Martin Compart


KLASSIKER DES NOIR- UND POLIT-THRILLERS: NELSON DEMILLE by Martin Compart

Kürzlich blieb ich in meiner Bibliothek nach langer Zeit mal wieder bei Nelson DeMille hängen, den ich immer geliebt und verehrt habe. Ich blätterte in einigen Romanen und war auf Anhieb wieder fasziniert von der Vielfalt seiner Themen, seiner schreiberischen Eleganz und überhaupt: seinem schriftstellerischen Können.

Angefangen bei der durchgeknallten Ryker-Serie (zuerst hieß sein Cop „Keller“) bis hin zu den Romanen um den Anti-Terroragenten John Corey, die mich – zugegeben – weniger beeindrucken als seine Non-Series-Thriller. „When I first introduced Corey in Plum Island, he was an NYPD homicide detective on medical leave, recovering from wounds received in the line of duty. At the end of Plum Island he’s medically retired, and that’s the last I expected to see of John Corey. My readers, however, felt otherwise, and thousands of fan letters arrived asking to see Detective Corey again. Reviewers, too, liked the character and wanted to see more of him. So I gave him a second career in The Lion’s Game and made him a contract agent with the Federal Anti-Terrorist Task Force, based on the real Joint Terrorism Task Force. This worked, and I also gave him a new wife, Kate Mayfield, a career FBI special agent whom he met on the job.
Together, John and Kate are hunting down terrorists in New York City, around the country and most recently in Yemen, in The Panther.”

In den 1980er Jahren war Nelson Demille so eine Art „Sidney Sheldon des denkenden Lesers“. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Bestseller und Millionenauflagen durchaus mit Niveau vereinen lassen. Der Autor sagte einmal stolz: „Meine Bücher sollen von einem Professor genauso verschlungen werden, wie von einem Handwerker.“

Heute schafft er es in den USA noch immer auf die Bestsellerlisten, aber in Deutschland ist sein Status in den letzten Jahrzehnten gesunken. Leider.

Für gutgeschriebene Thriller mit politischen Bezügen ist DeMille ein Garant. Egal, ob Noir-Romane, wie die Stryker-Serie, oder Polit- und Agententhriller – seine Romane sind von außergewöhnlicher Qualität. Sein Politologie-Studium bewahrt ihn vor allzu platten Fehlanalysen der jeweilig behandelten Gegenwartsproblematiken, die zeitgeschichtliche Bestseller oft so unerträglich dämlich machen.

Sein Talent für Charaktere, gut konstruierte Handlungen und Timing bewahren ihn auf der anderen Seite davor, langatmig und spannungslos durch die Seiten seiner voluminösen Romane zu kutschieren. Der Mann kann einfach keinen langweiligen Satz schreiben.

Als besonders prägende Einflüsse nennt er Hemingway und Graham Greene. Letzterer vor allem bezüglich der Darstellung exotischer Schauplätze. In seinen Büchern bemüht er sich stets darum, einen eigenen Kosmos zu schaffen. „You have to find a new story every time. But it has to fit with the character’s backstory and it has to fit with the job you’ve created for him.”

Gelegentlich treten Hauptfiguren oder Schurken aus früheren Romanen in Nebenrollen in anderen Romanen auf. Beispielsweise taucht Paul Brenner, der Protagonist aus THE GENERALS DAUGHTER auch in UP COUNTRY und THE PANTHER auf. Der Schurke Colonel Petr Burov aus THE CHARM SCHOOL scheint identisch zu sein mit dem Terroristen-Ausbilder Boris aus THE LION´S GAME und THE LION, der Coreys Erzfeind Asad Khalil trainierte.

Im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen bewundert DeMille die britischen Thriller-Autoren: „I like the way the British do. The British are into character. They are into dialog. Very clever phrases, and they’re into the ambience. The foggy London day. The steamy jungles of Burma. American writers – I won’t mention any names – who write the action/adventure stuff are more into the killing and the high-tech stuff. It’s very plot-oriented. My books are not plot-oriented. They’re character-oriented – sort of a slice of life, the way life could really be. Some of the books written now are either cartoonish or they’re missing something.”

Trotz seiner exakt recherchierten Handlungshintergründe, seiner stilistischen Brillanz, seiner runden Charaktere und seiner oft tiefschürfenden Handlungsführung sieht sich DeMille als reiner Unterhaltungsschriftsteller. Und da ist er zweifellos, einer der Besten.

…….Ein Engländer hat einmal gesagt, für ihn sei es leichter, Mitglied eines Clubs als Mitglied der menschlichen Rasse zu sein, denn die Satzungen seien kürzer, und er kenne alle anderen Mitglieder persönlich.
(aus GOLD COAST)

Über seinen Bestseller, IN DER KÄLTE DER NACHT, sagte er: „Ein bisschen so, als würde Jay Gatsby den Paten treffen.“ Wobei er wohl vergisst, dass Gatsbys Vermögen aus denselben Quellen wie das Geld der Mafia stammt. Der Autor zielte mit diesem Buch mehr als zuvor auf den Gesellschaftsroman, wohl durch eigene Erfahrungen an der Goldküste ausgelöst.

Auf den ersten hundert Seiten nimmt er sich viel Zeit, um seine Protagonisten und ihr Milieu zu charakterisieren. Die „Gold Coast“ ¬ so der Originaltitel ¬ im Norden Long Islands ist nach wie vor ein Ort der Reichen und der US-Aristokratie. Seit Jahren im Niedergang, wehren sich die alteingesessenen Familien gegen den Aufkauf ihrer kaum noch zu unterhaltenden Anwesen durch Yuppies und Börsenmakler. John Sutter, angesehener Anwalt, reich verheiratet und Nachkomme einer alten Familie und ein echter WASP, ist DeMilles Ich-Erzähler.
Glänzend zeigt er die Rituale auf, die diese wohlhabende, mumifizierte Klasse zur Existenzberechtigung braucht. Als eines Tages ein Mafia-Boss den Besitz neben Sutter erwirbt und Sutter als Anwalt gewinnt, nimmt die atemberaubende Handlung Tempo auf. In den USA schaffte der Roman – wie die meisten des Autors – den Sprung in die Bestsellerlisten. Das Milieu dürfte DeMille gut bekannt sein, da er seit langem dort lebt. Das Sequel mit demselben Protagonisten ist DAS VERMÄCHTNIS (THE GATE HOUSE), das DeMille erst 2008 nachlegte. „GOLD COAST ist wahrscheinlich mein bestes Buch. Die New York Times verglich es sogar mit Edith Wharton.”

Nelson DeMille wurde 1949 auf Long Island, New York geboren. Er promovierte in Politologie und Geschichte an der Hofstra University, New York. Inzwischen wurden ihm von drei Universitäten ihre Ehrendoktorwürde verliehen.

…..Es war eine beschissene Verantwortung, die man Unteroffizieren aufgeladen wurde, seit man ihren Rang bei den alten Römern geschaffen hatte.
(aus THE CANNIBAL)

1967 ging er als Offizier und Zugführer eines Infantrie-Platoons in den Kampfeinsatz nach Vietnam. Er wurde dreimal verwundet und mehrfach ausgezeichnet. Er erlebte die Tet-Offensive und kämpfte in Khe Sanh und bei der Schlacht um das A Shau-Tal (ein strategisch wichtiger Einstieg der Nord-Vietnamesen in den Ho-Chi-Minh-Pfad). „It was the A Shau Valley, where I saw the heaviest combat, more than the Tet Offensive for my unit anyway. Then at Khe Sanh we saw combat. My heaviest combat was the A Shau Valley. Why? I have no idea. This was a place where we lost about a third of the company, killed or wounded. It was a bad place, an area heavily controlled by the North Vietnamese regulars.
They had tanks – light amphibious tanks. We got attacked by two tanks. They came out of the jungle, from nowhere. We had air-assaulted into the valley by helicopter to set up camp. So, we were like making a beachhead … sort of like a Normandy thing. We got shot at from the beginning. Helicopters were going down around me. I was totally frightened. That was the only time I was frightened in Vietnam, really frightened. In a helicopter, you don’t have your feet on the ground, you know? Helicopters were getting hit by 57mm anti-aircraft (rounds). These things were exploding. I wanted to get on the ground. I don’t care who is shooting at me on the ground. I don’t want to be up in the air. You can’t do anything up there.”

……“Noch ein Buch! Ich möchte wetten, dass du schon
mal eins von diesen Dingern in einem Museum oder im
Fernsehen gesehen hast.Man macht Filme daraus.“

(aus WORD OF HONOR)

In Vietnam entwickelte er eine Leidenschaft, die über sein weiteres Leben bestimmend werden sollte:
„In der Army wurde ich ein leidenschaftlicher Leser. Ich weiß nicht, wo ich die Zeit hernahm, aber ich las all die Klassiker, die man eigentlich auf dem College lesen sollte. Nach der Armeezeit verschlang ich die Bestseller. DER PATE, DER WEISSE HAI, DER EXORCIST und die anderen Hits der frühen 1970er. Ich dachte mir, so etwas könnte ich auch hinkriegen. Ich wollte schreiben. Ich hatte große Schwierigkeiten mit Jobs nach den Erfahrungen in Nam. Nichts schien mir wirklich wichtig genug. Nichts interessierte mich.“
Er bestritt seinen Lebensunterhalt als Versicherungsdetektiv.

…..Falls ich meine Pensionierung erlebe, sagte sich Ryker, werde ich meine Sommer in der Antarktis verbringen, da auf einem isbeutel sitzen und nichts weiter als ein Unterhemd tragen.
(aus THE SMACK MAN)

DeMille schrieb 1974 und 1975 fünf Romane einer ultrabrutalen Cop-Serie um den New Yorker Polizisten Keller, alias Joe Ryker, der es vorzugsweise mit Kannibalen und unappetitlichen Serienkillern zu tun hat.
„Damals explodierte der Taschenbuchmarkt. Brutale Serien als Taschenbuchoriginalausgaben verkauften sich wie verrückt. Mit einer brutalen Serie hatte man sofort die Möglichkeit, publiziert zu werden.“
Auch wenn er sich heute für die Keller-Ryker-Serie ein wenig schämt: Sie gehört zu den besten Paperback-Original-Dirty-Harry-Serien der 1970er. Für mich ist sie die beste. Eine der bösesten Cop-Noir-Serien. Ein Klassiker.

Der große Durchbruch kam gleich mit seinem ersten dickleibigen zeitgeschichtlichen Thriller vor der Kulisse des Nahostkonfliktes: AN DEN WASSERN VON BABYLON (1978).

Mit jedem weiteren Buch versuchte DeMille einen völlig anderen Hintergrund und unterschiedliche Genres. „Einerseits halten dich verschiedene Leute für brillant, weil sich jedes Buch vom vorherigen radikal unterscheidet, andererseits läuft man bei Themenwechsel auch Gefahr seine Leserschaft zu verlieren.“

DIE KATHEDRALE (1981) war eine Art DER SCHAKAL, in dem der Papst ermordet werden soll. WOLFSBRUT (1984) ist ein Spionageroman über einen Maulwurf im Beraterstab des Präsidenten, der es jederzeit mit den Romanen von LeCarré aufnehmen kann, ihnen an Spannung sogar überlegen ist (was nicht viel heißt).

1985 erschien sein für viele Leser bisher bestes Buch: DAS EHRENWORT (WORD OF HONOR), in dem sich ein wohlhabender Vietnamveteran nach Jahren als Kriegsverbrecher vor einem Militärgericht verantworten soll.
„Das Buch war schwierig. Ich musste das Jahr 1968 genau rekonstruieren, was höllisch viele Recherchen verlangte. Aber ich fühlte, ich musste dieses Buch schreiben. Es ist der einzige Roman über einen Vietnam-Kriegsverbrecherprozess.“
DeMille gelingt in dem Buch eine präzise Bestandaufnahme der Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft während des Krieges. Und er bringt die Doppelmoral einer kriegerischen Nation auf den Punkt: „Dieser Tyson wurde nach Vietnam geschickt, um zu töten. Ein Kriegsgericht hätte demnach nicht zu entscheiden, ob er andere Menschen getötet hat oder nicht, sondern ob er die richtigen Menschen auf die richtige Weise umgebracht hat.“

TIME nannte den Roman „Das DIE CAINE WAR IHR SCHICKSAL der 80er Jahre“.
2003 wurde er mit Don Johnson für das Fernsehen (TNT) verfilmt (Dons Sohn Jesse Wayne Johnson spielte Dons Rolle als zwanzig Jahre jüngerer).

1997 kehrte DeMille nach Vietnam zurück. Daraus entstand der Roman UP COUNTRY (2002), in dem sein alter ego Paul Brenner den Mord an einem Amerikaner während der Tet Offensive untersuchen soll. Er unternahm die Reise mit zwei anderen Veteranen. „What happened was a magazine called – an online travel magazine that was owned by Microsoft. They wanted me to do a travel article about Vietnam, all expenses paid. I said, ‘Thank you … but I’ve been there all-expenses-paid before’.”

Politisch inkorrekt wie immer, liefert DeMille ein beeindruckendes Bild von Vietnam dreißig Jahre nach dem Krieg. Die Wunden sind nicht verheilt, egal wie oft Rambo auf die Pirsch geht.

Über den Russland-Thriller IN DEN WÄLDERN VON BORODINO (THE CHARM SCHOOL, 1988) schrieb die NEW YORK TIMES „Der beste und überzeugendste Thriller, der seit GORKY PARK über Russland geschrieben wurde.“ Ich persönlich halte diese Spionagegeschichte über Potemkinsche Dörfer für besser als den Megaseller von Cruz-Smith.

Auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges war DeMille das Buch sehr wichtig: „Inzwischen ist es nach Ungarn und Polen verkauft. Ich habe meinen Agenten angewiesen, die Rechte in Osteuropa zur Not zu verschenken. Ich glaube, es ist eine gute Investition. Ein Friedensgeschenk.“ , sagte er damals.

Entstanden war der Roman nach einer Russlandreise, die DeMille 1987 mit seiner Frau unternommen hatte. DeMilles erste Frau Ginny arbeitete als Public Relations-Manager und lektoriert die Bücher ihres Mannes. Sie achtete besonders auf die weiblichen Charaktere und deren Glaubwürdigkeit. Sie haben zwei Kinder (mit seinem Sohn Alex schrieb Nelson den Roman THE DESERTER);

Nelson hat mit seiner zweiten Frau Sandy ein weiteres. Der Bestsellerautor lebt in Garden City, New York. “I’m now in my 70s, my wife is 50, and our younger son is 10, so we have to make peace with the three generations.”

Recherche und Reisen waren und sind für DeMille wichtige Voraussetzungen seiner Romane. Aber es ist seine literarische Umsetzung, die das authentische Empfinden vermitteln.

Der Kuba Deal von Nelson DeMille

Seinem bisher vorletzten Roman, THE CUBAN AFFAIR, der auch zurück in die 1960er Jahre führt, gingen mehrere ausführliche Besuche auf Kuba voraus. Die Regionen des mittleren Ostens hat er bisher nicht bereist.

Durchschnittlich braucht er zwei Jahre für ein Buch. Nach den Recherchen schreibt er es handschriftlich mit einem Bleistift nieder. Seine Assistentinnen, Dianne Francis und Patricia Chichester, schreiben die Texte dann in den PC (wenn sie nicht gerade für DeMille im Internet recherchieren).
„The first draft is a skeleton of what it’s going to be. Then I do a second draft, handwritten also. Then I do a third draft. Now it’s readable, at least to my assistants, and they will put it on the computer.”
Inzwischen arbeitet er in einem angemieteten Büro, unterhalb einer größeren Wohnung für Geschäftsbesprechungen und den Arbeitsbereichen der Assistentinnen: „If I’m here, I’m not doing anything else. There’s only one thing to do here and that’s write. Toward the end of a book, the last two months, you know that time is running out, so you work late into the night. I work till about 11 and Saturdays and Sundays. It’s like a term paper. You try to pace it, but you can’t. And you’re never ahead, you’re always behind. And you’re always behind because you don’t know when a book is going to end.”

Die Romane des liberalen Autors sind sarkastisch und meistens in der ersten Person geschrieben. Der Leser begleitet den Protagonisten, der ein „Rätsel“ löst oder einen Auftrag erledigt, ohne dass es für ihn persönlich ein Happy End geben muss. DeMilles Name ist für seine Leser (weltweit verkaufte er bisher um die 50 Millionen Bücher) zum Markenzeichen geworden, wie etwa der von Stephen King.
„My books are all different. People follow the name. You can’t follow the book because – other than the John Corey series, which is a series of stand-alone books – they are all very different… People today have a lot of options. They don’t have to put up with bad novels…. Now, you’re competing for people’s time. You’re competing for their beer money. You’re competing for their attention. You don’t need to make the reader suffer. The reader should be entertained. Also, the reader should learn something. My novels do teach. There’s a lot in there – factual stuff. It’s not non-fiction, but it could be non-fiction… You’re raising the consciousness level on some important subjects, through entertainment, through fiction.”

Für mich war und ist Nelson DeMille einer der größten und anspruchsvollsten Spannungsautoren überhaupt. Und unter den lebenden gehört er mindestens in die TOP 10… Eher in die TOP 5.


Fast alle seine Bücher sind auch auf Deutsch erschienen.

BIBLIOGRAPHIE (nach Wikipedia):

Joe Ryker-Serie (sie wurde später unter dem Pseudonym Jack Cannon wieder veröffentlicht):

The Sniper (1974)
The Hammer of God (1974)
The Agent of Death (1975)
The Smack Man (1975)
The Cannibal (1975)
The Night of the Phoenix (1975)

Einzelwerke:

The Quest (1975)
By the Rivers of Babylon (1978)
Cathedral (1981)
The Talbot Odyssey (1984)
Word of Honor (1985)
The Charm School (1988)
Spencerville (1994)
Mayday (1998)
The Cuban Affair (2017)
The Deserter (2019)

John Sutter-Serie:

The Gold Coast (1990)
The Gate House (2008)

.
Paul Brenner Serie:

The General’s Daughter (1992)
Up Country (2002)
The Panther (2012), Paul Brenner arbeitet zusammen mit John Corey.

John Corey-Serie:

Plum Island (1997)
The Lion’s Game (2000)
Night Fall (2004)
Wild Fire (2006)
The Lion (2010),
The Panther (2012), mit Paul Brenner
Radiant Angel 2015)

Andere Romane:
The Deserter (2019) zusammen mit Alex DeMille
Hitler’s Children: The True Story of Nazi Human Stud Farms (1976) (als Kurt Ladner)
Killer Sharks: The Real Story (1977) (als Brad Mathews)

Non-fiction:
The Five-Million-Dollar Woman: Barbara Walters (1976) (als Ellen Kay)


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AM TOD KANN MAN SICH NICHT RÄCHEN: „DER KÖNIGSWEG“ VON ANDRÉ MALRAUX by Martin Compart

„Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?“

An Bord eines Schiffes von Marseille nach Indochina freunden sich die Protagonisten dieses frühen existenzialistischen Abenteuerromans an: der junge Franzose Claude Vannec und der ältere Asien-Abenteurer Perken, ein deutschstämmiger Däne.

Vannec will über den Königsweg zu den Khmer-Tempelstädten, um dort Basreliefs zu plündern. Aber ihn „bannte auch diese unerbittliche Drohung des Verlassenseins tief im Urwald“. Das Abenteuer ruft
Perken will den vermissten Abenteurer Grabot finden, der sich selbst ein Reich unter den Bergvölkern geschaffen hat und um den sich Legenden ranken. Inspiriert von dem französischen Abenteurer de Mayrena, der sich zum König der Sedang aufschwang.

Perken ist ein interessanter Bursche – ein Desperado mit einem Gesicht wie eine „brutale Usurpatorenmaske“. Auch er hatte sich einst eine Art Reich geschaffen, Und Vannec berbindet mit ihm, „dass dieser Mann mit den ergrauenden Haaren viele Dinge liebte, die Claude gleichfalls wert waren“.
Nachdem die französische Kolonialbürokratie überwunden ist, geht es hinein in den furchtbaren und geheimnisvollen Dschungel. „Vor ihm lag die düstere Masse des Waldes wie ein Feind mit geballter Faust.“

Unter Schwierigkeiten dringen sie auf dem Königsweg, die Straße, die in alten Zeiten Angkor und die Seen des Menambeckens verband, zu den Tempeln vor und können erfolgreich sieben Reliefs von den Heiligtümern rauben.

Der erste Teil basiert auf den eigenen Erfahrungen von Malraux. Der zweite bis vierte Teil auf Reiseberichten und Abenteurerzeugnissen, denn das Hochland von Amman hat Malraux wohl nicht besucht.

Um den Kolonialbehörden auszuweichen, nehmen sie den Weg nach Siam durch das zentrale Hochland der Montagnards, wo Perken Grabot vermutet.
„Dieses halbwilde Gebiet war ebenso verdächtig, ebenso drohend wie der Urwald… einzig die Welt der Wilden mit ihrem Fleischgeruch… Wenige Meter von ihnen entfernt, auf dem lehmigen Abhang, standen, einer oberhalb der anderen, drei Mois und betrachteten sie mit einer Regungslosigkeit, die, gleichsam außermenschlich, nicht aus ihnen selbst gekommen, sondern ein Ausdruck der schweigenden Natur zu sein schien.“ Mois bedeutet im Vietnamesischen „Die Wilden“.

Sie kommen in ein Dorf und finden den geblendeten Grabot, der als Sklave gehalten wird. „Auch dieser Mann war, wie die alten Tempel in Fäulnis geraten unter dem Fluch Asiens.“ Der Abenteurer entartete zum Sklaven eines verabscheuungswürdigen Wilden.

Es kommt zum Konflikt, und Vannec und Perkens werden eingekesselt; wie später die französische Armee in Dien Bien Phu. Umgeben von „diesem Konzil des Wahnsinns“. In ihm „hing alles Leben dieses von der Welt geschiedenen Ortes am schweigenden Schatten des Häuptlings“.

Bei einem Fluchtversuch tritt Perken in Chamrongs (vergiftete Bambusspitzen, die später den US-GIs viel Freude machten) und infiziert sich. Sietrekken auf ihrem Ochsenwagen weiter Richtung Laos, „Perkens Region“. Verfolgt von Stiengs (Mois), die ebenfalls verfolgt werden von einer siamesischen Strafexpedition, die den Bau einer Eisenbahn sichert.

Die eiternde Entzündung besiegelt Perkens Schicksal unter Qualen.

PESSIMISTISCHER HEROISMUS

Perken und Vannec sind Nonkonformisten. Sie verbindet die Verachtung für die bürgerliche Gesellschaft, die auf Sicherheit bedacht ist. Für sie gilt Risiko als Lebensprinzip. Existenzialistisch sehen sie den Tod als absurd an. Sie lehnen ihn ab, wissen, dass sie ihm nicht entkommen können. Ein zentrales Thema im gesamten Schaffen des Autors, für den der Tod immer ein Ärgernis ersten Ranges war (dem nur die Kunst einen Ausweg aus dem Dilemma der Absurdität der Sterblichkeit eröffnete). „Der eigentliche Tod ist der Verfall… Das Altern ist viel schlimmer… die Hundehütte, die man auf seinem ehemaligen Leben errichtet hat… Womit verbringt denn ein Leben seine Zeit? Mit dem Töten von Möglichkeiten.“


Die anderen Weißen, etwa an Bord des Schiffes werden verächtlich beschrieben: Kleine Bourgeois und dumpfe Kolonialbeamte, die grob, schwer und bodenständig ihren materiellen Vorteil suchen. Sie sind das Gegenteil der nonkonformistischen Helden. Sie repräsentieren die Kategorie der Touristen und insbesondere der Kolonialisten, Profiteure und Zerstörer. Der Charakter des „Armeniers“ repräsentiert die Kolonialzeit schlechthin. Er wird als „der dicke Mann“ beschrieben, der dem abwertenden Bild entspricht. Diese abwertenden Beschreibungen von französischen Kolonialbeamten und ihrer Handlanger findet man häufig in der französischen Literatur zwischen den Weltkriegen. Man trifft sie bei Gide oder Céline genauso wie schon in den frühen TINTIN-Comics von Hergé.

Malraux´ Abenteurer wissen, dass der Tod unvermeidlich ist und reflektieren in pessimistischen Heroismus häufig über seine „Natur“. Die Risiken, die sie eingehen, mögen dem Leben Sinn geben, aber am Ende des Lebens lauert der Tod. Nihilistische Romantiker. Rebellen gegen das Universum, die, wie ihr Autor, nur Tat und Kunstwerk als Sieg in der ansonsten sinnlosen Existenz gelten lassen.
Aber Tat und Risiko müssen intellektuell begründet sein – wie ein Kunstwerk. Ohne vorausgehende Reflexion sind sie ausdruckslos.

Abgeleitet von Nietzsche, der mit der Proklamation vom Tode Gottes der westlichen Zivilisation ihre Bedeutung nahm, haben Vannec und Perken den Westen verlassen, um ihn in sich auszulöschen. Jeder muss für sich selbst einen Weg finden, da es keine „allgemein gültigen“ Gottesgesetze mehr gibt. Die Regeln des bürgerlichen Staates, deren Widerwärtigkeit sich besonders in der Kolonialpolitik ausdrückt, gelten für Nonkonformisten erst recht nicht. Der bürgerlichen Gesellschaft sind sie zwar entkommen, aber ihrem Schicksal bleiben sie unterworfen.

Die Freuden, die man in der Existenz leben kann, können nur vom Tod beendet -nicht vom Staat ideologisch reglementiert werden. Der Tod ist die schlimmste Erniedrigung, denn an ihm kann man sich nicht rächen. Tragik entsteht nicht aus menschlichem Handeln, die menschliche Natur in ihrer Sterblichkeit ist die Tragödie.

Das Ende lässt Vannec und den Leser gleichermaßen verstört zurück.

Alles endet im Verlust.

Ein wahrer Noir-Roman als Abenteuergeschichte.

MALRAUX UND INDOCHINA

1923 auf Schatzsuche in die Dschungel von Südostasien zu gehen, war eine sportliche Art zu beweisen, dass man zur jungen Generation der wilden Zwanziger gehörte. Malraux war gerade Anfang zwanzig und hatte sich bereits in den Pariser Salons und bei den Bohemiens eine gewisse Reputation erblufft. Als Autodidakt gab er vor, studierter Experte für asiatische Kunst zu sein.

Malraux hatte das beträchtliche Vermögen seiner Frau durch einen Börsen-Crash verloren. Um an Geld zu kommen, beschloss er Reliefs bei Angkor Wat zu plündern und sie in London und New York zu verkaufen.

Am 23. Oktober gingen die Malrauxs in Marseille an Bord der „Angkor“, die sie nach Hanoi bringen sollte. Malraux und seine Frau Clara reisten als Touristen über das Mekong Delta nach Kambodscha und ab Mitte Dezember von Siem Reap über den Königsweg zu den Tempeln von Banteay Srei. Zusammen mit seinem Schulfreund Louis Chevasson brach er brutal mit Hammer und Meißel die Flachreliefs aus den Heiligtümern.

Beim Versuch die Basreliefs auszuführen, wurden sie verhaftet und in einem Schauprozess in Phnom Penh wurde Malraux zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt (Chevasson erhielt 18 Monate). Der Prozess rückte die Tempel von Angkor stärker in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Clara organisierte unter den Pariser Intellektuellen einen Aufschrei der Empörung, der zur Aussetzung der Haftstrafe (später zur Aufhebung) führte.

Nach seiner Rückkehr war Malraux noch radikalisierter als zuvor und kritisierte insbesondere die Kolonialpolitik in Indochina. Er begann auch an seinem ersten Asien-Roman, LES CONQUÉRANTS, zu arbeiten.

Malraux trug seinen Unabhängigkeitskrieg in die Welt hinaus.

Er reiste wieder nach Indochina und half 1925 zusammen mit dem Rechtsanwalt Paul Monin eine anti-koloniale Oganisation, „das junge Amman“, zu organisieren. In Saigon gründete er die Zeitschrift „L’Indochine Enchaînée“, die die Kolonialbehörden und ihre Vergehen anprangerte.

Als er dann 1926 nach Paris zurückkehrte, wurde sein erster Roman veröffentlicht, der radikal Stellung zur revolutionären Situation in Asien bezog. Ganz Asien war jetzt in Bewegung (auch durch die Tätigkeit der von der UdSSR gelenkten Komintern). Angst, gepaart mit Dummheit domminierte das Denken und Handeln der Imperialmächte.
Die Erfahrungen in Indochina klangen in Malraux nach.

Noch 1937, während einer Rundreise durch die USA, in der er um Unterstützung für die Spanische Republik warb, sagte er der „New York Post“ in einem Interview: „Wenn ein Land faschistisch ist, na gut; in den Kolonien muss man auf Faschismus gefasst sein. Aber Frankreich ist eine Demokratie, und als ich in die Kolonien kam, fand ich mich dem Faschismus gegenüber.“

INSPIRATION

DER KÖNIGSWEG (1930) basiert natürlich auf diesen Erfahrungen der ersten Indochina-Reise. Verschiedene Lektüren beeinflussten den Roman ebenfalls.
Aber vor allem die Figur des Marie-Charles David de Mayréna, dem König von Sedang war Inspirationsquelle. Diese abenteuerliche Figur war damals jedem Schuljungen bekannt und beeinflusste die populäre Abenteuerliteratur ebenso wie akademische Diskurse.

„Ich habe Mayrena nicht vergessen, dessen Legende, die 1920 in Indochina sehr präsent war, ist teilweise der Ursprung meines KÖNIGSWEGs“, sagte er später. Er hatte alle Bücher und Artikel über Mayrena, sowie über die indochinesischen Ethnien, gelesen, deren er habhaft werden konnte.
Sogar noch in den ANTIMEMOIREN (1967) taucht Mayrena auf – als Objekt eines Drehbuches (präsentiert vom Baron de Clappique, einer seiner Figuren aus LA CONDITION HUMAINE, 1933).

1941 begann André Malraux zwei Geschichten zu schreiben: LE RÈGNE DU MALIN über Mayrena und eine über, T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien). Die Fragmente wurden 1996 bei Pléiade veröffentlicht.

Die Intertextualität bezieht sich auf die große Tradition von Reiseliteratur und Abenteuerroman, insbesondere auf Joseph Conrads HEART OF DARKNESS.

Malrauxs Schriften über Asien reflektieren den damaligen Einfluss des „Orientalismus”, der den Fernen Osten als außergewöhnlich fremd, exotisch, dekadent, mysteriös und brutal charakterisierte.

MAYRENA war einer dieser exzentrischen Abenteurer, die Rudyard Kipling zu seiner unsterblichen Geschichte THE MAN WHO WOULD BE KING (1888) angeregt haben könnte. Getriebene, die in die Welt hinaus gingen, um eigene Königreiche zu erobern. Ihr berühmtester Vertreter war wohl James Brooke, der weiße Radschah von Sarawak, der auf Borneo eine Dynastie gründete, die bis nach dem 2.Weltkrieg herrschte.

Marie-Charles David de Mayréna (auch bekannt als Charles-Marie David de Mayréna oder Marie I, König von Sedang; 31 Januar 1842 – 11 November 1890) wurde zum selbsterklärten König von Sedang im nördlichen zentralen Hochland von Indochina, im heutigen Südvietnam.

Er kam zuerst als Pflanzer nach Vietnam. Der französische Generalgouverneur stimmte einem Vorschlag zu, eine Expedition durch die Hochebene zu führen, um Verträge mit den dortigen Stämmen abzuschließen.

Begleitet wurde Mayrena u.a. von einem zwielichtigen Abenteurer namens Mercurol, einem ehemaligen Croupier, dem Kaufmann Paoli sowie einigen Frauen, einschließlich seiner vietnamesischen Konkubine („Congai“).

Unter seinem Gewand trug er immer einen schweren Mantel, der sein Leben mehrmals rettete, vor allem, wenn er mit Pfeilen beschossen wurde. Das begründete seinen Ruf unverwundbar zu sein. Innerhalb von sechs Monaten gelang es ihm, sechs Stämme zu vereinigen, darunter die extrem gefürchteten Sedang. Nachdem er einige Prüfungen (auch der Kampf mit einem jungen Krieger gehörte dazu) bestanden hatte, wurde er von den Häuptlingen der Bahnar, Rengao und Sedang im Dorf Kon Gung am 3. Juni 1888 zum König auf Lebenszeit bestimmt.

Er wollte das Königreich von den Franzosen anerkannt bekommen und es Frankreich gegen ein Pflanzmonopol unterstellen, aber man konnte sich nicht eingen. Daraufhin wandte sich Mayrena vergeblich an Briten und Preußen. Nach seinem Werbezug durch Europa, wurde er mit einer Waffenladung bei der Rückreise nach Indochina von den Franosen vor Singapur festgenommen. Er wurde auf die malaiische Insel Tioman deportiert.

Verbannt auf diese kleine malaysische Insel, überlebte er durch das Sammeln von Schwalbennestern, die er an chinesische Händler verkaufte. Seine geistige Gesundheit verschlechterte sich mehr und mehr, und er entwickelte einen Verfolgungswahn vor den Franzosen. Als der einstige König am 11.November 1890 starb, war er von allen verlassen, außer von seinem treuen Hund. Einige behaupten, er sei von einem seiner ehemaligen Gefährten vergiftet worden, andere, er habe Selbstmord begangen oder sei an einem Schlangenbiss gestorben.

TRADITION DES ABENTEUERROMANS

DER KÖNIGSWEG ist ein Roman des Scheiterns, eine pessimistische Arbeit, die grausam „die Demütigung des Menschen inszeniert, der von seinem Schicksal gejagt wird“. Anders als in B. Travens DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (1927) werden die Protagonisten nicht aus rein ökonomischen Gründen zu ihrer Quest getrieben.

Im traditionellen Abenteuerroman des imperialistischen Zeitalters ging es häufig um das Bereisen eines zu kolonialisierenden Gebietes oder um die Befriedung einer noch nicht endgültig kolonialisierten Region. Dort lauerten – vorzugsweise im Dschungel – große Gefahren auf den Europäer, der seine überheblichen westlichen Werte im Gepäck hatte oder wie eine Monstranz vor sich hertrug. Für den Westler waren es „Reisen in die Finsternis“ – seit Joseph Conrad das Synonym für derartige Unternehmungen.

Entweder kolonialisierte der Reisende, der auch immer ein Eroberer war, für sein Land, Reich Empire oder Glauben, oder um selbst ein König zu werden – natürlich immer im Sinne heimatlicher Ideale. Seit den Pizarros und spätestens seit der ruhmreichen Geschichte des weißen Radschahs James Brooke tauchten immer wieder Abenteurer auf, die nach einem eigenen Reich strebten (das sie häufig an die Imperien ihrer Heimatländer ankoppelten). Sie suchten das Abenteuer, um der Enge der „zivilisierten Welt“ zu entkommen, pflanzten aber in die Weite der Exotik deren bürgerliche Prinzipien.

JOSEPH CONRAD
Angefangen mit Joseph Conrad verschobt sich das Bild des Reisenden im Abenteuer- oder Kolonialroman. Zwischen den Weltkriegen ändert sich (bei Traven sehr deutlich) das Gesamtbild des Imperialismus.

Die Auswirkungen werden nicht mehr ausschließlich positiv dargestellt. Jetzt sprachen Literaten, die von marxistischen Analysen und der Russischen Revolution beeindruckt waren, vom ausbeuterischen Charakter des Imperialismus. Zunehmend antibürgerliche Tendenzen wurden thematisiert. Besonders im Werk von B.Traven werden die Menschen als heimatlos geschildert – nicht nur die Indios, denen man die Heimat gestohlen hatte, auch weiße Ausbeuter, die durch falsche Versprechungen und Hypothesen in die Fremde gelockt wurden.
An Stelle der ersehnten exotischen Ferne tritt nun ihre bedrohliche Fremdheit und liederliche Ausbeutung.

Sobald DER KÖNIGSWEG veröffentlicht war, bemerkte der Literaturkritiker Emile Bouvier den Einfluss von Conrad auf den Text von Malraux.

Der Einfluss von Conrads HERZ DER FINSTERNIS ist nicht nur in der alptraumhaften Atmosphäre spürbar:

Beide beginnen auf einem Schiff.

Beide beziehen sich auf die Suche nach einem Europäer, der tief im Dschungel unter Barbaren ein eigenes Reich geschaffen hat.

„Beiden Autoren bot der Kolonialexotismus die Gelegenheit, eine westliche Seele aufzuzeigen, die von innerer Fäulnis bewohnt und verlockt wurde“ (Jean-Francois Lyotard: Gezeichnet: Malraux, Paul Zsolnay, 1999).

Aber Malraux verdreht die Figur des weißen Eroberers: Conrads Kurz wird von „seinem“ Kannibalenstamm verehrt und angebetet, Malrauxs Grabot von den Mois versklavt, geblendet und wahrscheinlich kastriert.

Zwischen 1899, dem Erscheinen von Conrads Werk, und 1930 hatte– insbesondere nach dem 1.Weltkrieg – die Glorifizierung des europäischen Imperialisten stark abgenommen. Überall waren Freiheitsbewegungen entstanden und versetzten die Kolonien in Aufruhr. Für Malraux war die Hybris des Kolonialreichs Frankreich nur noch lächerlich und unbegründet.

Malrauxs Roman DER KÖNIGSWEG muss m.E. zu den bedeutenden Abenteuerromanen des 20. Jahrhunderts gezählt werden, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzen.
Wie in jeder großen Literatur gibt es hier Sätze und Szenen, die zuvor nicht geschrieben worden waren. Das Buch quillt davon über.

Auch wenn er von den Wächtern der Literaturwissenschaften und des Feuilletons nur auf „frühexistenzialistisch“ reduziert wird (was er natürlich auch ist).

Als kolonialer Abenteuerroman erahnt das Werk das Ableben des französischen Imperiums. Mit etwas Phantasie kann man das Ende der Protagonisten gar als Vorwegnahme von Dien Bien Phu deuten. Perken unterscheidet sich von den „Helden“ des Abenteuerromans des 19.Jahrhunderts: Er „missioniert“ nicht für ein wie auch immer geartetes Ideal, er ist sich selbst seine eigene Mission.

WÜRDIGUNG
Malrauxs zweiter Asien-Roman steht in der Tradition des kolonialen Abenteuerromans. Aber es ist auch ein philosophischer Roman, der unentwegt die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. „Der Tod ist da als unwiderleglicher Beweis der Absurdität des Daseins“, stellt Perkens existenzialistisch fest.
Als das Buch 1930 veröffentlicht wurde, war es ein Flop. Der Verleger vermarktete es als simplen Abenteuerroman über Indochina und begrenzte und überforderte das anvisierte Zielpublikum. Malrauxs topographisches und wissenschaftliches Inventar wird den naiven Romanleser ebenfalls verwirrt haben.

Zwar ist das Buch auch ein großer Abenteuerroman, aber ebenso eine metaphysische Reflexion über den Menschen und sein Schicksal.

MALRAUX
Malraux war ein Mythomane und machte aus seinem Leben ein Werk. So wandelte er bloße Tatsachen und Erlebnisse in Ereignisse, die der Absurdität des Todes entkommen sollten.

Lyotard, einer seiner Biographen, schrieb: „Das Kind aus Bondy liebte Bücher als Waffen und die Straße als Abenteuerroman.“

Für ihn war ein Künstler ein einsamer Held im Kampf gegen die Sterblichkeit. „Kunst”, schrieb er in LES VOIX DU SILENCE, „ist eine Revolte gegen das Schicksal.“

Malraux wandte sich früh gegen jede Form von Antisemitismus, der in Frankreich politisch auch bei der Linken zu finden war. Seine erste Frau, Clara Goldschmidt, sagte einmal: „Man kann über Malraux sagen, was man will, aber sicherlich nicht, dass er ein Antisemit ist. Und Gott weiß, ich gab ihm genügend Gründe dafür.“

Bekannt ist er heute noch als ehemaliger Kulturminister von de Gaulle, der die französische Kulturszene nach dem 2.Weltkrieg gestaltet hat. Als Theoretiker des „imaginären Museums“ war er seiner Zeit weit voraus.

Aber natürlich erinnert sich in Frankreich auch jeder an den Abenteurer, Krieger, Schriftsteller und anti-faschistischen Kämpfer, der die Luftwaffe der Spanischen Republik aufgebaut hat und im Widerstand den Deutschen als Colonel Berger zusetzte. Über ihn gibt es viele Geschichten und Anekdoten. Und er verstand es, sich mythisch zu erhöhen – auch auf Kosten der Realität (die nicht immer – im Malrauxschen Sinne – „wahrhaftig“ ist).

Sartre über ihn: „Malraux ist ein Romantiker der Aktion. Sein freiwilliges Engagement war immer etwas unverbindlich – man könnte sagen, dass er sich fast ausschließlich dafür interessierte, den Tod und das Böse herauszufordern, und dass ihm das Endziel gleichgültig war.“

Malraux hasste alles und jeden, der Unterwürfigkeit verlangte („Ich will keiner Sache Untertan sein“, sagte der, der sich so oft für Menschen und Ideen unter größten Gefahren einsetzte).

Auf dem Schreibtisch wachte über seine Inspiration die Bronzefigur der ägyptischen Katzengöttin Bastet.

Einmal versuchte er in der französischen Linke ein Kommando aufzustellen, um Trotzki (mit dem er sich 1933 anfreundete) aus Stalins Exilgefängnis in Kasachstan zu befreien.

Im Krieg brach er mit dem Kommunismus und ersetzte „das Proletariat durch Frankreich“. Aber noch 1946 hatte er „das Ende des Kapitals“ verkündet.

Als sich der 70jährige anbot, in Bangladesch auf Seiten der Rebellen zu kämpfen, musste ihm Indira Gandhi „so taktvoll wie möglich“ („Sunday Times“) klarmachen, dass „sein Einsatz dort nicht wirklich gebraucht werde“.
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1972 wurde er nach Washington eingeflogen, um Präsident Nixon vor seiner China-Reise zu briefen.

Sein persönliches Schicksal war oft hart: Seine Brüder starben unter den Nazis, seine zweite Frau bei einem Eisenbahnunglück, seine beiden Söhne 1961 bei einem Autounfall.

In seinen letzten Jahren litt er unter Depressionen und Alkoholismus und existierte nur noch durch Amphetamine und Schlaftabletten.

Er starb 1976. Zwanzig Jahre später wurde seine Asche in das Panthéon überführt. Unter den dort verehrten großen Franzosen gehört er nach wie vor zu den umstrittensten. Aber da für die Franzosen seit der glorreichen Revolution die Literatur als Religionsersatz dient, ist ihm die Verehrung gewiss.

Sein Werk hat viel aufklärerisches Licht, aber wenig Wärme.

Oder um mit einem seiner Lieblingszitate von Nietzsche zu beschließen:
„Wir haben das Glück erfunden, sagten die letzten Menschen und blinzelten.“

Möge der große Peter Scholl-Latour hier das letzte Wort zum KÖNIGSWEG haben (aus seinem Frankreich-Buch; Kapitel über einen Besuch beim Roten Khmer in Kambodscha):

„Am folgenden Abend waren wir von den jugendlichen Partisanen mit der chinesischen Ballonmütze ins thailändische Grenzgebiet zurückgeleitet worden. Ein paar Tage war ich tatsächlich in die Rolle Perkens versetzt worden, jenes deutsch-dänischen Helden aus dem KÖNIGSWEG, der schließlich auf einen vergifteten Bambusspieß, wie sie rechts und links unseres Pfades zu Tausenden in die modrige Erde gerammt waren, gestürzt und in fiebrigem Krampf verendet war… (Das freundliche Nachwinken des bewaffneten Knaben) war wie in Erz gegossen, und auf den braunen Bronzelippen, so schien mir, spielte ein geheimnisvoll grausames Lächeln wie auf den monumentalen Tempelskulpturen des Bayon-Tempels.“

 



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



http://zerberus-book.de/



STERNSTUNDEN DES ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN FERNSEHENS by Martin Compart

Es gibt sie tatsächlich: Sternstunden des deutschen Fernsehens! Zumeist auf ARTE ausgestrahlt, Am 18.Februar 2020 überflügelte der Sender mit einem langen Themenabend über die Mord- und Folterstaaten der Monarchien am Persischen Golf fast sich selbst! Die Beiträge sind noch in der ARTE-Mediathek abrufbar.

Los ging es mit der zweiteiligen FRONTLINE-Dokumentation MORD IM KONSULAT von Martin Smith und Linda Hirsch. Anhand der Spurensuche im Fall der Ermordung des Journalisten Kashoggi analysiert der Beitrag auch die Entwicklung des saudischen Despoten Mohammed bin Salman zum Schreckensherrscher. Auch die sowohl dämliche wie undurchsichtige Rolle, die Trump bei oder gar zur Ermordung Kashoggis gespielt hat und haben könnte, wird erwähnt. Die Komplizenschaft der USA mit Folterregimen ist ja längst Folklore.
Eine Doku wie ein guter Thriller.

Fisk in 2001 after being beaten by Afghan refugees. He absolved his attackers of all blame claiming ‚their brutality was just a product of others‘

Anschließend folgte das beeindruckende Portrait des gnadenlosen Wahrheitssuchers Robert Fisk („Mut kann irrelevant sein.“), der seit den 1970ern den Nahen Osten journalistisch durchforscht und analysiert. Im Portrait beweist Fisk, wie mit Unterstützung der NATO bosnische Waffen nach Saudi-Arabien geliefert wurden, die dann beim IS landeten. Ein weiterer Beweis dafür, dass Saudi-Arabien den islamistischen Terror unterstützt.

Zum Abschluss gab es die Wiederholung der französischen Dokumentation WÜSTE PRINZENSPIELE – DER NEUE GOLFKRIEG über die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Qatar– angelegt von drei psychopathischen Milliardenerben.

Nach diesem Themenabend weiß man mehr über die Kriege und Krisen des Nahen Osten. Und dass die wahren Verursacher Europäer und Amerikaner waren und ihre Heloten den durch Rohstoffinteressen bestimmten Einflüssen langsam aber sicher entwachsen (auch wenn MbS Bündnisse mit Israel schließt, damit die USA weiterhin dulden, dass er seine Bevölkerung tyrannisiert und Terror-Organisationen unterstützt).

Für so einen Themenabend verzeiht man ARTE wieder jeden subjektiv empfundenen Unsinn, der häufig das Programm bestimmt. Da akzeptiert man dann auch den Gebührenzwang, denn niemals werden kommerzielle Sender diese Form der Aufklärung betreiben.
Das wäre ja gegen ihre Religion.

P.S.: Als welche Gefahr das öffentlich-rechtliche Fernsehen wahr genommen wird, sieht man aktuell in Großbritannien, wo Boris Johnson mit einer neuen Strategie die BBC sabotiert. Auch bei uns hassen und fürchten falsche Propheten wie Orban, Trump oder Johnson die unabhängige Pressefreiheit.



GUNSHIPPER NELLIS – DER HELD VON FREETOWN by Martin Compart

From single-handedly turning the enemy back from the gates of Freetown to helping rescue eleven British soldiers who’d been taken hostage, Ellis’s many missions earned him a price on his head, with reports of a million-dollar dead-or-alive reward. This book describes the full career of this storied aerial warrior, from the bush and jungles of Africa to the forests of the Balkans and the merciless mountains of Afghanistan.

„He is a great man; I and everyone in Sierra Leone owe him much.“
Sir David Richards (today Chief of the Defence Staff in Great Britain)

Neall Ellis ist ein wahrer Held – zumindest in Sierra Leone.

Dort war er der Einzige, der mit seinem Kampfhubschrauber zwischen der Hauptstadt Freetown und den unfassbar barbarischen RUF-Terroristen stand. Während die UNO-Truppen bestenfalls blöde in der Gegend rumstanden, verhinderte Nellis, wie er genannt wird, zweimal die Eroberung der Stadt (Näheres zum Bürgerkrieg in Sierra Leone auch in: https://martincompart.wordpress.com/2009/10/08/gute-soldner-jenseits-von-blackwater/ ).

Man muss sich mal vorstellen: UN-Peacekeeper schauen zu, wie Kleinkindern die Arme abgehackt werden. Nichts passiert, außer dass diese Gestalten aus UN-Mitteln finanziert werden (und nebenbei noch plündern und vergewaltigen).

Und Leute wie Ellis können das nicht ertragen. Denn er akzeptiert unbewusst die kapitalistische Doktrin nicht, dass alles wunderbar ist, wenn es auf Kosten unmenschlicher Folter und Verwerfungen geht.

Aber im Gegensatz zu einem UN-Gesandten ( mit gesichertem Monatsgehalt) ist er nur ein Trottel, der sich Benzin zusammen betteln muss.

Nellis kämpfte als One-Man-Air Force, nachdem man Executive Outcomes auf Druck der USA und der Weltbank rausgeschmissen hatte (und die RUF sofort wieder in die Offensive ging).
Er war so effektiv, das Foday Sankoh, der Führer der RUF, auf seinen Kopf eine Million Dollar aussetzte.

Das Buch erzählt Nellis einzigartige Karriere von den südafrikanischen Buschkriegen bis nach Afghanistan. An der Kapitelfolge kann man das unglaubliche Spektrum seiner Einsätze erkennen:

Author’s Note
Prologue

1 Formative Days In Southern Africa
2 Early Days In The South African Air Force
3 Early Days During The Border War
4 Soviet Sams Versus Helicopters In The Bush War
5 Into Angola With The Gunships
6 Death Of A Good Man
7 Koevoet, Night Ops And A Life-Changing Staff Course
8 New Directions—Dangerous Challenges
9 Executive Outcomes In West Africa
10 Into The Congo’s Cauldron
11 On The Run Across The Congo River
12 Back To Sierra Leone—The Sandline Debacle
13 Taking The War To The Rebels In Sierra Leone
14 The War Gathers Momentum
15 The War Goes On . . . And On . . .
16 The Mi-24 Helicopter Gunship Goes To War
17 How The War In Sierra Leone Was Fought
18 Operation Barras—The Final Phase In Sierra Leone
19 Iraq—Going Nowhere
20 Air Ambulance In Sarawak
21 Tanzania
22 Neall Ellis Flies Russian Helicopters In Afghanistan
Kapitel 8 berichtet über seine Verpflichtung für Bosnier im Balkan-Krieg.

Dieses Buch besteht hats zwei legendäre Protagonisten Personen: den Autor und sein Subjekt. Denn auch der Autor ist seit langem eine Legende:
Der Südafrikaner Albertus

Johannes Venter(geb.1938) ist seit Jahrzehnten einer der bedeutendsten Kriegsreporter. Seit seinen Anfängen in den 1960ern (er berichtete mit seinem Freund Frederick Forsyth über den Biafra-Krieg), hat er fast jeden bewaffneten Konflikt in Afrika und viele im Rest der Welt gecovert (häufig für „Jane’s International Defence Review“).

Er hat über 50 Bücher geschrieben und ca.30 Dokumentarfilme gedreht. Darunter eines der wichtigsten Bücher für die Anti-Apartheidsbewegung: “Coloured – A Profile of Two Million South Africans” (Human & Rosseau, Cape Town 1974).
Er schrieb auch das erste Buch über den Guerilla-Krieg im Süden Afrikas „The Terror Fighters“ (Purnell, Cape Town, 1969).

Auf Reportage ging er mit dem Sturmgewehr (meist ein AK 47) in der einen Hand, mit der Kamera in der anderen. Und er war in vielen Staaten nicht sehr beliebt, wie er in den 1980er Jahren feststellte:

„The result is a price on my head in Angola—quite a considerable amount of the local currency, kuanzas, which, thankfully, is quite useless outside Angola’s borders. I am also a persona non grata in Zimbabwe, Tanzania, Libya, Syria, Iran, Ethiopia, and the Soviet bloc, particularly in Afghanistan.”

Dabei wurde er zweimal ernsthaft verwundet. Aber:

“Perhaps my nearest brush with the inevitable was when I was with a Special Forces team that had to attack an Angolan strongpoint through three lines of trenches. We were led by Peter MacAleese, a British mercenary who had served with SAS, and who wrote about his own adventures in „No Mean Soldier“ (published by Orion in the UK). Some of my photos are used in his book. The place was pretty well defended and not strictly in accordance with the Geneva Convention, I was carrying an AK-47; you never who was going to rush out of the bush at you. Anyway, when the mortars started coming in (that killed a few of our boys), I found myself in a trench which the enemy seemed to have zeroed in on. So I jumped up and moved forward, but a mortar landed behind me and I was hurled forward onto my gun which went off in my face. The bullet missed, but the incident left me permanently deaf in my left ear. Which is why I like to sleep on my right side when my kids make a noise.

My second closest brush with death was flying combat with South African mercenary pilot Neall Ellis in the Sierra Leone conflict in 2000 in an aging Russian MI-24 helicopter gunship that leaked when it rained. We took an awful lot of incoming at times and because I was in the nose of the chopper, I saw a lot of what was happening. That was pure luck.”

Seine Freundschaft mit Neall Ellis begann vor dem Ende des Bürgerkriegs in Sierra Leone, als er mit ihm fünf Wochen Einsätze gegen die RUF-Rebellen flog; bei Regen tropfte der Mi-24-Helikopter aus den vielen Einschusslöchern. Die Erfahrung war die Grundlage für sein Buch „War Dog: Fighting Other People’s Wars“ (Casement Publishers, 2005). Aber wirklich nahe kamen sie sich wohl erst in Afghanistan. So dass Venter, der schon eine ganze Reihe hervorragende Bücher über Söldner und afrikanische Kriege geschrieben hatte, sich zu dieser Biographie entschloss.

Sie ist spannend wie ein Thriller, spiegelt Zeitgeschichte, die man vergeblich in den Mainstreammedien sucht. Man bekommt einen Einblick, wie die Welt der Söldner funktioniert. Aber sie erspart einem auch nicht die üblen Grausamkeiten (und Dämlichkeiten der Politiker, die für diese Konflikte verantwortlich waren oder nicht beenden wollten).

Für Interessierte, die nach großen psychologischen Einsichten suchen, ist das Buch allerdings nicht geschrieben. Nix für Leute, die meinen, dass man Foday Sankoh auf Grund seiner „traumatischen Imperialismuserfahrungen“ in eine Streichelgruppe hätte aufnehmen sollen.

Just the facts, ma´am!

Die AfD-Version der PMC-Thematik:


http://zerberus-book.de/



„RATTLE REKRUT REICHEL“ by Martin Compart
6. Dezember 2019, 10:45 am
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Porträt | Schlagwörter: , , , ,

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES, stark überarbeitete Neuausgabe demnächst bei ZERBERUS).

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Aus dem Kapitel über die 1960er.

Von nun an ging es Schlag auf Schlag!

Jede Woche war was Neues zu entdecken: Kinks, Troggs, Hollies, Manfred Mann, Procol Harum, Animals… Finanziell nicht zu bewältigen. Also sprach man sich ab: Du kaufst die, ich kauf die. Dann tauschen, wenn man die Single hundert Mal in der Woche gehört hatte.
Meine Popularität im Elternhaus erreichte einen Tiefstand. Aber sie kriegten es nicht hin, diese sittlich-ethisch desorientierenden Musik-Kapellen unter Strafe zu stellen. Für uns war die Rock-Musik ein goldener Fluss, und wir standen mit Eimern am Ufer. So erklommen wir die Gipfel der Ruchlosigkeit und Schande.

Noch heute muss man für die frühe Geburt dankbar sein, dass man nicht von kastrierten Prä-Rentnern wie Wincent Vice, Pietro Lombardi oder Glasperlenspiel sozialisiert wurde. Gegen die hätte sogar Willy Hagara gepunktet.

Eine neue jugendgefährdende Tradition entwickelte sich: der Party-Keller!
Manche hatten das Glück, in ihren Häusern Keller zu haben, die nicht als Kohlelager dienten, die recht adrett herzurichten waren. Etwa mit alten Sofas und selbst gezimmerter Bar. Prototypen dieser Hedonismusstellplätze waren bereits in den 50ern von der 5.Kolonne Moskaus eingeschmuggelt worden.

Am wichtigsten war natürlich der Plattenspieler.

Dicht gefolgt von Bildern der Stars, rausgerissen aus der „Bravo“ und an die Wände geklatscht. Ganz weit vorne war man mit einem „Bravo-Starschnitt“, der etwa Robert Fuller (AM FUSS DER BLAUEN BERGE) oder James Dean in Lebensgröße wiedergab. Da konnte schon mal ein Knie fehlen („Da waren wir in Italien und da kriegst du keine Bravo.“).
Ein gutbestückter Party-Keller verfügte natürlich nicht nur über die neuesten Platten, er hatte auch die verbotene Frucht für 10- bis 12jährige im Ausschank: Cola! Wer Cola trank war mindestens schon halbstark. Schmeckte gar nicht so doll, brachte aber Reputation.
An diesem Ort hatte pubertäre Verzweiflung Pause. Mit einem leeren Glas dazusitzen, grenzte an Hausfriedensbruch.

Nein, am wichtigsten für den Party-Keller waren Eltern, die nicht zu Hause waren.

Denn ALTE waren der Horror! Sie lebten ein Leben nach Regeln, die sich andere für sie ausgedacht hatten, die sie nicht einmal kannten.

Und dann kamen die Rattles!
Welches Ambiente war für sie geeigneter als ein Party-Keller? „Come On and Sing“, „Las Las Las Vegas“… Was für ein Krach! Lärm für Frühpubertierende, die mit hochrotem Pickelgesicht unbekannte Wesen fragten, „ob sie mit einem gehen wollen“.

Als man mich aufklärte, dass die Rattles aus Hamburg kamen, wollte ich es nicht glauben. Was für eine Enttäuschung! Als Beat-Band deutsch zu sein, fühlte sich nicht richtig an. Nein, das war schon direkt FALSCH.
Deutsch zu sein war sowieso scheiße. Ami – ja (schließlich plante man eine Karriere als Jess Harper bei den Cowboys), Engländer war auch okay.
Aber Deutscher?
An den Alten konnte man doch sehen, wie hinterletzt es war Deutscher zu sein. Spießer oder Altnazi. Viel mehr war da nicht drin. Und deutsche Musik… I mean really – da war man schon lange drüber weg.
In der Jugend darf man solange hochmütig sein, wie es dem Kenntnisstand nicht widerspricht.

Aber dann fand ich die Rattles doch verdammt gut. Besonders Achim Reichel war ein echter Kerl. Denn bei den Auftritten in heißen Studios hatte er eine Fellweste an, die man ihm aboperierte, als er zur Bundeswehr musste. Zum Start als Panzergrenadier brachte er unterm Stahlhelm 1967 das Video zu „Trag es wie ein Mann“ – noch immer ein Brüller.

Die „ernsthafte“ Journaille war damals stilistisch immer ganz weit vorne, wenn sie über Beat schrieb.

„Die Zeit“ aus Hamburg hatte tatsächlich mitgekriegt, dass es in Hamburg den Star Club und eine Beat-Szene gab. Und dass die Obermacker der Szene Hamburger Jungs waren, die sich „The Rattles“ nannten und nicht – wie man leicht hätte annehmen können – etwas waren, was sich quer durch die Erde aus der Mongolei dorthin durchgebuddelt hatte.

Deswegen war der „Zeit“ Achims Bundeswehreinsatz auch am 29. Juli 1966 einen Wahnsinnsartikel wert, unter der Überschrift RATTLE-REKRUT REICHEL. Ein paar Auszüge:

„Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen… Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seiner und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anließ, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.
Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: `Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird´…“

Diese Weitsicht bestätigt mein Vertrauen in die deutsche Justiz.

Eine ältere Kusine, die längst vertraut war mit der Welt des Rock´n´Roll sagte: „Wenn Achim vom Bund zurück ist, ist er genauso erledigt wie Elvis.“

Im Gegensatz zu Elvis ist er stärker zurückgekommen (auch weil er weniger Filme gedreht hat).

Mit Wonderland ließ er es nach dem Bund sofort krachen. An „Moscow“ kam ´68 keiner vorbei.
„Die grüne Reise“ kam für mich zu früh. Diese Begleitmusik für psychedelische Freizeitpharmazeutika entdeckte ich erst nach meiner bescheuerten (aber kurzen) Amon Düül-Phase. Achim schloss nie eine Vollkaskoversicherung für kommerziellen Erfolg ab.

Während Udo Lindenberg zu nerven begann und sich deutsche Liedermacher auf verstaubten Ritterburgen was vorsangen, schuf Reichel die elektronische Musik, die erstmal kaum einer wirklich verstand. Spätestens da war jedem klar, dass er sich nicht einordnen ließ oder wollte. Sturköpfig zog er nur das durch, was er wollte. Seitdem weiß man nicht, womit er beim nächsten Album um die Ecke kommt.

Warum halten ihm die Fans bei allen unerwarteten Volten die Treue?
Das sieht man bei Live-Konzerten, die er immer reichlich gibt:
Auch wenn er auf ´ner Bühne sitzt, hat jeder im Raum das Gefühl, er spielt nicht für uns, sondern mit uns. Dadurch entsteht ein merkwürdig intensives Gemeinschaftsgefühl. Und Achim Reichel wird als „einer von uns“ wahrgenommen. Ähnliches konnte man in den späten 60ern erleben, als die Bands ein Teil des Movement waren und nicht als Wirtschaftsunternehmen gesehen wurden.
Reichel hat diese tief empfundene demokratisch-sozialistische Utopie der 60er nie aufgegeben. Wie sehr ihn die politisch-ökonomischen Fehlentwicklungen bewegen, hört man in seinen wütenden Texten, etwa in „Exxon Valdez“ oder „Neandertaler in Nadelstreifen“.
Aber was nützt der beste Text, wenn die Musik keine Substanz hat?

Mitte der 1970er überraschte er mich mit „Dat Shanty Alb´m“. Das war unter den hanseatischen Emigranten in München stark angesagt.
Und in den 1980ern lernte ich ihn persönlich kennen, dank Jörg Fauser, mit dem Achim damals intensiv zusammenarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte… Siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/01/25/herzlichen-glueckwunsch-achim-reichel/

Achim war immer so hanseatisch deutsch, wie Ray Davies britisch oder Bob Dylan nordamerikanisch war, beziehungsweise ist. So wie Davies Music Hall-Einflüsse verarbeitete und aktualisierte, gräbt Achim immer wieder tief im deutschen Kulturgut, um Shantys oder Volkslieder zu entstauben und aktuell zu revitalisieren. In „Kuddel daddel du“ kann man den Schlager der Weimarer Republik raushören.

Wer sich so intensiv mit Volkskultur (im progressiven Sinne) beschäftigt, schafft dann selber welche.

Anders als der Egomane Davies nutzt Achim auch die Werke deutscher Klassiker oder neuer Dichter (am prominentesten wohl Fauser), um sie originell zu vertonen. Er riss zu vergessen drohendes oder zu Schulstoff verkommenes („Erlkönig“, „Zauberlehrling“ etc) zurück in die Popularität.
Das hat so manchem gelangweilten Schüler klar gemacht, wieviel Spaß man an dem alten Mist haben kann.

Mit Davies scheint er auch die Liebe zu seiner Heimatstadt zu teilen. Ohne London ist Ray kaum vorstellbar, er schrieb einige der schönsten Songs über die Stadt („Sunny Afternoon“, „Waterloo Sunset“ u.a.). Bei Reichel schwingt der Hanseat immer mit – im Tonfall und auch in der coolen Ereignisbeschreibung („Dolles Ding“), die man erst braucht, wenn sie da ist.

Am verblüffendsten ist für mich sein laid-back-Sound!
Diese uramerikanische Gitarrenmusik, die man mit Leuten wie Tony Joe White oder J.J.Cale verbindet, geht Reichel in Kombination mit deutschen Themen und Texten so leicht aus der Klampfe, als hätte er sein Leben lang in Oklahoma auf der Veranda Maispfeife geraucht.

Diese Unangestrengtheit kommt auch seinen Hits zu Gute: „Der Spieler“, „Aloha Heja He“, „Fliegende Pferde“, „Exxon Valdez“, „Amazonen“, „Boxer Kutte“, „Kuddel Daddel Du“ – wenn er will, kann er eben mal so Hits raushaun (auch wenn der Markt das manchmal nicht mitkriegt oder Radio-Idioten sie sabotieren, wie bei „Amazonen“ von 1993, von Radiosendern nicht gespielt, weil er das Wort „Männerarsch“ enthielt und als „frauenfeindlich-diskriminierend“ interpretiert wurde).

Ganz nebenbei schrieb er auch noch den definitiven Song, der die „Neue Deutsche Welle“ voll auf den Punkt bringt: „Robert der Roboter“.

Das Lied über maritime Geschlechtskrankheiten „Aloah Heja He“ ist einer der ganz wenigen Schichten übergreifenden Monsterhits: Er funktioniert grölend im Bierzelt und auf Schützenfesten genauso wie unter kichernden, kiffenden Intellektuellen. Vielleicht sowas wie sein „Satisfaction“. Im Mörserfeuer dieses Songs verbrennt er jeden Saal, der dann in bester Laune nach Hause geht, ohne von Gonokokken beunruhigt zu sein. „Die Single klemmte zuerst und die Plattenfirma war schon drauf und dran, den Mut zu verlieren. Und dann kam von denen der wunderschöne Spruch, den ich nie vergessen werde: ‚Achim, wir glauben, der Song ist zu sehr ‚Out of normality‘.“

Das Reichels Platten international lässig mithalten, liegt auch an der Qualität ihrer Produktion. Immer auf der Höhe technischer Möglichkeiten, aber nie überproduziert und mit exzellenten Arrangements (da macht ihm niemand was vor). Und er hat ein Händchen für Musiker! Die Bands, mit denen er tourt, sind immer erstklassig und laufen auf allen 12 Zylindern.

Und während die meisten zeitgenössischen Pop-Musikanten – Bands wie Silbermond und andere mit durchnummerierten Christa Stürmer-Zombie-Sängerinnen – in ihren Hirnen Geisterstädte unterhalten, ist Reichel neugierig und rege wie immer.

Achim gehört zu den wenigen Großen aus den Sixties, die nicht nur nostalgisch Säle füllen, sondern weiterhin relevant sind, weil sie keinen Trends hinterher laufen. Viele Sixties-Ikonen sind inzwischen so leer wie Abbruchhäuser.

Nun ist Achim Reichel selbst Kulturgut. Zum Glück weiß er das nicht und macht einfach weiter, um mit den Stones, Ray Davies und einigen anderen dahin vorzustoßen, wo noch keiner war. Denn er ist immer noch topfit mit seinem wartungsfreien Gute-Gene-Körper.

Einer der schönsten Songs mit Fauser:

Bei dem Arrangement kann ich ausflippen. Einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten!

Einer der schönsten Songs über eine Seite von Fauser – und damals kannten sie sich noch nicht.

Und hier erzählt Herr Reichel was:



IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/



FRITZ DUSQUESNE 7: DAS ENDE by Martin Compart
10. Oktober 2019, 6:26 pm
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Fritz konnte es einfach nicht lassen: die dunkle Welt geheimer Abenteuer, gepaart mit Geltungsdrang und Hass auf die Briten, ließen ihn nicht los. Leider konnte er nicht immer Situationen und Bedeutungen richtig einschätzen.

Im Frühjahr 1934 trat er – natürlich äußerst diskret – als „Nachrichtenoffizier“ der amerikanischen Nazi-Organisation ORDER OF 76 bei. Diese „Aryan Society“ war 1932 organisiert worden. Sie verhandelten damals einen Zusammenschluss mit der 15 000 Mitglieder umfassenden faschistischen Organisation der SILVER SHIRTS, die von dem ehemaligen Journalisten und Drehbuchautor William Dudley Pelley gegründet und geleitet wurde.
Es ist unbekannt, was Fritz für diese Idiotenbande ausspionierte.

Sein späterer Biograph Art Ronnie fand nicht die geringsten Anzeichen von Antisemitismus bei Dusquesne. Aber in seiner üblichen Naivität sah er jede pro-deutsche Organisation als anti-britisch. “Despite its ramifications, it was quite simply just a job to the amoral and opportunistic Fritz Duquesne.”

Mit der Geheimhaltung war es bereits im Oktober vorbei: Da beschäftigte sich John Spivak in der aktuellen Ausgabe von NEW MASSES mit diesen Organisationen und benannte Fritz´ damalige Freundin, eine Jüdin, als Informantin.

william-dudley-pelley

1935 wurde Admiral Wilhelm Canaris Chef der deutschen Abwehr.

Canaris

Eines seiner Ziele, das er mit großer Energie betrieb, waren Spionagenetze auf dem amerikanischen Kontinent. Die USA waren natürlich komplizierter zu „bearbeiten“ als die lateinamerikanischen Staaten (in denen sich in den nächsten zehn Jahren deutsche Agenten und das FBI gegeneinander ausspielten).

Für diese Aufgabe erschien ihm Major Nikolaus Ritter (1899-1974) höchst geeignet. Ritter kehrte 1935 mit seiner amerikanischen Frau aus den USA zurück, in denen er sich dreizehn Jahre mit miesen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatte. Im Jahr darauf trat er in die Abwehr ein und erregte auf Grund seiner USA-Erfahrungen umgehend das Interesse von Canaris.

Canaris schickte Ritter im Oktober 1937 zurück in die USA. Er sollte Kontakt mit Dusquesne aufnehmen, den er durch die Zusammenarbeit im 1.Weltkrieg noch in guter Erinnerung hatte.

Ritter reiste unter seinem Namen, tauchte dann aber als „Alfred Landing“ in den Untergrund.
Er traf sich mit anderen potenziellen Agenten, bevor er mit Dusquesne Kontakt aufnahm.

Nikolaus Ritter

Ritters größter Erfolg war die Lieferung der Pläne des Norden Bombenzielgeräts an Canaris, der sie an Göring weiterleitete. Das von Norden entwickelte Zielgerät galt als das genaueste und beste der Zeit. Er bekam sie von dem deutschen Norden-Mitarbeiter Hermann Lang, der mit den Nazis 1923 in München am Putschversuch teilgenommen hatte. Die Sicherheitsbestimmungen bei der Carl L. Norden-Company und die Überprüfungen für kriegswichtige Firmen durch die Armee müssen wahrlich beachtlich gewesen sein!

Ritter versteckte die Pläne in einer hölzernen Regenschirmverkleidung, die er am 9.Januar 1938 persönlich einem Kurier übergab. Der Kurier war Steward auf dem Schiff RELIANCE, die nach Bremen fuhr.

Die Bezeichnung „Dusquesne Spy Ring“ nach der Verhaftung der Mitglieder ist weitgehend unzutreffend. Es war ganz klar Ritter, der die Organisation leitete. Aber da Dusquesne ja bereits früher auffällig geworden war, benannte das FBI den Spionagering in den Medien nach seiner Person.

Ritter kannte Dusquesne angeblich seit 1931. Am 3. Dezember 1937 trafen sie sich in New York. Fritz erhielt 100 $ für die ersten Ausgaben und legte los.

Ritter rekrutierte weitere Agenten. Darunter nicht nur Hermann Lang, sondern den Ingenieur Everett Roeder, der verschiedene Bombertechnik-Pläne und anderes aus Sperry Gyroscope Company entwendete.

Und er rekrutierte auch William Sebold, was fatale Folgen haben sollte.

Sebold war ein naturalisierter US-Bürger, der 1921 eingewandert war. Er arbeitete für Flugzeugfirmen und andere Industriebetriebe in den USA und Südamerika.

Während eines Besuchs in der alten Heimat, wurde er 1939 von der Gestapo für die Abwehr „rekrutiert“. Man erpresste ihn mit einem alten Polizeibericht, der vielleicht für seine Ausbürgerung sorgen könnte. Außerdem drohten sie mit Repressalien gegen seine in Deutschland verbliebene Familie, falls er die Mitarbeit verweigerte.
Er machte eine Schnellausbildung zum Spion in der Hamburger Spionageschule „Pension Klopstock“ (dort wurde ihm auch der Umgang mit Kurzwellenfunk beigebracht).

Bevor die Deutschen ihn in die USA zurückschickten, um für Ritter zu arbeiten, gelang es Sebold in Köln heimlich das US-Konsulat aufzusuchen. Dort informierte er die zuständigen Stellen über seine Anwerbung als Spion für die Deutschen gegen die USA.
Kaum in den USA eingetroffen, wurde er vom FBI kontaktiert, und man stellte ihm mehrere Agenten als Hilfe zur Verfügung.

Unter dem Tarnnamen „Harry Sawyer“ schickte Ritter William Sebold am 8.Februar 1940 nach New York. Er sollte einen Kurzwellensender etablieren, der für die Kommunikation mit Deutschland sorgte. Sebold bekam den Codenamen „Tramp“; in New York sollte er mit Dusquesne Kontakt aufnehmen, der unter dem Codenamen „Dunn“ geführt wurde.
Mit Unterstützung des FBI mietete der Doppelagent Räumlichkeiten am Times Square an. Sie wurden verwanzt, und ein Raum hatte einen Venezianischen Spiegel, hinter dem das FBI eine Kamera aufstellte.

In Long Island richtete er eine Funkstation ein. Von dort sandten deutschsprachige FBI-Agenten unter der Vorgabe, sie seien Sebold, sechzehn Monate lang dreihundert genehme Meldungen an die deutsche Abwehr; zweihundert Meldungen der deutschen Abwehr erhielten sie direkt. Alles unter der Identität von Sebold. Natürlich schickte man nur harmlose und uneffektive Informationen, während man von deutscher Seite höchst Interessantes erhielt.

Sebold war der wichtigste Agent für das FBI. Nach dem Krieg erhielt er eine neue Identität und betrieb angeblich in Kalifornien eine Hühnerfarm.

Sebold mit Gattin

Die Abwehr schickte Dusquesne über Ritter einen Mikrofilm mit achtzehn Zielobjekten. Darunter waren geradezu fantastische Vorstellungen. So sollte er herausfinden, ob AT&T einen Röntgenstrahl entwickelt habe, der Bomben ins Ziel führt (heute sind sogenannte „Marker“ eine Selbstverständlichkeit, damals klang das wie Science Fiction). Außerdem sollte er herausfinden, ob die Army Uniformen entwickelt habe, die gegen Senfgas immun seien (tatsächlich hatte die Firma DuPont in den 1930ern damit erfolglos experimentiert).
Berlin wollte auch wissen, ob die Air Force an biologischer Kriegsführung aus der Luft arbeite. Sie gaben ihm eine Liste von 23 Firmen, die für die militärische Luftfahrt arbeiteten und wollten alles wissen, was diese entwickelten.

Als das FBI von Seibold erfuhr, dass Dusqusne wieder in New York war und für die Deutschen arbeitete, ging J.Edgar Hoover prompt ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt mit einem Hintergrundsbericht zu informieren. Ein höchst bescheidener Bericht, in dem stand:
„no information, whatsoever, concerning the whereabouts and activities of Duquesne since June 6, 1932, is possessed by the Federal Bureau of Investigation.“

FBI-Agent Newkirk, unter dem Tarnnamen Ray McManus,wurde nun auf DUNN, alias Dusquesne angesetzt. Er mietete sich über Dusquesnes Domizil in der Nähe des Central Parks ein und installierte Mikrofone, um ihn abzuhören.
Dusquesnes´ Aktivitären zu verfolgen, war schwierig.

Wie Newkirk in seinen Berichten darlegte: „The Duke had been a spy all of his life and automatically used all of the tricks in the book to avoid anyone following him … He would take a local train, change to an express, change back to a local, go through a revolving door and keep going on right around, take an elevator up a floor, get off, walk back to the ground, and take off in a different entrance of the building.“

Dusquesne bemerkte die Observation und sprach einen FBI-Mann direkt auf der Straße an und bat ihn, er möge das unterlassen. Er informierte auch umgehend Sebold.

In Sebolds verwanzten Büro legte Dusquesne Pläne dar, wie man am besten Rüstungs firmen abfackeln könnte und er zeigte ihm Fotos und gestohlene Pläne aus einer Firma in Delaware, die einen neuen Bombentyp entwickelt hatte. Daraufhin bastelte ein anderer Spion des Netzwerkes eine Bombe, besorgte Dynamit und gab alles Sebold zu „treuen Händen“.

Dusquesne lieferte weiter. Er gab Informationen über das Trainingsprogramm der Kampfpiloten und Abfahrtszeiten der Schiffe für England weiter. Das hatte nur einen Haken, den auch die Abwehr bemerkte. Eine Nachricht an Sebold lautete: „Sagen Sie Dusquesne, wir sind nicht an Informationen interessiert, die schon vor Wochen in New York Times und der Herald Tribune gedruckt wurden.“

Von Wert war allerdings die Nachricht, dass Washington plane, den Briten das Bombenzielgerät von Norden zukommen zu lassen.
Bevor Fritz das verwanzte Büro von Sebold betreten hatte, waren die etwa zwanzig vorherigen Treffen immer außerhalb gewesen

Nach seinem Besuch am 25.Juni 1941 hatte das FBI ihn auf Film und schlug vier Tage später zu. Es verhaftete 19 deutsche Spione in New York und vier in New Jersey. Fritz wurde von drei Agenten verhaftet, darunter G-man Newkirk, der über ihm wohnte und sich zum Schein mit ihm angefreundet hatte. Insgesamt waren 93 Agenten im Einsatz.
Bevor das Gerichtsverfahren eröffnet wurde, hatte das FBI insgesamt 33 Personen dingfest gemacht. Hoover bezeichnete Fritz als den „wichtigsten dieser Spione“.

Vor Gericht kamen 24 der Spionage Angeklagte. Zehn bekannten sich schuldig. Gegen die übrigen vierzehn wurde ab September sechs Wochen lang verhandelt.
Zuerst war Fritz dran. Das war wieder die Gelegenheit für einen großen Auftritt, und Dusquesne, ganz in seinem Element, faszinierte mit einer besonders gelungenen Darstellung seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte. Er wiederholte seine Geschichten, wie er Kitchner erledigt hatte und wie sehr er mit Teddy Roosevelt befreundet gewesen war. Aber er bestritt, je einen anderen Spion aus dem Netzwerk getroffen zu haben, ausgenommen Sebold. Er sagte auch, Sebold müsse geisteskrank sein, denn er habe gutes Geld für Blödsinn bezahlt, den er aus Zeitungen ausgeschnitten habe. Und: “I sold him a code used by Benedict Arnold in the war between England and the United States in 1776.”

Trotz der überwältigen Beweislage bestritt Fritz, dass er ein Spion sei. Zu allem Überfluss musste die Verteidigung mit ihren Plädoyers am 8.Dezember 1941 beginnen – einen Tag nach Pearl Harbour. Die Stimmungslage lässt sich leicht vorstellen.

Die Jury brauchte nur acht Stunden, um ihre Urteile für die 24 Angeklagten zu finden. Die meisten bekamen Gefängnisstrafen zwischen fünf und zehn Jahren. Hermann Lang und Fritz wurden zu 18 Jahren verurteilt.
Noch heute gilt der „Dusquesne Spy Ring“ als das größte Spionagenetz, dass je in den USA agierte. Naja, jedenfalls das größte, dass sie je erwischt haben.

Der 64jährige Dusquesne trat seine Strafe im Leavenworth Federal Penitentiary in Kansas zusammen mit Hermann Lang an. Dort wurde er sofort von anderen Gefangenen misshandelt und geschlagen.

In einem Memo an seine Vorgesetzten hob Admiral Canaris 1942 die große Bedeutung von Dusquesne hervor, was diesem in seiner Situation herzlich wenig nutzte.
Fritz erkrankte physisch und psychisch. 1945 wurde er deshalb ins Medical Center for Federal Prisoners in Springfield, Missouri, überstellt.

Von allen verurteilten Mitgliedern des Netzwerkes war er am längsten inhaftiert. Hermann Lang wurde im September 1950 in die Bundesrepublik deportiert. Alle anderen waren 1950 wieder auf freiem Fuß.

Nach 12 Jahren (darunter fünf Jahre in Einzelhaft), sieben Monaten und 16 Tagen wurde Fritz am 19.September 1954 aus dem Gefängnis entlassen.
In den letzten Monaten hatte er eine Beschwerde eingereicht, dass die FBI-Agenten bei seiner Verhaftung ungeschliffene Diamanten im Wert von drei Millionen Dollar und seine Karte mit dem Versteck des Kruger-Goldes an sich genommen hätten.

Er war nun 77 Jahre alt und gesundheitlich in erbärmlichem Zustand: Fast taub, eine kaputte Schulter, die nie richtig behandelt worden war, stürzte häufig, durch einen Schlaganfall teils
gelähmt, beginnende Demenz.

Er kehrte zurück nach New York und traf wenige alte Freunde. Das Wohlfahrtsamt der Stadt (ja, sowas gab es mal!) brachte ihn in einem Pflegeheim unter.

Am 21. Dezember 1955 hatte er noch einen großen Auftritt im Adventurers Club bei einem Dinner zu seinen Ehren im Hotel Delmonico. Viele Mitglieder betrachteten ihn nicht als einen Verräter. Obwohl seine berühmte Stimme kaum noch zu hören war, unterhielt er die Anwesenden mit Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben – erfundene und wahre.

Er starb an einem weiteren Schlaganfall am 24 Mai 1956.

Bereits 1942 wurde ein Film über seine Tätigkeit als Spion gezeigt: UNSEEN ENEMY, basierend auf einem Skript von Arthur D. Howden, dass dieser bereits 1939 verfasst hatte

Für das Drehbuch von THE HOUSE ON 92nd STREET erhielt Charles G.Booth 1945 den Oscar. Es geht sehr frei mit den Tatsachen um, aber Dusquesne war deutlich die Inspiration für Leo G.Carroll als Colonel Hammershon.

Was für ein Leben!

In Südafrika oder den USA – von Deutschland ganz zu schweigen – kennt ihn heute kein Mensch mehr. Auch nicht die Leute, die immer noch nach Oom Krugers Gold suchen.

Aber Fritz Dusqusne hat aus seinem Leben eine Menge Meilen herausgeholt.

Britain made him.




ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart
13. September 2019, 9:06 am
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DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 3/

HEUTE: ABENTEUER IM ÜBERBAU

Drei Tage vor dem Bruce Springsteen-Konzert 1981 war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung durch München einen neuen Rekord aufgestellt. Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das Speed glühte nach. Ich war dabei, die Entgiftung mit summa cum laude abzuschließen: Da war doch dieses Buch, das ich schon ´ne Weile lesen wollte: MARLON BRANDO von Fauser. Ein bisschen was hatte ich von ihm schon im „TIP“ gelesen.

Und natürlich war ich von ALLES WIRD GUT begeistert, das mir verdeutlichte, wie tief man in München noch sinken kann…

Später bekundeten wir häufig und missionarisch, dass München viel härter wäre als Berlin mit seiner Subventionskultur, in der jeder für ein „Projekt“ ein paar Groschen abgreifen konnte. Das erzählten wir jedem, der es nicht hören wollte – wie hart sich unser Überlebenskampf in Minga gestaltet hatte:

„Wasser? Wasser gab es nicht jeden Tag. Manchmal war man zu schwach, um sich bis zur Isar zu schleppen, um zu trinken. Und wer hatte schon eine Flasche, um Wasser mitzunehmen? Ein seltenes und kostbares Gut für die bürgerlichen Schichten.

Essen? Nun ja, gelegentlich warf einem schon mal eine gutherzige Marktfrau eine glasige Kartoffel zu oder eine vertrocknete Brezen… Das waren dann Feiertage, an denen man weinend dem Herrn dankte, dass er doch über einen wachte. Man war zu arm, um sich Aberglauben leisten zu können. Wir hatten nur unseren Seelenadel.

Bier? Jaja, Minga-Bierstadt. Bayrisches Bier gilt da ja als Grundnahrungsmittel. Kein Getränk für jedermann. Für uns was ganz seltenes und besonderes. Da kam man ganz schwer dran. Das einzige Bier, das wir auch nur wenige Male gekostet haben, bestand aus zusammen geschütteten, abgestandenen Resten in der Blauen Nacht oder einem unübersichtlichen Biergarten, bevor man mit Tisch- oder Stuhlbeinen da weggeprügelt wurde.

Nachts suchte man Trost beim einzigen Buch, das man aus einem Sperrmüll gezogen hatte und der größte Schatz war, den man in seiner abgewetzten Wehrmachtsuniform immer bei sich trug. Im schummrigen Licht der Straßenlaterne (wenn man das Glück hatte, eine zu finden, von der man nicht mit bissigen Hunden vertrieben wurde) las man dann in der zerfledderten Vorkriegsausgabe von OLIVER TWIST, um ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Das ermutigte manchmal, den Strick um den Hals an einer der Isarbrücken wieder zu lösen. Manchmal auch nicht. Dann hing man da, über der nächtlichen Isar, leicht im Wind baumelnd, mit gebrochenem Genick…“

Ich knallte mir das Buch rein und konnte nicht fassen, wie gut es war. So eine Star-Biographie hatte ich noch nie gelesen!

Ich nahm mir fest vor, diesen Typen kennenzulernen.
Später stellte sich heraus, dass wir in München wohl zur selben Zeit in teilweise dieselben Kneipen gegangen waren.
Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden, ohne ins Gespräch zu kommen. Denn im Gegensatz zu Jörg, bin ich fast nie allein um die Häuser geschlichen. Weißbierkeller, Blaue Nacht, rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel… Wahrscheinlich hatten wir in denselben Nachtvorstellungen dieselben französischen Gangsterfilme geguckt.

„Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere auch gemacht“, fragte mich Jörg später.
„Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest du mich garantiert abserviert.“
„Nicht unbedingt.“
„Nee, nicht unbedingt.

Für die „Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur“ (im Umfeld der Münchener Uni 1980 gegründet) schrieb ich regelmäßig Artikel und Kolumnen für das Mitteilungsblatt. Aber auch schon mal ein Feature über das Sammeln von Kriminalliteratur für das „Sammlerjournal“.
Da ich zu zart für körperliche Arbeit bin, schrieb und übersetzte ich, um das karge Bafög aufzustocken.

In München bekam man sogar den Berliner „TIP“, der damals verstärkt überregional vertrieben wurde. Den las ich regelmäßig, denn der Kulturteil war moderner und progressiver als der durchschnittlicher Blätter. Film und Musik hatten mehr Platz, und mit den Rezensionen konnte ich mehr anfangen. Dass da Jörg Fauser seit Anfang 1981 am Werk war, fiel mir erst auf, als DER SCHNEEMANN vorabgedruckt wurde. Der Roman gefiel mir, klar, dass er als Redakteur stattfand, war mir nicht klar.

Der „TIP“ wäre vielleicht das richtige Forum für einen Artikel über Kriminalliteratur. Ich schickte, er wurde angenommen, veröffentlicht.

Nachdem Bernd Jost seinen bevorstehenden Wechsel zu Rowohlt als Nachfolger von Richard K.Flesch verkündet hatte, musste für Ullsteins Gelbe Reihe ein Nachfolger gesucht werden.
Ullsteins Geschäftsführer Viktor Niemann und Pressechef Wolfgang Mönninghof (in Personalunion als Chef-Lektor) trafen sich gelegentlich auf Drinks mit Fauser und „TIP“-Chef Werner Matthes, der Fauser nach Berlin geholt hatte. Es gab auch keine Zweifel, dass Niemann an Fauser als Autor für Ullstein interessiert war. Jedenfalls regte man an, die Ullsteiner sollten sich doch mal den Typen von der Arbeitsgemeinschaft ansehen, der diesen Artikel über Kriminalliteratur geschrieben hatte.

Niemann hatte ich schon zuvor als Chefideologe der AK belästigt
(„Hören Sie auf, die Innenklappe mit Marlboro-Werbung zu verunstalten.“
– „Wäre es Ihnen lieber, dass die Krimis dann teurer würden?
– „Nein. Senken Sie den Preis und lassen Sie gleichzeitig die Reklame weg.“

Ich hatte also meine betriebswirtschaftliche Kompetenz bereits nachgewiesen).

Der Rest ist bekannt: Nach einem Gespräch in Berlin hatte ich den Job, wurde jüngster Herausgeber Deutschlands, und bereits im ersten Job-Monat kreuzten sich Jörgs und meine Pfade.

Ich hatte zwar schon „TIP“-Chefredakteur Werner Mathes persönlich getroffen, aber Jörg noch nicht kennengelernt. Muss Anfang August ’82 gewesen sein, als Matthes mich zu einer Gaststätte bestellte, um über den „Literatur-Tip“ zur Buchmesse zu sprechen. Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur.

Es war ein scheißheißer Tag, und ich frittierte im Büro im eigenen Schweiß. Mit einem Taxi fuhr ich durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz. Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken Whisky. Matthes stellte Fauser und mich einander vor. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich es Ihnen zu verdanken hatte, bei Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich wollte auch einen Whisky. Fauser grinste. Ich konnte kein ganz schlechter sein.
Aber wir saßen nicht nur da und waren hübsch anzusehen, wir gingen auch ernsthafter Trinkertätigkeit nach, und ich akzeptierte natürlich den Vorschlag, über Jim Thompson zu schreiben.

Nach der Veranstaltung in Loccum, verdichtete sich unsere Bekanntschaft und entwickelte sich zu einer zelebrierten Männerfreundschaft.

Wir besuchten gelegentlich Kultur-Veranstaltungen, gehörten aber nicht dazu, weil wir nicht dazu gehören wollten. Wir meinten eine Art „freundlichen Stalinismus“ der Apparatschicks auszumachen, der sich für Disziplin gegenüber genehmen Denkmustern und gegen abweichenden Individualismus richtete. Ihrem Kastendenken stellten wir die Wahrhaftigkeit der Noir-Avenues gegenüber. Diese Kulturszene interessiert (e) sich nur für Biedermeierthemen. Wie die Welt wirklich funktioniert, interessiert sie nicht. Da mussten wir schon zu Jim Thompson oder Ted Allbeury greifen. Es ging gar nicht mal um die Systemfrage, es ging darum, wie das System funktioniert. Erkennt man das, kommt die Systemfrage von selbst.

Existentialistische, an Camus erinnernde Aussage, wie diese von Jean-Pierre Melville passten hier nicht hin: „Ich mag nutzlose Anstrengungen sehr. Der Aufstieg zum Misserfolg ist eine ganz und gar menschliche Seite. Der Mensch geht von Erfolg zu Erfolg unentrinnbar auf sein letztes Scheitern zu: den Tod. In meinen Filmen gibt es immer eine Minute der Wahrheit: Der Mensch vor dem Spiegel, das ist die Prüfung, die Bilanz.“
Nein, hier kreiste alles um großbürgerliche Ästhetik, bürgerliches Glücksstreben in der Idylle eines progressiven Opernhauses und dessen Unmöglichkeit wegen der großen Schuld der Väter. Echokammern eines überholten Geisteslebens. Kulturelle Geisterfahrer.

Jörg wurde nicht vom bourgeoisen Feuilleton missachtet, er wurde von ihm nicht verstanden. Das zeigt sich auch darin, dass er jederzeit zu ihm Zugang fand. Ein Helmut Karasek hatte kein Problem, Jörg im „Spiegel“ über Mickey Spillane schreiben zu lassen, die „FAZ“ druckte seinen Essay über Ross Thomas vorab. „Lui“, „TransAtlantik“ und andere Zeitungen und Magazine standen ihm offen. Indem er den TIP (nicht nur mit der jährlichen Literaturbeilage zur Buchmesse) mit einer regelmäßigen literaturkompetenten Portion ausrüstete, wurde er selbst zum Player in diesem desparaten Genre. Seine Überlegenheit und Originalität kam eben nur nicht bei jedem Mitkombattanten gut an. Besonders nicht seine Tunnelbohrungen durch diesen überdimensionalen Misthaufen, der als deutsche Gegenwartsliteratur gefeiert wurde.

Denn unter den Möglichkeiten für eine zeitgemäße Literatur sahen wir Formen der Kriminalliteratur als überzeugendste Möglichkeiten (in der Umsetzung anders als der häufig talentlose Sozio-Krimi und seine stilistisch begrenzten Autoren). Denn in der sogenannten zeitgenössischen deutschen Literatur ging es ja nur darum, dass Leute, die einen nicht interessieren, nichts erleben.

Mit André Malraux teilten wir die Ansicht, dass Kriminalliteratur „das wirksamste Mittel ist, einen ethischen oder poetischen Sachverhalt in seine ganze Intensität zu übersetzen“.
Angesichts des Widerstandes (zum Teil Hass), der uns von Feuilletonisten und Autoren entgegenschlug, grinsten wir lediglich in unserer tief empfundenen Arroganz und hielten es (abgewandelt) mit John Milton: „Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.“
Eine unserer Strategien gegen unserer Meinung nach gestriges Kulturverständnis waren Debatten statt Diskussionen, da diese den höheren Provokationsfaktor haben. Jörg kannte die gegnerischen Konzepte genau: Oft las er diese Nabelschau-Bücher nur zu Ende, weil er wissen wollte, ob der Autor tatsächlich dieses miese Niveau halten konnte.

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Für mich sollte sich diese schöne Erkenntnis einmal mehr beweisen. Eines Abends – ich machte mich gerade für die Piste fertig – klingelten die Bullen. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus der Münchener Zeit mit Karibik-Horst, den ich längst begraben wähnte, war noch anhängig. Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft, bis die Banken öffneten.

Soviel Kohle hatte ich nicht einstecken, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram wie Kreditkarten. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort am Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer besseres als Knast vor?

Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte in der Frontstadt damals manch kleines Wunder. Die Cops waren einverstanden und führten mich ohne Handschellen zu Jörg ins 13.Arrondissement.
Da Jörg Gäste erwartete, musste er zu Hause sein. Es war noch früh, zu früh für einen Joint, die Gäste waren erst angekommen. Keine Rauchschwaden zu erwarten.
Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg musterte die grinsenden Bullen, zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein und die Bullen wünschten uns noch einen schönen Abend.

Gibt wohl nicht viele Autoren, die einen Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht. Allerdings liebte er es auch, erbost zu sein. Ein feuilletonistischer Streuner, Hass in der Feder, hatte ihn oder von ihm geschätztes dann angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muss, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen.

Von Jörg selbst bearbeitetes Manuskript.

Zeit seines Lebens, wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt: „Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert“. Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrissbirnen nicht an ihn ran.

Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name, Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen den Hass auf Jörgs Überlegenheit, den Hass darauf, dass er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Hass darauf, dass er in jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold herstellte, den Hass darauf, dass er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Hass auf ihre eigene Unzulänglichkeit.

Noch heute gibt es ja solch ewige Buben, die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, dass von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. „Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden“, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.

Was zum Teil von denen zu halten ist, die ihre Talentlosigkeit damit überdecken, dass sie sich heute auf Fauser beziehen, ist eine andere Geschichte.

Wie wir alle (und insbesondere Künstler), war auch Jörg eitel. Wenn jemand clever genug war, die richtigen Knöpfe zu drücken, konnte er mit seiner Wohlgesonnenheit spekulieren. Mich hat das häufig verärgert:
„Aber der hat doch bereits nachgewiesen, dass er nicht schreiben kann!“
„Jeder fängt mal an. Und in seiner Bestrebung zu mir lässt sich erkennen, dass er nach dem richtigen Weg sucht.“
„Er schmiert dir Honig ums Maul, weil er hofft, dass du für ihn nützlich sein kannst.“
„Zweifellos ein Zeichen von Intelligenz.“
„Du hast selbst gesagt, wie schlecht er schreibt.“
„Er hat noch einen langen Weg vor sich. Um so wichtiger, von den Besten zu lernen.“
„Aber sicher. Du bist eine Vollkaskoversicherung für ästhetisches Gelingen.“


Alles was auch nur den Anflug von Hippie-Kultur und Verwandtem hatte, war für Jörg sehr schlecht beleumdet. In seiner TIP-Kolumne ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um sich mit alternativen Subkulturen anzulegen („Lieber die Pershing im Vorgarten, als den Politkommissar am Schreibtisch“). Vom „Underground“ war da nicht viel übrig.
Es waren Zeiten der Polarisierung, und das liebte Herr Fauser. Außerdem gefiel ihm die Rolle des Advocatus Diaboli.
Abgesehen von seinem Gespür und Bewusstsein für (politische) Kriminalität war Jörg in vielem so progressiv wie ein sozialdemokratischer Ortsvereinskassierer.
Aber für die vielen Masken der Korruption hatte er ein feines Gespür.

Ich hatte zwar auch für den Rest meines Lebens genug von dem Alternativscheiss (siehe meine Aufzeichnungen in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Sozialisationsgeschichte mit den Rolling Stones), aber mir standen Hausbesetzer näher als Innensenator Lummer.
Jörg hatte ein Faible für kleinwüchsige autoritäre Spießer. Erkennbar auch in seiner kurzzeitigen Faszination von Proll Gert Schröder und Joschka Fischer. Deren volle Idiotie des Kommenden war damals noch nicht wirklich vorhersehbar; das muss man als mildernde Umstände anführen.
Das Meiste aus dem Alternativscheiss wird sowieso zum Mainstream von Morgen, wenn es sich kommerziell verwerten lässt. Zwischen den Stühlen konnten wir vortrefflich stehen um auf die Sitzenden herabzublicken.

Andererseits war Jörg immer interessiert am Anarchismus und an Freiheitskriegen. Ihm missfiel die Idiomatik, mit der die „Linke“ (was immer das sein mag) alles heroische verteufelte und klein zu machen versuchte. Wir hatten beide erlebt, wie die Linke sich seit den 70ern gegenseitig exkommunizierte. Diese dogmatischen Idioten ernst zu nehmen, fiel schwer, während wir der Roten Armee Fraktion Respekt nicht verweigern konnten.
Der Spanische Bürgerkrieg und George Orwell und die Beats hatten ihm jeden Dogmatismus ausgetrieben. Mit der Faszination des Faktischen, der Macht der Tat, war Jörg ganz bei seinen literarischen Idolen.

Zu meinen Freundschaftsaufgaben gehörte es auch, Jörg gelegentlich zu stabilisieren.
Da ich alles verachtete, was Häme oder Unverständnis über ihn ausschüttete, war das ziemlich leicht. Wenn ich mit meinem hypertrophierten Selbstbewusstsein diese Bagage lächerlich machte und vollkommen überzeugt darauf hinwies, dass es keinen Autor deutscher Zunge gab, der ihm das Wasser reichen könne, blieb ihm nur Zustimmung, bessere Laune und weitere Pläne schmieden.

Kritiker haben Jörg immer mal wieder vorgeworfen, er hätte Probleme gehabt mit Gefühlen umzugehen, sei unnahbar und arrogant gewesen, habe sich hinter einer Männerwelt verschanzt.
Gerade aufs SCHLANGENMAUL bezogen hat man das öfters gehört und gelesen. Alles völlig verblödeter Unsinn kontaktgestörter Stubenhocker. Der Preis für Autonomie ist Isolation.

Jörg konnte ein äußerst warmherziger und sensibler Freund sein. Genauso konnte er eiskalt und arrogant gegenüber Arschlöchern sein (oder weil er gerade schlecht drauf war).
Jörg schrieb über Männerwelten, weil er diese kannte und sich in ihnen bewegte. Für diese Kritiker ist das exotischer als eine Reise mit der Enterprise. Dieselbe Art kastrierter Marketender der Literatur haben Hemingway vorgeworfen, dass er über Stierkampf, Krieg oder das Fischen schrieb. Oder Dashiell Hammett, dass er die harte Welt der Pinkertons kannte. Jörg liebte es, durch Schlamm und Morast der dunkelsten Ecken unserer Gesellschaft zu waten.
Diese geistigen Feuilleton-Hinterlader finden ihre schlichten Freuden wohl nur bei lästigen Autoren, für die Rolf Giesens unsterblicher Satz über den deutschen Film gilt: „Wenn sie schon nichts erlebt haben, warum müssen sie dann Filme darüber drehen?“

Jörg, je mehr ich diesen Scheiß aufzeichne, um so mehr habe ich das Gefühl, mich von Dir zu entfernen.

Gewisse Autoren, die heute begeistert über Fauser sind, ahnen wahrscheinlich tief in ihrem Inneren, dass Jörg für ihr Geschreibsel nur Hohn und Spott übrighätte.

In ihren Betriebszeitschriften schreiben sie alles hoch, was bedeutungslos, langweilig, unerotisch und fade ist. Eben alles, was wie sie ist.
Und dazu gehört noch immer oder wieder das Gros „neuer“ deutscher Kriminalliteratur nach/seit Fauser. Ein guter Referenzpunkt für Idioten.
Leblose Romane für Alphabeten-Zombies mit Restmimik.

FORTSETZUNG FOLGT

DIE KOMPLETTEN ERINNERUNGEN IN:

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MARKETING IM TAL DER PUPPEN – oder wie Jacqueline Susann die Grundlagen für das moderne Bestsellergewerbe schuf by Martin Compart

“A new book is like a new brand of detergent.
You have to let the public know about it.
What’s wrong with that?”

Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, da hätte man sich zumindest gewundert, wenn ein hehrer Schriftsteller durch Talk-Shows oder andere TV-Unterhaltungen vagabundiert wäre, um sein neues Werk zu promoten.
Heute eine Selbstverständlichkeit, aber bis in die 1960er Jahre völlig unüblich. Damals hätte man das geradezu als degoutant empfunden.

Es war eine weibliche Autorin, die eine Revolution in den Vermarktungsstrategien von Büchern einführte. Ihr Name ist heute fast vergessen, obwohl sie noch immer einen unerreichten Rekord hält: Sie brachte als erster Autor drei Bücher hintereinander aus dem Stand auf den ersten Platz der New York Times-Bestsellerliste.

Ihr Name: Jacqueline Susann.
Über ihren gigantischen Erfolg rümpften die ranzigen Kritiker natürlich die Nase. Sie paart ein minimales literarische Talent mit einem gigantischen Talent für Public-Relations, wurde damals gelästert. Und das war noch der mildeste Vorwurf der Kulturnachtwächter.

Zur Neuauflage ihres Bestsellers VALLEY OF DOLLS eilte vor ein paar Jahren nun sogar die große Camille Paglia zur Ehrenrettung herbei, indem sie darauf hinwies, dass die Pop-Kultur – von den schmutzigen Romanen einer Jackie Collins bis zu TV-Soaps à la MELROSE PLACE – vieles Jacqueline Susann zu verdanken hat:

„Es waren Susann und Harold Robbins, die diese modernen, sexgeladenen Melodramen erfunden haben. Für mich ist TAL DER PUPPEN einer der großen Romane der Nachkriegszeit. Sie schrieb in demokratischer Straßenprosa, sehr filmisch, alles wurde visualisiert. Susann war Arbeiterklasse wie die junge Joan Crawford Arbeiterklasse war. Ich bewundere sie als Mensch und als Geschäftsfrau. Sie war wie Madonna.“

Vor allem war Jaqueline Susann die erste Autorin, die mit einem neuen erfolgreichen Marketingansatz alle zuvor üblichen Strategien aushebelte und die Epoche des „gemachten Bestsellers“ einführte.

Durch sie wurde das Buchgeschäft endgültig zu einem Bestandteil des Showbusiness. Jacqueline Susann wurde zu einem Markenzeichen, weil sie in Talkshows, Fernseh- und Radiosendungen auftrat und mit großem Geschick sich selbst und ihr Werk anpries, bis sie Millionen Käufer fand. Mit ihrem Mann, einem PR-Agenten, ließ sie sich immer neue Aktionen einfallen, die Ereignischarakter (deutsch: Event) hatten und darüber hinaus mediales Aufsehen erregten. Zeitgleich mit Harold Robbins wurde sie zum Markenzeichen für Bestsellerliteratur (in der Genre-Literatur gab es das bereits, aber die erklomm selten die Bestsellerlisten wie etwa zur selben Zeit Alistair MacLean oder zuvor Ian Fleming).

„Egal, was ein Interviewer fragt, ich kann ihn immer thematisch zu meinen Büchern führen.“

Die ehemalige Miss Philadelphia, Fernsehsprecherin und Werbetexterin wusste genau, was sie tat! Sie verglich das Verkaufen von Büchern gerne mit dem Verkauf von Zahnpasta. Außerdem verlangte sie vom Verlag, dass die Anzeigen für ihre Romane auf den Filmseiten der Zeitungen geschaltet wurden und nicht im Literaturteil. Sie „erfand“ auch die bis heute geltende Form der Lese- und Signierreise. Eine Angestellte der Buchhandelsgruppe B.Dalton sagte damals: „Durch Jackie bekamen wir neue, zusätzliche Kundschaft. Sie brachte Leute in die Buchhandlungen, die nie zuvor eine Buchhandlung von innen gesehen hatten.“ Außerdem recherchierte sie die Buchhandlungen, die für die Bestsellerliste der „New York Times“ befragt wurden, und konzentrierte ihre PR-Arbeit auf sie.

Noch weiter ging Susanns Mann Irving Mansfield, der eine besonders bedenkliche Taktik entwickelte: Er ließ von Mitarbeitern in den Schlüsselbuchhandlungen bestimmter Städte die gerade ausgelieferten Bücher seiner Frau aufkaufen, um sie schneller auf der Bestsellerliste nach oben zu drücken. Keine Expansion ohne Investition!

Jacqueline Susann erfand (oder zumindest perfektionierte) ein neues Subgenre: Glitzernde Melodramen über das Sexleben und die Welt der Schönen und Reichen. Die fiktiven Personen ihrer Bücher ähnelten immer prominenten Personen der Zeitgeschichte. So ließ sie sich gerne unterstellen, sie schreibe Schlüsselromane über Hollywood und Washington und verarbeite das geheime Leben, über das sie wohl informiert sei, bekannter Politiker und Stars wie Marilyn Monroe, Grace Kelly oder John F. Kennedy. Diesen Eindruck bestärkte sie geschickt, indem sie in jedem Interview die reale Person und ihre fiktive Verschlüsselung nannte – und augenzwinkernd dementierte, dass beide irgendetwas miteinander zu tun hätten.
SEX AND THE CITY zum Beispiel, wäre ohne Jacqueline Susanns „Vorarbeit“ schwer vorstellbar.

Ihr erstes Buch EVERY NIGHT, JOSEFINE (1963) war eine rührende Geschichte über Susanns Pudel Josefine und verkaufte sich 1,7 Millonen mal – was Mrs.Susann nicht genug war.

Obwohl ihr Verleger eine Fortsetzung wollte, schrieb sie etwas völlig anderes: DAS TAL DER PUPPEN, einen mit Sex gespickten Roman über drei Hollywood-Starlets, die sich nach oben kämpften. Die Sexszenen galten 1966 als skandalös, ja pornographisch. Heute wirken sie eher harmlos. Jeder in Susanns Verlag hasste das Buch, aber die Gattin des Verlegers liebte es: „Es liest sich, als würde man heimlich zwei Frauen am Telefon belauschen, die sich über die sexuellen Vorlieben ihrer Ehemänner unterhalten. Bei so einem Gespräch muss man einfach zuhören.“

Das Buch hieß TAL DER PUPPEN, erschien im Februar 1966 und blieb 28 Wochen auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste. Die Verfilmung von 1967 war der vierterfolgreichste Film des Jahres. Susann nannte die Verfilmung „a piece of shit„. Bis 2016 verkaufte das Buch 31 Millionen Exemplare in 30 Sprachen. Ihr Verleger verlangte von Susann vergeblich, sie möge doch den Titel ändern, sonst würde das Buch in der Kinderbuchabteilung landen!

Die paar Kritiker, die es besprachen, sahen es als Beispiel für den zivilisatorischen Verfall an, zumindest aber für den Niedergang großer Literatur. Und Susann zog nach, mit Statements wie „Nabokov und ich schreiben auf demselben Niveau. Aber ich bin besser.“ Provokationen, die auch in der Pop-Musik Verwendung fanden. Schäumende Hasstiraden aller sie bisher ignorierenden Kritiker waren ihr von nun an sicher.

Dabei hat der Roman Qualitäten, für die ich hier nur ein Zitat als Beispiel anführe:
A wife held the same social status as a screenwriter—necessary but anonymous.”

Werbung kann zwar negativ sein, muss deshalb noch lange nicht den Absatz verschlechtern. In dem Jahr gab es keine TV-Show, kein Magazin und keine Zeitung, in der Jacqueline Susann nicht mehrmals auftauchte. Ihr Name wurde zum Markenartikel für Sex, Indiskretion und Glamour.

1969 erschien ihr nächster Streich: DIE LIEBESMASCHINE blieb 26 Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten.

Diesmal zettelte sie einen Streit mit Truman Capote an, der durch sämtliche Medien ging. Susann hatte sich in einer Fernsehshow über die Stimme von Capote lustig gemacht. Capote schlug in einer anderen Talk-Show zurück und sagte, Susann sei „ein geborener Transvestit. Sie sieht aus wie ein Fernfahrer im Fummel“. Später entschuldigte er sich bei den Truckern für diesen Vergleich. Ihr Streit beherrschte die Medien mehrere Monate (und hielt bis zu Susanns Tod 1974 an).

Bereits 1962 hatte man bei Jackie Krebs diagnostiziert. Aber nur ihre engsten Freunde wussten davon und ihre gelegentlichen Behandlungen in Krankenhäusern.

Als 1973 ihr letzter Bestseller EINMAL IST NICHT GENUG erschien, bekam sie erneut Bestrahlungen. Geschwächt und gegen den Willen der Ärzte verließ sie das Krankenhaus, um auf eine PR-Tour durch achtzehn Städte zu gehen. In jeder Stadt suchte sie heimlich ein Hospital auf, um ihre Chemotherapie fortzusetzen.

Für das Buch lohnte sich ihr selbstmörderischer Einsatz: Wieder kam sie auf Platz eins der Bestsellerlisten. Aber sie magerte ab und starb 1974 mit 56 Jahren. Ihr Mann stellte die Urne mit ihrer Asche in das Regal mit ihren Erfolgsbüchern. In den USA, wo ihre Bücher 15 Jahre nicht lieferbar waren, wurde sie 2002 wiederentdeckt: Als „Mutter“ der modernen Literatur, die Trash und Melodram zum Bestsellerkonzept verlötete.