13.. Dezember 1937, endete in Nanking jeder Widerstand. Die japanischen Armeen hatten einen der glanzvollsten Feldzüge der modernen Kriegsführung erfolgreich abgeschlossen. Die Soldaten freilich hörten nur ungern vom aufgegebenen Widerstand. Das Gewehr war geladen und gespannt, der Finger auf dem Abzug, Frieden war der unerträglich. Sieg allein genügte nicht; eine im Lauf der Geschichte aufgestaute, unterdrückte Wut verlangte nach einem Blutbad. Eine Stadt mit 1 Million Einwohner – keiner zu finden der Widerstand leistete? Mehr noch: die Ausländer – eine Handvoll nur, selbstgerecht, unermüdlich, sogar überheblich – hatten eine Schutzzone festgelegt, als ob ihre Gesandtschaften, Universitäten und Missionen heilige Städten wären, die nicht von unzivilisierten Japanern geschändet werden dürfen. Der Major meinte, kümmert euch nicht darum… Das schießen ließ nicht nach, Widerstand oder nicht. Und sie tranken… Kanamori erinnerte sich später an hausgemachten Brandy, Pflaumenschnaps und sogar Bananenschnaps. Auf Sie tranken nicht bis zur Bewusstlosigkeit, niemand torkelte oder stürzte; sie tranken zur Anregung, und ihre Kraft wuchs. Rastlos, gesetzlos und herzlos streiften sie herum. Wahllos traten sie Haustüren ein. Sie erschossen die Männer und vergewaltigten die Frauen. Sie vergewaltigten zehnjährige Mädchen und siebzigjährige Großmütter…“

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Kaum ein mir bekannter westlicher Autor hat Asien mehr geliebt und verstanden als Stephen Becker.

Becker hatte viele Talente: er war ein herausragender Übersetzer, ein bemerkenswerter Hochschullehrer und ein genauer Analytiker der populären Kultur. Bereits 1959 hatte er die erste ernsthafte buchlange Analyse von Comics (COMIC ART IN AMERICA) veröffentlicht.

Aber er wird vor allem als großer unterschätzt der Romancier in die Literaturgeschichte eingehen. Er wird gelegentlich mit Joseph Conrad verglichen. In seinen Romanen geht es häufig um Selbstfindung und Selbstverlust. Ähnlich wie Conrad thematisiert Becker das Dilemma der menschlichen Moral und ihre Unzulänglichkeit innerhalb sozialer Strukturen.

Stephen David Becker wurde 1927 in Mount Vernon, New York, geboren
Der Sohn eines Apothekers wuchs in Yonkers, New York auf. Von 1943-1947 studierte er in Harvard. 1945 unterbrach er das Studium um seinen Militärdienst bei den Marines zu absolvieren.
Er graduierte 1947 in Harvard. Im selben Jahr ging er nach China, wo er Weihnachten 1947 seine Frau Mary heiratete. Er unterrichtete bis 1948 an der Universität von Peking.

Nach seinem Aufenthalt in China ging er nach Frankreich. Er lernte Französisch durch die Lektüre von Kriminalliteratur. „Nachdem ich Chinesisch gelernt hatte, war Französisch ganz einfach. Mein Rat an junge Leute die Französisch lernen wollen: lernt zuerst Chinesisch.“ In Frankreich traf er den Romancier Richard Wright, der ihm für seinen ersten Roman einen Agenten vermittelte: THE SEASON OF THE STRANGER erschien 1951.

Becker übersetzte insgesamt 14 Romane aus dem Französischen ins Englische; darunter Romain Garys THE COLORS OF DAY von 1953. „Diese Übersetzung war hilfreich für mich als jungen Autor. Sie hat mir meine Zweitklassigkeit gezeigt.“ Besonders Vergnügen müsste ihm die Übersetzung von André Malrauxs chinesischen Revolutionsroman DIE EROBERER gemacht haben.

Ende der fünfziger Jahre gingen die Beckers zurück in die Staaten. Sie lebten mit ihren Kindern in New York, Massachusetts, den Virgin Islands und ab 1986 in Florida, nachdem Becker dort einen Lehrauftrag an der Universität angenommen hatte. Er starb 1999.

Seine elf Romane wurden in 16 Sprachen übersetzt.

„There will never be another one like you,
there will never be another one who can do the things you do.“

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NEWS: Stephen Beckers THE LAST MANDARIN by Martin Compart
19. Juni 2015, 9:05 am
Filed under: China, FLASHMAN, NEWS | Schlagwörter: , ,

Neu im FLASHMAN-BLOG unter KLASSIKER DES MODERNEN ABENTEUER-ROMANS:

https://compartsflashman.wordpress.com/2015/06/19/klassiker-des-modernen-abenteuerromans-oder-bucher-die-flashy-gefallen-wurden-3/

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HURRAY FOR HARRY! by Martin Compart
11. September 2014, 3:46 pm
Filed under: China, FLASHMAN | Schlagwörter: ,

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ENDLICH ERSCHIENEN UND LIIEFERBAR!

Harrys Abenteuer im Reich der Mitte.

 

HARRY ÜBER CHINESISCHE GERICHTSBARKEIT:
„In China habe ich den Prozess eines Burschen miterlebt, der seine Frau dabei erwischt hatte, wie sie es mit dem Untermieter trieb, und sie alle beide mit der Axt erledigte. Sie versuchten, ihn des Mordes zu überführen, indem sie die Köpfe der Opfer in einen Bottich voller Wasser warfen und umrührten; am Ende hatten die beiden schwimmenden Köpfe die Gesichter einander zugekehrt, was die Zuneigung der Ehebrecher bewies, also wurde der Gefangene freigesprochen und erhielt als tugendhafter Ehemann eine Belohnung. Das war, wie ich mich erinnere, die einzige chinesische Gerichtsverhandlung, an der ich teilnahm, wo Richter und Zeugen nicht bestochen waren.“

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…und über die TAIPING-REBELLION, mit der er es in diesem Band zu tun hat:
„Alles begann damals in den Vierzigern, als ein kantonesischer Schreiber seine Prüfung nicht bestand und in eine Trance verfiel, aus der er schließlich wieder auftauchte, um zu verkünden, er sei Christus’ jüngerer Bruder – ein Trick, den ich glücklicherweise niemals dem alten Arnold gegenüber angewandt habe, wenn ich in Rugby meine Griechisch-Übersetzungen vermasselte. Wie dem auch sei, dieser Schreiber beschloss, er hätte eine göttliche Mission, die Mandschus zu stürzen und das „T’ai-p’ing“ zu gründen – das Königreich des Ewigen Friedens oder der Himmlischen Harmonie oder was man will. Er lief umher und predigte eine Art verkorkstes Christentum, das er sich aus den Traktaten der Missionare zusammengebastelt hatte, und in jedem normalen Land hätte man ihm entweder einen Schlag auf den Kopf gegeben oder einen Lehrstuhl eingerichtet. Aber da man sich in China befand, kam sein Kreuzzug gegen jeden Sinn und Verstand gut an, und binnen weniger Jahre hatte er eine gewaltige Armee aufgebaut, mehrere Provinzen verwüstet, verschiedenen kaiserlichen Generälen eine Abreibung verpasst, Dutzende von Städten samt der alten Hauptstadt Nanking eingenommen und sich bedrohlich nahe an Peking herangemacht. Er wurde von Minute zu Minute verrückter, wohlgemerkt, aber unter den Millionen Bauern, die sich um ihn geschart und seinen religiösen Unsinn geschluckt hatten, befanden sich ein paar fähige Burschen, die die Feldzüge planten, die Schlachten schlugen und seine erstaunlichen Vorstellungen von Verehrung und Disziplin einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung aufdrängten… Das also war der Stand der Dinge: Eine Mandschu-Regierung mit einem schwachsinnigen Kaiser an der Spitze, der die Welt für ein Quadrat hielt, führte einen lethargischen Krieg gegen von einem Wahnsinnigen geführte Rebellen…
Ein Taiping- China hätte sich schon sehr anstrengen müssen, um schlechter zu sein als das verkommene Mandschu-Reich, dessen Freundschaft mindestens zweifelhaft war.
Doch zog ich im Geiste den Hut vor der Taiping-Rebellion – wie alle revolutionären Bewegungen (und alle Regierungen, was das betrifft) war sie eindeutig dazu da, den Herrschenden einen Überfluss aus den Fleischtöpfen zu sichern, während sie die Beherrschten davon überzeugte, dass Entsagung gut für die Seele ist. Doch außer den Papisten fiel mir kein anderer herrschender Verein ein, der sein Geschäft so gut verstanden hätte wie dieser hier.“

http://www.kueblerverlagshop.de/Fraser-Flashman/Flashman-und-der-Chinesische-Drache/Flashman-und-der-Chinesische-Drache-Buch.html

http://www.amazon.de/Flashman-Chinesische-Drache-Flashman-Manuskripte-Taiping-Aufstand/dp/3942270986/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1410449415&sr=1-3&keywords=flashman

 

Hintergrundmaterial gibt es in meinem Blog unter:

http://compartsflashman.wordpress.com/category/flashman-u-d-chinesische-drache/

…und bei KÜBLER unter:

http://www.kueblerverlag.de/index.php/fraser-flashman/baendeepisoden-im-detail/der-chinesische-drache/info-chin-drache

 

EBENFALLS NEU ERSCHIENEN: DIE 2.AUFLAGE VON:

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Neu sind ein Nachwort von mir und eine zusätzliche Karte zu den Handlungsschauplätzen in Zentralasien. Der unverschämt günstige Preis von € 9,95 wurde beibehalten.

P.S.: Das der DRACHE und die künftigen FLASHMAN mit €14,80 teurer werden, liegt auch daran, das sie Erstveröffentlichungen (bis auf DRACHE, aber dessen alte Ullstein-Übersetzung musste stark bearbeitet werden; näheres dazu auf meinem FLASHMAN-BLOG unter  http://compartsflashman.wordpress.com/2014/07/23/mein-flashman-logbuch/ ) sind (FLASHMAN UND DER BERG DES LICHTS wurde zwar bei Strange als Hardcover veröffentlicht, aber nie als Quality Paperback oder Taschenbuch) und wir mit einer gesunden Mischkalkulation die hohen Übersetzungskosten ausgleichen müssen. Und für Flashman mit seinen komplexen historischen Handlungen braucht man die besten Übersetzer, die man kriegen kann. Zum glück hat Marion Vrbicky, die auch BERG DES LICHTS übersetzt hat, bei Flashy nicht nein sagen können.

http://www.amazon.de/Flashmans-Attacke-Flashman-Manuskripte-Krimkrieg-Zentralasien-ebook/dp/B00KYM75PC

http://www.kueblerverlagshop.de/Fraser-Flashman/4-Flashmans-Attacke/Flashmans-Attacke-Bd-4-Buch.html



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DAS GOLD VON MALABAR by Martin Compart

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Seit den 1950er Jahren bis Anfang der 1980er gab es eine Reihe von britischen Thriller-Autoren, die fast mit jedem Buch in den Bestsellerlisten waren, ihre Romane wie geschnitten Brot verkauften – und heute fast vergessen sind.
Sie schrieben Abenteuer-Thriller, gelegentlich auch Geheimagentenromane und brachten dem Leser die entferntesten Schauplätze zwischen zwei Buchdeckeln ins Haus. Oft schwang noch die Wehmut über den sterbenden britischen Kolonialismus mit, aber genauso oft auch ein Hauch progressiver Erkenntnisse. Exotische Länder, fremdartige Kulturen und Naturkatastrophen waren als Hintergründe dieser Pageturner genauso wichtig wie farbige Charaktere. Wobei der Protagonist, häufig auch der Ich-Erzähler, der Typ Outdoor-Brite war, der mit Hartnäckigkeit, Durchsetzungskraft und Cleverness einst das Empire errichtet hatte. Gemeint sind Autoren wie Alistair MacLean, Hammond Innes, Desmond Bagley, Alan Williams, Duncan Kyle, Gavin Lyall, Jack Higgins, Francis Clifford, Victor Canning, Geoffrey Jenkins u.a.

Und natürlich Berkeley Mather.

b[1]Berkeley Mather (1909-1996) war ein Pseudonym des in Australien aufgewachsenen John Evan Weston-Davies. Seine Jugend ist Geheimnis umwittert und Mather selbst sorgte durch falsche Informationen für Verwirrung. Als er 20 Jahre alt war, hatte er seinen Militärdienst in Australien absolviert und begann sich in der Welt herum zu treiben, bis er in London landete. Bereits Ende der 1930er begann er zu schreiben und verkauft die ersten Geschichten an Londoner Magazine. Er trat 1932 in die britische Armee ein, wechselte später in die Indische Armee und kämpfte im 2.Weltrieg . 1938 heiratete er Kay Jones, mit der er drei Kinder hatte; sie verstarb 1991. Nach der indischen Unabhängigkeit wechselte er zur königlichen Infanterie, wo er bis zu seinem Ruhestand 1959 diente. Da er als aktiver Soldat nicht veröffentlichen durfte, wählte er sich „Berkeley Mather“ als Pseudonym. 1954 wurde er an MI6 ausgeliehen und ging im Auftrag des britischen Auslandsgeheimdienstes nach Kairo. Unter der Tarnung eines Teppichhändlers sollte er ein Mordattentat auf den damaligen ägyptischen Premierminister Naguib vorbereiten helfen (das Attentat fiel aus, da Naguib von Nasser unter Hausarrest gestellt wurde).
Zu seinem 50.Geburtstag erschien sein erster Roman, THE ACHILLES AFFAIR, der ein kleiner Erfolg wurde. Mit seinem nächsten Thriller, THE PASS BEYOND KASHMIR, wurde er dann richtig erfolgreich und sowohl Ian Fleming wie Erle Stanley Gardner schrieben begeisterte Rezensionen. In der Bibliothek von Ernest Hemingway befanden sich Mathers Romane.256991_det[1]

Neben den Hardcore-Fans dürfte sein Name noch Cineasten geläufig sein. Mather schrieb die Drehbücher zu den Filmen GENGHIS KHAN, THE LONG SHIPS und DR.NO. Fleming selbst hatte angeregt, dass Mather das Drehbuch zum ersten Bond schreiben sollte. Es existierte bereits ein Skript, das er dann überarbeitete. Dummerweise lehnte er eine prozentuale Beteiligung am Film ab und entschied sich für ein buyout.
Die Bond-Produzenten Saltzman und Broccoli kauften die Rechte von THE PASS BEYOND KASHMIR und planten die Verfilmung mit Sean Connery und Honor Blackman. Bereits 1956 hatte er begonnen für Fernsehserien zu schreiben; u.a. schrieb er eine Folge für MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE (THE AVENGERS) und zwei Folgen für TENNISSCHLÄGER UND KANONEN (I SPY). Bereits Mitte der 1950er Jahre hatte er seine erste TV-Serie entwickelt: TALES FROM SOHO; Hauptperson war Inspector Charlesworth, der zur Titelfigur eineweiteren Serie wurde. Produziert hatte TALES OF SOHO der noch unbekanngte Tony Richardson. Anfang der 1960er Jahre war er zusammen mit Ted Willis der meistbeschäftigdste TV-Autor. Er schrieb eine 30-Minuten-Folge in acht bis zwölf Stunden. Für seine Fernseharbeiten erhielt er 1962 eine Auszeichnung der Crime Writers Association.
Seine drei letzten Romane waren eine zeitgeschichtliche Familiensaga, bekannt als Far Eastern Trilogy.
Mather starb 1996 und einer seiner Söhne arbeitet an einem Buch über das „Familiengeheimnis“.
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Es ist schwierig, einen Roman Mathers als seinen besten herauszustreichen. Der Mann konnte keine schlechten Bücher schreiben. Mit Sicherheit ist DAS GOLD VON MALABAR (1967) ein Meisterwerk, ein Klassiker des Asien-Thrillers, wunderbar geschrieben und heute noch genauso lesbar und fesselnd, wie zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung.

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Der Seemann und Herumtreiber O´Reilly erzählt seine Geschichte in der ersten Person. Wie er wegen Schmuggels und Totschlags im Knast von Goa landet und ihm dort ein sterbender Weißer ein Amulet, einen Kontakt und kryptische Worte hinterlässt. O´Reilly solle fliehen, empfiehlt er ihm, und am „Tor von Indien“ den Mönch Nu Pah aufsuchen. Die Flucht gelingt ihm schwer verletzt und er gelangt auch nach Bombay und trifft Nu Pah („Er ist kein Mönch mehr. Er kleidet sich nur so, wie die Tippbetrüger, die sich beim Rennen als Jockeys ausgeben.“). Bis dorthin hat der Roman schon Tempo, aber jetzt geht eine Flucht- und Verfolgungsgeschichte los, die einen nicht mehr aus den Fängen lässt. Alle Parteien sind hinter einem holländischen Goldschatz her, den die Japaner am Ende des 2.Weltkriegs in Goa gebunkert haben (siehe auch GOLDEN LILY in meinem Blog über das japanische Raubgold).

O´Reilly und Nu Pah gehören zu den unvergesslichsten Antihelden des Thrillers – wie auch ihre Antipoden. Zum Beispiel der englische Colonel, den Mather eines Joseph Conrads würdig beschreibt:
„Der Colonel war Treibgut, am indischen Strand zurück geblieben, als die britische Flut abebbte.“

Mather schreibt manchmal wie Somerset Maugham auf Speed. Ohne das Tempo rauszunehmen, gelingen ihm immer wieder wunderbare Bilder und Beschreibungen des Subkontinents. Man spürt die tiefe Kenntnis des Landes. Wer das Buch anfängt, wird es auf einen Sitz durchlesen. Thriller von dieser Qualität sind selten geworden. Sie bezeugen das ganze Elend der aktuellen Spannungsliteratur. Da kommt kaum einer unter 500 Seiten daher, ist schlecht geschrieben voller retardierend breit getretenem Quark und so aufregend wie Markus Lanz beim Kärtchen ablesen. Mather muss nicht lange und quälend die Psychologie und Vorgeschichte seiner Personen beschreiben, er verdeutlicht die Charaktere in ihren Handlungen. Vielleicht auch ein Grund, weshalb Hemingway zu seinen Lesern gehörte.

kashmirPB[1] Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich GOLD VON MALABAR in der Ullstein-Abenteuer-Reihe neu heraus brachte. Jörg Fauser suchte sich in meinem Büro seine Urlaubslektüre für einen Zypern- Trip zusammen und griff sich auch dieses Buch – aber eher skeptisch. Als er zurück kam, war er von der Lektüre immer noch hingerissen und schwärmte davon, was der Roman für eine tolle Filmvorlage wäre – für einen Abenteuerfilm mit Sean Connery oder Michael Caine mit John Huston als Regisseur. Ein würdiger Nachfolger der Kipling-Verfilmung THE MAN WHO WOULD BE KING.

Mather schrieb auch Geheimagenten-Thriller. Drei Romane um Idwal Rees und seinen Helfer, den blutrünstigen Paschtunen Samaraz; drei Romane um John Wainwright und zwei über Peter Feldham. Wobei THE TERMINATORS Rees und Wainwright zusammen bringt um für den britischen Geheimdienst, bei Mather „The Firm“ genannt, den Dreck zu schaufeln. Schauplätze sind zumeist Nordindien (Kashmir), Afghanistan Tibet und der Himalaya. Bestechend ist immer wieder Mathers Verständnis für Land und Leute. Es sind Great Game-Thriller, die bestens die Konfliktherde ihrer Zeit zwischen der Sowjetunion, der Volksrepublik China und dem Westen beleuchten. Man hätte diese Romane den verblödeten NATO-Militärs als Pflichtlektüre (zusammen mit FLASHMAN IN AFGHANISTAN) in die Hand drücken sollen, bevor sie ihre wenig erfolgreichen, aber dafür teuer gescheiterten Afghanistan-Feldzüge verbrachen. Liest man diese alten Romane, wird einem deutlich, mit welcher stupiden Arroganz westliche Militärs vorgegangen und gescheitert sind. Mit ähnlicher Dummheit, wie schon zuvor die Briten im 19.Jahrhundert und die Russen in den 1980ern. All dies verdeutlicht einem der alte Berufsmilitär Davis vortrefflich.

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DER RÄCHER_LAMA 2/ by Martin Compart

1914 begann Ja-Lama gegen die angebahnten freundlichen Beziehungen zwischen Russland und der Mongolei zu hetzen. Die russische Regierung schickte eine Kosakenabteilung über die Grenze. Mit einem Überraschungsangriff eroberten sie Kobdo. Sie fanden den Dscham Lama in seiner Jurte sitzend auf einem Thron aus den Häuten der abgeschlachteten Chinesen. Nach einigen Schwierigkeiten und durch Verrat gelang es den Russen ihn zu überwältigen und gefangen nach Russland zu schaffen. Hierzu taucht in der Legende eine Variante der oben erzählten Geschichte auf: Eine Abteilung soll er mit seinen hypnotischen Kräften irre gemacht haben. Die Kosaken fielen plötzlich in großer Wut über ihren Rittmeister her und schlugen ihn tot, weil sie glaubten, er sei der Dscham Lama. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges blieb Dscham in Russland im Gefängnis.

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Die mongolische Unabhängigkeit hatte gerade mal zwei Jahre gedauert. Russen und Chinesen arbeiteten zusammen, um das Land unter sich aufzuteilen. Bogdo Khan erntete die Frucht seiner Ausschweifungen und wurde zu einem syphilitischen, fast erblindeten Mann. Die Mongolei war einer der unangenehmsten und gefährlichsten Orte der Welt Anfang der 1920er Jahre. Das Gefängnis von Urga – die Zellen waren wie hochkant gestellte Särge – galt als das Schlimmste der Welt.

Nach der Revolution ließen ihn die Bolschewisten, die Ja-Lamas Fähigkeiten kannten, gegen das Versprechen frei, in der Mongolei für die bolschewistische Idee Propaganda zu machen.
Rastlos durchstreifte er die Mongolei. Die Stämme fürchteten oder feierten ihn als Wiedergeburt des legendären Freiheitshelden Amursana, der im 18.Jahrhundert gegen die Manchus focht. Angeblich hatte dieser Amursana den Schwarzen Stein des Königs der Welt nach Urga zum Bogdo Gigen gesandt. 1918 gründete er einen unabhängigen Staat „in der Gegend von Kobdo, indem er sich selbst zum König ernannte und die Anerkennung jeder anderen Autorität neben sich verweigerte. Zuweilen fiel es ihm auch ein, die Befehle des Bogdo Gigen zu übersehen. Und wenn es sich um Durchführung seiner Pläne handelte, war er in seinem Vorhaben nicht sanft. Wer es wagte, sich ihm entgegenzustellen, wurde rücksichtslos entfernt. Die Anhänger des geheimnisvollen Kalmücken wurden blinde Werkzeuge in seinen Händen, die in abergläubischer Furcht vor ihm zitterten… Dscham hatte keine Schwierigkeit, seine Macht in der Provinz Kobdo zu festigen und zu vergrößern. Er hielt sich endlich für größer als den Bogdo Gigen und gehorchte ihm nur noch, wenn es ihm gefiel. Mit Beharrlichkeit bereitete er sich auf die große Abrechnung mit den Fremden vor, die sich in der Mongolei niedergelassen hatten. Er tauchte an den verschiedensten Stellen des Landes überraschend auf, und wo das geschah, fand man überall seine Spur – Russen und Chinesen mit durchschnittenen Kehlen. Es war unmöglich, schien es, ihm Widerstand zu leisten; seine hypnotische Macht schlug seinen Opfern die Verteidigungswaffe aus der Hand. Es war auch unmöglich, ihn festzunehmen oder gar zu töten, denn das Volk schützte ihn und betete ihn an“ (Forbath, S.222f.). Seinen Gegner stach er die Augen aus und bewahrte sie in einem Säckchen auf und führte die gefolterten Kreaturen, die er mit einer bestialischen Methode lebend verwesen ließ, mit sich. Wenn der Fäulnisgestank der armen Geschöpfe unerträglich geworden war, tötete er sie und ließ Überzüge aus ihrer Haut machen.024-347-612

1919 schloss er sich angeblich der Soldateska von Ungern-Sternberg an, der 1920 mit seiner etwa 1000 Mann starken Armee aus Weißrussen, Mongolen, Burjaten, Chinesen und Tibetern in die Mongolei einfiel. Angeblich stellte er dem blutigen Baron eine Leibgarde aus besonders grausamen Tibetern zur Seite. „Später, nicht gar solange nach meinem Besuch, als die Mongolen sich gegen die blutsaugerischen Fremden erhoben, erging es den Russen nicht anders wie den Chinesen. Vergeblich erwarteten sie damals Baron Ungern-Sternberg als Erlöser, der mordend und plündernd die Mongolei durchzog.“ (Forbath, S.130)
Palmer bestreitet die Kumpanei der beiden Irren: „Falls Ungern sich je mit dem Ja Lama getroffen hat, war er wohl von ihm enttäuscht – er hatte vor seiner Ankunft in der Mongolei (1913) sein Lob geszngen, sich später aber nur noch herabsetzend über ihn geäußert – obwohl er von uhm einiges gelernt haben dürfte.“ (Palmer, S.90)

Im Westen hatte Dscham Lama die Provinz Kobdo von der restlichen Mongolei inzwischen vollständig abgespaltet. Der nur pro forma mächtige Bogdo Khan hatte die Raserei Ungern-Sternbergs und Dscham Lamas bald satt. Wahrscheinlich fürchtete er inzwischen selbst um sein Leben. Er verbündete sich heimlich mit Sukke Bator und der Volkspartei. Er verfasste einen Hilferuf, den Sukke Bator versteckt im Griff einer Bullenpeitsche aus der Mongolei schmuggelte. Dschamsaramo, Sukke-Bator, der wahnsinnige Koibalsan und andere Kommunisten und Unabhängigkeitskämpfer reisten nach Moskau, um die Bolschewisten gegen Ungern und Dscham Lama zu Hilfe zu holen. Ein guter Grund für Trotzki, die Rote Armee in die Mongolei zu schicken und die Bindung des künftigen Regimes an Moskau zu festigen. An der Spitze der Roten Armee kam Sukke Bator zurück. Ungern hatte inzwischen das ruinierte Urga verlassen um gegen Russland zu ziehen und im Norden die Schlacht zu suchen. Die Einnahme Urgas war unproblematisch und Sukke benannte die Stadt zu seinen Ehren in Ulan Bator um.
Nach der Niederlage Ungern-Sternbergs zog sich Dscham Lama mit seinen Gefolgsleuten zur Oase von Bayanbulag in der Gobi zurück. Dort gründete er die Festung Tempei Gyaltsen, die auch Nicholas Roerich auf einer Reise besuchte. gongpochuan Er musste vor den Kommunisten fliehen, die inzwischen mit Hilfe der Sowjets die ganze Mongolei unter ihren Machteinfluss brachten. Dagegen sammelte Dscham die „reinrassigen“, die so genannten Chalcha-Mongolen. Mit ihnen bildete er Kriegertrupps, die gegen alle Fremdlinge kämpften und die Errichtung eines Nationalstaates anstrebten, in dem nur Mongolen leben sollten. Hass gegen alles Fremde, raste nun, angeführt von Dscham Lama, durch die Mongolei.
Die neue nationale mongolische Regierung musste mit den Kriegsherren und konterrevolutionären Kräften aufräumen, wenn sie überleben wollte. Sie schickten eine Abordnung zu Dscham, der sich nun wieder in Kobdo festgesetzt hatte, um ihn zur Unterwerfung aufzufordern. Mit wilder Volksverhetzung hatte er sich die Provinz zurückerobert. „Dscham Lama war beim Anhören der Regierungsbotschaft in lautes Lachen ausgebrochen. Dann starrte er die Gesandten so langte wütend an, bis sie im Banne seiner Hypnose steif dastanden und sich nicht mehr bewegen konnten. Hierauf zog er ein langes Messer hervor und schnitt jedem mit einem wilden Stoss das Herz heraus. Das ist die Art, wie man in der Mongolei Schafe tötet, und so verfuhr der hohnlachende Dscham mit der Abordnung der neuen Regierung“ (Forbath, S.224). Dies wurde der Regierung durch einen geflüchteten Urton-Reiter berichtet. Vorläufig traute sich niemand mehr, dem Dscham Lama nahe zu kommen. Aber auch beunruhigende Nachrichten erreichten die neuen Machthaber: Dscham rüste zum Kriege gegen die nationale Regierung, die er nicht anerkenne.

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Ende 1922 ereilte ihn endlich sein Schicksal: „Da meldete sich eines Tages Baldan Dorsche, der Kommandeur der mongolischen Staatspolizei beim Ministerpräsidenten Sukkebator und erbot sich persönlich Dscham Lama unschädlich zu machen. Natürlich wurde sein Angebot freudig angenommen, und Baldan Dorsche brach nach Kobde auf. Er kannte Dscham Lamas gefährliche hypnotische Macht und reiste daher ganz geheim und sorgfältig verkleidet. In Kobdo angekommen, hatte Baldan Dorsche keine Schwierigkeit, festzustellen, wo Dscham wohnte. Eines Nachts brachte er es fertig, an den Eingang seines Zeltes heran zu kriechen, und sich auf den Knien emporrichtend, feuerte er seinen Revolver auf ihn ab. Er wusste genau, wenn er einen Augenblick zögerte, würde er dem hypnotischen Zauber des Ungeheuers verfallen. Aber das Glück war auf seiner Seite. Sein erster Schuss genügte, um das Leben des grossen Empörers auszulöschen. Noch in derselben Nacht jagte ein Urton-Reiter mit einem an den Sattel gebundenen Sack nach Urga. Der Sack enthielt Dscham Lamas Kopf, den Baldan Dorsche der nationalen Regierung mit Respekt übersandte.“ (Forbath,S.224f.)

Eine etwas andere Version seines grausamen, aber verdienten, Endes findet sich bei Trimondi: „Die Russen schickten einen mongolischen Fürsten vor, der sich als ein Gesandter des lebenden Buddha ausgab und deswegen das Lager unbeschadet betreten konnte. In Front des ahnungslosen Rächerlamas schoss er sechs Revolverkugeln auf diesen ab. Dann riß er dem Ermordeten das Herz aus dem Leibe und verschlang es vor allen Augen, um – wie er nachträglich sagte – dessen Anhänger in Angst und Schrecken zu versetzen. So gelang ihm die Flucht. Später kehrte er mit den Russen an den Ort zurück und holte den Kopf von Dambijantsan als Beweisstück ab. Aber das Herausreißen und Essen des Herzens war in diesem Fall nicht nur ein grausames Mittel, um Furcht zu verbreiten, sondern ein traditioneller Kult der mongolischen Kriegerkaste, der schon unter Dschinghis Khan praktiziert wurde und die Jahrhunderte überlebt hatte.“ (Trimondi, S.609) Die Kommunisten schafften die barbarischen Kulte genauso ab, wie die frühere Gesetzgebung gegenüber Dieben: Die Hand des Verurteilten wurde in einen Sack mit wilden Zwiebeln gebunden. Dann schnürte man den Sack so fest ab, dass die Hand abstarb und mit den Zwiebeln verfaulte. Dies bedeutete wochenlange Qualen, die meistens mit dem Tod endeten.

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Der mumifizierte Kopf des Rächerlamas wird als Nr. 3395 unter der Bezeichnung „Kopf des Mongolen“ im Völkerkundemuseum von St.Petersburg aufbewahrt. Mumifiziert nach alter Tradition: geräuchert und eingesalzt. Den Schädel hatte der Orientalist Vladimir Kazakievitch im Auftrag des NKWD nach der Ermordung in einem Koffer aus der Mongolei geholt. Kazakievitch, der sich intensiv mit diesem mysteriösen Mann beschäftigt hatte, hinterließ wichtige Aufzeichnungen, die heute in den wieder geschlossenen KGB-Archiven vergammeln.



DER RÄCHER LAMA 1/ by Martin Compart

Seine Legende wirkt bis heute in der Mongolei fort. Der Mann war und ist bekannt unter vielen Namen und Schreibweisen: Dja Lama, Dscham Lama, Tushegun Lama – alles Bezeichnungen für „Rächer Lama“ oder „den rächenden Lama“ (auch der „schwarze“ oder „falsche Lama“). Laut Ossendowski war er mit Baron Ungern Sternberg verbündet oder zumindest bekannt.

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Er war hager und von unbestimmbarem Alter. Er hatte auffällig vorspringende Backenknochen und darüber schräg stehende Augen. Den Augen konnte man sich nicht entziehen. Fast meinte man, durch diese Augen direkt in die Hölle blicken zu können. Er trug ein prächtiges gelbes Gewand, das ihn als hohen Lama auswies. Darüber eine blaue Scherpe unter der er allerhand Mordwerkzeuge versteckt hielt. Dieser Mann hatte die Fähigkeit nur durch seine Erscheinung Angst zu erzeugen. Dieser Mann war nicht nur menschlich; er konnte sicherlich ein paar Dämonen zu seinen Vorfahren rechnen. Er war unberechenbar und galt sogar unter den Steppenvölkern als besonders grausam und rachsüchtig. Niemand zwischen Altai und Pazifik drängte sich danach ihn zum Feind zu haben.

Für die Kommunisten war Dscham Lama ein reaktionärer Abenteurer, für andere galt er als Freiheitskämpfer oder Verfechter eines Panmongolismus. Der Panmongolismus wurde seit Anfang des 20.Jahrhunderts von Japan geschürt, die Mongolen gegen Russen und Chinesen aufhetzten, um ihre eigenen Interessen eines großasiatischen Reiches voranzutreiben. So gesehen war Dscham Lama ebenso wie Ungern-Sternberg oder Ataman Semjonow ein Handlanger der Japaner.

51KKMME1N6L._SL500_AA300_ Nach dem Volksglauben „war Dja Lama ein rotmütziger Lama, ein Priester des Herrn der Welt, der die geheimnisvollen Klöster des ewigen Lebens besucht hatte, den Wohnsitz der unsterblichen Lamas. Diese sind selbst den Gesetzen der Schwerkraft nicht unterworfen und zergehen in Luft, wenn es ihnen gefällt“ (Forbath, S.91).

Geboren wurde er als Dambin Jansang oder Dambijantsan zwischen 1860 und 1870. 1920 soll er bereits über 60 Jahre alt gewesen sein. Als Sohn des kalmückischen Nomadenstammes der Durbete wuchs er im zu Russland gehörenden Altai Gebirge an der Grenze zur Mongolei auf. Er studierte den tibetischen Lamaismus, engagierte sich schon bald gegen sowohl russische wie auch chinesische Unterdrückung der Nomadenvölker. Revolutionäre Propaganda brachte ihn ins Gefängnis und in die sibirische Verbannung. „Viele Geschichten über ihn gingen im Volke um. So erzählte man sich zum Beispiel, dass er auf seiner Flucht aus Sibirien erkannt und von einem Trupp Kosaken verfolgt wurde. Dscham wurde hierbei gegen das Ufer des Sur Nor-Sees gejagt und hatte nun die Fläche des Sees vor sich und die Verfolger hinter sich. Die Bewohner eines kleinen Nomadenlagers beobachteten dies mit angehaltenem Atem und erwarteten jeden Augenblick, daß Dscham von den Kosaken erschlagen werden würde. Zu ihrem größten Erstaunen änderten aber die Kosaken plötzlich ihre Richtung. Anstatt weiter hinter Dscham herzureiten, der ruhig ein paar Meter vor ihnen stand, galoppierten sie um den See herum. `Da ist er!‘ schrien die Kosaken. `Da ist er!‘ Aber dieses `da‘ bezeichnete für jeden einen anderen Punkt. Sie ritten nach verschiedenen Richtungen auseinander, dann trafen sie sich wieder und fielen nun mit ihren langen Lanzen übereinander her. Dscham Lama stand unterdessen am Ufer und sah zu, wie einer den anderen umbrachte; jeder von den Kosaken schien fest überzeugt, den verfolgten Dscham vor sich zu haben“ (Forbath, S.221).

Er floh südlich in die Mongolei und tauchte 1890 in Tibet auf, wo er sich mehrere Jahre intensiv mit dem lamaistischen Buddhismus beschäftigte. Er lernte die einflussreichen Lamas kennen und befreundete sich eng mit dem Dalai Lama. „Es gab in der Tat das Gerücht, dass der Gottkönig von Lhasa den militanten Kalmüken honoriert habe“ (Trimondi, S.608). Anschließend ging er nach Indien, um sich die Kenntnisse der indischen Joghis anzueignen. Als Freiheitskämpfer soll er auf Ceylon gewesen sein. Er sprach Sanskrit, Russisch, Mongolisch, Chinesisch und Englisch. Später arbeitete er am Astronomischen Institut in Peking, zu dessen Aufgaben die Präzisierung des mongolischen Kalenders gehörte. „Nach einer abenteuerlichen Flucht ging er nach Tibet und Indien, wo er sich in der tantrischen Magie ausbildete. In den Neunziger Jahren beginnt er seine politische Tätigkeit in der Mongolei. Ein irrender Ritter des Lamaismus, Steppendämon und Tantriker in der Art des Padmasambhava, erweckte er dumpfe Hoffnungen bei den einen, Furcht bei den anderen, scheute vor keinem Verbrechen zurück, ging aus jeder Gefahr wohlbehalten hervor, so daß er für unverwundbar und unangreifbar galt, kurz, er hielt die ganze Gobi in seinem Bann“, drückt es Robert Bleichsteiner in seinem noch immer bedeutenden Buch aus (Bleichsteiner, S.110).

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Um 1900 erschien er als Priester in der Mongolei und machte mit einer Gruppe von Gefolgsleuten Propaganda für die Befreiung der Mongolei von den Chinesen, die er auch blutig bekämpfte. Dann musste er sich vor den chinesischen Behörden verbergen. Während dieser Jahre reiste er im Auftrag des russischen Forschers Koslow nach Tibet.

Die Mongolei war zu einer chinesischen Provinz verkommen. 1911 kam es zur Rebellion und der „lebende Buddha“ wurde zum ersten Staatschef der autonomen Mongolei ausgerufen, zum „Bogdo Khan“. Er galt als die achte Inkarnation eines Buddha.Wie Tibet war die Mongolei zu einer Buddhokratie geworden mit der Inkarnation eines Gottes als Staatsoberhaupt. Dieser Khan und Großlama war kein gebürtiger Mongole: Jabtsundamba Khutuktu (1870-1924) war der Sohn eines hohen Beamten in Lhasa. Gegen seine Untertanen war er brutal, oft grausam, und man beschuldigte ihn zahlreicher Giftmorde. Dem Alkohol und dem weiblichen Geschlecht war er ebenso zugetan, wie infantilen Spielzeugen. Er erklärte die Unabhängigkeit von China, und der Dscham Lama rüstete zu blutigen Aufständen gegen die chinesischen Garnisonen von Uljassutai und Kobdo. Damals arbeitete er erstmals mit Ungern-Sternberg zusammen, der die mongolische Kavallerie des Bogdo Gigen geführt haben soll.

10854 „Als Dscham Lamas Horden nach Uljassutai kamen, suchten die chinesischen Kaufleute vor der Wut der Mongolen bei den Russen Zuflucht, wobei sie ihren ganzen irdischen Besitz mit sich schleppten. Die Russen versteckten alles sehr gut samt den Chinesen, aber als die Mongolen ihre Häuser durchsuchten, empfingen sie sie mit lächelnden Mienen und schmeichelnden Worten, auf einmal erzbereit, den Mongolen zu dienen. `Ist eine Chinese hier?’war die ständige Frage der Mongolen… Die Russen verrieten sie fast alle. Die Mongolen erbrachen die Türen der Keller und Kammern, und Blutvergießen und Todesgestöhn war die Folge der russischen Freundschaft. Die Russen kümmerte es wenig, daß die Chinesen ihr Leben lassen mussten; sie kümmerten sich nur um die chinesischen Waren, die sie vor den Mongolen wohl zu verbergen wussten. Wochen und Monate dauerten diese blutigen Chinesenverfolgungen, bis schließlich das ganze Vermögen der Chinesen in russische Hände gelangt war.“ (Forbath S.128) Diese Waren nutzten die Russen nun zum Aufbau eines neuen Kreditsystems, dass die Mongolen alsbald in unglaubliche Schuldknechte verwandelte und die Russen so „beliebt“ machte wie die Chinesen. Aus diesem Fremdenhass sog der Dscham Lama einen Großteil seiner Macht.
Auch Kobdo wurde genommen und drei Tage geplündert. Von den zehntausend Chinesen blieb keiner am Leben. Hundert schlachtete der Dscham Lama in zeremonieller Weise zur Feier des Sieges persönlich. „Die Kriegsführung von Dambijantsan war von kalkulierter Grausamkeit, die von ihm jedoch als religiöse Tugendtat angerechnet wurde. Am 6.August 1912 ließ er nach der Einnahme von Khobdo gefangene Chinesen und Sarten innerhalb eines tantrischen Ritus schlachten. Er stieß ihnen in vollem Ornat wie ein aztekischer Opferpriester das Messer in die Brust und riß mit der Linken die Herzen heraus. Diese legte er zusammen mit Teilen des Hirns und einigen Innereien in Schädelschalen, um es als Bali-Opfer den tibetischen Schreckensgöttern darzubringen.“ (Trimondi, S.609)

In den nächsten zwei Jahren übte er in der ganzen Westmongolei seine Schreckensherrschaft aus. Sein Einfluß im Lande wuchs, und Bogdo Gigen, der Heilige Kaiser, ernannte ihn zum Fürsten. Nominell war er lediglich ein Stadthalter oder Gouverneur des Khutuku, aber er herrschte wie ein absolutistischer Despot. An den Wänden seiner Jurte hängte er die abgezogenen Häute seiner Feinde. Seine Grausamkeit und sein maßloser Stolz machten ihm auch Feinde. Durch ihn war erstmals die Vorherrschaft des Bogdo Gigen über alle mongolischen Stämme des Westens herausgefordert worden.

HIER EINE DOKU:

http://english.cntv.cn/program/documentary/20120922/104356.shtml



SPYTHRILLER: ZUR GESCHICHTE DES SPIONAGEROMANS 1/ by Martin Compart
14. November 2012, 2:23 pm
Filed under: China, John Buchan, Politik & Geschichte, Spythriller | Schlagwörter: , , , , ,

ALLGEMEINE VORBEMERKUGEN

Wie es die beiden Ex-Agenten Victor Marchetti und John D.Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluss
zensiertem Buch CIA(Deutsche Verlagsanstalt, 1974)) ausdrückten: „Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt
von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab… Wie die meisten Mythen
sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt.“(S.38)

Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien eine der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die Geheimdienste sehen. Und der Großteil der
in diesem und letzten Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane dienten in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zu materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen. Aber der Spionageroman und im weiteren Sinne der Polit-Thriller, kann natürlich mehr leisten als anti-aufklärerische Propaganda.
Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vieler anderer eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimmten.

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman oder William Godwin für den Noir-Roman. Während man von der Spionage als vom „zweitältesten Gewerbe der Welt“ spricht, muss man das multimediale Genre „spy story“ als ein Kind des 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES(PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im 13.Jahrhundert in dem historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan- Chung. Als erster „richtiger westlicher“ Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY(1821).Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren – und damit die ersten „hauptberuflichen“ Autoren von spy novels überhaupt – waren William LeQueux und E.P.Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrerBücher muss man erkennen, dass sie Wegbereiter für John Buchan bis Ambler oder Tom Clancy (der besonders LeQueuxs „war prophecy novel“ aktualisierte) waren.

Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman.
Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres: zwar
handelt er primär über internationale Intrigen, benutzt aber Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster- Liebes- und
Kriegsroman.

Der Polit-Thriller ist seit den 196oer Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Sub-Genre der facettenreichen Kriminalliteratur.
Nicht zu Unrecht wird die Kriminalliteratur als die Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten
widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: Die Schwierigkeit des Menschen sich in Gesellschaften
großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Während
andere kriminalliterarische Genre dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisationen nachgehen,
thematisiert der Polit-Thriller im Sub-Genre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Intressenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln
können. Der zunehmenden Komplexität der Welt wird in keiner anderen Literatur mehr Rechnung getragen als im Polit-Thriller.

Die Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Polit-Thriller im Besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre
Literatur. Ob in trivialer Form (Land,Cussler) oder in literarisch anerkannter (LeCarré, Ambler, Greene) – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Es ist eine demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das
heißt: Sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische, wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern -ob von Organisationen oder Einzelpersonen- führt. Ambler nannte den Thriller mal die „letzte Zuflucht für Moralisten“.

Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden: sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, mit dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet oder sogar mit dem klassischenDetektivroman („Call the Dead“ von LeCarré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben
kann. Der Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigt sich mit der Kriminalität des
Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman mit kriminellen Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.

Wir leben in einer Zeit der bewusst wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das war er immer. Aber, wie sich zeigen wird,hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflusst, ja manchmal bewusst Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen
die Geheimdienste bis heute, in dem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der
Fiktion spiegeln kann: In dem Film DIE DREI TAGE DES CONDOR, eine gelungene Verfilmung von James Gradys Klassiker SIX DAYS
OF A CONDOR, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in
einen teuflischen Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es offensichtlich eine so intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller.

In James Gradys Roman SIX DAYS OF THE CONDOR heißt es:
„Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia… Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wusste, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind.“ 1)

In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es: „Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war Le Carrés DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM, ein bitteres zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung…LeCarré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit…“2)

Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw. die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und mögliche Kontrolle mit in Gang brachte. In keinem anderen literarischen Genre ist die gegenseitige Befruchtung von Realität und Fiktion stärker.
Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wieder. Die Verknüpfungen von Realität und Fiktion sind fast schon Strukturelemente des Genre. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A.E.W.Mason, Compton Mackenzie, William LeQueux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John LeCarré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u.a.

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1) aus: James Grady: Die sechs Tage des Condor. Fischer Taschenbuch Nr.1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11ff.
2) aus Thomas Powers: CIA. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98f.

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