Martin Compart


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: A SIMPLE ACT OF VIOLENCE von R.J.Ellory+Interview by Martin Compart

„Inmitten der heißen Wahlphase will man in Washington eigentlich nichts von einem Serienkiller hören. Doch nach dem vierten Mord sind auch die Medien nicht mehr zurückzuhalten. Für den ermittelnden Detective Robert Miller sind allerdings nicht nur Motiv und Täter rätselhaft, auch die Opfer stellen ihn vor Fragen. Denn die vier ermordeten Frauen existierten offiziell gar nicht. Je weiter Miller nachforscht, desto mysteriöser wird der Fall. Schließlich gerät er in ein Netz so dunkler Machenschaften, dass er um sein eigenes Leben bangen muss …“

Das lässt Übles vermuten…

„Serienkiller sind etwas, dass man nicht verstehen kann, was man nie verstehen wird.“ So spricht der Autor und vermittelt mir zusätzlich ein ungutes Gefühl.

Nichts interessiert mich weniger als Serienkiller-Geschichten debiler Autoren, die auf einen Bestseller aus sind und dies dank ebenso debiler Käufer auch hinkriegen. Beide Gruppen sollte man auf ein Kreuzfahrtschiff verbringen und in der Sargassosee torpedieren, da sie ernsthaft der Evolution des Genres schaden. Andererseits: Bei so völlig durchgeknallten Zeugs wie von Ethan Cross, möchte man gerne die Adresse seines Dealers erfragen.

Aber A SIMPLE ACT OF VIOLENCE ist weder ein Serienkiller-Roman, noch ein Cop-Roman. Es ist eine Synthese aus Polit-Thriller und Police Procedual, die man zuvor nicht kannte. Neben der ungewöhnlichen Qualität ist es auch diese Innovation, die das Buch zu einem Meilenstein in der Geschichte der Kriminalliteratur werden lässt. Und: Eine intensivere Annäherung zwischen Noir-Roman und Polit-Thriller gab es seit Manchette nicht mehr – auch wenn Ellory mit seinen Charakteren weniger gnadenlos umgeht.

Weniger begabte Autoren behaupten die Noir-Figur nur als störrischen einsamen und düsteren Cop-Helden, der gegen den Widerstand Vorgesetzter und noch höherer Mächte für Gerechtigkeit derer kämpft, die dies nicht mehr können oder nie konnten, der mitfühlt mit den Ausgestoßenen einer sozialdarwinistischen Kleptokratie, deren Tanz um das goldene Kalb die Bibelszene zu einer lustigen Stummfilmszene macht. Ellory behauptet sie nicht, er zeigt sie als dreidimensionale Charaktere, die den Leseraum erfüllen. Anders als die vor Klischees triefenden Detektive des Neo-Golden Age-Detektivromans oder langweilig gebrochenen Copper des Polizeiromans, erzeugen Ellorys Helden nicht mal den Schein kultureller Sicherheit. Erlösergestalten, die „im Kleinen“ etwas Gerechtigkeit herstellen, haben in seiner Welt o9hne Erlösung keinen Platz. Er zwingt den Leser, hinter die Fassaden von verfaulter Moral und Legalität zu blicken, die längst verrottete Ruinen sind.
Durch die Parallelerzählung von Proto- und Antagonisten bekommt der Leser mehr Einsichten gegenüber Miller und seinem Partner, die aber schwer einzuordnen sind und gleichzeitig einen Wissensvorsprung und Unsicherheit erzeugt.
Die Dialoge – besser: Wortduelle zwischen Miller und Robey gehören zu den Highlights des Romans, die Widersprüche im System personalisieren. Sie sind spannend und vortrefflich formuliert, ohne chandlersches Wisecracking zu strapazieren.

Die Erinnerungen des Ex-CIA-Mannes Robey an den Krieg gegen Nicaragua lassen im Leser Hieronymus Bosch- Bilder aufflammen. Drogen kann man nicht erschießen, weshalb die USA mit ihnen Gewinnmaximierung durch ein doppeltes Geschäftsmodell betreibt: Sie finanziert mit Steuergelder den nutzlosen Abwehrkampf um die Preise hoch zu halten und profitiert institutionell und steuerfrei (besonders die CIA) von Schmuggel, Verkauf und Kompensationsgeschäften (wie Waffenhandel). All das dröselt Ellory spannend an Hand der Mittelamerika-Politik auf. Er zeigt dies genau recherchiert am Beispiel des Contra-Nicaragua-Krieges, der das Drogengeschäft auf eine neue Ebene stellte.

Mit 670 Seiten gehört er zu den umfangreichsten Kriminalromanen überhaupt. Also eigentlich zu den redundanten Laberkrimis à la McKinty oder Don Winslow, die man zu meiden gelernt hat. Dies ist -wie alle Romane von Ellory – ein so komplexes Buch, das man in seinem Universum fast ersäuft. Als erfahrener Leser kommt gelegentlich die Angst auf, dass er am Ende seinen labyrinthischen Plot nicht befriedigend auflöst. Ohne Spoiler-Alarm zu geben, kann ich versichern, dass dies nicht der Fall ist. Der unterschätzte Autor John Lutz hat die Spannung und politische Relevanz des Romans treffend in einem Satz zusammengefasst: This one will keep you up late reading, and then you won’t sleep.

Ein vorrangiger Topos in seinen Romanen ist die Auswirkung von Handlungen in der Vergangenheit auf die Gegenwart.

Ein Stilmittel, das er exzellent beherrscht, ist die Parallelerzählung – hier Protagonist und Antagonist mit ihrer unterschiedlichen Moral und Perspektive. Die Perspektive des Letzteren gibt dem Leser einen Vorsprung vor dem Protagonisten, fast wie in Hitchcocks Dramaturgie.

Monatlich produziert er durchschnittlich 40.000 Worte mit dem Ziel, innerhalb von drei bis vier Monaten die komplette erste Fassung eines Romans zu erreichen. Einer seiner Wahlsprüche lautet: The harder you work, the luckier you get. “Ich entwickle keine Plotstruktur im Voraus. Nicht mal wenn ich Dreiviertel des Buches geschrieben habe, weiß ich, wie es enden wird. Ich habe keine Lust über Privatdetektive oder forensische Pathologen zu schreiben. Ich mag Außenseiter, die neben der Spur sind.“

Er arbeitet äußerst diszipliniert, beginnt frühmorgens und schreibt täglich etwa 4000 Worte.

„Ich habe eine vage Storyidee, aber eine genaue Vorstellung von den Gefühlen, die ich erzeugen möchte. Ich treffe Entscheidungen über Ort und Zeit, in denen die Geschichte spielen soll. Die Spontanität und Offenheit einer nicht geplanten Handlung inspiriert mich. Ich steige tief in die Charaktere ein und manchmal ändern sie während des Schreibens unerwartet die Richtung, was die Story ändern kann. Ich liebe den Schreibprozess und ohne Outline ist alles viel interessanter.“ Alle Autoren, die so arbeiten, nennen ein bedeutendes Argument: Wenn sie nicht wissen, wie sich der Roman entwickelt, wird es der Leser auch nicht können. „Ich schreibe die erste Fassung komplett durch, schaue nie zurück und ändere nichts, bevor ich fertig bin. Dann lasse ich das Manuskript ein paar Tage liegen, bevor ich mit dem Bearbeiten beginne. Das kann Umschreiben bedeuten, Kapitel straffen oder anders anordnen, kürzen und ergänzen. Dann geht es an meinen Lektor.“

Seine Leidenschaft für die USA geht auf den jugendlichen TV-Konsum zurück. „Starsky and Hutch, Hawaii 5:0, Kojac usw. Bogart und Bacall waren Onkel und Tante für mich. Ich bin fasziniert von amerikanischer Politik. Ich war und bin häufig in den USA und es ist jedes Mal so, als kehrte ich heim.“ Offenbar fühlt sich Ellory auf der dunklen Seite am wohlsten. Denn sein USA-Bild in seinen Büchern ist alles andere als einladend.

Ellory wurde am 20.Juni 1965 in Birmingham geboren. Sein Vater verließ seine Mutter, die Schauspielerin und Tänzerin war, noch vor seiner Geburt. Mit ihr wuchs er bei seiner Großmutter auf bis seine Mutter 1971 starb. Unter Obhut der Großmutter besuchte er mehrere Schulen. Mit 16 schrieb er sich bei einer Birminghamer Kunstschule ein, um Graphik und Design zu studieren. Dann starb 1982 seine Großmutter, was ihn für einige Zeit ziemlich aus der Bahn warf und ihm mit 17 Jahren eine Haftstrafe wegen Wilderei bescherte. „Nach dem Tod meiner Großmutter lebte ich mit meinem Bruder in einem Haus, in dem es weder Elektrizität, Gas oder Wasser gab. Um zu essen, klauten wir ein paar Hühner und wurden erwischt. Wir kassierten drei Monate Knast. Das war ziemlich hart. Es waren die frühen 1980er mit Thatchers Schocktherapien für junge Straftäter.“ Er schlug sich mit Jobs durch und spielte in der Band The Manta Rays („die lauteste Band von Manchester.“), bis diese sich nach dem Tod des Schlagzeugers auflöste. Die Liebe zur Musik begleitet ihn bis heute: Er ist Sänger und Gitarrist der Band The Whiskey Poets. Damals begann er exzessiv zu lesen: Conan Doyle, Michael Moorcock, Tolkien, Ian Fleming und Stephen King gehörten genauso zu seiner prägenden Lektüre wie philosophische, psychologische Standardwerke und ostasiatische Religionsschriften.

Mit 22 Jahren – 1987 – begann er mit seinem ersten Roman. Das Schreiben wurde zur Manie: Bis 1993 verfasste er 22 Romane, schrieb ununterbrochen in diesen sechs Jahren mit der Ausnahme von drei Tagen, die er brauchte, um die Scheidung von seiner ersten Frau durchzuführen. Alle Romane wurden abgelehnt. Er hatte sich zwischen zwei Stühle gesetzt, da er als britischer Autor Romane verfasste, die in den USA spielten mit amerikanischen Personal bestückt waren. Als hätten dies nicht zuvor und erfolgreich andere Autoren getan (z,Bsp. Tim Willocks, Lee Child oder James Hadley Chase).

Er erhielt von Verlagen beiderseits des Atlantiks über 300 Absagen.
Frustriert beendete er seine schriftstellerische “Karriere”. Bis August 2001. Da nahm er erstmals einen Bürojob an und lernte, mit einem Computer umzugehen. Das Erstellen eines word-documents begeisterte ihn, und er begann wieder zu schreiben. „Sechs Jahre schrieb ich alles mit der Hand, aber nun nur noch mit Computer. Ausgenommen auf Reisen. Aber dann speise ich anschließend alles in den PC.“ Bis ins folgende Jahr verfasste er drei Romane, darunter CANDLEMOTH, der als „Erstling“ von Orion veröffentlicht werden sollte. Der Roman wurde für den Ian Fleming Steel Award nominiert (wie auch der vierte, CITY OF LIES, 2006). Seitdem wurde er für viele weitere Preise, die international inzwischen inflationär verteilt werden, nominiert und gewann auch irgendwelche nicht weiter aussagekräftige. Inzwischen sind über drei Million Exemplare seiner Romane verkauft worden, die in 25 Sprachen übersetzt sind.

2012 kam es zu einem Skandal, mit dem er seine Satisfaktionsfähigkeit aufgab: Der Thriller-Autor Jeremy Duns (guter Autor!) überführte Ellory der Amazon-Manipulation. Dieser hatte unter falschem Namen positive Bewertungen seiner eigenen Bücher geschrieben. Aber was noch mieser war: Er hatte andere Autoren (Mark Billingham, Stuart MacBride) schlechtgemacht – auf miese Art und Weise. Nachdem Duns die Geschichte öffentlich gemacht hatte, kam Ellory verständlicher Weise ziemlich unter Druck. Sogar die CWA sah sich genötigt, dazu Stellung zu nehmen. Ellory sah sich genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen. Die Betroffenen bemüht die Entschuldigung an. Aber machen wir uns nichts vor: so eine miese Sache bleibt für lange, lange Zeit kleben und wird auch vieles Verdienstvolles überschatten.

Der Schrei der Engel von RJ Ellory

Dabei ist die Motivation rätselhaft, denn Ellory war ja inzwischen erfolgreich und hatte weder Eigenlob noch die üble Nachrede an Mitbewerbern nötig. Ähnlichen Schwachsinn hatte zuvor schon der renommierte Historiker Orlando Figes verbrochen.

„Mich interessiert nicht, ob der Leser sich noch an den Plot, den Titel oder die Charaktere erinnert. Ich möchte, dass er sich noch nach Jahren daran erinnert, was er bei der Lektüre empfunden hat.“

Sein Rat an angehende Autoren: „Ich glaube, das schlechteste Buch, das man schreiben kann, ist ein Buch, das den Leuten gefallen soll. Ich glaube, das beste Buch ist eines, das man selber lesen möchte. Schreib ein Buch über etwas, dass dich wirklich interessiert, denn dein Enthusiasmus wird durchscheinen. Mich interessieren häufig Stil und Sprache mehr als der Plot. Aber gute Geschichten kommen von Menschen und ihren Erfahrungen, nicht von Formeln und Regeln.“

Der Goldmann Verlag hat nur drei Titel (von inzwischen 13) übersetzen lassen. Dann war Schluss mit Lustig. Zu geringe Absatzzahlen hatten wohl die Kalkulation der umfangreichen Bücher mit ihren hohen Übersetzungskosten schwierig gemacht.

Aber wenn ein Unternehmen wie Bertelsmann/Random House mit seiner ökonomischen Potenz (jede Menge schmutziges Geld durch RTL) nicht mehr dazu bereit ist, im deutschen Markt gelegentlich an einem Qualitätsautor festzuhalten, um ihn langfristig durchzusetzen, dann wird es düster. Dann wird wohl auch der letzte anspruchsvolle Leser zu englischen Ausgaben greifen müssen.

Ein letztes Wort von J.R.Ellory: „Ich habe nie vergessen, was es heißt, die Frustrationen zu erleben bis man veröffentlicht wird und was es kostet, mit dem woran man glaubt, weiterhin veröffentlicht zu bleiben. Ich schreibe für mich, ich schreibe für Leser. Falls ich jemals für Geld schreibe, weiß ich: Es ist vorbei. Ich glaube nicht, dass dieser Tag je kommt.“


Selbst im kleinen Holland wird Ellory regelmäßig ins Flämische übersetzt

INTERVIEW ZUM BUCH:

What was the first inspiration for SIMPLE ACT OF VIOLENCE

Well, when I was in my early teens I was consumed by an interest in such films as ‚All The President’s Men‘, ‚The Conversation‘, ‚French Connection‘, ‚Serpico‘, ‚Three Days of the Condor‘ etc., that gritty neo-realist movement driven by people like Lumet, Pakula, Coppola and Friedkin. I was so interested in these subjects that my first career path was towards journalism, especially investigative journalism. Anyway, I had just completed a very, very different book (‚A Quiet Belief in Angels‘), and I really felt that I wanted to write something of this nature. I had already covered such things as Watergate, the Kennedys, police corruption, the KKK and death row, and a grander scope appealed to me. I started to look at significant political events in the past fifty years, and the thing that really drew me to Nicaragua was the fact that it was US intervention in another country. Like Vietnam, like Salvador, here we had a nation involving itself in another country’s politics, so much so that they murdered many thousands of people, rigged elections, destabilised the economy, and all for the usual reasons – money, political control, natural resources. It was the grand scale of it that pulled me, and it was also an opportunity to take on another monolithic myth, the CIA.

…and what pulled the trigger?

When I first started looking at the CIA and realized that they had been involved in illegal invasion, political subversion, Black Ops., military actions, assassinations and coup d’état operations in over forty countries just since the end of the Second World War. That’s just what is documented and known about. It’s the big lie hidden in plain sight.

.Everything comes together so „smoothly“ in the plot. When did you get this perfect control of the plot? As I´ve learned, you don´t write layouts or exposés and the direction of a book can change even in the middle of a book.

I don’t know that I ever get complete control of it! As you say, it is not worked out from a synopsis. I just write it. I work it out as I go along. Things change. Things have to move around. I write it start to finish in one go, never going back over what I have written. Once I am done and I know the end, then I go back to the start and fix all those things that don’t make sense. I know it may not be the usual way to work, nor perhaps the best, but I think the way you work is the way you work, and you have to work whichever way suits your thinking processes. For me, a book is a very intense activity, very fast (I usually get a first draft done in about 10-12 weeks), and I am sort of in the story, living within it, and even when I am not writing I am thinking about the next chapter, the one after that. The plot evolves, and I evolve my thinking with the plot. I really don’t want to sound like an expert because I don’t consider myself one, and I am learning all the time. It is a spontaneous and organic thing rather than a planned and methodical approach, and it’s just related to the way my mind works.

 

As in your other books: You are brilliant with the names of your characters. Do you find these names easy? How important is it to you to get the names right?

That’s a really interesting question, because it is really important. The question I ask myself is, ‚Does this name suit this person?‘ and ‚Does this contribute to the ‚realness‘ of the character?‘ For me, as I have said before, the key issue with any novel is the emotion of the thing. The first thing I decide when I embark upon a new book is ‘What emotions do I want to create in the reader?’ or ‘When someone has finished this book and they think about it some weeks later, what do I want them to remember…what emotion do I want them to feel when they recall reading the book?’ That’s key for me. Those are the books that stay with me, and those are the books I am constantly trying to write. There are a million books that are brilliantly written, but mechanically so. They are very clever, there are great plot twists, and a brilliant denouement, but if the reader is asked three weeks after reading the book what they thought of it they might have difficulty remembering it. Why? Because it was all very objective. There was no subjective involvement. The characters weren’t very real, they didn’t experience real situations, or they didn’t react to them the way ordinary people react. It was more of a puzzle-solving exercise than a real emotional rollercoaster. In fact, some of the greatest books ever published, the ones that are now rightfully regarded as classics, are books that have a very simple storyline, but a very rich and powerful emotional pull. It’s the emotion that makes them memorable, and it’s the emotion that makes them special. Character is everything for me, so a book should be filled with the blood of the character, at least figuratively speaking! I have to feel that the person is real, that they could be real, that such a person could actually exist out there in the world and that they would react this way under such pressures. In writing this book it changed along the way, as all my books do, and they change because the characters become that much more real, and thus they actually begin to inform and influence the direction of the story. I don’t want that to sound pretentious, you know, but I am always working against an emotional barometer. If I don’t feel it, then the reader won’t. Personally, I have a major issue with central characters who are always right, who leap to the wildest conclusions about things, and are then proven right. Coincidences are very rarely coincidences in life, and police work is not based on luck or coincidence or anything else! People are not like that at all, either. They make mistakes constantly. We are all the same in that respect. So it really does start with the name. If I don’t believe in the person, then I am fooling myself if I think that my readers will believe in them.

 For me as reader, I didn´t like it to leave Robey forever (of course: it was inevitable). He was a kind of a Byron-hero. Can you remember how you „met“ him?

John Robey is the name of Cary Grant’s character in Hitchcock’s ‚To Catch A Thief‘, but with a different spelling. I wanted to give a nod of respect to Hitchcock, for he was another major influence on my storytelling. I have written a number of very different books, but the thread that ties them all together is ‚ordinary person in an extraordinary situation‘. That’s the Hitchcock theme, from ‚Strangers on a Train‘ to ‚North by Northwest‘ to ‚Rear Window‘. That was the simple reason for doing that. As for Robey himself, he was always going to be the prime mover in this drama. At the very heart of it, we have a love story between Catherine Sheridan and John Robey. It’s a love for one another, but also a love for country, for an ideal, for a belief. We so often take the wrong road to get to the right place, but what happens when we arrive at the ‚right place‘ and realize that this is also wrong? It’s a book about shattered trust, about compromising for a really important reason, and then finding out that the reason was a lie. Robey, himself, was a single man representing the whole rationale of the story, and – in a lot of ways – he had to think the way I think, and he had to react in the way I believed I would have done had I been in such a situation. All the way through I was asking myself, ‚If this was me, what would I do?‘ In a way, strange though it may sound, writing a character like that is a voyage of self-discovery because you find out things about yourself.

I hate the usual love stories in every kind of fiction. I think with Miller and his love interest you really kept the balance on a fine line. Is it easy or tough for you to write about love in these kind of context?

That also makes me smile, because I love to write love stories because they are so easily screwed up, and sometimes they are done so badly! Balance is the exact word. It is the same balance you have to find when writing a novel that deals with past events and history. Enough history to tell the story, not so much that it slows down the story itself. So it is with love, and – once again – it comes back to reality. Does it feel real? Does it work? Does it seem credible and genuine and would people really talk this way and act this way and think this way? Those are questions I am asking all the time. I want to create characters that feel like actual people, and when you finish the book you have to leave them behind and you feel like you are losing a friend, even when that friend is a little crazy!

 

 

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THRILLER, DIE MAN LESEN SOLLTE: ROBERT FERRIGNO by Martin Compart


Obwohl seine Romane in 18 Sprachen übersetzt wurden, hat es Robert Ferrigno nie in die erste Liga der internationalen Bestsellerautoren geschafft, Dabei hat man ihn bei seinem Debüt 1990 mit THE HORSE LATITUDES (ROSSTIEFEN) immer mal wieder als „the next big thing“ vermutet. Seitdem schrieb er wohl 12 Romane, die nicht den prognostizierten Bestsellererfolg hatten. Seit ein paar Jahren ist er diesem Ziel näher gekommen, indem er sich vom Noir-Thriller abgewendet hat und eine Serie schreibt, die in der nahen Zukunft angesiedelt ist, in der die USA ein islamisches Land geworden sind. Vergleichbar eher mit Robert Harris´ VATERLAND oder Len Deightons SSGB, als mit Parallelwelten der Science Fiction. Der erste Roman ist auch auf deutsch erschienen; von seinen Thrillern leider nur die ersten sechs (bei Knaur und Goldmann).

Ferrigno hat ein merkwürdiges Problem mit Nachhaltigkeit: Bei der Lektüre seiner Noir-Thriller amüsiert man sich glänzend, empfindet ihn häufig in derselben Klasse wie Elmore Leonard oder Carl Hiaasen. Aber kaum hat man das Buch weggelegt, platzt die Erinnerung daran wie eine Seifenblase und selbst sein beeindruckendes Personal an bösen Buben entschwindet. Unverständlich, da er tolle Dialoge schreibt, wahnwitzige Figuren erfindet und originelle Plots entwickelt. Wiederholt entgleitet ihm die Struktur und dann geraten die Bücher aus dem Tritt, können das Tempo nicht mehr halten. Die Choreographie stimmt nicht mehr. Das klingt  ziemlich hart. Aber ich würde mir wohl nicht die Mühe machen, Ferrigno hier zu behandeln, wenn das Vergnügen an seinen Romanen nicht die Mängel übertreffen würde. Lassen Sie sich also bei aller hier geäußerten Kritik nicht von der Lektüre abhalten.

Seine schwächeren Romanen erinnern an Filme von Quentin Tarantino: Intelligentes Spiel mit Genres-Topoi, blendende Dialoge und Charaktere, aber ohne berührende Tiefe.

Ferrigno hat auch seinen eigenen Kosmos entwickelt: Mehrere Personen gehören zum Team des SLAP-Magazins, die Polizistin Jane Holt usw. Dem regelmäßigen Leser bereitet es Vergnügen, wenn er diese Selbstreferenz erkennt.

Seine Helden sind keine crime fighter. Sie stehen immer etwas außerhalb der Gesellschaft – auch als Journalisten – und folgen ihren eigenen Regeln, sind somit typische Noir-Protagonisten. Als „Talentierte Outsider“, beschreibt sie Ferrigno. Seine „Story-Maschine“ wird meist dadurch angeworfen, dass sie eine moralische Entscheidung treffen müssen, die dann zu ungeahnten Situationen führt, die alles schlimmer machen.

Sein Stil ist sehr filmisch. Die einzelnen Szenen könnten problemlos zum Drehbuch aufgelöst werden (fast alle Romane wurden – einige mehrfach – von Hollywood optioniert, aber bisher keiner verfilmt). “ I think and write very visually. Thinking cinematically, thinking in terms of dialogue and movement, is an advantage. It allows me to lie in bed with my eyes closed and „play“ different chapters in my head as scenes, reshooting them from different angles and points of view until I get it right. Then I can get up and go to the keyboard with certain problems solved. It’s mental storyboarding and keeps things fast and true. If it doesn’t look right, it’s not going to read right. An extra advantage is that I can reassure my wife that I am still working, even when horizontal.“

Er arbeitet etwa ein Jahr an einem Buch, dabei die letzten Monate täglich bis zu 14 Stunden. Es ist eben mühevoll, etwas leicht aussehen zu lassen, Der Umfang seiner eher schmalen Thriller unterscheidet sich wohltuend von den Volumen redundanter Langweiler wie Don Winslow, Adrian McKinty oder Dennis Lehane (den Ferrigno als einen seiner Lieblingsautoren nennt) mit ihrer kleinbürgerlich-feuilletonistischen Entrüstung und „seht-her:- mehr-als-ein-Krimi-Attitüde“. Bei der Arbeit hört er Musik – von Puccini über Brian Eno bis Tammy Wynette. Ein breitgefächerter Musik-Geschmack für den ehemaligen Begründer eines Punk-Rock-Magazins, “ I use more of a story-board – as in film making… . I usually follow a promising lead or plot development even if it’s not in the outline… Most of the bad guys in my books start out as stock characters and then take on a life of their own… . I trust my unconscious more than my conscious any day.“

Robert Ferrigno wurde 1947 in eine italienisch stämmige Familie in Fort Lauderdale geboren. „We were a highly dramatic family who discussed politics and current events at every meal. Intellectual courage was highly praised and individuality encouraged, the greatest gifts any parent can give a child.“ Die Erfahrungen der Sixties prägten sein politisches Bewusstsein. „Ich hasse alle Politiker. Aber am meisten diem die ihre Freundinnen oder Dates ertrinken lassen.“ Eine Anspielung auf Ted Kennedys „Zwischenfall“ von Chappaquidick, bei dem der junge Senator zusammen mit Mary Jo Koppechne im Auto in den Fluss stürzte. Während der wohl schlagartig nüchterne Politiker sich aus dem Wagen befreien konnte und an die Wasseroberfläche schwamm, ließ er seine Begleiterin ersaufen. Wie man sich nach Ferrigno in einer solchen Situation zu verhalten hat, beschreibt er im 2.Kapitel von DEAD SILENT.

Er studierte u.a. Philosophie und Film und unterrichtete dann eineinhalb Jahre am College. Gelangweilt gab er seine akademische Karriere auf und wurde für fünf Jahre professioneller Poker-Spieler. Dann gründete er das Punk-Rock-Magazin THE ROCKET und landete schließlich als Feature-Schreiber bei einer kalifornischen Zeitung, „Hier interviewte ich oder schrieb ich über Leute, die später meine Romane bevölkerten.“ Er interviewte auch Elmore Leonard, mit dem er verbunden blieb, und der ihm für sein erstes Buch eine großartige Empfehlung (blurb) schrieb.

Ferrigno begann seinen ersten Roman zu schreiben, als seine Frau während ihrer Schwangerschaft ernsthaft erkrankte. „Sie war todkrank und ich lenkte mich zeitweilig mit dem Schreiben ab. Ich schrieb das Buch, das ich seit 15 Jahren im Kopf hatte.“ Zwei Monate nachdem er bei der Zeitung gekündigt hatte, fand er einen Agenten, der das halbfertige Manuskript neun Verlagen präsentierte; alle machten ein Angebot. William Morrow erhielt den Zuschlag, denn Ferrigno brauchte dringend den höchst möglichen Vorschuss: „.My family was very passionate, very angry – my dad at sixty years old finally snapped and shot a man in the face with a .357 magnum. I used part of my advance for The Horse Latitudes to hire a good attorney and he beat the rap.“

Das wäre kein schlechter Anfang für einen Ferrigno-Thriller.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN RIDLEY by Martin Compart
25. Februar 2017, 2:22 pm
Filed under: John Ridley, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Porträt | Schlagwörter: , , ,

Heute ist John Ridley (Oscar-Preisträger) vor allem wegen seiner Film- und Fernseharbeit als Autor, Regisseur und Produzent bekannt, Daneben schreibt er gelegentlich noch Romane (und Graphic Novels), die schon lange nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Ein Grund, an seine beiden ersten Romane zu erinnern, von denen zumindest der erste in den Kanon der Noir-Klassiker gehört,

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KEINER KOMMT HIER LEBEND RAUS

Es gibt Romane, die gehören einfach nicht auf die Bestsellerliste. Das mag hart sein für Autor und Verlag, ist aber ein Naturgesetz. Denn wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet. Das gilt auch für John Ridley, dessen Bücher bei uns anbscheinend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen sind.

John Ridley, die große schwarze Hoffnung des Noir-Romans, gehört zu den neuen Giganten, und hat in bisher drei Romanen den Amerikanischen Traum entsorgt. Keine zehn Minuten möchte man in seiner Welt leben, aber jederzeit darüber lesen. Im Noir-Roman geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das Verlieren so lange wie möglich rauszuzögern. Kaputt und gescheitert krabbeln Ridleys Protagonisten durch ihr übles Schicksal, verstecken sich in Suff und Dunkelheit, bevor sie lasngsam ins Nichts abrutschen. „Man kann der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man kann sie nur ein bißchen verscharren.“ Seine Protagonisten sind Leute auf der Flucht, denen der Geldhai im Nacken sitzt und die nur eine Hand gebrauchen können, weil sie gerade die letzte Zahlungsaufforderung erhalten haben. Sonderlich sympathisch sind sie nicht, diese miesen kleinen Verlierer, die gerne jeden übers Ohr hauen wollen. „Jedes Jahr muß ich mehr Zeit aufwenden um weniger Geld zu verdienen“, sagt eine alte Nutte und stellt den allgemeinen Stand der Ökonomie fest. Ridleys unbarmherziger Kosmos ist pragmatisch: „Ich bin kein Mörder.“ „Woher willst’n das wissen, wenn du’s nie probiert hast?“

03406956251 Gleich sein Erstling STRAY DOGS war eine Sensation! Frischfleisch für die ganz harten Noir-Afficionados. Oliver Stone besorgte sich umgehend die Rechte und machte den unterschätzten Film U-TURN daraus: Als John Stewarts 64er Mustang in dem Wüstenkaff Sierra verreckt, kann er sich völlig auf Murphys Gesetz verlassen. Am heissesten Tag des Jahres landet er in einem Ort voller Maniacs, Bekloppter und einer verdammt gefährlichen Frau. Nicht nur die Sonne brennt so erbarmungslos „als marschierte man in bezingetränkten Shorts durch die Hölle“. In der Wüste zu verdursten wäre ein gnädigeres Schicksal; wenn Stewart geahnt hätte, was auf ihn zukommt, hätte er die Feldflasche ausgeschüttet und wäre den Geiern begeistert entgegengeeilt. Was folgt ist eine Noir-Farce, die sich James M.Cain und Charles Bukowski nach einem nicht wiedergutzumachenden Trinkgelage ausgedacht haben könnten.

john-ridleyl-a-blues1 In L.A.BLUES geht es ganz tief in die Gülle von Los Angeles und Vegas. Die Geldverleiher von der harten Sorte brechen dem Ich-Erzähler Jeffty gleich auf der ersten Seite den Finger. Idyllischer Auftakt zu einer bösen Geschichte die souverän zwischen unglaublich komischen Szenen und dunkelsten Abgründen balanciert. Jeffty, gescheiterter Drehbuchautor, miserabler Zocker ist Kino-Fan: „Schwarze Serie. Die sollen bloß nicht so angeben. Selbst in den schwärzesten Filmen leben die Leute tausendmal besser als ich.“ Als sein alter Kumpel Nellis auftaucht, dem er mal die Frau ausgespannt hat und der an der Nadel hängt, sieht Jeffty hinterlistig seine Chance. Denn Nellis kann Zen-Poker und verliert nie. Wer die besten Bücher von Elmore Leonard liebt, wird Ridley verschlingen.

Sein dritter Roman, EVERYBODY SMOKES IN HELL erschien bei Ullstein nicht meht. Wieder eine Loosergeschichte, in der Paris Scott über das letzte Tape eines sich gerade umgebrachten Rockstars und einen Haufen Drogen stolpert. Natürlich hält Paris nicht die Chance seines Lebens in den gierigen Klauen, sondern eine Zeitbombe. Wieder geht es von LA nach Vegas, zwei Orte, die Ridley mehr hasst „als Krebs“. Dreckslöcher, in denen man nicht leben mag. „Einfamilienhausghettos sind eine Spezialität von Los Angeles. Denn unsere Armen hatten Einfamilienhäuser und unsere Schnapsleichen waren sonnengebräunt.“ Auch Vegas findet in seinen Augen kein Erbarmen: „Vegas für Familien? Schneewittchenschlösser und Vergnügungsparks, Schwuchteln, die mit weißen Tigern zauberten, und Pfeifen, die man nicht einfach ausnehmen und umbringen konnte. Was soll der Quatsch? Das Familien-Vegas lehrt die Kinder spielen, damit sie eines Tages ihr Geld hier verzocken.“

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John Ridley wurde in Milwaukee geboren. Er ging nach New York und studierte ostasiatische Kultur. Zur Abrundung des Programms begann er mit Shotokan-Karate. Eine Weile lebte er in Japan, versank in dieser Zivilisation und lernte auch die Sprache. Zurück in den USA begann er eine Karriere als Stand-up-Komiker, die immerhin bis in die Tonight-Shows von Jay Lenno und David Letterman führte. Deshalb wechselte er 1991 nach Hollywood und begann Drehbücher zu schreiben. Die Tretmühle eines Autors für Black Sitcoms nagte an ihm: „Für TV-Serien zu schreiben ist – bis auf wenige Ausnahmen – eine geistlose Fließbandarbeit, bei der man immer wieder dieselben blöden Gags recycelt. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb schrieb ich meinen ersten Roman, denn ich liebe das Schreiben.“ Nebenher arbeitete er als Skriptdoktor für Visionäre wie Coppola und Oliver Stone, der 1997 Ridleys Regiedebut COLD AROUND THE HEART (MENSCHENJAGD) produzierte. Für diesen Noir-Film mit David Caruso wurde er in New York auf dem Urbanworld Film Festival (was immer das sein mag) ausgezeichnet. Auch mit anderen Drehbüchern hatte Ridley Erfolg, etwa THREE KINGS mit George Clooney. Außerdem ist er Co-Produzent und Autor der höchst erfolgreichen TV-Serie THIRD WARCH, eine Art NYPD BLUE meets EMERGENCY ROOM. Im Mai 2000 pitchte Ridley eine neue Serie über das Internet und war anschließend um eine Million Dollar reicher. Zusammen mit Sofia Coppola entwickelte er für den Kabelkanal HBO die Serie EMPIRE über zwei Brüder, die eine Hip-Hop-Plattenfirma leiten. Aber seine große Liebe, das betont er immer wieder, ist der Roman. Das bei seinen Zocker-Geschichten alles stimmt, hat neben auch mit einer Frau zu tun: Ridley ist mit einer Berufsspielerin verheiratet. Ridleys Frauen sind die schlimmsten femmes fatales der zeitgenössischen Kriminalliteratur, allesamt Schwarze Witwen mit gehörigen Macken. Die tumben Protagonisten schnallen natürlich nichts: „Er musterte sie so skeptisch wie ein Urmensch, der zum erste mal Feuer sieht.“ Seine geschlechtsspezifischen Analysen bestätigen einen Aphorismus von Nietzsche: „Der Mann ist böse, die Frau ist schlecht.“

Die BÜcher:

U Turn – Kein Weg zurück (Stray Dogs, 1997). Ullstein 24253 (1998); DM 12,90.
L.A.Blues (Love Is A Racket, 1998). Ullstein Hardcover (2000); DM 39,90.
Everybody Smokes In Hell, Alfred A.Knopf, 1999.
A Conversation with the Mann: A Novel.: Warner Books, 2002.
The Drift. Knopf, 2002.
Those Who Walk in Darkness. Warner Books, 2003.
Ridley, John, and Patricia R. Floyd.
What Fire Cannot Burn., MD: Recorded Books, 2011



HÖRBUCH: Jean-Christoph Grangé PURPURNE RACHE by Martin Compart

Grégoire Morvan, graue Eminenz des französischen Innenministeriums, war in den Siebzigerjahren mit lukrativen Geschäften im Kongo erfolgreich. Und er hat dort den berüchtigten Killer Homme-Clou gefasst, der seinerzeit einem bestialischen Ritual folgend neun Menschen ermordet hat. Als an einer bretonischen Militärschule ein Toter gefunden wird, dessen grausame Entstellung dem Modus operandi des Homme-Clou ähnelt, und Morvans Familie akut bedroht wird, muss er sich mit allen Mitteln den Schatten einer Vergangenheit stellen, die niemals aufgehört hat, nach Blut zu dürsten …

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Diesmal habe ich mich beim neuen Grangé nicht auf die voluminöse Print-Ausgabe gestürzt, sondern auf das Hörbuch mit 12 CDs und einer Laufzeit von 765 Minuten! Grund dafür war Reiner Schöne als Sprecher. Seit den Hörbüchern der kurzlebigen deutschen Hard Case-Edition durch den Rotbuch-Verlag, hat sich Schöne bei mir in die erste Garde der Thriller-Sprecher eingefügt. Allerdings ist hier sein Vortrag etwas hektisch, was das Hörvergnügen unwesentlich beeinträchtigt.

Die Übersetzung von Ulrike Werner-Richter ist auch vom Sprachgefühl besonders hervor zu heben, di Übersetzerin (die für die deutsche Interpretation von Grangé am verantwortlichsten ist) wird in der Hörbuchausgabe leider nicht in angemessener Weise gewürdigt: Sie ist in der aufwendigen Umschlaggestaltung nicht mal erwähnt, was ich für skandalös halte.
Ich freue mich jedenfalls schon darauf, den Roman in einigen Monaten in seiner wahrscheinlich deutlicheren Vielfältigkeit zu lesen. Zu oft erlebe ich bei Hörbüchern generell  ungeschickte Streichungen, die auf Kosten der Atmosphäre und des Stils gehen. Denn dann entdeckt man doch zusätzliche Details und Formulierungen, die beim Hörerlebnis nicht haften bleiben oder verloren gehen. Oder unterschlagen wurden? Man kann nur hoffen, dass ein zeitgenössischer Hochkaräter wie Grangé (dessen deutsche Buch-Lektorate einen ebenso schwierigen wie großartigen Job gemacht haben, dem Verlag erhalten bleibt, auch wenn er bei uns nicht mehr so erfolgreich wie in anderen Ländern ist.

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Seit seinem Erstling FLUG DER STÖRCHE bin ich  Fan von Grangé, trotz seiner qualitativ ungleichmäßigen Romane und den fast immer ins Auge fallenden Plot-Schwächen im letzten Drittel. Das gilt auch für PURPURNE RACHE, bei dem Grangé am Ende ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Auch seine Freude an der Genetik geht mir gelegentlich gegen den Strich, aber das ist Geschmackssache.

Ich bin ein Fan seiner Romane, weil er von allen zeitgenössischen Autoren das intensivste Gespür für das Unheimliche hat. Auch wenn er gelegentlich ins esoterische abgleitet, oder abzugleiten droht, vermitteln seine Thriller immer auch realistische Einblicke in den Horror einer Endzeitzivilisation.

Sein Sadismus steht in der Tradition der Gothic Novel und des Marquis de Sade. Mario Praz hätte an diesem späten schwarzen Romantiker Gefallen gefunden. für ihn gilt, was Paul Valery über J.K. Huysmans geschrieben hat: „Seine seltsamen Nüstern witterten schaudernd, was es an Ekelhaftem in der Welt gibt.“ Nicht umsonst ist dieser Neo-dekadente Autor zu Beginn des 21.Jahrhunderts der erfolgreichste französische Noir-Autor (mit Übersetzungen in über 20 Sprachen). Dabei ist er häufig experimentierfreudig und nutzt auf eigene Art erzählerische Strategien für seine düstere Weltsicht (in DAS SCHWARZE BLUT beispielsweise auf perverse Weise den Briefroman).

51smt2tm5il-_sx346_bo1204203200_1Stilistisch ist LONTANO, so der Originaltitel, sein bisher bester Roman, voller genauer Beobachtungen und schöner Formulierungen, die oft ätzende gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen sind. Es ist auch ein Familienroman mit Protagonisten, die von der Ausbeutung der 3.Welt über staatliche Machtvertretung bis hin zur Prostitution und Finanzspekulation den aktuellen Stand gesellschaftlichen Aufstiegs (und Abstiegs) in Frankreich symbolisieren.

Grangé  beleuchtet das seit Jahrzehnte andauernde Inferno Kongo, wo der Neo-Kolonialismus seit Jahrzehnten seine blutigste Spur hinterlässt. Ein Thema, das in unseren Medien so gut wie nicht stattfindet. Und das ist auch beabsichtigt- Denn die Entwicklungsgeschichte des Kongo könnte jedem Europäer vermitteln, wie viel Blut immer neu an seinen Händen klebt, wenn er auf seinem geliebten Smartphone sinnentleert herumdaddelt.

Auch in diesem Roman klingt wieder eines von Grangé s Lieblingsthemen durch: Für die Sünden der Väter, bezahlen die Kinder (war das je deutlicher, als in der heutigen Flüchtlingsdiskussion, die die kolonialen Wurzeln der Konflikte ausklammert?).
Das Buch hat seine Fortsetzung in CONGO REQUIEM, die hoffentlich schnell bei Lübbe auf deutsch vorgelegt wird. Grangé ist ein Autor, der ein ausführliches Portrait in unserem Sprachraum verdienen würde. Der dümmliche deutsche Titel ist wohl der Versuch einer unsensiblen Marketing-Abteilung, diesen Roman mit Grangé s größtem Erfolg, DIE PURPURNEN FLÜSSE, unsinnig zu verknüpfen.

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Der NOIR-HÖHEPUNKT DES JAHRES by Martin Compart
26. Dezember 2016, 12:51 pm
Filed under: Noir, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

TRUE DETECTIVE 1 war ein TV-Höhepunkt der letzten Jahre – trotz gewisser Schwächen in der Handlungsführung und die manchmal gequälten Bezüge zu Thomas Ligotti und Robert W. Chambers (Obwohl diese in einem Noir-Kontext frisch und originell erschienen) und dem unbefriedigenden Finale. Dann legte der ungekrönte König des Noir-Dialogs, Nic Pizzolatto, eine Schaufel drauf, um aus einer Systembestandsaufnahme ein in dieser Qualität nie gesehenes Noir-Melodram als griechische Tragödie zu entwickeln, die nebenbei unaufdringlich Zitate aus der Noir-Kultur einfließen lässt (zum Beispiel ist die weibliche Protagonistin nach der Noir-Ikone Bezzerides, The Long Haul, Thieves’ Market, benannt oder das Showdown in/aus HIGH SIERRA. Pizzolatto bestritt, irgendwelche Zitate bewusst eingebaut zu haben). Die Show verdankt viel den klassischen kalifornischen Noir-Romanen. Am deutlichsten wird das, wenn man TD2 mit James Ellroy vergleicht, dessen Cops wiederum stark von Joseph Wambaugh beeinflusst sind. Ellroy mit Hirn.

Apropos Zitate: Ohne den ATLANTIC hätte ich nicht bemerkt, dass Pizzolatto die Figur des Dr.Pitlor mit der 80s-Ikone Rick Springfield besetzt hat! Wahrscheinlich die größte Leistung des ATLANTICS in der Reflektion über des sie überfordernden Kunstwerkes.

In ihren ästhetischen Bemerkungen voller erschreckender Belanglosigkeiten, haben die meisten deutschen „Kritiker“ auch bei TRUE DETECTIVE 2 einmal mehr nicht verstanden, was vor ihren angefaulten Hirnzellen die strapazierten Sehnerven belästigte. Das verbliebene Erkenntnispotential wird gebraucht, um allwöchentlich eine Lobpreisung auf die Stuben-Krimis des TATORT heraus zu krakeelen. Da wurde beklagt, dass „man den Überblick verliere“ oder die Handlung so komplex sei, das Pizzolatto „Den eigentlichen Fall“ aus den Augen verlieren würde. Ja, erstaunlich, wie komplex das Leben sein kann und – wohl noch erstaunlicher – wie ein Korruptionsmord alle politischen Ebenen berühren kann. Manche kamen gar zu der kühnen Erkenntnis, Genre-Regeln als Klischees zu bezeichnen. Das ließe sich wohl auch dem Schachspiel oder der Tragödie vorwerfen. In Genre-Fiction geht es weniger um das „was“. sondern um das „wie“ und „warum“.

Wahrscheinlich war TRUE DETECTIVE 2 dem gepflegten Noir-Fan einfach zu hoffnungslos. Da brannte kein Lichtlein am Ende des Tunnels (nicht mal die Grubenlampe des Vietcong).

„With so many principal characters and interlinking plotlines, viewers will have to take notes as they watch and hope they add up to something more significant than they did last season.“

THE ATLANTIC

„Schmerz ist unerschöpflich, nur die Menschen sind irgendwann erschöpft.“

„Ich habe nicht um diese Welt gebeten. Ich habe mich ihr nur gestellt. Ich bin auf der falschen Seite des Klassenkampfes geboren“, sagt der Gangsterboss Vince Vaughn, der als einziger der „vier Musketiere“ ein materielles Interesse an der Lösung des Falles hat. Er will das System nicht herausfordern oder gar stürzen, er will Teil von ihm werden, wie die großen Verbrecherfamilien des 19. Jahrhunderts, die ihr ergaunertes Vermögen im Laufe zweier Generationen in Respektabilität umgewandelt haben. „Dafür muss man Land kaufen.“ Leider ist auch in den USA die Zeit für Aufsteiger vorbei. Deshalb betrogen die Jungs vom Establishment Vaughn um seine mühsam erplünderten Millionen, mit denen er sich in ein Grundstücksgeschäft einkaufen wollte (man vergiftet gutes Land, um es dann billig zu kaufen, da eine staatlich subventionierte Eisenbahntrasse darüber führen wird). Es ist bezeichnend, dass der Gangster als Einziger der Protagonisten über politisches Bewusstsein verfügt und das System durchschaut. Die anderen sind lediglich enttäuschte Trump-Wähler.

Die drei weiteren Player haben noch pubertäre Vorstellungen von Gerechtigkeit in ihren kaputten Hirnen: die auf Autarkie fixierte Polizistin, deren Vater eine Art Hippie-Guru war (der nicht mal den Unterschied zwischen Athene und Aphrodite kennt), der schwule Motorrad-Cop, der seine Verbrechen als folternder Special Force im Seelengepäck mit sich herum schleppt, und der etwas tumbe und korrupte Bulle aus Vinci, den nur die Liebe zu seinem Sohn vor der vollständigen Selbstzerstörung bewahrt und dessen Kopf voller Erinnerungen ist, von denen er nichts mehr wissen will. Anfangs ist nicht klar, ob er vom korrupten Establishment noch absorbiert wird, oder bereits reduziert. Naivlinge, die einfach nicht begreifen wollen, dass sehr wohl sein kann, was nicht sein darf. Alle am Rande der inneren Emigration. Keiner von ihnen (außer Vince Vaughn) kennt das Kleingedruckte auf der Rückseite des Gesellschaftsvertrages.

Die fiktive Stadt Vinci (sie basiert auf dem realen Vernon), ein eigenständiger Vorort von Los Angeles, ist als Korruptions- und Gangstersumpf ein gelungenes Update von Hammetts Poisonville oder Chandlers Bay City. Eine schwer überbietbare zivilisatorische Müllhalde, deren Bürgermeister ein Haus in Bel Air hat. Er ist eine schöne Metapher für die Superreichen, die ganze Länder verpesten, während sie sich in Neuseeland und ähnlichen Idyllen Wohnanlagen mit Flugzeuglandeplätzen bauen, um sich rechtzeitig absetzen zu können, wenn „die Mistgabeln kommen um sie abzustechen“. Die folgerichtige Entwicklung der USA, seit in der Prärie der Stacheldraht eingeführt wurde.

Wie der katholische Glaube das Mittelalter beherrscht hat, basiert der westliche Kanon seit 1990 auf Korruption. Wie es bereits in der ersten Folge ausgedrückt wird: „everyone gets touched“. Die Evolutionsforscher haben nachgewiesen, das Moral die Anpassung an komplexes Sozialleben bedeutet. TW2, wie das Noir-Genre generell, zeigt die Zerstörung unserer Gesellschaftsstrukturen durch amoralische Eliten und ist somit Bach wie vor die Gattung, die unsere Realität am genauesten widerspiegelt.

Ab der 6.Folge ändert sich der Rhythmus der Serie. Das Spiel der ungleichen Vier ist bereits so gut wie verloren und nun geht es darum, wie man persönlich noch aus der Nummer rauskommt. Die Dialoge werden spärlicher, die Verzweiflung wächst. Kaputte klammern sich kurz an Kaputte, um dem unausweichlichen Schicksal ein paar Momente des Vergessens abzuringen. In einer Noir-Ästhetik in Szene gesetzt, gegen die klassische Filme der Schwarzen Serie wie ein Pirelli-Kalender wirken. Die Totalen auf Südkalifornien zeigen ein ausgelaugtes „Düsterland“, durch das sich der Highway wie eine giftige Schlange windet.

Wenn am Ende einem Pressemenschen die Beweise für die Korruption und andere Verbrechen übergeben werden, weiß der aufgeklärte Zuschauer, dass dies nichts nützt. Die US-Presse hat sich seit ihrer Hofberichterstattung während des Rumsfeld-Regimes zur Bedeutungslosigkeit herunter gewirtschaftet. Und falls sie diesen (Einzel-)Fall aufgreifen würde, wäre er nur eine weitere „Verschwörungstheorie“.

Das Genre zeigt sich selten desaströser; Pizzolatto entkleidet es, wie schon Manchette und Derek Raymond ihm den falschen Pathos wegrissen. Durch ihr hoffähiges Streben nach Gerechtigkeit haben sie sich vollständig isoliert, haben sich zu viele Feinde gemacht: „Wenn man sie alle umbringen würde, müsste man in der Hölle anbauen“ (Cormac McCarthy). Als echte Noir-Charaktere bestehen sie auf die Unterschiede und nicht auf Gemeinsamkeiten. Aus positiver Resignation im Sinne von Marcuse wird in den letzten Folgen überdrüssige Resignation. Der hilflose Zorn der Protagonisten überträgt sich auf die Zuschauer. Oder wie es die oft großartige Nina Rehfeld treffend ausgedrückt hat: „Pizzolattos Wut auf die Welt tut „True Detective“ gut.“ Wie seine Helden, kämpft auch Pizzolatto gegen das (TV-) System – nicht von Ungefähr ist David Milch eines seiner Vorbilder. Nach dem Kritiker-bashing (die Quoten waren ordentlich), ist sein „Wonder-Boy-Status“ natürlich angekratzt. Da versucht man wohl mit ästhetischen Pseudo-Argumenten den schärfsten Kapitalismuskritiker im TV weg zu mobben.

Wie in TD1, gibt es auch in TD2 eine große Action-Szene, eine Scießerei vor einer explodierenden Drogenküche, die dem Anfang von WILD BUNCH in nichts nachsteht.

Für den Soundtrack ist wieder T Bone Burnett zuständig. Als Titelmusik wählte er einen großartigen (neueren) Song von Leonard Cohen aus: Nevermind. Der fieberige Rhythmus dieser düsteren Noir-Ballade wird musikalisch perfekt umgesetzt und schafft eine weitere Dimension. Ich hatte nie viel übrig für Ein-Mann/Frau-und-seine-Gitarre-Musik (selbst Dylan beginnt für mich erst mit dem 5.Album), aber Lera Lynn mit ihren Noir-Songs in der düsteren Kaschemme, die Vince Vaughn und Collin Farrell als Treffpunkt für nihilistische Dialoge dient, hat mich umgehauen!

TD2 ist schlichtweg das Noir-TV-Meisterwerk, das auf allen Ebenen den aktuellen Stand der amerikanischen Abteilung der Gattung in Vollendung vorführt. Die Serie wälzt sich nicht in absurden Szenen, die Absurdität des Systems ist ihre Basis. Sie ist ein Trauma menschlicher Dummheit, eine unglaubliche Demonstration zivilisatorischen Versagens, in der die Tage vergehen wie verwesende Leichen. Die Serie zeigt, wohin ein System abdriftet, in dem Menschen Millionen Dollar im Jahr verdienen, nur weil sie telefonisch erreichbar sind und in den richtigen Adressbüchern stehen, immer auf der Suche nach noch finsteren Tiefpunkten menschlichen Verhaltens. Wo diese Figuren schlüpfen, könnte auch Charles Darwin nicht erklären.

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NEWS: TRUE DETECTIVE 2 by Martin Compart
12. Dezember 2016, 5:28 pm
Filed under: NEWS, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Rechtzeitig zu den besinnlichen Tagen, wird die DVD-Box von TRUE DETECTIVE 2 geramscht. Ein guter Moment, um einen Blick auf dieses gigantisches Noir-Meisterwerk z7u werfen (ich weiß: die meisten Kritiker waren anderer Meinung. Aber für sie gilt bekanntlich: Immer im Irrtum, nie im Zweifel). Näheres jetzt im CRIME TV-Blog. https://crimetvweb.wordpress.com/2016/12/12/der-bisherige-noir-hoehrpunkt-der-tv-geschichte-true-detective-2/

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MiCs TAGEBUCH SPEZIAL zur US-Wahl und überhaupt: EINLÄUFE FÜR LEVITENLESER by Martin Compart
8. November 2016, 9:03 am
Filed under: Ekelige Politiker, MANCHETTE, MiCs Tagebuch, Noir, Parasiten, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , ,

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Das Primat der Politik wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig von den Primaten in der Politik übernommen, die Clausewitz zwar nicht persönlich kennen, aber sein Diktum vom „Krieg als Politik mit anderen Mitteln“ prima finden. Damit hatte sich das zerstörerische 20. Jahrhundert nun wirklich erledigt. Schluss, aus und vorbei. Wahrscheinlich endete es schon mit dem 09.11.89 und nicht mit dem 11.09.01. Letzterer Tag wird vielleicht als Teilchenbeschleuniger in Erinnerung bleiben, als herbeigesehnter Anlass, um die Allmachtsphantasien in die Jahre gekommener US-Neo-Cons Realität werden zu lassen. Seitdem überholen uns die Folgen dieser mit Kriegen in Afghanistan, Irak, Syrien – um nur die augenscheinlichsten anzuführen – neugeschaffenen Realität tagtäglich rechts und links: IS-Terror, Flüchtlingsströme, Wiedererstarken der Rechten, Verbarrikadierung Europas (unvollständige Aufzählung).

Jean-Patrick Manchette stellte sich für seinen unvollendeten letzten Romanzyklus mit dem übergreifenden Titel „Les Gens du Mauvais Temps“, Menschen in schlechten Zeiten, die Frage: „Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?“ Er bezog seine Frage auf die Nachkriegszeit, genauer von 1968 bis in die 1980ziger Jahre (mit 1956, dem Jahr der Ungarn-Krise als Prolog), ihren Kriegen, Krisen und Unruhen und dem Sieg der kapitalistischen Kräfte über die Revolte. Rückschauend erscheint mir für uns heute 1989 als ein zentrales Jahr. Der Soziologe Fukuyama sprach nach dem Untergang des „Reichs des Bösen“, gemeint waren die Sowjetunion und ihre Satelliten, euphorisch vom „Ende der Geschichte“. Demnach hätte die Welt mit dem „freien, demokratischen“ Kapitalismus ihre endgültige Gesellschaftsform gefunden. Inzwischen ist selbst Fukuyama kein Fukuyamaist mehr, sondern schämt sich vermutlich ob der Blödheit seiner Aussage. An dieser Stelle drei Feststellungen:

1) Die Historie der Menschheit und ihren Herrschern ist im Besonderen eine Wirtschaftshistorie. Denn Macht und Geld sind unmittelbar miteinander gekoppelt;

2) Der Kapitalismus transzendiert jedes politische Herrschaftssystem;

3) Die einzig wirklich erfolgreiche Revolution war die Ablösung des Adels durch die Bourgeoisie. Und diese lässt sich bis auf die Renaissance zurückdatieren. Die Französische Revolution hatte formell nachvollzogen, was informell längst der Fall war, nämlich die Übernahme der Staatsmacht durch das Bürgertum. Getreu dem Diktum, wer bezahlt, der hat auch das Sagen.

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE - Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale - Date : 00000000 - Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 - Agence Opale - 8, rue Charlot - 75003 Paris - France - Tel.:+331.40.29.93.33 - info@agence-opale.com - www.agence-opale.com

Sujet : Jean Patrick MANCHETTE – Credit : Maurice ROUGEMONT/Opale – Date : 00000000 – Ref. : MANCHETTEjp_opalMR_3190_02 – Agence Opale – 8, rue Charlot – 75003 Paris – France – Tel.:+331.40.29.93.33 – info@agence-opale.comhttp://www.agence-opale.com

Und das bringt uns zum Roman noir, der ein Produkt des Sieges der Konterrevolution in den 1920er – 1930er Jahre ist, wie Manchette genau formulierte und darum nicht müde wurde, in seinen Chroniken das Thema Ökonomie als das zentrale Thema unserer Zeit und folglich auch des Roman noir zu betonen. Weil Sieg der Konterrevolution, der Sieg des Kapitals bedeutet, ist ein Minimum an historischem Verständnis und Wissen über wirtschaftliche Kontexte hilfreich, um den Kreislauf des Elends, in dem wir gefangen sind, besser zu verstehen. Versuchen wir darum nüchtern, vor dem Betrinken aus Anlass der 21. Wiederkehr von Jean-Patrick Manchettes langem Abschied, seine Frage in Bezug auf unsere Zeit zu adressieren: Wie zum Teufel konnte es nur soweit kommen?

 

ANFANG VOM  ENDE

Das herrschende Weltwirtschaftssystem beruht auf einigen, wenigen Maximen. Die erste Maxime lautet: Wachstum – gleichbedeutend mit mehr Produktion, mehr Absatz, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Investitionen, mehr Steuern – ist essenziell. Ohne Wachstum funktioniert nichts, mehr noch, bricht alles zusammen. Nicht nur die Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaftsordnung, unsere freiheitliche Demokratie. Das ist kein Schreckensbild, die Stabilität der liberalen westlichen Demokratien gründet sich im Wesentlichen auf ihre wirtschaftliche Stabilität. An Gegenbeispielen herrscht weltweit aktuell kein Mangel. Laut gängiger Wirtschaftstheorie ist das Wachstum unendlich. Darum muss Wachstum her. Egal wie. Die Praxis legt das Gegenteil nahe, Wachstum ist endlich, wie alles auf unserem Planeten dem Naturgesetz der Endlichkeit unterliegt; außer Wasserstoff und Blödheit, wie Harlan Ellison anmerkte, und ausdrücklich das Universum einbezog.

 

IDEOLOGISCHE RUNDERNEUERUNG

Die 60-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts, befreiten den Kapitalismus und erneuerten ihn zugleich. Das Zeitalter des ICH begann in der kulturellen Weltmacht USA. Symbolisch dafür war das Buch The Greening of America, welches nicht, wie der Titel vermuten ließ, ein gesteigertes Umweltbewusstsein oder ein neues gesellschaftliches Bewusstsein propagierte, sondern die Vereinzelung, der Rückzug nach Innen. Der innere Kosmos als Gegenentwurf zu einer chaotischen äußeren Welt, die ohnehin nicht beeinflussbar sei. Das Ego – mein Bewusstsein, meine Bedürfnisse, meine Kaufkraft – wurde konsequent unter Werbedauerfeuer genommen. Die Konsumgesellschaft haute den Turbo rein. Zur gleichen Zeit erklärten konservative Industrielle den Kampf um die ideologische Vorherrschaft in den von linkem Gedankengut verseuchten Universitäten für verloren und gründeten ihre eigenen Think Tanks. Sie finanzierten private „Forschungsinstitute” zur Bildung eines „konservativen Bewusstseins” der Öffentlichkeit, was nichts Geringeres als die Umerziehung der Bevölkerung bedeutete. Eine Saat die aufgehen sollte. Einer der ersten Schritte, war die Abkehr vom Gedanke der Bildung als kostenfreies Allgemeingut einer demokratischen freien Gesellschaft. Bildung wurde zum Wirtschaftsgut deklariert und hatte als solches kapitalistischer Logik nach auch ihren Preis.

Je exklusiver, desto teurer.

Studiengebühren wurden eingeführt. Weltweit schossen und schießen seit jener Zeit Privatschulen- und Universitäten wie Pilze aus dem Boden. Die Industrie sponsert generös Lehrstühle und Forschungsprojekte. In wessen Sinne wohl? Staatliche Schulen wurden und werden die Etats gekürzt, ihnen fehlt am Ende schlicht das Geld, um mit der finanziell gepamperten Konkurrenz mitzuhalten. Bildung ist wieder eine Frage des Vermögens geworden – oder der Verschuldung. Damit manifestiert sich schon bei der Ausbildung junger Menschen die Zweiklassengesellschaft: die Klasse der Habenden und die der Habenichtse. Die finanzstarke „Elite“ bleibt zunehmend unter sich. (Die kreditfinanzierte Elite, muss sich auf jahrzehntelanges Tilgen ihrer Schulden einstellen.) Nur noch die Unterschicht geht auf öffentliche Schulen mit hoffnungslos veralteten Lehrmitteln. Während das Bildungsniveau der breiten Bevölkerung langsam aber kontinuierlich sinkt, steigt die Anzahl vermeintlicher Experten.

Vor einigen Jahren hat die ARD das Vokabular der Tagesschau drastisch eingekürzt, damit die Nachrichten (Propaganda im Dienste des Systems) für alle verständlicher sind, dazu erklären Fachidioten den tumben Bauchmenschen, wie sie sich die Welt zu denken haben. Die letzten Reste eigenständigen Denkens erledigen Schwarmblödheit und die Fußball-Bundesliga.

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RADIKALE UMORIENTIERUNG

Die jüngere wirtschaftliche Zeitrechnung begann am 15.08.1971 mit dem Nixon shock, der Aufkündigung von Bretton-Woods durch die Nixon-Administration und der damit verbundenen Abschaffung des Goldstandards für den US-Dollar. Der Grund: die USA waren pleite. Zumindest in Relation ihrer Schulden zu den Goldreserven des Landes. Ein hausgemachtes Problem, dessen Ursache das Abfließen milliardenschwerer US-Militärausgaben ins Ausland war. Imperium spielen ist eben teuer. Die Lösung des Problems war ein genialer Schachzug. Mit dem Ende von „Bretton Woods“ lenkten die USA diesen Geldfluss wieder zurück in die Heimat, da die Notenbanken anderer Länder nun US-Staatsanleihen erwarben, die Wiederum das nationale US-Haushaltsdefizit finanzierten. Der Dollar wurde zur internationalen Leitwährung und die Federal Reserve die heimliche Weltnotenbank. Das Ausland war quasi verpflichtet den US-Haushalt und damit die Expansion der wirtschaftlichen und militärischen Supermacht zu finanzieren, ob man wollte oder nicht. Zur gleichen Zeit wurde der US-Dollar die offizielle Öl-Währung – was den OPEC-Staaten durchaus genehm war.

Weniger bekannt ist der massive politische Druck, sogar von möglicher militärischer Intervention war die Rede, den Nixon und Kissinger auf Saudi-Arabien und die Öl-Emirate ausübten, damit ihre Dollar-Milliarden aus den Ölgeschäften über die New Yorker Wallstreet abgewickelt, das heißt investiert, wurden. Denn die zweite Maxime lautet: Kapital muss investiert werden – sonst ist es wertlos.

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SCHWARZES LOCH  WALLSTREET

Mitte der 70ziger Jahre begannen die massiven Investitionen der arabischen Staaten in den USA. Die Dollars flossen wieder ins Mutterland zurück. Mit dem Niedergang des Wohlfahrtsstaats Keynesianischer Prägung – dessen Errichtung eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929 war, die zunächst zum New-Deal unter F.D. Roosevelt führte und dann, nach 1945, zur neuen Wirtschaftsordnung im zerstörten West-Europa – gewann eine wirtschaftsliberale Gegenbewegung an Boden, deren zentrales Credo Deregulierung lautet. Hayek und sein Schüler Milton Friedman von der Chicago School of Economics waren die Propheten einer freien Markt Ideologie, „der im freien Spiel der Kräfte alles zum Besseren regeln würde“, wenn nur die Ketten der Regulierungen erst einmal gesprengt seien.

Mit Reagan, Thatcher und Kohl begann Anfang der 80ziger Jahre des letzten Jahrhunderts die konservative Wende. (Die ausgerechnet in West-Deutschland „geistig-moralische Wende“ hieß, was angesichts der handelnden Personen, Birne und Gensch-Man, ein nicht geringes Maß an Selbstüberschätzung verriet.)

In ihrer Folge wurden die marktregulierenden Gesetze und Schutzmechanismen nach und nach abgeschafft – und das weltweit. Das Ergebnis heißt Globalisierung, die nichts anderes bedeutet, als ungehemmter Geld- und Warenverkehr. Den Höhepunkt erreichte die Deregulierung in den USA unter der Clinton-Administration. 1999 fiel die letzte Schranke zur Bändigung des Kapitalmarktes, die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts von 1933. Die 66 Jahre währende Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken wurde aufgehoben. Ab sofort hatten Investmentbanker wieder Zugriff auf die Einlagen der Geschäftsbankkunden, was ihren finanziellen Handlungsspielraum wesentlich vergrößerte, Investmentbanking zu dem Profitbringer der Branche kürte, und damit die Macht der Geldhäuser potenzierte.

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MACHTKONZENTRATION

Erste Konsequenzen der Deregulierung waren schon in den 80ziger und 90ziger Jahren abzusehen. So führte der Wegfall der Schutzmechanismen nicht, wie versprochen, zu steigendem Wettbewerb, mehr Transparenz, besserem Angebot und Service bei niedrigeren Preisen für die sogenannten Verbraucher (das sind mit Menschen mit freiverfügbarem Einkommen) – sondern zu massiven Aufkäufen von Wettbewerbern und einem Anbietersterben. Das Gegenteil der Prophezeiung trat also ein. Die Deregulierung des kommerziellen Luftverkehrs in den USA, Anfang der 80ziger Jahre, wurde zur Blaupause für alle nachfolgenden Branchen. Statt eines „freien Wettbewerbs vieler Airlines zum Wohle der Verbraucher“ bildete sich ein Oligopol weniger Airlines. Der Markt ist eben niemals frei, sondern nur freizügig in der Aufteilung unter immer weniger Marktspielern. Die Deregulierungsbefürworter verschweigen nämlich, dass in einem so entfesselten Markt stets die vom Start weg mächtigsten und finanzstärksten Unternehmen gewinnen. Mit der Folge, die großen Konzerne machen einander nur wenig bis gar keine Konkurrenz.

In Deutschland belegt dies anschaulich die „Liberalisierung des Energiemarktes“. Eine EU-Vorgabe, welche die Bundesregierung brav „umsetzte“. Die Energieversorger im Besitz von Städten und Gemeinden wurden von den großen Anbietern, RWE, EON, Vattenfall und ENBW, solange unterboten, bis ihre Eigentümer, die finanziell ausgeblutete Kommunen, die Flügel streckten und die Stadtwerke an just jene Konzerne verkauften, oder eine Teilhaberschaft übertrugen, die sie unterboten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Das Oligopol bildete sich in weniger als drei Jahren.

Ein Blick auf die Gebietskarte der Bundesrepublik schafft Klarheit. Sauber nach Regionen getrennt, bereiten sich die großen Anbieter selbstverständlich nur einen marginalen Wettbewerb. (Dieselben Konzern übrigens, die gegen den Atomausstieg lobbyierten und nun versuchen die gigantischen Rückbaukosten für ihre Kernkraftwerke zu einem großen Teil auf den Staat abzuwälzen.) Die dritte Maxime lautet demnach: Ungehinderter Wettbewerb führt zu Oligopolen, wenn nicht zu Monopolen. Beispiele gibt es genügend – in nahezu allen Branchen. Und das weltweit. Apropos Konkurrenz, ist der Markt erst aufgeteilt, lassen sich problemlos Preise und Konditionen (und damit Profitmargen) abstimmen, wie jüngst die illegalen Absprachen im Stahlschienengeschäft belegen.

Im Finanzsektor bildeten sich in der Folge riesige Banken. Too big fail, lautet die Bezeichnung für die fünf führenden Großbanken der USA, weil ihr Zusammenbruch das Welt-Wirtschaftssystem gleich mit zusammenbrechen lassen würde. Zumindest nach Bekunden der Banken und des US-Finanzministeriums (zu dessen Chef im Übrigen seit den Siebziger Jahren regelmäßig ein ehemaliger Chairman der Investmentbank Goldman Sachs ernannt wird).

Ein mit Erfolg geschürtes Schreckensszenario. Straftaten wie Betrug, Insidergeschäfte, etc. bleiben deshalb ohne Anklage und werden stattdessen mit Geldbußen abgegolten, deren Höhe für sich genommen exorbitant erscheint, aber nur einen Bruchteil, der mit Betrug erzielten Gewinne ausmachen.

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KRISENKARUSSEL

Trotzdem haben die Großbanken Probleme: Sie müssen weiterwachsen. Sie müssen das Kapital ihrer Anleger investieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl der Anlagemöglichkeiten in die Realwirtschaft allerdings immer uninteressanter geworden. Zu lange Laufzeiten, zu geringe Renditen. Die Lösung: Finanzprodukte. Anlagen sind Produkte und werden mit den Instrumenten des Marketing aktiv, man kann auch sagen aggressiv, vertrieben. Je risikoreicher die Anlage, desto höher die Renditechance. Nur scheuen die meisten Anleger das Risiko – folglich müssen Bewertungen her, die Sicherheit vorgaukeln. Der Aufstieg der Ratingagenturen begann. Sie bewerten Finanzprodukte nach ihrer Rentabilität und ihrem Risiko. Da die Ratingagenturen Lieferanten der Banken sind, und sich zum Teil in deren Eigentum befinden, möchten sie ihre Kunden/Eigentümer natürlich an sich binden, bzw. nicht enttäuschen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Folglich fielen die Ratings positiv aus. Positive Bewertungen gleich hohe Anlagesicherheit gleich mehr Anlageverkäufe. Der Markt wächst. Ein perfektes System – bis die Blase platzt. Was 2008 bei den Subprime Mortgages geschah und zunächst Lehman Brothers in den Konkurs und anschließend die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession trieb.

Die meisten der heutigen Finanzprodukte beruhen auf Spekulation (umgangssprachlich Zocken) wie diese: Der Anleger bekommt dann hohe Renditen, wenn DOW oder FTSE oder DAX in bestimmen Zeiträumen, bestimmte Kursmarken erreichen. Sollten die Kurse sich gegenteilig entwickeln, verliert der Anleger Teile seiner Anlage – in manchen Fällen die gesamte Anlage. Finanzprodukte sind ein riesiger Markt. In den USA liegt der Anteil der Wallstreet am Bruttosozialprodukt unter 10%, ihr Anteil an den erlösten Profiten hingegen bei 60%. Inzwischen ist der Finanzsektor von der Realwirtschaft völlig entkoppelt. Für Unternehmen ist es aufgrund steigender Auflagen immer schwieriger Kredite zu bekommen, was in Zeiten billigen Geldes für die Banken aufgrund der geringen Zinsen zudem völlig unterinteressant ist, während Investoren nach Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen suchen. Aus diesem Grund nehmen die auf Spekulation beruhenden Finanzprodukte zu. Und weil jeder verdienen will, dazu sämtliche Honorierungssysteme (die sogenannten Boni) auf Wachstum und Profit ausgerichtet sind, ist der Anreiz systemimmanent. Wer Geld verdienen will, muss zocken und darum wird gezockt, und das noch hemmungsloser, noch ungebremster als vor 2008. Die lockere Geldpolitik von Federal Reserve und EZB pumpt immer mehr Geld in die Märkte, was die Börse beflügelt, die Finanzmärkte weiter aufbläht, aber Sparer und Altersvorsorger verarmt. Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ erhalten trotzdem keinen Zugang zu dem benötigten Geld. Logisch? Absolut.

(Die Krise 2008 war seit 1999 übrigens bereits die dritte, nach 2000, dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, nach 2005, dem Börsencrash, kam 2008, die Subprime-Mortgage-Krise. Seit dem Wegfall der Regulation auf dem Finanzmarkt sind Krisen unabdingbar. Das waren sie übrigens auch in Zehnjahreszyklen seit Ende des Bürgerkriegs in den USA, 1865, und vor der Einführung der Finanzmarktregulation in 1930er Jahren als Folge der Großen Depression. Eine der ersten großen Spekulationsblasen platzte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Damals wurde mit Unsummen auf den steigenden Wert von Tulpenzwiebeln gezockt. Die Regierenden haben seinerzeit übrigens den geforderten „Bail-out” der vom Ruin bedrohten Spekulanten abgelehnt.)

Auch Spekulationen und Wetten gegen Währungen einzelner Staaten haben eine lange Tradition – so spekulierte George Soros einst gegen das britische Pfund und verdiente Milliarden – die Folgen solchen Vorgehens sind heute aber immer unabsehbarer. Der Zusammenbruch einer Währung bedeutet den Kollaps der Wirtschaft und letztlich der Gesellschaft. Das warnende Beispiel der letzten Jahre ist Jugoslawien. Als die Währung zerbrach, eskalierte die Gewalt. Die vierte Maxime lautet: Spekulation beruht auf dem Prinzip von Boom und Bust. Je schneller und überhitzter die Wirtschaft wächst, desto schneller die Talfahrt. Spekulationsblasen platzen immer. Auf den Boom folgt unabwendbar der Kollaps, die Vernichtung von Vermögen. Krisen sind  nur eine Bereinigung des Marktes von überschüssigem, unnötigem Kapital. Verlierer gehören nicht nur zum Spiel – sie sind unverzichtbarer Bestandteil. Der Kapitalismus produziert nur wenige echte Gewinner. Der große Rest gehört nicht dazu. Verlierer sind immer die Dummen – die „nicht informierte“ breite Bevölkerung. Die Informierten manipulieren den Markt. In London manipulierten die Banken, mittendrin Bundesprimus Deutsche Bank, die Libor und Euribor Zinssätze und maximierten ihre Profite. Allem Abstreiten zum Trotz ist das Finanzmarktalltag. Branchenprofis wissen, dass die Anzahl der – offiziell verbotenen – Insidergeschäfte an den Börsenplätzen unendlich größer ist als angenommen (als aufgedeckt ohnehin). Manipulation wird durch Oligopole erleichtert. Diese bilden in nahezu allen Schlüsselindustrien, sowie auf dem Finanzsektor, geschlossene Gruppen von Playern, denen Kontrollbehörden wenig auf die Finger schauen können, sofern sie es denn ernsthaft wollten.

Ein beliebiges Beispiel ist der VW-Abgasskandal. Wer glaubt denn ernsthaft, dass in einer Branche, in der nicht nur völlige Transparenz über die Herstellungskosten herrscht, sondern sich Wettbewerber die gleichen Fahrzeugplattformen für ihre Modelle teilen, niemand von den Manipulationen der Wolfsburger wusste?

Globale Oligopole agieren mit der Finanzmacht ganzer Staaten. Konzerne wie z.B. Apple, Google oder Mac Donalds besitzen höhere Börsenwerte und mehr Vermögen als die meisten Staaten an Bruttosozialprodukt ausweisen. Großkonzerne setzen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit durch, was internationale Wirtschaftsabkommen wie TTP, TTIP etc. belegen, in denen Deregulierung und Angleichung nationaler Vorschriften als Effizienzsteigerung und somit „Wachstum förderlich“ verkauft werden – was allgemein akzeptierter Logik nach Arbeitsplätze schafft (ungeachtet der Realität).

Das Totschlagargument für verunsicherte Abgeordnete, vor hoher Arbeitslosigkeit haben deutsche Politiker wirklich Angst, folglich votiert eine ausreichende Mehrheit mit Ja.

 

SAALDIENER DES  GELDES

Die Politik hat sich der Wallstreet und den Oligarchen völlig ergeben. Kein Wunder, werden in den USA Wahlkämpfe, und zwar alle, von kommunaler bis nationaler Ebene, einschließlich der von Sheriffs und Richtern, weitestgehend durch „Spenden“ privat finanziert. 2010 im „Citizen United Prozess” wurden Corporations vom US-Supreme-Court Personenrechte zugesprochen. Eine katastrophale Entscheidung. Jetzt dürfen Konzerne und Milliardäre den Kandidaten ihres Vertrauens unbegrenzte Summen spenden. Diese Geldgeber finanzieren „Super-Pacs“ zur Wahl ihres Favoriten. Wobei die zwingende Logik des Systems lautet: „Ohne Wahlkampfwerbung keine Stimmen. Je größer die Werbung, desto mehr Stimmen. Je mehr Geld für den Wahlkampf, desto mehr Werbung für Stimmen.“ Und natürlich verlangen die Lobbyisten von den so in Parlamente und Ämter gehievten Kandidaten die Durchsetzung ihrer Interessen, ihrer Vorgaben: „Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing.“ Wie unlängst Donald Trump, diese laut blökende faschistoide Berlusconi-Kopie auf Steroiden, derzeit irrlichternder Präsidentschaftskandidat der Republikaner, im Fernsehen klipp und klar formulierte. Das „demokratische Vorbild” der – sogenannten freien – Welt ist demnach keine echte Demokratie sondern „eine von Banken und Industrie finanzierte, eine gelenkte Republik“, wie Gore Vidal wusste.

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Ein weiteres zentrales Problem ist die sogenannte revolving door, die Drehtür, durch die Berater zu Politikern, Politiker zu Managern, zu Lobbyisten, und wieder zu Ministern, werden. Entscheidungen in den Parlamenten werden von den Leuten herbeigeführt, die nach ihrer Rückkehr in die Wirtschaft von diesen Entscheidungen mächtig profitieren. (Für Deutschland seien die Namen Schröder, Riester und Rürup stellvertretend für viele andere Nutznießer genannt.) Die „Drehtür-Herrschaften“ bilden eine „Elitekaste“, die sich systematisch an der Allgemeinheit bereichert. Ein solches Verhalten findet sich in der Weltgeschichte schon bei den Babyloniern. Neu ist heute lediglich die Dimension der korrupten Profiteuere. Das Vermögen von Donald Trump, abgesehen von den Milliarden, die er von seinem Vater, einem üblen Immobilientycoon, geerbt hat, wurde vor allem durch geschicktes Spielen auf der Klaviatur der Korruption angehäuft. Heute verkauft Trump seine strafbaren Handlungen als Qualifikation. Nur er weiß, wie man der Korruption den Garaus macht: Only a corruptor can fight corruption. (Die Möglichkeitsform ist solchen Charakteren wesensfremd.) Als Alternative der Demokraten erscheint am Horizont das kleinere Übel: Hillary Clinton. Wallstreet und Ölbranchen finanziert, ist die vormals frustrierte First Lady keine Alternative, sondern ein PR-Kunstprodukt, das sich je nach Fokusgruppenbefragung ständig „neu erfindet“ und dabei ihre Verlogenheit und brutale Skrupellosigkeit, wie zuletzt als US-Außenministerin unter Beweis gestellt, als präsidiale Tugenden preist. Angesichts diese Kandidatenpanoptikums – und der herrschenden Politriege in Europa (von Amt und Würden mag ich nicht sprechen wollen) – drängt sich nicht nur bösen Zungen die Frage auf, ob das Wahlvolk wirklich die Politiker verdient, die es bekommt? Der Gedanke, die sich als Alternative anbiedernden Brandstifter würden übernehmen – „wir wollen an die Macht“, rülpsen laut die just von 190.000  Mecklenburg-Vorpommerschen Flachköpfen gewählten Faschos – ist noch viel unerträglicher.

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FÜR DEN  MENSCHEN

Auch das ist eine Erkenntnis des Kollaps von 2008: Die mit einem 700 Milliarden US-Dollar Bailout gestützten Unternehmen – Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – bestimmen nach wir vor das Spiel und verdienen besser denn je. Ungeachtet der Folgen ihres wirtschaftlichen Agierens für die Mehrheit der Bevölkerung in den USA und vielen anderen Staaten. (Die Menschen haben ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, darum tauchten die Bankmanager nach öffentlich demonstrierter Reue, hoch und heilig gelobter Besserung, Kniefall und anderer geheuchelter Demutsgesten, einige Zeit später aus der Versenkung wieder auf, um weiterzumachen wie bisher. Allerdings besser bezahlt.) Durch die Sozialisierung der Schulden – die Bailouts für die Banken, die auch in Europa, dem amerikanischen Vorbild folgend, eilig vorgenommen wurden – stieg die Schuldenlast vieler Staaten. Die kriminellen Ratingagenturen, die vor der Krise noch die Finanzprodukte der Großbanken, wie Subprime-Mortgages, ohne Prüfung mit Bestnoten bewerteten, AAA, stuften die Staaten aufgrund ihrer hohen Schuldenlast drastisch herab. Mit sinkender Kreditwürdigkeit, stieg das Risiko für Staatsanleihen und folglich auch die Kosten in Form von Zinsen für mittel- und langfristige Papiere. Den überschuldeten Staaten drohte die Insolvenz, sie würden weder ihre Zinsen noch ihre Schulden bei den Kreditoren, den internationalen Banken, tilgen können. Im Gegensatz zu Unternehmen in der freien Wirtschaft – die gehen in Konkurs und dann ist das schöne Geld futsch – kann man Staaten in die Haftung zwingen. Genau das taten die Banken, indem sie Druck auf die Politik ausübten. Die Regierungen mussten wiederum handeln und nun Staaten ausbailen. Unter einer Bedingung: Staatsausgaben drastisch senken.

Und so handelten die Staatenlenker – allen voran die deutsche Bundesregierung – mit Zuckerbrot und Peitsche. Milliardenhilfen, um den Banken die fälligen Staatsanleihen zu bezahlen, gekoppelt an einen strikten Sparkurs, engl. Austerity, der massive Steuererhöhungen, Privatisierung von Staatseigentum und den Wegfall von Sozialleistungen bedeutet. Die Folgen dieser aufgezwungenen Politik für die Schuldnerstaaten, sind Rückgang des Bruttosozialproduktes, steigende Arbeitslosigkeit und noch weniger die Möglichkeit für die Staaten ihre Schulden zu tilgen. (Griechenland muss nicht weiter erläutert werden.) Vor den erschreckenden sozialen Verwerfungen haben die Regierenden allerdings Muffensausen.

by Unknown photographer, bromide print, 1933

by Unknown photographer, bromide print, 1933

ANGST UND FRUST REGIERT

Seit Mitte der 90ziger Jahre wurde die Polizei systematisch paramilitärisch aufgerüstet. Robocop hat bei den modernen Riotcop-Hundertschaften scheinbar Pate gestanden. (Das hätte der alte Satiriker Paul Verhoeven nicht gedacht.) Die einst aus Furcht vor Terrorismus und außerparlamentarischer Opposition verabschiedeten Gesetze zum Schutzes des Staates vor Feinden im Inneren (wie 1968 die sogenannten „Notstandgesetze” in der Bundesrepublik), sollen nun scheint’s vor Aufständen der sozial benachteiligten Randgruppen schützen. Sogar über den Einsatz der Armee im Inneren wird von den Geistesheroen – unter der an Geistesheroen nicht gerade armen deutschen Politikerkaste – nachgedacht. Die wollen allen Ernstes die Bundeswehr innerhalb Deutschlands einsetzen zu können, natürlich nur unter strengen Auflagen und wenn die Lage es wirklich erfordert, wie Terrorabwehr oder Flüchtlingsabwehr, je nach dem. Eine Lage, die sie selbst mit ihrer Politik herbeiführen. Gerade in der Krise entlarvt sich die EU als das was wirklich ist, eine Wirtschaftszweckgemeinschaft, von der die Mitgliedsstaaten nur eines wollen: ordentlich profitieren. Verbreitet sich die Ansicht, dies sei nicht mehr in dem gewünschten Rahmen möglich, dann erstarken die Absetzbewegungen, wie der „Brexit“ von Groß Britannien zeigt. (Dessen Leave-Kampagne dazu noch von kriminellen Off-Shore Profiteuren finanziert und betrieben wurde.) Die große europäische Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, will sich das finanzstandartisierte Europa nicht mehr leisten. Frei nach Oberfinanzdrakon Schäuble: der europäische Stabilitätspakt lässt sich von demokratischen Entscheidungen nicht beeinflussen.

 

KATHARSIS FÄLLT  FLACH

Ob die oben gestellte Frage damit beantwortet ist? Teilweise zumindest. Und jetzt? Was tun mit den Erkenntnissen, die eine unbestimmte, blinde Wut nähren? Am besten ganz schnell System bestätigende „serielle Erzählformate“ anschauen und stellvertretend deren Protagonisten die unleugbaren Dissonanzen des Alltags abarbeiten lassen. Die Bequemlichkeit des Zuschauers obsiegt solange, bis die Balance von angenommener Trägheit zu wahrgenommener Bedrohung kippt. Dann empört sich der Zuschauer und tritt laut schreiend den Flatscreen aus dem Wohnzimmer, weil das Ablassventil seiner Wahl nicht in die 5. Staffel geht: „Diese Schweine. Ich bringe sie alle um!“ Wahlweise bietet sich Erkenntnisgewinn mit Le petit bleu de la cote Ouest an.

 

ANTIZIPIERTER LESERUNMUT

Hey, was soll der ganze Mist mit den USA? Wir leben hier schließlich in Deutschland und wir sind Weltmeister und überhaupt „auf Erfolgskurs“, wie die jüngste PR-Kampagne der Regierungspartei mit C im Kürzel schreckensbleich in den Wählerwald posaunt. Wutbürgern und Erfolgsbeschwörern schiebe ich eine leidige bundesrepublikanische Erkenntnis ins Rektum: Was den Briten ihre special relationship mit den Amis ist (heißt Schulterschluss beim Angriffskrieg), ist den Deutschen ihre analefetischistische Unterwürfigkeit. Siehe NSA-Abhörskandal, siehe BND-Affäre, siehe Austeritätspolitik, siehe Afghanistan, siehe… siehe…  (Sorry, das heißt ja Kontinuität in der Außen- und Bündnispolitik.) Auf den Musterbuben ist Verlass.

 

Geschrieben zu Wild-Honey Pie im Endlosloop im Bodennebel der globalen Sommererwärmung.

MiC