Martin Compart


MiCs Tagebuch spezial, September 2018: DIE EMMYS by Martin Compart
20. September 2018, 8:14 am
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Abgebrannt in Lalaland

Natürlich spricht es gegen den Kolumnisten, wenn er glaubt, Emmys,
Oscars und andere „Wahlen“ hätten eine Relevanz, die über
brancheninternes „Pillermann zeigen“ hinaus ginge. (Die haben sie
selbstverständlich nicht.) Dennoch ist der nachfolgende Hinweis auf
verdientere Sieger des vorgenannten Zeigespaßes, als notwendige
Ventilfunktion bei dem persönlich empfundenen Unbehagens angesichts der
globalen „Entertainment-Leitkultur“, nicht zu unterschätzen.

Die Emmys bestätigten erneut die unglaubliche Borniertheit des
US-Establishments.

Zwei der wohl großartigsten Shows der letzten Jahre, „The Americans“ und
Atlanta„, wurden wieder einmal „übersehen“.

Kategorie Fiction Drama Series:

Hier gewinnt erneut die öde Zementierung irrelevanten Bombasts, die
totale Fanatasy-Eskapismus-Regression für eine immer hilflosere und aus
Ohnmacht wundergläubige Zuschauerschaft, gegen „The Americans“? „Game
of Thrones“ plündert die Weltgeschichte, um mit Shakespeare-,
Machiavelli- u.v. a. Zitaten eine dramatische Größe vorzugaukeln, die in
Wahrheit nur das Deckmäntelchen für die überbordenden Billo-Sex- und
Gewaltorgien dieser Intrigen-, Brot-und-Spiele-Primitivität abgeben. Ein
Publikumsformat, dessen Erkenntnisgewinn nicht einmal an das Niveau von
Glückskeks-Weisheiten heranreicht. Lächerlich.

Conclusio: Spektakel regiert in Zeiten Hedgefond finanzierten
TVs/Streamings. Irgendwie muss das ganze Schwarzgeld ja gewaschen werden.

Kategorie Fiction Comedy Series:

„The Marvelous Mrs Maisel“, eine scheinbar mutige, sich emanzipierende
weiße Mittelstandsfrau, die sich in einer misogynen Männerwelt der
1950er Jahre als Stand-up Comedian behaupten will, lässt „Atlanta“
leerausgehen? Die wohl eigenwilligste und genialste Show, die der
serielle Overkill in den letzten 4 Jahren hervorgebracht hat und welche
die zeitgemäßeste Kritik der US-Gesellschaft aus Minderheitenperspektive
darstellt? Mit „weiße Mittelklasse-Frau toppt schwarze
Unterklasse-Typen“, ist die Welt ja noch in Ordnung, was? Wohl bekomm’s,
Academy.

N.B. 1: Nominiert und ignoriert, trotzdem der beste Actor in einer
Nebenrolle, ist natürlich „Paper Boi“ Alfred alias Bryan Tyree Henry.
Take a good look, guys.

N.B. 2: Das freut die Damen und den Boulevard: Feiern
US-Zeitungsschreiber doch glatt einen Heiratsantrag von Oscar-Producer
Weiss samt Kniefall coram publico als emotionales Ausrufezeichen der
Preisverleihungen – warum nimmt der Bock dafür die Emmys zum Anlass?
Schön, wenn es in kalten, pissblonden Zeiten auf dem Flastscreen
überraschend menschelt.

MiC, 18.09.18

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CHARLES DEWISME WIRD 100! – UND BOB MORANE 65 /1 by Martin Compart
23. August 2018, 5:57 pm
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Er schrieb um die 250 Romane, mehrere Comic-Szenarien und verkaufte bisher weltweit an die 50 Millionen Bücher: Charles Dewisme, alias Henri Vernes, ist nach Georges Simenon (Gesamtauflage über 500 Millionen) der erfolgreichste Schriftsteller Belgiens. Erfolg und Bekanntheit verdankt er vor allem seinem Serienhelden BOB MORANE, der außerhalb des englischsprachigen (und des deutschsprachigen) Raumes ungeheuer populär ist). Seit 1953 wurden seine Abenteuer in über 200 Romanen, 85 Comic-Alben, einer Real-TV-Serie und in einer Zeichentrickserie verbreitet. Trotz mehrerer Anläufe und Versuche schaffte er es bisher nur ein einziges Mal auf die große Leinwand (die einzige Kopie des Films ist bei der Premiere verbrannt).

Henri Vernes schuf mit BOB MORANE das dichteste, komplexeste und schamloseste Werk an Intertextualität in der gesamten Pop-Literatur.

Während BOB MORANE seinen 65.Geburtstag feiert (und von neuen Autoren weitergeführt wird), erlebt Charles-Henri-Jean Dewisme am 16. Oktober seinen 100.Geburtstag und blickt auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben.
„Ich hatte viel Glück und ein gutes Leben. Aber wenn ich Amerikaner wäre, wäre ich heute auch Multimilliardär.“

Der 1999 als Offizier der belgischen Ehrenlegion ausgezeichnete Autor, ist ein Pionier des Crossover Thrillers. Seine langlebige Figur, deren Erfolg längst nicht mehr so groß ist wie in den ersten vierzig Jahren, durchlebte die Metamorphose vom Jugendbuchhelden zum Synonym für Abenteuerliteratur und ist heute museal:

Seit 1986 gibt es einen eigenen BOB MORANE-FAN CLUB, 1991 fand eine ihm gewidmete Ausstellung im Kulturhaus der Stadt Tournai statt; sie ist inzwischen auch Hort des Henri Vernes-Archivs. Und in der Brüsseler Rum- Bar La Canne à Sucre steht seit 2008 eine lebensgroße Bronzestatue des Weltenbummlers.

1982 hatte die Band INDOCHINE in Frankreich einen Riesenhit mit einem Song über BOB MORANE: L´AVENTURIER (über 10 Millionen Klicks auf YouTube). Mit MISS PARAMOUNT und anderen Songs würdigte die Band immer wieder den Moranschen Kosmos.

Charles-Henri-Jean Dewisme wurde am 16. Oktober 1918 in Ath geboren.
Bald ließen sich die Eltern scheiden, und Charles wurde von seinen Großeltern in einem Haus in Tournai in der Rue Duwez im Viertel Saint-Piat aufgezogen. Heute ist eine Gedenktafel an der Vorderseite des Hauses zu sehen.

Bereits als Kind entwickelte er einen ausgeprägten Geschmack für Abenteuerromane, wie zum Beispiel Harry Dickson von seinem zukünftigen Freund Jean Ray.

Mit 16 verließ er die Schule und arbeitete in der Fleischerei seines Vaters, was ihm aber so missfiel, dass er zurück zur Schule ging. Seiner eigenen Legende nach, verliebte er sich 1937 in die Chinesin „Madame Lou“. Mit einem gefälschten Pass begleitete er sie nach Kanton ins Rotlichtmilieu. Nach zwei Monaten soll er nach Belgien zurückgekehrt sein. „1940 heiratete ich Gilberte, die Tochter eines Antwerpener Diamantenschleifers. Antwerpen war damals eine aufregende Stadt mit dem alten Hafen. Trotzdem hielt ich es nur ein Jahr aus.“
Die Ehe mit Gilberte wurde 1941 geschieden.

Nach der Kapitulation Belgiens, trat er im Mai 1940 in ein Spionagenetzwerk ein, das von den Briten geführt wurde. Während dieser Zeit las und schrieb er viel: Einen ersten Roman, ein Thriller, der keinen Verleger findet: Er hatte das Manuskript an die Krimi-Reihe geschickt, die von dem namenhaften Autor Stanilas-André Steeman herausgegeben wurde. Steeman war bis in die 1960er Jahre ein Starautor, dessen Bücher auch verfilmt wurden. Angeblich akzeptierte er Dewismes Manuskript nicht, weil es gerollt und nicht flach – wie bis heute üblich – bei ihm einging.

Im Jahr 1943 traf er den Großmeister der belgischen Populärliteratur, Jean Ray, den Autor des phantastischen Klassikers MALPERTIUS und der Harry Dickson-Geschichten, die Dewisme in seiner Kindheit verschlungen hatte. Die Freundschaft hielt bis zum Tode Jean Rays 1964. Ray-Spezialisten werden seinen Einfluss auf das Werk von Henri Vernes erkennen.

Ende 1944 erschien dann sein erster Roman, LA PORTE OUVERTE. Damals schrieb Henri Vernes noch unter seinem richtigen Namen: Charles-Henri Dewisme. Dieser phantastische Roman (der Einfluss von Jean Ray) war nicht besonders erfolgreich und verkaufte lediglich 700 Exemplare.

1946 ging er nach Paris um als Journalist zu arbeiten. Er schrieb für zwei belgische Zeitungen und für die amerikanische Nachrichtenagentur Overseas News.
Er verfasste auch Geschichten und Romane in unterschiedlichen Genres unter den Pseudonymen Cal.W. Bogard, Pat Richmond, Lew Shannon, Jacques Colombo, Robert Davids, Duchess Holiday, C. Reynes, Jacques Seyr u.a. 1949 folgte unter seinem Geburtsnamen ein dritter Roman, der düstere Kriminalroman LA BELLE NUIT POUR UN HOMME MORT.

„Das war eine schöne Zeit und Paris ist einfach prächtig. Ich schloss viele Freundschaften. Aber ich begann Belgien und giung Anfang der 1950 zurück und ließ mich in Brüssel nieder. Warum Brüssel? Weil es wichtig war, in der Hauptstadt zu sein, wo die wichtigen und einflussreichen Leute sind. Hier gibt es immer was zu tun.“

Einer der wichtigen Leute, die er dort traf, war Bernard Heuvelmans, der Vater der Kryptozoologie, mit dem er sich anfreundete.

In dieser Zeit begann seine Arbeit für Jugendblätter und Comic-Magazine, die neben Bildgeschichten auch pseudowissenschaftliche Artikel und Stories veröffentlichten. So schrieb er zwischen 1949 and 1953 für Heroïc Albums, Tintin und Mickey Magazine unter Pseudonym.

Ein damals hart umkämpfter Markt der Verlage war das Buchsegment für Kinder und Jugendliche. Traditionelle Verlage, die häufig konfessionelle Bindungen hatten und in der Zwischenkriegszeit den Markt beherrschten, und Newcomer (oft aus Druckereien hervorgegangen), umwarben mit relativ kostengünstigen Produkten die Nachkriegsgeneration.

Der Verlag Veviers hatte 1953 seine Taschenbuchreihe „Marabout Junior“ mit geographischen und historischen Sachbüchern etabliert. Der Chefredakteur Jean-Jacques Schellens hatte die Idee, die Reihe mit einer Abenteuer-Serie zu bereichern, die in das Geographie lastige Gesamtkonzept passen sollte. Außerdem war der koloniale Abenteuerroman noch immer das dominierende Genre in der männlichen Jugendliteratur.

Die Serie sollte in kurzen Abständen erscheinen und die Leserbindung erhöhen. Als Autor versuchte er Bernard Heuvelman zu gewinnen, Der „Vater der Kryptozoologie“ lehnte ab, da er zu beschäftigt war, die Existenz von mythologischen- oder Fabeltieren zu erforschen.

Heuvelman schlug ihm seinen Freund Dewisme vor: „Er ist ein guter Journalist, der leicht schreibt, er liebt Abenteuer und er ist viel gereist.“

Schellens setzte sich mit Dewisme in Verbindung und ließ in als Test in kurzer Zeit ein populäres Sachbuch schreiben: CONQUÉRANTS DE L´EVEREST. Obwohl der Autor keine Ahnung vom Bergsteigen hatte, lieferte er ein akzeptables Ergebnis ab (Schellens hatte wohl ebenfalls keine Ahnung). Dewisme hatte den Test bestanden: Er konnte innerhalb eines engen Zeitrahmens ein akzeptables Produkt liefern. Ein Produkt, ganz ähnlich dem früheren Feuilletonroman bis hin zu FANTOMAS, den Hero-Pulps à la DOC SAVAGE oder dem Heftroman.

Schellens und Dewisme überlegten. BOB MORANE wurde als romantische Variation dieser dokumentarischen Formen konzipiert.

Dewisme, der sich von nun an Henri Vernes nennen sollte, feilte ein genaues Profil aus.

Er kannte die amerikanischen Dime Novels und Pulps und er kannte W.E. Johns langlebige Jugendserie über den Kampfpiloten BIGGLES, der rund um den Erdball seine Abenteuer erlebte. Und er kannte Abenteuer-Filme und Comics. Außerdem hatte er in seiner Kindheit die Abenteuer-Klassiker von Jules Vernes über Rider Haggard bis Edgar Rice Burroughs aufgesogen.

Und er war jung genug, diese Genre spezifischen interkulturellen Dependenzen zu aktualisieren und den antiquierten europäischen Ansatz zu amerikanisieren.

Die Figur des BOB MORANE hat einige Gemeinsamkeiten mit seinem geistigen Vater: Dunkles kurzes Haar, graue Augen in einem kantigen Gesicht, athletischer Körper.

Aber er ist Franzose, ein Waise, der von seiner alten Tante Brittany aufgezogen wurde.

Im 2.Weltkrieg war er Spitfire-Pilot in der RAF und mit 42 Abschüssen ein Held der Schlacht um England und Frankreichs höchstdekorierter Kampfflieger.

Er hat eine Ingenieursausbildung, arbeitet aber gelegentlich als Fotograf und Reporter für das Magazin „Reflets“ (so nennt sich auch das Fanzine des Fan-Klubs).

Er spricht fast so viele Sprachen wie Karl May und beherrscht Kampfsportarten, darunter Judo, Karate, Kickboxen und Juijitsu. Seine angeborene Neugier und sein extremer Sinn für Gerechtigkeit treiben ihn um den Globus (und darüber hinaus).

„Frankreich ist größer, bietet mehr Möglichkeiten. Und zu dieser Zeit gab es noch Kolonien, um das Setting zu erweitern. Ich komme aus Tournai, sehr nah an der Grenze und sie ist sowohl eine französische wie eine belgische Stadt. Zu meiner frühen Lektüre gehörten natürlich französische Autoren: Louis-Henri Boussenard, Jean de la Hire… Es ist also für mich ganz natürlich, dass ich Bob Morane zu einem Franzosen gemacht habe.“

Und woher der Name?

„Wenn ein Massai seinen ersten Löwen tötet, wird er zu Morane. Für den Vornamen wählte ich Bob, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg die Mode war, die Vornamen zu amerikanisieren.“

Vernes erhielt einen Vertrag über sechs Bücher pro Jahr und ging ans Werk, um den ersten von 142 Titeln für Marabout zu schreiben.

„Ich habe das Glück, überall schreiben zu können solange ich atme. Das stammt sicherlich aus meiner langjährigen journalistischen Praxis. Ich kann, wenn es sein muss, dreißig Seiten in einer Nacht schreiben. Das habe ich schon mehrfach.“

Am 16. Dezember 1953 erschien BOB MORANE Nr. 1: LA VALLÉE INFERNAL, das erste Abenteuer schilderte Moranes erste Heldentaten in Neuguinea.

Fünf BOB MORANEs erschienen 1954, sechs im Jahr 1955, sieben im Jahr 1956, sieben im Jahr 1957 – und so sollte es bei Marabout bis 1977 weitergehen.

Während der Premiere war Vernes auf Reisen.

„Ich hatte keine Wahl! Während ich auf dem Schiff nach Kolumbien unterwegs zum Amazonas war, erhielt ich bei den Westindischen Inseln ein Telegramm von meinem Herausgeber, der mich aufforderte, den zweiten Roman zu schicken. Ich habe ihn beendet, als ich in Martinique ankam. Der dritte wurde in Haiti und Kolumbien gestartet und ich habe ihn auf dem Rückweg beendet. Als ich ankomme, bemerkte ich, dass Bob Morane in aller Munde ist. Von diesem Moment an schrieb ich alle zwei Monate ein Buch.“

Zum Glück beruhte das Konzept auf relativ kurzen Romanen mit etwa 150 Druckseiten.

„Ich hatte bei Marabout völlige Freiheit. Im Verlag lasen sie nie, was ich geschrieben habe: Oft kam das Manuskript so spät, dass sie es am nächsten Tag drucken mussten. Ich hatte nie Vorgaben, abgesehen von einigen Treffen mit dem Herausgeber, bei denen es darum ging, was wir als nächstes mit Bob anstellen wollten. Wenig Regen, viel Sonnenschein. Obwohl sie mich bei meinen Abrechnungen belogen haben – hunderttausend Exemplare statt zweihunderttausend. Aber als ich gut davon leben konnte, war es vorbei.“

FORTSETZUNG FOLGT



WARUM ICH INSPECTOR BARNABY LIEBE by Martin Compart
25. März 2018, 8:31 pm
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: ,

 

Die Plots sind unter aller Sau.

Die Charaktere sind Klischees.

Das Gesellschaftsbild ist grottig.

Die Ideologie und der Subtext ist konservativ bis reaktionär.

ABER ES HAT EINEN CHARME,

WIE IHN KEINE DEUTSCHE PROVINZ-SERIE HINKRIEGT (vergleicht das mit MORD MIT – würg – AUSSICHT).

Manchmal kann ich nicht glauben, mit welchem Schwachsinn die Serie bei mir durchkommt. Ist mir aber auch egal.

Ich glaube, man braucht Humor, um BARNABY wirklich zu goutieren. Oder einen guten Malt.

Oder als Neuaufguss des Golden Age sieht man Barnaby wie Fantasy. Das Schöne ist auch: Es spielt keine Rolle, ob man eine Folge schon gesehen hat, da man sich an den Schwachsinnsplot sowieso nicht erinnern kann (wenn man nicht die eigene geistige Gesundheit gefährden will). Ist doch auch egal: BARNABY ist ein abendländisches Ritualspiel.

Gucke ich BARNABY um einen Krimi zu sehen?

Nee, ich gucke BARNABY um BARNABY zu sehen.

Trotzdem kann mir kein Reisebüro Midsommer buchen. Das kann doch wohl nicht wahr sein!

INSPECTOR BANABY (nur echt mit John Nettles) ist sein eigenes Genre.



VERGANGENHEIT IST NIE ZU ENDE : RIVER by Martin Compart
9. Februar 2018, 10:46 am
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: , ,

auf: https://crimetvweb.wordpress.com/2018/02/09/river/



MiCs Tagebuch: BLACK SAILS – Staffel 3 by Martin Compart
16. März 2017, 8:57 am
Filed under: Black Sails, Politik & Geschichte, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Nach zwei Staffeln hat Black Sails in der 3. seinen Rhythmus gefunden. Wendungen ohne Ende, stringent und temporeich erzählt, entsteht richtig Sog. Herrlich, wie die Macher mit immer gleichen dramaturgischen Techniken, die Geschichte vorantreiben. Als Zuschauer muss ich langsam auf die Bremse treten. Nur noch drei Folgen der 3. vor mir und die 4. braucht noch vier bis zum Ende. >Am 01. April läuft das Serienfinale, dann ist Finito. Und für mich geht‘s mit Staffel 4 weiter. „The villain makes the story”, lautet die Ansage der Schreiber, der Bösewicht macht die Geschichte aus, woraufhin jede Folge sich bemüht, diesem Diktum Rechnung zu tragen. Black Sails ist spannend und transparent zugleich. Die Autoren lassen sich ständig beim Handwerk zuschauen.

Zur politischen Dimension:
Nassau als Zentrum einer freien Gemeinschaft, die sich gegen die Knechtschaft Englands stellt, Frauen, Ex-Sklaven und freie Piraten, auf der Suche nach einer gleichberechtigten Form des Zusammenlebens, Basisdemokratie – alles schön und gut – die treibende Kraft ist jedoch immer der Schatz, der ständig wieder in den eigenen Besitz gebracht werden muss, weil Geld allein die Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht. So gesehen, geht es um einen gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Feudalkapitalismus: um die persönliche Freiheit und die Verteilungsfrage. Diese stellt sich im Wesentlichen nur für die Piraten – sie haben genaue Regeln für das gleichberechtigte Miteinander freier Männer. Die Entertainment- und Zulieferbranche Nassaus ist nach dem Eigentümer-Prinzip von Anfang an viel “bürgerlicher” organisiert. Trotzdem sind in der Serie alle Kapitalisten, sie leben vom freien Unternehmertum, die meisten allerdings in der selbstausbeuterischen Form einer Ich-AG. Einzig der Körper ist ihr Kapital, ob als Pirat, als Arbeiter oder als Nutte. (Obwohl Letztere eine strenge Madame und klare Vorgaben haben.)
Die Dekadenz der neuen freien Gesellschaftsordnung zeigt sich bereits, als Jack Rackham das Fort zur Verteidigung Nassaus wieder aufbauen will und die „freien Leute” für viel Geld so wenig arbeiten, dass befreite – besser erbeutete – Sklaven sie ablösen müssen, damit es voran geht. Ein veritables Spiegelbild unserer Zeit: Die Drecksjobs machen immer die Immigranten. (Seit „Onkel Tom” Ben Carson wissen wir, auch Sklaven waren lediglich Immigranten, die von einer besseren Zukunft in Amerika geträumt haben.)

Das gesellschaftliche Experiment wird auch in dieser Serie nicht den “Tag danach”, was nach dem Sieg geschieht, erzählen. Denn es wird keinen Sieg geben. Die Geschichte geht immer gleich aus. Am Ende werden die Bemühungen scheitern und Nassau den Engländern anheim fallen, selbst wenn Black Sails das nicht klar zeigen sollten. (Der jetzige neue Gouverneur ist ja eine historische Figur und war wirklich der 1. Gouverneur der Bahamas. Das „Voyage-Buch“ hat er auch tatsächlich geschrieben. Schön wie Stevensons Fiktion mit realer Historie verbunden, ich möchte beinahe sagen, verankert wird.) Damit erzählt Black Sail, wie Spartakus ebenfalls von Starz, am Ende immer gescheiterte Kämpfe gegen eine bestehende Ordnung. Wir lieben Helden, die Scheitern, ob ihres Mutes und ihres unermüdlichen Anstemmens gegen die Mächte des Bösen. Am Schluss unterliegen sie natürlich, wie auch wir tagtäglich unterliegen. Im Gegensatz zu ihnen sind wir aber nicht einmal zum Kampf angetreten. Unser einziger Kampf ist das Ringen mit der Fernbedienung und dem Verlangen, die nächste Folge nur nicht zu schnell zu schauen, weil dann immer weniger Folgen übrig bleiben.

Serien wie Black Sails, erleichtern uns um den eventuell noch vorhandenen Restwiderstandswillen. Der Kapitalismus unterhält und amüsiert uns Zuschauer, in dem er uns die eigene Passivität unter die Nase reibt und dabei zugleich ein „Wohlfühlgefühl” vermittelt, weil wir die kleinen Schimmer der Wirklichkeit in der Serie als Erkenntnis ausmachen und uns in unseren Ansichten bestätigt sehen. Diejenigen Zuschauer, die von Bildung völlig unbeschlagen, Black Sails ohne historischen Ballast anschauen, werden durch touristische Exotik, Sex, Gewalt, große Gefühle und schöne Menschen mit makellosen Kauleisten (wie dumpfe deutsche Kritiker mit Kopfschütteln monierten) bei Laune gehalten. Ein Serien-Produkt für Jedermann: Black Sails bereitet auch ohne Reflektion Freude. Tiefere Überlegungen können, müssen aber nicht angestrengt werden.

MiC, 15.03.17



MiCs TAGEBUCH by Martin Compart
11. Januar 2017, 10:40 am
Filed under: MEILENSTEINE DER VERBLÖDUNG, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , ,

Zehn Tage vor Trumps Einmarsch ins Weiße Haus.

FRÜHVERBLÖDUNG DURCH HOLLYWOODS KAPITALISMUSMASCHINE

„City council has already stopped the funding, it is for us to restore the baywatch brand.”

„Die Stadt hat bereits den Etat gestrichen, es liegt an uns die Marke Baywatch wieder hoch zu bringen“, sagt der Kassenwart zu Ober-Bademeister Dwayne Johnson.

(Er hätte auch sagen können, „make baywatch great again.“)

Der Satz des Kassenwarts aus dem Trailer von Johnsons neuem Film „Baywatch”, benennt exemplarisch die ideologische Verzerrung mit der Hollywood die Kinozuschauer (14-24 Jahren) ständig überschüttet. Die staatlichen Organe (hier die Stadt Los Angeles) kümmern sich nicht, also müssen wir (die Bürger und gedungenen Steuerzahler) es selbst tun. Die nächsten 120 Minuten werden Bademeister zur Marke und schöne Körper – Steroidmuskeln und Gummitüten – gehen zum Erhalt ihres Arbeitsplatzes anschaffen: Sie retten mit cooler Action und lässigen Sprüchen Menschen aus akuter Badenot, re-etablieren so die Marke Baywatch (deutsch: Buchtbeschauer) und halten sich selbst damit weiter am Kacken. (Wo bleiben eigentlich der Online-Fan-Shop und der Devotionalien-Katalog mit Rettungsboard, roten Badeshorts und gleichfarbigem Dildo-Set für die tiefsinnigen unter den Johnson Fans?)

Das scheinbare Empowerment des kleinen Lebensretters ist nichts anderes als die Absage an die große Solidargemeinschaft und die Kampfansage der Zweckgemeinschaft an eben jene korrupten Einrichtungen, die ihnen das Geld streichen. Man singt das hohe Lied der Selbstausbeutung. Solche Menschen brauchen keine staatlich organisierte Krankenversicherung, keine Altersvorsorge, kein Arbeitslosengeld, keine Pflegeunterstützung, denn sie wissen, nur die von allen staatlichen Zwängen befreiten Bürger können den Tag retten. Jeder ist seines Glückes Schwimmmeister. Mit drei Em. Gute Nacht, Freunde.

Wo „Hunger Games”, „Elysium” und andere Dystopien die Ideologie der Herrschenden mit Schrecken dem Publikum verkaufen und es so auf härtere Zeiten einstimmen, jubeln Komödien dieser Couleur ihre frohe Botschaft mit Funfaktor den Kinogängern unter.

Fehlt nur noch der absegnende Tweet des neuen Besetzers im Weißen Haus, „I think this movie makes America great again”, und die wachsende Fraktion der Zahnlosen im Land der Freien kann sich ein zweites Arschloch freuen. Jetzt geht die Party richtig los, denn das Jahr fängt eben erst an.



TRUE DETECTIVE 2 „Niemand wird von seinem eigenen Geld reich.“ by Martin Compart
9. Januar 2017, 4:45 pm
Filed under: TV-Serien | Schlagwörter: ,

Ich schaue mir gerade zum vierten Mal TD2 an. Es wird mit jedem Mal besser!

Ich habe nie erschreckendere Bilder gesehen oder Dialoge gehört. Wahrlich ein End – oder Höhepunkt der Noir-Ästhetik  – und deshalb natürlich von den üblichen Dummschwätzern nicht begriffen. TW2 schließt Horizonte und ist nur für Nervenstarke überhaupt erträglich. Auszusteigen ist Selbstschutz. Das Werk nieder zu machen, erbärmlicher Schutz für oder vor sich selbst.

Es ängstigt zutiefst, da es unseren zivilisatorischen Zustand spiegelt, der wohl ein zivilisatorischer Endpunkt ist vor dem Rückfall in die Barbarei.

Und was für grandiose Lines und Dialoge!

„Tu mir das nicht an. Er ist das einzige Glück in meinem scheiß Leben.“

„Findest du nicht, er hat etwas besseres verdient?“

„Ich habe den schweren Verdacht, wir bekommen die Welt, die wir verdienen.“

„Die Gründe für mich… Die Gründe dafür, weiter zu machen. Die Gründe dafür gibt es vielleicht bald nicht mehr.“