Martin Compart


DR,HORROR – der letzte Aufklärer – erklärt die Welt by Martin Compart
7. Juli 2019, 11:18 am
Filed under: Dr. Horror, Politik & Geschichte, Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter:

DAS LETZTE AUFGEBOT DER DEMOKRATIE

Irgendwie, habe ich den Eindruck, schafft sich die Demokratie selbst ab.

Es klinge wie ein schlechter Scherz. In einem Land, in dem ein Mensch im Schnitt 300 Euro im Monat verdiene und Rentner 80 Euro bekämen, in dem seit fünf Jahren Krieg herrsche und zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verloren hätten – in so einem Land, lästerte ZEIT-Autorin Alice Bota, setzten viele Wähler auf einen unerfahrenen Komiker.

Aber nicht nur in der Ukraine ist die Politik verrückter als jedes Drehbuch. In den USA greift ein ehemaliger Reality-Star (You’re fired!) nach Mond und Sternen, die er in einer zweiten Amtszeit besetzen will. Wenn es nach Donald Trump geht, dann bleiben die Amis 2024 auf dem Mond oder besser: hinter dem Mond.

Auch in der Bundesrepublik sieht man Andy Scheuer ein Star-Wars-Laserschwert zücken, um den Gordischen Maut-Knoten zu zerschneiden, während seine Kollegin Dorothee Bär weiter auf Flugtaxis wartet, die im Breitband-Entwicklungsland Deutschland so selten sind wie bald die Bienen. Tierwohl-Advokatin Klöckner, Weinkönigin, Mitglied der Mainzer Ranzengarde und Zucker-Queen, kooperiert mit Nestlé. Jens Spahn profiliert sich über unsere Organe.

Die in Brüssel geborene Ursula von der Leyen macht sich vom Acker einer Bundeswehr, die – um einen SPIEGEL-Artikel aus dem Jahr 1962 zu zitieren – wirklich nur noch bedingt abwehrbereit ist – und damit plaudern wir nicht mal ein militärisches Geheimnis aus. „Heute ist der Tag der Trauer“, sagt Frau von der Leyen vor ihrem Abgang. Dr. Franziska Giffey lässt freiwillig ihre Doktorarbeit prüfen. Und die ehemalige Hotelfachfrau Anja Karliczek übt das Wort Bildung zu buchstabieren: B-i-e–l-d-u-n-k.

Inzwischen formiert sich (Ludwig Erhards „formierte Gesellschaft“) das letzte Aufgebot der Demokratie. Die wenigen Jungen in der SPD setzen ihre letzte Hoffnung auf Kevin Kühnert. Laut Wikipedia klagte er sich 2009 an der FU Berlin in ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ein, um es dann abzubrechen und in einem Callcenter zu arbeiten. (Aber immer noch besser als die 20 Semester Germanistik-Studium einer ehemaligen Messdienerin aus der Vulkaneifel, Abschlussarbeit: Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman!)

„Ich war schon Klassensprecher, da warst Du noch nicht mal in der CDU.“

Den Vogel aber schießt Jungjurist Philipp Amthor, die „Planierraupe“ aus Ueckermünde, ab, ein unvergessliches Gesicht, „nicht getauft und kein Christ“, aber Talkshow-Pfeiler der CDU, mit dem wahrscheinlich auf dem Pausenhof niemand spielen wollte. So wurde der ewige 26-Jährige, der aussieht wie ein Filialleiter bei Lidl oder ein Anlageberater der Deutschen Bank, schon 2008 Mitglied der Jungen Union und der Christdemokraten und heftete sich an die Fersen von Frau Merkel. Auf Twitter lese ich einen kleinen satirischen Kommentar: Philipp Amthor soll Verteidigungsminister werden. Stelle es mir toll vor, wenn er bei einer Schiffstaufe die Flasche Sekt mit den Worten „Na, du alter Zerstörer“ gegen den Bug schmeißt. Mit dem „Zerstörer“ ist natürlich der YouTuber Rezo gemeint, dem Amthor in einem im Adenauer-Haus von seiner Mentorin Angela Merkel aufgenommenen Antwort-Video gepflegt die Fresse polieren wollte. Aber die Aufnahme hat sich vorsorglich selbst vernichtet, hört man. Selbstbewusstsein und Schneid hat er aber schon, der Jungmann. Die WELT zitiert den Showdown zwischen ihm und Rezo: Das war ein bisschen wie in „Rocky 4“, die Kampfszene, Rocky Balboa gegen Ivan Drago. Sicher sei sich Amthor auch über den Ausgang gewesen: Ich glaube, ich hätte gewonnen.

Der schwarzen Null soll auf Sizilien bereits ein Denkmal errichtet werden.

Bei der AfD will Klimaexpertin Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, die Sonne verklagen, dass sie so heiß auf unsere Sahara scheint. Wahrscheinlich haben irgendwelche Migranten die Sahara-Hitze eingeschleppt wie ein Virus. Und überhaupt: Umweltschutz nur dort, wo es der Heimat dient! Der US-Präsident macht es schließlich vor. Und wenn der Klimawandel doch anthropogen sein sollte so wie der Plastikmüll in den Meeren, findet er, dann seien die Schlitzaugen schuld: Ozeane sind sehr klein. Und es bläst herüber und segelt herüber. Ich meine, wir holen ständig Tausende von Tonnen an Müll von unseren Stränden, der aus Asien kommt Er fließt einfach direkt den Pazifik hinunter.
Er fließt und wir sagen: „Woher kommt das?“

So müssen wir uns um die Demokratie keine Sorgen machen wie damals in der Weimarer Republik. Bei Leuten wie diesen ist sie in besten Händen. Nazis an der Macht, eine braune Diktatur, nein, doch nicht mehr im 21. Jahrhundert. Und wenn schon, dann – bitteschön – grüne Nazis: kackbraun & giftgrün. So was in der Art des seligen Öko-Bauern Baldur Springmann, der Naturverbundenheit, Heimatliebe und Volkstumsbewusstsein postulierte, also ein ganz klein wenig Blut & Boden, aber um den Boden ist es ja eingedenk des Klimawandels und Extrem-Wetters schlecht bestellt.

Eine Reform der Bundeswehr ist unumgänglich!

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DR.HORROR ERKLÄRT DIE APOKALYPSE Teil 325 by Martin Compart

Seit Jahrzehnten wissen wir, wer der schlimmste Mann Deutschlands ist: Dr.Horror (beim BKA als Rolf Giesen geführt). Während wir freudig beim Kükenschreddern zusehen, legt sich Dr.Horror mit der heiligen Ex-Weinkönigin an. Erbärmlich!



DER FLIEGENDE TEUTONE von Dr.Horror by Martin Compart

Bekanntlich beobachtet Dr.Horror gerne Weltmeere, Berater und die zweifelhaften Aktivitäten von Politikern, denen er in fröhlicher Loyalität leicht zugetan ist. Nach mehrmonatiger Schlaflosigkeit scheint er nun eine Lösung für den Problemfall GORCH FOCK gefunden zu haben.

Die GORCH FOCK im Trockendock.

Gorch Fock (Johann Wilhelm Kinau, 1880-1916), lesen wir im Wikipedia-Eintrag, sei unbestreitbar ein Nationalist gewesen, aber kein Rassist und Antisemit: Ausgesprochener Antisemitismus zeige sich bei ihm „nur sehr verstreut“. Trotzdem soll das Andenken des Zehntel-Antisemiten, wie es symbolisiert ist in dem 1958 auf Kiel gelegten Segelschulschiff der Deutschen Marine, nicht um jeden Preis saniert werden, wenn es nach der für Segel- und andere Schlachtschiffe zuständigen Verteidigungsministerin von der Leyen geht.

Kostenvoranschlag: 9,6 Millionen; ausgegeben bisher: 70 Millionen; Gesamtkosten nach jetziger Schätzung: 135 Millionen Euro. Die Berater der Ministerin haben indes ermittelt, dass im Verteidigungsfall ein Segelschulschiff relativ nutzlos ist. Das war ihr neu. Wer konnte das wissen?

Segelturn für Berater.

Wir haben eine Idee. Statt der Gorch Fock ein anderes Segelschiff in den Dienst der Bundesmarine zu stellen und fortan unter deutscher Flagge als „Vergeltungswaffe“ auf die Ozeane zu schicken: ein fluchbeladenes Schiff von Weltrang, das bisher noch jeden, der ihm begegnet ist, zerstört hat, Freund, nun ja, Kollateralschäden, und Feind.

Fietje Hansen, idealistischer 2.Maat der FH

]Die Mannschaft: Tote. Keine Verpflegung, kein Sold, keine Sanierung erforderlich bis zum Jüngsten Tag – also noch viele Legislaturperioden.

Schon Richard Wagner, ein Antisemit von Weltgeltung, hat das Schiff in einer „Romantischen Oper in drei Aufzügen“ erstmals 1843 in Dresden besingen lassen.
Wilhelm Hauff, der eine Fortsetzungs-Novelle über den Juden Süß geschrieben hat, verdanken wir ein entsprechendes Märchen.

Und 1918 entstand, am Stettiner Haff, die erste stumme Filmversion. Auch Donald Duck, aus der Feder von Carl Barks, soll ihm einmal begegnet sein – dem Fliegenden Holländer.

Denken wir um, rüsten wir sinnvoll, setzen wir auf den Fluch, auf eine Armada von Geisterschiffen. Null Kosten.

Und gewiss würde auch die AfD zustimmen – vorausgesetzt, man nennt das Schiff um: statt Fliegender Holländer der Fliegende Germane – oder Fliegende Teutone. The Flying Teuton – ein Romantitel von Alice Brown, gestorben 1948, also inzwischen public domain.

Der Fliegende Holländer im Trockendock.



DR.HORROR ERKLÄRT DIE 7.KUNST by Martin Compart
3. August 2018, 1:16 pm
Filed under: Dr. Horror, Film | Schlagwörter: , , , , ,

Die 7.Kunst birgt noch viele Geheimnisse und Mysterien, die von waghalsigen Filmhistorikern entdeckt und aufgeklärt werden müssen. Kaum einer sieht die Röhren, Stollen und Querverbindungen, die unterhalb der Oberfläche verlaufen, so wie DR.HORROR. Mit seinem privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt er uns Erkenntnisse, die uns aus dem Zustand tiefster Betrübung befreien.

Auch heute geht er wieder dahin, wo es weh tut. Wer denkt, er habe schon alle schlechten Filme gesehen, wird von Dr.Horror immer wieder erleuchtet.
Achja, nochwas: Für die Lektüre und Filmbetrachtung bekommt man diesmal keine Payback-Punkte.



Sie haben einmal die Behauptung aufgestellt, dass der Film HERKULES, SAMSON UND ODYSSEUS der beste Film sei, den es gibt. Das wird manchen Cineasten verdrossen haben.

Ich sehe diesen 1963 in Italien entstandenen Film, mehr noch als die Nouvelle Vague, als einen Vorläufer der 68er-Bewegung. Die jungen Radikalen Herkules (Dutschke & Co. in Westberlin) und Samson (Cohn-Bendit) lassen sich vom Heiligen Geist des listenreichen Odysseus (Ernst Bloch, Adorno, Marcuse) erleuchten und bilden über die Grenzen der Geschichte hinweg eine eindrucksvolle Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus.

Wie kommen Sie darauf, dass dies ein antifaschistischer Film ist?
Sind Sie noch bei Sinnen?

Es wird Ihnen entgangen sein, dass nach dem Kampf gegen ein Seeungeheuer (ein Walross in Vergrößerung), dem Erlegen eines Stiers und eines Löwen die Philister in Mannschaftsstärke gegen das Trio Infernal antreten und damit die Vorfahren terrorgeschulter Palästinenser. Und diese Typen tragen Wehrmachtshelme, echt. Ich habe es noch einmal gecheckt. Wahrscheinlich ein Geschenk des gut zehn Jahre später in Beirut verstorbenen Hitler-Bewunderers Mohammed Amin al-Husseini, eines erklärten Antisemiten, der Muslime für die Waffen-SS mobilisiert hat. Der Terror im Nahen Osten hat ja eine lange Geschichte, und wir Deutsche spielen da eine gewisse Rolle, die das Filmwerk pointiert thematisiert.

Leidet der Film unter der Abwesenheit von Mark Forest?

Das Fehlen von Maciste ist sehr bedauerlich, wie auch die Abwesenheit eines Goliath auf Seiten der Philister. Der Amerikaner Mark Forest singt heute ja Wagner-Opern. Er hat Gesang studiert. Aber der italienische Herkules Kirk Morris hat ja auch Maciste gespielt und in dieser Rolle die Feuerteufel besiegt (heute würden wir sagen: Andreas Baader und seine Kaufhaus-Brandstifter). Und Odysseus Enzo Cerusico hat schon als Achtjähriger vor der Kamera gestanden und unter der Regie von Vittorio de Sica und anderer Neorealisten gespielt. Übrigens war der unter den Decknamen Richard Lloyd oder Rod Flash geführte Samson ein gebürtiger Iraner: Iloosh Khoshabe verstarb 2012 in Teheran. Palästina und Iran, Syrien noch dazu – da kommt einiges in diesem monumentalen Filmwerk zusammen! Und der Eintritt kostete damals in der Jugendvorstellung nur eine Mark fünfzig.

In Witten kostete der nur einszwanzig!

Da sehen Sie mal: ein Film, der Rücksicht nahm auf die Geldbörse. Heute zahlt man für die Disney-Marvel Avengers doch mindestens zehn Euro, aber was sind Spider-Man, Captain America oder Dr. Strange gegen Herkules, Samson und Odysseus?

Würden Sie sagen, dass er als Regisseur anständig gehandelt hat? Da gibt es ja wohl international den einen oder anderen Zweifel.

Der Autorenfilmer Pietro Francisci hatte ein Jura-Examen in der Tasche und hob dann erst mit Steve Reeves als Herkules die Muskelmann-Filmmythen aus der Taufe. Ein großartiger, kleiner, dicker Mann, für den die geschäftliche Seite der Filmkunst keine Schande bedeutete.
Er war Lateiner und wusste, was viele junge Kollegen in Deutschland nicht begreifen: non olet! Steve Reeves, so sagt man, habe seine Partner beim Dreh nicht verletzen wollen, aber Francisci sagte ihm: „Wenn du ihnen nicht weh tust, werden sie nicht bezahlt!“ Das ist noch echte kommerzielle Filmregie und keine amphibische Film/Fernsehscheiße. 1966 drehte er übrigens ein Pendant zu unserer faschistischen Raumpatrouille: Raumkreuzer Hydra – Duell im All. Er ist zu früh von uns gegangen: 1977.

Postskriptum:

Je mehr ich über HERKULES, SAMSON & ODYSSEUS nachdenke, umso eindringlicher wird die Botschaft: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Louis Malles VIVA MARIA gab der Protestbewegung die Bomben, HERKULES, SAMSON & ODYSSEUS schon vorher die preiswerteren Steine, die überall herumliegen. Herkules und Samson begruben die Philister unter schweren Felsbrocken. In Wahrheit waren es natürlich Special Effects und die Felsbrocken aus Pappmaché. (Wieder eine Illusion von damals weniger.) Und da auf Berliner und Frankfurter Straßen damals keine Felsbrocken herumlagen und Joschka und Genossen auch zu schwach gewesen wären, nahmen sie Pflastersteine. Die Idee kam von Herkules, Samson und dem listenreichen Odysseus. Heute laufen solch inspirierend mythologischen Filme nicht mehr, sondern nur noch Raketenfilme. Deshalb werfen sie keine Pflastersteine, sondern vertiefen sich in Computerspiele und bewerben sich bei Frau von der Leyen für das Cyberkrieg-Department.



Dr.HORROR: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel by Martin Compart

Heute geht Dr.Horror einem der vielen Bluffer und Versager nach, die früher als Wirtschaftskapitäne bezeichnet wurden.
Heute ist „Niete im Nadelstreifen“ ein anerkannter Lehrberuf und die Absolventen ermöglichen dem Kapitalismus so manche zusätzliche Krise. Damit haben sie im Umverteilungsprozess von unten nach oben eine nicht unbedeutende Aufgabe.
Erinnern wir uns nur kurz an die wunderbare Bankenkrise, die ohne Gier und Inkompetenz der Nieten im Nadelstreifen nicht möglich gewesen wäre. Aber Dank ihrer zielgerichteten Dämlichkeit wurden immense Verluste erwirtschaftet, die dann sozialisiert und von den unteren 80% der Bevölkerungen bezahlt wurden.
Solche gelungenen Umverteilungen verlangen natürlich ihre Boni!

Helmut Mehldorf pinkelte im Stehen. Nur mühsam reichte sein Pullermann an den Beckenrand des Klosetts.

Mehlstadt überließ sich seinen Gedanken, während das Wasser floss. Immerhin war er gerade Aufsichtsratsvorsitzender der Airlines of Russia geworden und überlegte schon, wie er mit viel Gebraus über den russischen Schlendrian fegen würde, da vernahm er eine Stimme.

Vor Schreck pinkelte er daneben.

Verdutzt sah er sich um. Da war niemand. Dafür war die Kabine zu eng.
Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor.
Mehduft öffnete die Tür und wankte zurück auf seinen Sitz in der First Class auf dem Flug nach Moskau.

„Mehlwurm! Mehlwurm!“, rief ihm die Stimme aus dem Klosett nach.
Mehlohr schüttelte den Kopf: Werde ich verrückt – oder bin ich es schon?
Er kramte in seinem Namensgedächtnis und ließ Namen Revue passieren, die zu der Stimme passen könnten: Dr. Oetker? Meister Proper? Beide Marken hatte er saniert. Ronald Pofalla? Pofallas Ziehmutter Merkel? Nein, unmöglich, dafür klang die Stimme zu – wie soll man sagen: männlich.

„Mehlwurm!“

Der Ruf klang wie eine Anklage.
War es die Stimme Gottes? Hatte seine letzte Stunde geschlagen? Wurde über ihn gerichtet?

„Nein!“, schrie er. „Ich habe die Bahn nicht kaputtgespart. Ich habe sie saniert.“
Die anderen Fluggäste guckten betroffen.
Mehlschwitz war die Situation, in die ihn die Stimme gebracht hatte, sichtlich peinlich.
„Ich habe die Logistik der Bahn gepäppelt, klar, das war auch bitter nötig, denn die Politik wollte, dass ich mehr Verkehr auf die Schiene bekomme. Vor meinem Amtsantritt hat die Bahn rote Zahlen geschrieben. Als ich fertig war mit Sanieren, waren es 2,4 Milliarden Euro Gewinn.“

„Aber die Berliner S-Bahn“, keifte eine Frauenstimme aus der zweiten Reihe, die keine Geisterstimme war.

„In keine andere S-Bahn wurde mehr investiert, gnädige Frau“, keifte Mehlsaft zurück. „Wenn es da Probleme gibt, haben sie die Zulieferer zu verantworten.“
Er machte ein griesgrämiges Gesicht, das Ähnlichkeit mit einer rohen Kartoffel hatte. Die in der Nähe saßen, schwiegen betroffen.

Nur die Geisterstimme schwieg nicht: „Ganz recht, Volksgenosse Mehlbier. Räder müssen rollen für den Sieg. Darum auch ist meine Wahl auf dich gefallen.“
Pardauz, die Stimme, die aus ihm oder besser: die zu ihm sprach, gehörte dem Geist von Adolf Hitler! Für einen Augenblick war Mehlohr sprachlos. Als er seine Sprache wiederfand, flüsterte er, dass er sich sehr geehrt fühle für das Privileg, aber er habe jetzt einen Vertrag mit den Russen, auch da gebe es einiges zu sanieren und so weiter und so fort…

„Einen Vertrag … mit den Russen?“ Die Geisterstimme des ehemaligen Führers überschlug sich. „Mit Stalin etwa?!“

„Nicht ganz so“, redete Mehwert um den heißen Brei herum. „Mit Putin!“

„Putin? Wer ist Putin? Ist das ein Geflügel? Du, ein Stalingrad-Kind, du arbeitest für die Bolschewiken?! Du, der Sohn eines Stalingrad-Kämpfers?!“

Der VW-Manager, der uns verloren ging.

Jetzt hatte ihn der Führer bei seiner Herkunft gepackt.
Mehlort war in der schlimmsten Phase der Schlacht um Stalingrad zur Welt gekommen, während seine Mutter um das Leben des heldenhaften Vaters bangte, der zum Stab von Paulus gehört hatte. Er fasste sich an den Kopf.

Eine Stewardess wollte wissen, ob sie dem Fluggast ein Glas Wasser und ein Aspirin reichen dürfe.
„Verschwinde!“, blaffte Mehlmann und widmete sich wieder seinen Gedanken und seinem neuen Auftraggeber.

„Du, Mehlspitz, sollst meine Wehrmacht sanieren!“, verlangte der.

„Aber, mein Führer, die ist doch schon kaputtgespart“, warf Mehlmilch ein.
Die Fluggäste wurden gebeten, sich anzuschnallen. Es würden einige Turbulenzen erwartet.

„Du sollst nicht sparen! Privatisieren sollst du sie und an die Börse bringen!!!“

„Die Bundeswehr? Einen Teilbetrieb oder alles zusammen?“

Die Geisterstimme Hitlers gurgelte unverständlich. Mehlwut hörte sie über diesen „jämmerlichen Haufen“ schimpfen: „Nicht Bundeswehr! Wehr-macht-Aktiengesellschaft. Alles komplett.“

Die Ideen des Führers waren wie immer verblüffend. Ja, dachte Mehdom, der Plan könnte funktionieren. Zwar funktionierte nur noch wenig in Deutschland: Straßen barsten in der Gluthitze, die Elbphilharmonie war ein Labyrinth, Flughäfen wurden angefangen und nicht fertig gebaut, Politiker trugen Dackelkrawatten statt Uniform-Braun, ein CSU-Innenminister hatte den in Tunis geborenen Migranten Roberto Blanco einen „wunderbaren Neger“ genannt, deutsche Fußballer steckten gegen die Nachkommen des Rebellen Pancho Villa eine Niederlage ein. Ja, wo sind wir denn? Gegen Mexiko!!! Aber der Glaube an die deutschen Waffen war schließlich ungebrochen. Selbst im Zeitalter des Cyberkriegs. Dafür hatte der Führer gesorgt. Auf die Führung kam es an.

Mehlsupp stellte sich vor, wie der Führer grinste und die Hand zum deutschen Gruß erhob. Auch Mehltank hob jetzt die Rechte.
Die Stewardess sah ihn fragend an.
Mehlmark starrte entgeistert zurück. Die Stewardess sah Eva zum Verwechseln ähnlich: Eva Braun.
Nicht die Außerirdischen, die Nazis waren wieder gelandet, alte Bekannte aus grauen Tagen.

„Selbstverständlich müssen einige der älteren Generäle liquidiert werden!“, verlangte die Stimme.

„Selbstverständlich!“ Mehlmuts Zeigefinger strich über den hässlichen Schmiss, den er sich als Burschenschafter geholt hatte. Außerdem war er ja Hauptmann der Reserve. Er hatte gedient und nicht verweigert. Vielleicht, nein, bestimmt war die Wahl des Führers auf den Richtigen gefallen. Liquidieren, das sollte kein Problem sein. Wofür gab es die Russen-Mafia? Er würde da nach der Landung in Moskau gleich mal einen Wink mit dem Zaunpfahl geben. Und dann, ja, dann müsste er Ronald Pofalla im Bahnvorstand anrufen. Der hatte immer noch eine direkte Leitung zur Kanzlerin und würde ihr eine entsprechende SMS schreiben.

Hitler hatte recht. Die Wehrmacht-Aktien werden uns alle reich machen. Es müsste nur einen Dritten Weltkrieg geben. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Mehlwurst überlegte schon, in welches Land sie am besten einfallen könnten. Da kamen ja einige infrage.

Die Maschine setzte zur Landung an. Mehlwahn schreckte aus seinem Schlummer. Es war alles nur ein Traum. Wie konnte er, ein aufrechter Demokrat, nur solchen Blödsinn träumen? Und doch, irgendwie fühlte er sich geehrt, dass Hitler ausgerechnet ihn angesprochen hatte. Er schnallte sich an. In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft.

Rolf Giesen



Bewegtbilder im Wandel: Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart Kölner Mediengespräch am 13. Juni 2018 by Martin Compart
11. Juni 2018, 9:23 am
Filed under: Dr. Horror, Film | Schlagwörter: ,

Das Erbe des Films lebt! Die Kraft des Legendären, Dynamischen und Weltentrückten übt immer noch eine nahezu magische Anziehungskraft aus. Doch die technologische Entwicklung hat eine grundlegende Umwälzung der Medienindustrie in Gang gesetzt.
Immer mehr Studienanfänger streben zum Film, obwohl die späteren Berufs- und Verdienstmöglichkeiten voraussichtlich schlechter sind als in anderen Berufsfeldern. Aber Berufe wie Regisseur, Kamerafrau, Drehbuchautorin oder Szenenbildner versprechen ein Leben voller Kreativität und Abenteuer. Über Jahrzehnte waren Rollen, Kompetenzen und Aufgabenfelder der Filmschaffenden klar umrissen und die Optionen ihrer beruflichen Perspektive klar beschreibbar. Heute ist ihre Zukunft hingegen voller Unwägbarkeiten. An der Schwelle zu einem neuen digitalen Medienzeitalter stellt sich für die Filmausbildung ganz konkret die Frage, welche Lehrinhalte dauerhaft von Bestand sein sollen. Was stellt den Kern der Filmausbildung der Zukunft dar? Welche wesentlichen Kompetenzen müssen vermittelt werden? Wie werden künstlerische Praxis, Forschung und Theorie gewichtet? Wird das individuelle Kino im Kopf bald wirklich sein – und welche ethischen Folgen hat das für eine liberale Gesellschaft?
Ist es überhaupt noch sinnvoll, in Zukunft weiterhin von Film und Filmförderung zu sprechen angesichts des drohenden intermedialen Totalitarismus? Denn längst geht es ja nicht mehr um Filmstreifen, sondern um ein virtuelles Phänomen, das die chinesische Sprache treffend “elektrische Schatten” nennt.
Der Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und versucht zu ergründen, in welche Richtung die Entwicklung der Film- und Medienschaffenden gehen wird. Mit seinem Buch Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart bietet er eine “schwungvolle Achterbahnfahrt durch die Zukunft des Films” sowie eine Bestandsaufnahme und Orientierung in einem sich im Wandel befindlichen Umfeld. Er bearbeitet jene Themenbereiche, die drängende Fragen der Filmausbildung aufwerfen. Am 13. Juni wird er bei den Kölner Mediengesprächen den ›State of Mind‹ einer neuen Generation von Filmschaffenden visualisieren, deren zukünftiges Berufsleben von ganz neuen Gegebenheiten geprägt sein wird.

Dr. Rolf Giesen
Bewegtbilder im Wandel: Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart
am 13. Juni 2018 um 19 Uhr
im Herbert von Halem Verlag, Schanzenstr. 22, 51063 Köln

Einlass ab 18:30 Uhr. Da die Zahl der Sitzplätze begrenzt ist, bitten wir um Anmeldung per E-Mail an karina.selin@halem-verlag.de oder unter der Nummer +49 221 92 58 29 0. Der Eintritt ist frei.
VORTRAGENDE / DISKUTANTEN

Rolf Giesen, Dr., geboren am 4. Juli 1953 in Moers, studierte Soziologie, Psychologie und Geschichte an der Freien Universität Berlin und promovierte 1979 mit einer Arbeit über den Phantastischen Film. Als Lehrbeauftragter und Honorar-Professor unterrichtete er an Hochschulen in der Bundesrepublik und in China. Er verfasste filmhistorische und filmtheoretische Schriften, Essays, Romane und Drehbücher, war Herausgeber, gestaltete Ausstellungen und betreute zwanzig Jahre lang eine nach ihm benannte Schwerpunktsammlung der Deutschen Kinemathek in Berlin. …



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: THE LINGALA CODE von WARREN KIEFER by Martin Compart

Seit etwa zehn Jahren erfreut sich afrikanische Kriminalliteratur (besonders natürlich südafrikanische) auch bei uns eine gewisse Aufmerksamkeit.

Aber es ist doch erstaunlich, wie wenige europäische- und amerikanische Polit-Thriller sich mit afrikanischen Themen und Krisen auseinandergesetzt haben – abseits von Graham Greenes und John LeCarrés Romane zur Apartheit und den üblichen Serien von OSS117 über NICK CARTER bis MALKO. Natürlich gab es immer mal wieder Romane von Ted Allbeury, Brian Freemantle (oder Eric Amblers DIRTY STORY) und anderen zu einem afrikanischen Thema, aber der einzige Autor, der diese regelmäßig in die westlichen Bestsellerlisten trug, war wohl der Südafrikaner Wilbur Smith.

Schon deshalb kommt dem hier genannten Buch eine besondere Bedeutung zu.

Es war die Lektüre von Larry Devlins Erinnerungen, die mich an einen höchst ungewöhnlichen Thriller aus dem Jahre 1972 erinnerte und zum Wiederlesen bewegte.
Als CHIEF OF STATION, CONGO (Public Affairs, 2007) diente Devlin (wie der Ich-Erzähler Michel Vernon des Romans THE LINGALA CODE) der CIA und „begleitete“ die Unabhängigkeitsbestrebungen und blutigen Auseinandersetzungen im Kongo der frühen 1960er Jahre.

Das war der Beginn der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, der den Kontinent bis heute foltert (auch wenn es nicht mehr um Machtsphären der Supermächte geht, sondern um die noch brutalere Ausbeutung der Rohstoffe durch monopolkapitalistische Konzerne im Dienste der Superreichen und ihre oligarchischen Handlanger).

I. DER ROMAN:

Sie waren Freunde gewesen: Michel Vernon, CIA-Chief of Station im Kongo, und Ted Stearns, der Luftwaffen-Attaché, dem Vernon sein Leben verdankte.

Nun war Ted in Leopoldville erschossen worden.
Angeblich von einem Einbrecher.

Niemand wusste es wirklich. Denn der schnell gefasste Täter hatte in der Zelle Selbstmord begangen. Einen zweifelhaften Selbstmord. Aber ein Leben zählte sowieso nichts im Kongo.

Michel schwor sich, den Tod seines Freundes aufzuklären.

Er hatte gute Kontakte in die einheimischen Machtstrukturen, die sich häufig ändern konnten.
Aber man will Ted schnell begraben und die Angelegenheit vergessen. Auch die eigenen Leute sind nicht daran interessiert, dass Vernon im Dreck wühlt.
Denn der stößt schnell auf Widersprüche

Ein Toter mehr – während der Kongo im Chaos zu versinken droht. Man hat ganz andere Sorgen.
„Die neue Kongo-Republik war durch eine Frühgeburt zur Welt gekommen und bei keinem anderen Land hatten so viele politische und diplomatische Hebammen dabei geholfen. Und Repräsentanten aller Großmächte hockten im Kreißsaal und warteten darauf, ihren Segen geben zu können.“

Die Zeit: Ende 1961:
Nach der Ermordung Lumumbas, der Separation Katangas, der Intervention der UNO und der internen Machtkämpfe, die weitgehend auch tribalistisch geprägt waren. Tod am großen Fluss. „Wenn du lange genug am Ufer siehst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbei treiben sehen“, lautet angebliche ein kongolesisches Sprichwort. Bei allen barbarischen Metzeleien und kannibalistischen Festgelagen, verlangten die Unruhen der 1960er Jahre aber nur einen Bruchteil der Opfer, verglichen mit den Millionen Toten seit 1997.

Mit der Unabhängigkeit des Kongo begann die Zeit der Stellvertreterkriege und der Aufstieg westlich gestützter Despoten, die jedem Rassisten Freude bereiteten.
Oder wie es Christopher Othen ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries” (KATANGA 1960-63, The History Press, 2015).

Damals rückten erstmals Kindersoldaten in die Öffentlichkeit in Form der Jugendorganisationen („jeunesse“); ihre Gräuel wurden für die westlichen Medien zum Inbegriff rassistischer Kommentare (ohne zu bemerken, dass sich Hitlers Volkssturm neben alten Leuten auch aus „Pimpfen“ speiste).

Ich fühlte feuchte Wände, Mehltau und die Armut des ruralen Kongo.

Die Darstellung des Kongo ist authentisch und genau (wie man etwa im Abgleich mit Larry Devlins Memoiren nachprüfen kann). Die Schilderung einer aberwitzigen Wahl der „Miss Leopoldville ist mir Beweis, dass Kiefer den Kongo ziemlich genau erlebt haben muss.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Mord durch das Gestrüpp unterschiedlicher und tödlicher Interessen, die den Kongo zerlöchern, ist mehr als schwierig. Nichts darf ans Tageslicht.

„Man bleibt im Dunkeln, Monsieur Vernon, wenn man Jäger ist und essen will“, hatte mir Seku erklärt. Und Seku jagte Macht und aß gut.

Das ganze Chaos der damaligen Situation durchzieht das Buch: Die Angst der Amerikaner vor Einflussverlust, Tschombes Abspaltung Katangas für die Interessen der belgischen Mineralgesellschaften, das strategielose Geballer hirnloser UN-Truppen und die tribalistischen Machtkämpfe der Einheimischen. Die unterschiedlichsten Gruppierungen schmieden aberwitzige Allianzen, die niemand wirklich durchschaut:

„Finden Sie heraus, woher sein Geld kommt und bieten Sie ihm mehr. Er wird seine Haltung zwar nicht ändern, aber Sie finden so Gelegenheit, die führenden Köpfe der Gruppe kennenzulernen. Und wenn Sie das geschafft haben – informieren Sie Mobutu. Sollen die Kongolesen sich um ihn kümmern.“

Kiefer erzählt es nicht emotionslos, aber doch kühl mit der Stimme eines menschlichen Ich-Erzählers in einem zynischen Job. Er weiß, wie das „Geschäft“ läuft und stellt es nicht in Frage. Da ist er ganz Profi. Aber wenn es persönlich wird, scheut er auch nicht den Konflikt mit der eigenen Interessenseite.

Für jedes Verbrechen gibt es eine Entschuldigung, für jede Tugend findet man eine zynische Rationalisierung.

 

„Man könnte sein Erinnerungsvermögen etwas stimulieren,“

   „Dazu habe ich nicht die Mittel“, sagte Martin.

   „Es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagte ich.

 

Wenige Polit-Thriller sind so intensiv in einer politisch realen Situation verwurzelt und nutzen diese so effektiv für ihren Plot. Ohne Kiefers literarisches Können, würde er sich passagenweise wie ein Sachbuch lesen. Aber dank der Erzählerstimme, die mich manchmal ein wenig an Paul Theroux erinnert, bleibt der Roman in der Spur. Die Informationen zur realen Lage werden organisch vermittelt, da sie zum Job und zum Umfeld des Erzählers gehören. Deshalb wirkt nichts aufgesetzt.
Warren Kiefer gehört zu den wenigen Polit-Thriller-Autoren, deren mitreißender Stil die Leser einsaugt und sie dabei unauffällig mit Fakten zum Hintergrund über das Sujet aufklärt, die sich dann als integral für die Handlung erweisen.


II. DER AUTOR:

Warren David Kiefer gehört zu den geheimnisvollsten Autoren der Kriminalliteratur. Er ist nicht nur ein in Vergessenheit geratener Autor, sondern auch ein nur Spezialisten bekannter Drehbuchautor und Regisseur.

Er wurde 1929 in Rochelle Park, New Jersey, geboren. Wahrscheinlich starb er 1995 in Buenos Aires.

Kiefer studierte an der University of New Mexico und an der University of Maryland. Er studierte u.a. Journalismus und Fotografie und strebte eine M.A, in südamerikanischer Geschichte an.

Sein Freund Paul Mims erinnerte sich an ihn: „Warren and I first met in the autumn of 1949. We were students at the University of New Mexico, Albuquerque, I a 26 year old grad student from the University of Wisconsin, he a 20-year old under graduate from the Chicago suburbs. The Kiefer I knew was 20 years old, of medium height; say about five-foot eight inches tall, weighing approximately 160 pounds. He had a well muscled frame. His hair was light brown, close cropped but given to being wavy. Although not a rich boy he was from the upper middle class and used to the “good life”. Even as an under graduate he had extravagant tastes for food, liquor and girls. One of the great dilemmas in his life was how to combine both the “good life” and the artist’s bohemian life style. You see, one part of Kiefer, although quite capable of performing in the world of public relations and advertising, loathed its suffocating, mundane ethos” (Zitat nach Robert Curti in dem ausführlichsten Artikel zu Kiefers Filmschaffen, unter: http://offscreen.com/view/warren_kiefer).

Während seiner Zeit in Maryland lernte er seine Frau Ann kennen, die er 1954 heiratete und mit der er einen Sohn hatte. Das Studium langweilte ihn irgendwann und er begann in der PR-Branche zu arbeiten. Er machte u.a, Public Relations für die Geburtsstadt seiner Frau, Kalamazo in Michigan, und für den Pharma-Giganten Pfizer (was in PAX einfloss).

Sein erster Roman, den er gemeinsam mit Harry Middleton geschrieben hatte, wurde 1958 unter dem Pseudonym „Middleton Kiefer“ veröffentlicht:

PAX ist eine hard-boiled-novel über Betrug in der Pharma-Industrie, die Bezüge zum Mind-Controlprogram der CIA (Operation Artischocke, MK Ultra) aufweist. Zu seinen literarischen Vorbildern gehörten damals Hemingway und Fitzgerald; zu seinen Freunden gehörte – ebenfalls Absolvent der University of New Mexico – Edward Abbey, dessen Roman THE LONELY COWBOY (1956) Kiefer laut Curti beeinflusst haben soll.

Im selben Jahr wurde sein Sohn Alden geboren.

Dann schmiss er alles hin: Familie, Job und Wohnort. Quasi über Nacht begann er ein neues Leben.

Kiefer zog nach Rom, damals neben Los Angeles die größte Filmstadt der westlichen Hemisphäre. Im Umfeld von Cinecittà suchte und fand er Jobs. “I was working the Middle East and Africa as a director-producer of TV Specials and documentaries.”

Für Esso drehte er eine Dokumentation in Lybien. Auch wenn nichts darüber bekannt ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1961 oder 1962 auch den Kongo besucht. Das Detailwissen über die geheimdienstlichen Aktivitäten, wie er es zehn Jahre später im LINGALA CODE darlegte, war zum Zeitpunkt des Erscheinens einem Außenstehenden nicht zugänglich. Entweder hatte Kiefer sehr gute Quellen, oder er war unter der beliebten Tarnung als Dokumentarfilmer oder Journalist in CIA-Aktivitäten aktiv verwickelt.

1963 war er wieder zurück in Rom und lernte Paul Maslansky kennen, der als Production Managere gerade für Irvin Allans THE LONG SHIPS arbeitete. „He and Maslansky met at the Cinecittà tank, where Kiefer was shooting additional footage for his Esso documentary: they liked each other, got along well, and talked about making a movie together. According to Maslansky, Kiefer had married again at that time, with a beautiful Argentinian woman“ (Curti).

Rolf Giesen: „Zum Film kam Kiefer durch Paul Maslansky und den Mammutfilm `The Long Ships´ (Raubzug der Wikinger). Maslansky lebt noch. Er nahm 1967 am 6-Tage-Krieg teil. Er war der Produzent der `Police Academy´-Filme. In einem von Kiefer geschriebenen Film spielte Mario Adorf.“

So kam es dazu, dass Kiefer mit CASTLE OF THE LIVING DEAD (Il castello dei morti vivi) seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur drehte, dem zwei weitere folgten. Auch unter verschiedenen Pseudonymen, wie Lorenzo Sabatini, erledigte er weitere Filmarbeit.

Wer näheres zu diesem speziellen Bereich in Warren Kiefers Werk sucht, sollte sich den langen Artikel von Robert Curti ansehen.

In CASTLE spielte Donald Sutherland seine erste Filmrolle. Sutherland und Kiefer wurden so gute Freunde, dass der Schauspieler seinen Sohn nach ihm benannte. Kiefer widmete ihm den LINGALA CODE, den er noch in Rom geschrieben hatte..

Irgendwann nach 1972 verließ er Rom und zog mit seiner argentinischen Frau nach Buenos Aires .
Trotz gelegentlicher Buchveröffentlichungen, weiß anscheinend niemand, was Kiefer in Argentinien so getrieben hatte und womit er Geld verdiente.

Es war die Zeit der CIA gesteuerten Operation Condor, die mit Nazi-Methoden in ganz Lateinamerika gegen Befreiungsorganisationen und Gewerkschaften vorging. Sein Roman THE KIDNAPPERS greift die damalige Situation in Argentinien auf: Ein alter Schneider versucht seine Kenntnisse sowohl an die CIA wie die ODESSA zu verkaufen.
Er hatte noch Kontakte zur Filmindustrie.

Rolf Giesen: „Juliette de Sade war dann offiziell Kiefers letzter Film, der ihn nach Argentinien brachte. Ich selbst denke, dass er dort weitergemacht hat, neben den Romanen. Über internationale Co-Produktionen lässt sich gut Geld waschen.
Paul Maslansky, Warren Kiefers alter Weggefährte, plante 1990 eine Filmkomödie in Argentinien zu produzieren: „Honeymoon Academy“. Maslanskys Frau Sally sollte die Produktion überwachen. Es ging viel daneben; der Film entstand, dann nicht in Argentinien. Ursprünglich unter dem Titel „For Better For Worse“ geplant, sollten in Argentinien 5 Millionen Dollar ausgegeben werden. Die Produktion ging schließlich nach Spanien.
Ich bin sicher, dass Kiefer an der argentinischen Verbindung beteiligt war und dort Geld locker machen sollte.“
(Giesen in E-Mails an mich)

Obwohl nicht verifiziert, gilt 1995 als Kiefers Todesjahr.

Als Autor blieb er ein Geheimtipp, der nie den großen Erfolg verbuchen konnte.

1973 gewann er für den LINGALA CODE den Edgar Allan Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres.

1976 folgte der Vatikan-Thriller THE PONTIUS PILATUS PAPERS über einen entdeckten und gestohlenen Augenzeugenbericht der Kreuzigung Christi. 1977 erschien THE KIDNAPPERS.

Nach langer Pause folgte 1989 mit OUTLAW eine Western-Saga (Kiefer war ein Western-Fan und hatte die Drehbücher zu dem Lee Van Cleef-Film DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967, VERGELTUNG IN CATANO, 1965, und THE LAST REBEL, 1971, geschrieben), die von 1870 bis 1968 spielt.

1990 erschien mit THE PERPIGNON EXCHANGE ein Nahost-Thriller, 1992 mit dem Wall Street-Thriller THE STANTON SUCCESSION sein letztes Buch.

DER LINGALA CODE ist inzwischen ein Klassiker des Polit-Thrillers, der literarisch und thematisch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte des Genres einnimmt in seiner perfekten Verbindung zwischen Realität und fiktionaler Erzählung. Die erneute Lektüre nach über vierzig Jahren zeigte mir zudem, dass der Roman stilistisch nicht im Geringsten antiquiert ist. Er liest sich, als hätte ihn ein vortrefflicher gestern erst geschrieben.

In deutscher Übersetzung sind lediglich zwei Romane erschienen: DER LINGALA CODE bei Heyne, 1974 und THE STANTON EXPRESS als DER DRITTE KANDIDAT bei Bastei-Lübbe, 1993.


EINIGE EMPFEHLENSWERTE AFRIKA-THRILLER:

ALEXANDER, Patrick, Death of a ThinSkinned Animal, London, Macmillan, 1976.

ALLBEURY, Ted, The Girl from Addis, London & New York, Granada, 1984.
AMBLER, Eric, Dirty Story, London, Bodley Head, 1967.

BOYD, William, Brazzaville Beach, New York, William Morrow, 1990.

BROWNLEE, Nick, Snakepit, London, Piatkus, 2011.

CAPUTO, Philip. Horn of Africa, New York, Holt, Rinehart and Winston, 1980.

CARNEY, Daniel, The Whispering Death, Salisbury, College Press,1 1969.

CHASE, James Hadley, The Vulture is a Patient Bird, London, Hale, 1969.

CLIFFORD, Francis, The Blind Side, London, Hodder, 1971.

DRISCOLL, Peter J., The Wilby Conspiracy, New York & Philadel-phia, Lippincott, 1972.

FORSYTH, Frederick, The Dogs of War, London, Hutchinson, 1974.

FREEMANTLE, Brian, Target, Sutton, Severn House, 2000.

GRANGÉ, Jean-Christophe, Fug der Störche, 1994. U.a. desselben Autors.

HARTMANN, Michael, Game for Vultures, London, Heinemann, 1975.

LE CARRE, John, The Constant Gardener, 2001; The Mission Song, New York, Little, Brown and Company, 2006.

McCARRY, Charles, The Miernik Dossier, New York, Saturday Review Press,1973.

DONELL, Nick, An Expensive Education, London, Atlantic Books, 2010.

McNAB, Andy, Recoil, New York, Bantam, 2006.

MILLS, Kyle, The Lords of Corruption, New York, Vaguard Press, 2009.

QUINNELL A. J., Black Horn, London, Chapmans Publishers, 1994.

SILLITOE, Alan, The Death of William Posters, New York, Knopf, 1965.

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TYLER, W. T., Rogue’s March, New York, Harper & Row, 1982; The Lion and the Jackal, New York, Simon and Schuster, 1988.

WINGATE, William, Bloodbath, London, Hutchinson, 1978.

WOODHEAD, Patrick, The Secret Chamber, London, Arrow, 2011