Martin Compart


ZUM 75. VON JÖRG FAUSER by Martin Compart

Zur Erinnerung nochmal….

 

Lieber Alexander Wewerka,

wir sind wahrlich nicht freundlich auseinander gegangen (und diesen angenehmen Zustand ändere ich auch nicht mit diesen Zeilen), aber angesichts der neuen Peinlichkeit des Diogenes Verlages, muss ich Ihnen meinen Respekt aussprechen.
Diese Light Version einer Gesamtausgabe einer angeblichen Gesamtausgabe wird Ihre Kernertätigkeit nicht ersetzen.

Für Interessierte an Jörg Fauser bleibt Ihre geradezu von ihm besessene Edition drs Lesens- und Studierens wertere.

Mit wenig freundlichen Grüßen,

Martin Compart

Wewerka zu seiner Edition in: https://www.alexander-verlag.com/component/content/article/2-allgemein/aktuell/78-zu-joerg-fauser.html?Itemid=17

 

Der Tequila kommt heute gut
Mit Jörg auf der Piste

Heute gehe ich nicht trinken.
„Ich auch nicht.“
Mann, das war gestern zu hart.
„Ich brauch mal ’ne Pause.“
Mir wird schlecht, wenn ich nur an Bier denke.
„Das war vielleicht auch eine Dreckspisse in dem Laden da.“
Am Savignyplatz?
„Nee. Davor. Wo wir davor waren.“
Engelhardt oder so ähnlich.
„Pisswarm.“
Ekelhaft.
„Dabei lief es. Können in Berlin einfach kein Bier kühlen.“
Und brauen erst recht nicht. Kindl …
„Da muß man dann bis zum Stutti latschen, um ein vernünftiges Warsteiner zu kriegen.“
Weltstadt. Ist doch peinlich. Stell Dir vor, du kriegst Besuch von wichtigen
Biertrinkern.
„Weißt du nicht, wo du mit denen hingehen sollst.“
In München habe ich fast nur Dunkles oder Wein getrunken. Das normale Helle war auch nicht mein Fall.
„Außer in der Blauen Nacht.“
Ha, ha, ha.
„Ha, ha, ha.“
Die Blaue Nacht. Du meine Güte! Wo du dich rumgetrieben hast …
„Kennst du doch selber. Jetzt sag mir nicht, nur vom Vorbeigehen.“
Da war ich höchstens dreimal drin. Ich hatte ganz andere Bummskneipen drauf.“
Weissbierkeller?
„Härte zehn. Mein bißchen Geld hatte ich in den Socken, damit es mir keiner klaut.“
Die Kellner sollen K.O.-Tropfen reingeschüttet haben.
„Wie im Donisl.“
Bei mir nich.
„Nee.“
Bin immer vorher k.o. gegangen.
„Ha, ha, ha.“
Hi, hi, hi.

„Scheiß Sauferei.“
Immer saufen.
„Mir reicht’s erstmal.“
Aber wirklich.
„Ich geh heute mal früh ins Bett. Mal richtig auspennen. Dann ist man wieder richtig fit.“
Caesar hat gesagt, mit dreißig soll man den Wein verlassen.
„Ich fand Caesar nie so toll.“
Was die Erzählerperspektive angeht, ist er ein direkter Vorläufer von Ellery Queen.
„Hi, hi, hi.“
Wo hast du eigentlich diesen scharfen Anzug her?
„Welchen?“
Den du auf der Vertreterkonferenz anhattest. So silbern-blau …
„Aus England.“
Dachte ich mir, daß du sowas hier nicht kriegst. Scharfes Teil.
„Zieh ich gerne an bei Vertragsverhandlungen.“
Glücksbringer?
„Quatsch. Wenn du dich als Autor verkaufst, mußt du wie ein erfolgreicher Geschäftsmann aussehen.“
Verstehe.
„Ich glaub, ich geh nach Hause.“
Die Bleibtreu runter?
„Aber ich geh nich in diesen Scheißladen.“
Bist du verrückt? Im Leben nicht.
Savignyplatz. In diesem Rondell sind wir schon ganz schön rumgeturselt.
Kenne jeden Milimeter Kneipenboden.
„Im Zwiebelfisch ist noch nichts los.“
Um diese Uhrzeit nie.
„Laß uns mal kurz in die Dicke Wirtin gucken.“
Aber nur kurz.
„Ein Wasser. Oder ’ne Cola.“
Um Wasser zu trinken, muß ich nicht in ’ne Kneipe gehen.
„Nehmen wir ein Bier. Aber nur eins.“
Höchstens.
„Die haben auch Guiness.“
Nee. Heute nicht.
„Irgendwie zu muffig. Lieber was Frisches. Was Leichtes.“
Guiness haut immer so rein.
„Aber das Bier bei denen ist auch nicht gerade das Wahre.“
Eines werde ich schon runterkriegen.
„Eben.“
Genau.

„Zwei Guiness.“
Was macht Achim?
„Der spinnt.“
Hat er deine neuen Texte schon …
„Rumgemäkelt. Der eine … du weißt schon …“
Der mit …
„Ja. Ist ihm zu düster. Am Ende des Tunnels muß immer ein Lichtlein brennen.“
Ein was?
„Hoffnung. Ein Hoffnungsschimmer soll glühen.“
Damit er wieder in die ZDF-Hitparade kommt.
„So ungefähr.“
Nicht ganz dicht. Am Ende des Tunnels muß ein Lichtlein brennen.
„Wenn ihn da mal nicht der entgegenkommende D-Zug erwischt.“
Ha, ha, ha.
„Hi, hi, hi.“
Hast du schon die neue Stones gehört?
„Ja! Mehrfach! Wo Jagger das immer herholt …“
Ziemlich harte Texte auf „Undercover“. Böse und metallisch.
„Was mich an Jagger immer wieder fasziniert, ist die Souveränität mit der er sein Material beherrscht.“
Na, die Musik ist auch nicht von Pappe. Das härteste Stones-Album seit langem.
„So schlecht ist Guiness gar nicht.“
Gehaltvoller als das Bier. Ich hab heute auch noch nichts richtiges gegessen.
„Im Guiness ist alles drin, was der Körper so braucht.“
Gehaltvoll.
„Wir können ja gleich noch gegenüber ’ne Wurst essen.“
Mal sehen.
„Eins nehme ich noch. Ist ja noch früh.“
Noch nicht mal dunkel.
„Für mich ist „Undercover“ eine ihrer besten Platten.“
Deswegen verkauft sie sich auch schlechter.
„Wirklich?“
Erfüllt nicht die Erwartungen nach „Tattoo You“. Aber schließlich können sie es sich leisten, auch mal ne Scheibe für Leute wie uns zu machen. Leute die erkennen, wie souverän Jagger mit seinem Material umgeht.
„Souveränität ist die Voraussetzung für Professionalität.“
Eins geht noch. Ganz in Ruhe. Kein Drucktanken.
„Ein gepflegtes Guiness und ein zivilisiertes Gespräch.“
So muß das laufen. Nicht immer dieses reinballern und bis in den Morgen rumziehen und quatschen.
„Die Gespräche waren gut.“
Sind sie immer. Egal wie voll wir sind. Kommt immer was bei raus. Du kannst dir das wenigstens alles merken. Ich vergesse ja das Meiste.
„Gehört zum Job.“
Genau. Ein Schriftsteller muß sich was merken können und einprägen. Alles wird gut.
„Die schlimmsten Sachen habe ich weggelassen.“
Denk ich mir.
„Das war eine wirklich harte Zeit. München ist viel härter als Berlin, wenn du kein Geld hast.“
Das wollen die nur nicht glauben.
„…in ihrer ummauerten Sozial-WG. In München kämen die ganz schön unter die Räder.“
Kannste laut sagen. Da kommen nur die ganz harten Vögel durch.
„Eins geht noch.“
Klar. Ich nehme auch einen Tequilla dazu.
„—“
Mir ist irgendwie komisch im Magen. Aber auf zwei Guiness geht ein Tequilla. Da haut der nicht so rein.
„Das ist richtig. Ich nehme auch einen. Ist das beste für den Magen.“
Ätzt alles weg.
„Medizin. Wie eine Kalaschnikov.“
Noch zwei. Und zwei Tequilla. Den weißen.
„Die haben auch den braunen.“
Ich weiß. Aber mir ist der weiße lieber.
„Härter. Ehrlicher.“
Prost.
„Cheers.“
Der kommt jetzt aber gut.
„Baut auf.“
Mach nochmal zwei.
„Ist ja noch früh.“
Als ob wir nicht mal zwei Tequilla trinken können! Ist doch albern.
„Wir knallen uns ja nicht zu.“
Nee. Heute nicht.
„Cheers.“
Weg damit.
„Der Tequilla kam jetzt aber wirklich gut.“
Aber da brauche ich noch ein Guiness, um den richtig aus dem Rachen zu spülen.
„Ich nehm auch noch eins.“
Noch zwei Guiness und zwei Tequilla. Doppelte.
„Dann gehen wir mal woanders hin.“
Aber nicht in den Zwiebelfisch.
„Unter keinen Umständen.“
Da ist jetzt sowieso noch nichts los.
„Vor Mitternacht braucht man da gar nicht erst hinzugehen.“
Was hälst du vom Olivaer Platz?
„Ein Weinchen im Musikcafé?“
Waren wir ewig nicht. Letzte Woche irgendwann kurz …
„War zu voll. Wenn da zuviel los ist, gehe ich nicht gerne rein.“
Stimmt. Aber jetzt müßte es noch gehen. Oder in den Laden gegenüber …
„Ins Schalander?“
Da finde ich es auch immer ganz gut.
„Dann laß uns erst mal ins Musikcafé gucken auf ein Weinchen und dann rüber.“
Und wenn zuviel los ist, gehen wir gleich ins Schalander.
„Genau.“
Dann noch in diese eine Eckkneipe und über den Stutti nach Hause.
„Der liegt sowieso auf dem Weg.“
Da sind wir dann auch rechtzeitig zu Hause.
„Ist auch noch früh.“
Jetzt gehe ich sowieso noch nicht nach Hause. Ist mir viel zu früh.
„So machen wir es. Ist auch ein schöner Spaziergang.“Aber zum Olivaer nehmen wir ein Taxi.“
„Logisch. Ich hab jetzt keine Lust zwanzig Minuten zu laufen, bis ich was zu trinken kriege.“
Oder wir fegen quer durch und nehmen in jeder Kneipe auf dem Weg einen Drink.
„Hmm.“
Da kommen nicht soviele, was?
„Nichts gescheites.“
Die eine Weinstube …
„Die ist gut. Die haben ein paar schöne Tropfen.“
Aber dann kriege ich das Sauzeug im Musikcafé nicht mehr runter. Obwohl der Wein für so einen Laden geht.
„Lass uns lieber gleich zum Oliver fahren.“
Genau. Sonst wird das auch wieder zu lang. Man muß ja nicht jeden Abend um die Häuser ziehen.
„Ich zahl mal.“
Laß uns aber noch einen Tequilla auf den Weg nehmen. Diesmal braune. Ist mal was anderes.
„Der Tequilla kommt heute gut.“

„Die beiden Damen neben dir sahen aber verdammt gut aus. Schade, daß sie schon weg sind. Hast du mitgekriegt, worüber sie geredet haben?“
Leider. Sahen gut aus, aber die Dialoge waren schauderhaft.
„Keine Souveränität im Umgang mit dem Material.“
Doch, das schon. Aber kein souveränes Material.
„Ha, ha, ha!“
Hi, hi, hi.

„Ach nee! Hallo Herr Fauser. Na, mal wieder beim Saufen?“
Nicht daß ich wüßte.
„Wir saufen nicht, wir sind ernsthafte Trinker.“

Ho, ho! Und wo ist da der Unterschied?
„Den begreift man nicht unter einem gewissen IQ.“
Oder unter einer gewissen Promille.

„Und Ullsteins Krimi-Herausgeber auch wieder dabei …“
Springers einsamster Mann. Der Zerberus vor den Toren zur wahren Literatur des 20. Jahrhunderts.

„Kommen Sie am Samstag auch zur Lesung von …“
Leider nicht. Da bin ich nicht in Berlin.

„Schade. Da verpassen Sie etwas. Er liest so wunderbar …“
Mag sein. Aber leider laut.
„Und lange.“
Hi, hi, hi.
„Ha, ha, ha.“

„Na, dann… Noch einen schönen feuchten Abend die Herren.“
„Hoffnung ist das, was uns am Leben erhält.“
„—“
Was für ein Arschloch.
„Unglaublich.“
Wer hier alles verkehrt. Wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet.
„Ich nehm noch ’n Tequilla.“
Ich nicht.
„Was?“
Ich nehm lieber einen Doppelten.
„Hi, hi, hi.“
Den brauche ich jetzt. Muß mich erstmal von dem Arschloch erholen. Aber sowas passiert, wenn man mit Prominenten säuft.
„Dann sei froh, daß du mit mir trinkst und nicht mit Keith Richards.“
Den würden sie nicht blöde anquatschen. Was ist jetzt eigentlich mit unserem Annual Dinner? Gruppe Oberbaumbrücke.
„Ich weiß ein nettes Lokal.“
Gavin Lyall kommt am Donnerstag. Für den Ehrengast ist also gesorgt. Den anderen sage ich noch Bescheid“
Und Ross?
„Kann wohl nicht kommen.“

Du hattest den letzten Kontakt mit Ross.
„Habe ich dir erzählt, was er mir geschrieben hat, als ich ihm die Präsidentschaft der Gruppe Oberbaumbrücke angeboten hatte?“
Ja. Aber erzähle es nochmal. Ich höre es immer wieder gerne. Aber erst einen Drink auf Ross.
„Hundertprozentig.“
Gib uns nochmal zwei doppelte Tequilla. Weiß.
„—“
Auf Ross Thomas!
„The one and only.“
Den Meister. Erzähl schon.
„Ich habe ihm mitgeteilt, dass wir fünf Mitglieder in der Gruppe Oberbaumbrücke sind und er unser Präsident sein soll …“
Fünf?
„Ungefähr. Proll, Behrens, Miehe, du und ich. Ross antwortete, dass es ihm eine Ehre sei und er die Präsidentschaft einer so einflussreichen Organisation gerne annehme.“
Ha, ha, ha.
„Und er meinte auch, wir sollte ein paar Leute rausschmeißen, um ein wirklich exklusiver Klub zu werden.“
Mann, ist der gut! Seit Chandler schreibt niemand bessere Dialoge.
„Niemand. Irgendwann schreibe ich mal einen Essay über die Krawatten der Charaktere bei Ross Thomas.“
… die Krawatten?
„Noch nicht aufgefallen? Du musst mal darauf achten. Ross beschreibt fast immer die Krawatten seiner Figuren. Und jede ist anders.“
Verdammt! Sollen wir hier noch einen nehmen?
„Laß uns lieber woanders hingehen. Irgendwie öde hier.“
Als das Arschloch kam, ist mein Bier geronnen.
„Hier müssen wir so schnell nicht mehr hin.“
Nee.
„Der Tequilla ist zu warm.“
Aber er kommt gut, heute.

Ich hasse es im Hellen aus der Kneipe zu kommen.
„Da muß man eben durch.“
Nach Hause schleichen, wenn die Graden zur Arbeit marschieren.
Frühstück wäre gut.
„Ins Schwarze Cafe?“
Ich brauch‘ jetzt ein Weißbier.
„Und eine Leberknödelsuppe. Das bringt einen wieder auf Vordermann.“
Ein frisches Weißbier.
„Mir kommt’s Bier zu den Ohren raus. Ich vertrag einfach nichts mehr.“
So ist das eben, wenn man alt wird.“
Ich muß im Verlag anrufen und Frau Schäfer sagen, daß ich heute nicht komme.
„Auf Recherche mit ’nem Autor.“
Wie selbstlos von mir. Und dann sagt Schäfer garantiert: Schönen Gruß an Herrn Fauser.
„Eine tolle Frau.“
Die beste Sekretärin, die man sich vorstellen kann. Absolut loyal. Das Weißbier ist ganz schön fade.
„Ich nehm noch eins.“
Was ist mit dem Vietnamesischen Stehausschank? Hat der schon auf?
„Keine Ahnung. Müßte eigentlich.“
Reiswein. Warmer Reiswein. Der wirkt Wunder. Ich habe mich regelrecht nüchtern gesoffen. Das ist vielleicht eine Scheiße.
„Dagegen kann man ja was unternehmen.“
„Ha, ha, ha.
„Hi, hi, hi.“
Oder dieser Latinoladen. Der hat auch durchgehend auf.
„Margaritas?“
Nicht so früh am Morgen! Was fruchtiges. Vitamine. Die brauchen wir nach der ganzen verdammten Qualmerei und Sauferei.
„Sehr gut.“
Auf dem Weg dahin kommen wir an der Bude mit den besten Hot Dogs vorbei.“
„Du bist ein wirklich eleganter Gourmet.“
Die Hot Dogs sind spitzenmäßig.

Pah, ekelhaft süß, dieser Tequilla Sunrise.
„Das sind die Vitamine.“
Ich scheiß auf Vitamine.
„Sind wichtig.“
Na gut.
„Mach nochmal zwei Tequilla Sunrise.“
Und zwei Tequilla dazu.
„Hi, hi, hi.“
Warum glotzt der so blöd?
„Weil er beschissene fruchtsaftlastige Sunrise mixt, der Penner.“
Die krieg ich nur mit ’nem Tequilla runter.
„Langsam geht’s wieder.“
Sollen die Arschlöcher doch knechten gehen. Für die Kinder und die liebe Hausfrau.
„Die es mit dem Briefträger treibt.“
Ha, ha, ha. Werde ich nie vergessen. In einem Puff von Karibik Horst haben sie dauernd diesen Porno in der Kontaktbar gezeigt.
„Ein Porno mit Niveau, hoffe ich.“
Ganz klar. Ein Porno mit ausgefeiltem Handlungsgerüst, der höchsten Ansprüchen genügte.
„Wie fing der noch an?“
Guten Morgen, ich bin der neue Briefträger. Würden Sie mir wohl einen blasen?
„Hi, hi, hi.“
Die Damen haben nie kapiert, warum ich mich gewälzt habe vor Vergnügen.
„Oder vor Lust. Die dachten, du bist ein ganz Perverser.“
Also, ich pack’s jetzt. Ich kann nicht mehr.
„Ich geh‘ auch nach Hause.“
Aber wirklich.
„Noch ’n Joint und ein bißchen Melville gucken.“
Ich hau mich hin. Ich bin fertig.
„Also … Dann …“
Ruf mich diese Woche ja nicht mehr an.
„Du mich auch nicht. Wann kommt Gavin?“
Donnerstag … Verdammt. Das ist ja morgen. Schöner Mist.
„Bis dahin müssen wir fit sein.“
Mannomannnomann. Man kriegt im Leben nichts geschenkt.
„Aber der Tequilla kam gut.“

(Der Text erschien in einem Band der Fauser-Gesamtausgabe im Alexander Verlag und in Gerd Haffmans empfehlenswerter Anthologie DIE KOMISCHEN DEUTSCHEN ERZÄHLER)

 



ZUR ERFOLGREICHEN OP von MICK JAGGER by Martin Compart

Diese OP als Erinnerung an die vermeintliche Unsterblichkeit der ROLLING STONES war Anlass, mal wieder in den Anfängen dieser Beat-Burschen herum zu stochern.

Dabei stieß ich auf den allerersten Artikel des SPIEGELS, der sich ausführlich mit der Krawallkapelle beschäftigte (wegen der ersten Deutschland-Tour 1965). Ein absolutes Glanzstück des Pop-Journalismus und jedem Fan zu empfehlen!

Singer Mick Jagger of The Rolling Stones, London, 1963. (Photo by Terry O’Neill/Getty Images)


Hier ein paar Auszüge:

Zwischen agilen Fan-Gruppen, die teils durch konvulsivisches Nicken oder rhythmisches Schwenken des Apostel-Haarwuchses, teils pantomimisch durch beidhändiges Melken einer Elefantenkuh ihre emotionale Aufgeschlossenheit bekunden, sehe ich kahlköpfige Dreifach-Twens, reglos neben nicht minder reglosen Teenager-Töchtern; erstere die schiere Fassungslosigkeit, letztere Verdruß über den empfindungshemmenden Begleiter im Blick.
Als die „Rolling Stones“ hereinkollern…

Da ich ein Zwiegespräch erstrebe, fahnde ich nach dem Gitarristen Brian Jones, 22, der mir von fachkundiger Seite als blond und „am intelligentesten“ beschrieben worden ist.
„Sind Sie Mr. Jones?“ frage ich aufs Geratewohl eine der beiden im „Bavarian liver-cheese“ stochernden Blondinen. Nein, höre ich, sie sei Mrs. Shirley Watts, die Gattin des Schlagzeugers Charlie Watts. Der echte Mr. Jones reagiert auf die Verwechslung mit einem höhnischen Kiekser.
„Haben Sie“, frage ich ihn, „auch gekreischt, als Sie zum erstenmal Beat-Musik hörten?“
Brian Jones ignoriert mich, sagt über den Tisch hinweg etwas dem Klange nach sehr Abfälliges zu seinem Kollegen Keith Richard. Schließlich merke ich, daß er, allem Anschein zuwider, mit mir gesprochen hat. „Nein, ich hatte den Stimmbruch schon hinter mir“, wiederholt er, neuerlich kieksend. So kommt eine Art Unterhaltung zustande, wobei ich unter anderem erfahre, daß der Beat der „Rolling Stones“ sich von anderem Show -Geräusch vornehmlich durch seine „Strenge“ unterscheide.

Was werden Sie tun, wenn die Beat-Welle vorüber ist?“
„Die geht nicht vorüber.“
„Setzen wir“, beharre ich, „einmal diesen mißlichen Fall. Würden Sie sich die Haare schneiden lassen und ein normales bürgerliches Leben führen?“
Zum erstenmal wendet mir Brian Jones sein frühgereiftes Twen -Antlitz zu und scherzt mit heller Stimme, gleichwohl düster: Nein, ich werde wieder kriminell (I’ll go back to crime) – oder wollten Sie was anderes hören?“

Von Martin Morlock
DER SPIEGEL 39/1965

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46274268.html

Mehr von solchem Kram findet man in:



DIE SONNE, DER MOND & DIE ROLLING STONES von RICH COHEN by Martin Compart
15. Juni 2018, 3:41 pm
Filed under: Bücher, MUSIK, Rezensionen, Rolling Stones | Schlagwörter: , , ,

Über die Rolling Stones gibt es inzwischen wohl genau so viele Bücher wie über Sherlock Holmes und James Bond. Man schätzt die Zahl auf über tausend. Ich selbst habe mit einem Titel dazu beigetragen (https://www.amazon.de/2000-LIGHTYEARS-HOME-Zeitreise-Rolling-ebook/dp/B006UJFVUO/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1529060810&sr=8-15&keywords=martin+compart). Kaum ein Aspekt der Stones, der nicht in Büchern abgehandelt wurde und wird.

Wenn jemand aus autobiographischer Perspektive ein Buch über die Stones verfasst, muss er über originelle Verknüpfungen berichten und überhaupt verdammt gut schreiben können. Sonst ist es peinlich oder, noch schlimmer, langweilig.

Rich Cohen ist ein verdammt guter Schreiber und ihm ist eines der besseren Bücher über die Stones gelungen. Seine Qualitäten hat der „Rolling Stone“- und „New Yorker“-Autor bereits 1998 unter Beweis gestellt mit dem Buch MURDER INC., die Geschichte der jüdischen Mafia in Brooklyn (ein tolles Buch!).

1968 geboren, hat er einen anderen Zugang zu den Stones als die meist früher geborenen Autoren, deren Bücher sich vor allem unproportional mit den 1960er Jahren befassen. Dies tut Cohen hier auch, aber eben aus dem Blickwinkel des „Nachgeborenen“, was oft zu witzigen Formulierungen und Einordnungen führt. „Es war der Faktor Zeit, der mich von diesen Jungs, dieser ganzen Generation, trennte. Ich hatte alles verpasst; 1964, 1969, 1972 – all die entscheidenden Jahre. Ich war zu spät gekommen. Alles Entscheidende war längst passiert… Vor uns kamen die Babyboomer, die alle nur erdenklichen Ressourcen verpulverten und jede Menge Spaß hatten. Nach uns kamen die Millenials, die aus der Welt einen virtuellen und unwirtlichen Ort machten. Die Boomer hauten nicht nur ihre eigene Jugend auf den Kopf, sondern unsere gleich mit.“

Er lernte die Stones persönlich 1994 kennen, begleitete sie für den „Rolling Stone“ und war Co-Autor der TV-Serie VINYL von Mick Jagger und Martin Scorsese. Diese Serie war eine der besten überhaupt. Leider wurde sie wegen der Ignoranz des amerikanischen Publikums und der hohen Produktionskosten nach nur einer Season abgesetzt, was sogar schlimmer ist, als das vorzeitige Ende von DEADWOOD.

Cohens Erweckungserlebnis geschah 1976 als er zum ersten Mal HONKY TONK WOMEN hörte: „Die Kuhglocke, die den Song einleitete, klang für mich wie der Ruf eines Muezzins, der mir das Tor in ein neues Leben öffnete.

Es gelingt Cohen aus allbekannten historischen Momenten neue Funken zu schlagen, wie etwa das legendäre Aufeinandertreffen von Jagger und Richards 1961 am Bahnhof von Dartford.

Das Buch gibt auch unbekannte Einblicke in die Welt der Stones in den letzten zwanzig Jahren. Aber es ist vor allem Cohens Nostalgie, an der man sich erfreuen kann:

„Je rarer ein Fundstück (Bootlegs), desto größer die Befriedigung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das die heutigen User von Napster, YouTube usw. schon gar nicht mehr kennen. Heute ist jede Rarität nur einen Mausklick entfernt. Was sind die Millenials doch bloß für arme Schweine! Sie werden nie das Glücksgefühl erleben, auf den Mitschnitt eines Konzertes zu stoßen, das die Stones 1964 auf Eel Pie Island gaben, nie verstehen, warum man endlose Stunden damit verbrachte, Lieblingssongs in die richtige Reihenfolge zu bringen.“

Kurzum: Endlich mal wieder ein gutes Buch über die Stones, das nicht durch Aufmachung und Abbildungen von Devotionalien, David Baily-Fotos und dem üblichen Kram daherkommt.

Stattdessen gibt es originelle Gedanken, eine grandiose Schreibe und viel neues zu erfahren. Ein intelligentes, kritisches, selbstironisches Fan-Buch. Absolut lesenswert.

I mean – really!



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
12. Januar 2018, 3:42 pm
Filed under: Rolling Stones, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,



Steine im Park by Martin Compart
8. September 2017, 9:27 pm
Filed under: Rolling Stones | Schlagwörter:

Am Wochenende spielen die Stones in einem Hamburger Park.
Mit keiner anderen Band ist mein Leben mehr verbunden als mit den Stones.

Ich habe ein Buch über die Stones geschrieben.

Eintrittspreise zwischen 100 und 8000 €.

Könnte mir zum x-ten Mal Jumping Jack, Street Fighting Man, Ruby Tuesday, Sympathy, Start Me Up und die anderen Greatest Hits aus dem Vierfachalbum reintun.

Zusammen mit drei Generationen Halbidioten, für die die Stones nie sein können, was sie für mich waren.

Das letzte Album war das erste, was ich nicht gekauft habe. Nur runtergeladen, zweimal gehört. Was für ein arthritischer Scheiss für Leute, die bei Elvis jung waren. Back to the roots – wenn ich so einen Mist schon höre. Die Stones wurden gut, als sie diese Kirmes-Musik über wunden hatten (Aftermath).

Würde ich vielleicht doch hingehen?

Ja, wenn sie ein neues Album mit Eigenkompositionen durchspielen würden.
Oder das komplette unter schätzte UNDERCOVER (nie live gespielt).
Ich bleibe zu Hause.

Trink und rauch was zu Living End oder Misfits. Oder zu BIGGER BANG. Ist auch nostalgisch.
Bei so einem Gig kriege ich keine Befriedigung. Ist was für die deutsche Springer-Musik-Presse (Rolling Stone, Musik Express), die ja wenigstens noch ineinander existiert.

Mir ist das zu blöde.

P.S.: Das sie immer noch verdammt gut sind, steht außer Frage:



MAX ALLAN COLLINS – CRIME-DA VINCI AUS IOWA by Martin Compart

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Kürzlich ist auf Cinemax die Crime-Serie nach Max Allan Collins Killer-Serie QUARRY angelaufen.

QUARRY war die erste Serie über einen Berufskiller und seit langem kult.

Jemand wie Max Allan Collins ist im Genre völlig einmalig-er schreibt nicht nur grandiose Romane, er hatte auch eine Single in der Hit-Parade, drehte, schrieb und produzierte Filme (in einem spielt Spillane eine Hauptrolle), schrieb Comics (sein ROAD TO PERDITION wurde 2002 zu einem erfolgreichen Kinofilm mit Tom Hanks) und Movie-und TV-Tie-Ins, er arbeitete auch theoretisch und drehte u.a. das definitive Mickey Spillane-Portrait.5387105341 Kein anderer mir bekannter Autor ist so produktiv in unterschiedlichen Medien unterwegs! Und dabei hält er ein ungeheures Niveau.  Max ist sein eigenes Multiversum und sein Platz in den verschiedensten Kapiteln der Genres und Medien längst sicher.

Und Max kann sehr witzig und scharfsinnig zugleich sein:

„Some of you know that I’m a Democrat or a liberal or a progressive or something. I think of myself as slightly left of center, but my father thought of himself as slightly right of center, when he was slightly right of Genghis Khan. So who knows? I do know that I veer left when the right is getting out of hand, which they frequently do. I despise Fox News, because it isn’t news, it’s opinion labeled news, and you can always tell when you’re “talking” (i.e, arguing) politics with somebody whose news and info comes from Fox, because it’s always the same bite-size talking Points.“

Im deutschsprachigen Raum wird er zur Zeit nicht veröffentlicht. Das sagt mal wieder so einiges über die Branche aus.

Spillane war und ist er besonders verbunden: Seit 2007 beendet und bearbeitet er die Fragmente von Spillane zu neuen Büchern.

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Max gehört zu den Giganten der zeitgenössischen Kriminalliteratur und mein Nachwort zu BLUT UND DONNER (Dumont Noir 17; 1999) hier als kleine Würdigung gedacht:

DAS MULTITALENT AUS DEM MITTELWESTEN

Wie die Zeit vergeht… Es kommt mir wie gestern vor, als Max Allan Collins Anfang der 80er Jahre als  der Geheimtip und  Newcomer genannt wurde. Ein Multitalent, das gleichermaßen erfolgreich und anspruchsvoll in unterschiedlichen Medien arbeitete: max-2012-3001Er schrieb Comics (u.a. führte er den langlebigsten Crime-Strip DICK TRACY fort), machte mit seiner Garagenband die fetzigsten Songs in Iowa und schrieb Noir-Romane. Später kamen Film-Novilizations (Collins Bücher zu den jeweiligen Filmen sind mehr als hingeklatschte Drehbucherweiterungen) und Filmarbeit als Produzent, Autor und Regisseur dazu. Ganz nebenbei gibt er Anthologien heraus und schreibt auch noch Texte zu populärkulturellen Themen (sein umfangreicher und großformatiger Prachtband über den Pin-Up-Künstler Gil Elvgren ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch eine brillante Analyse). Collins ist eine der kreativsten und produktivsten Autoren der zeitgenössischen Pop- und Noir-Kultur.

Collins wurde am 3.März 1948 in Muscatine (die Welthauptstadt der Perlmuttknöpfe!), Iowa geboren. Diese faszinierende Stadt mitten in den großen Getreidefeldern, direkt am Mississippi gelegen, hat etwas – sonst würde Max wohl nicht immer noch dort leben. Er war ein Einzelkind und entdeckte früh Comics und andere fiktionale Welten, die ihn schnell zu kreativen Aktivitäten anregten.

Seine Eltern Max Allan und Patricia Ann unterstützten die künstlerischen Neigungen von Collins jr. „In den Ferien mußte ich keinen Job annehmen. Sie ermutigten mich stattdessen, mein erstes Buch zu schreiben.“ Nach der Schule ging er 1968 auf die Universität in Iowa City, die er 1972 mit einem Bachelor of Arts und einem Master of Arts abschloß. Von 1968 bis 1970 war er Reporter für das Muscatine Journal.Im selben Jahr, als er auf die Universität ging, heiratete er seine Kindergartenliebe Barbara Jane, geborene Mull, mit der er zusammen den Sohn Nate hat.max_barbara-tn1

Von 1971 bis 1977 unterrichtete Collins Englisch am Muscatine Community College. Seitdem ist er freier Schriftsteller.

Max ist ein echtes Kind der 50er- und 60er Subkultur und nach wie vor ein Fan. Sein Interesse an Comics, TV, Film, Good Girl Art und Crime Fiction schlägt sich in einer Reihe von sekundärliterarischen Artikeln und Büchern nieder. Aber auch in seinen Romanen greift er populärkulturelle Themen immer wieder auf: Jon, der Sidekick von Nolan, ist ein Rockmusiker und Comic-Sammler, der sich in jedem Roman mit einem anderen Aspekt oder Genre des Mediums beschäftigt.

maxallancollins1Noch stärker finden sich Bezüge in seinen Mallory-Romanen: In A SHROUD FOR AQUARIUS setzt er sich mit der Gegenkultur der 60er Jahre auseinander und beschreibt melancholisch den Werteverlust der Hippie-Generation.

Mit Joe Lansdales SAVAGE SEASON, Campell Armstrongs CONCERT OF GHOSTS (KONZERT DER SCHATTEN; Bastei 13553, 1994), David Debins NICE GUYS FINISH DEAD (NETTE TYPEN STERBEN SCHNELLER; Goldmann 5816, 1995), Michael Dibdins DARK SPECTRE (INSEL DER UNSTERBLICHKEIT; Goldmann 1996) und George R. Martins ARMAGEDDON RAG (ARMAGEDDON ROCK; Fantasy Prod.1986; Heyne TB) eine der gelungensten Meditationen über diese Zeit – aus gegenkultureller Perspektive.

Die Krimi-Szene mit ihren Fans, Autoren und Cons machte er zum Mittelpunkt des Romans KILL YOUR DARLINGS, und in NICE WEEKEND FOR A MURDER beschäftigt er sich mit Rollenspielen.

MUSIK

Mitte der 60er Jahre grassierte ein Fieber quer durch die Vereinigten Staaten. Das Fieber hieß Garagenbands. Angeregt durch die Musik der britischen Invasoren – wobei für US-Garagenbands Rolling Stones, Animals oder Kinks immer wichtiger waren als die Beatles – gründeten Jugendliche in jeder kleineren und größeren Stadt Beatbands.collins1

Einige dieser Pre-Punk-Bands sind heute Klassiker; etwa die Electric Prunes, We the People, Seeds, 13th Floor Elevators, Brogues, Standells, Bad Seeds usw. Dabei bildeten sich oft erstaunliche regionale Unterschiede heraus. Aber eine Band aus Texas hatte neben den britischen R&B-Invasoren eben noch andere Einflüsse als eine Band aus Florida oder Iowa. Die meist nur regional, bestenfalls im ganzen Staat, veröffentlichten Singles (wenige dieser Bands durften/konnten ein oder gar mehrere Alben machen) sind heute gesuchte Raritäten und ernähren eine ganze Industrie von auf Rereleases spezialisierten CD-Firmen.

Die Plattenindustrie nahm schockiert dieses anarchische Ausleben des Rock’n Roll wahr und betrieb schleunigst die Zerstörung oder den Aufkauf kleiner Labels, mit dem bekannten Erfolg, die Pop-Musik endgültig zu standardisieren und von den großen Companys abhängig zu machen.

Auch Max verfiel 1966 dem Garagenphänomen und gründete seine erste Band, die Daybreakers, für die er auch Songs schrieb, oft lead vocals sang und die Keyboards spielte. Der Singleknaller PSYCHEDELIC SIREN von 1967, damals erschienen auf einem Label von Atlantic Records, genießt unter Garagen-Fans Kultstatus (zu finden auf der Vinyl-LP HISTORY OF EASTERN IOWA ROCK Vol.1). Nach dem Ende der Daybreakers gründete der bekennende Bobby Darin-Fan Cruisin, mit denen er bis 1979 harten Garagenrock und wunderbare Balladen einspielte. Seitdem gab es zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten Reunion-Konzerte und 1986 ein echtes Reunion, das 1991 zu dem grandiosen Album BULLETS! führte.

COMICS

Von Kindheit an war Collins auch ein großer Comic-Fan. seductioncover11954, als Sechsjähriger, fing er sich diesen Virus ein, der ihn bis heute gefangen hält. „Mein Interesse an Comic Strips und fiktionalen Detektiven wurde am selben Tag geweckt. Meine Mutter (sie wußte es nicht besser) legte damals in meine kleinen, heißen Hände ein Heft voller Blut, Gewalt, Verbrechen und Detektion: ein DICK TRACY-Comic Book mit Nachdrucken der Strips.“ Collins versuchte sich selbst als kindlicher Zeichner. Seine Mutter schickte ein paar seiner Dick Tracy-Zeichnungen an Chester Gould und bat den Künstler, ihrem Sohn ein paar Zeilen zum Geburtstag zu schreiben. Gould sandte ihm den Gruß zum achten Geburtstag, und Max fiel aus allen Wolken.

„Dieser Brief änderte mein Leben. Er gab mir Selbstvertrauen. Heute hängt er gerahmt an einer Wand meines Büros. Chester schrieb mir, daß ich Dick besser zeichne als jeder andere Junge meines Alters.“

Deshalb griff er natürlich zu, als er 1977 die Chance erhielt, den großen Strip-Klassiker DICK TRACY als Texter zu übernehmen. Er schrieb den Zeitungsstrip bis 1993 und verstand es, ihm neues Leben einzuhauchen, indem er an Goulds klassische Perioden anschloss.

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Max säuberte die Serie von dem fantastischen Schrott, der sich in den 6oer Jahren eingeschlichen hatte (Abenteuer auf dem Mond, zuviele unwahrscheinliche Gadgets usw.), indem er alte Figuren neu belebte, den Schwerpunkt auf Krimi- und gelegentlich Soap-Elemente legte, und neben neuen, originellen Gegenspielern neuartige Verbrechen (Computerkriminalität, Stalker usw.) einführte.

„Das Schwierigste war, sich die Verbrechen auszudenken. DICK TRACY gibt es seit 1931, und der Strip läuft Tag für Tag. Kaum ein Verbrechen, daß in dieser Zeit nicht abgehandelt wurde. Zum Glück – oder leider – fallen dem menschlichen Gehirn aber immer neue Abscheulichkeiten ein.“

ms_tree_211Zusammen mit dem Muscatiner Zeichner Terry Beatty (der auch das CD-Cover von BULLETS! gestaltete) entwickelte Collins eine Comic Book-Serie über einen weiblichen Privatdetektiv:

MS.TREE läuft noch heute, und ist somit die langlebigste Crime Comic Book-Serie der amerikanischen Comic-Geschichte.

„Die Ausgangsidee war, was wäre passiert, wenn Velda Mike Hammer geheiratet hätte, und Mike am Hochzeitstag umgelegt worden wäre. Hätte Velda nicht die Geschäfte übernommen und Mikes Mörder gejagt?“

Auch als BATMAN-Texter trat Collins hervor (beginnend mit den Heften BATMAN No.402 und No.403).

FRÜHE SERIEN

Natürlich zählt auch Collins die großen Noir-Autoren von Hammett, Chandler über Cain, Thompson und Goodis zu seinen Einflüssen. Aber den stärksten Eindruck machten Donald Westlake (als Richard Stark) und Mickey Spillane auf ihn:

„Westlake ist der beste zeitgenössische Kriminalliterat. Ich liebe Spillane! Niemand jagt den Leser durch die Seiten wie Mickey. Ich meine die frühen Sachen, die ersten sechs oder sieben Romane, die er als junger Mann geschrieben hat. Es gibt in der gesamten Literatur nichts Vergleichbares.“ 1999 drehte Max ein Feature über seinen Freund Spillane.nolan-hush-money-by-max-allan-collins1

Während der High School schrieb der sechzehnjährige Max sechs Romane, die kein Verleger haben wollte. Aber er gab nicht auf, schrieb weiter.

Kurz vor seinem Abschluß verkaufte er einen Roman, den ersten Nolan-caper: BAIT MONEY (im Manuskript noch FIRST AND LAST TIME getitelt), der, wie Max nicht müde wird zu betonen, „viel, fast alles, Donald Westlakes Parker-Romanen verdankt“.

In der ersten Fassung des Romans stirbt Nolan, der Dieb, der von der Mafia und der Polizei gehetzt wird, am Ende. Collins hatte endlich einen Agenten gefunden: den legendären Knox Burger, der in den 50er- und frühen 60er Jahren bei Dell und Fawcetts Gold Medal Books für die Paperback Originals verantwortlich war. Dort veröffentlichte er u.a. das Werk von David Goodis, Jim Thompson, John D.MacDonald, Kurt Vonnegut und Theodore Sturgeon.ahr0cdovl2jvb2tsb29rzxiuzguvaw1hz2vzl2nvdmvyl2xvy2fsl3n0yw5kyxjklzawl0wxl1lplmpwzw1

„Nach jeder Ablehnung sagte mir Knox, ich solle das Ende ändern und Nolan am Leben lassen. Langsam zeigte das Wirkung. Aber ursprünglich hatte ich die letzte aller tough guy-Stories schreiben wollen. Tough guys last stand. Dann hatte angeblich der Lektor bei Pyramid Books Kaffee über das Manuskript geschüttet. Knox meinte, da ich ein neues Manuskript tippen müsse, könne ich jetzt auch das Ende neu schreiben.“ Collins tat es, und ließ Nolan überleben, um ihn zu einem Seriencharakter auszubauen.

Neun Jahre hatte er versucht, seine Arbeiten zu verkaufen, bevor er 1971 seinen ersten Deal gelandet hatte. Von BAIT MONEY wurden seitdem weltweit über 250 000 Exemplare verkauft. Die weiteren Nolan-Romane waren ein ganz ordentlicher Erfolg, aber bald gab es ein Problem, von dem sich die Serie nicht mehr erholen sollte:

1981 übernahm der Verlag Harlequin Books von Pinnacle, bei dem Nolan jetzt erschien das Imprint Gold Eagle, in dem Don Pendletons Executioner-Serie über den Mafia-Killer Mack Bolan (diese Serie hatte in den 70er Jahren die Vigilantenwelle in den Paperback Original-Serien ausgelöst) erschien. Harlequin drohte Pinnacle einen Prozeß an. Sie behaupteten, Nolan sei eine juristisch nicht zulässige Kopie von Pendletons Executioner, und das die Namensähnlichkeit von Bolan und Nolan nicht zufällig sei. Größeren Schwachsinn kann man sich kaum vorstellen. Bolan war ein Söldner, jung, gutaussehend, ein Frauenheld und eiskalter Killer im Dienste seiner eigenen Gerechtigkeit. Nolan ein fünfzigjähriger Dieb, der einen Comic Fan als sidekick hatte. Wenn irgendjemand gegen die Nolan-Serie hätte klagen können, wäre es Donald Westlake gewesen, der aber dieses rip-off seiner Parker-Serie mochte und dem Autor Erfolg wünschte. Collins hatte ihn nach dem ersten Band sogar gefragt, ob er Nolan als Serie fortsetzen könne, oder Westlake sich plagiiert fühle. Westlake hatte ihm damals geantwortet, daß Nolan anders als Parker sei, und die Beziehung „zwischen Nolan und Jon menschlicher ist als alles, was ich je in den Richard Stark-Büchern geschrieben habe“. quarrymiddle1

Aber das interessierte die Idioten bei Harlequin nicht, die keine Gelegenheit scheuten, ihre ins Schlingern gekommene Mafiakiller-Serie vor gefährlicher Konkurrenz zu schützen.

Dabei wandten sich beide Serien an verschiedene Lesergruppen: Pendleton mit seinen primitiven Pulps, die von einer Legion von Autoren geghostet wurden, war eher Fernfahrerlektüre und für Leute, die beim Lesen die Lippen bewegen. Collins war schon damals ein sorgfältiger Autor, der jedem Buch eine individuelle Note verlieh. Jedenfalls knickte Pinnacle ein, obwohl es nicht zu einer rechtlichen Auseinandersetzung kam, die Pinnacle und Collins leicht gewonnen hätten. Der Verlag nahm Nolans Namen bei den Bänden fünf und sechs vom Cover, was zu dramatischen Einbrüchen bei den Verkaufszahlen führte. Es kam zwar nicht zum Prozeß, aber die Serie war erledigt und wurde eingestellt. Erst 1987 veröffentlichte Max einen weiteren Nolan. Seine zweite Noir-Serie hatte den Vietnamveteranen und Kontraktkiller Quarry als Protagonisten. Über die beiden frühen Serien sagte Max: „Ihre Amoralität spiegelt die Zeit wieder, in der sie geschrieben wurden.“

9783404131044-de-3001NATE HELLER

1975 trat Rick Marshall, der Comic-Redakteur des Field Enterprise Syndicate, an Collins heran. Collins war ihm als Autor und Comic-Kenner aufgefallen und sollte nun einen neuen Strip für Field entwickeln. Ein neuer Crime-Strip, der in den 30er Jahren spielen sollte, um so den Anschluß an die klassischen Abenteuerstrips dieser Epoche (Terry & Pirates, Prinz Eisenherz, Dick Tracy, Tarzan, Secret Agent X-9 usw.) zu suggerieren.

Collins erfand den Detektiv Nate Heller und siedelte ihn im Chicago der 30er Jahre an; Titel der Serie sollte HEAVEN AN HELLER sein. Aber bevor das Projekt realisiert werden konnte, verließ Marshall das Syndikat. Obwohl er mehrfach versuchte, den Strip unterzubringen, fand er kein Vertriebssyndikat. Ähnliches war Spillane passiert: MIKE HAMMER war ursprünglich auch als Comic geplant gewesen.

Es war die Zeit des großen Sterbens der Adventure-Strips. Selbst Klassiker wie TARZAN oder STEVE CANYON verloren immer mehr Zeitungen, in denen sie veröffentlicht wurden, und TERRY AND THE PIRATES und andere wundervolle Serien aus dem Golden Age wurden völlig eingestellt. Fast nur noch Funnys, also komische Strips mit abgeschlossenen Gags, bevölkerten die Comic Strip-Seiten der Tageszeitungen. Max kehrte zurück zum Romanschreiben (zwei Jahre später sollte er dann als Texter DICK TRACY übernehmen und diesen Dinosaurier revitalisieren).

„Ich habe Privatdetektiv-Romane immer geliebt. Aber alle Versuche, solche Geschichten zu schreiben, scheiterten. Für mich war der Privatdetektiv ein Anachronismus, aktuell nur erträglich in einer so wundervollen TV-Serie wie DETEKTIV ROCKFORD. Dann kam ich drauf: Der Privatdetektiv war vielleicht Geschichte, aber er existierte auch in der Geschichte. Hammett hatte den Archetypen Sam Spade 1929 erfunden, als Zeitgenosse von Al Capone. Der Privatdetektiv als literarische Figur ist offenbar alt genug, diese historische Variante zu rechtfertigen. Das war mein Ausgangspunkt. Außerdem wollte ich ein genaues Zeitbild beschreiben, nicht einfach eine weitere nostalgische Privatdetektivserie absondern. Um all das unterzubringen, braucht man schon etwas mehr Platz. Deshalb sind meine Nate Heller-Romane auch doppelt- oder dreifach so lang wie meine sonstigen Romane.“

TRUE DETECTIVE hielt lange Zeit den Rekord als längster Privatdetektivroman, der je in der ersten Person geschrieben worden war. Collins stellte diesen Rekord selbst ein mit STOLEN AWAY über die Entführung des Lindbergh-Babys.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE).

Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 4oer Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat. 1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT. Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Der erste Heller-Roman, TRUE DETECTIVE, wurde 1984 mit dem Shamus-Award der Private Eye Writers of America ausgezeichnet.

Die Heller-Romane sind mehr als unterhaltsame period pieces à la Andrew Bergman oder Stuart Kaminsky; sie sind Rekonstruktionen einer Epoche. Die auftretenden historischen Personen sind keine Staffage, sondern integraler Bestandteil der Plots. „Bergman und Kaminsky schrieben im Grunde Romane, die ich als Epochenschilderungen bezeichnen würde; sie bedienen sich zwar geschickt realer Personen und Schauplätze, doch sie gehen nicht von realen Ereignissen jener Zeit aus.“

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DEUTSCHE AUSWAHL-BIBLIOGRAPHIE (stand 1998; da Max so produktiv ist, dass man als Bibliograph kaum hinterher kommt, empfehle ich die immer aktualisierte Homepage: http://www.maxallancollins.com/books/).

Nicht aufgeführt sind Comics und nur wenige Tie-ins, die bei uns veröffentlicht wurden (z.Bsp.: Der Soldat Ryan, CSI usw.).

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Nate Heller-Serie:

True Detective (Chicago 1933; Bastei 13015, 1985); St.Martin’s Press, 1983.

collins-heller01-chicago-1933-cover-klein1True Crime (Gangsterbräute 1934; Bastei 13036, 1986); St.Martin’s Press, 1985.

The Million-Dollar Wound (Gangsterkrie 1942; Bastei 13104, 1987); St.Martin’s Press, 1986.

Neon Mirage (Las Vegas 1946; Bastei 13261, 1990); St.Martin’s Press, 1988.

Stolen Away (Kidnapping; Bastei 13460, 1993); Bantam, 1991

Blood and Thunder (Blut und Donner; DuMont Noir 17, 1999); Dutton, 1995.

 

Nolan-Serie:

Bait Money (Köder für Nolan; Bastei 19087, 1990); Curtis, 1973.

Blood Money (Bußgeld für Nolan; Bastei 19093, ?); Curtis

Quarry-Serie:

The Broker (auch: Quarry. Quarry u.d.Makler d.Todes; Bastei 19061, 1988); Berkley, 1976.

The Broker’s Wife (auch: Quarry’s List. Quarry u.d.Liste d.Todes; Bastei 19064, 1988); Berkley, 1976.

The Dealer (auch: Quarry’s Deal. Quarry u.d. Killer; Bastei 19066. 1988); Berkley, 1976.

The Slasher (auch: Quarry’s Cut. Quarry gibt nicht auf; Bastei 19079, 1990); Berkley, 1977.

Primary Target (Quarry u.d.Millionenkontrakt; Bastei 19071, 1989); Countryman, 1987.

Mallory-Serie:

The Baby Blue Ripp-Off (Ein Veteran kehrt heim; Bastei 19103, 1987); Walker, 1983.

No Cure for Death (Der Einäugige; Bastei 19105, 1987); Walker, 1983.

Kill Your Darlings (Mordkongress; Bastei 19106, 1987); Walker, 1984.

A Shroud For Aquarius (Auch Blumenkinder sterben; Bastei 19115, 1987); Walker, 1985.

A Nice Weekend for a Murder (Wochenendmorde; Bastei 19123, 1988); Walker, 1986.

 

Eliot Ness-Serie:

The Dark City (Die dunkle Stadt; Bastei 19129, 1989); Bantam, 1987.

Butcher’s Dozen (Killer in der dunklen Stadt; Bastei 19139, 1990); Bantam, 1988.

 Non-Series:

Dick Tracy (Filmbuch. Dick Tracy; Bastei 13311, 1990)); Bantam, 1990.

NYPD-Blue: Blue Beginning (TV-Buch. Ein Bourbon zuviel; VGS, 1996); Signet, 1995.

Waterworld (Filmbuch); Arrow, 1995.

Private Ryan (Filmbuch. Der Soldat James Ryan; Knaur 61263, 1998); Signet, 1998.

 

Sekundärliteratur:

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Jim Thompson: The Killers Inside Him (mit Ed Gorman); Fedora Press, 1983.

 

One Lonely Knight: Mickey Spillane’s Mike Hammer (mit James L.Traylor);Bowling Green State University Popular Press, 1984.

 

The Best of Crime and Detective Television (mit John Javna); Crown, 1988.

 

The Mystery Scene Movie Guide: A Personal Filmography of Modern Crime Pictures; Borgo Press, 1995.

 

Elvgren: His Life & Art (mit Drake Elvgren); Collectors Press, 1998.

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DEUTSCHER SPITZEN-JOURNALISMUS by Martin Compart
15. April 2016, 11:39 am
Filed under: Deutsches Feuilleton, Rolling Stones | Schlagwörter:

Immer wieder schön!

„Mick Jagger kramt in seinen Erfahrungen mit jungen Mädchen – es fallen die ersten Hemmungen…“

„…dem Regen hätte man ja etwas nachhelfen können.“