Martin Compart


DER THRILLER ZUR PANDEMIE – John F.Case: DAS ERSTE DER SIEBEN SIEGEL by Martin Compart

Stellt Euch vor, es gäbe eine Sekte, die die Erde von der Überbevölkerung und allen Sündern befreien möchte – und zwar mit Hilfe eines Influenzavirus‘, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Namen „Die spanische Dame“ zahlreiche Opfer fand und nun durch Manipulation zur perfekten Vernichtungswaffe gezüchtet wurde.

In John F. Cases „Das erste der sieben Siegel“ wird diese Vision grausige Wirklichkeit.
In New York wird ein Ehepaar ermordet. In Nordkorea wird ein kleines Dorf mit Bomben ausgelöscht. Ein Bewohner, dem die Flucht in die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea gelingt, berichtet, dass im Dorf vor der Auslöschung die „spanische Dame“ ausgebrochen sei. Das Virus galt bis dahin als ausgestorben und auch in den Forschungslabors als nicht vorrätig.

Dr. Kicklighter und seine Schülerin Annie Adair bekommen daraufhin ihren bereits abgelehnt gewesenen Finanzierungsantrag für ein Forschungsprojekt bewilligt. Sie wollen in Norwegen Leichen von Bergarbeitern ausgraben, die seit ihrem Tod 1918 im Dauerfrost begraben und höchstwahrscheinlich an dem besagten Virus gestorben sind.
Doch als sie dort ankommen, sind die Gräber bereits leer.

Der Journalist Frank Daly – der eigentlich über die Ausgrabung berichten sollte, aber den Eisbrecher verpaßt hatte – wittert durch die Verschwiegenheit der beiden Wissenschaftler nach deren Rückkehr und der Anwesenheit des CIA eine heiße Story und beginnt nachzuforschen, wo die Leichen geblieben sind.

Diese wurden unter amerikanischen Namen eingeführt, und ein Name davon ist Leonard Bergmann, der Sohn des ermordeten Ehepaares und Mitglied beim „Tempel des Lichts“.
Daly nimmt die Sekte genauer unter die Lupe, währenddessen deren Mitglieder eine schwächere Version des Virus in verschiedenen Städten auf die beste Verteilungsmöglichkeit und die Ansteckungsrate testen…

Birgit Andrae in: http://buchwurm.org/case-john-f-erste-der-sieben-siegel-das-10569/

Ich könnte es nicht besser ausdrücken als Frau Andrae: „Das erste der sieben Siegel ist ein brilliant geschriebener Thriller, der es mir unmöglich machte, ihn aus der Hand zu legen… Nichts Vergleichbares gefunden.“

„EERIE SUSPENSE . . . Thrusts readers into the thick of a rapid-fire plot . . . Keep[s] you turning the pages and praying that this is only fiction.“
–www.amazon.com

„[A] SUPERCHILLING TALE . . . MIND-BLOWING . . . DESTROY[S] THE READER’S SLEEP.“
–Kirkus Reviews

Viren sind kein neuen und kein wirklich ungewöhnliches Thema für Thriller (und ich mag es genauso wenig, wie Medizin-Thriller generell seit Robin Cooks COMA).

Aber an einen erinnere ich mich gerne und beklemmt, denn er ist von einem Autoren, von dem ich ALLES bedingungslos verschlungen habe: John F.Case!

Besser von einem Autorenpaar. Hinter dem Pseudonym steht, bzw. stand das Ehepaar Jim und Carolyn Hougan. Gemeinsam schrieben sie sechs brillante Thriller bis zu Carolyns Tod im Februar 2007.

Jim Hougan, geboren 1942, war ein exzellenter investigativer Journalist und Ermittler. Ihm begegnete ich erstmals durch das bahnbrechende Buch SPOOKS – DIE DIENSTBAREN GEISTER DER MACHT (deutsch 1979 bei Rogner & Bernhard), das mir Jörg Fauser schenkte, da es in jede Basisbibliothek zu Geheimdienstaktivitäten gehört.

Hougan half auch Norman Mailer bei den Recherchen zu dessen großen CIA-Epos HARLOT´S GHOST.
Jims Page:
http://www.jimhougan.com/

Hougan zu dem Roman:

„For the most part, though, the research is fun because one writes about the things that interest one. And the people you meet–the „experts“–are often quite terrific.
Occasionally, though, the research is disturbing–as worrisome as it is interesting. Such was the case with The First Horseman, whose plot turns upon the ease with which America might be devastated by a person or group with access to biological weapons–and a deep grudge. When I began the research, I knew the possibility was scary, but I thought it was also quite remote.

As I soon found out, however, the possibility is anything but remote. Biological weapons are dirt-cheap, easy to acquire, and completely destructive–nature’s very own neutron-bomb. With $2000 and two years of science classes, a highly-functioning madman could probably take a big chunk out of the Big Apple. And there isn’t a city in the U.S. that’s prepared to cope with the threat–neither New York nor Washington, Pittsburgh or Peoria. In fact, a chemical or biological attack on a single

high-rise–just one building–would paralyze New York’s hospitals and health care system, and do so almost immediately. A broader attack–by crop duster or pleasure-boat on the Hudson–is….well, that’s why I wrote The First Horseman.“
jim-and-carolyn-hougan[1].
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Mehr zu John F.Case und Jim Hougan demnächst in diesem Blog.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: BLUTHUNDE von Don DeLillo by Martin Compart

Don DeLillo ist einer der großen Verschwörungstheoretiker. Aber ihm nimmt es das Feuilleton nicht übel, denn DeLillo hat mehr Literaturpreise gewonnen als die meisten Mainstream-Zeitungen noch Abonnenten haben.

06/00/1991. American Author Don Delillo

DeLilo wird von den Medienkellnern der Literaturseiten gerne mit dem Begriff „postmodern“ belegt. Bei SIEBEN SEKUNDEN begründet das Der Spiegel mit der Beobachtung, dass in dem Roman fiktive Figuren auf historische stoßen. Oha, dann ist wohl Charles Dickens (A TALE OF TWO CITIES) ebenfalls ein „postmoderner“ Autor. „Postmodern“ ist lediglich ein völlig hirnverbrannter Begriff aus den vollgekotzten Schubladen des Marketings, der impliziert, dass es irgendwann mal eine ästhetische Wetterscheide gegeben habe, nach deren Grenzüberschreitung anders als zuvor geschrieben werde.

Tatsächlich gibt es aber seit den 1980er Jahren (in denen manche dieser verzweifelt um Schubladenoriginalität bemühten Hirnakrobaten, überwältigt von ihrer eigenen Wortgewalt, diese „Postmoderne“ verorten) stilistisch nichts epochal Neues. Auch nicht unter der trüben Sonne Klagenfurts.
Kerouac, Burroughs, Vian, Mailer, Robbe-Grillet, Manchette, Pynchon und ein paar weitere füllten bereits in den 1950er- bis 1970ern die literarischen Werkzeugkästen, aus denen man sich bis heute bedient.

runningdog_first_ed[1]Um die Kultur nicht in den öden Festungen subventionierter Kritiker zu isolieren, sollte man sie, wie es ihre Existenz ausdrücklich verlangt, eher an der Realität anmessen. Dann könnte man zumindest seit 2001 von einer Kultur, bzw. Literatur, der „Postdemokratie“ sprechen, was sie ja häufig thematisiert.

Seit der Bankrottrüstung der Sowjetunion und spätestens seit 9/11 rechtfertigen die Lebensgrundlagenzerstörer (Neo-Con ist ein ebenso falscher Begriff wie „postmodern“, denn er beleidigt all das, wofür ein aufrechter Konservativer steht) ihre globalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Umwelt mit der Marktwirtschaftsphrase. Dank Banker, Konzernlenker und ihren eingekauften politischen Heloten hat die Vernichtung unseres Planeten eine nie gekannte Virtuosität erreicht.

Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass sogenannte E-Literaten immer häufiger Ausflüge in sogenannte U-Genres machen (wahrscheinlich um ihrem Biedermeier zu entkommen), besonders gerne in die Noir-Literatur.

Hemingway, Mailer, McCarthy, Pynchon taten dies bereits vor Jahrzehnten aus edleren Gründen.

Don DeLillo tat dies ganz unmissverständlich 1978 mit RUNNING DOG. Pop-Kultur war immer bedeutsam für seine Bücher und Weltsicht, aber in diesem Roman nutzte er ganz bewusst die  Strukturen des Thrillers. Oder wie es Joachim Kalka 1999 in der FAZ in einer der brillantesten Besprechungen von BLUTHUNDE ausdrückte: kreist die Handlung „in einem Dekor von verschwenderischer Noir-Ausstattung“ um „ein leeres Zentrum: Es gibt etwas, das alle haben wollen, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, wer es hat, ob es existiert“.

Dies ist DeLillos Jagd nach dem MALTESER FALKEN, der bei ihm ein Pornofilm aus den letzten Tagen im Führerbunker ist und dessen Schale am Ende des Romans ähnlich aufgekratzt wird wie bei Hammett. Und wie bei Hammett ist es auch für DeLilo lediglich ein McGuffin – einer der aberwitzigsten der Noir-Literatur (der Begriff „McGuffin stammte von Alfred Hitchcock und benannte das zugleich sinnlose oder sinnvolle Motiv, das „die Handlung zum laufen bringt oder am laufen hält“). Dem Zeitgeist entsprechend, gibt es in BLUTHUNDE keine integre Figur wie Sam Spade. Mordende wie Ermordete sind schuldhaft in die Intrigen des Systems verwickelt.

Im Echo von Kennedy-Attentat, Vietnam, Watergate, Sixties-Revolte und Church-Ausschuss hat DeLillo BLUTHUNDE mit ebenso unterhaltsamem wie symbolisiertem Personal bestückt: einen Geheimagenten, zwei Journalistinnen des ehemals radikalen Magazins „Bluthunde“, einen Senator (der in einem dem Church-Ausschuss nachempfundenen Komitees mitmischt), den Boss des militärisch-industriellen Komplexes, einen Mafia-Don, einen alternden Erotika-Händler und andere illustre Gestalten. bluthunde-9783442446025_xxl[1]

Der Agent Selvy arbeitet, von Steuergeldern bezahlt, für Senator Lloyd Percy als eine Art Referent. Seine wirkliche Aufgabe ist es, belastendes Material gegen den Senator zu sammeln, dass Geheimdienste und der militärisch-industrielle Komplex gegen ihn verwenden kann. „Er fühlte sich vom Dreck seines Berufs nicht beschmutzt.“ Selvy ist der Strohmann für eine vor der Öffentlichkeit verborgenen Neigung des Senators: seine millionenschwere Erotika-Sammlung, der auch der Nazi-Porno einverleibt werden soll. „Es gefällt dem Herrn, dass nur wenige von uns über das nötige Kleingeld verfügen, um solchen Neigungen nachzugehen.“

Zynisch betrachtet DeLillo die perverse Nazi-Faszination durch den Zwischenhändler Lightborne: „Film spielte eine ganz wesentliche Rolle in der Nazi-Ära. Mythos, Traum. Erinnerung… faszinierend: Die ganze Nazi-Ära. Die Leute können nicht genug davon kriegen. Wenn´s um Nazis geht, kommt automatisch Erotik ins Spiel. Die Gewalt, die Rituale, das Leder, die Schaftstiefel. Die ganze Begeisterung für Uniformen und das ganze Brimborium. Hitler hat seine Nichte ausgepeitscht, haben Sie das gewußt? Verhilft derlei Material den Leuten dazu, ihren Orgasmus aufzuwerten?“

Der Roman steht ganz in der Tradition der amerikanischen Conspiracy-Romane und Paranoia-Filme der 1970er. Geschockt von den Reformen der 196oer Jahre, die aus dem Ruder gelaufen waren, begann die Reaktion vehement aufzurüsten und setzte zu Beginn der 1980er gar mit Reagen den ersten Soldaten-Präsidenten ins Weiße Haus. DeLilos schwarzer Polit-Thriller verdeutlicht diese Zeit, die soviel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Aus einem Dialog zwischen Selvy und der Bluthund-Journalistin Robbins:

„BLUTHUND war einstmals ein Organ der Unzufriedenen.“
„Ja, wir waren ziemlich radikal.“
„Heute völlig etabliert.“
„Völlig würde ich nicht gerade sagen.“
„Teil der ständig expandierenden Mitte.“

Kein Thriller für Leser, die zur Genügsamkeit bei geistiger Nahrung neigen.

 



STAMMTISCHGEGRÖLE: EIN NAVY SEAL SUCHT DIE WAHRHEIT by Martin Compart
23. Juli 2011, 3:03 pm
Filed under: Conspiracy, Ekelige Politiker, Paranoid, Politik & Geschichte, Stammtischgegröle | Schlagwörter: ,

Typen wie Jesse Ventura wird unsere Schrebergarten-Politik wohl nie hervorbringen: Der 1951 geborene Jesse war Navy Seal und dann Profi Wrestler. !999 gingen ihm die etablierten Politiker so auf den Senkel, dass er als Gouverneur für Minnesota kandidierte – und siegte! Bis 2003 hatte er dieses Amt als parteiloser inne. Spätestens da bekam er mit, dass demokratisch nicht legitimierte Kräfte im verborgenen Strippen zogen, logen und mächtigen Interessen dienten. Heute macht er eine TV-Sendung über Verschwörungen. Er gehörte zu den intelligenten Naivlingen, die nicht wegsehen und nicht wahr haben wollen, dass die Benzinpreise durch Gott oder Zufall angeglichen werden. Und wenn es da schon heimliche und verbotene Absprachen –sprich: Konspirationen – gibt, dann vielleicht auch auf anderen Ebenen. Jesse begann zu recherchieren und entdeckt gar solche Unwahrscheinlichkeiten (jedenfalls für SPIEGEL-Leser), dass bereits unter Roosevelt die Presse gleich geschaltet war und genauso Nachrichten unterdrückt wie sie andere vollmundig verbreitet. So schreibt er in seinem Kapitel über die weitgehend unbekannt gebliebene Verschwörung gegen Roosevelt: „Überrascht es uns, dass FDR mit seinen Kaminfeuergesprächen begann, um direkt zum Volk zu sprechen und zwar über die Köpfe von Zeitungsbaronen wie Luce und Hearst hinweg?“

Nun hat der Heyne Verlag dankenswerter Weise seinen Bestseller DIE AMERIKANISCHE VERSCHWÖRUNG -9/11 UND ANDERE LÜGEN (mit Dick Russel; Heyne 60190, 380 Seiten, 8,99 Euro) auf Deutsch herausgebracht. Er hat die durchgehenden Verschwörungen von Lincoln bis 9/11 recherchiert und für unbedarfte spannend dargelegt (politisch aufgeklärtere Geister werden aber auch noch Details erfahren, die sie bisher vielleicht nicht kannten). Es ist sozusagen ein Schulbuch über amerikanische Geschichte, das Grundlagenwissen vermittelt. Und Jesse ist noch immer ein liebenswerter, naiver amerikanischer Junge: Er hofft tatsächlich, dass Präsident Obama einiges wieder gutmachen wird, was die Vorgänger angerichtet haben (vielleicht sollte er sein eigenes Buch genauer lesen um zu erfahren, wo die entscheidenden Kräfte sitzen).
Jenfalls – bei einigen Abstrichen – eine hervorragende Einstiegslektüre für Leute, die den deutschen Fernsehnachrichten und den verlogenen Debilenpostillen zu entwachsen drohen.