Martin Compart


soviel zur stimmungsmache gegen öffentlich-rechtlichen journaliamus

Besser kann man eine Story nicht recherchieren und bauen. 



ZU UNRECHT UNVERÖFFENTLICHTE SONGS
11. Juni 2021, 3:24 pm
Filed under: Rolling Stones, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,


(1973) Bei den Stones schaffen es Songs nicht auf reguläre Alben, die bei anderen Gruppen of Best-of-compilations veröffentlicht würden.


(1989) Die Stones beweisen und beruhigen mich hiermit: Falls es knapp werden sollte mit der Kohle, können sie noch als Kapelle auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern.

Die Stones sind ein Missing-Link zu einer Welt, die man noch nicht als völlig verspielt betrachtet hatte.



JOHN MAIR – „ES GIBT KEINE WIEDERKEHR“ – Der Waschzettel

10. Juni 2021
John Mair
Es gibt keine Wiederkehr

Ein Klassiker des Polit-Thrillers
Herausgegeben von Martin Compart
Klappenbroschur mit Fadenheftung | 264 Seiten | 14 x 22 cm
€ 18,00 [D]
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021
ISBN 978­3­942788­56­4

Der Autor
John Mair wurde wurde 1913 als Sohn eines prominenten britischen Journalisten und einer Schauspielerin in London geboren. Er besuchte die Schule von Westminster, studierte am University College von London und brillierte dort als Debattenredner. Mair veröffentlichte eine vielbeachtete Studie über ein Pseudo­-Shakespeare-­Drama, vor allem aber verfasste er Essays und Buchbesprechungen für renommierte Zeitungen: Es war der frühe Beginn einer sehr vielversprechenden Karriere. 1939 begann er mit der Arbeit an seinem Thriller Never Come Back (Es gibt keine Wiederkehr), der zwei Jahre später veröffentlicht wurde. Nach der Einberufung zur Luftwaffe entschied sich Mair für eine Pilotenausbildung; bei einem Trainingsflug kam er im April 1942 beim Zusammenstoß zweier Flugzeuge ums Leben..

Der Roman
Originaltitel: Never Come Back (1941)
Im Affekt und halb aus Versehen tötet der britische Boulevardjournalist Desmond Thane seine Geliebte – ohne freilich zu ahnen, dass sie für eine internationale Geheimorganisation tätig war. Deren Agenten und Profikiller sehen ihre politische Verschwörung in Gefahr. Also müssen sie Thane aus dem Weg schaff en, um jeden Preis und auf ihre Weise …
Mit Somerset Maugham, Eric Ambler und Graham Green zog in den 1930er­Jahren ein neuer Realismus in den britischen Spionageroman ein – ein Genre, das William Le Queux, Rudyard Kipling, Erskine Childers und insbesondere John Buchan geprägt hatten.
Mair kannte diese Tradition, und er gestaltete Desmond Thane bewusst als Gegenentwurf zur Konvention: als vielschichtige Identifikationsfigur, mit der das Publikum mitfiebert; als einen philosophisch und literarisch gebildeten Mann, der dennoch eitel ist und verlogen, egozentrisch, zynisch und ein gefühlskalter Mörder. Thane ist der erste Antiheld des Genres – und John Mairs Roman immer noch, in den Worten von Martin Compart, „eines der bestgehüteten Geheimnisse der Thriller­Literatur“.

„Tatsächlich erzählt Mair von der gleichen Welt wie Koestler [Sonnenfinsternis], allerdings im Geist der Burleske. … Man könnte [den Roman] durchaus einen ‚linken Thriller’ nennen … Hier wirken noch einige der üblichen Mechanismen eines Thrillers, insgesamt aber ist das Buch sehr viel anspruchsvoller; sämtliche Verbrechen bleiben ungesühnt, nirgends ist eine schöne Jungfrau zu retten, und niemand handelt aus Patriotismus. Dies ist ein unterhaltsames Buch. Ich hoff e, es erweist sich als Ausgangspunkt einer ganz neuen Art von
Thrillern.“
George Orwell
New Statesman, 4. Januar 1941

Der Herausgeber

Martin Compart war Herausgeber für Krimi­Reihen bei Ullstein, Bastei­Lübbe, Dumont und Strange. Er schrieb mehrere Noir­Romane und Sachbücher und wurde mit zwei Drehbuchpreisen ausgezeichnet. Der FOCUS bezeichnete ihn als „Deutschlands Krimi­Papst“. Seine Artikel und Rezensionen fi nden sich seit 2009 regelmäßig in dem Blog https://martincompart.wordpress.com/. Letztes Buch: 2000 Lightyears from Home: Eine Zeitreise mit den Rolling Stones (Zerberus Verlag, 2020).
Nachwort zu John Mair: „Der vergessene Klassiker“.

Pressekontakt: re-book, Ruth Eising,
Tel. +49 228-25 98 75 82, info@re-book.de

http://www.elsinor.de

Leseproben

Als er am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit um eine Straßenecke bog, traten zwei Männer hinter einem großen schwarzen Wagen hervor und versperrten ihm den Weg.
«Sie sind Desmond Thane ?»
«Ja, das bin ich.»
«Wir sind von der Polizei. Sie sind wegen des Mordes an Anna
Raven verhaftet.»
Die Welt schien urplötzlich stillzustehen; mit der unbewussten Klarheit einer Kamera registrierte Desmonds Hirn die Risse im Pflaster und das Schild des Immobilienmaklers auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der zweite Mann trat an seine Seite und fasste ihn unauffällig, aber fest am Arm. «Besser, Sie kommen ohne Aufsehen. Besser, Sie machen keinen Ärger.»
Desmond leistete keinen Widerstand, als sie ihn in den Wagen schoben, der sofort losfuhr. Nach kurzem Schweigen begann Desmond: «Das ist absurd. Ich kenne niemanden namens Raven.»
Die Männer, zwischen denen er saß, antworteten nicht. Desmond wurde lauter.
«Das hier ist vollkommen lächerlich, Sie werden dafür zahlen müssen. Ich vermute, es ist nicht Ihr Fehler, aber ich protestiere aufs Schärfste. Das … das ist einfach absurd.» Er bemerkte plötzlich, dass die Scheiben matt waren, und aus der Geschwindigkeit des Wagens schloss er, dass sie keineswegs zur nächsten Polizeiwache fuhren.
«Wo bringen Sie mich hin ? Das ist ja ungeheuerlich ! Ich ver­lange meinen Anwalt !» Keine Antwort. Er fuhr hysterisch fort:
«Wo ist eigentlich Ihr Haftbefehl ? Ich bestehe auf einer formellen Anklage. Und ich möchte eine Aussage machen.» «Klappe halten», sagte der Mann zur Linken. Desmond, gewöhnt an ein höfliches, wenn nicht unterwürfiges Auftreten von Beamten, verlor gleichzeitig seine Furcht und seine Nerven.
«Was zur Hölle soll das heißen ? Ich verlange, dass man mich auf eine Polizeiwache bringt und Anklage erhebt. Die Polizei hat keinerlei Recht, so vorzugehen !» Der Mann zur Rechten fuhr ihn an:
«Wir sind keine Polizei, also halt die Fresse. Noch ein Wort, und ich ziehe Ihnen eins über.»
Er holte einen kleinen lederbezogenen Schlagstock aus der Tasche und tätschelte Desmond damit das Kinn. Der Wagen musste Londons Zentrum inzwischen verlassen haben, denn er fuhr nun schnell und wechselte seltener die Gänge. Nach dem ersten Schrecken verspürte Desmond vor allem Erleichterung, denn entgegen dem verbreiteten Klischee wirkt das Unbekannte weniger bedrohlich als das Bekannte. Ein verurteilter Mörder dürfte demnach ein gewisses Vergnügen empfinden, falls Marsbewohner mit Tentakeln ihn in seiner Zelle heimsuchen sollten. Desmond war immer noch eingeschüchtert, aber seine Angst hatte nachgelassen; das unausweichliche Faktum der Gefangennahme erlebte er als unangenehme, aber unvorhersehbare Fiktion. Vorsichtig wandte er den Kopf und musterte seine Entführer.
(…)

«Ja, ja, die Strecke nach Buntingford – das stimmt. Ich bin nämlich», fügte er rasch hinzu, um weiteren Fragen nach seiner imaginären Reise auszuweichen, «schon wochenlang kreuz und quer über Land gewandert, um Material für einen Gedichtband zusammenzutragen. Deshalb bin ich auch so unrasiert.» «Oh, Sie sind ein Dichter ?» unterbrach ihn das Mädchen namens Annabel. «Vielleicht sind Sie dann schon meinem Verlobten begegnet – Bob Paget. Er veröffentlicht viel in der New Poetry und im Cervix – Sie wissen schon, die ehemalige Axis, was dann im Krieg zu unpatriotisch klang. Stephen und Tom
Eliot schätzen Bob sehr.»
«Aber ja», log Desmond, «ich glaube, ich bin ihm schon einmal auf einer Party begegnet. Lassen Sie mich nachdenken … war er nicht der gutaussehende Herr mit dem längeren Haar und einem sehr intellektuellen Gesicht ?»
Schon hatte er Annabel gewonnen, und sie nahm Desmond in den Kreis ihrer Freunde auf. Mit ihren schlanken Waden und dem blonden Haar, das ihr ins Gesicht fiel, wirkte sie attraktiv; und Desmond spielte ein wenig mit dem Gedanken, in einen Wettstreit mit Bob einzutreten. Er hatte stets die Ansicht vertreten, man könne warmherzige Frauen verführen, indem man ihre Männer unausgesetzt lobte (zwei Wochen lang eine liebenswert-selbstlose Bewunderung dieser Kreatur, dann ein ganz sanfter Vorstoß: «Aber nein, das darfst du nicht ! Du bist doch Bobs Freund !» – «Aber Anabel, ich bewundere ihn doch so sehr, weil er dich mag. Ich weiß, er würde es verstehen; auch er war oft zärtlich zu Frauen, die ich … Nein, nein, du darfst ihm nichts verraten ! Es würde unsere Freundschaft zerstören, wenn er wüsste, dass ich sein Vertrauen missbraucht habe, und ich möchte das nicht erleben, denn trotz der Dinge, die er manchmal über dich verbreitet, bewundere ich ihn mehr als jeden Mann, der mir je begegnet ist …» etc. etc.). Allerdings hatte er diese Theorie nie in der Praxis erprobt, denn er verachtete seine erotischen Rivalen stets aus tiefster Seele und wäre nie imstande gewesen, sie zu loben, nicht einmal zu ihrem eigenen Schaden. Ein plötzliches Stechen jedoch, weil der Schwamm über eine offene Fleischwunde schabte, versetzte ihn schlagartig zurück in die Gegenwart und verscheuchte die amouröse Stimmung. Annabel hockte neben ihm und überließ die Erste Hilfe ihrer erfahreneren Freundin.
«Welcher Dichterschule gehören Sie an ?»
«Ich bin ein fahrender Scholast und Jünger aller Schulen. Manchmal versuche ich mich im Stil der …
… Liebe, einer Bombe gleich,
Erschüttert russgeschwärzter Städte Nüchternheit, Lässt Flammen züngeln auf dem Grabmal der Vernunft.
Oft lasse ich es aber auch gemütlicher angehen. Housman hat mich sehr beeinflusst; ich trage Ihnen gern die erste Strophe eines Gedichts vor, das ich in seinem Stil verfasst habe – Die erste Sprosse der Leiter habe ich es genannt:
Ein Knabe liegt drunten in Ludlow,
Den Ball schlägt er nimmermehr auf. Dieweil das Gericht zusammentrat,
Fuhr er, am Gasherd, zum Himmel hinauf.



Die Nationalhymne für die verblödeten Autoposer



WEISE WORTE
30. Mai 2021, 3:34 pm
Filed under: Weise Worte | Schlagwörter: ,

„Es gibt keine ehrliche Art, eine Million zu machen.“

Raymond Chandler



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS
22. Mai 2021, 10:15 pm
Filed under: Allgemein | Schlagwörter:



Neue Wahrheiten
14. Mai 2021, 11:28 pm
Filed under: Stammtischgegröle, Sternstunden der Verblödung

Damalige Idiotie rächt sich:

Heute gehören Frauen am Lektorat.



WIE EIN THRILLER…
13. Mai 2021, 4:39 pm
Filed under: Afrika, thriller, Waffenhandel | Schlagwörter: , , , , ,

Als hätte sich Brian Freemantle das ausgedacht!



BYE, BYE WORDPRESS
8. Mai 2021, 8:56 am
Filed under: Allgemein

Da ich in meinem worpress-Blog nicht mehr mit einem classic editor arbeiten kann, gebe ich ihn auf. Die Beiträge lasse ich noch eine Weile stehen, bevor ich den Blog (und die beiden anderen, FLASHMAN und CRIME-TV) endgültig lösche.
Ich versuche mal in dem neuen Blog zu arbeiten: https://martincompart.blogspot.com/
Leider nicht so gut organisiert in den Tags und Kategorie-Anzeigen



HANNIBAL – DIE ARROGANTESTE TV-SERIE

„Ich möchte, das Sie an das Beste in mir glauben.“
Dr.Lecter

Mit Hannibal Lecter gelang dem US-Autor Thomas Harris eine nder überragenden Mythen der Kriminalliteratur zu schaffen, nicht ganz – aber fast! – auf dem Level von Sherlock Holmes oder James Bond.

Mit Sicherheit ist Harris´ Schöpfung die einflussreichste Figur des Genres und der Pop-Kultur seit den 1980er Jahren. Der Erfolg der Lecter-Romane machte den Serienkiller zum erfolgreichsten kriminalliterarischen Subgenre der letzten 40 Jahre (zum Leidwesen vieler) und zur Pop-Ikone.

Natürlich nicht von ungefähr: Keine andere Figur verkörpert diese Epoche genauer als der Serienkiller. Niemand symbolisiert den herrschenden Raubtierkapitalismus, der soziopathisch für kurze oder mittlere Bedürfnisbefriedigung über Leichen geht, effektiver als der Serienmörder.

Die Qualität von Thomas Harris Romanen steht – im Gegensatz zu den meisten seiner Epigonen – nicht in Frage. Die Verfilmungen sind akzeptabel (die erste, RED DRAGON von Michael Mann, ist sogar herausragend).

Die überragende Umsetzung des Lecter-Mythos ist m.E. die TV-Serie HANNIBAL, die sogar die literarische Vorlage übertrifft.

HANNIBAL ist wohl die arroganteste TV-Serie, die bisher gedreht wurde. Ohne Rücksicht auf bildungsferne Schichten dekliniert sie fin de siècle als Crime-TV. Trotz der Brutalität, die anfangs dem US-Sender NBC immerhin 4,36 Mio Zuschauer einbrachte, stürzte sie ab und konnte in ihrer vorläufig letzten Staffel (der dritten) nur noch 1,5 Mio Zuschauer erreichen.
In Deutschland war die Erfolglosigkeit noch dramatischer.

Sympathischer Weise interessierte das die Produzenten (darunter Martha De Laurentis, die die Film- und Fernsehrechte der literarischen Vorlagen hält) nicht im Geringsten. Mit internationaler Verwertung und DVD-Verkäufen ist der Profit gesichert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sie weiteres planen.

„Es gibt keinen Gott.“
„Mit dieser Einstellung, sicher nicht.“

Es gibt viele Bezüge zu den Romanen, aber auch entscheidende Abweichungen und Unterschiede: In der TV-Serie wird der Profiler Will Graham durch Dr.Lecter geformt und manipuliert. Am Ende der 1.Season hat Lecter alle Beweise seiner Verbrechen so manipuliert, dass Graham für sie verantwortlich gemacht wird.

Das kompromisslose Ende der Serie zeigt Lecter und Graham nach dem Niederringen des Roten Drachen als Liebespaar, dass sich quasi die Reichenbachfälle herunterstürzt.
2015 verkündeten Bryan Fuller und Martha de Laurentis, dass man eine 4.Season vorbereitet (die zwei Jahre nach der letzten Folge spielen soll; Holmes hat den Sturz in die Reichenbachfälle auch überlebt).

Mit der Nutzung der Digitaltechnik schaffen die Macher faszinierende Traumbilder, die assoziativ Erkenntnisse über Handlung oder Charaktere im Zuschauer freisetzen (können).

„Sein Tod ist nichts persönliches. Er ist nur die Tinte, mit der ich meine Verse schreibe.“

Die hier geschilderten Serienkiller sind derartig abstrus in ihren Motiven und Neigungen, dass die TV-Serie die Schwarze Romantik (nach Mario Praz) aktualisiert.

Überhaupt scheint neben Thomas Harris und der Film „7“ der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans ein wichtiger Einfluss gewesen zu sein. In seinem Roman Á REBOURS lebt seine Hauptfigur den Ästhetizismus, in dem alles Künstliche dem Natürlichen vorzuziehen ist, bis zum exzessiven Niedergang aus.
Noch wichtiger könnte Huysmans Roman LÁ-BAS für die Serie gewesen sein: In ihm sucht ein dekadenter Literat, der an einer Biographie des „Vater aller Serienkiller“, Gilles de Rais, arbeitet Erfüllung im Satanismus.

In HANNIBAL wird die Natur auch optisch diskreditiert: Pflanzen wachsen zerstörerisch aus oder durch Körper (die Kamera zeigt es brutal im Zeitraffer) und Mörder, Serienkiller oder Perverse sind nichts anderes als Egozentriker in einem Danteschen Inferno.

Ton, Musik, Bild und Dialog bilden ein eigenes Universum, das nur innerhalb der Serie existiert.

In Harris´ Romanen hat sich das l´art pour l´art lediglich auf die Figur Dr.Lecter beschränkt; die anderen Personen, Handlungsorte und Plotlines sind in der sozialen Realität verankert.
In der TV-Serie ist Dekadenz der Kosmos, in dem Krieg zwischen Moral und Ästhetizismus herrscht. Losgelöst von soziologischen Impulsen spielt HANNIBAL in einer Parallelwelt, wodurch man die Serie als Noir-Fantasy oder Noir-Horror kategorisieren könnte. Auch hier führt Dekadenz in den Wahnsinn („Sie haben sehr spektakulär ihren Verstand verloren.“).
Die Serie bewegt sich in Räumen des Irrsinns, in denen sich vor den Augen des staunenden Zuschauers eine eigene Logik manifestiert. „Ich lasse mich von etwas so formbaren wie der Wahrheit nicht eingrenzen.“

Eine Parallelwelt, die fast ausschließlich aus Empathie freien Menschen besteht und in der Empathie immer weiter zurückgedrängt wird, den Fahndern nur als Aufklärungsinstrument dient (darin besteht vielleicht ein dystopischer Bezug zur sozialen Realität der Zuschauer).

Die immer wiederkehrenden Großaufnahmen von lukullischen Köstlichkeiten und ihres Verzehrs in verschwenderischen Farben, kippen den Zuschauer innerhalb weniger Sekunden von Gourmetfaszination in Ekel. Ein höchst informatives Gespräch über die Bildsprache in HANNIBAL findet sich unter: https://tv.avclub.com/hannibal-s-powerful-visuals-make-it-one-of-the-best-sho-1798242349

Für den DER SPIEGEL ist die Serie fast zu viel: „Das permanente Dräuen des Wahnsinns, die fehlende Entspannung und die kaum vorhandenen Glücks- oder Humormomente machen die Serie zu einer fast körperlichen Belastung: Sie staffelweise wegzugucken, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.“(Online 9.10.2013)

„Wovor ziehen Sie sich zurück?“
„Soziale Bindungen.“

Mads Mikkelsen ist natürlich der Star in diesem Ensemble blendender Schauspieler (wie in Hollywood inzwischen üblich, bedient man sich bei Ausländern für Starrollen, besonders bei den Briten wie hier mit Hugh Dancy als Graham).
Mikkelsen chargiert nicht wie Anthony Hopkins, sondern verkörpert Lecter als bedrohlichen Stoiker, der anscheinend lediglich aus sich ein wenig heraus geht, wenn er mit guten Speisen und Getränken konfrontiert wird.

Von Anfang an plante Fuller die ersten drei Seasons als eine perverse Liebesgeschichte, die sich zwischen Graham und Lecter entwickelt. Mikkelsen spielt Darcy gegenüber seinen homosexuellen Charme so dominant aus, dass dieser manchmal wie ein Kaninchen vor der Schlage wirkt, bevor er sich in einen beißfreudigen Mungo verwandelt.

In der dritten Season treiben sie – inhaltlich orientiert am dritten und ersten Harris-Roman – den Wahnsinn auf die Spitze; die surrealistische Bildsprache erreicht ihren Höhepunkt und driftet häufig ins psychedelische.

Diese TV-Serie ist wahrlich mit keiner anderen vergleichbar und baut einen so eigenen und in sich geschlossenen Kosmos, wie es auf völlig anderer Ebene nur THE PRISONER gelang.

P.S.: Dies ist wohl das letzte mal, dass ich mit einem funktionstüchtigen Classic Editor in meinem wordpress-Blog arbeiten konnte. Deshalb nenne ich hier meinen neuen Blog, in dem ich künftig schreiben werde: https://martincompart.blogspot.com/

HANNIBAL

US-TV-Serie. 39 Episoden in drei Staffeln, 2013-15.

Dr. Hannibal Lecter Mads Mikkelsen Matthias Klie
Will Graham Hugh Dancy Marcel Collé
Dr. Alana Bloom Caroline Dhavernas Susanne Geier
Beverly Katz Hettienne Park Victoria Sturm
Special Agent Jack Crawford Laurence Fishburne Leon Boden
Jimmy Price Scott Thompson Gerald Schaale
Brian Zeller Aaron Abrams Matthias Deutelmoser
Dr. Bedelia Du MaurierF Gillian Anderson