Martin Compart


SCHWARZES REQUIEM von Jean-Christophe Grangé by Martin Compart

„Afrikanischer Wahnsinn war doch das einzig Wahre.

Gégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, hütet dunkle Geheimnisse aus seiner Vergangenheit in Katanga. Dort hatte er Anfang der Siebzigerjahre einen bestialischen Killer zu Fall gebracht. Doch jener Nagelmann, der seine Opfer einem grausamen Ritual folgend mit Nägeln und Spiegelscherben gepickt zurückließ, scheint einen Nachfolger zu haben.
Sein Sohn Erwan begibt sich in den Kongo um die wahre Geschichte seines Vaters zu ergründen. Er ahnt nicht, dass er damit das Tor zur Hölle öffnet…“

SCHWARZES REQUIEM
26,00 € Bastei Lübbe, Hardcover; 688 Seiten.
ISBN: 978-3-431-04081-4

„Man schreibt über Dinge, mit denen man Probleme hat. Ich habe Probleme mit Gewalt“, ist das literarische Credo von Jean Christoph Grangé.

Wer bezweifelt, dass wir im vermeintlichen Diesseits längst im Fegefeuer schmoren oder uns aus den Höllenkreisen nach innen vorarbeiten, muss nur die Romane von Jean-Christopher Grangé lesen. Der Perversion einer unkontrollierten (und inzwischen auch unkontrollierbaren) Ökonomie verdichtet er die Abstrusitäten seiner wie Hefe quellenden Phantasie.

Mehr als jeder andere Autor hat er die Kriminalliteratur mit der Weird Fiction verbunden.

Grangé neigte immer zu labyrinthischen Plots, die nicht jeder mag. In diesen beiden Bänden treibt er es auf die Spitze und strapaziert die Glaubwürdigkeit beim Leser. Ich kann damit gut leben, da die Romane in ihrer Gesamtheit faszinieren und Grangé bei allen Verknüpfungen mit der Realität einen eigenen Kosmos geschaffen hat; das gelingt nur großen Autoren.

Nicht nur In seinen Reisebeschreibungen des Verfalls erinnert er häufig an Malraux; seine Sprache ist häufig durchsetzt von ähnlicher Poesie.

Oft benutzt er Schauerelemente des französischen Feuilleton-Romans oder der britischen Gothic-Novel und aktualisiert sie, verpflanzt sie in aktuellen Kontext. Damit haben deutsche Rezensenten häufig Schwierigkeiten, weil sie die literarischen Traditionen außer Acht lassen.

Grangé war nie ein sonniger Springinsfeld, aber man konnte doch beobachten, wie seine Romane immer düsterer wurden. Mit CONGO REQUIEM hat er seinen Pessimismus nochmals gesteigert.
Eva-Maria Reich schrieb treffend in ihrer Leserkritik bei Amazon: „Der Titel ist Programm, die Geschichte der unvorstellbaren Gräueltaten im Kongo bis zu den tiefsten Niederungen der psychopathischen Ärzte, die gesamte Familie des Padre ,ein einziges Konglomerat an Gewalt ,Zerstörung und Grausamkeit. Jean Christphe Grange ist ein meisterhafter Erzähler einer Geschichte von Macht ,Verrat, sinnlosem Morden, Korruption und viel Geld, wie es auch heute noch im Kongo und in der ganzen Welt zugeht.“

Mit diesem Roman hat er ein Sequel zu PURPURNE RACHE (siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2016/12/29/hoerbuch-jean-christoph-grange-purpurne-rache/ ) vorgelegt, der die Familiengeschichte der Höllenbrut Morvan konsequent weitererzählt (und diese nicht nur am Rande des Irrsinn angesiedelten Extremisten sind die Sympathieträger des Buches; naja: vielleicht eher die Hauptpersonen).

Wie weit Grangé geht, sieht man auch daran, wie er einen rudimentären Sympathieträger über eineinhalb Romane aufbaut, um ihn dann zu zertrümmern. Nein, dieser Autor nimmt keine Gefangene.

Der Roman wird auf drei Ebenen erzählt (teilweise kommt als vierte die des alten Patriarchen hinzu), nämlich die der Familienmitglieder, die unterschiedlichen Horror durchleben. Der Kongo-Teil ist m.E. der stärkste Part des Buches, weil er die infernalischen Coltan-Kriege beleuchtet und uns einen Eindruck der Apokalypse vermittelt, die auch Europa erreichen wird.

„Die Rechnung war einfach: Sechshundert Säcke pro Tag beinhalteten je nach Tageskurs eine Rendite von sechshunderttausend Euro, wenn man die minimalen Kosten abrechnete – jeder Arbeiter erhielt einen Tageslohn von vier Dollar – , kam man auf ein Einkommen von etwa fünfhundertfünfzigtausend Euro am Tag… Morvan betrachtete die perforierten Abhänge. Die Eisengeräusche erinnerten an rasselnde Tuberkulose in einer geschwärzten Lunge.“

Ich kenne keinen anderen Kriminalliteraten, der die Realität so mit Grauen aufladen kann, dass zwischen den Zeilen manchmal eine mystische Ebene entsteht.

Früher hat Grangé dem Leser Angst eingejagt. In seinen beiden letzten Romanen vermittelt er keine Angst mehr, sondern verbreitet nur noch Horror. Denn seine optimistische Botschaft lautet: Ihr müsst euch in der Hölle nicht länger fürchten, denn alles ist verspielt und Erlösung nicht in Sicht.

Spätestens mit der Morvan-Saga ist Grangé zum Hieronymus Bosch der Kriminalliteratur geworden.

Die leider wieder gekürzte Hörbuchversion (immerhin 12 CDs!) ist ein unglaubliches Erlebnis: Dietmar Wunder war immer ein herausragender Textinterpret, immer mehr als ein Vorleser.
Aber was er in den letzten Jahren abliefert (ich denke da auch an die wunderbaren Hörbücher nach den Romanen des wunderbaren Tony Parsons) geht weit über ein gutes Hörbuch hinaus.

Dietmar Wunder ist zum eigenen Medium geworden, dass aus einer Lesung ein Hörspiel macht. Er gibt jedem Charakter eine so eigene, markante Stimme, dass man den Schauspieler und Interpreten kaum oder gar nicht mehr erkennen kann. Er geht in jede Stimmung auf und macht sie mit Temperament für den Hörer geradezu physisch erfahrbar – als wäre man in einem Streitgespräch anwesend und ausgeliefert.

Mit seinen Grangé- und Parsons-Interpretationen setzt Wunder neue Maßstäbe im Hörbuch.

Frankreich hat eine lange Tradition in der Flüchtlingsursachenbekämpfung durch Kannibalen.

REZENSION PURPURNE RACHE VON 2016:

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

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Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

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Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).

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JOSHUAHS ERBEN: DANIEL SILVA UND SEINE MOSSAD-SERIE by Martin Compart

Auf den ersten Blick wirkt er einfach nur harmlos und nett. Wie ein netter Kunstprofessor, der kein Wässerchen trüben kann. Einer, der seinen Eltern immer Freude und nie Probleme gemacht hat. Aber genauso wie sein Held Gabe Allon eine Doppelexistenz als Kunstrestaurator und Mossad-Killer führt, hat auch Daniel Silva eine andere, knallharte Seite.

„Ja, 9-11 war gut für den Thriller. Ich habe damals von meinem Haus in der Nähe von Washington D.C. die Rauchwolke über dem Pentagon gesehen.“ Daniel Silva ist kein Zyniker, jedenfalls nicht komplett. Nach Eric Amblers bekanntem Statement, dass der Thriller die letzte Zuflucht für Moralisten sei, hat sich Silva das Genre ganz bewusst gewählt. „Ich konnte mir als Schriftsteller nie etwas anderes vorstellen, als Spionageromane, bzw. Thriller zu schreiben. Als Kind des kalten Krieges war ich immer an Militärgeschichte und Spionage interessiert.“ Inzwischen ist Silvas Panoptikum ein umfassendes politisches Zeitgemälde, das uns Opfer, Täter, Mitläufer, Rächer und die totalitären Strömungen der Gegenwart vermittelt.

Er hat das Talent eines Frederick Forsyth, reale Ereignisse detailliert zu recherchieren, spannend darzustellen und in eine rasante Thrillerhandlung umzusetzen. „Ich recherchiere, bis ich blind bin. Ich packe den Tank mit soviel Recherchematerial wie möglich voll. Aber dann übernimmt die Imagination und ich öffne eine geistige Tür um einen möglichst unterhaltsamen Roman daraus zu machen.“
Der Piper Verlag, der Silva im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, setzt damit eine lange Tradition fort: Piper veröffentlichte bei uns den ersten Frederick Forsyth und war bis in die 1980er Jahre der Stammverlag von Ulf Miehe. Die Übersetzungen sind allesamt hervorragend. Was nicht wundert: Sein Übersetzer (bis einschließlich TERRORNETZ) ist der alt gediente Thriller-Crack Wulf Bergener, der sein Metier meisterlich beherrscht. Fast alle Bücher haben im Anhang Anmerkungen des Autors zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen der Romane, die auch in den deutschen Ausgaben erhalten sind.

Rasanz ist eine der treffendsten Bezeichnungen für seine Romane: sie gehen höllisch ab und lassen den Leser nicht mehr aus den Klauen. Manchmal brauchen sie etwas Zeit um in Fahrt zu kommen. Als Ausgleich dafür bekommt man faszinierende Beschreibungen der Handlungsorte und Details über die geheime Welt. Seine sorgfältige Recherche und breite, nie langweilige, Darstellung von Techniken oder Prozessen erinnert ebenfalls an den Altmeister. Silva legt allerdings etwas mehr Wert auf die genaue Charakterisierung seiner Personen. „Ich sehe mich als ernsthafter Schriftsteller, der Thriller schreibt.“ Als ob es heutzutage noch viele ernstzunehmende Schriftsteller gäbe, die nicht Genreliteratur schreiben.

Wer den arabisch-israelischen Konflikt wirklich verstehen will, kommt an Silva nicht vorbei. In seinen Thrillern erfährt man mehr und vieles intensiver als in Sachbüchern. Einmal mehr gilt das Theorem vom Thriller als eine der letzten Bastionen der Aufklärung (die menschenverachtende Globalisierungsideologen und ihre politischen Handlanger am liebsten ungeschehen machen möchten). Silva zeigt die Paranoia eines Landes, das sich permanent im Kriegszustand befindet und welcher Wahnsinn daraus resultieren kann. Er zeigt auch die Machtkämpfe innerhalb des Systems, lässt aber keinen Zweifel an der Existenzberechtigung Israels. Genauso wenig, wie er einem Palästinenserstaat die Existenzberechtigung abspricht. Die Tragik des Dauerkonflikts schwingt schon im ersten Allon-Roman, DER AUFTRAGGEBER, mit: Protagonist und Antagonist agieren aus fast identischer, nachfühlbarer Motivationslage. Beide haben ihre Familie durch die Gegenseite verloren.

Geboren wurde Silva 1960 in Michigan, aufgewachsen ist er in Kalifornien. Nach dem Studium wurde er erst Reporter für UPI, dann Korrespondent für CNN. Dort wurde er schließlich Producer der Talk Shows. Sein altes Gewerbe sieht er heute zynisch, wenn er den Mossad-Chef sagen lässt: „Für ihn waren Nachrichtenmedien nur eine Quelle der Unterhaltung oder eine Waffe, die sich gegen seine Feinde einsetzen ließ.“
Für UPI arbeitet er bis Mitte der 1980er als Washingtonkorrespondent, danach wurde er Korrespondent für den Mittleren Osten mit Sitz in Kairo. Als er über den 1.Golf-Krieg berichtete, lernte er 1987 seine Frau Jane Gangel, Korrespondentin für NBCs Today Show, kennen. Sie heirateten im selben Jahr. 1994 erzählte er ihr von seinem großen Traum, Thrillerautor zu werden. Sie ermunterte ihn und Silva begann 1995 mit seinem ersten Roman. Es entstand der Weltkriegs II-Thriller THE UNLIKELY SPY (DOUBLE CROSS-FALSCHES SPIEL), der 1997 erschien und es auf die Bestsellerliste der New York Times brachte. Sie leben noch immer in Georgetown.

Ihre beiden Kinder, Lily und Nicholas, sind im Teenageralter und begleiten die Silvas oft auf Recherchereisen. „Wenn sie nach den Ferien dann den üblichen Aufsatz schreiben mussten: Was habe ich in den Sommerferien getan, schrieben sie mal; Ich habe meinem Vater dabei geholfen Orte zu finden, in denen man Leute umbringen kann.“
Er ist ein effizienter Thriller-Autor, der gleichzeitig Suspense aufbaut, das Tempo steigert, seinen Figuren Leben einhaucht und zeitgeschichtliche Vorgänge analysiert. Seine Nebenfiguren sind faszinierend, da sie die Eigenheiten ihres jeweiligen Kulturkreises widerspiegeln und nicht in Klischees erstarren. Souverän beherrscht er sein Material, spinnt geschickt Subplots um alles im Finale explodieren zu lassen. Manchmal spielt er mit dem Wissensvorsprung des Lesers gegenüber Allon – wie es Hitchcock so gerne hatte. Silva kennt jeden Trick seines Handwerks und wird immer besser, ohne je wirklich geschwächelt zu haben. Man merkt die harte Arbeit nicht, die er in seine Bücher steckt.

„Das Schreiben ist nach 13 Romanen nicht leichter geworden – eher im Gegenteil. Da ist keine Romantik dabei. Ich veröffentliche jedes Jahr ein Buch. Das bedeutet, sechs Monate Recherche und sechs Monate schreiben. Ich sitze jeden Morgen um Punkt sechs an meinem Schreibtisch. Sieben Tage die Woche. Ich setze mich selbst unter Druck. Wenn mir ein Leser sagt: Ihr letztes Buch war Ihr bisher bestes, heißt das für mich: Jetzt muss ich ein noch besseres schreiben.“

Ganz auf der Höhe der Zeit, nutzt er auch Katastrophenszenarios wie wir sie durch die US-Serie 24 kennen: Im TERRORNETZ zum Beispiel wird der Petersdom durch einen Terroranschlag fast in eine Ruine zerlegt. Die Plots sind so perfekt gebaut, alle Teile greifen ineinander, dass man genaueste Planung vermutet. Falsch: „Normalerweise mache ich nur für das erste Drittel eine Outline. Wenn ich es geschafft habe, dass die Geschichte auf dem Papier lebt, lasse ich die Figuren übernehmen. Das heißt: Sie müssen unter dem immensen Druck einer Situation Entscheidungen treffen. Die Bücher entwickeln sich immer anders, als ich geplant habe. Einmal habe ich eine komplette Outline für einen Roman gemacht. Das Endprodukt hatte mit dem Exposé kaum noch etwas zu tun.“

Einige Kritiker verglichen Silva mit John Le Carré. Das ist bedingt nachvollziehbar. In manchen Charakterisierungen der Nebenfiguren und Formulierungen erinnert er zuweilen an LeCarré. Aber Silva ist weniger elaboriert. Wo LeCarré durch seitenlanges selbstverliebtes Formulieren die Handlungen retardiert, herrscht bei Silva wohltuende Selbstdisziplin um den Ereignisverlauf voran zu treiben. Im Vergleich mit Silvas Spionageromanen sind deutsche- oder skandinavische Thriller ästhetisch und intellektuell so aufregend wie die monatlichen Sitzungen eines SPD-Ortsvereins.

Seinen Durchbruch hatte Silva 2000 mit DER AUFTRAGGEBER (THE KILL ARTIUST), dem ersten Band seiner Serie über den israelischen Agenten Gabriel Allon. „Das vermeintlich glamouröse Leben eines israelischen Geheimagenten bestand in Wahrheit aus nahezu rastlosem Reisen und stumpfsinniger Langeweile, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Phasen blanken Entsetzens. Gabriel Allon hatte mehr solche Phasen erlebt als die meisten Agenten.“

Gabriel Allon ist ein Killer des Mossad. Er hat deutsche Vorfahren; seine Großeltern stammten aus Berlin. Sie wurden in Auschwitz ermordet und nur seine Mutter überlebte. 1972 wurde er als junger Kunststudent vom Dienst rekrutiert um die Olympia-Attentäter zu verfolgen und zu töten. Nachdem er sechs Terroristen getötet hatte, „war Gabriel an den Schläfen ergraut und sein Gesicht um zwanzig Jahre gealtert“. Er gilt als einer der besten Restauratoren für klassische Kunstwerke. Ein perfektes Cover um sich an allen möglichen Orten herum zu treiben. Als Agent ist er gefangen in einer Parallelwelt der Verdammten.

Die Serie beginnt mit einer Tragödie. Gleich am Anfang von THE KILL ARTIST (DER AUFTRAGGEBER) werden sein Sohn und seine Frau von einer Bombe zerfetzt. Seine Frau überlebt zwar, ist aber traumatisiert und leidet unter Amnesie. Danach ist Gabriel natürlich nicht mehr derselbe. Die Verwandlung zum byronschen Helden, die Kingsley Amis auch bei James Bond ausgemacht hat, ist abgeschlossen. Er unterliegt Stimmungsschwankungen, neigt zur Melancholie und ist ein überzeugter Misanthrop. Ein Mann mit Widersprüchen: als Restaurator ist er ein Heiler, als Killer ein Zerstörer. Er ist nicht nur intelligenter als 007, er ist auch in seinen Haltungen unabhängiger von Vorgesetzten oder staatlichen Doktrinen, im Gegensatz zu 007 neigt er zu Sentimentalitäten.

11326632nIn DER AUFTRAGGEBER herrscht er seinen Chef an, der ihn mit Rachemotivation zurück in den Dienst manipulieren will: „Haben Sie nichts dazu gelernt? Wir haben dreizehn Mitglieder des Schwarzen Septembers liquidiert, aber das hat keinen unserer in München ermordeten Jungs wieder lebendig gemacht.“ Trotz seiner Fähigkeiten, die Allon ganz klar in die Tradition der Super Spys à la James Bond einreihen, hat er viel von einem Anti-Helden: Er leidet darunter in einer Welt gefangen zu sein, die er nicht gewählt hat und so nicht akzeptieren will. Es sind die tiefen Verletzungen des Jüdischen Volkes, die ihn immer wieder mobilisierbar machen um weiteres Leid von seinem Volk abzuwenden. Aber er ist weder Politiker noch debiler Propagandist und erkennt deshalb genau, dass auf arabischer Seite ähnlich tiefes Leid herrscht.

Allon ist die High-Tech-Version des wandernden Juden. Bei aller Liebe und Verantwortung für den Staat Israel bewahrt er seine persönliche Würde und Unabhängigkeit. Der Erfolg Allans traf Silva unvorbereitet: „Ich hätte nie erwartet, dass das Publikum einen Mossad-Agenten als Serienhelden akzeptiert. Ich hatte ihn auch nicht als Serienhelden geplant. Man musste mich dazu überreden. Gott sei Dank. Heute ist Gabriel eine echte Person. Er existiert für mich wirklich.“ Inzwischen gönnt sein Autor ihm etwas Glück: Im 7.Roman lässt er ihn wieder heiraten.

Allons Hintergrund ermöglicht seinem Autor bildende Kunst in allen Aspekten abzuhandeln. Kunstraub ist ein Thema, dass ihn stark beschäftigt: „Jeden Tag wird irgendwo ein Kunstgegenstand geraubt. Und die meisten tauchen nie wieder auf. Höchstens ein Zehntel. Es gibt diese Tendenz, Kunstdiebstahl zu bagatellisieren. Dabei verschwinden jährlich Kunstwerke für vier bis sechs Milliarden Dollar! Nach INTERPOL steht Kunstdiebstahl auf Platz vier der lukrativsten Verbrechen. Hinter Drogen-, Waffenhandel und Geldwäsche.“

Entscheidend für seine Romane sind der Nahostkonflikt und der Kampf gegen den Terrorismus. In DER SCHLÄFER (PRINCE OF FEAR) liefert er darüber hinaus einen brillanten Abriss der Geschichte dieser scheinbar endlosen politischen Katastrophe. In THE KILL ARTIST war Gabriel Allon eine Art Bodyguard für Yasir Arafat während der Osloer Friedensverhandlung. „Es wurde in einer Zeit großer Hoffnungen geschrieben, PRINCE OF FEAR in einer Zeit des Terrors und der Verzweiflung. Es ist vielleicht so etwas wie ein Endpunkt. Ich habe mich sehr darum bemüht, beiden Seiten gegenüber gerecht zu sein. Ich wollte in einem Mikrokosmos das Leiden sowohl der Araber wie auch der Juden zeigen.“

Von der Kritik hoch gelobt sind Silvas Antagonisten. Seit John Buchan weiß man: je besser die Bösewichter, um so besser der Thriller. „Die Saudis zum Beispiel sind perfekte böse Buben für einen Thriller: Sie verfügen über unendliche ökonomische Mittel, können die ganze westliche Welt mit ihrem Öl erpressen, sind angebliche Verbündete und gleichzeitig ideologische und finanzielle Unterstützer des islamistischen Terrors.“ Nichts bleibt von diesem „Schlüsselkonflikt“ unberührt: „Der Iran wäre nicht dazu in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln, wenn nicht insbesondere deutsche und Schweizer Firmen die Nukleartechnologie geliefert hätten. Die waren tief verstrickt in das Atomschmuggel-Netzwerk von A.Q.Kahn. Alles nur aus Geldgier.“

Europa und besonders Österreich und noch mehr die Schweiz kriegen bei Silva regelmäßig die Leviten gelesen. „ Bei den Recherchen zu DER ENGLÄNDER traf ich den Präsidenten einer Schweizer Bank, der mir sagte: Was Sie begreifen müssen, ist dass die Schweiz ein Unternehmen ist und wie eine Firma geführt wird… Die Schweiz kooperierte mit Hitler, weil es gut für das Geschäft war. Heute bestreitet sie jede Schuld, weil das Zugeben irgendwelcher Verstrickungen schlecht für das Geschäft ist. Ich denke, das Europa ein bisschen vom Kurs abgekommen ist. Der alte Kontinent hat ein demographisches Problem. In allen Ländern Westeuropas ist die Sterberate höher als die Geburtsrate. Gleichzeitig erhöht sich die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung rapide. Europa wird in naher Zukunft einige schwierige Entscheidungen treffen müssen. In Frankreich, Dänemark und Großbritannien ist dieser Prozess bereits im Gange. Ich hoffe, er wird friedlich verlaufen, aber sicher bin ich mir nicht.“ In THE SECRET SERVANT thematisiert Silva perspektivlose jugendliche Islamiten, die am Rande der westlichen Gesellschaften leben und durch ihre Frustrationen ein unerschöpfliches Reservoir an Nachwuchs für Extremisten und Terror-Organisationen sind.

Auch die Vergangenheit, die in die Gegenwart hinein wirkt, bietet Silva Themen. DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) ist der Abschluss einer „nicht geplanten Trilogie“ über das Nichtaufarbeiten von Nazi-Verbrechen im Zusammenhang mit dem Holocaust. In DER ENGLÄNDER sind Kunstraub und die Kollaboration der Schweizer Banken der Hintergrund, in THE CONFESSOR (DIE LOGE) das Verhalten von Papst Pius XII. „Dass einige der schlimmsten Verbrechen der Geschichte nie gesühnt wurden treibt mich um. Ich wollte zumindest fiktional die Schuldigen bestrafen und Gabriel Allon war mein Instrument. Vielleicht war ich vor DER ZEUGE etwas naiv, aber mir war nicht wirklich klar, wie tief die Katholische Kirche darin verwickelt war, Nazi-Verbrechern zur Flucht zu verhelfen und Wien ist für mich ein natürlicher Handlungsort für flüchtige Nazis. Österreicher waren überproportional in der SS vertreten.“
Der Kalte Krieg veränderte und pervertierte alle Maßstäbe, die die Westalliierten zuvor behauptet hatten. In diesem Buch ist die fiktive Erinnerung von Allons Mutter, eine Überlebende von Auschwitz und des Todesmarsches von Birkenau, von erschreckender Kraft und Authentizität. „Dieses fiktionale Zeugnis war mit das Schwierigste, das ich je geschrieben habe. Ich hatte danach noch Monate Alpträume.“

DIE LOGE ist einer der besten Vatikan-Thriller. Silva sieht die Katholische Kirche als das was sie ist: Die langlebigste Bürokratie und machtpolitische Organisation Europas (die sich nicht nur die Mafia als strukturelles Vorbild gewählt hat) mit einer langen antisemitischen Tradition, geprägt von den brutalsten Machtkämpfen und Expansionsbestrebungen. Kein Nazi-Verbrecher wurde je von Pius XII exkommuniziert, dagegen aber 1949 weltweit alle Kommunisten. Er sprach sich gegen die Nürnberger Prozesse aus und – zumindest – tolerierte gleichzeitig die Rattenlinie als Fluchtorganisation für Nazi-Verbrecher. Im Roman will ein neuer Papst diese dunkle Vergangenheit der Kirche ans Licht bringen, sehr zum Unbehagen der fiktiven katholischen Geheimloge Crux Vera. Da muss dann ein jüdischer Geheimagent auch noch das Leben des christlichen Oberhirten retten. Mehr Aussöhnung kann man wirklich nicht verlangen.

DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) thematisiert auch die Anwerbung von Nazi-Verbrechern durch die CIA. Für Silva ein Ansatz um zu zeigen und zu warnen, was alles an Bush &Cos Krieg gegen den Terrorismus falsch läuft und wie dämlich die amerikanischen Strategien sind, die so wenig Erfolg haben, aber jede Menge Terroristennachwuchs und unschuldige Opfer fördern und fordern. Silva sieht den moralischen Bankrott der Amerikaner in deren rücksichtslosen Negieren der Menschenrechte und internationaler Regeln. Er ist fest davon überzeugt, dass man keinen Krieg gegen Terror gewinnen kann, wenn man ihn auf demselben Niveau führt wie der Feind. Dass er trotzdem nicht die Systemfrage stellt, ist die gewohnte Dummheit der amerikanischen Liberalen, die sich unverständlicher Weise als „Linke“ begreifen.

In MOSCOW RULES (DER MOSKAU-KOMPLOTT) knöpft sich Silva eines der größten neuen Reiche des Bösen genauer vor: das Russland Putins. Der Schurke ist ein Waffenhändler, der an Victor Bout erinnert, und natürlich über Beziehungen in höchste russische Kreise bis hin zu Putin verfügt.

„Im College habe ich Russische Geschichte und Außenpolitik der UdSSR studiert. Russland hat mich immer fasziniert. London ist heute eine Frontstadt im neuen kalten Krieg. Während MI5 nur die Islamiten im Auge hatte, haben sich über 300 000 Russen in London nieder gelassen: Milliardäre, Dissidenten und ein paar Hundert Geheimdienstler. Die Ermordung von Litvinenko 2006 durch Polonium 210 in London war so etwas wie die Wasserscheide. Natürlich will ich meine Leser in erster Linie unterhalten. Aber ich möchte auch, dass sie etwas verstehen: Wir müssen Russland im Auge behalten. Russland ist heute ein gesetzloser Staat. Nachdem die engagierte Journalistin Anna Polikovskaya ermordet wurde, sagte Putin: Sie sei nur eine Person von marginaler Bedeutung gewesen. Das erweckt doch wohl den Eindruck, dass der Kreml einen Jagdschein für kritische Journalisten ausgestellt hat. Seit 1992 wurden in Russland 47 Journalisten umgebracht . Damit steht das Land hinter Irak und Algerien auf Platz 3 (inzwischen wohl von Mexiko überholt. MC) der gefährlichsten Länder für Journalisten. Putin ist nichts anderes als ein neuer Zar, dessen Kritiker unter mysteriösen Umständen sterben.“ Mit einem deutschen Ex-Kanzler als Heloten, möchte man hinzufügen. Angesichts der Verträge, die Schröder in seiner Amtszeit mit Russland geschlossen hat, könnte man einen tollen Roman mit dem Thema „Russischer Maulwurf im Kanzlersessel schreiben. Wahrscheinlicher ist, dass Putin Schröders peinliche Gier erst dann richtig wecken konnte, als der kleine Mann aus Niedersachsen vom Gestank der Mächtigen und der großen weiten Welt geschnuppert hatte.

DAS MOSKAU-KOMPLOTT zeichnet ein so realistisches Bild von Moskau und Russland, dass man nur noch kotzen möchte. „Über Nacht sind wir von der Supermacht zum Sozialfall abgestürzt… Wir sind innerhalb eines Jahrzehnts von der Ideologie Lenins zur Ideologie Mussolinis getaumelt… Unsere Politiker sprechen von der Rückeroberung verlorener Reiche. Sie benutzen Öl und Gas um unsere Nachbarn zu tyrannisieren Sie haben die Opposition und die unabhängige Presse nahezu ausgeschaltet… Unseren Kindern bringt man bei, dass Amerika und die Juden nach der Weltherrschaft streben und Russlands Reichtum und Bodenschätze stehlen wollen“, erklärt die Journalistin Olga, eine fast nur durch Dialog großartig charakterisierte Figur im Buch.

Neben viel Ekel brachte Silva von seiner Recherche in Moskau eine nette Anekdote mit. Ihm war es gelungen, das KGB-Museum besuchen zu dürfen. Ein alter KGB-Oberst führte ihn zu einem Schrein, auf dem ein großes Buch mit Bildern und Lebensläufen aller Geheimdienstchefs lag. Sie blätterten gemeinsam das Buch durch und der alte KGB-Scherge sagte immer wieder: „Das ist soundso, er ist erschossen worden. Das ist soundso, der ist erschossen worden.“ Bei einem Bild hielt er inne und sagte: „Der war anders. Der ist vergiftet worden.“

BIBLIOGRAPHIE:
Double Cross – Falsches Spiel. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-26050-0
engl. Original: The Unlikely Spy, 1996.
Der Maler. Roman, Piper, München 1998, ISBN 3-492-03889-1
engl. Original: The Mark of the Assassin, 1998.
Der Botschafter. Roman, Piper, München 2000, ISBN 3-492-04182-5
engl. Original: The Marching Season 1999.
Der Auftraggeber. Roman, Piper, München 2001, ISBN 3-492-04183-3
engl. Original: The Kill Artist, 2000.
Der Engländer. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-04469-7
engl. Original: The English Assassin, 2002.
Die Loge. Thriller, Piper, München 2005, ISBN 3-492-04605-3
engl. Original: The Confessor, 2003.
Der Zeuge. Thriller, Piper, München 2006, ISBN 3-492-04695-9
engl. Original: A Death in Vienna, 2004.
Der Schläfer. Thriller, Piper, München 2007, ISBN 3-492-04876-5
engl. Original: Prince of Fire, 2005.
Das Terrornetz. Thriller, Piper, München 2008, ISBN 3-492-05069-7
engl. Original: The Messenger, 2006.
Das Moskau-Komplott Thriller, Pendo 2010, ISBN 978-3866122482
engl. Original: Moscow Rules, 2008.
Gotteskrieger Thriller, Piper, München 2011, ISBN 978-3492263580
engl. Original The Secret Servant, 2007.
The Defector, 2009.
The Rembrandt Affair, 2010.

In der Target-Reihe bei Audio Media gibt es DER AUFTRAGGEBER, DIE LOGE, DER ZEUGE, DER SCHLÄFER und DAS TERRORNETZ als Hörbücher. Jeweils 6 CDS mit ca. 450 Minuten Hördauer. Es sind gekürzte Fassungen, aber diese Bearbeitungen sind sehr feinfühlig und intelligent gemacht (man musste zum Beispiel Kapitel etwas anders anordnen um den Handlungsfluss zu erhalten. Gesprochen werden alle Hörbücher von Axel Wostry, der das wunderbar liest und den Hörer nicht aus den Klauen lässt. Völlig unverzichtbar für eine ermüdende Staufahrt, die mit diesen Hörbüchern völlig entschärft wird.



DON WINSLOW HÖRBUCH by Martin Compart
25. Juli 2017, 10:17 am
Filed under: Hörbücher | Schlagwörter: , ,

Wer schützt uns vor denen, die uns schützen?
Denny Malone, Detective des NYPD, und seine Elitetruppe tun alles, um in den Straßen von Manhattan für Ordnung zu sorgen, auch wenn das bedeutet, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Beim größten Einsatz gegen den Heroinhandel in der Geschichte New Yorks aber behalten sie mehrere Millionen Dollar und Drogen für sich. Warum auch nicht? Immerhin bestehlen sie damit nur die bösen Jungs. Doch dann gerät Malone zwischen die Fronten und steht vor der quälenden Aufgabe, sich zwischen dem Gesetz, seinen Kollegen, seiner Familie und der Frau, die er liebt, zu entscheiden.

Die Kartell-Bücher von Winslow haben mir nicht zugesagt: Winslow hatte die journalistischen Arbeiten von Charles Bowden und Gary Webb genutzt und daraus Reißbrett-Plots konstruiert, die mit wenig überzeugenden Charakteren garniert waren. Außerdem waren sie elend lang. Und wer Oliver Stones Film SAVAGES gesehen hat, wird verblüfft sein, wenn er anschließend Winslows Romanvorlage liest, die stilistisch ähnlich misslungen ist wie Ellroys WHITE JAZZ.

Nun ist Winslow also wieder in New York, das er wohl besser kennt als die Borderlands. Korrupte Bullen bevölkern die angelsächsische Kriminalliteratur wie Fliegen die Misthaufen. Winslow versucht in diesem Roman dieser dumpfen Subkultur aus hirnlosen und faschistischen Säufern Pathos zu unterstellen. Schreiberisch gelingen ihm gelegentlich nette Szenen und ein paar gelungene Zynismen über den Zustand New Yorks.

Ich hatte mich für das Hörbuch entschieden, da ich die langatmige Lektüre von Winslows Romanen inzwischen meide. Dietmar Wunder hat mal wieder einen glänzenden Job abgeliefert. Ihm gelingt nicht nur den Papp-Charakteren eigene Stimmen zu verleihen, er vermittelt sogar ihren jeweiligen Zustand und ihr Temperament. Damit gibt er den Figuren mehr Leben als der reine Text, Das ist unterhaltsamer und vielschichtiger als der Roman, vermute ich. Mir erscheint die Interpretation dem Originaltext unter diesem Aspekt überlegen.

DON WINSLOW
CORRUPTION
GELESEN VON DIETMAR WUNDER
ÜBERSETZT VON CHRIS HIRTE
Lübbe Audio; 3 MP3-CDs



HÖRBUCH: Jean-Christoph Grangé PURPURNE RACHE by Martin Compart

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

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Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.
Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell  ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

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Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich  Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé  beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).
Das Buch hat seine Fortsetzung in CONGO REQUIEM, die hoffentlich schnell bei Lübbe auf deutsch vorgelegt wird. Grangé ist ein Autor, der ein ausführliches Portrait in unserem Sprachraum verdienen würde. Der dümmliche deutsche Titel ist wohl der Versuch einer unsensiblen Marketing-Abteilung, diesen Roman mit Grangé s größtem Erfolg, DIE PURPURNEN FLÜSSE, unsinnig zu verknüpfen.

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NEWS: HÖRBÜCHER by Martin Compart
29. April 2016, 5:54 pm
Filed under: FLASHMAN, Hörbücher, NEWS, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

Im FLASHMAN-BLOG (https://compartsflashman.wordpress.com/)neu über SHARPE-Hörbücher.
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NEWS: BERND KÜBLER by Martin Compart
29. Januar 2016, 2:53 pm
Filed under: FLASHMAN, Hörbücher, Interview | Schlagwörter: , ,

Der zweite Teil des Bernd Kübler-Interviews jetzt im FLASHMAN-Blog:

https://compartsflashman.wordpress.com/2016/01/29/interview-mit-bernd-kuebler-2/



WER IST SIR HARRY PAGET FLASHMAN? by Martin Compart
28. April 2014, 8:57 am
Filed under: FLASHMAN, Hörbücher, Politik & Geschichte, Porträt, thriller | Schlagwörter: ,

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Er tauchte erstmals literarisch in Thomas Hughes´ biographischem Buch TOM BROWN´S SCHOOLDAYS (1857) auf. Ein offensichtlich liederlicher Charakter, der wegen Trunkenheit der Schule verwiesen wurde. Unerwartet stieg er zum höchst dekorierten Soldaten des Viktorianischen Empires auf. Zu den vielen Orden und Auszeichnungen des Brigadegenerals Flashman zählen das Viktoria Kreuz, Ritter der Ehrenlegion, die US-Ehrenmedaille und der San-Serafino-Orden für Reinheit und Wahrheit 4.Klasse.
Das Familienvermögen der Flashmans erwirtschaftete vor allem Harrys Ur-Großvater Jack Flashman durch Piraterie und Rum- und Sklavenhandel mit der Neuen Welt.

Harry Paget Flashman lebte von 1822 bis 1915. Sein Vater kaufte ihm zu Beginn seiner Karriere ein Offizierspatent beim 11.Regiment der leichten Kavallerie. Er erlebte einige der wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse seiner Epoche in der ersten Reihe mit: den 1.britisch-afghanischen Krieg, die Schleswig-Holstein-Frage, den amerikanischen Bürgerkrieg (auf beiden Seiten), den Krim-Krieg (Balaclava!), den indischen Sepoy-Aufstand, den 1.Sikh-Krieg, die Taiping-Rebellion, die Indianer-Kriege, den Feldzug gegen die Zulu (Isandlwhana, Rork´s Drift), Brookes Feldzüge gegen die Dayak-Piraten, den Feldzug Napiers in Abessinien und den mexikanischen Feldzug unter Kaiser Maximilian.

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Sein Frauenverschleiß war erheblich und ist in den Memoiren zum Teil semi-pornographisch dargestellt. Ende der 1850er Jahre bezifferte er bis dahin 478 Frauen als Bettgefährtinnen. Da er aber als Lügner und Aufschneider decouvriert ist, wird man vermutlich zehn bis zwanzig Bettgefährtinnen weniger veranschlagen dürfen.

Seine Memoiren, bekannt als „Flashman-Papers“, sind verblüffend ehrlich und gelegentlich sogar selbstkritisch. Auch wenn man ihretwegen die Geschichte nicht umschreiben muss, geben sie doch einen erstaunlich neuen und frischen Blick auf die geschilderten Ereignisse. Ich schließe mich Kingsley Amis, der New York Times und führenden angelsächsischen Historikern an, indem ich sie als langjähriger Student menschlicher Abgründe ebenfalls zu den bedeutendsten autobiographischen Aufzeichnungen der Epoche zähle. Sie eröffnen zweifelsfrei neue Perspektiven auf zeitgeschichtliche Personen und Ereignisse.
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Entdeckt wurden die „Flashman Papers“ 1965 durch eine Haushaltsversteigerung in Ashbury Leicestshire. Aufgezeichnet wurden sie von Flashman zwischen 1900 und 1905 was vielleicht auch ihre Objektivität erklärt. Der alte Harry Flashman beschönigte nichts, als er gegen Ende seines Lebens Bilanz zog. Sie lagen 50 Jahre unberührt in einer Teekiste (die Bearbeitung des 3.Bandes durch eine spätere Familienangehörige ist eine gesonderte Betrachtung wert).

news-graphics-2008-_437471a[1]Der schottische Journalist George MacDonald Fraser wurde von einem Nachfahren mit der Herausgabe, der um 1915 erstmals geordneten, Memoiren betraut. Nach der Edition des ersten Bandes bemühte er sich zwei Jahre vergeblich um einen Verlag, bevor er ihn 1969 im renommierten englischen Buchverlag Herbert Jenkins unterbringen konnte. Dort erschienen auch die weiteren Bände als Erstveröffentlichung. Wie alle elf Folgebände, wurden die veröffentlichten „Flashman Papers“ von MacDonald Fraser äußerst sorgfältig ediert und mit einem umfassenden Fußnotenapparat („…hier irrt Flashman“) versehen.

Harry Flashman in seiner Blütezeit war groß, gut aussehend (besonders stolz auf seine Koteletten, die Frauen laut seiner Aussagen bezauberten) und arrogant.
Seine herausragendsten Fähigkeiten waren ein ungewöhnliches Talent Sprachen schnell zu erlernen, und seine Reitkünste hoch zu Ross und zu Weibe. Eine devote Haltung Vorgesetzten gegenüber beflügelten seine Karriere ebenfalls.
Charakterlich werfen die Aufzeichnungen ein höchst ungünstiges Licht auf den Verfasser, aber auch auf viele Zeitzeugen.

Er betrog, log und lieferte zu seinem eigenen Vorteil oder um Gefahren von sich abzuwenden auch diejenigen ans Messer, die ihn liebten. Er gab sogar eine Vergewaltigung zu und einen von ihm durchgeführten Verkauf einer jungen Frau als Sklavin an einen Indianerstamm.
Seine Aufzeichnungen weisen ihn als Glückspilz, Lügner, Schwindler, Aufschneider, Weiberhelden, Dieb, Betrüger und Feigling aus. Nur durch Glück, Feigheit und Skrupellosigkeit ging er aus jeder gefährlichen Situation für die Öffentlichkeit als Held hervor. Ein ihn begünstigendes Schicksal sorgte fast regelmäßig dafür, dass Personen, die ihn demaskiert erlebten, ums Leben kamen oder unglaubwürdig erschienen.
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Aus den Memoiren geht hervor, dass er nur aus einem Grund ein solcher Rabauke mit niederer Gesinnung war: Er wollte die Bedingungen der Gesellschaft erfüllen, ihr gefallen und an den Möglichkeiten der Herrschenden partizipieren. Nicht einmal bei Dickens finden sich erschreckendere Darstellungen der Viktorianischen Gesellschaft. Wobei sich Flashman keinen Illusionen hingab und diese zynisch analysierte. Zu seiner Ehre sei gesagt, dass er nicht religiös war und Religionen verachtete, insbesondere das Christentum.

Dank dem Kübler-Verlag sind dem deutschen Leser die „Flashman Papers“ wieder zugänglich gemacht. Obwohl es fraglich ist, ob nach der „geistig-moralischen Verblödungs-Wende“ noch ein paar Zehntausend gebildete Alphabeten in Deutschland vorhanden sind, die dieses Kleinod der Geschichtsschreibung zu würdigen wissen. Aber solche kleingeistigen Überlegungen dürfen bei einem elitären semi Universitätsverlag keine Rolle spielen. Schließlich muss Kübler einen Bildungsauftrag erfüllen, den die „Bundeszentrale für politische Bildung“ offensichtlich nicht erfüllen kann.
flashman[1]
http://www.kueblerverlag.de/index.php/fraser-flashman