Martin Compart


KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: TRIAL AND ERROR von ANTHONY BERKELEY by Martin Compart

„Überall, vom politischen System bis zum menschlichen Körper, muß das Böse herausgeschnitten werden, bevor das Gute sich ausbreiten kann.“
„Ja. Ja, ich denke, das klingt vernünftig“ , sagte der Major.
„Absolut“, bekräftigte der Zivilist.
„Aber ich muss schon sagen, dass ich gerne jeden unredlichen Politiker in unserem Land erschossen sähe.“
„Bliebe dann einer übrig?“ fragte Ferrers lächelnd.
„Sie meinen, Sie könnten sich zum Richter über Leben und Tod machen?“ wiedersprach der Pfarrer.
„Warum nicht? Ich wäre ein guter Richter.“

Stammen diese Sätze aus einem zeitgenössischen zynischen Noir- oder Kriminalroman?
Nein. Aus dem ersten Kapitel eines britischen Klassikers von 1937, aus dem Golden Age. Aus einem der Meisterwerke des größten Innovators der gesamten Kriminalliteratur, Conan Doyle, Hammett, Cain oder Forsyth mit eingeschlossen. Nämlich aus TRIAL AND ERROR (DER VERSCHENKTE MORD)von Anthony Berkeley Cox. Heute fast völlig in Vergessenheit geraten, war Cox der intelligenteste Schriftsteller, der je Detektivromane geschrieben hat und mit Sicherheit verkörpert er inhaltlich und stilistisch der Höhepunkt des Golden Age. Er führte den formalen Rätselroman auf einen Höhepunkt und entwickelte aus ihm den modernen Kriminalroman. Seine Plots waren raffinierter als die von Agatha Christie, seine Plaudereien gebildeter als die von Michael Innes oder Nicholas Blake und stilistisch mag ich ihn lieber als Dorothy L.Sayers oder die hoch geschätzte Margery Allingham, da er eher mit P.G.Wodehouse, dem der Roman gewidmet ist, oder H.C.Bailey und sogar mit Chesterton vergleichbar ist. Jedenfalls was zynischen Witz angeht. Mit Bailey verbindet ihn auch die oft amoralische Haltung und das geringe Vertrauen in staatliche Organisationsstrukturen.
TRIAL AND ERROR nutzt die Strukturen des klassischen Detektivromans nur da, wo Cox sie auf den Kopf stellen kann: Der todkranke Mr.Lawrence Todhunter will seinem Leben einen Sinn geben indem er einen Gesellschaftsschädling umbringt. Aber das richtige Opfer zu wählen, ist nicht ganz einfach. In einer Besprechung mit Freunden, die nichts von Todhunters Absichten ahnen, wird das Thema abstrakt diskutiert und Hitler und Mussolini als potentielle Opfer ausgeschlossen, da diese nur Spitzen ihrer Bewegungen seien und sofort durch andere ersetzt würden. Auch ein Zeitungsherausgeber, „der seine Leser absichtlich zu seinem eigenen Nutzen in die Irre führt“ scheidet aus mit der Erkenntnis „Würde das nicht alle Herausgeber betreffen?“
Trotzdem wird ein Opfer gefunden und ein Unschuldiger gerät unter Mordverdacht. Und nun beginnt die Coxsche Plotmaschine auf vollen Touren zu laufen. Etwa dadurch, dass Mr.Todhunter trotz alle Bemühen nicht dazu in der Lage ist, den Unschuldigen zu entlasten, seine Schuld zu beweisen. William B. Strickland bringt es in seinem Essay über Cox (in TWELVE ENGLISHMEN OF MYSTERY, Bowling Green University Press, 1984) auf den Punkt: „It is a mad tea-party of a book, with the inverted form combined with the puzzle, the courtroom drama with near farce, the novel of suspense with the comedy of P.G.Wodehouse.“
Cox´ Ansatz ist nicht nur zynisch oder ironisch, er interessiert sich wirklich für die moralische Dimension. Das Verbrechen ist kein blutloser Problemauslöser, sondern eine ernsthaft zu untersuchende Kategorie im zivilisatorischen Prozess.

Der 1893 geborene Autor kämpfte im 1.Weltkrieg in Frankreich an der Westfront bis er durch einen Gasangriff invalid wurde. Wirtschaftlich nicht auf Überlebenssicherung durch Lohntätigkeit angewiesen, begann er eine Schreiberkarriere mit humoristischen Stücken für „Punch“ und andere Magazine. 1925 erschien sein erster Kriminalroman, THE LAYTON COURT MYSTERY, der auch der erste Roger Sheringham-Roman war. Seine ersten beiden Roman wurden anonym veröffentlicht. Zeit seines Lebens war Cox um Diskretion und Distanz bemüht. Um so verwunderlicher, dass er 1928 den legendären „Detection Club“ gründete um sich mit anderen Autoren zu treffen. Christianna Brand, ebenfalls Mitglied des Clubs und seine Nachbarin, schrieb über ihn: „Ein charmanter Städter, der cleverste von uns aber auch rücksichtslos und gemein.“ Seine Karriere als Kriminalliterat umspannte gerade mal 15 Jahre. Er war Bestsellerautor, aber durch Erbe und Herkunft nicht darauf angewiesen,
Nach seiner letzten Romanveröffentlichung lebte er noch 32 Jahre und schrieb als „Francis Iles“ einflussreiche Krimikritiken im „Daily Telegraph“und in der „Sunday Times“.. So wird ihm in dieser Funktion zugeschrieben, er habe als einer der ersten auf die Talente von P.D.James und Ruth Rendell hingewiesen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte er in einem Haus St. John´s Wood und ging täglich in sein Büro auf dem Strand, wo er als einer von zwei Direktoren der A.B.Cox Ltd. tätig war. Bis heute weiß niemand, was diese Firma getrieben hat. Very british.
Er starb 1971.

Von 1925 bis 1934 schrieb er seine Serie über den nicht unbedingt sympathischen und zur Selbstüberschätzung neigenden Amateurdetektiv Roger Sheringham, der nichts mit den übergescheiten Superdetektiven der Epoche gemeinsam hat, sondern Fehlschlüssen nachrennt oder sogar aus reiner Blödheit Tatorte verändert (JUMPING JENNY). In dem unterschätzten Castaway-Krimi PANIC PARTY erahnt Sheringham zwar den Mörder, kann ihn aber nicht überführen. Beeinflusst wurde die Figur Sheringham durch E.C.Bentleys Trent, der als Gegentwurf zum allwissenden Superdetektiv à la Sherlock Holmes konzipiert worden war. Cox interessierte sich für echte Kriminalfälle und sein zweiter Roman, THE WYCHFORD POISONING CASE, 1926, war direkt beeinflusst von dem damals Aufsehen erregenden Florence Maybrick-Fall. Auch die Polizei, die im Vergleich mit dem Superamateuren fast immer dämlich wirkt, besteht bei Cox nicht aus Idioten, sondern ernsthaften Profis. Inspector Moresby ist ein weitaus besserer Ermittler als Roger Sheringham.
Im Gegensatz zu den ideologisch angepassten Autoren der Zwischenkriegsjahre ist der Mörder in Cox´ Geschichten nicht immer ein unsympathischer Regelbrecher. Manchmal ist er sogar ein Sympathieträger mit ehrenwertem Motiv. Er gehört also nicht zu der Vielzahl der Golden Age-Autoren, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht hinterfragen. Damit ist er ein Vorläufer der kritischen Schule der 1950er Jahre, von John Bingham bis Julian Symons.

Eine Figur, die in mehreren Büchern – auch in TRIAL AND ERROR – auftaucht ist der unscheinbare Ambrose Chitterwick, der in den dem Sheringham-Klassiker POISONED CHOCOLATES (DIE VERGIFTETEN PRALINEN), 1929, die entscheidende Rolle spielt. Schon in der Sheringham-Serie wird deutlich, wie experimentierfreudig Cox die Formeln des klassischen Detektivroman durch Varianten aufbricht und manchmal die Grenzen durchbricht. Stil, Ironie und psychologischer Suspense werden ihm zunehmend wichtiger. Die Entwicklung hin zu den Francis Iles-Romanen erscheint folgerichtig.

Bereits 1930 hatte Cox im Vorwort zu THE SECOND SHOT geschrieben: „Ich bin davon überzeugt, daß die Tage des alten Krimi-Puzzles, rein und einfach, das nur von der Grundsituation ausgeht und bei dem es keine attraktiven Charaktere, Stil, ja nicht einmal Humor gibt, ihrem Ende entgegen gehen. Ich bin davon überzeugt, dass sie Detektivgeschichte dabei ist, sich in einem Roman mit detektivischen oder kriminallistischen Interesse zu entwickeln, wobei der Leser mehr durch psychologische als durch mathematische Probleme gefesselt wird. Das Puzzle-Element wird zweifellos bleiben, aber es wird eher ein Rätsel des Charakters als ein Rätsel der Zeit, des Ortes, des Motivs oder der Gelegenheit sein.“

Heute nennt ihn die Sekundärliteratur hauptsächlich wegen seiner Romane, die er unter dem Pseudonym Francis Iles schrieb. Mit MALICE AFORETHOUGHT, 1931, und BEFORE THE FACT, 1932, entwickelte er aus der „inverted story“ den modernen psychologischen Kriminalroman. Ohne seine Pionierarbeit wären z.Bsp. Patricia Highsmith, Boileau/Narcejac oder F.J.Bardin nicht denkbar. Dies war wohl seine wichtigste Innovation. Der erste Roman ist aus der Täterperspektive geschrieben, der zweite aus der des Opfers. Die Opfer/Heldin ist so dämlich, dass der Leser sie am liebsten selber umbringen würde. Joy Fielding & Co verdanken diesem Roman alles – bis hin zu den unerträglich blöden Heldinnen, die nur noch von der Blödheit des lesenden Publikums übertroffenen werden. Der Snob Berkeley verachtete sein Publikum. Er lässt seinen Roger Sherinham, der wie sein Erfinder zum Bestsellerautor aufstieg, sagen, er verdanke seinen Erfolg lediglich der Dummheit seiner Leser. Alfred Hitchcock ruinierte die Verfilmung von BEVOR THE FACT als SUSPICION durch ein völlig anderes Ende, da er Cary Grant nicht als psychopathischen Mörder vorführen wollte. Der völlig überschätzte Alfred hatte zuvor bereits John Buchans 39 STEPS in den Sand gesetzt. 1939 erschien ein dritter Iles-Roman, AS FOR THE WOMAN, mit einer vergleichbaren Ausgangsidee wie DOUBLE INDEMNITY. Nur zeigte Cox dem guten James Malahan Cain, wie man alles aus einem Plot rausquetscht. Sein Verleger lehnte das Buch mit der Begründung ab, es sei zu „sadistisch“.
Einschränkend zu der Iles-Innovation durch MALICE AFORETHOUGHT muss man sagen, dass C.S.Forester, bevor er Hornblower erfand, mit PAYMENT DEFERRED diese Plotstruktur schon 1926 anwendete. Und das mit beeindruckender Konsequenz. Man muss auch Marie Belloc Lowndess erwähnen, die bereits 1913 mit ihrem berühmtesten Werk THE LODGER (DER UNTERMIETER) auf den modernen Psychothriller hinwies. Das Pseudonym „Francis Iles“ basierte auf einem seiner Vorfahren mütterlicherseits, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt.
Boileau/Narcejac würdigten MALICE in ihrem Buch DER DETEKTIVROMAN (Luchterhand, 1967) als ersten organisch vollkommenen Kriminalroman: „Weil er uns ein Schicksal erzählt; weil sich Intelligenz und Fatalität so eng miteinander vermischen, dass der Autor wie ausgeschlossen von den Ereignissen scheint, die er berichtet.“ Sich also nicht der Formelhaftigkeit des klassischen Detektivromans unterwirft.

Der große Erfolg von Berkeley in den 1930ern begründet sich auch auf seinen freizügigen Umgang mit Sexualität. Nach heutigen Maßstäben ist das alles harmlos, aber im Gegensatz zu den meisten Golden Age-Autoren steckte er nicht bis zur Kinnlade im Sumpf viktorianischer Sexualmoral. Auffällig ist eine Parallele zu den amerikanischen Pulp-Vettern, die in ihren Geschichten gerne Männer der Mittelklasse unter der Lust und Sexualität destruktiver Frauen leiden ließen. Bei Berkeley sind es natürlich Männer der Oberschicht. Aber auch sie sind den Gemeinheiten bösartiger Frauen ausgesetzt, die Berkeley als ruchlose Erpresserinnen brandmarkt (und ihr tödliches Schicksal verdienen; daran lässt er keinerlei Zweifel).

Deutsche Ausgaben erschienen bei Heyne und Diogenes.

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STAMMTISCHGEGRÖLE: Einer labert nicht nur rum by Martin Compart
14. September 2010, 8:22 am
Filed under: Mode, Politik & Geschichte, Stammtischgegröle | Schlagwörter:

Während die Grünen, wie immer, nur lallen und Diäten zählen, hat sich ein junger Mann dem gnadenlosen Kampf gegen die Tierquälerei durch die Pelzindustrie verschrieben und zieht das ohne Rücksicht auf eigene Verluste durch: JAN PFEIFER. Wie immer in diesem Land, versucht die Industrie ihn jetzt ökonomisch zu vernichten. Da stellt sich mir ganz automatisch die Frage, ob eine militante Tierschutzguerilla nicht für finale Lösungen sorgen sollte. Aber welch ein Trost, dass dieses Land nicht nur Wolfgang Clements (damit dieser Parvenü nicht in Vergessenheit gerät), Banker, Westerwellen oder Merkels hervor bringt, sondern auch Helden.

Jan Pfeifer kämpft, während wir Sympathisanten nur fett auf unseren Ärschen sitzen. Eines seiner Sprachrohre ist die Page NACKTE WAHRHEIT.
Wer kann, sollte ihn unterstützen und sich auf seiner Seite (Link unter TIERSCHUTZ) informieren.

Außerdem sollte man sich etwas einfallen lassen, wenn man Pelzträgern begegnet. Meistens sind das ja Schlampen beiderlei Geschlechts, die nach etwas negativer Zuwendung gieren.

http://www.nackte-wahrheit.com/index.html

Und da wir gerade dabei sind: „Unabhängige Tierlabors“ und ihre Auftraggeber aus der Großindustrie sind eine Nebenthema in LUCIFER CONNECTION. Was da so tagtäglich im Auftrag der bio-chemischen Schwerverbrecherindustrie, wie etwa Bayer, abgezogen wird, ist gerade mal wieder in die Öffentlichkeit gerückt worden:

Die Tierrechtsorganisation Peta erhebt schwere Vorwürfe gegen ein Tierversuchslabor, in dem auch Bayer Floh- und Zeckenmittel getestet hat. In einem verdeckt aufgenommenen Video zeigen die Tierschützer, dass in dem Labor Hunde und Katzen, abseits der Versuche, schwer misshandelt werden.

Die Mitarbeiter in dem amerikanischen Labor würden zum Beispiel die Tiere treten oder an Ohren und Kehle tragen, heißt es von PETA. Hundegehege würden mit aggressiven chemischen Stoffen gereinigt, obwohl sich die Tiere in den Käfigen befänden. Auf Anfrage von Radio Leverkusen teilte Bayer mit, man habe vergangenen Winter das entsprechende Labor tatsächlich drei Monate lang beauftragt. Inzwischen arbeite man aber nicht mehr mit dem Labor. Außerdem gehe man den Anschuldigungen jetzt genauer nach, da solche Methoden nicht den Vorgaben und den ethischen Vorstellungen des Konzerns entsprächen.
http://www.radioleverkusen.de/lev/rl/511560/news/leverkusen
10.08.2010

„Ethische Vorstellungen des Konzerns“? Für mich die Lachnummer des Tages. Aber die Niederlage der Nazis im 2.Weltkrieg hat wohl auch nicht den ethischen Vorstellungen von Dr.Mengele entsprochen.



BRIT-NOIR 11/ Villain by Martin Compart
13. September 2010, 2:57 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Film, Ted Lewis, villain | Schlagwörter: , , , ,

Mitte der 50er Jahre tauchte James Henry Stanley Barlow (1921-73) auf der kriminalliterarischen Bühne und wurde mit einer Handvoll bösartiger, schwarzer Romane zum Geheimtip. Die Kritik hasste (oder ignorierte) Barlow mit ebensolcher Vehemenz wie schon zuvor Chase. Sein großer Wurf war der 1968 erschienene Roman THE BURDEN OF PROOF.
In diesem Roman befasste sich Barlow auf ganz eigene Art mit den Krays-Mythos, indem er Ronnie Kray in der Figur des psychopathischen Gangsterboßes Vic Dakin ein Denkmal setzte (in der Verfilmung wurde er von einem umwerfenden Richard Burton gespielt). Nicht von ungefähr erschien der Roman in dem Jahr, als sich die Schlinge des Gesetzes um die Terrible Twins zuzog. Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben. Barlow wanderte kurz vor seinem Tod nach Tasmanien aus. Er gehört zu diesen mysteriösen Noir-Autoren, über die man kaum Informationen bekommt.

BIBLIOGRAPHIE:
Protagonists (1956)
One Half of the World (1957)
The Man with Good Intentions (1958)
The Patriots (1960)
Term of Trial (1961)
The Hour of Maximum Danger (1962)
This Side of the Sky (1964)
One Man in the World (1966)
The Love Chase (1967)
The Burden of Proof (1968)
aka Villain
Goodbye, England (1969)
Liner (1970)
Both Your Houses (1971)
In All Good Faith (1971)

Der Film, der ein Flop war und bei uns unter dem schönen Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN lief, gehört zu den unterschätztesten und unbekanntesten britischen Noir-Filmen. Neben JACK RECHNET AB und DER AUS DER HÖLLE KAM ist er aber sicherlich der beste Brit-Noir-Film der 1970er – wenn nicht der Beste noch vor GET CARTER! In der Nebenrolle als Stricher Wölfi (dem Burtons ganzes Liebesinteresse gilt und der nur mit ihm Sex haben kann wenn er ihn zuvor prügelt) ist der junge Ian McShane zu sehen. Kein Wunder, dass ihn diese frühen Erfahrungen direkt nach DEADWOOD führten. Das Drehbuch schrieben die beiden Fernsehautoren Dick Clement und Ian LaFresnais zusammen mit dem amerikanischen Schauspieler Al Lettieri – unsterblich als Heavy in GETAWAY und MR.MAJESTIC!



Dr. Horror:THILO SARRAZIN UND DAS EVA-HERMANN-GEN by Martin Compart

Durch das Mediengetöse um Sarrazin kommt man kaum noch dazu BRITT zu sehen. Oder Kerner. Bevor Dr.Horror nächste Woche vor der deutschen Kultur wieder mal nach China entflieht, hier noch seine brillante Analyse zur durchdrehenden Nation:

„Das Leben ist bunt. Oft sind es die kleinen Dinge, die viel wichtiger als die großen erscheinen“, heißt es auf Eva Hermanns Homepage.
Die Welt kämpft mit den Folgen des Klimawandels, der Übervölkerung, Wassermangel, dem ökologischen Infarkt, einer trotz Ehrenworts der Bundesregierung und der Kanzlerin Merkel und trotz zeitweise voller Auftragsbücher beim Export immer noch nicht abgeschlossenen wirtschaftlichen Talfahrt, da beschäftigt die Nation, die nach zwei verlorenen Weltkriegen das Durchdrehen im großen Stil nicht verlernt hat und jetzt es sich lieber provinziell besorgt, keines der großen Menschheitsthemen und -dramen, sondern der kleine Fall Sarrazin. Aus Berlin haben sie ihn weggelobt, den ehemaligen Karrierebeamten und Finanzsenator, abgeschoben auf den Posten eines Bundesbankvorstandes, wo er angeblich nicht mehr viel Unheil anrichten konnte. Aber dieser Sarrazin ist nicht nur unberechenbar, er ist auch eitel und selbstherrlich und glaubt, durch seinen in die Bestsellerlisten katapultierten Weckruf Deutschland erwachen lassen zu müssen.
Das Volk, das die Thesen des mit Statistiken gespickten Schmökers, der eben so langweilig ist wie Sarrazin selbst, nicht kennt, jubelt ihm gerne zu. So einer spricht den Deutschen aus dem Herzen. Der mag keine Migranten und schon gar keine islamischen Terroristen, keine Sozialschmarotzer – und den Michel Friedman soll er „Arschloch“ tituliert haben. Das hören Deutsche gern. Das wärmt das Herz im kalten Spätsommer. Trotzdem ist das alles wahrscheinlich kein Sturm im Wasserglas.

Dieser Thilo Sarrazin ist nämlich nur eine Charaktermaske, die just im rechten Augenblick all jene Thesen auftischt, die der Mehrheit schon immer auf der Zunge lagen, wäre sie nicht so schweigend. Während das Kapital global und, weil allem Anschein nach allmächtig, für den Nationalstaat und Otto Normalverbraucher sowieso nicht mehr fassbar ist, werden die einheimischen Staatsbankrotteure nervös, bekommen es mit der Angst und suchen nach Sündenböcken. Weil das aber nicht die Sache „feiner Leute“ ist, muss das Frontschwein Sarrazin ran. Keine Ahnung, wer ihm den Befehl gegeben hat: eine nächtliche Stimme … die Vorsehung … göttliche Eingebung … Jedenfalls bekommt Sarrazin, wie alle Amokläufer, dafür nicht nur viel Publicity. Er geht bei seinem Amoklauf nicht mal drauf, sondern bekommt eine prima Abfindung und ganz gewiss einen anderen ruhigen Aufsichtsrats- oder Beraterposten.
Im Falle, dass sich Deutschlands wirtschaftliche Lage in Zukunft, wie zu erwarten, verschlechtern wird, stehen Muslime, Islamisten, Asylbewerber und Hartz-IV-Empfänger als Sozialschmarotzer zum Abschuss bereit. Auf sie darf sich jetzt der Volkszorn, von Sarrazin statistisch flankiert, entladen. Schon die Nazis wussten um den Wert von Sündenböcken und haben das System in Anlehnung an die christlichen Kirchen mit Pech und Schwefel perfektioniert. Pogrome mögen in Zukunft auch in Deutschland wieder Konjunktur haben.
Wahrscheinlich war der hässliche Deutsche Sarrazin gleich so berauscht von der weltweiten Aufmerksamkeit, den seine Thesen fanden, und fühlte sich dermaßen in seiner unerträglichen Eitelkeit bestätigt, dass er sich gleich noch als Spezialist in Sachen Gentheorie betätigte, was er hinterher als fatalen Blackout und Dummheit entschuldigte. Hat er damit unfreiwillig den genetischen Defekt der deutschen Generation Doof im Selbstexperiment bestätigt?

4. 9. 2010
Rolf Giesen



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 10/ by Martin Compart
2. September 2010, 1:02 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Die Krays, Krimis, Noir, Ted Lewis | Schlagwörter: , , ,

Anfang der 60er Jahre nahm die bürgerliche Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern (Sabinis, Jack Spot, Comer usw.), bemühten sich die Terrible Twins nämlich um Öffentlichkeitsarbeit. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.
Einer wurde sogar verfilmt: DEATH OF A SNOUT, 1961, wurde von Ken Annakin als UNDERWORLD INFORMERS (auch: THE INFORMERS, THE SNOUT) 1963 für die Leinwand adaptiert.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright(1921-95) zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten.Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Insgesat schrieb er 83 Romane, darunter eine Autobiographie über sein Leben als copper.