Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum BACKWOOD-GENRE, das Genre zur Umweltzerstörung by Martin Compart

„Der Gruselschauder ist masochistisch und letzten Endes weiblich, In ihm unterwirft sich die Phantasie einer überwältigenden Übermacht… Der Horrorfilm entfesselt die vom Christentum unterdrückten Mächte – das Böse und das Barbarische der Natur. Horrorfilme sind Rituale in einem heidnischen Gottesdienst.“

Camille Paglia: „Die Masken der Sexualität“
.

„Im Horror kommt zur Sprache, was seit der Aufklärung und der Weimarer Klassik aus dem Kanon des guten Geschmacks ausgegrenzt wurde: die schockierende Abweichung vom Vernünftigen, Schönen und Guten. Legitimierungsbedürftig kann eine solche Untersuchung (des Genres) nur dem erscheinen, der die im 18.Jahrhundert ausgebildeten Geschmacksnormen unbefragt bis in die Gegenwart fortgeschrieben sehen möchte.“

Hans Richard Brittnacher: „Ästhetik des Horrors“



1. GENRE

Das Backwood-Genre ist kein ausschließliches Subgenre der Weird Fiction oder des Horrors. Horror dominiert dieses Genre, aber die Topoi des Backwood-Horrors lassen sich auch mit anderen verbinden (siehe auch „Wurzeln“). Es bedient sich vieler Genres, vom „Lost-Valley-Abenteuerroman“ bis zum „Country Noir“. Am intensivsten aber wohl mit dem Horror-Genre.

Das wohl herausragendste Werk, James Dickeys DELIVERANCE, ist schwerlich dem Horror-Genre zuzuordnen. Die Romane und Filme, in denen es um die Konfrontation zwischen städtischen Eindringlingen und Rednecks geht, sind eher dem Thriller zuzuordnen als dem Horror-Genre. Auf den ersten Blick geht es bei Backwood-Thrillern um die völlige Entfremdung des städtischen Individuums von der Natur. Aber es steckt doch etwas mehr dahinter. Nämlich eine Illustration zum anthropologischen Pessimismus und zeitnaher Ängste. Was die Anhänger der bildungsbürgerlichen Ästhetik als voraufklärerische Moral diskreditieren, erscheint im Subtext des Genres als Ausdruck kollektiver Furcht vor realen Auswüchsen des Feudal-Kapitalismus.

2. WURZELN

Das Backwood-Genre verdankt einiges dem „Lost Race“ oder „Lost Valley“-Motiv. Dieses wurde prominent bis in die 1950er Jahre vornehmlich von der Fantasy oder der Abenteuer-Literatur eingesetzt. Autoren, die es besonders häufig und effektiv nutzten waren Rider Haggard, Edgar Rice Burroughs und Abraham Merritt.
Burroughs verwendete das „Lost Race“-Motiv gerne und zahlreich in seinen Tarzan-Romanen. Immer wieder entdeckt der Herr des Dschungels bei seinen Streifzügen Lost Valleys, in denen bestimmte Kulturen isoliert von der Außenwelt existieren oder überlebt haben. Tarzan oder Rider Haggards Helden (Alan Quartermain) finden aber meist vergleichsweise Hochkulturen. Ob Mayas, Wikinger, Römer oder Kreuzritter, Burroughs lässt nichts aus.

Aber sie treffen verständlicher weise nie, wie in den Backwood-Thrillern, auf Redneck-Kannibalen.

Auch von den „Post-Doomsday“-Geschichten der Science Fiction übernimmt das Backwood-Genre etwas: nämlich das Konzept, dass keine bürgerlichen Normen mehr existieren oder durchgesetzt sind. Die „Post-Doomsday“-Stories beschreiben häufig eine Welt nach dem kulturellen Zusammenbruch, in der wir wieder in die Barbarei zurückfallen. Eine Barbarei, die noch über technologische Möglichkeiten der zerstörten Zivilisation verfügt (wie es etwa in den MAD MAX-Filmen gezeigt wird).

Im Backwood-Subgenre verbindet sich Weird-Fiction oder Horror mit dem Thriller zum Terror-Movie oder zur Terror-Novel.
Die Bedrohung muss dabei nicht übernatürlich sein, also nicht von Horror, SF- oder Fantasy-Elementen getragen.

In einigen der besten Backwood-Thrillern, wie DELIVERANCE von James Dickey, OPEN SEASON von David Osborn, einigen Ketchum-und Lansdale-Romanen. geht die Todesgefahr von degenerierten Mitmenschen aus, die dieselbe Mentalität wie Wirtschaftsbosse und Politiker teilen: Maßlose Gier nach Befriedigung ihrer perversen Bedürfnisse durch die Ausübung überlegener Gewalt.

Ein Aspekt der Faszination, die vom Terror-Genre ausgeht, ist das Aufzeigen der Brüchigkeit unserer Zivilisation und die Ohnmacht gegenüber brutaler Gewalt, sei sie physisch, psychisch, ökonomisch (Bentley Little) oder politisch. Es spiegelt unsere Realität wieder. Erleben wir doch gerade, wie unter dem Begriff „Globalisierung“ auf die gemeinste Weise die Gewalt privilegierter Cliquen gegenüber Menschen und Natur ausgeübt wird. Firmen wie Monsanto zeichnen sich durch unbeschwerte Genmanipulation aus, die „Patente “ für Nahrungsmittel besorgen. Eine Perversion an sich. Chemiefabriken flössen ihren Abfall in die Nahrungskette ein und zerstören wie Ölfirmen rücksichtslos die Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Atomverseuchte Abfälle werden skrupellos in Afrika oder den Weltmeeren entsorgt. Besinnungsloser Raubbau an der Umwelt und hemmungslose Akkumulation von Reichtum sind die Wertsetzungen des Kapitalismus, die Genre-Fiction gerne in Frage stellt.

Die vergiftete Natur wird gerne und plausibel als Erklärung für die Degeneriertheit der Hinterwäldler angeboten.

3. INSEL

Isolation in feindlicher Umgebung war und ist ein starkes Motiv der Fiktion.

Schutz- und hilflos in einer fremden Umgebung Kräften ausgeliefert zu sein, die man nicht kontrollieren kann, ist eine der stärksten Ängste, die man mobilisieren kann. In unserer urbanen Zivilisation werden diese Ängste besonders intensiv wahrgenommen, wenn unzivilisierte Regionen, deren Codes die Protagonisten nicht entziffern können, zum Schauplatz werden.

Dies gilt besonders für Kannibalen- und Backwood-Filme. Die als Genre definierten Kannibalen-Filme spielen an entlegenen Orten, in die Figuren bewusst anreisen und deren Gefahren im vornherein weitgehend bekannt sind (zu Kannibalen siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2014/10/30/wo-die-wilden-kerle-leben-kannibalismus-im-film/).

Dschungelregionen und ferne unbekannte Länder erscheinen wie unerforschte Inseln mitten in der „bekannten“ Welt.
Keine Überraschung, dass auch fiktive Inseln zum Kanon der Backwood-Thriller zählen.

Diese Spielart könnte als „Insel-Thriller“ bezeichnen; wieder eine Art Subgenre.

Es lässt sich vor allem auf zwei Klassiker zurück führen: Richard Connells Kurzgeschichte THE MOST DANGEROUS GAME (1924), deren erfolgreiche Verfilmung von 1932 stilbildend war. Hier geht es darum, dass Menschen auf einer isolierten Insel als Jagdwild herhalten müssen. Graf Zaroffs Menschenjagd auf seiner Insel ist zum populären Allgemeingut geworden und taucht immer wieder in allen möglichen Genres und Medien auf (sogar in dem Daily Comic Strip X9 SECRET AGENT CORRIGAN von Al Williamson und Archie Goodwin).
William Goldmans Roman LORD OF THE FLIES (1954) erzählt von gestrandeten Jugendlichen, die zwei sich bekämpfende Gruppen bilden. Goldings Subtext ist für das gesamte Genre bestimmend: Gewaltbereitschaft ist dem Menschen angeboren und ohne zivilisatorische Regeln herrscht das Gesetz des Stärkeren. Jüngere Beispiele sind Richard Laymons ISLAND (1991) oder Brian Keenes CASTAWAYS (2009).

4. ERFOLG

Der anhaltende Erfolg des modernen Backwood-Genres geht wohl auf zwei Filme zurück: John Boormans Adaption von Dickeys DELIVERANCE und Tobe Hoopers THE TEXAS CHAIN MASSACRE (1974). Dieses relative kostengünstig zu produzierende Filmgenre explodierte geradezu und wurde besonders von den 1970er Jahren bis heute als B-Pictures direct to Video/DVD genutzt. Eine eindrucksvolle Aufzählung von 188 Filmen findet sich unter: https://www.imdb.com/list/ls068573001/ .

Schriftsteller wie Jack Ketchum, Richard Laymon und Joe R.Lansdale popularisierten den Backwood-Thriller seit den 1980er Jahren als literarische Form, die bis heute bedient wird und sich beständiger Beliebtheit erfreut.
Vielleicht ist die These etwas gewagt, aber man könnte Robert Blochs Ed Gein-Interpretation PSYCHO ebenso als Backwood-Thriller, wie als Serienkiller-Roman auffassen.

Einige Theoretiker rechnen auch Algernon Blackwoods Natur-Horrorstories THE WILLOWS (1907) oder THE WENDIGO (1910) dem Genre zu.

5. STADT GEGEN LAND

Im Backwood-Genre kommen Gefahr und Horror für die Hauptpersonenunerwartet und nichts weist auf künftige Gefährdungen hin. Sie begeben sich im Hochgefühl zivilisatorischer Überlegenheit an diese Orte, deren Dynamik sie weder kennen noch einzuschätzen wissen. Die Backwoods liegen hinter unseren urban kultivierten Plätzen, nicht weit entfernt von der vertrauten Umgebung. Aber einmal falsch abgebogen und schon sieht man sich einem Terror ausgesetzt, dem man mit seinen zivilisatorischen Mitteln nicht begegnen kann.

Ein Topos ist der Städter, der sich dem Backwood-Terror ausgesetzt sieht und alle zivilisatorischen Hemmungen und Konditionierungen abwerfen muss, um zu überleben.

Die bekannten Verteidigungstechnologien, vom Auto bis zur Schusswaffe, werden in diesem Genre meistens außer Kraft gesetzt oder dienen als eine Art Gral, den die Protagonisten zu erreichen trachten und oft in letzter Sekunde zur finalen Lösung nutzen. Letztlich überwiegt aber das Misstrauen gegenüber technischen Lösungen (ist es nicht oft der technologische Fortschritt, der durch Umweltvergiftung aus debilen Hillbillys völlig durchgeknallte Kannibalen macht? – wie etwa in WRONG TURN 2.

Erst wenn der Städter alle zivilisatorischen Schichten abgeschält hat und zur bösartigen Kreatur wird, hat er eine Chance im ruralen Inferno zu bestehen.

„Und er konnte es tun – er konnte es wirklich tun. In dieser Nacht hatte er bereits drei oder vier dieser Leute getötet. Warum nicht zwei mehr?… Er hatte Angst. Angst vor dem Vergewaltiger und Mörder, der in seiner Haut lauerte.“ (aus Laymon: IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa 2011.)

Je mehr Industrialisierung und Umweltzerstörung fortschreiten, umso intensiver wird auch eine Urbanisierung (die Zuwanderung in die Großstädte der 3.Welt, was zu unfassbaren Slums führt), deren zivilisatorischer Anspruch längst umgekippt ist.
Für den Städter ist der Landbewohner inzwischen mental einer fremden Kultur zugehörig, sein Wertesystem kaum nachvollziehbar. Denken wir nur an die gerne im TV vorgeführten Jugendlichen, die kein Gemüse mehr identifizieren können. Der Landbewohner, so er denn nicht dem Flötenspiel der industriellen Rattenfänger folgt, hat kaum noch Bezüge zu den Stadtbewohnern. Sein Leben hat einen anderen Rhythmus, der stärker von den Unwägbarkeiten der Natur abhängig ist.

Inzwischen sind verslumte Vororte und verslumte Stadteile neben dem Land auch zu Backwoods geworden (so gesehen könnte man auch Sol Yurick und Walter Hills THE WARRIORS als einen urbanen Backwood-Thriller werten). Die Förderung landwirtschaftlicher Großbetriebe stärkt nicht humanitären Fortschritt, sondern brutalisiert ökonomische Barbarei (Stichwort Massentierhaltung).

6. ORTE

Das bedrohliche Hinterland mit sinisteren Gebäuden ist kein wirklich neues Thema der Weird Fiction. Das alles findet sich in Mythologien und etwa den Burgen und Klöstern der Gothic Novel (wenn man denn will, könnte man auch den ersten Teil von Stokers DRACULA mit Jonathan Harkers Reise in die Karpaten zu Draculas Schloss als Backwood-Thrill interpretieren).

Unheimliche Orte, die man besser nicht besucht, gab es in der Weird Fiction und der Gothic Novel immer. Man wird gewarnt, diese nicht aufzusuchen. So auch der Erzähler in Lovecrafts SHADOWS OVER INNSMOUTH. Die Bedrohlichkeit dieser Orte ist zwar nicht in all ihren Dimensionen bekannt, aber es besteht vorab so viel Wissen, dass man erahnen kann, warum man sie besser meidet. Es ist die Naivität oder das übersteigerte Selbstbewusstsein der Protagonisten, die sie aller Warnungen zum Trotz diese „unheiligen“ Orte aufsuchen lässt.

Ganz anders nähert man sich den Wäldern oder Dörfern der Backwood-Thriller.
In sie fährt oder wandert man hinein, ohne die geringste Vorsicht oder den Hauch von Wissen um ihre Existenz. In der Regel will man diese nicht als Orte des Schreckens kartographierte Regionen nur durchqueren, auf dem Weg von einem bekannten urbanen Platz zum anderen. Man bemerkt gar nicht die Grenze, die man überschreitet, wenn man die vertraute Welt verlässt, um in die rurale Barbarei zu geraten.
Und dann platzt ein Reifen, oder man biegt falsch ab, oder man will in diesem merkwürdigen Ort nur schnell etwas essen…
Schlagartig wird man mit einer archaischen Welt konfrontiert, in der alle erlernten Fähigkeiten nichts zur Überlebenssicherung beitragen. Auch die mitgebrachte Technologie funktioniert nicht („Ich kriege kein Netz.“).

in dieser Welt verknüpft sich das Unheimliche mit nicht domestizierter Natur mit genetischen Katastrophen der eigenen Spezies. In der ungezähmten Wildnis tobt der Abschaum Pans in unkontrollierter Macht.

Zivilisatorische Normen haben weder Sinn noch Durchsetzungskraft.

Die Bewohner huldigen undurchschaubaren Riten, Stammesregeln (wenn überhaupt), die nur für sie gelten. Der Fremde steht außerhalb jeder positiven Sanktion. Sie meiden Kontakte mit Menschen außerhalb ihrer inzestuösen Gruppe. Ausgenommen als Jagd-und Ritualopfer, Nahrung oder Sklaven.
Fremde sind Nutztiere oder Spielzeuge für ihre erschreckenden Vorlieben. Ob sie durch Abwesenheit von Geschichte, Umweltverschmutzung oder sonst was degeneriert sind, ist sekundär. Primär sind sie aggressiv böse, ohne zivilisatorische Kruste. Sie sind weniger das, was wir vielleicht einmal waren, als das was wir fürchten, sein zu können.

Sie verkörpern nicht die ungehinderte Natur, sondern die entartete Gattung. Sie sind das Gegenteil von Rousseaus edlem Wilden. Eher der Beweis für Freuds These, dass wir alle Mörder und Kinder Kains sind.

Sie weisen darauf hin, was passieren kann, wenn unsere zivilisatorischen Lichter ausgehen und wir im Dunkel der entsolidarisierten Gesellschaft versinken: Atomisiert in kleinen Rotten, die nur sich selbst verpflichtet sind, gibt es beim Überlebenskampf keine Gnade. Töten ist genauso selbstverständlich wie essen. Quälen so genussvoll wie Sex.

Diese Hinterwäldler werden mental gerne auf einer Stufe mit nicht sozialisierten Kindern dargestellt. Musterbeispiel sind einmal mehr die WRONG TURN-Filme mit ihren infantilen Menschenfressern. Wie Kinder Fliegen die Flügel ausreißen, reißen sie den Fremden vergnügt Arme und Beine vom Körper.

Ein Subtext des Genres ist: Ohne urbane Zivilisation ist der Mensch barbarisch und böse. Dieser anthropologische Pessimismus ist seit den 1980ern (Reagen, Thatcher, Kohl und der Raubtierkapitalismus der Neo-Cons) als Genresubtext aktuell und attraktiv. Jeder spürt ja den bevorstehenden Zusammenbruch. des kapitalistischen Lemmingsystems, der alle erreichten zivilisatorischen Errungenschaften zerbröselt und für sinnlosen Konsum die Natur opfert.

Und dann sind wir alle in den Backwoods.

Die folgenden Buchtipps sollen lediglich einen Überblick verschaffen, um dieses Genre oder Subgenre in seiner Spannbreite zu illustrieren.

DELIVERANCE (BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE, Rowohlt) von James Dickey

Der Klassiker; dazu noch ein „literarisch anerkanntes“ Buch (was immer das bedeuten mag). Bevor eine ganze Wald- und Flussregion als Stausee versinkt, wollen vier Städter noch mal den Genuss an der urwüchsigen Natur genießen und dem Wasserlauf befahren. Und dann kriegen sie Ärger mit den einheimischen Rednecks. Die Vergewaltigungsszene eines der Städter war damals nicht nur extrem schockierend, sie setzte auch die Maßstäbe für die vorherrschende sexuelle Brutalität des Genres.

RIVER GIRL (DAS MÄDCHEN VOM FLUSS, Heyne) von Charles Williams …ist ein Beispiel für den Noir-Thriller als Backwood-Story: Die Leidenschaft zu einer verheirateten Hinterwäldlerin treibt einen Cop in den Kreislauf der Noir-Tragödie. Williams Backwood-Romane haben weniger mit den Horror-Geschichten von heute zu tun. Diese Paperback Originals sind eher von den Southern-Romanen Erskine Caldwell beeinflusst.

JAGDZEIT (Pendragon) von David Osborn
Auch hier hatte der Roman das Glück einer exzellenten Verfilmung (von Peter Collinson mit Peter Fonda und dem unterschätztesten Hollywood-Star überhaupt, William Holden). Ein Update der klassischen Graf Zaroff-Geschichte von Richard Connell. Nur sind es diesmal durchgeknallte Vietnam-Veteranen, die aus der Stadt das Unheil aufs Land bringen.

RAMBO (Heyne) von David Morell.
Nicht nur der erste Rambo-Film war hervorragend (im Gegensatz zu den Sequels), auch die Romanvorlage ist ein moderner Klassiker des Thrillers. Der Vietnamveteran Rambo gerät mit Rednecks aneinander und trägt den Guerilla-Krieg dorthin, wo er hingehört.

OFF SEASON (BEUTEZEIT, Heyne) von Jack Ketchum.
Ketchum gehört wie Joe Lansdale zu den Autoren, deren schwächere Bücher immer noch weit über dem Durchschnitt liegen. Und die außerdem immer wieder für ein Meisterwerk gut sind. Nicht so furchtbar wie EVIL, ist OFF SEASON einer der stilbildenden Romane des Genres und der Klassiker des Kannibalen-Backwood-Thrillers, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Ketchums Brutalität ist erschreckender und glaubwürdiger als der pubertäre Horror, den Laymon verbreitet.

THE WOODS ARE DARK (IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa) von Richard Laymon.
Dieser frühe Roman (1982) gehört zu Laymons schwächeren Büchern. Aber in ihm ist geradezu beispielhaft angelegt, wie die Klischees des Kannibalen-Backwoods funktionieren. Als Roman eher bescheiden, ist das Buch so etwas wie eine „idealtypische“ Drehbuchvorlage für ein genrespezifisches B-Picture. Im Gegensatz zu Ketchum gelingt es Layman nicht, seinen Freaks eine eigene, überzeugende barbarische Identität vermitteln.

CREEKERS (Festa Verlag) von Edward Lee.
Man kann über diesen unbeständigen Autor denken, was man mag, aber dieser 1994 veröffentlichte Roman ist ein herausragendes Werk der Gattung. Phil Straker, einst erfolgreicher Großstadtbulle, ist zurück „im guten alten Crick City, der Welthauptstadt der Idioten“. Und hier hat er es nicht nur mit einigen verkommenen Hillybillys zu tun, sondern auch mit den Creekers, einem Clan, der sich unter primitivsten Bedingungen seit Jahrhunderten durch Inzucht degeneriert.

ISLAND (DIE INSEL) von Richard Laymon.
Natürlich erreicht Laymon auch hier nicht die Dimensionen von William Golding. Aber dies ist ein überzeugender Insel-Backwood. Mit dem eigenwilligen Ich-Erzähler gelingt es Laymon hier seinen üblichen pubertären Sex & Torture-Kram glaubwürdiger und erschreckender darzubieten.

JOE R.LANSDALE – DER BOSS IM HINTERWALD.
Ob Horror-Geschichten, Weird-Western oder Thriller – bei Joe Lansdale spielen die Backwoods von Ost-Texas fast immer eine entscheidende Rolle. Er ist der König des Backwood-Thrillers, da er das Genre am effektivsten und immer wieder originell zu nutzen weiß. Erschwerend kommt hinzu, dass er einer der besten Thriller-Autoren überhaupt ist und immer wieder frische, unverbrauchte Erzählungen aus bekannten Klischeegenres gewinnt. Es ist alleine schon beeindruckend, wie er bei seiner ungewöhnlich hohen Produktivität sein Niveau beibehält und immer wieder steigert.

Siehe auch:
https://martincompart.wordpress.com/2019/01/31/poet-des-white-trash-der-noir-autor-daniel-woodrell/
https://martincompart.wordpress.com/2016/09/07/jagdtrip-von-jack-ketchum/



POET DES WHITE TRASH – DER NOIR-AUTOR DANIEL WOODRELL by Martin Compart


„Der Revolver war im Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, dass wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück nähergekommen waren“, berichtet Sammy, Herumtreiber und Ich-Erzähler in Daniel Woodrells Roman TOMATO RED.

Zusammen mit der rothaarigen Jamalee und ihrem bildschönen kleinen Bruder Jason („Im Lebensmittelladen werfen ihm erwachsene Frauen ihre Schlüpfer zu, auf die sie mit Lippenstift ihre Telefonnummern geschrieben haben.“) schreckt er vor nichts zurück, um ans bessere Leben zu kommen. Denn die Geschwister stammen aus Venus Holler – und wer daher kommt, hat nichts zu verlieren. Venus Holler ist der Slum der fiktiven Stadt West Table, die wohl einiges gemein hat mit West Plains, dem Wohnort des Autors.
Woodrell-Fans kennen dieses Dreckloch noch aus seinem vorherigen Roman STOFF OHNE ENDE, den auch ein Looser erzählte und bei dem ebenfalls so einiges schief ging.

Daniel Woodrell berichtet aus einer Hölle, die Ozarks heißt und im südlichen Missouri liegt. Reichlich Wälder, Hügel, ein paar stinkreiche Ausbeuter, korrupte Bullen, debile Hillbillys und jede Menge White Trash-Clans, die sich gegenseitig die Marijuana-Ernten abjagen und die Schädel wegschießen. „Die Ozarks sind die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs.“

Alles ist käuflich und mit genügend Land oder Geld aus krummen Geschäften kann man sich aus jedem Haftbefehl freikaufen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern Herrenhäuser, verkommene Farmen und kleine Städte voller Slums, in denen „Schuppen die Gegend überziehen wie Pockennarben und massenhaft Kinder ausbrüten, mit denen der Rest der Welt klarkommen muss.“ Woodrell schrieb schon über Trump-Wähler als die noch trainierten, um aus ihrem spärlichen Hirn Grütze zu machen.

Wer Trump-Wähler rudimentär verstehen will, sollte ihren verwurzeltsten Analytiker kennen. Es gibt in den USA Menschen, die nichts mit der Mainstream-Kultur zu tun haben. Sie leben in einem Paralleluniversum aus Trailer-Parks und Nachtjackenviertel. Von den Normalos erwarten sie nur Ärger. Denn die stecken sie in den Knast, verpassen ihnen Strafbefehle oder nehmen ihnen ihr bisschen Land weg. Also leben sie nach ihrem eigenen Wertesystem. Die Waltons würden von ihnen geteert und gefedert. Selbst in dieser Elendszone gibt es noch schlimmere Hinterhöfe.

In denen durchwühlt Woodrell die Mülltonnen für seine Noir-Romane und Sittengemälde aus der amerikanischen Jauchegrube.

Daniel Woodrell, geboren 1953, ist ein Kind der 60er, aufgewachsen in den Ozarks in einer Familie, die den Vietnamkrieg ganz in Ordnung fand.
Mit 17 ging er zu den Marines. Anschließend hatte er mächtig mit Drogen und Subkulturen zu tun. „Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich freiberuflich. Habe es nie in einem Job ausgehalten. Der Rekord waren sechs Monate. Tja, man muss für die Schriftstellerei alles geben. Entweder schwimmen oder absaufen.“

Schließlich landete der Outsider in einem Schriftstellerworkshop in Iowa. „Mit meinem blue-collar-Hintergrund passte ich denen nicht. Sie wollten mich nach der Hälfte rausschmeißen, aber ich blieb einfach.“

In dieser Zeit schrieb er seinen ersten Roman CAJUN BLUES, den ersten Band seiner Shade-Trilogie, den er erst 1985 verkaufen konnte, und der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht wurde. Jahre des Schreibens und der Frustrationen. Jedes Buch ein kommerzieller Misserfolg.

Auch das zweite Buch, von Ang Lee als RIDE WITH THE DEVIL verfilmt, war ein Flop. Dabei einer der besten Bürgerkriegs-Romane und als „Western“ nur mit Cormac McCarthys Klassiker BLOOD MERIDIAN vergleichbar.

Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell die Hollywoodklischees über den Sezessionskrieg. Der Roman folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill.
In den West Plains tobte ein brutaler Partisanenkrieg, der noch Jahre nach Ende des Bürgerkrieges Opfer forderte.

„Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist. Ich bekam keine Rezensionen nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien.“

Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch. Der 35-Millionen-Dollar-Film floppte in den Staaten ebenso wie das Buch, das in der Erstauflage gerade mal 2600 Exemplaren verkaufte.

Die beiden nächsten Shade-Romane liefen ebenfalls nicht besonders.
Einigen verblödeten Kritikern galt Woodrell gar als eine Art James Lee Burke ohne Abitur.
„Ich war so wütend, dass ich vier Jahre nichts mehr schrieb. Ich wollte nur einige dieser Rezensenten treffen und ihnen die Scheisse aus dem Leib prügeln.“

Dann schlug er mit STOFF OHNE ENDE zu. Ein country-noir, in dem er seine Technik perfektionierte, jedes Kapitel wie eine Kurzgeschichte aufzubauen: Kurz, mit abrupten Eröffnungen und schnelle Enden. Das Ganze aber ist mehr als die Summe der Einzelteile.

Woodrell hält die Regeln des Noir-Romans ein: Die Verdammten bleiben verdammt, und keine heruntergekommene Nutte wandelt sich zur treusorgenden Hausfrau. Dabei missachtet Woodrell jede einengende Tradition und romantisiert seine Außenseiter nicht.

Wenn sie jemanden umlegen und verbuddeln, beten sie nicht am Grab sondern pinkeln auf die Leiche. Sie leben hart und schnell, saufen, schlucken Drogen, taumeln zwischen Hoffen und Fatalismus und träumen Träume, die regelmäßig zusammengetreten werden:
„Daß ihr Traum nur eine Phantasie ist, an der man sich eine Weile festhält, die aber eines scheußlichen Nachts, ein Stückchen weiter die Straße des Lebens hinab, erschlaffen und sich um ihren hübschen Hals zusammenziehen wird.“

Endgültig als Poet des Trailer-Park-Trash abgestempelt, kann Woodrell mit dieser Schublade mehr schlecht als recht leben. Neben der Jerry Springer-Show und den neuen Trash-Bands ist er zum herausragende Protagonisten der hässlichen Amerikaner geworden -mehr noch als sein kaum weniger begabter Kollege Joe R.Lansdale.

Woodrell schreibt wie ein Bastardsohn von Raymond Chandler und Erskine Caldwell.
In den Dialogen, Bildern oder Vergleichen wird der Einfluss von Chandler deutlich, ohne dass Woodrell zum Epigonen wird: „Ich sah ihn an und dachte, es stimmt wohl, daß uralte Menschen plötzlich wieder wie Kinder aussehen können, wie wenn bei einem Auto der Kilometerzähler umspringt und wieder bei Null anfängt. Nur daß es inzwischen ein klappriges Vehikel ist.“

TOMATO RED ist noch düsterer als STOFF OHNE ENDE, der ebenfalls in West Table spielt, wo die eiserne Regel gilt: Du bist das, wo du geboren wurdest. Und wenn du im Slumviertel Venus Holler geboren wurdest, bist du gar nichts. Dort ist man nicht so anmaßend, leben zu wollen, dort ist man froh zu überleben. Der „Held“ Sammy ist natürlich wieder ein echter Looser, der in die Fallstricke des Noir-Romans gerät: Sex und Gewalt.
Aber Sammy verkündet auch die Erkenntnisse eines Linksaußen, der jeden Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt verloren hat:
„Die Reichen können sich entspannt zurücklehnen. Wir könne nie einen richtigen Krieg gegen sie anzetteln. Denn die Reichen können uns jederzeit kaufen, damit wir uns gegenseitig umbringen.“

Woodrell ist das Sprachrohr für die, die nichts mehr zu verlieren haben. Für den Poeten des Lumpenproletariats gilt, was er über sein Alter Ego in Stoff schrieb: Er lebte den Schund, den er schrieb.

WOODRELLS HIER BEHANDELTE ROMANE:

Cajun Blues (Under the Bright Lights, 1986); Heyne, 1994.

Zum Leben verdammt (Woe to Live On, 1987), rororo 22336.

Zoff für die Bosse (Muscle for the Wing, 1988.

John X. (The Ones You Do, 1992), Rowohlt Paperback.

Stoff ohne Ende (Give Us a Kiss, 1996), rororo 22773.

Tomato Red (Tomato Red, 1998), Rowohlt Paperback.

Die neuen Romane, wie WINTER KNOCHEN oder DER TOD VON SWEET MISTER sind bei Heyne und Liebeskind.
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Susanne Fink vom Liebeskind-Verlag hat mir diese genaue Faktensammlung zu Woodrell zur Verfügung gestellt:

Preise / Auszeichnungen
1999 PEN USA Award for Fiction für Tomato Red (1998).
2000 Auf der Longlist des International IMPAC Dublin Literary Award für Tomato Red.
2008 – Die Kurzgeschichte „Uncle“, zuerst erschienen in A Hell of a Woman: An Anthology of Female Noir (2007), wurde für den 2008 Edgar Award nominiert.
2011 Clifton Fadiman Medal für Der Tod von Sweet Mister/The Death of Sweet Mister. http://centerforfiction.org/awards/fadiman/2011-clifton-fadiman-medal/
2014 The Chicago Tribune Heartland Prize für In Almas Augen / The Maid’s Version

Bibliographie
• Under the Bright Lights (Henry Holt, 1986) – DE: Cajun-Blues (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1994 – Bd. 1 der Bayou-Trilogie • Woe to Live On (Henry Holt, 1987, NA Little, Brown 2012) – DE: Zum Leben verdammt, Rowohlt TB 1998. 1999 verfilmt unter der Regie von Ang Lee unter dem Titel Ride with the Devil – Neuübersetzung DE: Zum Leben verdammt, Liebeskind Herbst 2018
• Muscle for the Wing (Henry Holt, 1988) – DE: Zoff für die Bosse (Ein René-Shade-Thriller), Haffmans 1995 – Bd. 2 der Bayou-Trilogie
• The Ones You Do (Henry Holt, 1992) – DE: John X. (Ein René-Shade-Thriller), Rowohlt 1999 – Bd. 3 der Bayou-Trilogie • Give Us a Kiss. A Country Noir (Henry Holt, 1996, NA Little, Brown 2012) – DE: Stoff ohne Ende, Rowohlt 1998
• Tomato Red (Henry Holt, 1998, NA Little, Brown 2012) – DE: Tomato Red, Rowohlt TB 2001 – Neuausgabe DE: Tomatenrot, Liebeskind Frühjahr 2016
• The Death of Sweet Mister (Putnam, 2001, NA Little, Brown, 2012) – DE: Der Tod von Sweet Mister, Liebeskind 2012 (Hardcover), Heyne TB, Nov. 2013
• The Bayou Trilogy (Under the Bright Lights, Muscle for the Wing, and The Ones You Do, NA Little, Brown 2011) – Neuausgabe: Im Süden – Die Bayou-Trilogie, Heyne TB, 12.11.2012.
• Winter’s Bone (Little, Brown, 2006) – DE: Winters Knochen, Liebeskind 2011 (Hardcover), Heyne TB, Sept. 2012
• The Outlaw Album: Stories (Little, Brown, 2011)
• The Maid’s Version (Little, Brown, 2013) – DE: In Almas Augen, Liebeskind 2014

Filmographie
• Ride with the Devil (adapted from novel Woe to Live On) (1999)
• Winter’s Bone (adapted from novel) (2010) o 2010 Sundance Film Festival Award für den besten dramatischen Film und das beste Drehbuch o 2010 21. Stockholm International Film Festival – bester Film o 2010 New York Gotham Independent Film Award für den besten Film und das beste Ensemble o Nominierung Golden Globes 2011: Jennifer Lawrence / Kategorie Best Actress / Drama o 4 Oscar-Nominierungen 2011: Bester Film, beste Hauptdarstellerin, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch o Independent Spirit Awards 2011: beste Nebendarsteller (Dale Dickey und John Hawkes)

Und ist nicht die beste Woodrell-TV-Serie, die nichts mit ihm zu tun hatte, Elmore Leonards Nachbarstaatsserie  JUSRUFIED; wobei Woodrell Leonards Marshal-Romantik -Schwachsinn weggelassen hätte.



JAGDTRIP von JACK KETCHUM by Martin Compart
7. September 2016, 3:22 pm
Filed under: Backwood, Bücher, Jack Ketchum, thriller | Schlagwörter: , , ,

Jack Ketchum gehört zu den sensibelsten Autoren, die ich kenne. Wenige schaffen es wie er, unter die Haut ihrer Personen zu schlüpfen, um sie dem Leser in ihrer (amerikanischen) Komplexität erfahrbar zu machen. Dabei geht er ebenso behutsam wie sparsam mit wohl gesetzten Worten um, die ihn auch stilistisch zu einem herausragenden Schriftsteller machen. Fast nie ein falsches Wort, fast nie ein Satz zuviel (weshalb seine relativ kurzen Romane sich aus der Masse des voluminösen und überflüssig umfangreichen Gestammels der Bestseller herausragen wie Leuchttürme am Meer des schlechten Geschmacks).

Ketchum erweckt nicht mit billigen Mitteln Sympathie oder Antipathie. Er kriecht unmerkbar in seine Charaktere und zeigt dem Leser ohne Wertungen, wie sie ticken, was sie antreibt. Nein, er zeigt es nicht nur: er macht es erfahrbar, Indem er sich jeder Bewertung enthält, muss der Leser für sich entscheiden, ob  ihm der Charakter und dessen Wertesystem gefällt. Reine Sympathieträger, wie der alte Mann in RED, sind relativ selten in Ketchums Werk, Das reine Böse hingegen existiert und bleibt unzureichend erklärbar. Auch für Ketchum, der sich  wie kein anderer Autor in die Struktur des Bösen hinein tasten kann; sowohl in seine Banalität, wie auch in seinen Horror.

41hyerz6xml-_uy200_1Er gilt bekanntlich als hervorstehender Vertreter sogenannter Horror-Literatur, als ultrabrutaler Slasher. Oberflächlich kann man JAGDTRIP auf dieser Ebene lesen, als einen furchtbaren Backwood-Thriller.  Tatsächlich hat er mit Clive Barker und anderen Slasher-Kings nur wenig gemeinsam. Seine Brutalität wurzelt in der Realität und nicht in der Pornographie. Sie hat weder kathartische Wirkung, noch lerntheoretische. Er gehört zu den wenigen Autoren der Weltliteratur, die dem Leser die Schrecken menschlicher Grausamkeiten so direkt erfahrbar machen wie einem Soldaten das erste Gemetzel. Er braucht kein übernatürlich Böses. Das Grauen sind die Menschen selbst.

Mit der Wucht seiner Worte durchdringt er den fiktionalen Panzer und trifft direkt in die Weichteile ungeschützter Empfindungen. Man kann sich daran nicht ergötzen oder wohlig schaudern. Man liest mit Schrecken und möchte es hinter sich bringen, kann dem aber nicht entgehen, weil es sich wie erlebte Realität anfühlt. Selbst der wohlbehütetste Leser weiß um diese Wahrhaftigkeit des Schreckens, der im selben Moment der Lektüre hundert- oder tausendfach „da draußen“ passiert.

Er hat einiges von Hemmingway.

Es gibt bessere und weniger gelungene Bücher von ihm. Aber jedes von ihnen ist lesenswert. Er reflektiert die Schrecken unserer Zeit so überzeugend und kunstvoll, dass sie uns tief berühren. Er  ist einer der überragenden Schriftsteller der Gegenwart, der beweist, das Einteilungen in Genres nur noch Marketingstrategie ist.

JAGDTRIP (COVER) ist von 1987 und erzählt die Geschichte eines völlig kaputten Vietnamveteranen, der nicht mehr in die Gesellschaft zurück findet, für die er in Südostasien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Unfähig die Liebe seiner Frau und seines Sohnes zu ertragen, hat er sich tief in die kalifornischen Wälder zurückgezogen und lebt vom Marihuana-Anbau. Er fristet ein bescheidenes Leben in der Natur, während ihm die Stimmen des Krieges verfolgen und noch immer seine Wahrnehmung beherrschen.

Und dann kommt ein Trupp Wochenend-Camper in den Wald.

Mittelschichtsbürger mit ihren kleinen Bedürfnissen und Vorlieben, die sie nur ausleben können, weil Männer wie der Veteran überall auf der Welt ihre Seele verdorren lassen, indem sie für diese armseligen Privilegien bei Bedarf Männer, Frauen und Kinder töten.

Als sie sich vom einzigen geschäftsfähigen Rohstoff (Marihuanapflanzung) des Veteranen bedienen, bringt er ihnen den Krieg ins Heimatland. Normalerweise schreibt ein Rezensent hetzt: „Und dann beginnt eine Orgie der Gewalt.“ Aber Gewaltorgien sind zumindest für Psychopathen etwas freudiges. Ketchums Gewalt ist freudlos und – so wahnsinnig es klingt (siehe oben) – aufklärerisch, da er sie entzaubert.

Das ist ein alter Thriller-Topos aus den 1970 ern (Robert Stone, David Osborn etc.; fast ein Subgenre des Backwood-Thrillers), dessen bekannteste Umsetzung RAMBO von David Morrell  (der erste Roman und dessen Verfilmung, nicht der Folgeschrott) ist.

Ketchum gelang mit JAGDTRIP ein weiterer großer Roman, der schockierend verdeutlicht, dass unsere extrem egoistische Zivilisation nicht alleine in die Verdammung führt, sonder auch zur physischen Selbstvernichtung. Und nach der Lektüre fragt man sich, ob man in dieser soziopathischen  Zivilisation überhaupt (über)leben will.

Im schönen Vorwort erklärt Ketchum, wie es zu dem Buch kam, wie er einige Vietnamveteranen aushorchen durfte, warum er es schreiben musste und wie er sich schuldig fühlte. Genauso ehrlich und schonungslos, wie er seine Romane schreibt. Auch wenn er nicht in Südostasien war, Vietnam war auch Ketchums Krieg – der Krieg seiner Generation, der die intelligenteren und sensibleren bis heute prägt. Mit der Niederlage der Amerikaner wurde das reaktionäre Roll back eingeläutet.

JAGDTRIP ist einer der besten Kriegsveteranen-Romane. Auch ein bösartiger Thriller, der RAMBO wie ein Buch über den Heimkehrer von einem Darts-Tounier aussehen lässt. Es ist ein Roman über Traumata und eines der besten Bücher über das, was Kriege aus Menschen machen können. Und was ist die Grundlage von Kriegen? Das gierige alte Männer und Frauen dumme oder idealistische Männer und Frauen für ihre Wirtschaftsinteressen verheizen.

Heyne Verlag, 2016. 368 Seiten. 9,99 €

siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/2013/01/02/thriller-die-man-gelesen-haben-sollte-evil-von-jack-ketchum/

<img src=“http://vg08.met.vgwort.de/na/a320cfc10d6d4b5c83b935a581844b88&#8243; width=“1″ height=“1″ alt=““>



LEMMINGE IM PALAST DER GIER by Martin Compart
12. August 2015, 7:21 am
Filed under: Backwood, LEMMINGE IM PALAST DER GIER, Noir, Rezensionen, ROMAN | Schlagwörter: ,

Eine tolle Rezension von Jean van der Vlugt erhielt LEMMINGE auf:
http://www.buechertreff.de/thread/87321-martin-compart-lemminge-im-palast-der-gier/
Danke dafür! Insbesondere deswegen, weil ich keine Rezensionsexemplare verschickt habe.

Cover für Lemminge

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/1505343267/ref=nosim/buecherdasbuc-21



WO DIE WILDEN KERLE HAUSEN – Kannibalismus im Film by Martin Compart
30. Oktober 2014, 10:13 pm
Filed under: Backwood, Film, Rezensionen | Schlagwörter: , ,

In meinem Aufsatz über Backwood-Thriller (siehe: https://martincompart.wordpress.com/2013/05/28/hinterwaldler-kannibalen-und-monster-zum-backwood-genre/ ) hatte ich anthtropophagische Themen angerissen und dem Backwood-Genre zugeordnet. Ich halte dies und meine Begründung nach wie vor vertretbar. Allerdings, wie zuvor dargelegt, definiert sich dieses relativ neue Genre Backwood-Thriller vornehmlich nicht durch den Topos des Kannibalismus. Anthropophagie wird von vielen Genres und Subgenres, vom Reisebericht über die Robinsonade bis zum Kriminal-, Fantasy- und Abenteuerroman, genutzt. Als eigenständiges Genre, wie kurzfristig im Film, gibt es die Anthopophragie in der Literatur nicht. Auch wenn sie zu einem viel genutzten Motiv der Weird Fiction zählt.
http://www.amazon.de/Vom-Fressen-Gefressenwerden-Re-Inszenierung-Kannibalen/dp/3828832768/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1414685174&sr=1-1&keywords=paul+drogla

Paul Drogla hat sich, literarische Einflüsse berücksichtigend, ausführlich dem Thema Kannibalismus im Film gewidmet in seiner beeindruckenden Arbeit VOM FRESSEN UND GEFRESSENWERDEN – FILMISCHE REZEPTION UND RE-INSZENIERUNG DES WILDEN KANNIBALEN (Tectum Verlag, Marburg, 2013). Beginnend mit den ersten anthropophagischen Erwähnungen im Altertum (Homer, Herodot), zeigt er ein durchgehendes ideologisches Konzept auf, mit dem sich die westliche Welt der Fremde gegenüber moralisch scheinbar überlegen definiert um koloniale Eroberung zu rechtfertigen: „In der Fremde wohnen immer Ungeheuer, weil die Fremde nicht geheuer ist“. In der Abgrenzung zum Kannibalismus intendiert die europäische Kultur sittliche Überlegenheit, die „gewaltsame Eroberung und Versklavung“ rechtfertigt“. Er zeigt in seinem Buch auf, wie der Kannibalen-Topos zum intramedialen Phänomen wird.

Bevor er die mir bisher am vollständigsten erscheinende Aufarbeitung (er bezieht auch Kannibalendarstellungen in der Comedy, historischen Film und im Zeichentrickfilm mit ein) der Anthropophagie im Film beginnt, gibt er einen aktuellen Überblick über den zwiespältigen Forschungsstand der Anthropologie seit William Arens Thesen, die den aggressiven Kannibalismus leugnen.

Er zeigt auf, wie die Entdeckung Amerikas und der karibischen Bevölkerung unsere Vorstellung vom Kannibalen bis heute prägen. Bei der Lektüre eines Exkurses über die „Robinsonade“ zwang sich mir der Gedanke auf, dass Backwood-Thriller häufig und in vielen Mustern den Robinsonaden folgen.
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Im Kapitel über Zombie-Filme weist Drogla darauf hin, dass sich im ursprünglichen Mythos des Zombie als von Voodoo-Zauber verhext, noch mal der Gegensatz zwischen „unserer“ und fremder Zivilisation wiederholt. Ausgehend von George Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD verschwindet der haitianische Kulturhintergrund der Zombies und die lebenden Toten mutieren zum Symbol des Kapitalismus, der sich selber frisst.

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Eli Roth (HOSTEL) versucht das Film-Genre neu beleben.

 

In den Kapiteln über den italienischen Kannibalenfilm (überzeugend und erhellend die genaue Einzelbetrachtung von Ruggero Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST) enttarnt Drogla eine neue, zeitgemäße ideologische Strategie des anthropophagischen Horrors: „der italienische Kannibalenfilm konterkariert… die kannibalische Bestialität gern mit Gier, Raubbau, Vergewaltigung und Mord durch die Weißen um einen oberflächlichen Vorwand und Rechtfertigungsgrund für die anschließenden Gewaltausbrüche der Nativen vorweisen zu können… Diese Aussagekraft zu Gunsten fremder, nativer Kultur wird durch Rassismus und strengen Ethnozentrismus jedoch vor dem Rezipienten verborgen… wird als schmutziger und kulturfreier Gegenentwurf jeglichen Identifikationspotenzials für den Betrachter entrückt.“
http://www.amazon.de/Eaten-Alive-Italian-Cannibal-Zombie/dp/085965379X/ref=sr_1_2?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1414773857&sr=1-2&keywords=jay+slater

Vermeidbare Fehler wie die Behauptung, dass die TARZAN-Filme auf Comics basieren, schmälern den Gesamteindruck nicht. Großes Vergnügen über die Analyse hinaus bieten die Kapitelüberschriften, wie etwa: „Ridley Scotts Wahrhaftigkeitsanspruch im Spiegel geifernder Kariben“, „Hans Staden reloaded“ oder „Frühe Einblicke in die Kochtöpfe“.

 

Von Drogla und anderen Autoren ausgehend, könnte man eine Betrachtung des Kapitalismus als Form des Kannibalismus anregen: Wenn wir, zum Beispiel, von Menschen unter erzwungenen selbst zerstörerischen Bedingungen hergestellte Güter konsumieren, also uns einverleiben – ist dies nicht auch ein kannibalistischer Akt? Ähnliches gilt auch für den Katholizismus, der in seinen Riten Oblaten und Wein als Symbol für das Fleisch und das Blut des Gekreuzigten verzehren lässt.Der Kapitalismus strebt in allem (Umwelt, Menschen, Ziere, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) der Destruktion entgegen um sich dies als Konsum oder Profit einzuverleiben.

Paul Droglas Buch, das aus einer Dissertation hervorgegangen ist, gehört in die sekundärliterarische Basisbibliothek zur Populärkultur.

http://www.amazon.de/Kannibalen-unerh%C3%B6rten-Abenteuer-deutschen-Konquistadoren/dp/3726367055/ref=sr_1_14?s=books&ie=UTF8&qid=1414687926&sr=1-14&keywords=kannibalen

(Eine der entscheidenden Quellen des Kannibalenbildes in Europa)

<img src=“http://vg09.met.vgwort.de/na/111336c635be47298744fefa5bbb4731&#8243; width=“1″ height=“1″ alt=““>

 

http://www.amazon.de/Die-Lucifer-Connection-Martin-Compart/dp/3950255842/ref=tmm_other_meta_binding_title_0?ie=UTF8&qid=1414855233&sr=1-3

 



Absinth für den Geist by Martin Compart
23. Januar 2014, 10:26 am
Filed under: Backwood, eBook, NEWS | Schlagwörter: ,

 

VISIONARIUM Ausgabe 01 erschienen!

Veröffentlicht am Januar 18, 2014 von doc nachtstrom

Lange haben wir getüftelt und geträumt, bis in die Nächte hinein uns den Mund fusslig geredet, Ideen gewälzt, und uns dann ordentlich ins Zeug gelegt – nun präsentieren Bernhard Reicher und ich voller Freude die erste Ausgabe unseres „Magazins für abseitige Phantastik“ – über 100 Seiten hochwertiger Stoff mit handverlesenen Stories von Martin Compart, John Aysa und Christina Scholz, alle extra illustriert von einer ganzen Riege von namhaften Künstlern (wir freuen uns besonders darüber, Perry Rhodan-Zeichner Michael Wittmann für diese und künftige Großtaten mit an Bord zu haben!) und den entsprechenden Artikeln dazu.

Einfach auf die entsprechenden Links klicken, um die erste Ausgabe von VISIONARIUM als gedrucktes Buch oder E-Book zu bestellen!

Über Feedback freuen wir uns jederzeit auf der entsprechenden Facebook-Page!

Dr. Nachtstrom, Herausgeber

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