Martin Compart


John Mair-Rezension by Martin Compart

In der SZ hat der große Fritz Göttler John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR besprochen. Mit einem tollen Foto, das die Atmosphäre der Zeit wunderbar einfängt.

Unter:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr-rezension-1.5409769



zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

Neu im BUCHMARKT https://buchmarkt.de/menschen/martin-compart-sg-noch-nicht-baerbeitet/
In CRIMEALLEY: https://crimealleyblog.wordpress.com/2021/08/01/totgesagte-leben-laenger/
In MORDLUST: https://www.mordlust.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/
In TAGESANZEIGER und BERNER ZEITUNG: https://www.tagesanzeiger.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231; https://www.bernerzeitung.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231
In BONNER KRIMIARCHIV (Sekundärliteratur): https://www.bokas.de/krimitipsiebzig-eins.html#Lupe
In KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

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1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: JOSEPH R.GARBERS VERTIKALE MENSCHENJAGD by Martin Compart

Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn genießt Dave Elliot die Stille seiner Chefsuite im 45. Stockwerk eines New Yorker Bürohauses. Doch an einem bestimmten Tag ist alles anders.

An diesem Tag versucht jeder, der Dave begegnet, ihn umzubringen. Sein Chef macht den Anfang, als er ihm mit durchgeladener Pistole und der festen Absicht, ihn zu erschießen, gegenübertritt. Und der 50stöckige Büro-Tower scheint zu wimmeln von Leuten, die nur eines im Sinn haben: Dave Elliots Leben auszulöschen.
Er hat 24 Stunden Zeit, um herauszufinden, warum…

Dave kämpft einen fast aussichtslosen Kampf gegen einen überlegenen Gegner, der alle Vorteile auf seiner Seite hat. In dieser Situation erwachen in ihm plötzlich wieder alle Instinkte und Überlebenstechniken aus seiner Zeit als Green Berets, die er längst vergessen zu haben glaubt. So eskaliert die höllische Verfolgungsjagd durch die Fahrstuhlschächte, Treppenhäuser und über die Fassade des Wolkenkratzers in einen erbarmungslosen Schlagabtausch zwischen den zahlenmäßig und technisch überlegenen Häschern auf der einen und dem Erfindungsreichtum und der Schnelligkeit des Opfers auf der anderen Seite.


Und es sind nicht nur die Verfolger, denen Dave Elliot sich stellen muss: es gibt da eine unbeglichene Rechnung aus der Vergangenheit, die jetzt fällig zu werden scheint

Piper Verlag
366 Seiten in unterschiedlichen Ausgaben

Dieser Roman liest sich schneller, als man DIE HARD gucken kann. Dave Elliot führt den Leser zu Orten, die John McLane nicht mal erahnen würde. Und dank Garbers gemeiner Prämisse (und schriftstellerischem Können), bleibt der Roman auch länger in Erinnerung.

There`s no time for sex in the book. Hell, there`s barely time for lust.
sagte einst der Autor.

DER SCHACHT steht ganz in der Tradition der großen Jagd-und-Flucht-Romane. Spätesten seit dem Alan Breck Stuart und David Balfour durch die Highlands gejagt wurden, gehört die Menschenjagd zu den großen Topoi der Thriller-Literatur. Garber – äußerst belesen – kannte das Genre gut: „I certainly had Hitchcock in mind when I wrote Vertical Run. And surely I was influenced by the late Geoffrey Household whose man-on-the-run thrillers are the best ever written (try his Dance of The Dwarves, which is the scariest novel I have ever read)… I framed it as the ultimate paranoid nightmare: suppose everybody in the world wants you dead.

Im Subtext geht es auch darum, dass Dave Elliot Männer bekämpft, zu denen er einst gehörte und nie wieder gehören wollte. Um sie zu besiegen, muss er wieder wie sie werden, ins Überwundene zurückkehren. Die ganze Handlung wird aus seiner Perspektive erzählt. Plot und Charakter interagieren auf eine erzählerisch höchst raffinierte Weise. Dass es funktioniert, zeigt Garbers ganze Klasse.

In Zeiten der Corona-Pandemie erreicht der Thriller wieder zusätzliche Aktualität:

ACHTUNG SPOILER: As for the surprise at Lockyear, I`ve always been aware of the incredibly ghastly experiments conducted by Shiro Ishii and Unit 731 during World War II. The Japanese army used Chinese civilians and both American and British POWs as lab rats in a horribly large number of unspeakable medical tests. All of this was covered up quite thoroughly by American war crimes investigators, and it struck me as obvious that the reason for the coverup was that our nation wanted to get its hands on the Japanese research results. Now, fifty-five years after the fact, we know that is precisely what happened.
Nach Garbers Überzeugungen und Erfahrungen beherrschen Verschwörungen nicht nur das Geschäftsleben, sondern auch – man glaubt es kaum! – politische Interessen.

In DER SCHACHT (VERTICAL RUN) beschreibt Garber eine vertikale Menschenjagd, in seinem Folgewerk, IM AUGE DES WOLFES, eine vertikale. Während Dave Elliot rauf und runter durch einen Wolkenkratzer gehetzt wird (wie Bruce Willis in DIE HARD nach Roderick Thorpes NOTHING LAST FOREVER), flüchtet Jack Taft horizontal durch eine ihm fremde Stadt (Singapur).

Die deutsche Ausgabe von VERTICAL RUN unterscheidet sich entscheidend von der englischsprachigen:
The principal difference between my original version and what was published in this country is that Dave died at the end of the original version — as did Marge. The publisher (hoping for a sequel, no doubt) and Warner Brothers both wanted them to live. Insofar as Warner Brothers was paying quite good money for the service, I added the scene in which Marge is discovered alive and rescued, and added a single page ending that keeps Dave alive. The Germans liked the original, darker version and, with my permission, published it. In the final analysis, I think keeping both characters alive was a good choice — it delivers extra surprises and lets readers close the book with satisfied grins on their faces.
Der damalige Piper-Boss, Viktor Nieman, hatte es eher mit düsteren Thrillern.

Es kam (bisher noch) nicht zur Verfilmung, noch zu einem Dave Elliot-Sequel.
Der Workaholic Garber starb 2005 im Alter von 61 Jahren an einem Herzinfarkt.

Joseph Rene Garber wurde am 14.August in Philadelphia in eine Soldatenfamilie geboren. Wegen der ständigen Versetzungen wurden Bibliotheken zur eigentlichen Heimat des Jungen. Er besuchte die University of Virginia, brach das Studium aber ab, um wie sein Vater zur Armee zu gehen. „I spent two years at the University of Virginia majoring in beer-drinking, a discipline for which little academic credit was awarded.” Anschließend ging er reumütig an die Hochschule zurück und schloss 1968 sein Studium der Philosophie erfolgreich ab. Er machte in der Wirtschaft eine Managementkarriere, die den Hintergrund seiner Romane bildet. In VERTICAL Run nutzte er sogar seinen alten Arbeitsplatz bei Booz Allen, 200 Park Avenue, als Handlungsort. Ein Schelm, der böses dazu denkt.

Seine Betrachtungen des Managements strotzen vor Zynismen. Nebenher hatte er immer geschrieben; u.a. war er Kolumnist für „Forbes“, wurde aber immer unzufriedener mit seiner Arbeit für große Wirtschaftsunternehmen. 1989 veröffentlichter er seinen ersten Roman, RASCAL MONEY. Eigentlich war er als Sachbuch (unter dem schönen Titel IN SEARCH OF SHABBINESS) angelegt, aber die Rechtsabteilung des Verlages hatte Bedenken und riet ihm Fiktion daraus zu machen. Mit seinem zweiten Buch, VERICAL RUN, 1995, hatte er zu seiner Überraschung einen internationalen Bestseller. Zwischen 1995 und 2020 wurden 40 Ausgaben in 13 Sprachen veröffentlicht; in Deutschland hatte das Buch bis 2002 acht Auflagen.

Garber war hochintelligent, hatte einen schrägen Sinn für Humor und galt als großzügig, was sich auch in der Unterstützung von Non-Profit-Organisationen ausdrückte.

I am a sharply sardonic person who usually looks for (and finds) humor in even the most ghastly circumstances. Keeping that out of serious books is probably my greatest single challenge as a writer.

Er war u.a. mit Tippi Hedren befreundet, mit der er auch die leidenschaftliche Tierliebe teilte.

Auf die Frage nach seinen Lieblingsautoren antwortete er:
I read omnivorously, so that’s an unfair question. Off the top of my head: Twain, Conrad, Hemingway, Iris Murdoch, John Fowles, Brian Moore, Ian McEwen, the authors of the Icelandic Sagas, Iain Banks, Terry Pratchett, Patrick O’Brian, Bernard Cornwall, Shusako Endo, Russell Hoban, Angela Carter, Barry Unsworth, Robert Stone, Thomas Pynchon, Robert Goddard, Geoffrey Household — and ten pages more.

Zum Abschluss noch eine nette Geschichte aus dem Vorfeld der Veröffentlichung des Romans:

There`s a cute story here: when she first got the manuscript, my agent put it in the trunk of her car prior to going upstate for the weekend. Then she drove to her office, parked outside, and dashed upstairs for a few minutes. By the time she got back (welcome to New York), the car had been burglarized, and the manuscript was gone.
The burglar dumped it (along with other stuff he didn`t want) on the street in Queens. A hairdresser found it, and read it over the weekend. On Monday he called my agent and told her that he had it, and would be happy to return it. She offered him a reward for his trouble. He declined. She insisted. To which he replied, “The only reward I want is a signed copy of the book, because it`s the best thriller I`ve ever read.” So my agent knew she had hit… and the hairdresser DEFINITELY got a signed copy.



JOHN MAIR – „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ – Der Waschzettel by Martin Compart

10. Juni 2021
John Mair
Es gibt keine Wiederkehr

Ein Klassiker des Polit-Thrillers
Herausgegeben von Martin Compart
Klappenbroschur mit Fadenheftung | 264 Seiten | 14 x 22 cm
€ 18,00 [D]
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
ISBN 978­3­942788­56­4

Der Autor
John Mair wurde wurde 1913 als Sohn eines prominenten britischen Journalisten und einer Schauspielerin in London geboren. Er besuchte die Schule von Westminster, studierte am University College von London und brillierte dort als Debattenredner. Mair veröffentlichte eine vielbeachtete Studie über ein Pseudo­-Shakespeare-­Drama, vor allem aber verfasste er Essays und Buchbesprechungen für renommierte Zeitungen: Es war der frühe Beginn einer sehr vielversprechenden Karriere. 1939 begann er mit der Arbeit an seinem Thriller Never Come Back (Es gibt keine Wiederkehr), der zwei Jahre später veröffentlicht wurde. Nach der Einberufung zur Luftwaffe entschied sich Mair für eine Pilotenausbildung; bei einem Trainingsflug kam er im April 1942 beim Zusammenstoß zweier Flugzeuge ums Leben..

Der Roman
Originaltitel: Never Come Back (1941)
Im Affekt und halb aus Versehen tötet der britische Boulevardjournalist Desmond Thane seine Geliebte – ohne freilich zu ahnen, dass sie für eine internationale Geheimorganisation tätig war. Deren Agenten und Profikiller sehen ihre politische Verschwörung in Gefahr. Also müssen sie Thane aus dem Weg schaff en, um jeden Preis und auf ihre Weise …
Mit Somerset Maugham, Eric Ambler und Graham Green zog in den 1930er­Jahren ein neuer Realismus in den britischen Spionageroman ein – ein Genre, das William Le Queux, Rudyard Kipling, Erskine Childers und insbesondere John Buchan geprägt hatten.
Mair kannte diese Tradition, und er gestaltete Desmond Thane bewusst als Gegenentwurf zur Konvention: als vielschichtige Identifikationsfigur, mit der das Publikum mitfiebert; als einen philosophisch und literarisch gebildeten Mann, der dennoch eitel ist und verlogen, egozentrisch, zynisch und ein gefühlskalter Mörder. Thane ist der erste Antiheld des Genres – und John Mairs Roman immer noch, in den Worten von Martin Compart, „eines der bestgehüteten Geheimnisse der Thriller­Literatur“.

„Tatsächlich erzählt Mair von der gleichen Welt wie Koestler [Sonnenfinsternis], allerdings im Geist der Burleske. … Man könnte [den Roman] durchaus einen ‚linken Thriller’ nennen … Hier wirken noch einige der üblichen Mechanismen eines Thrillers, insgesamt aber ist das Buch sehr viel anspruchsvoller; sämtliche Verbrechen bleiben ungesühnt, nirgends ist eine schöne Jungfrau zu retten, und niemand handelt aus Patriotismus. Dies ist ein unterhaltsames Buch. Ich hoff e, es erweist sich als Ausgangspunkt einer ganz neuen Art von
Thrillern.“
George Orwell
New Statesman, 4. Januar 1941

Der Herausgeber

Martin Compart war Herausgeber für Krimi­Reihen bei Ullstein, Bastei­Lübbe, Dumont und Strange. Er schrieb mehrere Noir­Romane und Sachbücher und wurde mit zwei Drehbuchpreisen ausgezeichnet. Der FOCUS bezeichnete ihn als „Deutschlands Krimi­Papst“. Seine Artikel und Rezensionen fi nden sich seit 2009 regelmäßig in dem Blog https://martincompart.wordpress.com/. Letztes Buch: 2000 Lightyears from Home: Eine Zeitreise mit den Rolling Stones (Zerberus Verlag, 2020).
Nachwort zu John Mair: „Der vergessene Klassiker“.

Pressekontakt: re-book, Ruth Eising,
Tel. +49 228-25 98 75 82, info@re-book.de

http://www.elsinor.de

Leseproben

Als er am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit um eine Straßenecke bog, traten zwei Männer hinter einem großen schwarzen Wagen hervor und versperrten ihm den Weg.
«Sie sind Desmond Thane ?»
«Ja, das bin ich.»
«Wir sind von der Polizei. Sie sind wegen des Mordes an Anna
Raven verhaftet.»
Die Welt schien urplötzlich stillzustehen; mit der unbewussten Klarheit einer Kamera registrierte Desmonds Hirn die Risse im Pflaster und das Schild des Immobilienmaklers auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der zweite Mann trat an seine Seite und fasste ihn unauffällig, aber fest am Arm. «Besser, Sie kommen ohne Aufsehen. Besser, Sie machen keinen Ärger.»
Desmond leistete keinen Widerstand, als sie ihn in den Wagen schoben, der sofort losfuhr. Nach kurzem Schweigen begann Desmond: «Das ist absurd. Ich kenne niemanden namens Raven.»
Die Männer, zwischen denen er saß, antworteten nicht. Desmond wurde lauter.
«Das hier ist vollkommen lächerlich, Sie werden dafür zahlen müssen. Ich vermute, es ist nicht Ihr Fehler, aber ich protestiere aufs Schärfste. Das … das ist einfach absurd.» Er bemerkte plötzlich, dass die Scheiben matt waren, und aus der Geschwindigkeit des Wagens schloss er, dass sie keineswegs zur nächsten Polizeiwache fuhren.
«Wo bringen Sie mich hin ? Das ist ja ungeheuerlich ! Ich ver­lange meinen Anwalt !» Keine Antwort. Er fuhr hysterisch fort:
«Wo ist eigentlich Ihr Haftbefehl ? Ich bestehe auf einer formellen Anklage. Und ich möchte eine Aussage machen.» «Klappe halten», sagte der Mann zur Linken. Desmond, gewöhnt an ein höfliches, wenn nicht unterwürfiges Auftreten von Beamten, verlor gleichzeitig seine Furcht und seine Nerven.
«Was zur Hölle soll das heißen ? Ich verlange, dass man mich auf eine Polizeiwache bringt und Anklage erhebt. Die Polizei hat keinerlei Recht, so vorzugehen !» Der Mann zur Rechten fuhr ihn an:
«Wir sind keine Polizei, also halt die Fresse. Noch ein Wort, und ich ziehe Ihnen eins über.»
Er holte einen kleinen lederbezogenen Schlagstock aus der Tasche und tätschelte Desmond damit das Kinn. Der Wagen musste Londons Zentrum inzwischen verlassen haben, denn er fuhr nun schnell und wechselte seltener die Gänge. Nach dem ersten Schrecken verspürte Desmond vor allem Erleichterung, denn entgegen dem verbreiteten Klischee wirkt das Unbekannte weniger bedrohlich als das Bekannte. Ein verurteilter Mörder dürfte demnach ein gewisses Vergnügen empfinden, falls Marsbewohner mit Tentakeln ihn in seiner Zelle heimsuchen sollten. Desmond war immer noch eingeschüchtert, aber seine Angst hatte nachgelassen; das unausweichliche Faktum der Gefangennahme erlebte er als unangenehme, aber unvorhersehbare Fiktion. Vorsichtig wandte er den Kopf und musterte seine Entführer.
(…)

«Ja, ja, die Strecke nach Buntingford – das stimmt. Ich bin nämlich», fügte er rasch hinzu, um weiteren Fragen nach seiner imaginären Reise auszuweichen, «schon wochenlang kreuz und quer über Land gewandert, um Material für einen Gedichtband zusammenzutragen. Deshalb bin ich auch so unrasiert.» «Oh, Sie sind ein Dichter ?» unterbrach ihn das Mädchen namens Annabel. «Vielleicht sind Sie dann schon meinem Verlobten begegnet – Bob Paget. Er veröffentlicht viel in der New Poetry und im Cervix – Sie wissen schon, die ehemalige Axis, was dann im Krieg zu unpatriotisch klang. Stephen und Tom
Eliot schätzen Bob sehr.»
«Aber ja», log Desmond, «ich glaube, ich bin ihm schon einmal auf einer Party begegnet. Lassen Sie mich nachdenken … war er nicht der gutaussehende Herr mit dem längeren Haar und einem sehr intellektuellen Gesicht ?»
Schon hatte er Annabel gewonnen, und sie nahm Desmond in den Kreis ihrer Freunde auf. Mit ihren schlanken Waden und dem blonden Haar, das ihr ins Gesicht fiel, wirkte sie attraktiv; und Desmond spielte ein wenig mit dem Gedanken, in einen Wettstreit mit Bob einzutreten. Er hatte stets die Ansicht vertreten, man könne warmherzige Frauen verführen, indem man ihre Männer unausgesetzt lobte (zwei Wochen lang eine liebenswert-selbstlose Bewunderung dieser Kreatur, dann ein ganz sanfter Vorstoß: «Aber nein, das darfst du nicht ! Du bist doch Bobs Freund !» – «Aber Anabel, ich bewundere ihn doch so sehr, weil er dich mag. Ich weiß, er würde es verstehen; auch er war oft zärtlich zu Frauen, die ich … Nein, nein, du darfst ihm nichts verraten ! Es würde unsere Freundschaft zerstören, wenn er wüsste, dass ich sein Vertrauen missbraucht habe, und ich möchte das nicht erleben, denn trotz der Dinge, die er manchmal über dich verbreitet, bewundere ich ihn mehr als jeden Mann, der mir je begegnet ist …» etc. etc.). Allerdings hatte er diese Theorie nie in der Praxis erprobt, denn er verachtete seine erotischen Rivalen stets aus tiefster Seele und wäre nie imstande gewesen, sie zu loben, nicht einmal zu ihrem eigenen Schaden. Ein plötzliches Stechen jedoch, weil der Schwamm über eine offene Fleischwunde schabte, versetzte ihn schlagartig zurück in die Gegenwart und verscheuchte die amouröse Stimmung. Annabel hockte neben ihm und überließ die Erste Hilfe ihrer erfahreneren Freundin.
«Welcher Dichterschule gehören Sie an ?»
«Ich bin ein fahrender Scholast und Jünger aller Schulen. Manchmal versuche ich mich im Stil der …
… Liebe, einer Bombe gleich,
Erschüttert russgeschwärzter Städte Nüchternheit, Lässt Flammen züngeln auf dem Grabmal der Vernunft.
Oft lasse ich es aber auch gemütlicher angehen. Housman hat mich sehr beeinflusst; ich trage Ihnen gern die erste Strophe eines Gedichts vor, das ich in seinem Stil verfasst habe – Die erste Sprosse der Leiter habe ich es genannt:
Ein Knabe liegt drunten in Ludlow,
Den Ball schlägt er nimmermehr auf. Dieweil das Gericht zusammentrat,
Fuhr er, am Gasherd, zum Himmel hinauf.



JACK LONDONS „DAS MORDBÜRO“ – SOZIALSCHMAROTZER TÖTEN ALS GESCHÄFTSMODELL by Martin Compart

Winter Hall ist Sozialist und Millionär. Also verfügt er über genügend Ressourcen, als er den angeblichen Selbstmord eines Freundes untersucht. Er entdeckt, dass hinter dem vermeintlichen Freitod eine Organisation steht, die für eine ganze Reihe von Morden in den USA verantwortlich ist: das Mordbüro. Ihm gelingt es, Kontakt mit dem Chef aufzunehmen, mit Iwan Dragomiloff ( der Roman spielt 1911, und die Hysterie über bombende russische Anarchisten ist seit längerem Bestandteil der Populärkultur) und erfährt mehr über die Organisation.

Das Mordbüro ist eine in New York ansässige Institution, die gegen Bezahlung Mordaufträge übernimmt. Eine Geld-zurück-Garantie gibt es auch, falls der Auftrag nicht binnen eines Jahres erfüllt wird. Natürlich abzüglich zehn Prozent für die Recherchekosten.

Allerdings sind Bedingungen an die Annahme geknüpft: Das Opfer muss eine für die Gesellschaft schädliche Person sein, etwa skrupellose Geschäftemacher, Verräter oder korrupte Politiker.
Das Ziel der Institution, deren Mitglieder fast alle ehemalige Wissenschaftler sind, die zu perfekten Mördern wurden, ist eine bessere Gesellschaft.

Winter Hall erteilt den Auftrag, Dragomiloff zu töten – und dieser nimmt ihn an. Denn er kann sich der Argumentation nicht verschließen, die später auch gegen die Rote Armee Fraktion massentauglich verbreitet wurde:

„Es war der Kampf zweier Gelehrter, zudem noch pragmatischer Gelehrter. Dass sein Leben verwirkt war, hatte keinen Einfluss auf Dragomiloffs Argumentation. Zur Debatte stand einzig die Frage, ob seine Attentatsagentur eine rechtmäßige Einrichtung war. Ja, sie dachten so pragmatisch, dass sie beide die gesellschaftliche Zweckdienlichkeit als entscheidendes Kriterium akzeptierten und darin übereinstimmten, dass diese in höchstem Maße ethisch war. Und anhand dieses Kriteriums trug am Ende Winter Hall den Sieg davon. »Ich erkenne jetzt«, sagte Dragomiloff, »dass ich nicht genügend Betonung auf die gesellschaftlichen Faktoren gelegt habe. Die Attentate sind weniger für sich genommen als vielmehr gesellschaftlich falsch. Ich würde das sogar noch relativieren. Von Individuum zu Individuum betrachtet waren sie keineswegs falsch. Aber Individuen sind nicht einfach nur Individuen. Sie sind Teile einer Gesamtheit von Individuen. Ich war nicht im Recht.“

Und nun beginnt eine irrwitzige Hetzjagd, ebenso spannend wie mit humorigen Szenen und philosophischen Diskursen durchsetzt.

Der Polit-Thriller THE ASSASSINATION BUREAU LTD basiert auf einem langen Fragment von Jack London, dass von dem heute leider vergessenen Kriminalschriftsteller Robert L.Fish vollendet und 1963 erstmals veröffentlicht wurde.

Mit „Agenten-Thrillern“ hat der Roman so gar nichts gemein.


Von den 161 Seiten der amerikanischen Erstausgabe stammen die ersten 110 Seiten von Jack aus dem Jahre 1910. Die restlichen Seiten verfasste Fish nach Notizen des Autors. Nach diesen Vermerken sollte die Jagd auch noch nach Mittel- und Südamerika und nach Australien führen.

London verlegte die Handlung in die nahe Zukunft, 1911. Darin gibt es bereits Elektroautos und man spricht über die Russische Revolution!

Als „philosophischer Thriller“ ist DAS MORDBÜRO wohl nur mit einem zeitnahen Roman vergleichbar: G.K.Chestertons DER MANN, DER DONNERSTAG (1908) war.

Noch eine dritte Person war am Entstehen des Romans beteiligt:

Der spätere Literaturpreisträger Sinclair Lewis (1885-1951) – er war der erste amerikanische Schriftsteller, der den Preis erhielt – arbeitete jahrelang als Plot-Lieferant für Jack London, dem die Ideen für seine Massenproduktion ausgingen.
Aus dem Briefwechsel zwischen London und Sinclair:

„Lieber Jack London“, schrieb Sinclair Lewis, „ich war sehr erfreut, von Ihnen die Nachricht zu bekommen, daß Sie sich noch einige andere Kurzgeschichten-short story plots ansehen wollen. Ich lege ein dickes Bündel bei … Ich hoffe sehr, daß Sie eine beträchtliche Anzahl davon verwenden können …“

„Lieber Sinclair Lewis, Ihre Plots trafen gestern abend ein, und ich habe sofort neun (9) übernommen, für die ich Ihnen hiermit, entsprechend Ihrer Rechnung, per Scheck 52,50 Dollar überweise …Einige entsprechen nicht meinem Temperament, andere kommen nicht in Frage, weil ich leider zu faul bin, die dazu noch nötigen Fakten und atmosphärischen Details zu recherchieren.“ Wieder andere verwarf er, weil sie „richtige O’Henry-plots sind, für O’Henry wären sie großartig“.

Insgesamt kaufte London 27 Plot-Ideen von Siclair Lewis. Fünf von ihnen hat er verwertet: Drei verarbeitete er zu Kurzgeschichten („Winged Blackmail„, „When the World was Young„, „The Prodigal Father„), zwei zu Romanen („The Abysmal Brute“, „The Assassination Bureau„).


Die Filmrechte wurden im Mai 1966 von United Artists für ein Burt Lancaster-Vehikel verkauft.

Als dieser sich von dem Projekt zurückzog, wurden sie an Paramount weitergereicht. Dort machten Basil Dearden (Regie) und Michael Relph (Drehbuch) aus der Vorlage „a very british comedy“ mit absoluter Starbesetzung: Oliver Reed spielte Dragomiloff und Dianna Rigg die angehende Investigativjournalistin Sonya Winter, zu der Winter Hall im Drehbuch mutiert war.

Die Schauplätze des Romans wurden aus den USA nach Europa und die Zeit von 1911 in 1914 verlegt. Telly Savalas, Curd Jürgens und Phillippe Noiret gehörten zu den Co-Stars. Die Musik komponierte kein Geringerer als Ron Grainer (The Prisoner, Man in a Suitcase etc.).

Der Film konzentriert sich auf die komödiantischen Momente, ist voller anarchischer Komponenten (gedreht wurde im April 1968) und amüsiert noch immer. Er atmet den Geist der Swinging Sixties,

In Zeiten von Corona wird das Sozialschmarotzertum wieder besonders deutlich: Die Reichen verdoppeln ihre Gewinne, die Börsenkurse gehen durch die Decke, der Mittelschicht droht der endgültige Kollaps, die lange behauptete Chancengleichheit ist durch ein seit Kohl und Schröder immer maroderes Bildungssystem endgültig ausgehebelt, und auf der Straße verenden die Obdachlosen.

Für die Neo-Cons oder Neo-Liberalen wird ihr Paradies wahr.

Was die meisten Investmentbanker und Nutznießer nicht erwirtschafteten Kapitals oder Internet-Mogule nicht wahrhaben wollen, ist, dass der Systemabsturz sie mitreißen wird. Um einen Satz von Henry Ford abzuwandeln: Computer kaufen keine Computer (bei Amazon).

Wie pervers dieses ohnehin schon perverse System inzwischen ist, kann man an zwei Faktoren ablesen: Kriege werden nicht mehr geführt um gewonnen zu werden, da das Führen von Kriegen profitabler als ein Sieg ist (mit der Ausnahme von „befreiten“ Rohstoff-Oasen), und Klimawandel gilt als Marktvariable.

Der lange Krieg gegen den Feudal-Kapitalismus (im „reinen“ Kapitalismus würde jeder Mensch bei und mit Null starten, und es gäbe kein feudalistisches Erbrecht) war auch eines der wiederkehrenden Themen des Schriftstellers Jack London (seine Dystopie DIE EISERNE FERSE befasste sich bereits 1908 mit dem Faschismus als Form kapitalistischer Herrschaft).

In seinem Polit-Thriller-Fragment THE ASSASSINATION BUREAU LTD ging er aus philosophischer Perspektive der berauschenden Frage nach: Wie wäre es, wenn es eine marktwirtschaftlich orientierte Firma gäbe, deren Geschäftsmodell das Töten von Sozialschmarotzern wäre?
Natürlich für einen schönen Profit:

»Ist die Bezahlung der vollen Summe erforderlich – Sie wissen doch selbst, dass wir Anarchisten arme Leute sind.«
»Deshalb mache ich Ihnen auch so einen günstigen Preis. Zehntausend Dollar für die Tötung des Polizeichefs einer Großstadt ist nicht überzogen. Wären Sie Millionär und keine bettelarme Vereinigung, die am Hungertuch nagt, dann würde ich Ihnen für McDuffy fünfzigtausend Minimum berechnen.«

DAS MORDBÜRO könnte man als Allegorie auf den Kapitalismus lesen: Eine Maschine, einmal in Bewegung gesetzt, zerstört alles und jeden, auch die Erfinder und Profiteure.

In seinem Aufsatz ENGINE OF DESTRUCTION schrieb Alberto Manguel 2008 in “The Guardian” über dieses Buch:

“At the risk of stretching the comparison too far, I believe that the Assassination Bureau has enjoyed a modern reincarnation: we too have allowed for the construction of many such formidable social machineries whose purpose is – in their case – to attain for a handful of individuals the greatest possible financial profit, regardless of the cost to society and protected by a screen of countless anonymous shareholders. Unconcerned with the consequences, these machineries invade every area of human activity and look everywhere for financial gain, even at the cost of human life: of everyone’s life, since, in the end, even the richest and the most powerful will not survive the plunder.“

„Als ich noch in dieser Kanzlei fürs Rotlichrtviertel war, hatten wir auch mal sowas. Hells Angels oder so ein Fernfahrerklub. Pfiffige Idee. Aber man muss sowas marktwirtschaftlich angehen. Sonst wird das nix.“




Soeben Erschienen: JOHN MAIRs KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS by Martin Compart

Als Appetizer hier schon mal ein paar witzige Zitate, die einen ersten Blick auf den humoristischen Aspekt von Mairs Stil werfen:

„In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus.“

„Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.“

„Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts.“

„Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.“

„Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.“

„Das Schaufenster präsentierte ein Durcheinander aus Büchern aller Sachgebiete, das dem Hirn eines senilen Gelehrten entsprungen sein mochte. Auf dem Ehrenplatz prangte eine gewaltige Prachtausgabe des Novum Organum von Francis Bacon, auf der einen Seite flankiert von einer deutschen Abhandlung über Vulkanismus, auf der anderen von einem illustrierten Handbuch über militärische Uniformen, in dem Offiziere mit Pomade im Haar und gewachsten Schnurrbärten wie launische Pfauen vor Landschaften posierten, in welchen Tau-sende berittener Soldaten in Rot und Weiß und in perfekter Formation in einem felsenbesetzten und von Kanonenkugeln zerfurchten Gelände zum Angriff übergingen. Rings um diese drei Zentralgestirne wimmelte ein staubiges Durcheinander aus Predigten, obskuren Dryden-Ausgaben, viktorianischen Handbüchern zur Leibes­ertüchtigung, alten Bänden des Spectator, antiken Theaterzetteln, Schmähschriften gegen vergessene Laster und Lobreden auf nicht weniger vergessene geistliche Tugenden. Es handelte sich um eine literarische Müllkippe, die Perlen ebenso enthielt wie Abfall – Strandgut der Grub Street aus vier Jahrhunderten.“

Als Conspiracy-Thriller ist der Roman bis heute herausragend und Maßstäbe setzend: Kein anderer mir bekannter Thriller geht ähnlich differenziert mit seinem Personal und der Verschwörungstruktur um, indem er die Haupthandlungsträger gleichermaßen negativ – oder freundlicher ausgedrückt: skeptisch – betrachtet. Mair schafft dies durch Stilmittel wie zynische Ironie, die er manchmal fast, aber nur fast, bis zur Satire treibt. Der allwissende Erzähler nimmt häufig eine spöttische Haltung ein, die auch seinen „Protagonisten“ – immerhin ein Mörder – nicht verschont. Eher das Gegenteil: Desmond Thane wird gnadenlos bloßgelegt und seziert.
Literarisch ist er ohne Nachfolger, obwohl er den modernen Paranoia-Thriller vorweggenommen hat. Am nächsten kommt ihm vielleicht noch Trevanian.
Sein früher Tod ist höchstwahrscheinlich der schlimmste Verlust für den Thriller. Sein einziger Roman ein herausragendes Leseerlebnis.

ELSINOR VERLAG: https://www.elsinor.de/elsinor/

INTERVIEW MIT DEM VERLEGER IN DIESEM BLOG (2016): https://martincompart.wordpress.com/2016/02/24/interview-mit-thomas-pago-verleger-des-elsinor-verlages/

JOHN BUCHANS DER ÜBERMENSCH: https://martincompart.wordpress.com/2015/01/09/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-der-ubermensch-von-john-buchan/

REZENSIONSEXEMPLARE unter: info@elsinor.de



KLASSIKER DES NOIR- UND POLIT-THRILLERS: NELSON DEMILLE by Martin Compart

Kürzlich blieb ich in meiner Bibliothek nach langer Zeit mal wieder bei Nelson DeMille hängen, den ich immer geliebt und verehrt habe. Ich blätterte in einigen Romanen und war auf Anhieb wieder fasziniert von der Vielfalt seiner Themen, seiner schreiberischen Eleganz und überhaupt: seinem schriftstellerischen Können.

Angefangen bei der durchgeknallten Ryker-Serie (zuerst hieß sein Cop „Keller“) bis hin zu den Romanen um den Anti-Terroragenten John Corey, die mich – zugegeben – weniger beeindrucken als seine Non-Series-Thriller. „When I first introduced Corey in Plum Island, he was an NYPD homicide detective on medical leave, recovering from wounds received in the line of duty. At the end of Plum Island he’s medically retired, and that’s the last I expected to see of John Corey. My readers, however, felt otherwise, and thousands of fan letters arrived asking to see Detective Corey again. Reviewers, too, liked the character and wanted to see more of him. So I gave him a second career in The Lion’s Game and made him a contract agent with the Federal Anti-Terrorist Task Force, based on the real Joint Terrorism Task Force. This worked, and I also gave him a new wife, Kate Mayfield, a career FBI special agent whom he met on the job.
Together, John and Kate are hunting down terrorists in New York City, around the country and most recently in Yemen, in The Panther.”

In den 1980er Jahren war Nelson Demille so eine Art „Sidney Sheldon des denkenden Lesers“. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Bestseller und Millionenauflagen durchaus mit Niveau vereinen lassen. Der Autor sagte einmal stolz: „Meine Bücher sollen von einem Professor genauso verschlungen werden, wie von einem Handwerker.“

Heute schafft er es in den USA noch immer auf die Bestsellerlisten, aber in Deutschland ist sein Status in den letzten Jahrzehnten gesunken. Leider.

Für gutgeschriebene Thriller mit politischen Bezügen ist DeMille ein Garant. Egal, ob Noir-Romane, wie die Stryker-Serie, oder Polit- und Agententhriller – seine Romane sind von außergewöhnlicher Qualität. Sein Politologie-Studium bewahrt ihn vor allzu platten Fehlanalysen der jeweilig behandelten Gegenwartsproblematiken, die zeitgeschichtliche Bestseller oft so unerträglich dämlich machen.

Sein Talent für Charaktere, gut konstruierte Handlungen und Timing bewahren ihn auf der anderen Seite davor, langatmig und spannungslos durch die Seiten seiner voluminösen Romane zu kutschieren. Der Mann kann einfach keinen langweiligen Satz schreiben.

Als besonders prägende Einflüsse nennt er Hemingway und Graham Greene. Letzterer vor allem bezüglich der Darstellung exotischer Schauplätze. In seinen Büchern bemüht er sich stets darum, einen eigenen Kosmos zu schaffen. „You have to find a new story every time. But it has to fit with the character’s backstory and it has to fit with the job you’ve created for him.”

Gelegentlich treten Hauptfiguren oder Schurken aus früheren Romanen in Nebenrollen in anderen Romanen auf. Beispielsweise taucht Paul Brenner, der Protagonist aus THE GENERALS DAUGHTER auch in UP COUNTRY und THE PANTHER auf. Der Schurke Colonel Petr Burov aus THE CHARM SCHOOL scheint identisch zu sein mit dem Terroristen-Ausbilder Boris aus THE LION´S GAME und THE LION, der Coreys Erzfeind Asad Khalil trainierte.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen bewundert DeMille die britischen Thriller-Autoren: „I like the way the British do. The British are into character. They are into dialog. Very clever phrases, and they’re into the ambience. The foggy London day. The steamy jungles of Burma. American writers – I won’t mention any names – who write the action/adventure stuff are more into the killing and the high-tech stuff. It’s very plot-oriented. My books are not plot-oriented. They’re character-oriented – sort of a slice of life, the way life could really be. Some of the books written now are either cartoonish or they’re missing something.”

Trotz seiner exakt recherchierten Handlungshintergründe, seiner stilistischen Brillanz, seiner runden Charaktere und seiner oft tiefschürfenden Handlungsführung sieht sich DeMille als reiner Unterhaltungsschriftsteller. Und da ist er zweifellos, einer der Besten.

…….Ein Engländer hat einmal gesagt, für ihn sei es leichter, Mitglied eines Clubs als Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, denn die Satzungen seien kürzer, und er kenne alle anderen Mitglieder persönlich.
(aus GOLD COAST)

Über seinen Bestseller, IN DER KÄLTE DER NACHT, sagte er: „Ein bisschen so, als würde Jay Gatsby den Paten treffen.“ Wobei er wohl vergisst, dass Gatsbys Vermögen aus denselben Quellen wie das Geld der Mafia stammt. Der Autor zielte mit diesem Buch mehr als zuvor auf den Gesellschaftsroman, wohl durch eigene Erfahrungen an der Goldküste ausgelöst.

Auf den ersten hundert Seiten nimmt er sich viel Zeit, um seine Protagonisten und ihr Milieu zu charakterisieren. Die „Gold Coast“ ¬ so der Originaltitel ¬ im Norden Long Islands ist nach wie vor ein Ort der Reichen und der US-Aristokratie. Seit Jahren im Niedergang, wehren sich die alteingesessenen Familien gegen den Aufkauf ihrer kaum noch zu unterhaltenden Anwesen durch Yuppies und Börsenmakler. John Sutter, angesehener Anwalt, reich verheiratet und Nachkomme einer alten Familie und ein echter WASP, ist DeMilles Ich-Erzähler.
Glänzend zeigt er die Rituale auf, die diese wohlhabende, mumifizierte Klasse zur Existenzberechtigung braucht. Als eines Tages ein Mafia-Boss den Besitz neben Sutter erwirbt und Sutter als Anwalt gewinnt, nimmt die atemberaubende Handlung Tempo auf. In den USA schaffte der Roman – wie die meisten des Autors – den Sprung in die Bestsellerlisten. Das Milieu dürfte DeMille gut bekannt sein, da er seit langem dort lebt. Das Sequel mit demselben Protagonisten ist DAS VERMÄCHTNIS (THE GATE HOUSE), das DeMille erst 2008 nachlegte. „GOLD COAST ist wahrscheinlich mein bestes Buch. Die New York Times verglich es sogar mit Edith Wharton.”

Nelson DeMille wurde 1949 auf Long Island, New York geboren. Er promovierte in Politologie und Geschichte an der Hofstra University, New York. Inzwischen wurden ihm von drei Universitäten ihre Ehrendoktorwürde verliehen.

…..Es war eine beschissene Verantwortung, die man Unteroffizieren aufgeladen wurde, seit man ihren Rang bei den alten Römern geschaffen hatte.
(aus THE CANNIBAL)

1967 ging er als Offizier und Zugführer eines Infantrie-Platoons in den Kampfeinsatz nach Vietnam. Er wurde dreimal verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Er erlebte die Tet-Offensive und kämpfte in Khe Sanh und bei der Schlacht um das A Shau-Tal (ein strategisch wichtiger Einstieg der Nord-Vietnamesen in den Ho-Chi-Minh-Pfad). „It was the A Shau Valley, where I saw the heaviest combat, more than the Tet Offensive for my unit anyway. Then at Khe Sanh we saw combat. My heaviest combat was the A Shau Valley. Why? I have no idea. This was a place where we lost about a third of the company, killed or wounded. It was a bad place, an area heavily controlled by the North Vietnamese regulars.
They had tanks – light amphibious tanks. We got attacked by two tanks. They came out of the jungle, from nowhere. We had air-assaulted into the valley by helicopter to set up camp. So, we were like making a beachhead … sort of like a Normandy thing. We got shot at from the beginning. Helicopters were going down around me. I was totally frightened. That was the only time I was frightened in Vietnam, really frightened. In a helicopter, you don’t have your feet on the ground, you know? Helicopters were getting hit by 57mm anti-aircraft (rounds). These things were exploding. I wanted to get on the ground. I don’t care who is shooting at me on the ground. I don’t want to be up in the air. You can’t do anything up there.”

……“Noch ein Buch! Ich möchte wetten, dass du schon
mal eins von diesen Dingern in einem Museum oder im
Fernsehen gesehen hast.Man macht Filme daraus.“

(aus WORD OF HONOR)

In Vietnam entwickelte er eine Leidenschaft, die über sein weiteres Leben bestimmend werden sollte:
„In der Army wurde ich ein leidenschaftlicher Leser. Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernahm, aber ich las all die Klassiker, die man eigentlich auf dem College lesen sollte. Nach der Armeezeit verschlang ich die Bestseller. DER PATE, DER WEISSE HAI, DER EXORCIST und die anderen Hits der frühen 1970er. Ich dachte mir, so etwas könnte ich auch hinkriegen. Ich wollte schreiben. Ich hatte große Schwierigkeiten mit Jobs nach den Erfahrungen in Nam. Nichts schien mir wirklich wichtig genug. Nichts interessierte mich.“
Er bestritt seinen Lebensunterhalt als Versicherungsdetektiv.

…..Falls ich meine Pensionierung erlebe, sagte sich Ryker, werde ich meine Sommer in der Antarktis verbringen, da auf einem isbeutel sitzen und nichts weiter als ein Unterhemd tragen.
(aus THE SMACK MAN)

DeMille schrieb 1974 und 1975 fünf Romane einer ultrabrutalen Cop-Serie um den New Yorker Polizisten Keller, alias Joe Ryker, der es vorzugsweise mit Kannibalen und unappetitlichen Serienkillern zu tun hat.
„Damals explodierte der Taschenbuchmarkt. Brutale Serien als Taschenbuchoriginalausgaben verkauften sich wie verrückt. Mit einer brutalen Serie hatte man sofort die Möglichkeit, publiziert zu werden.“
Auch wenn er sich heute für die Keller-Ryker-Serie ein wenig schämt: Sie gehört zu den besten Paperback-Original-Dirty-Harry-Serien der 1970er. Für mich ist sie die beste. Eine der bösesten Cop-Noir-Serien. Ein Klassiker.

Der große Durchbruch kam gleich mit seinem ersten dickleibigen zeitgeschichtlichen Thriller vor der Kulisse des Nahostkonfliktes: AN DEN WASSERN VON BABYLON (1978).

Mit jedem weiteren Buch versuchte DeMille einen völlig anderen Hintergrund und unterschiedliche Genres. „Einerseits halten dich verschiedene Leute für brillant, weil sich jedes Buch vom vorherigen radikal unterscheidet, andererseits läuft man bei Themenwechsel auch Gefahr seine Leserschaft zu verlieren.“

DIE KATHEDRALE (1981) war eine Art DER SCHAKAL, in dem der Papst ermordet werden soll. WOLFSBRUT (1984) ist ein Spionageroman über einen Maulwurf im Beraterstab des Präsidenten, der es jederzeit mit den Romanen von LeCarré aufnehmen kann, ihnen an Spannung sogar überlegen ist (was nicht viel heißt).

1985 erschien sein für viele Leser bisher bestes Buch: DAS EHRENWORT (WORD OF HONOR), in dem sich ein wohlhabender Vietnamveteran nach Jahren als Kriegsverbrecher vor einem Militärgericht verantworten soll.
„Das Buch war schwierig. Ich musste das Jahr 1968 genau rekonstruieren, was höllisch viele Recherchen verlangte. Aber ich fühlte, ich musste dieses Buch schreiben. Es ist der einzige Roman über einen Vietnam-Kriegsverbrecherprozess.“
DeMille gelingt in dem Buch eine präzise Bestandaufnahme der Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft während des Krieges. Und er bringt die Doppelmoral einer kriegerischen Nation auf den Punkt: „Dieser Tyson wurde nach Vietnam geschickt, um zu töten. Ein Kriegsgericht hätte demnach nicht zu entscheiden, ob er andere Menschen getötet hat oder nicht, sondern ob er die richtigen Menschen auf die richtige Weise umgebracht hat.“

TIME nannte den Roman „Das DIE CAINE WAR IHR SCHICKSAL der 80er Jahre“.
2003 wurde er mit Don Johnson für das Fernsehen (TNT) verfilmt (Dons Sohn Jesse Wayne Johnson spielte Dons Rolle als zwanzig Jahre jüngerer).

1997 kehrte DeMille nach Vietnam zurück. Daraus entstand der Roman UP COUNTRY (2002), in dem sein alter ego Paul Brenner den Mord an einem Amerikaner während der Tet Offensive untersuchen soll. Er unternahm die Reise mit zwei anderen Veteranen. „What happened was a magazine called – an online travel magazine that was owned by Microsoft. They wanted me to do a travel article about Vietnam, all expenses paid. I said, ‘Thank you … but I’ve been there all-expenses-paid before’.”

Politisch inkorrekt wie immer, liefert DeMille ein beeindruckendes Bild von Vietnam dreißig Jahre nach dem Krieg. Die Wunden sind nicht verheilt, egal wie oft Rambo auf die Pirsch geht.

Über den Russland-Thriller IN DEN WÄLDERN VON BORODINO (THE CHARM SCHOOL, 1988) schrieb die NEW YORK TIMES „Der beste und überzeugendste Thriller, der seit GORKY PARK über Russland geschrieben wurde.“ Ich persönlich halte diese Spionagegeschichte über Potemkinsche Dörfer für besser als den Megaseller von Cruz-Smith.

Auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges war DeMille das Buch sehr wichtig: „Inzwischen ist es nach Ungarn und Polen verkauft. Ich habe meinen Agenten angewiesen, die Rechte in Osteuropa zur Not zu verschenken. Ich glaube, es ist eine gute Investition. Ein Friedensgeschenk.“ , sagte er damals.

Entstanden war der Roman nach einer Russlandreise, die DeMille 1987 mit seiner Frau unternommen hatte. DeMilles erste Frau Ginny arbeitete als Public Relations-Manager und lektoriert die Bücher ihres Mannes. Sie achtete besonders auf die weiblichen Charaktere und deren Glaubwürdigkeit. Sie haben zwei Kinder (mit seinem Sohn Alex schrieb Nelson den Roman THE DESERTER);

Nelson hat mit seiner zweiten Frau Sandy ein weiteres. Der Bestsellerautor lebt in Garden City, New York. “I’m now in my 70s, my wife is 50, and our younger son is 10, so we have to make peace with the three generations.”

Recherche und Reisen waren und sind für DeMille wichtige Voraussetzungen seiner Romane. Aber es ist seine literarische Umsetzung, die das authentische Empfinden vermitteln.

Der Kuba Deal von Nelson DeMille

Seinem bisher vorletzten Roman, THE CUBAN AFFAIR, der auch zurück in die 1960er Jahre führt, gingen mehrere ausführliche Besuche auf Kuba voraus. Die Regionen des mittleren Ostens hat er bisher nicht bereist.

Durchschnittlich braucht er zwei Jahre für ein Buch. Nach den Recherchen schreibt er es handschriftlich mit einem Bleistift nieder. Seine Assistentinnen, Dianne Francis und Patricia Chichester, schreiben die Texte dann in den PC (wenn sie nicht gerade für DeMille im Internet recherchieren).
„The first draft is a skeleton of what it’s going to be. Then I do a second draft, handwritten also. Then I do a third draft. Now it’s readable, at least to my assistants, and they will put it on the computer.”
Inzwischen arbeitet er in einem angemieteten Büro, unterhalb einer größeren Wohnung für Geschäftsbesprechungen und den Arbeitsbereichen der Assistentinnen: „If I’m here, I’m not doing anything else. There’s only one thing to do here and that’s write. Toward the end of a book, the last two months, you know that time is running out, so you work late into the night. I work till about 11 and Saturdays and Sundays. It’s like a term paper. You try to pace it, but you can’t. And you’re never ahead, you’re always behind. And you’re always behind because you don’t know when a book is going to end.”

Die Romane des liberalen Autors sind sarkastisch und meistens in der ersten Person geschrieben. Der Leser begleitet den Protagonisten, der ein „Rätsel“ löst oder einen Auftrag erledigt, ohne dass es für ihn persönlich ein Happy End geben muss. DeMilles Name ist für seine Leser (weltweit verkaufte er bisher um die 50 Millionen Bücher) zum Markenzeichen geworden, wie etwa der von Stephen King.
„My books are all different. People follow the name. You can’t follow the book because – other than the John Corey series, which is a series of stand-alone books – they are all very different… People today have a lot of options. They don’t have to put up with bad novels…. Now, you’re competing for people’s time. You’re competing for their beer money. You’re competing for their attention. You don’t need to make the reader suffer. The reader should be entertained. Also, the reader should learn something. My novels do teach. There’s a lot in there – factual stuff. It’s not non-fiction, but it could be non-fiction… You’re raising the consciousness level on some important subjects, through entertainment, through fiction.”

Für mich war und ist Nelson DeMille einer der größten und anspruchsvollsten Spannungsautoren überhaupt. Und unter den lebenden gehört er mindestens in die TOP 10… Eher in die TOP 5.


Fast alle seine Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

BIBLIOGRAPHIE (nach Wikipedia):

Joe Ryker-Serie (sie wurde später unter dem Pseudonym Jack Cannon wieder veröffentlicht):

The Sniper (1974)
The Hammer of God (1974)
The Agent of Death (1975)
The Smack Man (1975)
The Cannibal (1975)
The Night of the Phoenix (1975)

Einzelwerke:

The Quest (1975)
By the Rivers of Babylon (1978)
Cathedral (1981)
The Talbot Odyssey (1984)
Word of Honor (1985)
The Charm School (1988)
Spencerville (1994)
Mayday (1998)
The Cuban Affair (2017)
The Deserter (2019)

John Sutter-Serie:

The Gold Coast (1990)
The Gate House (2008)

.
Paul Brenner Serie:

The General’s Daughter (1992)
Up Country (2002)
The Panther (2012), Paul Brenner arbeitet zusammen mit John Corey.

John Corey-Serie:

Plum Island (1997)
The Lion’s Game (2000)
Night Fall (2004)
Wild Fire (2006)
The Lion (2010),
The Panther (2012), mit Paul Brenner
Radiant Angel 2015)

Andere Romane:
The Deserter (2019) zusammen mit Alex DeMille
Hitler’s Children: The True Story of Nazi Human Stud Farms (1976) (als Kurt Ladner)
Killer Sharks: The Real Story (1977) (als Brad Mathews)

Non-fiction:
The Five-Million-Dollar Woman: Barbara Walters (1976) (als Ellen Kay)


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DAS GROSSE SPIEL by Martin Compart

Als „das große Spiel“ bezeichnet man den Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als Urheber des Begriffs, der zu einem allgemein gebräuchlichen Terminus werden sollte, gilt der „politische Offizier“ (damals ein Euphemismus für Geheimagent) Captain Arthur Conolly (1807-42), der ihn erstmals 1840 verwendete.

Conolly sollte selbst eines der vielen Opfer im „großen Spiel“ werden: Zusammen mit Colonel Charles Stoddard wurde er nach monatelanger Haft im Juni 1842 in Buchara auf Befehl des Emirs geköpft. Die East India Company hatte Stoddard nach Buchara geschickt, um den Emir zu einer Allianz gegen die Russen zu bewegen. Aber er landete in einem ungastlichen Kerker.
Als sein Freund Conolly ihm nachreiste, um Stoddards Freilassung zu erreichen, erging es ihm ebenso. Die Khanate von Buchara, Kiva oder Samarkand waren für ihre Reichtümer, Grausamkeiten und Sklavenmärkte ebenso berühmt wie gefürchtet. Die kirgisischen Stämme rückten bis auf russisches Gebiet vor um Sklaven für diese Märkte zu erjagen. Im „großen Spiel“ wurden die Khanate von beiden Seiten umworben oder angegriffen.

Es begann 1813 nach dem Rückzug Napoleons aus Russland und dem weiteren Expansionsdrang des Zarenreichs und endete 1947 mit dem Abzug der Briten aus Indien. Die Russen versuchten über Turkestan zum indischen Ozean vorzudringen, um einen eisfreien Hafen zu etablieren, das britische Empire empfand das als Bedrohung Indiens.

Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sorgten angebliche russische Pläne zur Eroberung Indiens in London für eine politische Hysterie. „Dieses Projektˮ, berichtete der russische Botschafter in London, Carlo Andrea Pozzo di Borgo, ein gebürtiger Korse, im September 1838 an sein Außenministerium, „hat sich in allen Köpfen festgesetzt, ungeachtet dessen, dass es offenkundig unwahrscheinlich und falsch ist.ˮ

Dass die Briten die Russen als Rivalen in Asien wahrnahmen, war die Folge zweier siegreicher russischer Feldzüge in Vorderasien und auf dem Balkan. Im Russisch-Persischen Krieg 1826 bis 1828 hatte das Zarenreich die heutige armenische Hauptstadt Eriwan erobert und die im Süden des heutigen Aserbaidschan gelegene Provinz Nachitschewan.
Russland war damit zur beherrschenden Macht im Südkaukasus geworden. Die Landbrücke Europas nach Asien ermöglichte ihm die Seeherrschaft im Kaspischen Meer und über dessen östliche Küste den Zugang nach Zentralasien.
Das schwächte den britischen Einfluss auf Persien. Kaum weniger dramatisch war der Ausgang des Russisch-Osmanischen Kriegs 1828 bis 1829. Die Russen erhielten danach das Donaudelta und die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen ins Mittelmeer.

Die Paranoia zweier expandierender Imperialmächte nahm zu: Die Russen fühlten sich von den Briten in Indien bedroht (die Agenten wie Alexander Burnes nach Norden schickten), und die Briten sahen entsetzt, dass sich das Russische Reich in Richtung Süden schob. Dies führte dann auch zum ersten anglo-afghanischen Krieg 1839 bis 1842; die Briten sahen Afghanistan als failed state an, den es zu besetzen galt bevor es die Russen tun konnten, um dann direkt Indien, das Juwel in der Krone, zu bedrohen.

Afghanistan hatte (stärker noch als Tibet) eine Schlüsselposition inne.

Intrigen, Pakte, Geheimmissionen durch Agenten und bewaffnete regionale Konflikte bestimmten das „große Spiel“. Am aggressivsten geführt zwischen dem russischen Zarenreich und dem britischen Empire bis zum 1.Weltkrieg. Ausgeführt wurden die lebensgefährlichen Aktionen auf beiden Seiten von Gestalten, wie sich nur die originellsten Autoren von Abenteuer- und Spionageromanen hätten ausdenken können.

Diese atemberaubenden Aktionen, getragen von manchmal irrwitzigen Ideen, fanden auch Eingang in die Literatur. Zum Beispiel in Rudyard Kiplings KIM oder John Buchans THE HALF-HEARTED. Wobei die Fiktion mit der Realität kaum mithalten konnte.

Nach der Revolution von 1917 machte sich bei den Bolschewisten schnell Enttäuschung breit, da weder westeuropäische- noch amerikanische Arbeiter erfolgreich die verkündete Weltrevolution durchsetzten. Die Marxsche These, dass die Revolution zuerst in den entwickelten Industrienationen erfolgreich sein würde, wurde verworfen.

Deshalb orientierten sich in der bald gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) die wesentlichen Kräfte gen Osten. Der Zusammenbruch der russischen- und chinesischen Kaiserreiche hinterließ viele Stämme und Völker (Mongolen, Buryaten, Kalmyken usw.) Zentralasiens in ungekannter Unabhängigkeit. Auch in den Kolonien der Europäer regte sich unter den Armen der Widerstand. Es schien naheliegend, in und durch das zentralasiatische Vakuum das „große Spiel“ gegen England wieder aufzunehmen.

Peter Hopkirk (1930-2014) war einer der besten westlichen Kenner des „großen Spiels“ und Zentralasiens. Der ehemalige TIMES-Journalist schrieb einige der besten Bücher zu diesem Komplex. In THE GREAT GAME. THE STRUGGLE FOR EMPIRE IN CENTRAL ASIA, 1990, beschrieb er minutiös die verdeckten (und manchmal nicht so verdeckten) Aktionen der Briten.

Dabei schreckte er auch nicht vor den abstrusesten oder gruseligsten Informationen zurück. Etwa das große Vergnügen eines Khans von Khiva an neuen Folter- oder Hinrichtungsmethoden (seine liebste war das Pfählen). Nachdem dieser Alkohol und Tabak aufgegeben hatte, verbot er auch seinen Untertanen das Rauchen und trinken. Wer dabei erwischt wurde, bekam die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschlitzt, damit sein permanentes Grinsen als makabre Warnung für Andere diente.

Der Bürgerkrieg von 1918-22, in dem sich die Sowjetunion hauptsächlich gegen die Europa zugewandten reaktionären Kräfte und europäischen Mächte (und Japan) behaupten musste, diskreditierte vorherrschende europäische Traditionen.

Clevere Bolschewiki begannen über Strategien nachzudenken, wie man in Zentralasien den Sozialismus russischer Prägung und Dominanz durchsetzen könne. Um die dortigen Völker, die noch im vorkapitalistischen Wirtschaften verhaftet waren (ein deutlicher Widerspruch zur Marxschen Doktrin über die Revolutionsvoraussetzungen), zu erreichen, begann man die eschatologischen Momente des Bolschewismus mit denen des tibetanischen Buddhismus im Shambala-Mythos zu vermengen.
Denn da gab es leicht vermittelbare Schnittmengen, die man ungebildeten Hirtenvölkern darstellen konnte.

Ideologen wie Sergei Oldenburg verordneten bereits im August 1919 eine große Ausstellung buddhistischer Kunst, die die Nähe zwischen Sowjetunion und Buddhismus illustrieren sollten. Sie verknüpften die marxistischen Ideale der Völkerfreundschaft mit denen von Buddha gepredigten.

Zum Teil mit großem Erfolg, wie sich in der Mongolei zeigte (nachdem man den wahnsinnigen Baron Ungern-Sternberg geschlagen hatte). Die Okkultistin und Tibet-Reisende Alexandra David-Neel notierte überrascht, dass viele Lamas das „Rote Russland“ mit dem Reich von Shambala gleichsetzten.
Der erste und größte Sieg der Komintern war die Revolution in der Mongolei. A
us der erfolgreichen Strategie leitete man die Formel ab, die in den anderen asiatischen Ländern versucht wurde: Suche ein nationales Befreiungsmotiv, interpretiere alte Weisheiten als Bezug zu den Sowjets, bilde revolutionäre Zellen und schüre den bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer.

Während sich Peter Hopkirk in SETTING THE EAST ABLAZE, 1985, auf die geheimdienstlichen und militärischen Aktionen (darunter widmet er dem „Bloody Baron“ Ungern-Sternberg eine längere und brillante Analyse) zwischen den Weltkriegen konzentrieret, stellte Andrei Znamenski in RED SAHAMBHALA: MAGIC, PROPHECY AND GEOPOLITICS IN THE HEART OF ASIA, 2011, die okkulten Aspekte in den Vordergrund.

Er beschreibt eindrucksvoll (unter der Nutzung wenig bekannter russischer Quellen), wie bolschewistische Agenten und Agitatoren versuchten, tibetanische Glaubensvorstellungen, insbesondere den Endkampf zwischen Gut und Böse des Shambala-Mythos, für geostrategische Ziele zu nutzen.

Mit der Übertragung des Kalachakra-Tantra wurden auch prophetische Texte übertragen, deren Inhalt kriegerische Auseinandersetzungen darstellen. Demnach sollen Armeen, die der spirituellen Praxis feindlich gesinnt sind, zur Zeit des 25. Königs von Shambala über die zivilisierte Welt herfallen, um jede Möglichkeit für geistige Entwicklung zu zerstören. Nach den Kalachakra-Texten wird die zivilisierte Welt aus dem Reich Shambala Beistand erhalten, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Daraufhin soll ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, das für die geistige Entwicklung besonders günstige Umstände bringt.“.(https://anthrowiki.at/Kalachakra-Tantra).

Die Sowjets verknüpften diese „Prophezeiungen“ mit ihrer Eroberungspolitik in Zentralasien. Aber auch Nationalisten (wie der Mongole Dja Lama) oder japanische Imperialisten und Weißrussen (Ungern-Sternberg) instrumentalisierten den Shambala-Mythos.

Das bemerkenswerte Bildmaterial rundet die Studie des Russen ab. Znamenski unterrichtete als Historiker an den Universitäten von Hokkaido, Alabama und Memphis. Seine besonderen Forschungsgebiete sind Schamanismus, Religionsgeschichte und westliche Esoterik. Großen Raum in seinem Buch nehmen auch die merkwürdigen Aktivitäten von Nicholas Roerich und dessen Familie ein.

Erst mit Stalins „großem Terror“ wurden die esoterisch-geopolitischen Experimente eingestellt und die Shambala-Warrior als Konterrevolutionäre vernichtet. Nachdem 1938 die letzten buddhistischen Klöster in Sibirien geschlossen wurden, interpretierte die Sowjetpropaganda den Shambala-Mythos als Werkzeug der Japaner, die seit 1931 in der Mandschurei an der Grenze des mongolischen Satellitenstaates lauerten

Das „große Spiel“ endete erst 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien. Aber inzwischen gibt es eine Art „Neuauflage“, bei der sich Russland den USA gegenüber sieht. Spätestens seit der Einkreisungspolitik Russlands durch die USA mit der NATO auf dem Kaukasus und der (einmal mehr) gescheiterten Besatzung Afghanistans konzentrieren sich die Interessen der beiden Staaten wieder verstärkt auf die neue Seidenstraße und Zentralasien. Mit der neuen Weltmacht China ist ein dritter Spieler hinzugekommen.

ROMANE zum GROSSEN SPIEL:

The Lotus and the Wind von John Masters, 1953.

The Far Pavilions von M.M. Kaye, 1978.

Flashman von George MacDonald Fraser, 1969.

Flashman at the Charge von George MacDonald Fraser, 1973.

Flashman in the Great Game von George MacDonald Fraser, 1975.

Kim von Rudyard Kipling, 1901.

The Imperial Agent von T.N.Murai, 1987 (eine Fortsetzung zu Kim).

Drums Along the Khyber von Duncan MacNeil (d.i.Philip McCutchan), 1969 (erster Band der James Ogilvie-Serie).

The Mulberry Empire von Philip Hensher, 2002.

The Devil’s Cocktail. Alexander Wilson’s second Secret Service novel 1928.

The Half-Hearted von John Buchan, 1900

The Diplomatic Agent von Yulian Semyonov, 1959.



Michael Moorcocks COLONEL PYAT-Quartett by Martin Compart

Wie Lügen zur Wahrheit führen können, erzählt Michael Moorcock in seiner Pyat-Quartett, die eine einzigartige Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts projiziert.

Die Tetralogie gehört zu Moorcocks Meisterwerken! Und das bei einem Autor, der nicht gerade wenige Meisterwerke geschrieben und Fantasy und SF revolutioniert hat.

Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehört auch die Antizipation des Steampunk mit seiner Oswald Bastable-Trilogie. Mit den Jerry Cornelius-Romanen erforschte er die Drogen getränkten Gehirnströme der Swinging Sixties, und seine Sword & Sorcery verband die Wucht von Robert E. Howard mit der Sensibilität von J.G. Ballard.

„All my early Elrics are like fantasies by Camus.“

Moorcock war als Herausgeber von NEW WORLDS für den kometenhaften Aufstieg der New Wave in den 1960er Jahren verantwortlich, in der William und nicht mehr Edgar Rice Burroughs die Koordinaten bestimmte. Stichwort: inner space. Neben anderen Aspekten reflektierte die New Wave natürlich auch die zeitgleiche Rock- und Drogenkultur der Jugendrevolte. Man wollte die Science Fiction der Sublimierungskultur entreißen.

Oder, wie es Brian Aldiss ausdrückte: „Moorcocks Energie und Ballards Vorstellungskraft sogen ein neues Publikum für die SF an.“

In den 1960er Jahren wurde er zum popkulturellen Regenmacher:
Without Moorcock neither today’s SF nor today’s fantasy nor today’s comic-book scenes would look anything like they do; and nor, arguably, would either Dungeons & Dragons, World of Warcraft or This Is Spinal Tap have been possible.„, stellte die FINANCIAL TIMES fest.

Seine enge Verbindung zur Pop-Musik schlug sich in der Zusammenarbeit mit Bands nieder, allen voran HAWKWIND.

Moorcock tanzte auf vielen Hochzeiten und machte überall eine gute Figur. Er verblüffte immer wieder durch Innovationen. So auch Anfang der 1980er, als er mit Colonel Pyatt begann („I have used fantasy and science fiction to experiment a little bit, to practice if you like before doing something slightly ambitious like the Jerry Cornelius books, the “Colonel Pyatt” novels are a sort of extension of the Cornelius books.“):

Maxim Arturovitch Pyatnitski alias Colonel Pyat ist ein interessanter Bursche: 1900 geboren und 1977 gestorben, nahm er bis in die 1940er Jahre (laut seiner vierbändigen autobiographischen Darstellung) an so manchen Ereignissen teil, die diese Epoche prägten: vom Russischen Bürgerkrieg bis Auschwitz führte ihn sein Weg durch die Zeit und drei Kontinente.

Seine persönlichen Aufzeichnungen wurden von Michael Moorcock zwischen 1979 (er fand erst 1981 einen Verlag, der den ersten Band druckte) bis 2006 in vier voluminösen Bänden herausgegeben.

Die autobiographischen Aufzeichnungen legen Pyats Charakter frei. Unbefangen – von Moorcock nur bei zu starken Entgleisungen abgemildert – teilt der Narziss alle Vorurteile und ideologische Verirrungen, die das Jahrhundert zum bisher blutigsten und geschmacklosesten in der Menschheitsgeschichte machten. Ohne Selbstzweifel trampelt der kokssüchtige Wissenschaftler durch jedes Dilemma, an denen natürlich immer die anderen Schuld sind, ohne zu erkennen, dass es genau Typen wie er waren, die aus dieser Zeit ein Schlachthaus machten.

Die Koksnase Pyat ist als Antisemit, ehemaliger Ku-Klux-Klan-Angehöriger, seiner Neigung zu sehr jungen Mädchen und Buben und Verehrer der SS alles andere, als ein Sympathieträger. Er identifiziert Schwarze, Tartaren, Papisten, Juden, Muslime, Katholiken und Sozialisten als Träger der großen Verschwörung Karthagos gegen das christliche Russland, die Monarchie und den Faschismus, die als einzige den menschlichen Fortschritt und die Eroberung des Kosmos garantieren!

Die Tetralogie wurde gelegentlich mit den FLASHMAN-Romanen von George MacDonald Fraser verglichen. Die augenscheinliche Überschneidung ist, dass es sich bei beiden Werken um Memoiren von Zeitzeugen handelt, die immer wieder in historische Prozesse verwickelt werden.

Aber der unsympathische Pyat ist – im Gegensatz zu Flashman – kein verlässlicher Erzähler, da er sich die Realität gerne zurecht biegt. Der Reiz bei diesem Ich-Erzähler liegt darin, dass er häufig die richtigen historischen Fakten präsentiert, aber aus ihnen die falschen Schlüsse zieht. Flashman ist ein extrem zuverlässiger Erzähler, der seine charakterlichen Defizite vor dem Leser ausbreitet und schonungslos mit sich selbst umgeht. Dagegen zeigt der Narziss Pyat psychopathische Züge.

Moorcock: „I always try to get the ‘tune’ right first in a book. The tone is the most important thing for me. Once I have the cadences, I can also begin on the form.

Wie umstritten dieses Werk ist, erkennt man auch daran, das Moorcocks amerikanischer Verlag Random House sich weigerte, den dritten und vierten Band zu veröffentlichen (die Amerikaner kamen erst Jahre später durch einen anderen Verlag in den Genuss der gesamten Tetralogie – was dem deutsch lesenden Publikum nach wie vor verwehrt bleibt).

Zwischen dem 2. und dem 3.Band machte Moorcock eine achtjährige Pause. Er begründete dies mit der aufwendigen Recherche für jedes Buch und die Schwierigkeit, in den Sprachduktus von Pyat zurück zu finden.

Leider ist bei uns nur der erste Band des Quartetts erschienen: Bastei-Lübbe veröffentlichte ihn 1984 unter dem Titel BYZANZ IST ÜBERALL in seiner damaligen Paperback-Reihe in einer vorzüglichen Übersetzung von Michael Kubiak und mit einem gruseligen Satzspiegel (ohne den die Reihe, in der Stephen King am deutschen Markt durchgesetzt wurde, sicherlich Kult-Status hätte).

So viele Moorcock-Fans, die auch härtere Kost vertragen, scheint es bei uns nicht zu geben. Obwohl Bastei-Lübbe damals den Jerry Cornelius-Zyklus vollständig veröffentlichte, wagte man sich nicht mehr an die anderen Colonel Pyat-Bände heran. Vielleicht schreckte man auch vor der Problematik des Sujets zurück… Überhaupt ist es eine Schande, dass es keinen Verlag gibt, der eine Gesamtausgabe dieses Autors macht, der zu den 100 einflussreichsten Schriftstellern der letzten hundert Jahre gehört. Nicht mal sein großer Roman MOTHER LONDON, der mit allem mithält, was Iain Sinclair oder Peter Ackroyd (die ihm viel zu verdanken haben) geschrieben haben. Aber in einer Zeit qualitativer Rationierung können Großverlage kaum noch Minderheiten bespielen.

Abenteuerliches gibt es genügend in dem Werk, das mit Pyats Kindheit und Jugend in Kiew, St.Petersburg und Odessa beginnt (wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Moorcock habe Zeit und Ort mit eigenen Augen gesehen, so eindrucksvoll sind seine Schilderungen; er nannte Babels Benya Krik-Stories als wichtigen Einfluss).

Natürlich gerät er in die brutalen Wirren des Bürgerkriegs (aber auch als genialer Erfinder von kurz funktionierende Flugmaschinen und einer Laserkanonen, kann er dessen Verlauf nicht ändern). Er flieht in die Türkei nach Konstantinopel (wo er sich eine 13jährige Roma kauft).
Dann geht es nach Rom, wo er sich von den Faschisten bewundern lässt, und weiter nach Paris, Seine großen Pläne werden seiner Meinung nach von der Karthago-Verschwörung sabotiert – und ab geht es in die USA, wo er beim Ku-Klux-Klan und schließlich in Hollywood landet. Dort arbeitet er zuerst als Techniker und Set-Designer, bevor er zum Star in Western-Serials aufsteigt.

Er befreundet sich mit Sam Goldwyn und entschließt sich, einen grandiosen Epos in Ägypten zu drehen. Natürlich geht alles schief, und es folgt eine irre Odyssee durch die übelsten Harems, regelrechte Vergewaltigungskerker, und Unterwelten Nordafrikas. In Cairo trifft er (natürlich) auch den nubischen Transvestiten Ibrahim al-Gharbi (hier al-Habashiya geheißen), der damals in der Region den Handel mit Sex-Sklaven beherrschte.
Die Szenen von Pyats Versklavung in al-Habashiyas bisexuellem Harem hätten von de Sade stammen können. Nachdem er der afrikanischen Hölle entkommen ist, geht er zurück nach Italien und macht seinen Weg in den inneren Zirkel von Mussolini, dem er verspricht, Land-Leviathane (eine immer wiederkehrende Topos von Moorcock) zu bauen.

Aber auch hier lauert überall Intrige und Gefahr.
Dank eines Geheimauftrages von Mussolini kann er das faschistische Italien verlassen. Die Geheimmission führt ihn nach München zu den Nazis und in die Arme von SA-Chef Ernst Röhm. Die Verstrickung in den „mysteriösen Todesfall“ von Hitlers Nichte Geli Raubal, bringt Pyat dann auch nach Dachau.
Um Hitler nach dem Tod seiner Nichte wieder sexuell auf Trab zu bringen, brachte Röhm ihn dazu, sich als Nutte zu verkleiden und den Führer zu verführen.
Brave Bürgererotik wird man bei Moorcock vergeblich suchen.

Wie man sieht: Die vier Bände sind ein pikaresker Roman, der oft starker Tobak ist, aber immer faszinierend das Zeitkolorit für unglaubliche Abenteuer und Interpretationen aufsaugt (‚the Holocaust . . . was not my fault . . . any more than it was Adolf Hitler’s]‘.

Die begleitenden Nebenfiguren (auch Mrs. Cornelius taucht immer wieder auf) unterfüttern die monströse Figur des Erzählers. Pyat gelingt es in den besten Momenten, die volle Idiotie dieser Ära vorzuführen, die uns bei der Lektüre von historischen Werken so nie bewusst wird. Wenn in Zeiten der Wirrnis Geschichte zum Wegweiser wird, dann sei vor diesen Pfaden gewarnt.

Michael Moorcock: „…and Pyat, of course, is about man’s inhumanity to man, to put it the broadest it will go. It’s actually about the Nazi holocaust. It was hard enough bearing the burden of death and suffering in the past, in which I forced myself to see every individual in every concentration camp picture, no matter how dehumanized they had become.


Byzantium Endures [1981]
The Laughter of Carthage [1984]
Jerusalem Commands [1992]
The Vengeance of Rome [2006])

Zu Moorcock siehe auch in diesem Blog:
https://martincompart.wordpress.com/2010/11/04/die-crux-mit-dem-hauptwerk-grundsatzliches-uber-michael-moorcock-3-von-alexander-martin-pfleger/




IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/