Martin Compart


BRUTALE ALTE WELT – DIE MURDOCH MYSTERIES von JOCHEN KÖNIG by Martin Compart

Während hierzulande gerade die erste Staffel der „Murdoch Mysteries“ das Licht der Medienwelt erblickte, läuft im Herkunftsland Kanada aktuell die fünfzehnte Staffel.

2008 ging es los mit den Ermittlungen des progressiven Detectives William Murdoch und seiner Kollegen und Freunde. Als Grundlage dienen die Romane von Maureen Jennings. Vier Bände wurden bis 2017 auf Deutsch übersetzt, danach blieb es still, sodass man sich das restliche Quartett der „Murdoch Mysteries“ nur im Original zu Gemüte führen kann.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts arbeitet der katholische Polizist William Murdoch im protestantischen Toronto. Allein wegen seiner Religionszugehörigkeit ist er ein Außenseiter mit begrenzten Aufstiegschancen.

Aber auch sein Faible für moderne, wissenschaftliche Ermittlungsmethoden und Psychologie, teilweise weit seiner Zeit voraus, lässt ihn als Sonderling dastehen. Dank seiner Erfolge wird er von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Selbst der hartgesottene Inspector Thomas Brackenreid, ein Freund sehr rustikaler, handfester Maßnahmen, lässt ihn gewähren. Mit Hochachtung, aber weitgehend ohne ihn zu verstehen.

Verständnis findet er umso mehr bei der patenten und wissenschaftlich ebenfalls aufgeschlossenen Gerichtsmedizinerin Dr. Julia Ogden sowie seinem Assistenten Constable Crabtree, der zudem für die Situationskomik der Serie zuständig ist. Ohne von den Schöpfern zum Deppen degradiert zu werden.

Das ist trotz düsterer und gewaltreicher Fälle erfreulich unbeschwert. Die „Murdoch Mysteries“ nehmen ihre Inhalte ernst, besitzen dabei aber eine artifizielle Weltläufigkeit, die dem Neunzehnten Jahrhundert vorauseilt und so dem Hadern der Protagonisten mit dem aktuellen Zeitgeschehen und gesellschaftlichen Restriktionen Charme und Gewicht verleiht.

Wie in der fünften Episode, in der Williams Glaube hart auf die Probe gestellt wird, als es zum Zusammenprall mit der herrschenden Unterdrückung von Homosexualität kommt. Ähnliche Konflikte ergeben sich im Zusammenhang mit Rassismus, der Irland-Politik und der Rolle der Frau in einer strikt patriarchalischen Gesellschaft.
Wobei besonders die forsche Pathologin Julia Ogden einen emanzipierten und klugen Gegenpol bietet. Ihr Geplänkel mit dem schüchternen (und leicht autistischen) Murdoch, das sich in den folgenden Staffeln vertiefen amüsantesten Passagen der Serie.

Die Fälle der Woche sind solide, meist unaufgeregt und dennoch spannend entwickelt. Physische Gewalt wird nicht ausgeblendet, aber auch nicht selbstzweckhaft ausgebeutet.

Gleich der Staffelauftakt betont die Ausrichtung der Serie. Die Moderne hält Einzug, bei einer Show, die die
Gefährlichkeit des Wechselstroms (gegenüber dem in Kanada verbreiteten Gleichstrom) aufzeigen will, kommt eine junge Frau durch einen Stromschlag ums Leben.
Obwohl die Motivation des Täters am Ende nichts mit dem Fortschritt der Elektrizitätserzeugung zu tun hat, nutzt man das Thema für einen Auftritt Nikola Teslas, der sich natürlich ausnehmend gut mit William Murdoch versteht.

Historische Persönlichkeiten werden Murdoch und seine Freunde immer wieder beehren.
Neben Tesla sind dies in Staffel 1 Queen Victorias Enkel, Prinz Alfred und in drei Folgen Sherlock Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle auf Inspirationssuche. Dargestellt wird letzterer von Geraint Wyn-Davies, einst Vampircop Nick Knight, der in der gleichnamigen, unterschätzen und hochunterhaltsamen Serie in den Neunzigern Toronto Nachts vor Übel bewahrte.

Kurzum, die „Murdoch Mysteries“ bieten leicht verdauliche, launige Unterhaltung. Es ist spannend, nicht nervenzerrend, aber rechtschaffen. Smartness, Komik und ein bisschen Nachhilfe in Physik und anderen Wissenschaften gibt es als Boni.

Die Visualisierung ist eigenständig, aber etwas gewöhnungsbedürftig.
Den teils wie gemalt aussehenden Hintergründen geht der Schmutz, das Rohe, welches Serien wie „Ripper Street“ „Copper“ oder „The Alienist“ auszeichnet, vollständig ab.
In Kanada ist es strukturell hell, freundlich, mit einem Hang zu mildem Impressionismus. Historie in einem sorgfältig ausgestalteten Schaukasten, der sehr vergnügliche Innenansichten erlaubt. Die unverbrauchte Darstellerriege passt sich dem Sujet gekonnt an und überzeugt bis in kleine Nebenrollen durch Elan.

Wenn der arbeitsreiche Tag vergeht, dürfen die „Murdoch Mysteries“ gerne kommen.

© Cover/Bilder Edel Motion/Glücksstern

Technische Infos:
Staffel 1
VÖ: 01.10.2021
Art. Nr.: 0217022ER2/ EAN: 4029759170228
Staffel 1, 13 Folgen auf 4 DVDS, mit ca. 650 Min Laufzeit
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel Deutsch
Bildformat: 16:9
Ton-Format: Dolby Digital 5.1



GUILT – BRIT NOIR MIT SCHWÄRZESTEN HUMOR by Martin Compart
1. September 2021, 5:56 pm
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Wer ein Faible für Tartan Noir hat (gemischt mit bösartigsten schwarzen Humor), der sollte morgen (Donnerstag) keinesfalls versäumen, sich auf ARTE den britischen Vierteiler GUILT anzusehen (auch verfügbar über die ARTE-Mediathek). 2.9. ab 22.00 Uhr.

Guilt – Keiner ist schuld

Walter sei friedlich eingeschlafen, heißt es in der Todesanzeige. Zumindest tun Jake und sein älterer Bruder Max, alles dafür, dass es so aussieht. Denn nur wenige Tage zuvor haben sie den Rentner Walter aus Versehen tödlich angefahren … – Für Robert McKillops gelungene Miniserie gab es 2020 bei den BAFTA Scotland Awards den Preis für die beste Regie/Fiktion.

Wenn du schuldig bist, musst du dich auch schuldig fühlen?
Die Antwort auf diese Frage könnten der Mittdreißiger Jake und sein älterer Bruder Max nicht unterschiedlicher beantworten. So verschieden, wie ihre Persönlichkeiten sind, gehen sie auch mit der Tatsache um, dass sie aus Versehen auf dem Rückweg von einer Hochzeit den Rentner Walter vor seiner eigenen Haustür in Edinburgh tödlich angefahren haben. Der Fahrer Jake wird schnell von den Anwaltsreflexen seines Bruders Max überzeugt, nicht zur Polizei zu gehen.

Panisch setzen die beiden Brüder den Leichnam von Walter in seinen Fernsehsessel, als ob der unheilbar an Krebs erkrankte alte Mann dort seinen letzten Atemzug getan hätte. Doch ihr Plan gerät ins Wanken, als der bereits mit Gewissensbissen geplagte Jake wenige Tage später in seinem Plattenladen auch noch einen Anruf vom Anwalt des Verstorbenen bekommt, dass seine Brieftasche im Haus von Walter gefunden wurde. Für die Brüder heißt es nun, sich ein Lügengerüst aufzubauen und damit ausgestattet zur Trauerfeier zu gehen.

Max drängt Jake, Walters einziges Familienmitglied, seine Nichte Angie, die extra aus Chicago eingeflogen ist, zu überzeugen, dass ihr Onkel friedlich eingeschlafen ist. Jake gibt dabei vollen Körpereinsatz, doch selbst das bringt Angie nicht davon ab, ihrem Bauchgefühl nachzugehen und einen Privatermittler engagieren zu wollen. Wie gut, dass Max genau den richtigen Ermittler kennt: Kenny, der praktischerweise massive Alkoholprobleme hat und deshalb einen Klumpen Erde nicht mehr von einem Knopf unterscheiden könnte. Doch manchmal ändern sich Menschen von jetzt auf gleich! So auch Kenny – und Max und Jake müssen erkennen, dass die wenigsten Dinge im Leben kontrollierbar sind, wie sehr sie es auch versuchen …

Regie : Robert McKillop
Drehbuch : Neil Forsyth
Produktion : Expectation,Happy Tramp North
Produzent : Jules Hussey
Kamera : Nanu Segal
Schnitt : Nikki McChristie
Musik : Arthur Sharpe

Mit :
Mark Bonnar (Max McCall)
Jamie Sives (Jake McCall)
Ruth Bradley (Angie Curtis)
Siân Brooke (Claire McCall)
Emun Elliott (Kenny Burns)
Ellie Haddington (Sheila Gemmell)
Joe Donnelly (Walter)

Großbritannien 2019



HANNIBAL – DIE ARROGANTESTE TV-SERIE by Martin Compart

„Ich möchte, das Sie an das Beste in mir glauben.“
Dr.Lecter

Mit Hannibal Lecter gelang dem US-Autor Thomas Harris eine nder überragenden Mythen der Kriminalliteratur zu schaffen, nicht ganz – aber fast! – auf dem Level von Sherlock Holmes oder James Bond.

Mit Sicherheit ist Harris´ Schöpfung die einflussreichste Figur des Genres und der Pop-Kultur seit den 1980er Jahren. Der Erfolg der Lecter-Romane machte den Serienkiller zum erfolgreichsten kriminalliterarischen Subgenre der letzten 40 Jahre (zum Leidwesen vieler) und zur Pop-Ikone.

Natürlich nicht von ungefähr: Keine andere Figur verkörpert diese Epoche genauer als der Serienkiller. Niemand symbolisiert den herrschenden Raubtierkapitalismus, der soziopathisch für kurze oder mittlere Bedürfnisbefriedigung über Leichen geht, effektiver als der Serienmörder.

Die Qualität von Thomas Harris Romanen steht – im Gegensatz zu den meisten seiner Epigonen – nicht in Frage. Die Verfilmungen sind akzeptabel (die erste, RED DRAGON von Michael Mann, ist sogar herausragend).

Die überragende Umsetzung des Lecter-Mythos ist m.E. die TV-Serie HANNIBAL, die sogar die literarische Vorlage übertrifft.

HANNIBAL ist wohl die arroganteste TV-Serie, die bisher gedreht wurde. Ohne Rücksicht auf bildungsferne Schichten dekliniert sie fin de siècle als Crime-TV. Trotz der Brutalität, die anfangs dem US-Sender NBC immerhin 4,36 Mio Zuschauer einbrachte, stürzte sie ab und konnte in ihrer vorläufig letzten Staffel (der dritten) nur noch 1,5 Mio Zuschauer erreichen.
In Deutschland war die Erfolglosigkeit noch dramatischer.

Sympathischer Weise interessierte das die Produzenten (darunter Martha De Laurentis, die die Film- und Fernsehrechte der literarischen Vorlagen hält) nicht im Geringsten. Mit internationaler Verwertung und DVD-Verkäufen ist der Profit gesichert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sie weiteres planen.

„Es gibt keinen Gott.“
„Mit dieser Einstellung, sicher nicht.“

Es gibt viele Bezüge zu den Romanen, aber auch entscheidende Abweichungen und Unterschiede: In der TV-Serie wird der Profiler Will Graham durch Dr.Lecter geformt und manipuliert. Am Ende der 1.Season hat Lecter alle Beweise seiner Verbrechen so manipuliert, dass Graham für sie verantwortlich gemacht wird.

Das kompromisslose Ende der Serie zeigt Lecter und Graham nach dem Niederringen des Roten Drachen als Liebespaar, dass sich quasi die Reichenbachfälle herunterstürzt.
2015 verkündeten Bryan Fuller und Martha de Laurentis, dass man eine 4.Season vorbereitet (die zwei Jahre nach der letzten Folge spielen soll; Holmes hat den Sturz in die Reichenbachfälle auch überlebt).

Mit der Nutzung der Digitaltechnik schaffen die Macher faszinierende Traumbilder, die assoziativ Erkenntnisse über Handlung oder Charaktere im Zuschauer freisetzen (können).

„Sein Tod ist nichts persönliches. Er ist nur die Tinte, mit der ich meine Verse schreibe.“

Die hier geschilderten Serienkiller sind derartig abstrus in ihren Motiven und Neigungen, dass die TV-Serie die Schwarze Romantik (nach Mario Praz) aktualisiert.

Überhaupt scheint neben Thomas Harris und der Film „7“ der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans ein wichtiger Einfluss gewesen zu sein. In seinem Roman Á REBOURS lebt seine Hauptfigur den Ästhetizismus, in dem alles Künstliche dem Natürlichen vorzuziehen ist, bis zum exzessiven Niedergang aus.
Noch wichtiger könnte Huysmans Roman LÁ-BAS für die Serie gewesen sein: In ihm sucht ein dekadenter Literat, der an einer Biographie des „Vater aller Serienkiller“, Gilles de Rais, arbeitet Erfüllung im Satanismus.

In HANNIBAL wird die Natur auch optisch diskreditiert: Pflanzen wachsen zerstörerisch aus oder durch Körper (die Kamera zeigt es brutal im Zeitraffer) und Mörder, Serienkiller oder Perverse sind nichts anderes als Egozentriker in einem Danteschen Inferno.

Ton, Musik, Bild und Dialog bilden ein eigenes Universum, das nur innerhalb der Serie existiert.

In Harris´ Romanen hat sich das l´art pour l´art lediglich auf die Figur Dr.Lecter beschränkt; die anderen Personen, Handlungsorte und Plotlines sind in der sozialen Realität verankert.
In der TV-Serie ist Dekadenz der Kosmos, in dem Krieg zwischen Moral und Ästhetizismus herrscht. Losgelöst von soziologischen Impulsen spielt HANNIBAL in einer Parallelwelt, wodurch man die Serie als Noir-Fantasy oder Noir-Horror kategorisieren könnte. Auch hier führt Dekadenz in den Wahnsinn („Sie haben sehr spektakulär ihren Verstand verloren.“).
Die Serie bewegt sich in Räumen des Irrsinns, in denen sich vor den Augen des staunenden Zuschauers eine eigene Logik manifestiert. „Ich lasse mich von etwas so formbaren wie der Wahrheit nicht eingrenzen.“

Eine Parallelwelt, die fast ausschließlich aus Empathie freien Menschen besteht und in der Empathie immer weiter zurückgedrängt wird, den Fahndern nur als Aufklärungsinstrument dient (darin besteht vielleicht ein dystopischer Bezug zur sozialen Realität der Zuschauer).

Die immer wiederkehrenden Großaufnahmen von lukullischen Köstlichkeiten und ihres Verzehrs in verschwenderischen Farben, kippen den Zuschauer innerhalb weniger Sekunden von Gourmetfaszination in Ekel. Ein höchst informatives Gespräch über die Bildsprache in HANNIBAL findet sich unter: https://tv.avclub.com/hannibal-s-powerful-visuals-make-it-one-of-the-best-sho-1798242349

Für den DER SPIEGEL ist die Serie fast zu viel: „Das permanente Dräuen des Wahnsinns, die fehlende Entspannung und die kaum vorhandenen Glücks- oder Humormomente machen die Serie zu einer fast körperlichen Belastung: Sie staffelweise wegzugucken, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.“(Online 9.10.2013)

„Wovor ziehen Sie sich zurück?“
„Soziale Bindungen.“

Mads Mikkelsen ist natürlich der Star in diesem Ensemble blendender Schauspieler (wie in Hollywood inzwischen üblich, bedient man sich bei Ausländern für Starrollen, besonders bei den Briten wie hier mit Hugh Dancy als Graham).
Mikkelsen chargiert nicht wie Anthony Hopkins, sondern verkörpert Lecter als bedrohlichen Stoiker, der anscheinend lediglich aus sich ein wenig heraus geht, wenn er mit guten Speisen und Getränken konfrontiert wird.

Von Anfang an plante Fuller die ersten drei Seasons als eine perverse Liebesgeschichte, die sich zwischen Graham und Lecter entwickelt. Mikkelsen spielt Darcy gegenüber seinen homosexuellen Charme so dominant aus, dass dieser manchmal wie ein Kaninchen vor der Schlage wirkt, bevor er sich in einen beißfreudigen Mungo verwandelt.

In der dritten Season treiben sie – inhaltlich orientiert am dritten und ersten Harris-Roman – den Wahnsinn auf die Spitze; die surrealistische Bildsprache erreicht ihren Höhepunkt und driftet häufig ins psychedelische.

Diese TV-Serie ist wahrlich mit keiner anderen vergleichbar und baut einen so eigenen und in sich geschlossenen Kosmos, wie es auf völlig anderer Ebene nur THE PRISONER gelang.

P.S.: Dies ist wohl das letzte mal, dass ich mit einem funktionstüchtigen Classic Editor in meinem wordpress-Blog arbeiten konnte. Deshalb nenne ich hier meinen neuen Blog, in dem ich künftig schreiben werde: https://martincompart.blogspot.com/

HANNIBAL

US-TV-Serie. 39 Episoden in drei Staffeln, 2013-15.

Dr. Hannibal Lecter Mads Mikkelsen Matthias Klie
Will Graham Hugh Dancy Marcel Collé
Dr. Alana Bloom Caroline Dhavernas Susanne Geier
Beverly Katz Hettienne Park Victoria Sturm
Special Agent Jack Crawford Laurence Fishburne Leon Boden
Jimmy Price Scott Thompson Gerald Schaale
Brian Zeller Aaron Abrams Matthias Deutelmoser
Dr. Bedelia Du MaurierF Gillian Anderson


DIE ERBÄRMLICHKEIT ALLER STREAMINGDIENSTE… by Martin Compart
17. April 2021, 6:21 pm
Filed under: Weise Worte | Schlagwörter: , , ,

… beruht auf ihrer an Dämlichkeit in der menschlichen Kulturgeschichte unübertroffenen Präsentation ihres Produkts. Die immer gleichen Floskeln, gepaart mit Nicht-Informationen, verhindern eine interessierte Ansteuerung. Über kurz oder lang wird sich neben digital-strukturellen Komfort (muss ich bei jeder Folge in folge einen Alterscode eingeben und kann „was bisher geschah“ nicht wegdrücken) daran mitentscheiden, welcher Streamingdienst erfolgreich im Markt sein/bleiben wird.

Momentan sind  alle auf demselben Idiotenniveau.

Wahrscheinlich werden die deutschen Texte dieser zweizeiligen  inhaltslosen Präsentationen nebenbei von Springer- oder Burda-Idioten, oder wie sie alle heißen, gemacht, immer auf der Suche nach einem Zubrot für ihre überflüssige Existenzsicherung.

 

Um einen Claim der webungsfinanzierten Verblödungssender zu zitieren: SO SIEHTS AUS:

„In dieser dauernd preisgekrönten Serie muss die Heldin alles geben um ihre Lieben/Menschheit/Kosmos/Haustier/Beziehung zu retten.“

„In dieser preiswürdigen Krimi-Serie wird die alleinerziehende/unter Schwachsinn leidende/gelähmte/hyperaktive Kommissarin in ihr Heimatdorf in der Nähe des Golf-Stroms versetzt, wo ihr Vater wohnt, und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.“

„Ausgezeichnet mit internationalen Preisen und voll mit großen Stars. Es steht schon fest: Es wird eine 2. Staffel geben.“

„Sie war eine erfolglose Influencerin, dann wurde sie von einem radioaktiven Buddhisten vom Mars gebissen, bekam Superkräfte und zeigte es allen.“

„In dieser unglaublich guten deutschen Serie, die es mit internationalen Standards aufnehmen kann und keinen Vergleich mit LINDENSTRASSE, BONANZA oder DER PATE 3 scheuen muss, wird ein fränkischer Transvestit Ministerpräsident und verirrt sich im Wald.“

„Eine Frau sucht sich selbst und findet die Autobahnausfahrt. Ab Freitag: die 5.Staffel.“



BILLIONS – die Wall Street-Dystopie by Martin Compart

„BILLIONS exaggerates some scenes for entertainment value,
but it really does capture the social milieu that
some hedge fund players inhabit — the way people live,
their wives, the social events they attend after-hours.
There hasn’t been something fictional that has felt as
real about the Wall Street world since [Tom Wolfe’s 1987
novel] The Bonfire of the Vanities.”

Bruce Goldfarb, Gründer und CEO des Hedgefonds Okapi Partners.

„Some of those situations are clearly drawn from
real life. You can tell the writers are obviously reading
The Wall Street Journal or Businessweek and then
ransferring that into the scripts… If I was writing t
he script of BILLIONS, I would start exploring the
interplay between D.C. politics and the financial markets,
because regulation is really going to matter and hedge funds
have thrived by being unregulated.”

Euan Rellie, Co-founder und Seniordirector der Investmentbank BDA Partners.

BILLIONS ist eine höchst bemerkenswerte und spannende Serie: Sie führt vor, wie das unmoralische Wirtschaftssystem durch Finanzspekulationen ohne Rücksicht auf den Planeten die Gier einiger Weniger auf die Spitze getrieben wurde und wird, und dass der Planet dadurch nicht die geringste Chance aufs Überleben hat. Denn in der plündernden Finanzwelt wurde als todbringende Waffe das Reale längst durch das Virtuelle ersetzt.

BILLIONS ist die Serie der Trump-Administration, die durch weitere Deregulierung Milliardärsträume wahr machte.

In der Serie gibt es keine Sympathieträger, nur asoziale Arschlöcher, die umgehend unter die Guillotine gehören. Ein besonders widerliches Beispiel ist der „neue“ Justizminister (in der 3.Season), der scheinbar direkt aus dem Trumpschen Kabinett in die Serie gerüpelt ist. Mehr Kotzmittel auf einen Haufen findet man nur in der Londoner City, der Wall Street oder im Frankfurter Bankenviertel (dort allerdings nur die Wasserträger).

Der personalisierte Grundkonflikt ist geradezu klassisch:

Auf der einen Seite ist ein etablierter Vertreter des Systems (Chuck Rhoades) und auf der anderen Seite ein gieriger Aufsteiger aus der Unterschicht (Bobby Axelrod).

Der eine ist unattraktiv, leidet unter einem autokratischen Vater und geht gerne zur Domina(auch gemeinsam mit der Ehefrau);
der andere ist charismatisch, erfreut sich an Konsum und redet sich ein, dass er seine Familie mehr als seine aus Frustration geborene Gier liebt.

Chuck will, dass die Regeln des Systems von den meisten eingehalten werden, Ax ist das egal, denn er weiß um den repressiven Nutzen des Systems für die Etablierten. Stattdessen pflegt er einen Lebensstil, der sich an Dekadenz orientiert und seine geistigen Mittel überschreitet.

„Everybody’s a libertarian until it’s their own town that’s dying,”

Umringt sind sie von einem Panoptikum aus ekeligen Konkurrenten und widerwärtigen Heloten. Gier und gegenseitiger Hass sind die Motoren ihres Handelns. Zwei Phänotypen des Kapitalismus, für die Klimawandel eine Marktvariable ist.

Zwischen ihnen steht Wendy Rhoades, die mit Chuck verheiratet ist aber für Ax(elrod) arbeitet (und von dessen Frau eifersüchtig gehasst wird). Sie ist der komplexeste Charakter und nicht komplett durchschaubar (nicht unvorstellbar, falls sie sich als bestens getarnter Serienkiller herausstellen würde).

Asia Kate Dillon as Taylor in BILLIONS (Season 2, Episode 02). – Photo: Jeff Neumann/SHOWTIME – Photo ID: BILLIONS_202_1570.R

Einer der interessantesten Charaktere ist das nichtbinäre Spekulationsgenie Taylor Mason, das soziopathische Neigungen gelegentlich mit funktionaler Empathie auszugleichen sucht. Aber Taylor Mason ist auch ein unberechenbarer Nerd.

„They turned us all into Starship Troopers, sent us to Klendathu and some of us got our brains eaten. And it wasn’t until the end of our time in that we realized we were the bad guys all along. It’s not like that here.”

Um sie herum manipulieren oder zerstören sie alles und jeden. Die einzige „saubere“ Figur wird in der 3.Season aus einer staatlichen Institution gefeuert, weil sie unbestechlich ist und gut ihren Job gemacht hat.

Die Serie schreckt auch nicht davor zurück zu zeigen, dass das Rechtssystem ebenfalls fast völlig korrumpiert ist und vor allem der Egomanie der Oberschicht zu dienen hat, die einst ihre Privilegien ebenso kriminell erreicht hatten wie der Axelrod-Typus. Die gelegentlichen Konflikte mit Wall Street basieren darauf, dass etablierte Kräfte ihre Gier nicht mit Aufsteigern teilen mögen.

Tausende da draußen gucken Bruce Lee-Filme, trotzdem können sie kein Karate.“

“China’s a pig on LSD … you never know which way it’s gonna run!”

Chuck, der als Staatsanwalt bald eine politische Karriere anstrebt, ist eine unmoralische Figur, Bobby eher amoralisch. Auch aus dieser Spannung saugt die Erzählung zynisches Vergnügen. Genauso wie aus dem Verhältnis zwischen Hass und Gier als Energiequellen dieser vor Systemimmanenz glühenden Neo-Cons. Was Chuck noch eine zusätzliche Ekeldimension beschert, ist seine Bigotterie: Er erklärt seine gemeinsten Handlungen gerne damit, dass er den „kleinen Mann“ gegen das Establishment verteidigt. Trump wird seit der Erstausstrahlung (ab 2016) keine Folge verpasst haben (obwohl sie ihn geistig wohl überfordert hat).

In unserer Welt gibt es mehr Kapital als Dinge zu kaufen. Das unproduktive Kapital sucht ständig nach Anlagemöglichkeiten, um sich zu vermehren. Diese Spekulationsblasen sind ein perpetuum mobile, dass mittelfristig das eigene System zerstören wird. Denn im Gegensatz zum Axiom der liberalen Scharlatane ist Wachstum, auch das von Kapital, nicht unendlich. Diese These würden beide Antagonisten, Chuck und Ax, ablehnen. Reduktion der Ungleichheit ist für sie keine Option. Warum den Planeten für Säugetiere retten, wenn man mit seiner Zerstörung Geld verdienen kann?

Die Serie ist grandios umgesetzt (in einer Qualität, die man in Deutschland wohl nie erreichen wird). Bestes Schauspiel, effektive Regie.
Und geschrieben ist sie fantastisch, auf einem Niveau, wie es nur die besten Angelsachsen können. Selbst den Soap-Elementen gewinnen die Autoren meistens noch frische Aspekte ab.
Es sind vor allem die unerwarteten Volten in der Handlung, die einen an den Bildschirm fesseln und wohl weitgehend dazu beigetragen haben, dass BILLIONS immer erfolgreicher wird und SHOWTIME gerade eine sechste Season in Auftrag gegeben hat. Die fünfte wurde aus Corona-Gründen nach sieben Folgen beendet.

Man sollte auch berücksichtigen, dass da draußen genug Opfer einer ideologischen Illusion vor den Bildschirmen sitzen, die BILLIONS aus den falschen Gründen mögen.

Die Serie ist wie Ross Thomas‘ schlimmster Alptraum.

Verantwortlich für diese Qualität sind vor allem die drei Männer, die sie erfunden haben: Brian Koppelman, David Levien und Andrew Ross Sorkin, die BILLIONS auch produzieren.

Koppelman (geboren 1966) war Musikmanager (u.a. bei Elektra!), entdeckte Eddie Murphy und Tracy Chapman, für deren erste Tonträgerverträge er verantwortlich war. 1997 schrieb er mit David Levien seinen ersten Film: ROUNDERS. Weitere Drehbücher (WALKING TALL, OCEAN´S THIRTEEN, etc.) folgten. In MICHAEL CLAYTON (2007) und I SMILE BACK (2015; basierend auf einem Roman seiner Frau Amy) war er als Nebendarsteller zu sehen.

David Levien ist Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Schriftsteller (darunter die Serie um den Privatdetektiv Frank Behr). Der gebürtige New Yorker begann auf der Universität mit dem Schreiben von Kurzgeschichten und stieg 1989 ins Film- und Fernsehgeschäft ein.

„I’d been an avid crime fiction reader since I was a kid. Chandler and Hammett, John D. MacDonald, Donald Westlake, Elmore Leonard, Lawrence Block, James Elroy and even the crime novels of Cormack McCarthy are among my favorites. They set the standard — which is a very literary one I believe — in the genre, and the one that I strive for in my books… I’m fortunate in my film work — screenwriting, directing and producing — to work with a great creative partner, Brian Koppelman. We’ve been life-long friends since meeting on a summer trip more than 25 years ago. I had moved back to New York and was writing novels in my mid-20s and he was pursuing a successful career in the music business when he said he really wanted to write a screenplay, and to learn the form. I knew a lot about screenwriting from my time in Hollywood, where one of my jobs was as a script reader, and volunteered that we should write one together. Soon after that, Brian was taken to an underground poker club in New York. He lost all his money but was excited by the colorful world of „No Limit Texas Hold ‚Em.“ We started going to the clubs, playing poker every night, and that’s where ROUNDERS, our first movie, was born… For us the collaboration starts right at inception — throwing dialog back and forth in our office. Since we’ve known each other for so long, and grew up reading the same books, listening to the same music, and watching the same movies, there is a shared creative language that makes the whole process very natural.“

Für die Stimmigkeit der Fakten und des Milieus ist Andrew Ross Sorkin zuständig.
Der Wirtschaftsjournalist und Autor hat eine eigene Kolumne in der New York Times und schrieb über die Bankenkrise den Bestseller TOO BIG TO FAIL (Vorlage des Films von Curtis Hanson mit William Hurt und Paul Giamatti). Das Wissen um sein Knowhow macht BILLIONS umso erschreckender.

Alle drei betreiben transzendentale Meditation.

Koppelman, Levien, Sorkin

Trotz all des Vergnügens, den der Konsum von BILLIONS bereitet: Die abgebildete Systemrealität ist nicht mal nihilistisch, sondern nur pervers destruktiv. Da können Pandemien zum Hoffnungsträger werden.

P.S.: Diese Rezension bezieht sich auf die ersten drei Seasons. Man kann nicht prognostizieren – und das gehört zum schönsten, was sich über eine Serie sagen läßt – wie und wohin sie sich weiterentwickelt.

P.P.S.: Die ersten vier Staffeln gibt es auf DVD. Genau das richtige für ein besinnliches Christenfest.

„The torrent of pop culture references continues. Before watching season two, it is wise to be up to speed on, among other things, The Philadelphia Story, the Dalai Lama, the musical Hamilton, Ali G, the Roman poet Pindar, and always, not far below the surface, Moby-Dick.“

Mark Lawson in THE GUARDIAN

Es ist die bisher konsequenteste Darstellung des Kapitalismus, inklusive intelligenter und umfassender kultureller Verweise.



NOIR-THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: FRANCIS RYCK by Martin Compart

Falls es einen französischen Thriller-Autoren gibt, den man als eine Art Vorläufer von Jean-Patrick Manchette und dessen durch Guy Debords
situationstische Theorie beeinflussten Romane ansehen kann, ist es wohl Francis Ryck.

Ryck wird in Manchettes CHRONIQUES nur kurz (empfehlend) erwähnt. Das wundert mich. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, wie wir nachts bei einer Flasche Brandy über Rycks virtuose Romane schwärmten.

Bei allen Unterschieden in ihrer Ästhetik verband die beiden Autoren doch einiges (nicht zuletzt grausame Verfilmungen, die die Substanz der Vorlagen zu zerstören trachteten).
Auch Ryck schrieb in einem behavioristischen Stil, den Manchette so propagierte.

Von seinen um die 50 Romanen sind lediglich 12 auf Deutsch erschienen (immerhin gab es eine deutsche Verfilmung: DER KUSS DES TIGERS von Petra Haffter). Bis auf jeweils einen Roman bei Scherz und bei Ullstein sind alle in der legendären Rowohlt-Thriller-Reihe erschienen.

Aus editorischen Gründen vermied es Rowohlt-Herausgeber Richard K.Flesch in seiner Reihe Spionageromane zu veröffentlichen. Deshalb ließ er einige Ryck-Titel aus.

Aber zumindest eine Ausnahme gab es: EIN SENDER IM GEPÄCK, der als Handlungsmotor den Kalten Krieg nutzt, um dann aber zu einem hochkarätigen Fluchtroman zu werden, der einen Vergleich mit Households Klassiker ROGUE MALE nicht scheuen muss.

Von den eigenwilligen, „reinen“ Spionageromanen, die Ryck in den 1960ern und 1970ern schrieb, ist nur ein weiterer in Deutschland veröffentlicht worden: ÜBERLEBEN SOLL KEINER… (Scherz Schocker 118), ein Agenten-Thriller, der sich höhnisch mit europäischen Freiheitsbewegungen auseinandersetzt und im Französischen PARIS VA MOURIR heißt.

Ryck war einer der unberechenbarsten Autoren der französischen Kriminalliteratur. Er war nie auf ein Subgenre festzulegen und drückte von Noir-Roman über Psychothriller und Gangsterroman bis hin zum Spionagethriller jedem Subgenre seinen unverwechselbaren Stempel auf.

Zu seinen Fans zählte auch Guy Debord, der „Großmeister der Situationisten“.

In seinem Buch CETTE MAUVAISE TÉPUTATION…, 1993, schrieb er, dass er im Werk von Ryck „mehr Wahrheit und Talent“ findet als etwa bei Le Carré.

Insbesondere in dem Roman LE COMPAGNON INDÉSIRABLE (FLIEH NICHT MIT FREMDEN, Rowohlt 1975). Es sei „eines der wenigen Bücher, das Licht in die heutige Welt bringen kann. 25 Jahre später ist es immer noch wahr. „ (die Verfilmung unter dem Titel LE SECRET/DAS NETZ DER TAUSEND AUGEN von Robert Enrico mit Jean-Louis Trintignant, Marlène Jobert und Pillippe Noiret gehört zu den gelungeneren Adaptionen eines Ryck-Romans).

EIN SENDER IM GEPÄCK erzählt die Geschichte des Russischen Top-Spions Yako, der zum Überläufer wird und für Geld und eine neue Identität bei den Briten auspackt.
Aber dadurch wird er auch zu einem Gejagten, dessen Flucht durch Frankreich der Hauptteil des Romans ist. Eine absolute tour-de-force an psychologischer und physischer Hochspannung.

Eines Tages werden sogar die Besten erwischt.
Yako, der russische Spion, hat aufgegeben und sich nun an die Briten verkauft.
Zwar gehörte er nie zu den Top-Leuten des KGB, aber er konnte den Briten genug erzählen, um eine neue Identität und 10000 Pfund rauszuschlagen.
Nun war er frei, konnte ein neues Leben beginnen.
Aber war er wirklich frei, solange ein anderer russischer Agent lebte, um ihn zu jagen?

Natürlich nicht.

Wie lange wird er durchhalten?

Allein gegen die riesige russische Maschinerie?

Nicht lange, das weiß er.
Aber Yako weiß auch, wie das Spiel läuft. Und Yako ist ein cleverer Kerl.
Aber als dann seine Spur aufgenommen wird, läuft alles ganz anders.
Yako flüchtet nicht nur vor und durch die feindliche Umwelt mit den gnadenlosen Verfolgern, sondern auch vor der eigenen Paranoia.

Es sagt viel über Rycks Fähigkeiten aus, dass der Leser diesem nicht besonders sympathischen Charakter folgt und mit ihm um sein erbärmliches Überleben zittert. Wenn Yako, begleitet von einem Hund, der sich ihm anschließt, durch die Wildnis flieht, atmet man geradezu die Landschaft ein und fühlt die Puste der Verfolger im Genick.

Die Aktion findet in den 1960ern statt, es gibt kein Handy oder GPS. Und das braucht es auch nicht.

Der Charakter von Yako, einsam, mit einem begrenzten Leben, ist auch heute noch komplex und faszinierend. Als Gejagter fürchtet er sich vor allen anderen, als erfahrener Spion wendet er alle Tricks an, um durch die schmalsten Risse des Jägernetzes zu schlüpfen. Als Mann muss er Menschen vertrauen, die er zufällig trifft.

Indem er mit dieser Dualität und diesen Widersprüchen spielt, konstruiert Francis Ryck fast ohne Dialoge einen Roman, in dem es darum geht zu erfahren, wer wer ist, wer wen verrät, wer wem hilft. In Form und Substanz war (und ist) dieser scheinbar trockene, schmucklose Roman eine Quelle der Inspiration für viele der neueren Thriller mit seinem entschieden (noch immer) modernen Stil.

Obwohl es ̶ wie gesagt ̶ nur wenige Dialoge gibt, hält Ryck dank seiner stilistischen Brillanz das gnadenlose Tempo hoch.

Der Roman erschien 1969 und wurde mit dem Grand Prix de Littérature Policière ausgezeichnet. Es gab sogar eine amerikanische Ausgabe unter dem schönen Titel LOADED GUN (Stein and Day, 1971). Ryck gehörte zu den wenigen französischen Thriller-Autoren, die in den 1970er Jahren (unregelmäßig) ins Englische übersetzt wurden.

DRÔLE DE PISTOLET, so der Originaltitel, wurde 1973 von Claude Pinoteau filmisch hingerichtet. Nicht mal Lino Ventura konnte diesen kinematographischen Kadaver retten. Zudem machte man aus Yako auch noch einen hochkarätigen Physiker (einer der wenigen Berufe, die man Lino nicht abkauft). Außerdem wirkt Ventura, dieser Inbegriff des „gehetzten Panthers der Großstadt“, in der Wildnis völlig fehl am Platze. Er ist eine Ikone des urbanen Lebens und wäre – im Gegensatz zu seinem Vorbild Jean Gabin – nicht mal als Landwirt glaubhaft.

Ryck selbst bezeichnete diese Verfilmung als eine elende Null-Nummer. Aus dem Filmtitel LE SILENCIEUX machte der deutsche Verleiher, um noch einen drauf zu setzen, den ebenso sinnlosen wie dämlichen Titel ICH – DIE NUMMER EINS.

Rycks Stil ist sehr filmisch, knapp an Adjektiven. Jeder Satz sitzt. Alles klingt wahrhaftig, die Figuren leben und bewegen sich in einer nachfühlbaren Welt – selbst wenn die Plots manchmal am Rande zum Surrealen stehen.
Es ist also verständlich, dass seine Romane das Interesse von Filmemachern erregten. Diese Adaptionen waren und sind von höchst unterschiedlicher Qualität. Häufig veränderten sie das Werk so stark, dass es fast ins Gegenteil kippte.

Die Verfilmung von DRÓLE DE PISTOLET ist dafür ein Beispiel. Einige der besseren Verfilmungen waren in den späten 1980ern und frühen 1990er Jahren Fernsehfilme (u.a. in der grandiosen Anthologie-Reihe SÉRIE NOIRE, 1984-89, von Pierre Grimblat für TF1 und Antenne 2; bei uns wurde sie nur einmal von RTL ausgestrahlt).

Wer war dieser Francis Ryck?

Francis Ryck wurde als Yves Delville am 4. März 1920 in Paris als Sohn einer Russin und eines Franzosen geboren und verbrachte seine ersten Jahre in einer bürgerlichen, aber unkonventionellen Familie.

„Als ich ein Kind war, ließ mich meine Mutter Schopenhauer lesen, danach Celine… Meine Mutter war Pianistin, sie wollte eigentlich Konzertpianistin werden. Ich war ein ungewolltes Kind. Sie haben wegen mir geheiratet. Mein Vater war auch noch spielsüchtig.“

Als junger Mann träumt er davon, am spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Aber der ist bereits beendet, bevor er seine existentialistische Polarisierung als Gesellschaftskonzept beendet hatte.

Nach kurzen Studien in Belgien und Paris – ohne Abschluss – bestritt er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten als Erdarbeiter, Steinbrucharbeiter, Landarbeiter, Schau-Turner, Handelsvertreter. Zusammen mit einem russischen Immigranten lebte er in einem selbstgebauten Ziegelverhau im Pariser Hafen.
Der erregte gesellschaftliche Zustand spiegelte sich in seiner Rastlosigkeit. Die Welt war im Umbruch. Alles schien möglich. Bevor die Nazis für das Kapital einen Frieden metzelten, schien sogar der Sozialismus in Frankreich erreichbar, auch wenn Spanien beim letzten Krieg zwischen Gut und Böse bewiesen hatte, dass das Böse als Sieger vom Platz gegangen war. Der Faschismus hatte den Totengräber zum Arzt erklärt.

1939 trat er in die Marine ein.

Er war Matrose auf dem Zerstörer Maillé-Breze, der am 30. April 1940 vor Greenock nach der zufälligen Explosion eines Torpedos sank. Als Kriegsgefangener simulierte er Wahnsinn, um den Lagern zu entkommen.
Zurück in Paris, 1943, heiratete er und zeugte zwei Töchter, Michèle und Dominique

Um sein Leben als Vagabund und Weltenbummler zu finanzieren, verrichtete er Jobs als Holzfäller, Matrose, Bauarbeiter, Plattenleger, Filmstatist oder Vertreter.

Schließlich ging er nach Lyon. „Ich lebte mit einer Tochter in Lyon. Etwa fünf Jahre als extremer Säufer. Ich fotografierte Babys. Es war eine schöne Zeit. Ich arbeitete zwei Stunden pro Tag, ich verdiente genug, um Hotelzimmer, Mahlzeiten, Kino und Suff zu bezahlen. Und ich war glücklich. Ich lebte einfach von Tag zu Tag!“

Er begann auch ernsthaft zu schreiben: „Damals schrieb ich meinen ersten Roman, AU PIED DU MUR, der 1957 bei Albin Michel veröffentlicht wurde. Zuvor hatte ich zwei oder drei Romane geschrieben, die kein Verlag haben wollte. An ihnen habe ich mich geübt.
Und dann schickte ich das Manuskript an Albin, ohne viel Hoffnung, dass es funktioniert. Endlich hat es funktioniert.“

Er übernahm als Pseudonym den Namen seiner Großmutter und veröffentlichte bei Albin Michel vier weitere Romane als Yves Dierick: LES BARREAUX DE BOIS, 1959, LA PANIQUE, 1962, PROMENADE EN MARGE, 1964 (dafür wurde er mit dem Grand Prix de la Société des gens de lettres ausgezeichnet) und LES IMPORTUNES, 1965.

Diese Bücher sind keine Thriller, sondern psychologische Romane voller Intrigen. Wesentlich ist sein kritischer, saurer Blick auf das Nachkriegsfrankreich, auf seine kleinbürgerlichen Illusionen, dem Geldkult und die moralische Verschmutzung durch wirtschaftliches Elend.

Nach einem Autounfall, der seine Bewegungsfreiheit einige Zeit einschränkte, begann er in der Rekonvaleszenz einen Kriminalroman zu schreiben.
„Ich sagte mir, warum nicht mal einen Thriller ausprobieren. Und dann realisierte ich, dass das Krimi- Ding mir mehr Geld brachte als literarische Bücher.“

Bei Presses De La Cité veröffentlichte er 1963 erstmals als „Francis Ryck“ den Roman LES HEURES OUVRABLES, der im Jahr drauf von Jacques Poitrenaud mit Louis de Funès als Gaunerkomödie verfilmt wurde (bei uns lief die Klamotte unter dem Titel BEI OSCAR IST ´NE SCHRAUBE LOCKER). Ja, das brachte sicherlich mehr Geld.

Er schrieb noch einen weiteren „Krimi“ und ging dann wieder zu Plon zurück um zwei weitere „psychologisch-literarische Romane“ zu veröffentlichen.

Ab 1966 veröffentlichte er in der „Série Noire“ bei Gallimard bis 1978 dann die 18 Thriller, die ihn zum einflussreichen Klassiker des französischen Noir-Romans machten.
Es wurde häufig darüber gerätselt, weshalb er von Gallimard wegging: „Ganz einfach. Ein anderer Verlag bot mir mehr Geld.“

Ryck sah sich als „Reisender auf den Straßen der Welt“ zwischen Spanien und
Indien, Tibet und Ceylon. Eine Zeitlang lebte er gar in einem Ashram in der
Provence. Sein starkes Interesse an asiatischen Kulturen und Religionen brachte ihn zeitweilig den Hippies nahe.

In den 1970er und 80er Jahren führte er zwischen Paris und der Provence ein Leben voller Exzesse, wenn er nicht auf Reisen ging.

Am Rande der literarischen Welt, deren Regeln er verachtete, lebte er häufig als Rucksacktourist oder bescheiden in Paris. Leute, die ihn kannten, nannten ihn „schwierig“.

Nach seiner „Gallimard-Phase“ arbeitete er verstärkt auch für die Filmindustrie. Er schrieb Originalskripte und polierte Dialoge.

In den 1990ern fand er noch Zeit, um neben seinen Romanen für sechs erfolgreiche Psychothriller mit Marina Edo zu kollaborieren. „Ich mochte das Mädchen. Es war immer lustig mit ihr.“

Er starb im Alter von 87 Jahren am 19.August 2007 allein in Paris.

„Er hat den Charakter eines Schweins, bringt dich mit Beleidigungen zur Weißglut und bringt dir dann ein Manuskript, das eine Emotion ausstrahlt, die dir den Atem raubt“,
sagte Patrick Raynal, ebenfalls Autor und von 1991 bis 2004 Herausgeber der „Serie Noire“ über ihn.

Seine Romane markieren einen Bruch mit der in den 1950er Jahren in Frankreich vorherrschenden Kriminalliteratur zwischen Psychothriller, Gangsterroman und Nachahmungen amerikanischer Muster.

In Rycks frühen Romanen spürt man bereits den „Wind des Wechsels“, der politisch dann 1968 über Europa hereinbrach. Ryck hatte ein Gespür für die Veränderungen, die sich im Bewusstsein der jungen Generation vollzog.

Seine Welt der Verbrecher, Außenseiter und der Spione griff Elemente des Neo-Polar vorweg. Er hat sich nicht atemlos an Trends angebiedert, sondern sie mittel- und langfristig gesetzt.

Er ließ Geheimagenten, ausgebrochene Gangster, Außenseiter, Jugendliche gegen die Stereotypen der bürgerlichen Kultur agieren.
Er schrieb über all die marginalisierten Menschen, denen er während seiner Wanderjahre begegnete: diese Gauner, Banditen, Räuber betrachtete er als Freunde, denn er hasste die Welt der engen Kleinbürger.

Und er brachte neues, scheinbar unvereinbares, in den Noir-Roman: in seinem ersten Gallimard-Thriller, OPERATION MILIBAR (1966), kommuniziert eine Frau telepathisch mit ihrem Mann.

Ryck scheute sich nie Tabus zu brechen, indem er gelegentlich mit parapsychischen Themen experimentierte oder die Welt der Geheimdienste auf andere, realistischere Weise behandelte als die den Spionageroman dominierenden Paul Kenny oder Jean Bruce.

Francis Ryck ließ sich auf kein Genre oder Sub-Genre festlegen und war immer für eine Überraschung gut. Er schrieb Spionageromane, Psychothriller, Gangsterromane, Abenteuerromane, Polit-Thriller und natürlich alle als Noir-Literatur, Romane aus dem düsteren Ryck-Kosmos.

Seine Kriminalromane atmen die Kritik an einer Gesellschaft, die an Boden verliert, ähnlich den Filmen der Nouvelle Vague.
„Meine Helden fliehen vor sozialem Erfolg wie vor der Pest. Sie sind die letzten freien Männer.“

Diese Helden sind Ausgegrenzte und Ausgeschlossene. Was nicht heißt, dass sie nicht höchst professionell in ihrem düsteren Gewerbe sind.

Ihr Lieblingsgebiet ist die Stadt, die Menschen entmenschlicht und zerschmettert, und noch mehr die düsteren Vororte, in denen sich die Wohlhabenden konzentrieren. So schön das offene Land ist, aber die Perversionen des urbanen Lebens verfolgen dich auch dort. Verbrechen sind nicht Ursachen, sondern Konsequenzen von Entwicklungen.

Der französische Kritiker Alexander Lous brachte das 2000 so zum Ausdruck:

„Immer wenn ein neues Buch von ihm erscheint (er hat mehr als vierzig seit 1957 veröffentlicht, von denen einige in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit Marina Edo entstanden sind), wissen wir nie genau, wohin er seine Leser führen wird: Rätsel-Roman, Noir-Roman, Abenteuer-Roman, Liebesroman, Psychothriller, Spionage-Roman… Und man weiß nie, in welchem Modus er seine fesselnden Geschichten erzählen wird, ob ernst oder parodistisch, romantisch oder desillusioniert, ikonoklastisch oder lustig, intim oder kochend vor Wut, über harsche Missbräuche und Exzesse der Politik, Industrie und Wissenschaft Auf der anderen Seite wissen wir immer, dass wir als Leser fast nie enttäuscht werden.“

Oder:

„Rycks harte und schnörkellose, ohne jegliche Sentimentalität erzählte Romane kreisen meist um verzweifelte, sich am äußersten Rand der Gesellschaft bewegende Figuren, die im Leben nicht mehr zurechtkommen und deshalb gewalttätig werden – mit fatalen Folgen, auch für sie selbst. Die Mehrzahl der Bücher spielt in „seiner“ Stadt Paris, deren Atmosphäre eindrucksvoll gezeichnet ist.“ (https://krimiautorena-z.blog/2018/11/07/ryck-francis-2/)

Jean-Patrick Manchette, der als Vater des Neo-Polar oder neuen französischen Kriminalromans gilt, meinte, Ryck sei ein „unbestreitbarer Präzedenzfall für ihn und alle Autoren, die beschlossen hatten, ihren Geschichten eine politische Dimension zu geben, die dem Anarchismus nahe kommt.“

Bibliografie:
(nach https://krimiautorena-z.blog/2018/11/07/ryck-francis-2/ )

Les heures ouvrables (1963)
Nature morte aux châtaignes (1963
L’histoire d’une psychose (1964)
L’apprentissage (1965)
Opération Millibar (1966)
Ashram drame (auch unter dem Titel ‚Satan S.A., 1966)
Feu vert pour poisson rouge (1967)

La cimetière des durs – ‚Alle Fäden in ihrer Hand‘ (1968)

Incognito pour ailleurs (1968)
La peau de Torpedo (1968)

Drôle de pistolet – ‚Ein Sender im Gepäck‘ (1968)

Paris va mourir – ‚Überleben soll keiner‘ (1969)

L’incroyant (1970)

Les chasseurs de sable – ‚Wie Sand zwischen den Fingern‘ (1971)

Le compagnon indésirable – ‚Flieh nicht mit Fremden‘ (1972)

Voulez-vous mourir avec moi? – ‚Wollen Sie mit mir sterben?‘ (1973)

Le prix des choses – ‚Der Preis der Dinge‘ (1974)

Le testament d’Amérique – ‚Die Testamentsvollstrecker‘ (1974)

Ettraction – ‚Sterben, das ist nicht so wichtig‘ (1975)

Le fils de l’alligator (1977)
Nos intentions sont pacifiques (1977)

Prière de se pencher au dehors – ‚Ehrlich währt am kürzesten‘ (1978)

Nous n’irons pas à Valparaiso (1980)

Le Piège – ‚Eine Falle für drei Personen‘ (1981)

Le nuage et la foudre (1982)
Le conseil de famille (1983)
Il fera beau à Deauville (1984)
Un cheval mort dans une baignoire (1986)
Autobiographie d’un tueur professionel (1987)
Requiem pour un navire (1989)
L’honeur des rats (1995)
Fissure (1998)
Le point de jonction (2000)
Le chemin des enfants morts (2001)
La discipline du diable (2004)
La casse (2007)
L’enfant du lac (2007).

Gemeinsam mit Marina Edo:

Les genoux cagneux (1990)
Les relations dangereuses (1991)
L’Eté de Mathieu (1992)
La petite fille dans la forêt (1993)
La toile d’araignée dans le rétroviseur (1995)

L’autre versant de la nuit – ‚Rendezvous fatal‘ (1996)

Mauvais sort (1999).




GARY OLDMAN IST JACKSON LAMB by Martin Compart
9. September 2020, 6:56 am
Filed under: MICK HERRON, Spythriller, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Zur ersten Mini-Serie der Slough House-Serie von Mick Herron, in der Gary Oldman die Hauptrolle spielt, Schrieb Stephe Arnell am 6.Februar 2020 in TELEVISION BUSINESS INTERNATIONAL (TBI):

… Herron, who tells TBI he is enthused by the prospect of the Apple adaptation.
‘I’m very happy that we have a great team in Graham Yost (Justified) and Will Smith (Veep) bringing Slow Horses to the screen. I’ve already visited the writers room,” he says, adding that Yost’s presentation of the show’s storyline to Apple was “incredibly impressive.”
The author also stresses the importance of historical context in the Slough House series, emphasising that the story “hues to the tradition of more grounded, realistic British spy thriller, but includes satirical elements, often referencing current events.
“With the political turmoil of the present-day, it helps with such outlandish occurrences as Trump that you can push the boundaries, although Slough House eschews the gadgetry of some spy thriller novels.”

For Apple, Slow Horses is clearly another costly bet on talent-led drama. The presence of 2018 Oscar winner Oldman in a very rare TV role adds to the lustre of Slow Horses and could help sell the show to prospective subscribers who may not yet have engaged with the streamer.
The series may also have the knock-on effect of giving Oldman’s post-Oscar career a boost, following appearances in thrillers such as Tau, Hunter Killer, The Courier and Killers Anonymous. And while there has been little word yet on the supporting cast, the presence of the aforementioned Yost as executive producer, together with Veep co-writer and co-producer Smith promise a strong commitment to crackling dialogue and character development.



GANGS OF LONDON – Es gibt ein Sterben nach den Krays oder Tod den Investoren by Martin Compart

London 2020.

Lange vorbei sind die Zeiten liebgewonnener Folklore, in der die Kray-Twins die Unterwelt beherrschten. Auch die Yardie-Romantik gehört weitgehend der Vergangenheit an. Ja, es gibt ein Leben nach den Krays, deren Eastend-Mythos den britischen Gangsterfilm bis heute beeinflusst. Heute ist London einer der größten moralischen Slums der Welt, in dem sie Evil-Twins kaum noch eine Chance hätten.

Aber nun werden neue Töne angeschlagen.

Das wird einem innerhalb der ersten drei Minuten der Eröffnungsszene klar, die an Brutalität in filmischer Eleganz alles übertrifft, was man bisher auf dem Bildschirm gesehen hat.

Die TV-Serie GANGS OF LONDON zeigt ein aktuelles, sicherlich überzeichnetes, Bild, wie Organisierte Kriminalität in der Finanzmetropole heute abläuft: Alle ethnischen Gruppen, von Albanern über Asiaten bis hin zu den Iren, haben sich in einem Aufsichtsrat zusammengeschlossen und die Märkte aufgeteilt. Hinter ihnen stehen Investoren (die in der Serie erstmal im Dunkel bleiben), die renditiert werden. Denn die City – immer auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten – schätzt das steuerfreie Geschäft mit Rauschgift, Mord, Prostitution und anderen illegalen Spezialgebieten. Hier sind die Kursgewinne gigantisch, hier tobt der Feudal-Kapitalismus ungehemmt auf höchstem Niveau.

Der Wahnsinn wirkt authentisch. Die Krays kennt hier niemand mehr.

Stattdessen romantisiert man den Zusammenschluss unterdrückter Ethnien zum ökonomischen Vorteilsstreben. Die Allianz zwischen dem irischen Kingpin und seinem schwarzen Adlatus resultiert aus Diskriminierungszeiten der 1970er: „No Blacks, No Irish. Illegitimate bastard children of the great British Empire. A city of closed doors brought us together.

Der Finanzmakler, eine Art irischer Mayer-Lansky, der dieses Profitmodell entwickelt hatte und anführt, wird in der Pilotfolge umgebracht, und sein nachfolgender Sohn löst durch eine falsche Marktstrategie („Alle Geschäfte stehen still, bis ich den Mörder meines Vaters habe.“) gewalttätige Tumulte aus, die an die Substanz der Unternehmen gehen.
Gespielt wird der Tycoon von Colm Meaney, Hackfresse und Legende des britischen Gangsterfilms.

Über den Bildschirm laufen nun gnadenlos choreographierte Brutalitäten, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. Dagegen wirken die meisten Martial-Arts-Filme wie Vorabend-Serien.

Heike Hupertz beschreibt das im F.A.Z.-Net vortrefflich: „…stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Gareth Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie Gangs of London, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt.“
Sie weist auch zu Recht darauf hin, dass die Serie ebenfalls als Charakter-Drama funktioniert. Tatsächlich wirken die Gewaltorgien nie anorganisch in dieser komplexen Erzählung, die durch die ungewöhnlichen Charaktere und ihrer Gier nach Rache oder neoliberalem Wirtschaftsstreben vorangetrieben wird.

Schon jetzt ist klar, dass GANGS OF LONDON neue Maßstäbe setzt. Ästhetisch vergleichbar innovativ wie MIAMI VICE in den 1980er Jahren. Für das Genre des britischen Gangsterfilms ein stilistischer Quantensprung, der selbst die Aficionados schockiert und verwirrt. Um die dysfunktionale Zivilisation vorzuführen findet GANGS OF LONDON bisher nie gesehene Bilder und Szenen neben den genrespezifischen Topoi.

Der ehemals gefeierte „Erneuerer“ Guy Ritchie wirkte mit seinen Werken schon immer gestriger als VILLAIN, SEXY BEAST oder GET CARTER (deren Klassiker-Status nie zur Disposition steht).

Bereits mit dem Pilot-Film hat GANGS OF LONDON seine eigene Mythologie geschaffen und inszeniert. Wie bei VILLAIN und im Gegensatz zu Ritchie dient die erschreckende Brutalität nie dazu, pickeligen Popcornfressern ein debiles Lachen zu entlocken. Evans und Flannery meinen es ernst und mildern nichts durch ironische Seitenblicke. Schönes, heroisches Sterben, wie in französischen Gangsterfilmen (vor allem mit Alain Delon), gab und gibt es nicht im britischen Pendant.

Zwischen deutschen Produktionen und den besten internationalen liegen inzwischen Lichtjahre.
Das ist auch Jan Freitag aufgefallen; er schreibt im „Tagesspiegel“:
„Anders als deutsche Produktionen. Diese Wortkargheit ist es auch, mit der sich „Gangs of London“ von deutscher Redundanz distanziert. Eine Szene wie jene, als Sean 30 endlose Sekunden lang schweigend am offenen Sarg seines Vaters steht und Mutter Marian mit den Augen allein offenbart, wie abgrundtief sein Hass ist, wie übermächtig sein Ehrgeiz, scheint in deutscher Produktion schlicht undenkbar.“

Höhnisch meinte „The Indipendent“, dem die Serie weniger gut gefiel: „Evans’ series is an unholy combination of The Raid and EastEnders.“
Wie so viele Gangstergeschichten ist auch GANGS neben anderem eine Familien-Saga. Und anders als bei den Waltons oder Cartwrights hat hier jedes Familienmitglied etwas zu verbergen.

Gangsterepen sind inzwischen zu Symbolen des Kapitalismus geworden. Zeigen sie doch wunderbar in der beginnenden Endzeit der Klimakatastrophe, dass diese Form des Wirtschaftens auf denselben Vernichtungsstrategien eines Dschingis Khans beruht, nur effektiver dank technologischer Fortschritte. Mit Zivilisation hat das so viel zu tun wie das Morden und Plündern barbarischer Horden.

Man könnte über gelegentliche Klischees und Unstimmigkeiten der Serie mäkeln: Eine Gang-Organisation handelt gar mit Silikon-Puppen. Aber ich schließe mich da gerne GQ an: „sex dolls (we’re not sure why, given these are legal and easily available on the internet, but OK)“. Aber es sagt auch etwas über Klischeebruch aus, wenn ausgerechnet der mörderische Boss der Albaner-Gang wie der nette Nachbar rüberkommt.

Entwickelt wurde die Serie für Pulse-Films von dem preisgekrönten Filmemacher Gareth Evans (The Raid: Redemption) und seinem kreativen Partner Matt Flannery (Kamera). Beide arbeiteten schon für indonesische Martial-Arts-Filme. Evans nennt sein ästhetisches Konzept für London „Gothamized“.

Und „Empire“ erkennt: „Where Gangs Of London makes its biggest mark, however, is in an area that will surprise nobody who’s seen The Raid or its sequel. Having made their name in the Indonesian film industry, Evans and Flannery now import their own brand of hyper-kinetic, unflinchingly ferocious screen violence to the streets of our capital, with each episode featuring at least one virtuoso action sequence (even after Evans hands the directing reins to Corin Hardy, who in the fourth episode shows he’s as adept at action as he is horror).“

In England gab es wegen der Gewaltdarstellung viel Protest. Das hinderte aber nicht daran, dass die durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf fast 1, 5 Millionen stiegen und die downloads im Mai 16,6 Millionen erreichten. Sie ist nach GAME OF THRONES die zweiterfolgreichste Serie von Sky Channel – und das „Okay“ zu einer zweiten Season war nur eine Formsache.

„The British gangster thriller has never fackin’ seen anything like this before.“ (Empire)

Autoren: Peter Berry, Claire Wilson, Carl Joos, Lauren Sequeira, Gareth Evans, Matt Flannery
Regisseure: Corin Hardy, Xavier Gens (drehte den Backwood-Kracher FRONTIER(S)), Gareth Evans
Hauptdarsteller: Joe Cole (Peaky Blinders), Sope Dirisu (Humans), Colm Meaney (Star Trek), Lucian Msamati (His Dark Materials), Michelle Fairley (Game of Thrones), Paapa Essiedu (Press), Pippa Bennett-Warner (Harlots).
Production Company: Pulse Films
Vorlage war ein gleichnamiges PSP-Video-Spiel von 2006.

P.S.:
Schön ist auch, was im Blog der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft von Uwe Breitenborn zu der Serie zu lesen ist:

„Um es vorwegzunehmen: Ein außerordentlich hohes Gewaltlevel prägt die meisten Episoden, so dass sich der FSF-Prüfausschuss bei fünf der neun Episoden erst für eine Freigabe ab 18 Jahren entschied…

Auch wenn die Gewalthandlungen genretypisch exzessiv und zuweilen überchoreografiert sind, haben sie durchaus einen spekulativen Grundton. Eine gewisse Gewaltlust ist der drastischen Inszenierung nicht abzusprechen, was als sozialethisch desorientierend gewertet wurde. Einge Episoden erhielten aber auch eine Freigabe ab 16 Jahren. Bei ihnen wird dieser Altersgruppe zugetraut, sich von den Gewaltexzessen distanzieren und diese Szenen einordnen zu können. Die Gewaltexzesse sind dramaturgisch zumeist angebahnt und einordenbar. Es gibt zudem kaum deutlich positive Identifikationsfiguren…

Bemerkenswert ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Plots, der ein weit aufgefächertes Figurenensemble aufweist, eine faszinierende, aber auch zynische Inszenierung des neoliberalen Londons. Die Skrupellosigkeit des turbokapitalistischen Zeitgeistes durchweht jede Pore des Films. Luxus und Gosse sind fest verwoben, etwas Durchschnittliches gibt es hier nicht, nur Extreme. Das gilt für die exzellente Besetzung ebenso wie für die überbordende Gewalt, die sich wild über Genrekonventionen hinwegbewegt. Hier werden Bauernhäuser zu Kriegslandschaften, Gangrivalitäten zu Massakern und Beziehungen zu Folterhöhlen. Kriegsfilm, Splatter, Western, Gangsterdrama – ja, Oper müsste man eigentlich sagen. Ein Epos ohne Grenzen. All das muss man aushalten, man kann es auch bewundern. Aber getreu dem Motto eines regionalen Radiosenders ist zu sagen: Nur für Erwachsene!“


<a href="https://vg06.met.vgwort.de/na/4930d68d12bd404dae0843c48de2b69f?l=https://martincompart.wordpress.com/2020/07/30/gangs-of-london-es-gibt-ein-sterben-nach-den-krays/



TV NEWS: Jack Ryan by Martin Compart
29. November 2019, 3:09 pm
Filed under: NEWS, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

In CRIME TV zur TV-Serie nach Tom Clancys JACK RYAN: GUT, DASS ES DIE CIA GIBT https://crimetvweb.wordpress.com/2019/11/29/gut-das-es-die-cia-gibt-tom-clancys-jack-ryan/



THE LOOMING TOWER by Martin Compart
15. April 2019, 5:42 pm
Filed under: TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Die 10-teilige Miniserie von 2018 basiert auf dem letzten Drittel des Sachbuchs gleichen Titels von Lawrence Wright von 2004, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde (deutsch: DER TOD WIRD EUCH FINDEN; DVA, 2007).
Das Buch beschreibt den Weg zum 11.9.2001 mit der ganzen Vorgeschichte der imperialen Einmischung der USA in die arabische Welt. Und es stützt faktisch den Mythos des Versagens der US-Dienste CIA und FBI…
auf CRIME-TV: https://crimetvweb.wordpress.com/2019/04/15/the-looming-tower-oder-die-trottel-von-der-letzten-bank/