Martin Compart


DIE DUNKLE WELT DES BOSTON TERAN by Martin Compart

God Is A Bullet, holy shit that book is like a brick through the window„,
schrieb chowyunfacts bei reddit.com über „the most disturbing books“.

1999 erschien bei Knopf (der Verlag von Hammett und Chandler u.a.) der erste Roman von Boston Teran: GOD IS A BULLET. Beim Noir-Publikum schlug er ein wie eine Bombe (und selbst die Mystery Writers of America kamen nicht um eine Edgar-Nominierung herum). Wie ein Charon nimmt er den Leser mit auf eine Reise über den Styx. Der Verlag war von dem Manuskript so beeindruckt, dass er eine halbe Million Dollar als Vorschuss hinlegte.

Sprachgewaltig und düster erzählt er die Quest eines Deputy Sheriffs und einer Ex-Junkie durch die Wüsten Südkaliforniens auf der Suche nach einem Satans-Kult, der die Tochter des Deputys entführt hatte. Als ob Hunter S.- und Jim Thompson ein Update von John Fords SEARCHERS gemacht hätten.

Case Hardin, die ehemalige Junkie, war einst Mitglied des Kultes und weiß besser um die Gefahren, die sie erwarten, als Bob, der Cop. Schmerzhafte Erfahrungen und Entwicklungen machen sie zu einer Kriegerin, die es so in der Literatur noch nicht gegeben hat.

Auch der eingerostete Bulle muss sich ändern, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen. Er muss zur Bestie werden, wenn sie überleben wollen. Mit ihrer Hilfe geht Bob undercover, um den Kult und den von ihnen kontrollierten Drogenhandel auszuräuchern. Eine Reise durch die Hölle und zurück. Bob und Case werden dazu gezwungen, für Cyrus, dem Manson des Kultes, jemanden umzubringen, bevor es zu einem nie zuvor gelesenen Showdown in der Wüste kommt. Selten wurde im Präsenz so überzeugend und kraftvoll erzählt.

Teran teilt das Buch in drei Phasen, die er anscheinend von Arnold VanGenneps 1909 veröffentlichter anthropologischer Studie RITES OF PASSAGES übernommen hat:
The rite of seperation, the rite of transition und the rite of incorporation.
Van Gennep problematisierte rituelle Entwicklungen, die einen Menschen sein altes Ich überwinden lassen, um eine neue Persönlichkeit zu erreichen mit einer neuen gesellschaftlichen Position.

Bobs und Cases Quest beinhaltet auch diesen psychischen Prozess. Durch Case und die gewählte Aufgabe wandelt sich Bob in schmerzhaften ritualisierten Prozessen von einem passiven, nur den Regeln verpflichteten Menschen zu einem aktiven Mann mit Einblick in die Natur des Bösen.

Wie Sartre scheint Teran der Meinung anzuhängen, dass nur in der reinen Aktion Hoffnung liegt. Teran bietet auch keine der üblichen psychologischen Erklärungsmodelle als Verallgemeinerung. Er differenziert: Cases Hingabe ins Böse (als früheres Mitglied des Kultes) und Drogensucht wird erklärt durch Misshandlungen und Missbrauch in ihrer Kindheit. Sie gab die Drogen auf, damit sie Cyrus aufgeben konnte. Dagegen sagt die Ziehmutter über Cyrus, er habe nichts erlebt, was seine abgrundtiefe Schlechtigkeit erklären könne.

Sprachlich und thematisch hat Terans Roman mehr gemein mit Cormac McCarthys BLOOD MERIDIAN als mit den zeitgenössischen Genrekollegen. Teran erspart einem nichts. Seine Noir-Welt ist brutal und erbarmungslos. Dagegen ist Ellroy nur ein verängstigt kläffender Köter. Publishers Weekly befand den Roman „Cynical and DeLillo-like in its observations“. Allison Chopin bestätigte Boston Teran nach weiteren Romanen in der New York Daily News als  „a cult sensation“.

Teran brennt Sätze ab wie:

„At least all things must be equal in their nothingness.“

„The first time she´s been part of a sentence that is not fundamentally a condemnation.“

„Case notices that she has the crinkled look of a decade more of laydowns and she listens to her friends high-pitched clutter as if she knows that plans are just a disappointment in the making.“

„…the redneck border country where grease and beer and Jesus were specialities of the house.“

„They pass silently, but they eye Case through their own brand of family values.“

“Even with their teased hair and faces powdered they look to be all of seventeen, full of long hopes and short budgets.“

“They all laugh and huddle up close, clucking away till there´s barely enough room for sunlight between them.“

“You´re a desk boy at the door of the real world.”

 

Es ist ein Trip des Grauens, John Steinbecks Version von HEART OF DARKNESS. Der Leser begegnet Charakteren (jede Nebenfigur ist voller Leben), denen er außerhalb des Buches nicht begegnen möchte.

Cyrus, der Kult-Führer, ist beängstigender als Dr.Lecter und Charles Manson zusammen. „He is the scream from a silent razor across your throat.” Der Leser hält eine gezündete Granate in den Händen, die ihm jederzeit um die Ohren zu fliegen droht.

In einem seiner seltenen Interviews antwortete Teran auf den Gewaltvorwurf zu GOD IS A BULLET: „Das Buch ist so brutal wie die Welt, in der die Charaktere leben. Ich arbeite an einem neuen Roman. Vielleicht was für eine freundlichere und sanftere Gesellschaft, falls es so was gibt.“
Fiona Walker schrieb über den Roman: „The writing style is addictive, and shoots into the veins like a drug you cannot get enough of. Boston Teran has a beautifully dark way with words and his use of metaphor raises the device to an art form.“

Unter den zahlreichen Preisen und Nominierungen (siehe unten), die der Roman erhielt, war auch der „John-Cresey-Award“ der britischen CWA für den besten Erstling.

Das Buch war anfangs kein großer Erfolg, aber Hollywood sicherte sich umgehend die Rechte. Zuerst verkündete Nick Cassavetes, er würde das Buch verfilmen. “Boston Teran’s writing is incredible…Sometimes we can forget how powerful good writing can be… Boston may be the best writer working today…” – Nick Cassavetes.

Seitdem geistert es herum, wird herum gereicht und Adaptionen erstellt. Zuletzt war Ehren Kruger (Scream 3 u.a.) damit betraut. 2011 verkündete Todd Field die Vorbereitung der Verfilmung von Terans Roman, THE CREED OF VIOLENCE.

Die Filmrechte waren für 2,5 Millionen Dollar noch vor den Buchrechten verkauft. Ein Thriller, der während der Mexikanischen Revolution spielt, und der erste Roman um John Lourdes, den Teran in seinem Thriller, GARDENS OF GRIEF (der den Völkermord an den Armeniern behandelt), wieder aufgriff („He had agreed to become part of the larger enterprise known as war.“). Auch die Filmrechte an GARDENS wurden umgehend von Hollywood erworben.

Boston Teran über die Arbeit mit Hollywood: „It’s like getting drunk and trying to climb Mount Everest wearing swimming trunks and snowshoes while you carry a three-hundred-pound schizophrenic on your back who means to do you harm… other than that, the process is a cinch.“

Nach fast 10 Jahren in der Entwicklung, scheint die Verfilmung von CREED nun tatsächlich bevor zu stehen: Im Februar 2019 verkündete man den Beginn der Dreharbeiten für das Frühjahr 2020 an. Denn dann habe Daniel Craig alle nötigen Bond-Aktivitäten hinter sich. Und Craig spiele die Rolle von Rawbone. Produziert werden soll der Film von Brian Oliver (New Republic Pictures) und Johnny Lin (Filmula Productions).

„Boston Teran has no profile. And that doesn’t just happen. We had to work damn hard to achieve it. And it’s meant facing a lot of negativity along the way and promises of failure.“

Bis auf seinen Freund, den Piloten und Vietnamveteran Donald Allen, scheint niemand zu wissen, wer Boston Teran ist. Allan managte für die Demokraten zwei Wahlkämpfe mit und arbeitet mit Al Gore in dessen „Jefferson Trust“ (bei dem man für 100 000 Dollar Mitglied werden kann). Allen stellt sich vor auf der Boston Teran-Homepage:
„My name is Donald Allen. I have been a close friend and business advisor to the author. I was a pilot in Vietnam, a member of law enforcement and successful entrepreneur. I have worked with members of the Intelligence community, for the DNC, and two presidential candidates. I am also the gentleman who introduced the author to an ex-pat known as “the Ferryman,” and in part was responsible for a journey the author took into Mexico to find a girl who had escaped a violent cult. That journey, which put the author’s life at risk, became the background for his award-winning novel GOD IS A BULLET.”

Es gab bereits Vermutungen, es sei mehr als nur ein Autor (Bücher wie TROIS FEMMES, 2006) – nur im Noir-Country Frankreich veröffentlicht – und GIV – THE STORY OF A DOG AND AMERICA (2009) unterscheiden sich sehr von seinen drei ersten Noir-Thrillern.

Aber das gilt auch für seine weiteren Romane, die so etwas wie historische Noir-Thriller sind. Allen gemein ist Terans Erkunden der dunklen Seiten. Inzwischen machen historische Stoffe in seinen Romanen den Großteil seines Oeuvre aus. Im neuesten, HOW BEAUTIFUL THEY WERE, nimmt er das New Yorker Theater der 1850er unter sein Brennglas – mit schaurigen Erkenntnissen.

Mit seiner wahrscheinlich fünfbändigen „Defiant Americans“-Serie (der letzte Band ist soeben erschienen) wurde er zum wahren literarischen Chronisten Amerikas, der aber mehr gemein hat mit Cormac McCarthy als mit Gore Vidal.

Sein Credo:

„The real America will ultimately be built by those who confront an America mired in hatred and human corruption, who face injustice and ingratitude, racism and inequality, exploitation by the mighty, even the government itself. This new America will be built on the backs of the outcast and the outlaw, the robbed and the wounded and the rousing outsider forgotten in the pages of our history books. These are the people of insurrection, who live on the dark frontiers of their era… For every life is a parable. Some for the better, many for the worse, but all are truth.“

Als einigermaßen sicher gilt, dass Boston Teran in der Süd-Bronx aufgewachsen ist und seine ersten Romane auf authentischen Stoffen beruhen. Bevor er Schriftsteller wurde, habe er viele verschiedene Leben geführt, sagt er. Tatsächlich finden sich in allen Romanen Metamorphosen der Personen in eine andere Existenz, die es unmöglich macht, in das vorangegangene Leben wieder zurück zu kehren.

Weiterhin sagt er, dass er aus einer Familie mit italienischen Wurzeln stamme und zu seinen Vorfahren gehörten Spieler, Betrüger, Ganoven und Diebe. Seine Reisen um die Welt zu den übelsten Orten seien ein wichtiger Teil seiner Inspiration.

Die kompromisslose Anonymität des Autors führte auch zu der Spekulation, hinter dem geschlechtslosen Pseudonym verberge sich eine Frau. Diese Vermutung fußt wohl auf den vielen starken weiblichen Charakteren (häufig in Hauptrollen) in seinen Büchern. Teran zeigt immer wieder eindringlich, welchen Qualen und Ungerechtigkeiten Frauen in unterschiedlichen Epochen und Kulturen ausgesetzt waren und sind.

In seinen historischen Thrillern beschäftigt er sich mit wenig bekannten Fakten: In THE CLOUD AND THE FIRE etwa mit dem Vorläufer des Ku-Klux-Klans, den „Knights of the Golden Circle“, einer Vereinigung reicher weißer Männer, die am Ende des Goldfiebers und mitten im Bürgerkrieg aus Kalifornien einen Apartheidstaat machen wollten. Oder eine kaum bekannte Verschwörung von 1955 der US-Regierung in THE COUNTRY I LIVED IN, die üblen Machenschaften der Ölindustrie in Mexiko in THE CREED OF VIOLENCE. Öl, das heilige Wasser des Kommenden!

Der Soundtrack zu seinen Romanen können nur die Doors sein. Oder von Scott Walker zusammen mit Stan Ridgeway…

Seine Kombination – oder Mix – unterschiedlicher Genres oder deren Elemente verwirrt und irritiert einige Kritiker. In einem seiner seltenen Interviews erklärt sich Teran und zeigt auch als Theoretiker seine Brillanz:

Your work blends historical fiction, mystery, crime and more. What draws you to write in these genres, and what advice would you offer to other writers looking to blend genres in their work?

I think we might approach this question from a different perspective.
Let me use Huckleberry Finn, as an example. It’s historical fiction in that it looked back upon slavery, that had been outlawed for over twenty years. It was in that respect a reflection upon a time. It certainly had elements of a mystery. After all Huck does fake his own death, he overhears two thieves talking about the murder of third, and he discovers an unrecognizable corpse in a floating house. All plot points that were resolved in the course of the novel.

It certainly has elements of a crime novel. He is kidnapped by his own father. It also has aspects of a thriller or action/adventure. He helps his friend, a runaway slave, escape on a dangerous river journey to freedom.
Huckleberry Finn is one example of a book that encompasses and embraces a number of what people define as ‘genres’ to become what we now regard simply as—fiction.

In den USA mehren sich die Stimmen, die Boston Teran für einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller halten.

Welcher Autor beschreibt das Gemälde einer geschändeten Kirche poerischer: „Time had phantomed the paints, leeching their shine, condemning their glory to everyday dust. yet never stealing the artist´s soul… And as in the west of John Loundres, the poorer the town, the richer the church.“ (aus GARDENS OF GRIEF)

Wie jeder wirklich große Schriftsteller schreibt Boston Teran Szenen, die man zuvor nie gelesen hat.

Dumme Wertigkeitsvergleiche mit Don DeLilo, Cormac McCarthy oder gar Pynchon sind seit Jahren im kulturellen Kreislauf.

Aber in einer Americana mit Donald Dumb wird ein Autor wie Boston Teran um so wichtiger, um nicht völlig den Glauben zu verlieren.

Um so erschreckender, dass dieser Autor bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Aber vielleicht ändert sich auch das, falls CREED OF VIOLENCE in die Kinos kommt. Dann hätte man vielleicht Aussicht auf „das Buch zum Film“.

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BIBLIOGRAPHIE:

God Is A Bullet (1999)[1]

Never Count Out The Dead (2001)

The Prince of Deadly Weapons (2002)

Trois Femmes (2006)

Giv – The Story of a Dog and America (2009)

The Creed of Violence (2010)

Gardens of Grief (2011)

The World Eve Left Us (2012)

The Cloud and the Fire (2013)

The Country I Lived In (2013)

By Your Deeds (2016)

A Child Went Forth (2018)

How Beautiful They Were (2019)
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LITERARISCHE AUSZEICHNUNGEN:

Winner of the 1999 Stephen Crane Literary First Fiction Award
Winner of the 2000 CWA John Creasey Award for best first novel: God is a Bullet
Finalist for the 2000 Mystery Writers of America Edgar Award for Best First Novel: God is a Bullet
Finalist for the 2001 International IMPAC Dublin Literary Award: God is a Bullet
Winner of the 2001 Japan Adventure Fiction Association Prize: God is a Bullet
Winner of the 2002 Best Translated Crime Fiction of the Year in Japan, Kono Mystery ga Sugoi! 2002: God is a Bullet
Winner of the 2004 GRAND PRIX CALIBRE 38: God is a Bullet

Finalist for the 2009 International IMPAC Dublin Literary Award: Giv – The Story of a Dog and America

Winner of the 2011 Eric Hoffer Award – da Vinci Eye: The World Eve Left Us
Winner of the 2012 ForeWord Review’s Book of the Year (Silver) for Adult Fiction: The World Eve Left Us

Finalist for the 2012 ForeWord Review’s Book of the Year for Historical Fiction: Gardens of Grief

Finalist for the 2018 Foreword Review’s Book of the Year for Historical Fiction: A Child Went Forth
Winner of the Silver 2019 Independent Publisher Book Awards for Historical Fiction: A Child Went Forth
Silver Medal Winner – Historical Fiction for the 2019 Independent Publisher Book Awards: A Child Went Forth

„When I write a book I approach it as if it were the last. So I’m working with finality on my shoulder.“

P.S.:

Nach der weiblichen Heldin in GOD IS A BULLET benannte sich die Londoner Country-Rock-Band „CASE HARDIN“:

Case Hardin took their name from Boston Teran’s noir thriller ‚God Is A Bullet‘ (Pan 2000). In the finest tradition of naming groups, it came about by virtue of being little more than a character name in the book songwriter Pete Gow was reading when the call came through that they had secured their first gig; necessity was, as is so often the way, the mother of invention on that day.

Und dann gibt es noch einen Case Hardin aus San Antonio:

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STAMMTISCHGEGRÖLE: BLONDINE MIT HIRN ENTKERNTEN BLICK by Martin Compart
23. Juni 2011, 8:35 am
Filed under: Ekelige Politiker, fdp, NEWS, ORGANISIERTE KRIMINALITÄT, Stammtischgegröle | Schlagwörter: ,

Warum sind die freifallenden Demokraten Deutschlands (FDP) gegen Sklaverei und Leibeigenschaft?
Weil die Lohnkosten zu hoch sind.

Faulheit aber auch!

Die Universität Heidelberg hat ihr die Doktorwürde aberkannt. Also deutlich gemacht, dass Silvana Koch-Mehrin ihre wissenschaftliche Arbeit plagiiert hat. Für die FDP ein guter Grund, ihrer Europa-Abgeordneten neue Aufgaben zuzutrauen: Sie wird wird Vollmitglied im Brüsseler Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Das kommt einer Beförderung gleich – vorher war sie stellvertretendes Mitglied in dem Gremium, berichtet „Spiegel Online“. Bei der FDP und in der EU gilt seit langem: Unredlichkeit währt am längsten! Vielleicht schlagen die europäischen Liberalen ja auch bald vor, Dutroux vorzeitig zu entlassen und als Kindergärtner einzusetzen.
Der neue Vorsitzende der Bubi-Partei, Philip Rösler (Kosename: Dr.Fu-Manchu, da er in der Gesundheitspolitik ähnlich desaströs agierte wie sein populärkulturelles Vorbild) möchte aber erst was zu jener Mehrin sagen, wenn alle Rechtsverfahren abgeschlossen sind. Das heißt: So lange Mehrin gegen ihre Kritiker klagt, gilt die Unschuldsvermutung. Ja, das ist die Rechtsauffassung freier Kleingeister, wie sie so nur in der FDP zu finden sind (was nicht für die anderen Parteien spricht, sondern explizit gegen die FDP). Und schon kommt der nächste um die Ecke! Das HANDELSBLATT berichtete am 20.6.2011: „FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis ist für diesen Montag zu einer Anhörung vor einem Ausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn eingeladen. Am 29. Juni entscheidet der Fakultätsrat der Universität, ob Chatzimarkakis die Doktorarbeit gemäß der damals geltenden Promotionsordnung verfasst hat.“ Höchste Zeit, auch mal die Mittlere Reife von in Vergessenheit abzudriftzende Koryphäen wie Wolfgang Clement (SPD) oder den Taxischein von Ex-Außenminister Josef (für Freunde einfach „Joschka“) Fischer (für Nicht-Freunde einfach Silberrücken) zu überprüfen (hat Ex-Kanzler Proll Gert eigentlich einen Titel neben einem abgeschlossenen niedersächsisem Jura-Studium? Und ist das überhaupt in Bayern anerkannt?). Und es ist höchste Zeit, wieder die Abgeordneten-Diäten zu erhöhen. Sonst können wir Deutschlands klügste oder geldgierigste Kopfe nicht länger als Volksvertreter an die Parlamente binden und sie würden zu Hartz IV oder in die freie Wirtschaft (Banken?) abwandern.


…Dr.Fu-Manchusche Versuchsreihen. Rösler über den Umgang mit Arbeitslosen, Arbeitnehmern und nicht-Bankern.



ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 3/ by Martin Compart
17. Juni 2011, 8:15 am
Filed under: Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, thriller, Trevanian | Schlagwörter:

„The Trevanian Buff is a strange and wonderful creature: an outsider, a natural elitist, not so much a cynic as an idealist mugged by reality, not just one of those who march to a different drummer, but the solo drummer in a parade of one“, bemerkte Trevanian einmal. Trevanian-Buffs sind nicht nur verrückt nach seinen Stories und Charakteren, sie lechzen auch nach jedem Satz des Meisters, beten seinen Stil an, der zynisch und poetisch ist. Seine Wut auf die Konsumgesellschaft, die auch Leben als Ware ansieht, gibt diesem Stil seine durchschlagende Wirkung. SHIBUMI ist der kompromisslose Höhepunkt seiner Poesie der Wut und Verachtung.

„Wie sich herausstellte, übte (Hels Sammlung von Kiyonobu- und Sharaku-Drucken) einen gewissen Einfluss auf den Niedergang der gleichmacherischen Kunst Amerikas aus. Der Offizier, der sie beschlagnahmt hatte, schickte sie nach Hause, wo sein geistig minderbemittelter Sohn die freien Flächen prompt mit Buntstiften ausmalte und sich dabei so genial innerhalb der vorgegebenen Linien hielt, dass die liebevolle Mutter in ihrer Überzeugung von der Kreativität des Kindes bestärkt wurde und seine Erziehung auf die Kunst ausrichtete. Dieser begabte Knabe wurde später aufgrund seiner mechanischen Präzision bei der Darstellung von Lebensmittelkonservendosen ein führender Künstler der Pop-Art-Szene.“

Für viele deutsche Leser sind Trevanians kultivierte und gleichzeitig ironisch bösartige Formulierungen wohl wenig goutierbar. Zuviel Schund hat sie zu Thriller-Pisaisten gemacht. Sätze, in denen wunderbare Apercus aufblitzen, überfordern sie: „Im Laufe der Monate, während der er im Auftrag der Muttergesellschaft alle CIA-Aktivitäten im Zusammenhang mit den Interessen der ölproduzierenden Länder überwachte, hatte er erfahren müssen, dass Männer wie Starr trotz ihrer institutionalisierten Unfähigkeit keineswegs wirklich dumm waren.“

Wer schon durch Robert Ludlum oder Ross Thomas überfordert ist, der sollte die Finger von diesem komplexen Roman lassen; für diese Klientel gibt es hinreichend Lektüre von Matthew Reilly bis James Rollins. SHIBUMI ist was für Feinschmecker, die jede – manchmal zeitlupenhaft gedehnt – Szene genießen, die wahnwitzigen Tempiwechsel beklatschen und sich an Charakteren erfreuen, die in der Literatur außerhalb von Trevanians Kosmos nicht zu finden sind.
Bereits in den Hemlock-Romanen hatte er mit parodistischen und humoristischen Mitteln gearbeitet und eine seltsame Mischung aus Realismus, Komik und tragischen Elementen entwickelt. Manchmal hat es sogar etwas von den allerbesten Meisterwerken der Marvel-Comics (Stan Lee gelang in seinen guten Momenten auch diese Ausgewogenheit zwischen in den Wahnsinn gesteigerter Fiktion, Realismus und persönlicher Tragödie).

Trevanian nahm in SHIBUMI den modernen Techno-Thriller von Clancy &Co. (nicht den traditionellen, der wohl mit Adam Hall und Len Deighton begann) vorweg und schuf gleichzeitig seine ideologische Anti-These.
Gegenüber stehen sich der Supergeheimdienst der „Muttergesellschaft“ und der Einzelkämpfer Nikolai Hel. Der Dienst kontrolliert seine Technik kaum noch, sondern wird von ihr beherrscht. Als bürokratische Vertreter der am Horizont aufscheinenden IT-Gesellschaft pflegen sie die Technologie in der Erwartung, dass diese ihre Probleme löst.
Hel dagegen strebt mit Erkenntnis dem Ideal des autonomen Individuums nach, geprägt durch eine alte Kultur, deren Spiritualität er als Waffe und Existenzverwirklichung nutzt. Man könnte den philosophischen Subtext endlos durchdeklinieren: Degenerierte Zivilisation gegen Natur, West gegen Ost, Masse gegen Individuum, kurzfristiges, egoistisches Erfolgsdenken gegen langfristige Konzepte, Mentalität von Maschinisten und Krämern gegen unabhängiges denken.

Was man SHIBUMI zu Recht vorwerfen kann, ist Trevanians Glorifizierung der japanischen Kultur. Die unerträglichen Grausamkeiten dieser Krieger- und Unterwerfungsmentalität spart er aus (wer fiktional und literarisch auf hohem Niveau deren Absurdität und Menschenverachtung erleben möchte, sollte unbedingt Stephen Beckers DER LETZTE MANDARIN lesen). Die Arroganz dieser Kultur zeigt Trevanian sympathisch überhöht in Nikolai.

Im Gegensatz zu dümmlichen Verschwörungstheoretikern lässt Trevanian keinen Zweifel daran, dass die Menschen verachtende Muttergesellschaft und die ihr übergeordneten Interessen nicht der Grund für den moralischen und ökonomischen Niedergang des Westens und der von ihm dominierten Regionen ist, sondern das Resultat.

Natürlich kann sich Winslow weder literarisch noch thematisch mit Trevanian vergleichen. Aber er macht einen ganz guten Job, hat die Fakten richtig und ist weitgehend in Hels Charakter und Weltsicht eingetaucht. Aber er verfügt weder über Trevanians Eleganz, noch über seinen politischen Zynismus. Besonders der zweite Teil in Indochina wirkt etwas lustlos routiniert, während Winslow im ersten Teil wohl noch von seinem Enthusiasmus für dieses einmalige Unternehmen getragen wurde. Trotzdem ist SATORI ein guter Thriller – nur eben kein Trevanian. Zum Glück nie so peinlich wie Robert B.Parkers Marlowe-Romane oder John Gardners restringierte Fleming-Sequals. Winslow fehlt diese letzte Portion Gnadenlosigkeit in der Weltsicht, die Trevanian als Stilelement einsetzt und Nebensächlichkeiten originell wirken lassen.



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ICH BEFEHLE – EIN UNGERN-STERNBERG-ROMAN by Martin Compart

Im rechts esoterisch ausgerichteten Regin Verlag wurde der 1938 erschiene Trivialschmöker ICH BEFEHLE von einem Berndt Krauthoff neu aufgelegt. Es behandelt auf sehr freie Art das Leben des blutigen Barons Ungern-Sternberg (u.a.wird ihm eine tragische Liebesgeschichte angedichtet). Da dieser Roman heute teuer in Antiquariaten gehandelt wird, ist es erstmal erfreulich ihn für Interessierte wieder zugänglich zu machen.
Ergänzt wird die Neuausgabe durch ein Theaterstück KREUZZUG 1921 von Michael Haupt) und einem Nachwort von einem russischen „Ungern-Sternberg-Experten“, der auf Teufel-komm-raus die faschistische Ideologie zu leugnen versucht.

Kusmin behauptet allen ernstes, der Roman sei weder „deckungsgleich mit den ideologischen Standpunkten des 3.Reiches noch vertrete er „unmittelbare politische Propaganda“. Das begründet er mit Ungerns monarchistischen Haltungen und dem Respekt „den Nationen Asiens gegenüber“. Im 3.Reich wurde aber geradezu ein Kult um feudalistische Fürsten in Romanen und Filmen verbreitet. Und sowohl Tibeter wie Japaner (immerhin ein Verbündeter) waren hoch angesehen und ihre verquaste Kriegeresoterik und autoritärer Lamaismus von Himmler und seiner Ahnenerbe-Gang mystifiziert. Propagandistisch werden Japans Interessen im Fernen Osten und besonders der Mongolei durch ein behauptetes Pan-Asiatentum fälschlich dargestellt (es ging den Japanern, wie den Deutschen, um ihre Idiotenideologie vom Übermenschentum, um Raub von Bodenschätzen und Landnahme). Die Japaner strebten auf dem asiatischen Festland nie etwas anderes an als eine imperiale Vormachtstellung. Der irre Baron (genau wie seine Kumpane Semjonow und Kalmykow) waren nichts anderes als nützliche Idioten für die Interessen des Kaiserreichs – auch wenn jemand wie der Baron gelegentlich aus dem Ruder zu laufen drohte. Was degenerierten russischen (oder baltischen) Adel mit Japan und Deutschland verbindet, ist der Irrglaube an die Überlegenheit der eigenen Rasse oder Klasse.

Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes weist Kusmin auf die zahlreichen historischen Fehler in Krauthoffs Roman hin.
Der interessanteste Teil ist Kusmins kurzer Abriss des Lebens von Ungern, da er sich auf russische und mongolische Dokumente stützt, die im Westen schwer zugänglich sind. Aber alles in allem ist dieses mangelhaft edierte Werk eher eine nette Zusatzlektüre zu Palmers Biographie.

Letztlich ist diese Edition kein Ruhmesblatt für den Verlag. Wenn dieser schon den 125.Geburtstag seines „Helden“ mit einer Neuedition von Krauthoffs Machwerk abfeiert, hätten die Lektoren zumindest einen Aufsatz zu diesem unbekannten Autor und der Rezeptionsgeschichte des Buches beisteuern müssen. Denn über den Autor erfährt man weder etwas im Netz, noch in den einschlägigen Lexika. Wer war er? Wie kam es zu diesem Buch? Warum gibt es kein weiteres Buch von ihm? Die Antworten auf diese Fragen wären bestimmt spannender als Krauthoffs Primärtext (der es immerhin zu einer amerikanischen Übersetzung in kleiner Auflage gebracht hat). So wie es ist, erinnert die Ausgabe eher an eine unkritische Fan-Edition. Man findet auch keinen – längst überfälligen – Artikel zu Ungern-Sternberg in der Populärkultur: Schließlich wurde er in Comics (Corto Maltese), zahlreichen Romanen, Thrillern (Daniel Easterman), Filmen (Sie nannten ihn Sukhe Bataar) und Fernsehserien verewigt. Der französische Filmproduzent Bober versuchte in seiner Berliner Zeit in den 1990er Jahren ebenfalls einen Film über Ungern-Sternberg auf die Beine zu stellen. Regie sollte Lars van Trier führen und die Hauptrolle Willem Defoe spielen (der aber in Berlin absagte, nachdem er van Trier-Filme angesehen hatte – was man unschwer verstehen kann). Das (mir vorliegende) Drehbuch stammte von dem in Berlin lebenden Exilschriftsteller Friedrich Gorenstein (der bei uns vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Tarkowski bekannt ist). Durch den Autor, Journalisten und Filmkritiker Ulrich von Berg war ich persönlich damals kurzfristig an dieses Filmprojekt heran geführt worden.