Martin Compart


NEUES FÜR SHERLOCKIANER: CONAN DOYLE UND DIE NERDS by Martin Compart

Arthur Conan Doyle tritt in die Fußstapfen seiner berühmtesten Figur Sherlock Holmes: Weil Scotland Yard keinen Anlass sieht, den Mord an einem augenscheinlich leichten Mädchen aufzuklären, macht er sich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Er schleicht durch die dunklen Straßen des viktorianischen London und landet an Orten, die kein Gentleman betreten sollte.
Etwa hundert Jahre später ist ein junger Sherlock-Fan in einen Mordfall verstrickt, bei dem Doyles verschwundenes Tagebuch und einige Fälle seines berühmten Detektivs eine wichtige Rolle spielen. Zwei Morde, zwei Amateurdetektive, zwei Welten –


Eichborn Verlag; 480 Seitten; 22,00 €

Sherlock Holmes-Pastiches, Kopien, Parodien oder Plagiate gab es bereits zu Conan Doyles Lebenszeiten. Explodiert ist der Holmes-Kult nochmals Anfang der 1970er Jahre durch Nicholas Mayers KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES. Danach erschienen viele Pastiches, die dem Original nicht nachstanden, teilweise sogar überlegen sind. Das Interesse an diesem stärksten Mythos der Kriminalliteratur steigerte sich in den folgenden Jahrzehnten und erreichte im 21.Jahrhundert mit den Kinoversionen mit Robert Downey jr. und der TV-Serie SHERLOCK einen neuen Höhepunkt.

Holmes geistiger Vater, der höchst ehrenwerte Sir Arthur Conan Doyle, hat es inzwischen selbst zum literarischen Helden gebracht. Der Schriftsteller, der sich auch als Detektiv betätigte, wurde in den letzten Jahren zur Hauptperson von drei Fernsehserien und einem Kino-Film: MURDER ROOMS: THE DARK BEGINNINGS OF SHERLOCK HOLMES, 2000, ARTHUR & GEORGE, 2015, ein britischer Dreiteiler nach dem Roman von Julian Barnes, HOUDINI & DOYLE, eine zehnteilige Serie von 2016 und der Kino-Film HOLMES & WATSON von Ethan Cohen von 2018.

Der m.E. überzeugendste Einsatz von Conan Doyle als fiktionalen Protagonisten gelang dem Drehbuchautor, Produzenten und Romancier Mark Frost(„Twin Peaks“) mit den beiden düsteren Romanen „The List of Seven“, 1993 (Deutsch: „Sieben“) und „The Six Messiahs“, 1996, (Deutsch: „Im Zeichen der Sechs“).

„Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ spielt geschickt auf zwei Zeitebenen: Einmal 1900 mit Conan Doyle, der sich mit seinem Freund Bram Stoker auf die Suche nach einem Serienkiller begibt. Und zum anderen im Jahre 2010 in der Szene der Baker Street Irregulars, einer Gruppe von Holmes-Jüngern, die seit 1934 den Kanon von Conan Doyle erforscht. Ein Mitglied der Sherlock Holmes-Gesellschaft wurde ermordet, weil er den „heiligen Gral“ der Holmes-Nerds gefunden hatte. Der junge Sherlockianer Harold macht sich auf die Suche nach diesem verlorenen Tagebuch von Conan Doyle, in dem die Vorgänge in der Parallelhandlung erzählt werden. Mit diesem Fetisch des „lost Diary“ trifft Moore den Nerv der Holmes-Kultisten. Außerdem nutzt er für die Figur Harold den anhaltenden Trend, lebensunfähige Nerds zu Heroen zu stilisieren. Weiterhin zeigt er in seinem Detektivroman dieses „nerdische“ Konkurrenzverhalten beim Begehren von gesellschaftlich irrelevanten Objekten, deren Wert nur im subkulturellen Kosmos existiert


Eine Inspirationsquelle für den Roman war der seltsame Tod des führenden Conan Doyle-Sammlers und Sekundärliteraten Richard Lancelyn Green im Jahr 2004 (https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1478814/Case-of-the-Sherlock-Holmes-fanatic-who-killed-himself-but-made-it-look-like-murder.html ). Umstritten ist, ob er wegen seines Interesses an Conan Doyle ermordet wurde, oder ob er Selbstmord durch Garottieren beging und es wie Mord aussehen ließ. Green war einer der bedeutendsten Köpfe der internationalen Conan Doyle-Forschung.

Graham Moore wurde 1981 geboren. Mit 16 Jahren unternahm er einen Selbstmordversuch. Seine Mutter Susan Sher war Michelle Obamas “chief of staff”.
THE SHERLOCKIANS erschien 2010 in den USA und war sein erstes Buch, mit dem er es sofort auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte. Sein Drehbuch für THE IMITATION GAME erhielt 2015 den Oscar Award. Anerkennung fand auch Moores zweiter Roman, „Die letzten Tage der Nacht“, über Thomas Edisons Patentkriege.

Die gekürzte Hörbuchversion ist ganz nett, unterschlägt aber Details, Hintergründe und Beobachtungen, die Moores Roman interessant machen. Gerade das Ausloten der Beziehung zwischen Conan Doyle und Bram Stoker (dessen „Dracula“ Doyle sehr schätzte) geht im Hörbuch ziemlich unter.
Ob die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern tatsächlich so eng war, wage ich nicht zu beurteilen. In einigen Conan Doyle-Biographien (etwa denen von Ronald Pearsall oder Owen Dudley Edwards) wird Stoker nicht mal erwähnt. Aber das ist letztlich auch unwichtiger als der Spaß, die beiden Autoren durch ein fiktionales Abenteuer zu begleiten.

Für Sherlockianer ist der Roman ein Lesevergnügen!

.

Werbeanzeigen


NEUES AUS DER BAKERSTREET by Martin Compart

Bücher über Sherlock Holmes füllen ganze Bibliotheken. Über keinen anderen fiktionalen Charakter (außer Hamlet) wurde mehr Sekundärliteratur produziert als über den koksenden Meisterdetektiv aus der Baker Street. Seine anhaltende Faszination hat mehrere Antriebe. Der ursächlich entscheidende für mich ist, das Conan Doyle mit ihr eine Synthese aus Aufklärung und Romantik geschaffen hat, die bis heute unser Lebensgefühl trifft und deshalb auch immer wieder sensibel und intelligent zu aktualisieren ist.

Kann da ein neues Buch noch irgendwas neues berichten? Mattias Boströms 600-Seiten-Schinken VON MR.HOLMES ZU SHERLOCK kann. Und das aus mehreren Gründen:

– bei der multimedialen Verwertung von Sherlock, die nun über 100 Jahre andauert, ist kein Ende in Sicht;

– der Autor trägt Fakten zusammen, die ansonsten nur in Publikationen zu Einzelaspekten zu finden sind.

Das Negative zuerst: Der Autor berücksichtigt kaum oder gar nicht die apokryphen Schriften des Holmes-Mythos der zahlreichen Autoren nach Conan Doyle Außerdem vermindert sich nach 1970 die vorher so großartige detailgenaue Darstellung (was um so ärgerlicher ist, da die 3. Sherlock-Renaissance in diesem Jahr eingeläutet wurde und bis heute trägt. Der Grund dafür ist wahrscheinlich der Umfang. Hätte Boström beide Aspekte ausführlich behandelt, wäre das Buch gut dreimal so umfangreich geworden.

Trotzdem gehört es zu den besten Büchern über das Phänomen, das ich kenne. Das liegt vor allem an dem sowohl akribischen- wie unterhaltsamen Stil des Autors, der ganz nahe an Protagonisten oder Situationen heran geht und diese lebendig macht wie ein guter Romancier. Ihm gelingt es, die mediale Verwurstung der Figur genauso spannend darzustellen wie eine Sherlock Holmes-Geschichte. Der 1971 geborene schwedische Autor ist Mitglied der Baker Street Irregulars, der ältesten und angesehensten Gesellschaft von Holmesianern. Sie wurde 1934 von Christopher Morley gegründet und zählte zu ihren Mitgliedern prominente Leute wie Isaac Asimov, Anthony Boucher, Neil Gaiman oder Rex Stout.

Für jeden, der einen ersten umfassenden Überblick über eines der größten und langlebigsten kulturellen Monstren aller Zeiten lesen möchte, ist dies das richtige Buch. Und auch ausgewiesene Kenner des Phänomens werden es beglückt lesen, da Boström oft vergessene Details ausgräbt und neu gewichtet oder klassische Momente, wie die Begegnung zwischen Conan Doyle, seinem künftigen US-Verleger und Oscar Wilde, vermittelt, als wäre man persönlich zugegen.