Martin Compart


Klassiker Des Noir-Romans: DEATH WISH von Brian Garfield by Martin Compart

Es gibt wohl wenige literarische Werke, die unter dem überragenden Erfolg einer Verfilmung so zu leiden haben wie DEATH WISH von Brian Garfield. Der wahnwitzige Erfolg, der Charles Bronson endgültig zur Ikone machte, versaute das Image eines Meisterwerks des psychologischen Noir-Thrillers auf breiter Front. Fans der Filme enttäuscht die Lektüre der Vorlage. Verächter der Filme kommen gar nicht auf die Idee, den Roman mit spitzen Fingern in die Hand zu nehmen.

Das hat schon ein bisschen was Tragisches.

Ende der 1960er begann der Vigilantismus zu einem erfolgreichen Topos in der Pop-Kultur zu werden, der seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren erreichte. Einer der Ersten, der das Thema kontroverser als die Standard-Rächer-Romane in den Pulps und Paperback Originals behandelte, war Joe Gores mit A TIME FOR PREDATORS, 1969, für den er zu Recht den „Edgar-Allan-Poe-Award“, der damals noch etwas bedeutete, erhielt. Den literarischen (und dann filmischen) Höhepunkt erreichte das Motiv ausgerechnet mit dem Anti-Vigilanten-Roman DEATH WISH, aus dem Hollywood den Inbegriff des Vigilanten als Superhelden machte.

Aber hier geht es nicht um das Remake von Bruce Willis, hier geht es um einen der besten Noir-und anderes-Autoren des 20. Jahrhunderts.

Garfield schrieb DEATH WISH in zwei Wochen!

Im Roman ist Paul Benjamin (für Film und deutsche Übersetzung hat man den Nachnamen in Kersey geändert) Steuerberater, und am Anfang des Romans wird man in die schmutzigen Tricks der Aktiengeschäfte eingeführt, die heute geradezu niedlich anmuten, aber die kriminelle Progression schon erahnen lassen.
Er ist der typische Liberale, der an die gesellschaftlichen Regeln glaubt, tolerant und sanftmütig.

Eines Tages erfährt er telefonisch (anders als im Film wird der Überfall im Roman nicht ausgeführt), dass seine Frau und Tochter im Krankenhaus liegen. Sie wurden Opfer eines Überfalls in ihrer Wohnung. Pauls Frau stirbt an den Folgen, seine Tochter fällt in eine anhaltende Gemütsstarre und wird zum Pflegefall.

Langsam entwickelt sich der brave Angestellte zu einem Monster. Das eigentliche Thema des Romans. Paul ist weder Held noch Anti-Held, eher ein Opfer urbaner Schizophrenie mit der typischen gehobenen Redneck-Mentalität: “Those who commit crimes should be killed. If they didn’t want to face the consequences, then they shouldn’t have broken the law.”

Die Idee zum Roman kam Garfield durch eine unangenehme Erfahrung:

„I was the victim of a minor crime of violence; it all followed from there. I’d been at my publisher’s apartment — a penthouse overlooking the Hudson River (the area where Paul stalks muggers in the film). When I came out to get my car and drive home to the Delaware River, I found the top of my 10-year-old convertible slashed to ribbons. Must’ve been some vandal having his fun with a knife. For me the „rage“ element was that it was snowing pretty hard and it was cold. I had a two or three hour drive home. It wasn’t exactly a comfortable ride. I got pretty mad, [and thought] „I’ll kill the son of a bitch. Of course by the time I got home and thawed out, I realized the vandal must have had a strong sharp knife (convertible-top canvas is a very tough fabric to cut) and in reality I didn’t want to be anywhere near him. But then came the thought: What if a person had that kind of experience and got mad and never came out of it? I thought at the time that the impetus needed to be something stronger, more personal, than the slashing of an impersonal canvas car-top, but later I’ve become aware that the very triviality of the crime would have made much clearer the point of the story. Anyhow that was its provocation. The hero, or anti-hero, set himself up to clean up the town. I felt a sort of sympathy for him, but right from the outset it seemed clear enough to me that he was a nut who kept becoming nuttier.”

Der komplexe Roman ist auch das Portrait einer Stadt im Niedergang, eines Manhattans, bevor es von Walt Disney umgebaut wurde, und die Kriminalität noch vornehmlich auf den Straßen stattfand. Es ist die Zeit kurz vor der kulturellen Erosion New Yorks.

Bereits 1972 reflektiert Garfield die zunehmende Umweltverschmutzung Manhattans. Das klingt heute fast so wie bei Diskussionen über Dieselfahrverbote: „Normalerweise konnte man nicht sehen, wie die vergiftete Luft die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf… Es kommt noch so weit, dass man sich nichts mehr einzuatmen traut, was nicht durch eine Zigarette gefiltert ist.“

Eines der Hauptthemen, das sich durch Garfields Werk zieht, ist der plötzliche Einbruch unerwarteter Gewalt und wie sie Leben und Verhalten der betroffenen Menschen verändert.


In DEATH WISH dekliniert Garfield an dem Protagonisten, der vom Opfer zum Täter wird, psychologisch, politisch und philosophisch diese Erfahrung durch. Im Roman geht es nicht darum, einen body-count zu illustrieren, sondern um diese Transformation. Dieser Prozess ist in der Verfilmung kaum realisiert. „Wenn Bronson in einem Film auftaucht, weiß man, dass er bald ein paar Typen wegblasen wird. Ich habe das als Kritikpunkt gegenüber Michael Winner erwähnt. Er nannte mich einen Idioten.“

Im inneren Monolog werden Pauls Entwicklungen hin zur Paranoia so glaubhaft wie nachvollziehbar gezeigt. Große schriftstellerische Kunst! Garfield braucht (in diesem Roman) so gut wie keine Action. In einem anderen Kontext als dem um den Film-Hype hätte man ihn als meisterhaften Psychothriller eingeordnet, der einer Patricia Highsmith würdig gewesen wäre.

Wenn Paul gen Schluss des Buches durch die Stadt streift und Drogensüchtige als potenzielle Angreifer erhofft, wertet er ihre Harmlosigkeit als Enttäuschung. Alles andere als ein Rächer-Held, muss er seine Veränderung erkennen:
„Er hatte sein Gleichgewicht nur deshalb bewahrt, weil ihn dasselbe Leiden erfaßt hatte, das auch (seine den Überfall und die Vergewaltigung überlebende Tochter) Carol infiziert hatte – die Unfähigkeit, irgend etwas zu fühlen… als wäre sein Empfindungszentrum gelähmt worden.“


Der Leser folgt einer Entwicklung, die der eines Serienkillers nicht unähnlich ist. Bis hin zum typischen Selbstmitleid:

„Niemand hatte Zuspruch für ihn – er war elendiglich einsam; er wollte die Nacht nicht mit einer Frau verbringen – er wollte die Nacht überhaupt nicht verbringen.“

Während der Film nur mäßig spannend ist (wer fürchtet schon um Charles Bronson?), liest sich der Roman atemlos, auch noch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Brian Garfield ist außerstande, einen langweiligen Satz zu schreiben. Ein weit unterschätzter Autor, vielen vom Feuilleton gepriesenen Highbrow- Schreibern überlegen, mit scharfer Beobachtungsgabe, die er literarisch umzusetzen versteht. Das Wartezimmer eines Krankenhauses: „Es war die Art von Raum, wo man die Dinge nicht ansah; man vermied es hinzusehen.“

Und das grandiose Finale hat eine intelligentere und bessere Pointe als der Film.
Existenzialistisch  veranschaulicht der Roman Penn-Warrens These: „Es gibt nur ein paar Monate, die das Leben bestimmen. Manchmal nur einen. Dann ist es vorbei.

Garfields Stil ist trotz innerer Monologe sehr visuell, was für einen Autor, der ca. zwanzig Filme geschrieben und/oder produziert hat, nicht verwunderlich ist. Er schrieb von 1960 bis 69 34 Romane (fast alles Western), danach 28 weitere, zwei Story-Collections und drei Sachbücher (darunter ein inzwischen sehr gesuchtes Buch über Western-Filme, „Western Films: A Complete Guide“, 1982 ). Sein vielseitiges Werk umfasst Western, Abenteuer, Comedy, eine Biographie, Polit-Thriller, historische Thriller, Noir- und Crime-Fiction; 17 Bücher dienten als Vorlage für Film- oder TV-Produktionen. Sein Sachbuch „The Thousand-Mile War: World War II in Alaska and the Aleutians“, war Finalist beim Pulitzer-Preis, und sein Roman „Hopscotch“ gewann 1976 den Edgar; 1980 co-produzierte er die Verfilmung mit Walter Matthau. Weltweit verkauften seine Bücher bisher 20 Millionen Exemplare.

In den 1950ern war er Musiker und hatte mit seiner Band „The Palisades“ sogar einen Top-40-Hit mit dem charmanten Doowop-Song I CAN´T QUIT.

Er begann das professionelle Schreiben 1960,zur selben Zeit wie seine Freunde Donald Westlake und Larry Block, mit denen ihn nicht nur die hohe Produktionszahl in den 1960ern verbindet. Ab 1965 lebte er in New York und gehörte zu der legendären Poker-Runde mit Westlake, Block, Justin Scott, Robert Ludlum (und wenn er in der Stadt war: Ross Thomas), Henry Morrison (Agent der meisten und Entdecker von Ludlum, dessen Bourne-Verfilmungen er produziert) u.a.

Michael Winners DEATH WISH folgten weitere Vigilanten-Filme. Der künstlerisch gelungenste war wohl TAXI DRIVER. Charles Bronson wurde durch vier Fortsetzungen und viele Variationen gejagt.

“I hated the four sequels. They were nothing more than vanity showcases for the very limited talents of Charles Bronson. The screenplay for the original Death Wish movie was quite good, I thought. It was written by Wendell Mayes — look him up; he was a great guy and a splendid screenwriter; but his Death Wish script was designed to be directed by Sidney Lumet, with Jack Lemmon to star as Paul. The last-minute changes in director and star were imposed by a new producer to whom the project was sold, rather under protest, by the original producers Hal Landers and Bobby Roberts. The point of the novel Death Wish is that vigilantism is an attractive fantasy but it only makes things worse in reality.”

Da Garfield zur Zeit der Premiere des Films in Afrika zu Recherchen weilte, bekam er den Rummel um den Film nicht mit. Nach seiner Rückkehr sah er sich ihn zusammen mit Donald Westlake an. Beide mochten den Film nicht und teilten dies auch Michael Winner mit. Das Dumme daran war, dass Garfield und Westlake ein weiteres Projekt mit Bronson und Winner entwickelten: Die Verfilmung von Westlakes Parker-Roman BUTCHER´S MOON:

“Charles Bronson had an estate across the Hudson River from Albany, and he’d agreed to do Butcher’s Moon if it could be filmed in and around Albany so he could commute to work. Michael Winner had said he’d direct Butcher’s Moon as his next project. These elements were all in place when Don recommended that Fox hire me to write the script;
I’d just written the introduction for the book of Butcher’s Moon, and my Death Wish was just then being filmed in New York with Bronson, directed by Michael Winner.
The producers had cooled, Bronson had cooled, and Winner had finished filming Death Wish—a movie that both Don and I, having seen it in screenings, disliked. It became a huge hit in the summer of ’74, at a time when I was in Africa researching something else. I sort of understand the appeal of the movie—it had an excellent screenplay by Wendell Mayes—but I thought it was a hasty and indifferent job of filmmaking. I suppose Don and I both failed to hide our disappointment with the movie, so it’s not too surprising that both Bronson and Winner walked away. Without them, I gather Fox had very little interest in pursuing the project.”

Für angehende Thriller-Autoren hat Garfield generös Tipps bereit:
http://thrillerwriters.org/library/Brian%20Garfield%20-%20Ten%20Rules%20for%20Suspense%20Fiction.pdf

Garfield schrieb mit DEATH SENTENCE (ebenfalls verfilmt) einen weiteren Roman um Paul Benjamin – aber das ist eine andere Geschichte.




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Mick HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 2/ by Martin Compart

Die Leute vom Sumpfhaus:

Das Personal, mit dem Mick Herron sein Slough House ausstattet, ist durchweg faszinierend, und jede Figur hätte wohl die Potenz für eine eigene Serie. Dieses Ensemble ist wichtig und das Herzstück von Herrons Thrillern.

Neben Stil sorgen die Charaktere dafür, dass Herrons Bücher große Romane sind und nicht nur Produkte für den Thriller-Markt.


Wie schon so grandios in der TV-Serie SPOOKS vorgeführt, kann sich der Leser oder Zuschauer bei einer Ensemble-Serie nie sicher sein, was mit den Personen passiert: Etablierte Figuren können sterben oder aus anderen Gründen die Serie verlassen, neue können eingeführt werden (Ed McBain hat dies ja noch etwas zaghaft in seiner Serie über das 87.POLIZEIREVIER in den 1950er und 1960er Jahren praktiziert). Herron ist sich dem genau bewusst. 2016 sagte er in einem Interview: „You can get rid of characters, bring new ones in, and there will be people who die. As far as I’m concerned, there are only two characters who are sacrosanct and I don’t think I’m going to tell you who they are, actually!”

Das Slough House-Personal ist wahrlich nicht sonderlich sympathisch. Man würde sie wohl kaum zu einer Party einladen, aber man sieht ihnen bei ihrem Treiben gerne von der sicheren Seite des Buches aus zu.

Ebenfalls von SPOOKS angeregt scheint mir die realistische Prämisse, dass neben Terroristen, Maulwürfen oder feindlichen Residenten der MI5 heute politische Entscheidungsträger, britischen Journalismus und radikale Subkulturen als direkte Feinde ansieht. MI5 kann sich weder öffentliche Skandale leisten, noch Arbeitsprozesse. Deshalb wurde für die Problemfälle das Sumpfhaus geschaffen.

Die Szenen sind so aufgebaut, dass sie aus der Perspektive des jeweiligen Charakters geschildert werden. Das vermittelt nicht nur Nähe beim Leser, sondern auch einen direkteren Eindruck des Geschehens.

Nur bei Lamb ist das anders: Der Autor teilt uns höchst selten mit, was Lamb denkt und fühlt. Wir erfahren nur, was er sagt und wie er sich verhält. So bleibt der Leser bei ihm genauso auf Distanz wie die Lahmen Gäule.

Im Slough House leben alle desillusioniert und hoffnungsfroh mit dem Karriere-Rückkehr-Mantra „Wenn sich etwas ergibt, lässt man es dich wissen. Aber es wird sich nichts ergeben“. “Their backgrounds are a mixture of comic incompetence and tragic circumstance: Shakespearean fools and wounded souls.”

Bei ihnen zeigt sich auch sehr schön die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und wie man für eine Wiedereingliederung über Leichen geht statt Solidarität zu üben. Herron ist auch in den Subtexten auf der Höhe der Zeit.

Dann werfen wir mal einen näheren Blick auf diese Herzchen:

River Cartwright ist vielleicht die konventionellste Figur, die dem abgeschmackten Profi von Gestern noch am nächsten kommt. Er hatte bei einem Worst-Case-Szenario versagt, da er wahrscheinlich von einem Mitbewerber reingelegt worden war. Dass er „nur“ im Slough House gelandet ist, verdankt er verwandtschaftlichen Beziehungen. „Wenn Ihr Opa nicht wäre, wären Sie nur noch eine ferne Erinnerung.“ Und Opas Vergangenheit hat es in sich.

Roddy “Clint” Ho ist das Computergenie, asozial und im Umgang mit Kollegen und anderen Menschen komplett inkompetent. Daheim ist er in einem Haus „umgeben von ziemlich viel Elektronik. Einige Geräte warteten still auf ihre Aktivierung, andere summten in freudiger Erwiderung auf bereits erteilte Befehle, und ein anderes plärrte laut Death Metal heraus, in einer Lautstärke, dass der Name drohte, Realität zu werden.“

Min Harper and Louisa Guy scheinen die einzigen zu sein, die eine nicht von Antipathie, Furcht oder Misstrauen beherrschte Beziehung haben. Aber was weiß ich schon, wie oder was sich da entwickelt. Letztere spielt eine – oder gar die – Hauptrolle im zweiten Band, DEAD LIONS. Im Slough House überwacht Louisa Websites, auf denen „die Wut keine Grammatik“ kennt.

Catherine Standish
ist formal Lambs rechte Hand. Eine Alkoholikerin, zumindest am Anfang der Serie trocken. „Die Catherine in ihrem Puderdosenspiegel war immer zehn Jahre älter als die, die sie zu erblicken erwartete… sie sah die Fältchen, durch die ihre Jugend versickert war.“ Die Versetzung ins Sumpfhaus erscheint ihr als „eine verspätete Strafe für ein Vergehen, für das sie bereits gebüßt hatte“.

Sid Baker ist jung, attraktiv und ziemlich abgewichst, Eigentlich ziemlich merkwürdig, dass sie im Slough House gelandet ist.

Jed Moody
war früher ein “Dog”, so nennt Herron die interne Rumschnüffel- und Aufräumabteilung des MI5 („Der Zwinger der Dogs befand sich in Regent´s Park, doch sie hatten die Lizenz zum Streunen.“). Ein kräftiger, abschreckender Typ, nie „vor elf bereit für irgendwas Komplizierteres als ein Heißgetränk“. Er weiß nicht, warum man ihn kaltgestellt hat – und das lässt ihm keine Ruhe.

Diana “Lady Di” Taverner, die Chefin des MI5 thront über allen und ist die Königin der Intriganten (denn das sind sie alle – mehr oder weniger). Ein Kritiker sagte über sie: „Sie hat die Intrige zur Kunstform erhoben“. Auch darin könnte man Einflüsse von Shakespeare sehen – sowohl aus den Dramen wie aus den Komödien.

James “Spider” Webb
war wohl eifersüchtig auf seinen Konkurrenten River und hat ihn sabotiert, damit er in den Gulag des Slough House verschickt wurde. Er neigt zur Selbstüberschätzung und sieht eine brillante Karriere vor sich.

Jackson Lamb ist die zentrale Figur, die alles zusammenhält. Einer der übelsten Chefs in der Literaturgeschichte. Der Einzige, dem sein Job hier gefällt und an einer Rückkehr zum Regent´s Park völlig uninteressiert ist.
Er ist bösartig, faul, trinkt manchmal zu viel und ist übergewichtig.
Ein Charakter, der manchmal an Joyce Porters Inspector Dover denken lässt. Er trauert dem Kalten Krieg nach und weiß, wo die Leichen begraben sind. Seine Umgangsformen würden Chaucer erröten lassen.

Mick Herron: „Jackson Lamb ist sozusagen die durchgängige Hauptfigur der Serie, mit der alle anderen Figuren zu tun haben, weil er der Leiter von ›Slough House‹ ist. Er ist für seinen Autor ein bisschen rätselhaft, und ich hoffe, ebenso für die Leser. Einer seiner Mitarbeiter sagt einmal zu ihm, dass er nach dem Fall der Berliner Mauer selbst eine gebaut hat, und zwar eine um sich herum. Er lebt immer noch im Kalten Krieg, während dem er, vor langer Zeit, Geheimagent gewesen war. Jetzt ist er kein Geheimagent mehr und in vielerlei Hinsicht sehr verbittert. Es macht ihm großen Spaß, andere Menschen zu verletzen. In jeder Situation wird er das Schlimmstmögliche sagen. Er tut dies mit Absicht, aber ohne konkretes Ziel. So ist er eine Art überlebensgroßes, überhebliches Monster. Trotzdem folgt er einem sehr klaren Moralkodex, und dieser Kodex besteht darin, seine Agenten zu schützen. Für mich als Autor liegt der Spaß darin, Situationen zu erfinden, in denen er seine Faulheit und seine schlechten Angewohnheiten und seine Beleidigungen beiseitelegt und tatsächlich etwas unternimmt. Darum geht es beim Erfinden von Plots.“ (im Interview mit Anna von Planta und Kerstin Beaujean vom 29.8.2018)

Herron selbst nennt als einen Einfluss für Lamb den Schauspieler William Clarke in seiner Rolle als Andy Dalziel in der Fernsehserie nach den Romanen von Reginald Hill (den er als Autor hoch schätzt). Die Drehbücher für einen ersten TV-Vierteiler von SLOUGH HOUSE sind bereits geschrieben und bei britischen Produktionen ist die Wahrscheinlichkeit für ein qualitatives Spitzenprodukt besonders hoch.

FORTSETZUNG FOLGT



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET von YUKIO MISHIMA by Martin Compart


„Zu meinen unabänderlichen Überzeugungen gehört der Glaube, daß das Alter unendlich häßlich und die Jugend unendlich schön ist. Die Weisheit der Alten ist unendlich trübe, die Taten der Jungen unendlich durchsichtig.“

Yukio Mishima im Nachwort zur Aufstand-Trilogie (Ni Ni Roku)

Diese barbarische Haltung verdeutlicht Mishima u.a. in dem höchst verstörenden Noir-Roman DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET (GOGO NO EIKO, 1963).

Die schöne junge Witwe Fusako aus Yokohama verliebt sich in den Seemann Ryuyi. Ihr dreizehnjähriger Sohn Noburu, der unter dem intensiven Einfluss des Bösen-Buben-Bosses der sechsköpfigen Kinderbande und dessen pubertären Nihilismus steht, bewundert Ryuyi zunächst als Helden des Meeres. Nachdem dieser jedoch der „See abschwört“ und zum neuen Vater zu werden, droht, beschließt die Bande ihn zu töten.


https://www.amazon.de/Seemann-die-See-verriet-Roman/dp/349915823X/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1523360115&sr=8-6&keywords=yukio+mishima

Es war einer der Lieblingsromane von David Bowie und Hans Werner Henze vertonte ihn2003 zu seiner Oper DAS VERRATENE MEER. Lewis John Carlino (Autor von THE MECHANIC) verfilmte ihn 1976 mit Sarah Miles und Kris Kristofferson.

In den USA würde man den Roman vielleicht sogar dem Genre der juvenile deliquents- novel zuordnen (das sich in den 1950er Jahren entwickelte und auch noch 1963, als Mishimas Roman erschien, einer gewissen Beliebtheit erfreute.

Andererseits wurde dem Buch unterstellt, es erzähle eine Geschichte, die sich aus kulturellen Traditionen speise, die dem westlichen Leser unzugänglich seien:

„Diese ‚Fallgeschichte‘ Aus Japan thematisiert die Mechanismen der Anpassung, die Triebregungen und Wünsche, das Realitätsprinzip einer mittelständischen Kleinfamilie. Ich begann darüber nachzudenken, ob ihr Drama, die Tat des kleinen Jungen, der seinem Vater den Verrat an den traditionellen, männlich-heroischen Idealen nicht verzeihen kann, auch in unserer Gesellschaft vor stellbar wäre. Ich bin der Überzeugung, daß Mishimas Geschichte sich nach eigenen Gesetzen vollzieht, die außerhalb der für uns geltenden Normen liegen. Sie wurzeln in einer rauschhaften Heldenkultur, wie wir sie so in Europa nicht kennen. Die Geschichte vom ‚Seemann, der die See verriet‘ bleibt gebunden an eine Dimension des Unfaßbaren und bereit eine Skala uns unbekannter, von uns nicht gelebter Gefühlsmuster aus“ (Gisela von Wysocki).

Demgegenüber lässt sich einwenden, dass die widerwärtigen Kinder (die in der furchtbarsten Szene des Buches eine kleine Katze töten und sezieren um ihr eigenes Mitleid auszurotten) generell (und nicht nur in japanischer Tradition) kulturelle Entwicklungen symbolisieren, die Empathie und Solidarität bewusst auslöschen (auch darin ist dieser Roman wieder hochaktuell).

Oder wie es DER SPIEGEL bei dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe formulierte: „Der Japaner Mishima, 44, wiederholt als ein Anwärter auf den Nobelpreis genannt, hat schon manches Sujet der europäischen Literatur in japanische Hintergründe verarbeitet. In seinem für Deutschland neuen Roman, einem ästhetizistisch arrangierten Thriller von Liebe und Tod, behandelt er ein Thema, von dem traditionsbewußte Japaner sagen, es sei ebenfalls aus dem Westen importiert: den Generationskonflikt.“

Ein Thema ist auch die Aufgabe pubertärer Allmachtphantasien in Form von Heldenträumen um ein kleinbürgerliches Leben zu führen. Dies ist die See, die der Seemann verrät. Deshalb verurteilen die Kinder ihn zum Tode, denn er hat die Ideale der Kindheit verraten, deren Nihilismus erschreckende Ähnlichkeiten mit der Ideologie des fanatisierten Jungvolks im 3.Reich aufweist.

Durch den Text schwingt auch Mishimas Zorn auf die Väter-Generation, die den Krieg verloren hatte und sich statt „ehrenvoll“ zu opfern, sich einer ehrlosen Kapitulation hingab, die das japanische Reich für den barbarischen Coca Cola-Kapitalismus unterwarf.

„…Einen gerechten Vater kann es gar nicht geben, weil schon die Rolle des Vaters eine Form des Bösen ist. Strenge Väter, nachsichtige Väter, nette, gemäßigte Väter – einer ist so schlecht wie der andere. Sie stehen uns im Weg und versuchen, uns mit ihren Komplexen zu belasten, mit ihren unerfüllten Wünschen, ihrem Groll, ihren Idealen, ihren Minderwertigkeitskomplexen, die sie nie jemanden anvertrauen konnten, mit ihren Sünden, ihren kitschigen Träumen, ihren Geboten, an die sie sich niemals gehalten haben, weil ihnen der Mut dazu fehlte…. Die Väter sind die Schmeißfliegen dieser Welt. Sie liegen auf der Lauer, bis sie an uns etwas Faules entdecken, auf das sie sich stürzen können. Dreckige Fliegen sind sie, die überall ausposaunen, dass sie mit unseren Müttern geschlafen haben. Wenn es darum geht, unsere absolute Freiheit und unser Können zunichte zu machen, schrecken die Kerle vor nichts zurück. Sie denken nur daran, die schmutzige Stadt zu beschützen, die sie sich erbaut haben.“

Mishima veröffentlichte den Roman zu einer Zeit, als er von westlichen Lesern zögernd entdeckt wurde (die ihn aber schnell zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis erkoren), in Japan aber sehr viele Leser verlor. Damals wurde er nicht als das atemberaubende Meisterwerk bewertet, als das es heute gilt:

„Mishima’s greatest novel, and one of the greatest of the past century“ (The Times)

„Explores the viciousness that lies beneath what we imagine to be innocence“ (Independent)

„Told with Mishima’s fierce attention to naturalistic detail, the grisly tale becomes painfully convincing and yields a richness of psychological and mythic truth“ (Sunday Times)

„Coolly exact with his characters and their honourable motives. His aim is to make the destruction of the sailor by his love seem as inevitable as the ocean“ (Guardian)

„Mishima’s imagery is as artful as a Japanese flower arrangement“ (New York Times)

Erstaunlich und verblüffend, dass weder Marguerite Yourcenar noch Hans Eppendorfer oder Henry Scott Stokes in ihren Büchern über Mishima auf diesen Roman eingehen, der in seinem komplexen Gesamtwerk eine besondere Stelle einnimmt. In seiner dystopischen Seelenbeschreibung geht er weit über Noir-Autoren wie Jim Thompson oder Tim Willocks hinaus. Gesehen als Noir-Roman, ist er verstörender und erschreckender als jeder andere Noir-Roman, den ich kenne. Literarisch kann ihm sowieso kaum einer das Wasser reichen.

Es gibt Passagen und Momente, da könnte man glauben, sie seien von Patricia Highsmith im Sake-Rausch geschrieben sein.

Yukio Mishima (1925-70), der wie kein anderer für die Traditionen des Kaiserreichs und der Samurai-Kultur steht, galt auch als der westlichste unter den japanischen Schriftstellern. Sicherlich, weil er durch die leicht wahnsinnige Großmutter isoliert von Gleichaltrigen aufwuchs und seine Zeit vor allem mit der Lektüre westlicher Autoren verbrachte (Rilke. D´Annunzio, Radiguet, Gide, Oscar Wilde und Thomas Mann). Aus dem weichlichen Knaben formte Mishima bewusst einen homosexuellen Samurai mit dem Körper und den Fähigkeiten eines Kriegers. 1970 beging er öffentlich Seppuku, nachdem er mit Getreuen seiner Schildgemeinschaft vor Soldaten eine Rede zur Rettung der japanischen Seele gehalten und zum Putsch gegen die Verfassung, die eine offizielle Armee verbot, aufgerufen hatte.

Nach Arnold Toynbee hatte Asien im 19. Jahrhundert nur zwei Möglichkeiten: durch Verwestlichung zu überleben oder im Widerstand dagegen unterzugehen. In der Meiji-Ära (1868 bis 1912) wählte Japan den ersten Weg, industrialisierte das Land, wechselte vom Feudalsystem zu einer zentralistisch organisierten Regierung und schuf eine nationale Armee. Leidtragende dieser Entwicklung waren die Samurai. Etwa 40 000 von ihnen rebellierten 1877 gegen die Regierung. Erst nach achtmonatigem Kampf wurden sie von der Armee besiegt.

Eine Hundertschaft nationalistischer Samurai griff während dieser Rebellion eine Militärkaserne nur mit Schwertern und Speeren bewaffnet an. Die Soldaten schossen sie mit vom Westen importierten Gewehren nieder, die Überlebenden begingen Harakiri. Diese Tragödie spielte in Mishimas geschichtspolitischem Verständnis eine zentrale Rolle. Der rasend schnelle Umbruch vom Mittelalter ins Industriealter war wohl auch mitverantwortlich für die hohe Selbstmordquote unter japanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts.

P.S.: Mishima war ein großer Katzen-Fan, der seinen Katzen auf Reisen Postkarten schickte und im Postskriptum seinen Vater eindringlich ermahnte, freundlich zu ihnen zu sein. Der Vater berichtete später: „Manchmal arbeitete er stundenlang mit einer Katze auf den Knien. Mich hätte das verrückt gemacht.“ Mishima: „Du musst einen Hundeverstand haben, Vater. Du hast eben keine Ahnung von der zarten Psyche einer Katze.“





THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: ADAM HALLs QUILLER by Martin Compart


Adam Halls Quiller-Serie war trotz allen Erfolges nie eine Bestseller-Serie. Seit ihrem Beginn 1965 hat sie bis heute den Status eines Geheimtipps und eine extreme Fangemeinde, zu der viele Autoren gehören. Sie ist so ungewöhnlich und einzigartig im Genres des Agenten-Thrillers, dass Eric Van Lustbader über sie sagte: „When it comes to espionage fiction, Adam Hall has no peer.“

Adam Hall (Pseudonym für Elleston Trevor, 1920-1995) war und ist der wahrscheinlich “schnellste” Autor des Thrillers. Kein anderer geht ein so unglaubliches Tempo wie Adam Hall. Und dabei zerdehnt er gelegentlich die Zeit so exzessiv, dass ein Vorgang von wenigen Minuten über ein ganzes Kapitel sekundiös gestreckt wird. Der Kampf im Aufzug in THE WARSAW DOCUMENT zieht sich im Original über sechs Seiten. Dieses Zerdehnen der Zeit als Stilelement des Thrillers hatte zuvor schon Ian Fleming genutzt in der schweißtreibenden Szene mit dem giftigen Tausendfüßler in DR.NO. Hall hat dieses Stilelement „Tempo durch Verlangsamung“ perfektioniert, wie Sam Peckinpah einst die Anwendung der Zeitlupe.

Was Halls kurze Romane stilistisch so modern macht, ist seine radikale Schnittechnik, die den Leser durch die Seiten jagt. Manche Romane beginnen scheinbar gemächlich, nehmen dann aber abrupt Tempo auf. Andere machen Tempo von der ersten Seite an, springen durch jump-cuts zwischen Orten, Bewusstsein und Kapiteln.
Angesichts der konservativ erzählten Thriller-Literatur der Gegenwart (immer dicker, langweiliger und redundanter) ist Adam Hall immer noch Avantgarde.

Obwohl die Romane genau recherchiert sind, vermied es Adam Hall die Handlungsorte aufzusuchen. Er war der Meinung, eine zu genaue Kenntnis der Schauplätze würde seine Einbildungskraft eingrenzen: „This sounds very perverse, but it is somehow that the country or area has a magic, a mystery for me that maybe came through in my writing, which doesn’t always happen if I’ve actually been there. I hadn’t been to Germany when I wrote The Quiller Memorandum. I hadn’t been to Hong Kong when I wrote The Mandarin Cypher. But I wrote to the Hong Kong police to ask for a traffic ticket, because in this book Quiller has been parking illegally, and he has a traffic ticket on the windshield, and I wanted the exact and precise wording. As I grew up and travelled more, there became fewer and fewer places where I hadn’t been, so I had to set Quiller in places I’d already visited. The first time I did it was when I lived in France; I set a new Quiller novel in the south of France and after a third of the way through I knew it wasn’t working. I had to pack it in and start fresh somewhere else, because I knew the territory too well.“

Quiller kennt alle physisch-chemischen Reaktionen seines Organismus und lässt die Leser daran teilhaben. Das vermittelt den Eindruck, der Agent sei tatsächlich zu all dem befähigt, was man ihn an Höchstleistungen abverlangt. Wie er seine körperlichen Prozesse reflektiert, so objektiviert Quiller seine Emotionen. Der Leser scheint ihn zu kennen, weiß wie er funktioniert, obwohl er nichts über seine Vergangenheit erfährt, nichts außerhalb der aufgezeichneten Einsätze. Der ultimative Thriller-Heros, dessen Existenz mit der ersten Buchseite beginnt und mit der letzten endet – bis zum nächsten Mal. Man könnte Hall als Erfinder des „psycho-biologischen-Technothriller“ bezeichnen (besonders in den ersten Romanen zeigt sich Hall durch seine genauen Darstellungen technischer Werkzeuge als ein Vorläufer des Techno-Thrillers). Quiller ist der kybernetische Geheimagent mit kompletter Kontrolle über seine bio-chemischen Steuerelemente. Interessanterweise verbindet der langjährige Shotokan (seit 1984 Schwarzgurt)- und Aikido-Kampfsportler dies mit Erfahrungen des Zen-Buddhismus.


Ab 1943 schrieb Elleston Trevor (geboren als Trevor Dudley Smith) mindestens einen Roman im Jahr, neben Theaterstücken oder Kinderbüchern. In den 1950er Jahren war sein Ausstoß so hoch, dass er unter sechs Pseudonymen publizierte. Er konnte jedes Genre bedienen: historische Romane, Phantastik, Kriegsbücher oder Detektiv- und Abenteuerromane.

1965 gelang er versehentlich in einen Zwei-Buch-Vertrag mit einem anderen Verlag neben seinem Stammverlag. So entstand der erste Quiller-Roman THE BERLIN MEMORANDUM:

„In 1963 I’d written a book called The Volcanoes of San Domingo. I did not like this book, so I told my London publisher I did not want to send it to him. I sent it to a different publisher under the pseudonym of Jack Tango (it was sort of for a giggle). I did not respect this book, but my first publisher said, ‘Hey, let me have a book anyway, we’re under a contract.’ I said, ‘All right, you’ll get it.’ And the book I wrote for him instead of this bad one was The Flight of the Phoenix. That made him happy. Meanwhile, I got a letter from another publisher who wrote, ‘Dear Mr. Tango, who are you really? We loved your book and we’d love to publish it.’ So I did a two-book contract with them. I had a second book to write for them and did not know what to write. At about that time John le Carré brought out The Spy Who Came In From the Cold, and that was making an impression. I did not read it, but I read the reviews, and I thought, ‘Here’s a man who is really doing a different kind of job for spies. Let’s write a real spy novel, not James Bond, but the real thing. So I thought up The Quiller Memorandum. And I had to do it under a pseudonym, because I was with that other publisher.“

Ein prägender Einfluss für die Serie, die nach der Veröffentlichung des BERLIN MEMORANDUM noch nicht geplant war, dürfte auch Geoffrey Households ROGUE MALE gewesen sein.

Adam Hall schuf eine Synthese aus professionellen Superagenten à la 007 und der zynischen Welt- und Institutionsbetrachtung von Len Deighton oder John Le Carré (ähnlich wie auch James Munro alias James Mitchell zur selben Zeit). Damit rettete er in den 1960ern den Superagenten, der in Lächerlichkeit untergehen zu drohte und ebnete den Weg für Nachfolger wie Jason Bourne oder Eric Van Lustbaders Agenten (die im Vergleich mit Quiller geradezu harmlos sind).

Quiller ist ein paranoider Einzelgänger („Ich hatte bloß wieder einen Anfall von Paranoia.“), der seinen Vorgesetzten fast genauso wenig traut wie seinen Feinden. Damit hat er sich abgefunden und akzeptierte sogar ihren Versuch, ihn zu liquidieren. Sowas kommt eben vor, wenn man für das ultrageheime „Büro“ arbeitet, das nur dem Premierminister gegenüber Rechenschaft abliefert – wenn überhaupt.

Warum er trotzdem für das „Büro“ weiter arbeitet?

Weil er ein Psycho ist, der dieses Leben auf der Überholspur, immer vom Tode bedroht, braucht und liebt. Er liebt die dazugehörige Isolation, die ihm ermöglicht, im Dienste einer „höheren Sache“ seinen soziopathischen Neigungen nachzugehen. Seine Kamikaze-Einsätze sieht er nie ideologisch: „Ideologie ist nicht genug. Sie nützt nur als Verblendung.“ Er sieht sich als Profi mit den richtigen Fähigkeiten. Eine hochgezüchtete Maschine, die nur im Einsatz rund läuft. Sein Privatleben dürfte noch elender und unbefriedigender sein als das von Bond. Die Welt, die er liebt und lebt, sieht so aus: „Sein dünner Körper war gekrümmt, als wäre er in einem bitterkalten Wind geboren worden und hätte nie Schutz davor gefunden, ja, überhaupt nie Schutz gesucht, weil er wußte, daß es keinen gab.“

Als Professional bewundert Quiller sogar seine Gegner, etwa den Killer Kuo in THE 9th DIRECTIVE oder die Terroristen in THE KOBRA MANIFESTO, während er die naiven polnischen Patrioten in THE WARSAW DOCUMENT verachtet. Auch da ist er völlig frei von Ideologie.

Und dann sieht sich Quiller auch noch als Feminist: Das einzige Mal, das er aus persönlichen Gründen getötet hat, war zwischen zwei Missionen, um eine tote Frau zu rächen. Als Alleinerbe setzt er vor jedem Einsatz ein Frauenhaus ein!

Das „Büro“ ist mindestens so paranoid wie Quiller und handelt nach der Devise: Lass den Feldagenten nur so wenig wie möglich und so viel wie nötig über die Mission wissen. Oft wird Quiller als menschliche Zielscheibe eingesetzt und missbraucht, um vermeintliche Gegner aus ihren Höhlen zu locken. Die Führungsoffiziere und Vorgesetzten in London oder im Feld sind keine netten Old-School-Boys oder M ähnliche Vaterfiguren. Es sind rücksichtslose Mistkerle, die sogar eine echte Antipathie gegenüber ihrem Feldagenten entwickeln (besonders Parkis in den frühen Missionen).

Die politischen Hintergründe (meistens der Kalte Krieg) sind aus einer anderen Epoche, was letztlich nichts an den Strukturen und Methoden der Macht und ihres Missbrauchs ändert. In den frühen Romanen findet man Passagen mit dem üblichen, der Zeit geschuldeten, britischen Chauvinismus, ähnlich dem Flemings. Das ändert nichts an der Sogwirkung von Halls Erzählungen und der Qualität der Quiller-Romane, die sich so frisch lesen, als wären sie gerade geschrieben. Immer wird der Leser mit dem ersten Satz direkt in die Handlung gesaugt. Und wenn Hall dich gepackt hat, lässt er nicht mehr los.

Der Autor liefert gerne bizarre Informationen. In THE STRIKER PORTFOLIO zum Beispiel, dass man politische Gefangene in der DDR Kaviar reichte, denn die höchst salzigen Störeier beschleunigen die Dehydrierung.

Aus dem ersten Quiller-Roman wurde ein Film mit George Segal, Alec Guiness und Senta Berger nach einem Drehbuch von Harold Pinter. Trevor fand den Film schlecht (und das ist er auch). Ähnliches gilt für die TV-Serie, die er so kommentierte: „I think that had better be summed up by saying that I called my lawyer in London and said, ‚Can I sue the BBC?‘ Dabei bieten sich die Quiller-Romane durch ihren extrem visuellen Stil für eine audiovisuelle Adaption geradezu an! Seit den 1990er Jahren wird regelmäßig ein neuer Quiller-Film angekündigt. Mal mit Sam Neil, mal mit John Travolta (beide natürlich zu alt inzwischen), Pierce Brosnan. Durch den Erfolg der Jason Bourne-Filme wurde Quiller eine Weile heiß gehandelt. Es ergeht ihm wie Flashman: Dauernd werden die Rechte gehandelt und Produktionen angekündet und nie kommt etwas dabei raus.

Makabres Trivia: Im Hotelzimmer des Martin Luther King-Mörders Eric Starvo Galt fand man eine Taschenbuchausgabe von THE 9th DIRECTIVE, in dem Adam Hall vor Frederick Forsyths DAY OF THE JACKAL einen politischen Mordanschlag (in Bangkok) schildert.

Zu den deutschen Ausgaben
: Leider fielen die deutschen Veröffentlichungen in die übelste Zeit der Ullstein-Krimi-Reihe: nämlich in die Phase, in der jedes Buch eher mehr als weniger gekürzt wurde. Trotzdem geben sie einen angemessenen Eindruck.
Als ich zu Bastei-Lübbe wechselte, plante ich eine Gesamtausgabe mit ungekürzten Neuübersetzungen und Erstausgaben, die nach meinem Weggang nur noch kurz fortgeführt wurde. Die ersten sechs Titel sind ungekürzte Neuübersetzungen oder deutsche Erstausgaben, bei TUNESISCHER TANGO hat Bastei-Lübbe die alte Ullstein-Übersetzung verwendet

Was soll ich lesen?
Bei jeder Serie gibt es Titel, die einem besser gefallen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben (u.a. höchst subjektive wie Stimmung und Umgebung bei der Lektüre). Die Quiller-Serie muss man nicht chronologisch lesen. Der Adam Hall-Experte Jeremy Duns, selbst ein bekannter Polit-Thriller Autor und einer der besten Kenner des Genres, nennt THE TANGO BRIEFING und THE 9th DIRECTIVE als Lieblingstitel. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen, aber ich möchte noch ein paar nennen: THE SCORPION SIGNAL hat die wahnwitzigste Autojagd, der ich je auf Papier gefolgt bin. QUILLER´S RUN ist mein Favorit als Asien-Thriller (auf demselben hohen Level wie Trevanian oder Flemings YOU ONLY LIVE TWICE). Und THE BERLIN MEMORANDUM funktioniert nicht nur als Thriller; er fasziniert heute auch als irrwitziges Zeitdokument. Und QUILLER SALAMANDER ist ebenfalls ein großartiger Südostasien-Thriller, in dem Quiller ein erneutes Erstarken des Roten Kmehr verhindern soll.


1965 The Berlin Memorandum
dt. Das Berlin-Memorandum. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,.

1966 The 9th Directive
dt. Der 9. Befehl. Universitas, Berlin 1967.Ullstein, Bastei Lübbe, 1989.

1968 The Striker Portfolio

1971 The Warsaw Document

1973 The Tango Briefing
dt. Himmelfahrtstango. Ullstein, Frankfurt/M. 1974, Tunesischer Tango, Bastei Lübbe, 1992.

1975 The Mandarin Cypher
dt. 555 ruft Mandarin. Ullstein, Frankfurt/M. 1975.

1976 The Kobra Manifesto
dt. Das Kobra-Manifest. Ullstein, Frankfurt/M. 1976, Bastei Lübbe, 1991.

1978 The Sinkiang Executive
dt. Mission in Sinkiang. Ullstein, Frankfurt/M. 1979,

1979 The Scorpion Signal

1981 The Pekin Target (US-Titel The Peking Target, 1982).

1985 Northlight (US-Titel: Quiller).
dt. Nordlicht. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1986

1988 Quiller’s Run                                                                                                                              dt. Quiller steigt aus. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1989,

1989 Quiller KGB
dt. Unternehmen Gorbatschow. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1990,

1990 Quiller Barracuda
dt. Barracuda. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1991

1991 Quiller Bamboo

1992 Quiller Solitaire

1993 Quiller Meridian

1994 Quiller Salamander

1996 Quiller Balalaika

P.S.: Von Quillers eindrucksvollen Antagonisten war mir Oberst Cho aus QUILLER´S RUN einer der liebsten. Nachdem ich die Übersetzung redigiert hatte, sagte ich Elleston Trevor, wie bedauerlich es doch sei, dass ein Gegenspieler mit dieser Potenz umgebracht worden sei. Darauf erwiderte er: „Bist du sicher, dass Cho tot ist?“ Quiller war neben anderen (natürlich McGill) ein mir völlig bewusster Einfluss, als ich SODOM KONTRAKT und LUCIFER CONNECTION schrieb. Besonders was die Entwicklung von Druck und Tempo anging, versuchte ich mir ein paar Tricks bei Adam Hall abzuschauen.

http://www.quiller.net/

http://www.jeremy-duns.com/search?q=quiller

 

https://www.amazon.de/Martin-Compart/e/B00457QT0Y/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1502453210&sr=1-1



IM PESTHAUCH DER NAZIS – PHILIP KERR und seine BERNHARD GUNTHER-SERIE by Martin Compart

“ Several elements account for the excellence of the Gunther books. First, Kerr is a fine novelist; in terms of narrative, dialogue, plot, pace and characterizations, he’s in a league with John le Carré and Alan Furst.“

THE WASHINGTON POST

Wenn man von den Großmeistern des zeitgenössischen Thrillers (Autoren, die in den 1970er. und 1980er Jahren begonnen haben) spricht, darf ein Name nicht fehlen: Philip Kerr. Er gehört neben Robert Harris zu den Thriller-Autoren mit dem breitesten thematischen Spektrum. Am berühmtesten ist wohl seine Serie um den Berliner Ex-Polizisten und Privatdetektiv Bernie Gunther, in der Kerr die unterschiedlichsten Aspekte des 3.Reiches behandelt: Vorkriegszeit, 2.Weltkrieg, Kriegsverbrechen, Zusammenbruch und Nachkrieg, Rattenlinie und die Verpflichtung deutscher Kriegsverbrecher durch die Amerikaner.

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Sein Vater starb mit 46 Jahren – er war damals 22 –, was einen Schock bei dem bis dato gläubigen Baptistensohn auslöste und religiöse Ideologien bis heute erledigte. „Als Kind besuchte ich an manchen Sonntagen dreimal die Kirche.“
Nach seinem Studium in Birmingham arbeitete der 1956 in Edinburgh geborene Philip Kerr in der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, „wo jeder an einem Roman arbeitete außer denen, die zum Lunch gingen“. live_let_die_book2[1]Seine Leidenschaft für die Literatur hatte sich früh herausgebildet: „Ich wurde mit sieben, acht Jahren zum leidenschaftlichen Leser. Zwischen 1956 und 1968 konnte man in Edinburgh sowieso nichts anderes tun. Mein Vater hatte ein Regal mit für Kinder verbotenen Büchern. Nachdem ich entdeckt hatte, wo der Schlüssel dazu versteckt war, wurde das meine Lieblingsbibliothek. Darin befanden sich Ian Fleming, Mickey Spillane, Dennis Wheatley, LADY CHATTERLEY´S LOVER usw. Die Bond-Romane gefielen mir am besten. Und von allen Bonds war mir LIVE AND LET DIE der liebste. Ich liebte die alten Pan-Taschenbuchausgaben.“

In den 1980 ern schrieb Kerr seine ersten Romane: Fünf Bücher im Stil von Martin Amis, die kein Verlag haben wollte. Ende der 1980er schrieb er dann den ersten Berlin-Noir-Roman: MARCH VIOLETS. Er betrat die Bühne des historischen Kriminalromans wie ein Eigentümer sein Grundstück. So wie er hatte zuvor niemand einen der vier deutschen Exportschlager der Pop-Kultur genutzt (die anderen neben den Nazis sind Fußball, Kalter Krieg mit Wiedervereinigung und Kraftwerk).

Die Idee zu Bernie Gunther kam Kerr, als er darüber nachdachte, was Raymond Chandler wohl geschrieben hätte, wenn er statt nach Los Angeles nach Berlin gegangen wäre.
„Berlin symbolisiert wie keine andere Stadt das 20. Jahrhundert für mich.“

Kerr sieht sich als Erzähler, der eher an der Story interessiert ist als an Stil. Aber sein scheinbar leicht dahin fließender, müheloser Stil ist genauso wenig kunstlos wie etwa der von Eric Ambler.
„Ich sehe mich als Autor in der Tradition des politischen europäischen Romans.“
Die Gunther-Romane sind zu 40% Privatdetektivromane und zu 60% politische. Aber schon bei Dashiell Hammett galt, dass das System die größten Verbrechen begeht.
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Nach der erfolgreichen Berlin-Noir-Trilogie stoppte er 1991 überraschend mit Bernie Gunther-Romanen. „Ich suchte neue Risiken als Autor. Verlage wollen, dass man immer das gleiche Buch schreibt, wenn man damit erfolgreich ist. Ich will immer neue Bücher schreiben, neue Themen recherchieren. Außerdem watete ich schon zu lange in diesem Nazi-Dreck. Es war schon so, als würde ich mit denen zusammenleben, und nach jedem Buch hatte ich das Gefühl, ich müsste mir ihren ganzen Schmutz abwaschen.“ Außerdem hatte er wohl keine Lust, als Nischenikone in die Kriminalliteratur einzugehen.

In den 15 Jahren seit der Berlin-Noir-Trilogie hat sich Kerr als Autor weiterentwickelt. Er schrieb eine ganze Reihe von Standalone-Thrillern, darunter Wissenschaftsthriller, die ihm das Etikett als „britischer Michael Crighton“ einbrachten.GW180H295[1] Ein Anspruch, dem Kerr nicht entsprechen konnte und wollte. Kerr hat haufenweise Literaturpreise eingesackt. Darunter auch den „Bad Sex in Fiction Award“ der Literary Review 1993 für die Sex-Szenen in GRIDIRON (GAME OVER). Ein herausragender Thriller aus dieser Zeit ist DEAD MEAT, der im Russland Jelzins während der großen Mafia-Kämpfe spielt. Die BBC produzierte den Roman 1994 als ebenso gelungenen Dreiteiler GRUSHKO mit Brian Cox in der Titelrolle (der Dreiteiler ist, wie auch die Deighton-Serie GAME,SET, MATCH, als Zweiteiler zweimal bei Vox ausgestrahlt worden, um dann für immer in den flachen Hirnhöhlen des Kurzzeitgedächtnises der zuständigen TV-Redakteure zu verfaulen).

„Ich schreibe jeden Tag – selbst Weihnachten. So definiere ich mich – durch das Schreiben. Das Wunderbare daran ist, dass man nie damit aufhören muss. Als Autor muss ich nicht in Rente gehen. Ich will an meinem Schreibtisch sterben – mitten in einem Satz.“ Dabei hilft ihm seine selbstbezeugte Asozialität: „Genau wie Bernie Gunther habe ich keine Freunde. Ich brauche sowas nicht.“
Was er hat und braucht, ist seine Familie: Er ist mit der Schriftstellerin Jane Thynne verheiratet, und das Paar hat drei Kinder. Diese waren Auslöser für eine zweite Karriere als Kinderbuchautor mit der Serie CHILDREN OF THE LAMP, die er als „P.B.Carr“ verfasst.
Inzwischen hat Kerr, der angeblich in 40 Sprachen übersetzt wird, die Filmrechte an 14 Romanen verkauft; keines ist realisiert worden. „Was für eine Geldverschwendung! Der einzige, der was davon hat, bin ich.“

Sogar in Deutschland ist Kerr recht erfolgreich: Die Noir-Trilogie verzeichnete 2013 die 7.Auflage, und die meisten neuen Titel sind in einer 2.Auflage bei Rowohlt lieferbar. Erstaunlich für deutsche Buchkäufer, denn ganz ohne Verabredung haben wir uns alle daran gewöhnt, Qualität zu meiden.

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2006 kehrte er überraschend zu seinem Helden zurück: Mit THE ONE FROM THE OTHER begann er der Figur neue Dimensionen zu geben. Mit den Folgebänden sprengte er Bernies formbedingte Charaktermaske immer weiter auf. Die Verbrechen, an denen Gunther im Krieg beteiligt war, hatten seine Natur verändert. Während des Krieges wurde er suizidgefährdet, was sich auch im Nachkrieg fortsetzt.hagee[1]

Mit seiner Serie um den Polizisten, SD-Mann, Privatdetektiv und Agenten Bernie Gunther schuf Philip Kerr etwas völlig Neues und Originelles innerhalb der Kriminalliteratur. Dank seiner Vorarbeit wagen sich inzwischen auch deutsche Autoren an zeitgeschichtlich eingebettete Romane, die in der Weimarer Republik oder im 3.Reich angesiedelt sind (obwohl es da bereits frühere Werke gab, wie etwa Kirsts NACHT DER GENERÄLE oder Romane von Simmel).

Der historische Privatdetektivroman entstand in den 1970er Jahren in den USA. Am Anfang steht der Film CHINATOWN von Roman Polanski und TV-Serien wie CITY OF ANGELS und BANYON. Literarisch nutzte zuerst Andrew Bergman die Form, gefolgt von Stuart Kaminksky und Joe Gores mit HAMMETT, bis 1984 Max Allan Collins mit seiner Nate Heller-Serie neue Dimensionen eröffnete.

Die Sprache ist angelsächsischer hard-boiled und nimmt den Romanen gelegentlich ihr authentisches Flair. Allerdings erhält man dafür im Gegenzug auch unterhaltsame Wisecracks („Lebensraum für uns hieß, andere sollten erst mal ihr Leben lassen.“, „Die Getränkepreise bissen wie Senfgas in meine Augen.“). Ein deutscher Kritiker verwechselte gar diesen genreimmanenten Wortwitz mit „Berliner Humor“.

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Das Transponieren des typisch amerikanischen Privatdetektivs ins dritte Reich hat etwas Künstliches. Denn immer wieder schlagen die angelsächsischen Genremuster durch und unterordnen das Authentische der genauen Recherche. Manchmal wirkt das, als hätte Kerr einen Film für Fritz Lang geschrieben. Das durch Gunther zu oft behauptete Unverständnis für die Nazis und ihr Regime zeigt einmal mehr den angelsächsischen Standpunkt; jeder deutsche Widerstandskämpfer verstand sehr wohl die Denkweise von Gestapo, SD und SS. Man spürt immer wieder, dass Gunther keine deutsche Privatdetektivfigur ist, sondern angelsächsische Mentalität verkörpert.

Deswegen funktionieren, bei aller Liebe und Verehrung für die Berlin-Noir-Trilogie, die späteren Romane, insbesondere die Nachkriegsromane m.E. besser. Denn in dieser Zeit ist Bernie eher eine Art Geheimagent (bzw. im System integrierter Funktionär) als Privatdetektiv. Besonders die Bücher oder Handlungselemente, in denen Gunther bereits in das Unrechtssystem eingegliedert ist und selber schuldig wurde, wirken erschreckender und weniger artifiziell. Trotzdem schlägt das angelsächsische Element immer wieder mal durch. Diese Kritik schränkt die Qualität der Serie nicht ein. Auch in Privatdetektivromanen, die in der angelsächsischen Welt oder sonstwo spielen, ist der PI – von Race Williams über Tarpon bis Harry Bosch – ein idealisierter Kleinunternehmer oder eine heroisierte Ich-AG, eben eine Kunstfigur, die Prinzipien verkörpert. Sie steht für die schöne Utopie, dass man in komplexen Gesellschaften individuell Gerechtigkeit gegen das System durchsetzen kann. Und sie dient den besseren Autoren dazu, das gesellschaftliche System oder bestimmte Milieus sittenbildlich und politisch zu durchleuchten.

Die paar Probleme, die ich mit Bernie habe, sind dann auch typisch deutsch. Sie beruhen auf dem Gegensatz zwischen den bekannten Realitäten im 3.Reich und der Behauptung, ein Individuum hätte für sich demokratisch-angelsächsische Freiräume behaupten können. Den Briten ist mein kleinliches Gemäkel natürlich fremd. Der „Guardian“ brachte die Qualität von MARCH VIOLETS auf den Punkt; „…an impressive debut that catches the nasty taste of the jackboot era and the wisecracking flavor of the pulps.”
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Michael Drewniok hat in seiner Rezension zu WOLFSHUNGER in der „Krimi-Couch“ auf die Authentizitätsschwäche der Figur hingewiesen: „Ein so frecher und großmäuliger Zeitgenosse wie Gunther dürfte in der realen Zeit keine lange Lebensdauer gehabt haben.“ Es ist eben etwas anderes, ob Marlowe in LA mit Captain Gregorious spricht oder Gunther in Berlin oder Prag mit Heydrich. Insofern suggeriert Kerrs Figur eine Autonomie, die höchst unwahrscheinlich ist und bei einem deutschen Kritiker einfältiges Wunschdenken auslöste: „So hätte man seine eigenen Familienmitglieder gerne in der Nazizeit agieren gehabt“. Derselbe Kritiker versteigt sich in kleinbürgerliche Romantik, wenn er dies und die Figur Gunther als realistisch verteidigt. Als ob dies für einen nicht-naturalistischen Roman ein Qualitätsmerkmal darstellt. Kerr schreibt nun mal Genre-Romane über eine unrealistische Figur, die innerhalb ihrer Parameter aber absolut glaubwürdig ist. Der entscheidende Realismus bezieht sich auf die Zeitgeschichte. Gunthers mean-streets sind die Kreuzungen, wo Geschichte zur Tragödie wird.
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Dieses Zeitkolorit erscheint dafür umso realistischer: Nie wurde mir zum Beispiel deutlicher als in PRAGUE FATALE vermittelt, dass im Berlin nach Stalingrad das katastrophale Ende des Krieges in allen Poren der Stadt bereits spürbar war. Auch da setzt Kerr die richtigen Details, um die Situation atmosphärisch spürbar zu gestalten. Dabei verhärtet sich die Theorie, dass dem Regime nun die Judenvernichtung wichtiger war als der Endsieg. Seine Abbildungen des Argentiniens der Nachkriegszeit oder des Kubas zu Beginn der Revolution bewirkt wahrscheinlich mehr (und tiefere) Erkenntnisse als manches Sachbuch.

Kerrs bevorzugter Recherche-Ort ist die Wiener Bibliothek am Londoner Russell Square. Alfred Wiener baute sie in den 1930er Jahren auf und brachte sie 1939 aus Amsterdam nach London, wo die Zeugnisse aus dem Widerstand vom britischen Geheimdienst während des 2.Weltkriegs studiert und ausgewertet wurden. Laut Kerr ermöglicht das Studium der Bibliothek noch heute täglich neue Erkenntnisse zum dritten Reich.
„Je mehr Details ich habe, um so leichter fällt mir der Method-Acting-Trick mich in die Zeit zu versetzen.“

Und von Recherche versteht der studierte Rechtsphilosoph mindestens soviel wie von Zeitgeschichte.
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Wie Kerr seine Recherchen aufbereitet und zum Bestandteil der Story macht, ist von großer Intensität und Kunst. Da kommt der 1956 geborene Schotte rüber wie ein wortgewaltiger Augenzeuge. Oder wie der Großmeister des historischen Privatdetektivromans, Max Allan Collins, sagt: „Geschichte ist erst dann interessant, wenn sie uns in Form von Geschichten nahe gebracht wird. Man hüte sich davor, den Schwanz der Recherche mit dem Hund der Geschichte wedeln zu lassen.“ Genau darin liegt eine der großen Stärken Philip Kerrs: Er betreibt Aufklärung mit den Mitteln des Romans, Leser, die sich ansonsten nie für Geschichte im Allgemeinen oder die des Nazismus im Besonderen interessieren, erreicht er mit den literarischen Techniken des Polit-Thrillers und des Privatdetektivromans. Der zynische Ton des Privatdetektivromans ist vielleicht zeitgemäße Form, politische Verbrechen zu kommentieren. Wiederum ist es wohl typisch deutsch, dass ich diesen didaktischen Ansatz betone. Aber die Aufarbeitung unserer Geschichte erscheint angesichts der verordneten Bildungslosigkeit heute nötiger denn je. Da leistet der Brite mehr als die meisten deutschen Autoren – egal welchem Genre zugehörig.978-3-499-25702-5.jpg.608651[1]

In den Romanen ab 2006, also nach Afghanistan- und Irak-Überfall, drückt sich Kerrs angenehmer politischer Anti-Amerikanismus immer breiter aus. Besonders in FIELD GREY, wo Bernie für die USA Erich Mielke jagen soll. Ganz bewusst wählt er eine Diktion, die der Leser direkt auf die Gegenwart beziehen kann oder soll:

„Neue Feinde und der Hunger nach neuen Siegen ließen sie in ihren schwimmenden stahlgrauen Städten des Todes hocken, wo sie Coca-Cola tranken, ihre Lucky Strikes rauchten und sich bereitmachten, den Rest der Welt von dem unsinnigen Bedürfnis zu befreien, anders sein zu wollen als die Amerikaner. Denn jetzt waren nicht mehr die Deutschen, sondern die Amerikaner die Herrenrasse, und statt Hitler und Stalin war nun Uncle Sam das Gesicht eines neuen Weltreiches.“

Oder noch härter:

„Gleich nach dem Start bot sich mir ein schöner Blick auf die Freiheitsstatue. Ich hatte den sonderbaren Eindruck, dass die Lady in der Toga den Arm zum Hitlergruß erhoben hatte.“

Nach Landraub, Völkermord an den Indianern und Kolonialkriegen im „Hinterhof“ sieht Kerr einen weiteren Sündenfall: Indem sie Kriegsverbrecher und Massenmörder in die eigenen Reihen eingliedern, setzen die USA den Nazismus als Cola-Light-Version fort (was sich heute symbolisch darin äußert, dass Amerikaner, im Gegensatz zu allen anderen Völkern, der internationalen Gerichtsbarkeit nicht unterworfen sind).

Kerr hält sich in der Veröffentlichungsreihenfolge an keine Chronologie. Er springt mit jedem neuen Roman durch die Nazi-Geschichte, von den Anfängen des Regimes bis zum Einsatz von Kriegsverbrechern durch die Amerikaner in Lateinamerika. Man könnte die Serie etwas gewagt als „Odyssee der Nazis“ benennen, die weit in die Nachkriegszeit reicht und auf deren Strukturen Neo-Nazis noch heute zugreifen können. Kerr gelingt ein komplexes Bild politischer Zusammenhänge, die dank seines literarischen Könnens genauso faszinierend wie unterhaltsam und aufklärerisch sind. Damit hat er – um es nochmals zu betonen – innerhalb der Kriminalliteratur, jeder Form von Literatur, etwas einzigartiges geschaffen.

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DIE BERNIE GUNTHER-SERIE:

March Violets, 1989. Feuer in Berlin, Rowohlt, Reinbek 1995.

The pale criminal, 1991. Im Sog der dunklen Mächte, Rowohlt, Reinbek 1995.

A German Requiem, 1991. Alte Freunde, neue Feinde, Rowohlt, Reinbek 1996.

The One from the Other, 2006). Das Janusprojekt, Rowohlt, Reinbek 2007.

A Quiet Flame, 2009. Das letzte Experiment. Wunderlich, Reinbek 2009.

If The Dead Rise Not, 2010. Die Adlon-Verschwörung. Rowohlt, Reinbek 2011.

Field Grey, 2011. Mission Walhalla. Rowohlt, Reinbek 2013.

Prague fatale, 2011. Böhmisches Blut. Rowohlt, Reinbek 2014.

A Man without Breath, 2013. Wolfshunger. Rowohlt, Reinbek 2014.

The Lady From Zagreb, 2015.

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P.S.: Eines der besten Interviews mit Kerr (aus dem ich mich hier auch verschiedentlich bedient habe) ist das von J.Kingston Pierce für „The Rap Sheet“:

http://therapsheet.blogspot.de/2010/04/intimidating-mr-kerr.html

Die Lektüre sei hiermit wärmstens empfohlen; darin finden sich so herrliche Aussagen wie:

PK:My parents weren’t really bookish. My father joined the Book of the Month Club, but it was me who read the books. Scots people don’t go in for encouraging children so much as warning them against masturbation and reefers. My mother was forever warning me against smoking reefers; and she believed in white slavery. She was always telling my sister about the dangers of that. As a boy I rather liked the idea of white slavery. Still do. The Scots never really liked me. I’m dark, you see, and they thought I was a bit racially suspect. As a result, I don’t really like the Scots very much. It’s hard to feel much warmth for your own race when they’ve rejected you.

JKP: Do you have siblings? And are your parents still living?

PK: I have a sister, still living. And a sister, who’s not still living. [My] parents have moved on to the next world.

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VERLORENER VERLIERER: DIE 7 LEBEN DES ARTHUR BOWMAN – der neue Roman von Antonin Varenne by Martin Compart

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Es gibt wohl kein ausgelutschteres kriminalliterarisches Subgenre als die Serienkiller-Geschichte. Nach dem kommerziellen Erfolg von Thomas Harris (und dem literarischen einiger anderer Autoren) brach Ende der 1980er Jahre eine anhaltende Flut an unerhörten Dämlichkeiten über den unschuldigen Leser zusammen, die in der Literaturgeschichte ihres gleichen sucht und bis heute ihr debiles Publikum findet. Manchmal weiß man nicht, wer schlimmer ist: Die realen Soziopathen, die ihren Beitrag gegen die Überbevölkerung leisten, oder die geradezu schwachsinnigen Serienkillerschreiber, die ihren Realitätsverlust und ihre Phantasielosigkeit durch Geldgier ausgleichen.

Um so beeindruckender, wenn es alle paar Jahre mal wieder einen Autor gibt, dem es gelingt, dieses Thema neu, überzeugend und originell zu gestalten.

Genau das gelingt Antonin Varenne, dem neuen Star der französischen Noir-Kultur, mit DIE SIEBEN LEBEN DES ARTHUR BOWMAN (C.Bertelsmann), seinem fünften Roman, in dem verschiedene Genres auf nie gekannte Weise zusammen gepackt sind.

http://www.amazon.de/Die-sieben-Leben-Arthur-Bowman/dp/3570102351/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1432889487&sr=1-1

Die schlichte Rezeption zu FAKIRE (Ullstein, die mal wieder nicht durchgehalten haben), dem neben DIE SIEBEN LEBEN DES ARTHUR BOWMAN bisher einzigen ins Deutsche übersetzten Romans von Antonin Varenne, verlangt danach, Jonathan Swift zu zitieren:

VARENNE-ok[1]„Wenn ein wirklich großer Geist in der Welt erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden.“
Der geringe Erfolg von FAKIRE bei uns, was sicherlich der Grund für Ullstein war, diesen Autor nicht weiter zu veröffentlichen, verdeutlicht einmal mehr die kulturelle Verspätung teutonischer Buchkunden, die Dante Alighieri für Heidi Klums Couturier halten und die Bestsellerlisten zu literarischen Müllkippen gestalten.

Sogar die Angelsachsen haben seine Bedeutung für die zeitgenössische Noir-Literatur erkannt und übersetzen sein Werk, das die Reklame der Dichter nicht mehr nötig hat. In seinen Romane kommt außer stilistischen Strahlen nie Licht rein, und die Leute sehen fast alle fürchterlich aus. Hier fährt der ganze Planet endgültig zur Hölle – und man möchte ihm bei der Abreise noch helfen.

book_review[1]Varennes Figuren sind höchst aktuell: Es sind die Kaputten, die sich im Dienste der Mächtigen oder ihrer Institutionen aufgebraucht haben und als Wracks weggeworfen werden. Es sind wütende oder ausgebrannte , sich betäubende, unkontrollierbare menschliche Hülsen, die asozial vor sich hin vegetieren, bis sie mehr oder weniger in eine Aufgabe hinein stolpern, die ihrer überflüssigen Existenz vielleicht Sinn verleiht. Sie haben eine miese Vergangenheit, eine gruselige Gegenwart und eine fürchterliche Zukunft (wenn überhaupt). Charaktere von nächtlicher Schwermut und finsterer Niedergeschlagenheit, die den banalen Leser zutiefst verstören.

Arthur Bowman ist so eine ausgebrannte, fast seelenlose Hülle. Er hatte sich einst in den Dienst der East-India-Company gestellt, da nichts anderes für ihn möglich war. Durch Todesverachtung und Brutalität hat er sich bis zum Sergeant hoch gedient und für die Aktieninhaber gemordet, geplündert und erobert. Bis zum Sepoy-Aufstand (als sie von der Krone übernommen wurde) war die britische Ostindien-Kompanie der größte Konzern und wichtigste Aktiengesellschaft der Welt. Bownan ist bewusst, „dass die weit ausgestreckten Arme der stolzen Kompanie schmutzige Hände wie die seinen gebraucht hatten, um ihre Reichtümer anzuhäufen“. Bowman ist ein wirklich kaputter Noir-Held, der vielleicht Empathie auslöst, aber keine Sympathie. Eben eine Figur, die kaum ein anderer Autor als Varenne so überzeugend lebendig werden lassen kann. Dagegen springen David Goodis Loser wie Gene Kelly singend durch den Regen.

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Der Roman beginnt 1852 in Burma. Sergeant Bowman soll zu Beginn des 2.Birma-Feldzugs eine Geheimmission durchführen, da die Burmesen egoistisch ihre Reichtümer nicht John Company überlassen wollen. Die Mission, die ihn in den feuchten, beklemmenden Dschungel Hinterindiens führt, geht gründlich schief und Bowman und seine Männer fallen in die Hände der Feinde. Ein Jahr Gefangenschaft und Folter brechen sogar den harten Sergeant. Varennes Hinterindien ist deprimierender als das von Joseph Conrad; eine Hölle, die dem Westler Albträume gebiert, „wegen all dem, was er gesehen hat. Wegen dem, was man ihm angetan hat, oder auch wegen dem, was er selber getan hat“. Es ist völlig egal, ob man die grobe Struktur der Handlung durch den Klappentext erfährt oder nicht – Varennes beängstigende literarische Fähigkeiten sind so stark, dass man die Handlung voller Spannung verfolgt. Für ihn gilt ein Satz, den Andé Gide einmal über Dashiell Hammett gesagt hat: „Er schreibt Szenen, die niemals zuvor geschrieben wurden.“ Außerdem kann er die höchst unterschiedlichen Schauplätze atmosphärisch atmen lassen.

Sechs Jahre später ist das Wrack Bowman in London gelandet, wo er im Gnadenbrot der Company seine elende Existenz als Polizist der Docklands fristet. Von Opium und Alkohol zerstört, torkelt er durch London während einer Cholera-Epidemie. Diese Beschreibungen des vertrocknend stinkenden London gehören zu den beklemmenden Höhepunkten des Romans, die man nicht mehr aus dem Hirn bekommt.

Als endlich der Regen kommt um die Stadt sintflutartig rein zu waschen, findet Bowman in einem Abwasserkanal eine Leiche. Der Tote ist furchtbar verstümmelt auf eine Weise, die Bowman unter der Folter in Burma erfahren hat. Der Killer kann also nur einer der zehn Überlebenden sein, der mit ihm die burmesische Gefangenschaft überlebt hat. Um die eigenen Dämonen zu bezwingen, beginnt er die Fahndung nach ihm, die Bowman bis in den Wilden Westen führt, unter Goldsucher, Sklaven und Indianer. Immer auf der Spur weiterer bestialisch zugerichteter Leichen. Bowmans Quest ist nicht nur die Verfolgung des Mörders, sondern auch eine Odyssee des Überlebens und ein episches historisch-soziologisches Fresko von Wucht und innerer Tiefe. Ganz nebenbei zeigt der Roman, was Folter aus den Menschen macht, wie sie für den Rest ihres Lebens als gequälte Kreaturen kaum noch ihre Persönlichkeit bewahren können. Varenne lässt keinen Zweifel daran, dass Folter nur einen Zweck hat: Den kranken Sadismus kranker Menschen zu befriedigen. Auch wenn lächerliche Vereine wie die CIA als Schutzbehauptungen vorschieben, es ginge ihnen um das Erlangen von Informationen. Was sollen das wohl für Informationen sein, wenn man dafür Menschen über Jahre foltert?

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Varenne wurde 1973 geboren. Seine Eltern führten ein rastloses Leben und zogen mit ihm durch Frankreich; einige Zeit lebten sie auf einem Segelboot. Er studierte Philosophie in Nanterre und schrieb seine Abschlussdissertation über Machiavelli. Danach führten ihn Jobs als Gebäudekletterer oder Zimmermann um die Welt: Indonesien, Island, Mexiko, schließlich die USA, wo er seine Frau kennen lernte. Er legte verdientes Geld zurück und schrieb dort seinen ersten Roman: LE FRUIT DE VOS ENTRAILLES, der 2006 veröffentlicht wurde. Daraufhin kehrte er mit seiner Frau, Kind und seinem mexikanischen Hund nach Frankreich zurück und ließ sich im Département Creuse nieder. 2008 folgte der Roman LE GATEAU MEXICAIN. Der große Durchbruch kam dann 2009 mit FAKIRS, der mit zwei Preisen für Kriminalliteratur ausgezeichnet wurde und ihn als den wahrscheinlich originellsten französischen Noir-Autor seit Manchette etablierten. Dies bestätigte 2011 sein Noir-Roman LE MUR, LE KABYLE ET LE MARIN. Ein Meisterwerk, das die Schrecken des Algerienkrieges mit dem Horror der Gegenwart verknüpft. Weitere Literaturpreise. Nach diesen düsteren Büchern wollte er zum Spaß einen Western schreiben. Heraus kam das hier vorliegende Buch, das ihm nicht minder „noir“ geraten ist, auch wenn er verschiedene Genre – historischer Abenteuerroman, Detektivroman, Sittenbild, Thriller und Western – zu etwas völlig eigenständigen verbunden hat. Die Filmrechte an FAKIR sind inzwischen verkauft und man hat ihm angeboten, eine Fernsehserie zu entwickeln. Aber das interessiert Varenne nicht, der auch ein höchst anspruchsvoller Leser ist. Einen der letzten Romane von Ellroy hat er nach halber Lektüre wütend an die Wand geworfen. Für mich gut nachvollziehbar: Der Unterschied zwischen einem Bluffer und einem Nihilisten.

P.S.: Wer sich vielleicht an die Bücher von Richard Laymon und Walter Satterthwait über die Jagd auf Jack the Ripper durch den Wilden Westen erinnert fühlt, sei beruhigt: Varenne ist eine ganz andere Klasse (wobei ihre beiden Romanen durchaus Spaß machen)!



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: BLUTHUNDE von Don DeLilo by Martin Compart

Don DeLilo ist einer der großen Verschwörungstheoretiker. Aber ihm nimmt es das Feuilleton nicht übel, denn DeLilo hat mehr Literaturpreise gewonnen als die meisten Mainstream-Zeitungen noch Abonnenten haben.

06/00/1991. American Author Don Delillo

DeLilo wird von den Medienkellnern der Literaturseiten gerne mit dem Begriff „postmodern“ belegt. Bei SIEBEN SEKUNDEN begründet das Der Spiegel mit der Beobachtung, dass in dem Roman fiktive Figuren auf historische stoßen. Oha, dann ist wohl Charles Dickens (A TALE OF TWO CITIES) ebenfalls ein „postmoderner“ Autor. „Postmodern“ ist lediglich ein völlig hirnverbrannter Begriff aus den vollgekotzten Schubladen des Marketings, der impliziert, dass es irgendwann mal eine ästhetische Wetterscheide gegeben habe, nach deren Grenzüberschreitung anders als zuvor geschrieben werde. Tatsächlich gibt es aber seit den 1980er Jahren (in denen manche dieser verzweifelt um Schubladenoriginalität bemühten Hirnakrobaten, überwältigt von ihrer eigenen Wortgewalt, diese „Postmoderne“ verorten) stilistisch nichts epochal Neues. Auch nicht unter der trüben Sonne Klagenfurts.
Kerouac, Burroughs, Vian, Mailer, Robbe-Grillet, Manchette, Pynchon und ein paar weitere füllten bereits in den 1950er- bis 1970ern die literarischen Werkzeugkästen, aus denen man sich bis heute bedient.

runningdog_first_ed[1]Um die Kultur nicht in den öden Festungen subventionierter Kritiker zu isolieren, sollte man sie, wie es ihre Existenz ausdrücklich verlangt, eher an der Realität anmessen. Dann könnte man zumindest seit 2001 von einer Kultur, bzw. Literatur, der „Postdemokratie“ sprechen, was sie ja häufig thematisiert. Seit der Bankrottrüstung der Sowjetunion und spätestens seit 9/11 rechtfertigen die Lebensgrundlagenzerstörer (Neo-Con ist ein ebenso falscher Begriff wie „postmodern“, denn er beleidigt all das, wofür ein aufrechter Konservativer steht) ihre globalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Umwelt mit der Marktwirtschaftsphrase. Dank Banker, Konzernlenker und ihren eingekauften politischen Heloten hat die Vernichtung unseres Planeten eine nie gekannte Virtuosität erreicht.

Ich habe schon häufig darauf hingewiesen, dass sogenannte E-Literaten immer häufiger Ausflüge in sogenannte U-Genres machen (wahrscheinlich um ihrem Biedermeier zu entkommen), besonders gerne in die Noir-Literatur. Hemingway, Mailer, McCarthy, Pynchon taten dies bereits vor Jahrzehnten. Don DeLilo ganz unmissverständlich 1978 mit RUNNING DOG. Pop-Kultur war immer bedeutsam für seine Bücher und Weltsicht, aber in diesem Roman nutzte er ganz bewusst die Strukturen des Thrillers. Oder wie es Joachim Kalka 1999 in der FAZ in einer der brillantesten Besprechungen von BLUTHUNDE ausdrückte: kreist die Handlung „in einem Dekor von verschwenderischer Noir-Ausstattung“ um „ein leeres Zentrum: Es gibt etwas, das alle haben wollen, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, wer es hat, ob es existiert“.

Dies ist DeLilos Jagd nach dem MALTESER FALKEN, der bei ihm ein Pornofilm aus den letzten Tagen im Führerbunker ist und dessen Schale am Ende des Romans ähnlich aufgekratzt wird wie bei Hammett. Und wie bei Hammett ist es auch für DeLilo lediglich ein McGuffin – einer der aberwitzigsten der Noir-Literatur (der Begriff „McGuffin stammte von Alfred Hitchcock und benannte das sinnlose oder sinnvolle Motiv, das „die Handlung zum laufen bringt oder am laufen hält“). Dem Zeitgeist entsprechend, gibt es in BLUTHUNDE keine integre Figur wie Sam Spade. Mordende wie Ermordete sind schuldhaft in die Intrigen des Systems verwickelt.

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Im Echo von Kennedy-Attentat, Vietnam, Watergate, Sixties-Revolte und Church-Ausschuss hat DeLilo BLUTHUNDE mit ebenso unterhaltsamem wie symbolisiertem Personal bestückt: einen Geheimagenten, zwei Journalistinnen des ehemals radikalen Magazins „Bluthunde“, einen Senator (der in einem dem Church-Ausschuss nachempfundenen Komitees mitmischt), den Boss des militärisch-industriellen Komplexes, einen Mafia-Don, einen alternden Erotika-Händler und andere illustre Gestalten. bluthunde-9783442446025_xxl[1]

Der Agent Selvy arbeitet, von Steuergeldern bezahlt, für Senator Lloyd Percy als eine Art Referent. Seine wirkliche Aufgabe ist es, belastendes Material gegen den Senator zu sammeln, dass Geheimdienste und der militärisch-industrielle Komplex gegen ihn verwenden kann. „Er fühlte sich vom Dreck seines Berufs nicht beschmutzt.“ Selvy ist der Strohmann für eine vor der Öffentlichkeit verborgenen Neigung des Senators: seine millionenschwere Erotika-Sammlung, der auch der Nazi-Porno einverleibt werden soll. „Es gefällt dem Herrn, dass nur wenige von uns über das nötige Kleingeld verfügen, um solchen Neigungen nachzugehen.“

Zynisch betrachtet DeLilo die perverse Nazi-Faszination durch den Zwischenhändler Lightborne: „Film spielte eine ganz wesentliche Rolle in der Nazi-Ära. Mythos, Traum. Erinnerung… faszinierend: Die ganze Nazi-Ära. Die Leute können nicht genug davon kriegen. Wenn´s um Nazis geht, kommt automatisch Erotik ins Spiel. Die Gewalt, die Rituale, das Leder, die Schaftstiefel. Die ganze Begeisterung für Uniformen und das ganze Brimborium. Hitler hat seine Nichte ausgepeitscht, haben Sie das gewußt? Verhilft derlei Material den Leuten dazu, ihren Orgasmus aufzuwerten?“

Der Roman steht ganz in der Tradition der amerikanischen Conspiracy-Romane und Paranoia-Filme der 1970er. Geschockt von den Reformen der 196oer Jahre, die aus dem Ruder gelaufen waren, begann die Reaktion vehement aufzurüsten und setzte zu Beginn der 1980er gar mit Reagen den ersten Soldaten-Präsidenten ins Weiße Haus. DeLilos schwarzer Polit-Thriller verdeutlicht diese Zeit, die soviel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Aus einem Dialog zwischen Selvy und der Bluthund-Journalistin Robbins:

„BLUTHUND war einstmals ein Organ der Unzufriedenen.“
„Ja, wir waren ziemlich radikal.“
„Heute völlig etabliert.“
„Völlig würde ich nicht gerade sagen.“
„Teil der ständig expandierenden Mitte.“

Kein Thriller für Leser, die zur Genügsamkeit bei geistiger Nahrung neigen.

P.S.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Monsanto vernichtet werden muss.