Martin Compart


GANGS OF LONDON – Es gibt ein Sterben nach den Krays oder Tod den Investoren by Martin Compart

London 2020.

Lange vorbei sind die Zeiten liebgewonnener Folklore, in der die Kray-Twins die Unterwelt beherrschten. Auch die Yardie-Romantik gehört weitgehend der Vergangenheit an. Ja, es gibt ein Leben nach den Krays, deren Eastend-Mythos den britischen Gangsterfilm bis heute beeinflusst. Heute ist London einer der größten moralischen Slums der Welt, in dem sie Evil-Twins kaum noch eine Chance hätten.

Aber nun werden neue Töne angeschlagen.

Das wird einem innerhalb der ersten drei Minuten der Eröffnungsszene klar, die an Brutalität in filmischer Eleganz alles übertrifft, was man bisher auf dem Bildschirm gesehen hat.

Die TV-Serie GANGS OF LONDON zeigt ein aktuelles, sicherlich überzeichnetes, Bild, wie Organisierte Kriminalität in der Finanzmetropole heute abläuft: Alle ethnischen Gruppen, von Albanern über Asiaten bis hin zu den Iren, haben sich in einem Aufsichtsrat zusammengeschlossen und die Märkte aufgeteilt. Hinter ihnen stehen Investoren (die in der Serie erstmal im Dunkel bleiben), die renditiert werden. Denn die City – immer auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten – schätzt das steuerfreie Geschäft mit Rauschgift, Mord, Prostitution und anderen illegalen Spezialgebieten. Hier sind die Kursgewinne gigantisch, hier tobt der Feudal-Kapitalismus ungehemmt auf höchstem Niveau.

Der Wahnsinn wirkt authentisch. Die Krays kennt hier niemand mehr.

Stattdessen romantisiert man den Zusammenschluss unterdrückter Ethnien zum ökonomischen Vorteilsstreben. Die Allianz zwischen dem irischen Kingpin und seinem schwarzen Adlatus resultiert aus Diskriminierungszeiten der 1970er: „No Blacks, No Irish. Illegitimate bastard children of the great British Empire. A city of closed doors brought us together.

Der Finanzmakler, eine Art irischer Mayer-Lansky, der dieses Profitmodell entwickelt hatte und anführt, wird in der Pilotfolge umgebracht, und sein nachfolgender Sohn löst durch eine falsche Marktstrategie („Alle Geschäfte stehen still, bis ich den Mörder meines Vaters habe.“) gewalttätige Tumulte aus, die an die Substanz der Unternehmen gehen.
Gespielt wird der Tycoon von Colm Meaney, Hackfresse und Legende des britischen Gangsterfilms.

Über den Bildschirm laufen nun gnadenlos choreographierte Brutalitäten, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. Dagegen wirken die meisten Martial-Arts-Filme wie Vorabend-Serien.

Heike Hupertz beschreibt das im F.A.Z.-Net vortrefflich: „…stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Gareth Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie Gangs of London, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt.“
Sie weist auch zu Recht darauf hin, dass die Serie ebenfalls als Charakter-Drama funktioniert. Tatsächlich wirken die Gewaltorgien nie anorganisch in dieser komplexen Erzählung, die durch die ungewöhnlichen Charaktere und ihrer Gier nach Rache oder neoliberalem Wirtschaftsstreben vorangetrieben wird.

Schon jetzt ist klar, dass GANGS OF LONDON neue Maßstäbe setzt. Ästhetisch vergleichbar innovativ wie MIAMI VICE in den 1980er Jahren. Für das Genre des britischen Gangsterfilms ein stilistischer Quantensprung, der selbst die Aficionados schockiert und verwirrt. Um die dysfunktionale Zivilisation vorzuführen findet GANGS OF LONDON bisher nie gesehene Bilder und Szenen neben den genrespezifischen Topoi.

Der ehemals gefeierte „Erneuerer“ Guy Ritchie wirkte mit seinen Werken schon immer gestriger als VILLAIN, SEXY BEAST oder GET CARTER (deren Klassiker-Status nie zur Disposition steht).

Bereits mit dem Pilot-Film hat GANGS OF LONDON seine eigene Mythologie geschaffen und inszeniert. Wie bei VILLAIN und im Gegensatz zu Ritchie dient die erschreckende Brutalität nie dazu, pickeligen Popcornfressern ein debiles Lachen zu entlocken. Evans und Flannery meinen es ernst und mildern nichts durch ironische Seitenblicke. Schönes, heroisches Sterben, wie in französischen Gangsterfilmen (vor allem mit Alain Delon), gab und gibt es nicht im britischen Pendant.

Zwischen deutschen Produktionen und den besten internationalen liegen inzwischen Lichtjahre.
Das ist auch Jan Freitag aufgefallen; er schreibt im „Tagesspiegel“:
„Anders als deutsche Produktionen. Diese Wortkargheit ist es auch, mit der sich „Gangs of London“ von deutscher Redundanz distanziert. Eine Szene wie jene, als Sean 30 endlose Sekunden lang schweigend am offenen Sarg seines Vaters steht und Mutter Marian mit den Augen allein offenbart, wie abgrundtief sein Hass ist, wie übermächtig sein Ehrgeiz, scheint in deutscher Produktion schlicht undenkbar.“

Höhnisch meinte „The Indipendent“, dem die Serie weniger gut gefiel: „Evans’ series is an unholy combination of The Raid and EastEnders.“
Wie so viele Gangstergeschichten ist auch GANGS neben anderem eine Familien-Saga. Und anders als bei den Waltons oder Cartwrights hat hier jedes Familienmitglied etwas zu verbergen.

Gangsterepen sind inzwischen zu Symbolen des Kapitalismus geworden. Zeigen sie doch wunderbar in der beginnenden Endzeit der Klimakatastrophe, dass diese Form des Wirtschaftens auf denselben Vernichtungsstrategien eines Dschingis Khans beruht, nur effektiver dank technologischer Fortschritte. Mit Zivilisation hat das so viel zu tun wie das Morden und Plündern barbarischer Horden.

Man könnte über gelegentliche Klischees und Unstimmigkeiten der Serie mäkeln: Eine Gang-Organisation handelt gar mit Silikon-Puppen. Aber ich schließe mich da gerne GQ an: „sex dolls (we’re not sure why, given these are legal and easily available on the internet, but OK)“. Aber es sagt auch etwas über Klischeebruch aus, wenn ausgerechnet der mörderische Boss der Albaner-Gang wie der nette Nachbar rüberkommt.

Entwickelt wurde die Serie für Pulse-Films von dem preisgekrönten Filmemacher Gareth Evans (The Raid: Redemption) und seinem kreativen Partner Matt Flannery (Kamera). Beide arbeiteten schon für indonesische Martial-Arts-Filme. Evans nennt sein ästhetisches Konzept für London „Gothamized“.

Und „Empire“ erkennt: „Where Gangs Of London makes its biggest mark, however, is in an area that will surprise nobody who’s seen The Raid or its sequel. Having made their name in the Indonesian film industry, Evans and Flannery now import their own brand of hyper-kinetic, unflinchingly ferocious screen violence to the streets of our capital, with each episode featuring at least one virtuoso action sequence (even after Evans hands the directing reins to Corin Hardy, who in the fourth episode shows he’s as adept at action as he is horror).“

In England gab es wegen der Gewaltdarstellung viel Protest. Das hinderte aber nicht daran, dass die durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf fast 1, 5 Millionen stiegen und die downloads im Mai 16,6 Millionen erreichten. Sie ist nach GAME OF THRONES die zweiterfolgreichste Serie von Sky Channel – und das „Okay“ zu einer zweiten Season war nur eine Formsache.

„The British gangster thriller has never fackin’ seen anything like this before.“ (Empire)

Autoren: Peter Berry, Claire Wilson, Carl Joos, Lauren Sequeira, Gareth Evans, Matt Flannery
Regisseure: Corin Hardy, Xavier Gens (drehte den Backwood-Kracher FRONTIER(S)), Gareth Evans
Hauptdarsteller: Joe Cole (Peaky Blinders), Sope Dirisu (Humans), Colm Meaney (Star Trek), Lucian Msamati (His Dark Materials), Michelle Fairley (Game of Thrones), Paapa Essiedu (Press), Pippa Bennett-Warner (Harlots).
Production Company: Pulse Films
Vorlage war ein gleichnamiges PSP-Video-Spiel von 2006.

P.S.:
Schön ist auch, was im Blog der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft von Uwe Breitenborn zu der Serie zu lesen ist:

„Um es vorwegzunehmen: Ein außerordentlich hohes Gewaltlevel prägt die meisten Episoden, so dass sich der FSF-Prüfausschuss bei fünf der neun Episoden erst für eine Freigabe ab 18 Jahren entschied…

Auch wenn die Gewalthandlungen genretypisch exzessiv und zuweilen überchoreografiert sind, haben sie durchaus einen spekulativen Grundton. Eine gewisse Gewaltlust ist der drastischen Inszenierung nicht abzusprechen, was als sozialethisch desorientierend gewertet wurde. Einge Episoden erhielten aber auch eine Freigabe ab 16 Jahren. Bei ihnen wird dieser Altersgruppe zugetraut, sich von den Gewaltexzessen distanzieren und diese Szenen einordnen zu können. Die Gewaltexzesse sind dramaturgisch zumeist angebahnt und einordenbar. Es gibt zudem kaum deutlich positive Identifikationsfiguren…

Bemerkenswert ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Plots, der ein weit aufgefächertes Figurenensemble aufweist, eine faszinierende, aber auch zynische Inszenierung des neoliberalen Londons. Die Skrupellosigkeit des turbokapitalistischen Zeitgeistes durchweht jede Pore des Films. Luxus und Gosse sind fest verwoben, etwas Durchschnittliches gibt es hier nicht, nur Extreme. Das gilt für die exzellente Besetzung ebenso wie für die überbordende Gewalt, die sich wild über Genrekonventionen hinwegbewegt. Hier werden Bauernhäuser zu Kriegslandschaften, Gangrivalitäten zu Massakern und Beziehungen zu Folterhöhlen. Kriegsfilm, Splatter, Western, Gangsterdrama – ja, Oper müsste man eigentlich sagen. Ein Epos ohne Grenzen. All das muss man aushalten, man kann es auch bewundern. Aber getreu dem Motto eines regionalen Radiosenders ist zu sagen: Nur für Erwachsene!“





Barlow spricht: by Martin Compart
19. Juli 2020, 2:27 pm
Filed under: Eeben Barlow, Politik & Geschichte | Schlagwörter:


(THIS IS NEITHER A MEDIA RELEASE NOR A POLITICIAL DEBATE)

One thing our country can shamefully boast about is the rampant and uncontrolled crime that has engulfed South Africa.
The perceived tyrannical policies and responses to countering the Covid-19 virus has devastated our economy, wrecked the business environment, and resulted in the loss of millions of jobs. It is a given that South Africa will experience a massive hike in crime as the ranks of the unemployed continue to grow on a daily basis.
What the disjointed policies and regulations did was expose the total lack of governance and leadership we are experiencing. Within this vacuum, crime has really made its mark felt.
Crime is not only restricted to the theft of basic commodities such as foodstuffs. The current lockdown has also opened a new window to new opportunities for institutionalised crime.
Armed robberies, ATM bombings, cash-in-transit heists, farm murders, and other violent crimes have an unprecedented impact on the economy, and society. The people who perpetrate these crimes are armed with assault rifles, explosives, cell phone jammers, radios, and other military-type equipment.
The scale of criminality we are experiencing cannot be fought with hashtags such as #blacklivesmatter, #whitelivesmatter, and #alllivesmatter, and other noble soundbytes. Plans without action, are useless.
Criminality does not distinguish between race or religion. To the criminals plaguing the country, no lives matter.

How South Africans currently perceive the law enforcement agencies’ action and reaction―or lack thereof―to countering crime, and in particular violent crime, is not a kind perception. Disarming law-abiding citizens to increase their vulnerability to violent crime is disconcerting in the extreme.
It is no secret that our Law Enforcement Pillar has been eroded to a point of near collapse. Police officers appear more concerned with eliciting bribes and enforcing lockdown rules than in countering crime. The lockdown rules have given criminals time and space to plan their next actions, in relative peace, as they are seemingly no longer on the police’s radar.
It is no secret that we have turned to China to help train our police officers―something that every South African ought to be very concerned about. I, for one, certainly don’t want to see Chinese nationals policing our country. Ironically, the media remains silent on this story. But that is a debate for another day.

It is also no secret that the current extremist-driven conflict in neighbouring Mozambique will spill-over into South Africa. Many Islamists from across Africa are already receiving training in South Africa―this is not a rumour but a fact. As the extremists have already threatened South Africa with retaliation if we get involved there, the apparent lackadaisical approach to countering this threat remains very disturbing.

With rampant domestic criminality, and violent neighbouring terrorism, many people are of the view that South Africa has already seen the arrival of domestic terrorism. Indeed, the statistics of people killed due to violent crime in South Africa exceed those of some countries engaged in all-out war―something else we remain silent about.

Whereas definitions of terrorism differ, it is commonly viewed as “the unlawful use of violence and intimidation, especially against civilians, in the pursuit of political aims.”
The crime in South Africa is characterised by “the unlawful use of violence and intimidation, especially against civilians…” but proof of the “pursuit of political aims” is, in my opinion, still absent.
But this begs the questions: Are we facing an unprecedented scale of a criminal insurgency? Or have we entered a phase of terrorism in South Africa? Are we faced with a criminal insurgency with elements of terrorism, or terrorism with elements of criminality?
Regardless of how we wish to view the unfolding violence, it is, again in my opinion, not rocket science to end it.

But it is apparent that our National Security Strategy―and in particular its implementation―has become lost in a sea of inability, and disjointed plans, policies and populism.
Unless an urgent assessment of the situation is done, and new plans and policies formulated, along with decisive action, we will become our own worst nightmare―a path we seem to be blindly following.
It will remain the responsibility of every citizen to protect him/herself, property, and loved ones against the wave of terror-inducing crime that threatens to swallow us, as no one else will.



KLASSIKER DES NOIR- UND POLIT-THRILLERS: NELSON DEMILLE by Martin Compart

Kürzlich blieb ich in meiner Bibliothek nach langer Zeit mal wieder bei Nelson DeMille hängen, den ich immer geliebt und verehrt habe. Ich blätterte in einigen Romanen und war auf Anhieb wieder fasziniert von der Vielfalt seiner Themen, seiner schreiberischen Eleganz und überhaupt: seinem schriftstellerischen Können.

Angefangen bei der durchgeknallten Ryker-Serie (zuerst hieß sein Cop „Keller“) bis hin zu den Romanen um den Anti-Terroragenten John Corey, die mich – zugegeben – weniger beeindrucken als seine Non-Series-Thriller. „When I first introduced Corey in Plum Island, he was an NYPD homicide detective on medical leave, recovering from wounds received in the line of duty. At the end of Plum Island he’s medically retired, and that’s the last I expected to see of John Corey. My readers, however, felt otherwise, and thousands of fan letters arrived asking to see Detective Corey again. Reviewers, too, liked the character and wanted to see more of him. So I gave him a second career in The Lion’s Game and made him a contract agent with the Federal Anti-Terrorist Task Force, based on the real Joint Terrorism Task Force. This worked, and I also gave him a new wife, Kate Mayfield, a career FBI special agent whom he met on the job.
Together, John and Kate are hunting down terrorists in New York City, around the country and most recently in Yemen, in The Panther.”

In den 1980er Jahren war Nelson Demille so eine Art „Sidney Sheldon des denkenden Lesers“. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Bestseller und Millionenauflagen durchaus mit Niveau vereinen lassen. Der Autor sagte einmal stolz: „Meine Bücher sollen von einem Professor genauso verschlungen werden, wie von einem Handwerker.“

Heute schafft er es in den USA noch immer auf die Bestsellerlisten, aber in Deutschland ist sein Status in den letzten Jahrzehnten gesunken. Leider.

Für gutgeschriebene Thriller mit politischen Bezügen ist DeMille ein Garant. Egal, ob Noir-Romane, wie die Stryker-Serie, oder Polit- und Agententhriller – seine Romane sind von außergewöhnlicher Qualität. Sein Politologie-Studium bewahrt ihn vor allzu platten Fehlanalysen der jeweilig behandelten Gegenwartsproblematiken, die zeitgeschichtliche Bestseller oft so unerträglich dämlich machen.

Sein Talent für Charaktere, gut konstruierte Handlungen und Timing bewahren ihn auf der anderen Seite davor, langatmig und spannungslos durch die Seiten seiner voluminösen Romane zu kutschieren. Der Mann kann einfach keinen langweiligen Satz schreiben.

Als besonders prägende Einflüsse nennt er Hemingway und Graham Greene. Letzterer vor allem bezüglich der Darstellung exotischer Schauplätze. In seinen Büchern bemüht er sich stets darum, einen eigenen Kosmos zu schaffen. „You have to find a new story every time. But it has to fit with the character’s backstory and it has to fit with the job you’ve created for him.”

Gelegentlich treten Hauptfiguren oder Schurken aus früheren Romanen in Nebenrollen in anderen Romanen auf. Beispielsweise taucht Paul Brenner, der Protagonist aus THE GENERALS DAUGHTER auch in UP COUNTRY und THE PANTHER auf. Der Schurke Colonel Petr Burov aus THE CHARM SCHOOL scheint identisch zu sein mit dem Terroristen-Ausbilder Boris aus THE LION´S GAME und THE LION, der Coreys Erzfeind Asad Khalil trainierte.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen bewundert DeMille die britischen Thriller-Autoren: „I like the way the British do. The British are into character. They are into dialog. Very clever phrases, and they’re into the ambience. The foggy London day. The steamy jungles of Burma. American writers – I won’t mention any names – who write the action/adventure stuff are more into the killing and the high-tech stuff. It’s very plot-oriented. My books are not plot-oriented. They’re character-oriented – sort of a slice of life, the way life could really be. Some of the books written now are either cartoonish or they’re missing something.”

Trotz seiner exakt recherchierten Handlungshintergründe, seiner stilistischen Brillanz, seiner runden Charaktere und seiner oft tiefschürfenden Handlungsführung sieht sich DeMille als reiner Unterhaltungsschriftsteller. Und da ist er zweifellos, einer der Besten.

…….Ein Engländer hat einmal gesagt, für ihn sei es leichter, Mitglied eines Clubs als Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, denn die Satzungen seien kürzer, und er kenne alle anderen Mitglieder persönlich.
(aus GOLD COAST)

Über seinen Bestseller, IN DER KÄLTE DER NACHT, sagte er: „Ein bisschen so, als würde Jay Gatsby den Paten treffen.“ Wobei er wohl vergisst, dass Gatsbys Vermögen aus denselben Quellen wie das Geld der Mafia stammt. Der Autor zielte mit diesem Buch mehr als zuvor auf den Gesellschaftsroman, wohl durch eigene Erfahrungen an der Goldküste ausgelöst.

Auf den ersten hundert Seiten nimmt er sich viel Zeit, um seine Protagonisten und ihr Milieu zu charakterisieren. Die „Gold Coast“ ¬ so der Originaltitel ¬ im Norden Long Islands ist nach wie vor ein Ort der Reichen und der US-Aristokratie. Seit Jahren im Niedergang, wehren sich die alteingesessenen Familien gegen den Aufkauf ihrer kaum noch zu unterhaltenden Anwesen durch Yuppies und Börsenmakler. John Sutter, angesehener Anwalt, reich verheiratet und Nachkomme einer alten Familie und ein echter WASP, ist DeMilles Ich-Erzähler.
Glänzend zeigt er die Rituale auf, die diese wohlhabende, mumifizierte Klasse zur Existenzberechtigung braucht. Als eines Tages ein Mafia-Boss den Besitz neben Sutter erwirbt und Sutter als Anwalt gewinnt, nimmt die atemberaubende Handlung Tempo auf. In den USA schaffte der Roman – wie die meisten des Autors – den Sprung in die Bestsellerlisten. Das Milieu dürfte DeMille gut bekannt sein, da er seit langem dort lebt. Das Sequel mit demselben Protagonisten ist DAS VERMÄCHTNIS (THE GATE HOUSE), das DeMille erst 2008 nachlegte. „GOLD COAST ist wahrscheinlich mein bestes Buch. Die New York Times verglich es sogar mit Edith Wharton.”

Nelson DeMille wurde 1949 auf Long Island, New York geboren. Er promovierte in Politologie und Geschichte an der Hofstra University, New York. Inzwischen wurden ihm von drei Universitäten ihre Ehrendoktorwürde verliehen.

…..Es war eine beschissene Verantwortung, die man Unteroffizieren aufgeladen wurde, seit man ihren Rang bei den alten Römern geschaffen hatte.
(aus THE CANNIBAL)

1967 ging er als Offizier und Zugführer eines Infantrie-Platoons in den Kampfeinsatz nach Vietnam. Er wurde dreimal verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Er erlebte die Tet-Offensive und kämpfte in Khe Sanh und bei der Schlacht um das A Shau-Tal (ein strategisch wichtiger Einstieg der Nord-Vietnamesen in den Ho-Chi-Minh-Pfad). „It was the A Shau Valley, where I saw the heaviest combat, more than the Tet Offensive for my unit anyway. Then at Khe Sanh we saw combat. My heaviest combat was the A Shau Valley. Why? I have no idea. This was a place where we lost about a third of the company, killed or wounded. It was a bad place, an area heavily controlled by the North Vietnamese regulars.
They had tanks – light amphibious tanks. We got attacked by two tanks. They came out of the jungle, from nowhere. We had air-assaulted into the valley by helicopter to set up camp. So, we were like making a beachhead … sort of like a Normandy thing. We got shot at from the beginning. Helicopters were going down around me. I was totally frightened. That was the only time I was frightened in Vietnam, really frightened. In a helicopter, you don’t have your feet on the ground, you know? Helicopters were getting hit by 57mm anti-aircraft (rounds). These things were exploding. I wanted to get on the ground. I don’t care who is shooting at me on the ground. I don’t want to be up in the air. You can’t do anything up there.”

……“Noch ein Buch! Ich möchte wetten, dass du schon
mal eins von diesen Dingern in einem Museum oder im
Fernsehen gesehen hast.Man macht Filme daraus.“

(aus WORD OF HONOR)

In Vietnam entwickelte er eine Leidenschaft, die über sein weiteres Leben bestimmend werden sollte:
„In der Army wurde ich ein leidenschaftlicher Leser. Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernahm, aber ich las all die Klassiker, die man eigentlich auf dem College lesen sollte. Nach der Armeezeit verschlang ich die Bestseller. DER PATE, DER WEISSE HAI, DER EXORCIST und die anderen Hits der frühen 1970er. Ich dachte mir, so etwas könnte ich auch hinkriegen. Ich wollte schreiben. Ich hatte große Schwierigkeiten mit Jobs nach den Erfahrungen in Nam. Nichts schien mir wirklich wichtig genug. Nichts interessierte mich.“
Er bestritt seinen Lebensunterhalt als Versicherungsdetektiv.

…..Falls ich meine Pensionierung erlebe, sagte sich Ryker, werde ich meine Sommer in der Antarktis verbringen, da auf einem isbeutel sitzen und nichts weiter als ein Unterhemd tragen.
(aus THE SMACK MAN)

DeMille schrieb 1974 und 1975 fünf Romane einer ultrabrutalen Cop-Serie um den New Yorker Polizisten Keller, alias Joe Ryker, der es vorzugsweise mit Kannibalen und unappetitlichen Serienkillern zu tun hat.
„Damals explodierte der Taschenbuchmarkt. Brutale Serien als Taschenbuchoriginalausgaben verkauften sich wie verrückt. Mit einer brutalen Serie hatte man sofort die Möglichkeit, publiziert zu werden.“
Auch wenn er sich heute für die Keller-Ryker-Serie ein wenig schämt: Sie gehört zu den besten Paperback-Original-Dirty-Harry-Serien der 1970er. Für mich ist sie die beste. Eine der bösesten Cop-Noir-Serien. Ein Klassiker.

Der große Durchbruch kam gleich mit seinem ersten dickleibigen zeitgeschichtlichen Thriller vor der Kulisse des Nahostkonfliktes: AN DEN WASSERN VON BABYLON (1978).

Mit jedem weiteren Buch versuchte DeMille einen völlig anderen Hintergrund und unterschiedliche Genres. „Einerseits halten dich verschiedene Leute für brillant, weil sich jedes Buch vom vorherigen radikal unterscheidet, andererseits läuft man bei Themenwechsel auch Gefahr seine Leserschaft zu verlieren.“

DIE KATHEDRALE (1981) war eine Art DER SCHAKAL, in dem der Papst ermordet werden soll. WOLFSBRUT (1984) ist ein Spionageroman über einen Maulwurf im Beraterstab des Präsidenten, der es jederzeit mit den Romanen von LeCarré aufnehmen kann, ihnen an Spannung sogar überlegen ist (was nicht viel heißt).

1985 erschien sein für viele Leser bisher bestes Buch: DAS EHRENWORT (WORD OF HONOR), in dem sich ein wohlhabender Vietnamveteran nach Jahren als Kriegsverbrecher vor einem Militärgericht verantworten soll.
„Das Buch war schwierig. Ich musste das Jahr 1968 genau rekonstruieren, was höllisch viele Recherchen verlangte. Aber ich fühlte, ich musste dieses Buch schreiben. Es ist der einzige Roman über einen Vietnam-Kriegsverbrecherprozess.“
DeMille gelingt in dem Buch eine präzise Bestandaufnahme der Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft während des Krieges. Und er bringt die Doppelmoral einer kriegerischen Nation auf den Punkt: „Dieser Tyson wurde nach Vietnam geschickt, um zu töten. Ein Kriegsgericht hätte demnach nicht zu entscheiden, ob er andere Menschen getötet hat oder nicht, sondern ob er die richtigen Menschen auf die richtige Weise umgebracht hat.“

TIME nannte den Roman „Das DIE CAINE WAR IHR SCHICKSAL der 80er Jahre“.
2003 wurde er mit Don Johnson für das Fernsehen (TNT) verfilmt (Dons Sohn Jesse Wayne Johnson spielte Dons Rolle als zwanzig Jahre jüngerer).

1997 kehrte DeMille nach Vietnam zurück. Daraus entstand der Roman UP COUNTRY (2002), in dem sein alter ego Paul Brenner den Mord an einem Amerikaner während der Tet Offensive untersuchen soll. Er unternahm die Reise mit zwei anderen Veteranen. „What happened was a magazine called – an online travel magazine that was owned by Microsoft. They wanted me to do a travel article about Vietnam, all expenses paid. I said, ‘Thank you … but I’ve been there all-expenses-paid before’.”

Politisch inkorrekt wie immer, liefert DeMille ein beeindruckendes Bild von Vietnam dreißig Jahre nach dem Krieg. Die Wunden sind nicht verheilt, egal wie oft Rambo auf die Pirsch geht.

Über den Russland-Thriller IN DEN WÄLDERN VON BORODINO (THE CHARM SCHOOL, 1988) schrieb die NEW YORK TIMES „Der beste und überzeugendste Thriller, der seit GORKY PARK über Russland geschrieben wurde.“ Ich persönlich halte diese Spionagegeschichte über Potemkinsche Dörfer für besser als den Megaseller von Cruz-Smith.

Auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges war DeMille das Buch sehr wichtig: „Inzwischen ist es nach Ungarn und Polen verkauft. Ich habe meinen Agenten angewiesen, die Rechte in Osteuropa zur Not zu verschenken. Ich glaube, es ist eine gute Investition. Ein Friedensgeschenk.“ , sagte er damals.

Entstanden war der Roman nach einer Russlandreise, die DeMille 1987 mit seiner Frau unternommen hatte. DeMilles erste Frau Ginny arbeitete als Public Relations-Manager und lektoriert die Bücher ihres Mannes. Sie achtete besonders auf die weiblichen Charaktere und deren Glaubwürdigkeit. Sie haben zwei Kinder (mit seinem Sohn Alex schrieb Nelson den Roman THE DESERTER);

Nelson hat mit seiner zweiten Frau Sandy ein weiteres. Der Bestsellerautor lebt in Garden City, New York. “I’m now in my 70s, my wife is 50, and our younger son is 10, so we have to make peace with the three generations.”

Recherche und Reisen waren und sind für DeMille wichtige Voraussetzungen seiner Romane. Aber es ist seine literarische Umsetzung, die das authentische Empfinden vermitteln.

Der Kuba Deal von Nelson DeMille

Seinem bisher vorletzten Roman, THE CUBAN AFFAIR, der auch zurück in die 1960er Jahre führt, gingen mehrere ausführliche Besuche auf Kuba voraus. Die Regionen des mittleren Ostens hat er bisher nicht bereist.

Durchschnittlich braucht er zwei Jahre für ein Buch. Nach den Recherchen schreibt er es handschriftlich mit einem Bleistift nieder. Seine Assistentinnen, Dianne Francis und Patricia Chichester, schreiben die Texte dann in den PC (wenn sie nicht gerade für DeMille im Internet recherchieren).
„The first draft is a skeleton of what it’s going to be. Then I do a second draft, handwritten also. Then I do a third draft. Now it’s readable, at least to my assistants, and they will put it on the computer.”
Inzwischen arbeitet er in einem angemieteten Büro, unterhalb einer größeren Wohnung für Geschäftsbesprechungen und den Arbeitsbereichen der Assistentinnen: „If I’m here, I’m not doing anything else. There’s only one thing to do here and that’s write. Toward the end of a book, the last two months, you know that time is running out, so you work late into the night. I work till about 11 and Saturdays and Sundays. It’s like a term paper. You try to pace it, but you can’t. And you’re never ahead, you’re always behind. And you’re always behind because you don’t know when a book is going to end.”

Die Romane des liberalen Autors sind sarkastisch und meistens in der ersten Person geschrieben. Der Leser begleitet den Protagonisten, der ein „Rätsel“ löst oder einen Auftrag erledigt, ohne dass es für ihn persönlich ein Happy End geben muss. DeMilles Name ist für seine Leser (weltweit verkaufte er bisher um die 50 Millionen Bücher) zum Markenzeichen geworden, wie etwa der von Stephen King.
„My books are all different. People follow the name. You can’t follow the book because – other than the John Corey series, which is a series of stand-alone books – they are all very different… People today have a lot of options. They don’t have to put up with bad novels…. Now, you’re competing for people’s time. You’re competing for their beer money. You’re competing for their attention. You don’t need to make the reader suffer. The reader should be entertained. Also, the reader should learn something. My novels do teach. There’s a lot in there – factual stuff. It’s not non-fiction, but it could be non-fiction… You’re raising the consciousness level on some important subjects, through entertainment, through fiction.”

Für mich war und ist Nelson DeMille einer der größten und anspruchsvollsten Spannungsautoren überhaupt. Und unter den lebenden gehört er mindestens in die TOP 10… Eher in die TOP 5.


Fast alle seine Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

BIBLIOGRAPHIE (nach Wikipedia):

Joe Ryker-Serie (sie wurde später unter dem Pseudonym Jack Cannon wieder veröffentlicht):

The Sniper (1974)
The Hammer of God (1974)
The Agent of Death (1975)
The Smack Man (1975)
The Cannibal (1975)
The Night of the Phoenix (1975)

Einzelwerke:

The Quest (1975)
By the Rivers of Babylon (1978)
Cathedral (1981)
The Talbot Odyssey (1984)
Word of Honor (1985)
The Charm School (1988)
Spencerville (1994)
Mayday (1998)
The Cuban Affair (2017)
The Deserter (2019)

John Sutter-Serie:

The Gold Coast (1990)
The Gate House (2008)

.
Paul Brenner Serie:

The General’s Daughter (1992)
Up Country (2002)
The Panther (2012), Paul Brenner arbeitet zusammen mit John Corey.

John Corey-Serie:

Plum Island (1997)
The Lion’s Game (2000)
Night Fall (2004)
Wild Fire (2006)
The Lion (2010),
The Panther (2012), mit Paul Brenner
Radiant Angel 2015)

Andere Romane:
The Deserter (2019) zusammen mit Alex DeMille
Hitler’s Children: The True Story of Nazi Human Stud Farms (1976) (als Kurt Ladner)
Killer Sharks: The Real Story (1977) (als Brad Mathews)

Non-fiction:
The Five-Million-Dollar Woman: Barbara Walters (1976) (als Ellen Kay)


<a href="https://vg06.met.vgwort.de/na/4930d68d12bd404dae0843c48de2b69f?l=hklassiker-des-noir-und-polit-thrillers-nelson-demille/

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DAS GROSSE SPIEL by Martin Compart

Als „das große Spiel“ bezeichnet man den Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als Urheber des Begriffs, der zu einem allgemein gebräuchlichen Terminus werden sollte, gilt der „politische Offizier“ (damals ein Euphemismus für Geheimagent) Captain Arthur Conolly (1807-42), der ihn erstmals 1840 verwendete.

Conolly sollte selbst eines der vielen Opfer im „großen Spiel“ werden: Zusammen mit Colonel Charles Stoddard wurde er nach monatelanger Haft im Juni 1842 in Buchara auf Befehl des Emirs geköpft. Die East India Company hatte Stoddard nach Buchara geschickt, um den Emir zu einer Allianz gegen die Russen zu bewegen. Aber er landete in einem ungastlichen Kerker.
Als sein Freund Conolly ihm nachreiste, um Stoddards Freilassung zu erreichen, erging es ihm ebenso. Die Khanate von Buchara, Kiva oder Samarkand waren für ihre Reichtümer, Grausamkeiten und Sklavenmärkte ebenso berühmt wie gefürchtet. Die kirgisischen Stämme rückten bis auf russisches Gebiet vor um Sklaven für diese Märkte zu erjagen. Im „großen Spiel“ wurden die Khanate von beiden Seiten umworben oder angegriffen.

Es begann 1813 nach dem Rückzug Napoleons aus Russland und dem weiteren Expansionsdrang des Zarenreichs und endete 1947 mit dem Abzug der Briten aus Indien. Die Russen versuchten über Turkestan zum indischen Ozean vorzudringen, um einen eisfreien Hafen zu etablieren, das britische Empire empfand das als Bedrohung Indiens.

Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sorgten angebliche russische Pläne zur Eroberung Indiens in London für eine politische Hysterie. „Dieses Projektˮ, berichtete der russische Botschafter in London, Carlo Andrea Pozzo di Borgo, ein gebürtiger Korse, im September 1838 an sein Außenministerium, „hat sich in allen Köpfen festgesetzt, ungeachtet dessen, dass es offenkundig unwahrscheinlich und falsch ist.ˮ

Dass die Briten die Russen als Rivalen in Asien wahrnahmen, war die Folge zweier siegreicher russischer Feldzüge in Vorderasien und auf dem Balkan. Im Russisch-Persischen Krieg 1826 bis 1828 hatte das Zarenreich die heutige armenische Hauptstadt Eriwan erobert und die im Süden des heutigen Aserbaidschan gelegene Provinz Nachitschewan.
Russland war damit zur beherrschenden Macht im Südkaukasus geworden. Die Landbrücke Europas nach Asien ermöglichte ihm die Seeherrschaft im Kaspischen Meer und über dessen östliche Küste den Zugang nach Zentralasien.
Das schwächte den britischen Einfluss auf Persien. Kaum weniger dramatisch war der Ausgang des Russisch-Osmanischen Kriegs 1828 bis 1829. Die Russen erhielten danach das Donaudelta und die freie Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer und durch die Dardanellen ins Mittelmeer.

Die Paranoia zweier expandierender Imperialmächte nahm zu: Die Russen fühlten sich von den Briten in Indien bedroht (die Agenten wie Alexander Burnes nach Norden schickten), und die Briten sahen entsetzt, dass sich das Russische Reich in Richtung Süden schob. Dies führte dann auch zum ersten anglo-afghanischen Krieg 1839 bis 1842; die Briten sahen Afghanistan als failed state an, den es zu besetzen galt bevor es die Russen tun konnten, um dann direkt Indien, das Juwel in der Krone, zu bedrohen.

Afghanistan hatte (stärker noch als Tibet) eine Schlüsselposition inne.

Intrigen, Pakte, Geheimmissionen durch Agenten und bewaffnete regionale Konflikte bestimmten das „große Spiel“. Am aggressivsten geführt zwischen dem russischen Zarenreich und dem britischen Empire bis zum 1.Weltkrieg. Ausgeführt wurden die lebensgefährlichen Aktionen auf beiden Seiten von Gestalten, wie sich nur die originellsten Autoren von Abenteuer- und Spionageromanen hätten ausdenken können.

Diese atemberaubenden Aktionen, getragen von manchmal irrwitzigen Ideen, fanden auch Eingang in die Literatur. Zum Beispiel in Rudyard Kiplings KIM oder John Buchans THE HALF-HEARTED. Wobei die Fiktion mit der Realität kaum mithalten konnte.

Nach der Revolution von 1917 machte sich bei den Bolschewisten schnell Enttäuschung breit, da weder westeuropäische- noch amerikanische Arbeiter erfolgreich die verkündete Weltrevolution durchsetzten. Die Marxsche These, dass die Revolution zuerst in den entwickelten Industrienationen erfolgreich sein würde, wurde verworfen.

Deshalb orientierten sich in der bald gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern) die wesentlichen Kräfte gen Osten. Der Zusammenbruch der russischen- und chinesischen Kaiserreiche hinterließ viele Stämme und Völker (Mongolen, Buryaten, Kalmyken usw.) Zentralasiens in ungekannter Unabhängigkeit. Auch in den Kolonien der Europäer regte sich unter den Armen der Widerstand. Es schien naheliegend, in und durch das zentralasiatische Vakuum das „große Spiel“ gegen England wieder aufzunehmen.

Peter Hopkirk (1930-2014) war einer der besten westlichen Kenner des „großen Spiels“ und Zentralasiens. Der ehemalige TIMES-Journalist schrieb einige der besten Bücher zu diesem Komplex. In THE GREAT GAME. THE STRUGGLE FOR EMPIRE IN CENTRAL ASIA, 1990, beschrieb er minutiös die verdeckten (und manchmal nicht so verdeckten) Aktionen der Briten.

Dabei schreckte er auch nicht vor den abstrusesten oder gruseligsten Informationen zurück. Etwa das große Vergnügen eines Khans von Khiva an neuen Folter- oder Hinrichtungsmethoden (seine liebste war das Pfählen). Nachdem dieser Alkohol und Tabak aufgegeben hatte, verbot er auch seinen Untertanen das Rauchen und trinken. Wer dabei erwischt wurde, bekam die Mundwinkel bis zu den Ohren aufgeschlitzt, damit sein permanentes Grinsen als makabre Warnung für Andere diente.

Der Bürgerkrieg von 1918-22, in dem sich die Sowjetunion hauptsächlich gegen die Europa zugewandten reaktionären Kräfte und europäischen Mächte (und Japan) behaupten musste, diskreditierte vorherrschende europäische Traditionen.

Clevere Bolschewiki begannen über Strategien nachzudenken, wie man in Zentralasien den Sozialismus russischer Prägung und Dominanz durchsetzen könne. Um die dortigen Völker, die noch im vorkapitalistischen Wirtschaften verhaftet waren (ein deutlicher Widerspruch zur Marxschen Doktrin über die Revolutionsvoraussetzungen), zu erreichen, begann man die eschatologischen Momente des Bolschewismus mit denen des tibetanischen Buddhismus im Shambala-Mythos zu vermengen.
Denn da gab es leicht vermittelbare Schnittmengen, die man ungebildeten Hirtenvölkern darstellen konnte.

Ideologen wie Sergei Oldenburg verordneten bereits im August 1919 eine große Ausstellung buddhistischer Kunst, die die Nähe zwischen Sowjetunion und Buddhismus illustrieren sollten. Sie verknüpften die marxistischen Ideale der Völkerfreundschaft mit denen von Buddha gepredigten.

Zum Teil mit großem Erfolg, wie sich in der Mongolei zeigte (nachdem man den wahnsinnigen Baron Ungern-Sternberg geschlagen hatte). Die Okkultistin und Tibet-Reisende Alexandra David-Neel notierte überrascht, dass viele Lamas das „Rote Russland“ mit dem Reich von Shambala gleichsetzten.
Der erste und größte Sieg der Komintern war die Revolution in der Mongolei. A
us der erfolgreichen Strategie leitete man die Formel ab, die in den anderen asiatischen Ländern versucht wurde: Suche ein nationales Befreiungsmotiv, interpretiere alte Weisheiten als Bezug zu den Sowjets, bilde revolutionäre Zellen und schüre den bewaffneten Aufstand gegen die Besatzer.

Während sich Peter Hopkirk in SETTING THE EAST ABLAZE, 1985, auf die geheimdienstlichen und militärischen Aktionen (darunter widmet er dem „Bloody Baron“ Ungern-Sternberg eine längere und brillante Analyse) zwischen den Weltkriegen konzentrieret, stellte Andrei Znamenski in RED SAHAMBHALA: MAGIC, PROPHECY AND GEOPOLITICS IN THE HEART OF ASIA, 2011, die okkulten Aspekte in den Vordergrund.

Er beschreibt eindrucksvoll (unter der Nutzung wenig bekannter russischer Quellen), wie bolschewistische Agenten und Agitatoren versuchten, tibetanische Glaubensvorstellungen, insbesondere den Endkampf zwischen Gut und Böse des Shambala-Mythos, für geostrategische Ziele zu nutzen.

Mit der Übertragung des Kalachakra-Tantra wurden auch prophetische Texte übertragen, deren Inhalt kriegerische Auseinandersetzungen darstellen. Demnach sollen Armeen, die der spirituellen Praxis feindlich gesinnt sind, zur Zeit des 25. Königs von Shambala über die zivilisierte Welt herfallen, um jede Möglichkeit für geistige Entwicklung zu zerstören. Nach den Kalachakra-Texten wird die zivilisierte Welt aus dem Reich Shambala Beistand erhalten, und die Angreifer werden zurückgeschlagen. Daraufhin soll ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, das für die geistige Entwicklung besonders günstige Umstände bringt.“.(https://anthrowiki.at/Kalachakra-Tantra).

Die Sowjets verknüpften diese „Prophezeiungen“ mit ihrer Eroberungspolitik in Zentralasien. Aber auch Nationalisten (wie der Mongole Dja Lama) oder japanische Imperialisten und Weißrussen (Ungern-Sternberg) instrumentalisierten den Shambala-Mythos.

Das bemerkenswerte Bildmaterial rundet die Studie des Russen ab. Znamenski unterrichtete als Historiker an den Universitäten von Hokkaido, Alabama und Memphis. Seine besonderen Forschungsgebiete sind Schamanismus, Religionsgeschichte und westliche Esoterik. Großen Raum in seinem Buch nehmen auch die merkwürdigen Aktivitäten von Nicholas Roerich und dessen Familie ein.

Erst mit Stalins „großem Terror“ wurden die esoterisch-geopolitischen Experimente eingestellt und die Shambala-Warrior als Konterrevolutionäre vernichtet. Nachdem 1938 die letzten buddhistischen Klöster in Sibirien geschlossen wurden, interpretierte die Sowjetpropaganda den Shambala-Mythos als Werkzeug der Japaner, die seit 1931 in der Mandschurei an der Grenze des mongolischen Satellitenstaates lauerten

Das „große Spiel“ endete erst 1947 nach dem Abzug der Briten aus Indien. Aber inzwischen gibt es eine Art „Neuauflage“, bei der sich Russland den USA gegenüber sieht. Spätestens seit der Einkreisungspolitik Russlands durch die USA mit der NATO auf dem Kaukasus und der (einmal mehr) gescheiterten Besatzung Afghanistans konzentrieren sich die Interessen der beiden Staaten wieder verstärkt auf die neue Seidenstraße und Zentralasien. Mit der neuen Weltmacht China ist ein dritter Spieler hinzugekommen.

ROMANE zum GROSSEN SPIEL:

The Lotus and the Wind von John Masters, 1953.

The Far Pavilions von M.M. Kaye, 1978.

Flashman von George MacDonald Fraser, 1969.

Flashman at the Charge von George MacDonald Fraser, 1973.

Flashman in the Great Game von George MacDonald Fraser, 1975.

Kim von Rudyard Kipling, 1901.

The Imperial Agent von T.N.Murai, 1987 (eine Fortsetzung zu Kim).

Drums Along the Khyber von Duncan MacNeil (d.i.Philip McCutchan), 1969 (erster Band der James Ogilvie-Serie).

The Mulberry Empire von Philip Hensher, 2002.

The Devil’s Cocktail. Alexander Wilson’s second Secret Service novel 1928.

The Half-Hearted von John Buchan, 1900

The Diplomatic Agent von Yulian Semyonov, 1959.



AM TOD KANN MAN SICH NICHT RÄCHEN: „DER KÖNIGSWEG“ VON ANDRÉ MALRAUX by Martin Compart

„Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?“

An Bord eines Schiffes von Marseille nach Indochina freunden sich die Protagonisten dieses frühen existenzialistischen Abenteuerromans an: der junge Franzose Claude Vannec und der ältere Asien-Abenteurer Perken, ein deutschstämmiger Däne.

Vannec will über den Königsweg zu den Khmer-Tempelstädten, um dort Basreliefs zu plündern. Aber ihn „bannte auch diese unerbittliche Drohung des Verlassenseins tief im Urwald“. Das Abenteuer ruft
Perken will den vermissten Abenteurer Grabot finden, der sich selbst ein Reich unter den Bergvölkern geschaffen hat und um den sich Legenden ranken. Inspiriert von dem französischen Abenteurer de Mayrena, der sich zum König der Sedang aufschwang.

Perken ist ein interessanter Bursche – ein Desperado mit einem Gesicht wie eine „brutale Usurpatorenmaske“. Auch er hatte sich einst eine Art Reich geschaffen, Und Vannec berbindet mit ihm, „dass dieser Mann mit den ergrauenden Haaren viele Dinge liebte, die Claude gleichfalls wert waren“.
Nachdem die französische Kolonialbürokratie überwunden ist, geht es hinein in den furchtbaren und geheimnisvollen Dschungel. „Vor ihm lag die düstere Masse des Waldes wie ein Feind mit geballter Faust.“

Unter Schwierigkeiten dringen sie auf dem Königsweg, die Straße, die in alten Zeiten Angkor und die Seen des Menambeckens verband, zu den Tempeln vor und können erfolgreich sieben Reliefs von den Heiligtümern rauben.

Der erste Teil basiert auf den eigenen Erfahrungen von Malraux. Der zweite bis vierte Teil auf Reiseberichten und Abenteurerzeugnissen, denn das Hochland von Amman hat Malraux wohl nicht besucht.

Um den Kolonialbehörden auszuweichen, nehmen sie den Weg nach Siam durch das zentrale Hochland der Montagnards, wo Perken Grabot vermutet.
„Dieses halbwilde Gebiet war ebenso verdächtig, ebenso drohend wie der Urwald… einzig die Welt der Wilden mit ihrem Fleischgeruch… Wenige Meter von ihnen entfernt, auf dem lehmigen Abhang, standen, einer oberhalb der anderen, drei Mois und betrachteten sie mit einer Regungslosigkeit, die, gleichsam außermenschlich, nicht aus ihnen selbst gekommen, sondern ein Ausdruck der schweigenden Natur zu sein schien.“ Mois bedeutet im Vietnamesischen „Die Wilden“.

Sie kommen in ein Dorf und finden den geblendeten Grabot, der als Sklave gehalten wird. „Auch dieser Mann war, wie die alten Tempel in Fäulnis geraten unter dem Fluch Asiens.“ Der Abenteurer entartete zum Sklaven eines verabscheuungswürdigen Wilden.

Es kommt zum Konflikt, und Vannec und Perkens werden eingekesselt; wie später die französische Armee in Dien Bien Phu. Umgeben von „diesem Konzil des Wahnsinns“. In ihm „hing alles Leben dieses von der Welt geschiedenen Ortes am schweigenden Schatten des Häuptlings“.

Bei einem Fluchtversuch tritt Perken in Chamrongs (vergiftete Bambusspitzen, die später den US-GIs viel Freude machten) und infiziert sich. Sietrekken auf ihrem Ochsenwagen weiter Richtung Laos, „Perkens Region“. Verfolgt von Stiengs (Mois), die ebenfalls verfolgt werden von einer siamesischen Strafexpedition, die den Bau einer Eisenbahn sichert.

Die eiternde Entzündung besiegelt Perkens Schicksal unter Qualen.

PESSIMISTISCHER HEROISMUS

Perken und Vannec sind Nonkonformisten. Sie verbindet die Verachtung für die bürgerliche Gesellschaft, die auf Sicherheit bedacht ist. Für sie gilt Risiko als Lebensprinzip. Existenzialistisch sehen sie den Tod als absurd an. Sie lehnen ihn ab, wissen, dass sie ihm nicht entkommen können. Ein zentrales Thema im gesamten Schaffen des Autors, für den der Tod immer ein Ärgernis ersten Ranges war (dem nur die Kunst einen Ausweg aus dem Dilemma der Absurdität der Sterblichkeit eröffnete). „Der eigentliche Tod ist der Verfall… Das Altern ist viel schlimmer… die Hundehütte, die man auf seinem ehemaligen Leben errichtet hat… Womit verbringt denn ein Leben seine Zeit? Mit dem Töten von Möglichkeiten.“


Die anderen Weißen, etwa an Bord des Schiffes werden verächtlich beschrieben: Kleine Bourgeois und dumpfe Kolonialbeamte, die grob, schwer und bodenständig ihren materiellen Vorteil suchen. Sie sind das Gegenteil der nonkonformistischen Helden. Sie repräsentieren die Kategorie der Touristen und insbesondere der Kolonialisten, Profiteure und Zerstörer. Der Charakter des „Armeniers“ repräsentiert die Kolonialzeit schlechthin. Er wird als „der dicke Mann“ beschrieben, der dem abwertenden Bild entspricht. Diese abwertenden Beschreibungen von französischen Kolonialbeamten und ihrer Handlanger findet man häufig in der französischen Literatur zwischen den Weltkriegen. Man trifft sie bei Gide oder Céline genauso wie schon in den frühen TINTIN-Comics von Hergé.

Malraux´ Abenteurer wissen, dass der Tod unvermeidlich ist und reflektieren in pessimistischen Heroismus häufig über seine „Natur“. Die Risiken, die sie eingehen, mögen dem Leben Sinn geben, aber am Ende des Lebens lauert der Tod. Nihilistische Romantiker. Rebellen gegen das Universum, die, wie ihr Autor, nur Tat und Kunstwerk als Sieg in der ansonsten sinnlosen Existenz gelten lassen.
Aber Tat und Risiko müssen intellektuell begründet sein – wie ein Kunstwerk. Ohne vorausgehende Reflexion sind sie ausdruckslos.

Abgeleitet von Nietzsche, der mit der Proklamation vom Tode Gottes der westlichen Zivilisation ihre Bedeutung nahm, haben Vannec und Perken den Westen verlassen, um ihn in sich auszulöschen. Jeder muss für sich selbst einen Weg finden, da es keine „allgemein gültigen“ Gottesgesetze mehr gibt. Die Regeln des bürgerlichen Staates, deren Widerwärtigkeit sich besonders in der Kolonialpolitik ausdrückt, gelten für Nonkonformisten erst recht nicht. Der bürgerlichen Gesellschaft sind sie zwar entkommen, aber ihrem Schicksal bleiben sie unterworfen.

Die Freuden, die man in der Existenz leben kann, können nur vom Tod beendet -nicht vom Staat ideologisch reglementiert werden. Der Tod ist die schlimmste Erniedrigung, denn an ihm kann man sich nicht rächen. Tragik entsteht nicht aus menschlichem Handeln, die menschliche Natur in ihrer Sterblichkeit ist die Tragödie.

Das Ende lässt Vannec und den Leser gleichermaßen verstört zurück.

Alles endet im Verlust.

Ein wahrer Noir-Roman als Abenteuergeschichte.

MALRAUX UND INDOCHINA

1923 auf Schatzsuche in die Dschungel von Südostasien zu gehen, war eine sportliche Art zu beweisen, dass man zur jungen Generation der wilden Zwanziger gehörte. Malraux war gerade Anfang zwanzig und hatte sich bereits in den Pariser Salons und bei den Bohemiens eine gewisse Reputation erblufft. Als Autodidakt gab er vor, studierter Experte für asiatische Kunst zu sein.

Malraux hatte das beträchtliche Vermögen seiner Frau durch einen Börsen-Crash verloren. Um an Geld zu kommen, beschloss er Reliefs bei Angkor Wat zu plündern und sie in London und New York zu verkaufen.

Am 23. Oktober gingen die Malrauxs in Marseille an Bord der „Angkor“, die sie nach Hanoi bringen sollte. Malraux und seine Frau Clara reisten als Touristen über das Mekong Delta nach Kambodscha und ab Mitte Dezember von Siem Reap über den Königsweg zu den Tempeln von Banteay Srei. Zusammen mit seinem Schulfreund Louis Chevasson brach er brutal mit Hammer und Meißel die Flachreliefs aus den Heiligtümern.

Beim Versuch die Basreliefs auszuführen, wurden sie verhaftet und in einem Schauprozess in Phnom Penh wurde Malraux zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt (Chevasson erhielt 18 Monate). Der Prozess rückte die Tempel von Angkor stärker in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Clara organisierte unter den Pariser Intellektuellen einen Aufschrei der Empörung, der zur Aussetzung der Haftstrafe (später zur Aufhebung) führte.

Nach seiner Rückkehr war Malraux noch radikalisierter als zuvor und kritisierte insbesondere die Kolonialpolitik in Indochina. Er begann auch an seinem ersten Asien-Roman, LES CONQUÉRANTS, zu arbeiten.

Malraux trug seinen Unabhängigkeitskrieg in die Welt hinaus.

Er reiste wieder nach Indochina und half 1925 zusammen mit dem Rechtsanwalt Paul Monin eine anti-koloniale Oganisation, „das junge Amman“, zu organisieren. In Saigon gründete er die Zeitschrift „L’Indochine Enchaînée“, die die Kolonialbehörden und ihre Vergehen anprangerte.

Als er dann 1926 nach Paris zurückkehrte, wurde sein erster Roman veröffentlicht, der radikal Stellung zur revolutionären Situation in Asien bezog. Ganz Asien war jetzt in Bewegung (auch durch die Tätigkeit der von der UdSSR gelenkten Komintern). Angst, gepaart mit Dummheit domminierte das Denken und Handeln der Imperialmächte.
Die Erfahrungen in Indochina klangen in Malraux nach.

Noch 1937, während einer Rundreise durch die USA, in der er um Unterstützung für die Spanische Republik warb, sagte er der „New York Post“ in einem Interview: „Wenn ein Land faschistisch ist, na gut; in den Kolonien muss man auf Faschismus gefasst sein. Aber Frankreich ist eine Demokratie, und als ich in die Kolonien kam, fand ich mich dem Faschismus gegenüber.“

INSPIRATION

DER KÖNIGSWEG (1930) basiert natürlich auf diesen Erfahrungen der ersten Indochina-Reise. Verschiedene Lektüren beeinflussten den Roman ebenfalls.
Aber vor allem die Figur des Marie-Charles David de Mayréna, dem König von Sedang war Inspirationsquelle. Diese abenteuerliche Figur war damals jedem Schuljungen bekannt und beeinflusste die populäre Abenteuerliteratur ebenso wie akademische Diskurse.

„Ich habe Mayrena nicht vergessen, dessen Legende, die 1920 in Indochina sehr präsent war, ist teilweise der Ursprung meines KÖNIGSWEGs“, sagte er später. Er hatte alle Bücher und Artikel über Mayrena, sowie über die indochinesischen Ethnien, gelesen, deren er habhaft werden konnte.
Sogar noch in den ANTIMEMOIREN (1967) taucht Mayrena auf – als Objekt eines Drehbuches (präsentiert vom Baron de Clappique, einer seiner Figuren aus LA CONDITION HUMAINE, 1933).

1941 begann André Malraux zwei Geschichten zu schreiben: LE RÈGNE DU MALIN über Mayrena und eine über, T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien). Die Fragmente wurden 1996 bei Pléiade veröffentlicht.

Die Intertextualität bezieht sich auf die große Tradition von Reiseliteratur und Abenteuerroman, insbesondere auf Joseph Conrads HEART OF DARKNESS.

Malrauxs Schriften über Asien reflektieren den damaligen Einfluss des „Orientalismus”, der den Fernen Osten als außergewöhnlich fremd, exotisch, dekadent, mysteriös und brutal charakterisierte.

MAYRENA war einer dieser exzentrischen Abenteurer, die Rudyard Kipling zu seiner unsterblichen Geschichte THE MAN WHO WOULD BE KING (1888) angeregt haben könnte. Getriebene, die in die Welt hinaus gingen, um eigene Königreiche zu erobern. Ihr berühmtester Vertreter war wohl James Brooke, der weiße Radschah von Sarawak, der auf Borneo eine Dynastie gründete, die bis nach dem 2.Weltkrieg herrschte.

Marie-Charles David de Mayréna (auch bekannt als Charles-Marie David de Mayréna oder Marie I, König von Sedang; 31 Januar 1842 – 11 November 1890) wurde zum selbsterklärten König von Sedang im nördlichen zentralen Hochland von Indochina, im heutigen Südvietnam.

Er kam zuerst als Pflanzer nach Vietnam. Der französische Generalgouverneur stimmte einem Vorschlag zu, eine Expedition durch die Hochebene zu führen, um Verträge mit den dortigen Stämmen abzuschließen.

Begleitet wurde Mayrena u.a. von einem zwielichtigen Abenteurer namens Mercurol, einem ehemaligen Croupier, dem Kaufmann Paoli sowie einigen Frauen, einschließlich seiner vietnamesischen Konkubine („Congai“).

Unter seinem Gewand trug er immer einen schweren Mantel, der sein Leben mehrmals rettete, vor allem, wenn er mit Pfeilen beschossen wurde. Das begründete seinen Ruf unverwundbar zu sein. Innerhalb von sechs Monaten gelang es ihm, sechs Stämme zu vereinigen, darunter die extrem gefürchteten Sedang. Nachdem er einige Prüfungen (auch der Kampf mit einem jungen Krieger gehörte dazu) bestanden hatte, wurde er von den Häuptlingen der Bahnar, Rengao und Sedang im Dorf Kon Gung am 3. Juni 1888 zum König auf Lebenszeit bestimmt.

Er wollte das Königreich von den Franzosen anerkannt bekommen und es Frankreich gegen ein Pflanzmonopol unterstellen, aber man konnte sich nicht eingen. Daraufhin wandte sich Mayrena vergeblich an Briten und Preußen. Nach seinem Werbezug durch Europa, wurde er mit einer Waffenladung bei der Rückreise nach Indochina von den Franosen vor Singapur festgenommen. Er wurde auf die malaiische Insel Tioman deportiert.

Verbannt auf diese kleine malaysische Insel, überlebte er durch das Sammeln von Schwalbennestern, die er an chinesische Händler verkaufte. Seine geistige Gesundheit verschlechterte sich mehr und mehr, und er entwickelte einen Verfolgungswahn vor den Franzosen. Als der einstige König am 11.November 1890 starb, war er von allen verlassen, außer von seinem treuen Hund. Einige behaupten, er sei von einem seiner ehemaligen Gefährten vergiftet worden, andere, er habe Selbstmord begangen oder sei an einem Schlangenbiss gestorben.

TRADITION DES ABENTEUERROMANS

DER KÖNIGSWEG ist ein Roman des Scheiterns, eine pessimistische Arbeit, die grausam „die Demütigung des Menschen inszeniert, der von seinem Schicksal gejagt wird“. Anders als in B. Travens DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (1927) werden die Protagonisten nicht aus rein ökonomischen Gründen zu ihrer Quest getrieben.

Im traditionellen Abenteuerroman des imperialistischen Zeitalters ging es häufig um das Bereisen eines zu kolonialisierenden Gebietes oder um die Befriedung einer noch nicht endgültig kolonialisierten Region. Dort lauerten – vorzugsweise im Dschungel – große Gefahren auf den Europäer, der seine überheblichen westlichen Werte im Gepäck hatte oder wie eine Monstranz vor sich hertrug. Für den Westler waren es „Reisen in die Finsternis“ – seit Joseph Conrad das Synonym für derartige Unternehmungen.

Entweder kolonialisierte der Reisende, der auch immer ein Eroberer war, für sein Land, Reich Empire oder Glauben, oder um selbst ein König zu werden – natürlich immer im Sinne heimatlicher Ideale. Seit den Pizarros und spätestens seit der ruhmreichen Geschichte des weißen Radschahs James Brooke tauchten immer wieder Abenteurer auf, die nach einem eigenen Reich strebten (das sie häufig an die Imperien ihrer Heimatländer ankoppelten). Sie suchten das Abenteuer, um der Enge der „zivilisierten Welt“ zu entkommen, pflanzten aber in die Weite der Exotik deren bürgerliche Prinzipien.

JOSEPH CONRAD
Angefangen mit Joseph Conrad verschobt sich das Bild des Reisenden im Abenteuer- oder Kolonialroman. Zwischen den Weltkriegen ändert sich (bei Traven sehr deutlich) das Gesamtbild des Imperialismus.

Die Auswirkungen werden nicht mehr ausschließlich positiv dargestellt. Jetzt sprachen Literaten, die von marxistischen Analysen und der Russischen Revolution beeindruckt waren, vom ausbeuterischen Charakter des Imperialismus. Zunehmend antibürgerliche Tendenzen wurden thematisiert. Besonders im Werk von B.Traven werden die Menschen als heimatlos geschildert – nicht nur die Indios, denen man die Heimat gestohlen hatte, auch weiße Ausbeuter, die durch falsche Versprechungen und Hypothesen in die Fremde gelockt wurden.
An Stelle der ersehnten exotischen Ferne tritt nun ihre bedrohliche Fremdheit und liederliche Ausbeutung.

Sobald DER KÖNIGSWEG veröffentlicht war, bemerkte der Literaturkritiker Emile Bouvier den Einfluss von Conrad auf den Text von Malraux.

Der Einfluss von Conrads HERZ DER FINSTERNIS ist nicht nur in der alptraumhaften Atmosphäre spürbar:

Beide beginnen auf einem Schiff.

Beide beziehen sich auf die Suche nach einem Europäer, der tief im Dschungel unter Barbaren ein eigenes Reich geschaffen hat.

„Beiden Autoren bot der Kolonialexotismus die Gelegenheit, eine westliche Seele aufzuzeigen, die von innerer Fäulnis bewohnt und verlockt wurde“ (Jean-Francois Lyotard: Gezeichnet: Malraux, Paul Zsolnay, 1999).

Aber Malraux verdreht die Figur des weißen Eroberers: Conrads Kurz wird von „seinem“ Kannibalenstamm verehrt und angebetet, Malrauxs Grabot von den Mois versklavt, geblendet und wahrscheinlich kastriert.

Zwischen 1899, dem Erscheinen von Conrads Werk, und 1930 hatte– insbesondere nach dem 1.Weltkrieg – die Glorifizierung des europäischen Imperialisten stark abgenommen. Überall waren Freiheitsbewegungen entstanden und versetzten die Kolonien in Aufruhr. Für Malraux war die Hybris des Kolonialreichs Frankreich nur noch lächerlich und unbegründet.

Malrauxs Roman DER KÖNIGSWEG muss m.E. zu den bedeutenden Abenteuerromanen des 20. Jahrhunderts gezählt werden, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzen.
Wie in jeder großen Literatur gibt es hier Sätze und Szenen, die zuvor nicht geschrieben worden waren. Das Buch quillt davon über.

Auch wenn er von den Wächtern der Literaturwissenschaften und des Feuilletons nur auf „frühexistenzialistisch“ reduziert wird (was er natürlich auch ist).

Als kolonialer Abenteuerroman erahnt das Werk das Ableben des französischen Imperiums. Mit etwas Phantasie kann man das Ende der Protagonisten gar als Vorwegnahme von Dien Bien Phu deuten. Perken unterscheidet sich von den „Helden“ des Abenteuerromans des 19.Jahrhunderts: Er „missioniert“ nicht für ein wie auch immer geartetes Ideal, er ist sich selbst seine eigene Mission.

WÜRDIGUNG
Malrauxs zweiter Asien-Roman steht in der Tradition des kolonialen Abenteuerromans. Aber es ist auch ein philosophischer Roman, der unentwegt die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. „Der Tod ist da als unwiderleglicher Beweis der Absurdität des Daseins“, stellt Perkens existenzialistisch fest.
Als das Buch 1930 veröffentlicht wurde, war es ein Flop. Der Verleger vermarktete es als simplen Abenteuerroman über Indochina und begrenzte und überforderte das anvisierte Zielpublikum. Malrauxs topographisches und wissenschaftliches Inventar wird den naiven Romanleser ebenfalls verwirrt haben.

Zwar ist das Buch auch ein großer Abenteuerroman, aber ebenso eine metaphysische Reflexion über den Menschen und sein Schicksal.

MALRAUX
Malraux war ein Mythomane und machte aus seinem Leben ein Werk. So wandelte er bloße Tatsachen und Erlebnisse in Ereignisse, die der Absurdität des Todes entkommen sollten.

Lyotard, einer seiner Biographen, schrieb: „Das Kind aus Bondy liebte Bücher als Waffen und die Straße als Abenteuerroman.“

Für ihn war ein Künstler ein einsamer Held im Kampf gegen die Sterblichkeit. „Kunst”, schrieb er in LES VOIX DU SILENCE, „ist eine Revolte gegen das Schicksal.“

Malraux wandte sich früh gegen jede Form von Antisemitismus, der in Frankreich politisch auch bei der Linken zu finden war. Seine erste Frau, Clara Goldschmidt, sagte einmal: „Man kann über Malraux sagen, was man will, aber sicherlich nicht, dass er ein Antisemit ist. Und Gott weiß, ich gab ihm genügend Gründe dafür.“

Bekannt ist er heute noch als ehemaliger Kulturminister von de Gaulle, der die französische Kulturszene nach dem 2.Weltkrieg gestaltet hat. Als Theoretiker des „imaginären Museums“ war er seiner Zeit weit voraus.

Aber natürlich erinnert sich in Frankreich auch jeder an den Abenteurer, Krieger, Schriftsteller und anti-faschistischen Kämpfer, der die Luftwaffe der Spanischen Republik aufgebaut hat und im Widerstand den Deutschen als Colonel Berger zusetzte. Über ihn gibt es viele Geschichten und Anekdoten. Und er verstand es, sich mythisch zu erhöhen – auch auf Kosten der Realität (die nicht immer – im Malrauxschen Sinne – „wahrhaftig“ ist).

Sartre über ihn: „Malraux ist ein Romantiker der Aktion. Sein freiwilliges Engagement war immer etwas unverbindlich – man könnte sagen, dass er sich fast ausschließlich dafür interessierte, den Tod und das Böse herauszufordern, und dass ihm das Endziel gleichgültig war.“

Malraux hasste alles und jeden, der Unterwürfigkeit verlangte („Ich will keiner Sache Untertan sein“, sagte der, der sich so oft für Menschen und Ideen unter größten Gefahren einsetzte).

Auf dem Schreibtisch wachte über seine Inspiration die Bronzefigur der ägyptischen Katzengöttin Bastet.

Einmal versuchte er in der französischen Linke ein Kommando aufzustellen, um Trotzki (mit dem er sich 1933 anfreundete) aus Stalins Exilgefängnis in Kasachstan zu befreien.

Im Krieg brach er mit dem Kommunismus und ersetzte „das Proletariat durch Frankreich“. Aber noch 1946 hatte er „das Ende des Kapitals“ verkündet.

Als sich der 70jährige anbot, in Bangladesch auf Seiten der Rebellen zu kämpfen, musste ihm Indira Gandhi „so taktvoll wie möglich“ („Sunday Times“) klarmachen, dass „sein Einsatz dort nicht wirklich gebraucht werde“.
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1972 wurde er nach Washington eingeflogen, um Präsident Nixon vor seiner China-Reise zu briefen.

Sein persönliches Schicksal war oft hart: Seine Brüder starben unter den Nazis, seine zweite Frau bei einem Eisenbahnunglück, seine beiden Söhne 1961 bei einem Autounfall.

In seinen letzten Jahren litt er unter Depressionen und Alkoholismus und existierte nur noch durch Amphetamine und Schlaftabletten.

Er starb 1976. Zwanzig Jahre später wurde seine Asche in das Panthéon überführt. Unter den dort verehrten großen Franzosen gehört er nach wie vor zu den umstrittensten. Aber da für die Franzosen seit der glorreichen Revolution die Literatur als Religionsersatz dient, ist ihm die Verehrung gewiss.

Sein Werk hat viel aufklärerisches Licht, aber wenig Wärme.

Oder um mit einem seiner Lieblingszitate von Nietzsche zu beschließen:
„Wir haben das Glück erfunden, sagten die letzten Menschen und blinzelten.“

Möge der große Peter Scholl-Latour hier das letzte Wort zum KÖNIGSWEG haben (aus seinem Frankreich-Buch; Kapitel über einen Besuch beim Roten Khmer in Kambodscha):

„Am folgenden Abend waren wir von den jugendlichen Partisanen mit der chinesischen Ballonmütze ins thailändische Grenzgebiet zurückgeleitet worden. Ein paar Tage war ich tatsächlich in die Rolle Perkens versetzt worden, jenes deutsch-dänischen Helden aus dem KÖNIGSWEG, der schließlich auf einen vergifteten Bambusspieß, wie sie rechts und links unseres Pfades zu Tausenden in die modrige Erde gerammt waren, gestürzt und in fiebrigem Krampf verendet war… (Das freundliche Nachwinken des bewaffneten Knaben) war wie in Erz gegossen, und auf den braunen Bronzelippen, so schien mir, spielte ein geheimnisvoll grausames Lächeln wie auf den monumentalen Tempelskulpturen des Bayon-Tempels.“

 



WEISE WORTE by Martin Compart
21. April 2020, 6:05 pm
Filed under: Parasiten, Politik & Geschichte, Weise Worte | Schlagwörter:

Das feudal-kapitalistische Erbrecht ist Wettbewerbsverzerrung.



BARLOW SPRICHT by Martin Compart
9. April 2020, 11:16 am
Filed under: Afrika, Eeben Barlow, Politik & Geschichte, Söldner | Schlagwörter: , , , , ,

Seit einiger Zeit wecken die Bodenschätze Mosambiks Begehrlichkeiten. Besonders bei den Russen, die die Ausplünderung Afrikas nicht alleine Amerikanern, Franzosen und Chinesen überlassen wollen. Für angebliche Söldnereinsätze ist ihre Wagner-Gruppe zuständig, die sich beim Kampf gegen islamistische Rebellen in der Provinz Cabo Delgado (große Gasvorkommen) im September/Oktober 2019 eine blutige Nase mit einigen Toten geholt haben. Die Gruppe Wagner trat einen „taktischen Rückzug“ an. Seitdem versuchen andere die Ausbeutung im Norden Mosambiks voran zu treiben.

Und natürlich wird einmal mehr Eeben Barlow und STTEP ins Gespräch gebracht oder gar beschuldigt, für die Russen die Drecksarbeit zu machen. Die Russen haben enge Beziehungen zur Regierung von Mosambik.

Die Fehler von der Wagner Gruppe hatte Barlow bereits in seinem Blog analysiert.
http://eebenbarlowsmilitaryandsecurityblog.blogspot.com/2019/12/russian-pmc-wagners-set-backs-in.html

Hier und jetzt bezieht er Stellung gegen die Gerüchte und Verleumdungen, STTEP sei in Mosambik aktiv:

STTEP IS NOT IN MOZAMBIQUE

„There are currently false allegations and rumours swirling around that STTEP has deployed a ‘fighting force’ to Mozambique, along with helicopter gunships, and other military equipment.

This is merely another lie generated by an intelligence prostitute who currently resides in Mozambique and who acts as an ‘agent’ for several African and foreign intelligence services. (His name and location is known to me). Having been privy to some of his ‘intelligence reports’, it is very obvious that this person is not only a liar but also an ‘advisor’ whose intention is to misadvise governments for payment―something he is very well known for.

The current conflict in Cabo Delgado province is extremely serious and has, to date, already cost many lives. It has, furthermore, resulted in the government of Mozambique coming under massive domestic and regional pressure to end the conflict. It is also highly likely that this conflict will result in a regional spill-over as the Islamist forces gain momentum and become incentivised by tactical successes.
It remains the sovereign right and prerogative of the Mozambique government to appoint or use whoever they deem capable of assisting and supporting them in this conflict. However, the government there has NOT approached STTEP for advice, assistance or support of any nature.

It is possible that independent contractors who have worked with STTEP in the past may be in Mozambique. It is also very possible that con artists may be using STTEP’s name in order to secure a contract for themselves―this has happened with both Executive Outcomes and STTEP in the past.

It is therefore categorically stated that STTEP is NOT engaged in Mozambique; nor is the company recruiting men for deployment into Mozambique.

We will deal with the intelligence prostitute later…“



MARK FISHER ÜBER TRUMP, POPULISTEN UND GETEILTE ELITEN by Martin Compart
30. März 2020, 9:38 am
Filed under: Edition Tiamat, Mark Fisher, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , , ,

Die Mannequin-Challenge*

Das Bild, das mich seit der Wahl am meisten verfolgt, ist das Foto, auf dem Hillary Clinton und ihre Mitarbeiter die sogenannte »Mannequin-Challenge« im Flugzeug machen.

Dabei stößt nicht nur die Selbstgefälligkeit auf (schau dir an, wieviel Selbstzufriedenheit in Clintons Lächeln liegt); es war vielmehr das Gefühl, dass diese Simulation des Stillstandes – die mich an die gespenstischen Szenen aus Westworld erinnern, in denen die Androiden kurzzeitig in den Schlafmodus versetzt werden – zeigt, worin der Wahlkampf von Clinton in Wahrheit bestand: ausrangierte politische Roboter, die ein letztes Mal ein überkommenes Szenario durchspielen, bevor sie für immer aus dem Verkehr gezogen werden. Die unbequeme Ironie besteht darin, dass dieses Werbevideo aus den letzten Tagen vor der Wahl – steh nicht still, geh wählen – leider genau das zeigt, was zu viele von Clintons potenziellen Wählern getan haben.

Zugleich war zu sehen, was Clinton und ihr Wahlkampf die ganze Zeit gemacht hatten: stillgestanden. Während von Trumps Wahlkampf ein Gefühl überschäumender Begeisterung ausgeht, von anarchischer Unvorhersagbarkeit, das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, bot Clinton lediglich Altbekanntes an. Oder noch weniger als Altbekanntes. Die Message war nicht nur, dass sich nicht viel verändern wird, sondern auch, dass sich nicht viel zu verändern braucht.


Diese Paralyse kann nicht allein der Selbstzufriedenheit und Engstirnigkeit des Clinton-Lagers zugeschrieben werden; es handelt sich vielmehr um das Symptom einer umfassenderen Pathologie, die die »linke Mitte« betrifft. »Linke Mitte« muss in Anführungszeichen gesetzt werden, weil die Malaise zum großen Teil damit zu tun hat, dass diese Gruppe nicht begriffen hat, dass die »Mitte«, an die sie sich hängt und nach der sie sich richtet, verschwunden ist. Neben den Parallelen zum Brexit gibt es auch deutliche Ähnlichkeiten zur letzten Wahl in Großbritannien.

Wie Ed Milliband hat Clinton im Grunde deswegen verloren, weil es ihr nicht gelungen ist, ihre eigenen Unterstützer zu mobilisieren. Es stellt sich heraus, dass es gar keine so große Rechtswende gab: Wie Gary Younge in seinem unverzichtbaren Artikel schreibt, hat Trump »vielleicht den Marsch nach rechts angeführt, aber vergleichsweise wenig Leute sind ihm gefolgt« (er hat am Ende weniger Stimmen gehabt, als erfolglose Kandidaten wie John Kerry, John McCain, Mitt Romney und Gerald Ford). Stattdessen kam es zu einer Evakuierung der Mitte. Wie Boris Johnson ist auch Trump ein Opportunist; aber es ist dieser Opportunismus, der ihm erlaubte, auf veränderte Bedingungen zu reagieren und dabei auch wahrgenommen zu werden – etwas, dass dem Establishment seiner eigenen Partei ebenso wenig gelungen ist wie Clintons Demokraten.

Die Stimmung, die Trump und der Brexit eingefangen haben, ist die Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen Realismus. Es ist jedoch nicht der Kapitalismus der in diesen unfertigen Revolten abgelehnt wird, sondern der Realismus. In seinem Artikel über Trump vor ein paar Wochen, nahm Simon Reynolds ein Zitat aus The Art of the Deal auf: »Ich arbeite mit den Phantasien der Menschen.« Die Hinwendung zur Phantasie ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Rechten wie ihn Trump und der Brexit darstellen.

Was sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter verkaufen, ist die Phantasie eines nationalistischen Revivals. Der automatische Verweis auf ökonomischen »Sachverstand« und wirtschaftliche »Expertise«, auf die sich der kapitalistische Realismus verlassen hat. Zeichen der Ehrerbietung gegenüber …, die noch vor ein paar Monaten für alle, die an die Macht wollen, Pflicht waren, sind nun toxisch geworden. Anstatt ihre Autorität zu vergrößern, hat Clintons Nähe zur Wall Street ihren Ruf als Handlanger des Status quo nur noch weiter gefestigt; genauso wie die Verweise auf »Experten« von David Cameron – der inzwischen wie eine Figur einer vergangenen Ära wirkt – sich am Ende in katastrophaler Weise als kontraproduktiv herausgestellt haben. In der Phantasie des nationalistischen Revivals kehren die »Experten« zurück, aber nicht als Avatare eines ökonomischen Realitätsprinzips, sondern als Spielverderber und Querschläger, als Feinde des wieder erstehenden Willens.

Das Brexit-Referendum war im Grunde ein Lehrbeispiel dessen, was Paul Gilroy postkoloniale Melancholie genannt hat. Trumps Aufstieg – Make America Great Again! – ist das amerikanischen Pendent dieses Phänomens. Wie Gilroy zeigt, hat Melancholie eine manische und eine jubilatorische Seite, aber sie gründet in der Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit und einer Abwehr der Komplexität und Orientierungslosigkeit der Gegenwart … Da sie um Bedürfnisse herum strukturiert ist, die unmöglich zu befriedigen sind, ist die Flucht in die Phantasie natürlich alles andere als eine harmlose Übung in Eskapismus; der Versuch der Rettung dieser //// der Restauration und »Reinigung« wird unvermeidlich großen Schaden anrichten. Postkoloniale Melancholie wird durch den »Verlust der Allmachtsphantasie« verursacht und ist zugleich eine Kompensationsstrategie, die das Verschwinden dieses Allmachtsgefühl zum temporären Zustand erklärt, der bald wieder vorbei sein wird. Es ist genau diese phantasmatische Dimension des Allmachtsgefühls, die in Trumps Rhetorik geleugnet wird. Die Allmacht war real – der Rückfall in Verletzlichkeit und Malaise wird einem depressiven Stumpfsinn angelastet, der durch eine Wiederbelebung von Willen und Glauben überwunden werden wird: nationalistischer magischer Voluntarismus.

Die euphorische Verweigerung der einschränkenden Kräfte ökonomischer Verhältnisse – und letztlich aller Verhältnisse – erklärt zum Teil die bemerkenswerten Unterschiede der libidinösen Stimmung in Clintons und Trumps Wahlkampf. Clintons zugeknöpfte Haltung, ihr Bezug auf eine obsolete »praktische Vernunft« und ihre Unfähigkeit, zu erkennen, dass die »Mitte«, in der sie zu stehen glaubt, zusammengebrochen ist, all das verkörperte den kapitalistischen Realismus in seiner biedersten und verstaubtesten Form: völlig unfähig zu inspirieren und einer noch nicht so lange zurückliegenden Vergangenheit verhaftet, für die nur wenige nostalgische Gefühle hegen.

Auch Obama repräsentierte eine Gestalt des kapitalistischen Realismus – auch seine Präsidentschaft führte nach der anfänglichen Euphorie von »Veränderung« und »Hoffnung« schnell zu Stillstand und Stagnation –, aber er besaß nichtsdestotrotz eine gewisse Statur, Gelassenheit und Charisma, was Clinton niemals gelang. Obama gab dem spätkapitalistischen Realismus und der geopolitischen Realpolitik ein seriöses, sympathisches und nachdenkliches Gesicht; und trotz aller Enttäuschungen und Ermattung besaß seine Präsidentschaft dennoch ein Gefühl des Unerwarteten und Bedeutsamen. Selbst wenn Clintons Wahlsieg auch bedeutsam gewesen wäre, es hat sich nicht so angefühlt. Ihr Status als glanzloser Insider einer Dynastie überschattete, dass sie durch ihr Geschlecht ein Außenseiter war.

Jedenfalls hat Trumps Übermaß mit all dem gebrochen. Seine Darstellung entfesselter Libido waren performativen Charakters. Trumps »unprofessionelle« »Ausfälle«, seine scheinbaren Fehltritte, der schnelle Wechsel in rassistische Invektiven und Misogynie, seine Hass schürende Rhetorik: All das ist nicht nur wegen der Anziehungskraft auf jene wichtig, die bereits solche Positionen haben. Sie üben auch einen Reiz auf jene aus, die nicht solche Meinungen vertreten und sie vielleicht sogar verachten: Was diese Ausbrüche vermitteln sollten, war »Authentizität« – eine Simulation des »Gerade-heraus-Sprechens« – und zugleich, und ebenso wichtig, sollten sie eine libidinöse Freiheit darstellen. Ich bin auf keinen Fall der erste, dem die Parallelen zu Silvio Berlusconi aufgefallen sind, Trumps offensichtlichsten Vorläufer. Franco Berardi hat richtig festgestellt, dass die Faszination Berlusconis auf seinem »Spott für die politische Rhetorik und ihrer trägen Rituale« beruhte. Man lud die Wähler ein, sich mit dem »ein bisschen verrückten Premier« zu identifizieren, »dem Schelmenpolitiker, der so ist wie sie«. Denn auch die Wähler versprechen sich (und in jedem Fall sagen sie im Privaten Dinge, die sie nicht in der Öffentlichkeit sagen würden); auch sie verachten die biederen Konventionen des Parlaments.

Natürlich ist diese Form der »Ähnlichkeit« immer künstlich und hergestellt; die Wähler sollen sich mit ein paar bestimmten Merkmalen identifizieren und andere vergessen. Wie Berlusconi hasst auch Trump das Gesetz und Regeln und zwar »im Namen einer spontanen Energie, die sich durch die Regeln nicht länger zügeln lässt«. Selbst diejenigen, die von Trumps Rassismus und Misogynie beunruhigt oder abgestoßen sind, können sich trotzdem über seine Missachtung von Höflichkeit, Prozedere und Präzedenzfälle freuen. Es war Trumps Exzess, der dafür sorgte, dass er als der »Kandidat der Veränderung« wirken konnte, etwas, das seine Unterstützer immer wieder als Grund angaben, warum sie für ihn stimmen. Simon Reynolds beschreibt dies als das »provokativ daherkommende Versprechen einer weniger langweiligen Politik. Die New York Times zitierte kürzlich einen Wähler, der mit der Idee spielte, für Trump zu stimmen, weil die ›dunkle Seite in mir sehen möchte, was passiert … Irgendetwas wird sich verändern, selbst wenn es eine irgendwie Nazi-mäßige Veränderung ist, aber die Leute sind einfach so gespannt. Sie wollen so etwas in der Art sehen.‹«

Insofern könnte man sagen, dass Trump nicht der Glam-Kandidat, sondern der Punk-Kandidat war, mit genau derselben explosiven, spaltbaren Mischung von reaktionären und … die so viele Punkbands auszeichnete. Punks politische … Langeweile … Stillstand Mitte der Siebziger war so unerträglich, dass jede Veränderung willkommen war. Nun, nach dem Brexit und nach Trump kann man mit Sicherheit sagen: Die langweilige Dystopie ist vorbei. Wir befinden uns nun in einer vollkommen anderen Dystopie.

Im Falle Trumps wirkt die Phantasie einer nationalen Restauration beruhigend, sie mildert das Gefühl des Risikos, das von ihm ausgeht. Es ist fast so, als ob er die Erlaubnis gibt, sich der Aufregung hinzugeben … schwindelerregende Veränderungen und eine wiederhergestellte Vergangenheit, alles zugleich; Trump hat eine Möglichkeit gefunden, die Formel wieder einzusetzen, die die Rechte seit Reagan und Thatcher erfolgreich angewandt hat. (Und ein anhaltendes Problem für die revolutionäre Linke besteht darin, dass sie nicht denselben Zugang zu diesen beruhigenden Phantasien hat, nicht gleichermaßen an die Rettung der Vergangenheit appelliert, mit der sich der Sprung ins Unbekannte begründen ließe.)

Und dann gibt es da die Phantasie der Klasse … worin Trump hervorragend ist.

»Worum es wirklich geht in dieser Wahl«, so Francis Fukuyama, »ist, dass nach mehreren Jahrzehnten die amerikanische Demokratie endlich auf den Anstieg der Ungleichheit und der ökonomischen Stagnation reagiert, die ein Großteil der Bevölkerung erleben. Die soziale Klasse ist zurück im Zentrum der amerikanischen Politik und übertrumpft [Ha!] alle anderen Trennlinien – Herkunft, Ethnizität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Geographie –, die bisher die Wahlen dominierten.«

Martin Jacques hat im Guardian eine ähnliche Position vertreten:

»Die Welle des Populismus signalisiert die Rückkehr der Klasse als zentraler Kategorie in der Politik, sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten. Vor allem in den USA ist das bemerkenswert. Seit Jahrzehnten war die Vorstellung einer ›Arbeiterklasse‹ in der politischen Diskussion randständig. Die meisten Amerikaner empfanden sich selbst als zur Mittelklasse gehörig, ein Zeichen für den Puls des Ehrgeizes im Innersten der Gesellschaft. Laut einer Umfrage von Gallup aus dem Jahr 2000 verorteten sich nur 33% aller Amerikaner in der Arbeiterklasse; 2015 waren es 48%, fast die Hälfte der Bevölkerung. […] Auch der Brexit war in erster Linie eine Revolte der Arbeiterklasse. […] Die Rückkehr der Klasse, schon allein aufgrund ihrer Reichweite, hat wie kein anderes Thema das Potenzial, die politische Landschaft neu zu definieren.«

Bernie Sanders …; aber die Klassenpolitik, die Trump und der Brexit anbieten, ist nichts Neues. Sie wiederholt eine Strategie des Teile-und-Herrsche, die schon Nixon, Thatcher und viele andere Rechte jahrelang anwandten. Was uns Trumps Wahlsieg und der Brexit zeigen, ist eine anhaltende Verschleierung von Klasse durch Rassismus und Nationalismus. Sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter propagierten einen durch Rassismus aufgeladene Klassenpolitik, wie bereits der Begriff der »weißen Arbeiterklasse« zeigt. Die Plünderung, die die Arbeiterklasse im Neoliberalismus hinzunehmen hatte, wurden immer wieder auf rassifizierte Andere verschobene: Immigranten, ökonomisch aggressive fremde Mächte … Den Klassenantagonismus in rassistisches und nationalistisches Ressentiment zu verwandeln war sehr wichtig für den Erfolg von UKIP, aber sie haben diese Strategie, die der Rechten 40 Jahre lang gedient hat, nicht erfunden, sondern lediglich intensiviert.

Auf den ersten Blick ist es unglaublich, dass jemand wie Trump überzeugend als Mann des Volkes auftreten kann – als ein, wie es einer seiner Söhne ausgedrückt hat, »Arbeiter mit einem dicken Konto«.

Trump, der seinen Reichtum geerbt (und das meiste davon verschwendet) hat, ist nicht mal ein Selfmade-Millionär, der aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Ohne Zweifel ist das ein weiteres Beispiel, wie die Unterdrückten dazu verführt werden, sich mit den Reichen zu identifizieren (und deswegen zum Beispiel höhere Steuern für Superreiche abzulehnen).

Wenn Trump ein »Arbeiter mit einem dicken Konto« ist, was sind dann diejenigen, die sich der phantasmatischen Identifikation hingeben … Arbeiter, die eben noch kein dickes Konto haben (die aber, gemäß der Phantasie, am Ende bestimmt eins haben werden). Das beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wie Trump – gerade er – es geschafft hat, diese Phantasie aufzubauen. Ich glaube, es gibt mindestens vier (stark miteinander verbundene) Gründe: Seine Fähigkeit, so zu erscheinen, als wisse er um die Sorgen und Nöte der Arbeiterklasse; seine liberal-professionelle Elite; sein Verhalten; und seine Stellung im Ökosystem der Medien.

»Anders als in den Mainstreammedien oft dargestellt, hat Trump gar nicht nur über Mauern, Immigrationsbeschränkungen und Deportationen gesprochen. Tatsächlich hat er meistens gar nicht so viel über diese Themen gesprochen. […] [D]er Kern seiner Message bestand in etwas anderem, einerseits einem ökonomischen Ersatzpopulismus, der überall bemerkt wurde, aber andererseits auch in einer, und das wurde oft übersehen, starken Antikriegsposition. Beides reagierte auf legitime Sorgen der Arbeiterklasse. […] Trump nahm Bernies Populismus, entfernte den Klassenaspekt und reduzierte das Ganze auf eine Mischmasch affektiver Assoziationen und drosch damit auf die aalglatten Liberalen der professionellen Managerklasse ein.«

»Populismus«, so Francis Fukuyama im Juni, »ist das Label, das die politischen Eliten jener Politik verleihen, die von den einfachen Leuten unterstützt wird und die sie nicht mögen.«

Dennoch stammt diese Politik meist nicht von den »einfachen Leuten«; vielmehr handelt es sich meistens um Versuche der Eliten, wie eine Art Bauchredner das Begehren und die Sorgen, die den »einfachen Leute« zugeschrieben werden, zum Ausdruck zu bringen. Der rechte Populismus, den Trump und der Brexit repräsentieren, ist Teil eines Konfliktes zwischen unterschiedlichen Versionen von Elite. Und die Art und Weise, wie die gegnerische Elite dargestellt wird, ist hier ganz entscheidend. Spätestens seit Nixon stellen die Rechten die »schlechte« Elite als »liberale« Clique dar, voller kosmopolitischer Leichtigkeit, weit entfernt vom normalen Leben und mit großer Verachtung für die vermeintliche Vulgarität, Engstirnigkeit und den Chauvinismus der niederen Schichten. Natürlich existiert eine solche Elite, und ihre Vorherrschaft in weiten Teilen der Linken seit den 1960er Jahren hat es der Rechten leichtgemacht, immer wieder auf diesen Trick zurückzugreifen, den Trump … in seinem Wahlkampf. Trump beruhigt seine Unterstützer und schmeichelt ihnen: Ihr seid nicht das Problem, sagt er, sondern die Anderen und sobald wir die Mauer gebaut haben, wird alles gut werden. Die Linken sagen aber, so Trump, dass ihr das Problem seid; die Anderen sind okay, sie verdienen ihre Privilegien, die euch vorenthalten werden.

In einem problematischen Artikel, der nichtsdestotrotz ein paar wichtige Gedanken enthält, behauptet Joan C. Williams, dass Trumps Erfolg auch die Folge einer bestimmten Form des Ressentiments ist, dass nämlich die »weiße Arbeiterklasse« die »Experten verachtet, aber die Reichen bewundert.«
Wenn Hillary Clinton, wie Williams schreibt, die »stupide Arroganz und Selbstgefälligkeit der Expertenelite« symbolisiert, dann erscheint Trump – wie eine Figur aus Ballards Das Reich kommt, einem schlechten, aber prophetisch aktuellen Roman – als eine Verschmelzung der Celebrity-Kultur und der Geschäftswelt, die derzeit sehr viel hegemonialer ist als die trockene Expertenpolitik, die Clinton so trostlos verkörpert.

Diese Art des Populismus beruht auf der Simulation von Nähe und Vertrautheit durch das Fernsehen – McLuhan bemerkte einmal, dass, wenn die Menschen einen Filmstar auf der Straße treffen, sie ihn zwar erkennen, aber nur wenn sie einen Fernsehstar sehen, dann glauben sie, dass das jemand ist, dem sie bekannt sind. Trumps Rolle bei The Apprentice und seine Bereitschaft in Shows aufzutreten wie The Roast of Donald Trump bedeutet, dass er wirkt wie jemand, den das Publikum persönlich kennt.

Als Repräsentant der »Expertenelite« war Clinton zu nah, zu vertraut. Zugleich wirkte Trump aufgrund seiner Stellung in der Medienökologie weniger entrückt als Clinton.
Was wir beobachten, ist offensichtlich kein Angriff von außen auf das Establishment (oder von unten), sondern den Austausch von einem Establishment durch ein anderes. Und ein Grund, warum es diesem neuen Establishment – das eher neoautoritär und neonationalistisch als neoliberal ist – gelungen ist, seine Gegner zu besiegen, liegt darin, dass es den politischen Eifer mobilisieren konnte, den der kapitalistische Realismus normalerweise kleinhält. Der kapitalistische Realismus hat seine Vormachtstellung dadurch gesichert, dass er die Menschen als politische Subjekte deaktivierte und sie als Unternehmerpersönlichkeiten ansprach. Politische Bewegungen sollten verhindert, nicht aufgebaut werden, Politik ließ sich besser von oben organisieren und verwalten.

Foto: Evan Vucci/AP/dapd

Konfrontiert mit Trumps entfesselter Libido…

Die Gefahr besteht darin, die Rückkehr der Klasse mit der Handlungsfähigkeit der Klasse zu verwechseln. Eines der beeindruckendsten – und trefflichsten – Phänomene im Nachgang des Brexit-Referendums war eine bestimmte Form des Entsetzens, und zwar von einigen, die für den Austritt gestimmt hatten. Sie waren erschrocken über das Ergebnis, weil »sie nicht daran glaubten, dass ihre Stimme zählt«. Andere wiederum waren der Meinung, dass so wichtige Entscheidungen nicht von ihnen getroffen werden sollten. Zwar wurde der Brexit von großen Teilen der Arbeiterklasse unterstützt, aber das ist weit entfernt von einem selbstbewussten Handeln der Arbeiterklasse.

Es ist in jedem Fall ein Fehler, die Rückkehr der Klasse gegen Rasse auszuspielen. Neu ist, dass es keine Gegenwehr von Seiten der Fürsprecher der Globalisierung, des freien Handels etc. gibt. Die Spannung, die die neoliberale Rechte der letzten vierzig Jahre auszeichnete – worin sich vermeintlich gegensätzliche Positionen in der Praxis ergänzten – ist nun zur Spaltung geworden.

Was bedeutet das?

Es bedeutet zunächst, dass die Rechte ihren Anspruch auf die Moderne aufgegeben hat. Die neoliberale Ideologie hat dafür gesorgt, dass Neoliberalismus als Modernisierung erschien. Aber es ist genau diese Moderne, die die Rechte nun ablehnt. Statt der neoliberalen Umarmung der globalisierten Gegenwart, schaut man nun zurück und nach innen. Das Votum für den Brexit beruhte auf dem, was Paul Gilroy »postkoloniale Melancholie« nannte und auch Trumps Sieg hatte offenkundig mit dem amerikanischen Äquivalent dieses Phänomens zu tun.

Doch der Abschied der Rechten von ihrem Anspruch auf die Moderne gibt der Linken umso mehr Gründe, sie zurückzuerobern. Der gegenwärtige rechte Populismus reagiert auf echte Probleme der neoliberalen Welt. Neben der ökonomischen Stagnation bietet er auch ein Balsam für das existenzielle Defizit des zeitgenössischen Kapitalismus: der banale Nihilismus einer durch kapitalistische Imperative entleerten Welt. Die Antwort ist natürlich Nationalismus. Aber das ist auf keinen Fall die einzige Antwort auf das Problem der Zugehörigkeit. Kontrolle über ihr eigenes Leben.

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QUELLEN:

1 Gary Young, How Trump Took Middle America, Guardian, 16. November 2016, https://www.theguardian.com/member¬ship/2016/ nov/16/how-trumptook-middletown-muncie-election
2 Simon Reynolds, Is Politics the New Glam?, Guardian, 14. Oktober 2016, https://www.theguardian.com/books/2016/oct/ 14/politics-new-glam-rock-power-brand-simon-reynolds.
3 Ebd.
4 Francis Fukuyama, American Political Decay or Renewal: The Meaning of the 2016 Election, Foreign Affairs, 95.4 (2016), https:// ceulau.files.wordpress.com/2016/08/fa-politcal-decay-or-renewal-aug-2016.pdf.
5 Martin Jacques, The Death of Neoliberalism and the Crisis in Western Politics, Guardian, 21. August 2016, https://www.theguardian. com/commentisfree/2016/aug/21/death-of-neolibe¬ra¬lism-crisis-in-western-politics.
6 Christian Parenti, Listening to Trump, Jacobin, 22. November 2016, https://www.jacobinmag.com/2016/11/trump-spee¬ches-populism-war-economicselection.
7 Fukuyama, American Political Decay or Renewal?, S. 68.
8 Joan C. Williams, What So Many People Don’t Get About the US Working Class, Harvard Business Review, 10. November 2016, https://hbr.org/2016/11/what-so-many-people-dont-get-about-the-u-s-working-class.
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* Das ist der letzte, nicht beendete und nicht veröffentlichte Beitrag für k-punk vom 15. November 2016. Der Text enthält einige fragmentarische und unvollständige Passagen.

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© 2020 by Verlag Klaus Bittermann

Dank an Klaus Bittermann, der diesen Text zur Verfügung stellt. Dank auch an Robert Zwarg, der ihn übersetzt hat.


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Fisher, Mark



DER THRILLER ZUR PANDEMIE – John F.Case: DAS ERSTE DER SIEBEN SIEGEL by Martin Compart

Stellt Euch vor, es gäbe eine Sekte, die die Erde von der Überbevölkerung und allen Sündern befreien möchte – und zwar mit Hilfe eines Influenzavirus‘, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Namen „Die spanische Dame“ zahlreiche Opfer fand und nun durch Manipulation zur perfekten Vernichtungswaffe gezüchtet wurde.

In John F. Cases „Das erste der sieben Siegel“ wird diese Vision grausige Wirklichkeit.
In New York wird ein Ehepaar ermordet. In Nordkorea wird ein kleines Dorf mit Bomben ausgelöscht. Ein Bewohner, dem die Flucht in die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea gelingt, berichtet, dass im Dorf vor der Auslöschung die „spanische Dame“ ausgebrochen sei. Das Virus galt bis dahin als ausgestorben und auch in den Forschungslabors als nicht vorrätig.

Dr. Kicklighter und seine Schülerin Annie Adair bekommen daraufhin ihren bereits abgelehnt gewesenen Finanzierungsantrag für ein Forschungsprojekt bewilligt. Sie wollen in Norwegen Leichen von Bergarbeitern ausgraben, die seit ihrem Tod 1918 im Dauerfrost begraben und höchstwahrscheinlich an dem besagten Virus gestorben sind.
Doch als sie dort ankommen, sind die Gräber bereits leer.

Der Journalist Frank Daly – der eigentlich über die Ausgrabung berichten sollte, aber den Eisbrecher verpaßt hatte – wittert durch die Verschwiegenheit der beiden Wissenschaftler nach deren Rückkehr und der Anwesenheit des CIA eine heiße Story und beginnt nachzuforschen, wo die Leichen geblieben sind.

Diese wurden unter amerikanischen Namen eingeführt, und ein Name davon ist Leonard Bergmann, der Sohn des ermordeten Ehepaares und Mitglied beim „Tempel des Lichts“.
Daly nimmt die Sekte genauer unter die Lupe, währenddessen deren Mitglieder eine schwächere Version des Virus in verschiedenen Städten auf die beste Verteilungsmöglichkeit und die Ansteckungsrate testen…

Birgit Andrae in: http://buchwurm.org/case-john-f-erste-der-sieben-siegel-das-10569/

Ich könnte es nicht besser ausdrücken als Frau Andrae: „Das erste der sieben Siegel ist ein brilliant geschriebener Thriller, der es mir unmöglich machte, ihn aus der Hand zu legen… Nichts Vergleichbares gefunden.“

„EERIE SUSPENSE . . . Thrusts readers into the thick of a rapid-fire plot . . . Keep[s] you turning the pages and praying that this is only fiction.“
–www.amazon.com

„[A] SUPERCHILLING TALE . . . MIND-BLOWING . . . DESTROY[S] THE READER’S SLEEP.“
–Kirkus Reviews

Viren sind kein neuen und kein wirklich ungewöhnliches Thema für Thriller (und ich mag es genauso wenig, wie Medizin-Thriller generell seit Robin Cooks COMA).

Aber an einen erinnere ich mich gerne und beklemmt, denn er ist von einem Autoren, von dem ich ALLES bedingungslos verschlungen habe: John F.Case!

Besser von einem Autorenpaar. Hinter dem Pseudonym steht, bzw. stand das Ehepaar Jim und Carolyn Hougan. Gemeinsam schrieben sie sechs brillante Thriller bis zu Carolyns Tod im Februar 2007.

Jim Hougan, geboren 1942, war ein exzellenter investigativer Journalist und Ermittler. Ihm begegnete ich erstmals durch das bahnbrechende Buch SPOOKS – DIE DIENSTBAREN GEISTER DER MACHT (deutsch 1979 bei Rogner & Bernhard), das mir Jörg Fauser schenkte, da es in jede Basisbibliothek zu Geheimdienstaktivitäten gehört.

Hougan half auch Norman Mailer bei den Recherchen zu dessen großen CIA-Epos HARLOT´S GHOST.
Jims Page:
http://www.jimhougan.com/

Hougan zu dem Roman:

„For the most part, though, the research is fun because one writes about the things that interest one. And the people you meet–the „experts“–are often quite terrific.
Occasionally, though, the research is disturbing–as worrisome as it is interesting. Such was the case with The First Horseman, whose plot turns upon the ease with which America might be devastated by a person or group with access to biological weapons–and a deep grudge. When I began the research, I knew the possibility was scary, but I thought it was also quite remote.

As I soon found out, however, the possibility is anything but remote. Biological weapons are dirt-cheap, easy to acquire, and completely destructive–nature’s very own neutron-bomb. With $2000 and two years of science classes, a highly-functioning madman could probably take a big chunk out of the Big Apple. And there isn’t a city in the U.S. that’s prepared to cope with the threat–neither New York nor Washington, Pittsburgh or Peoria. In fact, a chemical or biological attack on a single

high-rise–just one building–would paralyze New York’s hospitals and health care system, and do so almost immediately. A broader attack–by crop duster or pleasure-boat on the Hudson–is….well, that’s why I wrote The First Horseman.“
jim-and-carolyn-hougan[1].
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Mehr zu John F.Case und Jim Hougan demnächst in diesem Blog.



Michael Moorcocks COLONEL PYAT-Quartett by Martin Compart

Wie Lügen zur Wahrheit führen können, erzählt Michael Moorcock in seiner Pyat-Quartett, die eine einzigartige Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts projiziert.

Die Tetralogie gehört zu Moorcocks Meisterwerken! Und das bei einem Autor, der nicht gerade wenige Meisterwerke geschrieben und Fantasy und SF revolutioniert hat.

Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehört auch die Antizipation des Steampunk mit seiner Oswald Bastable-Trilogie. Mit den Jerry Cornelius-Romanen erforschte er die Drogen getränkten Gehirnströme der Swinging Sixties, und seine Sword & Sorcery verband die Wucht von Robert E. Howard mit der Sensibilität von J.G. Ballard.

„All my early Elrics are like fantasies by Camus.“

Moorcock war als Herausgeber von NEW WORLDS für den kometenhaften Aufstieg der New Wave in den 1960er Jahren verantwortlich, in der William und nicht mehr Edgar Rice Burroughs die Koordinaten bestimmte. Stichwort: inner space. Neben anderen Aspekten reflektierte die New Wave natürlich auch die zeitgleiche Rock- und Drogenkultur der Jugendrevolte. Man wollte die Science Fiction der Sublimierungskultur entreißen.

Oder, wie es Brian Aldiss ausdrückte: „Moorcocks Energie und Ballards Vorstellungskraft sogen ein neues Publikum für die SF an.“

In den 1960er Jahren wurde er zum popkulturellen Regenmacher:
Without Moorcock neither today’s SF nor today’s fantasy nor today’s comic-book scenes would look anything like they do; and nor, arguably, would either Dungeons & Dragons, World of Warcraft or This Is Spinal Tap have been possible.„, stellte die FINANCIAL TIMES fest.

Seine enge Verbindung zur Pop-Musik schlug sich in der Zusammenarbeit mit Bands nieder, allen voran HAWKWIND.

Moorcock tanzte auf vielen Hochzeiten und machte überall eine gute Figur. Er verblüffte immer wieder durch Innovationen. So auch Anfang der 1980er, als er mit Colonel Pyatt begann („I have used fantasy and science fiction to experiment a little bit, to practice if you like before doing something slightly ambitious like the Jerry Cornelius books, the “Colonel Pyatt” novels are a sort of extension of the Cornelius books.“):

Maxim Arturovitch Pyatnitski alias Colonel Pyat ist ein interessanter Bursche: 1900 geboren und 1977 gestorben, nahm er bis in die 1940er Jahre (laut seiner vierbändigen autobiographischen Darstellung) an so manchen Ereignissen teil, die diese Epoche prägten: vom Russischen Bürgerkrieg bis Auschwitz führte ihn sein Weg durch die Zeit und drei Kontinente.

Seine persönlichen Aufzeichnungen wurden von Michael Moorcock zwischen 1979 (er fand erst 1981 einen Verlag, der den ersten Band druckte) bis 2006 in vier voluminösen Bänden herausgegeben.

Die autobiographischen Aufzeichnungen legen Pyats Charakter frei. Unbefangen – von Moorcock nur bei zu starken Entgleisungen abgemildert – teilt der Narziss alle Vorurteile und ideologische Verirrungen, die das Jahrhundert zum bisher blutigsten und geschmacklosesten in der Menschheitsgeschichte machten. Ohne Selbstzweifel trampelt der kokssüchtige Wissenschaftler durch jedes Dilemma, an denen natürlich immer die anderen Schuld sind, ohne zu erkennen, dass es genau Typen wie er waren, die aus dieser Zeit ein Schlachthaus machten.

Die Koksnase Pyat ist als Antisemit, ehemaliger Ku-Klux-Klan-Angehöriger, seiner Neigung zu sehr jungen Mädchen und Buben und Verehrer der SS alles andere, als ein Sympathieträger. Er identifiziert Schwarze, Tartaren, Papisten, Juden, Muslime, Katholiken und Sozialisten als Träger der großen Verschwörung Karthagos gegen das christliche Russland, die Monarchie und den Faschismus, die als einzige den menschlichen Fortschritt und die Eroberung des Kosmos garantieren!

Die Tetralogie wurde gelegentlich mit den FLASHMAN-Romanen von George MacDonald Fraser verglichen. Die augenscheinliche Überschneidung ist, dass es sich bei beiden Werken um Memoiren von Zeitzeugen handelt, die immer wieder in historische Prozesse verwickelt werden.

Aber der unsympathische Pyat ist – im Gegensatz zu Flashman – kein verlässlicher Erzähler, da er sich die Realität gerne zurecht biegt. Der Reiz bei diesem Ich-Erzähler liegt darin, dass er häufig die richtigen historischen Fakten präsentiert, aber aus ihnen die falschen Schlüsse zieht. Flashman ist ein extrem zuverlässiger Erzähler, der seine charakterlichen Defizite vor dem Leser ausbreitet und schonungslos mit sich selbst umgeht. Dagegen zeigt der Narziss Pyat psychopathische Züge.

Moorcock: „I always try to get the ‘tune’ right first in a book. The tone is the most important thing for me. Once I have the cadences, I can also begin on the form.

Wie umstritten dieses Werk ist, erkennt man auch daran, das Moorcocks amerikanischer Verlag Random House sich weigerte, den dritten und vierten Band zu veröffentlichen (die Amerikaner kamen erst Jahre später durch einen anderen Verlag in den Genuss der gesamten Tetralogie – was dem deutsch lesenden Publikum nach wie vor verwehrt bleibt).

Zwischen dem 2. und dem 3.Band machte Moorcock eine achtjährige Pause. Er begründete dies mit der aufwendigen Recherche für jedes Buch und die Schwierigkeit, in den Sprachduktus von Pyat zurück zu finden.

Leider ist bei uns nur der erste Band des Quartetts erschienen: Bastei-Lübbe veröffentlichte ihn 1984 unter dem Titel BYZANZ IST ÜBERALL in seiner damaligen Paperback-Reihe in einer vorzüglichen Übersetzung von Michael Kubiak und mit einem gruseligen Satzspiegel (ohne den die Reihe, in der Stephen King am deutschen Markt durchgesetzt wurde, sicherlich Kult-Status hätte).

So viele Moorcock-Fans, die auch härtere Kost vertragen, scheint es bei uns nicht zu geben. Obwohl Bastei-Lübbe damals den Jerry Cornelius-Zyklus vollständig veröffentlichte, wagte man sich nicht mehr an die anderen Colonel Pyat-Bände heran. Vielleicht schreckte man auch vor der Problematik des Sujets zurück… Überhaupt ist es eine Schande, dass es keinen Verlag gibt, der eine Gesamtausgabe dieses Autors macht, der zu den 100 einflussreichsten Schriftstellern der letzten hundert Jahre gehört. Nicht mal sein großer Roman MOTHER LONDON, der mit allem mithält, was Iain Sinclair oder Peter Ackroyd (die ihm viel zu verdanken haben) geschrieben haben. Aber in einer Zeit qualitativer Rationierung können Großverlage kaum noch Minderheiten bespielen.

Abenteuerliches gibt es genügend in dem Werk, das mit Pyats Kindheit und Jugend in Kiew, St.Petersburg und Odessa beginnt (wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Moorcock habe Zeit und Ort mit eigenen Augen gesehen, so eindrucksvoll sind seine Schilderungen; er nannte Babels Benya Krik-Stories als wichtigen Einfluss).

Natürlich gerät er in die brutalen Wirren des Bürgerkriegs (aber auch als genialer Erfinder von kurz funktionierende Flugmaschinen und einer Laserkanonen, kann er dessen Verlauf nicht ändern). Er flieht in die Türkei nach Konstantinopel (wo er sich eine 13jährige Roma kauft).
Dann geht es nach Rom, wo er sich von den Faschisten bewundern lässt, und weiter nach Paris, Seine großen Pläne werden seiner Meinung nach von der Karthago-Verschwörung sabotiert – und ab geht es in die USA, wo er beim Ku-Klux-Klan und schließlich in Hollywood landet. Dort arbeitet er zuerst als Techniker und Set-Designer, bevor er zum Star in Western-Serials aufsteigt.

Er befreundet sich mit Sam Goldwyn und entschließt sich, einen grandiosen Epos in Ägypten zu drehen. Natürlich geht alles schief, und es folgt eine irre Odyssee durch die übelsten Harems, regelrechte Vergewaltigungskerker, und Unterwelten Nordafrikas. In Cairo trifft er (natürlich) auch den nubischen Transvestiten Ibrahim al-Gharbi (hier al-Habashiya geheißen), der damals in der Region den Handel mit Sex-Sklaven beherrschte.
Die Szenen von Pyats Versklavung in al-Habashiyas bisexuellem Harem hätten von de Sade stammen können. Nachdem er der afrikanischen Hölle entkommen ist, geht er zurück nach Italien und macht seinen Weg in den inneren Zirkel von Mussolini, dem er verspricht, Land-Leviathane (eine immer wiederkehrende Topos von Moorcock) zu bauen.

Aber auch hier lauert überall Intrige und Gefahr.
Dank eines Geheimauftrages von Mussolini kann er das faschistische Italien verlassen. Die Geheimmission führt ihn nach München zu den Nazis und in die Arme von SA-Chef Ernst Röhm. Die Verstrickung in den „mysteriösen Todesfall“ von Hitlers Nichte Geli Raubal, bringt Pyat dann auch nach Dachau.
Um Hitler nach dem Tod seiner Nichte wieder sexuell auf Trab zu bringen, brachte Röhm ihn dazu, sich als Nutte zu verkleiden und den Führer zu verführen.
Brave Bürgererotik wird man bei Moorcock vergeblich suchen.

Wie man sieht: Die vier Bände sind ein pikaresker Roman, der oft starker Tobak ist, aber immer faszinierend das Zeitkolorit für unglaubliche Abenteuer und Interpretationen aufsaugt (‚the Holocaust . . . was not my fault . . . any more than it was Adolf Hitler’s]‘.

Die begleitenden Nebenfiguren (auch Mrs. Cornelius taucht immer wieder auf) unterfüttern die monströse Figur des Erzählers. Pyat gelingt es in den besten Momenten, die volle Idiotie dieser Ära vorzuführen, die uns bei der Lektüre von historischen Werken so nie bewusst wird. Wenn in Zeiten der Wirrnis Geschichte zum Wegweiser wird, dann sei vor diesen Pfaden gewarnt.

Michael Moorcock: „…and Pyat, of course, is about man’s inhumanity to man, to put it the broadest it will go. It’s actually about the Nazi holocaust. It was hard enough bearing the burden of death and suffering in the past, in which I forced myself to see every individual in every concentration camp picture, no matter how dehumanized they had become.


Byzantium Endures [1981]
The Laughter of Carthage [1984]
Jerusalem Commands [1992]
The Vengeance of Rome [2006])

Zu Moorcock siehe auch in diesem Blog:
https://martincompart.wordpress.com/2010/11/04/die-crux-mit-dem-hauptwerk-grundsatzliches-uber-michael-moorcock-3-von-alexander-martin-pfleger/