Martin Compart


MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18

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WEISE WORTE by Martin Compart
29. Oktober 2018, 10:22 am
Filed under: SPD, Weise Worte | Schlagwörter: ,

Die SPD wird sich von Schröder und seinem Klüngel genauso wenig erholen, wie die französischen „Sozialisten“ von Mitterand.



MONEYSHOT ALS HÖRSPIEL jetzt auf YOUTUBE by Martin Compart
26. Oktober 2018, 1:41 pm
Filed under: E-BOOKS, Hörbücher, Moneyshot-Fortsetzungsroman, Noir | Schlagwörter: , ,



DER NOIR-FRAGEBOGEN MIT STEFAN HEIDSIEK by Martin Compart
25. Oktober 2018, 10:09 am
Filed under: Fragebogen | Schlagwörter: , , ,

Gerade hat Stefan Heidsieks Blog CRIMEALLEY sein dreijähriges Bestehen gefeiert. Die dortigen Rezensionen sind manchmal kontrovers, immer fundiert und gut geschrieben. Stefan ist nicht nur ein exzellenter Kenner des Genres, er stellt die besprochenen Bücher und Autoren auch in den ästhetischen, politischen und historischen Kontext. Er hat eine eigene, unverwechselbare Stimme in der Krimi-Szene.

Über mich selbst:

Geboren in Bielefeld und aufgewachsen im ländlichen Jöllenbeck. Über Grundschule, Realschule und Gymnasium den Weg zur Universität angetreten. Vier Semester Bachelor-Studium in Literaturwissenschaften und Geschichte Richtung Fachdidaktik, dann Abbruch des Studiums und Beginn einer Ausbildung zum Buchhändler bei Thalia in Bielefeld sowie an den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach, Frankfurt. Aufgrund privater Gründe Umzug in den hessischen Spessart, Beendigung der Ausbildung bei Thalia in Kassel und anschließend Wechsel zur Filiale in Darmstadt. Dort knapp drei Jahre verantwortlich für den Bereich Belletristik und Spannungsliteratur. Nach Geburt der Tochter berufliche Umorientierung und inzwischen Plant-Coordinator für RFID im Bereich Industrie 4.0.

Nebenbei zwischen 2009 und 2014 als Online-Redakteur auf dem Internetportal Krimi-Couch tätig (https://www.krimi-couch.de/). Seit Oktober 2015 schreibe ich Rezensionen auf meinem eigenen Blog Crimealley (https://crimealleyblog.wordpress.com/), vorwiegend zu Spannungsliteratur, aber auch ausgewählten Titeln anderer Genres. Ab Juli 2017 Erweiterung des Teams um Jochen König und Dieter Paul Rudolph, welcher zu unserer großen Trauer leider bereits kurze Zeit später überraschend starb.

Hier der Bünnagelsche Fragebogen mit Stefan Heidsiek:

Name?

Stefan Heidsiek. Über Umwege verwandt, aber nicht profitierend von der französischen Champagner-Dynastie. Auf dem Fußballplatz für alle nur „Heidsiek“.

Berufungen neben dem Schreiben:

Natürlich in erster Linie die Lektüre, vorzugsweise auf dem heimeligen Sofa mit entsprechendem Soundtrack in Hintergrund und einem kleinen Notizbuch zur Hand. Überhaupt ist die Musik ein ganz wichtiger Bestandteil des Lebens, hier vor allem Hard-Rock und Heavy Metal, aber auch Britpop (z.B. Blur, Oasis, Stereophonics oder Snow Patrol). Seit zwei Jahren zudem leidenschaftlicher Gärtner und mit Frau und Kindern gern in der Natur. Dazu die seit 1992 und ewig währende Passion Borussia Dortmund. Lieblingsreiseland ist die britische Insel, allein voran das raue Schottland.

Film in Deinem Geburtsjahr?

„Die Rückkehr der Jedi-Ritter“. Die klassische Star Wars Trilogie begleitet mich bis heute.
„James Bond – Octopussy“. Unvergessen aufgrund der klischeehaften Darstellung der Deutschen und tatsächlich mein erster Bond.
„Scarface“. Brian De Palmas grandiose Visualisierung von Armitage Trails Roman. Einer der wenigen Verfilmungen, die mir besser gefällt als die literarische Vorlage.
„Im Wendekreis des Kreuzes“. Gregory Peck in seiner für mich besten Rolle.
„Der Sinn des Lebens“. Anarcho-Humor von Monty-Python. Klassiker!

Ansonsten ein mehr als maues Filmjahr.

Was steht im Bücherschrank?

Es sind ehrlich gesagt mehrere Bücherschränke und diese sind nach Genres und darunter nochmal alphabetisch nach Autoren geordnet. Allein im Bereich Krimi sind es inzwischen weit über 3.000 Titel.

Wichtige Schriftsteller wären im Bereich Krimi u.a.: Alter, Ambler, Ball, Block, Bruen, Burke, Campbell, Carr, Chandler, Charyn, Christie, Collins (Max Allan), Connelly, Connolly, Crais, Crumley, Dexter, Disher, Doyle, Ellroy, Estleman, Giovinazzo, Hall, Hamilton, Hammett, Hart, Highsmith, Hill, Higgins, Hunter, Juretzka, Lansdale, Le Carré, Lehane, Leonard, MacDonald (Ross und John D.), McBain, McKinty, Manchette, Manotti, Meyer, Mosley, Murphy, Nunn, Parker (Robert B.), Peace, Pelecanos, Rankin, Raymond, Sallis, Spillane, Stark, Starr, Thomas, Thompson, Vachss, Wambaugh, Westlake, Willeford, Woodrell und Woolrich.

Außerhalb des Krimis: Auster, Ballard, Blackwood, Boyd, Boyle, Bradbury, Bukowski, Burgess, Carver, Celine, Cornwell, Dick, Dijan, Dostojewski, Dubus, Eco, Fallada, Faulkner, Fitzgerald, Ford, Gablé, Gay, Greene, Hemingway, Herbert, Irving, Kerouac, King, Lovecraft, Maugham, McCarthy, McCullers, Miéville, Niven, O’Brien, (Flannery) O’Connor, Pancake, Perutz, Poe, Pynchon, Selby, Simmons, Sinclair, Stackpole, Steinbeck, Stevenson, Tolkien, Verne, Wells, Welsh, West, Yates und Zahn.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

Es ging ganz klassisch mit Raymond Chandler und Dashiell Hammett los, im Anschluss daran folgten gleich mehrere Autoren aus Bastei Lübbes „Schwarze Serie“ sowie vor allem der grandiose Cornell Woolrich.

Aufgrund meines Jahrgangs erst mit dem Neo-Noir in Kontakt gekommen. „L.A. Confidential“ und vor allem „Chinatown“ begeistert mit den Eltern auf dem Sofa geguckt. Dann später über Woolrich Entdeckung des klassischen Film Noir mit „Die Nacht hat tausend Augen“ und „Das unheimliche Fenster“ sowie die Hammett-Verfilmung „Der Malteser Falke“. Anschließend Fixierung auf Robert Mitchum, Hauptdarsteller in zwei meiner Lieblingsfilme, „Goldenes Gift“ und „Die Nacht des Jägers“ (Ich sage nur: „Ruhe, Ruhe …“).


Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Wie man meinem Blog ansieht natürlich die gängigen: Schwarz-Weiß, nasses Kopfsteinpflaster, Straßenlaternen im Nebel, Mann mit Fedora-Hut und Trenchcoat, Zigarettenrauch in der Dunkelheit, ein Schatten in einem Fenster, ein Schrei, ein Mord – und die Femme Fatale am Tatort.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Neben den bereits erwähnten u.a. „Ein Satansweib“, „Tote schlafen fest“, „Die Narbenhand“, „Im Zeichen des Bösen“ (Welles‘ Meisterstück!).

Bei den Neo-Noirs: „Die letzten beißen die Hunde“, „Point Blank“, „Vertigo“, „Dirty Harry“, „Millers Crossing“, „Pulp Fiction“, „Heat“, „Fargo“, „Collateral“, „Sin City“, „Drive“ und beide Blade-Runner-Filme

Und abgesehen von Noirs?

Puh, von den bisher nicht genannten, sind auf jeden Fall folgende ewige Favoriten: „Star Wars – Episode 4-6“, „Agenten sterben einsam“, „Die Brücke über den River Kwai“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „The Good, The Bad & The Ugly“, „Herr-der-Ringe“-Trilogie, „Der Geist und die Dunkelheit“, „Gesprengte Ketten“, „Die Verurteilten“, „Batman – The Dark Knight“, „Prestige – Die Meister der Magie“, „Total Recall“, „Terminator“ und „Prisoners“. Und ich habe bestimmt noch einige vergessen.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

William Hamleigh aus „Die Säulen der Erde“ ist mir aus Jugendtagen eindringlich in Erinnerung geblieben. Im Noir-Bereich gibt es viele hassenswerte Gestalten – die haben allerdings eher meine Sympathie, denn ohne sie wäre es ja kein richtiger Noir.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir

1. Im fiktiven Film Noir Deines Leben – welche Rolle wäre es für Dich?

Ein Private-Eye, mit nem Deckel in jeder Bar, tagsüber schlafend, nachts die Gassen der Stadt unsicher machend.

2. Und der Spitzname dazu?

The Axe

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Ian Rankin

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?

„Rien ne va plus, Arschloch.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Farbfilm. Der Ton aber vornehmlich dunkel, die Farbe kommt allein von Laternen oder Leuchtreklame. „Blade Runner“ lässt grüßen.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Kavinsky

7. Welche Femme Fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Im Film Noir: Claudia Cardinale
Im Neo Noir: Jennifer Lawrence

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Ford Mustang 428CJ Fastback, Baujahr 1968, V8 mit 360 PS, in „Bullitt“-Green

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Smith and Wesson Model 29

10. Buch für den Knast?

James Joyce „Ulysses“ – Da habe ich keine Ausreden mehr

11. Und am Ende. Welche Inschrift würde auf Deinem Grabstein stehen?

„Dead men are heavier than broken hearts.“



DIE USA ALS KANNIBALEN-NATION ENTTARNT! by Martin Compart
20. Oktober 2018, 3:18 pm
Filed under: Horror, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , , , ,

Für gute Weird Fiction bin ich immer zu haben!

Sei es literarisch, als Hörbuch oder audiovisuell.

„So war es George Washington möglich, eine Nation von Kannibalen zu schaffen“,

heißt es in Peter Medaks spannender Verfilmung von Bentley Littles Story THE WASHINGTONIANS, Bestandteil der ziemlich ungleichmäßigen TV-Horror-Anthologie MASTERS OF HORROR von 2007.

Diese einstündige Folge war bestes Grusel-Vergnügen, in dem Little eine der heiligsten Kühe des amerikanischen Mythos schlachtet, den verehrten Gründervater Washington. Wie gerne bei Little zeigt er auch hier, dass hinter allen Formen des Establishments das Böse lauert. Das sich hinter den verbreiteten Bildern und Wahrheiten ganz anderes verbirgt:

Die meisten Historiker sind nichts anderes als PR-Manager der Vergangenheit.“
THE WASHINGTONIANS ist in eine Story aus Littles THE COLLECTION.

Bentley Littles Bücher sind eine Weile auch bei uns bei Bastei-Lübbe veröffentlicht worden.

Die wenigen, die ich gelesen habe, gefielen mir ausgesprochen gut. Ich werde auf den Autor zurück kommen. Man muss sich allerdings häufig auf lange Intros einstellen, in denen der Autor seine Sets geradezu plastisch werden lässt, damit die anschließenden Schockwellen wie ein Tsunami über den Leser hinein brechen.

Mein Tipp ist FURCHT (THE ASSOCIATION). Das sollte man lesen, bevor man sich dazu entschließt, in eine abgeschottete Enklave der Wohlhabenden zu ziehen, obwohl die einem ein schwer zu widerstehendes Angebot gemacht haben. Lange (aber faszinierende) Anfahrt, und dann eine Explosion, die lange nachhallt. Eine Suburbia-Allegorie auf den Überwachungsstaat und seiner üblen Interessen vor dem Hintergrund scheinbar garantierter Sicherheit.

https://www.amazon.de/Furcht-Spannungs-Roman-Bentley-Little/dp/3404157982

In diesen Horror-Romanen schwingt als Subtext mit, dass man heutzutage kaum noch dazu in der Lage ist, sich und die Familie gegen die maßlose Gier des Establishments zu verteidigen. Wer nicht mitmacht und selbst zum Kannibalen wird, der wird von ihnen gnadenlos erledigt. Es gibt keinen Platz mehr für Rebellen und Outsider im neuen Jahrtausend.

Am Ende von THE WASHINGTONIANS steht die Botschaft: Die einzige Möglichkeit, mit diesen Ghoulen und ihrer unstillbaren Gier fertig zu werden, ist, sie niederzumetzeln.

Das ist allerdings Peter Medaks Botschaft (obwohl Little dem in anderen Werken zustimmt).

In der literarischen Vorlage erzählt der Autor einen anderen Gag.

Die zusätzliche Punchline von Medak im Epilog ist ebenso gruselig wie spaßig.



KANADA HAT HASCHISCH LEGALISIERT! Die lernen es nie, by Martin Compart
19. Oktober 2018, 9:56 am
Filed under: Politik & Geschichte, Weise Worte | Schlagwörter: , ,

… denn das war ein unfairer Schlag gegen das Organisierte Verbrechen, dem zumindest wieder mal ein Markt verloren geht.

Die repressive Drogenpolitik hat vornehmlich drei Ziele: die Gewalttätigkeit in der Gesellschaft zu fördern, das Einspeisen  steuerfreier Gewinne in die legale Wirtschaft (ein dehnbarer Begriff), und die Preise hoch zu halten.

Die Anti-Drogen-Industrie ist  – in den USA zumindest – ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor (insbesondere die private US-Gefängnis-Industrie).

Außer der Gesellhaft, gibt es für diese alternativlose Politik nur Gewinner.

Klingt nach einem Anlagemodell der Deutschen Bank?



CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/