Martin Compart


WEISE WORTE
16. Juni 2019, 11:00 am
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Wie macht man mit Büchern ein kleines Vermögen?
Indem man vorher ein großes hatte.

Christian von Zittwitz (BUCHMARKT)

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TOTE SCHLAFEN LÄNGER
15. Juni 2019, 4:21 pm
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Als alter Springsteen-Fan der 2.Stunde kann ich nur bestätigen, dass der Mann aus seinem 30jährigen Koma nicht mehr erwachen wird. Wer diese nur durch Barry Manilow aufzupeppenden Einschlafsgesänge als „reifes Alterswerk“ bezeichnet, ist ein komatöser Geschmacksneurotiker, der sich wahrscheinlich bei BORN TO RUN oder DARKNESS ängstlich an die Mammi gekrallt hat, die gerade erregt der ZDF-Hitparade lauschte…

Dieses Album ist nichts anderes, als das komanitäre Gelalle eines alten Weggefährten, bei dem man schon vor Jahren hätte den Stecker ziehen sollen.

Aber wer braucht schon eine neue Bruce Springgsteen, wenn es alte Herman´s Hermits gibt?

Und in gewisser Hinsicht ein Meisterwerk: Niemals zuvor wurde ein Maximum an Langeweile akustisch überzeugender umgesetzt.

Und gleichzeitig spielt der Behinderte im Wessen Haus“ das Spiel von „Zwischenfall Im Golf von Tonkin“.
Ich bin die Blödheit der deutschen Journaille so satt.

Und wir brauchen auch einen weitgefächerten (NARO) Krieg gehen den Iran (die SPD wird es seit Serbien zu rechtfertigen wissen), denn sie haben ja was, was kapitalistischen Rechts westlichen Milliardären zusteht.

Ja, da fange ich als Schlafmütze lieber komatöse Wildpferde ein.

Und ich habe Dich so geliebt. 1981 in München war eines der drei besten Konzerte meines Lebens!



B.TRAVEN
10. Juni 2019, 12:08 pm
Filed under: B.Traven | Schlagwörter:

Neu bei ZERBERUS:

WAS KÜMMERT UNS DER MENSCH, WICHTIG IST NUR DAS ÖL



MARKETING IM TAL DER PUPPEN – oder wie Jacqueline Susann die Grundlagen für das moderne Bestsellergewerbe schuf

“A new book is like a new brand of detergent.
You have to let the public know about it.
What’s wrong with that?”

Es ist nur ein paar Jahrzehnte her, da hätte man sich zumindest gewundert, wenn ein hehrer Schriftsteller durch Talk-Shows oder andere TV-Unterhaltungen vagabundiert wäre, um sein neues Werk zu promoten.
Heute eine Selbstverständlichkeit, aber bis in die 1960er Jahre völlig unüblich. Damals hätte man das geradezu als degoutant empfunden.

Es war eine weibliche Autorin, die eine Revolution in den Vermarktungsstrategien von Büchern einführte. Ihr Name ist heute fast vergessen, obwohl sie noch immer einen unerreichten Rekord hält: Sie brachte als erster Autor drei Bücher hintereinander aus dem Stand auf den ersten Platz der New York Times-Bestsellerliste.

Ihr Name: Jacqueline Susann.
Über ihren gigantischen Erfolg rümpften die ranzigen Kritiker natürlich die Nase. Sie paart ein minimales literarische Talent mit einem gigantischen Talent für Public-Relations, wurde damals gelästert. Und das war noch der mildeste Vorwurf der Kulturnachtwächter.

Zur Neuauflage ihres Bestsellers VALLEY OF DOLLS eilte vor ein paar Jahren nun sogar die große Camille Paglia zur Ehrenrettung herbei, indem sie darauf hinwies, dass die Pop-Kultur – von den schmutzigen Romanen einer Jackie Collins bis zu TV-Soaps à la MELROSE PLACE – vieles Jacqueline Susann zu verdanken hat:

„Es waren Susann und Harold Robbins, die diese modernen, sexgeladenen Melodramen erfunden haben. Für mich ist TAL DER PUPPEN einer der großen Romane der Nachkriegszeit. Sie schrieb in demokratischer Straßenprosa, sehr filmisch, alles wurde visualisiert. Susann war Arbeiterklasse wie die junge Joan Crawford Arbeiterklasse war. Ich bewundere sie als Mensch und als Geschäftsfrau. Sie war wie Madonna.“

Vor allem war Jaqueline Susann die erste Autorin, die mit einem neuen erfolgreichen Marketingansatz alle zuvor üblichen Strategien aushebelte und die Epoche des „gemachten Bestsellers“ einführte.

Durch sie wurde das Buchgeschäft endgültig zu einem Bestandteil des Showbusiness. Jacqueline Susann wurde zu einem Markenzeichen, weil sie in Talkshows, Fernseh- und Radiosendungen auftrat und mit großem Geschick sich selbst und ihr Werk anpries, bis sie Millionen Käufer fand. Mit ihrem Mann, einem PR-Agenten, ließ sie sich immer neue Aktionen einfallen, die Ereignischarakter (deutsch: Event) hatten und darüber hinaus mediales Aufsehen erregten. Zeitgleich mit Harold Robbins wurde sie zum Markenzeichen für Bestsellerliteratur (in der Genre-Literatur gab es das bereits, aber die erklomm selten die Bestsellerlisten wie etwa zur selben Zeit Alistair MacLean oder zuvor Ian Fleming).

„Egal, was ein Interviewer fragt, ich kann ihn immer thematisch zu meinen Büchern führen.“

Die ehemalige Miss Philadelphia, Fernsehsprecherin und Werbetexterin wusste genau, was sie tat! Sie verglich das Verkaufen von Büchern gerne mit dem Verkauf von Zahnpasta. Außerdem verlangte sie vom Verlag, dass die Anzeigen für ihre Romane auf den Filmseiten der Zeitungen geschaltet wurden und nicht im Literaturteil. Sie „erfand“ auch die bis heute geltende Form der Lese- und Signierreise. Eine Angestellte der Buchhandelsgruppe B.Dalton sagte damals: „Durch Jackie bekamen wir neue, zusätzliche Kundschaft. Sie brachte Leute in die Buchhandlungen, die nie zuvor eine Buchhandlung von innen gesehen hatten.“ Außerdem recherchierte sie die Buchhandlungen, die für die Bestsellerliste der „New York Times“ befragt wurden, und konzentrierte ihre PR-Arbeit auf sie.

Noch weiter ging Susanns Mann Irving Mansfield, der eine besonders bedenkliche Taktik entwickelte: Er ließ von Mitarbeitern in den Schlüsselbuchhandlungen bestimmter Städte die gerade ausgelieferten Bücher seiner Frau aufkaufen, um sie schneller auf der Bestsellerliste nach oben zu drücken. Keine Expansion ohne Investition!

Jacqueline Susann erfand (oder zumindest perfektionierte) ein neues Subgenre: Glitzernde Melodramen über das Sexleben und die Welt der Schönen und Reichen. Die fiktiven Personen ihrer Bücher ähnelten immer prominenten Personen der Zeitgeschichte. So ließ sie sich gerne unterstellen, sie schreibe Schlüsselromane über Hollywood und Washington und verarbeite das geheime Leben, über das sie wohl informiert sei, bekannter Politiker und Stars wie Marilyn Monroe, Grace Kelly oder John F. Kennedy. Diesen Eindruck bestärkte sie geschickt, indem sie in jedem Interview die reale Person und ihre fiktive Verschlüsselung nannte – und augenzwinkernd dementierte, dass beide irgendetwas miteinander zu tun hätten.
SEX AND THE CITY zum Beispiel, wäre ohne Jacqueline Susanns „Vorarbeit“ schwer vorstellbar.

Ihr erstes Buch EVERY NIGHT, JOSEFINE (1963) war eine rührende Geschichte über Susanns Pudel Josefine und verkaufte sich 1,7 Millonen mal – was Mrs.Susann nicht genug war.

Obwohl ihr Verleger eine Fortsetzung wollte, schrieb sie etwas völlig anderes: DAS TAL DER PUPPEN, einen mit Sex gespickten Roman über drei Hollywood-Starlets, die sich nach oben kämpften. Die Sexszenen galten 1966 als skandalös, ja pornographisch. Heute wirken sie eher harmlos. Jeder in Susanns Verlag hasste das Buch, aber die Gattin des Verlegers liebte es: „Es liest sich, als würde man heimlich zwei Frauen am Telefon belauschen, die sich über die sexuellen Vorlieben ihrer Ehemänner unterhalten. Bei so einem Gespräch muss man einfach zuhören.“

Das Buch hieß TAL DER PUPPEN, erschien im Februar 1966 und blieb 28 Wochen auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste. Die Verfilmung von 1967 war der vierterfolgreichste Film des Jahres. Susann nannte die Verfilmung „a piece of shit„. Bis 2016 verkaufte das Buch 31 Millionen Exemplare in 30 Sprachen. Ihr Verleger verlangte von Susann vergeblich, sie möge doch den Titel ändern, sonst würde das Buch in der Kinderbuchabteilung landen!

Die paar Kritiker, die es besprachen, sahen es als Beispiel für den zivilisatorischen Verfall an, zumindest aber für den Niedergang großer Literatur. Und Susann zog nach, mit Statements wie „Nabokov und ich schreiben auf demselben Niveau. Aber ich bin besser.“ Provokationen, die auch in der Pop-Musik Verwendung fanden. Schäumende Hasstiraden aller sie bisher ignorierenden Kritiker waren ihr von nun an sicher.

Dabei hat der Roman Qualitäten, für die ich hier nur ein Zitat als Beispiel anführe:
A wife held the same social status as a screenwriter—necessary but anonymous.”

Werbung kann zwar negativ sein, muss deshalb noch lange nicht den Absatz verschlechtern. In dem Jahr gab es keine TV-Show, kein Magazin und keine Zeitung, in der Jacqueline Susann nicht mehrmals auftauchte. Ihr Name wurde zum Markenartikel für Sex, Indiskretion und Glamour.

1969 erschien ihr nächster Streich: DIE LIEBESMASCHINE blieb 26 Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten.

Diesmal zettelte sie einen Streit mit Truman Capote an, der durch sämtliche Medien ging. Susann hatte sich in einer Fernsehshow über die Stimme von Capote lustig gemacht. Capote schlug in einer anderen Talk-Show zurück und sagte, Susann sei „ein geborener Transvestit. Sie sieht aus wie ein Fernfahrer im Fummel“. Später entschuldigte er sich bei den Truckern für diesen Vergleich. Ihr Streit beherrschte die Medien mehrere Monate (und hielt bis zu Susanns Tod 1974 an).

Bereits 1962 hatte man bei Jackie Krebs diagnostiziert. Aber nur ihre engsten Freunde wussten davon und ihre gelegentlichen Behandlungen in Krankenhäusern.

Als 1973 ihr letzter Bestseller EINMAL IST NICHT GENUG erschien, bekam sie erneut Bestrahlungen. Geschwächt und gegen den Willen der Ärzte verließ sie das Krankenhaus, um auf eine PR-Tour durch achtzehn Städte zu gehen. In jeder Stadt suchte sie heimlich ein Hospital auf, um ihre Chemotherapie fortzusetzen.

Für das Buch lohnte sich ihr selbstmörderischer Einsatz: Wieder kam sie auf Platz eins der Bestsellerlisten. Aber sie magerte ab und starb 1974 mit 56 Jahren. Ihr Mann stellte die Urne mit ihrer Asche in das Regal mit ihren Erfolgsbüchern. In den USA, wo ihre Bücher 15 Jahre nicht lieferbar waren, wurde sie 2002 wiederentdeckt: Als „Mutter“ der modernen Literatur, die Trash und Melodram zum Bestsellerkonzept verlötete.



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS (+TV-Serien)

Es gibt wohl keine andere Fiktionalität, die das Versagen des Kapitalismus als Zivilisationskonzept deutlicher macht als die zum Teil unerträgliche TV-Serie(wegen der Sentimentalität) SONS OF ANARCHY.

Ich habe noch nie ein Kunstwerk erfahren, über dem eine derartig sentimentales Dystopiebewußtsein schwebt und niederkracht.

Es ist wohl auch die grausamste und brutalste Serie, die bisher für das Fernsehen gedreht wurde.

Und mit Gewissheit hat Kurt Sutter intensiver und intelligenter Shakespeare revitalisiert als eine Elendsgestalt wie John Milius, die Shakespeare immer nur in der Ausgabe der „Illustrierten Klassiker“ als Monstranz für eine Verdrängungsindustrie vor sich her schleppte. Am beeindruckenden Opfergang des Protagonisten sieht man aber auch, dass Sutter in der christlich-jüdischen Ideologie viel stärker verhaftet ist, als es Shakespeare je war.

Im Vergleich zu SOA ist MAD MAX ein freundlicher Nachmittags-Western für die Waltons oder Cartwrights (deren direkte Nachfahren die Tellers & Co. sind; nein: Sie sind ihre logische Konsequenz).

Ach ja: Es bedurfte eines Co-Producers wie Kem Nunn um das Elend der ersten vier Staffeln zu einem schier unerträglichen Finale in zwei Seasons zu führen.

Und natürlich endet es nach der Schuldgeladenheit im Selbstopfergang als Erlösung, da die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen ideologisch nicht mehr vorstellbar sein dürfen.

Mrs. Bundy ist wohl für den Rest ihres Lebens Lady Macbeth.

Die menschliche Spezies mit ihrer Krämermentalität ist außergewöhnlich unangenehm. Intelligenz ohne Bewusstsein. Diese Serie ist unmoralisch und nicht amoralisch – wie jeder Mist, der auf der Mayflower gründet.

Diese White-Trash-Serie ist gleichzeitig blöde, berührend und beeindruckend.

Eine weitere Serie, die zeigt, dass die USA völlig am Arsch sind und was Europa droht, wenn wir weiterhin die Neo-Cons leben und handeln lassen. Es ist nicht nur Umweltzerstörung, die sie betreiben.

Bandenkriminalität – von Clans bis Neo-Nazis – haben wir inzwischen auch reichlich.



MEYER LANSKY – DER PIONIER DES ORGANISIERTEN VERBRECHENS

Als FBI-Agenten Mitte der 80er Jahre eine Razzia in der Zentrale der Mafia-Familie Lucchese durchführten, entdeckten sie zwei Fotos an der Wand: eines von Al Capone und eines von Meyer Lansky, allgemein immer als „Buchhalter der Mafia“ verkannt.
Zwei Ikonen des Organisierten Verbrechens, die zwei entscheidende Aspekte verkörpern: Capone steht für den brutalen Aufstieg des Mobs durch Gewalt und Korruption; Lansky für das Festsetzen in der Gesellschaft durch die Umwandlung illegal erwirtschafteten Kapitals in legale Geschäfte.

Heute wissen wir, wer der staatsgefährdendere war. Angesichts der Milliarden Drogengelder die jährlich gewaschen werden und als legales Kapital in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen, kann man auch bei uns von einer großformatigen Unterwanderung der Volkswirtschaft durch das Organisierte Verbrechen sprechen. Um so wichtiger ist die Aufklärung über diesen Bereich, der lange von deutschen Verlagen, im Gegensatz zu angelsächsischen, sträflich vernachlässigt wurde.

Die vorliegende, bereits 1992 im Lübbe Verlag erschiene Biographie über den intelligentesten Mobster seiner Generation gibt Einblick, wie die amerikanische Gesellschaft durch das Organisierte Verbrechen unterwandert wurde und wie der Aufstieg des Mobs zum Wirtschaftsfaktor erst durch die unselige Prohibition möglich wurde. Angesichts der idiotischen Drogenpolitik ist es schwer verständlich, wie wenig doch Politiker aus der Geschichte lernen. Da bleibt dann nur der Schluss, dass die Vernetzung zwischen illegalen und legalen Geschäften zwei Seiten derselben Münze sind, die Kapitalismus heißt.

Meyer Lansky wurde um 1902 in dem Grenzstädtchen Grodno geboren. Eine der wenigen osteuropäischen Gemeinden, in denen sich die Juden mit Gewalt gegen die Pogrome von 1906 wehrten und somit dafür sorgten, dass sie vor den schlimmsten Ausschreitungen des Antisemitismus verschont blieben.

1911 wanderte die Familie nach New York aus und siedelte sich im jüdischen Viertel der Lower East Side an, eingeklemmt zwischen irischen und italienischen Reservaten. Die früher eingewanderten Iren, die die Großmacht der korrupten New Yorker Polizei stellten, fühlten sich Italienern und Juden überlegen und förderten zusammen mit Politikern die Ghettoisierung dieser Gruppen.
Bandenkriminalität war von Anfang an ein Problem, aber Anfang des Jahrhunderts bekam sie eine neue Qualität: Arnold Rothstein, „das Gehirn“ genannt, merkte schnell, daß die Organisation von Glücksspielen weitaus lukrativer als das Spielen selbst war. Er war der erste Gangster, der das Verbrechen als Geschäft betrieb. Scott Fitzgerald verewigte ihn als Meyer Wolfsheim im „Grossen Gatsby“.

Der junge Lansky entdeckte früh das Glücksspiel, das an jeder Ecke der Slumstraßen auf naive Narren wartete. Als hervorragender Schüler, der drei Klassen übersprang bevor er eine Mechanikerlehre antreten musste, hatte er schnell seine außergewöhnliche Fähigkeit mit Zahlen umzugehen erkannt. Nach einem Spielverlust durchschaute er das System: „Einen Spieler der Glück hat, gibt es einfach nicht. Es gibt nur Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind diejenigen, die das Spiel kontrollieren.

Noch als Jugendlicher freundete er sich mit Bugsy Siegel, den er vor einem unnötig riskanten Mord bewahrte, und Lucky Luciano an. Mit Beiden sollte ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden und Lansky galt als der einzige, der mit dem notorisch mörderischen Siegel umgehen konnte.

Als 1920 die Prohibition in Kraft trat, knallten bei den Gangsterbanden der USA die Sektkorken. Indem man den Alkohol in die Illegalität abdrängte, gab man den Gangstern quasi eine Lizenz zum Gelddrucken. „Denn die Profite aus diesem gewinnträchtigen und nun illegalen Sektor der Volkswirtschaft schufen gewaltige Vermögen, durch die Polizisten, Richter und Staatsbeamte nur allzuleicht in Versuchung geführt wurden“.
Durch die Prohibition gelang es dem Organisierten Verbrechen von den Rändern der Gesellschaft mitten in ihr Zentrum vorzudringen. Je mehr Kapital „erwirtschaftet“ wurde, um so höher waren die Möglichkeiten zur Reinvestition. Natürlich kam es zwischen den immer gieriger werdenden Bossen zu Gebietskämpfen und blutigen Rivalitäten. Aber Lansky und Freund Siegel blieben davon verschont, denn Meyer, der glaubwürdig behauptete „kein Geld hatte Gewalt über mich „, galt als ehrlich. Das war seine größte Stärke im Königreich der Betrüger und Opportunisten. Er sah alles geschäftsmäßig: „Schießereien und Morde waren eine sehr unrentable Geschäftsmethode. Ford-Vertreter erschossen Chevrolet-Vertreter nicht, sondern versuchten, sie durch ihre besseren Angebote auszuschalten.“

Der Aufstieg des Organisierten Verbrechens wäre ohne das Alkoholverbot nicht möglich gewesen. Es war eine kurzsichtige Aktion von Politikern, deren Wertvorstellungen mit den Bedürfnissen seiner Bürger nicht mehr im Einklang waren. Etwas, dass immer den kontrollierten Normenverstoß als Geschäft nach sich zieht. Wenn sich die staatliche Kontrolle aus einem wirtschaftlichen Bereich zurück zieht, werden dem Organisierten Verbrechen alle Profite zugestanden, die einer unverzeihlichen Schwächung des öffentlichen Einkommens mit sich bringt.

Das Ende der Prohibition ließ die Gangs zwar mit riesigen Vermögen zurück, aber auch eines lukrativen Geschäftszweiges verlustig. Viele vertrieben nun offiziell Alkohol. Lanskys Freund Luciano warf sich auf den noch lukrativeren Rauschgifthandel. Davon wollte Lansky nichts wissen. Zeit seines Lebens ließ er die Finger vom Rauschgifthandel.

Er wandte sich verstärkt seiner ersten großen Liebe zu: dem Glücksspiel. Im 2.Weltkrieg bat der Marinegeheimdienst Lansky um Hilfe; zuvor hatte Lansky schon durch Gangster Nazi-Versammlungen sprengen lassen. Der ließ sich nicht lange bitten und setzte aus Patriotismus seine Unterweltkontakte gegen deutsche Spione und Saboteure ein.
Er stellte auch den Kontakt zu Luciano her, der wie bekannt, alles mögliche für eine erfolgreiche Invasion Siziliens durch die Alliierten einleitete.

Nach dem Krieg dankte es Meyer niemand und er meinte nur lakonisch: „Ich bin nie der Meinung gewesen, dass ein Jude Dank erwarten sollte, wenn er sich für die jüdischen Interessen einsetzt.“ Und als sich Frank Costello einmal darüber beklagte, dass sie als Gangster eingestuft wurden, meinte Lansky: „Keine Sorge, keine Sorge. Sieh dir die geschichtliche Entwicklung an: die Astors und die Vanderbilts, all diese Leute aus der großen Gesellschaft, das waren die schlimmsten Diebe; und nun guck sie dir heute an…Es ist alles nur eine Frage der Zeit.“

1982 stand Lansky auf der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar an achter Stelle, vor den erwähnten Familien. Lansky intensivierte seine Bemühungen im Glücksspiel. Kleinere Ortschaften wurden völlig korrumpiert und ihr Wohlstand von den Spielkasinos abhängig gemacht.

Auf das Drängen des kubanischen Diktators Batista nahm sich Meyer Lansky auch der Insel an und modelte sie zu dem Spielerparadies schlechthin um. Mit seinen anderen Geschäften, wie den Vertrieb von Fernsehern an Bars, hatte er dafür weniger Glück. Aber „Ende der 40er Jahre regte sich in vielen Ecken Amerikas, wo das Glücksspiel bisher ungehindert floriert hatte, allgemeine Unmut. Eine Freizügigkeit, die in den Nachwehen der Prohibition und der Depression sowie im allgemeinen Überschwang der ersten Nachkriegsjahre weithin toleriert worden war, wurde von einer Gesellschaft, die auf moralisch rigide Eisenhower-Ära zusteuerte, als nicht mehr akzeptabel angesehen.“ Die Öffentlichkeit begann die Mobster zu jagen.

Durch den Ausschuss von Senator Kefauver wurde nun allgemein bekannt, wer in den Grauzonen der Gesellschaft die Finger am Drücker hatte. Lansky konnte sich allen Versuchen entziehen, als Boss des Organisierten Verbrechens verurteilt zu werden. Hoover und sein FBI verfolgten ihn angeblich und schreckten auch nicht davor zurück, Zeugen zu Falschaussagen zu verleiten. Es nützte nichts: Lansky war zu clever, weil „er niemals der Größte sein wollte“ und seine Steuern pünktlich zahlte.

Seine Bemühungen nach Israel auszuwandern wurden durch den Druck der amerikanischen Behörden zunichte gemacht. So lebte er bis zu seinem Tod 1983 in Miami ein unauffälliges Rentnerleben.

Biograph Lacey folgt mit Akribie den Spuren dieses eher unauffälligen Mannes und gewährt tiefe Einblicke in die ganze Bigotterie der US-Gesellschaft. Der Bastei-Lübbe Verlag hatte sich schon mit der Biographie über den Chicagoer Mobster Giancana Lorbeeren eingeheimst. Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre hatte der Verlag ein starkes True-Crime-Segment, dass wohl aus der vom damaligen Bastei-Verlagsleiter Rolf Schmitz hervorgegangenen „True Crime“-Taschenbuchreihe hervorgegangen war. Da gibt es noch ein paar Schätze zu heben!
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Robert Lacey: Meyer Lansky.Der Gangster und sein Amerika. Gustav Lübbe Verlag, 1993; 607 Seiten.



Wir wollen unsern Kaiser Wilhelm wieder haben! NACH 13 JAHREN: DER NEUE THOMAS HARRIS-Roman „CARI MORA“
22. Mai 2019, 10:07 am
Filed under: Rezensionen, Thomas Harris, thriller | Schlagwörter: , , , , ,

Die Schreie einer Frau sind Musik in Hans-Peter Schneiders Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Denn wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken.
Cari Mora ist eine ehemalige Kindersoldatin und auch die Hüterin einer Villa in Miami Beach, die einst Pablo Escobar gehört hat. Hier sollen 25 Millionen Dollar in Gold versteckt sein, gesichert durch 15 Kilo Semtex.
Neben Schneider sind noch andere an den Dollars interessiert, die ebenfalls nicht zimperlich sind
.

Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya
Originaltitel: Cari Mora
Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-27238-5
€ 22,00

Thomas Harris ist einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Kriminalliteraten der letzten vierzig Jahre. Für den Erfolg des Serienkiller-Romans war er ähnlich verantwortlich wie Dan Brown für den Conspiracy-Thriller, indem er ein Subgenre bestsellertauglich machte.

Außerdem schuf er mit der Figur des Hannibal Lecter einen populärkulturellen Mythos, durchaus vergleichbar mit Sherlock Holmes, Flashman, Dracula oder 007.

Lecter ist inzwischen ähnlich multimedial verbreitet und neben den gelobten Filmen sehe ich die TV-Serie (siehe https://crimetvweb.wordpress.com/category/h/hannibal/) als überzeugendste und beeindruckendste Umsetzung der Figur.
Die Inspiration für Lecter war ein mexikanischer Gefängnisarzt, dem Harris als junger Reporter begegnete.

Seit 1975 (sein Debut war der Katastrophenthriller BLACK SUNDAY, verfilmt von John Frankenheimer) schrieb er lediglich fünf Romane, vier davon mit Hannibal Lecter. Mit RED DRAGON, 1986 genial und mit auf die Spitze getriebener „Miami Vice“-Ästhetik von Michael Mann verfilmt, der damals sagte: „Das ist einfach die beste Kriminalgeschichte, die mir je in die Finger gekommen ist.“, und THE SILENCE OF THE LAMBS schrieb Harris zwei der besten und stilprägendsten Thriller in der Geschichte des Genres (zu Serienkiller siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/category/shane-stevens/).

Dieser Autor muss nichts mehr beweisen.
Vielleicht ein Grund, weshalb der neue Roman fast experimentell wirkt, indem er Erwartungshaltungen unterläuft, annähernd sabotiert (ein Kapitel ist gar aus der Perspektive eines Krokodils geschrieben und seine Faszination der Fauna Floridas erinnert an die Faszination der Flora des amerikanischen Südens bei James Lee Burke).

Zur Veröffentlichung gab Harris das erste Interview seit den 1970er Jahren (https://www.nytimes.com/2019/05/18/books/thomas-harris-new-book.html).
“I’ve been fortunate that my books have found readership without me promoting them, and I prefer it that way,”

Foto: Rose Marie Cromwell für The New York Times.

„Harris and I met on a bright, muggy morning in the parking lot of the Pelican Harbor Seabird Station, an animal rescue center on Biscayne Bay that features prominently in his new novel. Cari works there as a volunteer, caring for injured birds. Harris, a nature lover, has been visiting the center regularly for 20 years. He’s brought orphaned squirrels and an injured ibis there, and he took a wildlife rehabilitation workshop, learning how to intubate a distressed animal by practicing on a dead possum.“

Der neue Roman ist ein Gegenentwurf zur Lecter-Serie und ein Heist Thriller. Dem 79jähigen Autor geht es nicht mehr um Ästhetik, Wissenschaft und Krankenbilder, sondern um die brutale Realität im Lemming-Kapitalismus, in dem alles zur Ware wird.

Der deutschstämmige Soziopath Schneider ist allerdings ein echtes Harris-Monster, das aus Geldgier und Sadismus besteht, und mit seinem Geschäftsmodell den Ausverkauf einer Zivilisation betreibt. Anders als Lecter ist Schneider kein Connaisseur.

In den Lecter-Romanen thematisiert Harris die Exotik des Bösen, in CARI MORA beschreibt er dessen Banalität. Das enttäuschte viele Kritiker, die Charaktere und Spannungsbögen nicht überzeugte. Vom „Guardian“ über „Washington Post“ bis zur „Stuttgarter Zeitung“ ist das Gejammer groß, dass Harris nicht das Buch geschrieben hat, dass die Kritiker gerne gelesen hätten.

Bereits sein letzter Roman HANNIBAL RISING, 2006, enttäuschte Kritiker und Publikum; es war die Novelisierung eines erpressten Filmskriptes, über die Harris ambitioniertes sagte: „Harris says that’s because he wrote some of the exchanges between Hannibal and his aunt, Lady Murasaki, in the poetic style of the Heian period, as a homage to the 11th-century Japanese novel, “The Tale of Genji.” The allusion was apparently lost on some readers.” (NYT).

Manchmal scheint es, als wolle Harris die selbst geschaffenen Klischees aus der Lecter-Serie „dekonstruktivieren“. John Connolly teilt wohl diese Einschätzung; in seiner Rezension in der „Irish Times“, in der er sie mit der Dylans Dekonstruktion seiner Songs in den 1980ern vergleicht.

Auch stilistisch geht Harris in diesem kurzen Roman andere Wege: Keine barocke Üppigkeit, wie häufig in den Lecter-Romanen, mit genauer Darstellung des Innenlebens der Figuren, sondern „stripped to the bone“ wie eine Hemingway-Story. Konservierte Energie. Sein kürzester Roman.

CARI MORA ist auch ein Florida-Roman. Harris, 1940 in Mississippi geboren, lebt seit dreißig Jahren hier und engagiert sich im Tierschutz.

Er schildert ein Florida, dass John D.MacDonald nicht in seinen schlimmsten Prophezeiungen vorausgesehen hat und das noch über die Beschreibungen von Elmore Leonard oder James W.Hall hinausgeht.

Er zeigt das heutige Inferno, das eine Folge ist, seitdem die USA ganz offen auf beiden Seiten des „Drogenkrieges“ agieren (DEA und FBI sorgen für stabile Preise, die CIA für Nachschub und Chaos in den Anbauländern, Wall Street für Banken- und Konzernkapital durch Drogengelder und der militärisch-politische Komplex für Armut und politische Dominanz).

Wie sagte Harris im Interview?
“I don’t think I’ve ever made up anything. Everything has happened. Nothing’s made up. You don’t have to make anything up in this world.”

Man könnte den Kampf zwischen der Kolumbianerin Cari gegen den geldgierigen Sadisten Schneider, der unübersehbar als Krieg zwischen Gut und Böse angelegt ist, auch als Bildnis des Verhältnis zwischen der 3.Welt und dem US-Imperialismus interpretieren. Zudem bedeutet der Vorname der Heldin, Caridad,  auch noch Nächstenliebe, Wohltätigkeit oder Almosen. Ein kluger Mensch wie Harris, wird sich da etwas gedacht haben. Dass Schneider einer deutschen Familie aus Paraguay entstammt, ist ebenfalls nicht ohne Symbolkraft: Stehen doch die nach Paraguay geflüchteten Nazis für die extremste Form des Kapitalismus, dem Faschismus.

Während es in den Lecter-Romanen noch so etwas wie dekadente Hoffnung durch forensischen Fortschritt gab, beschreibt Thomas Harris in CARI MORA eine Welt, in der man es kaum erwarten kann, dass das Artensterben endlich den Homo Sapiens erreicht.

Leider ist in der deutschen Ausgabe das Nachwort von Harris nicht enthalten. Stattdessen gibt es sinnlose sieben Kapitel von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mit dem Betteln ums weiterlesen.

Ob mir das Buch gefallen hat? Es hat mir extrem gut gefallen.

Auch die Komik, die der Spannung nichts nimmt, fand ich herzerfrischend: „Abgesehen von X hatte das Krokodil erst ein Mal einen Menschen gefressen, einen Säufer, der von einem Boot voller Säufer fiel und weder damals noch später vermisst oder betrauert wurde. Nachdem ihn das Krokodil verspeist hatte, war es eine ganze Stunde lang ziemlich beschwipst.“