Martin Compart


ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
3. Juli 2020, 6:55 pm
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2000 LIGHTYEATS FROM HOME jetzt auch als eBook by Martin Compart

Mit dem Bonus-Track: DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL – ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER.

Aus dem Bonus-Track:

LOCCUM

Nach dem ersten Treffen im Juli oder August 1982 legte die
Krimi-Tagung in Loccum die Grundlagen für unsere
Freundschaft (Jörg schrieb einen bösen Bericht darüber als
LEICHENSCHMAUS IN LOCCUM für „TransAtlantik“ in
Nr.3/1983).
Man kennt jemanden erst, wenn man weiß, was er will.
Deshalb haben sich Jörg und ich unter den verschärften
Bedingungen in Loccum schnell erkannt. Die Schnittmenge von
dem, was wir beide wollten, war extrem hoch.
Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne
die Krimiszene zu Tagungen in ostblockartige Farblosigkeit ein,
deren inhaltliche Öde durch abendliche Trinkgelage kompensiert
wurde. Hier trafen sich überwiegend Autoren der bescheidenen
Kategorie zu lärmender Ausgelassenheit und stupiden Katerforen.
Da rannten sie dann ein paar Tage wild onanierend durch
die Gegend. Jeder davon ehrlich überzeugt, dass ihm der
Kardinalshut gebührt.
Für den sogenannten „Sozio-Krimi“ fanden wir beide
wenige gute Worte. Jörg noch weniger als ich, der sich darüber
freute, dass sich überhaupt was in dieser verschnarchten
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Literaturlandschaft tat. Eine Haltung, die mir aber bald verloren
gehen sollte.
Die meisten Romane waren einfach zu schlecht geschrieben,
und brave Gesinnung ist für Literatur nicht ausreichend.
Sicherlich gab es das eine und andere herausragende Werk von
Friedhelm Werremeier oder Michael Molsner, das Gnade vor
unserer arroganten Poetik fand. Aber der die deutschsprachige
Kriminalliteratur dominierende Sozio-Krimi hatte sich seit den
1970ern zügig zum abschreckenden Klischee entwickelt. Nicht
gerade ein Feindbild, aber ein redundantes Konzept, erfüllt von
eher drittklassigen Autoren. Eine aufs Ganze gesehen recht trübe
Literatur.
In weiser Voraussicht hatte man uns in einem unbewohnten
Seitenflügel ausquartiert, zwei karge Klausen zugewiesen, die
unserem Außenseiterstatus entsprachen.
Als frischgebackener Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den
meisten anwesenden Deutschschreibern gleich mal meine
Popularität auf null gebracht, indem ich kategorisch verkündete,
dass ich keine deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe
machen würde, solange mir angelsächsische Weltklasse zur
Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er
hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen. Was da
rumschlich und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete,
waren die Gründerväter einer Organisation namens „Syndikat“,
die angebliche Krimiautoren vertrat. Der Verein schadete
ähnlich stark wie die „Gruppe 47“. Jörg verachtete diese
sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine
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Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben
sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen und
damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit erreicht. Wenn
der Kadaver lang genug gefahrlos gesiecht ist, kommen die
Aasfresser. In der deutschen Kleinliteraturszene beanspruchen
sie weniger das Fleisch, von dem sie lernen könnten, als den
vermuteten Geist, der ihren übersteigt.
Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf dem
Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits wahrgenommen zu werden.
In seinem Essay:
„Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und
toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer
Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die
Kneipe.“

Der Star der Veranstaltung war – zumindest für Jörg und
mich – der legendäre Rowohlt-Thriller-Herausgeber Richard K.
Flesch. Er hatte seine Reihe zur innovativsten der 1970er Jahre
gemacht. Jörg und ich waren Fans von ihm, schon wegen seiner
zynischen Autorensicht. Angesprochen auf einen anwesenden
schlimmen Autor, dessen Bücher und Drehbücher bis vor
kurzem kaum erträgliches abgeliefert haben (nein, nicht Felix
Huby), meinte Fleschi:
„Ich kann ihn nicht rausschmeißen. Er schenkt mir jedes
Jahr zu Weihnachten ein Kistchen sehr guten Whisky.“

Ich hatte außerdem wunderbare Erinnerungen an ihn, da er
als einer der ersten Profis, die Arbeitsgemeinschaft
Kriminalliteratur unterstützte. Er sorgte sogar dafür, dass uns Rowohlt
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eine Schreibmaschine spendete, als unsere verreckt war. In
gewisser Hinsicht war das die Gründung des deutschen KrimiFandoms,
dass er stützte.
Richie hatte fast ununterbrochen zwischen den Podiumsdiskussionen Interviewtermine. Jörg und ich hingen da nur so
ein wenig herum. Zwischen zwei Terminen kam er dann gerne
zu uns, hielt seinen Kaffeebecher hin und sprach: „Habt ihr
noch einen Schluck Whisky? Ich fasel hier seit Stunden immer
denselben Mist in irgendwelche Mikrofone.“
Zu dem Zeitpunkt
stand Fleschis Renteneintritt bereits fest, und Bernd Jost war
schon in Reinbeck, um zu übernehmen.
Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen,
überließen wir die Fachleute weitgehend ihrem Elend. Jörg,
Peter Schmidt (damals einziger deutscher Autor der Ullstein
Krimis, noch von Jost eingekauft und folgerichtig dann zu
Rowohlt gewechselt) und ich erkundeten lieber die geringe
örtliche Gastronomie.
Schmitti und Jörg bekundeten in der Dorfkneipe mit der
Kühnheit und Autorität der Wissenden lauthals ihre
John-leCarré-Bewunderung.
Jörg: „Hier fielen drei, vier fremde Herren
nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis auf
Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten,
wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen: Greene!
Oder: Himes! Oder: le Carré!“

Das war wohl der Tag der Zeugung der GRUPPE
OBERBAUMBRÜCKE, die etwa neun Monate später zur Welt
kam.
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Beim Auspacken hatte ich mitbekommen, dass Jörg vorausschauend
zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte
uns über den ersten Tag (wir teilten ja auch brüderlich mit
Flesch und dem einen oder anderen). In der Nacht darauf ging
uns der Stoff aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos
nuckelte ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum
Plündern aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky
zurück.
Wie hatte er das wieder hingekriegt?
Er schrieb nicht nur wie kein zweiter deutscher Autor, er
löste auch Logistikprobleme mit links. Später haben Schmidt
und ich es aus ihm rausgelockt. Jörg war durch ein offenes
Fenster in die bereits geschlossene Dorfkneipe eingestiegen,
hatte Licht gemacht und dann lautstark Bedienung eingefordert.
Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug aus dem ersten Stock
heruntergetapert und hatte ihm anstandslos eine Pulle verkauft.
Wenn Jörg Durst hatte, gab es keine Mauern.
In Loccum hatten wir auch unseren ersten Streit. Wir
gerieten uns wegen Patricia Highsmith in die Wolle. Für Jörg
war das nur Psychokram. Für mich die Göttin des dunkelsten
Psycho-Thrillers. „In meiner Gegenwart pisst man niemanden
aus meinem Pantheon an – selbst nicht, wenn er dazu gehört.“

Aus Jörgs Sicht klang das so: „Ja, ich erinnere mich noch an die
Szene weit nach Mitternacht, als ich mit einem Lektor, der
ansonsten ganz gescheite Maßstäbe hatte, aneinandergeriet, es
wäre fast zu Tätlichkeiten gekommen, ich: Die Highsmith!
Psychokram! Kunsthandwerk! Er: Phantastisch! Stil! Härte
zehn! Ich: Bornierter Blödsinn! Er: Schreib erst mal was

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Besseres! Da stand uns dann beiden die Lust zum Totschlag in
den Augen, der Killerinstinkt. Freilich hatten wir auch schon
einigen Whisky intus, denn das muß ich Ihnen gestehen, Herr
Prof. Dr. Ermert: So ganz nüchtern läßt sich das Evangelische
leider nicht ertragen.“

P.S.: Der erbärmliche Satzspiegel hier im Blog ist natürlich nicht mit dem im Buch zu vergleichen.

 



Ein Song für Bunker-Boy (der größte Feigling der USA) by Martin Compart
8. Juni 2020, 3:17 pm
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ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS – IHR LÄCHELN WAR SO ALLEIN by Martin Compart
19. April 2020, 7:19 pm
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Einer der besten Love-Songs aller Zeiten:

Wo hat Fauser immer diese Lyrics hergeholt? Und wer – außer Keith – hat solche Riffs drauf?



„RATTLE REKRUT REICHEL“ by Martin Compart
6. Dezember 2019, 10:45 am
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK, Porträt | Schlagwörter: , , , ,

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES, stark überarbeitete Neuausgabe demnächst bei ZERBERUS).

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Aus dem Kapitel über die 1960er.

Von nun an ging es Schlag auf Schlag!

Jede Woche war was Neues zu entdecken: Kinks, Troggs, Hollies, Manfred Mann, Procol Harum, Animals… Finanziell nicht zu bewältigen. Also sprach man sich ab: Du kaufst die, ich kauf die. Dann tauschen, wenn man die Single hundert Mal in der Woche gehört hatte.
Meine Popularität im Elternhaus erreichte einen Tiefstand. Aber sie kriegten es nicht hin, diese sittlich-ethisch desorientierenden Musik-Kapellen unter Strafe zu stellen. Für uns war die Rock-Musik ein goldener Fluss, und wir standen mit Eimern am Ufer. So erklommen wir die Gipfel der Ruchlosigkeit und Schande.

Noch heute muss man für die frühe Geburt dankbar sein, dass man nicht von kastrierten Prä-Rentnern wie Wincent Vice, Pietro Lombardi oder Glasperlenspiel sozialisiert wurde. Gegen die hätte sogar Willy Hagara gepunktet.

Eine neue jugendgefährdende Tradition entwickelte sich: der Party-Keller!
Manche hatten das Glück, in ihren Häusern Keller zu haben, die nicht als Kohlelager dienten, die recht adrett herzurichten waren. Etwa mit alten Sofas und selbst gezimmerter Bar. Prototypen dieser Hedonismusstellplätze waren bereits in den 50ern von der 5.Kolonne Moskaus eingeschmuggelt worden.

Am wichtigsten war natürlich der Plattenspieler.

Dicht gefolgt von Bildern der Stars, rausgerissen aus der „Bravo“ und an die Wände geklatscht. Ganz weit vorne war man mit einem „Bravo-Starschnitt“, der etwa Robert Fuller (AM FUSS DER BLAUEN BERGE) oder James Dean in Lebensgröße wiedergab. Da konnte schon mal ein Knie fehlen („Da waren wir in Italien und da kriegst du keine Bravo.“).
Ein gutbestückter Party-Keller verfügte natürlich nicht nur über die neuesten Platten, er hatte auch die verbotene Frucht für 10- bis 12jährige im Ausschank: Cola! Wer Cola trank war mindestens schon halbstark. Schmeckte gar nicht so doll, brachte aber Reputation.
An diesem Ort hatte pubertäre Verzweiflung Pause. Mit einem leeren Glas dazusitzen, grenzte an Hausfriedensbruch.

Nein, am wichtigsten für den Party-Keller waren Eltern, die nicht zu Hause waren.

Denn ALTE waren der Horror! Sie lebten ein Leben nach Regeln, die sich andere für sie ausgedacht hatten, die sie nicht einmal kannten.

Und dann kamen die Rattles!
Welches Ambiente war für sie geeigneter als ein Party-Keller? „Come On and Sing“, „Las Las Las Vegas“… Was für ein Krach! Lärm für Frühpubertierende, die mit hochrotem Pickelgesicht unbekannte Wesen fragten, „ob sie mit einem gehen wollen“.

Als man mich aufklärte, dass die Rattles aus Hamburg kamen, wollte ich es nicht glauben. Was für eine Enttäuschung! Als Beat-Band deutsch zu sein, fühlte sich nicht richtig an. Nein, das war schon direkt FALSCH.
Deutsch zu sein war sowieso scheiße. Ami – ja (schließlich plante man eine Karriere als Jess Harper bei den Cowboys), Engländer war auch okay.
Aber Deutscher?
An den Alten konnte man doch sehen, wie hinterletzt es war Deutscher zu sein. Spießer oder Altnazi. Viel mehr war da nicht drin. Und deutsche Musik… I mean really – da war man schon lange drüber weg.
In der Jugend darf man solange hochmütig sein, wie es dem Kenntnisstand nicht widerspricht.

Aber dann fand ich die Rattles doch verdammt gut. Besonders Achim Reichel war ein echter Kerl. Denn bei den Auftritten in heißen Studios hatte er eine Fellweste an, die man ihm aboperierte, als er zur Bundeswehr musste. Zum Start als Panzergrenadier brachte er unterm Stahlhelm 1967 das Video zu „Trag es wie ein Mann“ – noch immer ein Brüller.

Die „ernsthafte“ Journaille war damals stilistisch immer ganz weit vorne, wenn sie über Beat schrieb.

„Die Zeit“ aus Hamburg hatte tatsächlich mitgekriegt, dass es in Hamburg den Star Club und eine Beat-Szene gab. Und dass die Obermacker der Szene Hamburger Jungs waren, die sich „The Rattles“ nannten und nicht – wie man leicht hätte annehmen können – etwas waren, was sich quer durch die Erde aus der Mongolei dorthin durchgebuddelt hatte.

Deswegen war der „Zeit“ Achims Bundeswehreinsatz auch am 29. Juli 1966 einen Wahnsinnsartikel wert, unter der Überschrift RATTLE-REKRUT REICHEL. Ein paar Auszüge:

„Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen… Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seiner und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anließ, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.
Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: `Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird´…“

Diese Weitsicht bestätigt mein Vertrauen in die deutsche Justiz.

Eine ältere Kusine, die längst vertraut war mit der Welt des Rock´n´Roll sagte: „Wenn Achim vom Bund zurück ist, ist er genauso erledigt wie Elvis.“

Im Gegensatz zu Elvis ist er stärker zurückgekommen (auch weil er weniger Filme gedreht hat).

Mit Wonderland ließ er es nach dem Bund sofort krachen. An „Moscow“ kam ´68 keiner vorbei.
„Die grüne Reise“ kam für mich zu früh. Diese Begleitmusik für psychedelische Freizeitpharmazeutika entdeckte ich erst nach meiner bescheuerten (aber kurzen) Amon Düül-Phase. Achim schloss nie eine Vollkaskoversicherung für kommerziellen Erfolg ab.

Während Udo Lindenberg zu nerven begann und sich deutsche Liedermacher auf verstaubten Ritterburgen was vorsangen, schuf Reichel die elektronische Musik, die erstmal kaum einer wirklich verstand. Spätestens da war jedem klar, dass er sich nicht einordnen ließ oder wollte. Sturköpfig zog er nur das durch, was er wollte. Seitdem weiß man nicht, womit er beim nächsten Album um die Ecke kommt.

Warum halten ihm die Fans bei allen unerwarteten Volten die Treue?
Das sieht man bei Live-Konzerten, die er immer reichlich gibt:
Auch wenn er auf ´ner Bühne sitzt, hat jeder im Raum das Gefühl, er spielt nicht für uns, sondern mit uns. Dadurch entsteht ein merkwürdig intensives Gemeinschaftsgefühl. Und Achim Reichel wird als „einer von uns“ wahrgenommen. Ähnliches konnte man in den späten 60ern erleben, als die Bands ein Teil des Movement waren und nicht als Wirtschaftsunternehmen gesehen wurden.
Reichel hat diese tief empfundene demokratisch-sozialistische Utopie der 60er nie aufgegeben. Wie sehr ihn die politisch-ökonomischen Fehlentwicklungen bewegen, hört man in seinen wütenden Texten, etwa in „Exxon Valdez“ oder „Neandertaler in Nadelstreifen“.
Aber was nützt der beste Text, wenn die Musik keine Substanz hat?

Mitte der 1970er überraschte er mich mit „Dat Shanty Alb´m“. Das war unter den hanseatischen Emigranten in München stark angesagt.
Und in den 1980ern lernte ich ihn persönlich kennen, dank Jörg Fauser, mit dem Achim damals intensiv zusammenarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte… Siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/01/25/herzlichen-glueckwunsch-achim-reichel/

Achim war immer so hanseatisch deutsch, wie Ray Davies britisch oder Bob Dylan nordamerikanisch war, beziehungsweise ist. So wie Davies Music Hall-Einflüsse verarbeitete und aktualisierte, gräbt Achim immer wieder tief im deutschen Kulturgut, um Shantys oder Volkslieder zu entstauben und aktuell zu revitalisieren. In „Kuddel daddel du“ kann man den Schlager der Weimarer Republik raushören.

Wer sich so intensiv mit Volkskultur (im progressiven Sinne) beschäftigt, schafft dann selber welche.

Anders als der Egomane Davies nutzt Achim auch die Werke deutscher Klassiker oder neuer Dichter (am prominentesten wohl Fauser), um sie originell zu vertonen. Er riss zu vergessen drohendes oder zu Schulstoff verkommenes („Erlkönig“, „Zauberlehrling“ etc) zurück in die Popularität.
Das hat so manchem gelangweilten Schüler klar gemacht, wieviel Spaß man an dem alten Mist haben kann.

Mit Davies scheint er auch die Liebe zu seiner Heimatstadt zu teilen. Ohne London ist Ray kaum vorstellbar, er schrieb einige der schönsten Songs über die Stadt („Sunny Afternoon“, „Waterloo Sunset“ u.a.). Bei Reichel schwingt der Hanseat immer mit – im Tonfall und auch in der coolen Ereignisbeschreibung („Dolles Ding“), die man erst braucht, wenn sie da ist.

Am verblüffendsten ist für mich sein laid-back-Sound!
Diese uramerikanische Gitarrenmusik, die man mit Leuten wie Tony Joe White oder J.J.Cale verbindet, geht Reichel in Kombination mit deutschen Themen und Texten so leicht aus der Klampfe, als hätte er sein Leben lang in Oklahoma auf der Veranda Maispfeife geraucht.

Diese Unangestrengtheit kommt auch seinen Hits zu Gute: „Der Spieler“, „Aloha Heja He“, „Fliegende Pferde“, „Exxon Valdez“, „Amazonen“, „Boxer Kutte“, „Kuddel Daddel Du“ – wenn er will, kann er eben mal so Hits raushaun (auch wenn der Markt das manchmal nicht mitkriegt oder Radio-Idioten sie sabotieren, wie bei „Amazonen“ von 1993, von Radiosendern nicht gespielt, weil er das Wort „Männerarsch“ enthielt und als „frauenfeindlich-diskriminierend“ interpretiert wurde).

Ganz nebenbei schrieb er auch noch den definitiven Song, der die „Neue Deutsche Welle“ voll auf den Punkt bringt: „Robert der Roboter“.

Das Lied über maritime Geschlechtskrankheiten „Aloah Heja He“ ist einer der ganz wenigen Schichten übergreifenden Monsterhits: Er funktioniert grölend im Bierzelt und auf Schützenfesten genauso wie unter kichernden, kiffenden Intellektuellen. Vielleicht sowas wie sein „Satisfaction“. Im Mörserfeuer dieses Songs verbrennt er jeden Saal, der dann in bester Laune nach Hause geht, ohne von Gonokokken beunruhigt zu sein. „Die Single klemmte zuerst und die Plattenfirma war schon drauf und dran, den Mut zu verlieren. Und dann kam von denen der wunderschöne Spruch, den ich nie vergessen werde: ‚Achim, wir glauben, der Song ist zu sehr ‚Out of normality‘.“

Das Reichels Platten international lässig mithalten, liegt auch an der Qualität ihrer Produktion. Immer auf der Höhe technischer Möglichkeiten, aber nie überproduziert und mit exzellenten Arrangements (da macht ihm niemand was vor). Und er hat ein Händchen für Musiker! Die Bands, mit denen er tourt, sind immer erstklassig und laufen auf allen 12 Zylindern.

Und während die meisten zeitgenössischen Pop-Musikanten – Bands wie Silbermond und andere mit durchnummerierten Christa Stürmer-Zombie-Sängerinnen – in ihren Hirnen Geisterstädte unterhalten, ist Reichel neugierig und rege wie immer.

Achim gehört zu den wenigen Großen aus den Sixties, die nicht nur nostalgisch Säle füllen, sondern weiterhin relevant sind, weil sie keinen Trends hinterher laufen. Viele Sixties-Ikonen sind inzwischen so leer wie Abbruchhäuser.

Nun ist Achim Reichel selbst Kulturgut. Zum Glück weiß er das nicht und macht einfach weiter, um mit den Stones, Ray Davies und einigen anderen dahin vorzustoßen, wo noch keiner war. Denn er ist immer noch topfit mit seinem wartungsfreien Gute-Gene-Körper.

Einer der schönsten Songs mit Fauser:

Bei dem Arrangement kann ich ausflippen. Einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten!

Einer der schönsten Songs über eine Seite von Fauser – und damals kannten sie sich noch nicht.

Und hier erzählt Herr Reichel was:



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
29. November 2019, 8:51 pm
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Wer kriegt in Deutschland so ein laid-back hin? Da muss sich Oklahoma schon anstrengen…



HERR REICHEL HAT ERSTMAL SEINE TOUR BEENDET by Martin Compart
24. November 2019, 2:06 pm
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ACHIM REICHEL ÜBER JÖRG FAUSER by Martin Compart
15. November 2019, 1:49 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK | Schlagwörter: , ,

Leider war EINE EWIGKEIT UNTERWEGS aber auch die letzte Platte, auf der ich mit Jörg Fauser zusammen gearbeitet habe. Mit Jörg ist mir nicht nur ein guter Freund verloren gegangen, sondern auch eine Art Lehrmeister. Von ihm lernte ich unglaublich viel über das Kreieren von Texten.

Jörg war einfach extrem inspiriert. Der sagte gern mal nach einem Gespräch: „Gib mir mal ein paar Minuten.“, und brachte in dieser Zeit den Inhalt unseres Gedankenaustausches in eine Versform, bei der jedes Wort am richtigen Platz erschien – das fand ich beeindruckend. Fauser war als Schreiber in vielen Disziplinen zu Hause, ein wahrer Meister des Wortes.

Was man aber auch über ihn wissen muss, ist, dass er einen riskanten Lebensstil pflegte. Der lebte seine eigenen Geschichten bis zum Exzess. Und die damit verbundenen Milieu-Studien waren für ihn ein Teil seiner Suche nach dem Echten, dem Wahren.
Mein Lieblings-Titel auf dem Album „In Bali“ vermittelt das in seinem Text ganz deutlich. Fauser kannte sich im Milieu aus. Über Figuren, wie sie In Bali auftauchen, kannst Du nur schreiben, wenn Du sie selber kennen gelernt hast.

Das ist denn auch eine gute Überleitung zu meiner Ost-Asien-Tour, auf der Jörg eben auch dabei war und die er für den Stern dokumentierte. Anschließend ging es dann auf Deutschland-Tour, die ich auf Grund einer Salmonellen-Vergiftung abbrechen musste. Und just, als ich aus dem Krankenhaus kam, ist Jörg betrunken vor einen LKW gelaufen und das auch noch an seinem Geburtstag. Irgendein Tod wäre für ihn wohl zu wenig gewesen – auch wenn das jetzt zynisch klingt. Ein großer Verlust.

https://www.achimreichel.de/



DER COUNTDOWN LÄUFT… by Martin Compart
11. November 2019, 4:55 pm
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Momentan mein Lieblingssong. Das Arrangement ist Weltklasse!



HEUTE GEHT ES LOS! ACHIM REICHEL ON TOUR! by Martin Compart
23. Oktober 2019, 8:21 am
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23.10.2019 Flensburg Deutsches Haus
24.10.2019 Lübeck Muk
26.10.2019 Berlin Admiralspalast
28.10.2019 Hannover Theater Am Aegi
29.10.2019 Hamburg Laeiszhalle
30.10.2019 Hamburg Laeiszhalle
01.11.2019 Husum Kongresszentrum
02.11.2019 Oldenburg Kulturetage
04.11.2019 Bremen Glocke
05.11.2019 Braunschweig Stadthalle
06.11.2019 Osnabrück Rosenhof
08.11.2019 Mannheim Musensaal
09.11.2019 Mainz Frankfurter Hof
11.11.2019 Essen Lichtburg
12.11.2019 Köln Gloria
13.11.2019 Nürnberg Hirsch
15.11.2019 Leipzig Haus Auensee
16.11.2019 Düsseldorf Savoy
17.11.2019 Bielefeld Ringlokschuppen
19.11.2019 Dresden Alter Schlachthof

ZUSATZKONZERT : HAMBURG – LAEISZHALLE AM 30.10.2019
VERLEGT : DRESDEN – ALTER SCHLACHTHOF AM 19.11.2019

Für Karten wird es eng! Fast die Hälfte der Gigs ist bereits ausverkauft.

https://www.achimreichel.de/