Martin Compart


PETER GUNN – DER ERSTE NOIR DETEKTIV by Martin Compart

Bevor Blake Edwards als Komödienregisseur (PINK PANTHER) und Ehemann von Julie Andrews berühmt wurde, war er Krimiexperte bei Funk und Fernsehen und einer der einflußreichsten TV-Produzenten der späten 50er Jahre. Für Dick Powell erfand er die Radio-Serie RICHARD DIAMOND, in deren TV-Adaption David Janssen von 1957 bis 1960 erstmals als Protagonist einer Serie auftauchte. Edwards Reputation war bestens, als er dem Produzenten Don Sharpe das Konzept der Privatdetektivserie PETER GUNN vorlegte. Es brach mit der Tradition, Serien aus anderen Medien wie Buch oder Radio zu übernehmen.

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Peter Gunn, gespielt von Craig Stevens, war nicht mehr der Trenchcoat-Privatdetektiv à la Humphrey Bogart, der die Medien in den 40er- und 50er Jahren beherrschte. Natürlich war er knallhart, aber er war auch elegant und hatte formvollendete Manieren. Er war eher ein Söldner, den man anheuern konnte. Meistens traf man ihn in der Jazzbar Mothers, wo seine Freundin Edie als Sängerin coole Weisen ins Mikrofon hauchte, Gunn ein herzliches Verhältnis mit der Inhaberin pflegte, und der unvermeidbare Polizeifreund Lt.Jacoby nicht weit war.

Der Bruch mit dem Schmuddelimage der früheren Privatdetektive war damals etwas radikales. Es bereitete den Weg für Warner Brothers Edelangestellte in 77 SUNSET STRIP, BOURBON STREET, HAWAIIAN EYE oder SURFSIDE SIX. Gunn stand nicht in der Tradition von Chandler oder Spillane, sondern orientierte sich an den Nachkriegsdetektiven aus den Romanen von Henry Kane, Robert Lee Martin, Richard S.Prather oder Bart Spicer. Für das Fernsehen, das anderen medialen Entwicklungen immer hinterher hinkitw, war er keine echte 50er-Jahre-Figur mehr. Die Beatnik-Noir-Stimmung und die Coolness der Hauptfigur weisen in die 60er Jahre voraus auf sophisticated Helden wie James Bond, John Steed und die UNCLE- und KOBRA-Agenten.

PETER GUNN war von der Anlage konsequent auf die damaligen Möglichkeiten des Fernsehens zugeschnitten. Da Farbe zu teuer war, nutzte Edwards die Besonderheiten von Schwarzweiß, sprich eine Noir-Ästhetik, die im Medium innovativ war.

gunn[1]Da man kein Geld für teure Tagesdreharbeiten on location ausgeben konnte, filmte man nachts und meistens im Studiogelände, wo Kamerawinkel und ausgeklügelte Beleuchtung die altbekannten Kulissen in neue Noir-Perspektiven tauchten. Lange, unwirkliche Schatten, die nächtliche Atmosphäre unterlegt mit Jazz, machten Gunns Los Angeles zum mythischen Ort, zur ultimativen Noir-City des Fernsehens. Ähnlich wie dreißig Jahre später Michael Mann bei MIAMI VICE (der von PETER GUNN einiges gelernt haben dürfte; etwa das Nässen nächtlicher Strassen) schuf Edwards einen neuen, originären Stil, der den Inhalten entsprach.

Nichts überließ er dem Zufall. Selbst Hauptdarsteller Stevens wurde für die Edwardsche Vision maßgeschneidert: „Blake schleppte mich zum Friseur und erfand eine neue Frisur: den Bürstenhaarschnitt mit Scheitel, der als Peter Gunn-Haircut berühmt wurde und noch während der ersten Season überall in den USA in Mode kam. Dann ging er mit mir zu seinem Schneider und ließ Anzüge für mich machen. Wegen der Action-Szenen brauchten wir eine Menge Anzüge; irgendwann hatte ich etwa 380 im Schrank hängen. Alles war Blakes Vision. Als Kontrast zu den vielen miesen Typen, musste Gunn immer smart gekleidet sein und einen klaren, scharfen look haben.“

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Bizarre Charaktere und die alptraumhafte Ausleuchtung des Sets gaben der Serie etwas irreales. Sie spielt in einer fast symbolistischen Welt, in der es immer dunkel ist. Um Kosten zu sparen gab es keine Massenszenen und keine Verfolgungsjagden mit mehr als zwei Autos, die durch ausgestorbene Straßen rasten. Bei einem weniger stilsicheren Produzenten hätte all das billig ausgesehen, was Blake Edwards zum PETER GUNN-Touch stilisierte. Der TV-Historiker Ric Meyers: „Der Höhepunkt dieses speziellen Stils war die Episode THE HUNT von 1960, in der Gunn einen Kontraktkiller jagt. Nach der Exposition gibt es keine Dialoge mehr. Nur noch Scwarzweiß-Schemen, Stevens unnachahmliche Darstellung, Mancinis Musik und Edwards Kontrolle.“ Alles sehr impressionistisch, sehr mitreißend und vor allem sehr kostengünstig.

Ebenso wie bei MIAMI VICE war die Musik ein stilprägendes Element. Henry Mancini, den Edwards von Universal her kannte, schrieb die bis heute populäre Titelmusik. Die beiden Langspielplatten mit den Soundtrack der Serie hielten sich drei Jahre in den Charts (eine weitere Parallele zu VICE). Das PETER GUNN-Thema wurde zum Klassiker und Mancini reihte sich in die Unsterblichen der TV-Musik ein, auf demselben Level wie Lalo Schiffrin (MISSION IMPOSSIBLE), Ron Grainer (PRISONER, MAN IN A SUITCASE), LAURIE JOHNSON (AVENGERS) oder Earl Hagen (HARLEM NOCTURNE, I SPY). Bis heute gehört es zum Standard jeder gitarrenlastigen Beatkapelle; die wildesten Interpretation stammen aber nach wie vor von Remo Four und Mick Ronson, dem zu früh verstorbenen Gitarristen von David Bowie und Ian Hunter (Mott the Hoople).

Edwards Erfahrung mit Hörspielserien half ihm dabei, in kürzester Zeit Stories zu entwickeln. PETER GUNN-Episoden waren nur 25 Minuten lang, ein Format, das bis Mitte der 6oer Jahre auch bei Krimis sehr beliebt war, aber selten komplexe Geschichten ermöglichte. Es wird heute nur noch für Comedys oder Soaps genutzt. Edwards, der die meisten Drehbücher der ersten Season schrieb und alle überwachte, beherrschte das Kurzformat meisterhaft und fand für jede noch so banale Story den Rhytmus, der daraus eine PETER GUNN-Episode mit ihrem besonderen Stil machte.

Don Sharpe finanzierte die Pilot-Folge THE KILL, bei der Edwards Regie führte. Als er sie den Sponsoren präsentierte, war die Serie sofort verkauft. Edwards und Sharpe gründeten die Produktionsfirma Spartan Productions und behielten alle Rechte an der Serie, da sie nicht mit einem Sender, sondern dem Sponsor Bristol-Myers direkt abgeschlossen hatten. Damals kauften Sponsoren häufig eine Stunde Sendezeit, die sie dann mit einem Programm ihrer Vorstellung füllten. Dieser größere Einfluss der Sponsoren auf das Programm eines Senders wirkte sich oft positiv aus, da sie Fachleute beschäftigten, die ihr Metier kannten, und sich nicht von den Programmchefs deren Vorlieben oder Interessen vorschreiben ließen. Die Sender beendeten zu jener Zeit diese Praxis und PETER GUNN war die letzte unabhängige Serie für lange Zeit.

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Zu den GUNN-Regisseure gehörten u.a. Lamont Johnson, Jack Arnold, Boris Sagal und Robert Altman. Bis auf die letzte Season wurden alle Folgen durch NBC ausgestrahlt, dann durch ABC.

Eine Folge von Altman-

Ein Unikum in der Seriengeschichte war das Ende. Steven erinnerte sich: „Ende 1961 kam Edwards zu mir und sagte, er wolle künftig nur noch Kino machen und könne die Show nicht weiter betreuen. Er habe aber auch keine Lust, die Kontrolle aufzugeben um zu erleben, dass die Serie schlechter produziert würde. Natürlich war er der Meinung, außer ihm selbst könne niemand das Niveau garantieren. Also wolle er auf dem Höhepunkt aufhören, die Serie beenden. PETER GUNN wurde nie abgesetzt. Edwards machte einfach Schluss. Natürlich waren Sponsoren, Sender und Zuschauer stinksauer. Wir waren so etwas wie die erste echte Kultserie.

gunn-poter[1]Zehn Jahre lang versuchte man eine Wiederaufnahme zu erreichen.“  Was erreicht wurde, war 1967 ein Kinofilm, der aber eher ein buntes Pop-Spektakel wurde, als ein Noir-Film mit dem Feeling der Fernsehserie. GUNN – ohne Peter – war einer der ersten Kinofilme nach einer erfolgreichen Fernsehserie und auch damit seiner Zeit voraus. Co-Autor William Peter Blatty, der später den Welterfolg EXORZIST schrieb, orientierte sich mehr an Mickey Spillane als an der Fernsehserie. 1989 wurde nochmals ein Wiederbelebungsversuch unternommen: in einem TV-Movie von Edwards, das 1964 spielte, übernahm Peter Strauss die Titelrolle in dem mittelmäßigen Film.

Der Erfolg der Serie in ihrer Zeit brachte reichlich Nachahmer hervorgebracht: John Cassavetes spielte in JOHNNY STACCATO einen Jazzpianisten, der im Greenwich Village Club Waldos seine Fälle erhält. Blake Edwards selbst (wieder mit der Musik von Henry Mancini) produzierte mit Regisseur Jack Arnold 1959 noch MR.LUCKY mit John Vivyan als Zocker. Mike „Mannix“ Connors gab sein Seriendebut in TIGHTROPE und Edmond O’Brian spielte JOHNNY MIDNIGHT, während Rod Taylor in HONG KONG die dortigen Nachtklubs unsicher machte. Schließlich konzipierte Edwards auch noch die Bar DANTE’S INFERNO, in der Howard Duff den Besitzer mimte und Rick Jason spielte einen coolen, gut gekleideten Versicherungsdetektiv in THE CASE OF THE DANGEROUS ROBIN.  Der Topos des Privatdetektivs, der in einer Bar rumhängt, wurde erstmals 1941 von Norbert Davis in seinen Max Latin-Stories für Dime Detective präsentiert.

Es gab Dutzende von Serien, die Stil, Haltung oder Konzept von PETER GUNN kopierten. Sie haben alle auch heute noch ihre besenharten Fans, aber jeder von ihnen gibt zu, dass PETER GUNN das Original war, das die coolen, schicken Detektive der 6oer Jahre startete, die in einer Welt agierten, die manchmal so bizarr wie ein BATMAN-Comic von Bob Kane war und Musik und Kamera die zweite Hauptrolle spielten.

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Comics: Four Colour Comics No.1087.

Roman: Henry Kane: Peter Gunn, Dell 1960.

USA 1958-61;114×25 Min;SW.

Peter Gunn … Craig Stevens

Edie Hart … Lola Albright

Lt.*Jacoby … Herschel Bernardi

„Mother“ (1958-59) … Hope Emerson

„Mother“ (1959-61) … Minerva Urecal

Die Serie wurde in den  1990ern eingefärbt, um sie besser vermarkten zu können. Wer sich diese Version ansieht, kann nur mit Colonel Kurtz stöhnen: „Das Grauen, das Grauen.“

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DIE SPRACHE DER MEAN STREETS – zur Neuausgabe von George V.Higgins by Martin Compart

Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, einen seiner Freunde ans Messer zu liefern. Eddies Wahl besteht nur darin, zu entscheiden, wen er verrät.

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Eddie lebt in der Bostoner Combatzone, deren Kriegsberichterstatter George V.Higgins war. Mit seinem Debüt, DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE,verpasste er  dem Crime-Genre 1971 eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, der 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Ross Macdonald nannte ihn das „kraftvollste und beängstigendste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe.“ Über Nacht wurde Higgins zum neuen Stern am Noir-Himmel. „Über Nacht? War eine verdammt lange Nacht, die 17 Jahre gedauert hat und in der ich bereits 14 Romane geschrieben hatte, die alle keinen Verleger fanden. Darüber bin ich heute froh.“ Higgins damaliger Agent sagte FRIENDS OF EDDIE COYLE wäre niemals verkäuflich und strich ihn von seiner Klientenliste. Nachdem der Verlag Alfred Knopf (der schon Hammett, Chandler und andere Big Shots herausgebracht hat) den Roman für 2000 Dollar Vorschuss gekauft hatte, verbrannte Higgins seine alten Romanmanuskripte.

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Zu schreiben begonnen hatte das verwöhnte Einzelkind eines Lehrerehepaars schon früh. Den ersten Roman schrieb George Vincent Higgins mit 15 Jahren. Geboren und aufgewachsen im proletarischen Brockton, Massachusetts, verinnerlichte er die irisch-katholischen  Arbeiterkultur, der er materiell und snobistisch entkommen konnte, die aber seine Literatur prägte. Er studierte u.a. an der renommierten Universität Stanford. Vorübergehende Untauglichkeit bewahrte ihn vor Vietnam. Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter in Providence und Springfield und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Eines Tages war er als Gerichtsreporter bei einem Mafia-Prozess: „Ich dachte, diese Anwälte haben mehr Spaß als ich. Also studierte ich Jura und wurde 1967 Ankläger im Büro der Staatsanwaltschaft.“ Später wurde er stellvertretender Staatsanwalt, dann niedergelassener Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. 1983 beendete er seine Anwaltskarriere um nur noch zu schreiben und am Boston College zu unterrichten. Aus diesen Schreibkursen entstand 1990 seine originelle Schreibfibel ON WRITING, laut Nick Tosches, der ein Fan von ihm ist, eines der schlechtesten Bücher über das Handwerk des Schreibens.

Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autoren. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heißt übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Higgins selbst nannte den heute vergessenen John O´Hara als seinen wichtigsten Einfluss.

Higgins hält sich fast nie an die Konventionen des Gangsterromans, die am Ende das große Shootout à la Richard Stark  oder W.R.Burnett fordern. Es geht auch nie um den einen, großen Coup, sondern um das tägliche Überleben auf der Strasse. Er entkleidet den Unterweltsroman aller glamourösen Aspekte. Er gab den Gangstern ihre eigene Sprache, die er aus Protokollen und Gesprächen destillierte um daraus Kunst zu machen.

Seine Figuren leben in einer Hobbschen Welt, in der jeder jedes Wolf ist und nur die eigenen Interessen zählen. In diesem Kosmos geht es nur um Ausbeutung und Zweckgemeinschaften. Wie schon Meyer Lansky wusste: Kriminalität ist die reinste Form der Marktwirtschaft. Bei Higgins durchzieht Korruption jede gesellschaftliche Schicht, und Taktiken und Strategien der Gangster sind dieselben wie die der Politiker oder Polizisten. Higgins zeigt eine paranoide Gesellschaft, die von Kriminellen aller Art belagert und geplündert wird, wie der Kapitalismus mit dem Mittel der Korruption alle sozialen Felder kolonialisiert. Seine Politiker, Anwälte, Cops und Gangster überleben (oder auch nicht) als Choreographen des zivilisatorischen Verfalls.

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Das Personal besteht aus kleinen und größeren Gaunern, Killern, Bürokraten, schmutzige Bullen, Anwälten und Politikern, abgenutzt vom Leben, aber voller Gier. Der Heroismus der unteren Chargen besteht darin, über den Tag zu kommen. Auch die Cops sind Gefangene des Systems und nicht ihre Wärter. Es ist eine männliche Welt, in der Frauen bestenfalls emotionale Konsumgüter sind. Sie spielen kaum eine Rolle in dieser maskulinen Welt, die ihnen nur die üblichen Rollen zugesteht. Trotzdem gelingen Higgins mmer wieder berührende Momente, die das traditionelle Frauenbild absurd erscheinen lassen.

Er moralisiert nicht, indem er seine Verbrecher be- oder gar aburteilt, und er verteidigt sie nicht, indem er sie erklärt. Er lässt sie sich einfach um ihre miesen, kleinen Leben quatschen.

Die große Stärke seiner besten Büchern ist leider auch die größte Schwäche seiner weniger gelungenen: Der Dialog. Niemand schrieb Dialoge wie George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Sein behavioristischer Stil leitet die Realität davon ab, was die Leute reden,  nicht aus Beschreibung ihres Innenlebens. Der Leser muss die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen selber einschätzen. Die Charakterisierung seiner Figuren entsprießt aus dem, was sie sagen und wie sie es sagen. Gerade das hat sich Elmore Leonard von Higgins abgeschaut und oft effektiver genutzt. „Higgins zeigte mir, wie man in ein Szene geht ohne Zeit zu verlieren, ohne lange zu erklären, wer die Charaktere sind und wie sie aussehen.“

Die meisten seiner 27 Romane spielen in Boston, einige in Washington. Die Darstellung der Stadt unterscheidet sich gewaltig von dem zeitgleich, aber viel erfolgreicher schreibenden Bostoner Kollegen Robert B.Parker. Einen Heilsbringer wie Parkers Privatdetektiv Spenser sucht man vergebens in den Mean Streets von Higgins. Einige Kritiker klebten Higgins das Etikett „der Balzac Bostons“ an.

bccdc060ada0ae365c9f2210.L[1]In seinen Polit-Thrillern, wie A CHOICE OF ENEMIES, IMPOSTERS oder VICTORIES verkündet Higgind immer wieder seine psychologischen Systemanalysen: Politiker schaffen es nicht an die Spitze weil sie anderen Gefallen erweisen. Sie schaffen es, indem sie andere dazu bringen, ihnen Gefallen zu gewähren.  Sie sind genauso manipulativ wie die Gangster seiner Unterweltgeschichten.

Von dem Erfolg des Erstlings hat sich der Autor nie erholen können.  Er konnte sich nie aus dem langen Schatten von EDDIE COYLE lösen: „Ich habe die Schnauze voll von Rezensionen, die lauten: Natürlich gibt es bei Higgins keinen der üblichen Plots, aber die Dialoge sind wunderbar.“ Higgins war stets unzufrieden mit seiner Rezeption und dem wirtschaftlichen Erfolg in den USA (obwohl er durchschnittlich von jedem neuen Buch etwa 30 000 Hardcover verkaufte). In zu vielen Romanen verlor er die Kontrolle über die Geschichten und der Erzähler war nur noch ein Moderator mäandernder Mono- und Dialoge, die den Leser ermüden. Seine größte Anerkennung hatte er in Großbritannien; nur dort erschien auch sein einziger Kurzgeschichtenband. In Deutschland versuchten bisher vergeblich die Verlage Hoffmann & Campe und Goldmann Higgins unter deutsche Leser zu bringen. Sein neben EDDIE COYLE bester Roman, der Polit-Thriller A CHOICE OF ENEMYS, wurde bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Es ist zu hoffen, dass der  neue deutsche Verlag einen langen Atem und mehr Erfolg hat. Für die Masse der deutschen Krimileser (vorwiegend anspruchslose Frauen), die debilen Psychoquark, sozialdemokratisch depressive Skandinavier  oder gestammelte Provinzkrimis bevorzugen, taugt Higgins natürlich nicht als Lektüre. Aber vielleicht gibt es ja noch ein paar tausend intelligente und literarisch  verwöhnte Leser, die das Risiko des Verlages rechtfertigen.

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Aus verständlichen Gründen begann der Verlag Antje Kunstmmann die neue Higgins-Edition mit dem dritten Roman, ICH TÖTE LIEBER SANFT (COGAN´S TRADE, 1974), 2012 mit Brad Pitt verfilmt. Die grandiose Verfilmung von THE FRIENDS OF EDDIE COYLE von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, ist bereits ein Klassiker. Higgins hat über Elmore Leonard nicht nur zeitgenössische Noir-Autoren beeinflusst, sondern auch Filmemacher wie Quentin Tarantino. Und eine TV-Serie wie DIE SOPRANOS, die dialoglastig die Banalität der systemimmanenten Organisierten Kriminalität thematisierte, wäre ohne Higgins nicht denkbar.

Higgins gehört zu den Autoren wie Robert Stone, James Crumley, Newton Thornburg oder Edward Bunker, die für den amerikanischen Noir-Roman in den 1970er Jahren die Traumata des Vietnamkrieges aufarbeiteten und neue Wege für das Genre aufzeigten. Wie die Pulp-Autoren während der Depression präsentierten diese Autoren schonungslos eine durch und durch korrupte Welt. Higgins & Co beschrieben den Kater nach der Aufbruchsstimmung der 1960er. Der Sixties-Traum einer „New Society“ war ausgeträumt. Und bekanntlich kam es noch schlimmer: Seit Reagen wurden systematisch alle rudimentären demokratischen Errungenschaften der Roosevelt-Ära für den Vorteil einer blutrünstigen Oligarchie auf dem Altar des absoluten Profitstrebens geopfert. So gesehen ist Noir-Kultur die erste Form, die nicht national definiert wird, sondern Länder und Sprachen überschreitend durch das übergreifende wirtschaftliche System. Noir-Literatur ist die sozio-politische Beschreibung der Entfremdung des Individuums von den Strukturen des Kapitalismus.

George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE und ICH TÖTE LIEBER SANFT. Beide übersetzt von Dirk van Gunsteren im Verlag Antje Kunstmann, je € 14,95.

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NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).
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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CUTTER AND BONE by Martin Compart

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: „the best novel of its kind for ten years“.

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Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

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In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“.

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weatherman oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt

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Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. „Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.“

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: „I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.“

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des „wirklichen Lebens“ begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

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„I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.“ (Thornburg)

http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: KINO DER BLICKE von HANS GERHOLD by Martin Compart

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Ja, ich weiß: dies ist ein Sachbuch und kein Roman. Und? Ich kenne fiktionale Thriller, die sind stinklangweilig, und ich kenne Sachbücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann und Angst vor der letzten Seite hat. Hans Gerholds Geschichte des französischen Kriminalfilms gehört zu letzteren. Es ist eines der fünf besten Film-Bücher, die ich je gelesen habe – vielleicht das aufregendste. Gerhold hat leider nur wenige Bücher geschrieben (darunter das wohl schönste Buch über Woody Allen ), schreibt regelmäßig Kritiken (die „Westfälischen Nachrichten“ sollte man schon seinetwegen abonnieren), Beiträge in Anthologien und hält Vorlesungen. Aber es sind zu wenige für die kleine, aber anspruchsvolle Gemeinde seiner Fans. Wäre die deutsche Journaille weniger verkommen, würde man ihn abfeiern wie die Amerikaner ihren David Thomas. Wir haben ja zum Glück einige gute Filmkritiker, aber Gerhold ist ganz klar die Nummer Eins. Kein anderer schreibt so unterhaltsam und gleichzeitig analytisch wie er.

39ccb7b09cGerhold, der ganz richtig einen offenen Gattungsbegriff als Ansatz wählt, hat mit KINO DER BLICKE nicht nur die beste historische Entwicklung des Sujets geschrieben, sondern auch eine sozio-kulturelle Geschichte Frankreichs: „…dass die wichtigsten Beispiele des polar stets auch typische Produktionen gewesen sind, die soziale Veränderungen und Entwicklungen transparent machen und, bei aller Relativierung, Zeitdokumente sind“. Wie brillant er als Theoretiker und Rhetoriker ist, zeigt schon die Titelwahl der Einführung, in der er seine Vorgehensweise verdeutlicht: „Wahl der Waffen“. Um dieses Buch beneiden uns die Franzosen, denn nicht einmal sie haben ein intelligenteres und spannenderes zum Thema. Gerhold berücksichtigt natürlich auch die literarischen Einflüsse und nennt Autoren, die viel zu oft nicht gewürdigt werden – jedenfalls im kulturell verspäteten Deutschland (etwa Alphonse Boudard). Es sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, die dieses Buch zum Musterbeispiel der Filmtheorie machen.

Das Buch ist von 1989 (Fischer Taschenbuch) und seitdem nicht mehr (aktualisiert) aufgelegt worden – ein weiteres Indiz für den erbärmlichen Zustand der Verlage, die bei uns Filmliteratur im wahrsten Sinne des Wortes „verlegen“. Es zeigt wohl, wie genügsam sie bei geistiger Nahrung sind in einer Ära reduzierter Erwartungen.

45637091Ich kenne Gerholds Schreibe seit dem legendären Hanser-Buch über Melville (1982). Es war neben Nogueiras Interviewband mit dem Meister Quell und Inspiration für andauernde Diskussionen zwischen Jörg Fauser und mir. Fauser war ebenfalls ein Afficionado des französischen Gangsterfilms und wir sahen uns jeden an, den wir nur zu sehen bekommen konnten (bei LE CHOC, nach Manchette, haben wir damals brüllend vor Wut das Kino verlassen als Catherine Deneuve ihren ersten Auftritt hatte, in Gummistiefeln Gänse fütternd). Sätze wie „wie Gerhold richtig bemerkte“, fielen fast an jedem Tresen, den Jörg und ich bei unseren alkoholisierten Reisen durch die Nacht adelten.
Ich habe Hans erst Ende der 1990er Jahre kennen gelernt: Wir waren beide Juroren in einer Jury des Grimme-Preises (nicht um Auszeichnungswürdiges zu finden, sonder um das Schlimmste zu verhindern). Ich hatte schweißnasse Hände vor der ersten Begegnung, wie man sie nur hat, wenn man nach Jahren der Bewunderung einem Idol wie Mick Jagger oder Hunter S.Thompson gegenüber tritt. Durch permanentes Nerven gelang es mir sogar, ihn zur Mitarbeit an meinen Noir-Readern zu nötigen.

Zum Glück kann man KINO DER BLICKE noch antiquarisch auftreiben. Ich selbst habe drei Ausgaben: eine zerlesene, mit Unterstreichungen misshandelte Loseblattsammlung, eine zur wiederholten Lektüre (man findet immer wieder neues) und ein jungfräuliches Exemplar für alle Fälle. Aber es ist schon verdammt ärgerlich, dass dieses Buch nicht – wie gesagt: aktualisiert – als fett bebildeter, großformatiger Luxusband neu aufgelegt wird. Wo bleibt eigentlich der Taschen-Verlag, wenn man ihn braucht?



NEWS:zur“Pulp“-Diskussion by Martin Compart
28. Oktober 2012, 3:52 pm
Filed under: Noir-Theorie, Pulp | Schlagwörter: ,

Die von mir angestoßene Diskussion zur falschen Verwendung des Begriffs pulp (siehe weiter unten) geht weiter. Gegen meine apodiktische Ablehnung der inhaltlichen Verwendung des Terminus, argumentiert Thomas Klingenmaier durchdacht und bestechend auf WELT.DE. Außerdem bespricht er in diesem Zusammenhang die deutsche Erstausgabe von Jim Thompsons „Blind vor Wut“ bei Heyne und Rick DeMarinis „Götterdämmerung in El Paso“ bei Pulp Master. Unbedingt lesen! http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article110306787/Was-zum-Henker-ist-eigentlich-Pulp.html



DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN: ÜBER DIE HOLZHALTIGKEIT EINIGER KRITIKER 2/ by Martin Compart
14. August 2012, 7:59 am
Filed under: Crime Fiction, Deutsches Feuilleton, Heftroman, Noir-Theorie, Pulp | Schlagwörter: ,

Der geschätzte Kollege Thomas Klingenmaier hat in seiner äußerst lesenswerten Rezension zu Jim Thompsons „In die finstere Nacht“ (Heyne 272 Seiten, 9,99 Euro. Auch als eBook.)www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.jim-thompson:-in-die-finstere-nacht-der-killer-mit-dem-kindergesicht.949bc723-a01d-410c-abaa-75a883022af6.html zu meiner Kritik über die ungenaue, bzw. falschen Verwendung des Begriffs „pulp“ wie folgt geäußert:

„Martin Compart hat gegen diese mediengeschichtlich keineswegs akkurate Verwendung des Begriffs Pulp unlängst heftig Protest eingelegt. Sein Einwand ist allerdings ein wenig weltfremd. Begriffe, erst recht Fremdwörter, werden in einer lebendigen Sprache beständig umgedeutet.

Mit dem Lehnwort Pulp hat das Deutsche eine griffige Bezeichnung für jene Art des unfeinen Krimis, die es hierzulande am schwersten hat. Man darf sogar hoffen, sie hat jetzt einen Kampfbegriff. Pulp ist der Gegenentwurf zur Literaturleiter-Emporarbeitungsbemühung mancher Krimiautoren, die neben ein paar prächtigen Texten auch regalmeterweise Schreckvitrinen-Nippes hervorbringt.“

Dem „beständigen Umdeuten“ von Fachbegriffen muss ich widersprechen. Denn damit wäre eine wissenschaftliche oder kritische Auseinandersetzung mit einem Sujet ohne Verbindlichkeit. Weder in den Natur- noch in den Humanwissenschaften (denen auch Literaturkritik zuarbeitet) ist eine permanente Bedeutungsverschiebung von Begriffen vorstellbar, Kein Mensch, der sich mit Literatur beschäftigt, käme wohl auf den Gedanken. etablierte Termini, die allgemein verabredet sind, neu zu deuten. Zum Beispiel: Genre, Hard-boiled novel, Hardcover, Taschenbuch, Heftroman, Existenzialismus, Seifenoper, Klappentext, Sekundärliteratur usw. Ohne die zuverlässige Benutzung dieser Begriffe, wären die sie verwendenden Texte gar nicht oder nur schwer in Zusammenhängen erkennbar und über den eigenen Erkenntnishorizont hinaus wenig nützlich.

Ich verstehe natürlich sehr wohl, worauf Thomas Klingenmaier abzielt, wenn er sich „pulp“ als Kampfbegriff für eine subversive Kriminalliteratur abseits kleinbürgerlicher Konventionen wünscht. Aber aus den von mir aufgeführten Gründen (martincompart.wordpress.com/2012/07/15/denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-uber-die-holzhaltigkeit-einiger-kritiker/ ) erscheint mir der Negriff „pulp“ ebenso falsch wie unnütz. Da sollte man lieber versuchen, einen neuen Begriff zu finden und zu etablieren. Und wenn es schon englisch sein soll, dann bietet sich doch die provokante Nutzung bürgerlicher Abwertungen für subversive Literatur an: Von „trash“ bis „gutter fiction“ ist vieles vorstellbar.