Martin Compart


ZUR E-BOOK-AUSGABE VON „LUCIFER CONNECTION“ BEI EVOLVER BOOKS by Martin Compart

Nun sind sie endlich da: Die eBooks von Evolver! Lange hat man warten müssen, aber das Warten hat sich gelohnt! Andreas Winterer hat jedes aufgepeppt und für jede Plattform lesbar gemacht. Aber auch die von mir geschätzte eigenwillige Aufmachung der Bücher wurde beibehalten. Ich persönlich bevorzuge nach wie vor das gedruckte Buch, kann mich aber aber durchaus für die Vorteile des eBooks erwärmen (keine zusätzliche Büchertasche mehr, wenn man auf Reisen geht, keine Lesebrille, wenn der Satzspiegel zu klein ist). eBooks sind für mich eine tolle Ergänzung, die auch vergessene Autoren, für die ein sogen. Publikumsverlag keinen Markt mehr sieht (etwa Berkeley Mather, Duncan Kyle oder Desmond Bagley), lieferbar oder zugänglich machen können.
Zur Feier meiner eBook-Ausgabe von DIE LUCIFER CONNECTION an dieser Stelle mein neues Nachwort.

Andreas formatiert nicht nur, sondern füllt auch eBooks mit bestechenden Inhalten

EVOLVER BOOK-SHOP:http://www.evolver-books.at/

MEIN NACHWORT ZU LUCIFER CONNECTION

Es war sieben, acht Jahre her, als ich DEN SODOM KONTRAKT beendet hatte und ernsthaft mit dem Schreiben an DIE LUCIFER CONNECTION begann. Alles, was ich mühsam beim ersten Roman gelernt hatte, schien vergessen und musste neue erarbeitet werden – so erschien es mir zumindest anfangs. Dabei hatte ich direkt nach SODOM mit dem zweiten Gill-Roman begonnen (und das erste Kapitel fand dann auch Eingang in LUCIFER). Aber es kam immer etwas dazwischen und so kam es nicht wirklich zu einer ernsthaften Fortsetzung. Trotzdem waren diese „verschwendeten“ Jahre nützlich für das Buch, denn es entwickelte sich thematisch und ästhetisch in eine völlig andere Richtung, als ich zuvor geplant hatte. Aus meiner Sicht zumVorteil. http://www.amazon.de/gp/product/B006UJXY76/ref=pd_lpo_k2_dp_sr_3?pf_rd_p=330045107&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=3895811742&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=0FJBHEDCPBNWK9J7SQR1

Lassen Sie mich ein wenig auf die Aspekte eingehen, die mich zu dem Roman motivierten: Anfang 2002 erfuhr ich aus der Presse zum ersten Mal von dem Torso des kleinen schwarzen Jungen, den man aus der Themse gefischt hatte und dem die Ermittler später den Namen „Adam“ geben sollten. Das löste vor allem in England eine weitgehende Untersuchung über Kult-Morde aus und führte zu dem, was man vulgär als „Scotland Yards Occult Squad“ betitelte. Insgesamt kam man zu der erschreckenden, aber nicht wirklich überraschenden Erkenntnis, dass es in Europa (und nicht nur unter Afrikanern) Ritualmorde gibt. Eine Klassifikation, die es in deutschen Kriminalstatistiken nicht gibt (und deshalb nicht existiert – aber dazu habe ich in Kapitel 19 genug aufgeführt). Meine Beschäftigung mit dem Fall Dutroux, der eher ein Fall Nihoul war, für SODOM KONTRAKT hatte mich zuvor mehrfach mit diesem Thema in Berührung gebracht. Wie im Roman zitiert (und durch Aktenlage belegt), gab es Berührungen zwischen satanischen Gruppen und Dutroux´s Gang. Außerdem gab es Zeugenaussagen, dass die von Nihoul zugeführten Kinder nicht nur bei Orgien abgeschlachtet wurden, sondern auch rituell missbraucht wurden – bis hin zum Tod.

„Ganz in der Nähe, in einem Vorort von Charleroi, hat die okkulte Sekte „Abrasax“ ihr Hauptquartier. Die Fahnder hofften, dort eine heiße Spur in das Innere eines pädophilen Zirkels gefunden zu haben. Und wieder schien Dutroux im Spiel: Im Holzhaus eines seiner Komplizen, Bernard Weinstein, entdeckte die Polizei einen Brief, der den Empfänger „an das Geschenk für die hohe Priesterin“ erinnerte. Angefügt war eine Art Bestellschein für 17 Personen weiblichen Geschlechts zwischen 2 und 20 Jahren, die für anale, orale und vaginale Sexualpraktiken gebraucht würden. Unterzeichnet hatte das Schreiben der Satanspriester „Anubis“.“ Aus: DER SPIEGEL 12/1997

Für mich entstanden überzeugende Schnittmengen zwischen der Pädophilenszene und westlichen Ritualmorden. Was nicht bedeutet, dass beide Szenen deckungsgleich sind; sie überschneiden sich an Rändern (ähnlich wie Snuff-Film-Produktionen). Meine Beschäftigung mit okkulten Kindertötungen in den schwarzafrikanischen ju-ju-Bräuchen zeigten diese Überschneidungen nicht. Jedenfalls nicht so deutlich erkennbar wie etwa in der westlichen Satanisten-Szene. Das war ein Aspekt, über den ich schreiben wollte. Bei den Recherchen zur deutschen Satanistenszene (abgesehen zu anzweifelbaren Quellen, die Bezüge zum Okkult-Milieu bereits im Kaiserreich herstellen) geriet mir ein ziemlich überzeugendes Buch in die Hände, das bereits 1979 (!) in der 3. Auflage war: Horst Knaut: Das Testament des Bösen, Kulte, Morde, Schwarze Messen – Heimliches und Unheimliches aus dem Untergrund. Was erst durch Dutroux in mein Bewusstsein gelangt war (und von mir zuvor als Spinnerei abgetan wurde), hatte offenbar ein lange und unheimliche Tradition. Der Journalist Knaut (u.a. arbeitete er für die ARD bei „Report“) war wohl der erste, der sich gezielt mit der Satanistenszene in der Bundesrepublik beschäftigte.

Ein neues Feld tat sich auf, dass extrem schwierig zu recherchieren war. Denn neben seriösen Informationen stößt man – ganz wie bei den so genannten Verschwörungstheorien – auf noch mehr Desinformationen, die als Nebelkerzen dienen. Ich entschloss mich dazu, die als seriös verifizierte Fakten als Grundlage zu nehmen und durch die Hypertrophierung des Bösewichts den Kern dieser Menschen verachtenden Ideologie heraus zu schälen. Und damit gelang auch die Verbindung zu den dunklen Seiten der schwarzafrikanischen Poro-Gesellschaften (die im Den Haager Prozess gegen Charles Taylor protokolliert wurden): Ob der ju-ju afrikanischer Warlords oder der Satanismus europäischer- und amerikanischer Weicheier – es geht beiden nur um Macht.

Die bösen, bösen Söldner (an anderer Stelle in dieser Buchversion, nämlich die Besprechung von Eeben Barlows Buch über Executive Outcomes, habe ich mich dazu hinreichend geäußert)! Der Einsatz in Sierra Leone gehörte sicherlich zu den wenigen positiven Nutzungen des Söldnerwesens. In der angeblich liberalen westlichen Presse findet man nur wenige objektive Darstellungen der Söldner-Aktivitäten der letzten Jahrzehnte. Die Berichte tendieren zu extremen Positionen: Rechte Publizisten loben mit meist rassistischen Untertönen Söldner-Einsätze als Kampf gegen den Weltkommunismus, der das Böse schlechthin bedeutete. Linksliberale Schreiber verdammen jede Söldneraktivität, zumeist zu recht, als Interessenvertretung ausbeuterischer Kräfte. Erste Zweifel am Absolutheitsanspruch beider konträrer Sichtweisen kamen mir durch die Recherche der Kongo-Kriege, insbesondere in den 1960ern. Die Kongo-Unruhen rückten die Söldner stärker als zuvor ins öffentliche Blickfeld. Konservative Berichterstatter zeichneten Söldner und belgische Paras als Retter der Zivilisten vor den unbeschreiblichen Gräueltaten der schrecklichen Simbas, die bereits damals die Jeunesse des Pierre Mulele als Kindersoldaten einsetzten. Linke Publizisten dokumentierten – ebenfalls zu recht – die Übergriffe von Söldnern, verherrlichten aber gleichzeitig die Simbas als Freiheitskämpfer. Ich habe im Laufe der Jahre einige Söldner kennen gelernt, Darunter reihenweise Schwachköpfe, die sich heute als Contractor der privaten Militärfirmen in Afghanistan, Irak, Kongo und anderswo verdingen. Diese privaten Militärfirmen haben kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Söldnertum gemein, da sie gezielt für nationale Wirtschaftsinteressen gegründet wurden und von Anfang an vertraglich an diese gebunden sind. Der Söldner, der ursprünglich seine Arbeitskraft auf dem freien Markt an den höchstbietenden vermiete, hat in diesem Konstrukt keine echte Wahlfreiheit mehr.

Ich habe aber auch intelligente Zyniker getroffen, die sich mehr als einmal durch politische- und wirtschaftliche Interessen verheizt fühlten. Sogar Idealisten sprach ich, die als weiße Afrikaner glaubten, indirekt oder direkt für das Wohl ihres Kontinents gekämpft zu haben. Der Kampfpilot „Nellis“, den ich im Roman erwähne, flog schließlich unbezahlte Einsätze um die Bevölkerung von Freetown gegen die heran rückende RUF zu verteidigen. Durch die private military contractor sind die (vermeintlichen) Söldner mehr denn je in Verruf geraten. Ich wollte diese bekannte Tatsache nicht bestätigen, sondern die unpopuläre Realität erwähnen, dass es unter Söldnern auch verschmähte Helden gab und gibt. Die ganze Komplexität des Themas wird akribisch im Netz aufgearbeitet auf der Page http://www.kriegsreisende.de/
von Frank Westenfelder, dessen Buch EINE KLEINE GESCHICHTE DER SÖLDNER (Adatia Verlag, Sankt Augustin, 2011), das Beste im deutschsprachigen Raum ist.

Tierschutz lag mir immer am Herzen und ich verspürte von Kindheit an einen großen Hass auf Tierquäler. Da versagt bei mir jede zivilisatorische Kontrollinstanz im Über-Ich. Das Schreiben am Roman half mir, diese Wut ein wenig zu mildern, indem ich sie fiktional aufarbeitete. Kuching, die Katze, die bei und mit mir 18 Jahre gelebt hatte, zeigte gelegentliches Interesse an meiner Tipperei. Ihre Anwesenheit verdeutlichte mir permanent, dass man nicht genug tun kann um Tiere vor den Quälereien der Menschen zu schützen. Genauso wie hilflose Kinder. Kuching starb nach der letzten Fassung des Romans. Ich habe LUCIFER CONECTION ihr gewidmet, da das Buch ohne sie nicht entstanden wäre. Ideologien, die behaupten, Tiere hätten keine Seele, irren. Jeder, der mit Tieren lebt, weiß, dass sie nicht nur eine Seele haben, sondern sich durch einzigartige Individualität unterscheiden. Dutroux oder Nihoul sollen verrottete Seelen haben? Und Kuching nicht? Das ist ja lächerlicher als Ablassbriefe.

Ich wollte mit LUCIFER CONNECTION etwas ganz anderes schreiben als mit SODOM KONTRAKT. Letzterer wurde elliptisch erzählt, während LUCIFER der Form einer klassischen „Quest“ folgt. Ein zentrales Thema ist Freundschaft. Wie der große Philosoph Alain Delon richtig gesagt hat: „In der Freundschaft gibt es keine Enttäuschung, sondern nur Verrat.“ Gill und Karibik-Horst agieren, wie man sich wünscht, oder aus Melville-Filmen kennt, das Freunde reagieren. Pure Romantik? Sicher – aber vor realem Hintergrund. Lee Child, Simon Kernick oder Andy McNab haben in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass man im Thriller wieder über heroische Protagonisten schreiben kann. Egal wie kaputt sie vielleicht im Kern sind, sie schlagen sich brutal mit der Machete ihren Pfad durch eine Welt im Niedergang. Ohne gesellschaftliche Illusionen kümmern sie sich fast nur um ihr direktes, persönliches Umfeld. Nahezu schon Biedermeier. Aber Biedermeier als Action-Film.

Der Prolog in seiner Brutalität hat bei einigen Lesern für Verwirrung gesorgt. Ein Kunde von Manfred Sarrazins Krimi-Buchhandlung „Alibi“ sagte mir, dass er deshalb seiner Frau die Lektüre untersagt hätte. Eine Bekannte wollte den Roman deshalb gar nicht lesen (der ansonsten auf Gills Ebene ja ganz harmlos anfängt). Wahrscheinlich hat dieser Prolog einige Leser verschreckt, gar von der Lektüre abgeschreckt. Mit Hinblick auf den Zustand der Welt würde ich gerne sagen, dass sich mein krankes Hirn das ausgedacht hat. Aber leider ist das nicht so. Ich bin bei meinen Recherchen über Charles Taylor und seine Schergen (googeln Sie mal General Butt naked) genau auf so eine Szene gestoßen und abe bis auf Taylor nur die anderen Beteiligten fiktionalisiert. Über Taylor und seinen rituellen Kannibalismus hat ein ehemaliger Gefolgsmann im Prozess gegen ihn am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgesagt. Naja, vielleicht hätte ich trotzdem mehr Leser gefunden, wenn ich ihnen beim reinblättern in Buch nicht gleich die Keule über den Schädel gehauen hätte. Trost ist mir die Aussage eines anderen Lesers, der den Roman für die beste fiktionale Darstellung der Verhältnisse in Schwarzafrika hält, die er bisher gelesen hat. Du natürlich Manni Sarrazins Aussage, es sei für ihn „das Buch des Jahres“ gewesen.

Ein anderes Thema ist Rache. Wie weit gehen manche Mensche um für sich oder Freunde Rache zu üben. Und was muss man als Preis dafür bezahlen? Gill bezahlt in meinen Augen einen sehr hohen Preis um seinee scheußliche Rache an Zaran durchzusetzen. Einen Preis, den ich persönlich nie zu bezahlen bereit wäre. Aber dies ist einer dieser viel und gern zitierten Fälle, in denen sich die literarische Figur vom Autor entfernt und ein Eigenleben beginnt, dem der Autor nur noch folgen kann um es aufzuschreiben. Momente, die man als Schreiber zugleich liebt und hasst: Liebt, weil die Figur vom Papier abgehoben hat und in einer virtuellen Welt real wird. Hasst, weil man als Autor die Kontrolle über den Stoff verliert.

Der dritte Gill ist in der Pipeline. Aber gesundheitliche Gründe haben bisher verhindert, dass ich eine notwendige Recherchereise angehen konnte (und dies wohl auf Anfang nächsten Jahres verschieben muss). Er schließt direkt ans Ende von LUCIFER an.

Ich hoffe, geschätzter Leser, ich habe Sie mit diesem Roman unterhalten, geschockt und wütend gemacht. Lieber wütend auf bestimmte Verhältnisse, als auf mich. Vielleicht hätte ich Ihnen ein paar brutale Tatsachen ersparen oder abmildern sollen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es da draußen Menschen gibt, die diese Tatsachen jeden Tag ausgeliefert sind.

„Zorn“ ist das erste Wort in der ILLIAS, mit der die europäische Literatur beginnt. Zorn war eine der Triebfedern, um diesen Roman zu schreiben.

Martin Compart, Oktober 2012.

http://www.amazon.de/Die-Lucifer-Connection-ebook/dp/B009Z34EA0/ref=ntt_at_ep_edition_2_6

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ALIBI – EINE LEGENDE VERSCHWINDET UND EIN MYTHOS ENTSTEHT by Martin Compart
25. September 2012, 8:31 am
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Krimis, Manfred Sarrazin, NEWS | Schlagwörter: , ,

Nun ist es doch passiert: Die Kölner Krimi-Buchhandlung ALIBI (eine der beiden ältesten in Deutschland) schließt die Pforten zu fiktionalen Höllenqualen. Und damit wird eine legendäre Institution zu Grabe getragen.

22 Jahre gab es ALIBI in Köln an verschiedenen Standorten. An zweien gehörte ALIBI zu den schönsten Buchhandlungen der Stadt und hob sich wohltuend von atmosphärelosen Großbaustellen wie THALIA oder MAYERSCHE ab.
Für die Atmosphäre war ein Mann zuständig: Manfred Sarrazin (vom Schicksal gestraft mit dem Bruder Theo). Manni gehört zu den umfangreichsten Kennern der Kriminalliteratur; wahrscheinlich kennt er von uns allen die meisten Titel. Denn er muss sich jeden Scheiß reinziehen, der gerade en vogue ist und von irgendwelchen Krimilemuren verlangt wird. Kein Subgenre, in dem Manni sich nicht auskennt. Unter vielen anderen verdanke ich ihm die Entdeckung von Stephen Hunter (was ich aber nie zugeben werde). In Köln läuft kein Crime-Afficionado rum, der ihm nicht mindestens einen Lieblingsautor verdankt.
Als er 1990 in der Engelbertstrasse 11 das erste ALIBI aufmachte, war er in einer ähnlichen Situation wie ein katholischer Missionar des 19.Jahrhunderts im Kongo. Er brachte das Wort. Anders als Missionare verkaufte er aber keine spinnerten Normen, sondern Ratio und Aufklärung (Denn der Krimi ist in seinen guten Werken nicht nur Kind sondern auch aktueller Vertreter der Aufklärung). Echte Kernerarbeit, die nur einer mit stählernen Nerven durchsteht. Und große Unterstützung durch die Kölner Medien bekam er dabei (bis auf den WDR ) nicht. Er musste den Job alleine erledigen – wie Charles Bronson oder Alain Delon.

Und Manni ließ es krachen: Er überzeugte die Buchhalter Kölner Kultur zur Mitfinanzierung von Lesungen der Elite der internationalen Kriminalliteratur: Ross Thomas, Lee Child, James Ellroy, George V.Higgins – um nur einige, wenige zu nennen. Alle waren in Köln und Manni hatte immer die Finger im Spiel.
Seit einigen Jahren macht er bei WDR5 alle zwei Monate bei der „telefonischen Mordsberatung“ mit. Und er ist der einzige Grund, sich dieses Krimistadl anzuhören, das sich ansonsten nur durch abstoßenden Frohsinn auszeichnet.

Das zehnjährige bestehen feierte ALIBI in der Ehrenstrasse. Zwar war dort das zweitschönste ALIBI, aber auch eine Gegend mit fürchterlichen Läden und elender Laufkundschaft, die eher darauf abzielt, ihre Wildschweinkörper in modisch-geschmacklose Outfits pressen zu lassen. ALIBI wirkte dort weite Trails lang wie Fort Apache in der Bronx. Die schönste ALIBI-Version war übrigens die auf dem Ring. Aber vielleicht meine ich das auch nur, weil Manni dort sein umfangreichstes Antiquariat hatte und mir zu fairen Preisen Paperback Originals überließ, nach denen ich ewig gefahndet hatte.

Neben der halbverblödeten Laufkundschaft („Der Herr Mankell schreibt so menschlich tief, nicht?“) lungerten im ALIBI zum Glück auch immer gute Freaks und vorlaute Stammkunden herum. Das sorgte dafür, dass die Kaffeemaschine nicht still stand, wir Stammtischkapazitäten uns über Manchette die Köpfe heiß redeten und jeden Zufallskäufer zu vergraulen drohten. Aber irgendwie wuselte Manni dazwischen hin und her um das Niveau einer Joy Fleming-Leserin auf die nächste Evolutionsstufe zu heben. Dort sind so manche Freundschaften und einige Stammtische begründet worden. Aber auch Loser wie Peer Steinbrück haben Mannis Regale besudelt und eingekauft.

Es wäre natürlich ungerecht zu unterschlagen, dass Mannis Partner großen Anteil an Erfolg und Mythos von ALIBI hatten; Vor allem seine Frau Barbara hielt ihrem genialischen Ehemann den Rücken frei. Und Michael Möhrke sorgte dafür, dass die betriebswirtschaftliche Komponente nicht unter der Begeisterung platt gedrückt wurde.

Aber der Star bei ALIBI war Manfred Sarrazin.

Manni, ich vermisse Deinen Laden jetzt schon und wünsche Dir nur das Allerbeste. Vor allem vermisse ich, wie wir uns dort oft gefetzt haben, da Du ja nie kapieren wolltest, dass ich alles besser weiß. Auch meinen Vorschlag, dass man ALIBI nicht ohne polizeiliches Führungszeugnis und einen von mir ausgestellten Geschmacksnachweis betreten dürfe, hast Du schmählich abgelehnt. Und Du hast auch mittags nie abgesperrt, um mit mir in Ruhe eine Flasche Whisky zu trinken.