Martin Compart


zu Melville und Delon by Martin Compart
3. August 2018, 9:31 am
Filed under: Alain Delon, Film, Jean-Pierre Melville, Noir | Schlagwörter: , , ,

MiC hat mir einen absoluten Superlink mitgeteilt, der jeden Melville- und Delon-Fan begeistern wird:

https://melvilledelon.blogspot.com/

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BELMONDO BY BELMONDO by Martin Compart

Belmondo ist der außergewöhnlichste Schauspieler seiner Generation. Er kann einfach alles.

Alain Delon

Jean-Paul Belmondo
Meine tausend Leben
Die Autobiografie
Originaltitel: Mille Vies Valent Mieux Qu’une
Originalverlag: Fayard
Aus dem Französischen von Pauline Kurbasik, Bettina Seifried
Deutsche Erstausgabe
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
mit 16 Seiten Bildteil
ISBN: 978-3-453-20195-8
€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 30,90* (
Verlag: Heyne

Zuerst die schlechte Nachricht: Wer eine Filmstarautobiograpie mit Tiefgang oder Skandalwert erwartet, wie etwa die von David Niven, Michael Caine, Errol Flynn oder Klaus Kinski, wird ein wenig enttäuscht sein.

Aber das Positive überwiegt natürlich. Schließlich handelt es sich um Belmondo.

Wie kein anderer Filmstar verkörperte er die 1960er, sowohl in ihren anarchischen- wie auch hedonistischen Aspekten.
Sein ungebremster Bewegungsdrang spiegelt den inneren und äußeren Wunsch nach antiautoritären Gesellschafts- und Gedankenwelten. Sein Rebellentum hatte immer etwas „jungenhaftes“ – wie die Jugendrevolte der 60s. Es wundert also nicht, dass er zu ihrer filmischen Ikone wurde. Mitte der 70er erstarrte er zunehmend zu seinem eigenen Klischee (das aber für eine ganze Reihe höchst unterhaltsamer Filme taugte).

Beliebt war und ist der heute 85jährige in allen Schichten.

In der öffentlichen Wahrnehmung und Beliebtheit wurde er zum Jean Gabin seiner Generation (über die Dreharbeiten von DER AFFE IM WINTER mit Gabin berichtet er etwas ausführlicher).

Irgendjemand (Melville?) nannte ihn „den komplettesten Schauspieler“. Das zeigt sich auch in seinem unglaublichen Timing, das sich nicht nur in Action-Szenen ausdrückt.

Ein schönes Beispiel ist ein sehr langer schwachsinniger Monolog im ersten Drittel von FRÖHLICHE OSTERN (die wahrscheinlich unterschätzteste Komödie der Filmgeschichte: ein Film der übrigens nur Frauen amüsiert, die über Ehebruch lachen können), in der Belmondo als betrügerischer Ehemann (er spielt den ganzen Film über ein verblödetes kapitalistisches Arschloch, ohne dass wir es im übel nehmen) sein neuestes Jagdopfer seiner Frau als Tochter verkaufen will.

Eine lange, wortlastige Szene, gedreht ohne einen Schnitt, in der Belmondo eine Tour-de-Force hinlegt, die ihres gleichen sucht (und nicht findet).

Belmondos autobiographischer Bericht ist eher eine lockere Plauderei, bevorzugt über Bubenstreiche eines ewigen Kindes, das sich sympathisch seine Kindlichkeit bewahren kann – über sehr lange Zeit. Belmondo ist ähnlich wie in seinen komödiantischen Filmrollen in die Rolle eines Plauderers geschlüpft, der nicht allzu tiefgründig seinem Publikum einiges erzählt, ohne zu viel von sich preiszugeben. Leider springt er auch häufig zwischen Themen und Filmen hin und her, worunter die ohnehin mangelhafte Chronologie leidet.

Manche Anekdoten sind schon ziemlich komisch und auch witzig formuliert (wie etwa die Formulierung, dass er beim ersten Vorsprechen „die Schallmauer der Inkompetenz“ durchbrach).

Aber es gibt auch berührende Momente wie den Schmerz über den Tod seiner Tochter. „Man kann sein Kind nicht verlieren. Das darf man nicht zulassen, es ist wider die Natur… Der Schmerz ist absolut, es gibt keinen Trost. Der Kummer vergeht nie, er begleitet einen für immer.“

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf seiner Kindheit und seiner Ausbildung (eher zum Rebellen als zum Schauspieler). Regisseure wie Godard, Melville oder deBroca nehmen noch einen gewissen Raum ein (auch Verneuil), aber insgesamt erfährt man über seine Filme (ein Oeuvre von fast hundert Filmen) zu wenig. Inhaltliche Überlegungen – außer bei Godard – zu den Werken findet man so gut wie nicht, stattdessen dauernd Streiche über Hoteldemontierungen wie bei einer 70er Jahre Rockband, die sich elend wiederholen.

Kein anderer Schauspieler bewegte sich souveräner zwischen Kunstfilmen, anspruchsvoller Unterhaltung und Klamauk. Scharfsinnig belegt er, wie Kritiker ihm dies prinzipiell übelnahmen und ihn dies gelegentlich spüren ließen:

Beispielsweise, indem sie die Präsentation des von ihm selbst produzierten Meisterwerks STAVISKY in Cannes zur Hölle machten. Später warf man ihm allen Ernstes vor, dass sein Machwerk AS DER ASSE dafür gesorgt hätte, dem zeitgleich gestarteten Film EIN ZIMMER IN DER STADT von Jacques Demy Zuschauer abspenstig gemacht zu haben. Der noch immer verletzte Belmondo konterte das kühl:
Als ich 1974 STAVISKY in die Kinos brachte, fing ich auch kein Gezeter an, James Bond habe mir Zuschauer geklaut, weil mein Film nur 375 ooo Zuschauer in die Kinos lockte.“

Solche Geschichten gehören zu den Höhepunkten von Belmondos Autobiographie.

Oder wenn er von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Laura Antonelli spricht: „Ein Blick oder Lächeln von ihr genügten, um Kriege zu beenden.“

Davon hätte man gerne mehr. So spricht der Nimmersatt. Tatsächlich beherrschen er und sein Co-Autor das wisecracking wie amerikanische PI-Autoren.

Und sicherlich wünschte ich mir einen intimeren Blick in die Tiefe seiner Gedankenwelt. Aber Belmondo spielt in seiner Autobiographie eben nur eine weitere Rolle, irgendwo zwischen Henri Verneuil und Philip de Broca, manchmal inszeniert von Jean-Luc Godard. Das Skript ist stilistisch lässig und ansprechend wie einer seiner mittelguten Filme; meinetwegen auch seiner besseren Filme, aber nicht so gut wie seine besten.

Für die eitlen und erfolgreichen Machwerke der späten 1970er und frühen 1980er hat Belmondo eine schlicht entwaffnende Erklärung: „…der Film war bloß ein Vorwand, um es drei Monate lang in Venedig ordentlich krachen zu lassen.“

Besonders interessant ist für mich, was Bébel über die Arbeit mit Jean-Pierre Melville zu berichten hat; mit ihm hat er immerhin drei Filme gemacht, bevor es zum endgültigen Bruch kam, der fast bis zu Melvilles Lebensende andauerte. Was Belmondo über den Meister berichtet, wirft kein gutes Licht auf dessen Persönlichkeit. Aber: „Er war einer der ganz Großen in der Branche, und seine Filme beweisen das.“
Und man erfährt, dass Melvilles Sonnenbrille eine Ray-Ban, Modell US Air Force, war! Für uns Jünger, Die Zeugen Melvilles, ist somit eines der zwanzig Mysterien des Meisters endlich erklärt. Alleine dieses Kapitels wegen ist das Buch für Melvilleaner unverzichtbar.

Alain Delon nennt er seinen Freund. Und das wars. Dabei hätte man gerne mehr erfahren, was diese beiden höchst unterschiedlichen Männer und zeitweilige Rivalen um die Publikumsgunst verbindet. Aber auch hier bleibt der Autobiograph diskret bis zur Bedeutungslosigkeit. Allerdings liefert er einige hochinteressante Details zu den Dreharbeiten von BORSALINO, die einmal mehr Delons Kontakte zur Marseiller Unterwelt belegen.

Am Ende ist man überwiegend froh, diese Lektüre genossen zu haben – bei allen Abstrichen. Etwas Belmondo ist immer besser als kein Belmondo. Im Gegensatz zu den meisten von uns, hat er sich nicht von seinen Hoffnungen tyrannisieren lassen – er hat sie einfach erfüllt. So der Subtext.

Und ich bin auch ungerecht: statt mich darüber zu freuen, was er offenherzig berichtet, bedaure ich jammernd all das, was er ausgelassen hat und nicht berichtet.



DER FRANZÖSISCHE SCHRIFTSTELLER JEAN LARTÉGUY UND DAS ENDE DER KONVENTIONELLEN KRIEGSFÜHRUNG by Martin Compart

In der angelsächsischen Welt wird Jean Lartéguy mit THE CENTURIONS und mehreren Penguin-Ausgaben gerade wiederentdeckt. Bei uns war er nie annähernd so populär wie in England, den USA oder in den romanischen Ländern. Lediglich acht Bücher von über 50 wurden ins Deutsche übersetzt. Seine Wiederentdeckung, die einiges dem US General David Petreaus verdankt, hat vor allem politische und militärische Gründe und weniger literarische.

Afghanistan oder Irak haben einmal mehr bewiesen, dass eine Supermacht wie die USA dazu in der Lage ist, einen Krieg dank überlegener Tötungstechnologie zu gewinnen, aber die besiegten Gebiete oder Völker nicht dauerhaft zu unterdrücken.
Eine Erfahrung, die sich durch die Kriege nach dem 2.Weltkrieg fast durchgehend bestätigt hat. Westliche versuchte Lösungen sind beständige militärische Präsenz, Drohnenkriege, Kommandounternehmen, eigene Guerilla-Kombattanten in Form der Special Forces – und Folter.

Der erste Schriftsteller der sich damit auseinandergesetzt hat, war der Franzose Jean Lartéguy, beginnend mit seinem Bestseller LES CENTURIONS, 1960. Darin thematisierte er erstmals das „ticking-bomb-scenario“, das Folter rechtfertigt, um ein größeres Unheil für die Besatzer abzuwenden.

Dazu Niels Werber über eine Strategie, die von Lartéguy bis zur TV-Serie „24“ führt um Folter zu legitimieren:

Es ist die Unmittelbarkeit der Gefährdung, die Normbrüche rechtfertigt, und dieser Ausnahmezustand wird medienrhetorisch über das „ticking bomb“ Szenario hergestellt. Wir alle wüssten doch, dass die Bombe bereits tickt und großangelegte Attacken unmittelbar bevorstünden. Obwohl aus allen Operationen des War against Terror seit sechs Jahren kein einziges Beispiel für dieses Szenario benannt werden kann, liefern die tickenden Bomben jene certain exceptional circumstances in which there is a strong case for overriding the norm.´ Tatsächlich handelt es sich um eine literarisch-cineastische Fiktion, die weltweit etablierte kulturelle Errungenschaften einreißt und Unterschiede zwischen Politik und Recht, Krieg und Frieden, Kombattanten und Zivilisten, Front und Etappe, Militär und Polizei, Norm und Ausnahme aufhebt. Denn das „Ticking Bomb“-Szenario ist eine literarische Erfindung, die inzwischen eine großartige massenmediale Karriere gemacht hat.
1960 veröffentlicht ein ehemaliger Kämpfer der französischen Resistance, der nach dem Weltkrieg die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien mitgemacht hat, den Roman „Les Centurions“.8 Das Buch wird zum internationalen Bestseller mit Millionenauflage. 1966 wird es von Hollywood mit Starbesetzung (Anthony Quinn, Alain Delon, George Segal, Claudia Cardinale…) verfilmt.


Die Protagonisten sind Fallschirmjäger, die in Vietnam die asymmetrische Kriegsführung der Guerilla kennengelernt haben und nun in Algerien, damals noch ein integraler Teil Frankreichs und damit Inland, die Konsequenzen ziehen. Die Lage Algeriens in den 1950er Jahren erinnert an die Situation der Koalitionstruppen im Irak oder der ISAF/OEF in Afghanistan: Die Franzosen befinden sich auf feindlichem Boden und kämpfen gegen einen entschlossen wie unsichtbaren Feind, der keine Uniformen trägt und der mit allen Mitteln versucht, die französische Besatzung und Besiedelung ihres Landes zu beenden: Zivilisten und Polizisten werden überfallen, zivile wie staatliche Einrichtungen attackiert, Grausamkeiten wie Enthauptungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen werden verübt. Die Front de Libération Nationale lässt sich auf einen regulären Krieg nicht ein, sondern führt einen Partisanenkrieg gegen alles Französische. In dieser Lage greift die 10. Fallschirmjäger Division in den Kampf ein. Die Paras in Lartéguys Roman hissen den schwarzen Wimpel der Piraten (S. 350, 368), sagen sich von allen rechtlichen, politischen, moralischen Bedenken los (S. 507), führen eine neue netzwerkartige Organisation mir flachen Hierarchien und größter operativer Selbstständigkeit der einzelnen Einheiten ein und beginnen selbst einen irregulären Krieg gegen die Nationale Befreiungsfront. Vom „Gegner“ lernen, heißt die Devise (S. 365). Die Truppen üben nach Attentaten Vergeltung an Zivilisten, sie nehmen Massenverhaftungen und Verhöre ohne Rechtsgrundlage vor, exekutieren Verdächtige und verwandeln Algerien in ein zweites Vietnam. Dieser terroristische Anti-Terror-Kampf zeitige, wie Jerome Slater betont, außergewöhnlichen Erfolg:

`There is little doubt, for example, that in the 1950s, the French torture of Algerian captives temporarily succeeded in destroying the underground movement.´

Ohne jeden Beleg, ohne Quellen zu nennen, behauptet Slater, es sei die Folter gewesen, mit der die Fallschirmjäger die Initiative zurückgewonnen hätten, denn nur durch die durch Folter gewonnenen Informationen sei es möglich gewesen, eine Geheimorganisation zu zerschlagen, deren Mitglieder französische Staatsbürger in bürgerlichen Berufen sind, die tagsüber die Lage erkunden und nachts Bomben legen oder Überfälle vornehmen.

Der Höhepunkt des Romans von Larteguy, der inzwischen selbst in der Ticking-Bomb-Debatte zum Topos geworden ist, stellt die extralegale Verhaftung eines wichtigen Mitglieds der FLN dar. „Wir sind nicht hier, um Verfahrensfragen zu regeln, sondern um zu kämpfen“, erläutert der Kommandeur der Truppen. „Wir müssen außerhalb jeder Legalität und jeder konventionellen Methode dieses Unternehmen wagen.“ Alles muss in völliger Geheimhaltung ablaufen, um zu verhindern, dass das „Problem internationalisiert“ wird und die UNO oder das ICRC „Beobachter“ schickt. Es dürfe kein Krieg sein, der die FLN zu einer Armee aufwerten und ihre Kämpfer mit Rechten ausstatten würde, sondern ein „Kampf“, der „um jeden Preis gewonnen“ werden müsse (S. 519). What ever it takes, die Devise Jack Bauers…
(Niels Werber: Tickende Bomben. Unser Weg in den Nicht-Krieg. https://www.boell.de/sites/default/files/assets/boell.de/images/download_de/bildungkultur/SS05_Niels_Werber_Tickende_Bomben.pdf )

Jean Lartéguy wurde als Jean Pierre Lucien Osty 1920 in Maisons-Alfort geboren; er starb 2011 im Hôtel des Invalides in Paris.

Er war ein vom Militär geprägter Journalist und Schriftsteller, der vor allem von den (De-)Kolonialkriegen Frankreichs geprägt war und diese in seinem Werk thematisierte. Seine berühmtesten Romane, DIE ZENTURIONEN, DIE PRÄTORIANER und DIE GRAUSAMEN TRÄUME gelten in Frankreich auch als Schlüsselromane, da mehrere Protagonisten und Handlungsträger auf realen Personen erkennbar basieren.
Er war der erste Autor, der sich sowohl journalistisch wie auch fiktional mit dem asymmetrischen Krieg auseinandersetzte, damals noch revolutionärer- oder Guerilla-Krieg genannt.

Ich wurde in eine dieser armen Bergbauerfamilien hineingeboren, deren Namen man auf Kriegsdenkmälern findet, aber nie in Geschichtsbüchern.“ Vater und Onkel kämpften im 1.Weltkrieg. Er studierte in Toulouse Geschichte, als er sich 1939 nach Ausbruch des 2.Weltkriegs zu den Waffen meldete. 1942 floh er nach Spanien, wurde dort für neun Monate interniert bevor er sich der Armee des freien Frankreichs anschließen konnte. Er diente in der 1er groupe de commandos bei Kommando-Unternehmen in Nordfafrika und Italien und kämpfte während der Befreiung in Frankreich und rückte mit nach Deutschland vor. 1946 schied er im Rang eines Hauptmannes der Reserve aus der Armee aus, schloss sich aber während des Korea-Krieges dem französischen Bataillon an und kämpfte in der Schlacht von Heartbreak-Ridge, in der er durch eine feindliche Handgranate verwundet wurde (später verarbeitet in seinem Roman LES MERCINAIRES). Als Soldat, Journalist und Schriftsteller erhielt er viele Auszeichnungen. Vorher und nachher arbeitete er als Journalist und Kriegsberichterstatter hauptsächlich für Paris Match und Paris-Presse. Neben Romanen und Sachbüchern arbeitete er auch als Drehbuchautor.

Bis in die 1970er Jahre war berichtete er von den meisten Krisenherden der Welt: Palästina, Indochina, Korea, Algerien, Kongo; seit den 1960ere Jahren verstärkt auch aus Lateinamerika über die Guerilla-Kriege der Freiheitsbewegungen (daraus ging sein in Deutschland bekanntestes Sachbuch hervor, GUERILLA ODER DER VIERTE TOD DES CHE GUEVARA, das 1968 in Der Spiegel vorabgedruckt wurde. In dem Buch bringt er seinen großen Respekt für Guevara zum Ausdruck und analysiert den Zustand der damaligen lateinamerikanischen Freiheitsbewegungen: „Die lateinamerikanischen Guerillas bemühten sich, ihre Sache ebensogut zu machen wie die Vietcong. Aber ihr Mangel an Disziplin, ihr sehr hispanischer Dünkel, ihre Ablehnung jeglicher Autorität machten sie oft zu einer leichten Beute für die Spezialisten aus Panama. In Lateinamerika mußten die Amerikaner die Zeitungen bestechen und ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit man nicht nur von ihren Niederlagen in Vietnam berichtete.

Eine Zeitlang waren für ihn die Israelis die Soldaten, die seinen Idealen und seiner Vorstellung von Effektivität am nächsten kamen („sogar den Vietnamesen überlegen“). „The Israeli army was born of … that mad old genius Orde Wingate and his „midnight battalions“ of Jewish warriors that included the young Moshe Dayan and Yigael Allon. Kaplan: “Wingate was a Christian evangelical before the term was coined. The son of a minister in colonial India, he frequently quoted Scripture and read Hebrew. In 1936, Captain Wingate was dispatched to Palestine from Sudan. For religious reasons he developed an emotional sympathy for the Israelis, establishing himself as `the Lawrence of the Jews.´ He taught them „to fight in the dark with knives and grenades, to specialize in ambushes and hand-to-hand fighting. Wingate headed to Ethiopia in 1941, leading Ethiopian irregulars in the struggle to defeat the Italians and put the Negus Negast (King of Kings, Haile Selassie) back on the throne. From there it was on to Burma, where he consolidated his principles of irregular warfare with his famed `chindits´ long-penetration jungle warriors, dropped by parachute behind Japanese lines.”

Die Sympathie war gegenseitig: israelische Fallschirmjäger übersetzten DIE ZENTURIONEN und DIE PRÄTORIANER ins Hebräische, um sie in ihren Ausbildungslagern zu lesen. Mitte der 1970er Jahre änderte sich seine Bewunderung, da er den Israelis vorwarf, dass sie sich zu sehr von amerikanischer Waffentechnologie abhängig gemacht hätten und dadurch ihre frühere Qualität verloren gingen.

2013 erschien seine Biographie: JEAN LARTÉGUY von Hubert Le Roux.

Er hatte in den 1950ern als Buchautor begonnen (was auch zu einigen Drehbuchaufträgen geführt hatte). Der große Durchbruch kam 1960 mit LES CENTURIONS, einem der großen und vergessenen Kriegsromanen des 20.Jahrhunderts, der bis heute häufig unterschätzt oder aus kurzsichtiger ideologischer Perspektive abgelehnt wird. Lartéguy gelang damit nicht nur ein Weltbestseller, er wurde auch zu einem der meistgelesenen Autoren in Frankreich. Mit dem Roman veränderte er sogar das Leseverhalten der Franzosen, wie Le Figaro Littéraire feststellte: vor dem gigantischen Erfolg hatten 38% der Erwachsenen noch nie ein Buch gelesen, was sich mit den CENTURIONS als Tagesgespräch schlagartig änderte. Es folgte ein weiterer Algerien-Roman, LES PRÉTORIENS, der Hintergründe zur OAS verarbeitete und ihn endgültig als Bestsellerautor etablierte.

In den ZENTURIONEN wird die Entfremdung zwischen Militärs, Politikern und heimische Bevölkerung angesprochen; Jahre vor den Vietnam-Protesten. Ebenso zeigt Larteguy hier erstmals die Unterschiede und Frustrationen zwischen konventionellen Waffengattungen und den „neuen“ Special Forces, die mit neuen Methoden versuchen, den asymmetrischen Krieg zu gewinnen.

Robert Kaplan erzählt in seinem Artikel für The Atlantic, wie häufig ihn Generäle oder ehemalige Special Forces auf DIE ZENTURIONEN verwiesen haben. Der Roman wurde zum Kultbuch der Special Forces in Vietnam.

In Artikeln und Anmerkungen wird gerne hervorgehoben, dass Lartéguy ein konservativer Militarist und strammer Anti-Kommunist gewesen sei. Ganz klar gehörte er in den 1960er Jahren zu den Feindbildern der Pariser Linksintellektuellen. Dabei werde und wurden einige Dinge unterschlagen: Nach dem Weltkrieg spielte Lartéguy mit dem Gedanken, für die Sozialisten in die Politik zu gehen. Durch seinen militärischen Hintergrund (und weil er als Journalist dahin ging, wo es gefährlich war – ganz ähnlich wie Scholl-Latour, der in Deutschland auch häufig Anfeindungen ausgesetzt war) bekam er intimen Zugang zu Soldaten und Informationen. Seine Empathie für diese Leute brachte er in den Romanen und Reportagen zum Ausdruck – selbst die Folterer der Spezialkräfte versuchte er zu begreifen, was nach der Schlacht um Algier sicherlich nicht gut aufgenommen wurde.

Was aber meistens nicht erwähnt wird, ist sein Bruch mit den Fallschirmjägern, da er in ihren politischen Bestrebungen ganz klar faschistische Haltungen und Ziele erkannte. Die dreckigen Methoden der Special Forces waren für ihn ein erkennbares Dilemma. So schrieb er auch in den ZENTURIONEN: „Sie gewinnen Schlachten, aber verlieren ihre Seele.“

Zynisch drückte er erstmals den Widerspruch zwischen Special Forces und bürokratischer Kriegsmaschine aus, die bis heute die Ineffektivität in der asymmetrischen Kriegsführung in Afghanistan, Irak oder Afrika mitträgt: Seine Soldaten haben mehr Respekt vor dem Feind als vor den Karrieristen in der eigenen Armee, „Leute die früh aufstehen, um nichts zu tun“. Soldaten, die ihr Leben riskieren „um nach Hause zu kommen, von den Bürgern beschimpft zu werden, deren Zivilgesellschaft sie vermeintlich verteidigt haben und um festzustellen, wie korrupt und verkommen diese Gesellschaft ist“. Die Entfremdung zwischen Soldaten, insbesondere der Spezialkräfte, und ihrer Gesellschaft trat in dieser Deutlichkeit erst nach dem 2.Weltkrieg in den Kolonial- und Befreiungskriegen auf und wird angesichts des Zynismus aktueller und künftiger Gier-Kriege nach Ressourcen (zu Gunsten weniger Profiteure) an Problematik und gesellschaftlicher Sprengkraft noch zunehmen, auch wenn das heute noch von wenigen erkannt ist.

Man muss Larteguy – auch wenn man im vielen nicht mit ihm übereinstimmt – zugestehen, dass er dies als erster Schriftsteller thematisiert und zum Teil erschreckend ausgelotet hat.
„Und welchen Unterschied machen Sie denn zwischen einem Flieger, der hoch oben in seinem Flugzeug sitzt und Behälter mit Napalm über eine Mechta (algerische Bauernsiedlung) abwirft, und einem Terroristen, der seine Bombe im Coq Hardi (Bar in Algier) ablegt? Der Terrorist braucht nur unendlich mehr Mut.“ (Die Zenturionen, 4. Aufl. Bonn 1961, S. 481.)

In seinem dritten großen Kriegsroman, DIE GRAUSAMEN TRÄUME (Les chimères noires,engl.: Hounds of Hell), 1963, beschreibt er die Katanga-Krise von 1960–1963 aus der Perspektive dreier Söldner (darunter auch ein deutscher). Die Hauptfigur des Obersten La Roncière ist an Roger Trinquier angelehnt. Er ist Führer einer Gruppe von französischen Söldnern, die dem separatistischen Katangapräsidenten als Elitetruppe dienen und auch gegen UNO-Truppen eingesetzt werden, die die Abspaltung Katangas von der Demokratischen Republik Kongo verhindern sollen:
„La Roncière entdeckte voller Erstaunen, dass er sich zum ersten Mal ohne Schwierigkeit in die Rolle des Gegners versetzen konnte. In Indochina konnte man sich nicht an die Stelle der Viets setzen, in Algerien nicht an die der Fellaghas. Jetzt aber war er nur noch ein Söldner, Techniker einer bestimmten Art der Kriegführung, den man ebenso einstellte wie andere, die eine Brücke bauen sollten.“ (Die grausamen Träume, S. 69)

Diese drei Romane werden auch gerne als Trilogie behauptet. Darüber lässt sich streiten. Für mich unbestreitbar ist, dass sie drei sträflich unterschätzte Kriegsromane des 20.Jahrhunderts sind und auch literarisch wiederentdeckt werden sollten. Hat sich der Leser erst mal auf Lartéguy eingelassen, kommt er den dargestellten Ereignissen und Personen so nahe wie durch kein vergleichbares Buch.

Unbedingt zu erwähnen ist auch Lartéguys großer Laos-Roman DIE TROMMELN AUS BRONZE, 1967, der die Geschichte Laos und das geheimdienstliche Geschachere um Indochina zu einem höchst ungewöhnlichen Polit-Thriller verschmilzt. Ebenfalls zu empfehlen ist DAS GELBE FIEBER, seinen großen „Abschiedsroman“ von Indochina, in dem er den Amerikanern ein ähnlich verehrendes Disaster wünscht wie es die Franzosen erlitten haben (und mit Oberst Terryman zeichnet er ein Portrait des berüchtigten Colonel Lansdale). Das „gelbe Fieber“ ist das „indochinesische Fieber“; die romantische, sehnsuchtsvolle Wehmut nach dieser Region, die man nie wieder los wird und ein Leben lang verfolgt (auch das teilte Lartéguy mit Scholl-Latour und vielen Europäern).

P.S.: Wer den Roman DIE ZENTURIONEN kennt, wird für die Verfilmung höchstens ein müdes Lächeln erübrigen. Der Film lief unter dem Titel THE LAST COMMAND, da die cleveren Produzenten befürchteten, das blöde Publikum würde beim Titel CENTURIONS vermuten, es handele sich um einen weiteren Sandalen-Film.



MiCs Tagebuch.FILME FÜR UNSERE ZEIT: DER FALL SERANO, Frankreich 1977. by Martin Compart
27. März 2017, 7:51 am
Filed under: Alain Delon, Film, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , , ,

Ich bin völlig begeistert! Was ist das für eine Chimäre von Film. Holprig ohne Ende. Von Männern für Männer mit Männern. Frauen sind nur schicke Schaustücke, die bis auf Mireille Darc alle umgebracht werden. Einzig die Audran hat einen Hauch von tiefem Dialog. Die Muti hingegen fungiert als dramaturgischer Conduit, deren Tod Delon schließlich motiviert aufs Ganze zu gehen.

Der große Mörder stellt sich am Schluss als ein ideologisch verblödeter Bulle heraus und der “gute Bulle” in dem Film weiß nicht, ob er es schaffen wird, die korrupte Elite vors Gericht zu bringen oder Lachse fischen gehen muss. Und dann die politischen Aussagen, allesamt in bedeutungsschweren Monologen: Kinski als der monströse Vertreter des Kapitalismus, der alles mit Geld regelt und es “bedauert”, wenn etwas mit Geld nicht zu regeln ist; der kleine verblödete Bulle, der das die Gesellschaftsordnung gefährdende Geschmeiß ausrotten will (wie Robespierre und Saint Just); und zum Finale dann Delon, der den Sack der Wahrheiten zumacht. Schlaf ruhig, Paris.

Jeder dieser Monologe ist absolut zutreffend und als Beschreibung unserer Gesellschaftsform noch heute vollends gültig. Für den Zuschauer im Jahre 2017, verbreitet der Film bei aller fatalistischen Hinnahme des Systems, beinahe eine Sehnsucht zurück nach jener Zeit, in der das Kapital den Kälbern noch Arbeit, Unterhaltung, Sex und sogar einmal jährlich Urlaub zubilligte. So viel Luxus will heute vom entfremdeten und völlig verdinglichten User-Konsumenten-Datenlieferanten erst einmal verdient sein.

Ich wurde immer wieder zu stehendem Szenenapplaus genötigt. Dass ausgerechnet Alain Delon “Der Fall Serrano” produzierte, ist mir angesichts seiner politisch Haltung ein Rätsel. Solches Stars hat die Kulturdiaspora Deutschland niemals hervorgebracht. Diesen Film muss man UNBEDINGT IMMER WIEDER ANSEHEN. Ich will mehr solcher Filme.

MiC



DELON AUF ARTE by Martin Compart
20. Februar 2016, 5:43 pm
Filed under: Alain Delon, Film, WILLIAM WINGATE | Schlagwörter: ,

Sonntagabend feiert ARTE Delon endlich den ungeliebtesten Sohn der französischen Kultur mit einem Portrait, EIN MUSS!

Alain_Delon_2010_Cannes[1]

P.S.: Ich habe Alain Delon mal ein Buch verkauft (William Wingates VERGELTUNG DES FREMDEN, alias HARDACRES WAY, Ullstein), dass er dann weiter gegeben hat und  daraus entstand der Film MALONE.

Enttäuschend: Ich wollte ein Delon Vehikel und bekam einen mittelmäßigen Burt Reynolds/Cliff Robertson von einem mäßig begabten  Regisseur. Der Film heißt MALONE.



ALLES GUTE, ALAIN DELON! by Martin Compart
10. November 2010, 11:12 am
Filed under: Alain Delon, Film, Jean-Pierre Melville | Schlagwörter: , , ,

Nun ist er 75. Die Reise nähert sich ihrem Ende. Sein Engagement für Tiere hat mir immer gut gefallen: Einmal fand er auf der Strasse eine angefahrene Katze, in der kaum noch Leben war. Er ließ einen Hubschrauber kommen, flog mit ihr in ein Krankenhaus und ließ sie operieren. Seitdem lebt sie dreibeinig auf seinem Landsitz (den er inzwischen nur selten verlässt):

Was mir auch gut gefallen hat: Während der Affäre Markovich (Delons Leibwächter wurde ermordet aufgefunden) unterzog die Polizei Delon einem dreitägiges Verhör. Er sagte nichts.

Nachdem Hans Gerhold und ich Alain Delon zum 70.Geburtstag mit DARK ZONE (Strange Verlag, 2005; bei Amazon vergriffen, aber bei Fantasy Productions lieferbar)) gebührend gefeiert hatten, hier zu seinem 75.Geburtstag nur ein paar Gedanken zu Melvilles Delon-Trilogie:
In LE SAMOURAI zeigt Melville, dass für ein komplett gesellschaftliches Wesen (Jeff Costello) Liebe nicht mehr möglich ist, wenn es keine Konvention akzeptiert. In CERCLE ROUGE, dass Freundschaft eine der wenigen Möglichkeiten zur Integrität in der bürgerlichen Gesellschaft ist, aber die individuelle Vernichtung nicht aufhält. In UN FLIC ist Liebe und Freundschaft nur möglich, wenn die christlichen und bürgerlichen Moralvorstellungen missachtet werden.
Delon macht in diesen drei Filmen eine Sozialisation vom unvermittelbaren Außenseiter zum zynischen Bollwerk des Systems durch.

1966 klappte es endlich mit Melvilles Zusammenarbeit mit Alain Delon. Delon hatte schon früher Angebote erhalten, diese aber immer wieder zurückgewiesen „weil er sich auf eine amerikanische Karriere vorbereiten wolle“. Jedenfalls wird Delon noch heute dem Himmel dafür danken, die Rolle des schizophrenen Killers Jeff Costello im SAMOURAI angenommen zu haben. Die Dreharbeiten fanden von Juni bis August 1967 statt und es war der letzte Film, der im Studio Jenner gedreht wurde. Mit LE SAMOURAI beginnt Melville seine Farbästhetik zu entwickeln. Die Farben werden – anders als etwa in LAINE DE FERCHAUX – von nun an immer kälter. Der SAMOURAI wirkt trotz seiner eiskalten Inszenierung noch vergleichsweise warm, wenn man ihn mit CIRCLE ROUGE oder dem stählernen FLIC vergleicht. Es ist soviel über diesen Film geschrieben worde, daß ich an dieser Stelle nur ein weiteres mal Hans Gerhold zitieren möchte:
„LE SAMOURAI ist die ästhetische Vollendung des französischen Unterweltfilms, ein Werk, das in seiner rigorosen Stilisierung fast etwas Abstraktes hat: Kino in Reinkultur, daß seine Vorbilder überwand und in der Perfektion seiner Inszenierung nur noch auf sich selbst verweist. Dieses elegische Requiem für einen Killer überzeugt nicht nur als Studie über Einsamkeit und Entfremdung; es ist zugleich, durch rauschhafte Schönheit und Transponierung musikalischer Bilder und Töne in erlesenen Einstellungen, Inkarnation dieser Isolation. In der Unvermeidbarkeit aller Situationen einer antiken Tragödie verwandt, bildet dieses Experiment mit Kunstfiguren den gelungenen Versuch, fortschrittlichste ästhetische Formen am Beispiel einer Gangstergeschichte in populäre Kino- und Erzählmuster umzusetzen.“
Melvilles Determinismus führt Costellos Ausbruchsversuch aus sich und seiner Welt durch die Emotion der Liebe direkt in den Tod.

Nach dem SAMOURAI folgte der Résistance-Epos L’ARMÉE DES OMBRES, abermals mit Ventura, mit dem er sich gleich zu Beginn der Dreharbeiten so zerstritten hatte, daß die beiden Männer drei Monate nicht miteinander redeten. Von Januar bis Abril 1970 drehte er LE CIRCLE ROUGE, der die Schraube der Hoffnungslosigkeit noch weiter anzieht. Im SAMOURAI war für Delon als Killer Jeff objektiv die Liebe möglich – ohne daß er dazu in der Lage war, sie anzunehmen. Im CIRCLE ROUGE gibt es keine Liebe mehr, stattdessen aber Freundschaft unter den Außenseitern, die der rote Kreis zusammenführt. Auch hinter der Kamera dieses Freundschafts-Epos hielt Melville an seinem Ethos fest. Howard Vernon: „Bei CERCLE ROUGE wollte er mich wieder als Sprach Coach für eine englische Fassung des Films Haben (wie zuvor in L’ARMÉE DES OMBRES). Meine Rolle bestand darin, den Schauspielern zu sagen: Mach‘ da im Englischen eine Pause, mach diese oder jene Mundbewegung… Natürlich ist diese englische Fassung nie herausgekommen. Ich war damals in einer finanziell schwierigen Lage. Ich sagte zu Melville: Du weißt genau, daß man diese Faßung nie verwenden wird, du willst mir nur etwas Geld zukommen lassen. Er stritt das natürlich ab, aber genauso verhielt es sich: er hatte ein Riesebudget und wollte mir helfen. Ich hatte in seinem erfolgreichen Erstlingsfilm mitgewirkt; er fühlte sich mir immer verpflichtet.“
Wie Delon auch aus unerfüllter Liebe im SAMOURAI den Tod wählt, so sterben er, Volonte und Montand im CIRCLE ROUGE auch aus Freundschaft zueinander.

Dieser Film ist noch pessimistischer und im Gegensatz zu Jeff Costello, der von der Liebe zur Sängerin überrascht wird, scheint die Zeit für die Gangster im Roten Kreis von Anfang an abgelaufen zu sein. Melvilles Determinismus drückt sich in den Worten des Polizeipräsidenten aus: „Es gibt keine Unschuldigen. Die Menschen sind Verbrecher. Sie kommen unschuldig auf die Welt, aber sie bleiben es nicht.“ Ein Satz, der aus der hoffnungslosen Literatur Célines stammen könnte. Melville beklagte sich nach den Dreharbeiten über das stupide Verhalten von Volonte und die Unfähigkeit seiner technischen Crew, die dazu führte, daß er an diesem Film länger als erwartet arbeiten mußte. Er wurde müde, aber zwei Jahre später nahm er doch wieder alles auf sich, um sein ästhetisches Konzept noch weiter zu treiben und mit UN FLIC seinen pessimistischsten Film zu drehen.

Noch einmal trafen sich die Gangster in einem heruntergekommenen Haus, hinter dem aber bereits die neuen, häßlichen Betonsilos hochgezogen wurden. Melville war auch ein Chronist des Niedergangs von Paris. UN FLIC entstand, als am Montparnasse die Baugrube für Europas größten Wolkenkratzer ausgehoben wurde. Das Ende einer Epoche. Auch das Ende für Melvilles Gangster, diesmal von Richard Crenna gespielt. Nicht von Ungefähr spielte Delon in diesem Film einen roboterhaften Polizisten, der durch Folter und Technologie dem Gangster Crenna überlegen ist. Nicht von ungefähr beraubt Crenna in einem der genialsten Coups der Filmgeschichte einen Angehörigen des Organisierten Verbrechens, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft integriert hat.
(dies ist ein Auszug des Melville-Textes in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME-Essays zur populären Kultur (BoD, 2010)