Martin Compart


TONY ARZENTAs TÖDLICHER HASS by Martin Compart
16. Dezember 2022, 1:37 pm
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Der Sizilianer Tony Arzenta (Alain Delon) lebt in Mailand und ist Auftragsmörder der Mafia.
Noch am Geburtstag seines einzigen Sohnes erledigt Tony einen letzten Job, denn er will ein anderes Leben und bittet die Bosse, seine Entscheidung zu akzeptieren. Doch so einfach ist das dann doch nicht, denn er weiß zu viel, weswegen seine Chefs – der Pariser Carrè (Roger Hanin), der gebürtige Deutsche Grünwald (Anton Diffring), der Mailänder Rocco Cutitta (Lino Troisi) und der Italo-Amerikaner Nick Gusto (Richard Conte) – versuchen, ihn mit Hilfe einer Autobombe loszuwerden.
Bei dem Anschlag sterben Arzentas Kind und seine Frau direkt vor seinen Augen in seinem Auto. Arzenta sinnt auf Rache. Mit Hilfe von Freunden gelingt es ihm unterzutauchen. Er beginnt einen Rachefeldzug und zieht eine Vernichtungsschneise durch Europa.

TÖDLICHER HASS oder TONY ARZENTA (auch BIG GUNS oder NO WAY OUT) ist ein absolut sehenswerter Film, aber keinesfalls das Meisterwerk, als das man ihn mit der längst überfälligen ungekürztem Neuveröffentlichung verkaufen möchte.

Denn im letzten Drittel wird der anfängliche Stoizismus (auch im ansonsten beeindruckenden Spiel von Delon) nicht mehr konsequent durchgehalten. Aber es ist natürlich schön, dass dieser lange in Deutschland unzugängliche Film endlich verfügbar ist.

Der Film von Regisseur Duccio Tessari aus dem Jahr 1973 mit Alain Delon in der Hauptrolle wurde on location in Mailand, Paris und Kopenhagen und in den Dear Studios, Rom, gedreht.

TÖDLICHER HASS ist ein echtes Starvehikel für Delon.

Der Film wurde wohl auch durch zwei Faktoren inspiriert: Der Co-Produzent Delon hatte direkt zuvor mit seinen selbst produzierten Filmen MADLY, DOUCEMENT LES BASSES und OKTOBER IN RIMINI wirtschaftliche Misserfolge eingefahren. Sicherlich auch wegen der ungewöhnlichen Rollen, die er darin spielte und die den Großteil seines „Stammpublikums“ nicht ansprachen. Da kam dem Inhaber von Adel Produktion die vom PATEN ausgelöste Mafia-Welle gerade recht, um seinen wertvollsten Schauspieler imageentsprechend als Gangster in Szene zu setzen.

Delon dominiert den Film mit seiner stahläugigen Präsenz, unter deren stoischer Oberfläche eine lebenslange Sehnsucht und Schmerz existieren. Tatsächlich wurde Arzenta durch jahrelanges kaltblütiges Töten abgehärtet, aber Delon macht deutlich, dass das eisige Herz des Charakters dank der Liebe seiner Familie zu tauen begonnen hatte.

Noch wichtiger ist jedoch, dass der Film immer wieder die Idee verstärkt, dass Arzentas‘ Liebe zu seiner Frau und seinem Sohn keine Schwäche darstellt, sondern eine neu gefundene Stärke, die ihm die Fähigkeit verleiht, sich in andere einzufühlen und den Wert des menschlichen Lebens zu verstehen. Als Arzenta Zeuge der Explosion wird, die seiner Frau und seinem Kind das Leben kostet, bleibt sein Gesichtsausdruck ruhig und distanziert, aber seine Augen zeigen all das Entsetzen und die Angst, die er in diesem Moment empfindet. Delon vermittelt all dies subtil und schafft durch seine Performance einen Charakter, der an Jef Costello (und eine Vielzahl anderer filmischer Mafia-Killer) erinnert, während er immer noch völlig unverwechselbar und ikonisch erscheint.“ (Chris’s Cult Catalogue: No Way Out)

Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war TÖDLICHER HASS dank Delons Star-Appeals ein großer Erfolg an den Kinokassen, wobei die Kritiker nicht sonderlich angetan waren, den Film eher oberflächlich beurteilten und hauptsächlich die angeblich abgenutzten Klischees und damals ungewohnte Brutalität zur Kenntnis nahmen.

In Deutschland schlug umgehend die Staatsanwaltschaft zu, und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften besorgte dem Film eine jahrzehntelange Indizierung.

„Der Film ist nichts als eine schier endlose, stumpfsinnige Aneinanderreihung unappetitlichster Gewalttaten zwischen schick arrangierten italienischen Industrie Designs.“
( Die Zeit vom 1. Februar 1974)

„Ein zynischer Actionfilm mit Glorifizierung brutaler Gewalt, distanzloser Verherrlichung eines Massenmörders und billigster ‘Zehn-kleine-Negerlein-Dramaturgie’. Delon auf dem Tiefpunkt seiner Karriere. Ein Actionfilm unter jeder Kritik.“ vermerkte noch im Oktober 1987 das Lexikon des internationalen Films (herausgegeben vom Katholischen Institut für Medieninformation e. V).

Das bürgerliche Feuilleton verband in der Genrekritik damals (?) meisterlich Arroganz mit Ignoranz.

Inzwischen beurteilt eine neue Generation Kritiker den Film anders:

Dieser ausgezeichnete Film verbindet auf wundersame Weise das kühl berechnende französische mit dem emotionsgeladenen italienischen Gangsterkino. (…) Der Film ist wirklich gut gemacht: Eine bekannte und in wenigen Worten zu umreißende Geschichte wird mit geradliniger Brutalität und guten schauspielerischen Leistungen präsentiert. Das Aufgebot an Schauspielern ist als fast sensationell zu bezeichnen.“
(Karsten Thurau: in Der Terror führt Regie – Der italienische Gangster- und Polizeifilm“ von Michael Cholewa und Karsten Thurau, S. 194, 2. Auflage 2008)

Duccio Tessaris Gangsterfilm ist vielleicht das erfolgreichste Beispiel für die Vermischung von italienischem Giallo- Stil und französischem film noir. Ihm mangelt es an der Kälte und Melancholie des französischen Stils, und der italienische Sadismus und nervöse Aktionismus beherrscht den Film.

Zusammen gehalten wird er durch Delon, der aber nicht verhindert, dass das konzeptionell gute Ende entgleist.

„Tessari (und Delon) gelingt es, einen der beeindruckendsten Antihelden italienischer Kriminalfilme zu kreieren. Tony Arzenta stellt einen einsamen, melancholischen Charakter dar, der seinem Schicksal ohne Chance auf Erlösung bis zum bitteren Ende folgen muss und sich dabei vollends bewusst ist, dass er letztendlich an übermächtigen Kräften scheitern wird. Doch hier gibt es noch viel mehr zu entdecken. Tödlicher Hass legt nämlich eine stilistische Opulenz an den Tag, die im italienischen film noir noch nie zuvor gesehen worden ist. Die besondere Beachtung des Dekors wird durch Silvano Ippolitis wunderschöne Kinematographie unterstrichen, die eine chromatische Palette aus flammenden Rottönen und blendendem Weiß in den Innenszenen präsentiert und es bestens versteht die eisige sowie neblige Mailänder Umgebung einprägsam einzufangen. Die Actionszenen (in denen Delon bei Autoverfolgungsjagden teilweise seine eigenen Stunts macht) sind durchweg als hervorragend zu bezeichnen, während sich die Gewalt so unvorhersehbar wie plakativ präsentiert.“ (Von BLUNTWOLF , am 23. Januar 2022)

Feministinnen werden ihre helle Freude am Frauenbild haben.

In einer so gewalttätigen und düsteren Welt stellen Frauen nur entbehrliche Schachfiguren dar. Sie werden ermordet, geschlagen, gedemütigt und missbraucht, so wie Carrès (Hanin) lang leidende Geliebte Sandra, die in einer extrem gewalttätigen Szene von Cuttitas Männern zu Klängen klassischer Musik brutal zusammengeschlagen wird. „Du kannst hier bleiben, wenn Du willst“, sagt Delon zu Sandra, die Zuflucht in seiner Wohnung sucht, nachdem sie ihm geholfen hat, den sadistischen Carrè zu finden sowie zu töten, „aber lass mich Deine Anwesenheit nicht zu sehr spüren.“

Tessari hüllte Europa von Mailand bis Stockholm im wahrsten Sinne des Wortes in einen Nebelschleier (die Drehzeit fand vom 30.1. bis Ende März 1973 statt). Er nutzte die klimatischen Verhältnisse, um den Zuschauern zu suggerieren, dass ganz Europa bereits unter dem Nebel der Mafia liegt. Und ganz nebenbei zeigt er, das Deutschland 1973 nicht nur Rückzugsgebiet der Mafia war, wie von der deutschen Politik bis 1990 behauptet). ). Von den italienischen Anti-Madia-Filmen übernahm Tessari die Sichtweise, dass sie Mafia nicht in einer internationalen Gefahrenregion angesiedelt ist, sondern sich in der europäischen Normalität eingerichtet hat. Seine Mafiosi verhalten sich nicht nur böse, sie sind es.

Tessari spielt auch effektiv mit ungewöhnlichen (aber genau kalkulierten) Kameraeinstellungen. Sehr schön, und zum Teil nie gesehen, bei den Autojagden. Der „nervöse“ Inszenierungsstil vieler Szenen wird häufig konterkariert durch elegische Beratungsszenen (dümmlich gekürzt in der deutschen Kino-Fassung) der Mafia-Geschäftsleute.

Das sorgt für einen weiteren Subtext: Delon war ein funktionierendes Rädchen im Getriebe des profitorientierten Wirtschaftssystems, bis er durch emotionale Erfahrungen ein anderes Wertesystem aufrief. Dies konnte von den Profiteuren nicht hingenommen werden, da es ihre Grundlagen bedroht. Beim Versuch den Aussteiger final auszuschalten, töteten sie versehentlich sein neugewonnenes Wertesystem mit der Folge, dass er das alte System nun gegen es selbst anwendet.

Anders als bei den meisten Gialli, die entweder auf der Popularität von bekannten Schauspielern setzen oder bewährte Genremuster verfremden und „ ausbeuten“ (oder beides), gelingt Tessari ein völlig eigenständiger Film, unterfüttert von Subtexten.
Am Ende etwa stirbt Tony, weil er sich immer noch an die Regeln hält, die alle anderen mit Füßen treten.

Nihilismus, der Melville als Romantiker bestätigt.

ZUR EDITION:

Extras:
Audiokommentar mit Leonhard Elias Lemke
Original Kinotrailer
40seitiges Booklet mit einigen Bildern und Texten von Steffen Wulf (nicht bei der dvd)
Bildergalerie

Zwei Blu-rays oder dvds mit zwei unterschiedlichen Schnittfassungen (Internationale Fassung + dt. Kinofassung). Englische, italienisch, deutsch; Delon spricht die englische Synchronisation selbst. Der Ton der alten deutschen Synchronisation ist so erbärmlich, dass man lieber eine anderssprachige wählen sollte.



PUMMEL AUF PANZER… by Martin Compart

..zu feige, um die Energiewirtschaft zu verstaatlichen, aber sich nicht nur symbolisch der Kriegswirtschaft zuwenden.

„Fährt der auch mit erneuerbaren Energien?“

Ein Kriegsdienstverweigerer zeigt späte Einsicht in die Schönheit einer zukunftsweisenden Exportwirtschaft.

„Wer nicht will, dass Verluste vergesellschaftet werden und Gewinne privatisiert werden, versündigt sich an den Millionen-Erben künftiger Generationen.“



ROLLING STONES UND CHRISTENRUM KURZ VOR DEM AUS… by Martin Compart
29. Juli 2022, 8:08 pm
Filed under: Stammtischgegröle, Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter: ,

…die einen wegen der kulturellen Aneignung afro-amerikanischer Sklavenmusik, die anderen wegen der kulturellen Aneignung jüdischer Symbolik.



FAMOUS MEMBERS OF THE REPUBLICAN PARTY by Martin Compart



EMPIRE OF CRIME by Martin Compart

Tim Newark: Empire of Crime: Organised Crime in the British Empire
Mainstream Publishing, Edinburgh, 2011, ‎ 272 Seiten. Neuauflage 2018.

Über das britische Empire wurden und werden ganze Bibliotheken geschrieben. In den historischen Aufarbeitungen sollte es kaum noch blinde Flecken geben – sollte man meinen. Aber ein Aspekt ist mir begegnet, der lediglich in Fußnoten behandelt wird und m.W. bisher nie umfassend untersucht wurde: das organisierte Verbrechen innerhalb des britischen Empires. Und hier ist nicht gemeint, dass das Empire auf Raub und Drogenhandel begründet wurde (übrigens der skrupelloseste Drogenhandel der Weltgeschichte; dagegen erscheinen mexikanische Kartelle wie Straßen banden).

Der Autor ist Journalist, war 17 Jahre Herausgeber der Military Illustrated und für zahlreiche Fernsehdokumentationen verantwortlich, für BBC und History Channel. Er schrieb u.a. Bücher über Lucky Luciano und die Mafia-Kriege.
Dieses Buch ist weniger eine wissenschaftliche Untersuchung als ein detailreicher Report, was den Erkenntnishorizont keinesfalls schmälert. Kein anderes mir bekanntes Buch zeigt ein so globales Bild der organisierten Kriminalität in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Als Ausgangspunkt wählte Newark das Jahr 1908, was Sinn macht. Denn in diesem Jahr beschloss die Regierung des Empires seinen offiziellen Opiumhandel mit China einzustellen. „Das größte Geschenk des Empires an das organisierte Verbrechen“, meint der Autor, denn über Nacht stiegen die Preise und sorgten für Entwicklungen im internationalen Rauschgifthandel, die bis heute anhalten (inzwischen hat die kapitalistische Kriminalität eine Dimension erreicht, dass kaum eine Volkswirtschaft ohne sie auskommt; von Banken und Hedgefonds ganz zu schweigen).

Newark begleitet das Empire über die verschiedenen Kontinente durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bis zum „Wind of Change“, der Auflösung der Kolonien.

Das führt auch zu einigen bestreitbaren Thesen: So scheint es doch zumindest fragwürdig, die kenianische Aufstandsbewegung der Mau-Mau vornehmlich der organisierten Kriminalität zuzuschlagen.

Das Spektrum ist weit. Newark thematisiert die übelsten Hot Spots (auch mit den jeweiligen historischen und zeitgeschichtlichen Bezügen), von Kairo bis Macao, Organisationen (wie die unvermeidbaren Triaden oder den nigerianischen Leopardenmenschen) und natürlich den Kämpfern gegen die Kriminalität (wie etwa den zu Unrecht wenig bekannten „Russell Pascha“).

Das Buch hält viel überraschendes bereit. So nennt Newark die Paschtunen, die die Nord-West-Grenze nach Afghanistan mit Überfällen überzogen, „they were one of the largest and most aggressive group of organized crime in the world.“ Da stecken den Briten ihre verlorenen Afghanistan-Feldzüge noch in den Knochen.

Großohr Tu


Natürlich wird auch Großohr-Tu, der legendäre Gangsterboss von Shanghai und Chef der Greengang-Triade, gewürdigt. Ihm wurde in den 1920ern von dem späteren Gründer des national-chinesischen Staates Taiwan, Generalissimus Tsiang Kai-Check, das Opiummonopol zugestanden. Gegen Hilfe im Kampf gegen die Kommunisten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht besuchten Tu, wie man hier erfährt, sogar die britischen Schriftsteller W.H. Auden und Christopher Isherwood.

Unter den vielen kuriosen Geschichten findet sich auch die über den Generalgouverneur von Hongkong, der zum Großdealer wurde. Während einer Flüchtlingswelle in die Kronkolonie kaufte er alle indischen Opiumvorräte auf, um die ankommenden Süchtigen preisgünstig zu versorgen, damit die Triaden nicht durch Preiserhöhungen von ihrem Elend noch zusätzlich profitierten.
Gegenüber dem Tower liegt die HMS BELFAST als dem Imperial War Museum zugeordnetes Museumsschiff. Noch auf seiner letzten Fahrt, 1962, fand man an Bord dank eines Tipps eine große Menge Opium, die Triaden frech mit der Royal Navy nach San Francisco schmuggeln wollten. Wie oft die Navy unbewusst als Muli gearbeitet haben dürfte, mag die Admiralität wohl gar nicht wissen mögen.

Bei Dreharbeiten an Bord der Belfast war das Schiff stubenrein und kein Opium mehr zu finden.



GAS-GREIS IN MOSKAU ABGETAUCHT by Martin Compart

„Ich hab dich gleich lieb gehabt.“ „Du hast die Haare schön.“

Gas-Greis Proll-Gert wurde in Moskau gesichtet. Wahrscheinlich bittet er den Kreml-Tataren, einen Fluchtkorridor aus der Ukraine zu einem russischen Gulag nach ihn zu benennen. Denn der Gas-Greis strebte schon immer nach öffentlicher Anerkennung. Der Kreml-Tatar scheint zu vielem bereit zu sein, wenn der Greis nur aufhört dauernd an ihm rumzugrabschen.

Komm, gib Küsschen.



GEISTIGE UMWELTVERSCHMUTZUNG by Martin Compart
20. Januar 2022, 12:07 pm
Filed under: Parasiten, Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter: , , ,

Käufer und Macher sind tatsächlich wahlberechtigt. In ihre Schädel möchte man nicht als Entwicklungshelfer eingesetzt werden. Mit ihrer elenden Existenz mag wohl niemand tauschen.



WYATT IST WIEDER DA by Martin Compart
14. Oktober 2021, 12:44 pm
Filed under: Noir, Pulp Master/Frank Nowatzki, Rezensionen | Schlagwörter: , , , , ,

Wyatt stiehlt. Und das ziemlich gut, denn er istvorsichtig wie eh und je, effizient und erfinderisch.Bei der Auswahl seiner Jobs greift er diesmal aufeinen Informanten im Knast zurück, der direkt ander Quelle sitzt: Sam Kramer. Bis zu dessen Entlassung kümmert sich Wyatt im Gegenzug um Kramers Familie. Doch der Afghanistan-Veteran NickLazar erfährt von dieser Vereinbarung. Über seinenInsider erfährt Lazar zudem, dass Kramer – undsomit auch Wyatt – zu Ohren gekommen ist, dassdem schlitzohrigen Finanzberater Jack Tremayne eine satte Anklage ins Haus steht und sein Koffermit einer Million schon griffbereit ist: Tremaynewill die Flatter machen …

Garry Disher trägt der Logik und Dynamik der globalen Finanzialisierung Rechnung und konfrontiert Berufsverbrecher Wyatt mit dem Ponzi-Schema:einem finanziellen Betrugssystem, womit Investitionen reicher Anleger verschleiert werden.

PULP MASTER Bd.53, 2021
Gary Disher:
MODER
9.Bd. der Wyatt-Serie
Original: KILL SHOR, 2018
Deutsch von Ango Laina u. Angelika Müller
Taschenbuch, 300 Seiten; € 14, 80. e-Book 9,99€.

Natürlich stand der große Donald Westlake als Richard Stark im Geburtssaal von Wyatt: „Ich habe alle Parker-Romane früh in meiner Schreibkarriere gelesen und wollte herausfinden, was ich mit einem cleveren Kriminellen als Hauptfigur anstellen kann. Ich wollte die Parker-Romane natürlich nicht kopieren, sondern meine eigene Herangehensweise entwickeln. Ich glaube, dass Wyatt ein reichhaltigerer Charakter als Parker ist, außerdem ist auch mein Plot dichter und sind die Nebencharaktere stärker entwickelt

Während Westlakes Parker-Romane immer schlechter wurden, werden Dishers Wyatt-Romane immer besser (und sind genauso wenig noch reine Hommagen wie Max Allan Collins Nolan-Bücher):
But Disher is more interested in emotion and less in surgical detail than Stark. Wyatt, though impatient with stupidity in others, is more social and susceptible than Parker. For one thing, he lets himself become involved with a woman during the caper’s planning, which Parker avowedly would never do. And when he does become involved, the feelings are more than just sexual. There are tenderness and vulnerability in Wyatt’s feelings for this novel’s femme fatale. There are also touches of humor here, both on the author’s part and the protagonist’s, where there would be none in a Parker book.
(http://detectivesbeyondborders.blogspot.com/2006/11/kickback-garry-dishers-thriller-and.html)



KOLLATETRALSCHÄDEN DER EVOLUTION by Martin Compart
15. Februar 2021, 6:14 pm
Filed under: Sternstunden der Verblödung | Schlagwörter: , ,



GESCHÄFTSMÄNNER UND WILDERER – Neues von Pulp Master by Martin Compart

Wenn mich auch die Frühjahrsvorschauen der meisten Publikumsverlage enttäuschten (nein, nicht wirklich enttäuschten; wer enttäuscht wird, muss Erwartungen haben), fängt das Jahr doch gut an:

Frank Nowatski hat in seiner Pulp Master-Reihe endlich zwei neue Bücher herausgegeben (die Copyrights beziehen sich noch auf 2020). Angesichts der Pandemielage sind zwei neue „Präsenz-Bücher“ mal eine gute Nachricht!

Eines ist die längst überfällige Neuauflage von Ted Lewis´ SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG (GBH, 1980). Es war der letzte Roman, den die britische Noir-Ikone zu Lebzeiten veröffentlicht hat, und ich habe ein besonderes Verhältnis zu dem Buch: 2005 adaptierte ich es als Hörspiel für den WDR. Keine besonders erfreuliche Erfahrung, denn Lewis Werk musste für den Hörfunk auf ca. 55 Minuten zusammengestutzt werden, was ihm nicht gerecht werden konnte. Da hätte man besser zwei Folgen produzieren sollen, aber dafür reichten wohl weder Budget noch Sendeplätze.

Ted Lewis selbst gilt als „Vater“ des modernen Brit Noir und sein Roman JACK´S RETURN HOME als der Klassiker des Genres. Die Verfilmung von Mike Hodges mit Michael Caine unter dem Titel GET CARTER als bester britischer Gangsterfilm. Der jung gestorbene Autor hat diese Anerkennung nicht mehr erlebt (mehr zu Ted Lewis und Brit Noir in diesem Blog unter https://martincompart.wordpress.com/category/ted-lewis/ ).

Diese Ausgabe bietet nicht nur 333 ungekürzte Seiten, sondern auch ein Vorwort des großen Derek Raymond, der inzwischen selbst eine Noir-Ikone ist.
In seinem Nachwort von 1990 erzählt er auch von seinen Begegnungen mit Lewis, den er im selben Pub erlebte, da sie damals im selben Verlag veröffentlicht wurden:

„Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, ihm meinen Respekt für seinen Mut zu zollen, der es ihm ermöglicht hat, so zu schreiben, wie er es tat, solange er es tat, den Horror draußen mit Begriffen seines eigenen inneren Horrors zu beschreiben, wenn nötig mit der Hilfe von Alkohol oder irgendeiner anderen Waffe, die es ihm ermöglichte, seine Sache durchzuziehen… Er ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich das Schreiben sein kann, wenn man es ernsthaft betreibt, und Ted Lewis‘ Werke beweisen, dass er nie vor irgendwas davongerannt ist.“

KLAPPENTEXT:

George Fowler ist der Kopf eines weitverzweigten Londoner Unterweltimperiums. Pornografie, im Großbritannien der 1970er illegal, ermöglicht ihm unschätzbare Einnahmen; Gewalt und Korruption halten die Maschine in Gang. Dieses hochgefährliche Gemisch droht zu explodieren, als er herausfindet, dass einige seiner Leute in die eigene Tasche wirtschaften. Als die Situation trotz einiger Säuberungsaktionen weiter eskaliert, taucht er für eine Weile in Mablethorpe unter, einem langweiligen Kaff an der Küste, um aus der Schusslinie und aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Dies scheint fürs Erste zu gelingen, doch wohin mit den grausamen Erinnerungen, wenn man zu viel Zeit zum Nachdenken hat? George Fowler legt sie auf Eis und gießt Scotch darüber … viel Scotch …

Lewis‘ GBH gilt auch heute noch als einer der brillantesten Kriminalromane, die in Paranoia und in den Wahnsinn der Londoner Unterwelt der späten 1970er eindringen und eine faszinierende Geschichte von Macht, Liebe, Hybris und Verrat entfesseln.

Vor der Legalisierung Anfang der 1980er Jahre war Pornographie der größte Wachstumsmarkt in England. Dank gesetzlicher Schlupflöcher konnte sie halblegal an bestimmten Orten vertrieben werden, und die Porno-Produzenten wurden in Halb- und Unterwelt so mächtig wie die Gangster früherer Jahrzehnte (Sabinis, Krays, Richardsons etc.). Michael Apted nahm sich dieses Themas bereits 1977 in seinem grandiosen Film THE SQUEEZE nach einem Roman von David Craig (d.i. James Tucker alias Bill James) an.
Insofern ist GBH über die literarische Qualität hinaus auch ein bemerkenswertes Zeitdokument.

Mit der zweiten Neuerscheinung setzt Nowatski seine Tom Franklin-Edition innerhalb von PULP MASTER fort. Die Kurzgeschichtensammlung WILDERER (POACHERS) war 1999 Franklins erste Buchveröffentlichung, und die Titelgeschichte brachte ihm einen Edgar-Allan- Poe-Preis ein.

Als herausragender Vertreter des Country Noir, Southern Gothic oder einfach der US-amerikanischen Südstaatentradition wird sein bisher schmales Werk gerne mit Cormac McCarthy oder Flannery O´Connor verglichen.

KLAPPENTEXT:

Im Süden Alabama war es einst üppig und grün. Doch der alte Süden liegt in den letzten Atemzügen, während der neue, moderne Süden das Leben der einfachen Leute in die Hand nimmt. Der Kampf um die Vorherrschaft und das ruhige, selbstbestimmte Dasein sind längst vorbei, doch die alten Wunden müssen erst noch heilen. Sie sprechen von einer Welt der Jagd und des Fischfangs, des Glücksspiels und der Niederlage, des Trinkens und Wilderns. Männer sind hier untreue Ehemänner, Wildfrevler, skrupellose Intriganten, unsympathische Mörder. Sie betrügen ihre Arbeitgeber, erpressen einander, machen Schulden, trinken zu viel und ignorieren Gesetze. Mit dieser Sammlung von zehn Geschichten gelang Tom Franklin der Durchbruch. Diese seltsame, aber faszinierende Welt ist gefüllt mit mutigen Charakteren, die verloren sind, vertrieben wurden oder sich in einer Welt gefangen fühlen, die sich längst in die Zukunft bewegt hat, bevor sie sich darauf vorbereiten konnten.

Dieser Kurzgeschichtenband bestätigt meine eingängige Bemerkung:
Welcher Großverlag würde es heute noch wagen, einen Band mit Short Stories für den deutschen Markt zu veröffentlichen? Und man kann es ihnen nicht mal verübeln: In einem Land, in dem literarische Kretins wie ein Fitzek die Bestsellerliste anführen, muss man als Wirtschaftsunternehmen das Niveau des Produkts weitgehend nach unten kalkulieren, wenn man ein Geschäft machen will. Wie es Malraux ausdrückte: „Der eigentliche Tod ist der Verfall.“

Die Figuren in Franklins Süden sind Verlorene und Gefangene in einer Welt, deren Bewegungen sie nicht verstehen. Fast so etwas wie die Typologie von Trump-Wählern.
Die Titelgeschichte ist eine Backwood-Novelle, die man fast als Hintergrundsbericht über die Hillbillys aus DELIVERANCE lesen kann.

Tom Franklin über sein Buch:
Oddly, I didn’t realize that poaching was the theme until the stories–as a collection– were nearly done. I thought the main theme was contamination, how we’re screwing up our environment. The book was originally going to be called “Don’t Touch the Ground,” after a story that we took out. The three brothers (in der Titelgeschichte) are based on the the Wiggins brothers I mention in the book’s introduction. These guys were amazing and fluid in their surroundings. They could catch any fish, kill any deer. They were like mountain men to me. I envied how at ease they seemed, where I felt alien in my childhood.

https://martincompart.wordpress.com/category/tom-franklin/

SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG
PULP MASTER Bd.44; 1., 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel: G.B.H.
Deutsch von Angelika Müller
334 Seiten; 14, 80 €
ISBN 978-3-927734-04-5

WILDERER
PULP MASTER Bd.54; 1. Auflage 2020 (18. Dezember 2020)
Originaltitel : Poachers
Deutsch von Nikolas Stingl
256 Seiten; 14,80 €
ISBN 978-3-946582-07-6