Martin Compart


MiCs TAGEBUCH SPEZIAL zur US-Wahl und überhaupt: EINLÄUFE FÜR LEVITENLESER by Martin Compart
8. November 2016, 9:03 am
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Das Primat der Politik wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig von den Primaten in der Politik übernommen, die Clausewitz zwar nicht persönlich kennen, aber sein Diktum vom „Krieg als Politik mit anderen Mitteln“ prima finden. Damit hatte sich das zerstörerische 20. Jahrhundert nun wirklich erledigt. Schluss, aus und vorbei. Wahrscheinlich endete es schon mit dem 09.11.89 und nicht mit dem 11.09.01. Letzterer Tag wird vielleicht als Teilchenbeschleuniger in Erinnerung bleiben, als herbeigesehnter Anlass, um die Allmachtsphantasien in die Jahre gekommener US-Neo-Cons Realität werden zu lassen. Seitdem überholen uns die Folgen dieser mit Kriegen in Afghanistan, Irak, Syrien – um nur die augenscheinlichsten anzuführen – neugeschaffenen Realität tagtäglich rechts und links: IS-Terror, Flüchtlingsströme, Wiedererstarken der Rechten, Verbarrikadierung Europas (unvollständige Aufzählung).

Jean-Patrick Manchette stellte sich für seinen unvollendeten letzten Romanzyklus mit dem übergreifenden Titel „Les Gens du Mauvais Temps“, Menschen in schlechten Zeiten, die Frage: „Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?“ Er bezog seine Frage auf die Nachkriegszeit, genauer von 1968 bis in die 1980ziger Jahre (mit 1956, dem Jahr der Ungarn-Krise als Prolog), ihren Kriegen, Krisen und Unruhen und dem Sieg der kapitalistischen Kräfte über die Revolte. Rückschauend erscheint mir für uns heute 1989 als ein zentrales Jahr. Der Soziologe Fukuyama sprach nach dem Untergang des „Reichs des Bösen“, gemeint waren die Sowjetunion und ihre Satelliten, euphorisch vom „Ende der Geschichte“. Demnach hätte die Welt mit dem „freien, demokratischen“ Kapitalismus ihre endgültige Gesellschaftsform gefunden. Inzwischen ist selbst Fukuyama kein Fukuyamaist mehr, sondern schämt sich vermutlich ob der Blödheit seiner Aussage. An dieser Stelle drei Feststellungen:

1) Die Historie der Menschheit und ihren Herrschern ist im Besonderen eine Wirtschaftshistorie. Denn Macht und Geld sind unmittelbar miteinander gekoppelt;

2) Der Kapitalismus transzendiert jedes politische Herrschaftssystem;

3) Die einzig wirklich erfolgreiche Revolution war die Ablösung des Adels durch die Bourgeoisie. Und diese lässt sich bis auf die Renaissance zurückdatieren. Die Französische Revolution hatte formell nachvollzogen, was informell längst der Fall war, nämlich die Übernahme der Staatsmacht durch das Bürgertum. Getreu dem Diktum, wer bezahlt, der hat auch das Sagen.

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE - Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale - Date : 00000000 - Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 - Agence Opale - 8, rue Charlot - 75003 Paris - France - Tel.:+331.40.29.93.33 - info@agence-opale.com - www.agence-opale.com

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE – Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale – Date : 00000000 – Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 – Agence Opale – 8, rue Charlot – 75003 Paris – France – Tel.:+331.40.29.93.33 – info@agence-opale.comhttp://www.agence-opale.com

Und das bringt uns zum Roman noir, der ein Produkt des Sieges der Konterrevolution in den 1920er – 1930er Jahre ist, wie Manchette genau formulierte und darum nicht müde wurde, in seinen Chroniken das Thema Ökonomie als das zentrale Thema unserer Zeit und folglich auch des Roman noir zu betonen. Weil Sieg der Konterrevolution, der Sieg des Kapitals bedeutet, ist ein Minimum an historischem Verständnis und Wissen über wirtschaftliche Kontexte hilfreich, um den Kreislauf des Elends, in dem wir gefangen sind, besser zu verstehen. Versuchen wir darum nüchtern, vor dem Betrinken aus Anlass der 21. Wiederkehr von Jean-Patrick Manchettes langem Abschied, seine Frage in Bezug auf unsere Zeit zu adressieren: Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?

 

ANFANG VOM  ENDE

Das herrschende Weltwirtschaftssystem beruht auf einigen, wenigen Maximen. Die erste Maxime lautet: Wachstum – gleichbedeutend mit mehr Produktion, mehr Absatz, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Investitionen, mehr Steuern – ist essenziell. Ohne Wachstum funktioniert nichts, mehr noch, bricht alles zusammen. Nicht nur die Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaftsordnung, unsere freiheitliche Demokratie. Das ist kein Schreckensbild, die Stabilität der liberalen westlichen Demokratien gründet sich im Wesentlichen auf ihre wirtschaftliche Stabilität. An Gegenbeispielen herrscht weltweit aktuell kein Mangel. Laut gängiger Wirtschaftstheorie ist das Wachstum unendlich. Darum muss Wachstum her. Egal wie. Die Praxis legt das Gegenteil nahe, Wachstum ist endlich, wie alles auf unserem Planeten dem Naturgesetz der Endlichkeit unterliegt; außer Wasserstoff und Blödheit, wie Harlan Ellison anmerkte, und ausdrücklich das Universum einbezog.

 

IDEOLOGISCHE RUNDERNEUERUNG

Die 60-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts, befreiten den Kapitalismus und erneuerten ihn zugleich. Das Zeitalter des ICH begann in der kulturellen Weltmacht USA. Symbolisch dafür war das Buch The Greening of America, welches nicht, wie der Titel vermuten ließ, ein gesteigertes Umweltbewusstsein oder ein neues gesellschaftliches Bewusstsein propagierte, sondern die Vereinzelung, der Rückzug nach Innen. Der innere Kosmos als Gegenentwurf zu einer chaotischen äußeren Welt, die ohnehin nicht beeinflussbar sei. Das Ego – mein Bewusstsein, meine Bedürfnisse, meine Kaufkraft – wurde konsequent unter Werbedauerfeuer genommen. Die Konsumgesellschaft haute den Turbo rein. Zur gleichen Zeit erklärten konservative Industrielle den Kampf um die ideologische Vorherrschaft in den von linkem Gedankengut verseuchten Universitäten für verloren und gründeten ihre eigenen Think Tanks. Sie finanzierten private „Forschungsinstitute” zur Bildung eines „konservativen Bewusstseins” der Öffentlichkeit, was nichts Geringeres als die Umerziehung der Bevölkerung bedeutete. Eine Saat die aufgehen sollte. Einer der ersten Schritte, war die Abkehr vom Gedanke der Bildung als kostenfreies Allgemeingut einer demokratischen freien Gesellschaft. Bildung wurde zum Wirtschaftsgut deklariert und hatte als solches kapitalistischer Logik nach auch ihren Preis.

Je exklusiver, desto teurer.

Studiengebühren wurden eingeführt. Weltweit schossen und schießen seit jener Zeit Privatschulen- und Universitäten wie Pilze aus dem Boden. Die Industrie sponsert generös Lehrstühle und Forschungsprojekte. In wessen Sinne wohl? Staatliche Schulen wurden und werden die Etats gekürzt, ihnen fehlt am Ende schlicht das Geld, um mit der finanziell gepamperten Konkurrenz mitzuhalten. Bildung ist wieder eine Frage des Vermögens geworden – oder der Verschuldung. Damit manifestiert sich schon bei der Ausbildung junger Menschen die Zweiklassengesellschaft: die Klasse der Habenden und die der Habenichtse. Die finanzstarke „Elite“ bleibt zunehmend unter sich. (Die kreditfinanzierte Elite, muss sich auf jahrzehntelanges Tilgen ihrer Schulden einstellen.) Nur noch die Unterschicht geht auf öffentliche Schulen mit hoffnungslos veralteten Lehrmitteln. Während das Bildungsniveau der breiten Bevölkerung langsam aber kontinuierlich sinkt, steigt die Anzahl vermeintlicher Experten.

Vor einigen Jahren hat die ARD das Vokabular der Tagesschau drastisch eingekürzt, damit die Nachrichten (Propaganda im Dienste des Systems) für alle verständlicher sind, dazu erklären Fachidioten den tumben Bauchmenschen, wie sie sich die Welt zu denken haben. Die letzten Reste eigenständigen Denkens erledigen Schwarmblödheit und die Fußball-Bundesliga.

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RADIKALE UMORIENTIERUNG

Die jüngere wirtschaftliche Zeitrechnung begann am 15.08.1971 mit dem Nixon shock, der Aufkündigung von Bretton-Woods durch die Nixon-Administration und der damit verbundenen Abschaffung des Goldstandards für den US-Dollar. Der Grund: die USA waren pleite. Zumindest in Relation ihrer Schulden zu den Goldreserven des Landes. Ein hausgemachtes Problem, dessen Ursache das Abfließen milliardenschwerer US-Militärausgaben ins Ausland war. Imperium spielen ist eben teuer. Die Lösung des Problems war ein genialer Schachzug. Mit dem Ende von „Bretton Woods“ lenkten die USA diesen Geldfluss wieder zurück in die Heimat, da die Notenbanken anderer Länder nun US-Staatsanleihen erwarben, die Wiederum das nationale US-Haushaltsdefizit finanzierten. Der Dollar wurde zur internationalen Leitwährung und die Federal Reserve die heimliche Weltnotenbank. Das Ausland war quasi verpflichtet den US-Haushalt und damit die Expansion der wirtschaftlichen und militärischen Supermacht zu finanzieren, ob man wollte oder nicht. Zur gleichen Zeit wurde der US-Dollar die offizielle Öl-Währung – was den OPEC-Staaten durchaus genehm war.

Weniger bekannt ist der massive politische Druck, sogar von möglicher militärischer Intervention war die Rede, den Nixon und Kissinger auf Saudi-Arabien und die Öl-Emirate ausübten, damit ihre Dollar-Milliarden aus den Ölgeschäften über die New Yorker Wallstreet abgewickelt, das heißt investiert, wurden. Denn die zweite Maxime lautet: Kapital muss investiert werden – sonst ist es wertlos.

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SCHWARZES LOCH  WALLSTREET

Mitte der 70ziger Jahre begannen die massiven Investitionen der arabischen Staaten in den USA. Die Dollars flossen wieder ins Mutterland zurück. Mit dem Niedergang des Wohlfahrtsstaats Keynesianischer Prägung – dessen Errichtung eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929 war, die zunächst zum New-Deal unter F.D. Roosevelt führte und dann, nach 1945, zur neuen Wirtschaftsordnung im zerstörten West-Europa – gewann eine wirtschaftsliberale Gegenbewegung an Boden, deren zentrales Credo Deregulierung lautet. Hayek und sein Schüler Milton Friedman von der Chicago School of Economics waren die Propheten einer freien Markt Ideologie, „der im freien Spiel der Kräfte alles zum Besseren regeln würde“, wenn nur die Ketten der Regulierungen erst einmal gesprengt seien.

Mit Reagan, Thatcher und Kohl begann Anfang der 80ziger Jahre des letzten Jahrhunderts die konservative Wende. (Die ausgerechnet in West-Deutschland „geistig-moralische Wende“ hieß, was angesichts der handelnden Personen, Birne und Gensch-Man, ein nicht geringes Maß an Selbstüberschätzung verriet.)

In ihrer Folge wurden die marktregulierenden Gesetze und Schutzmechanismen nach und nach abgeschafft – und das weltweit. Das Ergebnis heißt Globalisierung, die nichts anderes bedeutet, als ungehemmter Geld- und Warenverkehr. Den Höhepunkt erreichte die Deregulierung in den USA unter der Clinton-Administration. 1999 fiel die letzte Schranke zur Bändigung des Kapitalmarktes, die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts von 1933. Die 66 Jahre währende Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken wurde aufgehoben. Ab sofort hatten Investmentbanker wieder Zugriff auf die Einlagen der Geschäftsbankkunden, was ihren finanziellen Handlungsspielraum wesentlich vergrößerte, Investmentbanking zu dem Profitbringer der Branche kürte, und damit die Macht der Geldhäuser potenzierte.

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MACHTKONZENTRATION

Erste Konsequenzen der Deregulierung waren schon in den 80ziger und 90ziger Jahren abzusehen. So führte der Wegfall der Schutzmechanismen nicht, wie versprochen, zu steigendem Wettbewerb, mehr Transparenz, besserem Angebot und Service bei niedrigeren Preisen für die sogenannten Verbraucher (das sind mit Menschen mit freiverfügbarem Einkommen) – sondern zu massiven Aufkäufen von Wettbewerbern und einem Anbietersterben. Das Gegenteil der Prophezeiung trat also ein. Die Deregulierung des kommerziellen Luftverkehrs in den USA, Anfang der 80ziger Jahre, wurde zur Blaupause für alle nachfolgenden Branchen. Statt eines „freien Wettbewerbs vieler Airlines zum Wohle der Verbraucher“ bildete sich ein Oligopol weniger Airlines. Der Markt ist eben niemals frei, sondern nur freizügig in der Aufteilung unter immer weniger Marktspielern. Die Deregulierungsbefürworter verschweigen nämlich, dass in einem so entfesselten Markt stets die vom Start weg mächtigsten und finanzstärksten Unternehmen gewinnen. Mit der Folge, die großen Konzerne machen einander nur wenig bis gar keine Konkurrenz.

In Deutschland belegt dies anschaulich die „Liberalisierung des Energiemarktes“. Eine EU-Vorgabe, welche die Bundesregierung brav „umsetzte“. Die Energieversorger im Besitz von Städten und Gemeinden wurden von den großen Anbietern, RWE, EON, Vattenfall und ENBW, solange unterboten, bis ihre Eigentümer, die finanziell ausgeblutete Kommunen, die Flügel streckten und die Stadtwerke an just jene Konzerne verkauften, oder eine Teilhaberschaft übertrugen, die sie unterboten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Das Oligopol bildete sich in weniger als drei Jahren.

Ein Blick auf die Gebietskarte der Bundesrepublik schafft Klarheit. Sauber nach Regionen getrennt, bereiten sich die großen Anbieter selbstverständlich nur einen marginalen Wettbewerb. (Dieselben Konzern übrigens, die gegen den Atomausstieg lobbyierten und nun versuchen die gigantischen Rückbaukosten für ihre Kernkraftwerke zu einem großen Teil auf den Staat abzuwälzen.) Die dritte Maxime lautet demnach: Ungehinderter Wettbewerb führt zu Oligopolen, wenn nicht zu Monopolen. Beispiele gibt es genügend – in nahezu allen Branchen. Und das weltweit. Apropos Konkurrenz, ist der Markt erst aufgeteilt, lassen sich problemlos Preise und Konditionen (und damit Profitmargen) abstimmen, wie jüngst die illegalen Absprachen im Stahlschienengeschäft belegen.

Im Finanzsektor bildeten sich in der Folge riesige Banken. Too big fail, lautet die Bezeichnung für die fünf führenden Großbanken der USA, weil ihr Zusammenbruch das Welt-Wirtschaftssystem gleich mit zusammenbrechen lassen würde. Zumindest nach Bekunden der Banken und des US-Finanzministeriums (zu dessen Chef im Übrigen seit den Siebziger Jahren regelmäßig ein ehemaliger Chairman der Investmentbank Goldman Sachs ernannt wird).

Ein mit Erfolg geschürtes Schreckensszenario. Straftaten wie Betrug, Insidergeschäfte, etc. bleiben deshalb ohne Anklage und werden stattdessen mit Geldbußen abgegolten, deren Höhe für sich genommen exorbitant erscheint, aber nur einen Bruchteil, der mit Betrug erzielten Gewinne ausmachen.

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KRISENKARUSSEL

Trotzdem haben die Großbanken Probleme: Sie müssen weiterwachsen. Sie müssen das Kapital ihrer Anleger investieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl der Anlagemöglichkeiten in die Realwirtschaft allerdings immer uninteressanter geworden. Zu lange Laufzeiten, zu geringe Renditen. Die Lösung: Finanzprodukte. Anlagen sind Produkte und werden mit den Instrumenten des Marketing aktiv, man kann auch sagen aggressiv, vertrieben. Je risikoreicher die Anlage, desto höher die Renditechance. Nur scheuen die meisten Anleger das Risiko – folglich müssen Bewertungen her, die Sicherheit vorgaukeln. Der Aufstieg der Ratingagenturen begann. Sie bewerten Finanzprodukte nach ihrer Rentabilität und ihrem Risiko. Da die Ratingagenturen Lieferanten der Banken sind, und sich zum Teil in deren Eigentum befinden, möchten sie ihre Kunden/Eigentümer natürlich an sich binden, bzw. nicht enttäuschen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Folglich fielen die Ratings positiv aus. Positive Bewertungen gleich hohe Anlagesicherheit gleich mehr Anlageverkäufe. Der Markt wächst. Ein perfektes System – bis die Blase platzt. Was 2008 bei den Subprime Mortgages geschah und zunächst Lehman Brothers in den Konkurs und anschließend die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession trieb.

Die meisten der heutigen Finanzprodukte beruhen auf Spekulation (umgangssprachlich Zocken) wie diese: Der Anleger bekommt dann hohe Renditen, wenn DOW oder FTSE oder DAX in bestimmen Zeiträumen, bestimmte Kursmarken erreichen. Sollten die Kurse sich gegenteilig entwickeln, verliert der Anleger Teile seiner Anlage – in manchen Fällen die gesamte Anlage. Finanzprodukte sind ein riesiger Markt. In den USA liegt der Anteil der Wallstreet am Bruttosozialprodukt unter 10%, ihr Anteil an den erlösten Profiten hingegen bei 60%. Inzwischen ist der Finanzsektor von der Realwirtschaft völlig entkoppelt. Für Unternehmen ist es aufgrund steigender Auflagen immer schwieriger Kredite zu bekommen, was in Zeiten billigen Geldes für die Banken aufgrund der geringen Zinsen zudem völlig unterinteressant ist, während Investoren nach Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen suchen. Aus diesem Grund nehmen die auf Spekulation beruhenden Finanzprodukte zu. Und weil jeder verdienen will, dazu sämtliche Honorierungssysteme (die sogenannten Boni) auf Wachstum und Profit ausgerichtet sind, ist der Anreiz systemimmanent. Wer Geld verdienen will, muss zocken und darum wird gezockt, und das noch hemmungsloser, noch ungebremster als vor 2008. Die lockere Geldpolitik von Federal Reserve und EZB pumpt immer mehr Geld in die Märkte, was die Börse beflügelt, die Finanzmärkte weiter aufbläht, aber Sparer und Altersvorsorger verarmt. Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ erhalten trotzdem keinen Zugang zu dem benötigten Geld. Logisch? Absolut.

(Die Krise 2008 war seit 1999 übrigens bereits die dritte, nach 2000, dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, nach 2005, dem Börsencrash, kam 2008, die Subprime-Mortgage-Krise. Seit dem Wegfall der Regulation auf dem Finanzmarkt sind Krisen unabdingbar. Das waren sie übrigens auch in Zehnjahreszyklen seit Ende des Bürgerkriegs in den USA, 1865, und vor der Einführung der Finanzmarktregulation in 1930er Jahren als Folge der Großen Depression. Eine der ersten großen Spekulationsblasen platzte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Damals wurde mit Unsummen auf den steigenden Wert von Tulpenzwiebeln gezockt. Die Regierenden haben seinerzeit übrigens den geforderten „Bail-out” der vom Ruin bedrohten Spekulanten abgelehnt.)

Auch Spekulationen und Wetten gegen Währungen einzelner Staaten haben eine lange Tradition – so spekulierte George Soros einst gegen das britische Pfund und verdiente Milliarden – die Folgen solchen Vorgehens sind heute aber immer unabsehbarer. Der Zusammenbruch einer Währung bedeutet den Kollaps der Wirtschaft und letztlich der Gesellschaft. Das warnende Beispiel der letzten Jahre ist Jugoslawien. Als die Währung zerbrach, eskalierte die Gewalt. Die vierte Maxime lautet: Spekulation beruht auf dem Prinzip von Boom und Bust. Je schneller und überhitzter die Wirtschaft wächst, desto schneller die Talfahrt. Spekulationsblasen platzen immer. Auf den Boom folgt unabwendbar der Kollaps, die Vernichtung von Vermögen. Krisen sind  nur eine Bereinigung des Marktes von überschüssigem, unnötigem Kapital. Verlierer gehören nicht nur zum Spiel – sie sind unverzichtbarer Bestandteil. Der Kapitalismus produziert nur wenige echte Gewinner. Der große Rest gehört nicht dazu. Verlierer sind immer die Dummen – die „nicht informierte“ breite Bevölkerung. Die Informierten manipulieren den Markt. In London manipulierten die Banken, mittendrin Bundesprimus Deutsche Bank, die Libor und Euribor Zinssätze und maximierten ihre Profite. Allem Abstreiten zum Trotz ist das Finanzmarktalltag. Branchenprofis wissen, dass die Anzahl der – offiziell verbotenen – Insidergeschäfte an den Börsenplätzen unendlich größer ist als angenommen (als aufgedeckt ohnehin). Manipulation wird durch Oligopole erleichtert. Diese bilden in nahezu allen Schlüsselindustrien, sowie auf dem Finanzsektor, geschlossene Gruppen von Playern, denen Kontrollbehörden wenig auf die Finger schauen können, sofern sie es denn ernsthaft wollten.

Ein beliebiges Beispiel ist der VW-Abgasskandal. Wer glaubt denn ernsthaft, dass in einer Branche, in der nicht nur völlige Transparenz über die Herstellungskosten herrscht, sondern sich Wettbewerber die gleichen Fahrzeugplattformen für ihre Modelle teilen, niemand von den Manipulationen der Wolfsburger wusste?

Globale Oligopole agieren mit der Finanzmacht ganzer Staaten. Konzerne wie z.B. Apple, Google oder Mac Donalds besitzen höhere Börsenwerte und mehr Vermögen als die meisten Staaten an Bruttosozialprodukt ausweisen. Großkonzerne setzen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit durch, was internationale Wirtschaftsabkommen wie TTP, TTIP etc. belegen, in denen Deregulierung und Angleichung nationaler Vorschriften als Effizienzsteigerung und somit „Wachstum förderlich“ verkauft werden – was allgemein akzeptierter Logik nach Arbeitsplätze schafft (ungeachtet der Realität).

Das Totschlagargument für verunsicherte Abgeordnete, vor hoher Arbeitslosigkeit haben deutsche Politiker wirklich Angst, folglich votiert eine ausreichende Mehrheit mit Ja.

 

SAALDIENER DES  GELDES

Die Politik hat sich der Wallstreet und den Oligarchen völlig ergeben. Kein Wunder, werden in den USA Wahlkämpfe, und zwar alle, von kommunaler bis nationaler Ebene, einschließlich der von Sheriffs und Richtern, weitestgehend durch „Spenden“ privat finanziert. 2010 im „Citizen United Prozess” wurden Corporations vom US-Supreme-Court Personenrechte zugesprochen. Eine katastrophale Entscheidung. Jetzt dürfen Konzerne und Milliardäre den Kandidaten ihres Vertrauens unbegrenzte Summen spenden. Diese Geldgeber finanzieren „Super-Pacs“ zur Wahl ihres Favoriten. Wobei die zwingende Logik des Systems lautet: „Ohne Wahlkampfwerbung keine Stimmen. Je größer die Werbung, desto mehr Stimmen. Je mehr Geld für den Wahlkampf, desto mehr Werbung für Stimmen.“ Und natürlich verlangen die Lobbyisten von den so in Parlamente und Ämter gehievten Kandidaten die Durchsetzung ihrer Interessen, ihrer Vorgaben: „Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing.“ Wie unlängst Donald Trump, diese laut blökende faschistoide Berlusconi-Kopie auf Steroiden, derzeit irrlichternder Präsidentschaftskandidat der Republikaner, im Fernsehen klipp und klar formulierte. Das „demokratische Vorbild” der – sogenannten freien – Welt ist demnach keine echte Demokratie sondern „eine von Banken und Industrie finanzierte, eine gelenkte Republik“, wie Gore Vidal wusste.

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Ein weiteres zentrales Problem ist die sogenannte revolving door, die Drehtür, durch die Berater zu Politikern, Politiker zu Managern, zu Lobbyisten, und wieder zu Ministern, werden. Entscheidungen in den Parlamenten werden von den Leuten herbeigeführt, die nach ihrer Rückkehr in die Wirtschaft von diesen Entscheidungen mächtig profitieren. (Für Deutschland seien die Namen Schröder, Riester und Rürup stellvertretend für viele andere Nutznießer genannt.) Die „Drehtür-Herrschaften“ bilden eine „Elitekaste“, die sich systematisch an der Allgemeinheit bereichert. Ein solches Verhalten findet sich in der Weltgeschichte schon bei den Babyloniern. Neu ist heute lediglich die Dimension der korrupten Profiteuere. Das Vermögen von Donald Trump, abgesehen von den Milliarden, die er von seinem Vater, einem üblen Immobilientycoon, geerbt hat, wurde vor allem durch geschicktes Spielen auf der Klaviatur der Korruption angehäuft. Heute verkauft Trump seine strafbaren Handlungen als Qualifikation. Nur er weiß, wie man der Korruption den Garaus macht: Only a corruptor can fight corruption. (Die Möglichkeitsform ist solchen Charakteren wesensfremd.) Als Alternative der Demokraten erscheint am Horizont das kleinere Übel: Hillary Clinton. Wallstreet und Ölbranchen finanziert, ist die vormals frustrierte First Lady keine Alternative, sondern ein PR-Kunstprodukt, das sich je nach Fokusgruppenbefragung ständig „neu erfindet“ und dabei ihre Verlogenheit und brutale Skrupellosigkeit, wie zuletzt als US-Außenministerin unter Beweis gestellt, als präsidiale Tugenden preist. Angesichts diese Kandidatenpanoptikums – und der herrschenden Politriege in Europa (von Amt und Würden mag ich nicht sprechen wollen) – drängt sich nicht nur bösen Zungen die Frage auf, ob das Wahlvolk wirklich die Politiker verdient, die es bekommt? Der Gedanke, die sich als Alternative anbiedernden Brandstifter würden übernehmen – „wir wollen an die Macht“, rülpsen laut die just von 190.000  Mecklenburg-Vorpommerschen Flachköpfen gewählten Faschos – ist noch viel unerträglicher.

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FÜR DEN  MENSCHEN

Auch das ist eine Erkenntnis des Kollaps von 2008: Die mit einem 700 Milliarden US-Dollar Bailout gestützten Unternehmen – Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – bestimmen nach wir vor das Spiel und verdienen besser denn je. Ungeachtet der Folgen ihres wirtschaftlichen Agierens für die Mehrheit der Bevölkerung in den USA und vielen anderen Staaten. (Die Menschen haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, darum tauchten die Bankmanager nach öffentlich demonstrierter Reue, hoch und heilig gelobter Besserung, Kniefall und anderer geheuchelter Demutsgesten, einige Zeit später aus der Versenkung wieder auf, um weiterzumachen wie bisher. Allerdings besser bezahlt.) Durch die Sozialisierung der Schulden – die Bailouts für die Banken, die auch in Europa, dem amerikanischen Vorbild folgend, eilig vorgenommen wurden – stieg die Schuldenlast vieler Staaten. Die kriminellen Ratingagenturen, die vor der Krise noch die Finanzprodukte der Großbanken, wie Subprime-Mortgages, ohne Prüfung mit Bestnoten bewerteten, AAA, stuften die Staaten aufgrund ihrer hohen Schuldenlast drastisch herab. Mit sinkender Kreditwürdigkeit, stieg das Risiko für Staatsanleihen und folglich auch die Kosten in Form von Zinsen für mittel- und langfristige Papiere. Den überschuldeten Staaten drohte die Insolvenz, sie würden weder ihre Zinsen noch ihre Schulden bei den Kreditoren, den internationalen Banken, tilgen können. Im Gegensatz zu Unternehmen in der freien Wirtschaft – die gehen in Konkurs und dann ist das schöne Geld futsch – kann man Staaten in die Haftung zwingen. Genau das taten die Banken, indem sie Druck auf die Politik ausübten. Die Regierungen mussten wiederum handeln und nun Staaten ausbailen. Unter einer Bedingung: Staatsausgaben drastisch senken.

Und so handelten die Staatenlenker – allen voran die deutsche Bundesregierung – mit Zuckerbrot und Peitsche. Milliardenhilfen, um den Banken die fälligen Staatsanleihen zu bezahlen, gekoppelt an einen strikten Sparkurs, engl. Austerity, der massive Steuererhöhungen, Privatisierung von Staatseigentum und den Wegfall von Sozialleistungen bedeutet. Die Folgen dieser aufgezwungenen Politik für die Schuldnerstaaten, sind Rückgang des Bruttosozialproduktes, steigende Arbeitslosigkeit und noch weniger die Möglichkeit für die Staaten ihre Schulden zu tilgen. (Griechenland muss nicht weiter erläutert werden.) Vor den erschreckenden sozialen Verwerfungen haben die Regierenden allerdings Muffensausen.

by Unknown photographer, bromide print, 1933

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ANGST UND FRUST REGIERT

Seit Mitte der 90ziger Jahre wurde die Polizei systematisch paramilitärisch aufgerüstet. Robocop hat bei den modernen Riotcop-Hundertschaften scheinbar Pate gestanden. (Das hätte der alte Satiriker Paul Verhoeven nicht gedacht.) Die einst aus Furcht vor Terrorismus und außerparlamentarischer Opposition verabschiedeten Gesetze zum Schutzes des Staates vor Feinden im Inneren (wie 1968 die sogenannten „Notstandgesetze” in der Bundesrepublik), sollen nun scheint’s vor Aufständen der sozial benachteiligten Randgruppen schützen. Sogar über den Einsatz der Armee im Inneren wird von den Geistesheroen – unter der an Geistesheroen nicht gerade armen deutschen Politikerkaste – nachgedacht. Die wollen allen Ernstes die Bundeswehr innerhalb Deutschlands einsetzen zu können, natürlich nur unter strengen Auflagen und wenn die Lage es wirklich erfordert, wie Terrorabwehr oder Flüchtlingsabwehr, je nach dem. Eine Lage, die sie selbst mit ihrer Politik herbeiführen. Gerade in der Krise entlarvt sich die EU als das was wirklich ist, eine Wirtschaftszweckgemeinschaft, von der die Mitgliedsstaaten nur eines wollen: ordentlich profitieren. Verbreitet sich die Ansicht, dies sei nicht mehr in dem gewünschten Rahmen möglich, dann erstarken die Absetzbewegungen, wie der „Brexit“ von Groß Britannien zeigt. (Dessen Leave-Kampagne dazu noch von kriminellen Off-Shore Profiteuren finanziert und betrieben wurde.) Die große europäische Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, will sich das finanzstandartisierte Europa nicht mehr leisten. Frei nach Oberfinanzdrakon Schäuble: der europäische Stabilitätspakt lässt sich von demokratischen Entscheidungen nicht beeinflussen.

 

KATHARSIS FÄLLT  FLACH

Ob die oben gestellte Frage damit beantwortet ist? Teilweise zumindest. Und jetzt? Was tun mit den Erkenntnissen, die eine unbestimmte, blinde Wut nähren? Am besten ganz schnell System bestätigende „serielle Erzählformate“ anschauen und stellvertretend deren Protagonisten die unleugbaren Dissonanzen des Alltags abarbeiten lassen. Die Bequemlichkeit des Zuschauers obsiegt solange, bis die Balance von angenommener Trägheit zu wahrgenommener Bedrohung kippt. Dann empört sich der Zuschauer und tritt laut schreiend den Flatscreen aus dem Wohnzimmer, weil das Ablassventil seiner Wahl nicht in die 5. Staffel geht: „Diese Schweine. Ich bringe sie alle um!“ Wahlweise bietet sich Erkenntnisgewinn mit Le petit bleu de la cote Ouest an.

 

ANTIZIPIERTER LESERUNMUT

Hey, was soll der ganze Mist mit den USA? Wir leben hier schließlich in Deutschland und wir sind Weltmeister und überhaupt „auf Erfolgskurs“, wie die jüngste PR-Kampagne der Regierungspartei mit C im Kürzel schreckensbleich in den Wählerwald posaunt. Wutbürgern und Erfolgsbeschwörern schiebe ich eine leidige bundesrepublikanische Erkenntnis ins Rektum: Was den Briten ihre special relationship mit den Amis ist (heißt Schulterschluss beim Angriffskrieg), ist den Deutschen ihre analefetischistische Unterwürfigkeit. Siehe NSA-Abhörskandal, siehe BND-Affäre, siehe Austeritätspolitik, siehe Afghanistan, siehe… siehe…  (Sorry, das heißt ja Kontinuität in der Außen- und Bündnispolitik.) Auf den Musterbuben ist Verlass.

 

Geschrieben zu Wild-Honey Pie im Endlosloop im Bodennebel der globalen Sommererwärmung.

MiC

 

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Kleiner Nachtrag zur neuen MANCHETTE-Verfilmung by Martin Compart
27. März 2015, 2:20 pm
Filed under: Alain Delon, Film, MANCHETTE | Schlagwörter: , ,

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„Egal was die Kritik sagt: Ich halte die Verfilmungen von Chabrol oder Bral nicht für besser als die durch Delon und Deray. Von mir wird man kein schlechtes Wort über Delon hören; er hat mir mein Appartement bezahlt.“

Manchette in einem Gespräch mit MC.

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P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.



THE GUNMAN by Martin Compart
20. März 2015, 10:46 am
Filed under: Film, MANCHETTE, Noir | Schlagwörter: , , ,

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Würdigung zum Kinostart

von MiC

Die Poster sind online, ein neuer Trailer auch schon da und jetzt kommt der Film in die Kinos. Die Rede ist von THE GUNMAN, Pierre Morels loser Adaption von „La Position Tireur Couché“, dem letzten noch zu Lebzeiten erschienen Roman von Jean-Patrick Manchette. Allerdings machen Trailer und Pressetexte deutlich, mit der Vorlage hat der Film wenig gemein. (Auch wenn pünktlich zum Start die amerikanische Übersetzung von 2002, damals mit dem Titel THE PRONE GUNMAN veröffentlicht, nunmehr als Tie-in novel unter dem Filmtitel neuaufgelegt wird.)

Die Vorlage:  LA POSITION TIREUR COUCHÉ

73646_0[1]In einem Brief an Pierre Siniac sprach Manchette 1977 von einem Projekt über einen professionellen Killer. „Ich arbeite an einer Figur, die an und für sich völlig uninteressant ist, weshalb es sich im Wesentlichen um eine Stilübung handelt.“ Und was dies für Manchette bedeutete, hatte er in den Chroniken dargelegt,  „einen Roman noir heute zu schreiben heißt, ich mache es wie die Amerikaner, nämlich völlig anders, einer veralteten Form treu zu bleiben, heißt sie genau zu befolgen, ja sie zu achten bedeutetet sie ins Äußerste zu verdrehen. Genau das versuche ich in meinem neuen Projekt.”

Um Manchettes Ansatz zu verstehen, muss man sich seine Haltung zum Schreiben, zur Kunst, zur sozialen Wirklichkeit seiner Zeit, vor Augen führen. In Schlagworten: „Schreiben bedeutet für mich Broterwerb; der Roman noir ist die moralische Literatur unserer Zeit; er ist ein Produkt für den Markt, ein Nahrungsmittel, er entstand in den 1920-ziger Jahren, als Reaktion auf die Hochphase der Konterrevolution, die mit dem Zweiten Weltkrieg die Revolution endgültig besiegte.” Für Manchette hat der Roman noir seine wesentliche Formsprache in nur zehn Jahren, zwischen dem Erscheinen von RED HARVEST, Dashiell Hammett 1929, und THE BIG SLEEP, Raymond Chandler 1939, gefunden. Vierzig Jahre nach Hammett, Anfang der Siebziger des 20. Jahrhunderts zu schreiben, bedeutete für ihn, der sich politisch als ein marxistischer Anarcho bezeichnete, der neuen sozialen Wirklichkeit nach 1968 gerecht zu werden. Dazu gehörte für ihn auch die Hoffnung auf eine tiefgreifende, gesellschaftliche Veränderung, die letztlich enttäuscht wurde. Seine zweiten und dritten in der Serie noir bei Gallimard veröffentlichten Polars, L‘AFFAIRE N’GUSTRO (1971) und NADA (1972), waren hochpolitisch, mit Erscheinen von LE PETIT BLEU DE COTE OUEST (1976), seinem siebten Polar, begann Manchette bereits nicht mehr an die gesellschaftliche Veränderung, an einen Sieg der revolutionären Kräfte über den Kapitalismus zu glauben. Hoffnungslosigkeit machte sich breit.248681[1]

(Das Scheitern verzweifelter Aktionen Einzelner prägte seine letzten drei Polars. In „Le Petit Bleu“ irrt ein von den Produktionsverhältnissen entfremdeter George Gerfaut nach überstandenem Abenteuer und der Tötung von zwei Menschen und einem Hund, weiterhin im Kreis durch sein Leben. Die gefährlichen Erlebnisse haben keine charakterliche Wandlung bewirkt, höchstens eine geschmackliche Veränderung: er trinkt lieber Bourbon statt Whiskey. (Auch wenn die Werbung dem Konsumenten glauben machen will, es verhielte sich umgekehrt, die Wahl des Alkohols sei nichts weniger als eben das, eine Charakterfrage.) Im Jahr darauf erschien „Fatale „(1977) , hier metzelt die freiberufliche Killerin Aimee, nachdem sie den größten Coup ihrer Karriere an Land gezogen hat, die korrupten Bürger Blévilles, ihre Auftraggeber, dahin, um am Ende von einer Kugel wahrscheinlich tödlich getroffen ohne ihr Salär mit dem Fluchtauto zu verunglücken. N.B. Ein plötzlicher Ekel vor den Machenschaften der Bourgeoisie löste Aimees mörderischen Sinneswandel aus.)

Manchette mit seinem deutschen Übersetzer und Herausgeber 1988 in Gijon.

Manchette mit seinem deutschen Übersetzer und Herausgeber 1988 in Gijon.

Die neue soziale Wirklichkeit gebot Manchette, „ich bin ein unverbesserlicher Intellektueller und schäme mich dessen nicht”, eine neue Herangehensweise an den Polar. Seine literarische Inspiration fand er bei Hammett und Flaubert, sowie bei Guy Debord und der Situationistischen Internationale. „Situationistisch” an einen Roman noir heranzugehen, bedeutete für Manchette referenziell zu arbeiten. Das hieß einerseits, Genrekonventionen- und Stereotypen genau zu befolgen – wie der Basisplot in Tireur Couché „ein Killer will aussteigen, was seine Bosse verhindern wollen” oder die gewählte behavioristische Erzählweise, getreu dem Vorbild Hammetts in „Maltese Falcon“ und „Glass Key“ –  andererseits entlehnte er seine stilistischen Ausflüge bei Flaubert und ließ in der völligen Verdrehung die Detournement-Idee von Debord erkennen.

Die Vorlage von „The Gunman“ ist daher nur scheinbar ein klassischer Roman noir, der Begriff Stilübung, der letztlich die Wiederholung, die Kopie bezeichnet, ist eine Untertreibung des Verfassers. Dieser Roman gehört ebenso in die Genreliteratur wie in die modernistische, experimentelle Literatur von Robbe-Grillet oder Perac. (Was für Manchette übrigens überhaupt kein Qualitätssiegel war. So schrieb er in einem Brief an Siniac, „literarische Ambitionen sind mir zuwider.”)

Im Gewand einer ausgelutschten Auftragskiller-Story, erzählt Manchette die kleinbürgerliche Sehnsucht von Martin Terrier, eines Außenseiters, der es allen die ihn einst schassten zeigen wird, wenn er nach zehn Jahren in den Heimatort zurückkehrt, um als gemachter Mann seine Liebste – die ihm auch noch für zehn Jahre die Treue verspricht – zu heiraten.43899_0-188x260[1] Ein schöner Wunschtraum. Natürlich ist die Liebste inzwischen verheiratet und lebt desillusioniert neben ihrem Ehemann daher. Sie trinkt zu viel, langweilt sich und vögelt herum. Mit dem Ausstieg aus seinem Killer-Job (den Terrier für eine mit dem französischen Geheimdienst assoziierte Gruppe ausübt, in deren Auftrag er Kommunisten, Anarchisten, sowie ehemalige Militärs aus dem damals noch existierenden Ostblock tötet), verliert er schrittweise die Kontrolle über sein Leben. Anhand der Figur des Martin Terrier, zieht Manchette nun den klassischen Noir-Plot auf links und übersteigert ihn bis ins Absurde. Dabei legt er nicht nur die Naivität und Borniertheit seines Protagonisten offen, sondern entlarvt zugleich unser kapitalistisches System. Kleinste Details summieren sich zu einer komplexen Geschichte, einer Situationsbeschreibung unserer Gesellschaft, die ein genaues Hinsehen erfordert. Der Autor macht es dem Leser nicht leicht. Auf das Innenleben der Figuren und ihre Motivation muss man anhand ihres Verhaltens und ihrer Aussagen schon selber schließen. Niederlage und Ausweglosigkeit bestimmen den Roman. Am Schluss steht ein großartiges und sehr böses Ende für den vollends gescheiterten Martin Terrier.

Der Film: THE GUNMAN

Aus Martin wird nun Jim, aus einem Ich-fixierten Aufsteiger mit einem klaren Ziel, wird ein Auftragskiller, der glaubt dem Guten zu dienen, der sozusagen aus Idealismus tötet, um das Böse zu bekämpfen – und der alle seine Einsätze filmt, damit er sich absichert – denn man weiß ja nie. Jim Terrier ist Mann mit Idealen und Gewissen, einer der tut, was getan werden muss, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Einer der mit sich hadert – ist Töten gut oder nicht doch böse? – und der doch nur ein bisschen Glück mit seiner Liebsten (er)leben will. Natürlich sind da seine Vorgesetzten vor. Die Schlimmen. Jetzt schlägt der Jim zurück und Regisseur Morel kann es krachen lassen. Hochkarätige Gesichtsverleiher garantieren bestes Entertainment: Javier Bardem, Idris Elba, Ray Winstone, und in der Hauptrolle der politisch sehr engagierte Hollywood-Linke Sean Penn, der als Star und Finanzierungsmagnet seine Weltsicht gleich schnell mit ins Drehbuch schrieb. – Danke, Sean, wir wissen es jetzt, setzen.

Der Film braucht die Vorlage nicht, die Vorlage braucht den Film nicht.

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Nach LE CHOC (1982) ist THE GUNMAN die zweite „Verfilmung der Vorlage“. Autorensohn Tristan-Jean, der unter dem Pseudonym Doug Headline selbst den Kreativen gibt, haut derzeit scheinbar die Verfilmungsrechte des väterlichen Oeuvres heraus: „Le Petit Bleu“ ist in Development, Christopher McQuarrie soll Regie führen, Colin Firth möglicherweise George Gerfaut spielen; dazu wird LAISSEZ LES CORPS BRONZES (1971), der Serie noir Erstling von Manchette, in Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Bastid entstanden, von einem belgischen Filmemacherpaar in diesem Jahr in die Kinos gebracht. 9782070781492[1]Nach dem frühen Tod Manchettes, hat sich der Sohn um das Erbe des Vaters sehr verdient gemacht, in dem er die Chroniken, die gesammelten Filmkritiken, und sogar die Tagebücher der Jahre 1966-74 veröffentlichte, dazu Sonderausgaben und Monografien über Jean-Patrick Manchette anschob, und zusammen mit  Max Cabanes auch gleich zwei Comicadaptionen produzierte. (N.B. Offenbar in alter Verbundenheit aus Griffu-Tagen, hat Jacques Tardi mittlerweile drei Manchette-Romane als Comic adaptiert.) Irgendwie kann ich mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass die finanzielle Auswertung des Erbes vollends ins Zentrum von Juniors Streben gerückt ist. Auch wenn ein Film immer eine Interpretation der Vorlage ist und sicherlich von ihr abweicht, wenn nicht zwangsläufig abweichen muss, so stellt sich die Frage, warum diesen Film überhaupt so machen? Ein Killer der aussteigen will und mit seinem bisherigen Auftraggeber in Konflikt gerät, ist mittlerweile ein eigenes Genre. Dazu braucht man die Romanrechte nicht. Zudem ist die Anzahl der Manchette-Fans weltweit  überschaubar, der Vorverkauffaktor eher gering, selbst wenn durch Neuveröffentlichungen im letzten Jahrzehnt in Deutschland, den USA und in England, ein größeres Publikum, und damit eine neue Lesergeneration, gewonnen werden konnte. jpm[1]

Wäre gerade für Manchette-Fans nicht eine gewisse Werktreue reizvoll? Ist die Kritik an unserer kapitalistischen Gesellschaft heute nicht wichtiger denn je? (Die große Aktualität von Manchettes Polars überrascht den kritischen Leser nicht. Sie beziehen sich zwar auf Frankreich vor vierzig Jahren, nur hat sich wenig bis gar nichts geändert. Die herrschende gesellschaftliche Ordnung sorgt dafür. Halt! Etwas hat sich doch geändert: der Kapitalismus hat inzwischen die gesamte Welt vollends im Chokehold, eine gesellschaftliche Alternative ist völlig unvorstellbar. Die negativen Auswirkungen, wie Umweltverschmutzung, globale Erwärmung, drastische soziale Ungleichheit, Kriege um Ressourcen, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit, nehmen rasant zu. Proteste werden von Robo-Cops niedergeknüppelt. Schöne neue Welt. Danke Markt.)

Manchette-Junior pflegt das Erbe seines Vaters, indem er die Rechteverwertung managt und schön die Hand aufhält. Das sei ihm gegönnt. Vielleicht tue ich ihm aber auch Unrecht, und die französischen Produzenten von „Le Choc“ hielten die noch Rechte an dem Buch, oder der Verlag hatte seine Finger im Spiel, und sie haben diese meistbietend verkauft. Irgendeiner im Kollektiv der Niederträchtigen wird’s schon gewesen sein. Natürlich könnte man auch sagen, dass gerade diese Form der Verfilmung die totale situationistische Verdrehung ist – die völlige Antithese und zugleich auch Synthese, weil der Stärkere am Ende immer siegt – unabhängig seiner ideologischen Gesinnung.

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(Bei dieser Kritik folge ich dem Beispiel Hegels und Manchettes selbst – natürlich habe ich den Film nicht gesehen. Warum? Ich weiß auch so, wo von ich rede.)

What’s left when the dust has settled? –  Manchette liebte Parenthesen.

MiC, 19.03.2015

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P.S. Hier kriegt der Film nochmal richtig was auf die Nase: http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2015/03/the-gunman/388218/



Komickatapion von Noahr-Autor Joan Marie Mahnnkett in der ZDF-Kulturzeit by Martin Compart
20. Januar 2015, 7:19 pm
Filed under: Deutsches Feuilleton, MANCHETTE, TV | Schlagwörter: ,

Wer bisher geglaubt hat, die Deppen vom Lerchenberg sitzen vornehmlich in den Unterhaltungs- und Serien-Redaktionen, wurde eines Besseren belehrt:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=48828
1:45, die man gesehen haben muss, um es zu glauben.



NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).
http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: KINO DER BLICKE von HANS GERHOLD by Martin Compart

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Ja, ich weiß: dies ist ein Sachbuch und kein Roman. Und? Ich kenne fiktionale Thriller, die sind stinklangweilig, und ich kenne Sachbücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann und Angst vor der letzten Seite hat. Hans Gerholds Geschichte des französischen Kriminalfilms gehört zu letzteren. Es ist eines der fünf besten Film-Bücher, die ich je gelesen habe – vielleicht das aufregendste. Gerhold hat leider nur wenige Bücher geschrieben (darunter das wohl schönste Buch über Woody Allen ), schreibt regelmäßig Kritiken (die „Westfälischen Nachrichten“ sollte man schon seinetwegen abonnieren), Beiträge in Anthologien und hält Vorlesungen. Aber es sind zu wenige für die kleine, aber anspruchsvolle Gemeinde seiner Fans. Wäre die deutsche Journaille weniger verkommen, würde man ihn abfeiern wie die Amerikaner ihren David Thomas. Wir haben ja zum Glück einige gute Filmkritiker, aber Gerhold ist ganz klar die Nummer Eins. Kein anderer schreibt so unterhaltsam und gleichzeitig analytisch wie er.

39ccb7b09cGerhold, der ganz richtig einen offenen Gattungsbegriff als Ansatz wählt, hat mit KINO DER BLICKE nicht nur die beste historische Entwicklung des Sujets geschrieben, sondern auch eine sozio-kulturelle Geschichte Frankreichs: „…dass die wichtigsten Beispiele des polar stets auch typische Produktionen gewesen sind, die soziale Veränderungen und Entwicklungen transparent machen und, bei aller Relativierung, Zeitdokumente sind“. Wie brillant er als Theoretiker und Rhetoriker ist, zeigt schon die Titelwahl der Einführung, in der er seine Vorgehensweise verdeutlicht: „Wahl der Waffen“. Um dieses Buch beneiden uns die Franzosen, denn nicht einmal sie haben ein intelligenteres und spannenderes zum Thema. Gerhold berücksichtigt natürlich auch die literarischen Einflüsse und nennt Autoren, die viel zu oft nicht gewürdigt werden – jedenfalls im kulturell verspäteten Deutschland (etwa Alphonse Boudard). Es sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, die dieses Buch zum Musterbeispiel der Filmtheorie machen.

Das Buch ist von 1989 (Fischer Taschenbuch) und seitdem nicht mehr (aktualisiert) aufgelegt worden – ein weiteres Indiz für den erbärmlichen Zustand der Verlage, die bei uns Filmliteratur im wahrsten Sinne des Wortes „verlegen“. Es zeigt wohl, wie genügsam sie bei geistiger Nahrung sind in einer Ära reduzierter Erwartungen.

45637091Ich kenne Gerholds Schreibe seit dem legendären Hanser-Buch über Melville (1982). Es war neben Nogueiras Interviewband mit dem Meister Quell und Inspiration für andauernde Diskussionen zwischen Jörg Fauser und mir. Fauser war ebenfalls ein Afficionado des französischen Gangsterfilms und wir sahen uns jeden an, den wir nur zu sehen bekommen konnten (bei LE CHOC, nach Manchette, haben wir damals brüllend vor Wut das Kino verlassen als Catherine Deneuve ihren ersten Auftritt hatte, in Gummistiefeln Gänse fütternd). Sätze wie „wie Gerhold richtig bemerkte“, fielen fast an jedem Tresen, den Jörg und ich bei unseren alkoholisierten Reisen durch die Nacht adelten.
Ich habe Hans erst Ende der 1990er Jahre kennen gelernt: Wir waren beide Juroren in einer Jury des Grimme-Preises (nicht um Auszeichnungswürdiges zu finden, sonder um das Schlimmste zu verhindern). Ich hatte schweißnasse Hände vor der ersten Begegnung, wie man sie nur hat, wenn man nach Jahren der Bewunderung einem Idol wie Mick Jagger oder Hunter S.Thompson gegenüber tritt. Durch permanentes Nerven gelang es mir sogar, ihn zur Mitarbeit an meinen Noir-Readern zu nötigen.

Zum Glück kann man KINO DER BLICKE noch antiquarisch auftreiben. Ich selbst habe drei Ausgaben: eine zerlesene, mit Unterstreichungen misshandelte Loseblattsammlung, eine zur wiederholten Lektüre (man findet immer wieder neues) und ein jungfräuliches Exemplar für alle Fälle. Aber es ist schon verdammt ärgerlich, dass dieses Buch nicht – wie gesagt: aktualisiert – als fett bebildeter, großformatiger Luxusband neu aufgelegt wird. Wo bleibt eigentlich der Taschen-Verlag, wenn man ihn braucht?



MANCHETTE by Martin Compart
1. Februar 2012, 10:11 am
Filed under: Fotos, MANCHETTE | Schlagwörter: , ,

Wiedergefunden: Die Fotos mit Jean-Patrick Manchette und Walter Popp in Gijon 1988: