Martin Compart


JEAN-CHRISTOPHE GRANGÉ: ARCHÄOLOGE DES BÖSEN 3/ by Martin Compart


Seine Romane sind sehr filmisch angelegt. Als würde er unbewusst oder bewusst auf eine cineastische Umsetzung hinarbeiten. Und tatsächlich ist er mit der Filmindustrie seit langem eng verbunden. Der beste bisherige Film, für den er mitverantwortlich ist, ist m.E. SWITCH, nach einem Originaldrehbuch, von Pierre Schoendoerfers Sohn Frédéric.

„Das Genre selbst ist sehr filmisch. Es gibt eine Intrige, die eine segmentierte und geordnete Erzählung bedingt, ähnlich der Entwicklung in einem Film. Die Kapitel sind kurz und erinnern an Szenen in einem Film. Ich benutze die Technik der subjektiven Kamera: alles wird durch diese Perspektive gefiltert. Ein Problem ist auffällig: Das Filmische meiner Bücher, was ja auch zum Rechteerwerb führt, wird in den Verfilmungen selten umgesetzt.“

Starke Frauen findet man fast immer in seinen Romanen. Nur das Noir-Klischee der femme fatale sucht man vergeblich.
Ich versuche bei Frauen dieselben Prinzipien anzuwenden wie bei den starken Männern, aber natürlich aus weiblicher Sicht. Aus diesem Grund sind Frauen in meinen Romanen so stark, fast männlich. In SCHWARZRS REQUIEM zeigt Gaelle, die jüngere Schwester, die schreckliche Dimension ihrer Stärke, Kraft, die in diesem Fall als männliche Kraft verstanden wird. Ich möchte keine Geschichten von Männern erzählen, die von einer Femme Fatale in einer Falle gefangen sind, denn dies sind Dinge, die bereits im wirklichen Leben passieren.
Im Allgemeinen mag ich Sexszenen nicht sehr, es verlangsamt die Maschine, es nimmt den Leser aus dem Buch
.“

Spirituelle und religiöse Themen sind häufig Bestandteile seiner Romane. Also ein Spektrum, das ihn sehr interessiert.

Schon als ich aufwuchs, war ich immer ein Glaubender. Ich lebte bei meiner Großmutter, einer praktizierenden Katholikin. Sie erzählte mir von Himmel und Paradies … Ich habe nicht alle ihre Gewissheiten geteilt oder behalten, aber in mir brennt eine kleine spirituelle Flamme. Ich hatte meine Zeit als atheistischer Marxist. Irgendwann ermüdete mich dieses ewige Gott ist tot`´-Gefasel. Verdammt, was wissen wir?.Damals beschränkten sich die spirituellen Fragen der Studenten auf rein intellektuelle Spekulationen.

Christus ist revolutionär. Er schwimmt gegen den Strom, bittet uns, unsere Feinde zu lieben, betrachtet unsere Schwächen als eine Tür zur Liebe. Ihm zu folgen heißt, einem Pfad der Güte zu folgen, um einen Schlüssel zum Verständnis des Kampfes zwischen Gut und Böse zu finden. Meine schwarzen Geschichten sind Metaphern des unaufhörlichen Kampfes des Engels gegen den Drachen, Eros gegen Thanatos. In meinen Romanen siegt der Engel immer. Ich liebe Christus, weil er uns vor dem Bösen bewahrt. Das Gefühl, zum Guten berufen zu sein, ist bereits der „Beweis“ für die Existenz Gottes.“

Das ist für mich als Leser und Fan von Grangé nicht leicht zu verarbeiten. Oberflächlich betrachtet ist es schwer zu verstehen, dass jemand der die realsten Grausamkeiten im aktuellen Noir-Roman „fantasiert“ ein derart überzeugter Christ ist. Andererseits ist wie bei Dante vielleicht dieser Glaube die Notwendigkeit dafür, um unbeschadet in derartige Schreckenstiefen zu tauchen und daraus einigermaßen gesund wiederaufzutauchen.

Auch sein Lebenscredo hat etwas Religiöses:

„Meine Zeit auf Erden ist kurz und oft frage ich mich, was meine kosmische Mission ist. Meine Freude besteht nicht darin, mich mit Konsum zu verstopfen oder Lob zu bekommen – selbst wenn Erfolg das Leben leichter macht – sondern im Leser eine intensive, aus Worten geborene, ästhetische Emotion zu wecken.“

Der zukünftige König des weltweit angesiedelten Noir-Thrillers war in seiner Jugend kaum gereist, sein Universum beschränkte sich auf das 6. Arrondissement von Paris. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, macht er Karriere bei einer Werbeagentur, was ihn ankotzte. „Als Jugendlicher dachte ich, dachte ich, dass Schriftsteller die Welt anführten. Ich wollte studieren! Am Ende meines Masterstudiums über Flaubert war ich verheiratet und habe Anti-Dehnungsstreifen-Produkte in Werbebroschüren gelobt. Diese Zukunft hat mich beunruhigt. “

Angewidert von der merkantilen Atmosphäre der Werbung und den unverdaulichen Summen, die den Führungskräften bezahlt wurden, nach einem Job in einem Pressebüro, entschloss er sich, eine eigene Presseagentur zu gründen und die Dienste großer Reporter in Anspruch zu nehmen

Dann traf er den Fotografen Pierre Perrin, der ihm eine Chance gab und ihn zu Nomadenstämmen mitnahm. „In einem Jahr folgten wir Eskimos, Pygmäen, Tuareg, Zigeunern und Mongolen! Als ich nach Hause kam, war ich nicht mehr derselbe. „

Perrin erinnert sich: „Als ich ihn kennenlernte, war Jean-Christophe ein echter Bücherwurm, er war noch nie in den Bergen, noch nicht am Meer, noch in den Wäldern! Er entdeckte alles während unserer Reportagen. Wie ein Schwamm saugte er alles in sich auf, es war großartig.“

„Es war der Schock meines Lebens: Als ich 29 war, sprang mir das wahre Leben direkt ins Gesicht! Zuerst an der birmanischen Grenze, dann am Nordpol, dann in der Tuareg-Wüste. Eines Tages, in einer völlig verlorenen Ecke der Mongolei, in einer grasbewachsenen Ebene, so weit wie das Auge reichte, entfernte ich mich vom Hirtenstamm, deren Leben wir teilten. Plötzlich verwirrte mich die Unermesslichkeit der Steppe. Unmöglich zu glauben, dass diese Schönheit das Ergebnis des Zufalls ist. Das unendlich Große und das unendlich Kleine haben in mir den Glauben an das Göttliche gestärkt, eher intellektuell als physisch.“

FORTSETZUNG FOLGT

Advertisements


MiCs Tagebuch spezial zur Sommerpause 2018 by Martin Compart

Kuschelkoller beim Klimakollaps

Die Abnicker-Kohorten aus dem Bundestag verabschieden sich in die dringend benötigte Sommerpause. Doch von entspannender Sommerfrische (gibt es diesen Begriff überhaupt noch?) gar mit einem guten Buch, oder die Seele einfach im Klimawind des Kühlaggregats baumeln lassen keine Spur, denn der heiße Herbst steht an und bald sind wieder Wahlen. Blickt die Kanzlerin auch gutgelaunt zurück auf das ihrer Meinung nach Geleistete (weniger als null bleibt bei aller Beschwörung trotzdem null), und gibt zugleich einen Ausblick auf das noch zu Leistende (zum projizierten Ergebnis siehe Geleistetes), positioniert sich die Opposition rechts wie links, um die Herzen der Unzufriedenen für sich zu gewinnen.

Da wollen die Faschos von „Aasgeier fressen Deutschland“ sozialer werden, schwadronieren von schweizerischen Modellen für die Altersversorgung (aber nur ohne Steuererhöhung), verraten jedoch ihren wahren geistigen und charakterlichen Horizont mit sinngemäßen Äußerungen wie diesen: „Die Schlacht um Deutschlands Zukunft heißt nicht oben gegen unten und auch nicht reich gegen arm, sondern drinnen gegen draußen.“ Und so beschwört der völlig scham- und hirnlose Unterscharführer Höcke den Endkampf und organisiert eine Leopard II – Wagenburg gegen die ins „gelobte Hartz4-Land“ drängenden braunhäutigen Horden. Frei nach dem Motto, wen der Orban nicht bremst, den erledigt die 9.670 mm Bordkanone.

Die Linken versuchen es intellektueller. Mit Unterstützung eines Dramaturgen vom Berliner Ensembles, will man die Bürger für die eigene Sache begeistern. Sogar konkrete Ideen und Vorschläge können von kritischen, engagierten oder auch einfach nur besorgten Bürgern online eingereicht werden. Wir ahnen, hier entsteht ein ernstgemeinter intelligenter Dialog. Nur ist leider genau dies das Problem der Linken, wie Jean-Patrick Manchette formulierte (das Zitat habe ich von Herrn Compart gemopst), „die Unzufriedenen entscheiden sich zu 90% für die Rechten, weil die Linken sie zu sehr zum Denken nötigen.“

Aha, der deutsche Wutwichtel ist demnach denkfaul und ungebildet, dafür aber mächtig aggro? Scharf beobachtet. Auf diese 1000-jährige Geschichte können nicht nur die Rechtsaußen ordentlich stolz sein, nicht wahr, Rottenführer Gauland?

Im Süden der Republik erleben die drei Deppen von der christsozialen Hetzpartei, Strizzi, Seenot und Dobarz, in diesen Tagen wie ihre opportunistisch-dämliche Fascho-Anbiederungspolitik bei großen Teilen des am 14. Oktober so dringend benötigten Stimmviehs sauer aufstößt. Fragt sich, ob das Empörungssentiment der Demonstranten die nächsten zehn Wochen anhält? Hoffen wir es mal. Als Gegenmaßnahme plakatiert die Parteiführung Nebelkerzen aufrechter Empörung und schickt Strizzi und Seenot gemeinsam in die Bierzelte. Seit‘ an Seit‘ geht’s in die Schussfahrt.

Die Versuche der etablierten Parteien, ihre verlorene Klientel zurückzugewinnen, haben schon etwas Putziges an sich. Sie kämpfen mit Vehemenz auf den falschen Schlachtfeldern, lassen sich dabei von den vermeintlich im Aufwind befindlichen Rechtsaußen die Themen aufschwatzen, denen sie, Verlustangst geplagt, verzweifelt hinterherhecheln. Dabei gibt es an dringenden Themen keinen Mangel. Einige Beispiele in alphabetischer Reihenfolge, an denen sich das bürgerliche Lager zwischenzeitlich abarbeiten könnte:

1. ARBEITSMARKT. Bei den angeblich höchsten Beschäftigungszahlen aller Zeiten, herrscht nach wie vor ungehindertes Lohndumping, produzieren die von der Bundesagentur für Arbeit gestützten Jobs, die aufgestockten Jobs, die 450 Euro-Jobs und die wenigen Mindestlohnbeschäftigten, bei unserem Rentensystem die Altersarmut von morgen.

2. AUTOINDUSTRIE. Der unendliche Dieselskandal, letzter Übeltäter Porsche, hat mittlerweile alle Autohersteller eingeholt. Hinzu kommen unlautere Preis- und Technologieabsprachen. Die Konsequenzen für die Unternehmen belaufen sich auf Austausch von Software oder Rücknahme von Fahrzeugen, bei einigen Modellen gibt es Verzögerungen bei der Zulassungsgenehmigung. Zeitgleich lässt die Autoindustrie verkünden, dass die Dieselverkäufe wieder ansteigen. Kohlendioxid? Stickoxide? Dem Autokunden ist es egal, der Politik ist es egal, da kann Scheuer, auch CSU, sich aufplustern wie er will. Parteifreund Dobrindt hat es vorgemacht, wie’s geht: rumtönen, rumsitzen, rausreden. Die Industrie darf für ihren Betrug nicht bezahlen, es geht schließlich um den guten Ruf unserer Vorzeigebranche und um Arbeitsplätze. Das Beispiel unterstreicht die wahren Kräfteverhältnisse im Staate.

3. BILDUNG. Den öffentlichen Schulen mangelt es überall an Geld für die Instandhaltung der Gebäude, für den Einkauf moderner, unterrichtstauglicher Lehrmittel und an Lehrern. Dafür werden pünktlich zu den Sommerferien viele angestellte Lehrer in die Arbeitslosigkeit entlassen, damit die Bundesländer Kosten sparen. Natürlich müssen sie zu Schuljahrsbeginn wieder eingestellt werden. Was für eine soziale Gemeinschaft.

4. BUNDESWEHR. Die Bundeswehr beteiligt sich zur Zeit an 14 Auslandsmissionen. „Vom deutschen Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“, hieß es einmal. Heute heißt es, „Verteidigung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in aller Welt“. Wer diese Propaganda glaubt, ist selber Schuld. Die Bundeswehr dient der Verteidigung des Gebietes der Bundesrepublik Deutschland. Darauf allein ist sie auszurichten. Mehr nicht.

Er verteidigt unsere Freiheit nicht nur im sicheren Drittland Afghanistan.

5. EUROPÄISCHE UNION. Die EU ist eine Organisation, die aus der Montanunion der frühen 1950er Jahre hervorgegangen ist. Die großartige Idee einer europäischen Vereinigung wurde komplett von Technokraten vereinnahmt. Mit der Folge, die EU ist im Innersten undemokratisch, zutiefst korrupt und industriehörig. Sie muss dringend demokratisiert und neuorganisiert werden. Dazu sind die Staats- und Regierungschefs offensichtlich ebensowenig in der Lage, wie die EU-Kommission. Sie sind darum die wahren Demokratiefeinde.

6. EURO. Ebenso wie die EU ist auch der Euro in seiner jetzigen Form nicht aufrecht zu erhalten. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den starken Nordländern und den schwachen Südländern sind zu groß. Deutschland gehört zu den Gewinnern des Eurosystems, sogar an den Schulden Griechenlands hat die Bundesrepublik verdient (das Verschweigen die Schreihälse von der Bild-Zeitung gerne). EZB-Boss Draghi, ein gelernter Goldman-Sachs Banker, betreibt mit dem, vertraglich nicht gestatteten aber systemisch notwendigen, ungehemmten Aufkauf von Staatsanleihen der schwachen Euro-Länder, einen Ausgleich, damit die Spannungen innerhalb des Währungsverbundes nicht zu groß werden. Seine Niedrigzinspolitik zerstört dazu die hiesige private Altersversorgung und zwingt viele Lebensversicherer in die Knie. Darin liegt zum Großteil der Unmut begründet, den die Politik hierzulande verspürt. Geht es dem Volk ans Geld, laufen die Wähler zu den Aasgeiern über.

7. KLIMA. Der gegenwärtige Sommer in Europa, die großflächigen Brände am Polarkreis und in Griechenland, die Trockenheit in Ostdeutschland, bringt die gern verdrängte globale Erwärmung akut ins Bewusstsein. Zu einer großen „Errungenschaft“ der Merkel-Regierung, gehört das Verfehlen der selbstgesteckten Klimaziele. Die Bundesregierung, die deutsche Wirtschaft, die deutschen Autofahrer, wir alle können gar nichts, außer Sprüche absondern. Die Kohlendioxid-Emissionen müssen drastisch reduziert werden. Der Güterverkehr muss von der Straße auf die Schiene. Der private Autoverkehr muss reguliert werden. Dazu gehören u.a. bundesweite Geschwindigkeitsbeschränkungen (geht in den USA ja auch), Ausbau des Personennahverkehrs und der Pendlerverbindungen, Solartechnologieausbau und vor allem aber drastische Energieeinsparung (ich weiß, Letzteres ist ein vergessener Gedanke).

Man kann aber schön weit gucken.

8. LOBBYISMUS. Lobbyisten und Interessenvertreter der Wirtschaft müssen aus den Parlamenten in Bund und Ländern verbannt werden. Gesetze dürfen nicht mehr von Anwaltskanzleien der Industrie geschrieben werden.

9. MIGRATION. Zu glauben, die Migration wäre mit Zäunen und Anlegeverboten für Flüchtlingsschiffe zu stoppen, ist unerträglich dumm. Die Ursachen der Migration hatte ich in meiner vorletzten Tagebuchnotiz kurz skizziert. Zur Erinnerung, sie ist die Folge von Globalisierung, Kriegen, Umweltzerstörung und Klimaerwärmung. Die Bundesrepublik lebt vom Export. Die deutsche Wirtschaft verdient an der Globalisierung, der deutsche Wohlstand, zumindest dort wo er ankommt, ist auch eine Folge der Globalisierung. Die Gewinner können sich nicht vor den von ihnen geschaffenen Konsequenzen drücken. Dem römischen Imperium ist dies nicht gelungen, es wird der EU und Deutschland auch nicht gelingen. Die Herausforderung vor der wir stehen, verlangt, sich mit dem komplexen Thema konstruktiv auseinanderzusetzen, anstatt es den Idioten, Hetzern und Neo-Nazis zu überlassen.

10. NATO. Die Nato ist spätestens seit Endes des Kalten Krieges überflüssig. Die Erhöhung des Wehretats – besser Kriegsetats – der Bundeswehr auf 2% oder 4%, wenn es nach dem Pissblonden ginge, ist ebenso überflüssig. Die NATO steht im Dienste der USA, die aktuell in über 70 kriegerische Konflikte auf der Welt verwickelt ist. (Der Iran steht als nächstes Land auf ihrer To-Do-Liste.) Die Amerikaner sind global die größten Aggressoren und Kriegstreiber. Sie haben den größten Kriegsetat und verkaufen weltweit die meisten Waffen. Wenn die Kriegsetats der NATO-Mitglieder aufgestockt werden, dann profitiert, was Wunder, die US-Rüstungsindustrie überproportional davon. Mit ihrer aggressiven, Absprachen brechenden Osterweiterung, hat die NATO den Konflikt mit Russland entfacht. Mit ihrem menschenverachtenden Ölkrieg im Irak, dem Umsturz in Libyen, dem Befördern des Syrienkrieges, haben die USA den islamistischen Terror erzeugt, den Mittleren Osten und weiter Teile Afrikas noch tiefer ins Elend gestürzt und die riesige Flüchtlingswelle verursacht. Die NATO macht schön mit und schweigt. Unerträglich.

Auch Europa verfügt über ein großes Potenzial an Arschlöchern – völlig zollfrei.

11. STEUER. Der Bund finanziert sich hauptsächlich mittels Lohn- und Einkommensteuer aus nichtselbständiger Arbeit und der Mehrwertsteuer. Die Kapitalerträge, das Vermögen, die Erbschaften werden absolut unzureichend oder gar nicht besteuert. Neben der steuerlichen Erhöhung der vorgenannten, ist die Anhebung des Spitzensteuersatzes, sowie der Unternehmenssteuersätze dringend notwendig. Wir brauchen Geld zum Umverteilen.

12. UMWELT. Hierzulande gibt’s weiterhin Glyphosat auf den Salat, obwohl in den USA gerade eine Klage wegen krebserregender Stoffe in dem Pflanzenschutzmittel eingereicht wurde. (Mein Vorschlag, dass der für die Verlängerung der Verwendung zeichnende Ex-Landwirtschaftsminister Schmidt, natürlich von der CSU, die Unbedenklichkeit von Glyphosat durch täglichen Genuss einer Warenprobe für die Dauer des von ihm zu verantwortenden Verlängerungszeitraums unter Beweis stellt, stößt bei Bayer-Monsanto auf wenig Gegenliebe. Auch der forsche Minister schweigt. Warum wohl?) Weitere Themen: Nitratbelastung der Gewässer, Stichwort Gülle; fortwährender Einsatz von Bienenpopulationen abtötenden Chemiekeulen; Schaffung von unberührten Grünflächen, usw., Aufforstung, Verringerung der Nutzung des Waldes durch die Holzwirtschaft.

Beim Betrachten der (unvollständigen) Liste – zu Pflege, Rente und DFB fällt mir gar nix ein, was? – ist festzustellen, dass die Ursache der meisten Probleme in den Produktionsverhältnissen unseres Wirtschaftssystem und der Machtverteilung liegt. Somit ist jede Lösung, welche die Wurzel des Übels nicht angeht, ein sinnloses Herumdoktern an Symptomen. Die systemtreuen Berufspolitiker werden jedenfalls nichts bewegen und schon gar nichts ändern, es könnte ihrer Karriere schaden. Sie sind daher ein Teil der Probleme. Wer glaubt, die Rechten werden es schon richten, der beweist nur seine völlige Verblödung: der Faschismus ist eine totalitäre Form bürgerlicher Herrschaft und damit des Kapitalismus.

Komasaufen hilft manchmal .

Kurzfristig habe ich überlegt, für die Kanzlerin eine Pressemitteilung anlässlich ihrer Sommerpausen-Gute-Laune-Konferenz zu formulieren. Warum nicht? Sie hat es verdient …

Liebe Menschen, liebe Hofberichterstatter,

ich bin zur Wiederwahl angetreten, um mich meiner selbsterklärten Verantwortung nicht zu entziehen. Die zurückliegenden Monate jedoch haben in mir die Überzeugung reifen lassen, dass ich meine Fähigkeiten und meinen Willen, zum Wohl aller Menschen in Deutschland zu arbeiten, seit Jahren völlig überschätzt habe. Das gleiche gilt natürlich uneingeschränkt für mein Kabinett.

Da Erkenntnis ohne Handeln, bekanntlich keine Erkenntnis ist, habe ich mich entschlossen, bislang Unerreichtes nicht zu gefährden und unbeirrt an meinem politischen Kurs festzuhalten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und beantworte nun gerne gleichlautend nichtssagend Ihre Fragen. Eine Antwort möchte ich Ihnen allerdings schon zu Beginn mitgeben: Ja, meine Arbeit macht mir Spaß, den Menschen zu dienen ist mir eine Herzensangelegenheit. Und ich freue mich auf noch viele schöne Jahre im Kanzleramt. Das sind sogar zwei Antworten vorab.

Fröhlich,

Ihre Bundeskanzlerin

Nach der Sommerpause sprechen wir darüber, wie der Widerstand zu organisieren ist, schließlich haben wir bald 100 Jahre deutsche Revolution 1918/19. Das sollte uns ein Ansporn sein.

MiC, 23.07.18

P.S.: Und wir wollen die GRÜNEN nicht vergessen, die in Hessen gerade Tier- und Wald im großen Maßstab industriell vernichten. Prisca Hinz heißt die ekelige Umweltministerin und ihre Devise ist „Klimaschutz durch Umweltvernichtung“. Das Unternehmen Barbarossa war bekanntlich auch ein klassischer Fall von „Vorwärtsverteidigung“. Oder wie es General Westmorland im Vietnamkrieg ausdrückte: „Wir werden doch wohl noch das Recht haben, ein Volk vor sich selbst zu schützen.“



MiCs Tagebuch Juni 2018: RUDELBILDUNG VOR DEM KASSENHÄUSCHEN by Martin Compart

Das schöne am Deutschen ist seine Verrücktheit, mit der in diesem Land niemand alleine bleibt, weil sich immer einer findet, der einen versteht, wie Heinrich Heine einst sinngemäß schrieb. Echt tröstlich. Hierzulande werden die Klimaziele ebenso wenig erreicht, wie die Elektrifizierung des Automobilverkehrs, am „Dieselbetrug“ (der ein terroristischer Giftanschlag mittels Stickoxyden ist) sind – was Wunder – sämtliche deutschen Hersteller beteiligt, hierzulande finden Insekten vernichtende Pflanzengifte weiterhin ungehindert Verwendung, haben nur 8% der Gewässer unbelastetes Wasser, und was ereifert das Volk? Die Migranten. Zumindest wenn man den Hetzern wie Gauland, Söder und Co. Glauben schenken will. Verrückt was?


Der Seehofer Horst hat sogar einen „Masterplan Migration“ entworfen (den keiner zu kennen scheint). Klingt dem Heimatminister vielleicht „Meisterplan Flucht und Vertreibung“ zu albern?

Die Kleinhirne der Nation stehen unter Druck, es muss gehandelt werden, die Zeit drängt.

In Bayern wird schließlich um die Existenz der CSU gerungen, hierzu ist dem verfetteten Ministerpräsidenten-Strizzi jedes Mittel recht. Bemerkenswert, dass die Heuchler von rechts immer ihre vermeintliche Frömmigkeit vorschieben, wenn sie stramm das christliche Gebot der Barmherzigkeit verweigern. Im Buhlen um des Volkes Gunst schleudert die Fascho-Front den „Migranten-Horden“ (welche neuerdings wieder den Landweg über Albanien dem Absaufen im Mittelmeer vorziehen) lautstark „vade retro, satana“ entgegen. Denn das Pack tummelt sich unablässig vor dem Kassenhäuschen und will hinein, in unser „christlich-jüdisches“ Werte-Paradies. Selbst das neue kreuzfröhliche Abschreckungssymbol unserer Willkommenskultur in jedem bayrischen Ankerzentrum, stoppt sie nicht. Das haben wir nun von unserem hart ergaunerten Handelsüberschuss.

„Auf Deutscheland isse Superland“, stehen halt nur jene, die Dank Globalisierung, Kriege mit westlichen Waffen, konsumbedingte Klimakatastrophe und Wohlstandsgefälle unbedingt hierher müssen. Nur diese begeisterten Massen wollen wir nicht. Darin sind sich die Demokraten aller Coleur einig. Die sabbernde Hyäne der AfD lässt sich „von denen nicht unseren Wohlstand wegnehmen“, und die Sprechkröte der SPD findet: „Zu einer Willkommenskultur gehört auch eine schnelle Abschiebung im Ablehnungsfall.“ Beeindruckend, wie viel Blödsinn sich in einem einzigen Satz schachteln lässt. Die Aufschiebe-Kanzlerin hofft auf eine Einigung in Europa und insgeheim auf ordentliche Fangzäune in Afrika, in denen sich möglichst viele Wanderlustige auf ihrem Weg nach Norden verheddern. Der Rest wird mit Waffengewalt gestoppt. Wozu haben wir schließlich die Bundeswehr? Der deutsche Wohlstand wird in Afrika verteidigt.

Das Pumuckel der deutschen Intellelllen.

In Wahrheit geht es gar nicht um Migranten, sondern um Identität, konstatiert Großdenker Ulrich Wickert. Es geht um deutsche Kultur und deutsche, ja europäische Werte, die andersdenkende Einwanderer bedrohen, legt der verlogene Privatnuschler Rüdiger Safranski nach. Ein intellektueller Tiefflieger, der eigenen Worten zufolge, „geistig im 19. Jahrhundert verankert ist“. Doch diese ewig gestrigen Herrschaften täuschen sich. In unserer Konsumgesellschaft geht es einzig um einen Wert: um freiverfügbares Einkommen. Und das will niemand teilen. Mit Fremden schon gar nicht. Dabei freut sich die deutsche Wirtschaft über jeden Billiglöhner und Berufsgruppen mit „Nachwuchsproblemen“ begrüßen jeden kostengünstigen Arbeitswilligen. Denn für den Profit der Eigentümerklasse darf sich jeder abmühen. Der Rest möge bitte schön fern bleiben.

Unsere „klassenlose“ Gesellschaft steckt tief im Klassenkampf. Zum Erhalt unseres auf Ausbeutung und Zerstörung beruhenden Wirtschaftssystems braucht es Opfer. Da kommt den verblödeten, verängstigten, abstiegsbedrohten oder schon abgestiegenen Schichten die Bodensatzklasse genau richtig. Solange es jemanden gibt, den man hassen und verachten, ausgrenzen und vertreiben kann, besteht schließlich noch Hoffnung. So sind wir alle in Niedertracht vereint. Habe die Ehre.

MiC, 21.06.18



KATANGA by Martin Compart
18. Mai 2018, 12:22 pm
Filed under: Afrika, CIA, Conspiracy, Politik & Geschichte, Rezensionen, Söldner | Schlagwörter: , , , , ,

„Ist eine Nonne unter ihnen, die vergewaltigt wurde und Englisch spricht?“

…fragte TIME-Journalist Edward Behr nach der Befreiung von Stanleyville und brachte so einen Großteil der aktuellen Kongo-Berichterstattung auf den Punkt.

Die Unabhängigkeit des Kongo war eine Frühgeburt, bzw. eine Fehlgeburt ohne Schwangerschaft (denn die Kolonialmacht Belgien, die Anspruch auf den Titel dümmste und brutalste Kolonialmacht gewesen zu sein, hat, „entließ“ das Land völlig unvorbereitet mit gerade mal 14 universitär ausgebildeten Einheimischen formal aus seiner Knechtschaft).

Der „Wind of Change“, den Premierminister Harold Macmillan 1960 für Afrika verkündete, meinte wohl im übertragenen Sinne, dass die Europäer von Sklavenarbeit in die günstigere Tageslohnarbeit wechseln würden. Ein millionenschwer finanzierter und kontrollierbarer Despot, der mit eigenen Mitteln sein Volk ausbeutet, ist für die milliardenschweren Wirtschaftsinteressen der Europäer und Amerikaner (inzwischen auch der Chinesen) weitaus kostengünstiger als der Unterhalt von Kolonien.

Das alles begann mit der „Unabhängigkeit“ des Kongo, oder wie es Christopher Othen so treffend ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries



Christopher Othen

Katanga 1960-63: Mercenaries, Spies and the African Nation that Waged War on the World

The History Press Ltd; 2015. 256 Seiten

Othen nutzt bisher nicht erschlossene Quellen, die er persönlich ermittelt hat (so tauchen häufig seine E-Mail-Wechsel in den Fußnoten auf) um im Detail Aspekte von Kampfhandlungen oder persönliche Umstände herauszuarbeiten, die das Gesamtbild näher an den Leser heranbringen. Das gibt dem Buch über die genaue zeitgeschichtliche Darstellung hinaus eine zusätzliche Dimension.

Des weiteren nutzt er Material, dass viele Historiker vernachlässigen, da sie sich dafür zu fein sind und es nicht mal mit spitzen Fingern anfassen; etwa die Erinnerungen von Söldnern (dabei sind gerade diese subjektiven Wahrnehmungen, im richtigen Kontext gestellt, äußerst erhellend).

Auch da wo es richtig weh tut, ist Othens Buch genauer als vergleichbare: Er blendet die schwer begreifbaren Gräuel nicht mit einem so beliebten „Erwähnungssatz“ aus, sondern lässt Betroffene und Zeugen zu Worte kommen.
Was mir bisher in diesem Ausmaß neu war: Die sonst erst im Zusammenhang mit dem Simba-Krieg beschriebenen Kindersoldaten (Jeunesse) spielen bereits in dieser frühen Phase eine unheilvolle instrumentalisierte Rolle.

Der Autor schildert viele unbekannte Anekdoten. Etwa die über belgische Nazis, die sich trotz der offensichtlichen Wirtschaftsinteressen ihres Landes gegen Tschombe wenden, da sie einen Schwarzen nicht als Oberhaupt eines/ihres Landes ertragen mögen.

Othen bemüht sich natürlich um Objektivität, aber die Fakten verdeutlichen nun mal das schmutzige Geschäft und die schändlichen Eigeninteressen aller Beteiligten. Hier gibt es keine „Guten“, nur böse und hässliche.

Christopher Othen hat als Journalist gearbeitet und lebt zur Zeit als Englischlehrer in Warschau. Er hat ein Händchen für ungewöhnliche Themen und zeithistorische Lücken. In LOST LIONS OF JUDAH berichtet er über die ausländischen Söldner, die Haile Selassie im Krieg der Äthiopier gegen Italien unterstützten (darunter extrem interessante und durchgeknallte Charaktere).

Christophers Blog:

https://christopherothen.wordpress.com/

————————————————————————————

Für die Verlogenheit und Dämlichkeit der Katanga-Sezessionsberichterstattung ist diese „Doku“ im Auftrag der John Birch-Society ein erquickendes Beispiel:

siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2015/05/15/washingtons-soldner/



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET von YUKIO MISHIMA by Martin Compart


„Zu meinen unabänderlichen Überzeugungen gehört der Glaube, daß das Alter unendlich häßlich und die Jugend unendlich schön ist. Die Weisheit der Alten ist unendlich trübe, die Taten der Jungen unendlich durchsichtig.“

Yukio Mishima im Nachwort zur Aufstand-Trilogie (Ni Ni Roku)

Diese barbarische Haltung verdeutlicht Mishima u.a. in dem höchst verstörenden Noir-Roman DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET (GOGO NO EIKO, 1963).

Die schöne junge Witwe Fusako aus Yokohama verliebt sich in den Seemann Ryuyi. Ihr dreizehnjähriger Sohn Noburu, der unter dem intensiven Einfluss des Bösen-Buben-Bosses der sechsköpfigen Kinderbande und dessen pubertären Nihilismus steht, bewundert Ryuyi zunächst als Helden des Meeres. Nachdem dieser jedoch der „See abschwört“ und zum neuen Vater zu werden, droht, beschließt die Bande ihn zu töten.


https://www.amazon.de/Seemann-die-See-verriet-Roman/dp/349915823X/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1523360115&sr=8-6&keywords=yukio+mishima

Es war einer der Lieblingsromane von David Bowie und Hans Werner Henze vertonte ihn2003 zu seiner Oper DAS VERRATENE MEER. Lewis John Carlino (Autor von THE MECHANIC) verfilmte ihn 1976 mit Sarah Miles und Kris Kristofferson.

In den USA würde man den Roman vielleicht sogar dem Genre der juvenile deliquents- novel zuordnen (das sich in den 1950er Jahren entwickelte und auch noch 1963, als Mishimas Roman erschien, einer gewissen Beliebtheit erfreute.

Andererseits wurde dem Buch unterstellt, es erzähle eine Geschichte, die sich aus kulturellen Traditionen speise, die dem westlichen Leser unzugänglich seien:

„Diese ‚Fallgeschichte‘ Aus Japan thematisiert die Mechanismen der Anpassung, die Triebregungen und Wünsche, das Realitätsprinzip einer mittelständischen Kleinfamilie. Ich begann darüber nachzudenken, ob ihr Drama, die Tat des kleinen Jungen, der seinem Vater den Verrat an den traditionellen, männlich-heroischen Idealen nicht verzeihen kann, auch in unserer Gesellschaft vor stellbar wäre. Ich bin der Überzeugung, daß Mishimas Geschichte sich nach eigenen Gesetzen vollzieht, die außerhalb der für uns geltenden Normen liegen. Sie wurzeln in einer rauschhaften Heldenkultur, wie wir sie so in Europa nicht kennen. Die Geschichte vom ‚Seemann, der die See verriet‘ bleibt gebunden an eine Dimension des Unfaßbaren und bereit eine Skala uns unbekannter, von uns nicht gelebter Gefühlsmuster aus“ (Gisela von Wysocki).

Demgegenüber lässt sich einwenden, dass die widerwärtigen Kinder (die in der furchtbarsten Szene des Buches eine kleine Katze töten und sezieren um ihr eigenes Mitleid auszurotten) generell (und nicht nur in japanischer Tradition) kulturelle Entwicklungen symbolisieren, die Empathie und Solidarität bewusst auslöschen (auch darin ist dieser Roman wieder hochaktuell).

Oder wie es DER SPIEGEL bei dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe formulierte: „Der Japaner Mishima, 44, wiederholt als ein Anwärter auf den Nobelpreis genannt, hat schon manches Sujet der europäischen Literatur in japanische Hintergründe verarbeitet. In seinem für Deutschland neuen Roman, einem ästhetizistisch arrangierten Thriller von Liebe und Tod, behandelt er ein Thema, von dem traditionsbewußte Japaner sagen, es sei ebenfalls aus dem Westen importiert: den Generationskonflikt.“

Ein Thema ist auch die Aufgabe pubertärer Allmachtphantasien in Form von Heldenträumen um ein kleinbürgerliches Leben zu führen. Dies ist die See, die der Seemann verrät. Deshalb verurteilen die Kinder ihn zum Tode, denn er hat die Ideale der Kindheit verraten, deren Nihilismus erschreckende Ähnlichkeiten mit der Ideologie des fanatisierten Jungvolks im 3.Reich aufweist.

Durch den Text schwingt auch Mishimas Zorn auf die Väter-Generation, die den Krieg verloren hatte und sich statt „ehrenvoll“ zu opfern, sich einer ehrlosen Kapitulation hingab, die das japanische Reich für den barbarischen Coca Cola-Kapitalismus unterwarf.

„…Einen gerechten Vater kann es gar nicht geben, weil schon die Rolle des Vaters eine Form des Bösen ist. Strenge Väter, nachsichtige Väter, nette, gemäßigte Väter – einer ist so schlecht wie der andere. Sie stehen uns im Weg und versuchen, uns mit ihren Komplexen zu belasten, mit ihren unerfüllten Wünschen, ihrem Groll, ihren Idealen, ihren Minderwertigkeitskomplexen, die sie nie jemanden anvertrauen konnten, mit ihren Sünden, ihren kitschigen Träumen, ihren Geboten, an die sie sich niemals gehalten haben, weil ihnen der Mut dazu fehlte…. Die Väter sind die Schmeißfliegen dieser Welt. Sie liegen auf der Lauer, bis sie an uns etwas Faules entdecken, auf das sie sich stürzen können. Dreckige Fliegen sind sie, die überall ausposaunen, dass sie mit unseren Müttern geschlafen haben. Wenn es darum geht, unsere absolute Freiheit und unser Können zunichte zu machen, schrecken die Kerle vor nichts zurück. Sie denken nur daran, die schmutzige Stadt zu beschützen, die sie sich erbaut haben.“

Mishima veröffentlichte den Roman zu einer Zeit, als er von westlichen Lesern zögernd entdeckt wurde (die ihn aber schnell zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis erkoren), in Japan aber sehr viele Leser verlor. Damals wurde er nicht als das atemberaubende Meisterwerk bewertet, als das es heute gilt:

„Mishima’s greatest novel, and one of the greatest of the past century“ (The Times)

„Explores the viciousness that lies beneath what we imagine to be innocence“ (Independent)

„Told with Mishima’s fierce attention to naturalistic detail, the grisly tale becomes painfully convincing and yields a richness of psychological and mythic truth“ (Sunday Times)

„Coolly exact with his characters and their honourable motives. His aim is to make the destruction of the sailor by his love seem as inevitable as the ocean“ (Guardian)

„Mishima’s imagery is as artful as a Japanese flower arrangement“ (New York Times)

Erstaunlich und verblüffend, dass weder Marguerite Yourcenar noch Hans Eppendorfer oder Henry Scott Stokes in ihren Büchern über Mishima auf diesen Roman eingehen, der in seinem komplexen Gesamtwerk eine besondere Stelle einnimmt. In seiner dystopischen Seelenbeschreibung geht er weit über Noir-Autoren wie Jim Thompson oder Tim Willocks hinaus. Gesehen als Noir-Roman, ist er verstörender und erschreckender als jeder andere Noir-Roman, den ich kenne. Literarisch kann ihm sowieso kaum einer das Wasser reichen.

Es gibt Passagen und Momente, da könnte man glauben, sie seien von Patricia Highsmith im Sake-Rausch geschrieben sein.

Yukio Mishima (1925-70), der wie kein anderer für die Traditionen des Kaiserreichs und der Samurai-Kultur steht, galt auch als der westlichste unter den japanischen Schriftstellern. Sicherlich, weil er durch die leicht wahnsinnige Großmutter isoliert von Gleichaltrigen aufwuchs und seine Zeit vor allem mit der Lektüre westlicher Autoren verbrachte (Rilke. D´Annunzio, Radiguet, Gide, Oscar Wilde und Thomas Mann). Aus dem weichlichen Knaben formte Mishima bewusst einen homosexuellen Samurai mit dem Körper und den Fähigkeiten eines Kriegers. 1970 beging er öffentlich Seppuku, nachdem er mit Getreuen seiner Schildgemeinschaft vor Soldaten eine Rede zur Rettung der japanischen Seele gehalten und zum Putsch gegen die Verfassung, die eine offizielle Armee verbot, aufgerufen hatte.

Nach Arnold Toynbee hatte Asien im 19. Jahrhundert nur zwei Möglichkeiten: durch Verwestlichung zu überleben oder im Widerstand dagegen unterzugehen. In der Meiji-Ära (1868 bis 1912) wählte Japan den ersten Weg, industrialisierte das Land, wechselte vom Feudalsystem zu einer zentralistisch organisierten Regierung und schuf eine nationale Armee. Leidtragende dieser Entwicklung waren die Samurai. Etwa 40 000 von ihnen rebellierten 1877 gegen die Regierung. Erst nach achtmonatigem Kampf wurden sie von der Armee besiegt.

Eine Hundertschaft nationalistischer Samurai griff während dieser Rebellion eine Militärkaserne nur mit Schwertern und Speeren bewaffnet an. Die Soldaten schossen sie mit vom Westen importierten Gewehren nieder, die Überlebenden begingen Harakiri. Diese Tragödie spielte in Mishimas geschichtspolitischem Verständnis eine zentrale Rolle. Der rasend schnelle Umbruch vom Mittelalter ins Industriealter war wohl auch mitverantwortlich für die hohe Selbstmordquote unter japanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts.

P.S.: Mishima war ein großer Katzen-Fan, der seinen Katzen auf Reisen Postkarten schickte und im Postskriptum seinen Vater eindringlich ermahnte, freundlich zu ihnen zu sein. Der Vater berichtete später: „Manchmal arbeitete er stundenlang mit einer Katze auf den Knien. Mich hätte das verrückt gemacht.“ Mishima: „Du musst einen Hundeverstand haben, Vater. Du hast eben keine Ahnung von der zarten Psyche einer Katze.“





DER FRANZÖSISCHE SCHRIFTSTELLER JEAN LARTÉGUY UND DAS ENDE DER KONVENTIONELLEN KRIEGSFÜHRUNG by Martin Compart

In der angelsächsischen Welt wird Jean Lartéguy mit THE CENTURIONS und mehreren Penguin-Ausgaben gerade wiederentdeckt. Bei uns war er nie annähernd so populär wie in England, den USA oder in den romanischen Ländern. Lediglich acht Bücher von über 50 wurden ins Deutsche übersetzt. Seine Wiederentdeckung, die einiges dem US General David Petreaus verdankt, hat vor allem politische und militärische Gründe und weniger literarische.

Afghanistan oder Irak haben einmal mehr bewiesen, dass eine Supermacht wie die USA dazu in der Lage ist, einen Krieg dank überlegener Tötungstechnologie zu gewinnen, aber die besiegten Gebiete oder Völker nicht dauerhaft zu unterdrücken.
Eine Erfahrung, die sich durch die Kriege nach dem 2.Weltkrieg fast durchgehend bestätigt hat. Westliche versuchte Lösungen sind beständige militärische Präsenz, Drohnenkriege, Kommandounternehmen, eigene Guerilla-Kombattanten in Form der Special Forces – und Folter.

Der erste Schriftsteller der sich damit auseinandergesetzt hat, war der Franzose Jean Lartéguy, beginnend mit seinem Bestseller LES CENTURIONS, 1960. Darin thematisierte er erstmals das „ticking-bomb-scenario“, das Folter rechtfertigt, um ein größeres Unheil für die Besatzer abzuwenden.

Dazu Niels Werber über eine Strategie, die von Lartéguy bis zur TV-Serie „24“ führt um Folter zu legitimieren:

Es ist die Unmittelbarkeit der Gefährdung, die Normbrüche rechtfertigt, und dieser Ausnahmezustand wird medienrhetorisch über das „ticking bomb“ Szenario hergestellt. Wir alle wüssten doch, dass die Bombe bereits tickt und großangelegte Attacken unmittelbar bevorstünden. Obwohl aus allen Operationen des War against Terror seit sechs Jahren kein einziges Beispiel für dieses Szenario benannt werden kann, liefern die tickenden Bomben jene certain exceptional circumstances in which there is a strong case for overriding the norm.´ Tatsächlich handelt es sich um eine literarisch-cineastische Fiktion, die weltweit etablierte kulturelle Errungenschaften einreißt und Unterschiede zwischen Politik und Recht, Krieg und Frieden, Kombattanten und Zivilisten, Front und Etappe, Militär und Polizei, Norm und Ausnahme aufhebt. Denn das „Ticking Bomb“-Szenario ist eine literarische Erfindung, die inzwischen eine großartige massenmediale Karriere gemacht hat.
1960 veröffentlicht ein ehemaliger Kämpfer der französischen Resistance, der nach dem Weltkrieg die französischen Kolonialkriege in Indochina und Algerien mitgemacht hat, den Roman „Les Centurions“.8 Das Buch wird zum internationalen Bestseller mit Millionenauflage. 1966 wird es von Hollywood mit Starbesetzung (Anthony Quinn, Alain Delon, George Segal, Claudia Cardinale…) verfilmt.


Die Protagonisten sind Fallschirmjäger, die in Vietnam die asymmetrische Kriegsführung der Guerilla kennengelernt haben und nun in Algerien, damals noch ein integraler Teil Frankreichs und damit Inland, die Konsequenzen ziehen. Die Lage Algeriens in den 1950er Jahren erinnert an die Situation der Koalitionstruppen im Irak oder der ISAF/OEF in Afghanistan: Die Franzosen befinden sich auf feindlichem Boden und kämpfen gegen einen entschlossen wie unsichtbaren Feind, der keine Uniformen trägt und der mit allen Mitteln versucht, die französische Besatzung und Besiedelung ihres Landes zu beenden: Zivilisten und Polizisten werden überfallen, zivile wie staatliche Einrichtungen attackiert, Grausamkeiten wie Enthauptungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen werden verübt. Die Front de Libération Nationale lässt sich auf einen regulären Krieg nicht ein, sondern führt einen Partisanenkrieg gegen alles Französische. In dieser Lage greift die 10. Fallschirmjäger Division in den Kampf ein. Die Paras in Lartéguys Roman hissen den schwarzen Wimpel der Piraten (S. 350, 368), sagen sich von allen rechtlichen, politischen, moralischen Bedenken los (S. 507), führen eine neue netzwerkartige Organisation mir flachen Hierarchien und größter operativer Selbstständigkeit der einzelnen Einheiten ein und beginnen selbst einen irregulären Krieg gegen die Nationale Befreiungsfront. Vom „Gegner“ lernen, heißt die Devise (S. 365). Die Truppen üben nach Attentaten Vergeltung an Zivilisten, sie nehmen Massenverhaftungen und Verhöre ohne Rechtsgrundlage vor, exekutieren Verdächtige und verwandeln Algerien in ein zweites Vietnam. Dieser terroristische Anti-Terror-Kampf zeitige, wie Jerome Slater betont, außergewöhnlichen Erfolg:

`There is little doubt, for example, that in the 1950s, the French torture of Algerian captives temporarily succeeded in destroying the underground movement.´

Ohne jeden Beleg, ohne Quellen zu nennen, behauptet Slater, es sei die Folter gewesen, mit der die Fallschirmjäger die Initiative zurückgewonnen hätten, denn nur durch die durch Folter gewonnenen Informationen sei es möglich gewesen, eine Geheimorganisation zu zerschlagen, deren Mitglieder französische Staatsbürger in bürgerlichen Berufen sind, die tagsüber die Lage erkunden und nachts Bomben legen oder Überfälle vornehmen.

Der Höhepunkt des Romans von Larteguy, der inzwischen selbst in der Ticking-Bomb-Debatte zum Topos geworden ist, stellt die extralegale Verhaftung eines wichtigen Mitglieds der FLN dar. „Wir sind nicht hier, um Verfahrensfragen zu regeln, sondern um zu kämpfen“, erläutert der Kommandeur der Truppen. „Wir müssen außerhalb jeder Legalität und jeder konventionellen Methode dieses Unternehmen wagen.“ Alles muss in völliger Geheimhaltung ablaufen, um zu verhindern, dass das „Problem internationalisiert“ wird und die UNO oder das ICRC „Beobachter“ schickt. Es dürfe kein Krieg sein, der die FLN zu einer Armee aufwerten und ihre Kämpfer mit Rechten ausstatten würde, sondern ein „Kampf“, der „um jeden Preis gewonnen“ werden müsse (S. 519). What ever it takes, die Devise Jack Bauers…
(Niels Werber: Tickende Bomben. Unser Weg in den Nicht-Krieg. https://www.boell.de/sites/default/files/assets/boell.de/images/download_de/bildungkultur/SS05_Niels_Werber_Tickende_Bomben.pdf )

Jean Lartéguy wurde als Jean Pierre Lucien Osty 1920 in Maisons-Alfort geboren; er starb 2011 im Hôtel des Invalides in Paris.

Er war ein vom Militär geprägter Journalist und Schriftsteller, der vor allem von den (De-)Kolonialkriegen Frankreichs geprägt war und diese in seinem Werk thematisierte. Seine berühmtesten Romane, DIE ZENTURIONEN, DIE PRÄTORIANER und DIE GRAUSAMEN TRÄUME gelten in Frankreich auch als Schlüsselromane, da mehrere Protagonisten und Handlungsträger auf realen Personen erkennbar basieren.
Er war der erste Autor, der sich sowohl journalistisch wie auch fiktional mit dem asymmetrischen Krieg auseinandersetzte, damals noch revolutionärer- oder Guerilla-Krieg genannt.

Ich wurde in eine dieser armen Bergbauerfamilien hineingeboren, deren Namen man auf Kriegsdenkmälern findet, aber nie in Geschichtsbüchern.“ Vater und Onkel kämpften im 1.Weltkrieg. Er studierte in Toulouse Geschichte, als er sich 1939 nach Ausbruch des 2.Weltkriegs zu den Waffen meldete. 1942 floh er nach Spanien, wurde dort für neun Monate interniert bevor er sich der Armee des freien Frankreichs anschließen konnte. Er diente in der 1er groupe de commandos bei Kommando-Unternehmen in Nordfafrika und Italien und kämpfte während der Befreiung in Frankreich und rückte mit nach Deutschland vor. 1946 schied er im Rang eines Hauptmannes der Reserve aus der Armee aus, schloss sich aber während des Korea-Krieges dem französischen Bataillon an und kämpfte in der Schlacht von Heartbreak-Ridge, in der er durch eine feindliche Handgranate verwundet wurde (später verarbeitet in seinem Roman LES MERCINAIRES). Als Soldat, Journalist und Schriftsteller erhielt er viele Auszeichnungen. Vorher und nachher arbeitete er als Journalist und Kriegsberichterstatter hauptsächlich für Paris Match und Paris-Presse. Neben Romanen und Sachbüchern arbeitete er auch als Drehbuchautor.

Bis in die 1970er Jahre war berichtete er von den meisten Krisenherden der Welt: Palästina, Indochina, Korea, Algerien, Kongo; seit den 1960ere Jahren verstärkt auch aus Lateinamerika über die Guerilla-Kriege der Freiheitsbewegungen (daraus ging sein in Deutschland bekanntestes Sachbuch hervor, GUERILLA ODER DER VIERTE TOD DES CHE GUEVARA, das 1968 in Der Spiegel vorabgedruckt wurde. In dem Buch bringt er seinen großen Respekt für Guevara zum Ausdruck und analysiert den Zustand der damaligen lateinamerikanischen Freiheitsbewegungen: „Die lateinamerikanischen Guerillas bemühten sich, ihre Sache ebensogut zu machen wie die Vietcong. Aber ihr Mangel an Disziplin, ihr sehr hispanischer Dünkel, ihre Ablehnung jeglicher Autorität machten sie oft zu einer leichten Beute für die Spezialisten aus Panama. In Lateinamerika mußten die Amerikaner die Zeitungen bestechen und ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit man nicht nur von ihren Niederlagen in Vietnam berichtete.

Eine Zeitlang waren für ihn die Israelis die Soldaten, die seinen Idealen und seiner Vorstellung von Effektivität am nächsten kamen („sogar den Vietnamesen überlegen“). „The Israeli army was born of … that mad old genius Orde Wingate and his „midnight battalions“ of Jewish warriors that included the young Moshe Dayan and Yigael Allon. Kaplan: “Wingate was a Christian evangelical before the term was coined. The son of a minister in colonial India, he frequently quoted Scripture and read Hebrew. In 1936, Captain Wingate was dispatched to Palestine from Sudan. For religious reasons he developed an emotional sympathy for the Israelis, establishing himself as `the Lawrence of the Jews.´ He taught them „to fight in the dark with knives and grenades, to specialize in ambushes and hand-to-hand fighting. Wingate headed to Ethiopia in 1941, leading Ethiopian irregulars in the struggle to defeat the Italians and put the Negus Negast (King of Kings, Haile Selassie) back on the throne. From there it was on to Burma, where he consolidated his principles of irregular warfare with his famed `chindits´ long-penetration jungle warriors, dropped by parachute behind Japanese lines.”

Die Sympathie war gegenseitig: israelische Fallschirmjäger übersetzten DIE ZENTURIONEN und DIE PRÄTORIANER ins Hebräische, um sie in ihren Ausbildungslagern zu lesen. Mitte der 1970er Jahre änderte sich seine Bewunderung, da er den Israelis vorwarf, dass sie sich zu sehr von amerikanischer Waffentechnologie abhängig gemacht hätten und dadurch ihre frühere Qualität verloren gingen.

2013 erschien seine Biographie: JEAN LARTÉGUY von Hubert Le Roux.

Er hatte in den 1950ern als Buchautor begonnen (was auch zu einigen Drehbuchaufträgen geführt hatte). Der große Durchbruch kam 1960 mit LES CENTURIONS, einem der großen und vergessenen Kriegsromanen des 20.Jahrhunderts, der bis heute häufig unterschätzt oder aus kurzsichtiger ideologischer Perspektive abgelehnt wird. Lartéguy gelang damit nicht nur ein Weltbestseller, er wurde auch zu einem der meistgelesenen Autoren in Frankreich. Mit dem Roman veränderte er sogar das Leseverhalten der Franzosen, wie Le Figaro Littéraire feststellte: vor dem gigantischen Erfolg hatten 38% der Erwachsenen noch nie ein Buch gelesen, was sich mit den CENTURIONS als Tagesgespräch schlagartig änderte. Es folgte ein weiterer Algerien-Roman, LES PRÉTORIENS, der Hintergründe zur OAS verarbeitete und ihn endgültig als Bestsellerautor etablierte.

In den ZENTURIONEN wird die Entfremdung zwischen Militärs, Politikern und heimische Bevölkerung angesprochen; Jahre vor den Vietnam-Protesten. Ebenso zeigt Larteguy hier erstmals die Unterschiede und Frustrationen zwischen konventionellen Waffengattungen und den „neuen“ Special Forces, die mit neuen Methoden versuchen, den asymmetrischen Krieg zu gewinnen.

Robert Kaplan erzählt in seinem Artikel für The Atlantic, wie häufig ihn Generäle oder ehemalige Special Forces auf DIE ZENTURIONEN verwiesen haben. Der Roman wurde zum Kultbuch der Special Forces in Vietnam.

In Artikeln und Anmerkungen wird gerne hervorgehoben, dass Lartéguy ein konservativer Militarist und strammer Anti-Kommunist gewesen sei. Ganz klar gehörte er in den 1960er Jahren zu den Feindbildern der Pariser Linksintellektuellen. Dabei werde und wurden einige Dinge unterschlagen: Nach dem Weltkrieg spielte Lartéguy mit dem Gedanken, für die Sozialisten in die Politik zu gehen. Durch seinen militärischen Hintergrund (und weil er als Journalist dahin ging, wo es gefährlich war – ganz ähnlich wie Scholl-Latour, der in Deutschland auch häufig Anfeindungen ausgesetzt war) bekam er intimen Zugang zu Soldaten und Informationen. Seine Empathie für diese Leute brachte er in den Romanen und Reportagen zum Ausdruck – selbst die Folterer der Spezialkräfte versuchte er zu begreifen, was nach der Schlacht um Algier sicherlich nicht gut aufgenommen wurde.

Was aber meistens nicht erwähnt wird, ist sein Bruch mit den Fallschirmjägern, da er in ihren politischen Bestrebungen ganz klar faschistische Haltungen und Ziele erkannte. Die dreckigen Methoden der Special Forces waren für ihn ein erkennbares Dilemma. So schrieb er auch in den ZENTURIONEN: „Sie gewinnen Schlachten, aber verlieren ihre Seele.“

Zynisch drückte er erstmals den Widerspruch zwischen Special Forces und bürokratischer Kriegsmaschine aus, die bis heute die Ineffektivität in der asymmetrischen Kriegsführung in Afghanistan, Irak oder Afrika mitträgt: Seine Soldaten haben mehr Respekt vor dem Feind als vor den Karrieristen in der eigenen Armee, „Leute die früh aufstehen, um nichts zu tun“. Soldaten, die ihr Leben riskieren „um nach Hause zu kommen, von den Bürgern beschimpft zu werden, deren Zivilgesellschaft sie vermeintlich verteidigt haben und um festzustellen, wie korrupt und verkommen diese Gesellschaft ist“. Die Entfremdung zwischen Soldaten, insbesondere der Spezialkräfte, und ihrer Gesellschaft trat in dieser Deutlichkeit erst nach dem 2.Weltkrieg in den Kolonial- und Befreiungskriegen auf und wird angesichts des Zynismus aktueller und künftiger Gier-Kriege nach Ressourcen (zu Gunsten weniger Profiteure) an Problematik und gesellschaftlicher Sprengkraft noch zunehmen, auch wenn das heute noch von wenigen erkannt ist.

Man muss Larteguy – auch wenn man im vielen nicht mit ihm übereinstimmt – zugestehen, dass er dies als erster Schriftsteller thematisiert und zum Teil erschreckend ausgelotet hat.
„Und welchen Unterschied machen Sie denn zwischen einem Flieger, der hoch oben in seinem Flugzeug sitzt und Behälter mit Napalm über eine Mechta (algerische Bauernsiedlung) abwirft, und einem Terroristen, der seine Bombe im Coq Hardi (Bar in Algier) ablegt? Der Terrorist braucht nur unendlich mehr Mut.“ (Die Zenturionen, 4. Aufl. Bonn 1961, S. 481.)

In seinem dritten großen Kriegsroman, DIE GRAUSAMEN TRÄUME (Les chimères noires,engl.: Hounds of Hell), 1963, beschreibt er die Katanga-Krise von 1960–1963 aus der Perspektive dreier Söldner (darunter auch ein deutscher). Die Hauptfigur des Obersten La Roncière ist an Roger Trinquier angelehnt. Er ist Führer einer Gruppe von französischen Söldnern, die dem separatistischen Katangapräsidenten als Elitetruppe dienen und auch gegen UNO-Truppen eingesetzt werden, die die Abspaltung Katangas von der Demokratischen Republik Kongo verhindern sollen:
„La Roncière entdeckte voller Erstaunen, dass er sich zum ersten Mal ohne Schwierigkeit in die Rolle des Gegners versetzen konnte. In Indochina konnte man sich nicht an die Stelle der Viets setzen, in Algerien nicht an die der Fellaghas. Jetzt aber war er nur noch ein Söldner, Techniker einer bestimmten Art der Kriegführung, den man ebenso einstellte wie andere, die eine Brücke bauen sollten.“ (Die grausamen Träume, S. 69)

Diese drei Romane werden auch gerne als Trilogie behauptet. Darüber lässt sich streiten. Für mich unbestreitbar ist, dass sie drei sträflich unterschätzte Kriegsromane des 20.Jahrhunderts sind und auch literarisch wiederentdeckt werden sollten. Hat sich der Leser erst mal auf Lartéguy eingelassen, kommt er den dargestellten Ereignissen und Personen so nahe wie durch kein vergleichbares Buch.

Unbedingt zu erwähnen ist auch Lartéguys großer Laos-Roman DIE TROMMELN AUS BRONZE, 1967, der die Geschichte Laos und das geheimdienstliche Geschachere um Indochina zu einem höchst ungewöhnlichen Polit-Thriller verschmilzt. Ebenfalls zu empfehlen ist DAS GELBE FIEBER, seinen großen „Abschiedsroman“ von Indochina, in dem er den Amerikanern ein ähnlich verehrendes Disaster wünscht wie es die Franzosen erlitten haben (und mit Oberst Terryman zeichnet er ein Portrait des berüchtigten Colonel Lansdale). Das „gelbe Fieber“ ist das „indochinesische Fieber“; die romantische, sehnsuchtsvolle Wehmut nach dieser Region, die man nie wieder los wird und ein Leben lang verfolgt (auch das teilte Lartéguy mit Scholl-Latour und vielen Europäern).

P.S.: Wer den Roman DIE ZENTURIONEN kennt, wird für die Verfilmung höchstens ein müdes Lächeln erübrigen. Der Film lief unter dem Titel THE LAST COMMAND, da die cleveren Produzenten befürchteten, das blöde Publikum würde beim Titel CENTURIONS vermuten, es handele sich um einen weiteren Sandalen-Film.



DER NEUE SEEßLEN by Martin Compart

Georg Seeßlen ist seit den 1970er Jahren der prägendste Theoretiker der populären Kultur in Deutschland. Punkt. Kein anderer hat so viele Anstöße gegeben, um sich mit Genres und ihren medialen Ausformungen zu beschäftigen, ist so in die Tiefe gegangen wie Seeßlen. Zu seinen Vorläufern kann man Walter Benjamin, Siegfried Krakauer und Teile der Frankfurter Schule zählen, die sein scharfes analytisches Denken geschliffen haben. Wie die beiden erstgenannten, hat er auch etwas genialisches und wird voraussichtlich nach seinem Ableben vom Feuilleton als Klassiker verharmlost werden.

Sein Ansatz:

„Zeit meines Lebens habe ich Pop geliebt und gehasst. Pop war hier Befreiung und da Unterdrückung,
hier Explosion der Wahrhaftigkeit und dort Implosion der Verlogenheit. Pop bewahrte das innere Kind und förderte die Vergreisung, Pop rebelliert und korrumpiert. Pop konstruiert die kleinen Unterschiede der Klassen und setzt sich über die gesetzten Grenzen hinweg. Pop ist universal, regional und national; Pop macht einfach alles mit, denn es ist der Ausdruck des Kapitalismus in der Demokratie, wie es der Ausdruck der Demokratie im Kapitalismus ist. Ohne Pop würde es diese prekäre Einheit gar nicht geben, und ohne Pop wären die Spannungen zwischen beiden nicht auszuhalten. Zugleich aber reagiert Pop auf die Brüche und Widersprüche, wie es keine »Hochkultur« und keine Wissenschaft kann. Jede Erkenntnis und vor allem Selbsterkenntnis einer Gesellschaft ist in ihrem popkulturellen Sektor »irgendwie« schon da. Pop ist das Klügste und gleichzeitig das Dümmste, was wir haben und was wir kennen.“


Critica Diabolis 251
Broschur
224 Seiten
16.- Euro
ISBN 978-3-89320-228-7

https://www.amazon.de/This-End-zwischen-Befreiung-Unterdrückung/dp/3893202285/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1521206042&sr=8-1&keywords=georg+see%C3%9Flen+pop

Ich kenne Georg Seeßlen seit 1973. Obwohl ich ihn nie persönlich getroffen habe, begleitet sein Werk mich bis heute. Sein damals erschienenes Werk ROMANTIK UND GEWALT (zusammen mit Bernt Kling), ein zweibändiges Lexikon der Unterhaltungsindustrie, erweiterte den Blick auf Genres in allen Medien. Später habe ich zeitgleich mit ihm für die Science Fiction Times geschrieben, die damals vor allem ideologische Enttarnung betrieb. Wer sich seit den 1970ern mit populärer Kultur beschäftigte, stieß immer wieder auf Aufsätze und Bücher von Seeßlen (legendär die zehnbändige Serie über Film-Genres, erst bei Roloff & Seeßlen, dann bei Rowohlt).

Manche Thesen überzeugten mich nicht, andere eröffneten neue Perspektiven. Aber nie waren seine Äußerungen uninteressant, meistens brachten sie einen weiter. In seinen zahlreichen Büchern bewies er zudem, dass populäre Kultur in der Theorie oft spannender ist, als in ihrer „Praxis“. Seine dialektischen Volten, die gerne überraschend in den Satzbau einfließen, sind zumeist erhellend, oft verblüffend und regen unterhaltsam den Gebrauch der Hirnzellen an. Und er war auch immer so clever, sich für bestimmte Themen und Genres die Mitarbeit von Spezialisten zu sichern, die ein ungeheures Detailwissen miteinfließen ließen.

Da wir wohl in der letzten Phase der Kapital dominierten westlichen Demokratien leben, ist ein Rückblick und Abgesang auf Popkultur fast zwingend. Die Transformation unserer Gesellschaft in zunehmende Unfreiheit und Ressourcenvernichtung, wird von der Popkultur inzwischen nicht mehr nur begleitet, sondern auch durch reaktionäre Strategien gefördert (dieser reaktionäre Pop nimmt in diesem Buch auch entsprechenden Raum ein).

Pop als Experimentierfeld für Utopien oder Dystopien funktioniert nur in einer funktionstüchtigen Demokratie. „Wenn es dem Pop schlecht geht, geht es auch der Demokratie schlecht und umgekehrt.“ Eine der Kernthesen des Buches.

Pop hat längst seine rebellische Form verloren und ist im Mainstream aufgegangen, wo er nur noch als dumpfes Konsuminstrument funktioniert. Pop hatte immer wieder Zukunft in Aussicht gestellt (vom Überwinden der Pubertät bis hin zu einer gerechten Gesellschaft). „Die Gesellschaft hat irgendwann akzeptiert, zukunftslos zu leben.“
Seeßlen zeigt auch, wie der Niedergang des Pop begann, als der Kapitalismus in seine „stalinistische Phase“ (also nach 1989; that´s Pop, ihr vertrottelten Akademie-Lemuren) eintrat.

Synthese und Dialog mit der bürgerlichen Kultur, da folgt er Antonio Gramsci, ist nicht nur heute ein emanzipatorischer Ansatz, sondern bereits historisch bewährt: „Im Pop der sechziger und siebziger Jahre schien sich eine solche Möglichkeit durchaus anzubahnen. Es war möglich, Rolling Stones zu hören und zugleich Rilke und Marx zu lesen. Bei Bob Dylan kam das alles ohnehin wieder zusammen, und bei Frank Zappa auch, ebenso aber auch bei Andy Warhol, der den Künstler als Pop-Star gab und die Techniken von Hoch- und Massenkultur bewusst miteinander kurzschloss.“ Denn „es ist gewiss kein Zufall, dass in den rebellischen Zeiten“ linke Kultur und Hochkultur im Pop Gemeinsamkeiten fanden, „während in den Zeiten der rechten Hegemonie taktisch und strategisch die volkstümliche gegen die elitäre Kultur ins Feld geführt werden“.

Das Pop von rechts vereinnahmt wird, erscheint mir weniger bedrohlich (Tendenzen von Freddy bis zu dämlichen Country-Sängern und John Wayne-Filmen gab es immer), das Faschismus letztlich nur für Sado-Masochisten erotisch ist. Aber man sollte wohl den Anteil von Sadomasochisten in der Bevölkerung nicht unterschätzen, denn sonst wären die Zustände nicht wie sie sind. Um nicht gar ausdehnend von Wilhelm Reichs autoritären Charakteren zu reden…

Aber es ist auch klar, „dass neoliberale Konzerne neoliberale Produkte eher auf den Markt bringen als kritisch subversive“. Vorbei die „Adornistische Rigorosität“ (Seeßlen), in der das Produkt alleine durch den Warencharakter diskreditiert gehört.

Seeßlen löst gar die alten Fronten zwischen Pop und bürgerlicher „Hochkultur“ auf, indem er in letzterem aktuell emanzipatorisches ausmacht und immer wieder auf Synthesen von Hoch- und Pop-Kultur verweist oder diese verlangt: „…diese Hochkultur enthält unter vielem anderen auch das Archiv der Befreiungskämpfe… Wenn das Volk auf eine Kultur hereinfiele, die behauptet, man brauche nicht mehr als Traumschiff, Bild-Zeitung, Oktoberfest und Internet-Pornos…, dann hätte dieses Volk alles für seine Selbstentmachtung getan.“ Tatsächlich war der erklärte Gegensatz zwischen Hoch- und Pop-Kultur immer nur Ideologie.

Derartige Synthesen sind dem Neoliberalismus zutiefst zuwider, denn in ihm „wird die Klassengesellschaft von ehedem in der bürgerlichen Gesellschaft nicht aufgehoben, sondern transformiert.“ Er sieht einen Pakt zwischen Rechten und Neoliberalen: „Um das gemeinsame Ziel von Rechtspopulismus und Neoliberalismus zu erreichen, nämlich die Abschaffung der Gesellschaft zugunsten von Markt und völkischer Gemeinschaft, muss auch Pop entgesellschaftet werden.“ Entgesellschaftung ist auf allen Ebenen erkennbar, da sich die Klassenlage weitgehend nicht mehr ökonomisch, sondern kulturell definiert: „…reiche Prolls und arme Bildungsbürger, Milliardäre, die mit Hilfe des `Volkes´ das Establishment stürzen wollen…“

Was soll Pop-Kritik noch leisten?

„Die Herstellung des Alltagsverstandes durch Popkultur und Warenwelt ist der Gegenstand meiner Idee von Popkritik, die weder von außen noch von oben kommt, sondern aus der Mitte von Empathie und Erschrecken, aus Nähe und intellektueller Distanz… Popkritik ist immer auch die Kritik des Alltagslebens und dessen, was in sie hineinregiert, die Interessen von Staaten und Ökonomien… Der Alltag ist nicht nur Widerschein des Politischen, der Alltag ist das Politische schlechthin.“

Pop befindet sich also im selben desolaten Endzustand wie die Demokratien. Softwareverfall in einem „neu“ figurierten Betriebssystem.
In letzteren beugen sich sogar so genannte Volksvertreter servil vor „einflussreichen“ (Arbeitsplätze!!!) Betrügerbanden wie VW & Co., und vertreten deren verbrecherische Machenschaften gegen die Betrogenen.
Bei Merkel, Spahn, Scheuer, Heiko Maas, Olaf Scholz – und wie sie alle heißen, diese Taliban des Neoliberalismus – nützt ebenfalls kein Update ihrer untüchtigen Software.

Und gerade in solchen Zeiten braucht man doch die Wunschmaschine des Pop zur eigenen Interessenlage. Stattdessen hat sich Pop zu einem kybernetischen System der Neoliberalen entwickelt… Oder vielleicht doch nicht?…

P.S.: Eines ist mir bei der Lektüre von Seeßlen wieder aufgefallen:
Es existiert ja kein wirklicher Kapitalismus. Im lupenreinen Kapitalismus gibt es kein feudalistisches Erbrecht. Was NeoCons und NeoLibs anstreben, ist ein Sowjetsystem, in dem alles von unten nach oben verteilt wird; genauso lemminghaft wie die Klimapolitik. Folgerichtig wird das Wirbeltier auf diesem Planeten an unfassbarerer Blödheit krepieren, dessen Maßstab die Intelligenz der Autoindustrie und ihrer politischen Idioten ist.

Oder wie Frank Zappa mal gesagt hat: The torture never stops.