Martin Compart


40 JAHRE BITTERMANN by Martin Compart

Zur 40jährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht der Verleger Texte über seine Autoren, die wichtig für den Verlag waren und sind und ihn mit geprägt haben, Texte über Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, über Harry Rowohlt und über die verlorene Freundschaft mit Roger Willemsen, über Fanny Müller und Horst Tomayer, über Hunter S. Thompson und Guy Debord. Außerdem enthalten sind Elogen auf Bücher und Literatur von Lucia Berlin, Patrick Modiano, Mordechai Richler, J.D. Vance, Rita Navai, Didier Eribon und Benjamin von Stuckrad-Barre, die der Verleger selbst gerne verlegt hätte. Ein großer Essay über die verführerische Kraft der Zigarette, die zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen hat als die Frauenbewegung, eine Verteidigung des »Kommenden Aufstands«, ein Vortrag über den Palästinakonflikt, einige Bemerkungen über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und den verschrobenen Rechthaber Sarrazin. Dabei entsteht ein Bild mit vielen Facetten, die dem Verlag sein einigermaßen unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Critica Diabolis 269
Broschur
380 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-249-2

Das Spektrum der Texte ist viel größer als es ein kurzer Klappentext darstellen kann.

Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen.
Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.

Die höchst unterschiedlichen Texte zeigen Bittermanns literarische und analytische Fähigkeiten in vielen Aspekten und erklären damit auch, warum seine EDITION TIAMAT zu einem der bedeutendsten deutschen Verlage geworden ist.
Die Portraits zeigen Bittermanns „Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind…“

Unter den Betrachteten befinden sich auch Autoren, die nicht in der Edition Tiamat veröffentlicht wurden. Darunter eine sehr schöne Erinnerung an Jörg Fauser, der zum ersten Mal ein Buch von Bittermann (aus dem Spanischen Bürgerkrieg – wie könnte es anders sein?) auf ein Magazin-Cover (TIP) brachte.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who-Is-Who der Außenseiter-Literatur der letzten Jahrzehnte – eher mehr: denn auch Friedrich Engels oder Ben Hecht werden besprochen.

Bittermann ist nicht nur ein kluger Analytiker, er verfügt auch über eine beeindruckende Bildung. Ich bin beim Lesen auf eine ganze Reihe von Namen gestoßen, die mir zuvor unbekannt waren, die jetzt kennenzulernen mich Bittermanns Texte begierig stimmen.

Man kann diese Collection freudig hintereinander weg lesen. Genauso kann man sich immer wieder ein Stück herauspicken. Sicherlich eines dieser Bücher, die in zwei Jahren völlig zerlesen sind, da man immer wieder auf sie zugreift.

Mir bereiten die „Feind-Texte“ ein besonderes Vergnügen. Im Gegensatz zu Bittermanns „Freunden“, teile ich seine „Feinde“ alle. Und da findet man auch eleganteste Bosheiten:
„Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.“

„Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, dass er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue.“

Mehr qualitativen Gegenwert an bedruckten Papier kann man mit schnöden Mammon kaum erwerben.

Der Verleger mit Kinky Friedman.



TICKETING-GANGSTER: Berthold Seligers Analyse der Konzertindustrie by Martin Compart

Dass der Kapitalismus dazu strebt, Monopole zu bilden, ist nichts Neues und enttarnt die „Konkurrenzwirtschaft“ als bloße Ideologie. Wir haben in den Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des antikapitalistischen Druckmittels mit ansehen müssen, wie hemmungs- und skrupellos Unternehmen auf Kosten von Umwelt und Allgemeinheit unantastbare Imperien aufgebaut haben, die auch noch für die höchste Konfliktrate auf diesem Planeten sorgen, die es je gegeben hat.

Die Musikindustrie war in all ihren Facetten schon immer ein widerwärtiges Geschäft. Berthold Seliger öffnet einem die Augen, zu welch Stadien füllende Ekelhaftigkeit und Ausbeutung die Branche inzwischen fähig ist.

Seligers Buch schwingt wie eine Abrissbirne durch die Lügen und Betrügereien der Musikindustrie. Denn die hat sich längst vom Download-Schock erholt und ist dank neuer Technologien und am Rande des Illegalen oder mitten im Illegitimen angesiedelter Marktstrategien zu neuer, ungeahnter Stärke kleptokratiert.

Die brillant geschriebenen Analysen der Strategien der Konzertbranche lesen sich manchmal wie eine Mischung aus Gangsterroman und Techno-Thriller.

Kalte Schauder jagt es einem den Rücken rauf und runter, wenn der Autor resignierend nach einem regulierten Markt verlangt: „Aus der Malaise gibt es nur einen pragmatischen Ausweg: … die Rückbesinnung auf Instrumente des Ordoliberalismus, also einer sozialen Ausrichtung und regulatorischen Beschränkung des sogenannten freien Markts, mit einem funktionsfähigen Preissystem und der Verhinderung von Monopolen, Kartellen und anderen Formen der Marktbeherrschung.“

Seliger zeigt auch auf, dass in keinem westlichen Land der Verbraucherschutz vor semi-kriminellen Prozessen weniger funktioniert als in Deutschland.
Gleich zu Beginn stellt er überzeugend Bezüge zwischen Musikindustrie und Drogenhandel her – am Beispiel der TV-Serie BREAKING BAD und wofür sie steht.

Eine der perfidesten Abzock-Strategien ist die des „Verified Fans“, die sich das Management von Taylor Swift ausgedacht hat: „Swift hat eine virtuelle Schlange am virtuellen Ticketschalter kreiert, und die Fans können durch Einkäufe von Taylor Swift-Merchandise-Produkten ihren Platz in der Schlange verbessern… Das Perfide im Fall Taylor Swift: Die meisten Stadien waren wenige Wochen vor den Auftritten nicht einmal ausverkauft, da die Künstlerin und ihr Management eben das Konzept des `High Pricing´ bevorzugen. Der `freie Markt´ wird ad absurdum geführt. Aber die Künstlerin hat dank ihrer Merchandising-Produkte trotzdem prächtig verdient.“

Hinreißend ist sein Erfahrungsbericht über sein erstes Großkonzert (Rolling Stones 1981 in München; zweites von zwei Konzerten, denn beim ersten hat es nicht geregnet), in dem er damaliges gesellschaftliches Bewusstsein der Besucher beschreibt. Die anschließende Analyse der Stones-Konzerte im neuen Jahrhundert löst nur noch Brechreize aus.

„Die Bourgeoisie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst“, zitiert der Autor Karl Marx. Und persönliche Würde ist doch etwas, dass Musik vermitteln, ausstrahlen oder bestätigen kann.

Da nur fünf Prozent der Superacts für 85 Prozent der Einnahmen sorgen bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Imperien nicht daran interessiert sind, in irgendeiner Form an kulturellem Aufbau mitzuwirken oder gar Geld zu investieren.
Die teuren Ticketpreise wiederum gehen zu Lasten von Club – oder Nachwuchs-Konzerten.

Ein weiteres kluges Buch, das zeigt, wie unregulierter Kapitalismus die Demokratie gefährdet, ja durch das Schaffen unmoralischer Profitstrategien sogar außer Kraft setzt: „Wenn nun aber jemand, der Karten für ein ausverkauftes Konzert… einen beträchtlich (von den Veranstaltern/Ticketverkäufern auf einer eigenen Plattform für Zweitverwertungen) überhöhten Eintrittspreis zu zahlen (bereit ist), wird die Gleichheit außer Kraft gesetzt… Denn die Gleichheit der Konzertfans ist mittlerweile aufgehoben. Vor der Bühne stehen nur noch die Wohlhabenden, die eben 799 Euro für ein Ticket ausgeben können.“

Man darf das nicht unterschätzen, denn hier werden im Überbau kapitalistisch-autoritäre Strukturen eingefräst, die besonders das Bewusstsein junger Menschen dauerhaft prägen können. Eine weitere Manifestation der Ungleichheit in einem legalen System.

Das Buch ist nicht nur spannend, es eröffnet (unbedarften Lesern wie mir) auch neue Horizonte, denn Seliger versteht es, die Entwicklungen branchenspezifisch im historischen Kontext einzubetten.

Unverzichtbar für jeden, der sich über Musik in den unterschiedlichsten Aspekten informieren will, ist der Blog des Autors:
https://www.bseliger.de/blog

Berthold Seliger:

DAS IMPERIEN-GESCHÄFT

EDITION TIAMAT, 2019

Critica Diabolis 265

Broschur

344 Seiten

20.- Euro

ISBN 978-3-89320-241-6



CASH FROM CHAOS – 70s RELOADED by Martin Compart
19. April 2016, 9:32 am
Filed under: Edition Tiamat, MUSIK, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Nichts interessiert mich weniger als die Sex Pistols – habe ich gedacht. Dann bekam ich die deutsche Ausgabe des Buches von Jon Savage über die Pistols in die Hand (natürlich aus der Edition Tiamat). Savage gehört zu den großen Analytikern der Pop-Kultur und kann gar nichts schreiben, was mich nicht interessiert.
ENGLAND DREAMING liegt nun sogar bei uns in einer dritten Auflage vor. Die Originalausgabe erschien 1991 und Edition Tiamat verlegt die erste deutsche Ausgabe 2001. Bisher hatte ich mich um die Lektüre gedrückt (weil ich ein bisschen blöde bin). Inzwischen gilt das Buch zu Recht als ein Klassiker, der Punk historisch einordnet und Strukturen und Wurzeln vermittelt („1968 wurde aus einer ästhetischen Haltung eine politische Geste.“). Mit diesem Buch hatte sich Savage als Pop-Historiker etabliert – durchaus auf einem Level mit Schwergewichten wie Greil Marcus oder Nick Tosches. Zu seinen Stärken zählt die Überschneidungen und Verwischungen zwischen Pop-Kultur und vermeintlicher Hoch-Kultur deutlich zu machen. Damit demontiert er den betonierten bürgerlichen Kanon. In einem Interview sagte er , dass sich Goethes LEIDEN DES JUNGEN WERTHER teilweise wie Texte von Morrissey lese. Wenn Savage als eine der Wurzeln des Punk den Situationismus bloßlegt, macht er einmal mehr klar, dass Punk kein isoliertes musikalisches Phänomen war, sondern in der Aufklärung ankert.

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http://www.amazon.de/Englands-Dreaming-Anarchie-Pistols-Diabolis/dp/3893202064/ref=asap_bc?ie=UTF8

Sein Buch TEENAGE – THE CREATION OF YOURH 1875-1945 (deutsch bei Campus,, 2008) ist ebenfalls eine kulturhistorische Betrachtung, die neue Perspektiven eröffnet.
ENGLAND DREAMING beschreibt auch das letzte Aufgebot, bevor die Neo-Cons den Sozialstaat demontierten. Ohne sentimental oder nostalgisch zu sein, berichtet Savage eine Epo9che in der trotz aller Verwerfungen eine Freiheit möglich war, die heute unvorstellbar ist. Eine Rehabilitierung der 1970er, gespickt mit klugen Beobachtungen und voller wahnwitziger Anekdoten. Die große kommentierte Discographie des voluminösen Buches ist ebenfalls voller verblüffender Einsichten.
1978 war die Nachkriegszeit endgültig vorbei. Punk hat die Musikindustrie nicht zerstört und ihr weniger zugesetzt als das Internet. Aber Punk hat neuen Formen und Bands Tore aufgebrochen.

P.S.: Es ist mir unverständlich, dass noch kein deutscher Verlag die beiden Autobiographien von Andrew Loog Oldham (STONED und 2STONED) veröffentlicht hat); die gehören zu den  brutalsten, ehrlichsten und witzigsten Büchern über den Rock und die 60er überhaupt. Absolute Knaller!



DIE GESCHICHTE DER MUSIK-INDUSTRIE ALS THRILLER by Martin Compart
30. September 2015, 2:45 pm
Filed under: Edition Tiamat, MUSIK, Rezensionen | Schlagwörter: ,

Lang, lang ist´s her, da kaufte man sich Film-Bücher oder Pop-Musik-Bücher nur deshalb, weil es Bücher über Filme oder Pop-Musik waren. Die großen Verlage hatten damals maximal zwei. drei Titel im Programm. Das hat sich seit den 1980er Jahren (in denen eine Reihe wie Ullsteins „Populäre Kultur“ wie eine Kulturrevolution erscheinen konnte) wahrlich verändert. Inzwischen gibt es eigene Verlage, die sich diesen Genres widmen. Und die Flut der Veröffentlichungen, natürlich extrem im angelsächsischen Raum, ist dermaßen stark, dass hauptberufliche Experten kaum noch die Übersicht behalten.

Während ich früher jedes Pop-Buch (als es kaum welche gab) las, picke ich mir heute nur noch die heraus, deren Sujets mich interessieren (von Stones, Doors, Dylan über Highschool bis australische Garage) oder die neue Aspekte bearbeiten, die zum kargen Allgemeinwissen beitragen.

Meistens finde ich die bei der von mir immer wieder euphorisch abgefeierten Edition Tiamat, der ich inzwischen blind vertraue. Selbst wenn ich vorher nicht weiß, dass mich ein Thema interessiert, gehe ich davon aus, dass es mich interessieren könnte, weil Klaus Bittermann ein Buch dazu macht.

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http://www.amazon.de/Cowboys-Indies-abenteuerliche-Reise-Musikindustrie/dp/3893202013/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1443624113&sr=1-1&keywords=cowboys+%26+indies

 

COWBOYS & INDIES von Gareth Murphy ist mal wieder ein Musikbuch, dessen Thema mich interessiert und das auch noch erstklassig arrangiert und geschrieben ist. Es erzählt die Geschichte der Popmusik vom 19.Jahrhundert bis ins 21. aus der Perspektive der Musikindustrie – die Betonung liegt auf Industrie. Perspektivisch werden die Macher, Produzenten und Gier-Tycoons dabei mit netten Anekdoten über unser aller geliebten und gehassten Stars und Musiker untermalt. Nur liegt eben nicht der hoch interessante Standpunkt bei Bandentwicklungen oder genialen Alben, sondern bei der Industrie. Und dabei löst Murphy für mich so manches bisheriges Rätsel auf. Etwa, warum THEIR SATANIC MAJESTIES REQUEST ein so enttäuschendes Album wurde (weil Jagger die Studiokosten bewusst in die Höhe trieb um Andrew Loog Oldham loszuwerden).

Die Idioten, Psychos und Genies in den Management-Etagen der Industrie erscheinen ebenso farbig wie die Rampensäue. Im Mittelpunkt steht natürlich die englische und amerikanische Musikindustrie, die ja auch aus einer verschnarchten Nische ein Milliardenunternehmen schuf. Die Strategien, mit denen sie Bands oder Trends durchsetzte, lesen sich so spannend wie Polit-Thriller (und sie könnten manchem Alt-Hippie den Summer of Love verregnen).

Murphys Schreibe ist so geschmeidig, elegant und schnell wie bei einem Pageturner für Erwachsene. Und wie er sein gigantisches Material zusammenfasst und komponiert, ist äußerst beeindruckend. Er verliert, so weit ich das beurteilen kann, nie das Wesentliche seines Themas aus dem Auge.

Die Geschichte der Musik-Industrie als Thriller!

 

 

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NEUES AUS DEN SIXTIES: BOB DYLAN HOLT DEN ROCK AUS DER MILCHBAR by Martin Compart

Irgendwie kriegt es Klaus Bittermann momentan nicht hin, mal einen Monat ein Buch zu machen, das mich nicht interessiert. Die Edition Tiamat hat mal wieder einen echten Lauf bei mir.

http://www.amazon.de/Highway-61-Revisited-Dylans-Album/dp/389320198X/ref=sr_1_32?s=books&ie=UTF8&qid=1430916583&sr=1-32&keywords=bob+dylan

Diesen Monat also ein Buch über meinen alten Guru Bob Dylan. Besser gesagt: über ein Album von Dylan. Bücher über wichtige Alben der Pop-Musik (setzt einen anderen Begriff ein), sind in den letzten Jahren ein eigenes Genre geworden. Die schlechteren erzählen nur die Produktionsgeschichte, die besseren zeigen auch die inhaltliche Wirkungsgeschichte. Und Bücher über Dylan sind schon länger (Ulrich von Berg erzählte mir vor längerer Zeit, dass er sich das 100.Buch über Dylan zugelegt hatte)ein eigenes Genre.

Für die Spätgeborenen: Dylan war oder ist (er soll tatsächlich noch leben und Frank Sinatra covern) der Typ, der die Beatles mit Haschisch bekannt gemacht und die Rockmusik von ihrer Infantilität befreit hat.

Nun das zweite Buch über HIGHWAY 61 REVISITED, das zweite Album von ihm aus 1965. Ganz klar ein Meilenstein in der Musikgeschichte (obwohl es mir immer noch auf den Keks geht, dass das Vorgänger-Album, BRINGING IT ALL BACK HOME, im Vergleich immer untergeht: Denn da wurde Dylan elektrisch und legte die Grundsteine für HIGHWAY).

Für Mark Polizzotti ist es Dylans wichtigstes und persönlichstes Album. Eine Auffassung, die der „Meister“ wohl teilte: „Meine Platten werden ab jetzt nicht mehr besser werden… 61 ist einfach zu gut. Da ist eine Menge Zeug drauf, das sogar ich mir anhören würde.
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Ich teile nicht jede Beobachtung des Autors, aber es ist schon verblüffend, was er aus jedem Song heraus kitzelt und welche Kontexte er für Musik und Texte herstellt.

Polizzotti geht allen kulturellen und geographischen Spuren nach um Song für Song die Einflüsse aufzuzeigen, aus denen Dylan dann etwas völlig neues gemacht hat. Nebenbei wird deutlich: Welche Kompositions- und Arrangementselemente durch die digitale Technologie und Distribution verloren gegangen sind. Denn es gab mal eine Zeit der A- und B-Seiten, die ganz vorsätzlich aufeinander abgestimmt waren, in der jeder Song bewusst an einen Platz stand und sehr genau überlegt wurde, warum ein bestimmtes Stück die A-Seite abschloss und ein anderer die B-Seite eröffnete. Polzzotti beschreibt diesen langwierigen Prozess bei HIGHWAY (bei den vielleicht auch die Beatles Einfluss hatten). Wenn wir diese Vinylplatten heute auf CD hören (abgesehen von lohnenswerten Bonus-Tracks), ist das eine ganz andere Erfahrung: Es gehen (nicht nur musikalisch) Dimension verloren, die einem Album zusätzliche Tiefe gegeben haben. Was könnte Dieter Bohlen alles vorlegen, wenn ihm das zur Verfügung stünde – man mag es sich kaum vorstellen!

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Außerdem spickt er das Buch mit schönen Anekdoten und erhellenden Momentaufnahmen aus Dylans Biographie. Etwa das Dylan 1984 sagte, er habe das berüchtigte SELF PORTRAIT nur gemacht um die Hippies los zu werden, die „sowas unmöglich mögen konnten, sich damit unmöglich identifizieren konnten…“ Berührend finde ich auch Springsteens Erinnerung, wie er das erste Mal LIKE A ROLLING STONE gehört hat: „Meine Mutter und ich hörten beim Autofahren WMCA, und dann kam dieser Snare-Schuss (am Anfang des Stücks), der klang, als hätte jemand die Tür zu deiner Seele aufgetreten.“

Wie wichtig Dylan für das kulturelle Gedächtnis einer Generation war und vielleicht noch ist, wird in dem Band nebenbei heraus gearbeitet. Angesichts der Plattheit heutiger Pop-Musik (siehe:https://martincompart.wordpress.com/2015/04/14/depression-hauntology-und-die-verlorene-zukunft/) ist es nicht nur der spätkapitalistischen Nutz-Bildung zuzuschreiben, wenn die NRW-Einserabiturientin Elisabeth und die Schuhfachverkäuferin Sheila antworten: “ Wann der 2.Weltkrieg war? Nach dem ersten. Dylan? Das war alles vor meiner Zeit.“
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Ich gehörte lange selbst zu der unerträglichen Spezies der Dylan-Versteher (der, wie alle anderen, als Einziger wirklich verstanden hat, was der Meister den Planeten – besser: mir persönlich – mitzuteilen hatte). Aber der allergrößte Dylan-Fan, dem ich je begegnet bin, war die deutsche Noir-Ikone Ulf Miehe. Lange vor Internet war er international sensationell vernetzt und bekam aus aller Welt Bootlegs, VHS- und Audio-Cassetten.51OXXCqFK3L._SY344_BO1,204,203,200_[1] Er hatte einen ganzen Raum voll damit, und ich verdanke ihm großartige Tapes (die ich natürlich aus Erhaltungsgründen inzwischen digitalisiert habe). Einmal quatschten wir über ein neues (Gangster-)Filmprojekt. Stundenlang stellten wir fest, dass die Eröffnungsmusik unbedingt der SUBTERRANEAN HOMESICK BLUES (Opener von BRINGING IT ALL BACK HOME) sein müsse. Wichtige Arbeit für einen leider nie realisierten Film war also getan. Ulf blödelte auch gerne mal rum. Einmal gab er zum besten, dass er in den USA von der englischen Übersetzung seines Romans ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN nur deshalb so viele Exemplare verkauft hatte, weil er das Buch Dylan gewidmet hatte und es so viele Dylan-Komplett-Sammler gäbe.

PS: Die Track-Liste:

1.Like a Rolling Stone – 6:09
2.Tombstone Blues – 5:56
3.It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry – 4:05
4.From a Buick 6 – 3:15
5.Ballad of a Thin Man – 5:56

6.Queen Jane Approximately – 5:28
7.Highway 61 Revisited – 3:26
8.Just Like Tom Thumb’s Blues – 5:27
9.Desolation Row – 11:22