Martin Compart


AM TOD KANN MAN SICH NICHT RÄCHEN: „DER KÖNIGSWEG“ VON ANDRÉ MALRAUX by Martin Compart

„Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?“

An Bord eines Schiffes von Marseille nach Indochina freunden sich die Protagonisten dieses frühen existenzialistischen Abenteuerromans an: der junge Franzose Claude Vannec und der ältere Asien-Abenteurer Perken, ein deutschstämmiger Däne.

Vannec will über den Königsweg zu den Khmer-Tempelstädten, um dort Basreliefs zu plündern. Aber ihn „bannte auch diese unerbittliche Drohung des Verlassenseins tief im Urwald“. Das Abenteuer ruft
Perken will den vermissten Abenteurer Grabot finden, der sich selbst ein Reich unter den Bergvölkern geschaffen hat und um den sich Legenden ranken. Inspiriert von dem französischen Abenteurer de Mayrena, der sich zum König der Sedang aufschwang.

Perken ist ein interessanter Bursche – ein Desperado mit einem Gesicht wie eine „brutale Usurpatorenmaske“. Auch er hatte sich einst eine Art Reich geschaffen, Und Vannec berbindet mit ihm, „dass dieser Mann mit den ergrauenden Haaren viele Dinge liebte, die Claude gleichfalls wert waren“.
Nachdem die französische Kolonialbürokratie überwunden ist, geht es hinein in den furchtbaren und geheimnisvollen Dschungel. „Vor ihm lag die düstere Masse des Waldes wie ein Feind mit geballter Faust.“

Unter Schwierigkeiten dringen sie auf dem Königsweg, die Straße, die in alten Zeiten Angkor und die Seen des Menambeckens verband, zu den Tempeln vor und können erfolgreich sieben Reliefs von den Heiligtümern rauben.

Der erste Teil basiert auf den eigenen Erfahrungen von Malraux. Der zweite bis vierte Teil auf Reiseberichten und Abenteurerzeugnissen, denn das Hochland von Amman hat Malraux wohl nicht besucht.

Um den Kolonialbehörden auszuweichen, nehmen sie den Weg nach Siam durch das zentrale Hochland der Montagnards, wo Perken Grabot vermutet.
„Dieses halbwilde Gebiet war ebenso verdächtig, ebenso drohend wie der Urwald… einzig die Welt der Wilden mit ihrem Fleischgeruch… Wenige Meter von ihnen entfernt, auf dem lehmigen Abhang, standen, einer oberhalb der anderen, drei Mois und betrachteten sie mit einer Regungslosigkeit, die, gleichsam außermenschlich, nicht aus ihnen selbst gekommen, sondern ein Ausdruck der schweigenden Natur zu sein schien.“ Mois bedeutet im Vietnamesischen „Die Wilden“.

Sie kommen in ein Dorf und finden den geblendeten Grabot, der als Sklave gehalten wird. „Auch dieser Mann war, wie die alten Tempel in Fäulnis geraten unter dem Fluch Asiens.“ Der Abenteurer entartete zum Sklaven eines verabscheuungswürdigen Wilden.

Es kommt zum Konflikt, und Vannec und Perkens werden eingekesselt; wie später die französische Armee in Dien Bien Phu. Umgeben von „diesem Konzil des Wahnsinns“. In ihm „hing alles Leben dieses von der Welt geschiedenen Ortes am schweigenden Schatten des Häuptlings“.

Bei einem Fluchtversuch tritt Perken in Chamrongs (vergiftete Bambusspitzen, die später den US-GIs viel Freude machten) und infiziert sich. Sietrekken auf ihrem Ochsenwagen weiter Richtung Laos, „Perkens Region“. Verfolgt von Stiengs (Mois), die ebenfalls verfolgt werden von einer siamesischen Strafexpedition, die den Bau einer Eisenbahn sichert.

Die eiternde Entzündung besiegelt Perkens Schicksal unter Qualen.

PESSIMISTISCHER HEROISMUS

Perken und Vannec sind Nonkonformisten. Sie verbindet die Verachtung für die bürgerliche Gesellschaft, die auf Sicherheit bedacht ist. Für sie gilt Risiko als Lebensprinzip. Existenzialistisch sehen sie den Tod als absurd an. Sie lehnen ihn ab, wissen, dass sie ihm nicht entkommen können. Ein zentrales Thema im gesamten Schaffen des Autors, für den der Tod immer ein Ärgernis ersten Ranges war (dem nur die Kunst einen Ausweg aus dem Dilemma der Absurdität der Sterblichkeit eröffnete). „Der eigentliche Tod ist der Verfall… Das Altern ist viel schlimmer… die Hundehütte, die man auf seinem ehemaligen Leben errichtet hat… Womit verbringt denn ein Leben seine Zeit? Mit dem Töten von Möglichkeiten.“


Die anderen Weißen, etwa an Bord des Schiffes werden verächtlich beschrieben: Kleine Bourgeois und dumpfe Kolonialbeamte, die grob, schwer und bodenständig ihren materiellen Vorteil suchen. Sie sind das Gegenteil der nonkonformistischen Helden. Sie repräsentieren die Kategorie der Touristen und insbesondere der Kolonialisten, Profiteure und Zerstörer. Der Charakter des „Armeniers“ repräsentiert die Kolonialzeit schlechthin. Er wird als „der dicke Mann“ beschrieben, der dem abwertenden Bild entspricht. Diese abwertenden Beschreibungen von französischen Kolonialbeamten und ihrer Handlanger findet man häufig in der französischen Literatur zwischen den Weltkriegen. Man trifft sie bei Gide oder Céline genauso wie schon in den frühen TINTIN-Comics von Hergé.

Malraux´ Abenteurer wissen, dass der Tod unvermeidlich ist und reflektieren in pessimistischen Heroismus häufig über seine „Natur“. Die Risiken, die sie eingehen, mögen dem Leben Sinn geben, aber am Ende des Lebens lauert der Tod. Nihilistische Romantiker. Rebellen gegen das Universum, die, wie ihr Autor, nur Tat und Kunstwerk als Sieg in der ansonsten sinnlosen Existenz gelten lassen.
Aber Tat und Risiko müssen intellektuell begründet sein – wie ein Kunstwerk. Ohne vorausgehende Reflexion sind sie ausdruckslos.

Abgeleitet von Nietzsche, der mit der Proklamation vom Tode Gottes der westlichen Zivilisation ihre Bedeutung nahm, haben Vannec und Perken den Westen verlassen, um ihn in sich auszulöschen. Jeder muss für sich selbst einen Weg finden, da es keine „allgemein gültigen“ Gottesgesetze mehr gibt. Die Regeln des bürgerlichen Staates, deren Widerwärtigkeit sich besonders in der Kolonialpolitik ausdrückt, gelten für Nonkonformisten erst recht nicht. Der bürgerlichen Gesellschaft sind sie zwar entkommen, aber ihrem Schicksal bleiben sie unterworfen.

Die Freuden, die man in der Existenz leben kann, können nur vom Tod beendet -nicht vom Staat ideologisch reglementiert werden. Der Tod ist die schlimmste Erniedrigung, denn an ihm kann man sich nicht rächen. Tragik entsteht nicht aus menschlichem Handeln, die menschliche Natur in ihrer Sterblichkeit ist die Tragödie.

Das Ende lässt Vannec und den Leser gleichermaßen verstört zurück.

Alles endet im Verlust.

Ein wahrer Noir-Roman als Abenteuergeschichte.

MALRAUX UND INDOCHINA

1923 auf Schatzsuche in die Dschungel von Südostasien zu gehen, war eine sportliche Art zu beweisen, dass man zur jungen Generation der wilden Zwanziger gehörte. Malraux war gerade Anfang zwanzig und hatte sich bereits in den Pariser Salons und bei den Bohemiens eine gewisse Reputation erblufft. Als Autodidakt gab er vor, studierter Experte für asiatische Kunst zu sein.

Malraux hatte das beträchtliche Vermögen seiner Frau durch einen Börsen-Crash verloren. Um an Geld zu kommen, beschloss er Reliefs bei Angkor Wat zu plündern und sie in London und New York zu verkaufen.

Am 23. Oktober gingen die Malrauxs in Marseille an Bord der „Angkor“, die sie nach Hanoi bringen sollte. Malraux und seine Frau Clara reisten als Touristen über das Mekong Delta nach Kambodscha und ab Mitte Dezember von Siem Reap über den Königsweg zu den Tempeln von Banteay Srei. Zusammen mit seinem Schulfreund Louis Chevasson brach er brutal mit Hammer und Meißel die Flachreliefs aus den Heiligtümern.

Beim Versuch die Basreliefs auszuführen, wurden sie verhaftet und in einem Schauprozess in Phnom Penh wurde Malraux zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt (Chevasson erhielt 18 Monate). Der Prozess rückte die Tempel von Angkor stärker in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Clara organisierte unter den Pariser Intellektuellen einen Aufschrei der Empörung, der zur Aussetzung der Haftstrafe (später zur Aufhebung) führte.

Nach seiner Rückkehr war Malraux noch radikalisierter als zuvor und kritisierte insbesondere die Kolonialpolitik in Indochina. Er begann auch an seinem ersten Asien-Roman, LES CONQUÉRANTS, zu arbeiten.

Malraux trug seinen Unabhängigkeitskrieg in die Welt hinaus.

Er reiste wieder nach Indochina und half 1925 zusammen mit dem Rechtsanwalt Paul Monin eine anti-koloniale Oganisation, „das junge Amman“, zu organisieren. In Saigon gründete er die Zeitschrift „L’Indochine Enchaînée“, die die Kolonialbehörden und ihre Vergehen anprangerte.

Als er dann 1926 nach Paris zurückkehrte, wurde sein erster Roman veröffentlicht, der radikal Stellung zur revolutionären Situation in Asien bezog. Ganz Asien war jetzt in Bewegung (auch durch die Tätigkeit der von der UdSSR gelenkten Komintern). Angst, gepaart mit Dummheit domminierte das Denken und Handeln der Imperialmächte.
Die Erfahrungen in Indochina klangen in Malraux nach.

Noch 1937, während einer Rundreise durch die USA, in der er um Unterstützung für die Spanische Republik warb, sagte er der „New York Post“ in einem Interview: „Wenn ein Land faschistisch ist, na gut; in den Kolonien muss man auf Faschismus gefasst sein. Aber Frankreich ist eine Demokratie, und als ich in die Kolonien kam, fand ich mich dem Faschismus gegenüber.“

INSPIRATION

DER KÖNIGSWEG (1930) basiert natürlich auf diesen Erfahrungen der ersten Indochina-Reise. Verschiedene Lektüren beeinflussten den Roman ebenfalls.
Aber vor allem die Figur des Marie-Charles David de Mayréna, dem König von Sedang war Inspirationsquelle. Diese abenteuerliche Figur war damals jedem Schuljungen bekannt und beeinflusste die populäre Abenteuerliteratur ebenso wie akademische Diskurse.

„Ich habe Mayrena nicht vergessen, dessen Legende, die 1920 in Indochina sehr präsent war, ist teilweise der Ursprung meines KÖNIGSWEGs“, sagte er später. Er hatte alle Bücher und Artikel über Mayrena, sowie über die indochinesischen Ethnien, gelesen, deren er habhaft werden konnte.
Sogar noch in den ANTIMEMOIREN (1967) taucht Mayrena auf – als Objekt eines Drehbuches (präsentiert vom Baron de Clappique, einer seiner Figuren aus LA CONDITION HUMAINE, 1933).

1941 begann André Malraux zwei Geschichten zu schreiben: LE RÈGNE DU MALIN über Mayrena und eine über, T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien). Die Fragmente wurden 1996 bei Pléiade veröffentlicht.

Die Intertextualität bezieht sich auf die große Tradition von Reiseliteratur und Abenteuerroman, insbesondere auf Joseph Conrads HEART OF DARKNESS.

Malrauxs Schriften über Asien reflektieren den damaligen Einfluss des „Orientalismus”, der den Fernen Osten als außergewöhnlich fremd, exotisch, dekadent, mysteriös und brutal charakterisierte.

MAYRENA war einer dieser exzentrischen Abenteurer, die Rudyard Kipling zu seiner unsterblichen Geschichte THE MAN WHO WOULD BE KING (1888) angeregt haben könnte. Getriebene, die in die Welt hinaus gingen, um eigene Königreiche zu erobern. Ihr berühmtester Vertreter war wohl James Brooke, der weiße Radschah von Sarawak, der auf Borneo eine Dynastie gründete, die bis nach dem 2.Weltkrieg herrschte.

Marie-Charles David de Mayréna (auch bekannt als Charles-Marie David de Mayréna oder Marie I, König von Sedang; 31 Januar 1842 – 11 November 1890) wurde zum selbsterklärten König von Sedang im nördlichen zentralen Hochland von Indochina, im heutigen Südvietnam.

Er kam zuerst als Pflanzer nach Vietnam. Der französische Generalgouverneur stimmte einem Vorschlag zu, eine Expedition durch die Hochebene zu führen, um Verträge mit den dortigen Stämmen abzuschließen.

Begleitet wurde Mayrena u.a. von einem zwielichtigen Abenteurer namens Mercurol, einem ehemaligen Croupier, dem Kaufmann Paoli sowie einigen Frauen, einschließlich seiner vietnamesischen Konkubine („Congai“).

Unter seinem Gewand trug er immer einen schweren Mantel, der sein Leben mehrmals rettete, vor allem, wenn er mit Pfeilen beschossen wurde. Das begründete seinen Ruf unverwundbar zu sein. Innerhalb von sechs Monaten gelang es ihm, sechs Stämme zu vereinigen, darunter die extrem gefürchteten Sedang. Nachdem er einige Prüfungen (auch der Kampf mit einem jungen Krieger gehörte dazu) bestanden hatte, wurde er von den Häuptlingen der Bahnar, Rengao und Sedang im Dorf Kon Gung am 3. Juni 1888 zum König auf Lebenszeit bestimmt.

Er wollte das Königreich von den Franzosen anerkannt bekommen und es Frankreich gegen ein Pflanzmonopol unterstellen, aber man konnte sich nicht eingen. Daraufhin wandte sich Mayrena vergeblich an Briten und Preußen. Nach seinem Werbezug durch Europa, wurde er mit einer Waffenladung bei der Rückreise nach Indochina von den Franosen vor Singapur festgenommen. Er wurde auf die malaiische Insel Tioman deportiert.

Verbannt auf diese kleine malaysische Insel, überlebte er durch das Sammeln von Schwalbennestern, die er an chinesische Händler verkaufte. Seine geistige Gesundheit verschlechterte sich mehr und mehr, und er entwickelte einen Verfolgungswahn vor den Franzosen. Als der einstige König am 11.November 1890 starb, war er von allen verlassen, außer von seinem treuen Hund. Einige behaupten, er sei von einem seiner ehemaligen Gefährten vergiftet worden, andere, er habe Selbstmord begangen oder sei an einem Schlangenbiss gestorben.

TRADITION DES ABENTEUERROMANS

DER KÖNIGSWEG ist ein Roman des Scheiterns, eine pessimistische Arbeit, die grausam „die Demütigung des Menschen inszeniert, der von seinem Schicksal gejagt wird“. Anders als in B. Travens DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (1927) werden die Protagonisten nicht aus rein ökonomischen Gründen zu ihrer Quest getrieben.

Im traditionellen Abenteuerroman des imperialistischen Zeitalters ging es häufig um das Bereisen eines zu kolonialisierenden Gebietes oder um die Befriedung einer noch nicht endgültig kolonialisierten Region. Dort lauerten – vorzugsweise im Dschungel – große Gefahren auf den Europäer, der seine überheblichen westlichen Werte im Gepäck hatte oder wie eine Monstranz vor sich hertrug. Für den Westler waren es „Reisen in die Finsternis“ – seit Joseph Conrad das Synonym für derartige Unternehmungen.

Entweder kolonialisierte der Reisende, der auch immer ein Eroberer war, für sein Land, Reich Empire oder Glauben, oder um selbst ein König zu werden – natürlich immer im Sinne heimatlicher Ideale. Seit den Pizarros und spätestens seit der ruhmreichen Geschichte des weißen Radschahs James Brooke tauchten immer wieder Abenteurer auf, die nach einem eigenen Reich strebten (das sie häufig an die Imperien ihrer Heimatländer ankoppelten). Sie suchten das Abenteuer, um der Enge der „zivilisierten Welt“ zu entkommen, pflanzten aber in die Weite der Exotik deren bürgerliche Prinzipien.

JOSEPH CONRAD
Angefangen mit Joseph Conrad verschobt sich das Bild des Reisenden im Abenteuer- oder Kolonialroman. Zwischen den Weltkriegen ändert sich (bei Traven sehr deutlich) das Gesamtbild des Imperialismus.

Die Auswirkungen werden nicht mehr ausschließlich positiv dargestellt. Jetzt sprachen Literaten, die von marxistischen Analysen und der Russischen Revolution beeindruckt waren, vom ausbeuterischen Charakter des Imperialismus. Zunehmend antibürgerliche Tendenzen wurden thematisiert. Besonders im Werk von B.Traven werden die Menschen als heimatlos geschildert – nicht nur die Indios, denen man die Heimat gestohlen hatte, auch weiße Ausbeuter, die durch falsche Versprechungen und Hypothesen in die Fremde gelockt wurden.
An Stelle der ersehnten exotischen Ferne tritt nun ihre bedrohliche Fremdheit und liederliche Ausbeutung.

Sobald DER KÖNIGSWEG veröffentlicht war, bemerkte der Literaturkritiker Emile Bouvier den Einfluss von Conrad auf den Text von Malraux.

Der Einfluss von Conrads HERZ DER FINSTERNIS ist nicht nur in der alptraumhaften Atmosphäre spürbar:

Beide beginnen auf einem Schiff.

Beide beziehen sich auf die Suche nach einem Europäer, der tief im Dschungel unter Barbaren ein eigenes Reich geschaffen hat.

„Beiden Autoren bot der Kolonialexotismus die Gelegenheit, eine westliche Seele aufzuzeigen, die von innerer Fäulnis bewohnt und verlockt wurde“ (Jean-Francois Lyotard: Gezeichnet: Malraux, Paul Zsolnay, 1999).

Aber Malraux verdreht die Figur des weißen Eroberers: Conrads Kurz wird von „seinem“ Kannibalenstamm verehrt und angebetet, Malrauxs Grabot von den Mois versklavt, geblendet und wahrscheinlich kastriert.

Zwischen 1899, dem Erscheinen von Conrads Werk, und 1930 hatte– insbesondere nach dem 1.Weltkrieg – die Glorifizierung des europäischen Imperialisten stark abgenommen. Überall waren Freiheitsbewegungen entstanden und versetzten die Kolonien in Aufruhr. Für Malraux war die Hybris des Kolonialreichs Frankreich nur noch lächerlich und unbegründet.

Malrauxs Roman DER KÖNIGSWEG muss m.E. zu den bedeutenden Abenteuerromanen des 20. Jahrhunderts gezählt werden, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzen.
Wie in jeder großen Literatur gibt es hier Sätze und Szenen, die zuvor nicht geschrieben worden waren. Das Buch quillt davon über.

Auch wenn er von den Wächtern der Literaturwissenschaften und des Feuilletons nur auf „frühexistenzialistisch“ reduziert wird (was er natürlich auch ist).

Als kolonialer Abenteuerroman erahnt das Werk das Ableben des französischen Imperiums. Mit etwas Phantasie kann man das Ende der Protagonisten gar als Vorwegnahme von Dien Bien Phu deuten. Perken unterscheidet sich von den „Helden“ des Abenteuerromans des 19.Jahrhunderts: Er „missioniert“ nicht für ein wie auch immer geartetes Ideal, er ist sich selbst seine eigene Mission.

WÜRDIGUNG
Malrauxs zweiter Asien-Roman steht in der Tradition des kolonialen Abenteuerromans. Aber es ist auch ein philosophischer Roman, der unentwegt die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. „Der Tod ist da als unwiderleglicher Beweis der Absurdität des Daseins“, stellt Perkens existenzialistisch fest.
Als das Buch 1930 veröffentlicht wurde, war es ein Flop. Der Verleger vermarktete es als simplen Abenteuerroman über Indochina und begrenzte und überforderte das anvisierte Zielpublikum. Malrauxs topographisches und wissenschaftliches Inventar wird den naiven Romanleser ebenfalls verwirrt haben.

Zwar ist das Buch auch ein großer Abenteuerroman, aber ebenso eine metaphysische Reflexion über den Menschen und sein Schicksal.

MALRAUX
Malraux war ein Mythomane und machte aus seinem Leben ein Werk. So wandelte er bloße Tatsachen und Erlebnisse in Ereignisse, die der Absurdität des Todes entkommen sollten.

Lyotard, einer seiner Biographen, schrieb: „Das Kind aus Bondy liebte Bücher als Waffen und die Straße als Abenteuerroman.“

Für ihn war ein Künstler ein einsamer Held im Kampf gegen die Sterblichkeit. „Kunst”, schrieb er in LES VOIX DU SILENCE, „ist eine Revolte gegen das Schicksal.“

Malraux wandte sich früh gegen jede Form von Antisemitismus, der in Frankreich politisch auch bei der Linken zu finden war. Seine erste Frau, Clara Goldschmidt, sagte einmal: „Man kann über Malraux sagen, was man will, aber sicherlich nicht, dass er ein Antisemit ist. Und Gott weiß, ich gab ihm genügend Gründe dafür.“

Bekannt ist er heute noch als ehemaliger Kulturminister von de Gaulle, der die französische Kulturszene nach dem 2.Weltkrieg gestaltet hat. Als Theoretiker des „imaginären Museums“ war er seiner Zeit weit voraus.

Aber natürlich erinnert sich in Frankreich auch jeder an den Abenteurer, Krieger, Schriftsteller und anti-faschistischen Kämpfer, der die Luftwaffe der Spanischen Republik aufgebaut hat und im Widerstand den Deutschen als Colonel Berger zusetzte. Über ihn gibt es viele Geschichten und Anekdoten. Und er verstand es, sich mythisch zu erhöhen – auch auf Kosten der Realität (die nicht immer – im Malrauxschen Sinne – „wahrhaftig“ ist).

Sartre über ihn: „Malraux ist ein Romantiker der Aktion. Sein freiwilliges Engagement war immer etwas unverbindlich – man könnte sagen, dass er sich fast ausschließlich dafür interessierte, den Tod und das Böse herauszufordern, und dass ihm das Endziel gleichgültig war.“

Malraux hasste alles und jeden, der Unterwürfigkeit verlangte („Ich will keiner Sache Untertan sein“, sagte der, der sich so oft für Menschen und Ideen unter größten Gefahren einsetzte).

Auf dem Schreibtisch wachte über seine Inspiration die Bronzefigur der ägyptischen Katzengöttin Bastet.

Einmal versuchte er in der französischen Linke ein Kommando aufzustellen, um Trotzki (mit dem er sich 1933 anfreundete) aus Stalins Exilgefängnis in Kasachstan zu befreien.

Im Krieg brach er mit dem Kommunismus und ersetzte „das Proletariat durch Frankreich“. Aber noch 1946 hatte er „das Ende des Kapitals“ verkündet.

Als sich der 70jährige anbot, in Bangladesch auf Seiten der Rebellen zu kämpfen, musste ihm Indira Gandhi „so taktvoll wie möglich“ („Sunday Times“) klarmachen, dass „sein Einsatz dort nicht wirklich gebraucht werde“.
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1972 wurde er nach Washington eingeflogen, um Präsident Nixon vor seiner China-Reise zu briefen.

Sein persönliches Schicksal war oft hart: Seine Brüder starben unter den Nazis, seine zweite Frau bei einem Eisenbahnunglück, seine beiden Söhne 1961 bei einem Autounfall.

In seinen letzten Jahren litt er unter Depressionen und Alkoholismus und existierte nur noch durch Amphetamine und Schlaftabletten.

Er starb 1976. Zwanzig Jahre später wurde seine Asche in das Panthéon überführt. Unter den dort verehrten großen Franzosen gehört er nach wie vor zu den umstrittensten. Aber da für die Franzosen seit der glorreichen Revolution die Literatur als Religionsersatz dient, ist ihm die Verehrung gewiss.

Sein Werk hat viel aufklärerisches Licht, aber wenig Wärme.

Oder um mit einem seiner Lieblingszitate von Nietzsche zu beschließen:
„Wir haben das Glück erfunden, sagten die letzten Menschen und blinzelten.“

Möge der große Peter Scholl-Latour hier das letzte Wort zum KÖNIGSWEG haben (aus seinem Frankreich-Buch; Kapitel über einen Besuch beim Roten Khmer in Kambodscha):

„Am folgenden Abend waren wir von den jugendlichen Partisanen mit der chinesischen Ballonmütze ins thailändische Grenzgebiet zurückgeleitet worden. Ein paar Tage war ich tatsächlich in die Rolle Perkens versetzt worden, jenes deutsch-dänischen Helden aus dem KÖNIGSWEG, der schließlich auf einen vergifteten Bambusspieß, wie sie rechts und links unseres Pfades zu Tausenden in die modrige Erde gerammt waren, gestürzt und in fiebrigem Krampf verendet war… (Das freundliche Nachwinken des bewaffneten Knaben) war wie in Erz gegossen, und auf den braunen Bronzelippen, so schien mir, spielte ein geheimnisvoll grausames Lächeln wie auf den monumentalen Tempelskulpturen des Bayon-Tempels.“

 



WEISE WORTE by Martin Compart
21. April 2020, 6:05 pm
Filed under: Parasiten, Politik & Geschichte, Weise Worte | Schlagwörter:

Das feudal-kapitalistische Erbrecht ist Wettbewerbsverzerrung.



BARLOW SPRICHT by Martin Compart
9. April 2020, 11:16 am
Filed under: Afrika, Eeben Barlow, Politik & Geschichte, Söldner | Schlagwörter: , , , , ,

Seit einiger Zeit wecken die Bodenschätze Mosambiks Begehrlichkeiten. Besonders bei den Russen, die die Ausplünderung Afrikas nicht alleine Amerikanern, Franzosen und Chinesen überlassen wollen. Für angebliche Söldnereinsätze ist ihre Wagner-Gruppe zuständig, die sich beim Kampf gegen islamistische Rebellen in der Provinz Cabo Delgado (große Gasvorkommen) im September/Oktober 2019 eine blutige Nase mit einigen Toten geholt haben. Die Gruppe Wagner trat einen „taktischen Rückzug“ an. Seitdem versuchen andere die Ausbeutung im Norden Mosambiks voran zu treiben.

Und natürlich wird einmal mehr Eeben Barlow und STTEP ins Gespräch gebracht oder gar beschuldigt, für die Russen die Drecksarbeit zu machen. Die Russen haben enge Beziehungen zur Regierung von Mosambik.

Die Fehler von der Wagner Gruppe hatte Barlow bereits in seinem Blog analysiert.
http://eebenbarlowsmilitaryandsecurityblog.blogspot.com/2019/12/russian-pmc-wagners-set-backs-in.html

Hier und jetzt bezieht er Stellung gegen die Gerüchte und Verleumdungen, STTEP sei in Mosambik aktiv:

STTEP IS NOT IN MOZAMBIQUE

„There are currently false allegations and rumours swirling around that STTEP has deployed a ‘fighting force’ to Mozambique, along with helicopter gunships, and other military equipment.

This is merely another lie generated by an intelligence prostitute who currently resides in Mozambique and who acts as an ‘agent’ for several African and foreign intelligence services. (His name and location is known to me). Having been privy to some of his ‘intelligence reports’, it is very obvious that this person is not only a liar but also an ‘advisor’ whose intention is to misadvise governments for payment―something he is very well known for.

The current conflict in Cabo Delgado province is extremely serious and has, to date, already cost many lives. It has, furthermore, resulted in the government of Mozambique coming under massive domestic and regional pressure to end the conflict. It is also highly likely that this conflict will result in a regional spill-over as the Islamist forces gain momentum and become incentivised by tactical successes.
It remains the sovereign right and prerogative of the Mozambique government to appoint or use whoever they deem capable of assisting and supporting them in this conflict. However, the government there has NOT approached STTEP for advice, assistance or support of any nature.

It is possible that independent contractors who have worked with STTEP in the past may be in Mozambique. It is also very possible that con artists may be using STTEP’s name in order to secure a contract for themselves―this has happened with both Executive Outcomes and STTEP in the past.

It is therefore categorically stated that STTEP is NOT engaged in Mozambique; nor is the company recruiting men for deployment into Mozambique.

We will deal with the intelligence prostitute later…“



MARK FISHER ÜBER TRUMP, POPULISTEN UND GETEILTE ELITEN by Martin Compart
30. März 2020, 9:38 am
Filed under: Edition Tiamat, Mark Fisher, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , , ,

Die Mannequin-Challenge*

Das Bild, das mich seit der Wahl am meisten verfolgt, ist das Foto, auf dem Hillary Clinton und ihre Mitarbeiter die sogenannte »Mannequin-Challenge« im Flugzeug machen.

Dabei stößt nicht nur die Selbstgefälligkeit auf (schau dir an, wieviel Selbstzufriedenheit in Clintons Lächeln liegt); es war vielmehr das Gefühl, dass diese Simulation des Stillstandes – die mich an die gespenstischen Szenen aus Westworld erinnern, in denen die Androiden kurzzeitig in den Schlafmodus versetzt werden – zeigt, worin der Wahlkampf von Clinton in Wahrheit bestand: ausrangierte politische Roboter, die ein letztes Mal ein überkommenes Szenario durchspielen, bevor sie für immer aus dem Verkehr gezogen werden. Die unbequeme Ironie besteht darin, dass dieses Werbevideo aus den letzten Tagen vor der Wahl – steh nicht still, geh wählen – leider genau das zeigt, was zu viele von Clintons potenziellen Wählern getan haben.

Zugleich war zu sehen, was Clinton und ihr Wahlkampf die ganze Zeit gemacht hatten: stillgestanden. Während von Trumps Wahlkampf ein Gefühl überschäumender Begeisterung ausgeht, von anarchischer Unvorhersagbarkeit, das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, bot Clinton lediglich Altbekanntes an. Oder noch weniger als Altbekanntes. Die Message war nicht nur, dass sich nicht viel verändern wird, sondern auch, dass sich nicht viel zu verändern braucht.


Diese Paralyse kann nicht allein der Selbstzufriedenheit und Engstirnigkeit des Clinton-Lagers zugeschrieben werden; es handelt sich vielmehr um das Symptom einer umfassenderen Pathologie, die die »linke Mitte« betrifft. »Linke Mitte« muss in Anführungszeichen gesetzt werden, weil die Malaise zum großen Teil damit zu tun hat, dass diese Gruppe nicht begriffen hat, dass die »Mitte«, an die sie sich hängt und nach der sie sich richtet, verschwunden ist. Neben den Parallelen zum Brexit gibt es auch deutliche Ähnlichkeiten zur letzten Wahl in Großbritannien.

Wie Ed Milliband hat Clinton im Grunde deswegen verloren, weil es ihr nicht gelungen ist, ihre eigenen Unterstützer zu mobilisieren. Es stellt sich heraus, dass es gar keine so große Rechtswende gab: Wie Gary Younge in seinem unverzichtbaren Artikel schreibt, hat Trump »vielleicht den Marsch nach rechts angeführt, aber vergleichsweise wenig Leute sind ihm gefolgt« (er hat am Ende weniger Stimmen gehabt, als erfolglose Kandidaten wie John Kerry, John McCain, Mitt Romney und Gerald Ford). Stattdessen kam es zu einer Evakuierung der Mitte. Wie Boris Johnson ist auch Trump ein Opportunist; aber es ist dieser Opportunismus, der ihm erlaubte, auf veränderte Bedingungen zu reagieren und dabei auch wahrgenommen zu werden – etwas, dass dem Establishment seiner eigenen Partei ebenso wenig gelungen ist wie Clintons Demokraten.

Die Stimmung, die Trump und der Brexit eingefangen haben, ist die Unzufriedenheit mit dem kapitalistischen Realismus. Es ist jedoch nicht der Kapitalismus der in diesen unfertigen Revolten abgelehnt wird, sondern der Realismus. In seinem Artikel über Trump vor ein paar Wochen, nahm Simon Reynolds ein Zitat aus The Art of the Deal auf: »Ich arbeite mit den Phantasien der Menschen.« Die Hinwendung zur Phantasie ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Rechten wie ihn Trump und der Brexit darstellen.

Was sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter verkaufen, ist die Phantasie eines nationalistischen Revivals. Der automatische Verweis auf ökonomischen »Sachverstand« und wirtschaftliche »Expertise«, auf die sich der kapitalistische Realismus verlassen hat. Zeichen der Ehrerbietung gegenüber …, die noch vor ein paar Monaten für alle, die an die Macht wollen, Pflicht waren, sind nun toxisch geworden. Anstatt ihre Autorität zu vergrößern, hat Clintons Nähe zur Wall Street ihren Ruf als Handlanger des Status quo nur noch weiter gefestigt; genauso wie die Verweise auf »Experten« von David Cameron – der inzwischen wie eine Figur einer vergangenen Ära wirkt – sich am Ende in katastrophaler Weise als kontraproduktiv herausgestellt haben. In der Phantasie des nationalistischen Revivals kehren die »Experten« zurück, aber nicht als Avatare eines ökonomischen Realitätsprinzips, sondern als Spielverderber und Querschläger, als Feinde des wieder erstehenden Willens.

Das Brexit-Referendum war im Grunde ein Lehrbeispiel dessen, was Paul Gilroy postkoloniale Melancholie genannt hat. Trumps Aufstieg – Make America Great Again! – ist das amerikanischen Pendent dieses Phänomens. Wie Gilroy zeigt, hat Melancholie eine manische und eine jubilatorische Seite, aber sie gründet in der Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit und einer Abwehr der Komplexität und Orientierungslosigkeit der Gegenwart … Da sie um Bedürfnisse herum strukturiert ist, die unmöglich zu befriedigen sind, ist die Flucht in die Phantasie natürlich alles andere als eine harmlose Übung in Eskapismus; der Versuch der Rettung dieser //// der Restauration und »Reinigung« wird unvermeidlich großen Schaden anrichten. Postkoloniale Melancholie wird durch den »Verlust der Allmachtsphantasie« verursacht und ist zugleich eine Kompensationsstrategie, die das Verschwinden dieses Allmachtsgefühl zum temporären Zustand erklärt, der bald wieder vorbei sein wird. Es ist genau diese phantasmatische Dimension des Allmachtsgefühls, die in Trumps Rhetorik geleugnet wird. Die Allmacht war real – der Rückfall in Verletzlichkeit und Malaise wird einem depressiven Stumpfsinn angelastet, der durch eine Wiederbelebung von Willen und Glauben überwunden werden wird: nationalistischer magischer Voluntarismus.

Die euphorische Verweigerung der einschränkenden Kräfte ökonomischer Verhältnisse – und letztlich aller Verhältnisse – erklärt zum Teil die bemerkenswerten Unterschiede der libidinösen Stimmung in Clintons und Trumps Wahlkampf. Clintons zugeknöpfte Haltung, ihr Bezug auf eine obsolete »praktische Vernunft« und ihre Unfähigkeit, zu erkennen, dass die »Mitte«, in der sie zu stehen glaubt, zusammengebrochen ist, all das verkörperte den kapitalistischen Realismus in seiner biedersten und verstaubtesten Form: völlig unfähig zu inspirieren und einer noch nicht so lange zurückliegenden Vergangenheit verhaftet, für die nur wenige nostalgische Gefühle hegen.

Auch Obama repräsentierte eine Gestalt des kapitalistischen Realismus – auch seine Präsidentschaft führte nach der anfänglichen Euphorie von »Veränderung« und »Hoffnung« schnell zu Stillstand und Stagnation –, aber er besaß nichtsdestotrotz eine gewisse Statur, Gelassenheit und Charisma, was Clinton niemals gelang. Obama gab dem spätkapitalistischen Realismus und der geopolitischen Realpolitik ein seriöses, sympathisches und nachdenkliches Gesicht; und trotz aller Enttäuschungen und Ermattung besaß seine Präsidentschaft dennoch ein Gefühl des Unerwarteten und Bedeutsamen. Selbst wenn Clintons Wahlsieg auch bedeutsam gewesen wäre, es hat sich nicht so angefühlt. Ihr Status als glanzloser Insider einer Dynastie überschattete, dass sie durch ihr Geschlecht ein Außenseiter war.

Jedenfalls hat Trumps Übermaß mit all dem gebrochen. Seine Darstellung entfesselter Libido waren performativen Charakters. Trumps »unprofessionelle« »Ausfälle«, seine scheinbaren Fehltritte, der schnelle Wechsel in rassistische Invektiven und Misogynie, seine Hass schürende Rhetorik: All das ist nicht nur wegen der Anziehungskraft auf jene wichtig, die bereits solche Positionen haben. Sie üben auch einen Reiz auf jene aus, die nicht solche Meinungen vertreten und sie vielleicht sogar verachten: Was diese Ausbrüche vermitteln sollten, war »Authentizität« – eine Simulation des »Gerade-heraus-Sprechens« – und zugleich, und ebenso wichtig, sollten sie eine libidinöse Freiheit darstellen. Ich bin auf keinen Fall der erste, dem die Parallelen zu Silvio Berlusconi aufgefallen sind, Trumps offensichtlichsten Vorläufer. Franco Berardi hat richtig festgestellt, dass die Faszination Berlusconis auf seinem »Spott für die politische Rhetorik und ihrer trägen Rituale« beruhte. Man lud die Wähler ein, sich mit dem »ein bisschen verrückten Premier« zu identifizieren, »dem Schelmenpolitiker, der so ist wie sie«. Denn auch die Wähler versprechen sich (und in jedem Fall sagen sie im Privaten Dinge, die sie nicht in der Öffentlichkeit sagen würden); auch sie verachten die biederen Konventionen des Parlaments.

Natürlich ist diese Form der »Ähnlichkeit« immer künstlich und hergestellt; die Wähler sollen sich mit ein paar bestimmten Merkmalen identifizieren und andere vergessen. Wie Berlusconi hasst auch Trump das Gesetz und Regeln und zwar »im Namen einer spontanen Energie, die sich durch die Regeln nicht länger zügeln lässt«. Selbst diejenigen, die von Trumps Rassismus und Misogynie beunruhigt oder abgestoßen sind, können sich trotzdem über seine Missachtung von Höflichkeit, Prozedere und Präzedenzfälle freuen. Es war Trumps Exzess, der dafür sorgte, dass er als der »Kandidat der Veränderung« wirken konnte, etwas, das seine Unterstützer immer wieder als Grund angaben, warum sie für ihn stimmen. Simon Reynolds beschreibt dies als das »provokativ daherkommende Versprechen einer weniger langweiligen Politik. Die New York Times zitierte kürzlich einen Wähler, der mit der Idee spielte, für Trump zu stimmen, weil die ›dunkle Seite in mir sehen möchte, was passiert … Irgendetwas wird sich verändern, selbst wenn es eine irgendwie Nazi-mäßige Veränderung ist, aber die Leute sind einfach so gespannt. Sie wollen so etwas in der Art sehen.‹«

Insofern könnte man sagen, dass Trump nicht der Glam-Kandidat, sondern der Punk-Kandidat war, mit genau derselben explosiven, spaltbaren Mischung von reaktionären und … die so viele Punkbands auszeichnete. Punks politische … Langeweile … Stillstand Mitte der Siebziger war so unerträglich, dass jede Veränderung willkommen war. Nun, nach dem Brexit und nach Trump kann man mit Sicherheit sagen: Die langweilige Dystopie ist vorbei. Wir befinden uns nun in einer vollkommen anderen Dystopie.

Im Falle Trumps wirkt die Phantasie einer nationalen Restauration beruhigend, sie mildert das Gefühl des Risikos, das von ihm ausgeht. Es ist fast so, als ob er die Erlaubnis gibt, sich der Aufregung hinzugeben … schwindelerregende Veränderungen und eine wiederhergestellte Vergangenheit, alles zugleich; Trump hat eine Möglichkeit gefunden, die Formel wieder einzusetzen, die die Rechte seit Reagan und Thatcher erfolgreich angewandt hat. (Und ein anhaltendes Problem für die revolutionäre Linke besteht darin, dass sie nicht denselben Zugang zu diesen beruhigenden Phantasien hat, nicht gleichermaßen an die Rettung der Vergangenheit appelliert, mit der sich der Sprung ins Unbekannte begründen ließe.)

Und dann gibt es da die Phantasie der Klasse … worin Trump hervorragend ist.

»Worum es wirklich geht in dieser Wahl«, so Francis Fukuyama, »ist, dass nach mehreren Jahrzehnten die amerikanische Demokratie endlich auf den Anstieg der Ungleichheit und der ökonomischen Stagnation reagiert, die ein Großteil der Bevölkerung erleben. Die soziale Klasse ist zurück im Zentrum der amerikanischen Politik und übertrumpft [Ha!] alle anderen Trennlinien – Herkunft, Ethnizität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Geographie –, die bisher die Wahlen dominierten.«

Martin Jacques hat im Guardian eine ähnliche Position vertreten:

»Die Welle des Populismus signalisiert die Rückkehr der Klasse als zentraler Kategorie in der Politik, sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten. Vor allem in den USA ist das bemerkenswert. Seit Jahrzehnten war die Vorstellung einer ›Arbeiterklasse‹ in der politischen Diskussion randständig. Die meisten Amerikaner empfanden sich selbst als zur Mittelklasse gehörig, ein Zeichen für den Puls des Ehrgeizes im Innersten der Gesellschaft. Laut einer Umfrage von Gallup aus dem Jahr 2000 verorteten sich nur 33% aller Amerikaner in der Arbeiterklasse; 2015 waren es 48%, fast die Hälfte der Bevölkerung. […] Auch der Brexit war in erster Linie eine Revolte der Arbeiterklasse. […] Die Rückkehr der Klasse, schon allein aufgrund ihrer Reichweite, hat wie kein anderes Thema das Potenzial, die politische Landschaft neu zu definieren.«

Bernie Sanders …; aber die Klassenpolitik, die Trump und der Brexit anbieten, ist nichts Neues. Sie wiederholt eine Strategie des Teile-und-Herrsche, die schon Nixon, Thatcher und viele andere Rechte jahrelang anwandten. Was uns Trumps Wahlsieg und der Brexit zeigen, ist eine anhaltende Verschleierung von Klasse durch Rassismus und Nationalismus. Sowohl Trump als auch die Brexit-Befürworter propagierten einen durch Rassismus aufgeladene Klassenpolitik, wie bereits der Begriff der »weißen Arbeiterklasse« zeigt. Die Plünderung, die die Arbeiterklasse im Neoliberalismus hinzunehmen hatte, wurden immer wieder auf rassifizierte Andere verschobene: Immigranten, ökonomisch aggressive fremde Mächte … Den Klassenantagonismus in rassistisches und nationalistisches Ressentiment zu verwandeln war sehr wichtig für den Erfolg von UKIP, aber sie haben diese Strategie, die der Rechten 40 Jahre lang gedient hat, nicht erfunden, sondern lediglich intensiviert.

Auf den ersten Blick ist es unglaublich, dass jemand wie Trump überzeugend als Mann des Volkes auftreten kann – als ein, wie es einer seiner Söhne ausgedrückt hat, »Arbeiter mit einem dicken Konto«.

Trump, der seinen Reichtum geerbt (und das meiste davon verschwendet) hat, ist nicht mal ein Selfmade-Millionär, der aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Ohne Zweifel ist das ein weiteres Beispiel, wie die Unterdrückten dazu verführt werden, sich mit den Reichen zu identifizieren (und deswegen zum Beispiel höhere Steuern für Superreiche abzulehnen).

Wenn Trump ein »Arbeiter mit einem dicken Konto« ist, was sind dann diejenigen, die sich der phantasmatischen Identifikation hingeben … Arbeiter, die eben noch kein dickes Konto haben (die aber, gemäß der Phantasie, am Ende bestimmt eins haben werden). Das beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wie Trump – gerade er – es geschafft hat, diese Phantasie aufzubauen. Ich glaube, es gibt mindestens vier (stark miteinander verbundene) Gründe: Seine Fähigkeit, so zu erscheinen, als wisse er um die Sorgen und Nöte der Arbeiterklasse; seine liberal-professionelle Elite; sein Verhalten; und seine Stellung im Ökosystem der Medien.

»Anders als in den Mainstreammedien oft dargestellt, hat Trump gar nicht nur über Mauern, Immigrationsbeschränkungen und Deportationen gesprochen. Tatsächlich hat er meistens gar nicht so viel über diese Themen gesprochen. […] [D]er Kern seiner Message bestand in etwas anderem, einerseits einem ökonomischen Ersatzpopulismus, der überall bemerkt wurde, aber andererseits auch in einer, und das wurde oft übersehen, starken Antikriegsposition. Beides reagierte auf legitime Sorgen der Arbeiterklasse. […] Trump nahm Bernies Populismus, entfernte den Klassenaspekt und reduzierte das Ganze auf eine Mischmasch affektiver Assoziationen und drosch damit auf die aalglatten Liberalen der professionellen Managerklasse ein.«

»Populismus«, so Francis Fukuyama im Juni, »ist das Label, das die politischen Eliten jener Politik verleihen, die von den einfachen Leuten unterstützt wird und die sie nicht mögen.«

Dennoch stammt diese Politik meist nicht von den »einfachen Leuten«; vielmehr handelt es sich meistens um Versuche der Eliten, wie eine Art Bauchredner das Begehren und die Sorgen, die den »einfachen Leute« zugeschrieben werden, zum Ausdruck zu bringen. Der rechte Populismus, den Trump und der Brexit repräsentieren, ist Teil eines Konfliktes zwischen unterschiedlichen Versionen von Elite. Und die Art und Weise, wie die gegnerische Elite dargestellt wird, ist hier ganz entscheidend. Spätestens seit Nixon stellen die Rechten die »schlechte« Elite als »liberale« Clique dar, voller kosmopolitischer Leichtigkeit, weit entfernt vom normalen Leben und mit großer Verachtung für die vermeintliche Vulgarität, Engstirnigkeit und den Chauvinismus der niederen Schichten. Natürlich existiert eine solche Elite, und ihre Vorherrschaft in weiten Teilen der Linken seit den 1960er Jahren hat es der Rechten leichtgemacht, immer wieder auf diesen Trick zurückzugreifen, den Trump … in seinem Wahlkampf. Trump beruhigt seine Unterstützer und schmeichelt ihnen: Ihr seid nicht das Problem, sagt er, sondern die Anderen und sobald wir die Mauer gebaut haben, wird alles gut werden. Die Linken sagen aber, so Trump, dass ihr das Problem seid; die Anderen sind okay, sie verdienen ihre Privilegien, die euch vorenthalten werden.

In einem problematischen Artikel, der nichtsdestotrotz ein paar wichtige Gedanken enthält, behauptet Joan C. Williams, dass Trumps Erfolg auch die Folge einer bestimmten Form des Ressentiments ist, dass nämlich die »weiße Arbeiterklasse« die »Experten verachtet, aber die Reichen bewundert.«
Wenn Hillary Clinton, wie Williams schreibt, die »stupide Arroganz und Selbstgefälligkeit der Expertenelite« symbolisiert, dann erscheint Trump – wie eine Figur aus Ballards Das Reich kommt, einem schlechten, aber prophetisch aktuellen Roman – als eine Verschmelzung der Celebrity-Kultur und der Geschäftswelt, die derzeit sehr viel hegemonialer ist als die trockene Expertenpolitik, die Clinton so trostlos verkörpert.

Diese Art des Populismus beruht auf der Simulation von Nähe und Vertrautheit durch das Fernsehen – McLuhan bemerkte einmal, dass, wenn die Menschen einen Filmstar auf der Straße treffen, sie ihn zwar erkennen, aber nur wenn sie einen Fernsehstar sehen, dann glauben sie, dass das jemand ist, dem sie bekannt sind. Trumps Rolle bei The Apprentice und seine Bereitschaft in Shows aufzutreten wie The Roast of Donald Trump bedeutet, dass er wirkt wie jemand, den das Publikum persönlich kennt.

Als Repräsentant der »Expertenelite« war Clinton zu nah, zu vertraut. Zugleich wirkte Trump aufgrund seiner Stellung in der Medienökologie weniger entrückt als Clinton.
Was wir beobachten, ist offensichtlich kein Angriff von außen auf das Establishment (oder von unten), sondern den Austausch von einem Establishment durch ein anderes. Und ein Grund, warum es diesem neuen Establishment – das eher neoautoritär und neonationalistisch als neoliberal ist – gelungen ist, seine Gegner zu besiegen, liegt darin, dass es den politischen Eifer mobilisieren konnte, den der kapitalistische Realismus normalerweise kleinhält. Der kapitalistische Realismus hat seine Vormachtstellung dadurch gesichert, dass er die Menschen als politische Subjekte deaktivierte und sie als Unternehmerpersönlichkeiten ansprach. Politische Bewegungen sollten verhindert, nicht aufgebaut werden, Politik ließ sich besser von oben organisieren und verwalten.

Foto: Evan Vucci/AP/dapd

Konfrontiert mit Trumps entfesselter Libido…

Die Gefahr besteht darin, die Rückkehr der Klasse mit der Handlungsfähigkeit der Klasse zu verwechseln. Eines der beeindruckendsten – und trefflichsten – Phänomene im Nachgang des Brexit-Referendums war eine bestimmte Form des Entsetzens, und zwar von einigen, die für den Austritt gestimmt hatten. Sie waren erschrocken über das Ergebnis, weil »sie nicht daran glaubten, dass ihre Stimme zählt«. Andere wiederum waren der Meinung, dass so wichtige Entscheidungen nicht von ihnen getroffen werden sollten. Zwar wurde der Brexit von großen Teilen der Arbeiterklasse unterstützt, aber das ist weit entfernt von einem selbstbewussten Handeln der Arbeiterklasse.

Es ist in jedem Fall ein Fehler, die Rückkehr der Klasse gegen Rasse auszuspielen. Neu ist, dass es keine Gegenwehr von Seiten der Fürsprecher der Globalisierung, des freien Handels etc. gibt. Die Spannung, die die neoliberale Rechte der letzten vierzig Jahre auszeichnete – worin sich vermeintlich gegensätzliche Positionen in der Praxis ergänzten – ist nun zur Spaltung geworden.

Was bedeutet das?

Es bedeutet zunächst, dass die Rechte ihren Anspruch auf die Moderne aufgegeben hat. Die neoliberale Ideologie hat dafür gesorgt, dass Neoliberalismus als Modernisierung erschien. Aber es ist genau diese Moderne, die die Rechte nun ablehnt. Statt der neoliberalen Umarmung der globalisierten Gegenwart, schaut man nun zurück und nach innen. Das Votum für den Brexit beruhte auf dem, was Paul Gilroy »postkoloniale Melancholie« nannte und auch Trumps Sieg hatte offenkundig mit dem amerikanischen Äquivalent dieses Phänomens zu tun.

Doch der Abschied der Rechten von ihrem Anspruch auf die Moderne gibt der Linken umso mehr Gründe, sie zurückzuerobern. Der gegenwärtige rechte Populismus reagiert auf echte Probleme der neoliberalen Welt. Neben der ökonomischen Stagnation bietet er auch ein Balsam für das existenzielle Defizit des zeitgenössischen Kapitalismus: der banale Nihilismus einer durch kapitalistische Imperative entleerten Welt. Die Antwort ist natürlich Nationalismus. Aber das ist auf keinen Fall die einzige Antwort auf das Problem der Zugehörigkeit. Kontrolle über ihr eigenes Leben.

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QUELLEN:

1 Gary Young, How Trump Took Middle America, Guardian, 16. November 2016, https://www.theguardian.com/member¬ship/2016/ nov/16/how-trumptook-middletown-muncie-election
2 Simon Reynolds, Is Politics the New Glam?, Guardian, 14. Oktober 2016, https://www.theguardian.com/books/2016/oct/ 14/politics-new-glam-rock-power-brand-simon-reynolds.
3 Ebd.
4 Francis Fukuyama, American Political Decay or Renewal: The Meaning of the 2016 Election, Foreign Affairs, 95.4 (2016), https:// ceulau.files.wordpress.com/2016/08/fa-politcal-decay-or-renewal-aug-2016.pdf.
5 Martin Jacques, The Death of Neoliberalism and the Crisis in Western Politics, Guardian, 21. August 2016, https://www.theguardian. com/commentisfree/2016/aug/21/death-of-neolibe¬ra¬lism-crisis-in-western-politics.
6 Christian Parenti, Listening to Trump, Jacobin, 22. November 2016, https://www.jacobinmag.com/2016/11/trump-spee¬ches-populism-war-economicselection.
7 Fukuyama, American Political Decay or Renewal?, S. 68.
8 Joan C. Williams, What So Many People Don’t Get About the US Working Class, Harvard Business Review, 10. November 2016, https://hbr.org/2016/11/what-so-many-people-dont-get-about-the-u-s-working-class.
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* Das ist der letzte, nicht beendete und nicht veröffentlichte Beitrag für k-punk vom 15. November 2016. Der Text enthält einige fragmentarische und unvollständige Passagen.

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© 2020 by Verlag Klaus Bittermann

Dank an Klaus Bittermann, der diesen Text zur Verfügung stellt. Dank auch an Robert Zwarg, der ihn übersetzt hat.


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Fisher, Mark



DER THRILLER ZUR PANDEMIE – John F.Case: DAS ERSTE DER SIEBEN SIEGEL by Martin Compart

Stellt Euch vor, es gäbe eine Sekte, die die Erde von der Überbevölkerung und allen Sündern befreien möchte – und zwar mit Hilfe eines Influenzavirus‘, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Namen „Die spanische Dame“ zahlreiche Opfer fand und nun durch Manipulation zur perfekten Vernichtungswaffe gezüchtet wurde.

In John F. Cases „Das erste der sieben Siegel“ wird diese Vision grausige Wirklichkeit.
In New York wird ein Ehepaar ermordet. In Nordkorea wird ein kleines Dorf mit Bomben ausgelöscht. Ein Bewohner, dem die Flucht in die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea gelingt, berichtet, dass im Dorf vor der Auslöschung die „spanische Dame“ ausgebrochen sei. Das Virus galt bis dahin als ausgestorben und auch in den Forschungslabors als nicht vorrätig.

Dr. Kicklighter und seine Schülerin Annie Adair bekommen daraufhin ihren bereits abgelehnt gewesenen Finanzierungsantrag für ein Forschungsprojekt bewilligt. Sie wollen in Norwegen Leichen von Bergarbeitern ausgraben, die seit ihrem Tod 1918 im Dauerfrost begraben und höchstwahrscheinlich an dem besagten Virus gestorben sind.
Doch als sie dort ankommen, sind die Gräber bereits leer.

Der Journalist Frank Daly – der eigentlich über die Ausgrabung berichten sollte, aber den Eisbrecher verpaßt hatte – wittert durch die Verschwiegenheit der beiden Wissenschaftler nach deren Rückkehr und der Anwesenheit des CIA eine heiße Story und beginnt nachzuforschen, wo die Leichen geblieben sind.

Diese wurden unter amerikanischen Namen eingeführt, und ein Name davon ist Leonard Bergmann, der Sohn des ermordeten Ehepaares und Mitglied beim „Tempel des Lichts“.
Daly nimmt die Sekte genauer unter die Lupe, währenddessen deren Mitglieder eine schwächere Version des Virus in verschiedenen Städten auf die beste Verteilungsmöglichkeit und die Ansteckungsrate testen…

Birgit Andrae in: http://buchwurm.org/case-john-f-erste-der-sieben-siegel-das-10569/

Ich könnte es nicht besser ausdrücken als Frau Andrae: „Das erste der sieben Siegel ist ein brilliant geschriebener Thriller, der es mir unmöglich machte, ihn aus der Hand zu legen… Nichts Vergleichbares gefunden.“

„EERIE SUSPENSE . . . Thrusts readers into the thick of a rapid-fire plot . . . Keep[s] you turning the pages and praying that this is only fiction.“
–www.amazon.com

„[A] SUPERCHILLING TALE . . . MIND-BLOWING . . . DESTROY[S] THE READER’S SLEEP.“
–Kirkus Reviews

Viren sind kein neuen und kein wirklich ungewöhnliches Thema für Thriller (und ich mag es genauso wenig, wie Medizin-Thriller generell seit Robin Cooks COMA).

Aber an einen erinnere ich mich gerne und beklemmt, denn er ist von einem Autoren, von dem ich ALLES bedingungslos verschlungen habe: John F.Case!

Besser von einem Autorenpaar. Hinter dem Pseudonym steht, bzw. stand das Ehepaar Jim und Carolyn Hougan. Gemeinsam schrieben sie sechs brillante Thriller bis zu Carolyns Tod im Februar 2007.

Jim Hougan, geboren 1942, war ein exzellenter investigativer Journalist und Ermittler. Ihm begegnete ich erstmals durch das bahnbrechende Buch SPOOKS – DIE DIENSTBAREN GEISTER DER MACHT (deutsch 1979 bei Rogner & Bernhard), das mir Jörg Fauser schenkte, da es in jede Basisbibliothek zu Geheimdienstaktivitäten gehört.

Hougan half auch Norman Mailer bei den Recherchen zu dessen großen CIA-Epos HARLOT´S GHOST.
Jims Page:
http://www.jimhougan.com/

Hougan zu dem Roman:

„For the most part, though, the research is fun because one writes about the things that interest one. And the people you meet–the „experts“–are often quite terrific.
Occasionally, though, the research is disturbing–as worrisome as it is interesting. Such was the case with The First Horseman, whose plot turns upon the ease with which America might be devastated by a person or group with access to biological weapons–and a deep grudge. When I began the research, I knew the possibility was scary, but I thought it was also quite remote.

As I soon found out, however, the possibility is anything but remote. Biological weapons are dirt-cheap, easy to acquire, and completely destructive–nature’s very own neutron-bomb. With $2000 and two years of science classes, a highly-functioning madman could probably take a big chunk out of the Big Apple. And there isn’t a city in the U.S. that’s prepared to cope with the threat–neither New York nor Washington, Pittsburgh or Peoria. In fact, a chemical or biological attack on a single

high-rise–just one building–would paralyze New York’s hospitals and health care system, and do so almost immediately. A broader attack–by crop duster or pleasure-boat on the Hudson–is….well, that’s why I wrote The First Horseman.“
jim-and-carolyn-hougan[1].
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Mehr zu John F.Case und Jim Hougan demnächst in diesem Blog.



Michael Moorcocks COLONEL PYAT-Quartett by Martin Compart

Wie Lügen zur Wahrheit führen können, erzählt Michael Moorcock in seiner Pyat-Quartett, die eine einzigartige Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts projiziert.

Die Tetralogie gehört zu Moorcocks Meisterwerken! Und das bei einem Autor, der nicht gerade wenige Meisterwerke geschrieben und Fantasy und SF revolutioniert hat.

Zu seinen zahlreichen Verdiensten gehört auch die Antizipation des Steampunk mit seiner Oswald Bastable-Trilogie. Mit den Jerry Cornelius-Romanen erforschte er die Drogen getränkten Gehirnströme der Swinging Sixties, und seine Sword & Sorcery verband die Wucht von Robert E. Howard mit der Sensibilität von J.G. Ballard.

„All my early Elrics are like fantasies by Camus.“

Moorcock war als Herausgeber von NEW WORLDS für den kometenhaften Aufstieg der New Wave in den 1960er Jahren verantwortlich, in der William und nicht mehr Edgar Rice Burroughs die Koordinaten bestimmte. Stichwort: inner space. Neben anderen Aspekten reflektierte die New Wave natürlich auch die zeitgleiche Rock- und Drogenkultur der Jugendrevolte. Man wollte die Science Fiction der Sublimierungskultur entreißen.

Oder, wie es Brian Aldiss ausdrückte: „Moorcocks Energie und Ballards Vorstellungskraft sogen ein neues Publikum für die SF an.“

In den 1960er Jahren wurde er zum popkulturellen Regenmacher:
Without Moorcock neither today’s SF nor today’s fantasy nor today’s comic-book scenes would look anything like they do; and nor, arguably, would either Dungeons & Dragons, World of Warcraft or This Is Spinal Tap have been possible.„, stellte die FINANCIAL TIMES fest.

Seine enge Verbindung zur Pop-Musik schlug sich in der Zusammenarbeit mit Bands nieder, allen voran HAWKWIND.

Moorcock tanzte auf vielen Hochzeiten und machte überall eine gute Figur. Er verblüffte immer wieder durch Innovationen. So auch Anfang der 1980er, als er mit Colonel Pyatt begann („I have used fantasy and science fiction to experiment a little bit, to practice if you like before doing something slightly ambitious like the Jerry Cornelius books, the “Colonel Pyatt” novels are a sort of extension of the Cornelius books.“):

Maxim Arturovitch Pyatnitski alias Colonel Pyat ist ein interessanter Bursche: 1900 geboren und 1977 gestorben, nahm er bis in die 1940er Jahre (laut seiner vierbändigen autobiographischen Darstellung) an so manchen Ereignissen teil, die diese Epoche prägten: vom Russischen Bürgerkrieg bis Auschwitz führte ihn sein Weg durch die Zeit und drei Kontinente.

Seine persönlichen Aufzeichnungen wurden von Michael Moorcock zwischen 1979 (er fand erst 1981 einen Verlag, der den ersten Band druckte) bis 2006 in vier voluminösen Bänden herausgegeben.

Die autobiographischen Aufzeichnungen legen Pyats Charakter frei. Unbefangen – von Moorcock nur bei zu starken Entgleisungen abgemildert – teilt der Narziss alle Vorurteile und ideologische Verirrungen, die das Jahrhundert zum bisher blutigsten und geschmacklosesten in der Menschheitsgeschichte machten. Ohne Selbstzweifel trampelt der kokssüchtige Wissenschaftler durch jedes Dilemma, an denen natürlich immer die anderen Schuld sind, ohne zu erkennen, dass es genau Typen wie er waren, die aus dieser Zeit ein Schlachthaus machten.

Die Koksnase Pyat ist als Antisemit, ehemaliger Ku-Klux-Klan-Angehöriger, seiner Neigung zu sehr jungen Mädchen und Buben und Verehrer der SS alles andere, als ein Sympathieträger. Er identifiziert Schwarze, Tartaren, Papisten, Juden, Muslime, Katholiken und Sozialisten als Träger der großen Verschwörung Karthagos gegen das christliche Russland, die Monarchie und den Faschismus, die als einzige den menschlichen Fortschritt und die Eroberung des Kosmos garantieren!

Die Tetralogie wurde gelegentlich mit den FLASHMAN-Romanen von George MacDonald Fraser verglichen. Die augenscheinliche Überschneidung ist, dass es sich bei beiden Werken um Memoiren von Zeitzeugen handelt, die immer wieder in historische Prozesse verwickelt werden.

Aber der unsympathische Pyat ist – im Gegensatz zu Flashman – kein verlässlicher Erzähler, da er sich die Realität gerne zurecht biegt. Der Reiz bei diesem Ich-Erzähler liegt darin, dass er häufig die richtigen historischen Fakten präsentiert, aber aus ihnen die falschen Schlüsse zieht. Flashman ist ein extrem zuverlässiger Erzähler, der seine charakterlichen Defizite vor dem Leser ausbreitet und schonungslos mit sich selbst umgeht. Dagegen zeigt der Narziss Pyat psychopathische Züge.

Moorcock: „I always try to get the ‘tune’ right first in a book. The tone is the most important thing for me. Once I have the cadences, I can also begin on the form.

Wie umstritten dieses Werk ist, erkennt man auch daran, das Moorcocks amerikanischer Verlag Random House sich weigerte, den dritten und vierten Band zu veröffentlichen (die Amerikaner kamen erst Jahre später durch einen anderen Verlag in den Genuss der gesamten Tetralogie – was dem deutsch lesenden Publikum nach wie vor verwehrt bleibt).

Zwischen dem 2. und dem 3.Band machte Moorcock eine achtjährige Pause. Er begründete dies mit der aufwendigen Recherche für jedes Buch und die Schwierigkeit, in den Sprachduktus von Pyat zurück zu finden.

Leider ist bei uns nur der erste Band des Quartetts erschienen: Bastei-Lübbe veröffentlichte ihn 1984 unter dem Titel BYZANZ IST ÜBERALL in seiner damaligen Paperback-Reihe in einer vorzüglichen Übersetzung von Michael Kubiak und mit einem gruseligen Satzspiegel (ohne den die Reihe, in der Stephen King am deutschen Markt durchgesetzt wurde, sicherlich Kult-Status hätte).

So viele Moorcock-Fans, die auch härtere Kost vertragen, scheint es bei uns nicht zu geben. Obwohl Bastei-Lübbe damals den Jerry Cornelius-Zyklus vollständig veröffentlichte, wagte man sich nicht mehr an die anderen Colonel Pyat-Bände heran. Vielleicht schreckte man auch vor der Problematik des Sujets zurück… Überhaupt ist es eine Schande, dass es keinen Verlag gibt, der eine Gesamtausgabe dieses Autors macht, der zu den 100 einflussreichsten Schriftstellern der letzten hundert Jahre gehört. Nicht mal sein großer Roman MOTHER LONDON, der mit allem mithält, was Iain Sinclair oder Peter Ackroyd (die ihm viel zu verdanken haben) geschrieben haben. Aber in einer Zeit qualitativer Rationierung können Großverlage kaum noch Minderheiten bespielen.

Abenteuerliches gibt es genügend in dem Werk, das mit Pyats Kindheit und Jugend in Kiew, St.Petersburg und Odessa beginnt (wüsste man es nicht besser, könnte man glauben, Moorcock habe Zeit und Ort mit eigenen Augen gesehen, so eindrucksvoll sind seine Schilderungen; er nannte Babels Benya Krik-Stories als wichtigen Einfluss).

Natürlich gerät er in die brutalen Wirren des Bürgerkriegs (aber auch als genialer Erfinder von kurz funktionierende Flugmaschinen und einer Laserkanonen, kann er dessen Verlauf nicht ändern). Er flieht in die Türkei nach Konstantinopel (wo er sich eine 13jährige Roma kauft).
Dann geht es nach Rom, wo er sich von den Faschisten bewundern lässt, und weiter nach Paris, Seine großen Pläne werden seiner Meinung nach von der Karthago-Verschwörung sabotiert – und ab geht es in die USA, wo er beim Ku-Klux-Klan und schließlich in Hollywood landet. Dort arbeitet er zuerst als Techniker und Set-Designer, bevor er zum Star in Western-Serials aufsteigt.

Er befreundet sich mit Sam Goldwyn und entschließt sich, einen grandiosen Epos in Ägypten zu drehen. Natürlich geht alles schief, und es folgt eine irre Odyssee durch die übelsten Harems, regelrechte Vergewaltigungskerker, und Unterwelten Nordafrikas. In Cairo trifft er (natürlich) auch den nubischen Transvestiten Ibrahim al-Gharbi (hier al-Habashiya geheißen), der damals in der Region den Handel mit Sex-Sklaven beherrschte.
Die Szenen von Pyats Versklavung in al-Habashiyas bisexuellem Harem hätten von de Sade stammen können. Nachdem er der afrikanischen Hölle entkommen ist, geht er zurück nach Italien und macht seinen Weg in den inneren Zirkel von Mussolini, dem er verspricht, Land-Leviathane (eine immer wiederkehrende Topos von Moorcock) zu bauen.

Aber auch hier lauert überall Intrige und Gefahr.
Dank eines Geheimauftrages von Mussolini kann er das faschistische Italien verlassen. Die Geheimmission führt ihn nach München zu den Nazis und in die Arme von SA-Chef Ernst Röhm. Die Verstrickung in den „mysteriösen Todesfall“ von Hitlers Nichte Geli Raubal, bringt Pyat dann auch nach Dachau.
Um Hitler nach dem Tod seiner Nichte wieder sexuell auf Trab zu bringen, brachte Röhm ihn dazu, sich als Nutte zu verkleiden und den Führer zu verführen.
Brave Bürgererotik wird man bei Moorcock vergeblich suchen.

Wie man sieht: Die vier Bände sind ein pikaresker Roman, der oft starker Tobak ist, aber immer faszinierend das Zeitkolorit für unglaubliche Abenteuer und Interpretationen aufsaugt (‚the Holocaust . . . was not my fault . . . any more than it was Adolf Hitler’s]‘.

Die begleitenden Nebenfiguren (auch Mrs. Cornelius taucht immer wieder auf) unterfüttern die monströse Figur des Erzählers. Pyat gelingt es in den besten Momenten, die volle Idiotie dieser Ära vorzuführen, die uns bei der Lektüre von historischen Werken so nie bewusst wird. Wenn in Zeiten der Wirrnis Geschichte zum Wegweiser wird, dann sei vor diesen Pfaden gewarnt.

Michael Moorcock: „…and Pyat, of course, is about man’s inhumanity to man, to put it the broadest it will go. It’s actually about the Nazi holocaust. It was hard enough bearing the burden of death and suffering in the past, in which I forced myself to see every individual in every concentration camp picture, no matter how dehumanized they had become.


Byzantium Endures [1981]
The Laughter of Carthage [1984]
Jerusalem Commands [1992]
The Vengeance of Rome [2006])

Zu Moorcock siehe auch in diesem Blog:
https://martincompart.wordpress.com/2010/11/04/die-crux-mit-dem-hauptwerk-grundsatzliches-uber-michael-moorcock-3-von-alexander-martin-pfleger/




DAS GESPENST EINER WELT, DIE FREI SEIN KÖNNTE – Mark Fishers „K-PUNK“ by Martin Compart

Das Jahr ist noch jung – doch schon liefert die Edition Tiamat ein Buch, dass bereits jetzt zu den wichtigsten (deutschen) Erstausgaben des Jahres zu zählen ist: eine leicht gekürzte Ausgabe von Mark Fishers Blog-Beiträgen, die einmal mehr bestätigen: „Der beste kulturwissenschaftliche Autor seiner Generation“ (Los Angeles Review of Books).

Er nahm im Januar 2017 ds Recht auf seinen Freitod.
(https://martincompart.wordpress.com/2017/01/15/mark-fisher-ist-tot/)

Die Kernthese von Fishers Kulturkritik ist unsere Unfähigkeit eine Zukunft zu konzipieren, die radikal mit der Vergangenheit bricht (denn das weiß der Feudal-Kapitalismus zu verhindern).

Das vorliegende Buch ist eine Auswahl der Blog-Essays, die 2018 in England als K-PUNK. THE COLLECTED AND UNPUBLISHED WRITINGS OF MARK FISHER (2004-2016) erschienen sind. So etwas wie ein Nachlass, der die mitreißende Energie von Fishers Schreiben lebendig hält und süchtig machen kann. Das liest sich in der schwierigen Übersetzung ganz wunderbar.

Fisher, Mark
k-punk
Ausgewählte Schriften (2004-2016)
Edition Tiamat
Critica Diabolis 273
Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds
624 Seiten
32.- Euro
ISBN 978-3-89320-247-8
Erscheinungsdatum Februar 2020

Mit eurozentrischem Blick verdeutlicht Fisher in diesen Essays, dass der Klassenkampf längst einem Kulturkampf gewichen sei. Neben vielen Einflüssen demonstrieren besonders die frühen Blog-Beiträge den starken Eindruck des amerikanischen Neo-Marxisten Fredric Jameson und dessen „Theorie der Postmoderne“.

Da Fisher mit Institutionen gebrochen hatte und seine Veröffentlichungsmöglichkeiten gering waren, startete er 2003 seinen Blog K-PUNK (nach dem griechischen Wort kyber).

Wie könnte man einem Autor widerstehen, der Nenas 99 LUFTBALLONS als „apokalyptisches Karnevallied“ enttarnt?

Der Anschlag auf das World Trade Center war ein mutiger Versuch, Amerika vom 20.Jahrhundert zu befreien.“ (J.G. Ballard)

Mark Fisher ist der Alptraum akademischer Bluffer oder bluffender Akademiker: „So wie ich Theorie verstanden habe – nämlich vor allem vor dem Hintergrund der Popkultur – wurde sie in der Universität eigentlich verabscheut.

Sein – vom Punk inspiriertes – Ziel war es eine Art Pulp-Theorie zu schaffen, „die das Bedürfnis nach einer zentralisierten Kontrolle“ zerstört. Damit setzte Fischer mit den neuen Technologien fort, was die Situationisten mit ihren Methoden der Kommunikationsguerilla angestoßen hatten. Durch diese neuen Technologien waren deren Forderungen nach Abschaffung von Technokratie und Hierarchien in theoretischen Auseinandersetzungen weitgehend erfüllt.

Seine Methodik ist von Greil Marcus´ LIPSTICK TRACES bestimmt. Folgerichtig schreibt er darüber: „LIPSTICK TRACES war sich sicher, dass Pop nur dann Bedeutung haben kann, wenn er aufhört >nur< Musik zu sein, wenn Politik in ihm nachhallt, die nichts mit kapitalistischem Parlamentarismus zu tun hat und mit Philosophie jenseits der Universität.

Auch seine Texte zur Literatur sind sowohl erfrischend wie auch komisch erhellend: „Oder die Komik der Anfangsszenen in Kafkas DAS SCHLOSS, ein Roman, der weniger den Totalitarismus als die Wirklichkeit des Call Centers vorwegnimmt.“ So aktualisiert punk (oder Pulp Theorie) literarische Rezeption!

Auf geradezu wahnwitzige Weise analysiert er im Verbund Patricia Highsmith´ Mr.Ripley mit Glam-Rock – und überzeugt! Denn Tom Ripley ist als gesellschaftliches Nichts seine beste Fälschung gelungen:
Ein „Thomas Ripley, der unabhängig und reich ist… Ripleys Entwicklung gleicht auf unheimliche Weise der von Brian Ferry. ROXY MUSIC und FOR YOUR PLEASURE, diese Übungen im Er- und Verlernen von Akzenten und Umgangsformen sind die Pop-Äquivalente von DER TALENTIERTE MR. RIPLEY. Kleidung, Auftreten und Stimme sind vorgetäuscht… STRANDED und die darauffolgenden Alben sind hingegen das Pendant zu den späteren Romanen; hier ist der Erfolg bereits vorausgesetzt…

Einer seiner (und meiner) Lieblingsautoren ist J.G.Ballard.

An seinem Werk sieht er in den Veränderungen auch eine Bestätigung eigener theoretischer Positionen: „Die Umweltkatastrophen in Ballards frühen Romanen werden von den Figuren meist als Chancen begriffen, um sich der drögen Routinen und Protokolle der sesshaften Gesellschaft zu entledigen… Katastrophen sind nun (in späteren Romanen) die Katastrophen der Medienlandschaft – jener Raum, in dem sich die Menschen inzwischen primär aufhalten.

Über David Peaces neo-proletarische Romane schreibt er nach bestechender Beweisführung: „Peace schreibt eine geheimnisvolle Geschichte der Gegenwart, indem er die jüngste Vergangenheit simuliert.

Politisch einleuchtend erklärt er das Jahr der großen Bergarbeiterstreiks (bei denen auch MI5 auf Seiten der Reaktion mitmischte), 1985, als das „Jahr einer katastrophalen Niederlage, deren Ausmaße erst nach einem Jahrzehnt sichtbar wurden. (Vielleicht erst mit der Wahl von New Labour zementiert)“.

Dieses „schlechteste Jahr des Pop“ (der Text ist aus 2005) hat es ihm auch so angetan, weil es das Jahr von Live Aid war, dem „Beginn eines falschen Konsens´ , der kulturelle Ausdruck des globalen Kapitals. Wenn Live Aid ein Nicht-Ereignis ist, das stattgefunden hat, war der Bergarbeiterstreik ein Ereignis, das stattgefunden hat“.

Das Buch endet mit einer Art Manifest des ACID KOMMUNISMUS, in dem er als Beginn der bewussten Zerstörung bestehender oder sich entwickelnder Solidargemeinschaften (der Gespenster einer Welt, die frei sein könnte) den US-Putsch in Chile nennt:

In Chile wurde nicht nur eine neue Form des Sozialismus ausgelöscht, das Land wurde auch zum Labor, in dem die Maßnahmen (Deregulierung des Finanzsektors, die Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, Privatisierungen) erprobt wurden, die später an anderen Zentren des Neoliberalismus vom Band gerollt wurden.

Und:

Die Überwindung des Kapitals muss auf der sehr einfachen Einsicht basieren, dass das Kapital eben nicht darauf angelegt ist `Wohlstand zu schaffen´, sondern die Produktion eines gemeinsamen Wohlstands blockiert.

Der Freitod des an Depressionen leidenden Antikapitalisten Fisher könnte symbolisch den Umwelt-Suizid der vom Kapital gesteuerten Menschheit antizipiert haben?
Über dem Buch liegt auch der widersprüchliche Schatten einer „unterhaltsamen Depression“, des „hoffnungsvoll dystopischen“. Das System hat uns umgebracht, nur gestorben sind wir nicht.

Diese Sammlung mit ihrem großen Themenspektrum beweist einmal mehr, dass es nichts Uninteressantes gibt, wenn man sich nur intensiv genug mit etwas beschäftigt.

P.S.: Was ich an dieser Edition vermisse, ist ein Register. Aber das hätte die ohnehin schon waghalsige Kalkulation wohl gesprengt.