Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: P.M. HUBBARD by Martin Compart

„Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.“ (Jonathan Gash)

Philip Maitland Hubbard gehört zu den literarischen Schätzen, von denen man nur ganz wenige in einem Leserleben heben wird. Einer dieser Autoren, die trotz ihrer überragenden Qualitäten nie die Bekanntheit erreichen, die ihnen zustehen würde.
Die Glücklichen, die diese Schriftsteller zufällig oder durch einen Hinweis entdecken, werden ihre Bücher – die sich unauslöschlich ins Hirn brennen – hüten, pflegen, und immer wieder zu ihnen greifen. Und sie reihen sich wahrscheinlich in eine Kult-Gemeinde ein, die nicht sehr groß ist, aber beglückt von dieser Lektüre, immer auf der vergeblichen Suche, vergleichbares zu entdecken.

Diese Autoren sind leider nicht für die Mehrheit der Leser bestimmt (wie ihr begrenzter Erfolg und ihre Vergessenheit belegen); sie gehören einer eifrigen Minderheit.

P.M. Hubbard gehört genau in diese Kategorie.

Wie Kafka ist er kein Schriftsteller, der einen überfällt. Er nimmt subtil von einem Besitz, indem er erst ganz zart an die Kehle greift und immer stärker zudrückt.

Philip Maitland Hubbard wurde am 9 November 1910 in Reading in Berkshire geboren. Aus gesundheitlichen Gründen zog sein Vater mit der Familie auf die Kanalinsel Guernsey. Hier entwickelte Hubbard wohl seine tiefe Liebe zum Meer und zur Natur. Sein Großvater, Henry Dickenson Hubbard (1824–1913), war ein Kirchenmann der Church of England und hinterließ ein beachtliches Vermögen.

Er besuchte das Elizabeth College, Guernsey, studierte dann am Jesus College in Oxford. Dort gewann er 1933 den Newdigate Prize for Poetry für das Gedicht „Ovid among the Goths“.

1934 trat er in den Dienst des Indian Civil Service. Er beendete seine Karriere als letzter District Commissioner des Punjab, bevor Indien 1947 unabhängig wurde.
Anschließend kehrte er nach England zurück und arbeitete in der Verwaltung des British Council, wurde dann stellvertretender Verwaltungsdirektor der Handelsgewerkschaft.

Ab 1960 arbeitete er hauptberuflich als freier Publizist und Schriftsteller. Er schrieb Artikel und Sketche für den „Punch“ und Gedichte. „Most of my `serious´ poetry has remained unpublishable in my period, because it rhymes and scans. I write a good deal of verse for Punch between 1950 & 1962. Of course a lot of comic, satirical, topical & occasional stuff, but occasionally, when the editor wasn’t looking too closely, lapses into poetry (as I see it.).”
Seit den frühen 1950ern schrieb er Science Fiction-Kurzgeschichten, u.a. für so renommierte Magazine wie „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“.

1963 erschien sein erster Roman:FLUSH AS MAY. Ihm folgten fünfzehn weitere Thriller (nur sieben davon wurden für die Rowohlt-Thriller-Reihe ins Deutsche übersetzt) und zwei Kinderbücher. HIGH TIDE wurde 1980 fürs Fernsehen in der ITV-Reihe „Armchair Thriller“ mit Ian McShane verfilmt.

Er ließ sich im Horsehill Cottage, Stoke in Dorset nieder, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern Jane, Caroline und Peter, bis zur Scheidung lebte. 1973 zog er in den Südwesten von Schottland, der sich von da an stark in seinen Büchern niederschlug.

Er starb am 17, März 1980 in Newton Stewart, Galloway. In seinem Testament bestimmte er eine Pension für seine Exfrau, ihr „unbehelligtes Leben“ im Horsehill Cottage und für seine Kinder einen Trust.


Sein letzter Roman war sein einziger Agenten-Thriller: KILL CLAUDIO, 1979 (der Titel ist ein Shakespeare-Zitat aus VIEL LÄRM UM NICHTS). In ihm findet der Geheimagent Ben Selby heraus, dass sein Freund statt seiner ermordet wurde. Die Witwe bittet ihn, den Mörder zu finden und zu töten. Der politische Hintergrund spielt keine wirkliche Rolle.

Das Thema ähnelt einigen von Hubbards vorherigen Thrillern und erlaubt ihm eine atemberaubende Menschenjagd in der Tradition von Buchan und Household.
Wie sein erster Thriller, FLUSH AS MAY (eher ein klassischer Detektivroman), beginnt er mit einem Leichenfund während eines Spazierganges. Mike Ripley und H.R.F. Keating nahmen KILL CLAUDIO 2000 in ihre 101 CRIME THRILLERS OF THE 20.CENTURY auf (Keating tat dies bereits 1987 in CRIME & MYSTERY – THE 100 BEST BOOKS).

Hubbard erfand nie einen Serienhelden (dabei dürfte sein Protagonist aus A HIVE OF GLASS, der fanatische Antiquitätenjäger Johnnie Slade, einen gewissen Einfluss auf Jonathan Gashs Helden Lovejoy ausgeübt haben) und Polizisten tauchen kaum in seinen Thrillern auf. In Hubbards atavistischen Welt haben Ordnungskräfte wenig bis keine Bedeutung.

Seine Protagonisten verfügen über einen scharfen Verstand und sie sind deduktionsfähig, aber mit klassischen Detektivromanhelden haben sie nichts zu tun. Sie leben in einer Welt voller Gier, Neid und Leidenschaft, die auf Mord und Totschlag zuläuft. In einer Atmosphäre wie in modernisierten gotischen Schauerromanen.

Seine “Helden” (weibliche Protagonisten gibt es nur in zwei Romanen, FLUSH AS MAY und THE QUIET RIVER) sind meistens gebildete Männer (etwa Schriftsteller), die sich gut ausdrücken können und über einen starkem Willen verfügen. Sie teilen häufig die Interessen ihres Schöpfers: Jagdsport, Segeln, Volksglaube oder Shakespeare.
Sie geben wenig Auskunft über ihr Vorleben, haben anscheinend nichts mit Institutionen zu tun und so gut wie kein gesellschaftliches Leben. Falls doch, leben sie zum Beginn der Handlung in ihren urbanen Professionen wie getarnte Psychopathen:

„Ich ließ nur das schmallippige Lächeln sehen, das ich mir in der Schule einem bestimmten Direktor gegenüber angewöhnt hatte. Soviel Hass wie auf den Direx hätte ich für Mr. Hastings gar nicht aufgebracht. Hauptsächlich wünschte ich mich weg. Weg aus London.“

Sie sind so isoliert wie die Welt, in die sie ihr Autor versetzt. Der konzentriert sie ganz auf das ablaufende Geschehen und ihre emotionalen Effekte.
Sie kommen oft aus einem scheinbar vorenthaltenen Leben mit kargen Freuden scheuen weder Risiken noch Chancen. Besonders dann nicht, wenn sie eine verbotene Fruchtpflücken wollen (vor allem in Form von Liebe zu einer verbotenen Frau).
Und sie kommen fast immer von außen in eine schwer durchschaubare Welt, die sie zu umklammern beginnt.

Jochen Schmidt schrieb über Hubbards amoralische Protagonisten:
„Hubbard selbst lässt mit keinem Wort erkennen, dass er das Tun und Lassen seines Helden missbilligt… Die Inhumanität – also auch die Schuld des Erzählers – ergibt sich nur aus dem Sprachduktus dieser unsentimentalen Rollenprosa… Vielleicht ist es diese Gefühlskälte vieler Hubbardscher Figuren, die den ständig ins kalte Wasser geschickten Leser dieser vorzüglichen Romane gelegentlich frösteln lässt“ (GANGSTER, OPFER, DETEKTIVE; Ullstein, 1988, S.321f.).

“The place is generally in fact the principal character in the book, because, again, places mean more to me than people.”

Hubbards Bücher sind “rurale Thriller” oder “Country Noir”. Keiner von ihnen spielt in einer Metropole oder in einer urbanen Umgebung. Handlungsorte sind Küstenstriche, Highlands, Inseln oder unheimliche Wälder mit noch unheimlicheren Häusern (sein Können, die Natur beklemmend erfahrbar zu machen, wird gelegentlich mit dem nicht minder großartigen Arthur Machen verglichen), gelegentlich von Überresten paganer Kultur durchdrungen. Grenzgebiete einer atavistischen Welt, die auch das Bewusstsein der Figuren widerspiegelt. Immer wieder betonen Theoretiker eine gewisse Nähe zur Gothic Novel bei Hubbard, dort, wo „erhabene Natur die Komplizin des Bösen“ (Hans Richard Brittnacher) ist.

In diesem Sinne könnte man Hubbards Romane gar als Backwood-Thriller einordnen.

Mentale und physische Isolation gehört zu den wiederkehrenden Motiven.
Hubbard ist ein Konservativer, der das moderne großstädtische Leben kaum kannte.
So behauptete er ernsthaft 1969 in COLD WATERS:
„In London gab es nur ein oder zwei Räumlichkeiten, wo man für so viele Leute (Jahresparty eines Unternehmens) ein Essen arrangieren konnte.“

Er hatte auf Guernsey gelebt, über ein Jahrzehnt in Nordindien und nach seiner Rückkehr wohl einige Zeit in London, bevor er sich in einem ländlichen Cottage niederließ, wo er einsam seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachging. Bis auf gelegentliche Besuche beim „Punch“ oder bei Verlagen, dürfte er wenig großstädtisches Leben erfahren haben. Die schockierenden Swinging Sixties sind wohl einigermaßen spurlos an ihm vorbei gegangen.

Er kommt mir vor wie von der Nachkriegszeit enttäuschter Brite, den der Verlust des Empires desillusioniert in die Wälder und aufs Wasser getrieben hat. Von Britannien war für ihn nur noch der rurale Kern (bis in die schottischen Highlands) akzeptabel und lebenswert. Aber da er kein Reaktionär war, sah er auch den dort möglichen Horror. Seine Verbrechen entspringen weniger gesellschaftlichen Umständen, sondern der menschlichen Natur im Hobbesschen Sinne oder der Psychopathie.

Jochen Schmidt hat darauf hingewiesen, dass merkwürdiger Weise Hubbards langjähriger Aufenthalt in Indien keinen oder kaum einen Niederschlag in seinem Werk gefunden hat. Lediglich THE COUNTRY OF AGAIN spielt hauptsächlich in Pakistan (Punjab).

Die Geschichten entwickeln sich langsam aber treibend, bauen eine Atmosphäre zunehmender Paranoia auf, getragen von der bedrückenden Umgebung, bis sie schließlich in Morden explodieren. Vor dem Ende gibt es nur wenige physische Konfrontationen, aber eine immer gegenwärtige, sich steigernde Atmosphäre der Gewalt. Ein großer Reiz dieser Thriller ist diese drohende Stimmung einer unmittelbar bevorstehenden Zerstörung.

Die Gewalt baut sich unterschwellig auf und wird dann immer bedrohlicher. Das Gewaltpotential wird zurückgehalten, steigert sich latent bis zum Ausbruch. Hubbard lässt es den Leser spüren, benutzt seine Phantasie antizipatorisch. Der innere Dialog entwickelt die Spannung von Seite zu Seite.
Wenn diese Gewalt dann explodiert, trifft sie den Leser wie ein Faustschlag in den Bauch. Schockierender als Splatter-Punk.

“I have too little sympathy with other people to be a good novelist (a general male failing, which is why most of the great novels are written by women), but my English rests on a severely traditional classical education, which I have no doubt is the only sound basis for using English properly…. . By this I mean that I am in myself a egotist, and tend to see people mainly as factors in my own situation, whereas I should have thought that a novelist must (or at least on occasion be able to) take a God’s-eye view of them. Of course all fiction writers are egotists, and a certain degree of egotism is necessary to impose a unity on their imagined world and people. But they ought to be able to envisage other people’s feeling more clearly than probably I can.” (Briefe an Tom Jenkins in 1973)

Hubbards intensive Ich-Erzähler monologisieren sehr filmisch. Deshalb sind seine Thriller ein Geheimtipp für intelligente Regisseure. Bisher wurde lediglich ein Buch von ihm für das Fernsehen adaptiert.

Die Romane sind relativ kurz und lesen sich schnell. Das entspricht Hubbards Suspense-Konzept und erfüllt es maximal. Im Gegensatz zu den meisten Page-Turnern bleiben die Bücher im Gedächtnis. Spannung, Charaktere und Atmosphäre sind so originell, so ungewöhnlich, dass man sich noch Jahrzehnte später rudimentär erinnert.

Jedes Buch enthält lediglich vier Hauptpersonen mit der Konzentration auf den Protagonisten, der fast immer der Ich-Erzähler ist. Der erzählt in klaren, kurzen Sätzen, vermeidet Adjektive und Wortschwall. Die Geschichten erzählen sich von selbst durch die Augen des Protagonisten. Kontrafaktisches ist für den Leser kaum erkennbar.
Unter der Meisterschaft von Hubbard baut sich alles zu einem literarischen Universum zusammen, dass in der Thriller-Literatur nichts Vergleichbares kennt. Obwohl ihm Jonathan Gash manchmal nahekommt (besonders in den Action-Szenen der frühen Lovejoys).

In kurzen Sätzen voller Eleganz beschreibt er brutale, geradezu mythische Konflikte in einer einsamen Natur. Bei ihm gibt es keine sinnlosen Sätze, keine Redundanz (durch die fast alle heutigen Thriller ihren voluminösen Umfang erreichen). In der Regel geht es um einen amoralischen Protagonisten, der durch Umstände zu einer Aktion gezwungen wird, die weitere Handlungen nach sich zieht – bis zu einem entweder desaströsen oder „befriedigendem“ Ende.

Die düstere Psychologie in Hubbards Romanen rief bei einigen Kritikern Vergleiche mit Patricia Highsmith hervor. Seine Faszination für Wasser und Segeln ließen andere Kritiker an Andrew Garve denken, der aber ein viel optimistischeres Weltbild hat und weniger getrieben ist.

Dem literaturgeschichtlichen Sortierzwang entzieht er sich weitgehend.

Und so hat Philip Maitland Hubbard gearbeitet:

„I start with the one or two characters necessary to carry the theme, and then I just start writing and see what happens. Fresh characters introduce themselves, existing characters do unexpected things and the thing just goes on growing. At some point, obviously, I have to stop and say, in effect, “Well, what is this about? What really is going to happen?” But I may be two-thirds of the way through the book by then. Even then I don’t conceive the solution in more than general terms, but of course the further I go, the more precisely I can see ahead. I do very occasionally have to go back and change a few details at the start of the book which no longer fit its outcome, but it is odd how seldom this happens. This is because the thing is conceived and built up as an organic growth. the later parts fit the earlier parts simply because they have developed naturally out of them. Even the final solution is not something imposed from the outside, but is precisely the explanation of all that has gone before. In detail, I write very much as it falls out, writing in my own minuscule hand (700+ words to a quarto page), and changing very little, and that only for purely verbal reasons, so that you may get several consecutive pages of ms. with no corrections at all. When I have finished, I copy it out laboriously on my typewriter, and the result is the text as printed. I cannot consider such a thing as a re-draft, because once the book is down on paper, it is dead so far as I am concerned, and a postmortem may be possible, but not surgery.“

BIBLIOGRAPHIE:

Flush as May (1963)
Picture of Millie (1964)
A Hive of Glass (1966)
The Holm Oaks (1966)
The Tower (1968)
The Custom of the Country (as The Country of Again in US) (1969)
Cold Waters (1969)
High Tide (1971)
The Dancing Man (1971)
A Whisper in the Glen (1972)
A Rooted Sorrow (1973)
A Thirsty Evil (1974)
The Graveyard(1975)
The Causeway (1976)
The Quiet River (1978)
Kill Claudio (1979)

JUGENDBÜCHER:
Anna Highbury (1963)
Rat Trap Island (1964)

Eine Bibliographie der deutschen Übersetzungen für Rowohlt findet sich unter:

Hubbard, P.M.



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STERNSTUNDEN DES ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN FERNSEHENS by Martin Compart

Es gibt sie tatsächlich: Sternstunden des deutschen Fernsehens! Zumeist auf ARTE ausgestrahlt, Am 18.Februar 2020 überflügelte der Sender mit einem langen Themenabend über die Mord- und Folterstaaten der Monarchien am Persischen Golf fast sich selbst! Die Beiträge sind noch in der ARTE-Mediathek abrufbar.

Los ging es mit der zweiteiligen FRONTLINE-Dokumentation MORD IM KONSULAT von Martin Smith und Linda Hirsch. Anhand der Spurensuche im Fall der Ermordung des Journalisten Kashoggi analysiert der Beitrag auch die Entwicklung des saudischen Despoten Mohammed bin Salman zum Schreckensherrscher. Auch die sowohl dämliche wie undurchsichtige Rolle, die Trump bei oder gar zur Ermordung Kashoggis gespielt hat und haben könnte, wird erwähnt. Die Komplizenschaft der USA mit Folterregimen ist ja längst Folklore.
Eine Doku wie ein guter Thriller.

Fisk in 2001 after being beaten by Afghan refugees. He absolved his attackers of all blame claiming ‚their brutality was just a product of others‘

Anschließend folgte das beeindruckende Portrait des gnadenlosen Wahrheitssuchers Robert Fisk („Mut kann irrelevant sein.“), der seit den 1970ern den Nahen Osten journalistisch durchforscht und analysiert. Im Portrait beweist Fisk, wie mit Unterstützung der NATO bosnische Waffen nach Saudi-Arabien geliefert wurden, die dann beim IS landeten. Ein weiterer Beweis dafür, dass Saudi-Arabien den islamistischen Terror unterstützt.

Zum Abschluss gab es die Wiederholung der französischen Dokumentation WÜSTE PRINZENSPIELE – DER NEUE GOLFKRIEG über die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Qatar– angelegt von drei psychopathischen Milliardenerben.

Nach diesem Themenabend weiß man mehr über die Kriege und Krisen des Nahen Osten. Und dass die wahren Verursacher Europäer und Amerikaner waren und ihre Heloten den durch Rohstoffinteressen bestimmten Einflüssen langsam aber sicher entwachsen (auch wenn MbS Bündnisse mit Israel schließt, damit die USA weiterhin dulden, dass er seine Bevölkerung tyrannisiert und Terror-Organisationen unterstützt).

Für so einen Themenabend verzeiht man ARTE wieder jeden subjektiv empfundenen Unsinn, der häufig das Programm bestimmt. Da akzeptiert man dann auch den Gebührenzwang, denn niemals werden kommerzielle Sender diese Form der Aufklärung betreiben.
Das wäre ja gegen ihre Religion.

P.S.: Als welche Gefahr das öffentlich-rechtliche Fernsehen wahr genommen wird, sieht man aktuell in Großbritannien, wo Boris Johnson mit einer neuen Strategie die BBC sabotiert. Auch bei uns hassen und fürchten falsche Propheten wie Orban, Trump oder Johnson die unabhängige Pressefreiheit.



GUNSHIPPER NELLIS – DER HELD VON FREETOWN by Martin Compart

From single-handedly turning the enemy back from the gates of Freetown to helping rescue eleven British soldiers who’d been taken hostage, Ellis’s many missions earned him a price on his head, with reports of a million-dollar dead-or-alive reward. This book describes the full career of this storied aerial warrior, from the bush and jungles of Africa to the forests of the Balkans and the merciless mountains of Afghanistan.

„He is a great man; I and everyone in Sierra Leone owe him much.“
Sir David Richards (today Chief of the Defence Staff in Great Britain)

Neall Ellis ist ein wahrer Held – zumindest in Sierra Leone.

Dort war er der Einzige, der mit seinem Kampfhubschrauber zwischen der Hauptstadt Freetown und den unfassbar barbarischen RUF-Terroristen stand. Während die UNO-Truppen bestenfalls blöde in der Gegend rumstanden, verhinderte Nellis, wie er genannt wird, zweimal die Eroberung der Stadt (Näheres zum Bürgerkrieg in Sierra Leone auch in: https://martincompart.wordpress.com/2009/10/08/gute-soldner-jenseits-von-blackwater/ ).

Man muss sich mal vorstellen: UN-Peacekeeper schauen zu, wie Kleinkindern die Arme abgehackt werden. Nichts passiert, außer dass diese Gestalten aus UN-Mitteln finanziert werden (und nebenbei noch plündern und vergewaltigen).

Und Leute wie Ellis können das nicht ertragen. Denn er akzeptiert unbewusst die kapitalistische Doktrin nicht, dass alles wunderbar ist, wenn es auf Kosten unmenschlicher Folter und Verwerfungen geht.

Aber im Gegensatz zu einem UN-Gesandten ( mit gesichertem Monatsgehalt) ist er nur ein Trottel, der sich Benzin zusammen betteln muss.

Nellis kämpfte als One-Man-Air Force, nachdem man Executive Outcomes auf Druck der USA und der Weltbank rausgeschmissen hatte (und die RUF sofort wieder in die Offensive ging).
Er war so effektiv, das Foday Sankoh, der Führer der RUF, auf seinen Kopf eine Million Dollar aussetzte.

Das Buch erzählt Nellis einzigartige Karriere von den südafrikanischen Buschkriegen bis nach Afghanistan. An der Kapitelfolge kann man das unglaubliche Spektrum seiner Einsätze erkennen:

Author’s Note
Prologue

1 Formative Days In Southern Africa
2 Early Days In The South African Air Force
3 Early Days During The Border War
4 Soviet Sams Versus Helicopters In The Bush War
5 Into Angola With The Gunships
6 Death Of A Good Man
7 Koevoet, Night Ops And A Life-Changing Staff Course
8 New Directions—Dangerous Challenges
9 Executive Outcomes In West Africa
10 Into The Congo’s Cauldron
11 On The Run Across The Congo River
12 Back To Sierra Leone—The Sandline Debacle
13 Taking The War To The Rebels In Sierra Leone
14 The War Gathers Momentum
15 The War Goes On . . . And On . . .
16 The Mi-24 Helicopter Gunship Goes To War
17 How The War In Sierra Leone Was Fought
18 Operation Barras—The Final Phase In Sierra Leone
19 Iraq—Going Nowhere
20 Air Ambulance In Sarawak
21 Tanzania
22 Neall Ellis Flies Russian Helicopters In Afghanistan
Kapitel 8 berichtet über seine Verpflichtung für Bosnier im Balkan-Krieg.

Dieses Buch besteht hats zwei legendäre Protagonisten Personen: den Autor und sein Subjekt. Denn auch der Autor ist seit langem eine Legende:
Der Südafrikaner Albertus

Johannes Venter(geb.1938) ist seit Jahrzehnten einer der bedeutendsten Kriegsreporter. Seit seinen Anfängen in den 1960ern (er berichtete mit seinem Freund Frederick Forsyth über den Biafra-Krieg), hat er fast jeden bewaffneten Konflikt in Afrika und viele im Rest der Welt gecovert (häufig für „Jane’s International Defence Review“).

Er hat über 50 Bücher geschrieben und ca.30 Dokumentarfilme gedreht. Darunter eines der wichtigsten Bücher für die Anti-Apartheidsbewegung: “Coloured – A Profile of Two Million South Africans” (Human & Rosseau, Cape Town 1974).
Er schrieb auch das erste Buch über den Guerilla-Krieg im Süden Afrikas „The Terror Fighters“ (Purnell, Cape Town, 1969).

Auf Reportage ging er mit dem Sturmgewehr (meist ein AK 47) in der einen Hand, mit der Kamera in der anderen. Und er war in vielen Staaten nicht sehr beliebt, wie er in den 1980er Jahren feststellte:

„The result is a price on my head in Angola—quite a considerable amount of the local currency, kuanzas, which, thankfully, is quite useless outside Angola’s borders. I am also a persona non grata in Zimbabwe, Tanzania, Libya, Syria, Iran, Ethiopia, and the Soviet bloc, particularly in Afghanistan.”

Dabei wurde er zweimal ernsthaft verwundet. Aber:

“Perhaps my nearest brush with the inevitable was when I was with a Special Forces team that had to attack an Angolan strongpoint through three lines of trenches. We were led by Peter MacAleese, a British mercenary who had served with SAS, and who wrote about his own adventures in „No Mean Soldier“ (published by Orion in the UK). Some of my photos are used in his book. The place was pretty well defended and not strictly in accordance with the Geneva Convention, I was carrying an AK-47; you never who was going to rush out of the bush at you. Anyway, when the mortars started coming in (that killed a few of our boys), I found myself in a trench which the enemy seemed to have zeroed in on. So I jumped up and moved forward, but a mortar landed behind me and I was hurled forward onto my gun which went off in my face. The bullet missed, but the incident left me permanently deaf in my left ear. Which is why I like to sleep on my right side when my kids make a noise.

My second closest brush with death was flying combat with South African mercenary pilot Neall Ellis in the Sierra Leone conflict in 2000 in an aging Russian MI-24 helicopter gunship that leaked when it rained. We took an awful lot of incoming at times and because I was in the nose of the chopper, I saw a lot of what was happening. That was pure luck.”

Seine Freundschaft mit Neall Ellis begann vor dem Ende des Bürgerkriegs in Sierra Leone, als er mit ihm fünf Wochen Einsätze gegen die RUF-Rebellen flog; bei Regen tropfte der Mi-24-Helikopter aus den vielen Einschusslöchern. Die Erfahrung war die Grundlage für sein Buch „War Dog: Fighting Other People’s Wars“ (Casement Publishers, 2005). Aber wirklich nahe kamen sie sich wohl erst in Afghanistan. So dass Venter, der schon eine ganze Reihe hervorragende Bücher über Söldner und afrikanische Kriege geschrieben hatte, sich zu dieser Biographie entschloss.

Sie ist spannend wie ein Thriller, spiegelt Zeitgeschichte, die man vergeblich in den Mainstreammedien sucht. Man bekommt einen Einblick, wie die Welt der Söldner funktioniert. Aber sie erspart einem auch nicht die üblen Grausamkeiten (und Dämlichkeiten der Politiker, die für diese Konflikte verantwortlich waren oder nicht beenden wollten).

Für Interessierte, die nach großen psychologischen Einsichten suchen, ist das Buch allerdings nicht geschrieben. Nix für Leute, die meinen, dass man Foday Sankoh auf Grund seiner „traumatischen Imperialismuserfahrungen“ in eine Streichelgruppe hätte aufnehmen sollen.

Just the facts, ma´am!

Die AfD-Version der PMC-Thematik:


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„RATTLE REKRUT REICHEL“ by Martin Compart
6. Dezember 2019, 10:45 am
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Porträt | Schlagwörter: , , , ,

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES, stark überarbeitete Neuausgabe demnächst bei ZERBERUS).

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Aus dem Kapitel über die 1960er.

Von nun an ging es Schlag auf Schlag!

Jede Woche war was Neues zu entdecken: Kinks, Troggs, Hollies, Manfred Mann, Procol Harum, Animals… Finanziell nicht zu bewältigen. Also sprach man sich ab: Du kaufst die, ich kauf die. Dann tauschen, wenn man die Single hundert Mal in der Woche gehört hatte.
Meine Popularität im Elternhaus erreichte einen Tiefstand. Aber sie kriegten es nicht hin, diese sittlich-ethisch desorientierenden Musik-Kapellen unter Strafe zu stellen. Für uns war die Rock-Musik ein goldener Fluss, und wir standen mit Eimern am Ufer. So erklommen wir die Gipfel der Ruchlosigkeit und Schande.

Noch heute muss man für die frühe Geburt dankbar sein, dass man nicht von kastrierten Prä-Rentnern wie Wincent Vice, Pietro Lombardi oder Glasperlenspiel sozialisiert wurde. Gegen die hätte sogar Willy Hagara gepunktet.

Eine neue jugendgefährdende Tradition entwickelte sich: der Party-Keller!
Manche hatten das Glück, in ihren Häusern Keller zu haben, die nicht als Kohlelager dienten, die recht adrett herzurichten waren. Etwa mit alten Sofas und selbst gezimmerter Bar. Prototypen dieser Hedonismusstellplätze waren bereits in den 50ern von der 5.Kolonne Moskaus eingeschmuggelt worden.

Am wichtigsten war natürlich der Plattenspieler.

Dicht gefolgt von Bildern der Stars, rausgerissen aus der „Bravo“ und an die Wände geklatscht. Ganz weit vorne war man mit einem „Bravo-Starschnitt“, der etwa Robert Fuller (AM FUSS DER BLAUEN BERGE) oder James Dean in Lebensgröße wiedergab. Da konnte schon mal ein Knie fehlen („Da waren wir in Italien und da kriegst du keine Bravo.“).
Ein gutbestückter Party-Keller verfügte natürlich nicht nur über die neuesten Platten, er hatte auch die verbotene Frucht für 10- bis 12jährige im Ausschank: Cola! Wer Cola trank war mindestens schon halbstark. Schmeckte gar nicht so doll, brachte aber Reputation.
An diesem Ort hatte pubertäre Verzweiflung Pause. Mit einem leeren Glas dazusitzen, grenzte an Hausfriedensbruch.

Nein, am wichtigsten für den Party-Keller waren Eltern, die nicht zu Hause waren.

Denn ALTE waren der Horror! Sie lebten ein Leben nach Regeln, die sich andere für sie ausgedacht hatten, die sie nicht einmal kannten.

Und dann kamen die Rattles!
Welches Ambiente war für sie geeigneter als ein Party-Keller? „Come On and Sing“, „Las Las Las Vegas“… Was für ein Krach! Lärm für Frühpubertierende, die mit hochrotem Pickelgesicht unbekannte Wesen fragten, „ob sie mit einem gehen wollen“.

Als man mich aufklärte, dass die Rattles aus Hamburg kamen, wollte ich es nicht glauben. Was für eine Enttäuschung! Als Beat-Band deutsch zu sein, fühlte sich nicht richtig an. Nein, das war schon direkt FALSCH.
Deutsch zu sein war sowieso scheiße. Ami – ja (schließlich plante man eine Karriere als Jess Harper bei den Cowboys), Engländer war auch okay.
Aber Deutscher?
An den Alten konnte man doch sehen, wie hinterletzt es war Deutscher zu sein. Spießer oder Altnazi. Viel mehr war da nicht drin. Und deutsche Musik… I mean really – da war man schon lange drüber weg.
In der Jugend darf man solange hochmütig sein, wie es dem Kenntnisstand nicht widerspricht.

Aber dann fand ich die Rattles doch verdammt gut. Besonders Achim Reichel war ein echter Kerl. Denn bei den Auftritten in heißen Studios hatte er eine Fellweste an, die man ihm aboperierte, als er zur Bundeswehr musste. Zum Start als Panzergrenadier brachte er unterm Stahlhelm 1967 das Video zu „Trag es wie ein Mann“ – noch immer ein Brüller.

Die „ernsthafte“ Journaille war damals stilistisch immer ganz weit vorne, wenn sie über Beat schrieb.

„Die Zeit“ aus Hamburg hatte tatsächlich mitgekriegt, dass es in Hamburg den Star Club und eine Beat-Szene gab. Und dass die Obermacker der Szene Hamburger Jungs waren, die sich „The Rattles“ nannten und nicht – wie man leicht hätte annehmen können – etwas waren, was sich quer durch die Erde aus der Mongolei dorthin durchgebuddelt hatte.

Deswegen war der „Zeit“ Achims Bundeswehreinsatz auch am 29. Juli 1966 einen Wahnsinnsartikel wert, unter der Überschrift RATTLE-REKRUT REICHEL. Ein paar Auszüge:

„Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen… Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seiner und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anließ, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.
Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: `Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird´…“

Diese Weitsicht bestätigt mein Vertrauen in die deutsche Justiz.

Eine ältere Kusine, die längst vertraut war mit der Welt des Rock´n´Roll sagte: „Wenn Achim vom Bund zurück ist, ist er genauso erledigt wie Elvis.“

Im Gegensatz zu Elvis ist er stärker zurückgekommen (auch weil er weniger Filme gedreht hat).

Mit Wonderland ließ er es nach dem Bund sofort krachen. An „Moscow“ kam ´68 keiner vorbei.
„Die grüne Reise“ kam für mich zu früh. Diese Begleitmusik für psychedelische Freizeitpharmazeutika entdeckte ich erst nach meiner bescheuerten (aber kurzen) Amon Düül-Phase. Achim schloss nie eine Vollkaskoversicherung für kommerziellen Erfolg ab.

Während Udo Lindenberg zu nerven begann und sich deutsche Liedermacher auf verstaubten Ritterburgen was vorsangen, schuf Reichel die elektronische Musik, die erstmal kaum einer wirklich verstand. Spätestens da war jedem klar, dass er sich nicht einordnen ließ oder wollte. Sturköpfig zog er nur das durch, was er wollte. Seitdem weiß man nicht, womit er beim nächsten Album um die Ecke kommt.

Warum halten ihm die Fans bei allen unerwarteten Volten die Treue?
Das sieht man bei Live-Konzerten, die er immer reichlich gibt:
Auch wenn er auf ´ner Bühne sitzt, hat jeder im Raum das Gefühl, er spielt nicht für uns, sondern mit uns. Dadurch entsteht ein merkwürdig intensives Gemeinschaftsgefühl. Und Achim Reichel wird als „einer von uns“ wahrgenommen. Ähnliches konnte man in den späten 60ern erleben, als die Bands ein Teil des Movement waren und nicht als Wirtschaftsunternehmen gesehen wurden.
Reichel hat diese tief empfundene demokratisch-sozialistische Utopie der 60er nie aufgegeben. Wie sehr ihn die politisch-ökonomischen Fehlentwicklungen bewegen, hört man in seinen wütenden Texten, etwa in „Exxon Valdez“ oder „Neandertaler in Nadelstreifen“.
Aber was nützt der beste Text, wenn die Musik keine Substanz hat?

Mitte der 1970er überraschte er mich mit „Dat Shanty Alb´m“. Das war unter den hanseatischen Emigranten in München stark angesagt.
Und in den 1980ern lernte ich ihn persönlich kennen, dank Jörg Fauser, mit dem Achim damals intensiv zusammenarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte… Siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/01/25/herzlichen-glueckwunsch-achim-reichel/

Achim war immer so hanseatisch deutsch, wie Ray Davies britisch oder Bob Dylan nordamerikanisch war, beziehungsweise ist. So wie Davies Music Hall-Einflüsse verarbeitete und aktualisierte, gräbt Achim immer wieder tief im deutschen Kulturgut, um Shantys oder Volkslieder zu entstauben und aktuell zu revitalisieren. In „Kuddel daddel du“ kann man den Schlager der Weimarer Republik raushören.

Wer sich so intensiv mit Volkskultur (im progressiven Sinne) beschäftigt, schafft dann selber welche.

Anders als der Egomane Davies nutzt Achim auch die Werke deutscher Klassiker oder neuer Dichter (am prominentesten wohl Fauser), um sie originell zu vertonen. Er riss zu vergessen drohendes oder zu Schulstoff verkommenes („Erlkönig“, „Zauberlehrling“ etc) zurück in die Popularität.
Das hat so manchem gelangweilten Schüler klar gemacht, wieviel Spaß man an dem alten Mist haben kann.

Mit Davies scheint er auch die Liebe zu seiner Heimatstadt zu teilen. Ohne London ist Ray kaum vorstellbar, er schrieb einige der schönsten Songs über die Stadt („Sunny Afternoon“, „Waterloo Sunset“ u.a.). Bei Reichel schwingt der Hanseat immer mit – im Tonfall und auch in der coolen Ereignisbeschreibung („Dolles Ding“), die man erst braucht, wenn sie da ist.

Am verblüffendsten ist für mich sein laid-back-Sound!
Diese uramerikanische Gitarrenmusik, die man mit Leuten wie Tony Joe White oder J.J.Cale verbindet, geht Reichel in Kombination mit deutschen Themen und Texten so leicht aus der Klampfe, als hätte er sein Leben lang in Oklahoma auf der Veranda Maispfeife geraucht.

Diese Unangestrengtheit kommt auch seinen Hits zu Gute: „Der Spieler“, „Aloha Heja He“, „Fliegende Pferde“, „Exxon Valdez“, „Amazonen“, „Boxer Kutte“, „Kuddel Daddel Du“ – wenn er will, kann er eben mal so Hits raushaun (auch wenn der Markt das manchmal nicht mitkriegt oder Radio-Idioten sie sabotieren, wie bei „Amazonen“ von 1993, von Radiosendern nicht gespielt, weil er das Wort „Männerarsch“ enthielt und als „frauenfeindlich-diskriminierend“ interpretiert wurde).

Ganz nebenbei schrieb er auch noch den definitiven Song, der die „Neue Deutsche Welle“ voll auf den Punkt bringt: „Robert der Roboter“.

Das Lied über maritime Geschlechtskrankheiten „Aloah Heja He“ ist einer der ganz wenigen Schichten übergreifenden Monsterhits: Er funktioniert grölend im Bierzelt und auf Schützenfesten genauso wie unter kichernden, kiffenden Intellektuellen. Vielleicht sowas wie sein „Satisfaction“. Im Mörserfeuer dieses Songs verbrennt er jeden Saal, der dann in bester Laune nach Hause geht, ohne von Gonokokken beunruhigt zu sein. „Die Single klemmte zuerst und die Plattenfirma war schon drauf und dran, den Mut zu verlieren. Und dann kam von denen der wunderschöne Spruch, den ich nie vergessen werde: ‚Achim, wir glauben, der Song ist zu sehr ‚Out of normality‘.“

Das Reichels Platten international lässig mithalten, liegt auch an der Qualität ihrer Produktion. Immer auf der Höhe technischer Möglichkeiten, aber nie überproduziert und mit exzellenten Arrangements (da macht ihm niemand was vor). Und er hat ein Händchen für Musiker! Die Bands, mit denen er tourt, sind immer erstklassig und laufen auf allen 12 Zylindern.

Und während die meisten zeitgenössischen Pop-Musikanten – Bands wie Silbermond und andere mit durchnummerierten Christa Stürmer-Zombie-Sängerinnen – in ihren Hirnen Geisterstädte unterhalten, ist Reichel neugierig und rege wie immer.

Achim gehört zu den wenigen Großen aus den Sixties, die nicht nur nostalgisch Säle füllen, sondern weiterhin relevant sind, weil sie keinen Trends hinterher laufen. Viele Sixties-Ikonen sind inzwischen so leer wie Abbruchhäuser.

Nun ist Achim Reichel selbst Kulturgut. Zum Glück weiß er das nicht und macht einfach weiter, um mit den Stones, Ray Davies und einigen anderen dahin vorzustoßen, wo noch keiner war. Denn er ist immer noch topfit mit seinem wartungsfreien Gute-Gene-Körper.

Einer der schönsten Songs mit Fauser:

Bei dem Arrangement kann ich ausflippen. Einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten!

Einer der schönsten Songs über eine Seite von Fauser – und damals kannten sie sich noch nicht.

Und hier erzählt Herr Reichel was:



IM ZWIELICHT VON VICHY – Die (zeit)geschichtlichen Kriminalromane von J.Robert Janes by Martin Compart

I.
Historische Romane haben seit Jahrzehnten Konjunktur. Wobei sich besonders historische- und zeitgeschichtliche Kriminalromane großer Beliebtheit erfreuen.

Alles begann mit Melville Davidson Posts UNCLE-ABNER-Geschichten, die im wilden Virginia Anfang des 19.Jahrhunderts spielten und ab 1918 veröffentlicht wurden. Dies waren wohl die ersten Detektivgeschichten, die bewusst in einer vergangenen Epoche angesiedelt wurden.
In den 40er Jahren entdeckten Autoren wie Agatha Christie, John Dickson Carr und Lillian de la Torre (ihre wunderbaren Geschichten über Dr.Johnson warten noch auf eine deutsche Veröffentlichung) die faszinierenden Möglichkeiten dieses Subgenres. Als einen Höhepunkt darf man THE DAUGHTER OF TIME, 1951, von Josephine Tey nennen, in dem erstmals ein reales historisches Verbrechen der kriminalliterarischen Analyse unterworfen wurde.

Einen erneuten Push bekam das Genre Anfang der 70er Jahre mit dem Sherlock-Holmes-Revival (ausgelöst durch Nicholas Mayers THE SEVEN-PER- CENT-SOLUTION, 1974). Anfang der 80er Jahre wurden Ellis Peters Bruder Cadfael-Romane, Ann Perrys Viktorianische Krimis und vor allem Umberto Ecos DER NAME DER ROSE zu Bestsellern und Welterfolgen. Seitdem vergeht keine Woche, in der nicht ein Detektivroman über das alte Rom, die Renaissance, das Mittelalter oder eine sonstige Epoche erscheint.

Der Noir-Roman entdeckte die historische Perspektive relativ spät über den Umweg des Polit-Thrillers, der historische Ereignisse oder Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt (etwa Frederick Forsyths DAY OF THE JAKAL oder Ken Folletts EYE OF THE NEEDLE). Drehbuchautor Andrew Bergman schrieb 1974 mit THE BIG KISS-OFF OF 1944 den ersten von zwei Romanen, die im Hollywood der 40er Jahre spielen. Stuart M.Kaminsky begann ein Jahr später mit seiner Serie um den Hollywood-Privatdetektiv Toby Peters, der es in jedem Fall mit einem anderen Hollywood-Star aus den 40ern zu tun hat.

1975 veröffentlichte Joe Gores seine Hommage an den Urvater: HAMMETT.

Ed Mazzaro schrieb in dieser Zeit ebenfalls einige Romane, die in den 30er Jahren spielten.

Einen weiten Schritt nach vorne machte das Subgenre 1983 mit Max Allan Collins‘ erstem Nate-Heller-Roman TRUE DETECTIVE. Collins untersucht durch seinen Detektiv in jedem Roman ein wahres Verbrechen und bereitet das bekannte Faktenmaterial so kunstvoll auf, daß man ihn heute als den absoluten Großmeister des Genres bezeichnen muß. An diesem Status kratzt nicht einmal James Ellroy mit seinem durchwachsenen Quartetten.

Während das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer ein sehr beliebter Hintergrund für Spionageromane und Polit-Thriller war, sparte der historische Detektiv- oder Noir-Roman diesen düsteren Zeitabschnitt aus.

Es ist kaum vorstellbar, aber ausgerechnet in diesem kriminalliterarischen Segment wurde ein Klassiker von einem deutschen Autor geschrieben! Der unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hans Hellmut Kirst veröffentlichte 1962 den Noir-Roman DIE NACHT DER GENERALE, der zum Teil im besetzten Frankreich spielt und die Spur eines Serienkillers durch den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit verfolgt. Der Roman war damals ein großer Erfolg, erschien sogar in den USA und wurde von Anatole Litvak mit Peter O’Toole und Omar Sharif nach einem Drehbuch von Joseph Kessel 1966 als britisch-französische Co-Produktion verfilmt. O´Toole spielt den Killer General Tanz. Die beängstigendere Darstellung eines Psychopathen hat man im Kino selten oder nie gesehen.
Kirst schrieb noch andere bemerkenswerte Kriminalromane, darunter die München-Triologie über Skandale und Korruption auf höchster Ebene. Bei uns schmälich mißachtet – auch von der deutschen Krimi-Szene -, ist er der erste deutsche Autor, der Eingang in das Standardwerk TWENTIETH CENTURY CRIME WRITERS gefunden hat.

1989 legte der schottische Schriftsteller Philip Kerr mit MARCH VIOLETS seinen ersten Roman vor, der wahrlich noir war: MARCH VIOLETS hatte mit Privatdetektiv Bernie Gunther einen Protagonisten, der im Berlin der Nazis Ende der 30er Jahre ermittelte. Kerrs Serie dürfte bis heute die erfolgreichste sein, die in der Zeit des 3.Reichs angesiedelt ist. Angesichts ihrer Qualität hat sie das auch verdient.

1992 erschien dann mit MAYHAM Robert J.Janes erster St-Cyr und Kohler-Roman, der sich auf einem völlig neuen Niveau mit den Schrecken im besetzten Frankreich auseinandersetzt. Angesichts der gigantischen Verbrechen der Big Player Hitler, Himmler, Goebbels und Co., deren Blutspur sich durch ganz Europa zog, mußte jedes noch so perfide individuelle Verbrechen verblassen. Was sind selbst hunderte Opfer eines Brandstifters im Vergleich zu den Massenvernichtungen durch die Nazis? Es ist nicht verwunderlich, daß sich nur sehr wenige Autoren für die „normalen“ Verbrechen im Schatten der Staatsverbrechen interessieren. Denn auch während des 3.Reiches, das individuelle Verbrechen wie jedes totalitäre Regime leugnete, geschahen alltägliche Morde und andere Schwerverbrechen.

II.
Joseph Robert Janes wurde 1935 in Toronto als mittlerer von drei Söhnen geboren. Als Kind war er ein Einzelgänger, bis er fünf Jahre alt war und den belgischen Knaben Willy aus einer Immigrantenfamilie traf. „Willy war so alt wie ich und sprach kein Wort Englisch. Aber wir verstanden uns trotzdem, gingen gemeinsam ins Kino und spielten Cowboy, Kampfpilot, Pirat usw. Wir lebten unsere kindlichen Phantasien aus, und diese Zeit war wohl wesentlich mitverantwortlich, dass ich Schriftsteller geworden bin.“

Nach der Schulzeit studierte er an der Universität von Toronto Geologie und schloss 1958 als graduierter Mineningenieur ab. Er unterrichtete Geologie an der McMasters Universität in Hamilton und an der Brock Universität von St.Catharines, bevor ihn der Ruf der Ölindustrie erreichte. Einige Jahre arbeitete er als Ölsucher für Mobil Oil of Canada und die Ontario Research Foundation, dann kehrte er zum Lehramt zurück. „Ich sehe mich auch heute noch als Geologe und Mineningenieur. Das verliert man nicht. Die ganze Art und Weise die Dinge zu betrachten, wurde durch meine Ausbildung beeinflusst. Die Fähigkeit, Fakten zu sammeln und auszuwerten, um komplexe Probleme analytisch zu lösen, ist meine wissenschaftliche Grundlage, die mir als Romancier hilft. Ich denke noch immer sehr akademisch.

1958 heiratete er seine Frau Grace, mit der er bis heute vier Kinder und sechs Enkel hat, für die er „aus dem Stand Geschichten erfindet und erzählt. Das sind die besten Geschichten.“

Seit 1970 ist er freier Schriftsteller und zu seinem Oeuvre gehören neben Geologie-Sachbüchern, Romane (THE ALICE FACTOR, THE TOY SHOP) und Thriller (THE HIDING PLACE, THE WATCHER), vor allem Detektivgeschichten für Jugendliche (die Rolly-Serie).

Wie alle professionellen Autoren ist auch Janes ein harter Arbeiter: „Ich arbeite jeden Tag außer sonntags. Ich beginne morgens um sieben Uhr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und Papier und Bleistift. Von meinem Arbeitszimmer sehe ich auf unseren verwilderten altenglischen Garten und denke nach. Etwa um acht Uhr weiß ich, was ich schreiben werde. Mit einer zwanzigminütigen Mittagsunterbrechung arbeite ich bis etwa um fünf Uhr durch; Samstags nur bis vierzehn Uhr. Mein Arbeitszimmer unter dem Dach ist zwar so breit und lang wie das halbe Haus, aber mit Büchern und Papier vollgestopft. Zum Schreiben bleibt mir gerade mal ein Quadratmeter. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Die Tagesarbeit übertrage ich dann mit meiner IBM-Schreibmaschine. Kein PC! Ich mag diese technischen Erleichterungen nicht, weil sie das eigentliche Schreiben beeinflussen und den Text mit unnötigen Worten aufschwemmen.“

Tatsächlich lässt sich bei einigen Autoren beobachten, wie ihre Bücher immer umfangreicher wurden – extrem war das bei Desmond Bagley der Fall – , nachdem sie auf PC umgestiegen waren. Janes Bücher sind dagegen nicht sehr umfangreich und stilistisch äußerst effektiv. „Ich sage allen jungen Autoren: Vergesst die Word Processor, PCs usw. Die machen alles zu einfach. Umschreiben und nochmals umschreiben ist das wichtigste bei der Schriftstellerei. Man muß sich quälen.“

Der selige Jörg Fauser, der einen bestimmten Uralttypus Schreibmaschine auch schon mal von einem Schrottplatz geholt hatte, würde ihm sicherlich zustimmen. „Wenn ich den Titel eines Romans habe, beginne ich mit dem Schreiben. Der Titel muss für mich alles enthalten, er ist die Quintessenz des Romans und sollte die Substanz des Buches einfangen. Die Charaktere kommen aus der Story. Es sind Figuren, die für bestimmte Szenen nötig sind, damit ich sie so entwickeln kann, wie es mir nötig erscheint. Aber sie müssen natürlich stimmen und wahrhaftig sein, sonst funktionieren sie nicht. Aber bei mir kommt die Geschichte zuerst, die die Charaktere bedingt. Andere Autoren arbeiten erfolgreich genau umgekehrt.“

Janes Vorbilder und eventuelle Einflüsse sind Autoren, die beim besten Willen nicht der Kriminalliteratur zuzuordnen sind: „Seitdem ich selbst schreibe, lese ich kaum noch fiktionales. Denn ich möchte stilistisch nicht beeinflusst werden, was unweigerlich passieren würde. Zu meinen Lieblingsautoren gehörten John Steinbeck, Scott Fitzgerald, D.H.Lawrence (ein absolutes MUSS!), Edna O’Brien, Sean O’Faolain, John Fowles, Graham Greene und andere.“

III.
Den ersten St.-Cyr und Kohler-Roman, MAYHAM, schrieb Janes in nur drei Monaten. „In der Rohfassung meines Diamanten-Thrillers THE ALICE FACTOR gab es eine lange Passage über das okkupierte Frankreich. Der Verlag meinte, der Roman sei zu lang, und ich warf diesen Teil heraus. Danach schrieb ich einen bis heute nicht veröffentlichten Roman über einen Protagonisten, der sich an seine Zeit im besetzten Frankreich erinnert. In diesem Buch taucht ein unehrlicher Sureté-Detektiv auf. Mein Unterbewusstsein begann sich bereits mit St.-Cyr zu beschäftigen, als ich dieses Buch schrieb. Aber St.-Cyr sollte natürlich in gewisser Hinsicht ein Ehrenmann sein. Damals, durch die Situation bedingt, war so ziemlich jeder mehr oder weniger unehrlich oder ein Gauner. Ich wusste jedenfalls sofort, dass St.-Cyr einen starken Gegenpart braucht. Also kam mir Kohler in den Sinn. Aber ich war während des Krieges aufgewachsen und hatte die Deutschen zu hassen gelernt. Ich fragte mich, ob ich wirklich über einen sympathischen Deutschen schreiben konnte. Wie sollte ich das Einfühlungsvermögen entwickeln, das nötig ist für so eine wichtige und zentrale Figur? Irgendwie gelang es mir. Aber Kohler hatte immer die Tendenz, mir auf dem Papier wegzurennen. Noch heute, neun Bücher später, droht mir Kohler immer wieder zu entgleiten. Ich muß mich sehr intensiv auf ihn konzentrieren.“

Ohne das Tempo der Handlung zu verzögern – jeder St.-Cyr und Kohler-Roman spielt in einem kurzen Zeitraum von einigen Tagen, nie länger als eine Woche – gelingt es Janes das tägliche Leben in einem besetzten Land in die Handlung zu integrieren. Fernab allen dümmlichen Betroffenheitsgelalles zeigt er den alltäglichen Terror der Besatzer und den dauernden Überlebenskampf der einfachen Menschen. Er vermeidet simple Schwarzweißmalerei und zerstört abgedroschene Klischees.

Er verdeutlicht geradezu erschreckend, wie wenig wir wirklich wissen – trotz aller bemühten Fernsehdokumentationen. Dabei vermeidet er Sentimentalität, was die Authentizität seiner Bücher erhöht. Sein souveräner Umgang mit zeitgeschichtlichen Fakten und ihre künstlerische Vernetzung mit der Fiktion ziehen den Leser so intensiv in die Geschichte, das dieser die zeitliche Distanz aufgibt. Wie kaum ein anderer Autor erweckt Janes die Vergangenheit zum Leben und macht sie auch emotional erfahrbar. Eine fiebrige Realität wird heraufbeschworen.

Neben seinen gelungenen Charakteren und den sauber konstruierten Plots macht diese atmosphärische Verzahnung von vergangener Realität und Fiktion die Faszination seiner einzigartigen Bücher aus.
„Das besetzte Frankreich ist ein faszinierender Hintergrund, und ich entdecke immer wieder etwas neues.“
Gerade die genau recherchierten Details, die Janes unaufdringlich einfließen lässt, verblüffen den aufmerksamen Leser immer wieder. Wie Max Allan Collins gilt auch er als exzellenter Rechercheur, dem es gelingt, genau die richtigen Facts zu finden und zu nutzen.

„Wir sprechen über Romane! Man kann auch etwas zu Tode recherchieren, bis mir oder dem Leser die Lust vergeht. Der Trick ist, nur das auszuwählen, was die Story lebendig werden läßt. Schriftsteller sind Jäger und Sammler und registrieren alles was sie lesen, hören oder sehen, um es mal irgendwann zu verwerten. Ich recherchiere dauernd. Die Jagd nach Material geht nie zu Ende. Seitdem ich 1970 mit dem Schreiben begann, habe ich keinen Urlaub gemacht. Nur Recherche-Reisen. Jeder Roman ist anders. Aber inzwischen weiß ich intuitiv, welches Material ich für ihn brauchen könnte. Ich mache eine Menge Notizen, schreibe Seiten nur mit Fakten und Details voll. Jedes Buch muss alleine für sich bestehen können, ohne vom Leser Vorkenntnisse zu verlangen.“

Oft gewinnt man den Eindruck, dass Janes der Atmosphäre seiner Romane alle anderen Elemente unterordnet. Und es sind die verschiedenen, meist düsteren, Stimmungen, die im Leser unauslöschlich haften bleiben. Dabei verlangt er bei der Lektüre einige Konzentration: Sein eigenwilliger Umgang mit dem inneren Monolog, dessen Perspektive abrupt gewechselt werden kann, ist nur effektiv, wenn man sich intensiv auf Stil und Autor einlässt. Janes verlangt den mitdenkenden Leser und macht keine Abstriche an sein literarisches Konzept. Paradoxerweise ist es gerade diese extrem subjektive Erzählerhaltung, die ein objektiv-realistisches Bild der Zeit heraufbeschwört.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Verlag die Serie noch einmal aufgreifen und übersetzen wird. Die Hardcore-Fans lesen ihn längst im Original. Janes war und ist – ähnlich wie Anthony Price, dem Großmeister des historischen Spionageromans – „a thinking man´s writer“.

Die Globe and Mail verglich einen seiner Romane mit der „glanzvollen Handlung von H.H.Kirsts Klassiker DIE NACHT DER GENERALE“ und SANDMANN wurde sowohl von Publishers Weekly wie der New York Times unter die besten Thriller des Jahres 1997 gewählt. Seitdem seine Romane auch in den USA veröffentlicht werden, ist Janes kein wirklicher Geheimtipp mehr. Sieben Romane wurden von der Stornoway Productions unter Option genommen. Das Drehbuch zum ersten Roman MAYHEM ist von Ron Base fertiggestellt worden, und seit 20 Jahren sind sowohl ein Kinofilm wie auch eine Fernsehserie für die BBC im Gespräch. Aber man kennt das Spiel: Häufig werden Optionen nur deshalb erneuert, damit kein Konkurrent die Möglichkeit bekommt, das Projekt tatsächlich zu realisieren.

Weltweit hat das Interesse an Janes Vichy-Serie stark zugenommen. Ursprünglich wollte er die Serie auf zehn Romane beschränken…

ST.CYR-und KOHLER-Serie:

1. Mayhem (1992)
2. Carousel (1992)
3. Kaleidoscope (1993)
4. Salamander (1994
5. Mannequin (1994)
6. Sandman (1994)
7. Stonekiller (1995)
8. Dollmaker (1995)
9. Gypsy (1997)
10. Madrigal (1999)
11. Beekeeper (2001)
12. Flykiller (2002)
13. Bellringer (2012)
14. Tapestry (2013)
15. Carnival (2014)
16. Clandestine (2015)

LINKS:

http://archives.mcmaster.ca/index.php/j-robert-janes-fonds

https://jsydneyjones.wordpress.com/2014/02/23/st-cyr-and-kohler-the-historical-thrillers-of-j-robert-janes/

http://therapsheet.blogspot.com/2012/05/solving-crimes-in-shadow-of-war.html


http://zerberus-book.de/



FRITZ DUSQUESNE 7: DAS ENDE by Martin Compart
10. Oktober 2019, 6:26 pm
Filed under: Dusquene, Nazi, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: , , , , , ,

Fritz konnte es einfach nicht lassen: die dunkle Welt geheimer Abenteuer, gepaart mit Geltungsdrang und Hass auf die Briten, ließen ihn nicht los. Leider konnte er nicht immer Situationen und Bedeutungen richtig einschätzen.

Im Frühjahr 1934 trat er – natürlich äußerst diskret – als „Nachrichtenoffizier“ der amerikanischen Nazi-Organisation ORDER OF 76 bei. Diese „Aryan Society“ war 1932 organisiert worden. Sie verhandelten damals einen Zusammenschluss mit der 15 000 Mitglieder umfassenden faschistischen Organisation der SILVER SHIRTS, die von dem ehemaligen Journalisten und Drehbuchautor William Dudley Pelley gegründet und geleitet wurde.
Es ist unbekannt, was Fritz für diese Idiotenbande ausspionierte.

Sein späterer Biograph Art Ronnie fand nicht die geringsten Anzeichen von Antisemitismus bei Dusquesne. Aber in seiner üblichen Naivität sah er jede pro-deutsche Organisation als anti-britisch. “Despite its ramifications, it was quite simply just a job to the amoral and opportunistic Fritz Duquesne.”

Mit der Geheimhaltung war es bereits im Oktober vorbei: Da beschäftigte sich John Spivak in der aktuellen Ausgabe von NEW MASSES mit diesen Organisationen und benannte Fritz´ damalige Freundin, eine Jüdin, als Informantin.

william-dudley-pelley

1935 wurde Admiral Wilhelm Canaris Chef der deutschen Abwehr.

Canaris

Eines seiner Ziele, das er mit großer Energie betrieb, waren Spionagenetze auf dem amerikanischen Kontinent. Die USA waren natürlich komplizierter zu „bearbeiten“ als die lateinamerikanischen Staaten (in denen sich in den nächsten zehn Jahren deutsche Agenten und das FBI gegeneinander ausspielten).

Für diese Aufgabe erschien ihm Major Nikolaus Ritter (1899-1974) höchst geeignet. Ritter kehrte 1935 mit seiner amerikanischen Frau aus den USA zurück, in denen er sich dreizehn Jahre mit miesen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatte. Im Jahr darauf trat er in die Abwehr ein und erregte auf Grund seiner USA-Erfahrungen umgehend das Interesse von Canaris.

Canaris schickte Ritter im Oktober 1937 zurück in die USA. Er sollte Kontakt mit Dusquesne aufnehmen, den er durch die Zusammenarbeit im 1.Weltkrieg noch in guter Erinnerung hatte.

Ritter reiste unter seinem Namen, tauchte dann aber als „Alfred Landing“ in den Untergrund.
Er traf sich mit anderen potenziellen Agenten, bevor er mit Dusquesne Kontakt aufnahm.

Nikolaus Ritter

Ritters größter Erfolg war die Lieferung der Pläne des Norden Bombenzielgeräts an Canaris, der sie an Göring weiterleitete. Das von Norden entwickelte Zielgerät galt als das genaueste und beste der Zeit. Er bekam sie von dem deutschen Norden-Mitarbeiter Hermann Lang, der mit den Nazis 1923 in München am Putschversuch teilgenommen hatte. Die Sicherheitsbestimmungen bei der Carl L. Norden-Company und die Überprüfungen für kriegswichtige Firmen durch die Armee müssen wahrlich beachtlich gewesen sein!

Ritter versteckte die Pläne in einer hölzernen Regenschirmverkleidung, die er am 9.Januar 1938 persönlich einem Kurier übergab. Der Kurier war Steward auf dem Schiff RELIANCE, die nach Bremen fuhr.

Die Bezeichnung „Dusquesne Spy Ring“ nach der Verhaftung der Mitglieder ist weitgehend unzutreffend. Es war ganz klar Ritter, der die Organisation leitete. Aber da Dusquesne ja bereits früher auffällig geworden war, benannte das FBI den Spionagering in den Medien nach seiner Person.

Ritter kannte Dusquesne angeblich seit 1931. Am 3. Dezember 1937 trafen sie sich in New York. Fritz erhielt 100 $ für die ersten Ausgaben und legte los.

Ritter rekrutierte weitere Agenten. Darunter nicht nur Hermann Lang, sondern den Ingenieur Everett Roeder, der verschiedene Bombertechnik-Pläne und anderes aus Sperry Gyroscope Company entwendete.

Und er rekrutierte auch William Sebold, was fatale Folgen haben sollte.

Sebold war ein naturalisierter US-Bürger, der 1921 eingewandert war. Er arbeitete für Flugzeugfirmen und andere Industriebetriebe in den USA und Südamerika.

Während eines Besuchs in der alten Heimat, wurde er 1939 von der Gestapo für die Abwehr „rekrutiert“. Man erpresste ihn mit einem alten Polizeibericht, der vielleicht für seine Ausbürgerung sorgen könnte. Außerdem drohten sie mit Repressalien gegen seine in Deutschland verbliebene Familie, falls er die Mitarbeit verweigerte.
Er machte eine Schnellausbildung zum Spion in der Hamburger Spionageschule „Pension Klopstock“ (dort wurde ihm auch der Umgang mit Kurzwellenfunk beigebracht).

Bevor die Deutschen ihn in die USA zurückschickten, um für Ritter zu arbeiten, gelang es Sebold in Köln heimlich das US-Konsulat aufzusuchen. Dort informierte er die zuständigen Stellen über seine Anwerbung als Spion für die Deutschen gegen die USA.
Kaum in den USA eingetroffen, wurde er vom FBI kontaktiert, und man stellte ihm mehrere Agenten als Hilfe zur Verfügung.

Unter dem Tarnnamen „Harry Sawyer“ schickte Ritter William Sebold am 8.Februar 1940 nach New York. Er sollte einen Kurzwellensender etablieren, der für die Kommunikation mit Deutschland sorgte. Sebold bekam den Codenamen „Tramp“; in New York sollte er mit Dusquesne Kontakt aufnehmen, der unter dem Codenamen „Dunn“ geführt wurde.
Mit Unterstützung des FBI mietete der Doppelagent Räumlichkeiten am Times Square an. Sie wurden verwanzt, und ein Raum hatte einen Venezianischen Spiegel, hinter dem das FBI eine Kamera aufstellte.

In Long Island richtete er eine Funkstation ein. Von dort sandten deutschsprachige FBI-Agenten unter der Vorgabe, sie seien Sebold, sechzehn Monate lang dreihundert genehme Meldungen an die deutsche Abwehr; zweihundert Meldungen der deutschen Abwehr erhielten sie direkt. Alles unter der Identität von Sebold. Natürlich schickte man nur harmlose und uneffektive Informationen, während man von deutscher Seite höchst Interessantes erhielt.

Sebold war der wichtigste Agent für das FBI. Nach dem Krieg erhielt er eine neue Identität und betrieb angeblich in Kalifornien eine Hühnerfarm.

Sebold mit Gattin

Die Abwehr schickte Dusquesne über Ritter einen Mikrofilm mit achtzehn Zielobjekten. Darunter waren geradezu fantastische Vorstellungen. So sollte er herausfinden, ob AT&T einen Röntgenstrahl entwickelt habe, der Bomben ins Ziel führt (heute sind sogenannte „Marker“ eine Selbstverständlichkeit, damals klang das wie Science Fiction). Außerdem sollte er herausfinden, ob die Army Uniformen entwickelt habe, die gegen Senfgas immun seien (tatsächlich hatte die Firma DuPont in den 1930ern damit erfolglos experimentiert).
Berlin wollte auch wissen, ob die Air Force an biologischer Kriegsführung aus der Luft arbeite. Sie gaben ihm eine Liste von 23 Firmen, die für die militärische Luftfahrt arbeiteten und wollten alles wissen, was diese entwickelten.

Als das FBI von Seibold erfuhr, dass Dusqusne wieder in New York war und für die Deutschen arbeitete, ging J.Edgar Hoover prompt ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt mit einem Hintergrundsbericht zu informieren. Ein höchst bescheidener Bericht, in dem stand:
„no information, whatsoever, concerning the whereabouts and activities of Duquesne since June 6, 1932, is possessed by the Federal Bureau of Investigation.“

FBI-Agent Newkirk, unter dem Tarnnamen Ray McManus,wurde nun auf DUNN, alias Dusquesne angesetzt. Er mietete sich über Dusquesnes Domizil in der Nähe des Central Parks ein und installierte Mikrofone, um ihn abzuhören.
Dusquesnes´ Aktivitären zu verfolgen, war schwierig.

Wie Newkirk in seinen Berichten darlegte: „The Duke had been a spy all of his life and automatically used all of the tricks in the book to avoid anyone following him … He would take a local train, change to an express, change back to a local, go through a revolving door and keep going on right around, take an elevator up a floor, get off, walk back to the ground, and take off in a different entrance of the building.“

Dusquesne bemerkte die Observation und sprach einen FBI-Mann direkt auf der Straße an und bat ihn, er möge das unterlassen. Er informierte auch umgehend Sebold.

In Sebolds verwanzten Büro legte Dusquesne Pläne dar, wie man am besten Rüstungs firmen abfackeln könnte und er zeigte ihm Fotos und gestohlene Pläne aus einer Firma in Delaware, die einen neuen Bombentyp entwickelt hatte. Daraufhin bastelte ein anderer Spion des Netzwerkes eine Bombe, besorgte Dynamit und gab alles Sebold zu „treuen Händen“.

Dusquesne lieferte weiter. Er gab Informationen über das Trainingsprogramm der Kampfpiloten und Abfahrtszeiten der Schiffe für England weiter. Das hatte nur einen Haken, den auch die Abwehr bemerkte. Eine Nachricht an Sebold lautete: „Sagen Sie Dusquesne, wir sind nicht an Informationen interessiert, die schon vor Wochen in New York Times und der Herald Tribune gedruckt wurden.“

Von Wert war allerdings die Nachricht, dass Washington plane, den Briten das Bombenzielgerät von Norden zukommen zu lassen.
Bevor Fritz das verwanzte Büro von Sebold betreten hatte, waren die etwa zwanzig vorherigen Treffen immer außerhalb gewesen

Nach seinem Besuch am 25.Juni 1941 hatte das FBI ihn auf Film und schlug vier Tage später zu. Es verhaftete 19 deutsche Spione in New York und vier in New Jersey. Fritz wurde von drei Agenten verhaftet, darunter G-man Newkirk, der über ihm wohnte und sich zum Schein mit ihm angefreundet hatte. Insgesamt waren 93 Agenten im Einsatz.
Bevor das Gerichtsverfahren eröffnet wurde, hatte das FBI insgesamt 33 Personen dingfest gemacht. Hoover bezeichnete Fritz als den „wichtigsten dieser Spione“.

Vor Gericht kamen 24 der Spionage Angeklagte. Zehn bekannten sich schuldig. Gegen die übrigen vierzehn wurde ab September sechs Wochen lang verhandelt.
Zuerst war Fritz dran. Das war wieder die Gelegenheit für einen großen Auftritt, und Dusquesne, ganz in seinem Element, faszinierte mit einer besonders gelungenen Darstellung seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte. Er wiederholte seine Geschichten, wie er Kitchner erledigt hatte und wie sehr er mit Teddy Roosevelt befreundet gewesen war. Aber er bestritt, je einen anderen Spion aus dem Netzwerk getroffen zu haben, ausgenommen Sebold. Er sagte auch, Sebold müsse geisteskrank sein, denn er habe gutes Geld für Blödsinn bezahlt, den er aus Zeitungen ausgeschnitten habe. Und: “I sold him a code used by Benedict Arnold in the war between England and the United States in 1776.”

Trotz der überwältigen Beweislage bestritt Fritz, dass er ein Spion sei. Zu allem Überfluss musste die Verteidigung mit ihren Plädoyers am 8.Dezember 1941 beginnen – einen Tag nach Pearl Harbour. Die Stimmungslage lässt sich leicht vorstellen.

Die Jury brauchte nur acht Stunden, um ihre Urteile für die 24 Angeklagten zu finden. Die meisten bekamen Gefängnisstrafen zwischen fünf und zehn Jahren. Hermann Lang und Fritz wurden zu 18 Jahren verurteilt.
Noch heute gilt der „Dusquesne Spy Ring“ als das größte Spionagenetz, dass je in den USA agierte. Naja, jedenfalls das größte, dass sie je erwischt haben.

Der 64jährige Dusquesne trat seine Strafe im Leavenworth Federal Penitentiary in Kansas zusammen mit Hermann Lang an. Dort wurde er sofort von anderen Gefangenen misshandelt und geschlagen.

In einem Memo an seine Vorgesetzten hob Admiral Canaris 1942 die große Bedeutung von Dusquesne hervor, was diesem in seiner Situation herzlich wenig nutzte.
Fritz erkrankte physisch und psychisch. 1945 wurde er deshalb ins Medical Center for Federal Prisoners in Springfield, Missouri, überstellt.

Von allen verurteilten Mitgliedern des Netzwerkes war er am längsten inhaftiert. Hermann Lang wurde im September 1950 in die Bundesrepublik deportiert. Alle anderen waren 1950 wieder auf freiem Fuß.

Nach 12 Jahren (darunter fünf Jahre in Einzelhaft), sieben Monaten und 16 Tagen wurde Fritz am 19.September 1954 aus dem Gefängnis entlassen.
In den letzten Monaten hatte er eine Beschwerde eingereicht, dass die FBI-Agenten bei seiner Verhaftung ungeschliffene Diamanten im Wert von drei Millionen Dollar und seine Karte mit dem Versteck des Kruger-Goldes an sich genommen hätten.

Er war nun 77 Jahre alt und gesundheitlich in erbärmlichem Zustand: Fast taub, eine kaputte Schulter, die nie richtig behandelt worden war, stürzte häufig, durch einen Schlaganfall teils
gelähmt, beginnende Demenz.

Er kehrte zurück nach New York und traf wenige alte Freunde. Das Wohlfahrtsamt der Stadt (ja, sowas gab es mal!) brachte ihn in einem Pflegeheim unter.

Am 21. Dezember 1955 hatte er noch einen großen Auftritt im Adventurers Club bei einem Dinner zu seinen Ehren im Hotel Delmonico. Viele Mitglieder betrachteten ihn nicht als einen Verräter. Obwohl seine berühmte Stimme kaum noch zu hören war, unterhielt er die Anwesenden mit Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben – erfundene und wahre.

Er starb an einem weiteren Schlaganfall am 24 Mai 1956.

Bereits 1942 wurde ein Film über seine Tätigkeit als Spion gezeigt: UNSEEN ENEMY, basierend auf einem Skript von Arthur D. Howden, dass dieser bereits 1939 verfasst hatte

Für das Drehbuch von THE HOUSE ON 92nd STREET erhielt Charles G.Booth 1945 den Oscar. Es geht sehr frei mit den Tatsachen um, aber Dusquesne war deutlich die Inspiration für Leo G.Carroll als Colonel Hammershon.

Was für ein Leben!

In Südafrika oder den USA – von Deutschland ganz zu schweigen – kennt ihn heute kein Mensch mehr. Auch nicht die Leute, die immer noch nach Oom Krugers Gold suchen.

Aber Fritz Dusqusne hat aus seinem Leben eine Menge Meilen herausgeholt.

Britain made him.




ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL 4/

Heute: GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE

Was sind schon Schriftsteller, Kritiker und Autoren ohne einen Verein, der den Lauf der Zivilisation ändert?

1983 gründeten Peter Schmidt, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE mit Programm, Pressekonferenz und dem ganzen Kram. Georg Schmidt sorgte dafür, dass das Manifest im „TIP“ verbreitet wurde. Der Name basierte auf dem Ort, der beim Austausch von Spionen im Kalten Krieg bevorzugt wurde.
Das musste erstmal gefeiert werden.

Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin angesagt. Gemäß unserem Konzept für progressive Völkerfreundschaft und deutsche Thriller-Motive von internationalem Niveau.
Treffpunkt Kochstraße, mit der U zur Friedrichstraße. Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt, nach Hause zu gehen und führte das OBERBAUM-Manifest in der israelischen Kampfjacke mit.

Jörg und Schmidt kamen unbelästigt durch die Kontrollen.
Mich krallten sie sich und zogen das subversive Pamphlet aus der Brusttasche. Wahrscheinlich hatte ein Spitzel in der U-Bahn mitgekriegt, dass ich mir Sorgen wegen des mitgeführten Textes machte.

Das war’s.

Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Bautzen oder Sibirien?
Ob Markus Wolf einen Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich könnte die nächste Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.

Mein ohnehin gestörtes Vertrauen in den real existierenden Sozialismus schwand von Minute zu Minute mehr, und ich fühlte mich Matthias Walden plötzlich so nahe, wie es nicht sein durfte.

Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Elend durstig, kaufte ich mir am Getränkestand vor dem Bahnhof eine Art Flüssigkeit, die als „Klub-Cola“ in die Geschichte der deutschen Trennung eingegangen ist. Ich spie sie umgehend aus, und umgehend machte ich mich an die Ausreise. Die geschah innerhalb von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze voll vom Arbeiter- und Bauernstaat.

Schmidt und Jörg hatten eine Stunde gewartet, bevor sie alleine los tobten. Jörg hatte zu Schmidt gesagt: „Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den Vorstand von Springer.“
Ja, ein guter Freund denkt auch ans berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel.

Ich verzog mich umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich hin. Da war ich wohl gerade noch einem Schicksal schlimmer als der Tod entkommen.
Ob West- oder Ost-Berlin – warum wollten sie mich denn bloß dauernd in den Knast stecken?

Abends wurde Sturm geklingelt. Ich turselte benommen zur Gegensprechanlage, und Jörg fragte aufgeregt: „Haben sie dich wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?“
Wir gingen einen trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit Schmidt hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen.

Sie hatten ab Friedrichstraße einen Stasi im Schlepptau gehabt, der sie „unauffällig“ beschattete. Den Beiden machte das Spaß. Einmal klatschte Schmidt seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und brüllte: „Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.“ In den Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, dass es nur Korn gäbe.
„Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste nicht lesen? Gib uns Wodka!“, verlangte Schmidt, während sich auf Jörgs Stirn die Schweißperlen vermehrten.
Kein Feingefühl für das Empfinden der Besetzten.

Ende Januar 1985 hatte sich Gavin Lyall mal wieder in Berlin angesagt. Gavin war immer einer meiner Lieblingsautoren gewesen. Erst durch Abenteuer- und Action-Thriller wie MIDNIGHT PLUS ONE (Filmrechte kaufte der unvermeidbare Steve McQueen) oder THE MOST DANGEROUS GAME, später dann die MAJOR MAXIM-Serie und vier historische Spionage-Romane. In meinem ersten Monat hatte ich die deutschen Rechte an Lyall für Ullstein erworben. Es entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft daraus.
Natürlich kannte Jörg ebenfalls Gavins Bücher.

Ein guter Grund für ein Annual Dinner der Gruppe Oberbaumbrücke.

Wir luden dazu unseren Ehrenpräsidenten Ross Thomas ein, der so kurzfristig nicht konnte. Jörg hatte ihm geschrieben, dass wir ein paar Leute rausgeschmissen hätten und nun nur noch eine Handvoll Mitglieder wären.
Ross schrieb ihm zurück, wir sollten noch ein paar Leute rauswerfen, um ein wirklich exklusiver Verein zu werden.

Beim Interview in der ZDF-Doku VERRÄTER UND SPIONE.

Am 30. Januar trafen wir uns zum Dinner in einem höchst exklusiven Restaurant, das Jörg ausgesucht hatte, um unseren Ehrengast Gavin Lyall zu würdigen.

Jörg schrieb das Protokoll:

„Annual Dinner of Oberbaumbrücke, 30 January 1985 at Bamberger Reiter, Berlin. Present: Mr. M.Compart, Mr. W.Proll, Mr.J.Behrens, Mr.J.Fauser. Guest of Honour: Mr.Gavin Lyall. Order of the Day: Speech. Food. Drink. General amusement. “

Über das Dinner schrieb Gavin im OBSERVER:

„You don’t expect friends to be perfect. They want me to go to a small literary dinner where I know Martin will try to get me to drink Korn (dynamite-flavoured vodka), and Wolfgang (Proll) slipped on the ice and knocked out two teeth, which spoils his perfect English, and when he asked what he should wear for the dinner, Jörg said `Teeth ‚which tells you something about Jörg. Friends should be friendly, comfortable and sometimes exciting. That is how I would describe West Berlin.“

Wir hatten uns hingesetzt und die ersten Drinks genommen.

Jörg stand auf und schlug leicht gegen sein Glas. Dann legte er los:

Gentlemen, informed that one of the original members of Oberbaumbrücke had been defected, Mr. Ross Thomas, as our Honorary President, wrote: „I refuse to admit that the group has become defunct. Instead, it has only become more exclusive. With just a few more defections, it may well become the most exclusive organization in the world with a total membership of minus one.“

Introducing our guest of honour tonight I can now assure Mr.Thomas that even without more defections we have become exclusive. Or what could be more distinguished company than Mr.Gavin Lyall, of whom John London’s once wrote: „Good thriller writers are born, not made. They are one in a thousand – and Gavin Lyall is unmistakably of their company.“
In one of your novels, Mr.Lyall, you give a very vivid description of what it means for a professional pilot to be cut off from the daily weather report. This has struck me as a perfect image of what literature – at least the kind we at Oberbaumbrücke support – is all about.

The thriller is indeed like a weather report of the troubled regions of human existence, and to be cut off from these reports would be like being condemned to live permanently in the vast hall of an airport where everybody is on strike, staring at the disconnected announcement boards, cut off from reality.

The heroes of your novels – whether they are smugglers or pilots, hunters or soldiers – rank among the finest of their kind, because – however offhand they might approach their subject – they are performing reconnaissance missions for human qualities without which we could not survive as men and as writers: courage and loyalty.

Reading your novels one knows what kind of storms we are living through; but one draws also a very British kind of toughness from them: we shall endure.

I congratulate our group on having you with us tonight.

Der ultracoole Gavin hatte eine Träne im Auge.

Vor dem Dessert fragte Gavin in die Runde, ob und warum der Wald so eine starke Bedeutung für die Deutschen habe. Wir vier schnatterten aufgeregt eine halbe Stunde hin und her. Dann kamen wir mit dem epochalen Konsens: Nicht unbedingt für Städter, aber auch!
Gavin kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Jörgs Originaltext

Gavins charmante und brillante Frau ist in GB selbst ein Star: