Martin Compart


„SERIÖS“ – SERIENEXPERTEN, WIE SIE NUR DAS DEUTSCHE FERNSEHEN HERVORBRINGT by Martin Compart

Auch Serien-Spezialist Jochen König (https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/) hat sich SERIÖS angetan:

Unglaublich. Es gibt eine Diskussionsreihe über Serien. Die der personifizierte Möchtegernstatus ist. Die kleine Gartenzwerghölle, diesmal nicht im Vorgarten, sondern in einem ach so heimelig eingerichteten Fernsehstudio.

Für alle, die direkt damit konfrontiert werden möchten, warum Deutsches Fernsehen der Horror ist. Man nehme drei mittlere Ausfälle (Kurt Krömer, Ralf Husmann, Annie „wer auch immer diese ‚Allesguckerin‘ ist“ Hoffmann) und einen Totalausfall (Annette „ich bin die ganz tolle Schreiberin von „Weißensee“, die sich supi auskennt mit allem und jedem und auch in Stereo biographieren kann“ Hess) und setze sie nach Vorbild des literarischen Quartetts zusammen (nur viel lockerer, mit nackte Füße auffe Couch und so), und lasse sie über Serien reden. Äh falsch, quatschen, quasseln, abgehen auf billigste Pointenjagd.

Pestlippen, die Lauch sind, aber so lit wie sonst was sein möchten.

Kontexte: Existieren nicht, ernsthafte Auseinandersetzung: Watt willsndu Alda, spinnsde? Perspektivisch und inhaltlich tiefgreifendere Themen zu eröffnen spielt keine Rolle.
Da hält Hess eine Lobrede auf den mäßig komischen und hochnotpeinlich chargierenden Ricky Gervais (ist sonst besser) als „Derek“, und moniert,dass Ekel im Serien-TV kaum eine Rolle spielt. „Derek“ hingegen…
Haben wir die (nicht mal ansatzweise erreichten) Vorlagen für „Derek“ nicht präsent? Monty Python und Little Britain waren weit wagemutiger, besser gespielt und längst da, wo „Derek“ möglicherweise hin möchte.
Die „League Of Gentleman“, „South Park“, die „Simpsons“, „Futurama“, selbst harmlose Serien wie „Inspector Barnaby“ (Leiche im Bierfass, aus dem munter getrunken – und anschließend gekotzt wird) und „Brokenwood“ (ist es Wein oder Natursekt?)widmen dem Thema „Ekel“ ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur ein paar Beispiele unter vielen.

Bei „Seriös“ reichen sich Ignoranz, Ahnungslosigkeit, bemühte Witzischkeit und haarsträubende Vergleiche/Pointe die Hände („’Game Of Thrones‘ ist wie die ‚Lindenstraße‘. Viele Charaktere“).
Wer wie ich aus einer pietistisch angehauchten Gegend stammt, in der man nicht in den Keller geht, um zu lachen, sondern um sich zu geißeln, wird die Reihe zu schätzen wissen.

Auf die falscheste Art. Für den Rest ist es eine Übung in Fremdscham (und ein kleiner Blick auf den maroden Zustand des german televison, das nichts proudly zu präsentieren hat).

Ralf Husmann zieht sich noch am besten aus der Affäre. Er kennt sich mit dem Schämen für andere halt aus und erweckt zumindest manchmal den Eindruck, dass ihm die Sendung peinlich ist.

Merke: Wer nix mehr merkt merkt nix. Wenn man mal wissen will, was man garantiert nicht über Serien wissen will, ist man bei „One“ und in der Mediathek richtig:



STERNSTUNDEN DER VERBLÖDUNG by Martin Compart
18. Januar 2019, 8:45 am
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Im Schulfernsehen „Planet Schule“ beglückte der WDR in der Reihe – schluck – „Dichter dran“ (was für ein Titel für eine Reihe über deutsche Literatur!) in einem Beitrag über E.T.A. Hoffmann mit folgendem Satz: „(Ab da, gemeint ist die Zeit um 1814)… schreibt Hoffmann Beiträge für T a s c h e n b ü c h e r…“
Vielleicht sollte man die Senderreihe in „Planet Pisa“ umbenennen.
Mein WDR!

P.S:

EIN BESCHEUERTER BEI LANZ:

Ab Minute 20 geht der Schwachsinn richtig los!

Über Scheuers Ministeramt lässt sich positiv sagen: Wenigstens ist er von der Strasse weg.

 



EIN MANN WILL NACH OBEN – THE ART OF MORE by Martin Compart
1. September 2016, 4:32 pm
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„Sie haben nichts zu befürchten. Wenn Ihnen das FBI zu Nahe kommen sollte, würde ich mich sofort vor einen Bus werfen.“

„Falls sich das FBI für mich interessieren sollte, sorge ich dafür, dass der Bus pünktlich ist.“

Der Dialog charakterisiert vortrefflich die Grundstimmung von THE ART OF MORE-TÖDLICHE GIER, einer US-Serie, deren erste Staffel (10 Folgen)gerade durch Privat- und Kabelsender gereicht wird und dank ihrer pessimistischen Weltsicht und Intelligenz kein großes Publikum finden wird.

Erstmals entdeckt eine US-Serie die ekelige Welt der kommerziellen Kunstverwertung und Auktionshäuser. Da man dort natürlich keine „positiven“ Charaktere antrifft, gibt es in der Serie auch nur unterschiedlich graduierte Arschlöcher. Es gibt keine ehrliche Art, um eine Million Dollar zu verdienen, sagte Raymond Chandler. Wie unehrlich muss dann jemand sein, der 200 Millionen Dollar für ein Bild bezahlt?

 

Also etwas, womit ein tumber deutscher Serienredakteur nicht zurecht kommt (abgesehen davon, das ihn die komplexe Handlungsstruktur überfordern würde).

Also wieder ein Beispiel dafür, wie meilenweit überlegen – und anspruchsvoll im Vergleich – ausländische Serien sind. Inzwischen sind wir ja auch von Italienern (GOMORRHA), Franzosen (SPIN) und Belgiern (VERMISST) langfristig abgehängt.

Dabei könnte die Hauptperson direkt einem Hans Fallada-Roman, den man etwas auf noir gedreht hätte, entsprungen sein können. Ein ehemalige Kleinganove und Irak-Veteran, gespielt von Christopher Cooke, ist ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Er nutzt seine alten Kontakte, um in das große Spiel der Auktionshäuser einzusteigen. An Plündergut heranzukommen, ist zwar kein Problem, bedingt aber auch blutige Verwicklungen. Aber nicht mal das reicht aus, um von den Snobs die Erlaubnis zum Kloreinigen zu bekommen. Denn die sind alle reich und verwechseln Bildung mit der Kenntnis von Preiskatalogen. Dank der Hilfe eines schwulen Kunstsammlers von Format und Bedeutung, ergattert er doch einen Job als Kundenberater. Und jetzt geht es richtig los. Bis Folge 5 werden die gruseligen Charaktere in ihrer hemmungslosen Gier und kleingeistigen Amoralität etabliert (Dennis Quaid gibt einen hinreißenden Donald Trump mit Niveau).

Ab dann drückt Serienerfinder und Hauptautor Chuck Rose das Gaspedal richtig durch und dreht seine oft hilflose Hauptfigur durch den Fleischwolf. In Nebenhandlungen darf er sich mit russischen Mafiosi schießen und Freundesverrat bekämpfen, bevor er im grandiosen Finish einen Arschtritt vom Establishment bekommt.

Cookes faszinierendes Spiel (alle Schauspieler sind natürlich vom Feinsten – allen voran die britischen) erinnert nicht nur an Colin Farrell (dessen Lichtdouble er sein könnte), sondern auch an Alain Delon in dem Sujet ähnlichen, unterschätzten Film L’homme pressé (1977). Er ist dauernd unter Druck, rast herum wie ein Berserker um ununterbrochen Locher zu stopfen, die das Fundament seines Kosmos zum Einstürzen bringen können. Im Gegensatz zum Kunst- und Antiquitätenjäger LOVEJOY (die langlebige britische Serie mit Ian McShane nach Jonathan Gash) nutzt Cooke die kulturellen Fetische nicht um sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, sondern um sich in einer vermeintlichen Elite einzugliedern. Er ist durch und durch ein anti-emanzipatorischer Unterschichtscharakter, programmiert auf gesellschaftlichen Aufstieg in einer durch und durch korrupten, anti-emanzipatorischen Gesellschaft, die. ohne historisches Bewusstsein,  auf dem Vulkan tanzt. Triviale Schatten des GROSSEN GATSBY liegen über der Serie, die das Leben der Soziopathen vor dem zu erwartenden zweiten Zusammenbruch des US-Kapitalismus spiegelt und beim Zuschauen Beklemmungen verursacht.

Es war die erste einstündige Drama-Serie von Sonys Streamingplattform CRACKLE und wurde am 19. November 2015 mit allen Folgen zum Verzehr präsentiert. Der hohe Zugriff und der prompte Verkauf in 25 liquide Länder, sorgte umgehend zum Auftrag für eine zweiten Staffel, nach der das Ende der ersten Season auch verlangt. Ein treffendes Bild der dekadenten Seite der Nutznießer des Kapitalismus.

ART OF MORE bietet hohes Tempo (nicht ganz so hoch wie CHOSEN), originelle Handlung und Milieu und jede Menge miese Typen, von denen man gar nicht genug kriegen kann.

P.S.: Aber auch in der Realität könnte Deutschland nicht mithalten. Blasse Stereotypen wie Maschmeyer reichen eben nur für MORD MIT SCHÖNER AUSSICHT oder SOKO HANNOVER. Und die zu „pimpen“, geht über die Vorstellungskraft unserer Biedermeier in den Redaktionen weit hinaus.

 

 

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DER GESCHICHTS-KOMMISSAR by Martin Compart
13. August 2016, 4:09 pm
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Daß ich Guido Knopp nachsichtig zum akademischen Abschluß verholfen habe, das werde ich mir nie verzeihen. Hätte ich geahnt, in welcher Weise dieser ‚Historiker‘ Geschichte und Agitation zu einem medialen Amalgam verschmilzt, hätte ich mich – glaube ich – doch etwas anders verhalten.“

Werner Maser

Quelle:http://www.jf-archiv.de/archiv07/200716041362.htm



BARBARA, DER LENZ IST WEG by Martin Compart

Barbara_Schoeneberger_auf_der_Cebit2[1]Die anbetungswürdige Barbara Schönberger, deren Pupillen immer eine halbe Stunde vor ihr im Studio sind, erfreut die 5% Wahlberechtigten, die  ihr weibliches Publikum bilden, nicht nur audiovisuell, sondern jetzt auch im guten alten Print-Medium. Schwer vorstellbar, dass sie eine alphabetische Fan-Basis hat. Ist Barbara doch die Ermutigung für inhaltslose Frauen, die zu hässlich für den Catwalk sind. Ein echtes WDR-Gewächs, das mehrfach Photoshop revolutionierte.

 

Man kann sich gut vorstellen, wie die Koryphäen der Produktentwicklung bei Gruner & Jahr den Stein der Waisen fanden: Machen wir was von hässlichen Idioten für hässliche Idioten.

Voila! BARBARA – Das Magazin! Von einer Frau, die nichts kann und damit immense Projektionsfläche bietet. In den bisherigen Ausgaben gab es sinnlose Gespräche mit unnützen Menschen (Deeeetlev Buck, Katja Riemann) über deren seltsame Sozialisation.

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MiCs TAGEBUCH: by Martin Compart
4. Juli 2016, 10:41 am
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NACHTGEDANKEN ZUR SERIEN-SOMMERSONNENWENDE

 

Das erste Halbjahr ist um. America feiert sich am Independence Day – eingetragenes Warenzeichen seit 1776 – mit Feuerwerk und Dronenzauber selbst. Die Briten gedenken der Schlacht an der Somme vor 100 Jahren und dem verlustreichsten Tag in ihrer imperialen Militärhistorie, dagegen sind die Verluste des sogenannten Brexit Kleinkram. Die Deutschen haben keinen Grund zu feiern. Weder aus historischen noch aus anderen Gründen. Der dicke Junge offenbarte dieser Tage seine opportunistische Hirnakrobatik als er anregte, jungen Briten einen deutschen Pass zu ermöglichen. Ob er die darbende deutsche TV-Fiktion mit Talenten aus UK ankurbeln will? Es wäre bitter nötig. Es ist allerdings kaum vorstellbar, dass die Blitzbirne diese Überlegung hegte.

Zur Sommersonnenwende eine kleine Rückschau auf meine Serienhighlights und andere Auffälligkeiten „on the small screen“ von Januar bis Juni. Top of the head.

Reminder: Ich spreche über Formate auf „Champions League Niveau“. Um diesen abgelutschten Fußballvergleich zu bemühen, der angesichts der internationalen Produktionsbudgets nicht völlig falsch ist.

 

House of Cards 4

Was bleibt zu einer Serie zu sagen, die sich auf absolutem Top-Niveau wiederholt? Die Umsatzmaschine muss laufen. Neue Erkenntnisse null. Unterhaltung okay. Mittlerweile überflüssig?

Billions 1

Eine neue US-Serie, die den Kapitalismus als Zweikampf zwischen einem karrieregeilen Staatsanwalt aus reichem Hause, der Rechtsbrecher hinter Gitter bringen will, und einem Milliardär aus armem Hause, der sein eigenes Recht macht, reduziert. Von Wall-Street-Kennern ob seiner Hedgefond-Insider-Beschreibungen als „the real thing“ gelobt, kann Billions Einblick in die Denk- und Handlungsweisen von Spekulanten vermitteln. Sex und Geld und persönliche Obsessionen sind heute die Basis des seriellen Erzählens, hier ist Billions auf der Höhe der Zeit. Die Serie krankt an ihrer eingeschränkten Erzählperspektive, sie fokussiert sich auf die Welt der Begüterten, streift die Welt der Unbegüterten – der Opfer – nur gelegentlich und reduziert die Kritik am System auf wenige verhaltene Momente. Damit ist Billions der Beleg, dass es nichts Richtiges im Falschen gibt. Wer die Serie jedoch als Parallelweltbeschreibung deutet und ihr eine satirische Prämisse unterstellt, kann dem dramatischen Treiben durchaus etwas abgewinnen. Weil mich die Hauptfiguren und ihre Luxuskonflikte nicht wirklich interessieren, ist mir die beauftragte zweite Season egal.

Ripper Street, Season 1 – 3

London, Whitechapel, in der Folge von Jack the Ripper. Ohne Deadwood nicht denkbar. Bedient sich deutlich im Milchschen Kosmos – was mich anfänglich so sehr nervte, dass ich der Serie keine Chance geben wollte – entwickelt aber schnell eine völlige Eigenständigkeit. Das viktorianische England als Parallele zu dem heutigen Neoliberalismus, der mit Erfolg die Uhr zurückdreht und als Konsequenz die damaligen sozialen Zustände wieder herbeiführt. Was beweist, dass Reformen reaktionär sind, dienen sie doch Erhaltung des Systems: Veränderung, damit sich nichts ändert. Ripper Street ist die Serie, die das heutige England verstehen hilft. Das darin erzählte ambivalente Verhältnis zu Amerikanern und den USA allgemein reflektiert die Produktionsumstände – Teilfinanzierung aus den Staaten – und die gesellschaftliche Realität zu gleich. Die neue Macht liegt auf der anderen Seite des Atlantiks. Das Empire, welches noch seinem Höhepunkt zustrebt, lässt bereits die Vorzeichen des Niedergangs erkennen. Tolle Geschichte. Tolle Darsteller. Ein Genremix aus Procedual, Pathologie und Psychologie aus der Anfangszeit der Kriminalistik mit Steampunk-Koketterie. Absolut ansehen.

Babylon – Miniserie von 2014

Für mich eine der Überraschungen. Der Polizeichef von London heuert eine Internet PR-Spezialistin an, die TED-Vorträge über Transparenz und Verantwortung im Social-Media hält. Eine positive, man könnte auch sagen unbedarfte, junge Frau. Die mit amerikanischen Methoden die Metropolitan Police, eine durch und durch zweifelhafte und fragwürdige Polizeiorganisation mit einer unrühmlichen Vergangenheit aus Korruption und Vertuschung, in der Öffentlichkeit neu, vor allem positiv darstellen soll. Ihre Widersacher sind die bisherige Spindoktoren der MET. Parallel wird die Polizeiarbeit aus der Perspektive der uniformierten Straßencops, der Kriminalermittler und der Top-Leitungsebene erzählt. Police procedual meets politics and spin. Drama meets Comedy. Ein echter Knaller. Must see.

The Americans 4

Was ist zu der nuanciertesten Dramaserie des Jahres noch zu sagen? Echte Konflikte, starke Charaktere, hervorragendes Schauspiel, phantastische Erzählweise. Und absolut überraschend, die beste tragisch-traurige absurde Comedyszene überhaupt. Season 4 macht dort weiter, wo Season 3 aufhörte. Jeder zusätzliche Kommentar wäre ein Spoiler. Nuff said. Watch it and be awed.

Undercover 1

Peter Moffat again. Seit Silk ein Autor, den ich im Auge habe. Sechs Stunden großartiges Drama. Moffat nahm die jüngsten britischen Undercover-Cop Enthüllungen zum Anlass um die Konsequenzen von Überwachung und Verrat für die Betroffenen und die Gesellschaft aufzuarbeiten. Er stellt Geschichte und Gegenwart in Bezug. Legt Mechanismen und Zwänge offen. Brechts Neinsager kommt mir in den Sinn: „Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkannt hat, dass A falsch ist.“ Nur wie aus dem Dilemma rauskommen? Und wie zurückschlagen? Wie sich wehren, gegen Schwerverbrecher im Staatsdienst? Wie im Falschen das Richtige tun? Sehr empfehlenswert.

Peaky Blinders 3

Der Western unter den zur Zeit populären 20ziger Jahre Formaten. Die britische Antwort auf Board Walk Empire. Die Messlatte für Berlin Babylon. Denn so langweilig und öde wie Board Walk Empire kann jeder erzählen. Mein spontanes Urteil nach vier Folgen Peaky Blinders: „Die Season hat wieder einen großen Bogen, ist politischer als die vorherige. Die Figuren und ihre Konstellationen bekommen neue Nuancen, die gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen aufgreifen und spiegeln. Allerdings, die ewigen Slo-mos und Posen, diese Westernvisuals und Attitüden finde ich weder ironisch noch passend, sie gehen mir auf den Senkel. Leider beruht die Inszenierung mangels dichter Dramaszenen und weniger paralleler Handlungsstränge häufig auf solchen visuellen Plänkeleien. Die Montagen zu Rocksongs sind dafür richtig gelungen. Steven Knights Schreibe hat Höhen und Tiefen, die 4. Folge bietet eine Riesenszene – beinahe schon eine kleine Sequenz, für die allein sich die Season bisher gelohnt hat.“ Mein Urteil nach 6 Folgen: Steven Knight wiederholt sich, überhäuft die Zuschauer mit Plottwists, hat sich dramatisch abgearbeitet, kompensiert wirkliche Tiefe mit überhöhtem Tempo. Ripper Street ist überzeugender.

Gomorra 2

Die deutschen Balltaumler können vielleicht die Italiener mit Hängen und Würgen bezwingen, dem deutschen TV wird es nie gelingen. Gomorra Season 2 ist für mich die Serie des 1. Halbjahres, weil dato die größte Überraschung. Meine spontane Reaktion nach 10 Folgen: „Das ist wirklich eigenständiges Storytelling. Immer wieder überraschend. Knallhart, nichts wird erklärt, die Lücken sind so wichtig, wie das Gesagte. Dazu ein eigener visueller Stil. Tolle Schauspieler, tolle Typen. Emotional aufgeladen bis zum Anschlag. Die Italiener nehmen Shakespeare-Charaktere (der sich wiederum bei Plutarch und anderen römischen bzw. im Falle von „Romeo und Julia“ und „Othello“ bei italienischen Quellen bediente) und strukturieren damit ihre Mafiastory, die überhaupt nichts von Folklore und Klischees hat. In dieser Serie ist nichts heilig. Die Charaktere agieren in den ihnen vom System der Camorra zugewiesenen Rollen und äußern sich selten zu ihrem Seelenzustand. Storyaufbau, Szenen, deren Juxtaposition und die Auslassungen sprechen Bände. Und wenn einer sich anderen erklärt, dann hat es aufgrund der vorherrschenden sparsamen Dialoge – Italiener, die nicht quatschen, das stelle sich einmal einer vor! – die Wucht einer Soliloquy bei Shakespeare. Weil The Americans, diese Dialog getriebene Dramaserie völlig anders ist und Season 4 auf ihre Art grandios, und man die beiden nicht vergleichen kann, unternehme ich den Versuch erst gar nicht. Von ihrer Erzählform allerdings ist mir Gomorra näher als The Americans und darum für mich das Beeindruckendste, was ich dieses Jahr bislang gesehen habe.“ (N.B. Ich habe – Stand Heute – noch zwei Folgen vor mir.)

Und was macht der schlafende Riese? (Aussage eines Teilnehmers des Seriengipfels im Juni in Köln über die deutsche Fernsehnation.)
Er macht nichts, lieber Kollege. Hier im Lande der Dramadeppen und Komödienknallchargen faselt man noch immer von Erlöserermittlern. Beispiel gefällig?

 

Dr. Cornelia Ackers zum Ermittler im öffentlich-rechtlichen TV:

 

„Die Ermittler sind Erlöserfiguren. Die Ermittler sind die Sonntagspfarrer auf der Kanzel. Die Ermittler sind in der Zwischenzeit Politikerersatz. Die Menschen… halten die meisten Politiker für korrupt, für karrieregeil, irgendwann werden sie rübergezogen auf die menschenverachtende Seite der Wirtschaft… Hier… haben die Menschen wirklich noch die Hoffnung… es passieren Katastrophen, es treten Kommissare auf, die mit tiefer Anteilnahme und Wohlwollen das Geschehen begleiten, und am Ende Gut und Böse unterscheiden, die Wahrheit hervorbringen, und damit die Weltordnung wieder installieren. Das ist etwas, was die Menschen psychisch in diesen großen Umbruchzeiten unbedingt brauchen.“

 (Quelle: DLF, Corso: Kultur nach drei, 27. 06.2016, 45 Jahre Polizeiruf)

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Wirklich? Wer braucht diese Form von Entmündigung und „Alles wird gut“ Mär? Die Zuschauer von ARD und ZDF, die zu alt sind um noch alleine die Fernbedienung zu benutzen? Wie viel ewig Gestriges denn noch? Die Zuschauer wissen um den Zustand der Welt. Die Zuschauer wollen die Welt verstehen. Dafür brauchen sie Metaphern für das wahre Leben. Storys helfen die Welt zu verstehen. Sie helfen die Dinge zu adressieren, die wir wahrnehmen, aber nicht unbedingt formulieren und erklären können. Das haben die Engländer, die Franzosen, die Italiener, die Amis schon lange kapiert. Das hatten auch Büchner, Schiller und Kleist geschnallt. Nur sind die zweihundert Jahre tot. Und Brecht ist auch lange passé und somit ungefährliche Geschichte. In der erstarrten Selbstgefällig des Kontrollfernsehens, wird nur zugelassen, was den Landesrundfunkräten und dem Proporz genehm ist.

 

So arm wie der Geist der Redaktionen, so arm das Programm.

 

MiC, 04.07.2016

 



MiCs Tagebuch… Zum Mayday – Sternzeit 01052016 by Martin Compart
5. Mai 2016, 10:09 am
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Endlich mal wieder auf die 1. Sitze reihern

Impulskommentar zu Line of Duty: Schaue gerade Line of Duty Season 3 und da wird es wird immer besser… die ziehen ein Register nach dem anderen. Ich schmeiss mich in Deckung hinters Sofa und schalte zur Ernüchterung zum millionenfachen Sonntagsritual der Bevölkerung um. Sonntagabend im Ersten. Zum Glück ist heute dort, wo man gerne auf die 1. Sitze reihert, wieder das Bratwurst-Team vom Kölner Tatort (20. Jahr, wunderbar) in Sachen “Morden im Ostkongo” unterwegs. Ein weiteres Betroffenheitsermittlerdrama von dem haarigen Doppelpack, das schon in Sachen Blutdiamanten vor 10 Jahren für des Dummdeutschen Aufklärung gesorgt hat. Und natürlich geschieht das schreckliche kongolesische Morden in Deutz, Nippes und Weidenpesch oder war’s Marienburg? Denn wenn der kriegsverbrecherische Afrikaner sich nicht gerade einen Wolf schnackselt und alle mit AIDS verseucht, dann metzelt er, kaum im Asyl von deutscher Gastfreundschaft und AfD herzlich willkommen geheißen, in der Hauptstadt des organisierten Frohsinns alle möglichen Lands- und andere Leute danieder. Das Trauma macht’s möglich. Und diesmal sollen Maulaff und Schunkel sogar keine Sprüche verzählen und auch sonst nix weltrettend Erklärendes von sich geben. Potztausend. Na… letzte Woche noch Kierkegaard in Weimar, heute schon Kabila in Klettenberg. Da geht doch Einiges im deutschen Ermittlerwald. Wir müssen dankbar sein und demütig. Nur wem und warum? Kann ich bitte meine Gebühren in Currywurst statt Programm ausgezahlt bekommen?

"Da hinten ist der Kongo!" "Hinter Ehrenfeld?"

„Da hinten ist der Kongo!“
„Hinter Ehrenfeld?“



ZWERG GINSENG UND DIE ROTE-BEETE-VERSCHWÖRUNG by Martin Compart
4. April 2016, 8:58 am
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rolf-21[1]von Dr.Horror

Es gibt mehrere Arten von Trickfilmen. Die teuren, die jetzt in den Kinos laufen, kommen aus den USA: Disneys Zoomania und DreamWorks‘ Kung Fu Panda 3 sind auch in China die erfolgreichsten Animationsfilme überhaupt. Ein dritter, eine 3D-Mischfilm-Version von Disneys Dschungelbuch, kann zwar dramaturgisch nicht mit dem 2D-Original mithalten, aber technisch hat es Besseres auf der Leinwand noch nicht gegeben.

Künstlerisch gibt es unter den japanischen Animes einige herausragende Spitzenprodukte.

Der europäische Animationsspielfilm präsentierte sich Anfang März 2016 ein weiteres Mal auf dem seit acht Jahren in Lyon stattfindenden Produzenten-Branchentreff Cartoon Movie: prätentiös, immer noch genug, aber deutlich weniger Family Entertainment, viel erwachsener als früher. Die Veranstalter berufen sich auf die europäische Vielfalt, d. h. anders als bei Disney, DreamWorks oder in Japan gibt es keine wirklich europäische Handschrift, dafür ein Buntes Allerlei, stilistisch gelegentlich interessant, in der Animation trotz digitaler Tools teilweise hinter dem Standard von Winsor McCay – und der entwarf seine kurzen Trickfilme vor einhundert Jahren.

Ja, und dann gibt es noch deutsche Animation.

Spätestens nach dem überraschenden Kinoerfolg des „Kleinen Eisbären“ war der deutsche Animationsspielfilm auf ein Zielpublikum von Minderjährigen abonniert. Findet eine Pressevorführung eines deutschen Animationsfilms statt, schicken die Blätter in der Regel die zweite oder dritte Garnitur von Filmkritikern, denen nichts Besseres einfällt, als noch den blühendsten Blödsinn als „kindgerecht“ zu apostrophieren.

Den künstlerischen Tiefpunkt erreichte die deutsche Filmanimation in der in TV und auf der Kinoleinwand ausgewerteten „Mondbär“-Serie, die offenbar in deutschem Auftrag und mit deutschen Geldern in China oder sonst wo hergestellt wurde und die Tierfiguren zu digital aufgeblasenen Luftballons macht.

Stationen auf Deutschlands Weg nach unten wenigstens in der Trickfilm-Branche waren „Der kleine Rabe Socke“, „Ritter Rost“, „Keinohrhase und Zweiohrküken“ und „Kleiner Drache Kokosnuss“. Die Legitimität und Förderungswürdigkeit des Genres zu erhalten, waren offensichtlich keine frischen Ideen und kein neuer Stil gefragt.

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: "Verwitterte Melodie" (1943) Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Originalphase aus einem deutschen Animationsfilm, nicht die Biene Maja, aber auch eine Wald&Wiesen-Stimmung à la Klatschmohnwiese: „Verwitterte Melodie“ (1943)
Bilder aus der Sammlung J. P. Storm

Sehen „Wickie und die starken Männer“, geschaffen für 2D, nicht scheußlich aus in durchschnittlicher 3D-Animation? Neben „Wickie“ rangiert auch die „Biene Maja“ ganz oben in der Gunst deutscher TV-Redakteure. 1912 erschien Waldemar Bonsels‘ „Die Biene Maja und ihre Abenteuer. Ein Roman für Kinder“ zum ersten Mal. Bonsels hatte das Kunstmärchen, eine Initiationsgeschichte unter Insekten, ursprünglich für seine Söhne geschrieben. Er und sein Verleger rechneten mit keinem großen Erfolg, aber dann lieferte der Feldbuchhandel überzählige Exemplare an die Soldaten im Weltkrieg aus, und bald war die „Biene Maja“ an der Front ebenso wie bei den Lieben daheim so bekannt wie Hindenburg, Ludendorff oder Kaiser Wilhelm. Geschildert wurde schließlich, zeitnah, der Kampf des edlen Bienenvolkes gegen schurkische Hornissen. Die kleine Biene, seitdem auf Bestseller-Kurs, wurde eine echte Kriegsgewinnlerin.

Nach einem stummen Maja-Kulturfilm aus dem Jahr 1926 schien es, dass allein der Trickfilm dem märchenhaften Rahmen und der angestrebten Vermenschlichung der Figuren gerecht werden könnte. 1941 erwarben die frisch gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH und die Ufa eine Option und planten die Realisierung eines animierten „Biene Maja“-Kinofilms in Farbe, in dem der Kampf Bienen gegen Hornissen eine dem aktuellen Kriegsgeschehen geschuldete größere Rolle spielte als vordem. Doch der Mann, den der erklärte Trickfilm-Fan Goebbels mit der Leitung der Zeichenfilm GmbH betraut hatte, Oberregierungsrat Karl Neumann, der von einer leitenden Stelle in einer Wurstfabrik ins Propagandaministerium gewechselt war, war nicht in der Lage, die Produktion durchzuziehen. Millionen Reichsmark wurden versenkt, ohne dass viel dabei herauskam, allenfalls ein farbiger Kurzfilm „Armer Hansi“ und ein Überläufer, der dann bei der Defa erschien: „Purzelbaum ins Leben“. Das Ziel, Disney auf seinem eigenen Terrain Paroli zu bieten, blieb unerreicht.

Im Vorwort zu seinem Roman „Dositos“, den er 1942 als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren an Freunde und NS-Granden verteilte, würdigte Bonsels übrigens den „gewaltigen und gewaltsamen Anstoß“, der durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden sei und der nicht nur das Judentum erschüttert habe, „sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt“.

 Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin Cover des Buches "Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945"

Antisemitische Zeichnung eines bekannten, aber ungenannten deutschen Animationsfilmers, ca. 1942: Deutsche Zeichenfilm GmbH, Berlin
Cover des Buches „Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933-1945“

So ein Mann gehört in der Bundesrepublik natürlich neu verfilmt. Obwohl Motive aus dem Buch entnommen wurden, haben die Produzenten der neuen „Biene Maja“ als Referenzobjekt die bekannte, harmlose und scheinbar über jeden Verdacht erhabene Zeichenfilmserie gewählt, die der damalige Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, Josef Göhlen, sein zeitweiliger Arbeitgeber Leo Kirch und Apollo-Film Wien Mitte der 1970er-Jahre in zwei Staffeln à 52 Folgen bei Zuiyo Enterprises (heute Nippon Animation) in Auftrag gegeben hatten: „In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit. Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche [sic!], schlaue Biene Maja…“ Karel Gott, nicht wahr.

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Deutscher Zeichenfilm in der NS-Zeit: Arbeit unter einem Führerbild

Als der Autor dieser Zeilen in einem Rundfunkbeitrag auf braune Flecken in der Mediengeschichte der Biene Maja hinwies, gab es im Internet einen Sturm der Entrüstung im Wasserglas. Ich zitiere:

 

Franjo Delic Hitler hat seine Suppe mit einem Löffel gegessen, der Löffel sollte als nationalistisches Symbol einer braunen Vergangenheit verboten werden!!

 

Jens Poerschke Weil Herr Goebbels „Heile-Welt-Filme“ für seine Kinder drehen lassen wollte, dürfen wir heute derartiges nicht mehr sehen? Warum? Was passiert dann?

Christian Weisweiler Da sind sie wieder, unsere pseudodevoten Betroffenheitsvirtuosen, die mit der moralischen Selbstgerechtigkeit einer Priesterkaste sogar in der Biene Maja den Antichristen sehen.

Thomas Visockis Der liebe Herr Giesen schafft es bestimmt auch aus dem Stegreif, die Anzahl der Sommersprossen von Pippi Langstrumpf auf „23“ zu bestimmen und gleichzeitig auf „666“ hoch zu rechnen…

Ralf Galleisky Es wird so vieles für die eigenen Zwecke missbraucht – die Nazis und viele andere Greuelregime haben so vieles für sich missbraucht – dafür kann Maja nichts – ich bin mit der süßen Biene und dem schwulen Willi aufgewachsen und hatte viel Spaß.

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http://www.amazon.de/Hitlerjunge-Kolberg-Propagandafilme-Dritten-Reiches/dp/389602471X?ie=UTF8&keywords=rolf%20giesen&qid=1459762424&ref_=sr_1_12&sr=8-12

Die überhaupt nicht mehr braune Biene repräsentiert geradezu exemplarisch den Niedergang des deutschen Animationsspielfilms. Das Resultat ist das Werk eines Komitees (Filmförderer, Fernsehen, Verleih usw.), dem es darum ging, nirgendwo anzuecken: Immer schön politisch korrekt, bitte.

Was hat diese banale Wald&Wiesen-Romantik mit der Wirklichkeit von Kindern im 21. Jahrhundert zu tun? Warum hat man solche Angst, deutschen Kindern grausame, aber heilsame Märchen-Dramaturgie so vorzusetzen, wie sie die Brüder Grimm verfasst haben? Fürchtet man etwa um die Seele des deutschen Kindes? Fürchtet man, dass das deutsche Kind rückfällig werden könnte? Gibt es – natürlich nur zum Besten des Kindes – eine Rote-Beete-Verschwörung der zwergenhaften Apologeten von Tai Ginseng. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen an der Kinokasse nach.

 

Rolf Giesen

 



DR.HORROR LOBT TIL SCHWEIGER! by Martin Compart
4. Februar 2016, 10:46 am
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Ich konnte kaum glauben, was mich in folgender mail erreichte:

Lieber Martin,

sah gerade Til Schweigers OFF DUTY.

Nach den Fernseh-Tatorten erwartete ich, enttäuscht zu werden, dann kam es aber ganz anders. OFF DUTY ist kein Tatort, obwohl er einige Figuren aus den NDR-Tatorten fortsetzt. Es ist kein Dialog (=Nuschel)-Film, sondern Action-Kino, das ich auf ein Budget von 12 Millionen einschätzte, bis ich erfuhr, dass sie für 8 Millionen an drei Locations gedreht haben und dadurch internationaler wirken: ein wenig Hamburg (kaum Deutsche im Visier), Istanbul und Moskau (nur wenige problematische Drehtage, aber viel an Bildern herausgeholt). Die türkischen und russischen Gegenspieler sind gut. Das Vorbild ist offensichtlich (Mini-) Bond. Wenn es wirklich nur um Action geht (einige große Sequenzen), sind das zwei unterhaltsame Stunden.

Bleibt das Problem, ob man Schweiger selbst mag, aber das steht ja auf einem anderen Blatt. Er hat es sich zum Prinzip gemacht, seine Filme nur ausgewählten Kritikern zu zeigen. Diesen hier hätte er der Presse ruhig zeigen können. Ich bin selber sprachlos, und vielleicht hat Schweiger recht, wenn er Christian Alvart, den Regisseur, hervorhebt. Luna Schweiger bleibt angenehm im Hintergrund, es geht um sie, aber sie hat nur wenige Szenen. Ich verstehe es selber nicht. Es kann natürlich sein, dass die Kritiken der TV-Tatorte auf den Kinofilm abfärben. Trotzdem mag man nicht glauben, dass das ein deutscher Film. Er ist es ja auch nicht.

Herzlich grüßt

Rolf



MiCs Tagebuch Nr. 2: Tyskland 83 – Der Anfang vom Elend… by Martin Compart

Stasi-Abhörprotokoll eines Vorstellungsgesprächs:

King Lear What service canst thou do?

IM Earl I can keep honest counsel, ride, run, mar a curious tale in telling it, and deliver a plain message bluntly: that which ordinary men are fit for, I am qualified in; and the best of me is diligence.

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Wohlan, mit “constant earnest effort” in die Tasten gehauen: So die erste Folge der “jetzt schon für das deutsche Erzählfernsehen Maßstäbe setzende” Serie bis Minute 5 geschaut. Mehr geht wirklich nicht. Das ist nicht auszuhalten. Was ist passiert? Eine Reagan-Rede wird von der Staatssicherheit der DDR als Angriffskriegsdrohung verstanden, die aggressiv-grinsende Säbelrassel-Rhetorik des Präsidentendarstellers Ronald Reagans wurde damals auch im Westen von vielen als Bedrohung empfunden, und darum muss ein HVA-Agent an die obersten Spitzen der NATO ran. Nur hat die Stasi keinen geeigneten Agenten im richtigen Alter, also wird ein Verwandter der Initiatorin, ohne Ausbildung aber im richtigen Alter, dazu linientreu und Volkssoldat, zu dem Job, einen Generalmajor der Bundeswehr, als neuer Ordonanzoffizier zu bespitzeln, beordert. Die ganze Einführung ist Schreiben nach Zahlen: 1) Situation eingeführt = Bedrohung der DDR; 2) Helden eingeführt, er macht gerade ein paar dämliche Weststudenten lang, die wahrscheinlich mit illegal getauschten Devisen (Wechselkurs 1 Mark West = 7 Mark Ost, offizieller Kurs 1:1), billige Bücher (Shakespeare und Marx – welch Mischung) erstanden haben und leider erwischt wurden; 3) Aufgabe für den Helden und seine Unerfahrenheit eingeführt, jetzt Schnitt; 4) der Held im Kreise seiner Familie; 5) Annäherung seiner Führungsoffizierin und Vorstellung der Aufgabe…

Ein Anfang so betulich wie im deutschen Fernsehen üblich. Keine Suspense – nur die dräuende Dauerbeschallung soll Spannung vermitteln – kein Geheimnis, nichts was den Zuschauer sofort packt.

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Ich hatte es geahnt, nein erwartet.
Wenn es jetzt aber brav nach Hero’s Journey weitergeht, müsste der Bengel erst noch einwenig zicken, bis er sich letztlich aufmacht, oder aber, weil er ein gehorsamer Deutscher ist, und der Zuschauer am Zappen gehindert werden muss, voller Ehrgefühl und mit geschwollener Brust in den Kampf ziehen… mehrfach Nennungen sind möglich. Wie es bis Folge 8 weiter geht: erst herrscht Euphorie beim Helden, dann kommen die Zweifel, die Liebe, die Freiheit, Popmusik, Konsum, Friedenssehnsucht der Westbevölkerung, denn wenn du deinen Feind wirklich kennst, dann kannst du ihn nicht mehr hassen, usw. Ich kann den ganzen Sermon jetzt schon runterbeten. Am Ende muss das Format schließlich unser Gesellschaftsmodell rechtfertigen, wie alle Niko Hofmann Produktionen. Meines Erachtens muss die Vergangenheit nicht die Gegenwart rechtfertigen, dazu dient sie nur in Diktaturen, der Blick auf die eigenen Geschichte sollte viel mehr helfen, die Fehler der Gegenwart aufzuspüren und Fragen zu unserer heutigen Gesellschaft und unserem Gesellschaftsmodell aufzuwerfen.

The_Americans[1]

Dies ist auch die Aufgabe einer historischen TV-Serie. Siehe DEADWOOD. Ein paar spontane Gedanken…

1) Die Stasi hatte vor dem Zusammenbruch 1989 über 1900 Spione und Informelle Mitarbeiter in Westdeutschland, 540 davon alleine in Westberlin. Wie viele bei der NATO in Brüssel, wie viele in Bonn im Verteidigungsministerium, im Außenministerium, Innenministerium, wie viele bei der Bundeswehr? Die Macher wollen uns wirklich glauben machen, es gäbe keine Profis bei der Stasi, sondern man müsste einen Anfänger nehmen? Allein in den ersten Minuten wird der Unterschied zu THE AMERICANS klar. Die Russen haben Schläfer in den Staaten. Es sind absolute Profis. Ihre Gegner beim FBI sind auch absolute Profis. Es geht um Ideologie, es geht um dem Kampf der Systeme. Es geht um Leben und Tod. Von der ersten Sekunde an. Ausgerechnet an der Frontlinie des Kalten Krieges, im nuklear hoch bestückten Deutschland, sind Amateure am Werk?Ronald_Reagan_and_General_Electric_Theater_1954-62[1]

2)  Gorbatschow hatte Reagan 1986 umfangreiche Abrüstung angeboten.Die Disk.ussion und bundesweiten Proteste um den NATO-Dopp.elbeschluss, die 1982 mit zum Misstrauensvotum und der Abwahl von Bundeskanzler Helmut Schmidt beitrugen, begannen schon 1980. Der sogenannte Doppelbeschluss beinhaltete die Nachrüstung der NATO mit Mittelstreckenraketen, wenn der Warschauer Pakt, die Russen, ihre SS-20 nicht abziehen würden. Die NATO, d.h. die Amerikaner, konnte den russischen SS-20 Mittelstreckenraketen angeblich nichts entgegensetzen, und so sollte das Gleichgewicht der Kräfte, auf das der Frieden angeblich beruhte, wiederhergestellt werden.

3) Reagan wurde 1980 gewählt und war seit Januar 1981 im Amt. Die aggressive Rüstungspolitik der Amerikaner begann sofort mit Amtsantritt des Republikaners, so empfanden das jedenfalls Teile der deutschen Öffentlichkeit. Die Krise in den USA 1981, als ein Attentat auf Reagan verübt wurde, ist u.a. Thema in der 1. Staffel von THE AMERICANS.

4) Die NATO war dem Warschauer Pakt rüstungstechnisch von Anfang an weit überlegen. Sie hatte immer mehr Nuklearwaffen, immer modernere Technik, Flugzeuge, Bomber, usw. Das Einzige wovon die Russen mehr hatten, waren Panzer und Soldaten. Die USA haben die Sowjetunion zu Tode gerüstet. Das wusste Norman Mailer schon in den 1960-ziger Jahren, es wollte nur keiner hören. .

300[1]5) Die HVA der Stasi, der Auslandsgeheimdienst, mit ihrem Chef Markus Wolff, galt lt. Aussage von CIA-Analysten, als einer der besten Geheimdienste des Kalten Krieges. Mir drängt sich die Frage auf, was bedeutet das für eine Serie, für ihre Charaktere, für die Führung der Charaktere, für die Story?

6) Allgemeinem Branchenverständnis nach, sind TV-Serien nichts anderes sind als eine Ware, ein Produkt wie Schokolade, Waschmittel und VW-Dieselmotoren. Deutsche TV-Serienprodukte müssen sich an diesem Maßstab messen lassen: „Wer ein Produkt verkaufen will, sollte zunächst einmal ein wettbewerbsfähiges Produkt haben.” Das haben die deutschen Sender nicht. Bei den Amerikaner und Briten ist das anders, bei den Dänen, den Norwegern, den Schweden, usw. auch. Und das macht den Unterschied. Auf eines schaut die Welt sehr genau, nämlich darauf ihre Produkte nach Deutschland zu verkaufen. Schließlich ist dies der dritt- oder viertgrößte TV-Markt der Welt.

Mein Fazit zu Tyskland 83: „Maßstäbe im deutschen Erzählfernsehen“, sind leider keine Maßstäbe. Weitere Serienfolgen erspare ich mir. ‘nuff said.

 

IM PRESSESPIEGEL;

http://web.de/magazine/unterhaltung/tv-film/deutschland-83-schlaegt-vorzeigeserie-rtl-31163514

http://www.spiegel.de/kultur/tv/deutschland-83-serien-highlight-bei-rtl-ueber-spionage-zwischen-brd-und-ddr-a-1064702.html

http://www.zeit.de/kultur/film/2015-11/deutschland-83-serie-RTL

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/rtl-zeigt-amerikanische-agenten-seire-deutschland-83-13932221.html

http://www.stern.de/kultur/tv/deutschland-83-auf-rtl-mit-jonas-nay–warum-sie-die-serie-sehen-sollten-6575884.html

http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik–deutschland-83-spion-wider-willen,1473344,32644176.htmlhttp://www.dwdl.de/zahlenzentrale/53669/ernuechternder_start_fuer_deutschland_83_bei_rtl/

 

UNFREIWILLIG ENTTARNEND IST:

http://www.sueddeutsche.de/medien/rtl-serie-deutschland-zum-teufel-mit-der-historischen-korrektheit-1.2753556-2

EINEN HOCHINTERESSANTEN ARTIKEL ÜBER TV-SERIENKULTUR UNTER:

http://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/als-waere-es-ein-weltwunder.html

UNFREIWILLIG KOMISCH IST:

http://www.deutschlandfunk.de/tv-serie-deutschland-83-auf-rtl.807.de.html?dram:article_id=338054