Martin Compart


TIPPS FÜR DIE URLAUBSLEKTÜRE VON JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
9. Juni 2022, 12:18 pm
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1. Peter Benchley – „Der weiße Hai“ (u.a. ‎ Milena Verlag; 10.2013)

Ruppiger als die Verfilmung, aufgeladen mit sexueller Spannung, sind die handelnden Menschen die eigentlichen Haie im Becken. Der große weiße Hai des Titels sorgt nur fürs blutige Handwerk. Den Spielberg-Film, immer noch eine Meisterleistung des Abenteuerkinos, gibt es mittlerweile in 4k und zahlreichen Versionen. Autor Benchley bereute später, das Buch geschrieben zu haben. Fühlte er sich doch mitverantwortlich für Phobien und den schlechten Ruf des großen Jägers der Meere. Aber wir können ja sehr gut differenzieren zwischen Kunst und Wirklichkeit.

2. Mechtild Borrmann – „Glück hat einen langsamen Takt“ (‎ Droemer HC; 03.2021)

Borrmann beherrscht auch die kurze Form. Ihr knapper und dennoch poetischer Stil verträgt sich gut mit ihren teilweise skizzenhaften Geschichten. Und lässt viel Raum für eigene Gedanken. Auch das ungekürzte Hörbuch lohnt sich.

3. Patricia Highsmith – „Das Zittern des Fälschers“ (‎ Diogenes; 06.2003)

Poesie, Politik, Selbstfindung, Existenzialismus und (am Rande) Kriminalroman: Highsmiths Buch hat über die Jahrzehnte seine Intensität nicht verloren und besitzt, gerade bezüglich des Selbstverständnisses von Angehörigen der westlichen Zivilisation, immer noch Aktualität. Ein meisterliches Werk. Vor allem in der ungekürzten Neuübersetzung von 2003.

4. Mark Twain – „Reise um die Welt“, „Die Arglosen im Ausland“, „Bummel durch Europa“, „Reise durch Deutschland“, inklusive „Die schreckliche Deutsche Sprache“ (diverse Ausgaben, teilweise Urheberrrechtsfrei)

Mark Twains wegweisende Bücher für aufkommende Jahrzehnte des Tourismus. Ansichten, Einsichten Twains über Gott und die Welt, sowie Blicke auf Menschen, die sich für den Mittelpunkt der Welt halten, während sie die Peripherie durchstzreifen. Geistreich, witzig und die Passagen über Deutschland sind für uns natürlich von besonderem Interesse. Perfekte Sommerlektüre natürlich auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Aber bitte im Original oder die ungekürzten Übersetzungen lesen. Sommer voller Abenteuer und bitterer wie lustvoller Erkenntnisse.

5. Ray Bradbury – „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ (Aladin; 3. Edition, 09.2017. Die alte Diogenes-Ausgabe gibt es anscheinend nur noch antiquarisch)

Hier hat Stephen King gelernt. Beim Meister. Coming of Age und schleichendes Grauen – gehört zusammen wie Dracula und Van Helsing. Zudem das schönste Zirkusbuch für Leute, die Zirkus hassen (wie mich). „Löwenzahnwein“ ist von ähnlicher Qualität, erreicht aber nicht ganz die Magie des schleichenden Bösen.

6. Goscinny/Sempe – „Der kleine Nick und die Ferien“ ‎ (Diogenes; 5. Edition 01.2014)
„Der kleine Nick“ geht immer, jeder Band. Liebevoll, klug und witzig. Einfach prima!

7. Christoph Dallach – „Future Sounds“ (Suhrkamp, 06.2021)

Lohnt sich, auch wenn man keine besondere Affinität zu Krautrock besitzt. Die Interview-/Gesprächsform der Buchs sorgt letztlich für eine vielstimmige Bebilderung der Zeitgeschichte der Sechziger und Siebziger. Und zeigt, warum Kunst immer politisch ist.


8. Carl Hiaasen – „Affentheater“ Manhattan; 04.2014)

“Affentheater“ glänzt an allen Ecken und Enden, verbindet auf gekonnte Weise Spannung und Witz, verbirgt dabei nie seine düstere Grundhaltung. Gefällt wegen seiner klug durchgeplanten, vielschichtigen Handlung, der Erzählstruktur, die fokussiert den zahlreichen Aktivitäten der Figuren folgt, reflektiert, innehält und weiterschreitet, bis das Buch mit einem kitschigen Foto im Abendrot äußerst stimmig endet. Dazu gesellt sich eine Fülle von Haupt- und Nebenfiguren mit ausgefeilten Biografien und eine so unprätentiöse wie glaubwürdige Liebesgeschichte.

9. Lawrence Osborne „Denen man vergibt“ (dtv; 4. Edition, 05.2019)

Noch einmal Afrika. Ein naher Verwandter von „Das Zittern des Fälschers“, Jahrzehnte später entstanden. „Denen man vergibt“ pendelt zwischen verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – beschreibt. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern. Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen Dimension gefunden hat. Ein hintergründiges Drama mit Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht.

10. Willi Achten – „Rückkehr“ (Piper; 01.2022)

Am Rande der „Rückkkehr“ geht es um die Auswüchse des Tourismus in den Alpen. Wirtschaftlich begründete Expansion und Ausbeutung gegen lokale und Umweltschutz-Interessen. Mit „Rückkehr“ begibt sich Willi Achten erneut auf eine Reise in die Vergangenheit (die diesmal nicht so weit zurückliegt wie in „Die wir liebten “) und fusioniert diese mit der Gegenwart. „Rückkehr“ ist alternativer Heimat- und Coming-Of-Age-Roman, streift den Kriminalroman, baut auf leisen Horror, die Stille zwischen zwei Feuersalven. „Rückkehr“ ist ein melancholischer Rückblick auf etwas, das nie existierte. Ein Roman so leise wie faszinierend.



JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG 2/ by Martin Compart
2. Januar 2022, 11:56 am
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Literarisch war erneut James Sallis mit seinem Roman „Sarah Jane“ ein stilsichere Bank:
„James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. `Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen´, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Randeauftauchen. […] Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibter seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text
weiterzuentwickeln. Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.“ (Aus meiner Rezension für Stefan Heidsieks Crimealley- Blog)

Sehr fein war zudem „Frostmond“, das bei Pendragon erschienene Debüt von Frauke Buchholz über
die Mordserie an indigenen Frauen entlang des kanadischen Highways 16, besser bekannt als „Highway of Tears“.

Frostmond ist ein stilistisch präzise artikuliertes, formal und inhaltlich ausgereiftes Debüt. Die
verschachtelte Erzählweise fordert die Leserschaft; ein Abgleiten in die Untiefen des herkömmlichen
Serial-Killer-On-The-Loose-Krimis vom Grabbeltisch vermeidet Frostmond gekonnt.
“ (Kritik auf Krimi-
Couch.de)

Weitere Favoriten sind die Autobiographie Mark Lanegans, der ziemlich schonungslos und nachtschwarz mit sich und seinen Kollegen und Freunden abrechnet, John Mairs „früher
existenzialistischer Roman“ (Eva König) „Es gibt keine Wiederkehr“, die erneute Beschäftigung mit
Patricia Highsmiths exzellentem „Das Zittern des Fälschers“, erstmals in der ungekürzten Neuübersetzung,
„Future Sounds – Wie ein paar Krautrocker die Musikwelt revolutionierten“ von
Chrisszoph Dallach, als Würdigung des ursprünglich despektierlich gemeinten Begriffs „Krautrock“
und der dazugehörenden Musik. Passend zur pandemischen Zeit „Das kleine Weltuntergangs-Lesebuch“ aus der Edition Phantasia „Die schwarze Grippe“.

Die Musik des Jahres 2021 gehört in erster Linie Veteran*innen. Tom Jones bewegte sich mit seinem abwechslungsreichen Werk „Surrounded By Time“ meisterlich auf den Spuren Scott Walkers, Pharoah Sanders veröffentlichte mit Floatings Points und dem LSO ein höchst stimmungsvolles „Promises“ vor, ebenso klasse Charles Lloyd & The Marvels mit dem überzeugenden „Tone Poem“. The The bescherten uns „The Comeback Album“ und klangen als wären sie nie weg gewesen, was noch mehr für die Wiederauferstehung ABBAs gilt, die mit „The Voyage“ nicht nur Corona sondern die letzten 40 Jahre vergessen ließen.

Das weiß ganz sicher auch Steven Wilson zu schätzen, dessen „Future Bites“-Album den ein oder anderen Progger arg verschreckte. Recht so. Mit dem Silver Surfer auf nächtlichen Trips durch die Roller-Disco.

Nick Cave & The Bad Seeds präsentierten endlich Part II der „B-Sides & Rarities“ und zelebrierten eine durchweg gelungene Schwarze Messe.

Direkt aus dem Jahr 1975 schließlich stammt das Doppelalbum von CAN, die Aufnahme eines Konzerts in Stuttgart. Eine klanglich fein herausgeputzte hypnotische Reise in die Vergangenheit und wieder zurück.

Aktuell und dennoch die Vergangenheit immer im Blick haben die mexikanischen Rider Negro mit ihrem psychedelisch rockenden „The Echo Of The Desert“. Nicht nur stimmlich sind THE DOORS die prägenden Schatten an der Wand. Ein Wüstenritt vom Feinsten.

Logan Richardsons „Afrofuturism“ ist ein faszinierendes Werk, das gekonnt Modern Jazz, nachtschwarze Elektronik und verfremdeten Blues präsentiert, voller zeit- und gesellschaftskritischer Bezüge. Ähnlich, nur einen Hauch heller und sentimentaler zeigten sich Orlando Le Fleming + Romantic Funk auf „The Unfamiliar“. Fusion von flackernder Intensität, die an die besten Momente Marcus Millers und den späten Miles Davis erinnern.

Neben den bereits erwähnten Alben, (m)eine Top 20 des Jahres, die ich locker mit gleichwertigen Werken erweitern könnte. Trotz (oder wegen) Corona war 2021 produktiv:
Peter Raeburn – The Dry (OST)
Eldovar – A Story Of Darkness & Light
Stefano Panunzi – Beyond The Illusion
Lingua Ignota – Sinner Get Ready
Lucy Kruger & The Lost Boys – Transit (For Women Who Move Furniture Around)
Nubyian Twist – Freedom Fables
The Weather Station – Ignorance
Grandbrothers – Howth
Cult With No Name – Nights in North Sentinel
Angela Dubeau, La Pietà – Immersion
Abba „The Voyage“ (dafür, dass die Zeit stillsteht)
Steven Wilson – The Future Bites
Can – Live in Stuttgart 1975
Meer – Playing House
The Anchoress – The Art Of Losing
The The – The Comeback Album (live)
Robert Fripp – Music for Quiet Moments (Package mit 10 Alben)
Lloyd, Charles & The Marvels – Tone Poem
Floating Points, Pharoah Sanders & The LSO – Promises
Nick Cave & The Bad Seeds – B-Sides & Rarities Part II
Tom Jones – Surrounded By Time

2022 kann kommen. Mit gespannten Wünschen bin ich vorsichtig, das hat 2020 auch nicht hingehauen. Also halte ich es weiter mit Special Agent Dale B. Cooper: „I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.“ Immer noch eine hohe Erwartung in einer bizarren Zeit.

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Weiterhin viel Vergnügen mit dem neuen Jahr!
MC



Jahresrückblick 2021 von JOCHEN KÖNIG 1/ by Martin Compart
1. Januar 2022, 2:19 pm
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2021, das zweite Jahr mit Corona. Man arrangiert sich, geht sorgsam mit Kontakten um und widmet sich vermehrt all den kulturellen Errungenschaften, die man daheim genießen kann. Konzerte sind komplett ausgefallen oder verschoben worden nach 2022. Immerhin gab es eine Ballettaufführung, und die war fantastisch: Das portugiesische Quorum-Ballett tanzte faszinierend zu Jorge Silvas perkussiven, elektronischen Klängen sowie Igor Stravinskys „The Rite Of Spring“. „Made In China“ verband gekonnt Klassik und Moderne. In Coesfeld.

Derweil fermentierten sich draußen Realitätsagnostiker und „Vorsorgenegierer“ (Eric Cartman) zu einer krakeelenden Masse, in der nahezu unterschiedslos verpeilte Späthippies, besorgte Wutbürger, durchgeknallte Reichsbürger, egozentrierte Freiheitskämpfer und stramme Faschos um Deutungshoheit bettelten. Die Hölle sind diesmal tatsächlich die anderen, die viel zu viel Aufmerksamkeit und mediale Präsenz bekamen. Von mit jetzt schon wieder. Also Schluss damit.

Lieber ab ins Kino, das in der zweiten Jahreshälfte wieder an Präsenz gewann. Abstände konnten halbwegs eingehalten werden, im letzten Viertel war 2G die Regel. Highlight des Jahres war „The Father“ mit einem fabulösen Anthony Hopkins, der ebenso guten Olivia Colman und der sehr geschätzten Imogen Poots. Ein Demenz-Drama aus konsequenter Krankensicht, funktionierte als ergreifende Charakterstudie wie als komplexer Thriller. Keine jämmerliche Schmonzette mit Honig im Kopf, sondern ein Höhepunkt eines schwierigen Kinojahrs.

„Dune“ war ein Film fürs Kino, der zu gleichen Teilen gefiel wie nervte. Bilder und schauspielerische Leistungen waren ein Fall für die große Leinwand, die Story nervte im Erlösermodus wie eh und je und litt – unverdient – darunter, dass edine menge Filme wie „Star Wars“ oder Serien wie „Game Of Thrones“ bei „Dune“ gelernt haben. Ein störender Nervfaktor war die ständige Hans Zimmer-Musikberieselung, die selbst eine schlichte Umzugsaktion zum majestätischen Akt hochstilisierte. Nicht ganz so toll auch, dass die schnell geschnittenen Kampfszenen in dem ansonsten langsamen Film offensichtlich auf ein jugendliches Publikum ausgerichtet waren.

Hans Zimmer versorgte auch den lang hinausgeschobenen „Keine Zeit zu sterben“, den letzten Film mit Daniel Craig im James Bond-Modus, mit Musik, fällt hier aber nicht unangenehm auf. So richtig gelungen ist das viel zu lange Werk aber nicht. Wer 007, zumindest partiell, als Jammerlappen erleben möchte, dazu mit Remy Malek einen viel zu geschwätzigen Bösewicht, der ist hier richtig. Reichte in Deutschland für den erfolgreichsten Film des Jahres. Weltweit sieht es eher mau aus. Besser als „Spectre“, was nicht schwer ist, aber zerfasert und inkonsequent. Die weibliche 007-Nachfolgerin bleibt eine bloße Behauptung, am Ende muss der „wahre“ Bond wie üblich die Welt retten. Mit Stoffhäschen im Hosenbund. Was der Figur den Rest gibt.

Lohnend vor allem wegen des Kurzeinsatzes der wunderbaren Ana Des Armas (die schon in „Knives Out“ hervorragend mit Daniel Craig harmonierte, die dem Agenten mit Schwung, Eleganz und Witz zeigt, wie’s geht.

James Bond hat als konservative Ikone der Popkultur seine Berechtigung, ein Relikt ist er seit Jahrzehnten, da braucht es keinen sorgenzerfurchten Craig, um das zu belegen. Gebrochene Antihelden gibt es an jeder Straßenecke, von Jason Bourne bis Batman, das Bond-Franchise hätte besser auf schwarzen Humor und 007s Qualitäten als Stehaufmännchen setzen sollen. So bleibt mit „Casino Royale“ ein starker Ersteinsatz und der Wunsch, dass es beim irgendwann kommenden Reboot wieder bergauf geht mit dem Schüttelfaktor.

Richtige Höhepunkte gab es mit Filmen, die kaum oder gar nicht im Kino liefen. Wie dem düsteren, stimmungsreichen Okkult-Kammerspiel „A Dark Song“ aus Wales, der zwischen „Mandy“ und den „Muppets“ pendelnden Horrorgroteske Willy’s Wonderland“, in der der stoische und schlagkräftige Nicolas Cage kein einziges Wort spricht, aber immer auf die Einhaltung der Arbeitspausen achtet.

Ganz anders geartet die australische Studie in Traurigkeit, „The Dry“. Ein düsterer Country-Noir, in der die Vergangenheit mit der Gegenwart kollidiert und eine starke Geschichte um kleine und große Lügen, tödliche Verstrickungen und Vergebung erzählt. Visuell exzellent umgesetzt, stark besetzt, allen voran brilliert Eric Bana, der Verletzlichkeit und Schuldgefühle ganz fabelhaft hinter scheinbarem Stoizismus verbergen kann. Dazu ein hervorragender Soundtrack, gekrönt von einer herzerweichenden Interpretation des THE CHURCH Klassikers „Under The Milky Way“.

Gefallen hat auch der klaustrophobische Kriegsfilm „The Outpost“, der angesichts des überstürzten Abzugs internationaler Truppen aus Afghanistan, einen noch bittereren Nachgeschmack bekommt, als dieser Kampf auf verlorenem Posten eh schon besitzt.

In der Warteschleife stecken noch „Titane“, Brandon Cronenbergs „Possessor“, „The Censor“, „The House Of Gucci“, „Free Guy“ und einige andere verpasste Werke. Besonderes Schmankerl: Die 4K-Version von David Lynchs „Mulholland Drive“ auf dem Gabentisch.

Seriell sorgten nicht nur aktuelle Produktionen für Freude. Endlich „Justified“ komplett angesehen. Begeistert gewesen. Lakonisch, witzig, herzzerreißend traurig, voll cooler Action und Dialogen zum Eintätowieren. Dazu ein extrem stimmiger Cast ohne Schwachstellen. Ganz vorne natürlich Timothy Olyphant und Walton Goggins, als die berüchtigte Medaille mit den zwei Seiten. Und wieder einmal Kaitlyn Dever, die weit vor „Unbelievable“ klargestellt hat, dass sie eine der besten Jungdarstellerinnen derzeit ist.

Ebenfalls punkten konnte „Southland“, die Cop-Serie, die bei ähnlicher Erzählweise immer etwas im Schatten von „The Shield“ und „The Wire“ stand. Zu Unrecht, denn die Geschichten um Streifencops, Detectives, Gangs und individuell produzierte Alltagsgewalt können auf ganzer Linie überzeugen. Politische und persönliche Implikationen inklusive.

Die erschlagende Vielfalt aktueller Serienschöpfungen führt fast zu Buridans Eselsdilemma. Verhungern zischen zu vielen Heuhaufen. Von denen allerdings bei weitem nicht alle schmackhaft sind.

Gemundet haben aber „Falcon and the Winter Soldier“, gediegene Action mit Witz und etlichen Camp-Momenten, unterhaltsamer als einige Marvel-Kinofilme. Was, wenn auch bei gänzlich anderer Herangehensweise, für „Wandavision“ und „Loki“ gilt. Zum Jahresende bekommt endlich „Hawkeye“ aka der „Ronin“ seinen verdienten Fernsehauftritt. Und Jeremy Renner mit Halee Steinfeld eine würdige Partnerin/Nachfolgerin. Das Äquivalent zu Scarlett Johannsens Florence Pugh. Geschick bei der Besetzung beweist das MCU eindeutig.

Gefallen hat ebenfalls „There Is Only Murder In The Building“, das artifizielle, melancholische-Whodunnit von und mit dem verlässlichen Steve Martin. Im Verbund mit dem aufgekratzten Martin Short und der etwas gegen den Strich gebürsteten Selena Gomez, die perfekt mit den Grandseigneurs harmoniert. Charmant und stilbewusst.

Kein Weg vorbei ging an „Squid-Game“, dem Netflix-Mega-Erfolg aus Südkorea. Plakative, brutale Sozialsatire, die erstaunlich treffend soziale Dissonanzen und Verhaltensweisen anprangert. Konsequent und mutig, dass der sympathischste Charakter stirbt, während der Gewinner der tödlichen Show nicht Darwins erste Wahl gewesen wäre. Angefüllt mit popkulturellen Verweisen, bis hin zur Pier Paolo Pasolinis „Salo oder die 12o Tage von Sodom“ bietet die Serie spannende, partiell nachdenkliche Unterhaltung.
Neu ist daran allerdings nichts, Nicht nur „Das Millionenspiel“ und „Battle Royal“ haben ein ähnliches Feld bereits Jahrzehnte vorher beackert. Dass Grundschüler die Serie in den Pausen nachspielen, lässt allerdings auf mangelnde Aufsichtspflicht schließen. Denn eine Kindersendung ist „Squid Game“ definitiv nicht. Es gibt Menschen, die ziehen die thematisch ganz ähnlich gelagerte japanische Serie „Alice in Bordertown“ vor. Kann man machen, ich habe es nicht bis zur letzten Folge geschafft. Was nicht an der Qualität liegt, sondern weil mir ein zivilisatorisches Untergangsszenario neben der Realität reicht. Vielleicht irgendwann mal eine Komplettierung. Aber nicht jetzt.

FORTSETZUNG FOLGT
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Zu Meine Top-Krimis 2021 von krimiautorenaz: https://krimiautorena-z.blog/2021/12/31/meine-top-krimis-2021/

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Zwar schon älter, aber für mich immer noch ein Video des Jahres! MC



BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



„Pacific Crest Trail Killer“ – wenn eine Herausforderung zum Desaster wird von Jochen König by Martin Compart

Der Pacific Crest Trail ist ein eindrucksvoller, rund 4300 Kilometer langer Wanderweg, der an der amerikanischen Pazifikküste entlang, von Mexiko bis nach Kanada führt. Christian Piskulla ist einen Teil des Weges gewandert und hat diese Unternehmung in einen Kriminalroman eingebettet.

Kann man machen, doch was Piskulla zusammengebraut hat, ist nahezu unverdaulich.

Der Teil, der die Wandererfahrung beschreibt, hat den Duktus eines beflissenen Referats, das mit Wandervokabular (Switchbacks, „Hiker Buddy“, Trailname und ähnliches) hausieren geht und zumindest ein bisschen Wissenswertes über den Trail zu berichten hat. Leider ist dieser Part gespickt mit Product-Placement, in dem das Kommunikationsgerät eines Herstellers von Navigationssystemen exzessiv gepriesen wird, Accessoires wie Rucksäcke und Zelte inklusive Preisangaben beworben werden und ein großer Versandhandel seinen erbötigen Eintrag bekommt. In diesen Passagen ist der „Pacific Crest Trail Killer“ eine Art Text gewordene Butterfahrt.

Stellt trotzdem den lesenswerteren Teil des Buches dar, denn die Krimihandlung ist ein Debakel.

Der ehemalige Dorfsheriff und Militärpolizist Mark Stetson (Piskullla hat es mit sprechenden Namen. Dass eine FBI-Direktorin Gillian Anderson heißt, ist der einzig gelungene Joke des Buchs. Der zudem unbeabsichtigt ist. Denn zuvor lautete ihr Vorname Gabrielle). Stetson stolpert zufällig über einen Tatort. Angesichts der brutal getöteten jungen Wandersfrau schließt er messerscharf auf die Tat eines kommenden Serienmörders.
Was Steve Cortez, den Anführer des eintreffenden FBI-Trupps (von der FBI-Mordkommission Los Angeles – völliger Humbug, so etwas existiert nicht) tief beeindruckt und veranlasst, Stetson auf die Schnelle zum FBI-Agenten zu ernennen (noch so ein Blödsinn. FBI-Agent wird man erst nach einem strengen Aufnahmeverfahren plus Prüfung), um vor Ort zu ermitteln.

Stetson findet zwar, wie der völlig unfähige FBI-Trupp aus Los Angeles, wenig Wissenswertes heraus, bekommt aber ein sexuell stimulierendes Techtelmechtel mit seiner zeitweisen Hiker-Gefährtin Rebecca spendiert, die wenig später zur Verdächtigen mutiert. Derweil verliert sich das FBI-Team (das hierarchielos samt und sonders aus „Special Agents“ besteht) in Recherche, die nicht beherrscht wird (wie findet man Motels, die keine Homepage besitzen etc.), hält blutig endende Schäferstündchen, schaut begierig Handy-Pornos (die lesbische Agentin Judy Tonka) oder verbringt die Zeit mit abgestandenen Herrenwitzen.

Wird doch einmal gearbeitet, treibt man offensichtlich zu Unrecht verdächtigte Kleinkriminelle in den Selbstmord. Woraufhin der unfähige Agent Blackwater immerhin verhaftet wird – unter Mordverdacht. Die amerikanische Justiz treibt zwar irre Blüten, aber solche?

Pseudophilosophisch wird es schließlich, wenn Agent Cortez und Mark Stetson darüber räsonieren, wieso Menschen töten. Die Antwort, liebe Freunde, weiß – ohne, dass man Jahrzehnte Polizeiarbeit bemühen muss – nicht bloß der Wind.

Als ob das noch nicht reichen würde, bekommt der Serienkiller aus der Retorte ebenfalls einige Innenansichten zugestanden. Darin wird deutlich, dass er von einem Mentor inspiriert wird, der ihn dazu veranlasst, zu vergewaltigen, morden und die Taten zu filmen. Der Mörder selbst ist eine unglaubwürdige Mixtur aus dumpfem, getriebenem Versager und scharfsinnigem Vollstrecker, der seinen Häschern immer einen Schritt voraus ist. So ist er in der Lage, mit dem Nachtsichtgerät auf die Jagd zu gehen, während seine Verfolger brav mit Taschenlampen ihre Position verraten. Da waren selbst die Absolventen der Police Academy befähigter als das bundesbehördliche Selbstmordkommando.

Es kristallisiert sich heraus, dass der Autor ein Anliegen hat: Ihm ist die moderne (Populär)-Kultur in ihrer Verherrlichung von Gewalt nicht geheuer. So wird die Schädlichkeit von Bild, Ton und Text thematisiert, unabhängig davon ob es sich um finsterste Gewaltpornographie oder eher leichtgewichtigen Funsplatter handelt.

Autor Piskulla

Piskulla betreibt eine reaktionäre Kulturkritik, die die Gefahr aus allem kulturellem Tun verbannen möchte. Eine Vertiefung diskussionswürdiger Aspekte von Gewaltdarstellung in der Kunst findet zu keinem Zeitpunkt statt. Bloße Empörung ist das Richtmaß.
Eine Denkungsweise, die letztlich in rigider Zensur enden muss. Dass Christian Piskulla einen trostlosen Serienkiller-Thriller voller Stammtisch-Sexismus als Transportmittel benutzt, erhöht die Perfidie dieser schalen Anschauung.

Gipfelt in dem kläglich naiven, mehrfach wiederholten Postulat: „Was gute Menschen denken, das führen böse Menschen aus“ („Guter“ Mensch: „Ich denke an den Weltfrieden“. „Böser“ Mensch: „Okay, wird erledigt“). Immerhin konsequent: Die üble Chose endet in peinlicher, selbstreferentieller Überschätzung.

Bekommt das erste Opfer samt Angehörigen zumindest eine rudimentäre Hintergrundgeschichte zugeschrieben, ist bereits die zweite Tote kaum einen Eintrag wert.
Ähnlich halbherzig verfährt Piskulla mit sämtlichen Frauenfiguren. Selbst wenn diese scheinbar selbstbestimmt Sexualität ausleben (geschildert auf dem Niveau eines tristen Pornos), bleiben sie doch ständig empfangsbereite Objekte der (männlichen) Begierde.

Außer Judy Tonka, deren lesbische Beziehung dem Untergang geweiht ist.

Zwischendurch darf es auch mal sozialkritisch werden, mit der nicht gerade tiefgreifenden Erkenntnis, dass in den USA zu viel Armut existiert, dadurch eine Menge verzweifelter Menschen in Trailer Parks hausen müssen.
Ist ehrenwert, wirkt aber im Kontext dieser zusammengestoppelten Serienkiller-Moritat aufgesetzt und versandet im Hinterland, je weiter der Roman voranschreitet.

Wer uninteressanten Figuren in interessanter Landschaft beim hanebüchenen Agieren, Phrasendreschen und schlechte Witze reißen begleiten möchte, kann einen Blick auf den „Pacific Crest Trail Killer“ werfen.
Alle anderen können getrost auf dieses unerfreuliche, 630 Seiten lange Machwerk verzichten.

Autor: Christian Piskulla
Buch: Pacific Crest Trail Killer
ISBN:9783944755298
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:648 Seiten
Verlag:Cleverprinting ®
Erscheinungsdatum:31.08.2021



DER JAHRESRÜCKBLICK VON JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Ich liebe Listen, vor allem diese streng subjektiven am Jahresende.

2020 war, hauptsächlich durch Corona bedingt, ein Jahr, dass die feine englische Bezeichnung „strange“ zu Recht verdient.

Vor allem auf Filme hat das Jahr eine fatale Auswirkung gehabt. Kino fand fast gar nicht statt, deshalb fällt eine Einschätzung bildgewaltiger Filme so aus, als hätte ich sie im kleinen Arthouse-Kino ums Eck gesehen (wie seinerzeit die beiden laaangen Teile von „1900“ auf gerade mal stoffüberzogenen Holzsitzen gefühlte drei Meter von der Leinwand entfernt. D.h. ich würde glatt behaupten, unsere Sound-, Bild- und Sitzqualität daheim ist mittlerweile besser).

Weiterhin gilt:
„Das Corona-Virus hat an der Gesellschaft nichts geändert. Die Intelligenten sind immer noch intelligent und die Dummen sind immer noch dumm. Man sieht nur beides noch deutlicher.“

Zur Musik:

Jaume De Viala: Sonoritat De Mil Miralls
Mein Fazit bei Musikreviews.de: „„Sonoritat De Mil Miralls“ ist eine traumhafte musikalische Reise durch Katalonien, die sowohl auf der kleinen Folkbühne wie im Jazzkeller und im Prog-Rock-Theater Zwischenstation macht. Dabei homogen bleibt und gekonnt zwischen großer Sehnsucht und Laissez-faire kreist.“

Lucinda Williams – „Good Souls Better Angels“. Verlässlich wie immer. Ihre Stimme ist knarziger geworden, die Musik ist es auch. Auf die faszinierende Art.

Anna von Hausswolff – When Thoughts Fly. Kein Gesang, nur Kirchenorgel und diverse andere Tasteninstrumente. Es gibt Menschen, die finden das langweilig. Denen entgeht das rauschhafte Erlebnis einer wahrhaft transzendentalen Nachtmusik.

Domink Scherrer with Natasha Khan (aka Bat For Lashes): „Requiem – O.S.T.“
Die walisische Serie ist ganz okay, der Soundtrack ist eine Wucht. Hier gilt einmal: Atmosphärisch dicht ganz ohne Alkohol. Gilt auch für die Soundtracks zu „The Black Spot“ (im Original völlig konträr: „La Zone Blanche“) „La Foret“ und „Tabula Rasa“, die zwar schon++ etwas Zeit auf dem Buckel haben, aber jetzt erst von mir richtig entdeckt wurden.

Matt Holubowski: „Weird Ones“. Ich zitiere mich mal selbst: „„Weird Ones“ ist wunderschmerzlich-schön geworden, ein mehr als würdiger Nachfolger zum vorzüglichen „Solitudes“. Eine Ode an die Langsamkeit, das nachdenkliche Schlendern in eigentlich hektischen Zeiten.“
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Grant-Lee Phillips: „Lightning, Show Us Your Stuff“.
Mein Americana-Album des Jahres (dicht gefolgt vom neuen Chuck Prophet-Werk „The Land That Time Forgot“). Um es mal so zu sagen: All das, was Bruce Springsteens lendenlahmes Altherren-Rockwerk „Letter To You “nicht ist.

The Alligator Wine: „Demons Of The Mind“ Ich mag keinen Retro-Rock. The Alligator Wine kommen aus Deutschland und spielen Retro-Rock. Ich liebe das Album und seine Power. Vielleicht weil die Combo näher bei den DOORS als bei Led Zeppelin ist.

White Rose Transmission – „Happiness At Last“. Selten wurde die Dunkelheit zu einem schöneren Kissen als „Happiness At Last“ es aufschüttelt. Ein mitunter tieftrauriges Album, das dennoch trostreich durch diesen coronageschwängerten Herbst lotste. Die Akustukvariante von Adrian Borlands „Winning“ ist traumhaft.

Paul Roland – „Lair Of The White Worm“. Der Mann ist natürlich gesetzt. Kurz vor Jahresende veröffentlicht Paul Roland ein weiteres seiner ganz besonderen psychedelischen, victorian-space-age-Wunderwerke. Folk, Baroque-Rock, ein geisterhafter Hauch Weltmusik, Velvet Underground treffen auf Donovan und Ian Anderson spielt im Keller von Hill House Flöte. Maskenball in einer gotischen Kathedrale. Melting away.

Idris Ackamoor & The Pyramids – „Shaman!“ Grandioses Alterswerk, eine mitreßende Mischung aus spirituellem Jazz, Psychedelic und Soul. In etwa als würden ausgeschlafene Gong auf Pharoah Sanders treffen.

Die Bücher:

Es waren vergleichsweise wenig dieses Jahr. Lara Croft und Nathan Drake forderten ihren (Zeit)tribut.

Christian Keßler – „Gelb wie die Nacht“. Keßlers flapsiger Stil liest sich immer noch launig, wirkt nach dreißig Jahren dennoch mitunter etwas manieriert. Ändert nichts daran, dass er mit viel Zuneigung, Herzblut und kenntnisreich über ein Genre schreibt, das gerne weiter in den Focus gehievt werden darf. Sympathisch auch, dass er in jedem noch so verkümmerten Spross ein mildes Blühen entdeckt. Essentielles Nachschlagewerk, dem verwandten „Giallo: Die Farbe des Todes: Eine Chronologie des italienischen Serienkillerfilms“ von Peter Osteried analytisch überlegen (Osteried spoilert zudem heftig. Trotzdem für Giallo-Interessierte lesenswert) und nicht nur für Fans der messermetzelnden Thrillerkost aus Sigmund Freuds Schattenkabinett lohnend.

Horst Eckert – „Im Namen der Lüge“. Nach seiner Beschäftigung mit dem NSU-Komplex, schreibt Eckert in diesem spannenden Politthriller über die Verflechtungen von Exekutive, Judikative und neofaschistischen Auswüchsen. Spannend und (leider zu) dicht an der Realität.

Willi Achten – „Die wir liebten“. Und wieder ein Selbstzitat: „“Die wir liebten” ist ein Coming Of Age-Roman, der voller poetischer Kraft von den vielen Facetten des Erwachsenwerdens erzählt. Voller Witz, Traurigkeit und Dramatik, die allem Alltäglichen innewohnt. Kleine Abenteuer, große Fluchten, Liebe und Verantwortungsbewusstsein, der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben voller Wahlmöglichkeiten. Eine überschaubare Welt der scheinbaren Freiheit, die zerbröselt, sobald die repressive, missgünstige Realität das machtvolle Zepter führt. Dann wandelt sich der Ton des Romans ins finster Schwarze, wird zum Horror. Der sich nicht aus der Phantastik speist, sondern aus der Wirklichkeit.“ Wunderbares, wichtiges Buch.

Jon Savage – „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere: Die Geschichte von Joy Division“. Die Musik, die Stadt, der Tod. Wichtige Wegbegleiter, literarisch ansprechend gewürdigt.

Achim Reichel – „Ich hab das Paradies gesehen“. Der Mann kann charmant erzählen, und er hat was zu erzählen. Amüsant und erhellend. Für mich einer der wichtigsten (deutschen) Musiker. Natürlich inklusive A.R. & Machines, gelle Martin? Pflichtprogramm.

Andreas Kollender „Mr. Crane“. Exzellent geschriebene (fiktive) Liebesgeschichte zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der tuberkulöse Autor Stephen Crane („Die rote Tapferkeitsmedaille“, ebenfalls von Pendragon neu aufgelegt) und die Krankenschwester Elisabeth begegnen sich in Badenweiler, in dessen Sanatorium der sterbenskranke Mr. Crane in Behandlung ist. Liebe, Paranoia und die Kraft des Erzählens. Je näher der Tod, umso intensiver das Leben.

Guillermo Martinez – „Der Fall Alice im Wunderland“. Der Nachfolger der „Oxford-Morde“ ist wieder ein intelligentes Vexierspiel. Der weiße Hase kennt den Mörder, hat aber keine Zeit, es zu verraten. Der verrückte Hutmacher denkt sich seinen Teil dazu und grinst zufrieden.

Film und Fernsehen

„The Nightingale“ ist eine düstere Rachegeschichte der besonderen Art. Jennifer Kents („The Babadook“) zweiter Langfilm erzählt von strukturellem Rassismus, Misogynie und Gewalt. Die neuseeländische Landschaft ist atemberaubend, die Darsteller*innen sind es auch. Ein Film, der wehtut und das ist auch gut so.

„The Hunt“ wurde bereits vor seinem Erscheinen kontrovers aufgenommen, sodass sich die Veröffentlichung Monat um Monat verzögerte. Die klassische „Dr. Zaroff“-Menschenjagd-Storyline als actionreiche Gesellschaftssatire voller cooler Twists und Widerhaken. Hillary Swank überzeugt, gegen den Strich besetzt (oder doch nicht?), Emma Roberts schaut nur ganz kurz vorbei und Hauptdarstellerin Betty Gilpin (die erst nach 25 Minuten auftaucht) ist ein funkelnder Diamant solitärer Art.

„Spuk in Hill House“ und „Spuk in Bly Manor“. Mike Flanagans serielle Verfilmungen der nicht ganz unbekannten Vorlagen von Shirley Jackson und Henry James gehören zusammen wie Hanni & Nanni. Ein Duo, das zum Besten gehört, was im letzten Jahr über die Mattscheibe flimmerte. Exzellente Bildgestaltung, stimmungsvoller Soundtrack, überzeugende Schauspieler*innen (insbesondere die Kinderdarsteller verdienen besonderes Lob) machen beide Serien zum düsteren Genuss. Liebe, Verlust, Verborgenes und Erahntes, (familiäre) Lügen und Traumata machen große Geistergeschichten, wahren Horror aus. Und nicht ein Übermaß an Jump Scares. Zudem eine packende Reise in die vielen Schichten der Traumdeutung.

„Birds Of Prey – The Emancipation Of Harley Quinn“. So schröcklich die „Suicide Squad“ war, so herrlich die Konzentration auf die einzig sehenswerte Komponente: Die brillierende Harley Quinn. Die sich in „Birds Of Prey“ vom Joker emanzipiert und eine Damenriege in die Oberliga der Superheld*innenfilme führt. In die vordersten Ränge. Und das in einer Zeit, die von einer magenverstimmenden MCU/DC-Übersättigung geprägt ist. Action, Fun und Frauenpower. Margot Robbie kickt sie alle.

„Knives Out“ – Ein Meta-Murder-Mystery mit einer Besetzung zum Niederknien. Voller Twists, hinterhältiger Komik, gegen den Strich-Besetzung und fröhlicher Spannung. Gewitzt wie sonst was, aber nie überheblich.

„The Devil All The Time“ – Die Verfilmung von Donald Ray Pollocks „Das Handwerk des Teufels“ ist ein aschfahler Southern Noir, episodisch aufgebaut, mit Off-Kommentar, der eine Distanzierung schafft, die diese deprimierende Schilderung über dumpfen Glauben, Misogynie, Verführung, Lust und Gewalt, erträglich macht. Die Besetzung ist erlesen, unter anderem trifft die verlockende Elvis-Enkelin Riley Keough (als prollige Femme Fatale mit Gewissen und wenig Glück bei der Wahl ihrer Männer) nach „Under The Silver Lake“ auf ihren zweiten Spiderman (geht nicht gut aus), und Sebastian „Winter Soldier“ Stan gibt einen verfetteten, korrupten Cop. Robert Pattinson indes hat das Zwielicht eingeatmet und gebärdet sich wie Christopher Walkens enthusiastischster Jünger, in einer selten unsympathischen Rolle. Overacting als Kunstform. Macht er gut. An den schwarzen Messen, die um das ersterbende Kaff Knockemstiff zelebriert werden, möchte man nicht teilnehmen. Stattdessen lieber ein heißes Bad nehmen. Der katholische Filmdienst mochte „The Devil All The Time“ nicht. Aus naheliegenden Gründen. Wir mögen diesen langsamen, aber steigen Ritt in die Finsternis dafür umso mehr.

Es war also nichts alles schlecht in diesem Jahr voller Einschränkungen und Unwägbarkeiten. Das Schönste: Ich kenne mehr Menschen, die das Leben lebenswerter machen als empathielose Rechtslenker, die Ethos für ein türkisches Bier halten. Und während Erstere prägend bleiben mögen, gilt für Letztere einmal mehr der Wunsch des tapferen Archives: „ Now the world needs to see that it’s time you should go – There’s no light in your eyes and your brain is too slow“.

2021 wird. Irgendwie. Besser.



„SERIÖS“ – SERIENEXPERTEN, WIE SIE NUR DAS DEUTSCHE FERNSEHEN HERVORBRINGT by Martin Compart

Auch Serien-Spezialist Jochen König (https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/) hat sich SERIÖS angetan:

Unglaublich. Es gibt eine Diskussionsreihe über Serien. Die der personifizierte Möchtegernstatus ist. Die kleine Gartenzwerghölle, diesmal nicht im Vorgarten, sondern in einem ach so heimelig eingerichteten Fernsehstudio.

Für alle, die direkt damit konfrontiert werden möchten, warum Deutsches Fernsehen der Horror ist. Man nehme drei mittlere Ausfälle (Kurt Krömer, Ralf Husmann, Annie „wer auch immer diese ‚Allesguckerin‘ ist“ Hoffmann) und einen Totalausfall (Annette „ich bin die ganz tolle Schreiberin von „Weißensee“, die sich supi auskennt mit allem und jedem und auch in Stereo biographieren kann“ Hess) und setze sie nach Vorbild des literarischen Quartetts zusammen (nur viel lockerer, mit nackte Füße auffe Couch und so), und lasse sie über Serien reden. Äh falsch, quatschen, quasseln, abgehen auf billigste Pointenjagd.

Pestlippen, die Lauch sind, aber so lit wie sonst was sein möchten.

Kontexte: Existieren nicht, ernsthafte Auseinandersetzung: Watt willsndu Alda, spinnsde? Perspektivisch und inhaltlich tiefgreifendere Themen zu eröffnen spielt keine Rolle.
Da hält Hess eine Lobrede auf den mäßig komischen und hochnotpeinlich chargierenden Ricky Gervais (ist sonst besser) als „Derek“, und moniert,dass Ekel im Serien-TV kaum eine Rolle spielt. „Derek“ hingegen…
Haben wir die (nicht mal ansatzweise erreichten) Vorlagen für „Derek“ nicht präsent? Monty Python und Little Britain waren weit wagemutiger, besser gespielt und längst da, wo „Derek“ möglicherweise hin möchte.
Die „League Of Gentleman“, „South Park“, die „Simpsons“, „Futurama“, selbst harmlose Serien wie „Inspector Barnaby“ (Leiche im Bierfass, aus dem munter getrunken – und anschließend gekotzt wird) und „Brokenwood“ (ist es Wein oder Natursekt?)widmen dem Thema „Ekel“ ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur ein paar Beispiele unter vielen.

Bei „Seriös“ reichen sich Ignoranz, Ahnungslosigkeit, bemühte Witzischkeit und haarsträubende Vergleiche/Pointe die Hände („’Game Of Thrones‘ ist wie die ‚Lindenstraße‘. Viele Charaktere“).
Wer wie ich aus einer pietistisch angehauchten Gegend stammt, in der man nicht in den Keller geht, um zu lachen, sondern um sich zu geißeln, wird die Reihe zu schätzen wissen.

Auf die falscheste Art. Für den Rest ist es eine Übung in Fremdscham (und ein kleiner Blick auf den maroden Zustand des german televison, das nichts proudly zu präsentieren hat).

Ralf Husmann zieht sich noch am besten aus der Affäre. Er kennt sich mit dem Schämen für andere halt aus und erweckt zumindest manchmal den Eindruck, dass ihm die Sendung peinlich ist.

Merke: Wer nix mehr merkt merkt nix. Wenn man mal wissen will, was man garantiert nicht über Serien wissen will, ist man bei „One“ und in der Mediathek richtig:



JIM NISBET – WELT OHNE SKRUPEL von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
25. Juni 2019, 5:45 pm
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Klinger ist ein Kleingauner, ein Loner wie er im Buche steht. Geich sein erster Auftritt zeigt wie Jim Nisbets „Welt ohne Skrupel“ funktioniert: Nach einem missglückten Überfall auf der Flucht vor der Polizei opfert Klinger seinen Komplizen ohne Umschweife den Verfolgern, damit er unbeschadet entkommen kann.

Lapidarer Gedankengang: Chainbang (kleine Anspielung auf Rex Miller?) war sowieso ein Idiot und ist damit selbst schuld an seinem Schicksal.

Klinger zieht weiter, besucht eine alte Freundin, schnorrt Geld und hängt in Bars ab, säuft, trifft Bekannte und macht einen Ausflug in die ehemaligen Bergwerksanlagen unter San Francisco. Sucht Nuggets und findet einen Schädel unter einem Friedhof. Hamlet ist ein Loser und Dänemark weit weg.

Später versucht Klinger mit einem Kumpel einen reichen Schnösel auszurauben. Dürfte nicht schwer zu erraten sein, dass diese Aktion in einem Desaster endet.

Immerhin erbeutet Klinger das Smartphone des Opfers. So ergibt sich ein Kontakt zu Marci, der Chefin und Ex-Freundin des Überfallenen. Ganz ehrlicher Finder, ist Klinger bereit das Telefon zurückzugeben. Kleiner Finderlohn sollte drinsitzen.

Marci hat andere Pläne. Auf dem Telefon ist eine neuartige Dating-App, die Philipp Wong, der Handy-Besitzer, entworfen hat. Wäre doch schön, wenn man die ohne den Entwickler vermarkten könnte. Klinger findet sich plötzlich in einer Welt wieder, die er nicht versteht und von der er keine Ahnung hat, verführt von einer Frau, der er nicht gewachsen ist. Eine App, die Femme Fatales identifiziert, besitzt Klinger leider nicht. Und wenn, könnte er vermutlich nicht damit umgehen.

Jim Nisbet ist ein Meister des Understatements.

Seine „Welt ohne Skrupel“ ist kein Sündenpfuhl, in dem Mord- und Totschlag herrschen und krawalliges Drama Katastrophen heraufbeschwört.

Nisbet erzählt Alltagsgeschichten von Losern und Aufsteigern, die ohne Bedenken Freunde und Bekanntschaften über die Klinge springen lassen. Klinger geht dabei mit unbeschwerter Dreistigkeit vor, während Marci die Frau mit einem Plan ist. In Klingers Umfeld (und bei seiner Arbeit) sterben Menschen, weil er mögliche Auswirkungen keine Sekunde überdenkt, Marci hat tödliche Konsequenzen von Beginn an im Blick.

Zwischen den beiläufig inszenierten oder ganz im Off ablaufenden Verbrechen, wird der Alltag bewältigt. Klinger ist ein Flaneur im späten Gefolge Charles Bukowskis (ohne dessen derbe Anzüglichkeiten), er findet immer jemand, dem er Geld abknöpfen kann, um es in einer ranzigen Bar mit einem Kneipenphilosophen am Tresen unter die Leute zu bringen.

Er trifft andere Gestrandete, räsoniert über sein leben und das der anderen, trinkt zu viel, ab und an fällt etwas Sex ab. Just an oldfashioned Guy, der seine Perspektivlosigkeit vermutlich als bewusstes Leben im Hier und Jetzt empfindet. So jemand braucht kein Smartphone. Anfragen gibt es eh keine, und Gespräche kann man von Angesicht zu Angesicht führen.

Eigentlich hätte es Klinger stutzig machen müssen, dass ihn eine Frau wie Marci, die offensichtlich in einer ganz anderen Liga spielt, verführt und mit auf eine gemeinsame Tour nimmt. Doch Klinger erfreut sich am Sex und lässt sich freudig aushalten. So kann er es gar nicht ausschlagen, zum Handlanger zu werden. Er hat Spaß gehabt, und der kostet eben. Klinger nimmt’s gelassen hin, irgendwie wird es schon weitergehen.

„Welt ohne Skrupel“ ist eine Mischung aus finsterem Schelmenroman und klassischem Noir in modernem Gewand. Das Aufeinanderprallen von Anachronismen und digitaler Herrschaftshoheit findet beiläufig statt, ist ein lakonischer Kommentar, der auf genauer Beobachtungsgabe basiert und kein moralinsaurer Diskurs eines alternden Autors, der sich in der Gegenwart unwohl fühlt. Nur Klinger wäre ohne Smartphone besser dran gewesen. Aber zurück geht’s nicht mehr. Nie.

„Mach mir noch einen.“ Natürlich muss der Roman so enden. Kneipenphilosophie auf dem Prüfstand.

Jim Nisbet

WELT OHNE SKRUPEL

Originaltitel: Snitch World
PULP MASTER 2019
200 Seiten

TB 14,80
ebook 9,99

Jim Nisbet – Welt ohne Skrupel



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
23. März 2019, 6:59 pm
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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem, vorgestellt von Jochen König by Martin Compart

Es ist mir eine große Freude, hier einen Beitrag von Jochen König zu präsentieren. Seine Rezensionen, Porträts und Artikel gehören seit langem zu den originellsten und interessantesten in der deutschen Sekundärliteratur. Hier also seine Gedanken zu Jonathan Lethem, einem der ungewöhnlichsten amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart.
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Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem

Jonathan Lethem, der Philip K. Dick-Vertraute und Editor, ist in den USA wesentlich präsenter als hierzulande. Obwohl etliche seiner Werke in deutscher Übersetzung vorliegen, so auch der mit dem „Gold Dagger“ und „National Book Crircs Award“ausgezeichnete Roman „Motherless Brooklyn“, bewegt er sich in Deutschland ein wenig abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Daran wird auch die Veröffentlichung seines aktuellen Romans „Der wilde Detektiv“ bei Klett-Cotta kaum etwas ändern. Zu sperrig und zu sehr liebäugelnd mit der populärmythogischen Meta-Ebene, die sich zwischen dem alptraumhaften Sirren der Alpträume David Lynchs, Leonard Cohens Studien in Zen-Mediation, Sex in lausigen Motelzimmern, dem Spiel mit den Motiven des Hardboiled und einem Abgesang auf das von Donald Trump vergewaltigte Amerika erstreckt.

„What’s The Frequency, Kenneth?
“ steht als Frage im Raum, nicht nur hier gestellt, sondern auch vom filmischen Geschwisterchen „Under The Silver Lake“ (von David Robert Mitchell), der sich auf ähnlichen Pfaden wie der wilde Detektiv bewegt. Nur somnambuler. Also passend für R.E.M.

Es kann aber passieren, dass der Status „Kriminalroman“ von stoischen Anhängern mauer Krimikost zwischen Andreas Franz und Chris Carter unverständig aberkannt wird, obwohl der Roman geradezu klassisch startet:

Ein Mädchen ist verschwunden, der wilde Detektiv namens Charles Heist wird beauftragt, sie zu suchen. Immer die nassforsche Erzählerin Phoebe Siegler im Schlepptau. Siegler, ein Spross der New Yorker Medienwelt, hat dieser den Rücken zugekehrt, nachdem ihre Vorgesetzten und Kollegen sich dem „Trumpeltier“ anbiedernd andienten. Mieses Karma. Kein Ort, um dort länger zu verweilen. So kommt es gar nicht ungelegen, dass Arabella, die achtzehnjährige Tochter einer Freundin Sieglers, vermisst wird.
Verschollen, während sie auf der Suche nach Leonard Cohens Vermächtnis war.
Phoebe entwickelt sich von einer großstädtischen Medienexpertin zur postmodernen Nancy Drew, die an der Seite von Charles Heist – manchmal auch voraus – die junge Arbella sucht. Die sich, kein großartiger Spoiler, als ihr juveniles Alter Ego entpuppen wird. Es dauert kaum bis zur Hälfte des Romans, dann hat sich die Vermisstengeschichte erledigt, doch „der wilde Detektiv“ wird weiterhin gefordert. Er muss zu einem letzten Kampf in der Wüste antreten, gegen einen Herausforderer namens „Solitary Love“.

Auf den Spuren der zerbröselnden Hippiekultur begegnen Phoebe und Charles zwei Gruppierungen, den weiblich geprägten „Kaninchen“ – die entgegen ihres Namens sehr wehrhaft sind – und den in erstarrten Ritualen verwilderten, männlichen „Bären“, als deren Anführer Solitary Love reüssieren möchte.
Da seien Charles Heist und seine tatkräftige Hüterin Phoebe Siegler vor.
Während Leonard Cohen zurückgezogen Zen-Meditation ausübte, wurde er von seiner Managerin und Vertrauten um den Großteil seines Vermögens gebracht, weshalb er bis zu seinem Tod Live-Auftritte absolvieren musste. Wieder einmal gilt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn (in Cohens Fall der Nachbarin) nicht gefällt. Ausbeutung, Gier, Machtmissbrauch und Maßlosigkeit zerstören nicht nur private Existenzen, sondern Gesellschaftssysteme und die Umwelt.

Das setzt Jonathan Lethem nicht plakativ in Szene, sondern lässt es im Hintergrund rumoren. Außer es setzt Sticheleien gegen Donald Trump. Dann wird es grantig.

„Der wilde Detektiv“ bezieht seine Kapitel-Unterteilung bewusst aus der Topographie. Der Roman schildert eine Reise durch heruntergekommene Trailer-Parks und Motels, die abgasverseuchte Lagerhallen-Einöde des Inland Empire nahe Los Angeles (mit Grüßen an David Lynch), über einen Schwemmkegel, der von Wassermassen ausgehöhlt wird, hinein in eine Wüste, die Relikte einer ehemaligen Aufbruchstimmung beherbergt, an deren finsterem Ende die Manson-Family haust. Doch noch geht es ums Überleben, nicht töten.

„Die Viscera Springs Ranch war eine zähe Kommune, wen auch nicht gerade mit Intelligenz oder Dusel gesegnet. Ihrer Gruppe wurde das ganze Menü serviert – Ideologie, Filzläuse, Hunger – aber sie hielt durch.

Wofür eigentlich?

Um Ideale in Flammen aufgehen zu sehen, um einen letzten Kampf verzweifelter Machos zu erleben, die Sehnsucht nach einer „totalen Leere“ im Kopf, die die Basis für einen Neuanfang verspricht?

Gut gemeint, wird aber hinfällig, wenn man im Karma-Rad steckenbleibt. Jonathan Lethem spielt mit Esoterik und Heilsversprechen, lässt beides aber mit Makabrem kollidieren. So gehört das Anwesen auf der Spitze des Berges, an dessen Fuß Leonard Cohen meditierte, koreanischen Geschäftsleuten (Investoren?), auf deren Areal Mordopfer entsorgt werden. Der klimatisierte Alptraum fordert seinen Tribut.

Phoebe Siegler ist so eine Art Alice im Trumpland, verwirrt wie zielstrebig wühlt sie sich durch ihren eigenen Kaninchenbau und findet verloschene Illusionen, gekappte Träume und Hoffnungen. Eine Welt ist untergegangen, eine andere im Umbruch. Am Ende geht die Reise weiter: „Ich hatte einen weiten Weg vor mir.“ Eine Vermisste wurde gefunden, ein Kampf auf Leben und Tod gewonnen, die Suche nach Erkenntnis und Zusammenhängen bis in den Meta-Bereich vorangetrieben, begleitet und kommentiert von popkulturellen Verweisen.

Der wilde Detektiv hat mit Mühe und unter Schmerzen überlebt, ohne Phoebe „Alice Nancy Drew“ Siegler und die Unterstützung der weiblichen Kaninchen wäre er untergegangen. Ein ferner Donner erzählt vom langen Abschied und James Crumleys letztem echten Kuss. Die blonde Motorradfahrerin auf der chromgelben Harley, der Phoebe mehrfach begegnet, könnte Mallory sein oder Claire DeWitt auf dem Weg nach New Orleans.
Jonathans Lethems wilder Detektiv ist in guter Gesellschaft unterwegs.

Sprachlich ist das von ganz eigener Poesie, die ziemlich offensichtlich und mit großer Freude damit kokettiert, sich selbst zu karikieren. Die deutsche Übersetzung ist leider keine der geschmeidigen Art. In Kauf nehmen, was problemlos möglich ist, oder das Original lesen. Wer sich darauf einlässt, wird mit Lektüre belohnt, die weit über sich selbst hinausweist und nachwirkt.

There’s nobody missing
There is no reward
Little by little We’re cutting the cord
We’re spending the treasure, oh no, no
That love cannot afford
I know you can feel it
The sweetness restored

Natürlich gehören die letzten Worte Leonard Cohen.

Bibliographische Angaben:

Jonathan Lethem
Der wilde Detektiv (Orig.: The Feral Detective)

Klett Cotta

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
VÖ: 31.01.2019

335 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag