Martin Compart


STAMMTISCHGEGRÖLE: Einer labert nicht nur rum by Martin Compart
14. September 2010, 8:22 am
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Während die Grünen, wie immer, nur lallen und Diäten zählen, hat sich ein junger Mann dem gnadenlosen Kampf gegen die Tierquälerei durch die Pelzindustrie verschrieben und zieht das ohne Rücksicht auf eigene Verluste durch: JAN PFEIFER. Wie immer in diesem Land, versucht die Industrie ihn jetzt ökonomisch zu vernichten. Da stellt sich mir ganz automatisch die Frage, ob eine militante Tierschutzguerilla nicht für finale Lösungen sorgen sollte. Aber welch ein Trost, dass dieses Land nicht nur Wolfgang Clements (damit dieser Parvenü nicht in Vergessenheit gerät), Banker, Westerwellen oder Merkels hervor bringt, sondern auch Helden.

Jan Pfeifer kämpft, während wir Sympathisanten nur fett auf unseren Ärschen sitzen. Eines seiner Sprachrohre ist die Page NACKTE WAHRHEIT.
Wer kann, sollte ihn unterstützen und sich auf seiner Seite (Link unter TIERSCHUTZ) informieren.

Außerdem sollte man sich etwas einfallen lassen, wenn man Pelzträgern begegnet. Meistens sind das ja Schlampen beiderlei Geschlechts, die nach etwas negativer Zuwendung gieren.

http://www.nackte-wahrheit.com/index.html

Und da wir gerade dabei sind: „Unabhängige Tierlabors“ und ihre Auftraggeber aus der Großindustrie sind eine Nebenthema in LUCIFER CONNECTION. Was da so tagtäglich im Auftrag der bio-chemischen Schwerverbrecherindustrie, wie etwa Bayer, abgezogen wird, ist gerade mal wieder in die Öffentlichkeit gerückt worden:

Die Tierrechtsorganisation Peta erhebt schwere Vorwürfe gegen ein Tierversuchslabor, in dem auch Bayer Floh- und Zeckenmittel getestet hat. In einem verdeckt aufgenommenen Video zeigen die Tierschützer, dass in dem Labor Hunde und Katzen, abseits der Versuche, schwer misshandelt werden.

Die Mitarbeiter in dem amerikanischen Labor würden zum Beispiel die Tiere treten oder an Ohren und Kehle tragen, heißt es von PETA. Hundegehege würden mit aggressiven chemischen Stoffen gereinigt, obwohl sich die Tiere in den Käfigen befänden. Auf Anfrage von Radio Leverkusen teilte Bayer mit, man habe vergangenen Winter das entsprechende Labor tatsächlich drei Monate lang beauftragt. Inzwischen arbeite man aber nicht mehr mit dem Labor. Außerdem gehe man den Anschuldigungen jetzt genauer nach, da solche Methoden nicht den Vorgaben und den ethischen Vorstellungen des Konzerns entsprächen.
http://www.radioleverkusen.de/lev/rl/511560/news/leverkusen
10.08.2010

„Ethische Vorstellungen des Konzerns“? Für mich die Lachnummer des Tages. Aber die Niederlage der Nazis im 2.Weltkrieg hat wohl auch nicht den ethischen Vorstellungen von Dr.Mengele entsprochen.



Villain oder Die alles zur Sau machen by Martin Compart

Für Alle, die noch nach einem Weihnachtsgeschenk suchen: Wieder auf DVD erhältlich!

Vic Dakin (Richard Burton) ist ein Londoner Gangsterboss, der seine Kohle vor allem mit Schutzgelderpressung eintreibt. Vor Gewalt schrecken weder er noch seine Handlanger zurück: Da wird das Rasiermesser schon beim bloßen Verdacht, dass jemand geredet haben könnte, vom Chef höchstpersönlich gezückt und blutig zum Einsatz gebracht. Als ein Informant Dakin steckt, dass der Überfall auf einen Lohntransporter eine lohnende Unternehmung sein könnte, trommelt der Verstärkung zusammen und macht keine langen Faxen. Ohne große Vorbereitung wird der Coup gestartet und endet in einem totalen Clusterfuck, bei dem es zahlreiche demolierte Autos und zu Klump geschlagene Teilnehmer gibt. Der Kriminalbeamte Matthews (Nigel Davenport), der Dakin eh auf dem Kieker hat, braucht bei so viel Unfähigkeit gar keine großen Ermittlungen anstrengen …
(Remember it for later)

Wie gut kann ein reaktionärer Noir-Roman sein?

Fatalistische Noir-Romane von hoher Qualität gibt es reichlich im Genre (ich denke besonders an David Goodis oder James M.Cain). Aber diese sind eben fatalistisch, also resignativ und schicksalsergeben. Das Gegenteil von progressiv. Und doch haben sie progressive Aspekte, indem sie uns die Augen öffnen und zeigen, wie die Welt im Feudal-Kapitalismus funktioniert (der „reine“ Kapitalismus kennt keine feudalistischen Perversionen wie Erbrecht). Sie zeigen uns nur nicht, wie wir das ändern können. Dafür ist genremäßig wahrscheinlich eher die Science Fiction zuständig.

Aber was ich hier meine. Ist: Kann ein böser schwarzer Roman von einem zutiefst reaktionären Autor geschrieben werden und trotzdem gut sein?

Und ich meine nicht alttestamentarische Rachephantasien, die sich gerne mit Accessoires der Noir-Ästhetik ausstatten, wie etwa Mickey Spillane oder Cleve Adams.

Tatsächlich gibt es so einen Roman: THE BURDEN OF PROOF, 1968, des Briten James Barlow (1921-73). Der Ton ist so reaktionär wie heutige Rechts-Populisten und Marktideologen. Die Haltung eines zurückgebliebenen Tory. Und deshalb liest er sich 50 Jahre nach der Erstausgabe auch so aktuell wie Fake News von Boris Johnson:

“The pigeons excreted as they stood on the heads of statues of forgotten men of a time despised now by the liberals who knew better …”
“Nobody could do anything now without being accountable to the scorn of the liberal intellectuals in print or on television. England was too articulate at the top. Nobody, even in a Socialist liberal permissive society, had the slightest notion of the wishes of the people, out there beyond the great conversational shop of London.”

Es wimmelt von homophoben und rassistischen Äußerungen. Gangsterboss Vik Dakin ist ein schwuler Sadist, der nur die Mammi wirklich lieb hat (auch dies eine Reminiszenz an Ronnie Kray) – und dann noch den Striche Wolfe; jedenfalls auf seine spezielle Weise.

‘James Barlow is one of the most able thriller writers in the business, with an alarmingly acute eye for the degenerate quirks of society and the knack of unraveling a plot as complicatedly knit as spaghetti’
The Spectator

‘A wild and dizzy tale of crime and vice told at Barlow’s characteristic speed, which is furious …’
New Yorker

‘An outstandingly good “serious” crime novel, all the more enthralling for being moralistic, and with an ominous ending’
The Sunday Times

London ist ein bizarrer moralischer Sumpf für Barlow – es sind die Swinging Sixties, die alles in Frage stellen, was ein Krypto-Faschist so liebt.

„London was tired, seedy, cunning, ugly, here and there beautiful. In 1914 it had been at its most powerful; in 1940 at its most heroic. Now, in the 1960s, it was impotent: it had the principles and self-importance of an old queer… And, too often, views were accepted by the Government because they were proposed by the new establishment of Socialist MPs, liberal journalists and the apparatus of dons, students, South Bank churchmen, pop singers, professional satirists and pundits, none of whom must be offended. England was still in social ferment, with new variations of the class war….“

Barlow tobt durch die Seiten, wütet mit voller Feuerkraft gegen die Swinging Sixties und den Niedergang eines konservativen Britanniens, das es so nie gegeben hat, wie es sich sein reaktionäres Hirn ausmalte. „Bitter and brillant“, beschrieb ein Leser das Buch. Und es hat die Kraft großer Zorn-Literatur.

Richtig lustig wird es, wenn der konservative sadistische homosexuelle Gangsterboss Vik Dakin (deutlich an Ronnie Kray orientiert), sich darüber aufregt, dass die Arbeiter eines Unternehmens, dass er zu überfallen plant, streiken wollen.

‚These people are nothing,‘ he whispered savagely. ‚They’re statistics. They’re curves on a lot of graphs. Birthrates and VD and Protestants and readers of the Daily Express and purchasers of soap powder and visitors to Weymouth. They cry out to be exploited. They think because they can vote in Draycott they’re powerful, it’s a democracy. I’ll tell you what they are. Fools. There’s nothing special about them even when they’re English. Blood flows from a hole in the head whether you’re English or African or a Chinese tram driver. Well, you know, don’t you? Suckers to be exploited,‘ he concluded in contempt.

Ja, Vik Dakin erweist sich als wahrer Held der Evolution.

Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben

Bevor Barlow 1969 wutschnaubend England verließ, um nach Tasmanien zu gehen, schrieb er noch seine persönliche Abrechnung GOODBYE ENGLAND.

Wirklich positiv sind nur die Copper, allen voran DI Bob Matthews (im Film von dem ikonographischen Nigel Davenport gespielt), die aber von Politik und Justiz allein gelassen, bzw. verraten werden. Matthews Mission ist es, den Gangsterboss Vik Dakin für alle Zeiten hinter Gitter zu bringen, da es die Todesstrafe ja leider nicht mehr gibt.
Auch dies ist an der Realität orientiert: Der Scotland Yard Detektiv „Nipper“ Read hatte eine Sonderkommission gegründet, um die Krays-Zwillinge aus dem Verkehr zu ziehen. Der Roman erschien in dem Jahr, als die Krays verhaftet wurden (am 8.Mai), um für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis zu gehen. Zwischen Matthews und Dakins Hass ist nicht genug Platz für Sonnenlicht.

Die Widmung des Romans lautet: „To the policemen of England, who are still the salt of the earth“. Der amerikanische Verlag unterschlug die Widmung.

Während der Film sich auf die Londoner Unterwelt, insbesondere auf Vik Dakin konzentriert, will das Buch das Versagen des Systems, insbesondere die Justiz, aufzeigen.

Die Justiz repräsentiert ein Richter: „He had not been in a public bar for forty years or in a café or cinema for sixteen. He was accorded the pomp which belonged to medieval times and this tended to guard him from the realities of life. Because he heard so many things in court and others at the High Table of his Inn of Court, at the Reform Club and the Oxford and Cambridge, and from the pages of the Times, he was able to, and often did, offer opinions on matters which interested or irritated him. He had recently ordered out of court a girl wearing a mini-skirt and had then spoken for five minutes on modern morality and youth. But in fact he knew about them only from the pages of newspapers. He regarded with amused contempt the psychiatrists who came before him. He was honest and perhaps earned a quarter of his £10,000 a year. He would not have believed it if he had been told that one witness now about to appear before him had been intimidated and that one counsel was more or less employed by gangsters, not in a condition of impartiality (for anyone is entitled to employ a barrister if he can find the money), but of willing purchase. He sat for 225 days each year with the wig over his head and his glasses cutting his nose slightly, and believed that England was unique because her government and law were not corrupt. But neither was true any more.“

Für Barlow zeigt sich Justiz als institutionalisierte Unfähigkeit.

Barlows Blick auf London spiegelt auch die Schockwirkung der Jugendrebellion auf das Establishment. Für ihn steht England vor dem Kollaps. Der Niedergang Englands interessiert die Film-Version weniger.
Er konzentriert sich ganz auf das Charisma von Burton und die Londoner Unterwelt. Burton ist ein furchterregendes Monster, dass seine Umwelt terrorisiert (bis auf Mammi, mit der er schöne Ausflüge nach Brighton macht). Seine Gewalt bricht hervor wie ein Vulkanausbruch, nicht immer vorhersehbar. Er verachtet die Schwachen, verschmäht die „normalen Bürger”, deren Leben „telly all week and screw the wife on Saturdays“ ist. Er lebt unter denen, die er terrorisiert, ist gerne in seinem Stamm-Pub, um Furcht und Schrecken zu verbreiten. Auch Dakin hasst gesellschaftlichen Fortschritt. Gangster sind konservativ und überzeugte Kapitalisten, logisch. Jugendlicher Vandalismus gefährdet einen Coup, denn dadurch wurde ein Münztelefon zerstört. Dakins Empfindungswelt besteht überwiegend aus Verachtung der Mitmenschen. Er fühlt sich als Souverän, der über das Kriegsrecht entscheidet. Trotz seiner systemimmanenten Gier nach materiellem Wohlstand, ist seine normzersetzende anarchische Brutalität zu diesem historischen Moment unakzeptabel. Warlords in einer westlichen Großstadt sollten erst später in der Finanzkriminalität legitimiert werden.

„Dakin ist eben nicht, wie es bei so vielen Gangsterfilmen der Fall ist, ein Antiheld, dessen Außenseitertum der Zuschauer insgeheim bewundern soll, sondern ein unentschuldbares Arschloch.“ (Oliver Nöding in REMEMBER IT FOR LATER)

Der Film, der in den USA ein Flop war und bei uns unter dem schönen Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN in Vorort-Kinos lief, gehört zu den unterschätztesten und unbekanntesten britischen Noir-Filmen. Neben JACK RECHNET AB und DER AUS DER HÖLLE KAM ist er aber sicherlich der beste Brit-Noir-Film der 1970er! VILLAIN hatte nur wenige Wochen nach GET CARTER Premiere.

Um so erschreckender, wie wenig er gewürdigt wird. In Steve Chibnail und Robert Murphys verdienstvollem Werk BRITISH CRIME CINEMA (Routledge, 1999) kommt VILLAIN nur ganz am Rande vor (ausführlich werden nur die Eingriffe des Zensors Trevalyan dargestellt).

Die Adaption des Romans besorgte dem amerikanische Schauspieler und Theaterregisseur Al Lettieri – unsterblich als Heavy in GETAWAY und MR.MAJESTIC!
Nach seinem Treatment schrieben die beiden Fernsehautoren Dick Clement und Ian LaFresnais, die vor allem als Comedy-Autoren für das britische Fernsehen bekannt waren, das Drehbuch.

Als Regisseur stand der in Berlin geborene Michael Tuchner fest, der zuvor ausschließlich für das Fernsehen gearbeitet hatte. Tuchner ging nach VILLAIN in die USA, um dort zu arbeiten.

Ursprünglich sollte Derren Nesbitt die Hauptrolle in dem als B-Picture geplanten Film spielen. Aber Liz Taylor, die damals mit Burton zum ersten Mal verheiratet war, drehte in London, und Richard suchte nach einem Film, den er gleichzeitig in London drehen konnte.

Der amerikanische Produzent Elliott Kastner (zusammen hatten sie gerade WHERE EAGLES DARE gemacht) bot ihm VILLAIN an, der mit Burtons Zusage umgehend zum A-Picture mutierte. Burton bekam damals pro Film eine Million Dollar, was das Budget nicht hergab. Deshalb verpflichtete sich Burton dazu, ohne Honorar zu spielen und dafür einen hohen Prozentsatz an den Einspielergebnissen (man munkelt 30%) zu erhalten.

Burton war ein begeisterter und leidenschaftlicher Leser von Crime Fiction; zu seinen Lieblingsautoren zählte John D. MacDonald.

Als Fan von Edward G. Robinson, James Cagney und Humphrey Bogart wollte er schon lange mal einen Gangster verkörpern. „I suppose like the fat man who would have loved to be a ballet dancer… I usually play kings or princes or types like that“, sagte er während der Dreharbeiten, „I’ve never played a real villain… Interesting type. I’m not sure about this film. We’ll see.“ ´In seinem Tagebuch vermerkte er: “It is a racy sadistic London piece about cops and robbers – the kind of ‚bang bang – calling all cars‘ stuff that I’ve always wanted to do and never have. It could be more than that depending on the director. I play a cockney gangland leader who is very much a mother’s boy and takes her to Southend and buys her whelks etc but in the Smoke am a ruthless fiend incarnate but homosexual as well. All ripe stuff.”

Dass der Film sich trotz seines relativ geringen damaligen Erfolges für Burton gelohnt hatte, geht aus der Tagebuchaufzeichnung vom 21 August 1971 hervor: „Received a cable… from [executive] Nat Cohen saying the notices for [the film]… superb and great boxoffice, and another cable said we expect a million pounds from UK alone. That means about $1/2 m for me if I remember correctly. There is no accounting for differing tastes of Yanks and English critics. Villain was received badly in the US and with rapture in the UK. I know it is cockney and therefore difficult for Yanks to follow but one would have thought the critics to be of sufficiently wide education to take it in their stride. The English critics, after all, are not embarrassed when they see a film made in Brooklynese. Anyway I am so delighted that it is doing well in UK. Otherwise I would have doubted E'(lizaberh)s and my judgement in such matters. I thought it was good and she said she knew it was good. The American reaction was therefore a surprise.”

In der Nebenrolle als bisexueller Stricher Wölfi (dem Burtons ganzes Liebesinteresse gilt und mit dem er nur Sex haben kann, wenn er ihn zuvor prügelt) ist der junge Ian McShane zu sehen. Kein Wunder, dass ihn diese frühen traumatischen Erfahrungen direkt nach DEADWOOD führten.

In einem Interview von 2013 erinnerte sich McShane an die Arbeit mit Burton:
„After kissing me, he’s going to beat the hell out of me and it’s that kind of relationship – rather hostile. It was very S&M. It wasn’t shown in the film. He said to me, ‚I’m very glad you’re doing this film.‘ I said, ‚So am I Richard.‘ He said, ‚You know why, don’t you?‘ I said, ‚Why?‘ He said, ‚You remind me of Elizabeth.‘ I guess that made the kissing easier.
Die Szene wurde dann aus dem Film herausgeschnitten, und man erkennt nur aus dem off, was die Beiden so treiben. Sie erschien den Produzenten wohl als unzumutbar für das sensible Publikum, das VILLAIN ansprechen sollte.

Gedreht wurde VILLAIN 1970 zehn Wochen in London, natürlich auch im East End.

BARLOW-BIBLIOGRAPHIE:

Protagonists (1956)
One Half of the World (1957)
The Man with Good Intentions (1958)
The Patriots (1960)
Term of Trial (1961)
The Hour of Maximum Danger (1962)<a
This Side of the Sky (1964)
One Man in the World (1966)
The Love Chase (1967)
The Burden of Proof (1968)
aka Villain
Goodbye, England (1969)
Liner (1970)
Both Your Houses (1971)
In All Good Faith (1971)



Dr. Horror:THILO SARRAZIN UND DAS EVA-HERMANN-GEN by Martin Compart

Durch das Mediengetöse um Sarrazin kommt man kaum noch dazu BRITT zu sehen. Oder Kerner. Bevor Dr.Horror nächste Woche vor der deutschen Kultur wieder mal nach China entflieht, hier noch seine brillante Analyse zur durchdrehenden Nation:

„Das Leben ist bunt. Oft sind es die kleinen Dinge, die viel wichtiger als die großen erscheinen“, heißt es auf Eva Hermanns Homepage.
Die Welt kämpft mit den Folgen des Klimawandels, der Übervölkerung, Wassermangel, dem ökologischen Infarkt, einer trotz Ehrenworts der Bundesregierung und der Kanzlerin Merkel und trotz zeitweise voller Auftragsbücher beim Export immer noch nicht abgeschlossenen wirtschaftlichen Talfahrt, da beschäftigt die Nation, die nach zwei verlorenen Weltkriegen das Durchdrehen im großen Stil nicht verlernt hat und jetzt es sich lieber provinziell besorgt, keines der großen Menschheitsthemen und -dramen, sondern der kleine Fall Sarrazin. Aus Berlin haben sie ihn weggelobt, den ehemaligen Karrierebeamten und Finanzsenator, abgeschoben auf den Posten eines Bundesbankvorstandes, wo er angeblich nicht mehr viel Unheil anrichten konnte. Aber dieser Sarrazin ist nicht nur unberechenbar, er ist auch eitel und selbstherrlich und glaubt, durch seinen in die Bestsellerlisten katapultierten Weckruf Deutschland erwachen lassen zu müssen.
Das Volk, das die Thesen des mit Statistiken gespickten Schmökers, der eben so langweilig ist wie Sarrazin selbst, nicht kennt, jubelt ihm gerne zu. So einer spricht den Deutschen aus dem Herzen. Der mag keine Migranten und schon gar keine islamischen Terroristen, keine Sozialschmarotzer – und den Michel Friedman soll er „Arschloch“ tituliert haben. Das hören Deutsche gern. Das wärmt das Herz im kalten Spätsommer. Trotzdem ist das alles wahrscheinlich kein Sturm im Wasserglas.

Dieser Thilo Sarrazin ist nämlich nur eine Charaktermaske, die just im rechten Augenblick all jene Thesen auftischt, die der Mehrheit schon immer auf der Zunge lagen, wäre sie nicht so schweigend. Während das Kapital global und, weil allem Anschein nach allmächtig, für den Nationalstaat und Otto Normalverbraucher sowieso nicht mehr fassbar ist, werden die einheimischen Staatsbankrotteure nervös, bekommen es mit der Angst und suchen nach Sündenböcken. Weil das aber nicht die Sache „feiner Leute“ ist, muss das Frontschwein Sarrazin ran. Keine Ahnung, wer ihm den Befehl gegeben hat: eine nächtliche Stimme … die Vorsehung … göttliche Eingebung … Jedenfalls bekommt Sarrazin, wie alle Amokläufer, dafür nicht nur viel Publicity. Er geht bei seinem Amoklauf nicht mal drauf, sondern bekommt eine prima Abfindung und ganz gewiss einen anderen ruhigen Aufsichtsrats- oder Beraterposten.
Im Falle, dass sich Deutschlands wirtschaftliche Lage in Zukunft, wie zu erwarten, verschlechtern wird, stehen Muslime, Islamisten, Asylbewerber und Hartz-IV-Empfänger als Sozialschmarotzer zum Abschuss bereit. Auf sie darf sich jetzt der Volkszorn, von Sarrazin statistisch flankiert, entladen. Schon die Nazis wussten um den Wert von Sündenböcken und haben das System in Anlehnung an die christlichen Kirchen mit Pech und Schwefel perfektioniert. Pogrome mögen in Zukunft auch in Deutschland wieder Konjunktur haben.
Wahrscheinlich war der hässliche Deutsche Sarrazin gleich so berauscht von der weltweiten Aufmerksamkeit, den seine Thesen fanden, und fühlte sich dermaßen in seiner unerträglichen Eitelkeit bestätigt, dass er sich gleich noch als Spezialist in Sachen Gentheorie betätigte, was er hinterher als fatalen Blackout und Dummheit entschuldigte. Hat er damit unfreiwillig den genetischen Defekt der deutschen Generation Doof im Selbstexperiment bestätigt?

4. 9. 2010
Rolf Giesen



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 10/ by Martin Compart
2. September 2010, 1:02 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Die Krays, JOHN WAINWRIGHT, Krimis, Noir, Ted Lewis | Schlagwörter: , , , ,

Anfang der 60er Jahre nahm die bürgerliche Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern (Sabinis, Jack Spot, Comer usw.), bemühten sich die Terrible Twins nämlich um Öffentlichkeitsarbeit. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.
Einer wurde sogar verfilmt: DEATH OF A SNOUT, 1961, wurde von Ken Annakin als UNDERWORLD INFORMERS (auch: THE INFORMERS, THE SNOUT) 1963 für die Leinwand adaptiert.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright(1921-95) zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten.Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Insgesat schrieb er 83 Romane, darunter eine Autobiographie über sein Leben als copper.