Martin Compart


FRITZ DUSQUESNE 7: DAS ENDE by Martin Compart
10. Oktober 2019, 6:26 pm
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Fritz konnte es einfach nicht lassen: die dunkle Welt geheimer Abenteuer, gepaart mit Geltungsdrang und Hass auf die Briten, ließen ihn nicht los. Leider konnte er nicht immer Situationen und Bedeutungen richtig einschätzen.

Im Frühjahr 1934 trat er – natürlich äußerst diskret – als „Nachrichtenoffizier“ der amerikanischen Nazi-Organisation ORDER OF 76 bei. Diese „Aryan Society“ war 1932 organisiert worden. Sie verhandelten damals einen Zusammenschluss mit der 15 000 Mitglieder umfassenden faschistischen Organisation der SILVER SHIRTS, die von dem ehemaligen Journalisten und Drehbuchautor William Dudley Pelley gegründet und geleitet wurde.
Es ist unbekannt, was Fritz für diese Idiotenbande ausspionierte.

Sein späterer Biograph Art Ronnie fand nicht die geringsten Anzeichen von Antisemitismus bei Dusquesne. Aber in seiner üblichen Naivität sah er jede pro-deutsche Organisation als anti-britisch. “Despite its ramifications, it was quite simply just a job to the amoral and opportunistic Fritz Duquesne.”

Mit der Geheimhaltung war es bereits im Oktober vorbei: Da beschäftigte sich John Spivak in der aktuellen Ausgabe von NEW MASSES mit diesen Organisationen und benannte Fritz´ damalige Freundin, eine Jüdin, als Informantin.

william-dudley-pelley

1935 wurde Admiral Wilhelm Canaris Chef der deutschen Abwehr.

Canaris

Eines seiner Ziele, das er mit großer Energie betrieb, waren Spionagenetze auf dem amerikanischen Kontinent. Die USA waren natürlich komplizierter zu „bearbeiten“ als die lateinamerikanischen Staaten (in denen sich in den nächsten zehn Jahren deutsche Agenten und das FBI gegeneinander ausspielten).

Für diese Aufgabe erschien ihm Major Nikolaus Ritter (1899-1974) höchst geeignet. Ritter kehrte 1935 mit seiner amerikanischen Frau aus den USA zurück, in denen er sich dreizehn Jahre mit miesen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatte. Im Jahr darauf trat er in die Abwehr ein und erregte auf Grund seiner USA-Erfahrungen umgehend das Interesse von Canaris.

Canaris schickte Ritter im Oktober 1937 zurück in die USA. Er sollte Kontakt mit Dusquesne aufnehmen, den er durch die Zusammenarbeit im 1.Weltkrieg noch in guter Erinnerung hatte.

Ritter reiste unter seinem Namen, tauchte dann aber als „Alfred Landing“ in den Untergrund.
Er traf sich mit anderen potenziellen Agenten, bevor er mit Dusquesne Kontakt aufnahm.

Nikolaus Ritter

Ritters größter Erfolg war die Lieferung der Pläne des Norden Bombenzielgeräts an Canaris, der sie an Göring weiterleitete. Das von Norden entwickelte Zielgerät galt als das genaueste und beste der Zeit. Er bekam sie von dem deutschen Norden-Mitarbeiter Hermann Lang, der mit den Nazis 1923 in München am Putschversuch teilgenommen hatte. Die Sicherheitsbestimmungen bei der Carl L. Norden-Company und die Überprüfungen für kriegswichtige Firmen durch die Armee müssen wahrlich beachtlich gewesen sein!

Ritter versteckte die Pläne in einer hölzernen Regenschirmverkleidung, die er am 9.Januar 1938 persönlich einem Kurier übergab. Der Kurier war Steward auf dem Schiff RELIANCE, die nach Bremen fuhr.

Die Bezeichnung „Dusquesne Spy Ring“ nach der Verhaftung der Mitglieder ist weitgehend unzutreffend. Es war ganz klar Ritter, der die Organisation leitete. Aber da Dusquesne ja bereits früher auffällig geworden war, benannte das FBI den Spionagering in den Medien nach seiner Person.

Ritter kannte Dusquesne angeblich seit 1931. Am 3. Dezember 1937 trafen sie sich in New York. Fritz erhielt 100 $ für die ersten Ausgaben und legte los.

Ritter rekrutierte weitere Agenten. Darunter nicht nur Hermann Lang, sondern den Ingenieur Everett Roeder, der verschiedene Bombertechnik-Pläne und anderes aus Sperry Gyroscope Company entwendete.

Und er rekrutierte auch William Sebold, was fatale Folgen haben sollte.

Sebold war ein naturalisierter US-Bürger, der 1921 eingewandert war. Er arbeitete für Flugzeugfirmen und andere Industriebetriebe in den USA und Südamerika.

Während eines Besuchs in der alten Heimat, wurde er 1939 von der Gestapo für die Abwehr „rekrutiert“. Man erpresste ihn mit einem alten Polizeibericht, der vielleicht für seine Ausbürgerung sorgen könnte. Außerdem drohten sie mit Repressalien gegen seine in Deutschland verbliebene Familie, falls er die Mitarbeit verweigerte.
Er machte eine Schnellausbildung zum Spion in der Hamburger Spionageschule „Pension Klopstock“ (dort wurde ihm auch der Umgang mit Kurzwellenfunk beigebracht).

Bevor die Deutschen ihn in die USA zurückschickten, um für Ritter zu arbeiten, gelang es Sebold in Köln heimlich das US-Konsulat aufzusuchen. Dort informierte er die zuständigen Stellen über seine Anwerbung als Spion für die Deutschen gegen die USA.
Kaum in den USA eingetroffen, wurde er vom FBI kontaktiert, und man stellte ihm mehrere Agenten als Hilfe zur Verfügung.

Unter dem Tarnnamen „Harry Sawyer“ schickte Ritter William Sebold am 8.Februar 1940 nach New York. Er sollte einen Kurzwellensender etablieren, der für die Kommunikation mit Deutschland sorgte. Sebold bekam den Codenamen „Tramp“; in New York sollte er mit Dusquesne Kontakt aufnehmen, der unter dem Codenamen „Dunn“ geführt wurde.
Mit Unterstützung des FBI mietete der Doppelagent Räumlichkeiten am Times Square an. Sie wurden verwanzt, und ein Raum hatte einen Venezianischen Spiegel, hinter dem das FBI eine Kamera aufstellte.

In Long Island richtete er eine Funkstation ein. Von dort sandten deutschsprachige FBI-Agenten unter der Vorgabe, sie seien Sebold, sechzehn Monate lang dreihundert genehme Meldungen an die deutsche Abwehr; zweihundert Meldungen der deutschen Abwehr erhielten sie direkt. Alles unter der Identität von Sebold. Natürlich schickte man nur harmlose und uneffektive Informationen, während man von deutscher Seite höchst Interessantes erhielt.

Sebold war der wichtigste Agent für das FBI. Nach dem Krieg erhielt er eine neue Identität und betrieb angeblich in Kalifornien eine Hühnerfarm.

Sebold mit Gattin

Die Abwehr schickte Dusquesne über Ritter einen Mikrofilm mit achtzehn Zielobjekten. Darunter waren geradezu fantastische Vorstellungen. So sollte er herausfinden, ob AT&T einen Röntgenstrahl entwickelt habe, der Bomben ins Ziel führt (heute sind sogenannte „Marker“ eine Selbstverständlichkeit, damals klang das wie Science Fiction). Außerdem sollte er herausfinden, ob die Army Uniformen entwickelt habe, die gegen Senfgas immun seien (tatsächlich hatte die Firma DuPont in den 1930ern damit erfolglos experimentiert).
Berlin wollte auch wissen, ob die Air Force an biologischer Kriegsführung aus der Luft arbeite. Sie gaben ihm eine Liste von 23 Firmen, die für die militärische Luftfahrt arbeiteten und wollten alles wissen, was diese entwickelten.

Als das FBI von Seibold erfuhr, dass Dusqusne wieder in New York war und für die Deutschen arbeitete, ging J.Edgar Hoover prompt ins Weiße Haus, um Präsident Roosevelt mit einem Hintergrundsbericht zu informieren. Ein höchst bescheidener Bericht, in dem stand:
„no information, whatsoever, concerning the whereabouts and activities of Duquesne since June 6, 1932, is possessed by the Federal Bureau of Investigation.“

FBI-Agent Newkirk, unter dem Tarnnamen Ray McManus,wurde nun auf DUNN, alias Dusquesne angesetzt. Er mietete sich über Dusquesnes Domizil in der Nähe des Central Parks ein und installierte Mikrofone, um ihn abzuhören.
Dusquesnes´ Aktivitären zu verfolgen, war schwierig.

Wie Newkirk in seinen Berichten darlegte: „The Duke had been a spy all of his life and automatically used all of the tricks in the book to avoid anyone following him … He would take a local train, change to an express, change back to a local, go through a revolving door and keep going on right around, take an elevator up a floor, get off, walk back to the ground, and take off in a different entrance of the building.“

Dusquesne bemerkte die Observation und sprach einen FBI-Mann direkt auf der Straße an und bat ihn, er möge das unterlassen. Er informierte auch umgehend Sebold.

In Sebolds verwanzten Büro legte Dusquesne Pläne dar, wie man am besten Rüstungs firmen abfackeln könnte und er zeigte ihm Fotos und gestohlene Pläne aus einer Firma in Delaware, die einen neuen Bombentyp entwickelt hatte. Daraufhin bastelte ein anderer Spion des Netzwerkes eine Bombe, besorgte Dynamit und gab alles Sebold zu „treuen Händen“.

Dusquesne lieferte weiter. Er gab Informationen über das Trainingsprogramm der Kampfpiloten und Abfahrtszeiten der Schiffe für England weiter. Das hatte nur einen Haken, den auch die Abwehr bemerkte. Eine Nachricht an Sebold lautete: „Sagen Sie Dusquesne, wir sind nicht an Informationen interessiert, die schon vor Wochen in New York Times und der Herald Tribune gedruckt wurden.“

Von Wert war allerdings die Nachricht, dass Washington plane, den Briten das Bombenzielgerät von Norden zukommen zu lassen.
Bevor Fritz das verwanzte Büro von Sebold betreten hatte, waren die etwa zwanzig vorherigen Treffen immer außerhalb gewesen

Nach seinem Besuch am 25.Juni 1941 hatte das FBI ihn auf Film und schlug vier Tage später zu. Es verhaftete 19 deutsche Spione in New York und vier in New Jersey. Fritz wurde von drei Agenten verhaftet, darunter G-man Newkirk, der über ihm wohnte und sich zum Schein mit ihm angefreundet hatte. Insgesamt waren 93 Agenten im Einsatz.
Bevor das Gerichtsverfahren eröffnet wurde, hatte das FBI insgesamt 33 Personen dingfest gemacht. Hoover bezeichnete Fritz als den „wichtigsten dieser Spione“.

Vor Gericht kamen 24 der Spionage Angeklagte. Zehn bekannten sich schuldig. Gegen die übrigen vierzehn wurde ab September sechs Wochen lang verhandelt.
Zuerst war Fritz dran. Das war wieder die Gelegenheit für einen großen Auftritt, und Dusquesne, ganz in seinem Element, faszinierte mit einer besonders gelungenen Darstellung seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte. Er wiederholte seine Geschichten, wie er Kitchner erledigt hatte und wie sehr er mit Teddy Roosevelt befreundet gewesen war. Aber er bestritt, je einen anderen Spion aus dem Netzwerk getroffen zu haben, ausgenommen Sebold. Er sagte auch, Sebold müsse geisteskrank sein, denn er habe gutes Geld für Blödsinn bezahlt, den er aus Zeitungen ausgeschnitten habe. Und: “I sold him a code used by Benedict Arnold in the war between England and the United States in 1776.”

Trotz der überwältigen Beweislage bestritt Fritz, dass er ein Spion sei. Zu allem Überfluss musste die Verteidigung mit ihren Plädoyers am 8.Dezember 1941 beginnen – einen Tag nach Pearl Harbour. Die Stimmungslage lässt sich leicht vorstellen.

Die Jury brauchte nur acht Stunden, um ihre Urteile für die 24 Angeklagten zu finden. Die meisten bekamen Gefängnisstrafen zwischen fünf und zehn Jahren. Hermann Lang und Fritz wurden zu 18 Jahren verurteilt.
Noch heute gilt der „Dusquesne Spy Ring“ als das größte Spionagenetz, dass je in den USA agierte. Naja, jedenfalls das größte, dass sie je erwischt haben.

Der 64jährige Dusquesne trat seine Strafe im Leavenworth Federal Penitentiary in Kansas zusammen mit Hermann Lang an. Dort wurde er sofort von anderen Gefangenen misshandelt und geschlagen.

In einem Memo an seine Vorgesetzten hob Admiral Canaris 1942 die große Bedeutung von Dusquesne hervor, was diesem in seiner Situation herzlich wenig nutzte.
Fritz erkrankte physisch und psychisch. 1945 wurde er deshalb ins Medical Center for Federal Prisoners in Springfield, Missouri, überstellt.

Von allen verurteilten Mitgliedern des Netzwerkes war er am längsten inhaftiert. Hermann Lang wurde im September 1950 in die Bundesrepublik deportiert. Alle anderen waren 1950 wieder auf freiem Fuß.

Nach 12 Jahren (darunter fünf Jahre in Einzelhaft), sieben Monaten und 16 Tagen wurde Fritz am 19.September 1954 aus dem Gefängnis entlassen.
In den letzten Monaten hatte er eine Beschwerde eingereicht, dass die FBI-Agenten bei seiner Verhaftung ungeschliffene Diamanten im Wert von drei Millionen Dollar und seine Karte mit dem Versteck des Kruger-Goldes an sich genommen hätten.

Er war nun 77 Jahre alt und gesundheitlich in erbärmlichem Zustand: Fast taub, eine kaputte Schulter, die nie richtig behandelt worden war, stürzte häufig, durch einen Schlaganfall teils
gelähmt, beginnende Demenz.

Er kehrte zurück nach New York und traf wenige alte Freunde. Das Wohlfahrtsamt der Stadt (ja, sowas gab es mal!) brachte ihn in einem Pflegeheim unter.

Am 21. Dezember 1955 hatte er noch einen großen Auftritt im Adventurers Club bei einem Dinner zu seinen Ehren im Hotel Delmonico. Viele Mitglieder betrachteten ihn nicht als einen Verräter. Obwohl seine berühmte Stimme kaum noch zu hören war, unterhielt er die Anwesenden mit Geschichten aus seinem abenteuerlichen Leben – erfundene und wahre.

Er starb an einem weiteren Schlaganfall am 24 Mai 1956.

Bereits 1942 wurde ein Film über seine Tätigkeit als Spion gezeigt: UNSEEN ENEMY, basierend auf einem Skript von Arthur D. Howden, dass dieser bereits 1939 verfasst hatte

Für das Drehbuch von THE HOUSE ON 92nd STREET erhielt Charles G.Booth 1945 den Oscar. Es geht sehr frei mit den Tatsachen um, aber Dusquesne war deutlich die Inspiration für Leo G.Carroll als Colonel Hammershon.

Was für ein Leben!

In Südafrika oder den USA – von Deutschland ganz zu schweigen – kennt ihn heute kein Mensch mehr. Auch nicht die Leute, die immer noch nach Oom Krugers Gold suchen.

Aber Fritz Dusqusne hat aus seinem Leben eine Menge Meilen herausgeholt.

Britain made him.


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ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL 4/

Heute: GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE

Was sind schon Schriftsteller, Kritiker und Autoren ohne einen Verein, der den Lauf der Zivilisation ändert?

1983 gründeten Peter Schmidt, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE mit Programm, Pressekonferenz und dem ganzen Kram. Georg Schmidt sorgte dafür, dass das Manifest im „TIP“ verbreitet wurde. Der Name basierte auf dem Ort, der beim Austausch von Spionen im Kalten Krieg bevorzugt wurde.
Das musste erstmal gefeiert werden.

Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin angesagt. Gemäß unserem Konzept für progressive Völkerfreundschaft und deutsche Thriller-Motive von internationalem Niveau.
Treffpunkt Kochstraße, mit der U zur Friedrichstraße. Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt, nach Hause zu gehen und führte das OBERBAUM-Manifest in der israelischen Kampfjacke mit.

Jörg und Schmidt kamen unbelästigt durch die Kontrollen.
Mich krallten sie sich und zogen das subversive Pamphlet aus der Brusttasche. Wahrscheinlich hatte ein Spitzel in der U-Bahn mitgekriegt, dass ich mir Sorgen wegen des mitgeführten Textes machte.

Das war’s.

Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Bautzen oder Sibirien?
Ob Markus Wolf einen Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich könnte die nächste Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.

Mein ohnehin gestörtes Vertrauen in den real existierenden Sozialismus schwand von Minute zu Minute mehr, und ich fühlte mich Matthias Walden plötzlich so nahe, wie es nicht sein durfte.

Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Elend durstig, kaufte ich mir am Getränkestand vor dem Bahnhof eine Art Flüssigkeit, die als „Klub-Cola“ in die Geschichte der deutschen Trennung eingegangen ist. Ich spie sie umgehend aus, und umgehend machte ich mich an die Ausreise. Die geschah innerhalb von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze voll vom Arbeiter- und Bauernstaat.

Schmidt und Jörg hatten eine Stunde gewartet, bevor sie alleine los tobten. Jörg hatte zu Schmidt gesagt: „Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den Vorstand von Springer.“
Ja, ein guter Freund denkt auch ans berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel.

Ich verzog mich umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich hin. Da war ich wohl gerade noch einem Schicksal schlimmer als der Tod entkommen.
Ob West- oder Ost-Berlin – warum wollten sie mich denn bloß dauernd in den Knast stecken?

Abends wurde Sturm geklingelt. Ich turselte benommen zur Gegensprechanlage, und Jörg fragte aufgeregt: „Haben sie dich wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?“
Wir gingen einen trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit Schmidt hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen.

Sie hatten ab Friedrichstraße einen Stasi im Schlepptau gehabt, der sie „unauffällig“ beschattete. Den Beiden machte das Spaß. Einmal klatschte Schmidt seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und brüllte: „Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.“ In den Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, dass es nur Korn gäbe.
„Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste nicht lesen? Gib uns Wodka!“, verlangte Schmidt, während sich auf Jörgs Stirn die Schweißperlen vermehrten.
Kein Feingefühl für das Empfinden der Besetzten.

Ende Januar 1985 hatte sich Gavin Lyall mal wieder in Berlin angesagt. Gavin war immer einer meiner Lieblingsautoren gewesen. Erst durch Abenteuer- und Action-Thriller wie MIDNIGHT PLUS ONE (Filmrechte kaufte der unvermeidbare Steve McQueen) oder THE MOST DANGEROUS GAME, später dann die MAJOR MAXIM-Serie und vier historische Spionage-Romane. In meinem ersten Monat hatte ich die deutschen Rechte an Lyall für Ullstein erworben. Es entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft daraus.
Natürlich kannte Jörg ebenfalls Gavins Bücher.

Ein guter Grund für ein Annual Dinner der Gruppe Oberbaumbrücke.

Wir luden dazu unseren Ehrenpräsidenten Ross Thomas ein, der so kurzfristig nicht konnte. Jörg hatte ihm geschrieben, dass wir ein paar Leute rausgeschmissen hätten und nun nur noch eine Handvoll Mitglieder wären.
Ross schrieb ihm zurück, wir sollten noch ein paar Leute rauswerfen, um ein wirklich exklusiver Verein zu werden.

Beim Interview in der ZDF-Doku VERRÄTER UND SPIONE.

Am 30. Januar trafen wir uns zum Dinner in einem höchst exklusiven Restaurant, das Jörg ausgesucht hatte, um unseren Ehrengast Gavin Lyall zu würdigen.

Jörg schrieb das Protokoll:

„Annual Dinner of Oberbaumbrücke, 30 January 1985 at Bamberger Reiter, Berlin. Present: Mr. M.Compart, Mr. W.Proll, Mr.J.Behrens, Mr.J.Fauser. Guest of Honour: Mr.Gavin Lyall. Order of the Day: Speech. Food. Drink. General amusement. “

Über das Dinner schrieb Gavin im OBSERVER:

„You don’t expect friends to be perfect. They want me to go to a small literary dinner where I know Martin will try to get me to drink Korn (dynamite-flavoured vodka), and Wolfgang (Proll) slipped on the ice and knocked out two teeth, which spoils his perfect English, and when he asked what he should wear for the dinner, Jörg said `Teeth ‚which tells you something about Jörg. Friends should be friendly, comfortable and sometimes exciting. That is how I would describe West Berlin.“

Wir hatten uns hingesetzt und die ersten Drinks genommen.

Jörg stand auf und schlug leicht gegen sein Glas. Dann legte er los:

Gentlemen, informed that one of the original members of Oberbaumbrücke had been defected, Mr. Ross Thomas, as our Honorary President, wrote: „I refuse to admit that the group has become defunct. Instead, it has only become more exclusive. With just a few more defections, it may well become the most exclusive organization in the world with a total membership of minus one.“

Introducing our guest of honour tonight I can now assure Mr.Thomas that even without more defections we have become exclusive. Or what could be more distinguished company than Mr.Gavin Lyall, of whom John London’s once wrote: „Good thriller writers are born, not made. They are one in a thousand – and Gavin Lyall is unmistakably of their company.“
In one of your novels, Mr.Lyall, you give a very vivid description of what it means for a professional pilot to be cut off from the daily weather report. This has struck me as a perfect image of what literature – at least the kind we at Oberbaumbrücke support – is all about.

The thriller is indeed like a weather report of the troubled regions of human existence, and to be cut off from these reports would be like being condemned to live permanently in the vast hall of an airport where everybody is on strike, staring at the disconnected announcement boards, cut off from reality.

The heroes of your novels – whether they are smugglers or pilots, hunters or soldiers – rank among the finest of their kind, because – however offhand they might approach their subject – they are performing reconnaissance missions for human qualities without which we could not survive as men and as writers: courage and loyalty.

Reading your novels one knows what kind of storms we are living through; but one draws also a very British kind of toughness from them: we shall endure.

I congratulate our group on having you with us tonight.

Der ultracoole Gavin hatte eine Träne im Auge.

Vor dem Dessert fragte Gavin in die Runde, ob und warum der Wald so eine starke Bedeutung für die Deutschen habe. Wir vier schnatterten aufgeregt eine halbe Stunde hin und her. Dann kamen wir mit dem epochalen Konsens: Nicht unbedingt für Städter, aber auch!
Gavin kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Jörgs Originaltext

Gavins charmante und brillante Frau ist in GB selbst ein Star:



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart
13. September 2019, 9:06 am
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DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 3/

HEUTE: ABENTEUER IM ÜBERBAU

Drei Tage vor dem Bruce Springsteen-Konzert 1981 war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung durch München einen neuen Rekord aufgestellt. Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das Speed glühte nach. Ich war dabei, die Entgiftung mit summa cum laude abzuschließen: Da war doch dieses Buch, das ich schon ´ne Weile lesen wollte: MARLON BRANDO von Fauser. Ein bisschen was hatte ich von ihm schon im „TIP“ gelesen.

Und natürlich war ich von ALLES WIRD GUT begeistert, das mir verdeutlichte, wie tief man in München noch sinken kann…

Später bekundeten wir häufig und missionarisch, dass München viel härter wäre als Berlin mit seiner Subventionskultur, in der jeder für ein „Projekt“ ein paar Groschen abgreifen konnte. Das erzählten wir jedem, der es nicht hören wollte – wie hart sich unser Überlebenskampf in Minga gestaltet hatte:

„Wasser? Wasser gab es nicht jeden Tag. Manchmal war man zu schwach, um sich bis zur Isar zu schleppen, um zu trinken. Und wer hatte schon eine Flasche, um Wasser mitzunehmen? Ein seltenes und kostbares Gut für die bürgerlichen Schichten.

Essen? Nun ja, gelegentlich warf einem schon mal eine gutherzige Marktfrau eine glasige Kartoffel zu oder eine vertrocknete Brezen… Das waren dann Feiertage, an denen man weinend dem Herrn dankte, dass er doch über einen wachte. Man war zu arm, um sich Aberglauben leisten zu können. Wir hatten nur unseren Seelenadel.

Bier? Jaja, Minga-Bierstadt. Bayrisches Bier gilt da ja als Grundnahrungsmittel. Kein Getränk für jedermann. Für uns was ganz seltenes und besonderes. Da kam man ganz schwer dran. Das einzige Bier, das wir auch nur wenige Male gekostet haben, bestand aus zusammen geschütteten, abgestandenen Resten in der Blauen Nacht oder einem unübersichtlichen Biergarten, bevor man mit Tisch- oder Stuhlbeinen da weggeprügelt wurde.

Nachts suchte man Trost beim einzigen Buch, das man aus einem Sperrmüll gezogen hatte und der größte Schatz war, den man in seiner abgewetzten Wehrmachtsuniform immer bei sich trug. Im schummrigen Licht der Straßenlaterne (wenn man das Glück hatte, eine zu finden, von der man nicht mit bissigen Hunden vertrieben wurde) las man dann in der zerfledderten Vorkriegsausgabe von OLIVER TWIST, um ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Das ermutigte manchmal, den Strick um den Hals an einer der Isarbrücken wieder zu lösen. Manchmal auch nicht. Dann hing man da, über der nächtlichen Isar, leicht im Wind baumelnd, mit gebrochenem Genick…“

Ich knallte mir das Buch rein und konnte nicht fassen, wie gut es war. So eine Star-Biographie hatte ich noch nie gelesen!

Ich nahm mir fest vor, diesen Typen kennenzulernen.
Später stellte sich heraus, dass wir in München wohl zur selben Zeit in teilweise dieselben Kneipen gegangen waren.
Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden, ohne ins Gespräch zu kommen. Denn im Gegensatz zu Jörg, bin ich fast nie allein um die Häuser geschlichen. Weißbierkeller, Blaue Nacht, rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel… Wahrscheinlich hatten wir in denselben Nachtvorstellungen dieselben französischen Gangsterfilme geguckt.

„Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere auch gemacht“, fragte mich Jörg später.
„Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest du mich garantiert abserviert.“
„Nicht unbedingt.“
„Nee, nicht unbedingt.

Für die „Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur“ (im Umfeld der Münchener Uni 1980 gegründet) schrieb ich regelmäßig Artikel und Kolumnen für das Mitteilungsblatt. Aber auch schon mal ein Feature über das Sammeln von Kriminalliteratur für das „Sammlerjournal“.
Da ich zu zart für körperliche Arbeit bin, schrieb und übersetzte ich, um das karge Bafög aufzustocken.

In München bekam man sogar den Berliner „TIP“, der damals verstärkt überregional vertrieben wurde. Den las ich regelmäßig, denn der Kulturteil war moderner und progressiver als der durchschnittlicher Blätter. Film und Musik hatten mehr Platz, und mit den Rezensionen konnte ich mehr anfangen. Dass da Jörg Fauser seit Anfang 1981 am Werk war, fiel mir erst auf, als DER SCHNEEMANN vorabgedruckt wurde. Der Roman gefiel mir, klar, dass er als Redakteur stattfand, war mir nicht klar.

Der „TIP“ wäre vielleicht das richtige Forum für einen Artikel über Kriminalliteratur. Ich schickte, er wurde angenommen, veröffentlicht.

Nachdem Bernd Jost seinen bevorstehenden Wechsel zu Rowohlt als Nachfolger von Richard K.Flesch verkündet hatte, musste für Ullsteins Gelbe Reihe ein Nachfolger gesucht werden.
Ullsteins Geschäftsführer Viktor Niemann und Pressechef Wolfgang Mönninghof (in Personalunion als Chef-Lektor) trafen sich gelegentlich auf Drinks mit Fauser und „TIP“-Chef Werner Matthes, der Fauser nach Berlin geholt hatte. Es gab auch keine Zweifel, dass Niemann an Fauser als Autor für Ullstein interessiert war. Jedenfalls regte man an, die Ullsteiner sollten sich doch mal den Typen von der Arbeitsgemeinschaft ansehen, der diesen Artikel über Kriminalliteratur geschrieben hatte.

Niemann hatte ich schon zuvor als Chefideologe der AK belästigt
(„Hören Sie auf, die Innenklappe mit Marlboro-Werbung zu verunstalten.“
– „Wäre es Ihnen lieber, dass die Krimis dann teurer würden?
– „Nein. Senken Sie den Preis und lassen Sie gleichzeitig die Reklame weg.“

Ich hatte also meine betriebswirtschaftliche Kompetenz bereits nachgewiesen).

Der Rest ist bekannt: Nach einem Gespräch in Berlin hatte ich den Job, wurde jüngster Herausgeber Deutschlands, und bereits im ersten Job-Monat kreuzten sich Jörgs und meine Pfade.

Ich hatte zwar schon „TIP“-Chefredakteur Werner Mathes persönlich getroffen, aber Jörg noch nicht kennengelernt. Muss Anfang August ’82 gewesen sein, als Matthes mich zu einer Gaststätte bestellte, um über den „Literatur-Tip“ zur Buchmesse zu sprechen. Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur.

Es war ein scheißheißer Tag, und ich frittierte im Büro im eigenen Schweiß. Mit einem Taxi fuhr ich durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz. Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken Whisky. Matthes stellte Fauser und mich einander vor. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich es Ihnen zu verdanken hatte, bei Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich wollte auch einen Whisky. Fauser grinste. Ich konnte kein ganz schlechter sein.
Aber wir saßen nicht nur da und waren hübsch anzusehen, wir gingen auch ernsthafter Trinkertätigkeit nach, und ich akzeptierte natürlich den Vorschlag, über Jim Thompson zu schreiben.

Nach der Veranstaltung in Loccum, verdichtete sich unsere Bekanntschaft und entwickelte sich zu einer zelebrierten Männerfreundschaft.

Wir besuchten gelegentlich Kultur-Veranstaltungen, gehörten aber nicht dazu, weil wir nicht dazu gehören wollten. Wir meinten eine Art „freundlichen Stalinismus“ der Apparatschicks auszumachen, der sich für Disziplin gegenüber genehmen Denkmustern und gegen abweichenden Individualismus richtete. Ihrem Kastendenken stellten wir die Wahrhaftigkeit der Noir-Avenues gegenüber. Diese Kulturszene interessiert (e) sich nur für Biedermeierthemen. Wie die Welt wirklich funktioniert, interessiert sie nicht. Da mussten wir schon zu Jim Thompson oder Ted Allbeury greifen. Es ging gar nicht mal um die Systemfrage, es ging darum, wie das System funktioniert. Erkennt man das, kommt die Systemfrage von selbst.

Existentialistische, an Camus erinnernde Aussage, wie diese von Jean-Pierre Melville passten hier nicht hin: „Ich mag nutzlose Anstrengungen sehr. Der Aufstieg zum Misserfolg ist eine ganz und gar menschliche Seite. Der Mensch geht von Erfolg zu Erfolg unentrinnbar auf sein letztes Scheitern zu: den Tod. In meinen Filmen gibt es immer eine Minute der Wahrheit: Der Mensch vor dem Spiegel, das ist die Prüfung, die Bilanz.“
Nein, hier kreiste alles um großbürgerliche Ästhetik, bürgerliches Glücksstreben in der Idylle eines progressiven Opernhauses und dessen Unmöglichkeit wegen der großen Schuld der Väter. Echokammern eines überholten Geisteslebens. Kulturelle Geisterfahrer.

Jörg wurde nicht vom bourgeoisen Feuilleton missachtet, er wurde von ihm nicht verstanden. Das zeigt sich auch darin, dass er jederzeit zu ihm Zugang fand. Ein Helmut Karasek hatte kein Problem, Jörg im „Spiegel“ über Mickey Spillane schreiben zu lassen, die „FAZ“ druckte seinen Essay über Ross Thomas vorab. „Lui“, „TransAtlantik“ und andere Zeitungen und Magazine standen ihm offen. Indem er den TIP (nicht nur mit der jährlichen Literaturbeilage zur Buchmesse) mit einer regelmäßigen literaturkompetenten Portion ausrüstete, wurde er selbst zum Player in diesem desparaten Genre. Seine Überlegenheit und Originalität kam eben nur nicht bei jedem Mitkombattanten gut an. Besonders nicht seine Tunnelbohrungen durch diesen überdimensionalen Misthaufen, der als deutsche Gegenwartsliteratur gefeiert wurde.

Denn unter den Möglichkeiten für eine zeitgemäße Literatur sahen wir Formen der Kriminalliteratur als überzeugendste Möglichkeiten (in der Umsetzung anders als der häufig talentlose Sozio-Krimi und seine stilistisch begrenzten Autoren). Denn in der sogenannten zeitgenössischen deutschen Literatur ging es ja nur darum, dass Leute, die einen nicht interessieren, nichts erleben.

Mit André Malraux teilten wir die Ansicht, dass Kriminalliteratur „das wirksamste Mittel ist, einen ethischen oder poetischen Sachverhalt in seine ganze Intensität zu übersetzen“.
Angesichts des Widerstandes (zum Teil Hass), der uns von Feuilletonisten und Autoren entgegenschlug, grinsten wir lediglich in unserer tief empfundenen Arroganz und hielten es (abgewandelt) mit John Milton: „Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.“
Eine unserer Strategien gegen unserer Meinung nach gestriges Kulturverständnis waren Debatten statt Diskussionen, da diese den höheren Provokationsfaktor haben. Jörg kannte die gegnerischen Konzepte genau: Oft las er diese Nabelschau-Bücher nur zu Ende, weil er wissen wollte, ob der Autor tatsächlich dieses miese Niveau halten konnte.

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Für mich sollte sich diese schöne Erkenntnis einmal mehr beweisen. Eines Abends – ich machte mich gerade für die Piste fertig – klingelten die Bullen. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus der Münchener Zeit mit Karibik-Horst, den ich längst begraben wähnte, war noch anhängig. Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft, bis die Banken öffneten.

Soviel Kohle hatte ich nicht einstecken, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram wie Kreditkarten. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort am Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer besseres als Knast vor?

Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte in der Frontstadt damals manch kleines Wunder. Die Cops waren einverstanden und führten mich ohne Handschellen zu Jörg ins 13.Arrondissement.
Da Jörg Gäste erwartete, musste er zu Hause sein. Es war noch früh, zu früh für einen Joint, die Gäste waren erst angekommen. Keine Rauchschwaden zu erwarten.
Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg musterte die grinsenden Bullen, zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein und die Bullen wünschten uns noch einen schönen Abend.

Gibt wohl nicht viele Autoren, die einen Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht. Allerdings liebte er es auch, erbost zu sein. Ein feuilletonistischer Streuner, Hass in der Feder, hatte ihn oder von ihm geschätztes dann angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muss, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen.

Von Jörg selbst bearbeitetes Manuskript.

Zeit seines Lebens, wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt: „Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert“. Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrissbirnen nicht an ihn ran.

Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name, Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen den Hass auf Jörgs Überlegenheit, den Hass darauf, dass er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Hass darauf, dass er in jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold herstellte, den Hass darauf, dass er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Hass auf ihre eigene Unzulänglichkeit.

Noch heute gibt es ja solch ewige Buben, die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, dass von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. „Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden“, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.

Was zum Teil von denen zu halten ist, die ihre Talentlosigkeit damit überdecken, dass sie sich heute auf Fauser beziehen, ist eine andere Geschichte.

Wie wir alle (und insbesondere Künstler), war auch Jörg eitel. Wenn jemand clever genug war, die richtigen Knöpfe zu drücken, konnte er mit seiner Wohlgesonnenheit spekulieren. Mich hat das häufig verärgert:
„Aber der hat doch bereits nachgewiesen, dass er nicht schreiben kann!“
„Jeder fängt mal an. Und in seiner Bestrebung zu mir lässt sich erkennen, dass er nach dem richtigen Weg sucht.“
„Er schmiert dir Honig ums Maul, weil er hofft, dass du für ihn nützlich sein kannst.“
„Zweifellos ein Zeichen von Intelligenz.“
„Du hast selbst gesagt, wie schlecht er schreibt.“
„Er hat noch einen langen Weg vor sich. Um so wichtiger, von den Besten zu lernen.“
„Aber sicher. Du bist eine Vollkaskoversicherung für ästhetisches Gelingen.“


Alles was auch nur den Anflug von Hippie-Kultur und Verwandtem hatte, war für Jörg sehr schlecht beleumdet. In seiner TIP-Kolumne ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um sich mit alternativen Subkulturen anzulegen („Lieber die Pershing im Vorgarten, als den Politkommissar am Schreibtisch“). Vom „Underground“ war da nicht viel übrig.
Es waren Zeiten der Polarisierung, und das liebte Herr Fauser. Außerdem gefiel ihm die Rolle des Advocatus Diaboli.
Abgesehen von seinem Gespür und Bewusstsein für (politische) Kriminalität war Jörg in vielem so progressiv wie ein sozialdemokratischer Ortsvereinskassierer.
Aber für die vielen Masken der Korruption hatte er ein feines Gespür.

Ich hatte zwar auch für den Rest meines Lebens genug von dem Alternativscheiss (siehe meine Aufzeichnungen in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Sozialisationsgeschichte mit den Rolling Stones), aber mir standen Hausbesetzer näher als Innensenator Lummer.
Jörg hatte ein Faible für kleinwüchsige autoritäre Spießer. Erkennbar auch in seiner kurzzeitigen Faszination von Proll Gert Schröder und Joschka Fischer. Deren volle Idiotie des Kommenden war damals noch nicht wirklich vorhersehbar; das muss man als mildernde Umstände anführen.
Das Meiste aus dem Alternativscheiss wird sowieso zum Mainstream von Morgen, wenn es sich kommerziell verwerten lässt. Zwischen den Stühlen konnten wir vortrefflich stehen um auf die Sitzenden herabzublicken.

Andererseits war Jörg immer interessiert am Anarchismus und an Freiheitskriegen. Ihm missfiel die Idiomatik, mit der die „Linke“ (was immer das sein mag) alles heroische verteufelte und klein zu machen versuchte. Wir hatten beide erlebt, wie die Linke sich seit den 70ern gegenseitig exkommunizierte. Diese dogmatischen Idioten ernst zu nehmen, fiel schwer, während wir der Roten Armee Fraktion Respekt nicht verweigern konnten.
Der Spanische Bürgerkrieg und George Orwell und die Beats hatten ihm jeden Dogmatismus ausgetrieben. Mit der Faszination des Faktischen, der Macht der Tat, war Jörg ganz bei seinen literarischen Idolen.

Zu meinen Freundschaftsaufgaben gehörte es auch, Jörg gelegentlich zu stabilisieren.
Da ich alles verachtete, was Häme oder Unverständnis über ihn ausschüttete, war das ziemlich leicht. Wenn ich mit meinem hypertrophierten Selbstbewusstsein diese Bagage lächerlich machte und vollkommen überzeugt darauf hinwies, dass es keinen Autor deutscher Zunge gab, der ihm das Wasser reichen könne, blieb ihm nur Zustimmung, bessere Laune und weitere Pläne schmieden.

Kritiker haben Jörg immer mal wieder vorgeworfen, er hätte Probleme gehabt mit Gefühlen umzugehen, sei unnahbar und arrogant gewesen, habe sich hinter einer Männerwelt verschanzt.
Gerade aufs SCHLANGENMAUL bezogen hat man das öfters gehört und gelesen. Alles völlig verblödeter Unsinn kontaktgestörter Stubenhocker. Der Preis für Autonomie ist Isolation.

Jörg konnte ein äußerst warmherziger und sensibler Freund sein. Genauso konnte er eiskalt und arrogant gegenüber Arschlöchern sein (oder weil er gerade schlecht drauf war).
Jörg schrieb über Männerwelten, weil er diese kannte und sich in ihnen bewegte. Für diese Kritiker ist das exotischer als eine Reise mit der Enterprise. Dieselbe Art kastrierter Marketender der Literatur haben Hemingway vorgeworfen, dass er über Stierkampf, Krieg oder das Fischen schrieb. Oder Dashiell Hammett, dass er die harte Welt der Pinkertons kannte. Jörg liebte es, durch Schlamm und Morast der dunkelsten Ecken unserer Gesellschaft zu waten.
Diese geistigen Feuilleton-Hinterlader finden ihre schlichten Freuden wohl nur bei lästigen Autoren, für die Rolf Giesens unsterblicher Satz über den deutschen Film gilt: „Wenn sie schon nichts erlebt haben, warum müssen sie dann Filme darüber drehen?“

Jörg, je mehr ich diesen Scheiß aufzeichne, um so mehr habe ich das Gefühl, mich von Dir zu entfernen.

Gewisse Autoren, die heute begeistert über Fauser sind, ahnen wahrscheinlich tief in ihrem Inneren, dass Jörg für ihr Geschreibsel nur Hohn und Spott übrighätte.

In ihren Betriebszeitschriften schreiben sie alles hoch, was bedeutungslos, langweilig, unerotisch und fade ist. Eben alles, was wie sie ist.
Und dazu gehört noch immer oder wieder das Gros „neuer“ deutscher Kriminalliteratur nach/seit Fauser. Ein guter Referenzpunkt für Idioten.
Leblose Romane für Alphabeten-Zombies mit Restmimik.

FORTSETZUNG FOLGT



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 2/

HEUTE: GETRÄNKEKONSUM

Wir erlebten viel, vorzugsweise nachts. Wir zogen nicht dauernd durch dieselben Destillen, sondern erkundeten Bezirke vom Wannsee bis Neukölln.
Manche dieser Kneipen waren Wartesäle der Verzweiflung, in denen das halbkomatöse Publikum aufs Ableben hinsoff. Wir tranken ohne Berührungsängste in Kaschemmen voller zechender Wüstlinge, in denen das Bier wie die Pisse volltrunkener Diabetiker schmeckte, bis wir bei Morgengrauen am Tageslicht zupften. Höhlen, in die sich nie Autoren, Feuilletonisten oder andere Kulturfuffis verirrten. In diesen letzten Ausfahrten vor der Gosse war man sicher vor ihren schleimigen Zellhaufen.

Sollte ein unangenehmer Zeitgenosse in die Quere kommen, warf Jörg die Killermaschine an – und dann ging man besser schleunigst in Deckung. Jörg konnte Leute rhetorisch auseinandernehmen, bis sie weinten. Oder er killte mit absoluter Sprachlosigkeit, starrte den anderen nur an, ohne auf eine Frage zu antworten. Irgendwann schlich er gedemütigt davon.

Eingekeilt zwischen Tresen und kalten Drinks redeten wir über alles und nichts. Wir waren immer auf der Suche nach der perfekten Bar, in der es den perfekten Martini gab und uns der perfekte Barkeeper – wie bei Ross Thomas – mit den Worten begrüßte: „Und was wollen wir heute gegen das Elend tun?“
Auf der Suche nach Mac’s Place folgten wir jedem Gerücht wie Esel der Mohrrübe.

Wir waren echte Zen-Buddhisten: Der Weg war das Ziel.

Eine Zeitlang existierte genau in der Mitte zwischen Jörgs und meiner Wohnung etwas, was nahe ran kam: das Martini-Stübchen. Die Cocktails waren exzellent, es gab Becks vom Fass, und der Tresen hatte die richtige Höhe. Die Höhe des Tresens war ein immer wieder kehrendes Thema, dass in großer Ernsthaftigkeit diskutiert wurde.

Euphorie war nie weiter entfernt als der nächste Barhocker. In der DICKEN WIRTIN gab es hervorragende Eintöpfe, die wir als Grundlage für unsere Reisen durch die Nacht zu uns nahmen.
Schräg gegenüber war ein Frauenbuchladen mit dem schönen Schild: MÄNNER MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN. Wir vermuteten, dass der Gehalt an heterosexueller Pornographie der dort angebotenen Lektüre eher gering war.

Der Bummel durch die „Bleistreustrasse“ war uns meist zu fade angesichts der alternativ-kleinbürgerlichen Bistrokneipen. Aber gelegentlich musste man da mal durch, um das lang zurückliegende Shootout zwischen persischen und deutschen Zuhältern zu würdigen. Wir fanden ein paar Einschusslöcher.

Spät in der Nacht konnten wir uns impulsiv dazu entschließen, ein anderes Reservat aufzusuchen, ein neues Territorium zu erkunden. Dann sprangen wir ins Taxi und genossen die Fahrt durch ein ebenso düsteres wie nuttig beleuchtetes Berlin. Stumm aus dem Fenster blickend, brachte uns ein dumm vor sich hin schimpfender, specknackiger Taxifahrer durch fremde Straßen mit fürchterlichen Schicksalen hinter jedem Fenster. Hier schlummerte eine Menge Rohstoff.

Berüchtigt waren die Trinkgelage bei Ullstein. Vor den halbjährlichen Vertreterpartys sammelte sich die Clique in meinem Büro: Rolf Giesen (vollgestopft mit den neuesten Gemeinheiten über die Filmszene), Wolfgang Proll (der im Auftreten wieder in seine undurchsichtigen Zeiten beim Diplomatischen Korps zurückfiel, Jürgen Behrendt (in freudiger Erwartung der Freidrinks), Ronald M.Hahn (als Science Fiction-Lektor extra aus Wuppertal angereist) und Jörg (im besten Zwirn). Dann war Lärm im Maschinenraum.

Die Nacht endete meistens mit einer Roomparty im Exzelsior, wo unsere Vertreter Domizil nahmen. Es muss wohl in der Suite von Eckkart Müller gewesen sein. Christiane Bertoncini hatte sich ins Bad geflüchtet, war dort – wie häufig – wahrscheinlich eingeschlafen. Jörg hämmerte gegen die Badezimmertür und forderte beständig: „Machen Sie auf, Madame! Lassen Sie mich für heute Nacht Ihr Gatte sein!“

Wir zogen gerne mit den Ullstein-Vertretern herum, eine handfeste und intelligente Clique. Jörg sah den Nebeneffekt wie ich: Das waren die ersten Verkaufsgespräche für unsere Produkte.

Gelegentlich trafen wir uns im Musik Café am Olivaer-Platz (dort begann auch die Veröffentlichungsfeier von ROHSTOFF). Die Kundschaft bestand hauptsächlich aus vergnügungssüchtiger Mittelschicht, die sich wie ein Song von CULTURE CLUB stylte.

Wir machten Wallfahrten zu den Puffs in der Giesebrecht (Salon Kitty)- und Clausewitzstrasse (hier verkehrte James Bond) und anderen Heiligtümern. Gärten der Verderbtheit.

Wir gingen nicht nur in hippe Bars oder etablierte Schänken, wir durchpflügten die Berliner Tränken vertikal. Eben noch in einer feinen Hotelbar, dann in einer brutalen Absturzkneipe. Diese Unterschiede und Gegensätze machten Vergnügen. Mit dem Bierglas in der Hand durch die Gesellschaftsschichten. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Hoffnungen, unterschiedliche Codes, unterschiedliches Grauen, unterschiedliche Musik, unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Wut, unterschiedlicher Spaß, unterschiedliche Preise, unterschiedliche Einkommen.

Jörg registrierte alles, um es gegebenenfalls literarisch zu verwerten. Diesen Hang zur Schichtendurchlässigkeit hatten wir wohl beide aus München mitgebracht.

Unwohl fühlte sich Jörg nur in alternativen Kiez-Szenekneipen, in denen Mütter ihre Säuglinge öffentlich und nicht mit Gin stillten. Wenn ich ihn dazu bewegte, eine „Alternativkneipe“ zu besuchen, machte er ein Gesicht, als müsse er zu einer Darmspiegelung. Keine Druckbetankung würde helfen. Da konnte Jörg ausfallend und richtig aggressiv werden. Das führte natürlich auch zu äußerst begrenzter Verweildauer – was Herr Fauser von Anfang an im Sinne hatte. „Ein solcher Scheißladen reicht für einen Abend.“

Auch die „Paris-Bar“ war nicht unser Ding. Da wurde man von den falschen Leuten erkannt. Denn dort verkehrte jeder, der sich selbst als kulturell wertvoll empfand. Berlins selbsternannte Qualitäts-Elite. Hauptsache, die Armen, Ungebildeten und Hässlichen blieben, wo sie hingehörten, nämlich die Nasen von außen an die Scheiben gepresst.

Der „Zwiebelfisch“ war nicht weit von dieser parfümierten Jauchegrube, aber freigeistiger.

Wir suchten den Zauber der Großstadtnacht in Ruinen, in Bars, beim Flanieren, in zügigen Neuköllner Hinterhöfen, in einer düsteren Spelunke tief unter dem Anhalterbahnhof, in Mitternachtsvorstellungen mit Eastwood, Delon und Bronson, in koreanischen Stehausschänken oder Kiezfesten. Das war eine Welt jenseits der dreisten Konventionen der Bürgerlichen Gesellschaft. Dann wurde bei der Zeit der Pausenknopf gedrückt. Und wir erregten uns gerne über das Versagen der zeitgenössischen deutschen Literatur vor der Realität. Besonders der politischen. Dann zählten wir angelsächsische West-Berlin-Romane auf un fragten einander, welcher deutsche Autor da mithalten könne. Oder welcher deutsche Autor schon mitbekommen hat, dass diese Stadt ein Brennpunkt des Kalten Krieges ist. Nach Kirst, Heinrich oder Herbst wohl keiner mehr. Und was war Günter Grass im Vergleich zu Fallada? Und warum kennt keiner mehr Kirst – bei allen Mängeln, die ein kompetentes Lektorat hätte ausgleichen können? Manchmal wurde es richtig abstrus: Etwa, dass man jede deutsche Großstadt (und Weltstädte sowieso) am Trottoirpflaster erkennen könne…

Nachdem er in die Krumme Straße gezogen war, hingen wir gelegentlich bei ihm ab. Er hatte eine Wohnung im 13.Stockwerk eines Hochhauses, die wir das 13.Arrondissement nannten. Wenn es stürmte, wackelte die schmale Terrasse, die sich um die Wohnung zog, und der Wind rüttelte an den Fenstern. Mit einer Dose Becks stellten wir uns ans Geländer, darauf bedacht, nicht über die Brüstung geweht zu werden. Wie an eine Reling gelehnt, machten wir eine Sturmfahrt über das in Donner und Blitz getauchte Berlin unter uns.
Ein Joint half dabei.

Während eines heißen Sommers zeigte ich Jörg, wie man in der Karibik Bier trinkt, um den Kater zu bekämpfen. Das wurde zum regelmäßigen Ritual, für das Jörg Paletten Becks-Büchsen und Zentnerweise Zitronen einkaufte. Dann saßen wir in der Hitze auf der Terrasse, eine Kiste mit Zitronenhälften, Salz und eiskaltes Bier. Salz wurde vor den Öffnungsschlitz gestreut, Zitronensaft bis zum Büchsenrand drauf und dann alles zusammen in die Kehle. Das kam gewaltig, und nach der dritten Büchse wich der Kater einem neuen, euphorischen Rausch.

Beim alten Fremdenlegionärscocktail „Apotheke“ (halb Fernet, halb Pastis) hielt sich seine Begeisterung in Grenzen (obwohl das Bukett Fliegen tot von der Decke fallen ließ).

Möglichst an Tagen, an denen wir im DDR-Fernsehen Umzüge ansahen und so schöne Plakate entdeckten wie „Wir danken der Partei für ihre kluge Politik“.
Unser Shinto-Schrein war der Videorecorder, munitioniert mit Melville-Filmen. Wenn wir nachts aus den Kneipen wankten, war immer noch Zeit für einen Joint bei UN FLIC.
Manchmal telefonierte Jörg nachts mit seiner Tochter in England. Der Tonlage nach mussten die Beiden ein gutes Verhältnis zueinander gehabt haben.

Häufig war nach dem vorvorletzten Getränk rund um uns der Morgen schon im vollen Gange. Die Nacht war weggesickert. Es war nicht angenehm, bei Tageslicht aus einem Laden zu kommen: Um einen herum die hysterischen Bewegungen der Graden, die zum Arbeitsplatz eilten. Man selbst hatte sich wieder nüchtern gesoffen, ohne Geld zurück verlangen zu können. Dann verabschiedeten wir uns schlecht gelaunt, stürzten heim, um die Decke über den Kopf zu ziehen und versperrten dem Universum den Zutritt zum Schlafzimmer.

Das bereits erwähnte „Martini-Stübchen“ lag auf halber Strecke zwischen Jörgs Wohnung in der Krumme Straße und meiner auf der Kant. Wenn wir sowas wie einen Hauptwohnsitz hatten, dann war das hier.

Betrieben von zwei cleveren jungen Männern und einer hübschen jungen Frau, die höchst angenehm und humorvoll im Umgang waren. Einer von ihnen war wohl ein ausgebildeter Barmann. Jedenfalls bekamen wir dort die besten Martinis von Berlin – und das nutzten wir weidlich. Vor einem leeren Glas zu sitzen, hätte an Hausfriedensbruch gegrenzt. Außerdem war es eine Art Salon, in dem wir Verabredungen empfingen, Gäste einladen konnten, die wir nicht in unseren Wohnungen haben wollten. Endlich eine Destille, die nicht zu klein war für unsere Gespräche. Ja, näher waren wir nie an „Mac´s Place“. Davon gibt es kein Filmmaterial – eine kulturgeschichtliche Schande.

Gelegentlich lief da auch ein „Nachwuchsautor“ ein. Ich habe dann Jörg vorgeworfen, er sei viel zu freundlich. Denn jeder angehende Möchtegernautor konnte ihm sein Manuskript andrehen. Statt es dann in die Tonne zu kloppen, verschwendete Jörg Stunden darauf, es zu redigieren und mit dem „Autor“ zu reden. Meist war die Karriere damit erledigt. Kaum einer wollte am Text arbeiten, umschreiben und lernen. Getreu dem Hammett-Motto: „Es ist schön, einen neuen Roman zu haben, an dem ich nicht arbeite. Der alte, an dem ich nicht gearbeitet habe, begann mich zu langweilen.“

Ullstein hatte damals eine Gelddruckmaschine: das GUINNESS-BUCH DER REKORDE, lektoriert vom ehemaligen SAFARI-Verlagsleiter Hans-Heinrich Kümmel mit der Assistenz von Karin Fehse. In vielen Haushalten muss es das einzige Druckwerk gewesen sein, Deshalb gab es auch jahrelang auf der Frankfurter Buchmesse beim Ullstein-Stand einen Guinness-Ausschank. Da konnte dann der geneigte Messebesucher auf Ullstein kosten ein gepflegtes Guinness trinken, wenn ihm das Durchpflügen der heiligen Hallen die Kehle ausgetrocknet hatte.

Ich hatte mich eines Morgens mit Helmut Wenske verabredet. Ein oder zwei Jahre zuvor war sein Underground-Klassiker ROCK´N ROLL TRIPPER erschienen, aber Wenske war nach wie vor als Maler und Cover-Künstler bekannt. Wir richteten uns an der schönsten Stelle am Stand ein, denn ich war auch mit Jörg verabredet. Wenske und ich sprachen dem dunklen Bier zu.

Und dann kam auch irgendwann Herr Fauser.
Jetzt ging die Party richtig los:

Zwei lautstarke Underground-Hessen, Guinness und dazwischen ein schüchterner Lektor. Hessischer Anarchismus, der in dem Manifest gipfelte: „Ich lass mir doch nicht von Idioten erzählen, was ich zu machen habe.“
Die Hostess kam mit dem Zapfen kaum nach. Für weitere Kundschaft war nun wirklich kein Raum oder Becher mehr. Das Kontingent reichte ja kaum für uns.
Die Kreise, die man um uns (und den Ullstein-Stand) zog, wurden immer weiter. Keiner schien dem niveauvollen Geplärre lauschen zu wollen.

Dann kam Geschäftsführer Viktor Niemann, ein durchaus toleranter und humorvoller Mensch, und nahm mich beiseite. Er bot mir einen Hunderter an, wenn ich mit meinem Pack woanders hingehen würde. Sein Wunsch war mir pekuniärer Befehl und so zogen wir zu Fischer, Hoffmann & Campe… und…und… Na dahin, wo schon vormittags was im Ausschank war. Immer nur zwei, drei Wein und ein paar Kurze. Denn kein Verlag schien gewillt zu sein, Büchermacher auf Motivsuche langfristig zu bewirten. Der Hunderter ging dann irgendwann in Äppelwoi-Kaschemmen drauf, bevor Jörg und ich zum Ullstein-Empfang torkelten, um Scholl-Latour zu treffen, der ein Idol von uns war.

Jörg hatte wie jeder ernsthafte Trinker den Trick raus, nüchtern zu sein, wenn es drauf ankam. Zum Beispiel, wenn eine Deadline bevorstand. Oder wenn er beim TIP „Heft machen musste“. Alle zwei Wochen. Dann zeigte er eiserne Selbstdisziplin. Er war eben kein Säufer, sondern ein ernsthafter Trinker.

Wenn Jörg an einem längeren Stück arbeitete – insbesondere an Romanen -, gab es kein um die Häuser ziehen oder Saufereien. Dann verließ er seinen Kampfstand nur um einzukaufen, vor allem Milch, literweise Milch. Jörgs Image als Streuner war seit Frankfurter Tagen so etabliert, dass die Zeitungen darüber berichteten, wenn er mal zu Hause war.

In Klausur hämmerte er auf seine mechanische Reiseschreibmaschine ein, wie die großen Vorbilder von Graham Greene bis George Orwell. Ich schlug ihm mal vor, es mit einer schönen neuen elektrischen zu versuchen (ich selber hatte gerade die Freuden einer IBM Kugelkopf kennengelernt), die ihm das Schreiben erleichtern könne. Er sah mich nur verächtlich an: „Man muss um jeden Satz kämpfen.“

Und dieser selbstmitleidlose Kampf zeichnete seine Texte aus. Die meisten Bücher werden nur gelesen, andere sind Erfahrungen, die zum Bestand der eigenen Biografie werden. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Jörg heute noch auf so viele jüngere Leser eine Faszination ausübt.

FORTSETZUNG FOLGT



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

Dieser Blog ist bekanntlich ein Ort, in dem die Vernunft ihre einsamen Monologe hält.
Also auch der richtige Ort, um in Erinnerungen an Jörg Fauser zu schwelgen, der 2019 seinen 75.Geburtstag hätte feiern sollen und auch einen neuen Rekord aufstellt: Er ist wahrscheinlich der einzige Schriftsteller, der es innerhalb von dreißig Jahren auf fünf Gesamt- oder Werkausgaben gebracht hat!

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 1/

Ungefähr ein Jahr arbeitete Jörg an einem Polit-Thriller mit dem Arbeitstitel KINDER DER MORGENRÖTE (er ließ das Projekt dann zu Gunsten von ROHSTOFF fallen). Es ging um Terrorismus.
Wir waren damals (1983) verschärft auf Jim Thompson-Trip, von dem innerhalb der Ullstein-Krimis eine kleine Werkausgabe lief, die mein Vorgänger als Herausgeber, Bernd Jost, initiiert hatte.
Thompson war jedenfalls zu der Zeit eines unserer führenden Gesprächsthemen, und Jörg überraschte mich eines Abends mit der Mitteilung, er würde ihn für KINDER DER MORGENRÖTE nutzen. Er würde GETAWAY als Code-Buch für seine Protagonisten einsetzen. Einen Thompson-Roman als Code für Terroristen! Das fanden wir richtig gut und witzig.

Für den sogenannten „Sozio-Krimi“ fanden wir wenige gute Worte. Die meisten Romane waren einfach zu schlecht geschrieben, und brave Gesinnung ist für Literatur nicht ausreichend. Sicherlich gab es das eine und andere herausragende Werk von Friedhelm Werremeier oder Michael Molsner, das Gnade vor unserer arroganten Poetik fand. Aber der die deutschsprachige Kriminalliteratur dominierende Sozio-Krimi war abschreckend.

Nicht gerade ein Feindbild, aber ein redundantes Konzept, erfüllt von eher drittklassigen Autoren. Eine aufs Ganze gesehen recht trübe Literatur.

ULF:

Der einzige deutsche Thriller-Autor, den wir uneingeschränkt bewunderten, war Ulf Miehe. Er hatte die deutsche Kriminalliteratur in den 70ern wahrlich erneuert und aus seiner provinziellen Haltung herausgeschossen.

Dieses „provinzielle“, dass wir auch im Feuilleton ausmachten, erfüllte uns mit Ekel (tröstlich, dass sich Jörg den potenzierten Zustand beider Genres in der Gegenwart nicht mehr reinziehen muss… Andererseits fehlen natürlich die Zynismen und Analysen zu aktuellen Idioten. Ich kann mir leicht vorstellen, was Jörg an Häme über den heutigen deutschen Krimi ausschütten würde, der in der Masse weit hinter dem Sozio-Krimi zurückgefallen ist).

Jörg kannte Ulf noch aus seinen Münchener Jahren. Und als Ullstein mal wieder mit irgendeiner Berliner Kulturinstitution eine Veranstaltung zur Kriminalliteratur plante, war Ulf die erste Wahl für ein Podium. Und er kam auch, trotz enger Drehpläne. Denn da lief schon die Entwicklung für DER FAHNDER bei der Münchener Bavaria, in die Ulf involviert war.

Ich war beeindruckt, ihn persönlich kennen zu lernen. Seine Thriller hatte ich sofort in ihren Veröffentlichungsjahren gelesen und seitdem mit mir rumgeschleppt. Jetzt kam ich – ganz Fan – an eine Widmung. Später schenkte mir Ulf die US-Ausgabe von ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN (in zehn Sprachen übersetzt und weltweit fast eine Million verkauft), die er persönlich Bob Dylan überreichte, dem das Buch gewidmet ist. Ulf war der größte Dylan-Fan, den ich je kennengelernt habe. Er hatte Unmengen von Videos und Bootlegs aus der ganzen Welt – in Zeiten vor Internet. Möglich war das, da er Mitglied in einem Planet umspannenden Dylan-Netzwerk war.

Ich bin froh und dankbar, dass sich daraus eine Freundschaft entwickelt hat. Ulf war Mitte der 80er vor allem als Regisseur unterwegs. Mit dem FAHNDER wurde ja dann auch frischer Wind ins Regionalprogramm geweht.

Dann drehte er auch noch seinen Kinofilm DER UNSICHTBARE.

Da hatte er die betörende Idee, Jörg und mich als Kleindarsteller (Euphemismus für Statisten) bei einer Pokerrunde einzusetzen. Jörg und ich waren begeistert angesichts der bevorstehenden Oscar-Nominierungen. Leider scheiterte es an der Terminkoordination und wohl auch am Budget. Sehr, sehr schade. Wir wären die ersten Statisten gewesen, die aus Berlin zu Dreharbeiten in München eingeflogen wurden. Das hätte die Branche revolutioniert! Vielleicht mit ein Grund, weshalb Ulfs Produzent nicht mitgespielt hat.

Ulfs Energie und Arbeitsleistung war um so beeindruckender, da er schwer krank war. In den letzten Jahren vor seinem Tod planten wir eine Zusammenarbeit bei Bastei-Lübbe. Dort war inzwischen Ulfs früherer Piper-Lektor Walter Fritsche (der mit ihm das Drehbuch zu JOHN GLÜCKSTADT geschrieben hatte) Verlagsleiter des Hardcover-Programms geworden. Dadurch gab es ganz andere Möglichkeiten, als ich sie mit meinem Budget der SCHWARZEN SERIE hatte. Geplant waren drei kurze Fortsetzungsbände in der SCHWARZEN SERIE, die dann als Hardcover zusammengefasst worden wären. Ein geradezu innovatives Konzept.

Als Freund, Mensch und Künstler stand und steht Ulf Miehe für seltene Integrität.

Umso mehr ärgerte es mich, als ein Friederich Ani behauptete, Fausers SCHNEEMANN habe den „modernen“ deutschen Kriminalroman begründet.

Welchen denn?
Den Regionalkrimi?
Den Gummizellenthriller à la Fitzeck?
Den Fußballkrimi?
Den Frauen-in-Gefahr-Krimi?
Schrebergartengourmet-Krimis, die in den Werten des Kleinbürgertums versteinern?

Falls er meinte, SCHNEEMANN wäre der erste deutsche Kriminalroman gewesen, der den damals dominanten-Sozio-Krimi oder die Old School à la Hans Gruhl hinter sich ließ und neue Themen und (angelsächsisch orientierte) Herangehensweisen erschlossen habe, irrt der Kenntnislose. Das erledigte Ulf Miehe bereits mit ICH HAB NOCH EINEN TOTEN IN BERLIN, 1973, und PUMA, 1976.

Ulf und Jörg waren, wie gesagt, befreundet (Ulf war ebenfalls Mitglied der Gruppe Oberbaumbrücke) und Jörg hat sich auch gerne auf Ulf bezogen, wenn es um die Weiterentwicklung deutscher Kriminalliteratur über den Sozio-Krimi hinaus anging.

Jörg hat sich BEWUSST auf die Vorleistungen von Ulf Miehe bezogen, dies auch immer betont.

Für Taube lässt sich nicht musizieren.

Ani über Fauser (oder Jim Thompson) ist ähnlich gehaltvoll, als würde Dieter Bohlen über Bob Dylan referieren.

LOCCUM

Nach dem ersten Treffen im August 1982 (dazu an anderer Stelle mehr), legte die Krimi-Tagung in Loccum die Grundlagen für unsere Freundschaft (Jörg schrieb einen bösen Bericht darüber als LEICHENSCHMAUS IN LOCCUM für TransAtlantik in Nr.3/1983).

Man kennt jemanden erst, wenn man weiß, was er will. Deshalb haben sich Jörg und ich unter den verschärften Bedingungen von Loccum schnell erkannt. Die Schnittmenge von dem, was wir beide wollten, war extrem hoch.

Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne die Krimiszene zu Tagungen in ostblockartige Farblosigkeit ein, deren inhaltliche Öde durch abendliche Trinkgelage kompensiert wurde. Hier trafen sich überwiegend Autoren der bescheidenen Kategorie zu lärmender Ausgelassenheit und stupiden Katerforen. Da rannten sie dann ein paar Tage wild onanierend durch die Gegend. Jeder davon ehrlich überzeugt, dass ihm der Kardinalshut gebührt.

Gestalten, die nicht begriffen hatten, was wir längst als Grundlage der Kriminalliteratur identifizierten: Ein kriminelles System sanktioniert kriminelle Verhaltensmuster im großen Stil positiv.

In weiser Voraussicht hatte man uns in einem unbewohnten Seitenflügel ausquartiert, zwei karge Klausen zugewiesen, die unserem Außenseiterstatus entsprachen.

Als frischgebackener Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den meisten anwesenden Deutschschreibern gleich mal meine Popularität auf null gebracht, indem ich kategorisch verkündete, dass ich keine deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe machen würde, solange mir angelsächsische Weltklasse zur Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen.

Die Kluft zwischen zwei Systemen war schon in Loccum erkenn- und unüberwindbar:
Fauser mit literarischen Höchstansprüchen an die Kriminalliteratur und der damit verbundenen Orientierung an angelsächsische Autoren auf der einen Seite, ein Schreiber-Interessenverband, der sich hauptsächlich mit sich und Symptomen des politischen Systems auseinandersetzen wollte und um mehr Anerkennung buhlte, auf der anderen.
Was da rumschlich und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete, waren die Gründerväter einer Organisation namens „Syndikat“, die angebliche Krimiautoren vertrat. Das „Syndikat“ sollte dann auch zu einem Interessenverband werden, den einige geschickt zu ihrem persönlichen Weiterkommen instrumentalisierten.
Der Verein schadete ähnlich stark wie die Gruppe 47. Jörg verachtete diese sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen und damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit erreicht. Wenn der Kadaver lang genug gefahrlos gesiecht ist, kommen die Aasfresser. In der deutschen Kleinliteraturszene beanspruchen sie weniger das Fleisch, von dem sie lernen könnten, als den vermuteten Geist, der ihren übersteigt.
Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf dem Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits wahrgenommen zu werden.

In seinem Essay:
»Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die Kneipe.«

Der Star der Veranstaltung war – zumindest für Jörg und mich – der legendäre Rowohlt-Thriller-Herausgeber Richard K.Flesch. Er hatte seine Reihe zur innovativsten der 1970er Jahre gemacht. Jörg und ich waren Fans von ihm, schon wegen seiner zynischen Autorensicht. Angesprochen auf einen anwesenden schlimmen Autor, dessen Bücher und Drehbücher bis vor kurzem kaum erträgliches abgeliefert haben (nein, nicht Felix Huby), meinte Fleschi: „Ich kann ihn nicht rausschmeißen. Er schenkt mir jedes Jahr zu Weihnachten ein Kistchen sehr guten Whisky.“

Ich hatte außerdem wunderbare Erinnerungen an ihn, da er als einer der ersten, die von mir in München mitbegründete Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur unterstützte. Er sorgte sogar dafür, dass uns Rowohlt eine Schreibmaschine spendete, als unsere verreckt war. In gewisser Hinsicht war das die Gründung des deutschen Krimi-Fandoms, dass er stützte.

Richie hatte fast ununterbrochen zwischen den Podiumsdiskussionen Interviewtermine. Jörg und ich hingen da nur so ein wenig herum. Zwischen zwei Terminen kam Fleschi dann gerne zu uns, hielt seinen Kaffeebecher hin und sprach: „Habt ihr noch einen Schluck Whisky? Ich fasel seit Stunden immer denselben Mist in irgendwelche Mikrofone.“ Zu dem Zeitpunkt stand Fleschis Renteneintritt bereits fest, und Bernd Jost war schon in Reinbeck, um zu übernehmen.

Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen, überließen wir die Fachleute weitgehend ihrem Elend. Jörg, Peter Schmidt (damals einziger deutscher Autor der Ullstein Krimis, noch von Jost eingekauft und folgerichtig dann zu Rowohlt gewechselt) – und ich erkundeten lieber die geringe örtliche Gastronomie.

Schmitti und Jörg bekundeten in der Dorfkneipe mit der Kühnheit und Autorität der Wissenden lauthals ihre John-le-Carré-Bewunderung. Jörg: »Hier fielen drei, vier fremde Herren nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis auf Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten, wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen: Greene! Oder: Himes! Oder: le Carré!«

Das war wohl der Tag der Zeugung der GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE, die etwa neun Monate später zur Welt kam.

Beim Auspacken hatte ich mitbekommen, dass Jörg vorausschauend zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte uns über den ersten Tag (wir teilten ja auch brüderlich mit Flesch und dem einen oder anderen). In der Nacht darauf ging uns der Stoff aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos nuckelte ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum Plündern aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky zurück.

Wie hatte er das wieder hingekriegt?

Er schrieb nicht nur wie kein zweiter deutscher Autor, er löste auch Logistikprobleme mit links. Später haben Schmidt und ich es aus ihm rausgelockt. Jörg war durch ein offenes Fenster in die Dorfkneipe eingestiegen, hatte Licht gemacht und dann lautstark Bedienung eingefordert. Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug aus dem ersten Stock heruntergetapert und hatte ihm anstandslos eine Pulle verkauft. Wenn Jörg Durst hatte, gab es keine Mauern.

In Loccum hatten wir auch unseren ersten Streit. Wir gerieten uns wegen Patricia Highsmith in die Wolle. Für Jörg war das nur Psychokram. Für mich die Göttin des dunkelsten Psycho-Thrillers. „In meiner Gegenwart pisst man niemanden aus meinem Pantheon an – selbst nicht, wenn er dazu gehört.“

Aus Jörgs Sicht klang das so: „Ja, ich erinnere mich noch an die Szene weit nach Mitternacht, als ich mit einem Lektor, der ansonsten ganz gescheite Maßstäbe hatte, aneinandergeriet, es wäre fast zu Tätlichkeiten gekommen, ich: Die Highsmith! Psychokram!Kunsthandwerk! Er: Phantastisch! Stil! Härte zehn! Ich: Bornierter Blödsinn! Er: Schreib erst mal was Besseres! Da stand uns dann beiden die Lust zum Totschlag in den Augen, der Killerinstinkt. Freilich hatten wir auch schon einigen Whisky intus, denn das muß ich Ihnen gestehen, Herr Prof.Dr. Ermert: So ganz nüchtern läßt sich das Evangelische leider nicht ertragen.“

FORTSETZUNG FOLGT

Ein Miehe-Nachruf:
https://www.artechock.de/film/text/artikel/1999/07_15_c.htm



MARKETING IM TAL DER PUPPEN – oder wie Jacqueline Susann die Grundlagen für das moderne Bestsellergewerbe schuf by Martin Compart

“A new book is like a new brand of detergent.
You have to let the public know about it.
What’s wrong with that?”

Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, da hätte man sich zumindest gewundert, wenn ein hehrer Schriftsteller durch Talk-Shows oder andere TV-Unterhaltungen vagabundiert wäre, um sein neues Werk zu promoten.
Heute eine Selbstverständlichkeit, aber bis in die 1960er Jahre völlig unüblich. Damals hätte man das geradezu als degoutant empfunden.

Es war eine weibliche Autorin, die eine Revolution in den Vermarktungsstrategien von Büchern einführte. Ihr Name ist heute fast vergessen, obwohl sie noch immer einen unerreichten Rekord hält: Sie brachte als erster Autor drei Bücher hintereinander aus dem Stand auf den ersten Platz der New York Times-Bestsellerliste.

Ihr Name: Jacqueline Susann.
Über ihren gigantischen Erfolg rümpften die ranzigen Kritiker natürlich die Nase. Sie paart ein minimales literarische Talent mit einem gigantischen Talent für Public-Relations, wurde damals gelästert. Und das war noch der mildeste Vorwurf der Kulturnachtwächter.

Zur Neuauflage ihres Bestsellers VALLEY OF DOLLS eilte vor ein paar Jahren nun sogar die große Camille Paglia zur Ehrenrettung herbei, indem sie darauf hinwies, dass die Pop-Kultur – von den schmutzigen Romanen einer Jackie Collins bis zu TV-Soaps à la MELROSE PLACE – vieles Jacqueline Susann zu verdanken hat:

„Es waren Susann und Harold Robbins, die diese modernen, sexgeladenen Melodramen erfunden haben. Für mich ist TAL DER PUPPEN einer der großen Romane der Nachkriegszeit. Sie schrieb in demokratischer Straßenprosa, sehr filmisch, alles wurde visualisiert. Susann war Arbeiterklasse wie die junge Joan Crawford Arbeiterklasse war. Ich bewundere sie als Mensch und als Geschäftsfrau. Sie war wie Madonna.“

Vor allem war Jaqueline Susann die erste Autorin, die mit einem neuen erfolgreichen Marketingansatz alle zuvor üblichen Strategien aushebelte und die Epoche des „gemachten Bestsellers“ einführte.

Durch sie wurde das Buchgeschäft endgültig zu einem Bestandteil des Showbusiness. Jacqueline Susann wurde zu einem Markenzeichen, weil sie in Talkshows, Fernseh- und Radiosendungen auftrat und mit großem Geschick sich selbst und ihr Werk anpries, bis sie Millionen Käufer fand. Mit ihrem Mann, einem PR-Agenten, ließ sie sich immer neue Aktionen einfallen, die Ereignischarakter (deutsch: Event) hatten und darüber hinaus mediales Aufsehen erregten. Zeitgleich mit Harold Robbins wurde sie zum Markenzeichen für Bestsellerliteratur (in der Genre-Literatur gab es das bereits, aber die erklomm selten die Bestsellerlisten wie etwa zur selben Zeit Alistair MacLean oder zuvor Ian Fleming).

„Egal, was ein Interviewer fragt, ich kann ihn immer thematisch zu meinen Büchern führen.“

Die ehemalige Miss Philadelphia, Fernsehsprecherin und Werbetexterin wusste genau, was sie tat! Sie verglich das Verkaufen von Büchern gerne mit dem Verkauf von Zahnpasta. Außerdem verlangte sie vom Verlag, dass die Anzeigen für ihre Romane auf den Filmseiten der Zeitungen geschaltet wurden und nicht im Literaturteil. Sie „erfand“ auch die bis heute geltende Form der Lese- und Signierreise. Eine Angestellte der Buchhandelsgruppe B.Dalton sagte damals: „Durch Jackie bekamen wir neue, zusätzliche Kundschaft. Sie brachte Leute in die Buchhandlungen, die nie zuvor eine Buchhandlung von innen gesehen hatten.“ Außerdem recherchierte sie die Buchhandlungen, die für die Bestsellerliste der „New York Times“ befragt wurden, und konzentrierte ihre PR-Arbeit auf sie.

Noch weiter ging Susanns Mann Irving Mansfield, der eine besonders bedenkliche Taktik entwickelte: Er ließ von Mitarbeitern in den Schlüsselbuchhandlungen bestimmter Städte die gerade ausgelieferten Bücher seiner Frau aufkaufen, um sie schneller auf der Bestsellerliste nach oben zu drücken. Keine Expansion ohne Investition!

Jacqueline Susann erfand (oder zumindest perfektionierte) ein neues Subgenre: Glitzernde Melodramen über das Sexleben und die Welt der Schönen und Reichen. Die fiktiven Personen ihrer Bücher ähnelten immer prominenten Personen der Zeitgeschichte. So ließ sie sich gerne unterstellen, sie schreibe Schlüsselromane über Hollywood und Washington und verarbeite das geheime Leben, über das sie wohl informiert sei, bekannter Politiker und Stars wie Marilyn Monroe, Grace Kelly oder John F. Kennedy. Diesen Eindruck bestärkte sie geschickt, indem sie in jedem Interview die reale Person und ihre fiktive Verschlüsselung nannte – und augenzwinkernd dementierte, dass beide irgendetwas miteinander zu tun hätten.
SEX AND THE CITY zum Beispiel, wäre ohne Jacqueline Susanns „Vorarbeit“ schwer vorstellbar.

Ihr erstes Buch EVERY NIGHT, JOSEFINE (1963) war eine rührende Geschichte über Susanns Pudel Josefine und verkaufte sich 1,7 Millonen mal – was Mrs.Susann nicht genug war.

Obwohl ihr Verleger eine Fortsetzung wollte, schrieb sie etwas völlig anderes: DAS TAL DER PUPPEN, einen mit Sex gespickten Roman über drei Hollywood-Starlets, die sich nach oben kämpften. Die Sexszenen galten 1966 als skandalös, ja pornographisch. Heute wirken sie eher harmlos. Jeder in Susanns Verlag hasste das Buch, aber die Gattin des Verlegers liebte es: „Es liest sich, als würde man heimlich zwei Frauen am Telefon belauschen, die sich über die sexuellen Vorlieben ihrer Ehemänner unterhalten. Bei so einem Gespräch muss man einfach zuhören.“

Das Buch hieß TAL DER PUPPEN, erschien im Februar 1966 und blieb 28 Wochen auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste. Die Verfilmung von 1967 war der vierterfolgreichste Film des Jahres. Susann nannte die Verfilmung „a piece of shit„. Bis 2016 verkaufte das Buch 31 Millionen Exemplare in 30 Sprachen. Ihr Verleger verlangte von Susann vergeblich, sie möge doch den Titel ändern, sonst würde das Buch in der Kinderbuchabteilung landen!

Die paar Kritiker, die es besprachen, sahen es als Beispiel für den zivilisatorischen Verfall an, zumindest aber für den Niedergang großer Literatur. Und Susann zog nach, mit Statements wie „Nabokov und ich schreiben auf demselben Niveau. Aber ich bin besser.“ Provokationen, die auch in der Pop-Musik Verwendung fanden. Schäumende Hasstiraden aller sie bisher ignorierenden Kritiker waren ihr von nun an sicher.

Dabei hat der Roman Qualitäten, für die ich hier nur ein Zitat als Beispiel anführe:
A wife held the same social status as a screenwriter—necessary but anonymous.”

Werbung kann zwar negativ sein, muss deshalb noch lange nicht den Absatz verschlechtern. In dem Jahr gab es keine TV-Show, kein Magazin und keine Zeitung, in der Jacqueline Susann nicht mehrmals auftauchte. Ihr Name wurde zum Markenartikel für Sex, Indiskretion und Glamour.

1969 erschien ihr nächster Streich: DIE LIEBESMASCHINE blieb 26 Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten.

Diesmal zettelte sie einen Streit mit Truman Capote an, der durch sämtliche Medien ging. Susann hatte sich in einer Fernsehshow über die Stimme von Capote lustig gemacht. Capote schlug in einer anderen Talk-Show zurück und sagte, Susann sei „ein geborener Transvestit. Sie sieht aus wie ein Fernfahrer im Fummel“. Später entschuldigte er sich bei den Truckern für diesen Vergleich. Ihr Streit beherrschte die Medien mehrere Monate (und hielt bis zu Susanns Tod 1974 an).

Bereits 1962 hatte man bei Jackie Krebs diagnostiziert. Aber nur ihre engsten Freunde wussten davon und ihre gelegentlichen Behandlungen in Krankenhäusern.

Als 1973 ihr letzter Bestseller EINMAL IST NICHT GENUG erschien, bekam sie erneut Bestrahlungen. Geschwächt und gegen den Willen der Ärzte verließ sie das Krankenhaus, um auf eine PR-Tour durch achtzehn Städte zu gehen. In jeder Stadt suchte sie heimlich ein Hospital auf, um ihre Chemotherapie fortzusetzen.

Für das Buch lohnte sich ihr selbstmörderischer Einsatz: Wieder kam sie auf Platz eins der Bestsellerlisten. Aber sie magerte ab und starb 1974 mit 56 Jahren. Ihr Mann stellte die Urne mit ihrer Asche in das Regal mit ihren Erfolgsbüchern. In den USA, wo ihre Bücher 15 Jahre nicht lieferbar waren, wurde sie 2002 wiederentdeckt: Als „Mutter“ der modernen Literatur, die Trash und Melodram zum Bestsellerkonzept verlötete.



MEYER LANSKY – DER PIONIER DES ORGANISIERTEN VERBRECHENS by Martin Compart

Als FBI-Agenten Mitte der 80er Jahre eine Razzia in der Zentrale der Mafia-Familie Lucchese durchführten, entdeckten sie zwei Fotos an der Wand: eines von Al Capone und eines von Meyer Lansky, allgemein immer als „Buchhalter der Mafia“ verkannt.
Zwei Ikonen des Organisierten Verbrechens, die zwei entscheidende Aspekte verkörpern: Capone steht für den brutalen Aufstieg des Mobs durch Gewalt und Korruption; Lansky für das Festsetzen in der Gesellschaft durch die Umwandlung illegal erwirtschafteten Kapitals in legale Geschäfte.

Heute wissen wir, wer der staatsgefährdendere war. Angesichts der Milliarden Drogengelder die jährlich gewaschen werden und als legales Kapital in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen, kann man auch bei uns von einer großformatigen Unterwanderung der Volkswirtschaft durch das Organisierte Verbrechen sprechen. Um so wichtiger ist die Aufklärung über diesen Bereich, der lange von deutschen Verlagen, im Gegensatz zu angelsächsischen, sträflich vernachlässigt wurde.

Die vorliegende, bereits 1992 im Lübbe Verlag erschiene Biographie über den intelligentesten Mobster seiner Generation gibt Einblick, wie die amerikanische Gesellschaft durch das Organisierte Verbrechen unterwandert wurde und wie der Aufstieg des Mobs zum Wirtschaftsfaktor erst durch die unselige Prohibition möglich wurde. Angesichts der idiotischen Drogenpolitik ist es schwer verständlich, wie wenig doch Politiker aus der Geschichte lernen. Da bleibt dann nur der Schluss, dass die Vernetzung zwischen illegalen und legalen Geschäften zwei Seiten derselben Münze sind, die Kapitalismus heißt.

Meyer Lansky wurde um 1902 in dem Grenzstädtchen Grodno geboren. Eine der wenigen osteuropäischen Gemeinden, in denen sich die Juden mit Gewalt gegen die Pogrome von 1906 wehrten und somit dafür sorgten, dass sie vor den schlimmsten Ausschreitungen des Antisemitismus verschont blieben.

1911 wanderte die Familie nach New York aus und siedelte sich im jüdischen Viertel der Lower East Side an, eingeklemmt zwischen irischen und italienischen Reservaten. Die früher eingewanderten Iren, die die Großmacht der korrupten New Yorker Polizei stellten, fühlten sich Italienern und Juden überlegen und förderten zusammen mit Politikern die Ghettoisierung dieser Gruppen.
Bandenkriminalität war von Anfang an ein Problem, aber Anfang des Jahrhunderts bekam sie eine neue Qualität: Arnold Rothstein, „das Gehirn“ genannt, merkte schnell, daß die Organisation von Glücksspielen weitaus lukrativer als das Spielen selbst war. Er war der erste Gangster, der das Verbrechen als Geschäft betrieb. Scott Fitzgerald verewigte ihn als Meyer Wolfsheim im „Grossen Gatsby“.

Der junge Lansky entdeckte früh das Glücksspiel, das an jeder Ecke der Slumstraßen auf naive Narren wartete. Als hervorragender Schüler, der drei Klassen übersprang bevor er eine Mechanikerlehre antreten musste, hatte er schnell seine außergewöhnliche Fähigkeit mit Zahlen umzugehen erkannt. Nach einem Spielverlust durchschaute er das System: „Einen Spieler der Glück hat, gibt es einfach nicht. Es gibt nur Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind diejenigen, die das Spiel kontrollieren.

Noch als Jugendlicher freundete er sich mit Bugsy Siegel, den er vor einem unnötig riskanten Mord bewahrte, und Lucky Luciano an. Mit Beiden sollte ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden und Lansky galt als der einzige, der mit dem notorisch mörderischen Siegel umgehen konnte.

Als 1920 die Prohibition in Kraft trat, knallten bei den Gangsterbanden der USA die Sektkorken. Indem man den Alkohol in die Illegalität abdrängte, gab man den Gangstern quasi eine Lizenz zum Gelddrucken. „Denn die Profite aus diesem gewinnträchtigen und nun illegalen Sektor der Volkswirtschaft schufen gewaltige Vermögen, durch die Polizisten, Richter und Staatsbeamte nur allzuleicht in Versuchung geführt wurden“.
Durch die Prohibition gelang es dem Organisierten Verbrechen von den Rändern der Gesellschaft mitten in ihr Zentrum vorzudringen. Je mehr Kapital „erwirtschaftet“ wurde, um so höher waren die Möglichkeiten zur Reinvestition. Natürlich kam es zwischen den immer gieriger werdenden Bossen zu Gebietskämpfen und blutigen Rivalitäten. Aber Lansky und Freund Siegel blieben davon verschont, denn Meyer, der glaubwürdig behauptete „kein Geld hatte Gewalt über mich „, galt als ehrlich. Das war seine größte Stärke im Königreich der Betrüger und Opportunisten. Er sah alles geschäftsmäßig: „Schießereien und Morde waren eine sehr unrentable Geschäftsmethode. Ford-Vertreter erschossen Chevrolet-Vertreter nicht, sondern versuchten, sie durch ihre besseren Angebote auszuschalten.“

Der Aufstieg des Organisierten Verbrechens wäre ohne das Alkoholverbot nicht möglich gewesen. Es war eine kurzsichtige Aktion von Politikern, deren Wertvorstellungen mit den Bedürfnissen seiner Bürger nicht mehr im Einklang waren. Etwas, dass immer den kontrollierten Normenverstoß als Geschäft nach sich zieht. Wenn sich die staatliche Kontrolle aus einem wirtschaftlichen Bereich zurück zieht, werden dem Organisierten Verbrechen alle Profite zugestanden, die einer unverzeihlichen Schwächung des öffentlichen Einkommens mit sich bringt.

Das Ende der Prohibition ließ die Gangs zwar mit riesigen Vermögen zurück, aber auch eines lukrativen Geschäftszweiges verlustig. Viele vertrieben nun offiziell Alkohol. Lanskys Freund Luciano warf sich auf den noch lukrativeren Rauschgifthandel. Davon wollte Lansky nichts wissen. Zeit seines Lebens ließ er die Finger vom Rauschgifthandel.

Er wandte sich verstärkt seiner ersten großen Liebe zu: dem Glücksspiel. Im 2.Weltkrieg bat der Marinegeheimdienst Lansky um Hilfe; zuvor hatte Lansky schon durch Gangster Nazi-Versammlungen sprengen lassen. Der ließ sich nicht lange bitten und setzte aus Patriotismus seine Unterweltkontakte gegen deutsche Spione und Saboteure ein.
Er stellte auch den Kontakt zu Luciano her, der wie bekannt, alles mögliche für eine erfolgreiche Invasion Siziliens durch die Alliierten einleitete.

Nach dem Krieg dankte es Meyer niemand und er meinte nur lakonisch: „Ich bin nie der Meinung gewesen, dass ein Jude Dank erwarten sollte, wenn er sich für die jüdischen Interessen einsetzt.“ Und als sich Frank Costello einmal darüber beklagte, dass sie als Gangster eingestuft wurden, meinte Lansky: „Keine Sorge, keine Sorge. Sieh dir die geschichtliche Entwicklung an: die Astors und die Vanderbilts, all diese Leute aus der großen Gesellschaft, das waren die schlimmsten Diebe; und nun guck sie dir heute an…Es ist alles nur eine Frage der Zeit.“

1982 stand Lansky auf der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar an achter Stelle, vor den erwähnten Familien. Lansky intensivierte seine Bemühungen im Glücksspiel. Kleinere Ortschaften wurden völlig korrumpiert und ihr Wohlstand von den Spielkasinos abhängig gemacht.

Auf das Drängen des kubanischen Diktators Batista nahm sich Meyer Lansky auch der Insel an und modelte sie zu dem Spielerparadies schlechthin um. Mit seinen anderen Geschäften, wie den Vertrieb von Fernsehern an Bars, hatte er dafür weniger Glück. Aber „Ende der 40er Jahre regte sich in vielen Ecken Amerikas, wo das Glücksspiel bisher ungehindert floriert hatte, allgemeine Unmut. Eine Freizügigkeit, die in den Nachwehen der Prohibition und der Depression sowie im allgemeinen Überschwang der ersten Nachkriegsjahre weithin toleriert worden war, wurde von einer Gesellschaft, die auf moralisch rigide Eisenhower-Ära zusteuerte, als nicht mehr akzeptabel angesehen.“ Die Öffentlichkeit begann die Mobster zu jagen.

Durch den Ausschuss von Senator Kefauver wurde nun allgemein bekannt, wer in den Grauzonen der Gesellschaft die Finger am Drücker hatte. Lansky konnte sich allen Versuchen entziehen, als Boss des Organisierten Verbrechens verurteilt zu werden. Hoover und sein FBI verfolgten ihn angeblich und schreckten auch nicht davor zurück, Zeugen zu Falschaussagen zu verleiten. Es nützte nichts: Lansky war zu clever, weil „er niemals der Größte sein wollte“ und seine Steuern pünktlich zahlte.

Seine Bemühungen nach Israel auszuwandern wurden durch den Druck der amerikanischen Behörden zunichte gemacht. So lebte er bis zu seinem Tod 1983 in Miami ein unauffälliges Rentnerleben.

Biograph Lacey folgt mit Akribie den Spuren dieses eher unauffälligen Mannes und gewährt tiefe Einblicke in die ganze Bigotterie der US-Gesellschaft. Der Bastei-Lübbe Verlag hatte sich schon mit der Biographie über den Chicagoer Mobster Giancana Lorbeeren eingeheimst. Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre hatte der Verlag ein starkes True-Crime-Segment, dass wohl aus der vom damaligen Bastei-Verlagsleiter Rolf Schmitz hervorgegangenen „True Crime“-Taschenbuchreihe hervorgegangen war. Da gibt es noch ein paar Schätze zu heben!
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Robert Lacey: Meyer Lansky.Der Gangster und sein Amerika. Gustav Lübbe Verlag, 1993; 607 Seiten.