Martin Compart


MiCs Tagebuch Oktober 2018 by Martin Compart

SCHÖNE NEUE STREAMINGWELT

Nicht neu ist die Erkenntnis, dass Marktforschung ein wichtiges Instrument der Industrie ist, um Publikumswünsche zu verstehen. Schließlich sind Entertainment-Produkte für den Markt bestimmt und dienen nur einem einzigen Zweck: ihrem Verkauf. Eine Ware, die für ihren Absatz produziert wird, muss selbstverständlich dem Publikum gefallen. Am Ende bleibt jedoch immer die Unsicherheit, ob das Werk ein Erfolg wird oder nicht. Darum wird versucht, sei es beim Buch, Film oder im TV, mit Serien, Sequels, Prequels, Spin-Offs und natürlich Merchandising, möglichst viel Profit aus einem erfolgreichen Stoff zu saugen. Der Erfolg von gestern soll den Erfolg von heute und am besten gleich den von morgen gewährleisten. Einige der bekanntesten Beispiele für mediale Produktmarken oder Franchises sind z.B. Star Wars, Harry Potter, Herr der Ringe, Marvel.

Neuer sind in der Marktforschung auf nutzergenerierten Daten basierende Algorithmen.
Was Streaminganbietern den Geschäftserfolg sichern soll, weil es dem Publikum gefällt, saugen Konzerne wie Netflix und Amazon aus ihren Nutzerdaten. Algorithmen bestimmen die „schöne neue Streamingwelt“, nach der Filme und Serien in über 100 Genres (besser Kategorien) und deren Nutzergruppen eingeteilt werden. Diese Daten sind das Kapital der Unternehmen. Sie bestimmen letztlich ihren Börsenwert. Mittels der Algorithmen wird versucht, zukünftiges Verhalten der Nutzer zu „programmieren“, um immer erfolgreichere Formate anzubieten und so die Nutzer „süchtig“ zu machen.
Das Geschäft der Streaminganbieter ist global, ihr Publikum auch. Was in einem einzelnen Land nur eine kleine Nische darstellt, ist weltweit aufaddiert ein Riesenmarkt.

Von dieser Erkenntnis leben Horrorfilme bereits seit Jahrzehnten. Damit erklärt sich auch die scheinbar verwirrende Nischenpolitik einiger Konzerne, die neben Serienfutter mit überraschenden Arthaus-Filmen aufwarten, jüngstes Netflix-Beispiel, Roma von Alfonso Curaron. Sie folgen der Logik eines guten Dealers: Wer seine Nutzer kennt und bedient, der verdient. Immer.

Im Streaming-Zeitalter lautet das neue globale Seriendiktum: Vorverkauf, Internationalität, Nostalgie und Spektakel.

Gibt es bereits einen Publikumserfolg in einem anderen Medium? Ist der Stoff international attraktiv? Bedient er nostalgische Gefühle? Ist er ein großes Spektakel? Mindestens ein Kriterium muss erfüllt werden, besser jedoch mehrere. (Original Content, extra fürs TV entwickelt, scheuen auf sichereren Return-on-Investment bedachte internationale Geldgeber wie der Teufel das Weihwasser.)

Bei der deutschen Budgetorgie Berlin Babylon, einer ARD und Sky Co-Produktion, kann man hinter jedem der vier Kriterien ein Häkchen machen. Dafür gibt’s Applaus vom internationalen Publikum wie vom bedeutungslosen Feuilleton. Das freut die Branche, sie ist endlich das, für was sie sich schon immer hielt, und lobt sich gleich mal selbst für den Mut zur „neuen deutschen Serie“, die ohne Vorlagen wie Boardwalk Empire, Peaky Blinders und Baz Luhrmanns Der Große Gatsby, natürlich unvorstellbar wäre. Romanerfolg hin oder her.

Längst haben große Konzerne Serielles Erzählen als profitables Geschäftsmodell erkannt und investieren Milliarden. So stecken aktuell Netflix 6,3 Milliarden, Amazon über 4,7, Hulu 4,5 und Apple 1,0 Milliarde US-Dollar ins Programming. Auch Plattformanbieter Deutsche Telekom ist mit ihrer ersten Eigenproduktion Deutsch-Les-Landes im Geschäft (in Partnerschaft mit Amazon France). Wir lernen daraus, wo Geld zu verdienen ist, da wird investiert, solange dort Geld zu verdienen ist. Das sogenannte Peak-TV befindet sich in der Phase des Verteilungskampfes, die Streaming-Giganten kaufen rechts und links kreative Erfolgsgaranten ein, um sich den Markt sichern. Verlieren werden diejenigen, denen zuerst der finanzielle Atem ausgeht.

Voll geil, denkt der Konsument und twittert seine Begeisterung ob der Riesenauswahl in die Welt hinaus. Ernüchternd für die Kreativen ist jedoch: Serielles Erzählen ist das neue Fastfood für die Generation Smartphone. Denn laut Messungen des Nutzerverhaltens wird während des Serienkonsums auf den Phones und Tabletts, gleichzeitig anderen Online-Beschäftigungen nachgegangen, wie liken, linken, posten, usw. Soviel Ablenkung bedeutet für die Branche, je stärker der Wettbewerbsdruck, desto mehr Publikumserfolge werden benötigt, will man nicht absteigen. Daher schalten die großen Streamingdienste bei ihren Produktionen zwangsläufig auf Nummer sicher. Womit wir wieder bei dem o.g. „globalen Diktum“ angelangt sind und letztlich beim Wiederholen immer gleicher Muster. Profit geht vor Kreativität und künstlerischem Risiko.

AUSGETRHILLERT

Nach BODYGUARD hatte ich mir neulich DEEP STATE angeschaut, zwei Conspiracy-Thrillerserien auf handwerklich hohem Niveau. Bodyguard, ein Produkt der BBC 1, ist etwas komplexer und tiefschürfender, Deep State, eine Fox-TV Produktion, simpler und actionorientierter.

Der Inhalt beider Formate ist schnell geschildert: Bodyguard erzählt die Geschichte eines Ex-Soldaten, jetzt Polizist und Leibwächter der Innenministerin, der auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Deep State erzählt die Geschichte eines Ex-MI6 Auftragskillers, der zwangsweise für eine Aufräumaktion reaktiviert wird, auf eine Verschwörung stößt und diese aufklären muss, um seinen Hals zu retten.

Beide Serien haben eine zynische Sicht auf die Welt. Sie schildern Protagonisten, die vermeintlich für ihr Land und das Gute kämpfen und natürlich schwer ernüchtert, verraten und missbraucht werden. Beide sind ernstgemeint und höchsten unfreiwillig komisch – und beide Serien haben keinerlei Konsequenzen.

Bei Bodyguard geht der „Working Class Hero“ am Ende in Therapie und dann nach hause, zu seiner wiedergefundenen Familie, bei Deep State begibt sich der „well off“ Killer direkt in sein komfortables Zuhause, zu seiner wiedergefundenen Familie. Die zentrale Botschaft lautet: Die Welt ist wie sie ist, du kannst sie nicht ändern, sieh zu, dass es dir und deiner Familie gut geht. In beiden Serien haben die „Helden“ Kinder, sind ihre Beziehungen in Gefahr oder beschädigt, gilt es die unschuldigen Kleinen, auf denen unsere aller Zukunft beruht, vor Schäden, gemeint ist ein früher unverdienter Tod, zu bewahren. Psychische Schäden, die dadurch entstehen, dass die Sprösslinge Augenzeugen von z.B. Bombenanschlägen oder mordenden Eltern werden, spielen in diesen Serienwelten keine Rolle.
Bei Deep State empfinden dazu die Bösewichte eine große Kinderliebe und sorgen sich um den eigenen Nachwuchs. Wenn das kein wohliges Gefühl der Empathie erzeugt.

Beide Serien sind fatalistisch und völlig reaktionär.

Ihre vermeintliche Gesellschaftskritik beschränkt sich darin, den Status quo der Gegenwart als Spieloberfläche zu benutzen, auf der spannend und wendungsreich, leider sinnlose Stories erzählt werden.

Bei allem brillanten Thriller-Handwerk, in dem Bodyguard sich Deep State überlegen zeigt (ein weniger hektischer Plot, dafür mehr Charakterentwicklung) und den dramatischen, persönlichen Konflikten der Protagonisten, dominiert auf der Systemebene völlige Alternativlosigkeit.
Will der Bodyguard zu Anfang noch am liebsten diejenige bestrafen, die das kriegerische Morden in Afghanistan mit verursacht hat, so schützt er sie doch vor Terroristen und klärt sogar ihren Tod auf, um am Ende beinahe von den eigenen Leuten hingehängt zu werden.
Die MI6 Killer in Deep State sind anfangs damit beschäftigt, unschuldige iranische Wissenschaftler zu eliminieren, weil diese angeblich den Nuklearvertrag mit den USA unterlaufen, um am Ende, belogen und betrogen, einen unvermeidlichen Deal zu machen, der ihr eigenes Überleben sichert. So oder so, es gibt kein Entrinnen aus dem System, also lassen wir’s lieber gleich bleiben. Jeder ist sich selbst der Nächste. Schöne moderne „Helden“ sind das.

Die wahren Bösewichte sind entweder die Konzerne, deren Geschäftsmodell Krieg, Tod und Verderben lautet, und die einen weiteren neuen Krieg brauchen, damit die Kasse stimmt, oder das organisierte Verbrechen, das sich die hochkriminellen lukrativen Geschäfte nicht stören lassen will.

Beide Gruppen bedienen sich korrupter Staatsbediensteter. Das spiegelt natürlich die wirklichen Zustände in unserer Welt. Wie ernsthaft, wie kritisch – leider auch wie oberflächlich und verlogen. Bei Bodyguard ist die Organisierte Kriminalität gegen verschärfte Überwachungsgesetze, weil sie um Geschäftseinbußen fürchtet. Ein ausgemachter Blödsinn. Eine gute OK ist eine Stütze der kapitalistischen Gesellschaft und braucht den Staat schon gar nicht zu fürchten, solange dessen Hauptaugenmerk dem Kampf gegen den Terror dient.

Im Falle von Deep State wird gezeigt, wie Konzerne und Lobbyisten in den USA mit erpresserischen, mörderischen Methoden ihre Ziele verfolgen, jedoch völlig unerwähnt gelassen, dass das gesamte politische System auf Geld beruht und es zwischen dem Staat und den Konzernen keinerlei Interessenwiderspruch gibt, sondern beide völlig symbiotisch agieren. Schließlich wechseln Manager in die Politik und Politiker ins Management, um gegenseitig den Profit zu maximieren. Diese Serien perpetuieren genau die Botschaft, die jeder Mensch kapieren muss: Die Ursache allen Übels, das alles dominierende kapitalistische System, bleibt unausweichlich bestehen. Revolte ist ein müdes Arschrunzeln.

Die intellektuelle Ratlosigkeit beider Formate ist daher erschreckend. Ihre vermeintlich kritische Haltung gegenüber den Zuständen im herrschenden Polit- und Wirtschaftssystem ist nichts als Augenwischerei.

Angesichts seiner „Alternativlosigkeit“, bleibt jede Kritik, jeder Protest, jede Demonstration ohne Konsequenzen. Folglich bieten beide Formate nichts, aber auch gar nichts an, was auf eine geistige Entwicklung der „Helden“ schließen könnte. In der Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, gibt es für die Protagonisten nur zwei Verhaltensmuster, entweder mitmachen oder den Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dass man nicht doch irgendwann wieder „gebraucht“ wird, denn dann ist es mit der Ruhe schnell vorbei.
In beiden Serien sind die Protagonisten vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft, welches über die eigene Familie hinausgeht. Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint. Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform. Ziel erreicht.

Man könnte den „Helden“ zugute halten, dass sie Opfer wären. Leider sind es nicht.
Sie haben sich bewusst für den Job entschieden und sind deshalb hochtrainierte Volltrottel, indoktrinierte Befehlsempfänger, die gehorchen. Wenn sie dies einmal nicht tun, dann nur weil sie selbst auf die Abschussliste geraten und sich – und ihre Familien – retten müssen. Die Serienmacher reduzieren ihre Protagonisten zu banalen Funktionsautomaten: Töten, Schützen, Lieben, werden von ihnen beinahe automatisiert ausgeübt, so wie es die biologische „Programmierung“ des Homo sapiens erfordert. Die Protagonisten denken nur in vorgegebenen Rahmen. Damit sind sie genau die richtigen „Helden“ für unsere ohnmächtigen Zeiten. Aus seriellen Gründen können diese armen Schweine weder geistig reifen, noch vom Gnadentod erlöst werden. Sie sind daher verurteilt, ihre grausamen Untaten durch liebevollen Umgang mit ihren Kleinen ungeschehen zu machen. Der Gipfel des Zynismus.

Die miesesten Übeltäter sind in beiden Serien, die Verräter in den eigenen Reihen. Diese werden dafür, teilweise zumindest, von den „Helden“ bestraft, womit der Genugtuung für den Zuschauer genüge getan ist. In der Realität werden treue Systemplayer bekanntlich befördert. In der Fiktion, wehrt sich der ohnmächtige Einzelne erfolgreich. In der Wirklichkeit jedoch, geht der ohnmächtige Einzelne ohnmächtig einzeln unter, was jeder von uns weiß, aber lieber verdrängt.

Jetzt kann ich die Haltung einnehmen, eine ordentlich gemachte, spannende Zustandsbeschreibung der Welt ist mir allemal lieber als deutsches Entertainment. Das ist zwar nicht falsch, dennoch unzureichend. Auch wenn ein Thriller nicht der Aufklärung verpflichtet ist, so ist er seinen Figuren und seiner Story verpflichtet. Handeln hat Konsequenzen, diese zu einem Pseudo-Happy-End zu verbiegen, ist vielleicht gut für die Quote aber schlecht fürs Storytelling. Ein Thriller, der nicht konsequent bis zu seiner schlimmstmöglichen Wendung erzählt wird, taugt nichts. Ganz einfach.

Aber was soll’s?
Algorithmen interessieren sich für das, was bei den Massen ankommt. Darum werden die um Vorherrschaft buhlenden Konzerne mehr von diesem geistlos-verlogenen Schrott produzieren, der natürlich weiterhin nebenbei konsumiert wird. Systembestätigendes Fastfood eben. Die Algorithmen registrieren, was wir wann wo wie streamen, nicht ob und was wir dabei denken. Das interessiert nur wirklich niemanden. Wer konsumiert, denkt nicht. Streamen, Leute! Jeder Nutzer zählt.

MiC, 29.10.18

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1 Kommentar so far
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„In beiden Serien sind die Protagonisten
vereinzelte Menschen ohne ein Empfinden von Solidarität und Gemeinschaft,
welches über die eigene Familie hinausgeht.
Jede Form gesellschaftlichen Miteinanders wird bewusst verneint.
Das ist kapitalistische Ideologie in Reinform.
Ziel erreicht.“
Naja,ein bisschen andere Perspektive wird draus wenn man bedenkt das es grade diese Eigenschaft ist,die diese Leute für den Job geeignet macht d.h.von Seiten der Auftraggeber ist das Wohlergehen der Familie das Bedürfnis des Arbeitnehmers!
Was man nicht will-ne“loose Cannon“-also gibt es ein Analysesystem mit dem feststellt ob ein „in-den-Ruhestand-Versetzer“ gut motiviert ist und über ein gut gehendes psychologisches Hygiene-System verfügt…und gesunde Zähne!
In wieweit jemand mit einer bestimmten Berufswahl ein Gewissen entwicklt oder entwickeln möchte-ist eine andere Frage?!
Wie ich gerne sage,ist mir ein ganzer Christbaum aufgegangen als ich mal in einem Serienkiller-Sachbuch den Satz las:
„Das Verhalten der Menschen ist Bedürfnisorientiert.“
Hinzufügen möchte ich:
„Diese fragen nicht ob sie gut oder schlecht sind!“
Und es lässt sich alles irgenswie manipulieren:

Kommentar von Martin Däniken




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