Martin Compart


THEY MADE AMERICA GREAT AGAIN by Martin Compart



TOM CLANCY GNADENLOS GEGEN DEN STRICH GEBÜRSTET by Martin Compart

Als russische Soldaten seine Familie als Vergeltung für seine Beteiligung an einer streng geheimen Operation der Navy SEALs töten, verfolgt Sr. Chief John Kelly die Mörder. Er tut sich mit seiner Kollegin Karen Greer und dem CIA-Agenten Robert Ritter zusammen. Hierbei kommt er unbeabsichtigt hinter das Geheimnis einer Verschwörung, die versucht, die USA und Russland in einen Krieg zu verwickeln. Kelly ist zwischen dem Pflichtgefühl, seine Familie zu rächen, und der Loyalität gegenüber seinem Land hin und her gerissen.

Der Film GNADENLOS (WITHOUT REMORSE) basiert auf Clancys Roman von 1993 WITHOUT REMORSE, der den Vietnamkrieg als Hintergrund hat und John Clark als spin-off in das Jack Ryan-Universum einführt. Das zehn Jahre alte Drehbuch war von Shawn Ryan (THE SHIELD) geschrieben worden und wurde von Taylor Sheridan (WIND RIVER, YELLOWSTONE) überarbeitet.

Tom Clancy hätte wahrscheinlich einen Infarkt bekommen, hätte er diese düstere Interpretation seines Werkes noch erlebt! Denn vom Superpatriotismus seiner Bücher – Trump wäre sicherlich Clancy-Fan, wären die Romane nicht zu anspruchsvoll für ihn – bleibt in diesem düsteren Film nicht viel übrig.

Ich lasse mich sogar zu der kühnen Bemerkung hinreißen: Clancy goes noir!

Der Film kommentiert die zunehmende Spannungserhitzung der USA/des Westens und Russlands. Um die innerlich gespaltenen US-Staaten wieder zu einen, bedarf es wieder eines großen, mächtigen Feindes, denn „nicht die Militärs haben den 2. Weltkrieg oder den kalten Krieg gewonnen, sondern die Ökonomen. Der beste Feind, den wir je hatten, war die Sowjetunion. Mehr Panzer, mehr Waffen – das hat die Ökonomie stark gemacht und uns wohlhabend“, so Guy Pearce als Secretary Clay.

Dafür müssen dann auch eigene Delta Force-Soldaten, CIA-Agenten und ihre Angehörigen über die Klinge springen. Denn im Film provozieren die Mächtigen der USA nicht mit der Einkreisungspolitik der NATO die Russen, sondern durch getürkte Kommando-Unternehmen, die in beiden Ländern breite Blutspuren hinterlassen.

Atemberaubend glaubwürdig gefilmt durch Regisseur Stefano Sollima (GOMORRAH) sind besonders die unrealistischen Action-Szenen (die den Großteil des Films einnehmen). Seine bösartige Adaption zeigt beeindruckend den aktuellen zivilisatorischen Zustand der kapitalistischen Machteliten.

Gut, das es noch Filme, Romane oder TV-Serien gibt, die nicht behaupten, was Amerika sein könnte, sondern was es ist.



EIN ROTHAARIGER CHE GUEVARA – SIMON VOM FLUSS by Martin Compart

In den frühen 70er Jahren erschien SIMON VOM FLUSS in der Wochenzeitung „Tintin“. Sein Schöpfer, Claude Auclair (1943-90), stand kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag und war noch nicht lange als Comiczeichner tätig. Nichtsdestotrotz entflammte sein Werk DIE BALLADE DES ROTSCHOPFS und dessen literarischer Ausdruck, in dem Auclairs Bewunderung für Jean Giono und dessen LIED DER WELT anklang, schon von Anfang an eine leidenschaftliche Debatte unter den Lesern der Zeitung.
„Als ich die BALLADE DES ROTSCHOPFS zu zeichnen begann, wollte ich Giono meine Anerkennung zollen und dem Geist seines Romans nachspüren, in dem ich mich so sehr wiedergefunden hatte. Ein anonymes Schreiben an den Verlag bezichtigte mich des Plagiats. Ich musste mich an Gionos Verlag Gallimard wenden. Die Antwort war: Ich hätte achttausend Francs für die Rechte zu zahlen und durfte meine Geschichte nicht nach der Erstveröffentlichung nachdrucken.“

Bald folgten CLAN DER ZENTAUREN und DIE SKLAVEN – mit ihnen ein düsterer Ausblick auf die Zukunft und Chroniken der kommenden Zeiten. Eine Comicklassiker, der entschieden ernst und eindringlich von einer postapokalyptischen Welt berichtet, die sich aus den Ruinen einer atomaren Katastrophe erheben muss.

Dieser umfangreiche Sammelband enthält die Alben DIE BALLADE DES ROTSCHOPFS (als deutsche Erstveröffentlichung), DER CLAN DER ZENTAUREN, DIE SKLAVEN sowie ein unveröffentlichtes 36-seitiges Dossier von Patrick Gaumer und ein neues Vorwort von Andreas C. Knigge.

Nach der neunbändigen Ausgabe durch den Carlsen-Verlag in den 1980ern ist dies der erste Band einer kompletten Serienedition in drei Bänden, prachtvoll gestaltet mit Hintergrundsmaterial als großformatiges Hardcover.

SIMON VOM FLUSS 1
GESAMTAUSGABE
von
Claude Auclair

Cross Cult

ISBN: 978-3-96658-532-3
35,00 €
Erscheinungsdatum: 22.11.2021
Sonderformat, HC, 4c, 186 Seiten

Als SIMON VOM FLUSS 1973 erstmals in „Tintin“ auftauchte, war das eine Sensation. DIE BALLADE DES ROTSCHOPFS hätte man eher in „Pilote“ erwartet oder in „Metal Hurlant“ (das aber erst ab 1975 erscheinen würde).
Zeichner und Texter Auclair legte die ersten Grundlagen für einen dystopischen SF-Comic, der zum Klassiker wurde und zu den besten gehört.

Die beiden großen Magazine „Tintin“ und „Spirou“ steckten bereits in den 1960 Jahren in einer Krise und versuchten neue Wege zu gehen, ohne die etablierten Konzepte ganz aufzugeben. Andreas C. Knigge beleuchtet die Situation in seinem Vorwort.

SIMON wurde der bisher radikalste Comic in Folge der 1968er Revolte in einem „Jugendmagazin“ der 9.Kunst.
Auclairs Comic ist voller Anspielungen auf die damalige Zeit des Aufbruchs und seine politische Haltung radikal links:
„Für mich ist Gewalt die logische Reaktion auf Unterdrückung. Sie entsteht durch eine ihr vorhergehende Gewalt, der sich nun mal nichts anderes entgegnen lässt. Obwohl das zutiefst bedauerlich ist, vermag ich doch nicht zu erkennen, dass Gewaltlosigkeit die Lösung ist. In SIMON wollte ich diese Gewaltspirale aufzeigen, indem ich sie so ungeschönt und realistisch wie möglich zeige.“

Seine Action-Szenen scheinen mir stark vom Italo-Western beeinflusst.

Im Eingeständnis der Verzweiflung über die gescheiterte Revolution sucht Auclair stilistisch und inhaltlich neue Wege zu gehen – wie es sein Landsmann Manchette zeitgleich für den Noir-Roman tat.

Für mich eine der besten und wichtigsten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Beklemmend aktuell. „SIMON VOM FLUSS ist seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Das reicht von den starken autonomen Frauenfiguren… bis hin zur Unterschiedlichkeit der Protagonisten durch Hautfarbe oder individuelle Lebensform: Fast scheint es, als seien die heutigen Debatten um Identität und Diversität schon längst geführt.“ (Andreas C. Knigge in seinem Vorwort)

Weihnachtsgefühle werden bei der Lektüre allerdings nicht aufkommen.

http://www.claude_auclair.hjschumacher.nl



BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



John Mair-Rezension by Martin Compart

In der SZ hat der große Fritz Göttler John Mairs ES GIBT KEINE WIEDERKEHR besprochen. Mit einem tollen Foto, das die Atmosphäre der Zeit wunderbar einfängt.

Unter:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr-rezension-1.5409769



GEGEN EIN LINKSBÜNDNIS! PUMMEL MUSS NOCH STÄRKER WERDEN! by Martin Compart
11. September 2021, 6:42 pm
Filed under: Ekelige Politiker, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , ,

„Geldwäsche gehört seit Jahrzehnten – EU -Richtlinien hin oder her – zum bewährten Konjunkturprogramm, von Schäuble eingeführt, der BRD. Ich danke der ‚Ndrangheta für eine langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit, die Wohnraum wohlhabend gestaltet. Organisierte Kriminalität heißt freie Marktwirtschaft ohne Steuern. Ich bin dazu bereit, der FDP ein Stück weit entgegen zu kommen. “



BARLOW SPRICHT… by Martin Compart
3. September 2021, 9:30 am
Filed under: Afrika, Eeben Barlow, Politik & Geschichte, Söldner | Schlagwörter: , ,

Vielleicht sollten die Verantwortlichen in der Bundeswehr erstmal Eeben Barlow studieren, bevor sie Soldaten in Mali uneffektiv verheizen.

REVISITING THE TRINITY OF GRAVITY
by Eeben Barlow

The rise of Islamic-inspired anti-government forces in Africa remains a cause for concern, especially after the rapid collapse of Afghanistan. No doubt many of these forces in Africa, and elsewhere, will be emboldened and incentivised by the inability of foreign-trained forces to effectively counter them.

Whereas many lessons will no doubt be documented, they will serve no purpose unless they are acted on, doctrinal adjustments made accordingly—and approaches to training reassessed and implemented.

In my book ‘Composite Warfare: The Conduct of Successful Ground Force Operations in Africa’, I argued that the Clauswitzean Centre of Gravity had lost its relevance in the conflicts in Africa and that it ought to be substituted with a ‘Trinity of Gravity’ (ToG).
The ToG comprises the enemy force, its financing, and the local population. If two of ToG’s elements are neutralized, the third will inevitably collapse.

It is obvious the enemy forces must be attacked and destroyed by agile and manoeuvrable forces using a combination of unique TTTPs, and following a realistic, sustainable yet unpredictable, intelligence-driven campaign strategy and associated designs for battle.

Equally obvious is the fact that the enemy’s financing must be cut-off to bleed him into bankruptcy on the battlefield.
It is, however, the local population that is usually neglected and/or targeted and become collateral damage between the fighting parties. In the process, they are forced to choose sides, and it becomes a battle for their survival.

Whereas there are many drivers for anti-government sentiment, the primary driver is a lack of governance. It is the belief by the populace that they have been abandoned or marginalised by the government that swells the ranks of the anti-government forces. It also impacts morale and perceptions of serving members within the government forces as they are drawn from the wider populace.

But the local populations are seldom homogenous groupings of people. They vary in numerous ways, and differences include aspects such as tribal, ethnic, clan, religious, language, tradition, history, and ideology. Other factors such as education, poverty, healthcare and so on further impact the populace and their views of the government. Although not part of the environmental influences, the populace plays a major role in how the Area of Operations/combat landscape is shaped and how it ought to be assessed and viewed.

Failing to understand the circumstances of the populace, and how it has shaped them as a people, is a critical failing. Viewing the populace through the lens of either the East or the West is likewise a serious error. Treating them with arrogance and condescension is similarly a grave folly—as is trying to reshape society in someone else’s image. This merely breeds anger and resentment.

With good intentions, intervening forces often develop infrastructures for the local population without understanding what the people want. This is a wasteful expenditure and is viewed as such by the locals. In fact, it often serves to antagonise them and make them question which side they want to be on.

Creating local population casualties through ill-disciplined or uncontrolled actions merely drives an already despondent and frustrated population into the arms of a waiting enemy.

As Africa has shown, these failings by governments and their armed forces, whether domestic or foreign, are rapidly exploited by especially militant Islamist forces.

I, therefore, remain convinced that there is no longer a Centre of Gravity but a Trinity of Gravity—and the longer the ToG is ignored, the more militant Islamists and other anti-government forces will exploit it to our disadvantage.



BREAKING NEWS: HINTERGRUNDWISSEN ZUR AKTUELLEN SCHICKSALSWAHL by Martin Compart
25. August 2021, 4:45 pm
Filed under: Edition Tiamat, GEORG SEESSLEN, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , , ,

Statt sich der Rhetorik fauliger Wahl/Parteiprogramme auszusetzen, sollte man schleunigst dieses Buch lesen:

Das jüngste Rumoren des Kleinbürgertums, die Spannung zwischen dem Viertel, das den Weg der Faschisierung eingeschlagen hat, und dem anderen Viertel, das die Grünen zur Regierungspartei machten will, die erneute Transformation dieser Klasse, die nicht eine ist, die postcoronale Sehnsucht nach verlässlicher Normalität und Bescheidenheit – all das ist Anlass, nach der politischen, ökonomischen und kulturellen Funktion von uns Kleinbürgern zu fragen (denn natürlich ist das auch unsere, der Autoren Klasse oder Nicht-Klasse).
Was unterscheidet die verschiedenen Varianten, von seiner Geburt am Beginn von Urbanisierung und Industrialisierung bis ins Zeitalter von Digitalisierung, Globalisierung und Privatisierung? Welche Rolle spielt das Kleinbürgertum im Zusammenspiel (und der Dissonanz) von Kapitalismus und Demokratie? Was heißt in diesem Spiel einer Vermittlung zwischen Kapital und Arbeit Krise? Und was bedeutet der kommende Zusammenschluss der linksliberal-ökologischen und der konservativ-bürgerlichen Segmente zu einer Regierung der allerneuesten Mitte?

Edition Tiamat
Critica Diabolis 299
Paperback
282 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-282-9

Als Amuse-Gueule:

Wenn der bescheidene Kleinbürger seine Bescheidenheit zum Programm erhebt, wird er (oder sie natürlich) zum >Spießbürger<, Leute, die bescheiden und begrenzt sind, was manchmal zu bizarren Beziehungen zwischen bescheidener Innenwelt und lärmender Außenwelt führt.

REZENSION ERFOLGT DEMNÄCHST IN DIESEM THEATER.



zu JOHN MAIRS KLASSIKER „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ by Martin Compart

Neu im BUCHMARKT https://buchmarkt.de/menschen/martin-compart-sg-noch-nicht-baerbeitet/
In CRIMEALLEY: https://crimealleyblog.wordpress.com/2021/08/01/totgesagte-leben-laenger/
In MORDLUST: https://www.mordlust.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/
In TAGESANZEIGER und BERNER ZEITUNG: https://www.tagesanzeiger.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231; https://www.bernerzeitung.ch/ein-thriller-der-george-orwell-begeisterte-771035667231
In BONNER KRIMIARCHIV (Sekundärliteratur): https://www.bokas.de/krimitipsiebzig-eins.html#Lupe
In KULTURNEWS: https://kulturnews.de/john-mair-es-gibt-keine-wiederkehr/

John Mairs deutsche Erstveröffentlichung ES GIBT KEINE WIEDERKEHR entwickelt sich zu einem überraschenden Erfolg, mit dem weder der Verlag noch meine Wenigkeit so gerechnet haben.

Das große Interesse hat das vorgesehene Rezensionsexemplare-Kontingent schon so gut wie aufgebraucht. Es gab einige schöne und kritische Rezensionen (mit Ausnahme der erwartbaren unfreiwillig plumpen Dummschwätzerei meines bekannten Ex-Bastei-Büttels, der seine akademischen Plattitüden gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt; oft so peinlich wie – um Orwell zu zitieren – „ein humoristischer Vortrag auf einem Kirchenabend“.). Unerwartet wurde der Roman von der Jury, gegen entsprechenden Widerstand, auch in die „Krimi-Bestenliste“ gewählt.

Mit dieser Resonanz hatten wir nicht gerechnet! Ein anspruchsvoller und verstörender Thriller findet also doch sein kleines oder mittleres Publikum in Zeiten, in denen sich Kriminalliteratur durch Gestalten wie Sebastian Fitzek auf der Bestsellerliste als literarische Lebensmittelvergiftung definiert.

Bei der zweiten Auflage, bzw. Nachdruck, wird es nur kleine Änderungen geben. Aber sicherlich darf nicht unerwähnt bleiben (was mir völlig entgangen war), worauf mich Eva König aufmerksam gemacht hat: Das Mairs Buch ein früher existentialistischer Roman ist. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf, machen auch surrealistisch anmutende Szenen zusätzlich Sinn.

An dieser Stelle – mit Erlaubnis des Verlages – möchte ich zum fortschreitenden Interesse an John Mairs Roman zwei Kapitel aus meinem Nachwort zitieren:

Thriller

Als John Mairs Roman Never Come Back erschien, stand der britische Spionageroman schon in erster Blüte. Ausgehend von den Invasion-Romanen eines William Le Queux, Rudyard Kiplings «Great Game»-Roman Kim und Erskine Childers Riddle of the Sands entwickelte sich im und nach dem Ersten Weltkrieg ein Genre mit breitem Spektrum.

Den prägendsten Einfluss übte der Schotte John Buchan aus, der mit dem Klassiker The 39 Steps (seit 1915 in Britannien ununterbrochen lieferbar) eine Art Blaupause für viele Thriller lieferte (die auch in Never Come Back nachschwingt: Ein Zivilist wird in eine Verschwörung verwickelt, muss vor Sicherheitskräften und Konspirateuren fliehen und während dieser atemberaubenden Jagd die Konspiration aufklären und verhindern).

In den 1920er Jahren entstanden neben diesen politisch konservativen Thrillern auch faschistoide, wenn nicht faschistische Thriller. Zum Synonym für diese brutale Spielart des Politthrillers wurde «Sapper» mit seiner Bulldog Drummond-Serie, die vor Antisemitismus und Rassismus nur so strotzt. In diesen Spionagethrillern tobte die Paranoia des britischen Empires. Es fühlte sich von allen Seiten bedroht, von anderen Mächten und politischen Systemen. In Britannien verschärfte sich der Klassenkampf und in den Kolonien kam es zu Aufständen. Dahinter – so suggerierten nicht nur Sapper & Co. – standen Kommunisten, unterstützt von der Sowjetunion, Anarchisten, eifersüchtige Imperialmächte wie Frankreich oder die USA oder das Finanzjudentum.

Bulldog Drummond und Richard Hannay hatten alle Hände voll zu tun, feindliche Sabotage- und Spionageringe aufzuspüren und unschädlich zu machen. Die Populärkultur feierte nach wie vor Britanniens imperiale Allüren.

Beginnend mit Somerset Maughams Kurzgeschichtenzyklus Ashenden (1928) begann eine Tendenz zu bis dahin nicht gekanntem Realismus im britischen Spionageroman. Autoren wie Eric Ambler oder Graham Greene verfestigten diese literarische Strategie. Danach unterscheidet man zwei Schulen des Spy Thrillers: die romantische und die realistische (mit vielen Überschneidungen im Laufe der Jahrzehnte).

1939, in dem Jahr, als Mair seinen Roman angeblich begann, erschienen drei Meilensteine des Genres, die er wahrscheinlich gelesen hatte: The Mask of Dimitrios von Eric Ambler, The Confidential Agent von Graham Greene und Rogue Male von Geoffrey Household. Mit Eric Ambler verbindet Mair auch die linksliberale politische Orientierung.1

Aber vielleicht hatte Mair auch später Graham Greene beeinflusst: Man weiß nicht, ob Graham Greene Mairs Roman gelesen hat. Aber in Ministry of Fear (1943) weist einiges darauf hin, besonders die atmosphärischen Beschreibungen Englands während des Krieges (und Greene schrieb den Roman bekanntlich während seiner Zeit in Sierra Leone als Mitarbeiter des Geheimdienstes). In beiden Romanen finden die Aktionen in «Echtzeit» statt, genau in diesem Moment, nach dem sogenannten «Phoney War» oder «Sitzkrieg», in dem die Deutschen soeben die Kapitulation Frankreichs erzwungen und begonnen hatten, die Inseln zu bombardieren. Allerdings spürten die britischen Bürger die Auswirkungen des Konflikts noch nicht so intensiv wie ab September 1940 (The Blitz), als die deutsche Luftwaffe auch die Städte angriff. Man schien sich durch die Insellage noch sicher zu fühlen und war eher optimistisch. Was würde als Nächstes passieren? Niemand wusste es so recht und die meisten waren nicht allzu beunruhigt.

Mair kannte das Genre und hatte sich bewusst für die Form des Thrillers als Romandebüt entschieden. Julian Symons berichtet, dass Mair häufig Thriller rezensiert hatte, darunter eine Symons beeindruckende Besprechung von James Hadley Chases Roman No Orchids for Miss Blandish, der ebenfalls 1939 erschienen war. In dieser Rezension, die Symons in Bloody Murder zitiert, führte Mair akribisch alle Straftaten auf, die in Chases Roman begangen werden. 2

Ich vermute, dass auch G. K. Chestertons «philosophischer Thriller» The Man Who Was Thursday einen gewissen Einfluss auf Mairs Roman hatte: Das dort beschriebene Anarchisten-Zentralkomitee ist ebenso surreal wie Mairs Oppositions-Internationale.

Der Antiheld

Mit seinem Antihelden bricht der Roman durch eine literarische Straßensperre nach der anderen. Nie zuvor wurde mit den etablierten Klischees des Spionageromans konsequenter gebrochen. In Never Come Back gibt es weder einen Clubland-Hero noch eine patriotische Mission – und nicht mal eine «damsel in distress».

Symons stellt fest, dass Desmond Thane ganz bewusst als Gegenentwurf zu den angstfreien
Helden von John Buchan oder Sapper konzipiert worden war (und dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfließen lassen).

Der Protagonist Desmond Thane ist eine überraschend dreidimensionale Figur, wie es sie damals im Thriller kaum gab. Er gehört wahrlich nicht zu den «Clubland Heroes» à la Richard Hannay, Jonah Mansel oder Bulldog Drummond, die mit ihrem Patriotismus den britischen Spy Thriller dominierten. 3

Thane ist – wie Julian Symons bemerkt – der erste Antiheld des Genres.

Er ist ein pathologischer Lügner, beherrscht von eigenem Vorteilsstreben. Er ist eitel, sexbesessen, feige und egozentrisch. Nichts interessiert ihn weniger als kosmische Harmonie, denn er behauptet sich in der scheinbaren Sicherheit von Spekulationen.

Es zeigt John Mairs Fähigkeiten als Schriftsteller, dass er für ihn trotzdem Empathie beim Leser erzeugt. Denn Thane ist auch clever und schlagfertig wie ein amerikanischer Private Eye, der jedes Dilemma, in das er gerät, annimmt und sich herauszuwinden versteht. Ob wir wollen oder nicht: Seine derbe, überschäumende Vitalität und Cleverness nötigen uns Respekt ab.

In gewisser Hinsicht greift er mit seinem sexuellen Appetit auf spätere Thriller-Helden wie James Bond voraus. Mit Bond verbindet ihn auch seine Neigung zum Hedonismus. Dabei unterscheidet er sich aber doch sehr von Bond durch seinen Egoismus, dem patriotische Motive fremd sind. Als echter Antiheld interessiert ihn keinesfalls das Wohl des Vaterlandes. Ihm geht es nur um den eigenen Vorteil: Nachdem er herausgefunden hat, was seine Gegenspieler wollen, denkt er daran, es ihnen teuer zu verkaufen und mit dem Erlös ein Leben in Wohlstand zu führen. Dafür allein hätte Bond ihn erschossen.

Und seine physischen Fähigkeiten scheuen ebenfalls jeden Vergleich mit 007.

Anders als die Amateure in den frühen Ambler-Romanen, die zufällig in eine Konspiration geraten, treibt Thane sich selbst durch sein sexuelles Verlangen in die düstere Welt von Anna Raven. Für ihn sind Verbrechen nicht Ursachen für, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Thane sieht sich als erfolgreicher Frauenheld, beladen mit einem antiquierten Frauenbild. Das wird ihm zum Verhängnis, als er Raven trifft und Besitzansprüche stellt.

Sie aber ist eine selbstbewusste moderne Frau, ebenfalls ziemlich ungewöhnlich für die Thriller der damaligen Zeit. Sie bestimmt über ihre Sexualität – sehr zu Thanes Missfallen.
Verärgert muss er feststellen, dass sie ihn dominiert und so behandelt, wie Männer Frauen «gewöhnlich» behandeln. Für sie ist der Sex mit ihm ein rein episodisches Vergnügen ohne emotionale Einlassung. Sie unterwirft sich nicht seiner göttlichen Männlichkeit. Thane kann damit nicht umgehen, wird immer verunsicherter (eine Situation, die auch heute noch bei Männern zu Komplikationen oder Gewaltausbrüchen führt).

Ungewöhnlich für das Genre sind auch Thanes Neigungen zum Philosophieren:

«Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleichem Abscheu an Buchhandlungen, Bordellen und Reise­büros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre
ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.»

Mairs Prosa ist stets raffiniert. Und wann haben wir je von einem Bösewicht gelesen, der die Konsequenzen seiner Misse­taten im Lichte philosophischer Lehren analysiert?

Man muss Julian Symons wohl zustimmen, dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte, eine Innenschau des damals achtundzwanzigjährigen Autors. Kein besonders schmeichelhaftes Selbstbild, aber vielleicht treffend angesichts der ihm nachgesagten Egozentrik. Jedenfalls ist Thane ein runder Charakter, wie er in der damaligen Thriller-Literatur selten oder eher gar nicht präsent war. Ein Typ, an dem Patricia Highsmith sicherlich Vergnügen gefunden hätte.

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1 In den sechs Romanen, die Eric Ambler vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte, sympathisiert der Autor mit dem Kommunismus und auch der Sowjetunion.

2 Julian Symons: Bloody Murder. From the Detective Story to the Crime Novel: A History. London: Faber & Faber, 1972. Deutsche Auagaben: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans. München: Goldmann, 1982 (Nachdruck der Ausgabe München 1972).

3 Der Begriff «Clubland Heroes» wurde geprägt von Richard Usborne in seinem gleichnamigen Buch (London: Constable, 1953), in dem er die Charaktere in den Werken von Dornford Yates, John Buchan und Sapper untersucht. «I call this book Clubland Heroes because the heroes of the books I am examining were essentially West End clubmen, and their clubland status was a factor in their behaviour as individuals and groups … In Buchan, Sapper and Yates men of action were recruited from the leisured class.»




DAS STANDARDWERK ZU BUNDESREPUBLIKANISCHEN KRAWALL-KAPELLEN by Martin Compart

Hans-Jürgen Klitsch Shakin‘ All Over ist nicht nur eine soziokulturelle Geschichte der Sechzigerjahre, sondern auch das Familienalbum einer Generation außer Rand und Band.
Das Buch, das die Bundesrepublik Deutschland als Beatnation auf die internationale Landkarte gesetzt hat!


Shakin‘ All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963-1967
von Hans-Jürgen Klitsch

FANPRO, 2020
Gebundene Ausgabe; 488 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3946502113
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3946502111
Abmessungen ‏ : ‎ 21.7 x 4.8 x 30.2 cm
€ 49,90

Lange Zeit vergriffen und antiquarisch zu Horrorpreisen angeboten, ist das Standardwerk zur Beatkultur in der BRD nun in der 3. bearbeiteten, Auflage endlich wieder erhältlich.

Schon bei der Erstveröffentlichung war so manchem Experten das klapprige Gebiss rausgefallen angesichts der unglaublichen Materialfülle, die der Archäologe Klitsch gesammelt und ausgegraben hatte. Daran hat sich nichts geändert, und man liest sich staunend durch das verdammt gut geschriebene Buch.

Aber man liest nicht nur: Dank des Großformats und guten Drucks kann man sich ebenso an dem imposanten Bildmaterial berauschen. Kaum eine Seite, die nicht bebildert ist. Das bundesdeutsche Beat-Museum zwischen zwei Buchdeckeln.

Mein persönliches Highlight ist der zweite Teil, in dem Klitsch die einzelnen Regionen (und natürlich ihre Bands, Auftrittsorte, Rituale usw.) durchstreift und unter die Lupe nimmt. Er ordnet das immer auch in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang ein, analytisch und witzig:

Die größten im Pott waren THE GERMAN BLUE FLAMES, ohne Zweifel, auch wenn sie sich schon mal zum Narren machten und in Badehose gekleidet im Schwimmbad zum „Beat Swim“ aufspielten. Immerhin diente das ganze ja einem guten Zweck, denn unter den anwesenden Damen wurde ein Oben-Ohne-Badeanzug verlost – Anprobe bei Preisübergabe inbegriffen. Leider war das gute Stück bei Beginn der Verlosung auf geheimnisvolle Weise verschwunden.
Ähnlich ging´s den Arbeitsplätzen.

Dem Autor gelingen spannende Synthesen aus Sozial- und Mediengeschichte und individuellen Schicksalen.
Man kann das Buch irgendwo aufschlagen und sich festfressen.

Wie gesagt: Klitsch ist ein intelligenter und witziger Autor, der diese Epoche im Hirn wieder zum Leben erweckt. Das bedeutet u.a. als Nostalgiker für mich und meine Generation, dass er aufzeigt, was wir alles verloren haben – nicht nur musikalisch. Wie bunt diese Zeit war, kann man anhand alter spießiger Schwarz-weiß-TV-Dokus nur erahnen. In dem Buch werden die Schwarz-weiß-Abbildungen dank der Texte zum Farbfilm.