Martin Compart


DIE FIELD-TRILOGIE von JOHN RALSTON SAUL by Martin Compart

„Der Zweck von Museen ist es, gestohlene Waren zu beschützen“, schrieb der kanadische Philosoph John Ralston Saul auf den ersten Seiten seines exzellenten Polit-Thrillers THE NEXT BEST THING, dem zweiten Band seiner Field Trilogie, und macht deutlich, dass den Lesern nicht nur ein Pageturner bevor steht, sondern auch die Intelligenz kritischen Bewusstseins.

Keine Überraschung, bei einem Autor wie Saul.

John Ralston Saul wurde am 19. Juni 1947 in Ottawa, Kanada geboren. Er studierte in Montreal Politikwissenschaft und Geschichte und promovierte 1972 am Kings College in London. Seine Dissertation hatte die Systemveränderung Frankreichs unter de Gaulle zum Thema.

Anschließend half er 1976 beim Aufbau der nationalen Ölgesellschaft Petro-Canada.
Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Saul seinen ersten Roman THE BIRDS OF PREY.

Ende der 70er und während der 80er Jahre hielt er sich über längere Zeiträume in Nordafrika und Südostasien auf und reiste wiederholt mit Guerilla-Truppen. Seine Romantrilogie The Field Trilogy verdankt diesen Erfahrungen viel.
2009 wurde er Präsident des internationalen PEN.
Seine Aktivitäten sind so reichhaltig und vielseitig, dass an dieser Stelle kein Platz für eine annähernde Würdigung ist. Aber dafür gibt es ja seine Homepage und Wikipedia. Nur soviel: Er gehört zu den scharfsinnigsten Systemkritikern unserer Zeit und hatte bereits 2005 den finanzwirtschaftlichen Zusammenbruch von 2008 in seinem Buch THE COLLAPSE OF GLOBALISM AND THE REINVENTION OF THE WORLD vorausgesehen.

Er unterscheidet zwischen einem gesunden Nationalismus und einem ungesunden. „Die Idee der Globalisierung war aus meiner Sicht nie überzeugend. Sie setzt sich aus sehr unterschiedlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts zusammen und ist nicht, wie viele glauben, eine international mächtige und vor allem keine neue Bewegung. Denkmuster der Kolonialzeit werden in den Strategien suprastaatlicher Institutionen weitergeführt und in Krisenzeiten wieder sichtbar. Im Moment finden wir uns in einer Welt wieder, in der der Nationalismus zurückkehrt.“ Dass er vom lemminghaften Neoliberalismus nichts hält, versteht sich von selbst. „Knapp dreißig Jahre hat man dem Bürger immer mehr elementare Kompetenzen entzogen, man war besessen von Effizienzdenken, Privatisierungen und allumfassendem Managertum. Man nahm nicht wahr, dass am Ende dieses Prozesses zunehmend verärgerte Bürger stehen, die sich in unmittelbarer Reaktion populistischen Bewegungen und negativem Nationalismus zuwenden.“ Das ganze Interview findet sich in FAUST KULTUR unter https://faustkultur.de/533-0-Gespraech-mit-John-Ralston-Saul.html )

In den letzten Jahrzehnten ist er als Kapitalismuskritiker häufig vor der Kamera und mit Vorträgen vor ausverkauften Sälen anzutreffen. Er analysiert den demokratischen Verfall des Westen, insbesondere der USA, durch das Schmarotzertum der Superreichen mit ihrem Instrument der weltweiten Konzerne, die den Planeten mit Elend und Umweltzerstörung überziehen.
Die Anfänge dieses Korporatismus führt er auf Mussolini zurück und beweist damit einmal mehr, dass der Kapitalismus keine demokratischen Strukturen braucht; eher das Gegenteil. Er sieht in den USA den in den 1970er Jahren beginnenden Prozess fast vollendet, der die Gesellschaft in die Ära vor Roosevelts New Deal zurückführen soll.

Seine Liebe und Verbundenheit mit Frankreich und seine Faszination von General de Gaule führte zu seinem ersten Roman.

Der politische Roman THE BIRDS OF PREY spielt im Frankreich de Gaulles und wurde ein internationaler Bestseller. Sein bisher einziger Thriller außerhalb der Field Trilogy. Diese handelt von den beginnenden Krisen der Macht in den 198oern und deren Aufeinandertreffen mit den Individuen. Sie thematisiert den Neo-Kolonialismus im Kalten Krieg. Der Leser wird mit dem Zusammenbruch einer Welt und ihrer Werte konfrontiert.

Diese Trilogie umfasst die Bände BARAKA, FORTUNES AND SACRED HONOR OF ANTHONY SMITH (1983), THE NEXT BEST THING (1986) und THE PARADISE EATER (1988), der den italienischen „Premio Letterario Internazionale“ gewann. Sie zeigt die Welt (insbesondere Südostasien) während des Roll back des US-Imperialismus und seinen vergiftenden Einfluss auf die dritte Welt nach Vietnam.

Zu Sauls literarischen Vorbildern gehören Graham Greene (der ist in den Thrillern wohltuend spürbar), Ford Maddox Ford, Gabriel Garcia Marquez und andere lateinamerikanische Autoren. Sich selbst sieht er nicht als Thriller-Schriftsteller: “The serious novelist’s role is to reflect a complex society in which people can see themselves. I write novels, not genre fiction. My novels are not ‘escapist’ fiction.”

Wie alle Romane von Saul, so ist auch BARAKA eng mit eigenen Erfahrungen verknüpft: Nach dem Sieg der Nord-Vietnamesen über die USA und deren südvietnamesischen Marionetten, bat das kommunistische Regime in Hanoi Fidel Castro um Hilfe bei den Vermittlungen der Öl-Konzessionen, die es vom südvietnamesischen Regime „geerbt“ hatte. Castro wandte sich mit der Bitte um Hilfe an den kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, der Maurice Strong (Vorstandsvorsitzender von Petro-Canada) nach Vietnam sandte. Dieser nahm seinen Vertrauten John Ralston Saul mit nach Hanoi, damals für Westler ein kaum zugänglicher Ort. Fiktionalisiert eröffnet Saul mit diesem Hanoi-Trip den Roman BARAKA und die Field-Trilogie.

Die nicht sehr sympathische Figur des Kanadiers John Field ist die verbindende Figur der drei Romane, spielt aber nur im dritten die Hauptrolle. Er war als Journalist nach Südostasien gekommen und nach den Kriegen in Bangkok hängen geblieben: „Ich schreibe kaum noch. Stattdessen benütze ich meine Verbindungen, um Gartenmöbel zu verkaufen.“ Bangkok ist Fields Stadt und spielt im dritten Roman neben ihm die Hauptrolle. Von der Struktur her sind die beiden ersten Romanen dagegen „Quests“.

In BARAKA geht es um einen Öldeal für Waffen (die von der amerikanischen Armee in Vietnam zurückgelassen wurden) und den Guerilla-Krieg der Polisario. Es geht aber auch um verlorene Träume, Korruption, Mut, Freundschaft und Liebe. Alles vor einer schönen exotischen Lebenswelt, verstellt von menschlicher Unzulänglichkeit.

By the way: Der erste Thriller, der die Machenschaften der Ölgesellschaften als kriminell erkannte, war wohl THE TELEMAN TOUCH, 1958, des ebenso konservativen wie brillanten Briten William Haggard.

In NEXT BEST THING sprach Saul 1986 bereits das “koloniale Erbe“ als Raubgut an. Der Roman ist in vielem André Malrauxs DER KÖNIGSWEG verwandt (dieselbe Quest-Struktur), teilt aber nicht die Legitimation von Plünderung. Malraux selbst hatte sich ja des Kunstraubes in Kambodscha Ende der 1920er Jahre schuldig gemacht, bevor er aus seiner kolonialistischen Straftat seinen großartigen Roman destillierte.

Angefüllt mit Illusionen, die vom SCHATZ DER SIERRA MADRE übrig geblieben sind, sind aber Struktrur und Plot an DER KÖNIGSWEG angelehnt. Denn in Malraux´ Roman geht es auch um das Plündern von Tempeln (in Kambodscha). Unwahrscheinlich, dass der frankophile Ralston Saul Malrauxs Buch nicht kannte, bevor er DIE VIER BUDDHAS (deutscher Titel) schrieb.

James Spenser, Ex-Kurator des Victoria and Albert Museum, will in Burma den Ananda-Tempel plündern: Dort hat er es auf 20 Statuetten abgesehen, die das Leben Buddhas darstellen. Mit der Hilfe von John Field stellt er dafür seine üble Mannschaft zusammen. Darunter der mysteriöse Amerikaner Blake, während des Vietnamkrieges einer der besten Guerilla-Führer Südostasiens und „Lahu-Gott der dritten Generation“.

Spenser ist ein kranker Charakter, wie ihn nur die westlichen Zivilisation hervor bringen konnte: Kunstwerke sind sein Fetisch und erregen ihn mehr als alles andere auf der Welt. Er ist von ihnen besessen wie Jean des Esseintes in Huysmans À REBOURS, den Saul sicherlich ebenfalls gelesen hatte. Fest verwurzelt im Kapitalismus, interessiert ihn Geld nur als Tauschwert. Ganz Imperialist, raubt er alles, was er nicht kaufen kann.

Es ist die Zeit, in der die die Shan-Army die größte Narcos-Armee der Welt stellte und ihr Führer Khun-Sa als größter Opium-Händler durch die Gazetten geschleift wurde (dabei hatte er den Regierungen der USA und Australiens angeboten, die für den Shan-Staat überlebensnötige Opium-Ernte für jährlich 40 Millionen Dollar kaufen und vernichten zu können). Es war die Zeit der schweren Kämpfe zwischen den nördlichen Ethnien und den birmanischen Regierungstruppen.

Saul war einige Monate mit der Shan State Army unterwegs gewesen und gibt hier ein genaues Bild der Zustände ab. “I’ve been with guerrillas in the jungles and felt no sense of danger. But hearing the human sounds of the pigs, with an iron hook locked in their jaws, was one of the most horrifying experiences I’ve ever had.”
Zentralr Handlung ist Spensers Reise zum Ananda-Tempel und zurück, die Gefahren und Charaktere, denen er ausgesetzt ist.

Für viele ist der Abschlussband, THE PARADISE EATER, der Höhepunkt der Trilogie. „This is the first novel I’ve written with which I’m perfectly satisfied.”

Der primitive Klappentext der deutschen Ausgabe (TEUFELSKREIS BANGKOK) wird dem Roman nicht gerecht:
Die Unterwelt von Bangkok ist sein Zuhause, Prostituierte und Dealer sind ihm vertraut. Eigentlich sollte ein Mord mehr oder weniger den Gelegenheitsjournalisten John Field nicht beunruhigen. Doch als seine Exgeliebte und ihr Mann getötet werden, wird er aus seiner Lethargie aufgeschreckt.

Das erste Kapitel mit Fields Krankenuntersuchung ( er hat sich inzwischen Gonorrhöe eingefangen) hätte es für mich allerdings nicht gebraucht und ich kann ähnlich zartbesaiteten Burschen von der Lektüre der ersten Seiten nur abraten.

Field gerät ins Visier von Narcos und durchstreift ein Bangkok, dass Touristen so nie zu sehen bekamen. Einige Old Asia Hands bezeichnen es noch heute als den besten Roman, der je über die Stadt geschrieben wurde.

“I try to create a sense of urgency and terror which, I suppose, translates into a reader turning the pages. But nothing is clarified in the end. My main character, John Field, isn’t a hero. He’s not out for justice. He’s weak, he has no strong sense of ambition.”

Hintergrund der Story ist wieder der Rauschgifthandel. Eine für damalige Verhältnisse Riesenmenge an Drogen soll aus Laos geschmuggelt werden. Während unerwünschte Mitwisser ermordet werden, kann Field nach Bangkok fliehen, wo er von Auftragsmördern gejagt wird und das korrupte Lebenssystem der Stadt durchläuft.

Natürlich strotzt auch PARADISE EATER von Nebenfiguren, die man noch nie gelesen hat. Eine der interessantesten Figuren ist Paga. Als Mädchen vom Land kam sie einst nach Bangkok, um als Hostess zu arbeiten. Nun kontrolliert sie 500 Nutten und verdient Millionen. “She’s modeled after a real-life woman whom I met and who was absolutely delighted with the idea of having this large foreigner sitting in the car with her when she made the rounds of her brothels to pick up her payments. I’ve had years and years of listening to male locker-room talk, but with Paga I was talking with an expert from the other side. She understands male psychology. She makes Freud sound like a Sunday painter.”

Graham Greene wäre Stolz auf dieses Buch gewesen.

Es ist höchst bedauerlich, dass Saul keine weiteren Thriller mehr geschrieben hat. Er wäre heute ganz sicher einer der Allergrößten im Genre. Aber immerhin gab er uns die Field-Trilogie, die ein Monument in der Geschichte des Polit-Thrillers ist.

P.S.: Es ist reizvoll, Saul neben Stephen Beckers Asien-Thriller zu lesen. Völlig unterschiedlich, aber in der hohen Qualität vereint.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: ALAN WILLIAMS, DER VERGESSENE KÖNIG by Martin Compart

“Ben, du musst fort von hier – weit fort, übers Meer. Geh nach Südamerika, damit du erkennst, was für ein Glückspilz du bist, nicht als einer der Ungewaschenen geboren worden zu sein. Sei unglücklich mit ihnen. Es wird dich nicht viel kosten.“

Drei Männer und eine Frau, besessen von der Gier nach Diamanten, hoffen, im Dschungel Südamerikas ihr Glück zu machen. Was wie ein Abenteuer begann, verwandelt sich unter gnadenloser Sonne, in moskitoverseuchten Sümpfen und lauernden Gefahren zu einer Reise ins Jenseits. Zermürbt von Hass, Misstrauen und Angst wissen sie nicht, was am Ziel auf sie wartet: Unschätzbarer Reichtum oder ein grausames Ende.

…heißt es im Klappentext zu der unverschämt gekürzten deutschen Ausgabe.

SNAKE WATER dürfte neben Travens SCHATZ DER SIERRA MADRE das zynischste, spannendste und böseste Buch über eine Schatzsuche in Lateinamerika sein. Wie Traven widerspricht Williams der romantischen Idee, dass Abenteuer und Gefahr Vergnügen für sportliche Glückssucher sind, sondern eine System bedingte Überlebensstrategie von sozial entwurzelten Menschen. Der Einzelne muss sich nicht nur gegen feindliche Natur behaupten, sondern auch gegen seine Mitstreiter, die auf der Suche nach Profit von Verbündeten zu Konkurrenten werden.

Ich stimme Barry Forshaw zu, der über Williams vor ein paar Jahren schrieb: „Frankly, very little this good is being written today.“

Die Lektüre von Mike Ripleys KISS KISS, BANG BANG (siehe Rezension in diesem Blog unter „Sekundärliteratur“) hatte mich daran erinnert, endlich mal einen Roman des Thriller-Titanen Alan Williams wieder zu lesen. Sofort kam mir SNAKE WATER in den Sinn, denn das war meine erste Williamslektüre, und die hatte mich als zarten 14jährigen aus den Socken gehaun und zum lebenslangen Fan des Autors gemacht.
Schamvoll muss ich zugeben, dass ich ihn Ende der 1970er Jahre völlig aus den Augen verloren habe. Nach Ripleys Erinnerung stürzte ich mich sofort wieder auf ihn und zog drei Romane hintereinander weg. Er gefiel mir besser, als bei der Erstlektüre und ich ärgere mich maßlos, dass ich ihn nicht in einer meiner Reihen veröffentlicht habe.

Williams´ Sujets sind inzwischen historische aus der Zeit des Kalten Krieges. Aber seine Wucht, seine literarischen Qualitäten, seine nuancierten Beschreibungen sind zeitlos. Das Erodieren von Zukunft in den vergangenen zwei Jahrzehnten existiert in seinem Werk natürlich nicht, gibt ihm heute eine ungewollte optimistische Note. Ein zusätzlicher Reiz ist ihr zeitdokumentarischer Charakter.

Das erste Kapitel ist schnell und gnadenlos: Wenn Ben Morris sein Tramp-Schiff verlässt und ein fiktives südamerikanisches Land betritt, liest sich das so intensiv, genau beobachtet und zynisch wie das Beste von Graham Greene und Eric Ambler. Der Leser spürt: Genauso lief oder läuft es ab, wenn man als ungebetener Tourist jenseits der Abzockerrouten eine korrupte Bananenrepublik betritt. Ben leidet unter Schuldgefühlen und neigt zu dämlichen Handlungen. Also gerät er umgehend in Schwierigkeiten. und von da an schaltet Williams die Gänge seiner Plot-Maschine immer höher.

In SNAKE WATER taucht erstmals der Südafrikaner Reyderbeit auf, ein versoffener Psychopath, den Williams neben dem fetten französischen Gangster Charles Pol (Williams Version von Cusper Gutman tritt in sechs Romanen auf; in GENTLEMAN TRAITOR soll er Kim Philby helfen, aus der Sowjetunion zurück zu kehren) als Serienfigur in mehreren Romanen nutzt und die zwei seiner faszinierendsten Schöpfungen sind. Bei Williams gibt es keine Serienhelden, aber Serienschurken (auch damit war er innovativ). Natürlich keine Romane für Gestalten, die Hitler für eine Fernsehfigur halten.

Williams Thriller enden häufig düster (und seine Ganoven stehen für weitere Taten bereit).

Aber das bemerkenswerte an diesem überzeugenden Roman ist vielleicht, dass Williams nie in Lateinamerika gewesen ist. Deshalb ist es der einzige Roman von ihm, der in einem fiktiven Land angesiedelt ist. Alle sonstigen Romane spielen in Ländern und Regionen, die er als Journalist viel bereist hat und gut kennt. Ähnlich wie bei Eric Ambler, ein Freund der Williams-Familie, als er MASK OF DIMITRIOS schrieb, bevor er Istanbul besucht hatte. Der fiktionale Realismus – gespeist durch langjährige Erfahrungen in der 3.Welt – hat nichts gemein mit den ungelüfteten Vorstellungswelten zweitklassiger Abenteuerromanautoren.

Für die englische Hardcover-Ausgabe gestaltete Williams selbst den Umschlag.

Auch SNAKE WATER hat die Figurenkonstellation, die Williams häufig verwendet: den Autor oder Journalisten, der bewusst oder unbewusst ins Schlammassel gerät, eine mysteriöse Frau oder femme fatale, deren Motive unklar sind und zwielichtige Gangster oder Abenteurer, die dem Protagonisten zu schaffen machen. Und am Ende steht der Protagonist nicht viel anders oder besser da als am Anfang des hoffnungsfrohen Unternehmens.

SNAKE WATER unterscheidet sich allerdings von seinen anderen Thrillern: Es ist kein Polit-Thriller, sondern ein lupenreiner Abenteuerroman um eine Diamantenjagd.

Die renommierte KIRKUS REVIEW:

Not since the Treasure of the Sierra Madre has the courage and the cunning induced by avarice been so well traced. Its source this time is on the banks of the stagnant Snake Water, a volcanic river in a South American country where the terrain, the climate and the inhabitants come off the page like a small town in Hell. The raw diamonds are lying along the river bank. This is the biggest something-for-nothing Sam Reyderbeit has ever heard about. The psychopathic South African drunk, given to manically lyrical dialogue, enlists the aid of tourist Ben Morris, a young English widower who would like to forget the death of his wife or, failing that, get himself killed. They are joined by Melanie MacDougall, a frigid succubus, whose presence on the trek into the nearly waterless, snake infested back country pressures the psychological hazards to the bursting point. What a movie this will make. Snakes, locust-like mosquito swarms, seven corpses to cross, then flight bags full of diamonds — and it’s so hard to keep track of a flight bag… Swift, sardonic, can’t-lay-it-down adventure.

Original Cinema Quad Poster – Movie Film Posters

Eines der vielen ungelösten Rätsel Hollywoods ist, wie Delbert Mann 1968 mit James Garner und Eva Renzi aus dieser Vorlage einen so beschissenen Film wie THE PURPLE JUNGLE machen konnte. Der Roman ist so filmisch, dass man die Kamera nur auf die Buchseiten hätte halten müssen. Die wahrscheinlich schlechteste Literaturverfilmung in der Geschichte des Films. Wer die Nerven dazu hat: https://www.youtube.com/watch?v=kea4sKPszFo

Williams bezeichnete PURPLE JUNGLE als den schlechtesten Film, den er in seinem Leben gesehen hat und „the film-makers took the characters‘ names and nothing else from the novel“.

Dirk Bogarde hatte vor, BARBOUZE mit Orson Welles und Bryan Forbes als Regisseur zu verfilmen, aber es blieb lediglich beim Vorhaben. Richard Burton kaufte die Filmrechte von THE TALE OF THE LAZY DOG, aber auch daraus wurde nichts. Völlig unverständlich, wie die Filmindustrie einmal mehr versagt hat.

Der Autor selbst ist mindestens so spannend wie seine Romane:

Alan Williams war nicht nur ein begnadeter Autor und immens einflussreicher Kriegsreporter und Journalist – er war auch ein Draufgänger, der sich auf aberwitzige Abenteuer einließ. Mike Ripley nennt ihn gar den „Bad boy among the british thriller writers“.

Alan Emlyn Williams wurde am 28 August[ 1935 als Sohn des Schauspielers und Schriftstellers Emlyn Williams geboren. Noël Coward war sein Pate und sein jüngerer Bruder Brook (1938–2005) war ebenfalls Schauspieler.

Er lernte und studierte in Stowe, Grenoble und Heidelberg, dann am King’s College, Cambridge, wo er 1957 mit einem B.A. in Sprachwissenschaften abschloss. Ironisch sagte er mal: “Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass ich der einzige Cambridge-Student in den 1950ern war, der weder vom KGB noch MI6 angeworben wurde. Aber ich habe mich auch so schlecht benommen, dass wahrscheinlich jeder Dienst dachte, ich wäre bereits für den anderen tätig.“

Als Student nahm er am Ungarn-Aufstand teil und brachte Penizillin nach Budapest. Maskiert durchstreifte er die DDR, um sich ein wahres Bild zu machen und aus Polen schmuggelte er mit Freunden einen polnischen Studenten in den Westen.

Sein erster Job nach dem Studium war im CIA gestützten Sender Radio Free Europe in München. Die Schattenwelt umfing ihn.

Er kehrte nach England zurück und arbeitete als Journalist für die „Western Mail” und dann für “The Guardian”, bevor er Auslandskorrespondent für den „Daily Express“ wurde mit dem Gebiet „covering international wars and other horrors“.

Williams berichtete über den mittleren- und fernen Osten, Osteuropa und die Sowjetunion. Er war in jedem “Hot Spot” der 1960er und 1970er Jahren zu finden: Algerien-Krieg, Vietnam, Ulster, Tschechoslowakei, Rhodesien, Zypern, Israel – you name it, Williams had been there.

Als er einmal in Algerien war, bekam das Auswärtige Amt in London sowohl von den Franzosen wie von arabischen Staaten Beschwerden über Williams. Beide Seiten beschuldigten ihn, für die jeweils andere zu spionieren. Als man dann auch noch vor Ort auf sein Auto „Barbouze“ geschmiert hatte, wurde es brenzlig, und man musste ihn aus dem Land schmuggeln.

Vietnam. Wie gut er Indochina kennt, lässt sich in seinem Thriller THE TALE OF THE LAZY DOG (der den besten Ambler-Romanen in GARNICHTS nachsteht) betrachten. Wahrscheinlich der erste Thriller, der die AIR AMERICA zeigt.

Als Kriegsberichterstatter war er einflussreich. Jon Bradshaw schrieb 1968 in seinem “Bradshaw’s Guide: The Best of Current Magazine Writing” über ihn: “perhaps the best observer of war in England. His articles on Vietnam are far and away the best pieces produced in Britain on the subject.“ Überhaupt hatte Williams ein großes Gespür für das knappe und undeutliche Gemurmel der damaligen Machtpolitik.

Er schmuggelte für den englischen Verlag The Bodley Heat Solschenizyns Manuskript KREBSSTATION:

”Soviet authorities had prohibited Aleksandr Solzhenitsyn from publishing his semi-autobiographical novel Cancer Ward. The notoriety piqued British publishers‘ curiosity, among them The Bodley Head. Rival attempts were soon under way to obtain a copy of the manuscript. Williams and his friend Nicholas Bethell went behind the Iron Curtain to obtain the manuscript from a go-between who had a signed document attesting that he was acting on Solzhenitsyn’s behalf. Both men knew they were risking their lives and time. There was no guarantee they would succeed, be the first to obtain the novel, or that The Bodley Head would purchase the manuscript let alone publish it. According to several sources, Williams] smuggled the book out of Czechoslovakia, passing through the frontier post with the leaves spread out on his lap under a road map. The Bodley Head subsequently published the first Russian-language edition of the novel and the English language translation… Williams used a fictionalized version of this incident as an ironic story element in his novel The Beria Papers. There, the protagonists pretend to smuggle a manuscript from behind the Iron Curtain. “ (Wilkinson, L.P. Kingsmen of a Century, 1873–1972. p. 32. This authority claims Williams smuggled the manuscript out of Russia).

Felicity Hailey in einem Blog über Williams: “My sister Geraldine Dexter (born 1 946 and died in 2007) was in a relationship with Alan in 1972-1973. They shared many adventures together including that holiday in Corfu and Alan’s trip to Russia when he was trying to obtain the Gulag manuscript. Such wild times .”

Williams war nicht nur ein großer Trinker, er war auch ein großer Frauenheld, was seine drei Ehen belastete.

Er hat drei Kinder: Einen Sohn und eine Tochter aus seiner Ehe mit Antonia (geborene Simpson). Aus seiner letzten Ehe mit der Literaturagentin Maggie Noach (1949–2006) stammt eine weitere Tochter. Maggie vertrat u.a. Brian Aldiss, Colin Greenland, Garry Kilworth, Michael Scott Rohan und Geoff Ryman.

Williams veröffentlichte seinen ersten Roman im Alter von 26 Jahren: LONG RUN SOUTH wurde umgehend für den „John Llwelyn Rhys Memorial Prize“ von 1963 nominiert. Insgesamt schrieb er in 20 Jahren elf Romane; er war 46, als mit HOLY ON HOLIES sein wohl letzter erschien. Auf deutsch wurden in der PHOENIX SHOCKER-Reihe des Scherz-Verlages fünf unangenehm gekürzte Thriller veröffentlicht.

Was man diesen Büchern nicht anmerkt, ist der Kraftaufwand, durch den sie entstanden sind. Es mangelte Williams nicht an Fantasie, Erfahrung oder Stilsicherheit. Aber seine Talente auf die fiktionale Form anzuwenden, bereitete ihm Mühe. Er gehörte zu den Autoren, die Alkohol für die schriftstellerische Arbeit nutzten. Das funktionierte anfangs bei dem überzeugten Trinker recht gut.
Aber mit der Zeit fiel ihm das Schreiben zunehmend schwerer, und der steigende Alkoholkonsum konnte das irgendwann nicht mehr ausgleichen. Wahrscheinlich auch ein Grund, weshalb nach 1981 kein weiterer Roman entstand.

Eine Joyce erinnerte sich 2008 in einem Blog: “Like Susan (who wrote you May 24) I’ve been trying to find information on Alan Williams. I knew him briefly while he was staying on the island of Corfu (1971 or 72). Every evening he would join us in the village tavern and read to us what he had written while getting very drunk, after which he would wander upstairs to write. There were times we had to help him up the stairs. We worried about his health and I’ve been concerned that the drinking may have done him in, especially since I’ve been able to find only old books authored by him on the internet.”

LONG RUN SOUTH setzte ihn sofort in die Spitzengruppe der britischen Thriller-Autoren.

Noël Coward schrieb in sein Tagebuch: „I have read a thriller by my godson Alan Williams called Long Run South and it is really very good indeed. He is an authentic writer. There is, as with all his generation, too much emphasis on sex, squalor and torture and horror, but it’s graphically and imaginatively written.“

Williams zweiter Roman erregte noch mehr Aufsehen. Einige Kritiker schrieben über BARBOUZE, dieser Thriller habe das Genre verändert, er sei der legitime Erbe von Ian Fleming und die „Sunday Times“ lobte den „Reichtum und die Poesie seines Stiles, wie er selten in der zeitgenössischen britischen Literatur zu finden“ sei.

Alan fiel das Romanschreiben nicht leicht. Um BARBOUZE „in absoluter Ruhe“ schreiben, ging er an Bord eines Tramp-Schiffes, mit dem er wochenlang durchs Mittelmeer schipperte.

Als sie in Beirut dockten, besuchte Alan die Bar des St George’s Hotel und setzte sich zu einem anderen Trinker: Kim Philby schlief im Rausch ein, erwachte und lud Williams zum Lunch ein „at an excellent place where they did ‚ Abyssinian goat’“. Alan hatte eine Verabredung und ging nicht mit. Drei Tage später lief Kim Philby zu den Russen über.

“All the trade-mark characteristics of an Alan Williams adventure thriller coalesce in Barbouze, his early masterpiece first published in 1962. There’s a footloose, dissolute and cynical hero – usually a journalist – who begins as the innocent Englishman abroad and rapidly finds himself embroiled in foreign conflicts, often being duped along the way by a femme fatale or a double-crossing criminal mastermind. “

Zu der langen Liste seiner Fans und Bewunderer gehörte bald auch Robert Ludlum.

2010 feierte Williams seinen 75.Geburtstag. Keine großen Würdigungen, kein Roman seit dreißig Jahren. Es ist still geworden um diesen Großmeister des Thrillers. Im Jahr zuvor hatte Mike Ripley damit begonnen, einige seiner Thriller bei Ostara Publishing als TOP NOTCH THRILLERS neu herauszugeben.

Es wird gemunkelt, Williams habe einen Schlaganfall erlitten und lebe in einem Apartment in Holland Park zusammen mit einer Katze namens „The General“. Gelegentlich trinkt er im Chelsea Arts Club.

2015 mailte Antonia Williams in einem Blog:

„I am Alan’s second ex-wife and mother of Owen and Laura and now there are two grandchildren. We all live in London, as well as Sophie his daughter by Maggie who died about eight years ago. Alan lives alone and is not at all well, but can still be clever and humorous at times.”

    BIBLIOGRAPHIE:

    Long Run South [1962] Zur Hölle mit Leila, 1969.

    Barbouze [1964] U.S. title: „The False Beards“. Blutiger Sand, 1966.

    Snake Water [1965][39] Schlangenbrut, 1966.

    The Brotherhood [1968] U.S. title and U.K. paperback reprint title: „The Purity League“. Konjunktur für Killer, 1969.

    The Tale of the Lazy Dog [1970] Die Milliardenfalle, 1971.

    The Beria Papers [1973]

    Gentleman Traitor [1975]

    Shah-Mak [1976] U.S. paperback retitled „A Bullet for the Shah“

    The Widow’s War [1978]

    Dead Secret [1980]

    Holy of Holies [1981]

    (Herausgeber)The Headline Book of Spy Fiction [1992]



KISS KISS, BANG BANG – Eine Geschichte des Golden Age of Thrillers by Martin Compart


Dies ist ganz klar ein Buch für mich – eines, auf das ich lange gewartet und mit dem ich kaum noch gerechnet habe.

Deshalb habe ich es auch fast zwei Jahre nicht in die Hand genommen und auf den „Belohnungsstapel“ gelegt. Dort darf immer zugegriffen werden, wenn man zu viel Mist gelesen oder eine gute Tat vollbracht hat.
Nach etwa einem Jahr des Stapelabtragens war ich nun endlich bei Ripleys wunderbaren Buch. Es führt mich zurück in ein Königreich, in dem ich verdammt viel Zeit verbracht habe, und das mich bis heute mit schönsten Erinnerungen beschenkt:
Etwa in die Zeit des Schulschwänzens „wegen lesens“ (als man Maturins MELMOTH natürlich nur an verregneten Vormittagen in einer Burgruine lesen konnte, während andere sich im Mathematikunterricht foltern ließen). KISS KISS, BANG BANG ist deshalb für mich auch eine persönliche Zeitreise.

Für Genre-Historiker ist es ein wichtiges Buch! Denn über den Thriller der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde viel gearbeitet. Aber das wahre Golden Age wurde bisher nicht wirklich zusammenhängend dargestellt (natürlich gibt es massenhaft Sekundärliteratur zu LeCarré, Deighton, 007 usw., aber ganz wenig zu der vermeintlich zweiten oder dritten Garde). Zu Recht wurde Ripley auch für diese Pionierarbeit ausgezeichnet.
Das launige Vorwort ist von Lee Child, der sich in dieser Tradition sieht.

Worum geht es?

Um die Zeit ab den frühen 1950ern, in der die britischen Thriller-Autoren fast alle westlichen Bestsellerlisten dominierten. Die Rede ist vom Abenteuer- oder Agenten-Thriller, nicht etwa vom klassischen Detektivroman.

Mike Ripley grenzt das „Golden Age“ ein auf die Jahre von 1953 (erscheinen des ersten Bond-Romans) bis 1975 (er setzt als Endpunkt Jack Higgins THE EAGLE HAS LANDED). Man könnte noch einige Jahre dran hängen, aber Ripley meint, dass mit dem Aufkommen etwa der amerikanischen Conspiracy-Thriller (Ludlum) und Techno-Thriller (Clancy) die absolute Dominanz der Briten im Genre gebrochen wurde. Meinetwegen.

Das Buch behandelt ca. 160 Autoren (neben Briten auch ein paar Südafrikaner und Australier), die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Natürlich werden auch die inzwischen als Klassiker gewerteten Autoren, wie Fleming, Deighton, Francis, Forsyth, Ambler usw., behandelt. Aber da es über diese Autoren genügend Literatur gibt, bemerkt Ripley richtig, habe er sich auf die Unbekannteren konzentriert.

Da ich einige dieser Autoren seit den 1960er Jahren gelesen habe, kann ich häufig Ripley zustimmen: Darunter sind verborgene Klassiker, umwerfende Spannungsromane, die trotz der verstrichenen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ich nenne hier nur mal Gavin Lyall, Geoffrey Jenkins, Adam Hall, Alan Williams, Berkeley Mather, James Mitchell(Munro), Francis Clifford.

Es gab und gibt in dem Buch vieles zu entdecken, und bei der Lektüre wuchs meine Leseliste. Beim Wieder- oder Erstlesen ist die hohe Qualität vieler Autoren verblüffend! Dagegen wirken die meisten Thriller der Gegenwart wie elaborierter Schund.
Da merkt man deutlich, wie der PC bei Autoren zum disziplinlosen Schreiben verführen kann (ich fragte in den 1980ern mal Gavin Lyall, warum Desmond Bagleys neue Romane langsamer und dicker würden. Gavin: „He bought a word processor.“). Diese Thriller – egal, von welcher Qualität – verzichten zumeist auf retardierende Momente und gehen direkt nach vorne und beschleunigen zunehmend. Die Besten können einen auch heute noch atemlos und tief in den Lesesessel pressen. Obwohl die meisten Autoren (schon aus Altersgründen) die „Beatkultur“ gehasst haben (dafür gibt es in den Texten genügend Andeutungen, Häme und Hinweise), entsprachen ihre schnellen literarischen Beats dem Rhythmus der Zeit. So wie die YARDBIRDS mit ihren Klängen uns in ferne Sphären trugen, führten diese Autoren in exotische Länder, Katastrophen und fremde Mentalitäten.
Faszinierend sind auch die unterschiedlichen Themen und Stile der Autoren! Dank dieser Vielfalt verdient die Epoche wahrlich das Etikett „Golden Age of Thrillers“.

England hatte den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das Empire brach auseinander, das Land war wegen der Kriegskosten hochverschuldet und Lebensmittelmarken (für bestimmte Produkte) gab es noch bis Anfang der 1950er (im Gegensatz zum Verliererland Deutschland).
Trotzdem errichteten die Briten einen Sozialstaat, der im Westen unvergleichlich war (und spätestens seit Thatcher, Tony Blair und dieser ganzen Neo-Con-Bande zerstört wurde). Jeder hatte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung; die Gewerkschaften waren extrem stark, Vollbeschäftigung, Trümmergrundstücke.
Und wo heute der „Gunpowder“ am erahntbarsten ist.

Laut vielen Briten, die in den 1950ern aufwuchsen, gab es nur ein Problem: England war stinklangweilig (was war denn dann Deutschland mit seinen Fress- und Wirtschaftswunder-Kapitänen, die aus dem 3.Reich direkt in die Chefetagen wechselten?).

Ripley bemerkt für sich und viele seiner Altersgenossen: Das einzig spannende waren Rock´n Roll und Thriller. Dafür konnte man sein Taschengeld ausgeben. Ripley gab mehr für Paperback-Thriller aus, denn da bekam man zwei für den Preis einer Single „At least that was my thinking until I discovered girlfriends, and the Rolling Stones recorded BEGGAR´S BANQUET.“ In diesem launigen und unterhaltenden Ton plaudert er das Buch hindurch und erzählt bisher unerzähltes, intelligentes, verblüffendes, spannendes, triviales, erhellendes.
Ein Buch, von dem der Fan hofft, es möge nie enden. Wie jeder gute Kritiker hat der Schriftsteller und Rezensent Mike Ripley ein feines Gespür für Drama.

Es ist nicht immer das analytischste oder systematischte Buch (den Anspruch erhebt Ripley auch nicht, nennt es „seine Lesergeschichte“), aber immer wieder voller erstaunlicher Fakten und Kenntnisse: Etwa, dass FROM RUSSIA WITH LOVE 1957 mit einer Auflage von 15 000 Hardcovern gestartet wurde, während Alistair MacLeans GUNS OF NAVARONE alleine in den ersten sechs Monaten 400 000 Exemplare verkaufte!

Ripley ordnet Thriller und Autoren immer in den historischen Kontext ein, zeigt die soziologischen und politischen Spannungen auf, die sich direkt oder indirekt auf die Literatur auswirkten.

Er behandelt die Abenteuer-Thriller und Agentenromane (richtig unterschieden in Spy Novels, wie etwa Deighton, und Spy Fantasy, wie Bond), die millionenfach in Paperbacks die westliche Lesewelt zwei Jahrzehnte überfluteten. „Kiss Kiss, Bang Bang is a ‘reader’s history’ – specifically this reader – of a particular period, roughly 1953-1975, when British thriller writers ruled the world.”

Ripley streift und würdigt auch die Arbeit von Cover-Designern wie Raymond Hawkey, die für den speziellen look der Thriller verantwortlich waren. Was gäben diese Cover einen prächtigen Bildband ab!

Die Helden dieser Romane sind unterschiedlicher politischer Couleur, wie ihre geistigen Väter.
Lediglich bekennende Faschisten oder Kommunisten sucht man vergebens. “Their heroes regularly confronted Nazis, ex-Nazis and proto-Nazis, the secret police of any and all communist countries and a variety of super-rich and power-mad villains, traitors, dictators, rogue generals, mad scientists, secret societies and ruthless businessmen.”

Ripleys Buch ist ein Anfang, diese Epoche weiterhin zu untersuchen. Aber bis auf weiteres muss es als Standardwerk des britischen Thrillers in dieser Zeit gelten. Nächste Kundschafter sollten vielleicht den Zeitrahmen bis zum Ende des Kalten Krieges ausdehnen.

LESELISTE – Die unten stehenden, fast vergessenen Titel, will ich unbedingt wiederlesen und als Tipps weitergeben. Und das ist nur eine ganz kleine Auswahl!


Geoffrey Jenkins: A Twist of Sand, 1959.

Geoffrey Jenkins: The River of Diamonds, 1964.

Lionel Davidson: The Rose of Tiber, 1962.

Anthony Lejeune: Glint of Spears, 1963.

Alan Williams: Snake Water, 1965.

Gavin Lyall: The Most Dangerous Game, 1966.

Gavin Lyall: Midnight Plus One – und eigentlich jedes andere Buch von ihm!

James Munro: The Man Who Sold Death, 1964.

Peter Driscoll: The Wilby Conspiracy, 1972.

Peter O´Donnell: A Taste for Death, 1969.

Derek Marlowe: A Dandy in Aspic, 1966.

Duncan Kyle: A Cage of Ice, 1970.

Duncan Kyle: Black Camelot, 1978.

Desmond Bagley: High Citadel, 1965.

Desmond Bagley: The Vivero Letter, 1968 (u.v.m.).

Alistair MacLean: HMS Ulysses, 1955.

Ian Stuart: The Satan´s Bug, 1962.

Francis Clifford: Honour the Shrine (Kriegsroman; Birma), 1953.

Francis Clifford: All Men Are Lonely Now, 1967.

Victor Canning: Black Flamingo, 1962.

Clive Egleton: Seven Days to a Killing, 1973.

Desmond Cory: Feramontov-Quintet, 1962-71.

Anthony Price: Other Paths of Glory, 1974.

Andrew York: The Eliminaror, 1966.

Adam Diment: The Dolly Dolly Spy,1967.
https://martincompart.wordpress.com/category/adam-diment/

Brian Freemantle: The Man Who Wanted Tomorrow, 1975.
https://martincompart.wordpress.com/category/brian-freemantle/

Adam Hall: The 9th Directive,
https://martincompart.wordpress.com/category/klassiker-des-polit-thrillers/adam-hall/

Len Deighton: The Ipcress File, 1962.
https://martincompart.wordpress.com/2009/05/15/krimisdie-man-gelesen-haben-sollte/

Berkeley Mather: The Pass Beyond Kashmir, 1960
https://martincompart.wordpress.com/category/berkeley-mather/



CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 4/ by Martin Compart

Herron saugt seine Plots aus den Aktualitäten, die unsere Nachrichten dominieren. Er steigt hinter die Oberfläche und sieht neben dem Terrorismus viel entscheidendere Bedrohungen: Korruption, Geldwäsche in der City, eine dysfunktionale Regierung, immer weiter nach rechts wandernder Konservativismus und Klassenkonflikte.
Eben England, wie es heute ist, nachdem es von Thatcher, Blair & Co. auf rechts gedreht wurde. Europa im Würgegriff der Banken und Konzerne, die für den Wiederaufstieg des Faschismus – mit dem unzutreffenden und verharmlosenden Begriff „Populismus“ verklärt – verantwortlich sind, indem sie mit ihrem politisch unkontrollierten Feudal-Kapitalismus für ein Gerechtigkeitsgefälle sorgen, wie es dieser Planet noch nicht gesehen hat.

In seiner Verachtung für das Establishment steht Mick Herron eher dem großen Brian Freemantle (insbesondere seiner Charlie Muffin-Serie, dem wohl unterschätzteste Klassiker des Polit-Thrillers) nahe, als etwa LeCarré, bei dem noch immer eine gewisse Wehmut über das untergegangene Empire nachschwingt.

Auch Brian Freemantle war und ist für seine überraschenden Handlungswendungen berühmt und berüchtigt. Im ersten Muffin Roman, CHARLIE M, 1977, orchestrierte er einen der nachhaltigsten Regelbrüche und Plotwendungen in der Geschichte des Spionageromans (eine genauere Beschäftigung mit ihm ist in diesem Blog längst überfällig).
Den Humor teilt Herron mit Freemantle, wie dessen Verachtung fürs Establishment.

Wenn man literarische Bezugspunkte und Traditionen für Herron ausfindig machen will, dann dürfte Brian Freemantle (der inzwischen fast 100 Bücher geschrieben hat) ihm am nähesten kommt. Freemantle schrieb sogar eines der ersten Sachbücher über den KGB; das einzige Proof Copy davon wurde seinerzeit vom KGB auf der Frankfurter Buchmesse vom KGB entwendet.

Man könnte glauben, diese überraschenden Wendungen sind von einem kriminellen Mastermind haarklein geplant. Aber das Gegenteil ist der Fall: “Some of those twists will have occurred to me at about the same point in the novel that they’re dropped on the reader.”

Herron fordert dem Leser einiges ab:

Sein reichhaltiges Personal und sein zynischer Erzähler erfordern mitdenken, manchmal muss man auch zwischen den Zeilen lesen. Die häufig naiv-patriotische Weltsicht amerikanischer Agenten-Thriller-Autoren teilt er nicht. Sein sowohl kunstvoller wie unterhaltsamer Stil verhindert, in die Langeweile von High-brow-Thrillern à la LeCarré abzugleiten.

Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz.

Auch wenn das Intro im ersten Roman sehr lang ist, da Herron den Lesern sein Personal genau vorstellt, liest es sich spannend und höchst amüsant.

Ein Geheimnis großer Literatur ist, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wahrscheinlich überfordert Herron deutsche Thriller-Leser, die das restringierte Gestammel von Autoren wie Fitzeck oder Schwätzing mit Freude ertragen.

Nein, Mick Herron is „the thinking men´s spy writer”.

Seine Dialoge gehören zu den besten, die heute geschrieben werden, erinnern in Intelligenz und Witz manchmal an Chandler:

(Lamb)„Der kalte Krieg hatte auch seine guten Seiten, wissen Sie. Ist doch nicht schlecht, wenn man seine jugendliche Unzufriedenheit rauslassen kann, indem man ein Parteibuch rumträgt statt eines Messers und man endlose Versammlungen in den Hinterzimmern von Kneipen besucht und für Anliegen auf die Straße geht, für die kein anderer aus dem Bett aufstehen würde.“
(Rivers.) „Tut mir leid, dass ich das verpasst habe. Gibt es das auf DVD?“

Das treibt doch jedem Sixties-Nostalgiker die Lachtränen in die Augen!

Herron gelingt, was nur wenigen Autoren – wie etwa Joseph Conrad – gelingt: Er schafft einen eigenen Kosmos. Sogar bis hin zu einer eigenen Terminologie.

Er hat sich einen eindrucksvolle Sprachcode für „seinen“ Geheimdienst einfallen lassen. Dieser ist inzwischen so elaboriert, dass ein Fan ein Glossar erstellt hat: https://spywrite.com/2018/07/04/mick-herrons-slough-house-a-glossary/.

David Hemings als Charlie Muffin in dem gleichnanmigen TV-Movie von Jack Gold.

P.S.: Warum ich immer mal wieder auf Schwätzing und Fitzeck rumhacke?

Erstmal ist mir ihr Erfolg so wenig begreifbar wie der der AfD. Vielleicht ist das Bindeglied Kohls „geistig-moralische Wende“ und der seitdem fortschreitende Niveauverfall in fast allen Belangen der Republik.

Zum zweiten wurde ich mal pekuniär dazu genötigt, zwei, bzw. drei Bücher von ihnen zu lesen (die jeweiligen Verlage hatten nicht mal eine große Packung Aspirin mit eingeschweißt).
Die deprimierendsten Leseerlebnisse seit den Rückerstattungsbescheiden des Finanzamtes und literarisch anspruchsloser als staatsanwaltliche Vorladungen.



MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 3/ by Martin Compart

Mick Herron gehört zu den „heißesten“ Autoren, die Großbritannien zu bieten hat. Dort hat er Bestsellerstatus, und Leser und Kritik lieben ihn. Bis 2010 war er ein Geheimtipp, aber mit der SLOUGH HOUSE-Serie über die Bad Bank von MI5 kam der ganz große Erfolg und gleichzeitig Kult-Status („The Telegraph“ wählte SLOW HORSES zu einer der „20 best spy novels of all time“).

Die eindrucksvolle Liste der Awards, für die er nominiert war oder gewonnen hat, zeigt seine Wertschätzung in der Krimi-Szene:

Joint winner, Ellery Queen Readers Award 2009, Dolphin Junction
Longlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2010, Slow Horses
Shortlisted for Barry Award 2014, for best thriller, Dead Lions
Shortlisted for Macavity Prize, 2014, for best novel, Dead Lions
Winner, CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2103, Dead Lions
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2015, Nobody Walks
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2016, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2016, Real Tigers
Winner, Last Laugh Award, 2017, Real Tigers
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2017, Real Tigers
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2017, Spook Street
Winner, Ian Fleming Steel Dagger Award 2017, Spook Street
Shortlisted, British Book Awards, Crime and Thriller Book of the Year 2018, Spook Street
Shortlisted for Barry Award 2018, for best thriller, Spook Street
Shortlisted, Theakston Old Peculier Crime Novel of the Year 2018, Spook Street
Winner, Last Laugh Award, 2018, Spook Street
Shortlisted for CWA Gold Dagger for Best Crime Novel 2018, London Rules
Shortlisted for Ian Fleming Steel Dagger Award 2018, London Rules

Das Interesse an einer Verfilmung von SLOW HORSES kam früh (inzwischen scheint klar, dass es ein TV-Vierteiler wird).

Herron kann eine wirklich nette Geschichte zur Filmindustrie erzählen: „ Vor einiger Zeit erklärte mir ein für Verfilmungen zuständiger Agent, das Slow Horses kein richtiger Titel für einen Film sei. Er bevorzuge The Misfits, oder vielleicht The Losers, das seien richtige Filmtitel! Ich vermute, er sah schon Bruce Willis als Jackson Lamb. Was auf seine Art sicherlich Wahnsinn gewesen wäre, wenn ich so darüber nachdenke. Und es hätte mit Sicherheit nichts mit dem Buch zu tun gehabt, dass ich geschrieben habe.

Wie schon erwähnt, ist es Herrons einzigartige Mischung aus Charakteren, Plot und Stil, die seine Romane so einzigartig machen und für seinen Erfolg verantwortlich sind. Seine Beschreibung des Geheimdienstes, dessen Strukturen und Mechanismen wirken völlig authentisch, dabei hat er sich diese genauso ausgedacht, wie seine Plots, die allerdings ihre Wurzeln in der Realität des Heute und Jetzt haben.

Recherche, die Grundlage und das Lebenselixier so vieler bedeutender Polit-Thriller-Autoren, interessiert ihn wenig. Für viele Autoren, die ich kenne, ist das Recherchieren der schönste Teil bei der Arbeit an einem Buch.

Nicht für Mick Herron, der sie meidet. Eine seltene Ausnahme war die Recherche über einen Atombunker für REAL TIGERS: „Ich habe einen Bunker besucht und mir alles genau angesehen, jedes Detail. Als es dann ans Schreiben ging, musste ich alles ändern. Ich veränderte wirklich alles, da der reale Bunker nicht zu den Bedürfnissen meines Plots passte. Die Realität funktionierte nicht, also musste ich sie für mich passend machen.

Wer nur nebenher schreibt und tagsüber einem Fulltimejob nachgeht, hat natürlich auch weniger Zeit für die Recherche. Aber Herrons „literarische Sozialisationsgeschichte“ zeigt, dass er sich dem Thriller lieber vom literarischen als vom faktischen nähert. Das bei ihm beides trotzdem harmoniert und zusammenkommt, hat wohl mit hoher Intelligenz zu tun.

Ist ihm Routine und ritualisiertes Schreiben wichtig?

“Absolutely. The important part of being a novelist is the bit where you actually sit down and put the words on the page, which is something most of us would go to great lengths to avoid. So making it part of a routine is crucial. For me, the magic number is 350 – that’s how many words I set myself to write every evening. (A pitiful amount, I know, but I do have a full-time job.) Music helps. Right now, I’m listening to the (sorely missed) Esbjörn Svensson Trio.
As for the actual business of structuring a book, when I start a novel, I usually have a scene-by-scene breakdown of the first chapter, but nothing much after that. By the time I get to the end, I’m about a page ahead of the reader.”

Seitdem er vor kurzem seinen Job aufgegeben hat und hauptberuflich schreibt, hat er noch keine überzeugende Routine entwickelt. „Aber ich schreibe jeden Tag. Statt 350 Worte wie früher, sind es jetzt zwischen 900 und 1200 Wörter. Und ich habe festgestellt, dass ich morgens besser arbeite. Aber alles ist noch kein beendeter Prozess, eingebettet in einer klaren Routine.“

FORTSETZUNG FOLGT



Mick HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 2/ by Martin Compart

Die Leute vom Sumpfhaus:

Das Personal, mit dem Mick Herron sein Slough House ausstattet, ist durchweg faszinierend, und jede Figur hätte wohl die Potenz für eine eigene Serie. Dieses Ensemble ist wichtig und das Herzstück von Herrons Thrillern.

Neben Stil sorgen die Charaktere dafür, dass Herrons Bücher große Romane sind und nicht nur Produkte für den Thriller-Markt.


Wie schon so grandios in der TV-Serie SPOOKS vorgeführt, kann sich der Leser oder Zuschauer bei einer Ensemble-Serie nie sicher sein, was mit den Personen passiert: Etablierte Figuren können sterben oder aus anderen Gründen die Serie verlassen, neue können eingeführt werden (Ed McBain hat dies ja noch etwas zaghaft in seiner Serie über das 87.POLIZEIREVIER in den 1950er und 1960er Jahren praktiziert). Herron ist sich dem genau bewusst. 2016 sagte er in einem Interview: „You can get rid of characters, bring new ones in, and there will be people who die. As far as I’m concerned, there are only two characters who are sacrosanct and I don’t think I’m going to tell you who they are, actually!”

Das Slough House-Personal ist wahrlich nicht sonderlich sympathisch. Man würde sie wohl kaum zu einer Party einladen, aber man sieht ihnen bei ihrem Treiben gerne von der sicheren Seite des Buches aus zu.

Ebenfalls von SPOOKS angeregt scheint mir die realistische Prämisse, dass neben Terroristen, Maulwürfen oder feindlichen Residenten der MI5 heute politische Entscheidungsträger, britischen Journalismus und radikale Subkulturen als direkte Feinde ansieht. MI5 kann sich weder öffentliche Skandale leisten, noch Arbeitsprozesse. Deshalb wurde für die Problemfälle das Sumpfhaus geschaffen.

Die Szenen sind so aufgebaut, dass sie aus der Perspektive des jeweiligen Charakters geschildert werden. Das vermittelt nicht nur Nähe beim Leser, sondern auch einen direkteren Eindruck des Geschehens.

Nur bei Lamb ist das anders: Der Autor teilt uns höchst selten mit, was Lamb denkt und fühlt. Wir erfahren nur, was er sagt und wie er sich verhält. So bleibt der Leser bei ihm genauso auf Distanz wie die Lahmen Gäule.

Im Slough House leben alle desillusioniert und hoffnungsfroh mit dem Karriere-Rückkehr-Mantra „Wenn sich etwas ergibt, lässt man es dich wissen. Aber es wird sich nichts ergeben“. “Their backgrounds are a mixture of comic incompetence and tragic circumstance: Shakespearean fools and wounded souls.”

Bei ihnen zeigt sich auch sehr schön die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und wie man für eine Wiedereingliederung über Leichen geht statt Solidarität zu üben. Herron ist auch in den Subtexten auf der Höhe der Zeit.

Dann werfen wir mal einen näheren Blick auf diese Herzchen:

River Cartwright ist vielleicht die konventionellste Figur, die dem abgeschmackten Profi von Gestern noch am nächsten kommt. Er hatte bei einem Worst-Case-Szenario versagt, da er wahrscheinlich von einem Mitbewerber reingelegt worden war. Dass er „nur“ im Slough House gelandet ist, verdankt er verwandtschaftlichen Beziehungen. „Wenn Ihr Opa nicht wäre, wären Sie nur noch eine ferne Erinnerung.“ Und Opas Vergangenheit hat es in sich.

Roddy “Clint” Ho ist das Computergenie, asozial und im Umgang mit Kollegen und anderen Menschen komplett inkompetent. Daheim ist er in einem Haus „umgeben von ziemlich viel Elektronik. Einige Geräte warteten still auf ihre Aktivierung, andere summten in freudiger Erwiderung auf bereits erteilte Befehle, und ein anderes plärrte laut Death Metal heraus, in einer Lautstärke, dass der Name drohte, Realität zu werden.“

Min Harper and Louisa Guy scheinen die einzigen zu sein, die eine nicht von Antipathie, Furcht oder Misstrauen beherrschte Beziehung haben. Aber was weiß ich schon, wie oder was sich da entwickelt. Letztere spielt eine – oder gar die – Hauptrolle im zweiten Band, DEAD LIONS. Im Slough House überwacht Louisa Websites, auf denen „die Wut keine Grammatik“ kennt.

Catherine Standish
ist formal Lambs rechte Hand. Eine Alkoholikerin, zumindest am Anfang der Serie trocken. „Die Catherine in ihrem Puderdosenspiegel war immer zehn Jahre älter als die, die sie zu erblicken erwartete… sie sah die Fältchen, durch die ihre Jugend versickert war.“ Die Versetzung ins Sumpfhaus erscheint ihr als „eine verspätete Strafe für ein Vergehen, für das sie bereits gebüßt hatte“.

Sid Baker ist jung, attraktiv und ziemlich abgewichst, Eigentlich ziemlich merkwürdig, dass sie im Slough House gelandet ist.

Jed Moody
war früher ein “Dog”, so nennt Herron die interne Rumschnüffel- und Aufräumabteilung des MI5 („Der Zwinger der Dogs befand sich in Regent´s Park, doch sie hatten die Lizenz zum Streunen.“). Ein kräftiger, abschreckender Typ, nie „vor elf bereit für irgendwas Komplizierteres als ein Heißgetränk“. Er weiß nicht, warum man ihn kaltgestellt hat – und das lässt ihm keine Ruhe.

Diana “Lady Di” Taverner, die Chefin des MI5 thront über allen und ist die Königin der Intriganten (denn das sind sie alle – mehr oder weniger). Ein Kritiker sagte über sie: „Sie hat die Intrige zur Kunstform erhoben“. Auch darin könnte man Einflüsse von Shakespeare sehen – sowohl aus den Dramen wie aus den Komödien.

James “Spider” Webb
war wohl eifersüchtig auf seinen Konkurrenten River und hat ihn sabotiert, damit er in den Gulag des Slough House verschickt wurde. Er neigt zur Selbstüberschätzung und sieht eine brillante Karriere vor sich.

Jackson Lamb ist die zentrale Figur, die alles zusammenhält. Einer der übelsten Chefs in der Literaturgeschichte. Der Einzige, dem sein Job hier gefällt und an einer Rückkehr zum Regent´s Park völlig uninteressiert ist.
Er ist bösartig, faul, trinkt manchmal zu viel und ist übergewichtig.
Ein Charakter, der manchmal an Joyce Porters Inspector Dover denken lässt. Er trauert dem Kalten Krieg nach und weiß, wo die Leichen begraben sind. Seine Umgangsformen würden Chaucer erröten lassen.

Mick Herron: „Jackson Lamb ist sozusagen die durchgängige Hauptfigur der Serie, mit der alle anderen Figuren zu tun haben, weil er der Leiter von ›Slough House‹ ist. Er ist für seinen Autor ein bisschen rätselhaft, und ich hoffe, ebenso für die Leser. Einer seiner Mitarbeiter sagt einmal zu ihm, dass er nach dem Fall der Berliner Mauer selbst eine gebaut hat, und zwar eine um sich herum. Er lebt immer noch im Kalten Krieg, während dem er, vor langer Zeit, Geheimagent gewesen war. Jetzt ist er kein Geheimagent mehr und in vielerlei Hinsicht sehr verbittert. Es macht ihm großen Spaß, andere Menschen zu verletzen. In jeder Situation wird er das Schlimmstmögliche sagen. Er tut dies mit Absicht, aber ohne konkretes Ziel. So ist er eine Art überlebensgroßes, überhebliches Monster. Trotzdem folgt er einem sehr klaren Moralkodex, und dieser Kodex besteht darin, seine Agenten zu schützen. Für mich als Autor liegt der Spaß darin, Situationen zu erfinden, in denen er seine Faulheit und seine schlechten Angewohnheiten und seine Beleidigungen beiseitelegt und tatsächlich etwas unternimmt. Darum geht es beim Erfinden von Plots.“ (im Interview mit Anna von Planta und Kerstin Beaujean vom 29.8.2018)

Herron selbst nennt als einen Einfluss für Lamb den Schauspieler William Clarke in seiner Rolle als Andy Dalziel in der Fernsehserie nach den Romanen von Reginald Hill (den er als Autor hoch schätzt). Die Drehbücher für einen ersten TV-Vierteiler von SLOUGH HOUSE sind bereits geschrieben und bei britischen Produktionen ist die Wahrscheinlichkeit für ein qualitatives Spitzenprodukt besonders hoch.

FORTSETZUNG FOLGT