Martin Compart


IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/



40 JAHRE BITTERMANN by Martin Compart

Zur 40jährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht der Verleger Texte über seine Autoren, die wichtig für den Verlag waren und sind und ihn mit geprägt haben, Texte über Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, über Harry Rowohlt und über die verlorene Freundschaft mit Roger Willemsen, über Fanny Müller und Horst Tomayer, über Hunter S. Thompson und Guy Debord. Außerdem enthalten sind Elogen auf Bücher und Literatur von Lucia Berlin, Patrick Modiano, Mordechai Richler, J.D. Vance, Rita Navai, Didier Eribon und Benjamin von Stuckrad-Barre, die der Verleger selbst gerne verlegt hätte. Ein großer Essay über die verführerische Kraft der Zigarette, die zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen hat als die Frauenbewegung, eine Verteidigung des »Kommenden Aufstands«, ein Vortrag über den Palästinakonflikt, einige Bemerkungen über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und den verschrobenen Rechthaber Sarrazin. Dabei entsteht ein Bild mit vielen Facetten, die dem Verlag sein einigermaßen unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Critica Diabolis 269
Broschur
380 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-249-2

Das Spektrum der Texte ist viel größer als es ein kurzer Klappentext darstellen kann.

Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen.
Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.

Die höchst unterschiedlichen Texte zeigen Bittermanns literarische und analytische Fähigkeiten in vielen Aspekten und erklären damit auch, warum seine EDITION TIAMAT zu einem der bedeutendsten deutschen Verlage geworden ist.
Die Portraits zeigen Bittermanns „Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind…“

Unter den Betrachteten befinden sich auch Autoren, die nicht in der Edition Tiamat veröffentlicht wurden. Darunter eine sehr schöne Erinnerung an Jörg Fauser, der zum ersten Mal ein Buch von Bittermann (aus dem Spanischen Bürgerkrieg – wie könnte es anders sein?) auf ein Magazin-Cover (TIP) brachte.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who-Is-Who der Außenseiter-Literatur der letzten Jahrzehnte – eher mehr: denn auch Friedrich Engels oder Ben Hecht werden besprochen.

Bittermann ist nicht nur ein kluger Analytiker, er verfügt auch über eine beeindruckende Bildung. Ich bin beim Lesen auf eine ganze Reihe von Namen gestoßen, die mir zuvor unbekannt waren, die jetzt kennenzulernen mich Bittermanns Texte begierig stimmen.

Man kann diese Collection freudig hintereinander weg lesen. Genauso kann man sich immer wieder ein Stück herauspicken. Sicherlich eines dieser Bücher, die in zwei Jahren völlig zerlesen sind, da man immer wieder auf sie zugreift.

Mir bereiten die „Feind-Texte“ ein besonderes Vergnügen. Im Gegensatz zu Bittermanns „Freunden“, teile ich seine „Feinde“ alle. Und da findet man auch eleganteste Bosheiten:
„Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.“

„Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, dass er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue.“

Mehr qualitativen Gegenwert an bedruckten Papier kann man mit schnöden Mammon kaum erwerben.

Der Verleger mit Kinky Friedman.



FANAL – Interview mit Michael Contre by Martin Compart
7. November 2019, 9:37 am
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Worum geht es in FANAL ?

Vordergründig um einen ehemaligen V-Mann, der bei einem Abstecher nach Deutschland, den er gezwungener Maßen unternimmt, um Geld aufzutreiben, von ehemaligen Staatsschützern und Geheimdienstlern genötigt wird, erneut seinem alten Handwerk nachzugehen, das er in den 80er – 90er Jahren bereits für den Staatsschutz ausgeübt hatte. Mich interessiert diese Grauzone von Obrigkeit, sei es Staatsschutz oder Polizei, und Verbrechen, ob politisch angetrieben oder rein kriminell, d.h. materialistisch motiviert.

Vor ewigen Jahren hatte ich intensiven Kontakt zu einem Verdeckten Ermittler, die Gespräche haben mich dahingehend sensibilisiert, genauer hinzuschauen. In FANAL setzte ich mich aus der Perspektive unterschiedlichster Charaktere mit dieser Grauzone auseinander.

Wie kam die Idee zustande?

Der konkrete Aufhänger war die Occupy-Bewegung 2011-2012. Ich war im Vorfeld des arabischen Frühlings zufällig in Ägypten gewesen und hatte hautnah die Spannungen erlebt, die dort auf der Straße für jeden Beobachter erkennbar waren. Als es dann in Tunis losging und wie ein Lauffeuer durch den Nordafrika und den Nahen Osten wanderte, entstand überall eine revolutionäre Stimmung, die dann einige Monate später unter völlig anderen Vorzeichen und Themen in den USA zur Occupy-Movement führte. Dann gingen in Deutschland die Menschen gegen die Politik der Banken, gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus auf die Straße. Eine Entwicklung, die seit Seattle 1999 immer mehr an Zulauf gewann und dem Staatsschutz Sorge macht.

Ich erinnere nur an Heiligendamm oder den G20-Gipfel in Hamburg 2017. Am Beispiel unseren bürgerlichen Medien konnte man 2011/12 sehr gut studieren, wie die Occupy-Bewegung im Laufe der Zeit schrittweise abserviert wurde. Totgelabert von den ewig gleichen Dummschwallern.

Für einen Roman muss man ja zuspitzen, also stellte ich mir die Frage: Was ist, wenn die gleichen Leute, die zwanzig Jahre früher den RAF-Terrorismus unterwanderten und an Straftaten beteiligt waren, nun ihre Chance erkennen, um wieder ins Geschäft zukommen? Damit war zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt und konnte mich mit dem Thema Staat und Terrorismus viel breiter und grundsätzlicher auseinandersetzen.

Wieso ausgerechnet das Thema?

Die Baader/Meinhof-Bande oder Rote-Armee-Fraktion, hat mich 28 Jahre lang immer wieder beschäftigt. Sie begleiteten sozusagen meine Kindheit und Jugend. Die Fahndungsplakate hingen bei uns im Dorf in der Post und allen anderen öffentliche Gebäuden aus. Die Verhaftung von Baader und Meins wurde in der Tagesschau gezeigt. Zwei ausgemergelte Kerle in Unterhosen, die von mehreren uniformierten Polizisten festgehalten wurden. Eine Vorführung für die Bevölkerung zur besten Sendezeit.

Die Endphase des Deutschen Herbst 1977 habe ich im Schullandheim miterlebt, das war wochenlang Thema und dann schließlich die Morde an Herrhausen und Rohwedder, da war ich gerade ins Berufsleben eingestiegen. Seltsam wie erleichtert ich mich fühlte, als der Gewaltverzicht bekanntgegeben wurde und dann später die Selbstauflösung. Als wurde von klein auf im Unterbewusstsein verankert: auch du bist in Gefahr. Was natürlich Blödsinn war, aber schon zeigt, wie die öffentliche Berichterstattung auf die Psyche eines Kindes einwirkt. Offensichtlich musste das aufgearbeitet werden.

Wie stehst du persönlich zu Terrorismus im Allgemeinen und zur Roten Armee Fraktion im Besonderen?

Terrorismus ist Strategie und Taktik, von Schwächeren gegenüber einer Übermacht angewendet. Die ersten Terroristen der Neuzeit waren die Anarchisten ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen das Unrecht und die Gewalt der Obrigkeit zur Wehr setzten und Verantwortliche wie unschuldige Menschen erschossen oder wegbombten. Die Wurzeln liegen im Klassenkampf. Wir haben zum einen ein legitimes Anliegen, das Einforderung von Rechten und dem Kampf gegen Ausbeutung, zum anderen eine Waffenwahl, die jeden diskreditiert, der zur ihr greift, und sofort gegen die gute Sache verwendet wird. Diese Form von Terror lehne ich strikt ab.

Es gibt für mich aber eine klare Trennung zwischen Terrorismus gegen Systemvertreter oder die Zivilbevölkerung in einem freien Land und Guerillawiderstand, Freiheitskampf, wie im besetzten Frankreich gegen die Nazi-Okkupation stattfand oder später in Cuba und Algerien. Ich finde den zivilen Ungehorsam, wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi ihn betrieben, oder heute Extinction Rebellion ihn betreibt, legitim und probat. Außerdem führte er nachweislich zu Veränderungen, weil er die Bevölkerung nicht entfremdet. Die entscheidende Frage ist also, wie schaffe ich es, die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen, um wirklich notwendige Veränderungen herbeizuführen? Die parlamentarische Demokratie ist schwer imstande, sich grundsätzlich und konsequent zu verändern, wenn sie nicht von großen Bewegungen, wie der Friedensbewegung oder der Anti-Atomkraftbewegung dazu gezwungen wird.

Zur RAF im Besonderen. Die Gedanken dazu habe ich im Roman, aus Sicht der Charaktere dargelegt, weitere Überlegungen sind im Zusatzmaterial skizziert. Darum möchte ich den Fokus deiner Frage auf die Personen legen, die in Westdeutschland in den 1970er – 1980er Jahren in den terroristischen Untergrund gingen. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass man die Gedanken eines Philosophen nicht von seiner Psyche und seiner Sozialisation trennen kann. Man könnte auch sagen, es ist der Charakter, der die Gedanken färbt. Das trifft für mich durchaus auf die RAF-Mitglieder zu. Wobei hier wohl zwischen den sogenannten Generationen unterschieden werden muss. Bei Baader, Meinhof und Co. glaube ich eine starke Traumatisierung in der Kindheit zu erkennen, die ihre Radikalität befördert hat. Die zweite und dritte Generation bestand mehrheitlich aus Leuten mit einem hohen Ungerechtigkeitsempfinden, die sich aus dem Umfeld der Sympathisanten rekrutierten. Da war die Entscheidung eine viel überlegtere, könnte ich mir vorstellen.

Der Schritt in den Untergrund verlangt neben starker politischer Überzeugung, Willen und Mut, es braucht viel Kraft, isoliert, als Gejagter zu leben, vor allem, wenn man es über Jahre durchhalten will oder muss, im Bewusstsein, dass die Familie, die alten Freunde usw. alle beobachtet werden und ständig versucht wird, V-Leute an einen heranzuspielen usw. Da reicht Abenteuerlust meiner Meinung nach nicht sehr weit. Natürlich gab es auch Außenseiter-Typen, die sich über das Anti-Gesellschaftselement in dieser Gruppe definierten, aber irgendwann beschäftigt man sich damit, aus dem Untergrund zurückzukehren – Grams und Hogefeld scheinen Überlegungen in diese Richtung gehabt zu haben – nur wie soll das dann gehen?

Mit dem Leben im Untergrund verhält es sich meiner Meinung nach ähnlich wie mit Soldaten im Kampf. Das ganze Gelaber von Vaterland, Demokratie und Freiheit verteidigen, verflüchtigt sich und die kämpfen dann nur noch für die Kameraden gegen die Feinde, die einen töten wollen, genau wie man sie selbst auch töten will. Ich kann mir gut vorstellen, dass man im Untergrund auch ganz schnell in einer vereinfachten Freund-Feind-Welt lebt und die ganzen politischen Motive und Ziele etwas in den Hintergrund treten. Wer von aller Welt gejagt wird und sein Gesicht auf Fahndungsplakaten im ganzen Land wiederfindet, dessen Fokus ist es, unerkannt zu bleiben und zu überleben. Man lebt irgendwann nur für den nächsten Tag.
Karlheinz Dellwo ist in dieser Hinsicht ja sehr offen, auch wenn das, was er sagt, für mich immer noch der Versuch ist, die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns nicht zuzugeben. Er ist stark bemüht den Verständniskontext herzustellen, aus dem heraus er seine damalig Entscheidung getroffen hat. Dies kann ich sehr gut nachvollziehen, die Typen, die er kennen gelernt hat, gab es in meiner Kindheit zuhauf. Vielleicht ist aber das rationale Begründen nicht anderes als die Rechtfertigung eines irrationalen Impulses der dich zwingt etwas zu tun und du erkennst es erst, wenn du es getan hast. Das sogenannte RAF-Trio ist hier schon eine echte Besonderheit, die leben seit bald vierzig Jahren im Untergrund. Mit denen würde ich mich gerne darüber unterhalten, vielleicht ist es ja auch alles Quatsch was ich sage und die Wahrheit ein ganz andere.

Wie kam der Titel zustande?

Ich wollte einen einprägsamen Titel, der nicht so geläufig ist, zugleich aber auf mehreren Ebenen funktioniert. Fanal bedeutet ursprünglich Leuchtzeichen, Fackel, diente beim Militär als weithin erkennbares Feuer/Rauchsignal, es bezeichnete das Licht in einem Leuchtturm und wird heute mit einem folgenschweren Ereignis assoziiert im Positiven wie im Negativen. Passt genau.

Es gibt keine positiven Charaktere. Warum nicht?

Was heißt denn schon positiv? Ich hoffe sie sind menschliche Charaktere, mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen, Widersprüchen. „Nicht wir verändern uns, es ist das Leben, das uns verändert“, um Jean-Pierre Melville zu zitieren. Genau das ist mit allen Charakteren geschehen.

Du kategorisierst das Buch als Noir und nicht als Thriller.

Noir beschreibt es treffender. Ich folge hier Manchette, der sagt, die vorherrschende Weltordnung ist schlecht. Der Roman noir, verkürzt Noir, trägt dem Rechnung. Thriller sind für mich immer irgendwie von einer Obrigkeitsordnung geprägt, die für die Rettung verantwortlich ist und am Ende diese Ordnung zumindest teilweise wieder herstellt. Das sollen andere schreiben.

FANAL



FREDERICK FORSYTHS LETZTES AUFGEBOT? by Martin Compart

Ein junger Hacker manipuliert die Waffensysteme der Supermächte, er bringt die Welt aus dem Gleichgewicht – er darf nicht in falsche Hände geraten

Die meisten Waffen tun, was man ihnen befiehlt. Die meisten Waffen hat man unter Kontrolle. Aber was ist, wenn die gefährlichste Waffe der Welt keine intelligente Rakete oder ein Tarnkappen-U-Boot oder gar ein Computerprogramm ist? Was ist, wenn es ein Siebzehnjähriger ist, der die Sicherheitssysteme von Staaten knackt, der Verteidigungssysteme manipulieren kann, so dass sie sich gegen die Supermächte selbst richten? Und was würde man unternehmen, um seiner habhaft zu werden? Eines ist klar: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn er darf nicht in die falschen Hände gelangen.

Als Forsyth-Fan der ersten Stunde habe ich den Niedergang seines Werkes seit DER AFGHANE immer tief bedauert. Als würde ein Freund an Alzheimer erkranken. Um so mehr erfreut es, dass der 80jährige Klassiker zu Lebzeiten noch einmal aufdreht und auf der Höhe der Zeit die aktuelle Welt der „Sicherheitskräfte“ transparent macht.

Sicher, immer noch konservativ und so reaktionär wie in den letzten Romanen. Der amerikanische Präsident (ein verschlüsselter Trump) ist eitel und naiv (bis zur Blödheit) und der verschlüsselte Putin ein Killer. Die Regimes in Russland, Nordkorea und Iran sind böse, die Amerikaner dämlich. Gott schütze Britannien! Denn die Welt ist trotz allem wieder schwarz und weiß. Forsyth neigte immer dazu, die Welt in gut und böse einzuteilen.

Im „Wettstreit der Ideologien“ bezog er knallhart Position zu Gunsten konservativer Werte. Insofern reiht er sich in die Tradition der konservativ bis reaktionären britischen Thriller-Autoren ein – angefangen bei LeQueux, Oppenheim und Buchan.

Eine große Stärke von Forsyths 14. Roman (sein Werk besteht aus einer Autobiographie +einer Novelle, zwei Novellensammlungen und einem Kurzgeschichtenband) sind mal wieder die genauen Fakten, die in die Story eingearbeitet sind und für Spannung sorgen. Keine Frage: Freddie weiß auch heute, wie die Dienste arbeiten und ihre geostrategischen Interessen verfolgen.

„In den acht Präsidentschaftsjahren George W.Bushs und den ersten vier Jahren Barack Obamas verwandten die USA eine Billion Dollar für den Aufbau der größten, schwerfälligsten, der redundantesten und möglicherweise ineffizientesten staatlichen Sicherheitsstruktur, die die Welt je gesehen hat… Die staatlichen Ausgaben für das eine pandemische Wort „Sicherheit“ explodierten wie eine Atombombe über dem Bikini-Atoll, klaglos bezahlt durch den stets vertrauensvollen, immer hoffnungsvollen und allezeit leichtgläubigen amerikanischen Steuerzahler.“

Was Spannungsaufbau angeht, war Forsyth immer einer der besten Thriller-Autoren aller Zeiten. Nach einigen Ausfällen erreicht er mit DER FUCHS wieder sein altes Niveau. Die Eröffnungsszene, in der Special Forces in ein englisches Haus eindringen, um terroristische Hacker festzusetzen, ist für ihn eine atemberaubende Möglichkeit, die gesamte (missratene) Sicherheitsarchitektur der USA unbarmherzig zu zerlegen.

Sein faktisch orientierter journalistischer Stil mit wenigen Dialogen wurde von vielen Autoren kopiert, ohne ihn zu erreichen. Das klingt kunstlos, ist es aber nicht. Viele Kritiker neigen dazu, Forsyths literarische Qualitäten zu unterschätzen. Wie breit sein Spektrum ist, kann man sehr schön mit der Kurzgeschichtensammlung IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN erfahren. Oder in dem AFGHANEN, besonders in der Sequenz, in der Kampfflugzeuge einen ganzen Berg zerstören. Da zeigt sich seine literarische Sensibilität.

“Everything I’ve ever written about has depended upon two half-answered questions: ‘What would happen if…?’ and ‘Would it be possible to…?’ I wondered what it would be like to take this young man with a strange talent, put him on the payroll, and have him peek into our enemies’ secret archives.”

Der autistische Knabe Luke, der nur seine Mutter an sich heranlässt und ein Hackergenie ist, wird seit Jahren als Klischee durch die Populärkultur geschoben. Forsyth bedient dieses Klischee.

Oder?

“I’d read that somewhere in Britain, a young man [activist Lauri Love] had been charged by the American government with breaking into one of their most secret databases. But he also had a fragile mind – he had Asperger Syndrome, which makes it hard to get along with other people, but was at home in cyberspace. I didn’t know such a brain existed.”

Luke ist eine Art “McGuffin” im hitchcockschen Sinne, denn seine Fähigkeiten als Hacker werden nie erklärt. Hier lässt Freddie mal die Fakten weg. Aber das stört nicht, denn keiner möchte wohl eine langatmige Einführung in die Welt des Programmierens lesen. Die Action geht um den Schutz des Hackers, denn die Mächte des Bösen haben ihre Killerkommandos auf ihn angesetzt.

Trotzdem ist es einer der wenigen überzeugenden Thriller über Cyberwar. Und Forsyth veranschaulicht die nebulösen Vorstellungen, die herumgeistern.

Mit etwas über 300 Seiten ist DER FUCHS ein dünner Roman in seinem Oeuvre. Das kommt dem Tempo bei diesem etwas sperrigen Thema zu Gute. Routiniert, wie es kaum ein anderer Thriller-Autor kann, mischt er die Actionszenen mit interessanten Details und den nicht weiter ausgeführten Darstellungen des Cyberkrieges und dessen Auswirkungen auf die „reale Welt“.
Natürlich verarbeitet Forsyth die geopolitischen Minenfelder der letzten Jahre. DER FUCHS ist ein hochaktueller Thriller, der großes Vergnügen bereitet und den Leser durch die Seiten peitscht, wenn er sich auf ihn einlässt.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies Forsyths letzter Roman sein wird. Damit verabschiedet sich ein Autor, der wie wenige die Entwicklung des Thrillers mitgeprägt hat. Er gehört zu den Klassikern des Genres, die auch von künftigen Generationen gelesen werden. Und er ist nie langweilig.

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FRITZ DUSQUESNE 7: DAS ENDE by Martin Compart
10. Oktober 2019, 6:26 pm
Filed under: Dusquene, Nazi, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: , , , , , ,

Fritz konnte es einfach nicht lassen: die dunkle Welt geheimer Abenteuer, gepaart mit Geltungsdrang und Hass auf die Briten, ließen ihn nicht los. Leider konnte er nicht immer Situationen und Bedeutungen richtig einschätzen.

Im Frühjahr 1934 trat er – natürlich äußerst diskret – als „Nachrichtenoffizier“ der amerikanischen Nazi-Organisation ORDER OF 76 bei. Diese „Aryan Society“ war 1932 organisiert worden. Sie verhandelten damals einen Zusammenschluss mit der 15 000 Mitglieder umfassenden faschistischen Organisation der SILVER SHIRTS, die von dem ehemaligen Journalisten und Drehbuchautor William Dudley Pelley gegründet und geleitet wurde.
Es ist unbekannt, was Fritz für diese Idiotenbande ausspionierte.

Sein späterer Biograph Art Ronnie fand nicht die geringsten Anzeichen von Antisemitismus bei Dusquesne. Aber in seiner üblichen Naivität sah er jede pro-deutsche Organisation als anti-britisch. “Despite its ramifications, it was quite simply just a job to the amoral and opportunistic Fritz Duquesne.”

Mit der Geheimhaltung war es bereits im Oktober vorbei: Da beschäftigte sich John Spivak in der aktuellen Ausgabe von NEW MASSES mit diesen Organisationen und benannte Fritz´ damalige Freundin, eine Jüdin, als Informantin.

william-dudley-pelley

1935 wurde Admiral Wilhelm Canaris Chef der deutschen Abwehr.

Canaris

Eines seiner Ziele, das er mit großer Energie betrieb, waren Spionagenetze auf dem amerikanischen Kontinent. Die USA waren natürlich komplizierter zu „bearbeiten“ als die lateinamerikanischen Staaten (in denen sich in den nächsten zehn Jahren deutsche Agenten und das FBI gegeneinander ausspielten).

Für diese Aufgabe erschien ihm Major Nikolaus Ritter (1899-1974) höchst geeignet. Ritter kehrte 1935 mit seiner amerikanischen Frau aus den USA zurück, in denen er sich dreizehn Jahre mit miesen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatte. Im Jahr darauf trat er in die Abwehr ein und erregte auf Grund seiner USA-Erfahrungen umgehend das Interesse von Canaris.

Canaris schickte Ritter im Oktober 1937 zurück in die USA. Er sollte Kontakt mit Dusquesne aufnehmen, den er durch die Zusammenarbeit im 1.Weltkrieg noch in guter Erinnerung hatte.

Ritter reiste unter seinem Namen, tauchte dann aber als „Alfred Landing“ in den Untergrund.
Er traf sich mit anderen potenziellen Agenten, bevor er mit Dusquesne Kontakt aufnahm.

Nikolaus Ritter

Ritters größter Erfolg war die Lieferung der Pläne des Norden Bombenzielgeräts an Canaris, der sie an Göring weiterleitete. Das von Norden entwickelte Zielgerät galt als das genaueste und beste der Zeit. Er bekam sie von dem deutschen Norden-Mitarbeiter Hermann Lang, der mit den Nazis 1923 in München am Putschversuch teilgenommen hatte. Die Sicherheitsbestimmungen bei der Carl L. Norden-Company und die Überprüfungen für kriegswichtige Firmen durch die Armee müssen wahrlich beachtlich gewesen sein!

Ritter versteckte die Pläne in einer hölzernen Regenschirmverkleidung, die er am 9.Januar 1938 persönlich einem Kurier übergab. Der Kurier war Steward auf dem Schiff RELIANCE, die nach Bremen fuhr.

Die Bezeichnung „Dusquesne Spy Ring“ nach der Verhaftung der Mitglieder ist weitgehend unzutreffend. Es war ganz klar Ritter, der die Organisation leitete. Aber da Dusquesne ja bereits früher auffällig geworden war, benannte das FBI den Spionagering in den Medien nach seiner Person.

Ritter kannte Dusquesne angeblich seit 1931. Am 3. Dezember 1937 trafen sie sich in New York. Fritz erhielt 100 $ für die ersten Ausgaben und legte los.

Ritter rekrutierte weitere Agenten. Darunter nicht nur Hermann Lang, sondern den Ingenieur Everett Roeder, der verschiedene Bombertechnik-Pläne und anderes aus Sperry Gyroscope Company entwendete.

Und er rekrutierte auch William Sebold, was fatale Folgen haben sollte.

Sebold war ein naturalisierter US-Bürger, der 1921 eingewandert war. Er arbeitete für Flugzeugfirmen und andere Industriebetriebe in den USA und Südamerika.

Während eines Besuchs in der alten Heimat, wurde er 1939 von der Gestapo für die Abwehr „rekrutiert“. Man erpresste ihn mit einem alten Polizeibericht, der vielleicht für seine Ausbürgerung sorgen könnte. Außerdem drohten sie mit Repressalien gegen seine in Deutschland verbliebene Familie, falls er die Mitarbeit verweigerte.
Er machte eine Schnellausbildung zum Spion in der Hamburger Spionageschule „Pension Klopstock“ (dort wurde ihm auch der Umgang mit Kurzwellenfunk beigebracht).

Bevor die Deutschen ihn in die USA zurückschickten, um für Ritter zu arbeiten, gelang es Sebold in Köln heimlich das US-Konsulat aufzusuchen. Dort informierte er die zuständigen Stellen über seine Anwerbung als Spion für die Deutschen gegen die USA.
Kaum in den USA eingetroffen, wurde er vom FBI kontaktiert, und man stellte ihm mehrere Agenten als Hilfe zur Verfügung.

Unter dem Tarnnamen „Harry Sawyer“ schickte Ritter William Sebold am 8.Februar 1940 nach New York. Er sollte einen Kurzwellensender etablieren, der für die Kommunikation mit Deutschland sorgte. Sebold bekam den Codenamen „Tramp“; in New York sollte er mit Dusquesne Kontakt aufnehmen, der unter dem Codenamen „Dunn“ geführt wurde.
Mit Unterstützung des FBI mietete der Doppelagent Räumlichkeiten am Times Square an. Sie wurden verwanzt, und ein Raum hatte einen Venezianischen Spiegel, hinter dem das FBI eine Kamera aufstellte.

In Long Island richtete er eine Funkstation ein. Von dort sandten deutschsprachige FBI-Agenten unter der Vorgabe, sie seien Sebold, sechzehn Monate lang dreihundert genehme Meldungen an die deutsche Abwehr; zweihundert Meldungen der deutschen Abwehr erhielten sie direkt. Alles unter der Identität von Sebold. Natürlich schickte man nur harmlose und uneffektive Informationen, während man von deutscher Seite höchst Interessantes erhielt.

Sebold war der wichtigste Agent für das FBI. Nach dem Krieg erhielt er eine neue Identität und betrieb angeblich in Kalifornien eine Hühnerfarm.

Sebold mit Gattin

Die Abwehr schickte Dusquesne über Ritter einen Mikrofilm mit achtzehn Zielobjekten. Darunter waren geradezu fantastische Vorstellungen. So sollte er herausfinden, ob AT&T einen Röntgenstrahl entwickelt habe, der Bomben ins Ziel führt (heute sind sogenannte „Marker“ eine Selbstverständlichkeit, damals klang das wie Science Fiction). Außerdem sollte er herausfinden, ob die Army Uniformen entwickelt habe, die gegen Senfgas immun seien (tatsächlich hatte die Firma DuPont in den 1930ern damit erfolglos experimentiert).
Berlin wollte auch wissen, ob die Air Force an biologischer Kriegsführung aus der Luft arbeite. Sie gaben ihm eine Liste von 23 Firmen, die für die militärische Luftfahrt arbeiteten und wollten alles wissen, was diese entwickelten.

Als das FBI von Seibold erfuhr, dass Dusqusne wieder in New York war und für die Deutschen arbeitete, ging J.Edgar Hoover prompt ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt mit einem Hintergrundsbericht zu informieren. Ein höchst bescheidener Bericht, in dem stand:
„no information, whatsoever, concerning the whereabouts and activities of Duquesne since June 6, 1932, is possessed by the Federal Bureau of Investigation.“

FBI-Agent Newkirk, unter dem Tarnnamen Ray McManus,wurde nun auf DUNN, alias Dusquesne angesetzt. Er mietete sich über Dusquesnes Domizil in der Nähe des Central Parks ein und installierte Mikrofone, um ihn abzuhören.
Dusquesnes´ Aktivitären zu verfolgen, war schwierig.

Wie Newkirk in seinen Berichten darlegte: „The Duke had been a spy all of his life and automatically used all of the tricks in the book to avoid anyone following him … He would take a local train, change to an express, change back to a local, go through a revolving door and keep going on right around, take an elevator up a floor, get off, walk back to the ground, and take off in a different entrance of the building.“

Dusquesne bemerkte die Observation und sprach einen FBI-Mann direkt auf der Straße an und bat ihn, er möge das unterlassen. Er informierte auch umgehend Sebold.

In Sebolds verwanzten Büro legte Dusquesne Pläne dar, wie man am besten Rüstungs firmen abfackeln könnte und er zeigte ihm Fotos und gestohlene Pläne aus einer Firma in Delaware, die einen neuen Bombentyp entwickelt hatte. Daraufhin bastelte ein anderer Spion des Netzwerkes eine Bombe, besorgte Dynamit und gab alles Sebold zu „treuen Händen“.

Dusquesne lieferte weiter. Er gab Informationen über das Trainingsprogramm der Kampfpiloten und Abfahrtszeiten der Schiffe für England weiter. Das hatte nur einen Haken, den auch die Abwehr bemerkte. Eine Nachricht an Sebold lautete: „Sagen Sie Dusquesne, wir sind nicht an Informationen interessiert, die schon vor Wochen in New York Times und der Herald Tribune gedruckt wurden.“

Von Wert war allerdings die Nachricht, dass Washington plane, den Briten das Bombenzielgerät von Norden zukommen zu lassen.
Bevor Fritz das verwanzte Büro von Sebold betreten hatte, waren die etwa zwanzig vorherigen Treffen immer außerhalb gewesen

Nach seinem Besuch am 25.Juni 1941 hatte das FBI ihn auf Film und schlug vier Tage später zu. Es verhaftete 19 deutsche Spione in New York und vier in New Jersey. Fritz wurde von drei Agenten verhaftet, darunter G-man Newkirk, der über ihm wohnte und sich zum Schein mit ihm angefreundet hatte. Insgesamt waren 93 Agenten im Einsatz.
Bevor das Gerichtsverfahren eröffnet wurde, hatte das FBI insgesamt 33 Personen dingfest gemacht. Hoover bezeichnete Fritz als den „wichtigsten dieser Spione“.

Vor Gericht kamen 24 der Spionage Angeklagte. Zehn bekannten sich schuldig. Gegen die übrigen vierzehn wurde ab September sechs Wochen lang verhandelt.
Zuerst war Fritz dran. Das war wieder die Gelegenheit für einen großen Auftritt, und Dusquesne, ganz in seinem Element, faszinierte mit einer besonders gelungenen Darstellung seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte. Er wiederholte seine Geschichten, wie er Kitchner erledigt hatte und wie sehr er mit Teddy Roosevelt befreundet gewesen war. Aber er bestritt, je einen anderen Spion aus dem Netzwerk getroffen zu haben, ausgenommen Sebold. Er sagte auch, Sebold müsse geisteskrank sein, denn er habe gutes Geld für Blödsinn bezahlt, den er aus Zeitungen ausgeschnitten habe. Und: “I sold him a code used by Benedict Arnold in the war between England and the United States in 1776.”

Trotz der überwältigen Beweislage bestritt Fritz, dass er ein Spion sei. Zu allem Überfluss musste die Verteidigung mit ihren Plädoyers am 8.Dezember 1941 beginnen – einen Tag nach Pearl Harbour. Die Stimmungslage lässt sich leicht vorstellen.

Die Jury brauchte nur acht Stunden, um ihre Urteile für die 24 Angeklagten zu finden. Die meisten bekamen Gefängnisstrafen zwischen fünf und zehn Jahren. Hermann Lang und Fritz wurden zu 18 Jahren verurteilt.
Noch heute gilt der „Dusquesne Spy Ring“ als das größte Spionagenetz, dass je in den USA agierte. Naja, jedenfalls das größte, dass sie je erwischt haben.

Der 64jährige Dusquesne trat seine Strafe im Leavenworth Federal Penitentiary in Kansas zusammen mit Hermann Lang an. Dort wurde er sofort von anderen Gefangenen misshandelt und geschlagen.

In einem Memo an seine Vorgesetzten hob Admiral Canaris 1942 die große Bedeutung von Dusquesne hervor, was diesem in seiner Situation herzlich wenig nutzte.
Fritz erkrankte physisch und psychisch. 1945 wurde er deshalb ins Medical Center for Federal Prisoners in Springfield, Missouri, überstellt.

Von allen verurteilten Mitgliedern des Netzwerkes war er am längsten inhaftiert. Hermann Lang wurde im September 1950 in die Bundesrepublik deportiert. Alle anderen waren 1950 wieder auf freiem Fuß.

Nach 12 Jahren (darunter fünf Jahre in Einzelhaft), sieben Monaten und 16 Tagen wurde Fritz am 19.September 1954 aus dem Gefängnis entlassen.
In den letzten Monaten hatte er eine Beschwerde eingereicht, dass die FBI-Agenten bei seiner Verhaftung ungeschliffene Diamanten im Wert von drei Millionen Dollar und seine Karte mit dem Versteck des Kruger-Goldes an sich genommen hätten.

Er war nun 77 Jahre alt und gesundheitlich in erbärmlichem Zustand: Fast taub, eine kaputte Schulter, die nie richtig behandelt worden war, stürzte häufig, durch einen Schlaganfall teils
gelähmt, beginnende Demenz.

Er kehrte zurück nach New York und traf wenige alte Freunde. Das Wohlfahrtsamt der Stadt (ja, sowas gab es mal!) brachte ihn in einem Pflegeheim unter.

Am 21. Dezember 1955 hatte er noch einen großen Auftritt im Adventurers Club bei einem Dinner zu seinen Ehren im Hotel Delmonico. Viele Mitglieder betrachteten ihn nicht als einen Verräter. Obwohl seine berühmte Stimme kaum noch zu hören war, unterhielt er die Anwesenden mit Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben – erfundene und wahre.

Er starb an einem weiteren Schlaganfall am 24 Mai 1956.

Bereits 1942 wurde ein Film über seine Tätigkeit als Spion gezeigt: UNSEEN ENEMY, basierend auf einem Skript von Arthur D. Howden, dass dieser bereits 1939 verfasst hatte

Für das Drehbuch von THE HOUSE ON 92nd STREET erhielt Charles G.Booth 1945 den Oscar. Es geht sehr frei mit den Tatsachen um, aber Dusquesne war deutlich die Inspiration für Leo G.Carroll als Colonel Hammershon.

Was für ein Leben!

In Südafrika oder den USA – von Deutschland ganz zu schweigen – kennt ihn heute kein Mensch mehr. Auch nicht die Leute, die immer noch nach Oom Krugers Gold suchen.

Aber Fritz Dusqusne hat aus seinem Leben eine Menge Meilen herausgeholt.

Britain made him.




„WIR UND DAS KLIMA“ von DR.HORROR by Martin Compart
26. September 2019, 8:30 am
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Alle reden vom Wetter. Wir nicht…

lautete im Herbst 1966 der Slogan der Deutschen Bundesbahn.

Gegen das Wetter können wir relativ wenig tun, sagt ein halbes Jahrhundert später der Kopfschmerz-Experte der Berliner Charité im Frühstücksfernsehen mit Blick auf Patienten, die über Migräne bei Wetterwechsel klagen.

Da kann man entweder wie die AfD Wetter und Klima ignorieren und, wie Herr Gauland, Allzweck-Unterwäsche tragen: Wie das Wetter auch wird für unser Klima: Medima, Medima. Man kann, laut Beatrix von Storch, ja auch der Sonne nicht verbieten zu scheinen. Und, möchten wir ergänzen: dem Regen nicht zu regnen. Dem Sturm nicht zu stürmen. Und dem Nebel nicht zu vernebeln. Da kann man nichts machen. Das ist sozusagen höhere Gewalt und kann nicht eingeklagt werden. Karsten Hilse, AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag, Polizist aus Hoyerswerda (!), wehrt sich gegen, wie er wohl meint: pseudowissenschaftliche Urteile über den Klimawandel: „Bis zu Zeiten von Kopernikus sind 100 Prozent davon ausgegangen, dass die Erde im Mittelpunkt steht. Bis 1930 sind 100 Prozent aller Wissenschaftler davon ausgegangen, dass es keine Kontinentaldrift gibt. Also kann sich auch die Mehrheit [der Wissenschaftler] quasi irren.“ Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. Der Ball ist rund, also ist es auch die Erde. Da ist für jeden etwas drin. Es ist wie der Wetterbericht in den Lokalnachrichten: mal so, mal so, etwas Sonne, etwas Regen, auch Wind dabei, Sturmböen am Abend nicht ausgeschlossen. Schauen Sie am besten aus dem Fenster. Wenn es schön ist, ist es schön, und wenn es schlimm kommt, erwischt es uns arg.

Die Bundesregierung packt in der Zwischenzeit Pakete: Klimapakete. Sie setzt Steuern gegen den Klimawandel ein, da wird das Klima ja wohl ein Einsehen haben müssen. Diese Klimapakete erinnern irgendwie an die Ablassbriefe des 15. Jahrhunderts.

Noch einmal O-Ton Karsten Hilse, der sich wie Pig Brother Trump auf die Fake-News aus den Laboren einschießt: „Und außerdem ist Wissenschaft keine Demokratie, sondern basiert auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf Mehrheitsverhältnissen.“ Am besten, wir stellen beides zur Disposition: Wissenschaft und Demokratie.

Ein Planet wird geplündert, hieß 1975 ein Beststeller des vergessenen CDU-, GAZ- und ÖDP-Politikers Herbert Gruhl. Der konservative Gruhl sah aufgrund von Überbevölkerung eine „Menschenlawine“ auf uns zukommen, und auch Wolfgang Schäuble erwähnte in einer sonst belanglos schwäbelnden Rede am 12. November 2015, der ich beiwohnte, mit einem Mal die Gefahr von Lawinen: „Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt.“ Mit den Lawinen meinte er Menschenlawinen und mit dem unachtsamen Skifahrer die Frau Bundeskanzlerin. Da könnt ihr zehn Meter hohe Mauern bauen in Europa, wenn ihr uns wirtschaftlich hängen lasst: Wir kommen, drohte ein afrikanischer Ökonom in einem Dokumentarfilm über das, was man gewiss nicht essen kann, zumal es schon virtuell ist: das Geld.
Gewiss stellt eine Erhöhung der Weltbevölkerung, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, eine echte Herausforderung dar. Irgendwann werden es neun Milliarden und zum Ende des Jahrhunderts über zehn sein, und die müssen ernährt werden. Das ist genug Stoff für zwei Planeten von irdischer Dimension. Trumps Lösung: McDonalds- oder Burger King-Franchise weltweit. Das ist auch nicht besser als Solyent Green. Globalisierung made in USA. In Japan haben Wissenschaftler einen Weg gefunden, menschliche Fäkalien zu recyceln und in Nahrung rückzuverwandeln. Soylent Brown nannte das mal jemand im Internet.

Wir schaffen das auch ohne Galactus.

Scheiß der Hund drauf! Wenn es nach Politikern wie Trump geht, werden wir alle zu „Klimasündern“. Tanz auf dem Vulkan. Nach uns die Sintflut. Das Klima werden die, die nach uns kommen, schon richten. Puerile Science Fiction hatte in solchen Fällen immer schon eine Wunderwaffe parat. Zum Beispiel könnten wir mit Warpgeschwindigkeit die Menschheit auf andere Planeten umsiedeln. Oder Teile davon. Oder wenigstens einen klitzekleinen Teil in einer Raum-Arche oder so. Oder die Erde selbst zu einer Raumarche machen wie in der Dystopie des Chinesen Cixin Liu. Im Universum können wir uns dann ja grenzenlos vermehren und unseren Schmutz in die Milchstraße kippen. Und wenn es nicht körperlich geht, vielleicht können wir es digital realisieren und uns selbst entkörperlichen, durch Virtualisierung im Netz oder so. Dann wäre schön viel Platz für die Trumps dieser Welt, denen dann die Freeways gehören. Auch die Kriege der Zukunft finden ja nur noch virtuell statt: als CyberWars.

Eine andere Idee der Science Fiction waren die kleinen grünen Männchen.
Sie konnten nach Meinung der Autoren nur vom Mars oder sonst woher kommen. Wenn sich nun aber irgendwann, in ferner, naher Zukunft, die Grünen mit den Braunen paaren…? Ist die Zeit wieder reif für drastische Maßnahmen? Wenn schon eine Diktatur, sagt ein im Fernsehen Befragter, dann bitte: hart, aber herzlich. Also nicht ganz so wie bei Adolf, aber man wird ja wohl mal drüber reden dürfen. Wie diese ehemalige Tagesschau-Sprecherin: „Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat“, aber: „Was gut war, das sind die Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt.“ Und hat nicht auch die Diskussion um erneuerbare Energie, wenn man genau hinsieht, eine Geschichte, die in die Abgründe der Nazizeit hineinreicht?

Braucht es nicht – Zitat: eine „Mobilisierung wie in Kriegszeiten“, um dem Klimawandel die Stirn zu bieten?
LET’S WIN THE WAR ON WARMING, überschreibt Bill McKibben einen Artikel im US-Magazin “New Republic” und spricht von der Herausforderung wie vom Dritten Weltkrieg…

The question is not, are we in a world war? The question is, will we fight back? And if we do, can we actually defeat an enemy as powerful and inexorable as the laws of physics?



BOSTON TERANS HEIMATSCHUTZ by Martin Compart

If you want to join the modern world,
you will have to enjoin the violence that exists with it.

The Country I Lived in, 2014

The time is 1955—the birth of rock and roll, the Beat Generation, and social rebellion. It is also the era of covert operations and clandestine governmental actions. War hero John Rawbone Lourdes, grandson of an infamous American outlaw and assassin, and son of a renowned agent for the Bureau of Investigation sets off on an odyssey through Texas and into Mexico, to uncover one of the most foreboding true conspiracies of the time. It is a profound novel of social protest and the violence and treachery committed to crushing it. The Country I Lived In is also a moving personal story about love and loyalty—loyalty to a woman, to one’s friends, to one’s nation, and ultimately to the truth—and how all three may well be in conflict with each other.

Dieser Roman ist, nach THE CREED OF VIOLENCE und GARDENS OF GRIEF, der dritte Band von Bostan Terans Lourdes Serie.
Hauptperson ist der WWII- und Korea-Veteran John Loudres (seinen Großvater wird Daniel Craig in der Verfilmung von CREED spielen). „Familiäre Figuren“ aus den beiden vorherigen Bänden tauchen in prominenter Rolle auf, etwa William Van oder der unvermeidbare Wodsworth Burr.

Wie bei Boston Teran üblich, wird nicht lange rumgemacht und erwartbares aus tausend bekannten Thrillern erzählt, sondern ein Kickstart hingelegt. In seiner poetischen hard-boiled-Sprache sind die eindringlichen Figuren sofort präsent und unverwechselbar. Die Erzählerstimme ist mitreißend, die Dialoge originell und witzig. Beängstigende Intensität.

Die Handlung wird in einem aberwitzigen Tempo voran geschossen, das selbst für Teran extrem ist. Unglaublich, man hat kaum Zeit, um Luft zu holen. Oder wie Jean Heller in der St.Petersburg Times über GOD IS A BULLET schrieb:
„I was putting it down after every chapter to hunt for Valium. But a little farther and I started having to force myself to put it down to go to work.”

Die Story ist (scheinbar) auf Seite 20 etabliert, und kaum hat John Lourdes die Spur aufgenommen, geht es zur Sache. Erstmal ein kleineres Massaker in Saltillo, Mexiko, damit man auch mal Zeit hat, sich ein Bier zu holen.

Es ist die Zeit des hysterischen Antikommunismus, seit langem geschürt von John Foster Dulles nach außen und im Inneren beängstigend ausgelebt durch die Schauprozesse seines Heloten McCarthy. Die USA haben kaum den fast verlorenen Korea-Krieg verdaut, aber im Iran und in Guatemala die Interessen ihrer Oligarchie mit Hilfe der CIA durchgeputscht. Edgar Hoover bestreitet nach wie vor die Existenz der Mafia. Nachdem Johns Bruder Allen Dulles 1953 Chef der CIA geworden war, verstärkte er den politischen Einfluss des Dienstes und begann umgehend mit schmutzigen Jobs im Interesse der Wirtschaft. Sein Credo: Alles wird wahr, wenn man nur lange genug lügt.

Antikommunismus war der Begriff, bei dem die ganze westliche Welt auf Kommando zu sabbern begann. Wie heute bei der Heilsbotschaft Antiterrorismus.

Und der Rock´n Roll droht bereits in den Jukeboxen, um schweren Schaden unter Jugendlichen anzurichten.

Während aus den Fernsehern die Propaganda-Verblödung dröhnt, entwickeln sich im Süden der Staaten erste Bürgerrechtsbewegungen, und die Beat-Literaten sind on the road, um zusammen mit dem Rock’n Roll die Grundlagen für die Gegenkultur der 1960er Jahre zu legen.

Ganz klar eine Bedrohung für das faschistoide Amerika, das hinter jedem Kerouac-Buch und jeder Elvis-Scheibe eine kommunistische Verschwörung erkennt. Um die „Sicherheit“ des Landes und der Ölindustrie zu garantieren, ist Geheimdiensten und Militär jedes Mittel recht: das Stürzen demokratischer Regierungen im Ausland und das Ausschalten von Dissidenten in der Heimat.

Wer den Mächtigen in die Quere kam, dem erging es ähnlich wie wir es seit 9/11 kennen.
Wieder zeigt Boston Teran, dass Vergangenheit nie zu Ende ist.

THE COUNTRY I LIVED IN funktioniert wie ein Mike Hammer-Roman:
Ein Army-Buddy wurde umgelegt, und Mike sucht die Killer und Strippenzieher, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuhenkern.

Nur ist Boston Teran eben nicht Mickey Spillane!

Bei ihm läuft das anders ab.

Der Veteran Lourdes ist unsicher geworden und will – wie ein früher Easy Rider – Amerika suchen, denn „something was missing from his life, something of purpose and destiny, to take away the quiet sadness that kept to itself inside him.“
Er kauft einen Packard und fährt los, um “hit out on the road…[like] Huck on the river, Parkman on the Oregon Trail, Brando burning up miles of asphalt in The Wild Ones.“. Trotz seiner illusionslosen Einstellung gegenüber der Welt und sich selbst, hat John nach wie vor verdeckte Ideale.

Da erreicht ihn der Hilferuf eines alten Kriegskameraden. Also fährt er zu ihm nach Laredo („A town of limited excitement, to say the least.”).

Er kommt zu spät. Sein Freund wurde gefoltert und ermordet und alles als kompromittierender Selbstmord inszeniert.

Damit wird sich John nicht abfinden.

Und deshalb gerät er sofort mit CIA-Agenten aneinander:

„Where do you stand on our going into Iran and Guatemala?” said Bushnell.

“As for Iran, I don´t believe in hiring mobsters to overthrow a democratically elected government to do the bidding of the oil companies… And as for Guatemala. I can´t envision Abraham Lincoln making a case to fight to the death for the United Fruit Company (heute Chiquita). We didn´t serve ourselves well in Guatemala.”

“That´s a little red, isn´t it?” said Bushnell…

“I know guys like you… Brown versus the Board of Education is fine as long as they keep it in Biloxi and not in Boston.No Jews either in the state department. Or anyone who coted for Stevenson. You talk war, but will never do a day on the front line. You drape yourself in the flag, but you prefer to let the poverty row boys get buried in one.”

“You could toss your military record at me. But Mueller had one too…Would loyalty to your country supercede loyalty to a friend?”

“I could be loyal to both. But one might in the wrong. I´d deal with that as the situation presents itself.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the truth?”

“I´ll let you know when I get a glimpse of the truth.”

“Would loyalty to a friend supercede loyalty to the security of your country?”

“You´ve left out loyalty to one´s faith and family in all this. We are finished.”

“Besides the charge of possession of narcotics-“

“Suspicion or possession.” John corrected him. “Possession of marijuana turned Robert Mitchum into a bona fide movie star. You wouldn´t want that happen to me,”

“We could open a truckload of investigations into your life-“

Dann bohrt sich das Geschehen tief ins Innere von Mexiko, wo die Amerikaner Strukturen etablieren, die noch heute funktionieren.

„Oh, don´t do that!“

Als Lourdes auf einem Güterzug nach Mexiko City trampt, trifft er Guatemalteken auf ihrem Weg in den Norden: „…who told the story of how outside intervention on behalf of the United Fruit Company had subdued or run off all political opposition to their control of the government. Now these men were undertaking the journey to El Norte. An American company had driven them out of their homeland and ultimately to the shores of the United States.”

Mit jedem Roman bemüht sich Teran, ein Loch in die Mauer der Verblödung zu treten.

Teran brilliert mit seiner Kenntnis und dem tiefen Verständnis für das Land. Wo erfährt man sonst ganz nebenbei etwas über die Kultur des Panos?

Dieses Bild von Mexiko in den 1950ern ist manchmal hochaktuell und selten nostalgisch (wie etwa die Beschreibung der Bounty-Bar, in der sich die Beats so gerne vollaufen ließen. Die Protagonisten besuchen sogar die Wohnung, in der William S.Burroughs betrunken seine Frau erschossen hat. „He got off by the way, as will happen in Mexico. He bribed his way out of any legal consequences.“).

Teran inszeniert ein Katz- und Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen durch die Verschwörung bis hin zum zwingend tödlichen Showdown.

Nur jemand, der sein Land wirklich liebt, kann es so hassen. Diese Liebe funktioniert für Boston Teran vor allem als Verpflichtung der Zeit gegenüber der Literatur. Er wird nicht müde, zu zeigen, wie sich jeder Sadistenlümmel auf Patriotismus berufen kann.

In diesem Roman gibt es wieder zwei starke Frauen, wie man sie in der zeitgenössischen Literatur so nur bei Boston Teran findet.

Woher kommen all diese starken Frauen, die sein Werk durchziehen?

„The men I grew up around where thieves, liars and con men. They wasted their lives, mostly. It was an immigrant Italian world where men dominated, but the women were really the strength of the family… They soldiered on while the men were destroying their lives all around them. The women were the carriers of character, They were the ones I looked up to. And my grandmother knew how to use a pistol. She had to.”
Ein Großteil seines Verstandes und seiner Gefühle kommen von dort.

Aber auch eine aktenkundige Ratte wie E.Howard Hunt hat einen cameo-Auftritt. Dessen Verkommenheit hätte Caligula aus dem Fenster kotzen lassen.

Einige Kritiker warfen Teran „stilistische Exzesse“ vor (ähnliches war schon Cormac McCarthy passiert). Und ähnlich wie McCarthy pflegt er sein eigenes linguistisches Konzept. Das stützte sich auf seine Besonderheit, Substantive und Adjektive als Verben zu gebrauchen, was den kraftvollen linearen realistischen Stil unterstützt. Niemand adjektivierte Substantive wie Teran. Dieses wunderbare Stilmittel wird in diesem Roman weniger bis kaum gebraucht. Die ungewöhnliche Anwendung von Verben und Adjektiven poetisiert weiterhin seine Prosa:

…young men all shaved and cologne in their best slacks…

This was another part of the man she was experiencing…

He swung the wheel sweeping lanes when a bus framed up on the passenger side…

“you have an informed but wicked mind, Jordon.”

Teran hat natürlich noch mehr Originalität zu bieten, um THE COUNTRY I LIVED IN nicht zu einem glatten Pageturner verkommen zu lassen, der eine primitive voyeuristische Ästhetik sensationalistisch ausplündert.
Er unterscheidet sich wesentlich von Autoren, die nichts zu sagen haben und daraus ein ästhetisches Konzept machen.

Trotzdem ist es stilistisch einer seiner konventionellsten Romane.

Falls so etwas konventionell genannt werden darf:

John und Mia werden vom Anführer einer (chancenlosen) Straßengang bedroht:

Please, thought John, don´t become some swaggering baby-faced warrior. Whatever you´re thinking it won´t settle any argument you have with the world, it won´t even any score. The flaw you guys never get until it´s too late… You can never outsmart your own desperation.

Und dann diese Dialoge! Die besten diesseits von Chandler und McCarthy. Da kann kaum einer der besten TV-Serien-Autoren Hollywoods auch nur im Ansatz mithalten.

Die „Quest“ (Reise, Suche, Odyssee) ist Terans zentrale und wiederkehrende Plotstruktur. Sie ist nicht nur eine simple Abenteuerreise. Diese Suche nach Personen, Erkenntnissen oder Objekten ist tief im Mythologischen verwurzelt. In der griechischen Mythologie wird die eigentliche Quest häufig überlagert durch heroische Taten während der Reise, die den Protagonisten Einsicht zur Veränderung gewinnen lassen. Das hat sich schon früh in der Literatur niedergeschlagen, die die Quest als Reise zur Selbsterkenntnis beschreibt. ODYSSEE oder PARZIFAL als Vorläufer des (bürgerlichen) Bildungsroman. Ein Topos, der in den Werten des Bildungsbürgertums versteinerte und mit Boston Teran seine ursprüngliche Wucht revitalisiert.

Mit seinen historischen Ausflügen gelingt es Boston Teran, die Gegenwart zu erfassen und zu artikulieren. Gerade in Zeiten, in denen die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammenbricht.

Auf die Brutalität in seinen Büchern (hier auf GOD IS A BULLET) angesprochen, antwortete der Autor:
The level of violence is acutely accurate for the world these characters inhabit, and it fits with the themes and content of the book. Violence is how some of the characters strive to make the world their own through whatever means necessary.

Weiteres zu Boston Teran unter:
https://martincompart.wordpress.com/2011/06/26/die-dunkle-welt-des-boston-teran-1/
https://martincompart.wordpress.com/2019/08/09/boston-terans-gaerten-des-schmerzes/

zu Cormac McCarthy:
https://martincompart.wordpress.com/2010/12/22/cormac-mccarthys-blood-meridian-des-schweigers-reise-durch-die-holle/