Martin Compart


NEUES VOM ARCHÄOLOGEN DES BÖSEN: JEAN CHRISTOPH GRANGÉs „DIE FESSELN DES BÖSEN“ by Martin Compart

In einem Pariser Nachtclub werden zwei junge Tänzerinnen tot aufgefunden. Commandant Stéphane Corso findet heraus, dass sie mit einem mysteriösen älteren Maler liiert waren. Dieser Sobiesky ist erfolgreich, arrogant und ohne jede Moral. Er scheint der perfekte Täter zu sein, doch er hat stichfeste Alibis für beide Morde. Je weiter Corso sich in den Fall vertieft, desto stärker drohen ihn Sobieskys unheilvolle Geheimnisse in den Abgrund zu reißen.


Jean-Christophe Grangé
DIE FESSELN DES BÖSEN

Übersetzt von Ulrike Werner-Richter
16,90 €
Bastei Lübbe
Paperback
608 Seiten
ISBN: 978-3-431-04129-3
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Von der halluzinatorischen Welt des Pornos und der Perversität bis zur Erforschung von Goyas schwarzer Arbeit inszeniert Grangé einen Polizisten am Rande der Demenz“, schrieb ein französischer Rezensent über diesen Roman.

Grangé hat es nicht so mit braven, gesetzestreuen Polizisten. Aber mit Commandant Stéphane Corso hat er seinen bisher brutalsten und härtesten Protagonisten abgeliefert. Zu allem Überfluss neigt er – dem Roman entsprechend – zu sadomasochistischen Spielchen und schlägt sich mit seiner bulgarischen Ex-Frau, die eine extreme Masochistin ist, um die Sorgerechte für ihren gemeinsamen Sohn. Selbst für Grangés barocke Figuren ist das ein bisschen viel. Um nicht den Abend im Bistro oder vor dem Fernseher verbringen zu müssen, schließt er sich auch gerne mal einer Razzia des Drogendezernats an. Ein Typ, der nicht stillsitzen mag.
Er ärgerte sich mit seiner Scheidung, seiner Ex-Frau Emiliya, und seinem Sohn Thaddée (der zu viele Kapitel des Romans besetzt) herum.
Einer von diesen Grangé-Helden, die als Sozialisation erfahren haben, dass sie die Welt im Stich lässt.
Er ist nervig und für den Leser häufig betriebsstörend.
Einen durchgeknallteren Protagonisten hat der Autor bisher noch nicht vorgelegt.

In Frankreich war DIE FESSELN DES BÖSEN (der Originaltitel erscheint mir besser: LA TERRE DES MORTS) der bisher umstrittenste Roman des Autors. Aber eines ist gewiss: Grangé schreibt nie einen Roman zweimal und versteht es, mit Originalität die Leser immer wieder zu überraschen (auch wenn seine Cops in ihren Konstellationen einander ähneln).

Auch sein 13.Roman strotzt wieder von Recherche und obskurem Fachwissen.

Da kommt der einstige Star-Journalist durch, der um die Welt gereist ist, um unbekannte Geschichten zu heben.
„Ich bin immer neugierig und recherchiere. Damit meine Romane nicht im Fachwissen ersticken, wende ich eine bestimmte Technik an: Ich versuche die Ermittlungsarbeit extrem realistisch darzustellen. Ein Thriller ist immer auch eine Reise an unbekannte Orte. Der Leser kann Dinge lernen. Über Goya oder Porno hier Bei allen guten Thrillern gibt es einen journalistischen Hintergrund.“

Ist deswegen der Thriller das adäquate Medium?

„Als ich begann, journalistisch zu arbeiten, begann ich auch Thriller und Detektivromane zu lesen. Durch mein Literaturstudium hatte ich keine gute Meinung von dem Genre. Ich dachte, das sind alles schlecht geschriebene Bücher. Dann las ich die großen Autoren des Genres, die Klassiker. Und ich fand sie auch literarisch großartig. Und bedeutend interessanter als Marcel Proust. Ich hatte nur diese dunklen Geschichten, über die ich schreiben wollte. Keine Ahnung, warum. Ich würde wahnsinnig gerne mal eine romantische Komödie schreiben. Aber dazu fällt mir nichts ein. Mir fallen immer nur düstere Mordgeschichten ein.“

Grangé war immer ein Spezialist für ungewöhnliche Sujets. Ob spekulativ oder faktisch – mit diesen oft absurd anmutenden Motiven erweitert den Horizont. Dabei spürt er immer den Aspekten des Bösen nach. Von diesen „Blumen des Bösen“ ist er so tief fasziniert, wie kaum ein anderer zeitgenössischer Thriller-Autor. Da muss er sich auch den gelegentlichen (und treffenden) Vorwurf gefallen lassen, dass er auf Kosten dieser Faszination manchmal Plotelemente vernachlässigt oder ins Metaphysische abgleitet.
Dass er ein bemerkenswerter Schriftsteller ist, bleibt außer Frage.

Bondage, Shibari, Glory Hole, Pegging, Sadomasochismus, Nekrophilie: Jean-Christophe Grangé erstellt eine lange Liste sexueller Abweichungen und sehr spezieller Freuden, um seine Charaktere in ein verdorbenes Universen zu stürzen.

„Moral wird auf der Grundlage allgemeiner Übereinstimmung definiert. Ich habe gelernt, diese Praktiken zu respektieren und vor allem nicht zu beurteilen“, erklärt er in einem Interview über die in beschriebenen SM-Praktiken.

Kritiker haben dem Buch vorgeworfen, es beleuchte diese Milieus nicht über Wikipedia-Einträge hinaus. Mir ist allerdings kein Wikipedia-Eintrag emotional so nahe gegangen, wie Grangés fiktionale Nutzung. Und einige Szenen sind so hart, dass man sie besser mit nüchternen Magen liest. In gewisser Hinsicht ist der Roman ein Gegenentwurf zu den harmlosen Eskapaden der SM-Lemuren in SHADES OF GREY.

„Paris im Sonnenschein ist nicht schlecht, aber Paris im Regen ist definitiv eine Apotheose. Lebendige Bäche, lackierte Gehwege und ein schwarzer Himmel, der jedes Wohnhaus in einen blassen, fast fluoreszierenden Block mit Fassadenornamenten als Lebensadern verwandelt. Wenn man sich in ein Café setzt, erlebt man die pure Freude, von der Stadt vollständig umschlossen zu werden und hinter regenbeperlten Fenstern in sie eingebettet zu sein. In solchen Momenten hatte Corso den Eindruck, die ursprüngliche Essenz seiner Stadt zu erfassen, diejenige der Liebenden und der Schurken, der galanten Rendezvous und der Halsabschneider, der esoterischen Komplotte und der Verbrechen aus Leidenschaft.“

DIE FESSELN DES BÖSEN ist auch ein Paris-Roman.

Das Paris einer bestimmten Subkultur, der Pornographie im weitesten Sinne und der Sado-Maso-Szene im engeren. In Grangés Paris scheint die Hälfte aller Gebäude zu unredlichen Zwecken verschiedenster Art genutzt zu werden. Ihm gelingen ganz eigene poetische Momente:
„Das Viertel um die Rue de la Huchette erinnerte an schlechte Cholesterinwerte. Mit Fett verstopfte Venen und Arterien, in denen nur schwer voranzukommen war. Triefende Gassen, in denen sich griechische Restaurants und Dönerbuden abwechselten. Dieses kleine, überbevölkerte Viertel hatte erreicht, was eine zweitausendjährige Geschichte nicht hatte zustande bringen können: die Versöhnung von Griechen und Türken dank überhitztem Öl und Touristenmenüs.“


Wieso gerade dieses Thema (im Folgebuch, LA DERNIER CHASSE, hat Grangé sich wieder mit Nazis, mit der Lumpen- Division Dirlewanger, beschäftigt)?
„Es ist nicht nötig, die Romane in exotische Länder anzusiedeln. Der Sado-Masochismus in Paris ist ein Paralleluniversum. Was mich an Pornos fasziniert, ist, dass jeder weiß, dass es die Nummer eins im Internet ist, aber wenn man am Tisch darüber spricht, kennt es niemand. Wir sind immer von den prüdesten Leuten der Welt umgeben. Unsere Gesellschaft ist sehr, sehr prüde. Die Menschen schämen sich für ihre Sexualität.“

Zugegeben: Die Parallelhandlung über Corsos Scheidungskrieg nimmt für mich zu viel Platz ein. Das Gestocher in und um Corsos Psyche war mir auch ein bisschen viel, mit seinen „paar Stunden kleberigen Schlafes“.

Die ganze gallische Sentimentalität erscheint in Corsos unglaubwürdiger Beziehung zur Polizeipräsidentin Catherine Bompart, die ihn aus dem Drogensumpf gezogen hat, um ihn zum Bullen zu machen.

Die Verfolgung des perversen Malers Sobiesky ist atemberaubend und gipfelt in einer üblen Straßenschlacht und einer Gerichtsverhandlung, die dem Autor seinen Hohn über das System erlaubt.
Wie immer erspart Grange einem nichts.

Es ist der verstörendste Anti-Familienroman, den ich je gelesen habe. Die Familie als gesellschaftliche Grundlage wird am Ende nicht nur deklassiert, sondern als das Böse geradezu pervertiert. Damit geht Grangé wieder in Regionen, die noch niemand betreten hat.
Ob verstörend, philosophisch, mutig, misslungen oder krank, ist schwer zu entscheiden.
Vielleicht wird man diesen Roman erst in einigen Jahren wirklich beurteilen können. Jetzigen Maßstäben für Noir-Thriller entzieht er sich weitgehend.

Wie Mickey Spillane beginnt Grangé seine Romane mit dem Ende. Das hat den Vorteil, dass man genau weiß, wo man als Autor hin will. „Und dann strickt man den Roman von innen nach außen.
Vielleicht neigt man aber auch dazu, eine Schleife zuviel zu drehen, um für einen Überraschungsmoment die Glaubwürdigkeit zu riskieren.
So kann man das erste Finish gegen Ende des Romans durchaus kritisch sehen. Die Beweisführung vor Gericht ist ein Kaninchen, dass Grangé aus dem Zylinder zaubert. Diese Sequenz ist auch schockierend und spannend. Und Grangé beendet diese Vorführung eines bedenklichen Rechtsystems mit den Worten: „Es gibt kein Wahrheit, es gibt nur vermutete Lügen…“

Es ist sicherlich nicht Grangés bester Roman; dazu hat er zu viele Löcher mit der primitiven Deus ex Machina-Technik gestopft. Aber die Figurengalerie ist farbenfroh und verleiht der Geschichte Fülle. Der Rhythmus ist schnell und die Geschichte äußerst gewalttätig – wie die Figuren.

So viele verdorbene Charaktere pro Quadratkilometer liefert kein anderer Autor.
Für die Fans des Autors bleibt es eine befriedigende Lektüre. Denn Grangé geht wieder in verbotene Zonen, die man diesmal besonders schwer ertragen und beurteilen kann. Besonders in der Auflösung ist der Roman wahrlich eine Hommage an den Marquis de Sade.

Es ist die erste deutsche Ausgabe eines Grangé-Romans, die nicht als Hardcover erscheint, sondern direkt als Paperback. Abgesehen vom Erstling, der später als Hardcover nachgeschoben wurde.
Wohl ein Indiz, für den nachlassenden Erfolg im deutschsprachigen Raum.
Gleichzeitig argumentiert der Erfolg von geistigen Tieffliegern wie Fitzek oder Nesbo für einen beängstigenden Niveauverlust der Konsumenten. Das Bildungssystem zeigt Folgen.

P.S.:
Es gibt auch wieder ein gekürztes Hörbuch, gelesen von Martin Keßler.

Ein wenig zu dumpf produziert,
8 CDs, 20,0 L0 €.

PPS: Grangé ist der einzige Autor, der mir abgewichsten Leser noch Angst machen kann. Dieser Autor macht sie Anzweifelbarkeit deiner geistigen Gesundheit erfahrbar.

https://www.arte.tv/de/videos/092249-000-A/die-geheimnisvollen-alpen-und-die-purpurnen-fluesse/



MEIN BESTER ROMAN 2019: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von BOSTON TERAN by Martin Compart

Obwohl es das Copyright von 2018 im Impressum zeigt, ist das Buch weitgehend erst seit November 2019 zugänglich und für mich deshalb das mit Abstand beste Buch des Jahres 2019.

A novel about the American theatre of the 1850s.

The New York theatre of that era was the Hollywood of its day, with all its trademark insanities. It was everything that was America. Its beauty and excitement, its rise and fall of personalities, its joys and desperations, selfish corruptions and violence. Even its hatred and racism.

Enter Colonel Tearwood’s American Theatre Company. Helmed by actor Nathanial Luck and playwright Robert Harrison, it revolutionizes the theatre of the times by bringing daily life to the stage: Love affairs, social corruption, political intrigue, violence and death grip the audience as backstage the players‘ fortunes rise and fall and rise again in an all too human play. There’s dashing Nathaniel Luck, hunted for the Pickwick Paper murders; beautiful Genevieve Wells, a con artist and swindler; Rosina Swain, aspiring actress in search of a father; and Robert Harrison, scion of a wealthy family, who was burned and disfigured in the infamous Wall Street fire, and turns the ruins of his body into art. How beautiful they were…

„This taut chronicle of despair and hope poses a powerful lens over a transformative period of our past. Unrelenting and haunting, yet at times poetic, How Beautiful They Were is deeply inventive and an irresistible read.“ – Eliot Pattison, Edgar Award winning author of the Inspector Shan Series and the Bone Rattler series

Dies ist der letzte Roman von Boston Terans DEFIANT AMERICAN-Trilogie, zu der THE CLOUD IN THE FIRE und A CHILD WENT FORTH gehören. Alle spielen im 19.Jahrhundert und sind ungewöhnliche Mischungen aus historischem Roman, Gesellschaftsroman und Thriller. Alle zeigen die USA im Gestalt annehmen, auf welchen Verbrechen sie begründet sind und welche Ereignisse dazu beitrugen, dass sie zu dem wurden, was sie heute sind.

Boston Teran überrascht immer wieder durch ungewöhnliche Sujets und natürlich seine literarische Qualität.

Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich einmal für Theatergeschichte interessieren würde (schon gar nicht für die des amerikanischen vor dem Bürgerkrieg im New York der 1840er Jahre).

Die Theaterwelt ist der zentrale Ort, von dem die unterschiedlichsten Hoffnungen ausgehen und der die heftigsten Verwerfungen kreuzt. „Theatre is ideas, and ideas change the flow of power, and the flow of power affects who has the money, and everyone has a dog in that fight… To live where art and life are impossible to separate.”

Der Roman ist strukturiert wie ein Theaterstück in vier Akten.
Er ist aus zwei Perspektiven erzählt: der gegenwärtigen von Nathaniel Luck und der Rückblenden von Jeremiah Fields. Ähnlich wie in E.L.Doctorows RAGTIME wird ein der Geist eines Geschichtsabschnitts der USA durch die persönlichen Verstrickungen der Charaktere definiert. Dabei führt dieses gewaltige Epos durch alle relevanten Schichten, durch Rassen und ökonomische Strukturen.

Aufklärung als historischer Thriller – inzwischen eines von Boston Terans Markenzeichen. Genau wie die Lüge des „American Dream“, wenn man ihn mit der Realität konfrontiert. Auf der Metaebene schwingt immer mit, wie es um die „Moral“ der Vereinigten Staaten seit jeher bestellt ist.

Für Künstler wie Boston Teran kann man den Amerikanern einiges verzeihen (wenn auch nicht ihren Politikern von Reagan bis Dump und ihrer White-Trash-Wählerschaft).

Der Leser spürt den kranken Geist des Rassismus, der das Blut vor Zorn in Wallungen bringt, wird aber mitgerissen vom Suspense und der brillanten Action. Die Auswirkungen von Gewalt und Sklaverei auf die Charaktere dürften keinen Leser unberührt lassen.

Außer Cormac McCarthy in ähnlichen Werken, findet man wohl nichts Vergleichbares. Dass Boston Teran bisher keinen deutschen Verlag hat, sagt viel über den Zustand der Branche aus. Als hätte sich die Musikindustrie dazu entschlossen, die Rolling Stones nicht unter Vertrag zu nehmen.

Obwohl der Roman – wie bei Teran üblich – auf genau recherchierten Fakten und Mentalitäten beruht, erscheint er dem heutigen Leser manchmal wie Fantasy. Entsprechend der Maxime des britischen Schriftstellers Leslie Poles Hartley: “The past is a different country, they do things differently there.”

Die Charaktere sind unvergesslich, die Brutalität schwer erträglich, die Erkenntnis zwingend, die Spannung vorantreibend und die Sprache wunderschön.

Kein anderer lebender Autor hat mich in diesem Jahrhundert bisher tiefer beeindruckt als Boston Teran, der wie ein Chamäleon die Farben wechseln kann, dabei aber immer dieselbe Meisterschaft behauptet. Unterschiedliche Genres, unterschiedliche Stile – immer gleichzeitig aktuell und zeitlos.

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UND HIER NOCH MEHR VON MEINEN BESTEN VON 2019:

Bester Roman: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von Boston Teran
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Beste deutsche Erstausgabe: DEAD LIONS von Mick Herron
https://martincompart.wordpress.com/2018/09/21/mick-herron-der-abdecker-des-secret-service-1/

Bestes Debut: TOD EINES GENTLEMAN von Christopher Huang

Bester deutscher Thriller: FANAL von Michael Contre
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/07/fanal-interview-mit-michael-contre/

Beste Sekundärliteratur: EINIGE MEINER BESTEN FREUNDE UND FEINDE von Klaus Bittermann und DAS IMPERIUM-GESCHÄFT von Berthold Seliger
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/21/40-jahre-bittermann/
https://martincompart.wordpress.com/2019/06/19/ticketing-gangster-berthold-seligers-analyse-der-konzertindustrie/

Beste TV-Serie: MINDHUNTER
https://crimetvweb.wordpress.com/category/mindhunter/

Bestes Album: DAS BESTE von Achim Reichel
https://martincompart.wordpress.com/2019/12/06/rattle-rekrut-reichel/

Beste Wiederentdeckung: VILLAIN -sowohl Roman wie auch Film
https://martincompart.wordpress.com/category/villain/




IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/



Interview zu LEMMINGE IM PALAST DER GIER by Martin Compart

LEMMINGE IM PALAST DER GIER – Fragen an Compart

Rezensionsexemplare über michael.contre@zerberus-book.de



DAN J.MARLOWE-BIO by Martin Compart
9. Oktober 2019, 9:01 am
Filed under: Noir, Sekundärliteratur | Schlagwörter: , , ,

Dan J. Marlowe gehört zu den unterschätzten Noir-Autoren, die besonders in den 1960ern Noir-Geschichte geschrieben haben (THE NAME OF THE GAME IS DEATH). Seit 2012 gibt es eine faszinierende Biographie, die Myron Bünnagel in seinem für Entdeckungen bekannten Blog MORDLUST unter die Lupe nimmt: https://www.mordlust.de/charles-kelly-gunshots-in-another-room-the-forgotten-life-of-dan-j-marlowe/



BOSTON TERANS MUTTER DES JAHRES by Martin Compart

„No one looks exactly like they really are. That’s the secret of the human race.
How the honest and the dishonest get by in the harsh climate of everyday life.
How both beautiful and barbarous motives go unnoticed until it’s too late.“

In a rundown Los Angeles bungalow, Shay Storey sits across a battered Formica table watching her mother clean the semi-automatic they will use for a killing. It is 1987 and Shay is just thirteen. Their intended victim is a local policeman named Victor Sully from Baker. Shay and her mother shoot him and bury him in a shallow grave in the desert northeast of Los Angeles, but somehow, some way, Sully claws his way to survival.

His life, though, is destroyed anyway, and he slips out of Los Angeles under cover of darkness, a broken man. It is more than ten years later that these three lost souls meet again to play out the inevitable drama set in motion by that first violent meeting in the desert, each searching for revenge, and perhaps, redemption.

Riveting, powerful, and brilliantly written, Never Count Out the Dead is an unforgettable reading experience that will linger in your brain long after the last page is turned.

Der Erstling von Boston Teran fegte wie ein Wüstensturm aus dem Nichts über die Noir-Szene hinweg. Mit Spannung wurde der zweite Roman erwartet.

Entweder würde er groß scheitern oder triumphieren.

NEVER COUNT OUT THE DEAD bewies, daß Teran kein One-Hit-Wonder war. Thematisch völlig anders als GOD IS A BULLET schoss der Roman sofort in den Pantheon der Noir-Kultur.

Ein Kritiker bezeichnete ihn als Mischung aus CHINATOWN und MACBETH.

Der Roman erlebte nur zwischen 2001 und 2004 Übersetzungen in drei Sprachen und 15 Auflagen.

Auch weil er eine der ungewöhnlichsten und erschreckendsten Noir-Ladies vorführte.

Wie man schon seit Cyrus aus GOD weiß: Für Terans Antagonisten gibt es eine eigene Lounge in der Hölle. Aber ob da auch die Berufsmörderin Dee Storey Einlass findet, ist fraglich.
Dee könnte einen eigenen Kerker beanspruchen.
Sie ist das ganze Gegenteil von Donna Reed in MUTTER IST DIE ALLERBESTE. Eine durchgeknallte Speedsüchtige, die als Mietkillerin die ökonomischen Lebensumstände schwer verbessert hat. Ihre 13jährige Tochter Shay hat sie schon mal an Pornographen und Perverse vermietet. Von einem beschissenen Leben gebeutelt, versucht sie auf ihre Art, die Tochter fürs Leben vorzubereiten. Und um die Mutterliebe komplett zu machen, überrascht sie ihre Tochter eines Tages mit dem Wunschtraum einer jeden 13jährigen: „We’re going to kill a man tomorrow night . . . it won’t be easy, I know”.
Und damit geht es erst los!

Ein abschreckendes Beispiel dafür, was Southern Comfort mit Speed selbst aus den Derbsten unter uns machen kann.

Wie in GOD IS A BULLET muss der männliche Protagonist eine Wandlung von Passivität zur Aktivität durchlaufen. Diesmal ist der Journalist Landshark der Katalysator.

NEVER COUNT OUT THE DEAD, ebenfalls im present tense geschrieben, gibt dem Leser erste Anzeichen dafür, wie Boston Teran nach dem überschwänglichen Erstling seine Sprachgewalt zu zähmen beginnt. Vergleicht man die apokalyptische Stimme der ersten Romane etwa mit THE CREED OF VIOLENCE, sieht man die Entwicklung deutlich.
Und noch frappanter fallen die Vergleiche mit THE COUNTRY I LIVED IN aus. Aber hier arbeitet er noch mit fast so vielen Metaphern wie im Erstling.

Chandler unter Crystal Meth. „As in Chandler’s books the Southern California landscape is evoked so strongly -the hot, sweet aroma of the chaparral, the gritty, mineral taste of sand- that it becomes a virtually independent character looming over the rest of the story. The book is shot through with seething anger; each character is haunted by memories of loss and betrayal. At times rage drives the writing almost out of control; the author’s prose-style is simultaneously propulsive and twisty, reading some of the author’s sentences is like driving too fast on a curvy mountain road. I found myself crashing at times, but the style perfectly suits the swift, violent nature of the story”, schrieb ein zufriedener Amazon-Kunde.

Der Roman beginnt und endet im San Frasquito Canyon (gemeint ist wohl der San Francisquito Canyon). Ein nettes Plätzchen. “In between confrontations, Teran displays a deep, loving knowledge of Southern California, particularly its underbellies: Franklin Canyon, where the Hillside Strangler once roamed, and a dozen neighborhoods of Los Angeles that have seen better days.
Teran’s geographic and historic knowledge is so great and his descriptive powers so developed that he makes one want to jump in the car with only a road map and explore all these long-forgotten and never-seen places. We might end the day at a dusty desert motel with a bottle of bourbon, the air conditioner broken down, sweating on top of the sheets, and thinking about God and sin and endless highways.”
(Mark Johnson ).

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Korruption und andere Verbrechen haben in Kalifornien geradezu byzantinische Ausmaße, die bekanntlich nicht nur BT inspiriert haben. Tom Long fragte zu Recht: “This is mean, nasty stuff, so thoroughly laced with vileness and hopelessness that you wonder who the heck Teran hangs out with.”

Aber was hat ihn zu NEVER COUNT OUT THE DEAD inspiriert?
In einem Interview aus 2001 erzählt er:

“The inspiration for NEVER COUNT OUT THE DEAD came when the traffic of two completely independent realities converged upon one intersection: theme.

First reality: My father was a widowed gamblaholic who liked the taste of everything a little too much. He indulged in what might be called the larcenous expedition or the conning adventure. Unfortunately, some went bust and he couldn’t just scam his way out of trouble.

While I was growing up and these little „catastrophes“ played out my father sometimes took me from home and had me live somewhere else. Once I was moved into the basement apartment of a two family house owned by a mother and daughter prostitute team. Their apartment was on the floor above. My father was dating both women at the time and felt I was better off having them look out for me.

All I witnessed and experienced of their relationship, their cunning and fearlessness, every brutal and tortured confrontation, I carried around inside my head until I could find a home on the written page for the mythos of that living drama.

Second reality: When GOD IS A BULLET was first published, I began a dialogue with someone I can describe only loosely as „an investigator with journalistic aspirations“ and who called themself Birdhous-gal.

We began to exchange written dialogues on the corruption behind the building of certain L.A. schools on toxic and potentially toxic sites.

Disaster heaped upon youth because of the cancerous character of adults was a motif that seemed to connect these two distinct realities, and so an idea was born. “

Aus “Birdhouse-gal” ist im Roman dann “Landshark” geworden, der investigative Journalist „too intense for his own flesh. Driven hard by sad, desperate needs that might bring about his own destruction. And angry to a point he doesn’t recognize.“

ZWEI BLURBS:

‚Jim Thompson´s crown and his fury seem to have passed to Boston Teran, the new voice of pulp fiction‘ – Dennis Lehane

‚A grim glorious Gothic that culminates in an action finish Bruce Willis would kill for.The tension ratchets up like thumbscrew in the hands of a master inquisitor… Boston Teran anatomizes loss like nobody else, but he never loses sight of the indomitability of the human spirit. If writing is therapy, I´m very glad not to be inside Boston Teran´s head. This is a terrifying glimpse into lives that make you sit and count your blessing till dawn.´

Val McDermid



JIM NISBET – WELT OHNE SKRUPEL von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart
25. Juni 2019, 5:45 pm
Filed under: JIM NISBET, Jochen König, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: , , ,

Klinger ist ein Kleingauner, ein Loner wie er im Buche steht. Geich sein erster Auftritt zeigt wie Jim Nisbets „Welt ohne Skrupel“ funktioniert: Nach einem missglückten Überfall auf der Flucht vor der Polizei opfert Klinger seinen Komplizen ohne Umschweife den Verfolgern, damit er unbeschadet entkommen kann.

Lapidarer Gedankengang: Chainbang (kleine Anspielung auf Rex Miller?) war sowieso ein Idiot und ist damit selbst schuld an seinem Schicksal.

Klinger zieht weiter, besucht eine alte Freundin, schnorrt Geld und hängt in Bars ab, säuft, trifft Bekannte und macht einen Ausflug in die ehemaligen Bergwerksanlagen unter San Francisco. Sucht Nuggets und findet einen Schädel unter einem Friedhof. Hamlet ist ein Loser und Dänemark weit weg.

Später versucht Klinger mit einem Kumpel einen reichen Schnösel auszurauben. Dürfte nicht schwer zu erraten sein, dass diese Aktion in einem Desaster endet.

Immerhin erbeutet Klinger das Smartphone des Opfers. So ergibt sich ein Kontakt zu Marci, der Chefin und Ex-Freundin des Überfallenen. Ganz ehrlicher Finder, ist Klinger bereit das Telefon zurückzugeben. Kleiner Finderlohn sollte drinsitzen.

Marci hat andere Pläne. Auf dem Telefon ist eine neuartige Dating-App, die Philipp Wong, der Handy-Besitzer, entworfen hat. Wäre doch schön, wenn man die ohne den Entwickler vermarkten könnte. Klinger findet sich plötzlich in einer Welt wieder, die er nicht versteht und von der er keine Ahnung hat, verführt von einer Frau, der er nicht gewachsen ist. Eine App, die Femme Fatales identifiziert, besitzt Klinger leider nicht. Und wenn, könnte er vermutlich nicht damit umgehen.

Jim Nisbet ist ein Meister des Understatements.

Seine „Welt ohne Skrupel“ ist kein Sündenpfuhl, in dem Mord- und Totschlag herrschen und krawalliges Drama Katastrophen heraufbeschwört.

Nisbet erzählt Alltagsgeschichten von Losern und Aufsteigern, die ohne Bedenken Freunde und Bekanntschaften über die Klinge springen lassen. Klinger geht dabei mit unbeschwerter Dreistigkeit vor, während Marci die Frau mit einem Plan ist. In Klingers Umfeld (und bei seiner Arbeit) sterben Menschen, weil er mögliche Auswirkungen keine Sekunde überdenkt, Marci hat tödliche Konsequenzen von Beginn an im Blick.

Zwischen den beiläufig inszenierten oder ganz im Off ablaufenden Verbrechen, wird der Alltag bewältigt. Klinger ist ein Flaneur im späten Gefolge Charles Bukowskis (ohne dessen derbe Anzüglichkeiten), er findet immer jemand, dem er Geld abknöpfen kann, um es in einer ranzigen Bar mit einem Kneipenphilosophen am Tresen unter die Leute zu bringen.

Er trifft andere Gestrandete, räsoniert über sein leben und das der anderen, trinkt zu viel, ab und an fällt etwas Sex ab. Just an oldfashioned Guy, der seine Perspektivlosigkeit vermutlich als bewusstes Leben im Hier und Jetzt empfindet. So jemand braucht kein Smartphone. Anfragen gibt es eh keine, und Gespräche kann man von Angesicht zu Angesicht führen.

Eigentlich hätte es Klinger stutzig machen müssen, dass ihn eine Frau wie Marci, die offensichtlich in einer ganz anderen Liga spielt, verführt und mit auf eine gemeinsame Tour nimmt. Doch Klinger erfreut sich am Sex und lässt sich freudig aushalten. So kann er es gar nicht ausschlagen, zum Handlanger zu werden. Er hat Spaß gehabt, und der kostet eben. Klinger nimmt’s gelassen hin, irgendwie wird es schon weitergehen.

„Welt ohne Skrupel“ ist eine Mischung aus finsterem Schelmenroman und klassischem Noir in modernem Gewand. Das Aufeinanderprallen von Anachronismen und digitaler Herrschaftshoheit findet beiläufig statt, ist ein lakonischer Kommentar, der auf genauer Beobachtungsgabe basiert und kein moralinsaurer Diskurs eines alternden Autors, der sich in der Gegenwart unwohl fühlt. Nur Klinger wäre ohne Smartphone besser dran gewesen. Aber zurück geht’s nicht mehr. Nie.

„Mach mir noch einen.“ Natürlich muss der Roman so enden. Kneipenphilosophie auf dem Prüfstand.

Jim Nisbet

WELT OHNE SKRUPEL

Originaltitel: Snitch World
PULP MASTER 2019
200 Seiten

TB 14,80
ebook 9,99

Jim Nisbet – Welt ohne Skrupel