Martin Compart


TIM WILLOCKS – Geschichten aus der Gruft by Martin Compart
18. Februar 2010, 1:13 pm
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Drehbuch, Film, Krimis, Noir, Porträt, Rezensionen, thriller, tim willocks | Schlagwörter: ,

Der Kosmos war amoralisch und scherte sich einen Dreck um das, was in Menschen vorging. Alle Männer – alle Frauen – waren in ihrer tiefsten Seele gewalttätig und schlecht. Alles, was die Zivilisation erschaffen hatte – Gesetzeswerke, Religion, Kunst – war nichts als ein bröckelnder Schutzwall, der immer wieder durchbrochen wurde und nur dem einzigen Zweck diente: die gewalttätige, tobende See des Bösen im Menschen einzudämmen“, heisst es in RACHEGÖTTIN.
Wenn kein Gesellschaftsvertrag existiert, der das Zusammenleben regelt, gibt es nur noch den Krieg aller gegen alle, verkündete der Philosoph Thomas Hobbes. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wie das aussieht, leuchtet Willocks in seinem Gefängnisroman DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER aus. Er beschreibt 24 Stunden im schlimmsten Knast der Welt. Eine unerträgliche Atmosphäre aus Gewalt und Perversion beherrscht Green River. Und der durchgeknallte Direktor, der nicht von ungefähr Hobbes heißt, tut alles, um die Bedingungen zu verschlechtern, damit die letzten zivilisatorischen Regeln zum Klo runtergespült werden. Er zieht die Repressionsschraube immer weiter an, bis die kritische Masse explodiert und es zur ultimativen Schlacht zwischen Bestie und Geist kommt. Das Finale ist schlimmer und härter als ein Auftritt der NO ANGELS. Nach der Lektüre beherzigt man gerne Alfred Hitchcocks Ratschlag für Filmemacher: „Bleibt aus den Gefängnissen raus.“ Alan Pakula hat die Filmrechte an diesem wahrscheinlich bisher besten Knastroman erworben.
In einer BRAVO für Gruftis würde sich Tim Willocks bestens als Starschnitt eignen: Unter langen roten Haaren die bleiche Haut und die Augen eines Vampirs, der dringend eine Blutinfusion benötigt. Intensive Augen, die zuviel gesehen haben und zuwenig vergessen können. Mit seinem Freund Nick Cave könnte er auf dem Friedhof einen Schlafplatz teilen. Aber der ungesunde Eindruck täuscht: Sein Körper ist gestählt durch ein halbes Leben Shotokan-Karate, Schwarzgurt seit ’86. Hauptberuflich arbeitet der Psychiater und Mediziner nicht in einer Blutbank, sondern mit Junkies und anderen Drogenfreaks. Tim Willocks ist ein Krieger-Schamane, der Bücher und Filme schreibt.
Und was für Bücher! Nichts für Leute mit einer schwachen Pumpe. Willocks beschäftigt sich nur mit Sachen, die Gott verboten hat. Wo sich Willocks herumtreibt, da schreibt man keine Fürstenromane. Kein Kerl der – wie heisst es so schön in albernen Klappentexten – ins „Herz der Finsternis“ reist; muß er auch nicht, denn genau dort lebt er. Er jagt den Leser durch Adrenalinausstöße, wie es nur ein Schriftsteller gewordener Psychiater mit einer Gewaltphobie kann. „Ich habe mit zehn Jahren angefangen zu schreiben und mit fünfzehn wieder aufgehört. Aber die Schriftsteller, die ich in dieser Zeit las, hatten einen großen Einfluß auf mich: Camus, Sartre, Chandler, Spillane, Faulkner und Pynchon. Später dann Cormac McCarthy, Crumley und Ellroy. McCarthys BLOOD MERIDIAN ist mein Lieblingsroman. Gefährlich! Wenn ich McCarthy lese, habe ich eine Woche lang einen Schreibblock.“ Willocks‘ Psychopathen wollen die menschliche Gesellschaft überwinden, indem sie Tabus zerschmettern und in sinnlosen Blutbädern und Orgien waten, um den vorgesellschaftlichen Naturzustand herzustellen. Bis sie dann endgültig in eine der unteren Höllen auf Grund laufen. „Es gibt zuviel Hass in der Welt. Aber wenn wir keine Verwendung dafür hätten, würden wir ihn gar nicht empfinden.“ Folgerichtig heisst es in RACHEGÖTTIN: „Allein der Haß hatte Lena die Kraft gegeben, ihre geistige Gesundheit und ihr Selbst Wiederzufinden.“ Willocks nimmt keine Gefangene, hasst das Blair-Regime und scherrt sich einen Dreck um political correctness.
1957 in Manchester geboren, landete er 1994 mit seinem zweiten Roman GREEN RIVER RISING einen Welterfolg, der in 14 Sprachen übersetzt wurde. Der Freund des ehemaligen Stones-Gitarristen Mick Taylor wurde auch Analphabeten bekannt, weil er eine Affäre mit Madonna hatte. „Wir sind zusammen ausgegangen, haben uns verliebt – und dann war es plötzlich vorbei.“ Anfang der 90er war er Mitbegründer des Londoner Kurtztheatre. In den letzten Jahren schrieb er Drehbücher zu UNFINISHED JOURNEY, SWEPT FROM THE SEA und SWEET ANGEL MINE.
1991 debutierte er mit dem Roman BAD CITY BLUES, in dem er einige Charakteren einführte, deren weiteres Schicksal in RACHEGÖTTIN verhandelt wird. Willocks drückt den Leser tief in den Sumpf des amerikanischen Südens, lässt ihn die subtropische Klammheit in die Knochen kriechen und den dauernden Brandgeruch von Korruption, Folter und Mord in die Nase steigen. Irgendwie schaffte er es genug Geld aufzutreiben (auch mit der Hilfe von Dennis Hopper), um 1999 einen Film daraus zu machen. Regie führte Michael Stevens (der Enkel von George Stevens), der zuvor Produzent für Terrence Malick gewesen war. Die Musik verantwortete Mick Taylor. Willocks erinnert sich an Hoppers Großmut: „Er sagte zu Michael, dass sein Großvater ihm in GIGANTEN seine erste große Chance gegeben hätte, und das er deshalb jede Rolle in Michaels Film übernehmen würde. Und er bot uns seine Hilfe an, um den Film zusammenzukriegen.“ (Alle Informationen zu BAD CITY BLUES findet man auf der eigenen Homepage:www.badcityblues.com)
In RACHEGÖTTIN weidet Willocks Überlebende (und Tote) aus BAD CITY BLUES nochmals aus und hetzt sie wieder durch einen Southern Gothic: Clarence Jefferson, der böse Bulle, ist tot, hat aber einen üblen Nachlass hinterlegt, mit dem man die reichsten und mächtigsten Leute des Landes zu Fall bringen könnte. Erbe des Danaergeschenks ist sein einstiger Totfeind Cicero Grimes, der die Unterlagen suchen soll. „Der Mann hatte sein vergiftetes Netz in einem weiten Bogen über Raum und Zeit gesponnen, doch sein Genie lag in dem Umstand, dass er die darin gefangenen Menschen nicht selbst auffraß. Er ließ sie sich gegenseitig auffressen.“ Die komplexe Handlung wird zu einem apokalyptischen Finale geführt, das inzwischen Willocks‘ Markenzeichen ist. Zurück bleiben zutiefst leidende Charaktere und Leser, die noch lange grauenhafte Hironymus Bosch-Bilder im Kopf behalten.

DIE BÜCHER:
Bad City Blues, Arrow 1999.
Nich auf deutsch erschienen
Die Gefangenen von Green River (Green River Rising, 1994), Heyne 1998.
Rachegöttin (Bloodstained Kings, 1995), Heyne 2000.
Das Sakrament (Religion), Aufbau 2006.

http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

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JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 5/ by Martin Compart
17. Februar 2010, 5:08 pm
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Jörg Fauser, Noir, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: ,

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Eine Erkenntnis, die sich mir einmal mehr bewies, als eines Abends die Bullen bei mir klingelten. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus München, den ich
längst begraben wähnte.
Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft. Soviel Kohle hatte ich nicht bar, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort zum Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer Besseres als Knast vor? Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte damals in der Frontstadt manche kleine Wunder. Die Cops waren einverstanden
und führten mich zu Jörg ins 13. Arrondissement. Da Jörg Gäste hatte, mußte er zu Hause sein. Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein, und die Bullen wünschten uns noch einen schönen
Abend. Gibt wohl nicht viele Autoren, die ihren Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht, wenn wir uns trafen.
Ein feuilletonistischer Streuner, Haß in der Feder, hatte ihn angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muß, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen. Zeit seines Lebens wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt:
»Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert«.
Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrißbirnen nicht an ihn ran. Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name,
Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen Haß auf Jörgs Überlegenheit, den Haß darauf, daß er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Haß darauf, daß er in
jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold schürfte, Haß darauf, daß er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Haß auf ihre eigene Unzulänglichkeit. Noch
heute gibt es ja solche ewigen Buben (oft mit den Namen von Comic-Witzfiguren), die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, das von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. »Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn
untrüglich daran erkennen, daß sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden«, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser-Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.