Martin Compart


NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).
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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN D.MACDONALDs TRAVIS McGEE by Martin Compart

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Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.

48_A Deadly Shade of Gold 1965 Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.

43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

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J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.

Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).
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In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter „juvenile delinquents“ – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.

Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: „Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…“ („Der Hippie im Indigo-Dress“; München 1970, Seite 18ff.)
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Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.

Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather. 22851732Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.

Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

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McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant“). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.Image.ashx

Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: „Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…“(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 07_25_2010_05_47_27PM

Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle „stand alones“, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.

comfort23Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.
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John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin „Story“ für 25 Dollar.john d. macdonald 60s Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des „Story-Magazins“. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. „In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.“mystery_book_1949sum Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin „Detective Tales“. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von „Fifteen Sports Stories“ etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte. JDM-Brass1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei „Gold Medal Books“ seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium „Taschenbuchoriginalroman“. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.

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Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den „Benjamin-Franklin-Preis“ der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem „Grand Prix de la Littérature Policière“ ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den „Edgar-Allan-Poe-Preis“ nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen „Edgar“ für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren „Grand Master Award“.

Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.

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P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.

Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.

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KENT HARRINGTON 3/ Ein Interview by Martin Compart

Obwohl Kent schwer im Stress war um die Veröffentlichung von THE RAT MACHINE rechtzeitig zum Noir-Con hinzukriegen, war er so freundlich mir einige Fragen ausführlich zu beantworte. Alles zwischen Lesungen in San Francisco und den letzten Korrekturen. Der Mann ist eben ein 100%iger Profi. Genießt das Interview. Hier der erste Teil:

THE WRITERS LIFE:

MC: How do you write?

KENT: I write in the morning, first thing. Coffee, breakfast, work until noon or so. I don’t look at the work again until the next morning.

When I’m ready to finish the book, I’ll work in the afternoon to put in things that come to me: areas I think needed more work and have put off. You collect a list in your head that you want to go back to at the very end and rework.

During the first draft, I don’t stop for small issues. The thing is to get the battle of the First Draft won. You have to take that flag!

MC: What is it that starts a new novel? A character, a situation, a plot?

KENT: Well, it can be a lot of things. In the case of Dark Ride, I saw a girl on the street and she had this most incredible tattoo going up the outside of her thigh. It was summer and she was wearing short shorts! She was very beautiful, dark hair. I don’t know why she was the muse, it almost sounds corny, but the novel came out of her sexuality and my own desire to explain something about myself and my country. And yet, I don’t consider Dark Ride an erotic novel, oddly it’s more than that — I hope!

In the case of this new work, The Rat Machine, I was reading a footnote in William Shirer’s The Rise And Fall of the Third Reich. It was an appalling bit of history discussed in the footnote: several SS officers, on trial at Dachau for war crimes(for murdering 80 American GIs at the Battle of the Bulge in cold blood rather than take them prisoners as the Rules of War mandated)had been released because AN AMERICAN, Senator Joe McCarthy, had asked for leniency for these particular SS officers. Why, I wondered? This is why: ex-Nazi intelligence officers, like Reinhard Gehlen, were employed by the West immediately after the War.

These ex-Nazi officers were involved in the illegal drug trade, first the penicillin Black Market in Berlin immediately after the war and, later, with the help of Western intelligence, the heroin business. So reading one footnote created a very long novel!

MC: And how do you develop?

KENT: I don’t develop in the normal way. I don’t outline; I don’t make lists. I’ve said this before: I watch the characters do what they are going to do. In other words: I get up in the morning, I turn on the computer and watch the screen like you would a movie. The story belongs to the characters who have come to me to tell it. I practice the No-Method of writing novels. And that is the truth.

MC: How is the process? A fast first version? Or do you polish from the beginning?

KENT: I never, ever, polish in the beginning! It’s a trap. And, again, getting back to how I work: I don’t want to interrupt the characters and their story. I don’t care if I’ve misspelled something, or the sentence isn’t perfect. Who cares about that! What is important is the HEAT OF THE SCENE. The HEAT OF THE MOMENT. That is all I care about in the first draft. If correct punctuation and spelling were all that it took to be a novelist, every English teacher would be Ernest Hemingway. Also, you have to be a little crazy to do this work. I mean it. I’m not trying to romanticize the life of an artist; I wish in fact it were not so. It’s just a fact. You can not be well balanced and be a great artist. There is something about the act of creating that is, in fact, not only extremely egotistical on the face of it, but also delusional; it’s a kind of emotional purging. You, the artist must give of yourself. If you aren’t willing to give of yourself, there is no art; look at Van Gogh! It’s not pretty, the creative process—not really. It’s about like dumping out your kitchen garbage on a clean floor and using the pieces of what’s there [your personal psyche] to make a something worth while!

MC: Are you ritualizing for writing? (Same hours, cop of coffee, at least a page a day?)

KENT: Yes. I want the same routine everyday. A lot of people starting out think that they can party and get high and live a boho life style. It’s just the opposite. Ironically, being a novelist is a bourgeois pursuit in the sense that you have to get up every morning and work; and be sober; and not be high, or have too much drama around you. Better yet, no drama. What you need in this order are food, good sex, paper, exercise, a working computer, and a quiet location that has a good vibe. I think that’s what Hemingway meant by “a clean well lighted place” in fact. I think he meant it had to vibe right. It does for me anyway.

MC: Did your writing habits change over the years? And how?

KENT: No. I’ve done this for the last 20 plus years always the same way. I may have been in a different country, as I was when I wrote Red Jungle, but I still woke up in the morning and drank coffee and hit it until noon. (I will say that in Guatemala I did work late at night in my office. I had a guard who would stand outside my office door. (There is a lot of violence and you need guards there. The guard and I got to be good friends.) I would look up and see him, shotgun slung over his shoulder, and think to myself: wow, yeah, this is the real deal someone could come in here and rob and kill me while I’m writing a fucking novel. How strange would that be. But I enjoyed working late into the night there—don’t know why. That office had had a hand grenade tossed in the door a few years before!!

MC: Is it a personal impression by me that your protagonists are not easy to like? I don’t think they are crooks. But a person like Russell ore Reeves seems at least ambivalent. But I think, they are all restless people. Something you share?

KENT: Yes. I am ambivalent because of my childhood. It was very hard and I had no close family. I did all my growing up away at military school without all that warm and fuzzy family stuff. So I’m a little different. There is part of me that is like Russell in Red Jungle, or as I had a character say in Dia De Los Muertos: “I’m not running for mayor so I don’t have to please anyone.” But I’ve learned to love and that humanized me: I love some people very much, and I love to write novels. I am restless, artists are restless in the face of life/chaos, which is our human experience. So, yes, I’m intellectually restless, that’s very true about me, and I suppose my characters. They want to find that one thing to make it all make sense. Something that can allow them to rest. But we only rest, I guess, when we’re dead.

MC: What kind of music are you listening too? Sometimes your writing seems to swing like a soundtrack (by the words, of course)?

KENT: When I started out as a novelist, I want to be a great wordsmith. And I suppose I still do. I believe in the music of the novel. I truly do. If I were going to teach the novel, I would stand up when all the students had sat down and say, “OK, this is what you need to know about writing novels: then I would turn on a great piece of music, say, Down So Low, by Tracy Nelson. I just met her, so she’s on my mind; but her song is a masterpiece. What I mean by this is that the novel is an emotional experience, not an intellectual one. Music is that way too, or at least good music is.

Kent mit der großartigen Tracy Nelson

UND NATÜRLICH NOCH EIN BUCH-TIP: THE GOOD PHYSICIAN

Collin Reeves is an expatriate American living in Mexico City. He dabbles in painting, drinks more than he should, and appears to be wasting a brilliant career in epidemiology as a doctor to international tourists and poor Mexicans.

The reality is more complicated. Reeves is an operative with the CIA, recruited in the heady days after September 11 to help fight terrorism abroad. What he hoped would be a useful life of clandestine adventure, however, turned out to be humiliating drudgery; his tour in the Middle East consisted of inspecting a friendly sheik’s concubines for venereal disease. Now in Mexico, which almost no one considers a terrorism hotspot, he longs for the courage to give up the spy business and commit himself to painting.

Veteran CIA operative Alex Law suspects that Mexico City may indeed be a staging area for terrorists. He and his longtime colleague, Butch Nickels, question an Indonesian who tells them that an al-Qaeda operative may be active in Mexico City. Meanwhile, Alex’s wife, Helen, has just discovered that she may have an advanced case of breast cancer. The doctor sent to consult with her is none other than Collin Reeves.

A beautiful young woman, Dolores, falls ill at a cheap tourist hotel across the street from Collin Reeves’ apartment. Madani, the hotel’s manager, begs Collin for help. Collin treats the young woman, who claims to be an American citizen, and to have lost her travel documents. He can’t help but be smitten, and does not challenge the obvious holes in her story.

Dolores, of course, is not who she claims to be. Only months earlier, she had been a young wife and mother named Fatima, married to a doctor in Baghdad. An American rocket killed her son and wrecked her life forever. Now, distraught with grief, she’s put herself in the hands of people who want to use her as vengeance against the United States.

Alex, Collin and Dolores are on paths bound to collide, with terrible consequences. The Good Physician is the story of that collision. A political thriller and a love story, it examines the nature of loyalty and patriotism, in the tradition of Graham Greene and Charles McCarry.



NEWS: TIERDIEBSTAHL UND ESSAYS ZUR POPULÄREN KULTUR by Martin Compart

Alexandra und ihre Mitkämpfer haben ein neues Forum gegründet, dass ich allen ans Herz lege, die Kriminalität gegen Tiere nicht unberührt lässt. Zwar ursprünglich für den süddeutschen Raum, deckt es jetzt jeden Postleitzahlenbereich ab:
www.pit.community4um.de/

Nun ist es endlich lieferbar: Mein erstes Book on Demand: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Stones, Fauser und andere Verbrecher. Essays zur populären Kultur. Neben dem überarbeiteten Buch EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES enthält es längere Aufsätze und Essays zu Jean-Pierre Melville, Jörg Fauser, Krays u. Chandler. Es hat 256 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die zu machenden Erfahrungen werden mir sicherlich Erkenntnisse über diesen neuen Publikationsmarkt ermöglichen. Aber sicherlich ist es was völlig anderes, ob man ein special interest-Produkt anbietet, als in dieser Form einen Roman zu veröffentlichen.

Buch bei amazon.de

Buch bei BoD



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 8/ by Martin Compart

ARCHÄOLOGIE I:
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts oder nicht viel zu tun haben. Trotz verschiedener „Revolutionen“im Genre , von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern. Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpasst hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Minette Walters, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken.
Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 6/ by Martin Compart

Mitte der 70er Jahre trennte sich Jo von Ted. „Ich musste unsere Töchter Nancy und Sally schützen. Ich hoffte, Ted würde durch die Trennung zur Vernunft kommen.“ Weit gefehlt. Ted zog zu seinen Eltern und soff weiter. Kurz darauf starb sein Vater, und seine Mutter konnte ihre ganze Aufmerksamkeit nun Ted widmen. Wenn er blank war, gab sie ihm Geld zum Versaufen. Jo reichte schließlich die Scheidung ein, die schnell und ruhig über die Bühne ging. Danach lebte er abwechselnd mit anderen Frauen zusammen, hielt aber Kontakt mit Jo und den Töchtern, die er sehr liebte. Jo ließ die Töchter aber nicht mehr zu ihm fahren, da sie herausgefunden hatte, dass Ted meistens betrunken war, wenn er mit ihnen zusammen war. Stattdessen musste er – oft mit seiner Mutter – nach Ipswich fahren und ins Hotel gehen. Dann schickte Jo ihm die Mädchen.
Seine letzten harten Noir-Romane erschienen 1976 und 1980: BOLDT und GBH. Böse, schwarze Bücher. Aber Lewis war ausgepowert. Das Schreiben fiel ihm zunehmend schwerer. Er versuchte Geld zu verdienen, indem er für die langlebige SF-Kult-Serie DR.WHO eine Folge schrieb (Titel: THE LORDS OF MISRULE). Wie üblich im Fernsehgeschäft, sollte er das Drehbuch verändern und umschreiben. Er lieferte es völlig betrunken bei der Produktionsgesellschaft ab, die „ihn nicht bat, nochmals vorbei zu kommen“. Sie wurde nie produziert (und durch die Folge THE POWER OF KROLL ersetzt). Für Jarrett-Books sollte er eine sechsteilige Vigilantenserie schreiben, konnte diese aber nicht mehr vor seinem Tod beginnen.
Am Ende war er todkrank und wegen seiner zerstörten Leber auch noch Diabetiker. Einmal fiel er ins Koma und musste mit dem Notarztwagen abgeholt werden, und niemand konnte sagen, ob das Koma auf Alkoholmissbrauch oder Diabetis zurückzuführen war.
1982 starb der Kettenraucher schließlich an einer Herzattacke. Ein wüstes Leben, wie es so viele unglückliche Noir-Kollegen geführt hatten, forderte seinen Preis. Aber sind derartige Leben am Abgrund nicht auch Voraussetzung für derartig schwarze Bücher? Für Autoren wie Ted Lewis, Jim Thompson, Charles Williams oder Cornell Woolrich waren ihre Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg zur Hölle.



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 4/ by Martin Compart

Ein Widerspruch trägt die ganze Geschichte: Als rationaler Profi versucht er irrationale Ziele durchzusetzen. Er will die Mörder seines Bruders finden und fertig machen. Dafür setzt er seinen Status und sein Leben aufs Spiel. Das erscheint umso irrationaler, weil er Frank seit Jahren nicht mehr gesehen hat und sie einander nicht mal mehr mochten. Immerhin hatte Jack sogar mit seiner Schwägerin geschlafen und die Vermeintliche Tochter Franks könnte sein Kind sein. Es ist diese Spannung in der Figur des Ich-Erzählers, die zusätzliche Dynamik verleiht und bedrohliche Düsternis über den Roman ausbreitet wie ein Leichentuch. Der friedliebende Frank wäre mit Jacks Rachefeldzug auch nicht einverstanden. Aber das interessiert ihn nicht: „Er war mein verdammter Bruder“. Das hat nichts mit Sam Spades Ehrenkodex im MALTESE FALCON zu tun. Frank erinnert ihn an eine Zeit, als er noch unschuldig war, bevor er Albert Swift traf, bevor er auf die schiefe Bahn geriet und sein darwinistisches Leben begann. Mit Frank hat man seine Zeit der Unschuld endgültig ausgelöscht, die letzte Verbindung vor der Vertreibung aus dem Paradies gekillt. Aber man kann ja alles überinterpretieren. Letztlich war es Jacks Welt, die seinen Bruder getötet hat. Und man kann sich leicht vorstellen, das Jack für die Fletchers dasselbe getan hätte, was Eric Paice für seinen Boss und die lokalen Geschäfte erledigen musste. Also doch eine weitere Kain und Abel-Geschichte?

Drei Monate brauchte er für den halben Roman, den er handschriftlich in Schulhefte schrieb. „Er schrieb den Roman aus kommerziellen Gründen. Wir glaubten, es würde ein Bestseller“, meinte Jo. Ted und Jo hatten inzwischen eine Tochter bekommen, Nancy. Auf dem Haus lagen Hypotheken, und sie brauchten dringend Geld. Die Enttäuschung war groß, als Hutchinson das Manuskript ablehnte. 1968 hatte er Toby Eady getroffen, der sein Agent werden sollte und vollkommen von Teds Romanfragment überzeugt war. Toby brachte das Manuskript zu Peter Day vom Verlag Michael Joseph. Day gab ein Gutachten in Auftrag, in dem stand, Lewis könne kein Englisch schreiben. Wahrscheinlich war der Gutachter mit Teds hard-boiled-Stil völlig überfordert und nur ziselierte schöngeistige Literatur gewöhnt. Ted, der keine Kritik einstecken konnte, war jedenfalls außer sich vor Wut. Day liess sich von dem Gutachten nicht beeindrucken und kaufte das Buch trotzdem. Bevor es 1970 veröffentlicht wurde, waren bereits die Filmrechte verkauft. Ted, ein Filmfan, war begeistert und wäre gerne stärker in die Filmarbeit involviert gewesen. Jo meinte, er hätte das Drehbuch sogar umsonst geschrieben, hätte man ihn nur gelassen. Er besuchte die Dreharbeiten in Newcastle und zog ein paar Aufträge für Drehbücher für die Fernsehserie Z-CARS an Land.
Buch und Film waren zwar erfolgreich, aber Ted verdiente nicht annähernd soviel, wie es heute mit einem derartigen Hit üblich ist. Für das amerikanische Remake HIT MAN (1972) von George Armitage mit Pam Grier bekam er nicht einen Penny.