Martin Compart


MiCs Tagebuch: BLACK SAILS – Staffel 3 by Martin Compart
16. März 2017, 8:57 am
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Nach zwei Staffeln hat Black Sails in der 3. seinen Rhythmus gefunden. Wendungen ohne Ende, stringent und temporeich erzählt, entsteht richtig Sog. Herrlich, wie die Macher mit immer gleichen dramaturgischen Techniken, die Geschichte vorantreiben. Als Zuschauer muss ich langsam auf die Bremse treten. Nur noch drei Folgen der 3. vor mir und die 4. braucht noch vier bis zum Ende. >Am 01. April läuft das Serienfinale, dann ist Finito. Und für mich geht‘s mit Staffel 4 weiter. „The villain makes the story”, lautet die Ansage der Schreiber, der Bösewicht macht die Geschichte aus, woraufhin jede Folge sich bemüht, diesem Diktum Rechnung zu tragen. Black Sails ist spannend und transparent zugleich. Die Autoren lassen sich ständig beim Handwerk zuschauen.

Zur politischen Dimension:
Nassau als Zentrum einer freien Gemeinschaft, die sich gegen die Knechtschaft Englands stellt, Frauen, Ex-Sklaven und freie Piraten, auf der Suche nach einer gleichberechtigten Form des Zusammenlebens, Basisdemokratie – alles schön und gut – die treibende Kraft ist jedoch immer der Schatz, der ständig wieder in den eigenen Besitz gebracht werden muss, weil Geld allein die Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht. So gesehen, geht es um einen gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Feudalkapitalismus: um die persönliche Freiheit und die Verteilungsfrage. Diese stellt sich im Wesentlichen nur für die Piraten – sie haben genaue Regeln für das gleichberechtigte Miteinander freier Männer. Die Entertainment- und Zulieferbranche Nassaus ist nach dem Eigentümer-Prinzip von Anfang an viel “bürgerlicher” organisiert. Trotzdem sind in der Serie alle Kapitalisten, sie leben vom freien Unternehmertum, die meisten allerdings in der selbstausbeuterischen Form einer Ich-AG. Einzig der Körper ist ihr Kapital, ob als Pirat, als Arbeiter oder als Nutte. (Obwohl Letztere eine strenge Madame und klare Vorgaben haben.)
Die Dekadenz der neuen freien Gesellschaftsordnung zeigt sich bereits, als Jack Rackham das Fort zur Verteidigung Nassaus wieder aufbauen will und die „freien Leute” für viel Geld so wenig arbeiten, dass befreite – besser erbeutete – Sklaven sie ablösen müssen, damit es voran geht. Ein veritables Spiegelbild unserer Zeit: Die Drecksjobs machen immer die Immigranten. (Seit „Onkel Tom” Ben Carson wissen wir, auch Sklaven waren lediglich Immigranten, die von einer besseren Zukunft in Amerika geträumt haben.)

Das gesellschaftliche Experiment wird auch in dieser Serie nicht den “Tag danach”, was nach dem Sieg geschieht, erzählen. Denn es wird keinen Sieg geben. Die Geschichte geht immer gleich aus. Am Ende werden die Bemühungen scheitern und Nassau den Engländern anheim fallen, selbst wenn Black Sails das nicht klar zeigen sollten. (Der jetzige neue Gouverneur ist ja eine historische Figur und war wirklich der 1. Gouverneur der Bahamas. Das „Voyage-Buch“ hat er auch tatsächlich geschrieben. Schön wie Stevensons Fiktion mit realer Historie verbunden, ich möchte beinahe sagen, verankert wird.) Damit erzählt Black Sail, wie Spartakus ebenfalls von Starz, am Ende immer gescheiterte Kämpfe gegen eine bestehende Ordnung. Wir lieben Helden, die Scheitern, ob ihres Mutes und ihres unermüdlichen Anstemmens gegen die Mächte des Bösen. Am Schluss unterliegen sie natürlich, wie auch wir tagtäglich unterliegen. Im Gegensatz zu ihnen sind wir aber nicht einmal zum Kampf angetreten. Unser einziger Kampf ist das Ringen mit der Fernbedienung und dem Verlangen, die nächste Folge nur nicht zu schnell zu schauen, weil dann immer weniger Folgen übrig bleiben.

Serien wie Black Sails, erleichtern uns um den eventuell noch vorhandenen Restwiderstandswillen. Der Kapitalismus unterhält und amüsiert uns Zuschauer, in dem er uns die eigene Passivität unter die Nase reibt und dabei zugleich ein „Wohlfühlgefühl” vermittelt, weil wir die kleinen Schimmer der Wirklichkeit in der Serie als Erkenntnis ausmachen und uns in unseren Ansichten bestätigt sehen. Diejenigen Zuschauer, die von Bildung völlig unbeschlagen, Black Sails ohne historischen Ballast anschauen, werden durch touristische Exotik, Sex, Gewalt, große Gefühle und schöne Menschen mit makellosen Kauleisten (wie dumpfe deutsche Kritiker mit Kopfschütteln monierten) bei Laune gehalten. Ein Serien-Produkt für Jedermann: Black Sails bereitet auch ohne Reflektion Freude. Tiefere Überlegungen können, müssen aber nicht angestrengt werden.

MiC, 15.03.17



Fritz Dusquene 1: Kindheit und Jugend by Martin Compart
10. März 2017, 2:23 pm
Filed under: Dusquene, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Er war ein Held des Burenkriegs, verbarg angeblich Oom Krugers Schatz und arbeitete als Geheimagent für die Deutschen in zwei Weltkriegen. Er war ein begnadeter Selbstdarsteller, Aufschneider und leitete den größten Spionagering. der je auf amerikanischen Boden ausgehoben wurde. Angeblich war er für den Tod von Lord Kitchner verantwortlich und wurde von den Deutschen im 1.Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Sein Leben wurde bestimmt durch den brennenden Hass auf die Briten, die seine Familie und sein Land vernichteten.
Sein Name war Fritz Dusquene und heute kennt ihn kaum jemand mehr. Weder in Deutschland, noch in Südafrika. Bis 1941 führte er ein Leben wie in einem Abenteuerroman. Dann musste er hart dafür bezahlen: Der einstige Ausbrecher.König durchlitt eine langjährige Haftstrafe. bevor er 1956 in einem Armenkrankenhaus starb.

Frederick „Fritz“ L’Huguenot Joubert Duquenne (er änderte die Schreibweise zu Duquesne 1912 in Amerika) wurde am 21.Dezember 1877 in East London in der britischen Kap Kolonie in eine Burenfamilie geboren. Seine Eltern, Abraham Duquesne und Minna Joubert, waren Nachfahren der Hugenotten, die 1687 aus Frankreich vor der katholischen Verfolgung geflohen waren. Fritz bekam bald ein jüngere Geschwister: Elsbet und Pedro.
Die Kinder waren noch sehr jung, als die Familie die Kap Kolonie verließ, um in die unabhängige südafrikanische Buren-Republik zu übersiedeln. Sie zog hoch in den Norden nach Nylstroom, dem heutigen Modimolle, um eine Farm zu betreiben.

Um zusätzliches Einkommen für die Familie zu schaffen, ging Vater Abraham regelmäßig auf die Jagd und reiste herum, um die Felle zu verkaufen. Dadurch war er häufig von der Familie entfernt und überließ den Farmbetrieb seiner Frau und seinem alten und blinden Onkel Jan Dusquenne.
Die Farmarbeit war hart, die Jagd oft gefährlich und das Überleben im südafrikanischen Veld voller Gefahren. Jeder Tag konnte ein Kampf ums Überleben sein. Tierangriffe waren ebenso möglich wie die Überfälle von marodierenden Stämmen oder Banden. Dieses Dasein hatte die Buren seit Jahrhunderten geprägt und zu harten Menschen geformt, die diesen Überlebenskampf bedingungslos annahmen.
Bereits in jungen Jahren nahm Abraham seinen Ältesten mit ins Veld und brachte ihm das Jagen bei. Fritz erwies sich schnell als begeisterter und fähiger Jäger. Das Töten gehörte von nun an zu seinem Leben. Auf einem dieser frühen Jagden entdeckte Fritz seine lebenslange Faszination für Panther: Er beobachtete eine Raubkatze bei der Jagd, wie sie regungslos und geduldig im hohen Gras lauerte und auf den perfekten Zeitpunkt wartete, um einen Büffel zu schlagen, der an einem Wasserloch trank. Der Panther war für ihn der perfekte Jäger und er wurde zu seinem Toten, übertrug den Jagdstil auf sein eigenes Verhalten. Im zweiten Burenkrieg wurde er als der „schwarze Panther“ bekannt. Als Spion in den 1930ern unterzeichnete er seine Nachrichten an die Deutschen mit dem Bild einer aggressiven Katze, die ihren angriffslustigen Buckel macht.

Mit zwölf Jahren tötete Fritz seinen ersten Menschen.
Auf der Farm gab es einen großen Raum, der als Handelsposten diente. Sein Vater war unterwegs und Fritz war dabei, als seine Mutter mit einem Zulu handelte. Als der Zulu seine Preisvorstellungen nicht durchsetzen konnte, griff er die Mutter an. Fritz griff den Assegai, den Kurzspeer der Zulu, des Mannes und rammte ihn in den Bauch.

Kurz darauf begann ein Bantu-Stamm einen Kriegszug in dem Gebiet um Nylstroom und attackierten die Farmen. Als die Nachricht von den Überfällen die Dusquene-Familie erreichte, machte sie sich mit sechs weiteren Familien mit ihren Ochsenkarren zum nächstgelegenen Ort am Sand River auf. Unterwegs wurden sie von einem Impi (Kompanie) angegriffen und es kam zu einem lang anhaltenden Kampf. Die Farmer konnten die Eingeborenen nicht dauerhaft durch ihre Schusswaffen auf Distanz halten und es gab häufige Nahkämpfe. Fritz erwies sich als einer der besten Schützen und tötete mehrere Krieger. Nach Ende der Kampfhandlungen war unter den Toten auch Fritz´ Onkel Koos, dessen Frau und ihr Baby.

Die Familie hatte gute Beziehungen: Fritz war ein Neffe des Helden aus dem ersten Burenkrieg, Piet Joubert, der bis 1900 Generalkommandant der Südafrikanischen Republik war. Deswegen war es wohl auch möglich, dass man ihn mit 13 Jahren zur schulischen Erziehung nach England schickte. Hier bekam er seinen urbanen Schliff und wohl auch seine Kenntnisse mehrerer europäischer Sprachen vermittelt. Er gewöhnte sich den Sprachduktus der britischen Oberschicht an und war zu diesem Zeitpunkt bei allen burischen Ressentiments noch nicht der Feind aller Briten, zu dem er werden sollte.

Diese Zeit ist Legenden umwittert und basiert vor allem auf späteren Aussagen von Dusquesne: Angeblich ging er nach dem Abschluss für ein Jahr nach Oxford, dann will er in die damals hoch angesehene Académie Militaire Royale in Brüssel eingetreten sein. Auch ein kurzer Zwischenstopp in der französischen Militärakademie St. Cyr wird erwähnt. Sein höchst unkritischer Biograph Wood behauptet, Fritz hätte mit dem damals berühmten Fechtmeister Julian Mercks trainiert und wäre zum besten Fechter Europas geworden. Angeblich trug er acht Duelle ausm von denen drei tödlich für den Gegner endeten. Sein seriöserer Biograph Ronnie sagt, dass es zwar keine Belege für die Duelle gibt, Dusquene aber als exzellenter Fechter galt und dies häufig im New Yorker Adventurers Club unter Beweis stellte.

Ronnie zitiert auch einen Brief von Dusquene aus dem Jahre 1913 an einen Stephen Allen Reynolds, in dem Fritz eine ganz andere Geschichte erzählt: Demnach sollte er nach seinem vierjährigen Aufenthalt in England auf dem Kontinent Ingenieurswissenschaften studieren. Auf der Fähre traf er einen zwielichtigen Mann namens Christian de Vries (der wohl wegen begangener Unterschlagungen verschwinden wollte) und beschloss mit ihm eine Weltreise anzutreten. Vater Abraham soll ihn sechs Monate später in Singapur aufgespürt und ihm eine ordentliche Tracht Prügel verpasst haben. Vermutlich trieb sich Fritz anschließend in der Welt herum, besuchte gelegentlich sein Heimatland und ging auf Jagd.

Im Sommer 1899 rief Abraham seinen nun 21jährigen Sohn heim. Der Ausbruch des 2.Burenkrieges kündigte sich an.

FORTSETZUNG FOLGT



Klassiker des Polit-Thrillers: Stephen Becker by Martin Compart

DER LETZTE MANDARIN

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Der Winter 1948 ist hart in Peking. Die Menschen erfrieren und verhungern und die Stadt ist von Maos Truppen eingeschlossen. Man erwartet den Todesstoß der Kommunisten („Es wird mehr und bessere ärztliche Versorgung geben, und vieles, was die soziale Seele freut“). Seit Jahrzehnten leidet das Reich der Mitte unter Warlords, Bürgerkrieg, japanischer Vergewaltigung und erneuten Bürgerkrieg. Alle Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten bestimmen das Bewusstsein in Peking. „Die Reichen schmieden Pläne zur Flucht. Aber wohin?…die, die zu arm waren, konnten sich nicht mal Aberglauben leisten.“

In dieser Situation wird der ehemalige Guerilla-Kämpfer und Ex-Major der US-Armee Jack Burnham in die umzingelte Stadt eingeflogen. Seine Aufgabe: er soll den japanischen Kriegsverbrecher Major Kanamori aufspüren und der Hinrichtung übergeben. Die Gräueltaten, die Kanamori von 1938 bis 1945 in China begangen hat, sind ungeheuerlich. Er war einer der Schlächter Nankins, wo sich die Wege mit Burnham gekreuzt hatten.

Aber warum ausgerechnet Kanamori?
Es gibt Tausende von Kriegsverbrechern wie ihn…

Burnham taucht in diese fremde Welt, die er so liebt, ein und durchforscht sie auf jeder exotischen Ebene („Nicht zu wissen, wer was wie´- das ist die wahre Unwissenheit„). Seine Suche in Peking wird durch Rückblenden unterbrochen, die den japanischen Plünderungszug durch China und Kanamoris Abscheulichkeiten und Leben im Dienst der aufgehenden Sonne schildern.

Burnham ist einer der typischen Becker-Helden: Antiautoritär und von Asien „korrumpiert“. „Wer von Schmeicheleien leben will“ zitierte Burnham kühl, „muss härter schuften als ein Bauer.“

Der Umbruch in China war bereits Thema von Beckers beiden ersten Romane, THE SEASON OF THE STRANGER, 1951, und SHANGHAI INCIDENT, 1955, sein erster Thriller, für den er einmalig das Pseudonym Steve Dodge verwendete und der in der legendären Gold Medal-Reihe erschien (siehe dazu Gary Lovisis Text http://www.mysteryfile.com/Becker/Becker.html ).beckerb1

2006 war eine Verfilmung non THE LAST MANDARIN in Planung. Regie sollte Andreij Konchalovsky führen und Burnham von Alec Baldwin gespielt werden. Der Titel des 15-Millionen-Dollar-Projekts, das bisher nicht weiter verfolgt wurde, war THE FORBIDDEN CITY.

Wer dieses Buch liest, wird es nie mehr vergessen. Es ist Thriller, exotischer Abenteuerroman, philosophische Betrachtung, zynische Welterklärung und grauenhafter Kriegsroman in einem. Und vor allem ist es Weltliteratur. In einigen Jahren wird man vielleicht erkennen, dass Stephen Becker zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts gehört, auf derselben Stufe wie etwa Cormac McCarthy. Er ist einer dieser Autoren, die prägend in ein Leben eingreifen können und Denken und literarisches Stilgefühl beeinflussen. Seine Mischung aus Lakonie und Ironie erzeugt eine ganz eigene Melodie.

becker1Der Roman ist der mittlere Band von Beckers so genannter Asien-Trilogie (DER CHINESISCHE BANDIT und DER WEISSE SHAN sind genauso gut und lesenswert; mein Herausgreifen des DER LETZTE MANDARIN ist rein willkürlich).

Ein gemeinsames  Thema ist die Kollision zwischen amerikanischen Abenteurern mit asiatischen Kulturen, die sie in den Bann schlagen und fast aufsaugen. Es basiert wohl auf Beckers eigenen Erfahrungen. Bei aller Tragik und Ernsthaftigkeit lockert Becker die Handlung durch Humor auf, der auf den komischen Eigenheiten der jeweiligen asiatischen Kultur wie auch den Idiotien des Westens basiert.
„Ein merkwürdiges Volk, die Amerikaner, ohne jedes Feingefühl und ohne Sinnlichkeit. Sie haben keine Geschichte. Sie durchstreifen die Welt wie hirnlose Nomaden, sie überschreiten alle Grenzen, und wenn sie einen Pfau sehen, nehmen sie ihr Gewehr und erschießen ihn und fressen ihn roh. Andererseits verbringen sie auch Großes und übergehen das Gelächter ihrer Kritiker. Unbezahlbar, wie gesagt.“51zva0necfl-_uy250_11

Ein Zauber seiner Trilogie besteht darin, dass er dem Leser diese Kulturen näher bringt, aber ihre Mysterien bewahrt. Er klärt auf und mystifiziert gleichzeitig. Ein Widerspruch, den nur ein wirklich großer Autor auflösen kann, der die Widersprüche des Lebens kennt und in einer Synthese aus Orient und Okzident ästhetisiert.
Dafür findet er, wie zuvor gesagt, eine ganz eigene Sprache. Häufig sind es Beckers eigenwillig ironische Brechungen, die den Leser die oft schwer erträgliche Brutalität ertragen lässt.

„In der Nacht zum Montag, dem 13.. Dezember 1937, endete in Nanking jeder Widerstand. Die japanischen Armeen hatten einen der glanzvollsten Feldzüge der modernen Kriegsführung erfolgreich abgeschlossen. Die Soldaten freilich hörten nur ungern vom aufgegebenen Widerstand. Das Gewehr war geladen und gespannt, der Finger auf dem Abzug, Frieden war der unerträglich. Sieg allein genügte nicht; eine im Lauf der Geschichte aufgestaute, unterdrückte Wut verlangte nach einem Blutbad. Eine Stadt mit 1 Million Einwohner – keiner zu finden der Widerstand leistete? Mehr noch: die Ausländer – eine Handvoll nur, selbstgerecht, unermüdlich, sogar überheblich – hatten eine Schutzzone festgelegt, als ob ihre Gesandtschaften, Universitäten und Missionen heilige Städten wären, die nicht von unzivilisierten Japanern geschändet werden dürfen. Der Major meinte, kümmert euch nicht darum… Das schießen ließ nicht nach, Widerstand oder nicht. Und sie tranken… Kanamori erinnerte sich später an hausgemachten Brandy, Pflaumenschnaps und sogar Bananenschnaps. Auf Sie tranken nicht bis zur Bewusstlosigkeit, niemand torkelte oder stürzte; sie tranken zur Anregung, und ihre Kraft wuchs. Rastlos, gesetzlos und herzlos streiften sie herum. Wahllos traten sie Haustüren ein. Sie erschossen die Männer und vergewaltigten die Frauen. Sie vergewaltigten zehnjährige Mädchen und siebzigjährige Großmütter…“

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Kaum ein mir bekannter westlicher Autor hat Asien mehr geliebt und verstanden als Stephen Becker.

Becker hatte viele Talente: er war ein herausragender Übersetzer, ein bemerkenswerter Hochschullehrer und ein genauer Analytiker der populären Kultur. Bereits 1959 hatte er die erste ernsthafte buchlange Analyse von Comics (COMIC ART IN AMERICA) veröffentlicht.

Aber er wird vor allem als großer unterschätzt der Romancier in die Literaturgeschichte eingehen. Er wird gelegentlich mit Joseph Conrad verglichen. In seinen Romanen geht es häufig um Selbstfindung und Selbstverlust. Ähnlich wie Conrad thematisiert Becker das Dilemma der menschlichen Moral und ihre Unzulänglichkeit innerhalb sozialer Strukturen.

Stephen David Becker wurde 1927 in Mount Vernon, New York, geboren
Der Sohn eines Apothekers wuchs in Yonkers, New York auf. Von 1943-1947 studierte er in Harvard. 1945 unterbrach er das Studium um seinen Militärdienst bei den Marines zu absolvieren.
Er graduierte 1947 in Harvard. Im selben Jahr ging er nach China, wo er Weihnachten 1947 seine Frau Mary heiratete. Er unterrichtete bis 1948 an der Universität von Peking.

Nach seinem Aufenthalt in China ging er nach Frankreich. Er lernte Französisch durch die Lektüre von Kriminalliteratur. „Nachdem ich Chinesisch gelernt hatte, war Französisch ganz einfach. Mein Rat an junge Leute die Französisch lernen wollen: lernt zuerst Chinesisch.“ In Frankreich traf er den Romancier Richard Wright, der ihm für seinen ersten Roman einen Agenten vermittelte: THE SEASON OF THE STRANGER erschien 1951.

Becker übersetzte insgesamt 14 Romane aus dem Französischen ins Englische; darunter Romain Garys THE COLORS OF DAY von 1953. „Diese Übersetzung war hilfreich für mich als jungen Autor. Sie hat mir meine Zweitklassigkeit gezeigt.“ Besonders Vergnügen müsste ihm die Übersetzung von André Malrauxs chinesischen Revolutionsroman DIE EROBERER gemacht haben.

Ende der fünfziger Jahre gingen die Beckers zurück in die Staaten. Sie lebten mit ihren Kindern in New York, Massachusetts, den Virgin Islands und ab 1986 in Florida, nachdem Becker dort einen Lehrauftrag an der Universität angenommen hatte. Er starb 1999.

Seine elf Romane wurden in 16 Sprachen übersetzt.

„There will never be another one like you,
there will never be another one who can do the things you do.“

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KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: NENA SAHIB von Sir John Retcliffe by Martin Compart

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Nena Sahib mit Eskorte

Der indische Aufstand war ein Medienereignis, über das 1857 weltweit berichtet wurde. Ähnlich kritisch wie heute über die USA, wurde damals über das britische Imperium reflektiert. Außerhalb des britischen Einflussbereich waren die Mainstream-Medien eher kritisch – eine weitere Parallele.

Über die Situation in Deutschland schrieb Thomas Schwarz in einer Rezension zu Shaswati Mazumdar (Hg.): Insurgent Sepoys. Europe Views the Revolt of 1857. New Delhi 2011, für „Das Argument“ höchst anschaulich:

„Als erster (weltweit)hatte dies Karl Marx in seinen Artikeln für die New York Daily Tribune getan, in denen er beispielsweise auch einen Zusammenhang mit der Finanzkrise desselben Jahres herstellte… Zum Auftakt (des Buches) geht Claudia Reichel auf Theodor Fontane ein, der sich 1855-58 als Korrespondent der preußischen Kreuzzeitung in London aufhielt. sepoy_sm11Fontane machte britische Ignoranz und Arroganz gegenüber einer angeblich niedrig stehenden indischen Kultur für den Aufstand verantwortlich. Die Vorstellung, dass Europa eine mission civilisatrice haben könnte, war Fontane fremd. Ähnlich wie Marx betonte er, dass Hindus und Moslems sich verbündet hatten, um das Prinzip der britischen Kolonialherrschaft, divide et impera, erfolgreich zu unterlaufen. Er betonte die Grausamkeit der britischen Kriegsführung und geriet so zunehmend in einen Gegensatz zur redaktionellen Position der Kreuzzeitung. Um die Ansichten Fontanes zu relativieren, kommentierte die Redaktion einen seiner Artikel mit dem Hinweis, dass die Rebellen nicht vor mörderischen Aktionen gegen Frauen und Kinder zurückschrecken würden…“

Später geht er auf Fontanes Redaktionskollegen Hermann Goedsche ein, der unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe zeitgleich die „Mutiny Novel“ NENA SAHIB formulierte und Gegenstand dieses Artikels ist.

Schwarz: “ Anil Bhatti analysiert den Roman Nena Sahib oder die Empörung in Indien von Sir John Retcliffe, der in den Jahren 1858/59 unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse entstanden ist. Indien wird einerseits als tropisches Paradies, andererseits als ein höllischer Ort blutrünstiger Menschenopfer dargestellt. Die ostindische Kompanie transformiert das Land in ein Spekulationsobjekt. Der Roman schließt sich der im deutschen kolonialen Diskurs etablierten Auffassung an, dass die Deutschen im Vergleich mit den Briten die besseren Kolonisatoren seien. Bei Retcliffe sind letztere außerstande, ihre historische ›Aufgabe‹ der Kulturmission zu erfüllen. In Nena Sahib erwächst ihnen ein Gegner, dessen Barbarentum durch die Liebe seiner irischen Ehefrau zunächst gezähmt wird – ein literarischer Kunstgriff, der die koloniale Situation Irlands und Indiens parallelisiert. Zum Rückfall Nena Sahibs kommt es, als ein britischer Major seine Frau vergewaltigt. Er wird der Agent der Vergeltung, indem er eine Mörderbande in den Kampf gegen die Kolonialherren führt. Retcliffes Roman orientalisiert die Rebellen zu unbeherrschten Gewalttätern, deren angeblich essenziell rachsüchtige und sadistische Natur in der Revolte durchbricht. Nena Sahib mutiert zum radikalen Terroristen, der antikoloniale Aufstand wird auf einen Ausbruch der wilden Natur gegen die Zivilisation reduziert.“ (1)

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DIE MUTINY NOVEL:

Erstaunlich, dass einer der Begründer dieses äußerst britischen Sub-Genres des Kolonialromans der deutsche Kolportage-Autor Hermann Goedsche, alias Sir John Retcliffe, war. ret21>Heute wenig bekannt, sind seine „Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart“ nichts weniger als die ersten Polit-Thriller in deutscher Sprache.

Bis in die 1930er Jahre war Goedsche ein vielgelesener Autor in den unterschiedlichsten Bearbeitungen. Berüchtigt – bis heute – ist er durch ein Kapitel aus seinem Roman BIARRITZ: „Der Judenfriedhof von Prag“ wurde als Grundlage der Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“ benutzt und belegt die Theorien des Antisemitismus als Fiktion.

Der Indien-Roman NENA SAHIB (der, wie immer bei Goedsche, auch Schauplätze auf mehren Kontinenten aufweist) nimmt in Goedsches Werk eine besondere Stellung ein. Er spiegelt zeitgleich das aktuelle Geschehen auf dem Sub-Kontinent während des Sepoy-Aufstandes. Um die Wirkung seiner Darstellung authentisch zu erhöhen, steht im Impressum der Erstausgabe: Englische und deutsche Originalausgabe. Der Roman ist bis heute nicht ins Englische übersetzt worden. Sein Pseudonym Sir John Retcliffe wählte er bekanntlich, um die Glaubwürdigkeit seines Informationsstand zu suggerieren (und um seine Anglophobie noch perfider zu gestalten).

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Kim Wagner hat in seinem Essay über den Roman nachgewiesen, wie sich Retcliffe bei englischen Quellen (etwa den aktuellen Zeitungen und Magazinen) bedient hat, um zeitnahe in seinen Lieferungsromane die Vorgänge in Indien einzuarbeiten. (2) Er hatte keine Probleme damit, auf Werke der von ihm bekämpften Kommunisten zurück zu greifen: In NENA SAHIB nutzte er als Quellmaterial sogar Karl Marx´ Artikel „Über die Folterungen in Indien“ (‘Investigation of Torture in India’, New-York Daily Tribune , 16 Sept. 1857) (3)

Über den alten Reaktionär und preußischen Geheimagenten Goedsche selbst wurde an anderer Stelle schon berichtet: https://martincompart.wordpress.com/category/sir-john-retcliffe/

Natürlich setzte Goedsche die Korrespondentenberichte und Reportagen im Sinne seiner anti-britischen Haltung ein. Dabei blieb er aber nicht einseitig, sondern schilderte auch minutiös die sadistischen Grausamkeiten der Gegenseite. Wagner zitiert Patrick Brantlinger aus Rule of Darkness: British Literature and Imperialism, 1830-1900 (Cornell UP, 1988) : „Goedsche `dehumanizes both the dominated and the imperialist dominators´ but he does so in a markedly different manner from that of his contemporary British writers.“

Interessant ist an dem Roman auch, dass er einen des kontinentalen Blick auf die Vorgänge wirft und z.Bsp. französische Interessen an der Schwächung des Empires formuliert. In bester Conspiracy-Thriller-Manier lässt er Agenten von Napoleon III, (der unvermeidbare Grimaldi) die Meuterei mit anfachen, um die britischen Kräfte in Fernost zu binden.
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Der Roman beginnt 1853 und endet 1857, führt über den ganzen Planeten und hat das für Retcliffe übliche überbordende Personal, das in ausufernden Plots und Subplots verwickelt ist. Strukturell kann man – wie schon in SEBASTOPOL und den späteren Werken – kaum den Überblick behalten. Die Handlung gerät schnell außer Kontrolle und wird nur durch die Meuterei notdürftig zusammen gehalten. Trotzdem bleibt er faszinierend wegen der politischen Hintergründe, die Goedsche auf seine paranoide Art zusammen hält.nena-sahib-oder-die-emporung-in-indien-die-zentrale-figur-des-indischen-aufstands-von-1857-vollst1

Unter den vielen Charakteren ist der deutsche Dr. Friederich Walding als alter ego des Autors wohl der eigentliche Held (neben Nena Sahib). Ein ritterlicher Gentleman, der trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Briten dafür sorgt, dass die Sikhs gegenüber ihren englischen Herren loyal bleiben. Auch er hat natürlich ein tragisches Schicksal: seine große Liebe ist ausgerechnet eine Britin. Und diese wird von einem monströsen Neger in sein Haus verschleppt und vergewaltigt (hier bedient Goedsche, indem er sie von einem Schwarzen und nicht von einem Inder missbrauchen lässt, die „Angst vorm schwarzen Mann“).
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Auch in diesem Roman zeigt sich seine Faszination an Gräuel und Gewalttaten, die er vor dem Leser allzu gern ausbreitet. Es gibt wohl wenige Kolportageroman dieser Zeit, die in dieser Hinsicht so weit gehen (das Meiste wurde dann in späteren Ausgaben getilgt oder bearbeitet). Die geschilderten Brutalitäten können mit modernen Slasher-Szenen durchaus mithalten. 180px-lt_wa_kerr_earning_the_victoria_cross_during_the_indian_mutiny1Er versteht es, den Leser auf die schönste voyeuristische Weise zu schockieren. Gewalt gegen Frauen mochte er besonders gern; angeblich galt Goedsche unter seinen Zeitgenossen als frivoler und vulgärer Plauderer. Die Augenzeugenberichte über die Massaker (etwa von Cawnpore), arbeitete er detailverliebt in den Roman ein. In einem späteren Werk zwingen Assassinen Frauen dazu, sich mit Affen zu paaren, Für den Erfolg (und spätere Bearbeitungen) von Goedsches Büchern dürften seine überhitzten pornographischen Phantasien mitverantwortlich sein.

„There was no shortage of sensationalist accounts of the brutalities of 1857 in England at the time, and James Grant’s First Love and Last Love: A Tale of the Indian Mutiny of 1868, for instance, bears many similarities to Nena Sahib ; yet few writers managed toreach the heights of hysteria and depths of abasement that Goedsche does with such obvious relish.“ (Wagner)

Während die meisten „Mutiny Novels“ mit der Wiederherstellung der kolonialen Ordnung enden, endet die Originalfassung vom NENA SAHIB mit dem Massaker von Cawnpore (das Flashy mitgemacht hat). Zwei Drittel von Goedsches Roman befassen sich mit der Planung der Revolte, eingebettet in zahlreichen Subplots.

Seiner Anglophobie lässt er freien Lauf: “ The British are repeatedly referred to as evil merchants who worship gold and who are incapable of producing anything of value themselves; they are seen to be the cause behind industrialisation, capitalism, rationalism and liberalism – in short, everything that Goedsche hated.“ (Wagner)

Die Briten sind für die Meuterei selbst verantwortlich durch ihre unstillbare Gier und die brutale Unterdrückung der Inder. Dabei lässt er aus, wie auch viele spätere Autoren, dass dieser Aufstand, so monströs er in seiner Gewaltexplosion auch war, eine rein regionaler war, der sich auf Nordindien beschränkte und sich auf einem Zehntel des Subkontinents abspielte.

Seine Kolonialismuskritik hat keine Tiefe und geht nie über seine Anglophobie hinaus. Seine Sympathie für die Inder hält sich in Grenzen, trägt auch rassistische Züge. Darin ist er ganz Kind seiner Zeit.

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Die Thugs

Natürlich kann der große Verkünder der Geheimgesellschaften auch nicht auf die Thugs verzichten.

Die Thugs gehören zu Indien wie Curry und Fakire – so scheint es jedenfalls, wenn man der Abenteuerliteratur glaubt. Diese Mördersekte im Dienst ihrer Herrin Kali regt bis heute die Phantasie von Thriller-Autoren an. Dabei war dieser weit verbreitete Geheimbund bereits in den 1830er Jahren so gut wie ausgerottet, dank der Aktivitäten des britischen Offiziers William Sleeman. Dies ist nicht der Ort, um über Fiktion und Realität der Thugs zu reflektieren. Hier soll es um ihre Wirkung auf die Literatur gehen, insbesondere im Zusammenhang mit Retcliffe und dem Sepoy-Aufstand.

thuggees1In der westlichen Literaturgeschichte tauchen die Thugs erstmals 1839 auf in dem damaligen Blockbuster MEMOIRS OF A THUG von Philip Meadows Taylor. Seitdem sind sie aus der Thriller- und Abenteuer-Literatur nicht mehr wegzudenken und tauchen in unterschiedlicher Gestalt immer wieder auf.

Der wahrscheinlich erste deutsche Thug-Roman erschien 1845: Carl Gottfried Rössler: Die Thugs, oder Indischer Fanatismus. Historischer Roman(Altenburg: Schnuphase’sche Buchhandlung, 1845).

In Kontinentaleuropa wurden sie besonders populär durch Eugène Sue, dem damals erfolgreichsten Bestsellerautor. In seinem Roman DER EWIGE JUDE (1844/45) flieht der Thug Feringheea aus britischer Gefangenschaft bis nach Europa und tritt in Frankreich den geheimen Jesuiten bei! Goedsche dürfte den Roman gekannt haben. Aber ähnlich wie heute, hatten in den damaligen Krisenzeiten Geheimgesellschaften, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen, Hochkonjunktur.

Die Vernichtung oder Unterdrückung der Thugs, die von den Briten durchgeführt wurde, machten Überlebende des Kults sicherlich nicht zu Freunden der Briten und ihres Kolonialsystems. Insofern könnten sie während des Aufstandes durchaus eine aktive Rolle gespielt haben.human-sacrifice-by-thugs-or-thuggee-in-india-1901-emfj5k1

Goedsche machte aus dem engen Verbündeten Nena Sahibs, Tantya Tope, den Rebellenführer Tukallah, der gleichzeitig Herrscher über die Thugs ist. Der einstige Diener eines Engländers ist somit Gebieter über eine dritte Kraft, das geheime Thug-Reich mit einem unterirdischen Tempel, in dem unglückliche Gefangene auf die brutalste Weise der Göttin Kali geopfert werden. Mehr kann der sensationslüsterne Leser (oder Indiana Jones) wirklich nicht verlangen. Goedsche bezeichnet die Thugs als die „Jesuiten des Orients“, womit sich ihre Gräuel fast von selbst erklären. Wie die europäische „Geheimgesellschaft“ verfügen sie über ein weitreichendes Netz, mächtige Verbündete, Loyalität und gruselige Rituale um ihre fanatischen Ziele zu erreichen.

„If the thugs become the tools of Nena Sahib in Goedsche’s novel, he is himself also a slave to his Eastern passions and unruly temper. Educated and civilised, Nena Sahib is only transformed into the infamous ‘Demon of Cawnpore’, when the British, as represented by the evil Lieutenant Rivers, abduct his wife… Typically of the romantic novel of the nineteenth century, epic historical events are caused by personal motives, as the themes of love, hate and revenge become the primal forces determining the course of history. In that sense the uprising of 1857 is the direct result of Rivers’ violation of Nena Sahib’s white bride, given for the cruelty of Nena Sahib, beyond his inherent Oriental bloodlust and though Goedsche’s portrayal of the Indian prince can hardly be said to be sympathetic, the author does provide some kind of explanatory context for the acts and motives of Nena Sahib.Interestingly, the cruelty of Nena Sahib and the rebelling Indians, which is a central feature of any fictional account of 1857, also introduces an element of ambiguity in Goedsche’s novel.Moral Ambivalence and the Spectacle of Torture.“ (Wagner)

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Die Thugs wurden so populär, weil sie geradezu Sinnbild britischer Kolonial-Paranoia waren: Sie verhielten sich freundlich gegenüber Reisenden, taten so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, um dann ein geheimes Zeichen zu geben und mit Erbarmungslosigkeit über den oder die zuvor Getäuschten (THE DECEIVERS ist auch der Titel des Thug-Romans von John Masters, verfilmt mit Pierce Brosnan) herzufallen. Der Sepoy-Aufstand muss die Briten fatal an das unheilvolle Treiben der Mördersekte erinnert haben. Waren die liebenswürdigen Kolonialherren nicht auch durch Freundlichkeit und Unterwürfigkeit eingelullt worden, um dann auf das Ungeheuerlichste überfallen zu werden, als man so gar nicht damit gerechnet hat? Very thuggee.

NENA SAHIB war ein Riesenerfolg. Der erste Band des Romans war ausverkauft und ging in die zweite Auflage, bevor der zweite Band überhaupt erschienen war.sir-john-retcliffe-nena-sahib-iii-retcliffe-verlag1

Der Roman endet abrupt, ohne alle Handlungsstränge zu Ende geführt zu haben. Ursache dafür war Goedsches Streit mit seinem Verleger Carl Nöhring. Erst 20 Jahre später griff er die losen Stränge von NENA SAHIB wieder auf und führte sie in seinem Zyklus UM DIE WELTHERRSCHAFT zu Ende.

Das Werk inspirierte andere deutsche Autoren zu ähnlichen. Berühmtestes Beispiel ist wohl Karl Mays DIE JUWELENINSEL (in „Für alle Welt“ , 1880-82).

mutiny-india_1Für die Briten gehörte der Aufstand mit seinen Massakern zu den traumatischsten Ereignisse der Geschichte des Empires und da verwundert es nicht, das es bis heute literarisch und historisch behandelt wird. Die Briten machten daraus es ein direktes Sub-Genre des Kolonialromans namens „Mutiny Novel“. Es erreichte den Höhepunkt 1890. Alleine in diesem Jahr erschienen 19 Romane über die Meuterei. Pamela Lothspeich zählt bis zum 1.Weltkrieg über 80 Romane, Theaterstücke, Gedichte und Jugendbücher zum Sujet. (4)

mutiny-india_1Retcliffe antizipierte die britische „Mutiny Novel.“, indem der erste Band von NENA SAHIB ein Jahr vor Edward Money’s THE WIFE AND THE WARD (1859) veröffentlicht wurde, der in England (nicht unumstritten) als Begründer des Genres gilt.

Zu den Gründen der Popularität dieses Subgenres zählt u,a., das dieser Aufstand als erster großer Befreiungskrieg der kolonialisierten Völker zu werten ist. Für die Unterhaltungsindustrie ist attraktiv, dass hier alle exotischen Klischees zum Tragen kommen: Von steinreichen Radschahs über geheimnisvolle Paläste bis hin zu asiatischer Grausamkeit und furchtbaren Geheimgesellschaften (das die Thugs wohl keine Rolle mehr gespielt haben, interessiert Autoren wie Goedsche herzlich wenig; auf so einen gruseligen Topos verzichtet man ungern).

Eine Bibliographie über deutsche Publizistik zum Sepoy-Aufstand unter:

https://1857revolt.wordpress.com/2009/03/08/titles-in-german/

In der deutschen Unterhaltungsliteratur findet man sowohl Beispiele, die Retcliffes anti-britischer Haltung folgen, wie auch pro-britische. Hier ein paar ausgewählte Werke:

Nana Sahib, der Dämon Indiens. Roman nach Pierre Zaccone, von Paul Gut. 1858 [In: Der Humorist. Eine Zeitschrift. Hrsg. von Moritz Gottlieb Saphir

Egon Fels (1830-1909): Die Rose von Delhi. Roman aus der Zeit des indischen Aufstandes unter Nena Sahib. 4 Bde. Jena und Leipzig, Naumburg, 1866.

Hans Brunner: Anarkalli, die indische Bajadere, oder der Sepoy- Aufstand in Indien. Reutlingen: Enßlin und Laiblin [ca. 1880] 64 S. (7)

Otto Berger: Schlangenkönig Singhal. Eine Geschichte aus Indien für die Jugend. Reutlingen: Enßlin und Laiblin [1890] (eine Bearbeitung von Sir John Retcliffes „Nena Sahib“)

Wilhelm Oertel von Horn: Der Lohn einer guten That : eine Geschichte aus Indiens neuesten Ereignissen, dem Volk und der Jugend erzählt. Wiesbaden: Kreidel und Niedner, [1858].

Karl Müller (1819-1889): Der junge Rajah. Lebensbilder und Abenteuer aus Indien. Zu Lust und Lehre für die reifere Jugend erzählt. Leipzig: Verlag von R. F. Albrecht. 1880 .stacks_image_102471

Robert Kraft(1869-1916): “Ein stummes Opfer” Erzählung aus dem indischen Aufstande. 1898.

“Um die indische Kaiserkrone” Erlebnisse eines Deutschen im Lande der Wunder. Bde I-IV. Dresden: H.G. Münchmeyer 1905/06.

Otto Robert Walthari, Aus Indiens gärender Zeit! : eine Erinnerung an den Sipahi-Aufstand des Jahres 1857, Berlin: Walter Müller, 1905

Siking, Franz: Die Bajadere. Historischer Roman. Leipzig: Schulze & Co., 1912,

Christoph Erik Ganter (1884-1959); Pseudonym of Curt Elwenspoek: Die roten Lotosblüten: Roman d. indischen Aufstandes unter Nana Sahib, Stuttgart ; Berlin : Rowohlt 1941.clure-mazeppa1

Sogar noch in den 1950er Jahren bewegte der indische Aufstand und Nana Sahib noch die Kreativität deutscher Unterhaltungsautoren:

So etwa Oscar Herbert Breucker (1908-90), der unter dem englischen Pseudonym (auch darin Retcliffe folgend) Clifford Clure, ein zweibäändiges Werk vorlegte: Mazeppa, die Tochter des Nena Sahib. Skorpion-Verlag: Kaiserslautern, ca. 1955; Brandfackel über Indien. Skorpion-Verlag: Kaiserslautern, ca. 1960.

(1) (http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1703-insurgent-sepoys

(2) Kim Wagner: The Protocols of Nena Sahib: the 1857-fantasy of Hermann Goedsche http://www.csas.ed.ac.uk/mutiny/confpapers/Wagner-paper.pdf

(3) Karl Marx: Der indische Aufstand http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_285.htm

(4) Pamela Lothspeich: Unspeakable Outrages and Unbearable Defilements:Rape Narratives in the Literature of Colonial India; Michigan State University.

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PS:

„Zu einem wahrhaft großen Freiheitssang gegen die Politik in der Downing Street wuchs unter seinen Händen das dreibändige Werk NENA SAHIB , obgleich von manchem anderen seiner Romane noch übertroffen, zeigt sich die Meisterhand des künstlerisch Schaffenden, die Klaue des Löwen. Ein Hundertmillionenschicksal entrollt er vor unseren Augen mit erschütternder Wucht. Wie kein Zweiter verschmäht er es, weichlich zu mildern und an den bittersten Folgerungen vorüberzugehen; schonungslos reißt er die Hüllen von den furchtbarsten Dingen… Gewiss, es ist keine Lektüre für Kinder und solche, die es bleiben wollen. Aber jeder, der Geschichte erleben will, wie sie war, wie sie ist und wie sie sein wird, solange auf der Erdkugel die stärkste Faust den Schwächeren brutalisiert, der wird bei Sir John Retcliffe das finden, was er sucht.“

Lisa Barthel-Winkler , Vorwort zu NENA SAHIB, März 1926.

Mehr Schwulst geht kaum noch. Die Bearbeitungen von Barthel-Winkler gehören zu den umstrittenen Retcliffe-Ausgaben- Siehe:

http://www.ablitverlag.de/autoreninfo-sir-john-retcliffe.html



MiCs TAGEBUCH SPEZIAL zur US-Wahl und überhaupt: EINLÄUFE FÜR LEVITENLESER by Martin Compart
8. November 2016, 9:03 am
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Das Primat der Politik wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig von den Primaten in der Politik übernommen, die Clausewitz zwar nicht persönlich kennen, aber sein Diktum vom „Krieg als Politik mit anderen Mitteln“ prima finden. Damit hatte sich das zerstörerische 20. Jahrhundert nun wirklich erledigt. Schluss, aus und vorbei. Wahrscheinlich endete es schon mit dem 09.11.89 und nicht mit dem 11.09.01. Letzterer Tag wird vielleicht als Teilchenbeschleuniger in Erinnerung bleiben, als herbeigesehnter Anlass, um die Allmachtsphantasien in die Jahre gekommener US-Neo-Cons Realität werden zu lassen. Seitdem überholen uns die Folgen dieser mit Kriegen in Afghanistan, Irak, Syrien – um nur die augenscheinlichsten anzuführen – neugeschaffenen Realität tagtäglich rechts und links: IS-Terror, Flüchtlingsströme, Wiedererstarken der Rechten, Verbarrikadierung Europas (unvollständige Aufzählung).

Jean-Patrick Manchette stellte sich für seinen unvollendeten letzten Romanzyklus mit dem übergreifenden Titel „Les Gens du Mauvais Temps“, Menschen in schlechten Zeiten, die Frage: „Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?“ Er bezog seine Frage auf die Nachkriegszeit, genauer von 1968 bis in die 1980ziger Jahre (mit 1956, dem Jahr der Ungarn-Krise als Prolog), ihren Kriegen, Krisen und Unruhen und dem Sieg der kapitalistischen Kräfte über die Revolte. Rückschauend erscheint mir für uns heute 1989 als ein zentrales Jahr. Der Soziologe Fukuyama sprach nach dem Untergang des „Reichs des Bösen“, gemeint waren die Sowjetunion und ihre Satelliten, euphorisch vom „Ende der Geschichte“. Demnach hätte die Welt mit dem „freien, demokratischen“ Kapitalismus ihre endgültige Gesellschaftsform gefunden. Inzwischen ist selbst Fukuyama kein Fukuyamaist mehr, sondern schämt sich vermutlich ob der Blödheit seiner Aussage. An dieser Stelle drei Feststellungen:

1) Die Historie der Menschheit und ihren Herrschern ist im Besonderen eine Wirtschaftshistorie. Denn Macht und Geld sind unmittelbar miteinander gekoppelt;

2) Der Kapitalismus transzendiert jedes politische Herrschaftssystem;

3) Die einzig wirklich erfolgreiche Revolution war die Ablösung des Adels durch die Bourgeoisie. Und diese lässt sich bis auf die Renaissance zurückdatieren. Die Französische Revolution hatte formell nachvollzogen, was informell längst der Fall war, nämlich die Übernahme der Staatsmacht durch das Bürgertum. Getreu dem Diktum, wer bezahlt, der hat auch das Sagen.

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE - Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale - Date : 00000000 - Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 - Agence Opale - 8, rue Charlot - 75003 Paris - France - Tel.:+331.40.29.93.33 - info@agence-opale.com - www.agence-opale.com

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE – Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale – Date : 00000000 – Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 – Agence Opale – 8, rue Charlot – 75003 Paris – France – Tel.:+331.40.29.93.33 – info@agence-opale.comhttp://www.agence-opale.com

Und das bringt uns zum Roman noir, der ein Produkt des Sieges der Konterrevolution in den 1920er – 1930er Jahre ist, wie Manchette genau formulierte und darum nicht müde wurde, in seinen Chroniken das Thema Ökonomie als das zentrale Thema unserer Zeit und folglich auch des Roman noir zu betonen. Weil Sieg der Konterrevolution, der Sieg des Kapitals bedeutet, ist ein Minimum an historischem Verständnis und Wissen über wirtschaftliche Kontexte hilfreich, um den Kreislauf des Elends, in dem wir gefangen sind, besser zu verstehen. Versuchen wir darum nüchtern, vor dem Betrinken aus Anlass der 21. Wiederkehr von Jean-Patrick Manchettes langem Abschied, seine Frage in Bezug auf unsere Zeit zu adressieren: Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?

 

ANFANG VOM  ENDE

Das herrschende Weltwirtschaftssystem beruht auf einigen, wenigen Maximen. Die erste Maxime lautet: Wachstum – gleichbedeutend mit mehr Produktion, mehr Absatz, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Investitionen, mehr Steuern – ist essenziell. Ohne Wachstum funktioniert nichts, mehr noch, bricht alles zusammen. Nicht nur die Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaftsordnung, unsere freiheitliche Demokratie. Das ist kein Schreckensbild, die Stabilität der liberalen westlichen Demokratien gründet sich im Wesentlichen auf ihre wirtschaftliche Stabilität. An Gegenbeispielen herrscht weltweit aktuell kein Mangel. Laut gängiger Wirtschaftstheorie ist das Wachstum unendlich. Darum muss Wachstum her. Egal wie. Die Praxis legt das Gegenteil nahe, Wachstum ist endlich, wie alles auf unserem Planeten dem Naturgesetz der Endlichkeit unterliegt; außer Wasserstoff und Blödheit, wie Harlan Ellison anmerkte, und ausdrücklich das Universum einbezog.

 

IDEOLOGISCHE RUNDERNEUERUNG

Die 60-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts, befreiten den Kapitalismus und erneuerten ihn zugleich. Das Zeitalter des ICH begann in der kulturellen Weltmacht USA. Symbolisch dafür war das Buch The Greening of America, welches nicht, wie der Titel vermuten ließ, ein gesteigertes Umweltbewusstsein oder ein neues gesellschaftliches Bewusstsein propagierte, sondern die Vereinzelung, der Rückzug nach Innen. Der innere Kosmos als Gegenentwurf zu einer chaotischen äußeren Welt, die ohnehin nicht beeinflussbar sei. Das Ego – mein Bewusstsein, meine Bedürfnisse, meine Kaufkraft – wurde konsequent unter Werbedauerfeuer genommen. Die Konsumgesellschaft haute den Turbo rein. Zur gleichen Zeit erklärten konservative Industrielle den Kampf um die ideologische Vorherrschaft in den von linkem Gedankengut verseuchten Universitäten für verloren und gründeten ihre eigenen Think Tanks. Sie finanzierten private „Forschungsinstitute” zur Bildung eines „konservativen Bewusstseins” der Öffentlichkeit, was nichts Geringeres als die Umerziehung der Bevölkerung bedeutete. Eine Saat die aufgehen sollte. Einer der ersten Schritte, war die Abkehr vom Gedanke der Bildung als kostenfreies Allgemeingut einer demokratischen freien Gesellschaft. Bildung wurde zum Wirtschaftsgut deklariert und hatte als solches kapitalistischer Logik nach auch ihren Preis.

Je exklusiver, desto teurer.

Studiengebühren wurden eingeführt. Weltweit schossen und schießen seit jener Zeit Privatschulen- und Universitäten wie Pilze aus dem Boden. Die Industrie sponsert generös Lehrstühle und Forschungsprojekte. In wessen Sinne wohl? Staatliche Schulen wurden und werden die Etats gekürzt, ihnen fehlt am Ende schlicht das Geld, um mit der finanziell gepamperten Konkurrenz mitzuhalten. Bildung ist wieder eine Frage des Vermögens geworden – oder der Verschuldung. Damit manifestiert sich schon bei der Ausbildung junger Menschen die Zweiklassengesellschaft: die Klasse der Habenden und die der Habenichtse. Die finanzstarke „Elite“ bleibt zunehmend unter sich. (Die kreditfinanzierte Elite, muss sich auf jahrzehntelanges Tilgen ihrer Schulden einstellen.) Nur noch die Unterschicht geht auf öffentliche Schulen mit hoffnungslos veralteten Lehrmitteln. Während das Bildungsniveau der breiten Bevölkerung langsam aber kontinuierlich sinkt, steigt die Anzahl vermeintlicher Experten.

Vor einigen Jahren hat die ARD das Vokabular der Tagesschau drastisch eingekürzt, damit die Nachrichten (Propaganda im Dienste des Systems) für alle verständlicher sind, dazu erklären Fachidioten den tumben Bauchmenschen, wie sie sich die Welt zu denken haben. Die letzten Reste eigenständigen Denkens erledigen Schwarmblödheit und die Fußball-Bundesliga.

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RADIKALE UMORIENTIERUNG

Die jüngere wirtschaftliche Zeitrechnung begann am 15.08.1971 mit dem Nixon shock, der Aufkündigung von Bretton-Woods durch die Nixon-Administration und der damit verbundenen Abschaffung des Goldstandards für den US-Dollar. Der Grund: die USA waren pleite. Zumindest in Relation ihrer Schulden zu den Goldreserven des Landes. Ein hausgemachtes Problem, dessen Ursache das Abfließen milliardenschwerer US-Militärausgaben ins Ausland war. Imperium spielen ist eben teuer. Die Lösung des Problems war ein genialer Schachzug. Mit dem Ende von „Bretton Woods“ lenkten die USA diesen Geldfluss wieder zurück in die Heimat, da die Notenbanken anderer Länder nun US-Staatsanleihen erwarben, die Wiederum das nationale US-Haushaltsdefizit finanzierten. Der Dollar wurde zur internationalen Leitwährung und die Federal Reserve die heimliche Weltnotenbank. Das Ausland war quasi verpflichtet den US-Haushalt und damit die Expansion der wirtschaftlichen und militärischen Supermacht zu finanzieren, ob man wollte oder nicht. Zur gleichen Zeit wurde der US-Dollar die offizielle Öl-Währung – was den OPEC-Staaten durchaus genehm war.

Weniger bekannt ist der massive politische Druck, sogar von möglicher militärischer Intervention war die Rede, den Nixon und Kissinger auf Saudi-Arabien und die Öl-Emirate ausübten, damit ihre Dollar-Milliarden aus den Ölgeschäften über die New Yorker Wallstreet abgewickelt, das heißt investiert, wurden. Denn die zweite Maxime lautet: Kapital muss investiert werden – sonst ist es wertlos.

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SCHWARZES LOCH  WALLSTREET

Mitte der 70ziger Jahre begannen die massiven Investitionen der arabischen Staaten in den USA. Die Dollars flossen wieder ins Mutterland zurück. Mit dem Niedergang des Wohlfahrtsstaats Keynesianischer Prägung – dessen Errichtung eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929 war, die zunächst zum New-Deal unter F.D. Roosevelt führte und dann, nach 1945, zur neuen Wirtschaftsordnung im zerstörten West-Europa – gewann eine wirtschaftsliberale Gegenbewegung an Boden, deren zentrales Credo Deregulierung lautet. Hayek und sein Schüler Milton Friedman von der Chicago School of Economics waren die Propheten einer freien Markt Ideologie, „der im freien Spiel der Kräfte alles zum Besseren regeln würde“, wenn nur die Ketten der Regulierungen erst einmal gesprengt seien.

Mit Reagan, Thatcher und Kohl begann Anfang der 80ziger Jahre des letzten Jahrhunderts die konservative Wende. (Die ausgerechnet in West-Deutschland „geistig-moralische Wende“ hieß, was angesichts der handelnden Personen, Birne und Gensch-Man, ein nicht geringes Maß an Selbstüberschätzung verriet.)

In ihrer Folge wurden die marktregulierenden Gesetze und Schutzmechanismen nach und nach abgeschafft – und das weltweit. Das Ergebnis heißt Globalisierung, die nichts anderes bedeutet, als ungehemmter Geld- und Warenverkehr. Den Höhepunkt erreichte die Deregulierung in den USA unter der Clinton-Administration. 1999 fiel die letzte Schranke zur Bändigung des Kapitalmarktes, die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts von 1933. Die 66 Jahre währende Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken wurde aufgehoben. Ab sofort hatten Investmentbanker wieder Zugriff auf die Einlagen der Geschäftsbankkunden, was ihren finanziellen Handlungsspielraum wesentlich vergrößerte, Investmentbanking zu dem Profitbringer der Branche kürte, und damit die Macht der Geldhäuser potenzierte.

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MACHTKONZENTRATION

Erste Konsequenzen der Deregulierung waren schon in den 80ziger und 90ziger Jahren abzusehen. So führte der Wegfall der Schutzmechanismen nicht, wie versprochen, zu steigendem Wettbewerb, mehr Transparenz, besserem Angebot und Service bei niedrigeren Preisen für die sogenannten Verbraucher (das sind mit Menschen mit freiverfügbarem Einkommen) – sondern zu massiven Aufkäufen von Wettbewerbern und einem Anbietersterben. Das Gegenteil der Prophezeiung trat also ein. Die Deregulierung des kommerziellen Luftverkehrs in den USA, Anfang der 80ziger Jahre, wurde zur Blaupause für alle nachfolgenden Branchen. Statt eines „freien Wettbewerbs vieler Airlines zum Wohle der Verbraucher“ bildete sich ein Oligopol weniger Airlines. Der Markt ist eben niemals frei, sondern nur freizügig in der Aufteilung unter immer weniger Marktspielern. Die Deregulierungsbefürworter verschweigen nämlich, dass in einem so entfesselten Markt stets die vom Start weg mächtigsten und finanzstärksten Unternehmen gewinnen. Mit der Folge, die großen Konzerne machen einander nur wenig bis gar keine Konkurrenz.

In Deutschland belegt dies anschaulich die „Liberalisierung des Energiemarktes“. Eine EU-Vorgabe, welche die Bundesregierung brav „umsetzte“. Die Energieversorger im Besitz von Städten und Gemeinden wurden von den großen Anbietern, RWE, EON, Vattenfall und ENBW, solange unterboten, bis ihre Eigentümer, die finanziell ausgeblutete Kommunen, die Flügel streckten und die Stadtwerke an just jene Konzerne verkauften, oder eine Teilhaberschaft übertrugen, die sie unterboten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Das Oligopol bildete sich in weniger als drei Jahren.

Ein Blick auf die Gebietskarte der Bundesrepublik schafft Klarheit. Sauber nach Regionen getrennt, bereiten sich die großen Anbieter selbstverständlich nur einen marginalen Wettbewerb. (Dieselben Konzern übrigens, die gegen den Atomausstieg lobbyierten und nun versuchen die gigantischen Rückbaukosten für ihre Kernkraftwerke zu einem großen Teil auf den Staat abzuwälzen.) Die dritte Maxime lautet demnach: Ungehinderter Wettbewerb führt zu Oligopolen, wenn nicht zu Monopolen. Beispiele gibt es genügend – in nahezu allen Branchen. Und das weltweit. Apropos Konkurrenz, ist der Markt erst aufgeteilt, lassen sich problemlos Preise und Konditionen (und damit Profitmargen) abstimmen, wie jüngst die illegalen Absprachen im Stahlschienengeschäft belegen.

Im Finanzsektor bildeten sich in der Folge riesige Banken. Too big fail, lautet die Bezeichnung für die fünf führenden Großbanken der USA, weil ihr Zusammenbruch das Welt-Wirtschaftssystem gleich mit zusammenbrechen lassen würde. Zumindest nach Bekunden der Banken und des US-Finanzministeriums (zu dessen Chef im Übrigen seit den Siebziger Jahren regelmäßig ein ehemaliger Chairman der Investmentbank Goldman Sachs ernannt wird).

Ein mit Erfolg geschürtes Schreckensszenario. Straftaten wie Betrug, Insidergeschäfte, etc. bleiben deshalb ohne Anklage und werden stattdessen mit Geldbußen abgegolten, deren Höhe für sich genommen exorbitant erscheint, aber nur einen Bruchteil, der mit Betrug erzielten Gewinne ausmachen.

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KRISENKARUSSEL

Trotzdem haben die Großbanken Probleme: Sie müssen weiterwachsen. Sie müssen das Kapital ihrer Anleger investieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl der Anlagemöglichkeiten in die Realwirtschaft allerdings immer uninteressanter geworden. Zu lange Laufzeiten, zu geringe Renditen. Die Lösung: Finanzprodukte. Anlagen sind Produkte und werden mit den Instrumenten des Marketing aktiv, man kann auch sagen aggressiv, vertrieben. Je risikoreicher die Anlage, desto höher die Renditechance. Nur scheuen die meisten Anleger das Risiko – folglich müssen Bewertungen her, die Sicherheit vorgaukeln. Der Aufstieg der Ratingagenturen begann. Sie bewerten Finanzprodukte nach ihrer Rentabilität und ihrem Risiko. Da die Ratingagenturen Lieferanten der Banken sind, und sich zum Teil in deren Eigentum befinden, möchten sie ihre Kunden/Eigentümer natürlich an sich binden, bzw. nicht enttäuschen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Folglich fielen die Ratings positiv aus. Positive Bewertungen gleich hohe Anlagesicherheit gleich mehr Anlageverkäufe. Der Markt wächst. Ein perfektes System – bis die Blase platzt. Was 2008 bei den Subprime Mortgages geschah und zunächst Lehman Brothers in den Konkurs und anschließend die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession trieb.

Die meisten der heutigen Finanzprodukte beruhen auf Spekulation (umgangssprachlich Zocken) wie diese: Der Anleger bekommt dann hohe Renditen, wenn DOW oder FTSE oder DAX in bestimmen Zeiträumen, bestimmte Kursmarken erreichen. Sollten die Kurse sich gegenteilig entwickeln, verliert der Anleger Teile seiner Anlage – in manchen Fällen die gesamte Anlage. Finanzprodukte sind ein riesiger Markt. In den USA liegt der Anteil der Wallstreet am Bruttosozialprodukt unter 10%, ihr Anteil an den erlösten Profiten hingegen bei 60%. Inzwischen ist der Finanzsektor von der Realwirtschaft völlig entkoppelt. Für Unternehmen ist es aufgrund steigender Auflagen immer schwieriger Kredite zu bekommen, was in Zeiten billigen Geldes für die Banken aufgrund der geringen Zinsen zudem völlig unterinteressant ist, während Investoren nach Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen suchen. Aus diesem Grund nehmen die auf Spekulation beruhenden Finanzprodukte zu. Und weil jeder verdienen will, dazu sämtliche Honorierungssysteme (die sogenannten Boni) auf Wachstum und Profit ausgerichtet sind, ist der Anreiz systemimmanent. Wer Geld verdienen will, muss zocken und darum wird gezockt, und das noch hemmungsloser, noch ungebremster als vor 2008. Die lockere Geldpolitik von Federal Reserve und EZB pumpt immer mehr Geld in die Märkte, was die Börse beflügelt, die Finanzmärkte weiter aufbläht, aber Sparer und Altersvorsorger verarmt. Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ erhalten trotzdem keinen Zugang zu dem benötigten Geld. Logisch? Absolut.

(Die Krise 2008 war seit 1999 übrigens bereits die dritte, nach 2000, dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, nach 2005, dem Börsencrash, kam 2008, die Subprime-Mortgage-Krise. Seit dem Wegfall der Regulation auf dem Finanzmarkt sind Krisen unabdingbar. Das waren sie übrigens auch in Zehnjahreszyklen seit Ende des Bürgerkriegs in den USA, 1865, und vor der Einführung der Finanzmarktregulation in 1930er Jahren als Folge der Großen Depression. Eine der ersten großen Spekulationsblasen platzte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Damals wurde mit Unsummen auf den steigenden Wert von Tulpenzwiebeln gezockt. Die Regierenden haben seinerzeit übrigens den geforderten „Bail-out” der vom Ruin bedrohten Spekulanten abgelehnt.)

Auch Spekulationen und Wetten gegen Währungen einzelner Staaten haben eine lange Tradition – so spekulierte George Soros einst gegen das britische Pfund und verdiente Milliarden – die Folgen solchen Vorgehens sind heute aber immer unabsehbarer. Der Zusammenbruch einer Währung bedeutet den Kollaps der Wirtschaft und letztlich der Gesellschaft. Das warnende Beispiel der letzten Jahre ist Jugoslawien. Als die Währung zerbrach, eskalierte die Gewalt. Die vierte Maxime lautet: Spekulation beruht auf dem Prinzip von Boom und Bust. Je schneller und überhitzter die Wirtschaft wächst, desto schneller die Talfahrt. Spekulationsblasen platzen immer. Auf den Boom folgt unabwendbar der Kollaps, die Vernichtung von Vermögen. Krisen sind  nur eine Bereinigung des Marktes von überschüssigem, unnötigem Kapital. Verlierer gehören nicht nur zum Spiel – sie sind unverzichtbarer Bestandteil. Der Kapitalismus produziert nur wenige echte Gewinner. Der große Rest gehört nicht dazu. Verlierer sind immer die Dummen – die „nicht informierte“ breite Bevölkerung. Die Informierten manipulieren den Markt. In London manipulierten die Banken, mittendrin Bundesprimus Deutsche Bank, die Libor und Euribor Zinssätze und maximierten ihre Profite. Allem Abstreiten zum Trotz ist das Finanzmarktalltag. Branchenprofis wissen, dass die Anzahl der – offiziell verbotenen – Insidergeschäfte an den Börsenplätzen unendlich größer ist als angenommen (als aufgedeckt ohnehin). Manipulation wird durch Oligopole erleichtert. Diese bilden in nahezu allen Schlüsselindustrien, sowie auf dem Finanzsektor, geschlossene Gruppen von Playern, denen Kontrollbehörden wenig auf die Finger schauen können, sofern sie es denn ernsthaft wollten.

Ein beliebiges Beispiel ist der VW-Abgasskandal. Wer glaubt denn ernsthaft, dass in einer Branche, in der nicht nur völlige Transparenz über die Herstellungskosten herrscht, sondern sich Wettbewerber die gleichen Fahrzeugplattformen für ihre Modelle teilen, niemand von den Manipulationen der Wolfsburger wusste?

Globale Oligopole agieren mit der Finanzmacht ganzer Staaten. Konzerne wie z.B. Apple, Google oder Mac Donalds besitzen höhere Börsenwerte und mehr Vermögen als die meisten Staaten an Bruttosozialprodukt ausweisen. Großkonzerne setzen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit durch, was internationale Wirtschaftsabkommen wie TTP, TTIP etc. belegen, in denen Deregulierung und Angleichung nationaler Vorschriften als Effizienzsteigerung und somit „Wachstum förderlich“ verkauft werden – was allgemein akzeptierter Logik nach Arbeitsplätze schafft (ungeachtet der Realität).

Das Totschlagargument für verunsicherte Abgeordnete, vor hoher Arbeitslosigkeit haben deutsche Politiker wirklich Angst, folglich votiert eine ausreichende Mehrheit mit Ja.

 

SAALDIENER DES  GELDES

Die Politik hat sich der Wallstreet und den Oligarchen völlig ergeben. Kein Wunder, werden in den USA Wahlkämpfe, und zwar alle, von kommunaler bis nationaler Ebene, einschließlich der von Sheriffs und Richtern, weitestgehend durch „Spenden“ privat finanziert. 2010 im „Citizen United Prozess” wurden Corporations vom US-Supreme-Court Personenrechte zugesprochen. Eine katastrophale Entscheidung. Jetzt dürfen Konzerne und Milliardäre den Kandidaten ihres Vertrauens unbegrenzte Summen spenden. Diese Geldgeber finanzieren „Super-Pacs“ zur Wahl ihres Favoriten. Wobei die zwingende Logik des Systems lautet: „Ohne Wahlkampfwerbung keine Stimmen. Je größer die Werbung, desto mehr Stimmen. Je mehr Geld für den Wahlkampf, desto mehr Werbung für Stimmen.“ Und natürlich verlangen die Lobbyisten von den so in Parlamente und Ämter gehievten Kandidaten die Durchsetzung ihrer Interessen, ihrer Vorgaben: „Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing.“ Wie unlängst Donald Trump, diese laut blökende faschistoide Berlusconi-Kopie auf Steroiden, derzeit irrlichternder Präsidentschaftskandidat der Republikaner, im Fernsehen klipp und klar formulierte. Das „demokratische Vorbild” der – sogenannten freien – Welt ist demnach keine echte Demokratie sondern „eine von Banken und Industrie finanzierte, eine gelenkte Republik“, wie Gore Vidal wusste.

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Ein weiteres zentrales Problem ist die sogenannte revolving door, die Drehtür, durch die Berater zu Politikern, Politiker zu Managern, zu Lobbyisten, und wieder zu Ministern, werden. Entscheidungen in den Parlamenten werden von den Leuten herbeigeführt, die nach ihrer Rückkehr in die Wirtschaft von diesen Entscheidungen mächtig profitieren. (Für Deutschland seien die Namen Schröder, Riester und Rürup stellvertretend für viele andere Nutznießer genannt.) Die „Drehtür-Herrschaften“ bilden eine „Elitekaste“, die sich systematisch an der Allgemeinheit bereichert. Ein solches Verhalten findet sich in der Weltgeschichte schon bei den Babyloniern. Neu ist heute lediglich die Dimension der korrupten Profiteuere. Das Vermögen von Donald Trump, abgesehen von den Milliarden, die er von seinem Vater, einem üblen Immobilientycoon, geerbt hat, wurde vor allem durch geschicktes Spielen auf der Klaviatur der Korruption angehäuft. Heute verkauft Trump seine strafbaren Handlungen als Qualifikation. Nur er weiß, wie man der Korruption den Garaus macht: Only a corruptor can fight corruption. (Die Möglichkeitsform ist solchen Charakteren wesensfremd.) Als Alternative der Demokraten erscheint am Horizont das kleinere Übel: Hillary Clinton. Wallstreet und Ölbranchen finanziert, ist die vormals frustrierte First Lady keine Alternative, sondern ein PR-Kunstprodukt, das sich je nach Fokusgruppenbefragung ständig „neu erfindet“ und dabei ihre Verlogenheit und brutale Skrupellosigkeit, wie zuletzt als US-Außenministerin unter Beweis gestellt, als präsidiale Tugenden preist. Angesichts diese Kandidatenpanoptikums – und der herrschenden Politriege in Europa (von Amt und Würden mag ich nicht sprechen wollen) – drängt sich nicht nur bösen Zungen die Frage auf, ob das Wahlvolk wirklich die Politiker verdient, die es bekommt? Der Gedanke, die sich als Alternative anbiedernden Brandstifter würden übernehmen – „wir wollen an die Macht“, rülpsen laut die just von 190.000  Mecklenburg-Vorpommerschen Flachköpfen gewählten Faschos – ist noch viel unerträglicher.

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FÜR DEN  MENSCHEN

Auch das ist eine Erkenntnis des Kollaps von 2008: Die mit einem 700 Milliarden US-Dollar Bailout gestützten Unternehmen – Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – bestimmen nach wir vor das Spiel und verdienen besser denn je. Ungeachtet der Folgen ihres wirtschaftlichen Agierens für die Mehrheit der Bevölkerung in den USA und vielen anderen Staaten. (Die Menschen haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, darum tauchten die Bankmanager nach öffentlich demonstrierter Reue, hoch und heilig gelobter Besserung, Kniefall und anderer geheuchelter Demutsgesten, einige Zeit später aus der Versenkung wieder auf, um weiterzumachen wie bisher. Allerdings besser bezahlt.) Durch die Sozialisierung der Schulden – die Bailouts für die Banken, die auch in Europa, dem amerikanischen Vorbild folgend, eilig vorgenommen wurden – stieg die Schuldenlast vieler Staaten. Die kriminellen Ratingagenturen, die vor der Krise noch die Finanzprodukte der Großbanken, wie Subprime-Mortgages, ohne Prüfung mit Bestnoten bewerteten, AAA, stuften die Staaten aufgrund ihrer hohen Schuldenlast drastisch herab. Mit sinkender Kreditwürdigkeit, stieg das Risiko für Staatsanleihen und folglich auch die Kosten in Form von Zinsen für mittel- und langfristige Papiere. Den überschuldeten Staaten drohte die Insolvenz, sie würden weder ihre Zinsen noch ihre Schulden bei den Kreditoren, den internationalen Banken, tilgen können. Im Gegensatz zu Unternehmen in der freien Wirtschaft – die gehen in Konkurs und dann ist das schöne Geld futsch – kann man Staaten in die Haftung zwingen. Genau das taten die Banken, indem sie Druck auf die Politik ausübten. Die Regierungen mussten wiederum handeln und nun Staaten ausbailen. Unter einer Bedingung: Staatsausgaben drastisch senken.

Und so handelten die Staatenlenker – allen voran die deutsche Bundesregierung – mit Zuckerbrot und Peitsche. Milliardenhilfen, um den Banken die fälligen Staatsanleihen zu bezahlen, gekoppelt an einen strikten Sparkurs, engl. Austerity, der massive Steuererhöhungen, Privatisierung von Staatseigentum und den Wegfall von Sozialleistungen bedeutet. Die Folgen dieser aufgezwungenen Politik für die Schuldnerstaaten, sind Rückgang des Bruttosozialproduktes, steigende Arbeitslosigkeit und noch weniger die Möglichkeit für die Staaten ihre Schulden zu tilgen. (Griechenland muss nicht weiter erläutert werden.) Vor den erschreckenden sozialen Verwerfungen haben die Regierenden allerdings Muffensausen.

by Unknown photographer, bromide print, 1933

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ANGST UND FRUST REGIERT

Seit Mitte der 90ziger Jahre wurde die Polizei systematisch paramilitärisch aufgerüstet. Robocop hat bei den modernen Riotcop-Hundertschaften scheinbar Pate gestanden. (Das hätte der alte Satiriker Paul Verhoeven nicht gedacht.) Die einst aus Furcht vor Terrorismus und außerparlamentarischer Opposition verabschiedeten Gesetze zum Schutzes des Staates vor Feinden im Inneren (wie 1968 die sogenannten „Notstandgesetze” in der Bundesrepublik), sollen nun scheint’s vor Aufständen der sozial benachteiligten Randgruppen schützen. Sogar über den Einsatz der Armee im Inneren wird von den Geistesheroen – unter der an Geistesheroen nicht gerade armen deutschen Politikerkaste – nachgedacht. Die wollen allen Ernstes die Bundeswehr innerhalb Deutschlands einsetzen zu können, natürlich nur unter strengen Auflagen und wenn die Lage es wirklich erfordert, wie Terrorabwehr oder Flüchtlingsabwehr, je nach dem. Eine Lage, die sie selbst mit ihrer Politik herbeiführen. Gerade in der Krise entlarvt sich die EU als das was wirklich ist, eine Wirtschaftszweckgemeinschaft, von der die Mitgliedsstaaten nur eines wollen: ordentlich profitieren. Verbreitet sich die Ansicht, dies sei nicht mehr in dem gewünschten Rahmen möglich, dann erstarken die Absetzbewegungen, wie der „Brexit“ von Groß Britannien zeigt. (Dessen Leave-Kampagne dazu noch von kriminellen Off-Shore Profiteuren finanziert und betrieben wurde.) Die große europäische Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, will sich das finanzstandartisierte Europa nicht mehr leisten. Frei nach Oberfinanzdrakon Schäuble: der europäische Stabilitätspakt lässt sich von demokratischen Entscheidungen nicht beeinflussen.

 

KATHARSIS FÄLLT  FLACH

Ob die oben gestellte Frage damit beantwortet ist? Teilweise zumindest. Und jetzt? Was tun mit den Erkenntnissen, die eine unbestimmte, blinde Wut nähren? Am besten ganz schnell System bestätigende „serielle Erzählformate“ anschauen und stellvertretend deren Protagonisten die unleugbaren Dissonanzen des Alltags abarbeiten lassen. Die Bequemlichkeit des Zuschauers obsiegt solange, bis die Balance von angenommener Trägheit zu wahrgenommener Bedrohung kippt. Dann empört sich der Zuschauer und tritt laut schreiend den Flatscreen aus dem Wohnzimmer, weil das Ablassventil seiner Wahl nicht in die 5. Staffel geht: „Diese Schweine. Ich bringe sie alle um!“ Wahlweise bietet sich Erkenntnisgewinn mit Le petit bleu de la cote Ouest an.

 

ANTIZIPIERTER LESERUNMUT

Hey, was soll der ganze Mist mit den USA? Wir leben hier schließlich in Deutschland und wir sind Weltmeister und überhaupt „auf Erfolgskurs“, wie die jüngste PR-Kampagne der Regierungspartei mit C im Kürzel schreckensbleich in den Wählerwald posaunt. Wutbürgern und Erfolgsbeschwörern schiebe ich eine leidige bundesrepublikanische Erkenntnis ins Rektum: Was den Briten ihre special relationship mit den Amis ist (heißt Schulterschluss beim Angriffskrieg), ist den Deutschen ihre analefetischistische Unterwürfigkeit. Siehe NSA-Abhörskandal, siehe BND-Affäre, siehe Austeritätspolitik, siehe Afghanistan, siehe… siehe…  (Sorry, das heißt ja Kontinuität in der Außen- und Bündnispolitik.) Auf den Musterbuben ist Verlass.

 

Geschrieben zu Wild-Honey Pie im Endlosloop im Bodennebel der globalen Sommererwärmung.

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SIR JOHN RETCLIFFE – DER VATER DES DEUTSCHEN POLIT-THRILLERS by Martin Compart

ret21Der wahrscheinlich erfolgreichste und perfideste deutsche Autor von Polit-Thrillern war Hermann Goedsche, der unter dem Pseudonym „Sir John Retcliffe“ im 19.Jahrhundert immensen Erfolg hatte.

Wie spätere Autoren, etwa Howard Hunt als David St.John, nutzte dieser Agent provocateur und Geheimagent Preußens, seine Insiderkenntnisse und Überzeugungen um propagandistisch in fiktionaler Form seine Ideologie zu verbreiten. Und die war ebenso simpel wie fatal: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, des deutschen schlimmster Feind ist das perfide Albion und hinter allem stecken Katholiken, Islamiten, Freimaurer, Juden usw., die durch geheimbündlerische Tätigkeiten die Weltherrschaft anstreben. Heute ist er noch bekannt und berüchtigt als Autor des JUDENFRIEDHOFS VON PRAG, einem Kapitel aus dem Zyklus BIARRITZ, das Grundlage der Fälschung DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION wurde. Umberto Eco lässt Goedsche in seinem Roman DER FRIEDHOF IN P?RAG als Nebenfigur auftreten. Dort agiert er als Geheimagent und Plagiator, wird schließlich im Zusammenhang mit einem Erpressungsversuch ermordet.

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Goedsche/Retcliffe ist der Vater des deutschen Verschwörungs-Thriller, der in Bedeutung und Wucht leider keine Kinder zeugte. Heutigen Autoren so gut wie unbekannt, pflegen nur noch Akademiker und Literaturspezialisten der so genannten „Trivialliteratur“ (ein überholter Begriff aus dem 20.Jahrhundert) seine Lektüre.

Faktisch stimmte bei ihm selten etwas: Seine Darstellung des indischen Rebellenführers Nena Sahib oder seine Beschreibungen der indischen Landschaften, lassen Historiker wie Geografen aufstöhnen. Obwohl er, wie Karl May, die Traditionen des Kolportageromans nutzte, recherchierte er das Lokalkolorit weitaus weniger gründlich.

Hermann Ottomar Friedrich Goedsche war das Klischee eines preußischen Patrioten. Geboren am 12. Februar 1815 inTrachenbergSchlesien, als Sohn des dortigen Bürgermeisters, besuchte er das Breslauer Gymnasium und schloss 17jährig als einer der besten ab. Die streng katholischen Eltern konnten kein Studium finanzieren und Hermann wurde 1833 angehender Postsekretär in dem Grenzort  Strzałkowo, an der wichtigen Strasse von Posen nach Warschau. Es ist wohl wenig übertrieben, wenn man eine Funktion des preußischen Postdienstes mit Spitzeltätigkeit benennt; eine Art technologisch primitiver NSA. Der junge Hermann kam in jungen Jahren gleich mit den Sicherheitskräften in Berührung.

Stationen in Suhl, 1834, Berlin, 1838, und Bocholt, 1839, folgten, bis er 1844 nach Düsseldorf versetzt wurde. In dieser Zeit heiratete er; über seine Ehe ist nichts bekannt.

Standard.inddIn Suhl hatte er zu schreiben begonnen, angeblich um sein geringes Gehalt aufzubessern. 1835 erschien sein erster Roman, DER LETZTE WÄHRINGER, unter dem Pseudonym „Theodor Arming“.

Das Schreiben verhalf ihm aber nicht nur zu einer Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage, sondern erlaubte ihm auch, ähnlich Karl May, sich aus seiner untergeordneten Stellung in bessere Verhältnisse hineinzuphantasieren (Die steinernen Tänzer, 1837 und Nächte, 1838).

In der in Düsseldorf entstandenen Novelle Das todte Haus(1844) ist zum ersten Mal etwas von der Preußenbegeisterung und dem Agitationsbedürfnis der späteren Romane zu finden..“(1)

In Westfalen heiratete er die Witwe eines Dr.Robe. Sie hatten einen Sohn, Otto, der bereits 1884 starb.

Aufgeschreckt durch die März-Revolution, ging er im Mai 1948 nach Berlin. Er arbeitete als Agitator der Konservativen und galt als Mann für die schmutzigen Jobs: Fälschungen, Intrigen, Denunziationen waren seine Welt.

Zur konservativen Propaganda wurde die „Neue Preußischen Zeitung“ von ihm mitbegründet, die später als „Kreuzzeitung“ (wegen des eisernen Kreuzes im Titel-Logo) bekannt wurde. Wahrgenommen wurde sie als das „Blatt der Partei der feudalen Junker und orthodox evangelischen Pastoren“. (2) Lange Zeit leitete er den“Berliner Zuschauer“, die Lokalbeilage der Zeitung. Man kann also davon ausgehen, dass er Berlin gut kennengelernt hat.Aus Geldmangel bediente sich das Blatt bei Artikeln anderer Zeitungen, die umgeschrieben wurden und als von fiktiven Korrespondenten verfasst ausgegeben wurden. Das klingt ganz nach einer Aufgabe für Goedsche. Das antidemokratische Blatt wurde zu einem Hort des Antisemitismus.

Von 1856 bis 1870 zählte Theodor Fontane zu seinen Mitarbeitern. Von ihm ist eine Erinnerung an Goedsche erhalten geblieben:

fontane18601“ Auf der Redaktion saßen Hesekiel und ich dicht zusammen, nur durch einen schmalen Gang getrennt, und mitunter schrieben wir uns Briefe, die wir uns von einem Tisch zum andern herüberreichten. Es wurden darin immer nächstliegende Personalien verhandelt, anzüglich, aber nie bösartig, vielmehr vorwiegend in so grotesk ausschweifender Weise, daß dadurch der kleinen Malice die Spitze abgebrochen wurde. Meist ging es gegen den Chefredakteur, dessen pedantische Ruhe der Hesekielschen Natur durchaus widersprach. Am ungeniertesten wurde mit dem aus dem Waldeck-Prozeß schlecht beleumdeten Goedsche verfahren, der übrigens keineswegs ein Schreckensmensch, vielmehr, bei hundert kleinen Schwächen und vielleicht Schlimmerem, ein Mann von großer Herzensgüte war; er schrieb damals an seinen, vom buchhändlerischen Standpunkte aus berühmt gewordenen Sir John Retcliffe-Romanen, die, wie er selbst, eine Quelle beständiger Erheiterung für uns waren. Einer dieser Romane hieß »Nena Sahib«. Wenn nun eine ganz ungeheuerliche Stelle kam, wo die Schrecknisse sich riesenhaft türmten, so kriegte er es doch mit der Angst, und fühlend, daß er dem Publikum vielleicht allzuviel zumutete, machte er, mit Hilfe eines Sternchens, eine Fußnote, darin es in lakonischer Kürze hieß: »Siehe Parlamentsakten«. Er hütete sich aber, Band und Seitenzahl anzugeben. Wenn wieder ein mehrbändiges Werk fertig war, ließ er es jedesmal elegant einbinden, um es dann, in der Privatwohnung des Chefredakteurs, der sehr feinen und sehr akkuraten Dame des Hauses als Huldigungsexemplar überreichen zu können. In besonders schweren Fällen soll er aber hinzugesetzt haben: »Ich muß die gnädige Frau dringend bitten, es nicht lesen zu wollen.« Von Hesekiel ließ er sich alles gefallen; manche Wendungen waren stereotyp. Es kam vor, daß Goedsche mit einem gewissen Feldherrnschritt auf der Redaktion erschien und hier, ohne daß das geringste vorgefallen war, ein ungeheures Ergriffensein über einen rätselhaften und vielleicht gar nicht mal existierenden Hergang zur Schau stellte. Hesekiel sagte dann, um diesen falschen Rausch zu markieren, ruhig vor sich hin: »Goedsche hat heute wieder seine Zahntinktur ausgetrunken.« Ich persönlich habe Goedsche nur von zwei Seiten kennengelernt: als Vogelzüchter und Bellachini-Freund. Er hatte eine Hecke der schönsten australischen und südamerikanischen Vögel, und Bellachini war auf seine Art ein reizender Mann, was nicht wundernehmen darf. Alles, was sich an der Peripherie der Kunst herumtummelt: Akrobaten, Clowns, Monsieur Herkules, Zauberer und Taschenspieler – alle sind meist sehr angenehme Leute, weil sie das Bedürfnis haben, die Welt mit sich zu versöhnen. Goedsche zog sich in den siebziger Jahren nach Warmbrunn zurück, woselbst er in seinen guten Tagen – er hatte an den Retcliffe-Romanen ein enormes Geld verdient – ein Krankenhaus gestiftet hatte; dort starb er auch. Das letzte Mal, da ich ihn sah, noch in Berlin, war er sehr elend, infolge einer merkwürdigen, echt Goedscheschen Weihnachtsfeier. Seine Frau war ihm gestorben, und ganz in Sentimentalität steckend, wie so oft Naturen der Art, begab er sich am Christabend nach dem katholischen Kirchhofe hinaus und veranstaltete hier, indem er zahllose Lichter aufs Grab pflanzte, eine Liebes- und Gedächtnisfeier. Er setzte sich auf ein Nachbargrab und sang einen Vers und weinte. Die Folge davon war ein Pyramidalkatarrh, der sein Leben schon damals in Gefahr brachte. …“ (3)

Goedsche trat als ständiger Mitarbeiter in die Redaktion ein. Ihr Archiv sollte ihm später für seine Romane nützlich sein, da man auch die internationale Presse auswertete. 1849 schied er gezwungenermaßen aus dem Postdienst aus, weil er ertappt worden war, Fälschungen im Prozess gegen Franz Leo Benedikt Waldeck begangen zu haben.

Wenn auch nur mit dem Gänsekiel, und nicht mit dem Gewehr. Franz Leo Benedikt Waldeck war es nämlich, der den demokratischen Gegenentwurf zur alten Verfassung konzipiert hatte, ein Papier, das bis heute als »Charte Waldeck« in Enzyklopädien und Lexika vertreten ist. Ein Papier, das in der Öffentlichkeit mit viel Interesse diskutiert wurde. Aus diesem Grund ließ der getreue Polizeipräsident Hinckeldey den Juristen Waldeck am 16. Mai 1849 kurzerhand verhaften, um ihn als Führer einer Bewegung, die »eine einige, untheilbare, socialdemokratische Republik« herstellen wolle, vor das Kriegsgericht zu stellen.“ (4)

In Goedsches Fälschung ging es um nicht weniger, als um die Planung der Ermordung des Königs durch die Linke und Waldeck.

Er wurde verhaftet und zu einer milden Strafe verurteilt. Seine geheimdienstlichen Kontakte und die Beziehungen zum preußischen Hof beließen es dabei, dass er lediglich aus dem höchst amtlichen Postdienst ausscheiden musste. Wie spätere Gestalten – etwa Gordon Libby oder Oliver -North nahm er als Mann fürs Grobe alles brav auf sich und durfte mit dem Wohlwollen der Hintermänner weiter rechnen.

Im selben Jahr wurde er Geschäftsführer des „Vereins für König und Vaterland“, leitete das Pressebüro unter dem Ministerium Brandenburg und gab zugleich den Kalender für den Preußischen Volksverein heraus. Offenbar blieb er in dubiosen Tätigkeiten den Mächtigen erhalten, denn er fiel nicht in Ungnade.

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Angeblich war es eine Duellforderung, die Goedsche ein paar Jahre später die Verurteilung zu einer sechswöchigen Gefängnisstrafe einbrachte. König Friedrich Wilhelm erließ ihm die Strafe und „ermöglichte ihm eine Reise in die Türkei“ – was wohl, angesichts des bevorstehenden Krim-Krieges ein Spionageauftrag war. Sollte der König tatsächlich interveniert haben und Goedsche als Spion in die Türkei geschickt haben, dann war er wohl eine Vertrauensperson, die in der preußischen Hierarchie weit oben stand: Ein Spion des Königs!

Er lernte so die Schauplätze kennen, die zu seinem ersten Polit-Thriller, seinem ersten „historisch-politischen Roman aus der Gegenwart“, führten: SEBASTOPOL, erschienen 1856/57. Dafür wählte er erstmals das Pseudonym „Sir John Retcliffe“ aus, mit dem er nicht nur die verhassten Briten diskreditieren wollte, sondern auch den Lesern suggerierte: Hier schreibt ein Angehöriger der britischen Oberschicht mit Kenntnissen, die nur dieser zugänglich sind. Angeregt zu dem Pseudonym hatte ihn wahrscheinlich der damalige Botschafter in Konstantinopel (den der mit Referenzen ausgerüstete Reisende vielleicht getroffen hatte): Lord Stratford de Redcliffe. Diese „Kompetenz“ unterstrich Goedsche auch künftig durch fiktive Quellen in den Fußnoten, die zu einem seiner Stilmittel wurden.

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Der Erfolg seiner literarischen Strategie machte Schule. Darunter der Autor Oskar Meding, der unter dem Pseudonym Gregor Samarow zahlreiche Romane über Russland schrieb. „Im Gegensatz zu Sir John Retcliffe (d.i.Hermann Goedsche) nahm es Samarow, dessen Liebesszenen schwer zu ertragen sind, mit der historischen Treue nicht sonderlich genau. Seine Stärke waren die Dialoge, vor allem die politischen Debatten.“ (5) Innerhalb von 23 Jahren schrieb er einen ineinander verwobenen Gesamtroman in 8 Zyklen mit 35 Romane, etwa 16.000 Seiten, durchschnittlich 700 Druckseiten im Jahr.

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In ihrem schwülstigem Stil beschreibt Lisa Barthel-Winkler Goedsches Arbeitsweise:

Die gigantische Aufgabe. die sich Goedsche stellte, ein Weltengemälde aus dem vergangenen Jahrhundert zu schaffen, war fast zu groü für ein einziges Menschenleben. Dass er sie bewältigte, verdankt er alleine seiner unvergleichlichen Arbeitskraft und seiner kühnen Gleichgültigkeit, auf Einzelheiten zu achten. Er nahm sich nicht die Zeit, seine Romane vor der Drucklegung noch einmal durchzuarbeiten, zu feilen oder zu verbessern – er schrieb, schrieb, wie seine unerschöpfliche Phantasie ihn zwang… Unbekümmert schloss er einen Band ab, um seine Helden irgendwann und irgendwo in einem anderen Band auftauchen zu lassen.“ (6)

vd-aa002311874 beendete Goedsche seine Mitarbeit für die Kreuzzeitung. Seine Erfolgsromane hatten ihn vermögend gemacht. Er zog nach Warmbrunn, wo er die Verwaltung des von ihm mitbegründeten Militärkurhauses übernahm.

 

1970 verglich Wolfgang Rieger in der „Zeit“ Retcliffes Romane mit denen von Johjannes Mario Simmel:

Seine Helden mußten noch mehr erdulden, als den Figuren in der heutigen Trivialliteratur zugemutet wird. Es ging blutrünstiger zu, die Verworfenheit wurde leuchtkräftig herausgearbeitet.,, So sehr sich die Grundmuster bei Simmel und Retcliffe ähneln – es gibt Veränderung, das Genre entwickelt sich seiner Zeit entsprechend. Bei Simmel stimmt jedes Detail, sind die Großen ausgespart. Bei Retcliffe können die Leser die Mächtigen direkt belauschen, sind dagegen die Details nicht immer so genau erforscht und belegt. Aber Freiheit und Freimut sind auch bei Retcliffe vor dem Zugriff der Bösen nie sicher. Auch in den Retcliffeschen Romanen finden wir eine illusionsbefrachtete, dem Publikumswunsch entsprechend eingerichtete Interpretation von Geschichte und Politik. Simmel wie Retcliffe erheben sich nicht selbstkritisch aus ihrer Gesellschaft, beide sind Moralisten des Marktes.“ (7)

Er starb am 8. November 1878 im Alter von 63 Jahren in Warmbrunn. Er starb „ganz arm„, wie Fontane seiner Tochter Mete schrieb. „Eine Sägemühle hat ihn um das wieder gebracht, was er in seinem literarischen Schnapsladen erschwindelt hatte. Sein Literaturbetrieb war eine Art Bauernfängerei. Denn er war gerade gescheidt genug, um zu wissen, wie schlecht und gemein seine Tätigkeit war.“ (8)

 

Eine Biographie über den ersten deutschen Polit-Thriller-Autor ist zwar längst überfällig, aber im absehbarer Zeit nicht zu erwarten; was angesichts dieses interessanten Lebens und seiner literarischen Wirkung bedauerlich ist.

 

 

FUSSNOTEN:

(1) Sir John Retcliffe in: http://www.abenteuerroman.info/autor/ret/retbio.htm

(2) Heinz-Dietrich Fischer: Geschichte der Parteizeitung. In: Joachim-Felix Leonhardt, Hans-Werner Ludwig, Dietrich Schwarze (Hrsg.): Medienwissenschaft (= Handbücher Zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Bd. 15.1). de Gruyter, Berlin / New York 1999. S,944.

(3) Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches. F. Fontane & Co., Berlin 1898, 679 S.

(4) Werner von Westhafen: Der Waldeckpark in: Kreuzberger Chronik, Juni 3007, Ausgabe 88 unter: http://www.kreuzberger-chronik.de/chroniken/2007/juni/Strassen.html

(5)Friedrich Schegk in: http://www.ablit.de/samarow/bio/sambio.htm)

(6) Lisa Bathel-Winkler: Vorwort in Nena Sahib Bd.1, Retcliffe-Verlag, Radebeul; 1926,

(7) (Wolfgang Rieger Fluchtburgen vor der Wirklichkeit. Die Zeit vom 17. April 1970)

(8) Michael Koser: Nachwort zu Sir John Retcliffe: Abenteuer in Sibirien; Fischer Taschenbuch 1745, 1976.

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Zu NENA SAHIB:

https://wordpress.com/stats/day/compartsflashman.wordpress.com

https://wordpress.com/stats/day/compartsflashman.wordpress.com

 

 

BIBLIOGRAPHIE:

Volker Klotz: Abenteuer-Romane. Sue, Dumas, Ferry, Retcliffe, May, Verne. Hanser, München u.a. 1979. ISBN 3-446-12690-2

Ralf-Peter Märtin: Wunschpotentiale. Geschichte und Gesellschaft in Abenteuerromanen von Retcliffe, Armand, May. Hain, Königstein/Taunus 1983. (= Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur; 10) ISBN 3-445-02302-6

Volker Neuhaus: Der zeitgeschichtliche Sensationsroman in Deutschland 1855–1878. „Sir John Retcliffe“ und seine Schule. Schmidt, Berlin 1980. ISBN 3-503-01628-7

 

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HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, MARC DUTROUX by Martin Compart
16. September 2016, 10:14 am
Filed under: Dutroux, MEILENSTEINE DER VERBLÖDUNG, Parasiten, Politik & Geschichte, SODOM-KONTRAKT | Schlagwörter: ,

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Ein makaberes Jubiläum war am 13.August zu feiern: Der 20.Jahrestag der Festnahme von Marc Dutroux, dem mittleren Rädchen des europäischen Kinderschänder- und Kindermörder-Rings in Belgien.

Bis heute sind mehr Fragen offen, als beantwortet.

Der Prozess gegen ihn war eine Farce (geradezu ein Schau-Prozess, dem Absprachen mit Angeklagten und Zeugen voran ging), wie man sie früher (?) aus Osteuropäischen Ländern kannte. Das bemerkenswerteste am Prozess waren ein vermutlich inzwischen eingekauftes Opfer und das Dutroux im Knast immer fetter wurde.

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Die von der Polizei beschlagnahmten Videos mit Orgien, in denen Kinder vergewaltigt und umgebracht wurden, sind angeblich bis heute nicht ausgewertet. Vermutlich sind darauf Personen des öffentlichen Interesses zu sehen, die wir aus Wirtschaft und Politik kennen, und die in EU-Organisationen tätig sind. Von Anfang an, trotz Spuren nach und Verknüpfungen mit Berlin, Holland, Italien und anderen Ländern, wurde alles dafür getan, die Affäre Dutroux (die wohl eher Affäre Nihoul genannt werden sollte; aber Nihoul stand in der Hierarchie der Organisation weit über Dutroux und ist längst in Freiheit) zu einer rein belgischen Angelegenheit zu erklären. Das bezieht sich auf die Organisation ebenso wie auf ihre Kundschaft. Es wäre damals Sprengstoff gewesen und wäre es heute noch, wenn sich herausstellen würde, das prominente EU-Vertreter gerne die Freizeitangebote von Nihoul auf dem von der Mafia erworbenen Schloss nutzten, um ihre de Sade-Fantasien auszuleben.

Ein Buch, das signalisiert: Ich halte mein hässliches Maul, hätte aber gerne weiterhin Geld.

Ein Buch, das signalisiert: Ich halte mein hässliches Maul, hätte aber gerne weiterhin Geld.

Der Journalist Piet Eekman recherchiert in der ZDF-Reportage „Die Spur der Kinderschänder“, dass an die dreißig Zeugen und Journalisten „unter mysteriösen Umständen“ gestorben sind, die jede rechtsstaatliche Polizei und Staatsanwaltschaft als Morde eingestuft hätte (siehe auch DODE GETUIGEN von Douglas DeConinck, Antwerpen, 2004. Das Buch ist zur Zeit bei Amazon „nicht verfügbar“. Selbstverständlich).

Die Verbindung zu den britischen Ringen (nicht nur der Fall Saville, auch zu Dolphin House und somit zu britischen Politikern) war schon damals durch die Kreatur Warwick Spinks erkennbar, was der renommierte Journalist Nick Davies bereits 2000 im The Guardian beschrieb.

 

Ich wollte bereits Ende der 1990er ein Sachbuch über diese Affäre schreiben, da die Vertuschungen so ins Auge sprangen, wie bis zehn Jahre zuvor bei GLADIO. Ich fragte verschiedene Zeitschriften und Buchverlage bezüglich eines Vertrages und der Recherche-Finanzierungen an. Kein Interesse. Trotz meines gesunden Selbstbewusstseins und journalistischer Erfahrung, dachte ich, dass dies an meiner umstritten Person lag und einige der angefragten Medien ihre etablierten Trüffelschweine losgejagt hätten oder würden.

dode-getuigen1Aber alles, was, bis auf spätere Fernsehbeiträge, den großartigen Zeitungen und Magazinen dann erschien, war oberflächliches Abgeschreibsel aus der internationalen Presse und die Übernahme der offiziellen Version der Belgischen Behörden. Wie der Teufel das Weihwasser, mieden es die etablierten Medien – bis auf wenige Ausnahmen -, die richtigen Fragen zu stellen und die logischen Schlüsse zu ziehen. Lieber schrieb man den belgischen Staat auf das Korruptionsniveau eines 3.Welt-Landes herunter (was sich ja nicht widersprechen muss) und versuchte die alte Verschwörungstheorie vom „wirren Einzeltäter“ (plus Helfer plus Geldgier) durchzusetzen). Bis heute geht man bei uns nicht wirklich an dieser Kinder-Killer-Netzwerke heran, die bis in höchste Kreise führen (wie die britischen Ermittlungen bewiesen haben).

Wer also fragt: Was ist auf den sichergestellten Videos?

Der ist natürlich ein Verschwörungstheoretiker

Inzwischen hatte ich aber schon meine Schnauze tief in den belgischen EU-Kot eingetaucht und wollte aus puren Zorn nicht darauf verzichten, die gewonnenen verifizierten Informationen mit falsifizierten zu verknüpfen. Da mir die Geldmittel für weitergehende Recherchen fehlten (DER SPIEGEL zahlte 2001 für ein Interview mit Nihoul 1000 DM), wählte ich eine andere Form: Ich schrieb meinen ersten Roman, DER SODOM KONTRAKT (mit Zorn statt Tinte geschrieben).

Der Fall Dutroux wirkt bis heute fort. Offiziell haben wir nur die Spitze des Eisbergs verkündet bekommen. Medial ist „der Fall“ bis heute unbefriedigend behandelt (auch in der Fiktion). Aber wir dürfen ja auch nicht vergessen, das ein Geschäftsmodell wie Kindesmissbrauch mit Tötungsbonus für Arbeitsplätze sorgt, die nicht nur in der Illegalität (also steuerfrei) angesiedelt sind. Und wer für „sein schönes Hobby“(ehemalige Tarnbezeichnung der Täter)  nicht durch Erbe, Partei oder Job genug Geld hat um in den exklusiven Klub zu kommen, kann ja immer noch für Klimpergeld nach Asien.

Man darf sowas natürlich nicht mit Edathy oder anderen SPD-Freunden junger nackter Körper assoziieren; das ist wirklich eine andere Baustelle, in die man gar nicht erst hinein schauen möchte. Dutroux ist ja ein rein belgisches Phänomen, das nur durch puren Zufall in Brüssel (mit)spielt. Die EU kann ja nicht alles vernichten.

http://21stcenturywire.com/2014/07/12/revisited-uk-amsterdam-paedophile-snuff-movie-connection/https://isgp-studies.com/belgian-x-dossiers-of-the-dutroux-affair

https://isgp-studies.com/belgian-x-dossiers-of-the-dutroux-affair

Zum kulturgeschichtlichen Hintergrund:

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/netherlands/9153676/Dutch-Roman-Catholic-Church-castrated-at-least-10-boys.html

 

P-S.:

EIN MUTIGER PARLAMENTARIER, DER DEN FALL DUTROUX NICHT UNTER DEN TISCH KEHRT by Martin Compart

20. Februar 2013, 5:17 pm | Edit this
Filed under: Dutroux, Sodom Kontrakt | Schlagwörter:

Der Misthaufen, der sich belgisches Parlament nennt, hat zumindest einen harten Einzelkämpfer, der sich nicht einschüchtern lässt (also mehr als jedes deutsche Parlament).
Schaut euch Louis´ Debattednbeikträge in Youtube an, bevor auch er einem „tödlichen Unfall“ hat oder verzweifelt Selbstmord begeht. Tapfere Aufklärer wie Laurent Louis haben bekanntlich in Belgien keine lange Lebenserwartung.

 

INZWISCHEN ABSERVIERT!