Martin Compart


KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET von YUKIO MISHIMA by Martin Compart


„Zu meinen unabänderlichen Überzeugungen gehört der Glaube, daß das Alter unendlich häßlich und die Jugend unendlich schön ist. Die Weisheit der Alten ist unendlich trübe, die Taten der Jungen unendlich durchsichtig.“

Yukio Mishima im Nachwort zur Aufstand-Trilogie (Ni Ni Roku)

Diese barbarische Haltung verdeutlicht Mishima u.a. in dem höchst verstörenden Noir-Roman DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET (GOGO NO EIKO, 1963).

Die schöne junge Witwe Fusako aus Yokohama verliebt sich in den Seemann Ryuyi. Ihr dreizehnjähriger Sohn Noburu, der unter dem intensiven Einfluss des Bösen-Buben-Bosses der sechsköpfigen Kinderbande und dessen pubertären Nihilismus steht, bewundert Ryuyi zunächst als Helden des Meeres. Nachdem dieser jedoch der „See abschwört“ und zum neuen Vater zu werden, droht, beschließt die Bande ihn zu töten.


https://www.amazon.de/Seemann-die-See-verriet-Roman/dp/349915823X/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1523360115&sr=8-6&keywords=yukio+mishima

Es war einer der Lieblingsromane von David Bowie und Hans Werner Henze vertonte ihn2003 zu seiner Oper DAS VERRATENE MEER. Lewis John Carlino (Autor von THE MECHANIC) verfilmte ihn 1976 mit Sarah Miles und Kris Kristofferson.

In den USA würde man den Roman vielleicht sogar dem Genre der juvenile deliquents- novel zuordnen (das sich in den 1950er Jahren entwickelte und auch noch 1963, als Mishimas Roman erschien, einer gewissen Beliebtheit erfreute.

Andererseits wurde dem Buch unterstellt, es erzähle eine Geschichte, die sich aus kulturellen Traditionen speise, die dem westlichen Leser unzugänglich seien:

„Diese ‚Fallgeschichte‘ Aus Japan thematisiert die Mechanismen der Anpassung, die Triebregungen und Wünsche, das Realitätsprinzip einer mittelständischen Kleinfamilie. Ich begann darüber nachzudenken, ob ihr Drama, die Tat des kleinen Jungen, der seinem Vater den Verrat an den traditionellen, männlich-heroischen Idealen nicht verzeihen kann, auch in unserer Gesellschaft vor stellbar wäre. Ich bin der Überzeugung, daß Mishimas Geschichte sich nach eigenen Gesetzen vollzieht, die außerhalb der für uns geltenden Normen liegen. Sie wurzeln in einer rauschhaften Heldenkultur, wie wir sie so in Europa nicht kennen. Die Geschichte vom ‚Seemann, der die See verriet‘ bleibt gebunden an eine Dimension des Unfaßbaren und bereit eine Skala uns unbekannter, von uns nicht gelebter Gefühlsmuster aus“ (Gisela von Wysocki).

Demgegenüber lässt sich einwenden, dass die widerwärtigen Kinder (die in der furchtbarsten Szene des Buches eine kleine Katze töten und sezieren um ihr eigenes Mitleid auszurotten) generell (und nicht nur in japanischer Tradition) kulturelle Entwicklungen symbolisieren, die Empathie und Solidarität bewusst auslöschen (auch darin ist dieser Roman wieder hochaktuell).

Oder wie es DER SPIEGEL bei dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe formulierte: „Der Japaner Mishima, 44, wiederholt als ein Anwärter auf den Nobelpreis genannt, hat schon manches Sujet der europäischen Literatur in japanische Hintergründe verarbeitet. In seinem für Deutschland neuen Roman, einem ästhetizistisch arrangierten Thriller von Liebe und Tod, behandelt er ein Thema, von dem traditionsbewußte Japaner sagen, es sei ebenfalls aus dem Westen importiert: den Generationskonflikt.“

Ein Thema ist auch die Aufgabe pubertärer Allmachtphantasien in Form von Heldenträumen um ein kleinbürgerliches Leben zu führen. Dies ist die See, die der Seemann verrät. Deshalb verurteilen die Kinder ihn zum Tode, denn er hat die Ideale der Kindheit verraten, deren Nihilismus erschreckende Ähnlichkeiten mit der Ideologie des fanatisierten Jungvolks im 3.Reich aufweist.

Durch den Text schwingt auch Mishimas Zorn auf die Väter-Generation, die den Krieg verloren hatte und sich statt „ehrenvoll“ zu opfern, sich einer ehrlosen Kapitulation hingab, die das japanische Reich für den barbarischen Coca Cola-Kapitalismus unterwarf.

„…Einen gerechten Vater kann es gar nicht geben, weil schon die Rolle des Vaters eine Form des Bösen ist. Strenge Väter, nachsichtige Väter, nette, gemäßigte Väter – einer ist so schlecht wie der andere. Sie stehen uns im Weg und versuchen, uns mit ihren Komplexen zu belasten, mit ihren unerfüllten Wünschen, ihrem Groll, ihren Idealen, ihren Minderwertigkeitskomplexen, die sie nie jemanden anvertrauen konnten, mit ihren Sünden, ihren kitschigen Träumen, ihren Geboten, an die sie sich niemals gehalten haben, weil ihnen der Mut dazu fehlte…. Die Väter sind die Schmeißfliegen dieser Welt. Sie liegen auf der Lauer, bis sie an uns etwas Faules entdecken, auf das sie sich stürzen können. Dreckige Fliegen sind sie, die überall ausposaunen, dass sie mit unseren Müttern geschlafen haben. Wenn es darum geht, unsere absolute Freiheit und unser Können zunichte zu machen, schrecken die Kerle vor nichts zurück. Sie denken nur daran, die schmutzige Stadt zu beschützen, die sie sich erbaut haben.“

Mishima veröffentlichte den Roman zu einer Zeit, als er von westlichen Lesern zögernd entdeckt wurde (die ihn aber schnell zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis erkoren), in Japan aber sehr viele Leser verlor. Damals wurde er nicht als das atemberaubende Meisterwerk bewertet, als das es heute gilt:

„Mishima’s greatest novel, and one of the greatest of the past century“ (The Times)

„Explores the viciousness that lies beneath what we imagine to be innocence“ (Independent)

„Told with Mishima’s fierce attention to naturalistic detail, the grisly tale becomes painfully convincing and yields a richness of psychological and mythic truth“ (Sunday Times)

„Coolly exact with his characters and their honourable motives. His aim is to make the destruction of the sailor by his love seem as inevitable as the ocean“ (Guardian)

„Mishima’s imagery is as artful as a Japanese flower arrangement“ (New York Times)

Erstaunlich und verblüffend, dass weder Marguerite Yourcenar noch Hans Eppendorfer oder Henry Scott Stokes in ihren Büchern über Mishima auf diesen Roman eingehen, der in seinem komplexen Gesamtwerk eine besondere Stelle einnimmt. In seiner dystopischen Seelenbeschreibung geht er weit über Noir-Autoren wie Jim Thompson oder Tim Willocks hinaus. Gesehen als Noir-Roman, ist er verstörender und erschreckender als jeder andere Noir-Roman, den ich kenne. Literarisch kann ihm sowieso kaum einer das Wasser reichen.

Es gibt Passagen und Momente, da könnte man glauben, sie seien von Patricia Highsmith im Sake-Rausch geschrieben sein.

Yukio Mishima (1925-70), der wie kein anderer für die Traditionen des Kaiserreichs und der Samurai-Kultur steht, galt auch als der westlichste unter den japanischen Schriftstellern. Sicherlich, weil er durch die leicht wahnsinnige Großmutter isoliert von Gleichaltrigen aufwuchs und seine Zeit vor allem mit der Lektüre westlicher Autoren verbrachte (Rilke. D´Annunzio, Radiguet, Gide, Oscar Wilde und Thomas Mann). Aus dem weichlichen Knaben formte Mishima bewusst einen homosexuellen Samurai mit dem Körper und den Fähigkeiten eines Kriegers. 1970 beging er öffentlich Seppuku, nachdem er mit Getreuen seiner Schildgemeinschaft vor Soldaten eine Rede zur Rettung der japanischen Seele gehalten und zum Putsch gegen die Verfassung, die eine offizielle Armee verbot, aufgerufen hatte.

Nach Arnold Toynbee hatte Asien im 19. Jahrhundert nur zwei Möglichkeiten: durch Verwestlichung zu überleben oder im Widerstand dagegen unterzugehen. In der Meiji-Ära (1868 bis 1912) wählte Japan den ersten Weg, industrialisierte das Land, wechselte vom Feudalsystem zu einer zentralistisch organisierten Regierung und schuf eine nationale Armee. Leidtragende dieser Entwicklung waren die Samurai. Etwa 40 000 von ihnen rebellierten 1877 gegen die Regierung. Erst nach achtmonatigem Kampf wurden sie von der Armee besiegt.

Eine Hundertschaft nationalistischer Samurai griff während dieser Rebellion eine Militärkaserne nur mit Schwertern und Speeren bewaffnet an. Die Soldaten schossen sie mit vom Westen importierten Gewehren nieder, die Überlebenden begingen Harakiri. Diese Tragödie spielte in Mishimas geschichtspolitischem Verständnis eine zentrale Rolle. Der rasend schnelle Umbruch vom Mittelalter ins Industriealter war wohl auch mitverantwortlich für die hohe Selbstmordquote unter japanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts.

P.S.: Mishima war ein großer Katzen-Fan, der seinen Katzen auf Reisen Postkarten schickte und im Postskriptum seinen Vater eindringlich ermahnte, freundlich zu ihnen zu sein. Der Vater berichtete später: „Manchmal arbeitete er stundenlang mit einer Katze auf den Knien. Mich hätte das verrückt gemacht.“ Mishima: „Du musst einen Hundeverstand haben, Vater. Du hast eben keine Ahnung von der zarten Psyche einer Katze.“



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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: SCHATTENLICHTER von THEODORE ROSZAK by Martin Compart

Ein junger Filmstudent auf den Spuren eines vergessenen Kultregisseurs. Rätselhafte Symbole in alten Stummfilmen. Eine mächtige Bruderschaft, die ihre Novizen in der Kunst des Filmhandwerks unterweist. Ein Geheimnis, das die Grundfesten unserer Welt erschüttert…

SCHATTENLICHTERs Ich-Erzähler ist der junge Filmstudenten Jonathan Gates, der in den fünfziger Jahren in einem Kellerkino in Los Angeles seinen ersten Film des vermeintlichen B-Movie-Regisseurs Max Castle sieht, dessen Ästhetik ihn im Folgenden nicht mehr loslässt. Was Gates in den Filmen von Castle sah, verweist nach jahrelangen Recherchen auf einen Orden hin, der seit den Anfängen religiöser Erfahrung existiert, älter als das Christentum ist und immer dann aktiv wird, wenn bewegte Bilder eine Rolle spielen.
Aber welche Rolle spielte der überaus intelligente Castle dabei? Und was wollen die „Sturmweisen“ wirklich?
Gates macht sich auf die Suche nach einer Antwort — und findet Unglaubliches heraus…

Film als Verschwörung!

Angesichts der heutigen Mediendiskussion für und gegen die Manipulation der Massen (jüngstes Beispiel ist die Verarschung durch die Mächtigen in der „Skripal-Affäre“ um Stimmung gegen Russland zu erzeugen – denn sowohl Amerikaner wie Briten haben medial nicht intensiv  nachgefragten Zugang zu Nowitschok –  um Rüstungsausgaben anzuheizen; da ist das Establishment wieder ähnlich beweistüchtig wie bei Saddams „Vernichtungswaffen“ und Gaddafis „Massenmord“ ) ein noch immer aktueller Hintergrund für einen schon klassischen Noir-Conspiracy-Thriller.
Für einen Roman wie diesen, gibt es keinen mir bekannten Vergleich. Dazu weiter unten.

Neben der spannenden Handlung erzählt der Roman auch noch Filmgeschichte vom Stummfilm bis zur Nouvelle Vague in so wunderbarer Form, dass Film-Aficionados alleine schon deshalb das Buch lieben. „Theodore Roszak schafft es jedenfalls, alle Strömungen, die die Wahrnehmung des Kinos im letzten Jahrhundert bestimmt haben, auf pfiffige Weise aufzugreifen, und was sein Held dabei an Kulturpessimismus entwickelt, wird ihm am Ende geradezu zum Verhängnis.“ (FAZ, 20.10.2005)  Pfiffig wie die FAZ. Aber wie oft bei Ausnahme-Thrillern, ist auch hier der Weg das Ziel. Ein Weg, der rund um den Globus und zu behexenden Charakteren führt.

SCHATTENLICHTER ist auch eine Art parzifalesker „Bildungsroman“ des Ich-Erzählers und die Sozialisationsgeschichte eines Cineasten. Dafür nimmt sich Roszak jede Menge Zeit, ohne auch nur eine Seite zu langweilen (ausgenommen natürlich für Leser, die sich nicht für kulturgeschichtliche Hintergründe interessieren, aber die greifen sowieso eher zu deutschen- oder skandinavischen Provinz-Krimis).
Denn Roszak erweist sich als großartiger Romancier, der filmisches Detailwissen, witzige Beobachtungen und unvergessliche Charaktere mit einem treibenden Plot verbinden kann. Neben verschlüsselten Personen lässt der Autor auch unverschlüsselte Heroen der 7.Kunst auftreten, wie Orson Welles oder Edgar Ulmer.

Aber es ist auch ein Roman, der sein Publikum spaltet: Entweder man liebt ihn, oder man kann nichts mit ihm anfangen und ist gelangweilt. Wer nicht nach den ersten zwanzig Seiten Blut geleckt hat, sollte auf die restlichen 850 verzichten.

An seinen Formulierungen habe ich große Freude:

„Er (der Mythos) war in unser Bewusstsein eingesickert, als hätten wir Schmutz verschluckt.“

„Kunst durfte nur über den urteilsfähigen Verstand in unser Leben treten, sonst sei sie nicht mehr als eine Droge.“

„…die Studios brauchten jemanden, dessen natürlicher Lebensraum die kinematografische Müllkippe war.“

„Ohne Ästhetik keine Ethik“

„Ich beneidete Claire um die unbekümmerte Art ihrer Verachtung.“

„Überzeugt von der geistigen Brillanz meiner Lehrerin – und angesichts meiner eigenen, eher mittelmäßigen Begabung – war ich bereit, als perfektes Trägermedium zu fungieren.“

Da viele Rezensenten gerne Autorenvergleiche (immer gerne genommen: Dan Brown) zu dem Buch bilden, möchte ich auch einen abliefern: Als hätten Mark Fisher und Umberto Eco bei diesem Roman kooperiert. Tatsächlich ist Umberto Eco der einzige Autor, der mir zu Roszak einfällt: Ein ähnlicher professoraler Hintergrund und eine ähnliche Herangehensweise an die eigene fiktionale Tätigkeit, die im hohen Maße kulturgeschichtliche Betrachtung und Analyse miteinschließt.

Der Autor war ein ungewöhnlicher Mann, der die Verschwörungen in den USA stets durchschaute: Geschichtsprofessor Theodore Roszak(1933-2011) von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.

Roszak war der Erste, der sich wissenschaftlich der Jugendrevolte der 1960er Jahre genähert hatte. 1968 versuchte er mit The Making of a Counter Culture den Intellektuellen der älteren Generation die Jugendbewegung zu erklären. Weitere Sachbücher folgten, in denen er die Ökopsychologie entwickelte, „die er als eine Synthese von Ökologie und Psychologie in einem neuen wissenschaftlichen Paradigma begründete. Dabei betrachtete er auch den Zusammenhang von zunehmender Zerstörung des Planeten Erde und den psychischen Befindlichkeitsstörungen vieler Menschen“(Wikipedia).

Seit der amerikanischen Wiederveröffentlichung steht eine geplante Verfilmung in den Branchenblättern. Dabei sollte Darren Aronofsky Regie führen und Jim Uhls (FIGHT CLUB nach Chuck Palahniuk) das Drehbuch schreiben. Nach der Lektüre des ersten Entwurfs von 2004 schrieb ein Insider über Uhls Werk: „Auf der ersten Seite war bereits Roszaks Name falsch geschrieben – von da an ging´s bergab.“

SCHATTENLICHTER
Originaltitel: Flicker, 1991.
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
878 Seiten, Heyne-Verlag, 2005.

P.S.:
In seinem Essay über das Buch, SECRET MOVIES, sieht Dennis Cozzalio den Roman dem Horror-Genre zugehörig:

Three years ago I was commissioned to write about Flicker for writer Bill Ryan’s annual October consideration of horror at his great blog The Kind of Face You Hate. I had to admit, I never really thought of Flicker as a horror novel in the strictest sense while I was immersed in it– the first half reads more like an indulgent orgy of movie lore woven expertly into a pleasingly reluctant, expertly teased detective story. But the book certainly qualifies as horror in that it shares the obsessive nature of its protagonist, film historian Jonathan Gates, who follows the decaying nitrate trail of long-forgotten genre filmmaker Max Castle (apparently at least partially inspired by Ulmer and his travails, from set designer for a series of great German films– Nosferatu and Metropolis included– to a career as a subversive director of Poverty Row B-movies) all the way down the rabbit hole, beneath the deceptively tacky first layer of the director’s strangely seductive imagery and into a nightmare world of secret movies. Here, bathed in the sinister interplay of shadows and light, where something always seems to be just hidden from view, the hooks of the past are set, dragging the academic, and us, into a present where Castle’s subliminal text is developing, with the help of a mysterious religious sect and a newly emerging cult phenomenon by the name of Simon Dunkle, into malignant foreground. Flicker‘s vampires and creatures of the night may remain locked in tattered celluloid, the remains of Max Castle’s oeuvre, but like Castle’s mysterious technique, known as the flicker, Roszak’s book gets under your skin, makes you shiver, and makes you think about how elastic the horror genre really can be.



RUN von DOUGLAS E. WINTER – ein Klassiker des NOIR-THRILLERS by Martin Compart

Ein illegaler Waffendeal.

Ein Attentat.

Und ein Bauernopfer, das zwischen alle Fronten gerät.

Burdon Lane lebt den Amerikanischen Traum. Sein Job ist es, regelmäßig Waffen dorthin zu liefern, wo sie gebraucht werden – in jene amerikanischen Problemviertel, in denen sich die Bewohner mit besonderer Regelmäßigkeit gegenseitig erschießen und wo die Behörden gern eine Auge zudrücken. Ziel seiner jüngsten Lieferung ist es, zwei verfeindete Straßengangs in Harlem zu bewaffnen. Das System ist erprobt und todsicher. Was Burdon jedoch nicht weiß: Die Regierung hat bei diesem Deal ihre Hände im Spiel. Und was die Behörden nicht wissen: Der Deal ist nur ein Vorwand für einen weitaus perfideren Plan.

Als der Deal platzt, bricht die Hölle los. Plötzlich erschießen die Waffenhändler ihre eigenen Leute, die Cops scheinen keine echten Cops zu sein, und als sich der Pulverdampf verzieht, ist Burdon Lane plötzlich auf der Flucht – vor seinen Auftraggebern, den Feds, und so ziemlich jedem Cop entlang der Ostküste. Mit zwei Millionen Dollar, einem ungewöhnlichen Verbündeten, und jeder Menge Waffen.


RUN – SEIN LETZER DEAL
Luzifer Verlag, 2018.
350 Seiten;7,99 € (eBook) – 13,95 € (sehr schöne Klappbroschur)
ISBN: 978-3-95835-284-1
Aus dem Amerikanischen von Peter Mehler

https://luzifer.press/produkt-kategorie/thriller/

 

Es mag seltsam klingen, aber mit diesem Titel ist für mich die Messlatte für alle weiteren in diesem Jahr noch erscheinenden Hardboiled-Noir-Thriller um einiges nach oben gerutscht. Lange keinen stilistisch oder inhaltlich so konsequent durchexerzierten Actionthriller mehr gelesen“, kommentiert Jörg K, den Roman RUN von Douglas E. Winter bei AMAZON.

Ich kann mich ihm nur anschließen.

Douglas E. Winter, geboren 1950, ist hauptberuflich Anwalt in Washington und hat sich seit Jahrzehnten als Kritiker, Essayist und Anthologist für Weird Fiction profiliert. Außerdem schrieb er Biographien über Stephen King und Clive Barker und Kurzgeschichten, deren stilistisches Bewusstsein auffällig war.

Leider ist RUN sein bisher einziger Roman.

Er ist Partner in the international ausgerichteten Kanzlei Byran Cave und lebt in Oakton, Virginia. In einem Interview (in LOST SOULS), kurz vor der Veröffentlichung von RUN, sagte er: über sein Schreiben, mit dem er bereits als Kind begonnen hatte:

„I would create stories about very fantastic things because those were the things that appealed to me. They served as an escape, to a certain extent, and also, just a way of expressing those things inside that were my peculiar way of looking at the world. I’m literally putting the finishing touches on a novel. It’s called RUN.
I’ve been writing this book for a couple of years. It’s finished but I’m still.noodling the last three chapters. I’m an unrepentant editor and reviser… I I’ve written it without a safety net — without a contract. Something I haven’t done for 15 years. It was a wonderful and yet very anxious experience. I wrote the first half and then polished the hell out of it, put it into what I consider to be final form, and sent it to my agent just to make sure I was going down the right path. He thought I was doing all right, so that made it much easier to devote time to doing the second half, and doing it right… I think most people would consider the book to be a criminal suspense novel or a thriller. It concerns gun running, it concerns gangs, it concerns the problem of guns. The meaning weapons have in our current culture. It’s very violent and very ugly. Horrific as I said. I think it’s funny and my wife thinks it’s funny as well. It’s set in what I think is a very real world. It’s a world in which there aren’t good guys and bad guys — as my agent says, there are just bad guys and worse guys. And I think that’s appropriate based on what I’m trying to say in this particular book.”

Der Roman ist in der ersten Person Präsenz aus der Perspektive des Protagonisten Burdon Lane geschrieben. Manchmal strömt es als stream-of-consciousness aus ihm heraus und gibt dem Leser authentischen Einblick in seine Welt (Kerouac lässt grüßen), seine Gefühle und seinen Noir-Code.
Die Story spielt innerhalb von 24 Stunden und legt ein rasantes Tempo vor, die dem Leser einsaugt und unmittelbar teilhaben lässt. Winter beschleunigt suggestiv bis zum blutigen Finale und macht RUN zu einem Noir-Thriller der Extraklasse, zu einem frühen Genreklassiker des 21.Jahrhundert (die Originalausgabe erschien bereits 2000; ich habe den Roman seitdem in meiner Bibliothek und nicht mehr damit gerechnet, dass ein deutscher Verlag ihn veröffentlichen wird).

Weird Fiction-Experte Hank Wagner fand folgende Vergleiche: „Traces of Donald Westlake/Richard Stark, James Ellroy, Jim Carroll, William Goldman, Donald Goines, Quentin Tarantino and John Woo are evident, all filtered through Winter’s unique sensibilities. As such, the book transcends those influences. Winter delivers an explosive tale of loyalty and betrayal, one which simultaneously honors and elevates the thriller genre.” Der eigenwillige Ton, in dem Lane über seine Welt berichtet, erinnert auch an Jim Thompson-Erzähler, die nicht Lou Ford sind. Ich finde diese Erzählerstimme faszinierend, glaubhaft und höchst kunstvoll. Für Leser, die sie nicht mögen, sich nicht auf sie einlassen wollen oder können, taugt das Buch nicht, denn es steht und fällt mit seinem Sound.

Die Fluchtgeschichte packt einen und lässt nicht mehr los. Schließlich hat man nach anfänglichen Schwierigkeiten zumindest Empathie für den „Helden“. Und der atemlose Thrill der Hetzjagd integriert sich organisch in die düstere Welt, die uns Winter vorführt. Bevölkert ist diese Welt von ebenso glaubhaften wie unangenehmen Personen, denen der Autor aber nicht ihre Menschlichkeit nimmt. Außerdem strotzt das Buch vor Fach- und Insiderwissen, aus denen sich für die Handlung immer neue Twists entwickeln.

2011 war eine Verfilmung durch die Gotham Group mit Lindsey Williams als Producer und John Cusack als Hauptdarsteller im Gespräch. Daraus ist bisher nichts geworden, deutet aber darauf hin, dass die Filmrechte blockiert sind.

Der Roman hat in seiner Gesamtheit eine völlig eigene Stimme und gehört in den Kanon der großen Noir-Thriller.

Mark Timlin ist absolut zuzustimmen, wenn er sagt: »RUN ist zweifellos einer der besten Romane über Gewalt, die ich je gelesen habe … Bei Winter sitzt jedes Wort, und selbst wenn er nie wieder etwas zu Papier bringen sollte, hat er sich damit selbst eine Nische zwischen den besten Kriminalautoren dieser oder jeder anderen Generation geschaffen.« [im Independent on Sunday]



DER UNBEKANNTE KLASSIKER: CAMPBELL ARMSTRONG by Martin Compart

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Qualitätslücken in der Wahrnehmung der Noir-Kultur bis heute (trotz Internet) festzustellen sind.

Nichts neues, eigentlich.

Ohne das französische Engagement in den 1960 und 1970ern wären Autoren wie David Goodis, Jim Thompson oder Don Tracy nie in den „Kanon“ des Genres „aufgerückt“.

Oder welches Unverständnis Manchette Mitte der 80er in der deutschen Szene auslöste, als er in den Ullstein-Krimis erschien (ähnliche Reaktionen gab es auch bei Lisa Cody oder Sue Grafton, die damals die ersten weiblichen Protagonisten im deutschen Krimi-Markt vorstellten, aber durch feministische Ideologen schnell Unterstützung fanden).
Die Überraschung in der Rezeption bestätigte damals wie heute die kulturelle Verspätung Deutschlands.

Die Tiefen des Genres werden traditionell in Frankreich besser ausgeleuchtet als etwa in den USA oder Deutschland (wo es sich am Markt kaum noch behaupten kann).

Halten wir das Lamentieren kurz und erfreuen wir uns lieber an Entdeckungen oder Neuentdeckungen, die uns beglückende Lektüre für bescheidene Antiquariatspreise garantieren.

Campbell Armstrong wurde als Thomas Campbell Black am 25. Februar 1944 in Govan, Glasgow, geboren.

Er wuchs im Arbeitermilieu auf und entdeckte früh die Literatur. Zu seinen frühesten literarischen Einflüssen gehörte Robert Louis Stevenson, aber er entdeckte auch schnell Sartre, Camus, Dos Passos und Kerouac. Als sechsjähriger hörte er im Radio eine Lesung von Dylan Thomas („ And Death Shall Have No Dominion“). Das beeindruckte ihn so tief, dass er beschloss, Schriftsteller zu werden. Er war teilweise ein guter Schüler, besonders die Literatur hatte es ihm angetan und ein engagierter Lehrer förderte sein Talent. Bis zu seinem Tod erinnerte sich Armstrong gerne an diesen Lehrer, dem er viel verdanke. Bereits mit sechs Jahren hatte er handschriftlich eine Schulzeitung herausgegeben. „Ich hatte sogar Korrespondenten.“

Als Teenager entdeckte er Folk-Musik und Jazz; mit der zeitgenössischen Pop-Musik der Vor-Beatles-Ära konnte er nicht viel anfangen.

Sein erster Job war einziger männlicher Verkäufer in Cuthbertson’s Musicshop in der Sauchiehall Street. Hier lernte er Eileen Altman kennen, seine erste Frau und Mütter seiner drei Söhne.

1962 verließ er seine Heimatstadt. Er studierte an der University of Sussex und machte dort seinen Abschluss in Philosophie. Ein Freund erinnerte sich bei Armstrongs Beerdigung:

“When I first met him, at Sussex University in 1964, I saw a hard-drinking, scruffy-looking 20 year-old Glaswegian, already married, a “mature student” He’d knocked around a bit since leaving school, played folk guitar and was reading Philosophy Campbell could and would turn out 60 pages in a night, usually after a day of heavy drinking: pint after pint of Guinness and something – cider.”

Eileen and Campbell heirateten und zogen nach London, wo Campbell als Lektor zu arbeiten begann, erst für Weidenfeld & Nicholson, dann für Granada. Wie fast zeitgleich mit Ted Lewis und Derek Raymond tummelte er sich in der Sohoszene. Nächtelanges saufen, diskutieren, Bücher machen.

Aus dem Spaß am Saufen wurde der Ernst des Trinkens.

Anfang der 1970er war Campbell von seinem Job zu Tode gelangweilt und er emigrierte mit seiner Frau und zwei Söhnen in die USA – ohne dies vorher mit seiner Familie abgesprochen zu haben. Wie so oft in dieser Zeit, traf er einfach seine Entscheidung und die Familie hatte zu parieren.

Von 1971 bis 1974 lehrte er an der State University of New York Kreatives Schreiben, obwohl er nicht wirklich davon überzeugt war:
„I didn’t believe in teaching writing. You’ve either got it or you haven’t. You’ve got to have plot, you’ve got to have character.“


In den Jahren 1975 bis 1978 unterrichtete er dann an der Arizona State University, beschloss 1979 jedoch seine Hochschulkarriere zu beenden und sich ganz der Literatur zu widmen. Damals lebten sie – inzwischen war ein dritter Sohn geboren – in Sedona, Arizona, zogen dann nach Phoenix. Die Ehe ging den Bach runter. Campbell schrieb ganztags und Eileen wurde Geschäftsfrau. Wenn er nicht schrieb, soff er und trieb sich herum. Dann lernte er Rebecca Armstrong kennen, die Tochter eines Jockeys. Die Beziehung wurde ernst. Eileen wusste, dass ihre Ehe am Ende war und traf sich mit Rebecca. Nach dem Treffen sagte sie zu Campbell: „Ich habe dich gehen lassen.“ Campbell und Rebecca blieben bis zu ihrem Tod tief verbunden (wovon sein herzzerreißendes autobiographisches Buch I HOPE YOU HAVE A GOOD LIFE zeugt). Eileen und Rebecca wurden sogar beste Freundinnen.

Campbell verließ Phoenix, heiratete Rebecca und lebte mit dem jüngsten Sohn und Rebeccas Tochter Leda zusammen. Eileen blieb in Phoenix. Rebecca unterstützte ihn, indem sie ihm half, seine Sauferei zu kontrollieren und sich mehr auf die Arbeit zu konzentrieren.

Sein erster Roman war 1968 erschienen: die schwarze Komödie ASSASSINS AND VICTIMS wurde von Patricia Highsmith enthusiastisch besprochen. „Inspiriert wurde ich durch einen Hund, dessen Gebelle mich nächtelang wach hielt. Ich wollte ihn umbringen. Das gab mir die Idee zu einem Killer, der behauptet, auf Hundemord spezialisiert zu sein, aber ein Lügner ist. Ich wollte ein möglichst schauerliches Ende, und das bekam ich auch hin. Mein zweiter Roman war ein Experiment: Einen Kriminalroman ohne echte Lösung.“ Dafür gewann er 1969 mit THE PUNCTUAL RAPE den Scottish Arts Council Award für Kriminalliteratur.
„Ich beschäftigte mich intensiv mit den Konzentrationslagern und wie manche darin überlebten. Daraus wurde DEATH´S HEAD.“ Damals erschienen seine Bücher unter „Campbell Black“. Später kamen noch Pseudonyme hinzu.

In den 1970ern schrieb er als Campbell Black auch einige Horror-Romane, die bis heute in der Weird Fiction-Szene Kult-Status genießen (so behauptete die Village Voice keck, Black sei ein besserer Horror-Autor als King oder Straub). Für Brian de Palma machte er eine Novelisation aus DRESSED TO KILL: „Brian wollte wohl unbedingt seinen Namen auf einem Buch haben.“

Schnelles Geld versprach auch die Novelisation von RAIDERS OF THE LOST ARK für George Lucas, die sich weltweit millionenfach über Jahrzehnte verkaufte. Trotz regelmäßiger Bitten um Tantiemenabrechnungen, rührte sich Lucas und sein selbstgefälliger Haufen nicht. So kam es 2004 zu einem Prozess, für den als Streitwert 4 Mio. Dollar angesetzt wurden.
http://www.hugesettlements.com/Personal-Injury/1294.html

Als „Thomas Altman“ schrieb er zwischen 1980 und 1984 fünf Psychothriller, oder wie er sie nannte “novels of psychological terror”. „Die langweilten mich schnell. Kaum nachvollziehbar, dass ich sie schrieb. Es ging immer nur darum, wie man am besten Frauen in den Vorstädten terrorisiert.“ Anschließend schrieb er u.a. zwei okkulte Thriller.

Er ließ sich nie auf ein Subgenre festlegen. Die Meisten dieser kurzen Romane waren Auftragsarbeiten für den berüchtigten Verlag Corgi Books. „Ich ziehe es vor, diese Bücher zu ignorieren.“ Zu Unrecht, meinen einige Hardcore-Fans.

Erst mit den Frank Pagan-Thrillern, mit denen er zu „Campbell Armstrong“ wurde, kam der große Erfolg. Er änderte seinen Namen, um aus einen Optionsvertrag heraus zu kommen. Der erste war JIG, 1987. „Es war mein erfolgreichster Roman mit 23 Auflagen in England. Das trieb meine Vorschüsse für einige Zeit ziemlich hinauf. Meiner Meinung nach ist AGENTS OF DARKNESS mein bestes Buch. Auch weil der Protagonist ein Alkoholiker ist, der sich selbst erlösen muss.“

Pagan, der Gegenterror-Agent hängt einem „primitiven Sozialismus“ an und ist der Held von fünf dicken Thrillern, die Ludlum alt aussehen lassen. Seit dem Klassiker MAMBO (1990), in dem Castros Kuba erobert werden soll, nahm er die beeindruckenden Action- und Gewaltszenen zurück. „Es langweilt mich mehr und mehr. Ich muss mich dazu zwingen. Der Body count in MAMBO war sehr hoch. Ein Kritiker behauptete, etwa 1400 Menschen. Ich lasse jetzt lieber die Gewalt im off. Ich will nicht länger mit derartigem assoziiert werden. Eher gehe ich in Therapie.“

Politisch waren seine Romane immer und blieben es auch nach der Pagan-Serie. „Ich denke, alle Politiker sind Idioten. Die Leute, die über unseren Planeten herrschen, managen es auf die übelste Weise-. Alles voller geheimer Deals in Hinterzimmern, die darauf abzielen, ihre Gegner zu vernichten. Man dringt nie zu Kern vor und erfährt nie die Wahrheit. Genau das interessiert mich. Da gibt es wahrlich genügend Stoffe.“ Pagan veränderte sich langsam in dem Quintett. Im letzten Roman hat er eine Liebesaffäre mit einer Terroristin. Danach quittiert er den Dienst, weil er sich schämt und nicht mehr für Special Branch arbeiten will. „Das war es. Ich kam mit Pagan nicht mehr weiter. JIG, der erste Pagan, war wahrscheinlich auch deshalb so erfolgreich, weil hinter der ganzen Action eine patriotische Lüge stand: Lasst uns Nordirland zurück holen. Etwas, das nie passieren wird.“

AGENTS OF DARKNESS beschäftigte ihn länger als frühere Romane: insgesamt 18 Monate. Noch reflektiver als die Romane zuvor. „Der Schreibprozess machte Spaß. Ich schrieb drei unterschiedliche Fassungen, sogar eine mit einem glücklicheren Ende. Aber die überzeugte mich nicht, war zu unrealistisch. Wäre es ein reines Genre-Buch, hätte es ein Happy end.“

Der Schluss eines Buches war ihm sehr wichtig: „Ich mag eigentlich keine Happyends. Im Leben gibt es Happyends nicht gerade häufig. Ich mag offene Enden für meine Bücher. Ich mag Mehr- oder Doppeldeutigkeit am Schluss eines Romans.“

Anschließend kam der nicht minder beeindruckende CONCERT OF GHOSTS. Wer als Autor lernen will, wie man literarisch subjektive psychische Prozesse so objektiviert um den Leser zu manipulieren, der sollte GHOSTS studieren (wer sich am perfekten Thriller versucht, dem gibt AGENTS hilfreiche Studienmöglichkeiten). „Beide Romane beschäftigen sich mit amerikanischer Politik und der Natur der US-Demokratie.“ Dann schrieb er einige kurze Noir-Thriller, SILENCER, BLACKOUT und DEADLINE, „ziemlich düstere Sachen auf ihre Weise.“

Was Cleverness und instinktives Stilempfinden angeht, war er vielleicht so etwas wie der Luke Haines des Brit-Crime der nineties.

Wenn ich einen richtig schlechten Satz geschrieben habe, kann mich das wochenlang umtreiben. Heute schreiben Autoren dauernd schlechte Sätze, Sätze die von jedem Beliebigen formuliert sein könnten. Gute Sätze atmen, lassen dich den Charakter riechen, fühlen.“

Egal, wo ein Roman von ihm spielt, ob Miami, Moskau, Edinburgh oder Manila, jedes Detail ist genau recherchiert. Auch Armstrong gehört zu den Autoren, die einen Handlungsort bereisen und in sich aufsaugen.

Ende der 1980er hatte er von den Amerikanern genug. Ausgerechnet ihm ging der Waffen-Fetischismus mächtig gegen den Strich und der „American Way of Life“ hatte keine Faszination mehr. „Amerika ist gruselig. Du gehst dorthin und nach einiger Zeit bist du amerikanisiert. Plötzlich gehst du zu einem Baseballspiel – und dann weißt du: Sie haben dich!“

Nach dieser Erkenntnis brach er die Brücken ab und ging mit seiner Familie nach England zurück und arbeitete zuerst als Journalist, dann als Lektor, bevor er sich anschließend ganz auf das Schreiben konzentrierte.

1991 kaufte er ein heruntergekommenes Anwesen mit einem 30-Zimmer-Haus in Offaly in Irland. „Der Kaufpreis war unglaublich günstig, aber die Reparaturkosten enorm.“ Günstig war das riesige Haus wohl auch deshalb, weil einige Opfer von Oliver Cromwell spukten.
Natürlich hatte er auch das über den Kopf seiner Frau beschlossen und besiegelt. Bald darauf siedelten sie ganz nach Irland und was Campbell an Steuern sparte, jagte er mit Guinness durch die Kehle – bis er den Absprung schaffte.

Alkohol war und ist wichtiger Bestandteil nicht nur der schottischen Kultur.

Für Campbell Armstrong wurde während seiner ersten Londoner Verlagstätigkeit zum wachsenden Problem. Später kam Koks als Katerrezeptur hinzu: „I had stopped drinking before I came to Ireland but as soon as I came I started drinking again it was the Guinness.“ Aber dann war Schluss: “Im März 1993 trank ich in einem Dubliner Pub mein letztes Guinness. Ich hatte das Gefühl, ein weiterer Drink würde endgültig die in mir schlummernden Dämonen wecken und mich endgültig in den Abgrund führen, aus dem es kein weiteres Entkommen mehr gibt – nur den Tod. 1975 nahm ich zweimal LSD und wurde fast verrückt, das ist nichts für mich. Mit der Zeit stellte ich fest, dass mich alle Drogen paranoid machen, am schlimmsten Kokain.“

Der Alkoholismus forderte seinen Preis: 1996 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert.

Fast alle seine Romane wurden für den Film optioniert; adaptiert wurde bisher keiner. Ziemlich unverständlich. Ein weiterer unnötiger Beweis, für die Dämlichkeit dieser Branche. Aber angesichts der unzähligen miesen Literaturverfilmungen vielleicht auch pures Glück.

Trotz ihrer Düsternis sind Armstrongs Romane Bücher, die einen aus dem Zustand tiefster Betrübnis befreien – dank ihres gelegentlichen Humors, tiefen Humanismus und, wer das erkennen und schätzen kann, ihres bestechenden Stils.

Sein letzter großer Wurf war das Glasgow-Quartett (das selbstverständlich nicht ins Deutsche übersetzt wurde). Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass in Glasgow die wirklich harten Jungs unterwegs sind. Dagegen ist Edinburgh was für Pussys.

Der erste Roman, THE BAD FIRE, über den Heimkehrer Eddie Mallon spiegelt wohl Armstrongs Besuche nach jahrzehntelanger Abwesenheit in seine Heimatstadt wider. Armstrong sollte auf Anregung seines Verlages seine Jugenderinnerungen an Glasgow schreiben. Zum Glück für alle Noir-Fans entschied er sich dafür, diese mit einer tiefgehenden Beschreibung des heutigen Glagow als Roman zu verschmelzen.

Diese Stadt, die sich in sich selbst zurück gezogen hat, ließ ihn nicht mehr los und drei weitere Glasgow-Romane um den jüdischen Detective Lou Perlman, der ein würdiger Nachfolger von William McIlvanneys Laidlaw ist, folgten. Natürlich gibt es Unterschiede. Und es wäre völlig ungerecht den höchst individuellen Autor Armstrong mit McIlvanney, den Armstrong bewunderte, zu vergleichen. Ich kenne keinen Autor, der wie Armstrong seine Charaktere gleichzeitig mit so einer brutalen Objektivität und Empathie zeichnen kann. Darin spiegelt sich der Kampf gegen seine inneren Dämonen. Aber genau damit gibt er ihnen diese Dimensionen, die im Thriller noch seltener sind als im Noir-Roman (beide Genres bedient er meisterhaft, da er sich nie ihrer Grenzen bewusst werden wollte und sowas lieber Klugscheißern wie mir überlässt).

Lesenswert zur Heimkehr nach Glasgow: https://web.archive.org/web/20060518091529/http://www.campbellarmstrong.com:80/native.php

Campbell Armstrong verstarb am 1. März 2013 , vier Tage nach seinem 69. Geburtstag an den Folgen einer Krebserkrankung. Zurück bleiben seine zweite Frau Rebecca und die Kinder Iain, Stephen and Keiron und Leda. Außerdem 27 Romane, die in 11 verschiedenen Sprachen übersetzt wurden; darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Griechisch, Polnisch, Japanisch und Hebräisch, drei Stücke und ein autobiographisches Werk.

Seine Bücher bleiben und werden immer wieder von neuen Lesern entdeckt werden.

Das wäre ein guter Soundtrack für Armstrong:

Manchmal aber auch eher das:



NOIR-KLASSIKER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: INTERFACE VON JOE GORES by Martin Compart
24. November 2017, 12:22 pm
Filed under: JOE GORES, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir | Schlagwörter: , , , ,

Ein Rattennest aus Junk, Alkohol und Sittenlosigkeit“, überschrieb der Futura-Verlag den Klappentext zur englischen Taschenbuchausgabe von Joe Gores INTERFACE.

Und der Roman fängt gleich richtig böse an: Vietnamkriegsveteran Docker legt einen mexikanischen Dealer um und schnappt sich eine Ladung Junk und gleich dazu auch noch das Übergabegeld. Dann zieht er los, um in San Francisco richtig einen drauf zu machen. Darunter versteht Docker, eine schöne Blutspur durch die Bay Area zu ziehen. Gleichzeitig wird der nicht minder sympathische Privatdetektiv Neil Fargo von einem Plutokraten beauftragt dessen Tochter Roberta zu suchen, die sich in miesen Kaschemmen verkauft um ihre Sucht zu finanzieren.

Und damit öffnet sich für den Leser das Höllentor zu einem San Francisco jenseits der Postkartenromantik der Golden Gate.

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Gores widmete INTERFACE Donald Westlakes Serien-Gangster Parker „because he´s such a beautiful human being“. Tatsächlich hat Gores Romanheld, der Privatdetektiv Neil Fargo, mehr gemein mit dem Gangster Parker als mit Lew Archer oder Phil Marlowe. Fargo ist studierter Jurist, ein Ex-Football-Profi und ein ehemaliger Special Force.

INTERFACE wurde mal als der „Italo-Western unter den Privatdetektivromanen“ benannt. So wie der Italo-Western den klassischen Hollywood-Western dekonstruiert, zertrümmert Gores in seinem Roman jedes Stereotyp der Private-Eye-novel.Interface[1]

INTERFACE gehört zu den richtungweisenden Romanen der Noir-Literatur der 1970er. Auf derselben Ebene wie Higgins´ FRIENDS OF EDDIE COYLE, Crumleys LAST GOOD KISS, Robert Stones DOG SOLDIERS oder Thornburgs CUTTER AND BONE.
Wie die genannten Bücher ist INTERFACE tief verwurzelt in der durch Vietnam, Watergate, den politischen Attentaten und der Sixties-Rebellion traumatisierten US-Gesellschaft. Wie diese Romane ist auch Gores Roman ein Lageplan der Müllkippe, zu der der „amerikanische Traum“ heruntergebrannt ist.

Erzählt ist INTERFACE in der dritten Person in einem ähnlich brutal-objektiven Stil (den Manchette so mochte und durch seinen „subjektivierten Realismus“ revolutionierte) wie Hammetts MALTESE FALCON. Wie Hammett geht auch Gores nie in die Gedankenwelt seiner Figuren und charakterisiert sie behavioristisch durch ihre Handlungen.

Stark-Eine-Falle-fuer-Parker[1]Wenn heute von modernen Klassikern der Kriminalliteratur, hard-boiled novel oder Noir-Thrillern die Rede ist, fällt sein Name seltener als zum Beispiel die von Donald Westlake, Lawrence Block oder gar Robert B.Parker. Irgendwie scheint Joe Gores ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Das ist umso erstaunlicher, da keinem mir bekannten Autor seit Dashiell Hammett so viele Innovationen im Genre gelungen sind:

Mit HAMMETT (1975) schrieb er wohl die erste Private-Eye-Novel als period piece, die auf realen Figuren basiert (Max Allan Collins perfektionierte mit der Nate-Heller-Serie in den 1980ern dieses Sub-Genre).

Mit A TIME OF PREDATORS (1969) antizipierte er vor Brian Garfield und Don Pendleton den modernen Vigilanten, der das Kino und den Kriminalroman der 1970er Jahre folgenschwer mitprägte.

Mit seiner Serie um die Privatdetektivagentur „Dan Kearney and Associates“ übertrug er die police-procedural-Elemente des Polizeiromans à la Ed McBain, nämlich Team und genau geschilderte Ermittlungsarbeit, auf den Privatdetektivroman.

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Gores war sein Leben lang besessen von Dashiell Hammett, mit dem sein Leben mehr Parallelen hatte als nur beider Tätigkeiten für Privatdetektivagenturen.

Man mag kaum an Zufall glauben, verdeutlicht man sich den Todestag von Joe Gores: Er starb mit 79 Jahren am 10. Januar 2011 – auf den Tag genau 5o Jahre nach Dashiell Hammett!

Geboren wurde Joseph Nicholas Gores Weihnachten 1931 in Rochester, Minnesota. Als großer Comic-Fan wollte er ursprünglich Comic-Zeichner und Erzähler werden. Seine Vorbilder war die absolute Weltklasse des Zeitungs-Strips: Milton Caniff, Burne Hogarth, Hal Foster und Alex Raymond.

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“When I was 6, my Ma said I could read anything I could reach, so she made sure on the bottom shelves was Lives of the Saints, The Pilgrim’s Progress. But he quickly figured out how to climb to the top shelf, where Ma Gores kept the hard stuff: Agatha Christie, Sherlock Holmes and, of course, Hammett… I still remember opening The Dain Curse. At 6 years old, you don’t know that much, but ‘It was a diamond all right…’ was the first line of that novel, and I thought, ‘Oh, God, wow!’“

Gores studierte Literaturwissenschaften in Notre Dame und dann in Stanford. “You become very highbrow when you are in college.. I was writing the kind of stuff you write in graduate school, which is, you know, ‘the girl with the ponytail commits suicide.’”

Eines Tages fiel ihm ein Band mit Lew Archer-Kurzgeschichten von Ross Macdonald in die Hand und die erste Zeile von GONE GIRL erwischte ihn genauso hart wie schon als Kind die erste Zeile von THE DAIN CURSE: “The opening line of ‘Gone Girl’ was ‘I was tooling home from the Mexican border in a light blue convertible and a dark blue mood. And I thought ‘My God, that is the way I want to write! . . . That kind of tightness, that kind of directness, no nonsense, no navelgazing. You are in there to create vivid characters who are doing extremely interesting things and that’s it.”

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1954 wollte er seine Masterarbeit über Hammett, Chandler und Ross Macdonald schreiben. Aber das Thema wurde mit der Begründung abgelehnt, es handele sich dabei “um Autoren, die so schreiben würden, als wollen sie ihre Bücher verkaufen“. Also könne es sich bei ihnen nicht um Literatur handeln und infolge dessen könne man über sie auch keine „Master´s Thesis“ verfassen. Dann stellte er fest, dass die meisten Autoren, die über die Südsee schrieben, Pulp-Autoren waren. Mit drei offensichtlichen Ausnahmen: „In 1961, Stanford University granted me a Master’s Degree in English Lit. because it had to. My thesis was on the Literature of the South Seas; my advisor had read only Conrad, Maugham, and Melville of my 50 authors, so he could not say it was wrong to write about the other 47.”

Will Ready, sein Professor für kreatives Schreiben in Stanford, gab ihm einen Rat, den Gores für den wichtigsten Rat für sein Schreiben empfand: Alles runterkochen.

Zusammen mit einem Freund heuerte er auf einen Frachter an und fuhr nach Haiti.manhunt_195312[1] „Damals fing ich ernsthaft zu schreiben an und verkaufte meine erste Geschichte 1957 an das letzte übrig gebliebene Pulp Magazin MAN HUNT.“ Anschließend erwischte ihn die Army. Dort endete er als Schreiber von Generals-Biographien. Er blieb also dem Crime-Thema treu. Dann ging er zurück nach Stanford um sein Diplom zu machen.

Nebenbei schrieb er und arbeitete als Privatdetektiv.

In einem Jahr bekam er über 300 Ablehnungsschreiben, mit denen er sein Badezimmer tapezierte. Drei Jahre lebte er in Kenia um zu unterrichten. „Ich war als Kind ein großer Tarzan-Fan und wollte Afrika kennen lernen.“ Bis Ende der 1960er arbeitete er abwechselnd oder gleichzeitig als Autor und als Privatdetektiv in San Francisco. Kein Autor seiner Generation kannte San Francisco besser als Gores. „Als Repo-Man fuhr ich manchmal 5000 Meilen im Monat – ohne die Stadt zu verlassen. San Francisco war in den 1970er Jahren noch in den größten Teilen so wie die Stadt war, als Hammett über sie schrieb.“

1967 war er mit Kurzgeschichten, die auch im renommierten ELLERY QUEEN´S MYSTERY MAGAZINE erschienen, ganz gut im Geschäft. Die legendäre Krimi-Herausgeberin Lee Wright, damals bei Random House, schrieb Gores: „Falls Sie jemals einen Roman schreiben, wäre ich daran interessiert, ihn zu veröffentlichen.“ Also setzte sich Gores hin und schrieb A TIME OF PREDATORS und gewann einen Edgar-Allan-Poe-Preis der Mystery Writers of America.

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Hammett war ganz klar der größte Einfluss für Gores. Wenn Otto Penzler meint, „Hammetts Welt ist zynisch und unsentimental; Gores ist wärmer und positiver“, hat er wohl vergessen, was Gores mit INTERFACE geschrieben hat: Dieser „Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen“ ist genauso kalt und distanziert formuliert wie Hammett. Wenn Hammett mit RED HARVEST und den MALTESE FALCON die bösartigsten und härtesten Romane seiner Generation geschrieben hat, dann schuf Gores mit INTERFACE eine nie wieder genutzte Blaupause für den Privatdetektivroman des 21.Jahrhunderts. Eine zynische Abrechnung mit den USA, nachdem auch für die Naivsten die Putschblase „Land der Freien“ zerplatzte.Stark-Richard-Harte-Zeiten-weiche-Knie[1]
Neil Fargo ist Richard Starks Parker als Privatdetektiv… Nein, der Typ ist noch viel schlimmer. Gores war gut mit Donald Westlake befreundet. Das drückte sich auch darin aus, dass beide Autoren dieselbe Szene nur aus anderen Blickwinkeln für zwei ihrer Romane nutzten: Gores lässt seinen Serienhelden Dan Kearny in DEAD SKIP, 1972, kurz auf Westlake/Starks Parker treffen. Westlake greift dieselbe Szene dann in PLUNDER SQUAD auf (ähnliches machten sie dann noch mal mit Westlakes Figur Dortmunder in DROWNED HOPES und 32 CADILLACS).

Gores gehörte neben seinem Freund Donald E. Westlake und William L. DeAndrea zu dem Trio, das in drei verschiedenen Kategorien mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnet wurde. Gores bekam ihn für den besten Erstling (A TIME OF PREDATORS, 1969), die beste Kurzgeschichte (GOODBYE, POPS, 1970) und für das beste Drehbuch einer TV-Serie (KOJAK: NO IMMUNITY FOR MURDER, 1975).

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P.S.:
Die Ullstein-Ausgabe wurde 1975 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit der Entscheidung Nr.2572 indiziert. In der Begründung hieß es u.a.: „Insgesamt lehrt das vorliegende Taschenbuch die grundsätzliche Hinnahme von Gewalt, die Heroisierung des Verbrechers und allg. destruktives Verhalten aus Machtgier oder neurotischer Mordlust… ´Wirklich einmal etwas Neues`, sagt der Verlag auf dem Titelblatt. So macht man Rechtsbrecher salonfähig, oder um es lerntheoretisch auszudrücken, schafft man für labile Jugendliche…“

Wo ist er bloß geblieben – der tiefe Glaube an die Macht der Literatur?

Hier die Begründung der Bundesprüfstelle für die Indizierung (Achtung! Spoiler-Alarm!):





NOIR-KLASSIKER: NORMAN MAILERS „HARTE MÄNNER TANZEN NICHT“ by Martin Compart

TOUGH GUYS DON´T DANCE beginnt mit einem hinreichend bekannten Noir-Plot: Der Protagonist erwacht ohne Erinnerung an die vorherige Nacht mit dem unguten Gefühl, dass etwas sehr schlimmes passiert ist und das Erwachen der Anfang eines Alptraums sein könnte. Aber in der Genre-Literatur (gibt es andere? Sind Königsdramen und Sonette etwas anderes?) geht es nicht um den Plot, sondern darum, was man daraus macht. Und was Mailer aus diesem klassischen Noir-Plot rausholt, ist umwerfend.

Auf Cape Code kommt der ehemalige Dealer und Möchtegernschriftsteller Tim Madden mit einem schlimmen Kater zu sich: „Ich (versuchte) die Nebelbänke der Erinnerung zu durchdringen.“

Er kann sich an die vergangene Nacht nicht erinnern und entdeckt eine neue Tätowierung an sich, die pikanterweise den Namen einer alten Flamme trägt. Ausgerechnet den Namen der einzigen Frau, die seine Ehefrau gar nicht leiden kann. Und Tim leidet noch darunter, dass seine Ehefrau ihn vor genau 24 Tagen verlassen hat.

Damit kreierte Mailer ein Noir-Motiv, das in den letzten Jahrzehnten durch Filme, wie etwa Christopher Nolans MEMENTO oder TV-Serien wie BLINDSPOT und wahrscheinlich dutzende Romane, zu einem gähnend langweiligen Topos verkommen ist.

Mailer treibt diese klassische Noir-Situation anfangs ganz langsam voran: Nach Rückblenden, die uns verdeutlichen, mit was für einem Kretin wir es zu tun haben, entdeckt Madden auf den Sitzen seines Porsche Blutspuren und an seinem Marihuana- Versteck den Kopf einer Blondine. Spätestens jetzt weiß man, dass Mailer uns einen Cornell Woolrich-Plot auf Droge serviert. Die Witzbolde von der KIRKUS REVIEW erinnerte der Plot damals an Saul Bellow und Thomas Berger. Von Cornell Woolrich oder David Goodis hatten die wohl noch nie etwas gehört.

Norman war der tough-guy unter den US-Autoren nach Hemingway.

Nur ist Mailer natürlich ein ganz anderes Kaliber als der arme Cornell. Sein Ich-Erzähler ist ein runder Charakter, eine gequälte Seele, von der reichen Frau verlassen, beruflich nicht von Glück gesegnet und mit einem fatalen Hang zum toxischen.

Wie bei Woolrich eröffnet sich die Frage: Hat Madden während seines Blackouts gemordet? Sucht er sich selbst als Täter? Vergangenheit lässt sich nicht durch Amnesie verdrängen. Bei seiner irren Fahndung – die Leichen, bzw. Köpfe häufen sich – begegnet er so ziemlich jedem Psychopathen von Cape Code (unter die Haut gehen einem besonders Maddens Gespräche mit seinem Vater).

Der Leser traut dem ziemlich durchgeknallten Ich-Erzähler durchaus zu, dass er in Blackouts mordet. Je mehr wir von ihm erfahren, umso deutlicher scheint er zu der Art Täter zu gehören, die versuchen, Realität in ihre Fantasien herein zu choreographieren.

Anders als in den meisten Noir-Romanen mit ähnlicher Ausgangssituation beginnt Mailer nicht mit dem Schockeffekt. Die Ouvertüre deutet das Erwartbare an, aber Mailer zieht es in die Breite um den Protagonisten vorzustellen und erste Indizien vorab zu suggerieren. Bevor Maddens Alptraum eine höhere Ebene erlangt, erinnert er sich an sein reduziertes Leben in der Betäubung einer Säufer-Existenz, zusätzlich von Sexsucht und der Sentimentalität des Versagens geplagt. Ganz ähnlich einem Goodis-Charakter. Hier zeigt sich wieder Mailers Klasse: Die Kunst des Plottens besteht in der effektivsten Anordnung von Informationen und Ereignissen – nicht unbedingt in der folgerichtigsten.

Mailer zieht uns in die faszinierende November-Atmosphäre von Cape Code, wenn Besucher und Sommerbewohner die Insel verlassen haben und der Nebel wie das Böse von der See her über den Strand zu kriechen beginnt. Die Beschreibungen von Provincetown sind so eindrucksvoll und tief, da Norman hier lange lebte.

Der Schauplatz scheint mir darüber hinaus auch aus literarischen Gründen bewusst gewählt: Das winterliche Provincetown ist wie der leicht modernisierte Schauplatz einer Gothic Novel (tatsächlich war es der Ort, an dem die Gründerväter erstmals amerikanischen Boden betraten um dann aber schnellstens nach Plymouth abzuhauen). Und wie in vielen Noir-Romanen, schwingt auch bei Mailer etwas von einer Gothic Novel mit. Besonders in dieser Off-season-Atmosphäre, in der die Psychopathen nicht von Touristen gestört werden und auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Living in Provincetown on the edge of those rare, towering and windy dunes . . . I had begun to think of a novel so odd and so horrible that I hesitated for years to begin it… in winter the town is filled with spirits – a place for murderers and suicides… ‚a few years ago, a young Portuguese from a family of fishermen killed four girls, dismembered their bodies, and buried the pieces in twenty small and scattered graves. The town is so naturally spooky in mid-winter and provides such a sense of omens waiting to be magnetized into lines of force that the novel in my mind seemed more a magical object than a fiction, a black magic.“

Eben ein Ort, in dem man in Frieden elendig zugrunde gehen kann.

Im ganzen Wahnsinn des Romans, von der Kritik bei der Erstveröffentlichung nicht verstanden und verdammt, zeigt sich einmal mehr die Verlorenheit des Individuums als Topos des Genres. Auch die scheinbar wahnwitzige Handlungsführung presst frischen Wein aus alten Schläuchen. Mailer gehörte immer zu den skrupellosesten Erzählern – auch sich selbst gegenüber, besonders sich selbst gegenüber in diesem im Subtext höchst persönlichen Roman. In TOUGH GUYS nutzt er den Noir-Roman um die existenzielle Leere des Kapitalismus zu zeigen. Mailer erkannte, das sich dafür keine andere Literaturform besser eignet. Und um den Mythos „Noir“ richtig zu bedienen, behauptete er, den Roman in nur zwei Monaten geschrieben zu haben.

Damals warf ihm die Kritik vor, er hänge und jammere einer verlorenen Machomännlichkeit nach. Als ob der Noir-Roman, der Kapitalismus und bürgerliche Kultur reflektiert, nicht schon immer und wohl auch künftig die Kastration der selbstbestimmten Existenz beklagt, die dem System innewohnt, und seit dem 2.Weltkrieg das „Ernährermonopol“ dem Mann zunehmend nimmt. Der fortschreitende Verlust dieses Mandats spiegelt sich in Mailers gesamten Werk, in dem Sex und Gewalt – ähnlich wie in der Realität – immer exzessiver werden.

Einer dieser Poeten von SPIEGEL ONLINE (immer im Irrtum, nie im Zweifel) schrieb noch am 10.11.2007, wohl um die eigene Phobie in den Griff zu kriegen: „In den Achtzigern beschäftigte sich der bekennende Antifeminist mit der Geschlechterfrage und veröffentlichte Harte Männer tanzen nicht, eine als Krimi getarnte Reflexion über Homosexualität als letztes Rückzugsgebiet der echten Männlichkeit.“  Vielleicht träumte er aber auch nur von einem brutalen Boxer, der ihn in einer dunklen Gasse hart rannimmt.
Das bourgeoise Feuilleton hat immer seine Probleme mit Freigeistern, die sie weder in ihren erbärmlichen Kammern besuchen, noch sie zu irgendwas einladen, das aufregender ist als Signierstunden mit einem Sektchen.

Norman bereitet sich auf eine Pressekonferenz vor.

Mailer hatte so eine Art Pakt mit ihnen: Er verachtete sie (verprügelte auch mal den einen oder anderen – was nicht besonders fair war, denn Mailer boxte aktiv, und wie wir wissen, ist Boxen neben Fußball der Lieblingssport ungelenker und zur vorzeitigen Verfettung neigender Feuilletonisten, natürlich ausschließlich mit einem gutgekühlten Weißwein vor dem Fernseher) und sie verrissen dafür jedes Buch von ihm, ohne den Erfolg verhindern zu können. Sie kamen einfach nicht klar mit einer jüdisch-intellektuellen Schreiber-Variante von Clint Eastwood.

Was Mailer interessierte, waren eben Nischenthemen, wie zum Beispiel Politik, Sex und Gewalt, die außerhalb ihres behüteten Erfahrungshorizonts lagen und liegen.

Der Roman ist einer der eindrucksvollsten der Noir-Literatur: Charaktere, Atmosphäre, Reflektion, Wahnsinn und Plot sind brillant in einer gleichgewichtigen Behausung, beschienen von einer stilistischen Eleganz, die Mailer auf der Höhe seiner Kunst bestätigt; er schrieb das Buch mit 61 Jahren.

„Trotzdem, ein bestimmter Roman kam tatsächlich unter akutem finanziellen Druck zustande, nämlich Harte Männer tanzen nicht. Ich hatte mich gerade von meinem Verlag Little, Brown getrennt und war noch ziemlich erschöpft von den Frühen Nächten. Ich hatte ein Jahr lang nicht gearbeitet, aber der Verlag hatte mich das Jahr über bezahlt und teilte mir mit, dass ich ihm deshalb noch ein letztes Buch schulde. Also schrieb ich es innerhalb von zwei Monaten. Dann habe ich es Little, Brown abgekauft und mich damit schuldenfrei gemacht. Mir haben die Harten Männer allein schon aus diesem Grund große Genugtuung bereitet.“ (DIE WELT 24,11,1997)

Das klingt doch nach bester Paperback Original-Tradition!

Als eine der gnadenlosesten Stimmen gegen das Establishment hatte er sich seit den 1950ern hervorgetan. 1955 war er Mitbegründer der VILLAGE VOICE, der Mutter aller Underground-Magazine („Die Mitbegründer wollten Erfolg sehen, ich hingegen wollte ein Blatt, das allen ins Gesicht schlug… Wie alle Generäle, die eine Ein-Mann-Armee befehligen, fing auch ich im Vertrauen auf eine Geheimwaffe an. Ich hatte Marihuana.“).

Er hatte sich beharrlich einen Ruf als Schläger, Säufer und Weiberheld erarbeitet, schockierte regelmäßig mit Schock-Romanen, Faction, New Journalism und Reportagen (ARMYS IN THE NIGHT über die Anti-Vietnam-Bewegung ist eine der berühmtesten), sammelte Preise ein und verarbeitete die Messerattacke auf seine Frau, 1961, (die ihm fünf Jahre auf Bewährung einbrachte) zu einem Noir-Roman: AN AMERICAN DREAM (1966 verfilmt von Robert Gist mit James Whitmore).

Er kandidierte erfolglos als Bürgermeister für New York, verurteilte Kosovo-, Afghanistan-und Irak-Krieg und ließ auch als zorniger alter Mann keine Gelegenheit aus, um voller Verachtung den Politikern ihre Erbärmlichkeit vorzuhalten.

Im März 1999 schrieb er an einen Freund:

Wenn dieses Land in die Binsen geht, und das tut es bestimmt, dann glaube ich, man könnte den Niedergang nicht nur anhand der Moral abbilden, sondern auch im Sinne eines gesellschaftlichen Eklats und gesellschaftlicher Standards – ich glaube, man könnte die Niedergangskurve direkt neben den Anstieg des Dow Jones zeichnen: je höher der Dow, desto niedriger die Standards. Geld zerstört alle anderen Werte. Ich kann die rechtskonservativen Republikaner sogar dafür respektieren, dass sie bestimmte Werte hochhalten, aber sie nehmen sich nie den Kapitalismus vor, der – ungezügelt – die schlimmste Geißel menschlicher Werte unserer Tage darstellt.“

Norman machte einem auch klar, das Literatur ein einsames und undankbares Geschäft ist.

Er starb 2007 mit 84 Jahren und hatte sein literarisches Leben 1948 als Wunderknabe begonnen mit dem Roman DIE NACKTEN UND DIE TOTEN, der als einer der besten Kriegsromane der Weltliteratur gilt.

Mailer war ein zorniger Mann. Sein Zorn auf bestimmte Verhältnisse war ein nicht zu unterschätzender Quell seiner Arbeiten,  Mit „Zorn“ als erstem Wort der ILLIAS beginnt die westliche Literatur. Mailers Zorn war oft zu groß, um ihn nur literarisch zu nutzen. Als politischer Mensch schmiss er mit Zornesblitzen um sich wie Zeus.

Es war vor allem Norman Mailer (und einige andere wie Tom Wolfe, Truman Capote, William Burroughs, Jack Kerouac, Hunter S. Thompson), der das Literaturverständnis (zumindest in den USA) in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts radikal verändert haben.

Um Genre-Grenzen hatte er sich immer einen Dreck geschert. ANCIENT EVENINGS von 1983 war eine irrwitzige Mischung aus (anti-)historischen Roman und Fantasy-Elementen. 1991 hatte er mit HARLOT´S GHOST begonnen, die Geschichte der CIA als „Epos der geheimen Mächte“ zu schreiben. Obwohl am Ende des voluminösen Romans „Fortsetzung folgt“ versprochen wird, hat er das Sujet nicht mehr aufgegriffen. Was eine verdammte Schande ist, denn das Werk ist einer der größten literarischen Pageturner des Polit-Thrillers.

Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Roman mit Ryan O´Neal, Isabella Rosselini und Wings Hauser (alle großartig) selbst zu verfilmen. Als Dialogcoach kam sogar Ira Levin an Bord und übernahm auch eine kleine Rolle (die von Merwyn Finney).

Mailer hatte bereits Filme gedreht, bevor er nach fast 15 Jahren wieder ein Set tyrannisierte: Wild 90, 1968, Beyond the Law, 1968, Maidstone, 1970.

Die Produktionsfirma Cannon litt Mitte der 1980er unter ihrem Action-Image. Krampfhaft wollte man beweisen, dass man nicht nur Kompetenz für Charles Bronson-Vehikel und ähnliches hatte. Sie starteten eine so genannte „Qualitätsoffensive“ und ließen Autoren wie Altman, Cassavetes, Godard und Schroeder gewähren um ihr Image aufzuwerten.

Das war die Chance für Mailer. Und er nutzte sie, weil ein Mann tut, was er tun muss.

Natürlich wurde der Film damals gewaltig verrissen, heute hat er – wohl genauso natürlich – Kultstatus. Was diese Kritiker einfach nicht begriffen haben:  der Film suhlt sich nicht in Absurdität,  sie ist seine Basis.

Eine der schönsten jüngeren Rezensionen eines „Nachgeborenen“ ist von Oliver Nöding, in seinem Blog:
https://funkhundd.wordpress.com/2012/07/29/tough-guys-dont-dance-norman-mailer-usa-1987/

Und dann lest unbedingt MiCs Hammerkommentar, der Insiderwissen  vermittelt, das schwer zugänglich ist. Durchschnittlichen „Journalisten“ mit Festanstellung in den Systemmedien natürlich gar nicht.

P.S.: Die deutsche Ausgabe mit der Übersetzung von Günter Panske kann man nicht nur nicht empfehlen, man muss vor ihr gar warnen.


ANHANG:

Mir ist es egal, ob die Leute mich einen Radikalen nennen, einen Rebellen, einen Roten, einen Revolutionär, einen Außenseiter, einen Gesetzlosen, einen Bolschewiken, einen Anarchisten, einen Nihilisten oder gar einen Linkskonservativen, aber bitte nennen Sie mich nie einen Liberalen.“

Norman Mailer im Dezember 1962 an den PLAYBOY.

Zu seinem 70.Geburtstag schrieb ich in der JÜDISCHE ALLGEMEINE Wochenzeitung eine kleine Würdigung. Die erlaube ich mir hier unkorrigiert zu wiederholen – aus einem ersichtlichen Grund: Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung, erreichte mich nämlich die untenstehende Note von Mr. Mailer, die mich irrsinnig freute: Mein langjähriger Guru hatte meine Existenz wahrgenommen. Keine Ahnung, wie er auf den Artikel aufmerksam geworden war.

ZUM 70.GEBURTSTAG VON NORMAN MAILER

Ich bin als Schriftsteller nicht so gut wie Hemingway„, behauptet Norman Mailer, der gerade seinen 7o.Geburtstag hinter sich gebracht hat. Das mag in stilistischer Hinsicht stimmen, aber was die thematische Spannbreite seines Werkes angeht, ist er Hemingway und seinen Zeitgenossen klar überlegen. Als Hemingways Nachfolger kultivierte er den Action-Man und Macho als Schriftsteller.

Aber er hat auch noch eine andere Seite: die des jüdischen Ostküstenintellektuellen, der in seinen Werken eine gedankliche Schärfe erreicht, von der Hemingway nur träumen konnte. Bestes Beispiel ist sein letzter Roman HARLOT’S GHOST (deutsch in zwei Bänden bei Herbig erschienen), einem Entwicklungsroman, der die Geschichte der CIA bis zur Kuba-Krise erzählt und neben dem grandios aufbereiteten Faktenmaterial eine innere Wahrheit erreicht, die kein Sachbuch über diese heimliche Macht in der US-Gesellschaft leisten kann. Das Buch, dem eine Fortsetzung folgen soll, ist fraglos der große amerikanische Roman der letzten Jahrzehnte und das Magnum Opus des Kalten-Kriegs-Romans, der LeCarré auf die Ränge verweist.

Auf die Fortsetzung wird der ungeduldige Leser noch etwas warten müssen; momentan arbeitet Mailer an einem Buch über Picasso und: „Die Frage ist heute nicht mehr, ob es mir gelingt, den großen Wurf zu vollenden, sondern, ob das überhaupt noch jemanden interessiert. Es geht nicht mehr um mich oder einen anderen, sondern um das Überleben der Literatur schlechthin. Ich fürchte: Die Zukunft der Schriftsteller sieht düster aus„.

Mailer wurde am 31.Januar 1923 als Sohn eines litauischen Bücherrevisors in Long Branch, New Jersey geboren. Er wuchs in Brooklyn auf und studierte in Harvard Bautechnik. 1944 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst im Pazifik. Das dort erlebte wurde Grundlage seines ersten Romans, THE NAKED AND THE DEATH, der die Armee als faschistoide Gesellschaft bloßstellte.
Das Buch wurde sofort ein Welterfolg und gilt als bedeutendster Roman über den 2.Weltkrieg.

Der linksstehende Autor zeigte im selben Jahr erstmals direktes politisches Engagement, indem er Henry Wallace, den Präsidentschaftskandidaten der Progressiven Partei, unterstützte. Sein lebenslanger Kampf gegen das Establishment hatte begonnen und führte später zu zweimaliger Kandidatur als Bürgermeister von New York mit „einer natürlichen Koalition von Obdachlosen, Junkies, Huren und Intellektuellen„.

1951 veröffentlichte er seinen zweiten Roman, der unberechtigt in Vergessenheit geraten ist: BARBARY SHORE zeigt die McCarthy-Ära und spiegelt als erster Roman die Nackriegszeit mit ihren oberflächliche Hoffnungen und tiefsitzenden Neurosen wieder.

Seine depressive Phase, in der er sich von seinem persönlichen Sozialismuskonzept verabschiedete – er warf der Sowjetunion u.a. „Staatskapitalismus vor -, endete mit dem Endzeitroman THE DEER PARK, 1955.

Zwei Jahre später trat er mit dem Aufsatz THE WHITE NEGRO als Theoretiker eines neuen, amerikanischen Existenzialismus hervor: Er propagierte die Lebensform des „Hipster“, die auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zielte und den Ausstieg aus der Gesellschaft forderte.

Damit war er nicht nur zum Ideologen der Beat-Generation geworden, sondern nahm die Philosophie der Jugendbewegung der 6oer Jahre vorweg.

In dieser Zeit fiel der begabte Amateurboxer vor allem durch Partyraufereien und exzessiven Alkoholkonsum auf.

Im Suff stach er 1961 mit einem Messer auf seine zweite Frau ein. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mailer verarbeitete seine gewalttätigen Eheerfahrungen zu den düsteren Untergangsvisionen des Romans AN AMERICAN DREAM.

Angeregt durch Hemingways DEATH IN THE AFTERNOON und Capotes IN COLD BLOOD wandte er sich Mitte der 60er Jahre der „Faction“ zu – eine Synthese aus Journalismus und fiktionalen Techniken.

Er trat poltisch immer mehr hervor und seine beiden Arbeiten über den Vietnam-Krieg und über die heißen Parteitage Ende der 60er Jahre brachten ihm reichlich Ärger und den ersten Pulitzer-Preis.

1967 hatte er begonnen, Underground-Filme als Regisseur und Schauspieler zu drehen. Sein Regieengagement gipfelte 1986 in der bemerkenswerten Umsetzung seines grandiosen hard-boiled-Thrillers TOUGH GUYS DON’T DANCE, der sich zum Kultfilm entwickelte.

1971 rechnete er in PRISONER OF SEX gnadenlos mit neurotischen Feminismuspositionen ab und zwei Jahre später wurde sein Buch über Marilyn Monroe zum meistgeklauten der Frankfurter Buchmesse.

Ende der 70er Jahre setzte er sich für den zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder Jack Abbott ein; sein Buch über Abbott, THE EXECUTIONER’S SONG, brachte ihm den 2.Pulitzer-Preis und dem Delinquenten die Freilassung 1981. Nur sechs Wochen später mordete Abbott wieder.

1983 versuchte Mailer sich mit dem voluminösen Werk ANCIENT EVENINGS am Historischen Roman. Zu Hochform lief er wieder mit dem Klassiker TOUGH GUYS DON’T DANCE auf, dem sein CIA-Epos folgte.

„Ich habe mein Leben lang Belletristik geschrieben, um mir Nichtbelletristisches glaubhaft zu machen“, erklärte er einmal. Fraglos eines der überzeugendsten schriftstellerischen Konzepte auch für das nächste Jahrhundert. An diesem Ansatz zeigt sich einmal mehr die Überlegenheit der angelsächsischen gegenüber der deutschen Belletristik: Sie ist direkter, realitätsorientierter und wahrhaftiger, weil ihr keine überholte Kulturideologie den Blick auf das Wesentliche verstellt. Ärgerlich für den deutschen Leser ist nur, daß das Werk des vielleicht bedeutendsten jüdischen und amerikanischen Schriftstellers nicht vollständig auf Deutsch lieferbar ist.

Und Norman kann es eigentlich auch nicht gefallen, daß er bei uns ausgerechnet in den Verlagen der rechten Fleißner-Gruppe (Herbig, Ullstein) erscheint, die auch Schönhubers ICH WAR DABEI vertreibt.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel AUCH IM ALTER EIN ENFANT TERRIBLE am 4.Februar 1993 in JÜDISCHE ALLGEMEINE Wochenzeitung.



UNNÖTIGE SEKUNDÄRLITERATUR by Martin Compart
28. August 2017, 9:42 am
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Forshaw tummelt sich seit Jahrzehnte in der britischen Crime-Szene, rezensiert für Zeitungen, schreibt Bücher oder gibt welche heraus. Als großer Analytiker ist er nie aufgefallen, er gehört eher zur Fraktion der Sammler und Faktenanhäufer. Damit hat er zweifellos Verdienste erworben.

Was diesen Guide angeht, kann man ihn lediglich als Frechheit bezeichnen. Willkürlich werden dort alphabetisch US-Krimiautoren aufgelistet, deren Behandlungsumfang wohl davon abhängig ist, wieviel Informationen Forshaw auf der Festplatte gespeichert hat oder welche Bedeutung er ihnen beimisst (was ja nichts verwerfliches für einen individuellen Guide ist). Albern wird es aber, wenn er recht ausführlich etwa Walter Mosley (zu dem es kritische Betrachtungen gibt, aus denen Forshaw schöpfen kann) über mehrere Seiten behandelt, andere Autoren aber kaum oder unzureichend vorstellt: Da gibt es reichlich Autoren und Autorinnen, von denen er dem Leser erzählt, das ein Buch für irgendeinen Preis (die Krimi-Preise sind inzwischen so inflationär, dass sie keinen Leser mehr ernsthaft interessieren) nominiert war, die Autorin in Entenhausen lebt und ansonsten am 2.Band ihrer beliebten Dame Martha klärt auf-Serie arbeitet, deren erster Band den Kritikern richtig gut gefallen hat.

Noch erbärmlicher geht es in der Abteilung Flm&TV zu. Hier werden einige wenige TV-Serien und ein paar mehr Filme rausgegriffen und als besonders wichtig deklariert, ohne die befriedigend zu begründen. Der Höhepunkt der Dämlichkeit ist dann Kapitel 6: The Five Best Contemporary US TV Crime Shows, das aus der Titelnennung von Breaking Bad, Boardwalk Empire, The Sopranos, True Detective und The Wire besteht.
Alles in allem 192 Seiten, die man sich sparen kann (denn US-Avantgarde wie Boston Teran oder Kent Harrington werden nicht mal erwähnt), da sie selbst als simpler Überblick nicht genügen.

Barry Forshaw: AMERICAN NOIR. The Pocket Essential Guide to US Crime Fiction, Film & TV. Pocket Essentials, 2017.