Martin Compart


NEWS: TED LEWIS by Martin Compart
13. Juli 2014, 2:14 pm
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Ein großartiger Artikel über Ted Lewis von Hans Schmid unter:

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41693/1.html

Schmid weiß, worüber er schreibt. Leider viel zu selten. Wenn er sich ein Sujet vornimmt, dann ist er akribisch und brillant wie wenige.

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NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).
http://www.amazon.de/PAINT-BLACK-%C3%BCber-Noir-Fiction-ebook/dp/B00F5FUIZ2/ref=sr_1_39?s=books&ie=UTF8&qid=1379059878&sr=1-39&keywords=martin+compart

Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 2/ by Martin Compart

Seine Cops, wie Milne oder John Gallan und Tina Boyd gehören nicht der Inspector Rebus-Garde an. Es scheint eher, dass der 1966 geborene Autor von der Konventionen sprengenden Fernsehserie THE SWEENEY (1975-78) beeindruckt wurde. „Die meisten meiner Charaktere basieren irgendwie auf realen Menschen. Bei meinen Recherchen stoße ich auf merkwürdige Typen.“ Und natürlich ist er beeinflusst vom Großmeister des Brit-Noir Ted Lewis. „Lewis bekam nie wirklich die ihm zustehende Anerkennung für JACK´s RETURN HOME. Für mich der beste britische Noir-Roman aller Zeiten.“

Seine Noir-Cop- Romane brachten einen neuen Wind in die britische Kriminalliteratur, die an den langweiligen Ermittlern der Colin Dexter-John Harvey-Ian Rankin-Schule erstarrte.

Ab 2006 wechselte er die Richtung: Mit GNADENLOS (RELENTLESS) begann er seine „pot boiler“, für die er heute bekannt ist und ihn erfolgreich machten. Seine düstere Weltsicht hat er beibehalten, aber diese schnellen Action orientierten Romane konzentrieren sich auf den Kampf gegen die Zeit. Niemand setzt Zeitdruck besser in Szene.
Seine Thriller lesen sich in Passagen wie Vorlagen für Jason Statham-Filme und haben natürlich das Interesse der Filmindustrie auf sich gezogen. Einige Fans seiner frühen Romane mochten diesen Tempo-Wechsel gar nicht, aber Kernick gelang damit der Ausbruch aus der Noir-Nische in die Bestsellerlisten. Trotz des Erfolges ist er ein pflegeleichter Autor, der sich tatsächlich noch bei SIEGE vom Verlag vorschreiben ließ, das Ende umzuschreiben und den Titel zu ändern. Hoffen wir mal, dass er einen fähigen Lektor hat(te). Aber jemand, der so lange und verbissen darum gekämpft hat veröffentlicht zu werden, verliert nicht so schnell die Bodenhaftung. Die ersten vier Romane brachten zwar tolle Kritiken, aber wenig Geld. GNADENLOS war 2007 der erfolgreichste Kriminalroman in Großbritannien.

Die Idee für GNADENLOS kam Kernick durch einen Alptraum, den er in Toronto nach einem exzessiven Besäufnis hatte. Protagonist Tom Meron hört am Telefon, wie ein alter Schulfreund umgebracht wird. Seine letzten Worte sind Merons Adresse. Der Höllenzug verlässt den Bahnsteig…

Der Nachfolger TODESANGST beginnt mit einem Satz, der das Schicksal von Noir-Protagonisten Im Allgemeinen und von Kernicks „Helden“ im Besonderen auf den Punkt bringt: „Kaum öffne ich die Augen, weiß ich, es wird ein Scheißtag.“Der Ex-SAS-Soldat Tyler erwacht blutüberströmt neben der kopflosen Leiche seiner Geliebten und erinnert sich an nichts. Und dann geht es ab, dass der Leser aus der Kurve fliegt. Eventuelle Plotschwächen werden einem egal, weil man nur noch mit zitternden Fingern die Seiten umdreht. Kernick fährt mit Bleifuss und schaltet bis zum Finish nicht einmal runter. Um das Tempo noch zu erhöhen, hat er TODESANGST als bisher einzigen Roman im Präsens geschrieben. Eine schwierige literarische Technik, die leicht albern klingt und am besten bei komödiantischen Handlungen funktioniert (siehe Peter Cheyneys Lemmy Caution-Romane, die ich sehr unterhaltsam aber nie spannend fand).

In DEADLINE erzählt Kernick zwar in der dritten Person, wählt aber die Perspektive der Protagonistin, deren Tochter entführt wurde. Tausendmal gelesen und gesehen? Aber nicht so! DEADLINE ist Kernicks einziger Roman, der bei uns auch als Hörbuch vorliegt (Audiobuch Verlag). Wie Johannes Steck es vorträgt, ist unglaublich! Sehr intensiv und dem Tempo entsprechend. Das sollte man nicht auf Kurzstrecken hören, sonst fährt man bis zum Nordkap durch.
Mit seinen On-the-Edge-Thrillern steht Kernick in der Tradition von Cornell Woolrich: Ein (vermeintlich) Unschuldiger gerät in eine Verschwörung, die er nicht durchschaut, und wird gehetzt. Von einer Sekunde auf die andere brechen Ereignisse in das Leben des Protagonisten ein, dass es völlig aus den Fugen gerät. Chandler sagte über Woolrich: „Der Mann mit den besten Einfällen, aber man muss ihn schnell lesen und darf ihn nicht zu genau analysieren; er ist zu fieberig.“ Es wäre ungerecht, dieses Urteil 1:1 auf Kernick zu übertragen. Aber ähnlich wie Woolrich ordnet er den Twists und dem Tempo alles unter. Dieser klassische Thriller-Topos lässt sich mindestens bis zu John Buchan zurückverfolgen. Es geht letztlich um Kontrollverlust. Ein Lebensgefühl, das heute aktueller denn je ist. Manipulation und Kontrollverlust gipfeln in Verschwörungen. Seine düstere Weltsicht unterlegt Kernick auch in den Thrillern, wenn auch nicht so exzessiv wie in den Noir-Romanen. Als intelligenter Zeitzeuge spiegelt er den immer offeneren Moralverfall der westlichen Zivilisation seit dem Aufstieg der Neo-Cons.

Im Gegensatz zu Lee Child lassen sich Kernicks Plots nicht vorher sehen. Wenn man meint, man wisse wie der Hase läuft, schlägt er eine überraschende Volte. „Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Regeln die Handlung unberechenbar zu halten. Das lässt den Leser die Seiten umblättern.“

cover

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BRIT-NOIR 11/ Villain by Martin Compart
13. September 2010, 2:57 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Film, Ted Lewis, villain | Schlagwörter: , , , ,

Mitte der 50er Jahre tauchte James Henry Stanley Barlow (1921-73) auf der kriminalliterarischen Bühne und wurde mit einer Handvoll bösartiger, schwarzer Romane zum Geheimtip. Die Kritik hasste (oder ignorierte) Barlow mit ebensolcher Vehemenz wie schon zuvor Chase. Sein großer Wurf war der 1968 erschienene Roman THE BURDEN OF PROOF.
In diesem Roman befasste sich Barlow auf ganz eigene Art mit den Krays-Mythos, indem er Ronnie Kray in der Figur des psychopathischen Gangsterboßes Vic Dakin ein Denkmal setzte (in der Verfilmung wurde er von einem umwerfenden Richard Burton gespielt). Nicht von ungefähr erschien der Roman in dem Jahr, als sich die Schlinge des Gesetzes um die Terrible Twins zuzog. Auch Barlow zeigt ein realistisches Bild der Londoner Unterwelt. Dem Sadisten Dakin gelingt es dank der herrschenden Korruption, genau wie den Krays, lange Zeit vom Gesetz unangetastet seine Terrorherrschaft über das Eastend auszuüben. Barlow wanderte kurz vor seinem Tod nach Tasmanien aus. Er gehört zu diesen mysteriösen Noir-Autoren, über die man kaum Informationen bekommt.

BIBLIOGRAPHIE:
Protagonists (1956)
One Half of the World (1957)
The Man with Good Intentions (1958)
The Patriots (1960)
Term of Trial (1961)
The Hour of Maximum Danger (1962)
This Side of the Sky (1964)
One Man in the World (1966)
The Love Chase (1967)
The Burden of Proof (1968)
aka Villain
Goodbye, England (1969)
Liner (1970)
Both Your Houses (1971)
In All Good Faith (1971)

Der Film, der ein Flop war und bei uns unter dem schönen Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN lief, gehört zu den unterschätztesten und unbekanntesten britischen Noir-Filmen. Neben JACK RECHNET AB und DER AUS DER HÖLLE KAM ist er aber sicherlich der beste Brit-Noir-Film der 1970er – wenn nicht der Beste noch vor GET CARTER! In der Nebenrolle als Stricher Wölfi (dem Burtons ganzes Liebesinteresse gilt und der nur mit ihm Sex haben kann wenn er ihn zuvor prügelt) ist der junge Ian McShane zu sehen. Kein Wunder, dass ihn diese frühen Erfahrungen direkt nach DEADWOOD führten. Das Drehbuch schrieben die beiden Fernsehautoren Dick Clement und Ian LaFresnais zusammen mit dem amerikanischen Schauspieler Al Lettieri – unsterblich als Heavy in GETAWAY und MR.MAJESTIC!



GET LEWIS – Ted Lewis und Brit Noir 10/ by Martin Compart
2. September 2010, 1:02 pm
Filed under: Bücher, Brit Noir, Crime Fiction, Die Krays, Krimis, Noir, Ted Lewis | Schlagwörter: , , ,

Anfang der 60er Jahre nahm die bürgerliche Öffentlichkeit stärker davon Notiz, dass es Gangster in London gab. Immer öfter tauchten Geschichten über die Krays-Zwillinge in den Zeitungen auf, die vom Eastend aufgebrochen waren, um auch im Nachtklubgeschäft des Westends Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern (Sabinis, Jack Spot, Comer usw.), bemühten sich die Terrible Twins nämlich um Öffentlichkeitsarbeit. Der 1962 veröffentlichte Roman DEATH OF A BOGEY (TOD EINES GREIFERS; Heyne 1963) von Douglas Warner ist wohl der erste Kriminalroman, der den Krays-Mythos thematisiert. Die Informationen über die Krays-Gang, hier Lane-Bande genannt, die indirekt in den Roman einfließen, sind zwar aus heutigem Kenntnisstand naiv, scheinen aber nicht nur aus der Zeitungslektüre zu stammen. Gut beschrieben ist vor allem die Mauer des Schweigens im Eastend, die die Krays so lange schützte und deren Zerstörung erst ihre Festnahme ermöglichte. Douglas Warner war ein Pseudonym für Desmond Currie und Elizabeth Warner, die bis 1968 sechs harte Krimis über die Schattenseiten Londons veröffentlichten.
Einer wurde sogar verfilmt: DEATH OF A SNOUT, 1961, wurde von Ken Annakin als UNDERWORLD INFORMERS (auch: THE INFORMERS, THE SNOUT) 1963 für die Leinwand adaptiert.

Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright(1921-95) zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als ein herausragender Autor des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den police procedural-Autoren und seinem Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten.Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei noch weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Insgesat schrieb er 83 Romane, darunter eine Autobiographie über sein Leben als copper.



STAMMTISCHGEGRÖLE 6:Neues aus der Welt des Buches by Martin Compart
30. Juli 2010, 8:07 am
Filed under: Bücher, Krimis, Stammtischgegröle, Ted Lewis | Schlagwörter:

Bücher, besonders Taschenbücher, sahen in den letzten Jahrzehnten selten ansprechender aus als heute. Gutes Papier, ansprechender Satzspiegel. Wenn ich einen durchschnittlichen Thriller mit den Ullstein-Thrillern meiner Zeit vergleiche, sehe ich den Unterschied sofort: Manchen Ullstein-Krimi kann ich heute kaum noch mit der Lesebrille entziffern. Wunderbar! Anders sieht es mit der von mir so oft beklagten inhaltlichen und personellen Qualität aus. In den letzten zwanzig Jahren bin ich über so manchen Verantwortungsträger oder Wasserholer in Verlagen gestolpert, dass ich glaubte, ich hätte es mit Mitarbeitern eines Fernsehsenders zu tun (deren Niveau wird bekanntlich nur noch durch die BILDzeitung getoppt). Kürzlich hatte ich wieder eine dieser Begegnungen der dritten Art, die mir einmal mehr zeigt, wie gering heute die Kenntnisse vom eigenen Handwerk sind.

Mich erreichte die Mail eines mittleren Verlages – kein selbstausbeuterischer Klein- oder Fanverlag – der sich durch ein eigenwilliges, durchaus originelles Programm sehen lassen kann (hatte aber nie einen ihrer Titel in der Hand und kann weder Umsetzung noch Übersetzungen beurteilen):

Sehr geehrter Herr Compart,
im Rahmen einer Reprint-Reihe möchten wir die Jack-Carter-Trilogie von Ted Lewis neu auflegen. Mit dieser Edition sollen Titel, die in Deutschland entweder vergriffen sind oder denen hier nicht der Erfolg beschert war, den sie verdient hätten, erneut auf den Markt kommen.
Starten wollen wir mit dem Band „Jack Carters Gesetz“ (‚Jack Carter’s Law‘). Um die Titel angemessen zu würdigen, wollen wir sie mit einem kommentierenden Anhang versehen – weshalb wir Sie nun gerne dazu einladen würden, einen Artikel (max. zehn Seiten) zu schreiben, der sich mit Ted Lewis als Autor sowie der Rezeption und dem Einfluss seiner Bücher befasst.
Wir würden uns freuen, wenn Sie Interesse daran hätten, gemeinsam mit uns Ted Lewis dem deutschen Publikum noch einmal vorzustellen.
mfG
LEKTOR

Na schön, dachte ich. Lewis zu bringen, ist immer ein Wagnis. Nur hatte man bei diesem Vorhaben wohl was übersehen. Ich schrieb zurück:

Lieber Lektor,
freut mich, dass Sie die Carter-Trilogie neu auflegen wollen. Allerdings ist die Hardcoverausgabe von JACK RECHNET AB nach wie vor lieferbar, wie mir Herr Fuchs von STRANGE/FANPRO versicherte (auch wenn sie nicht mehr bei AMAZON als solches angeboten wird).
Falls Konditionen und Zeitrahmen mit meinen Interessen vereinbar sind, bin ich gerne zur Mitarbeit bereit. Ich habe mir ein wenig Ihr Verlagsprofil und Programm angesehen und den Eindruck (der vielleicht etwas übersehen hat), dass Sie mit Ted Lewis einen ersten Vorstoss bei den Angelsachsen versuchen möchten.
Mit freundkichen Grüssen,
Martin Compart

Ein Blick ins Verzeichnis lieferbarer Bücher hätte dieses Fakt natürlich schon im Vorfeld geklärt. Aber es wird noch besser:

Lieber Herr Compart,
freut mich, dass Sie grundsätzlich Interesse an dem Reprint-Projekt von Ted Lewis‘ Romanen haben.
Wir klären derzeit die Lizenzsituation und melden uns wieder, sobald wir Genaueres wissen.
MfG
Lektor

Wie bitte? Die fragen nach einem Nachwort ohne vorher abgeklärt zu haben, wo die Rechte an Lewis zur Zeit liegen, diese bereits gekauft zu haben oder wer die Lizenzen hält? Normalerweise kümmert man sich um Nachworte oder Anhänge, wenn man die Verträge mit dem Lizenzgeber in trockenen Tüchern hat und auch die kostenintensiven Übersetzungen, die einem so manche Kalkulation verhageln, sicher hat. Meine Antwort:

Lieber Lektor,
Unglaublich professionell!

Kurz darauf:

Lieber Herr Compart,
mit Blick auf Ihren ironischen Zungenschlag präzisiere ich: Wir waren
ohnehin dabei, die Lizenzsituation zu klären und warten diesbezüglich
seit geraumer Zeit auf eine Antwort aus England. Unabhängig davon wollte ich
für unsere Planung im Vorfeld ganz allgemein abklären, ob Ihrerseits
Interesse an einem kurzen Artikel besteht. Nicht immer lässt sich alles in der
optimalen Reihenfolge und strikt linear erledigen.
mfG
Lektor

Ja, vielleicht sollten künftige LOVE PARADES (eigentlich: DRUG PARADE) von Leuten organisiert werden, die schon Erfahrungen in der Buchbranche gesammelt haben. Also noch einer:

Lieber Lektor,
die Rechte für den deutschsprachigen Raum liegen bei der Liepmann.Agentur, Zürich. All diese Dinge kläret man im Vorfeld.
Grüsse,
MC

Wie ist der alte Vergleich? Das Pferd von hinten aufzäumen? Irgendwann bekäme ich wahrscheinlich eine Mitteilung, dass der Verlag aus irgendwelchen Gründen nun leider doch nicht die anvisierten Bücher machen könne und man deshalb wohl momentan auf das Nachwort verzichte. Unnötig hätte man mich verärgert. So hat man mich im Vorfeld verärgert und mein Vertrauen in die Menschheit erschüttert! Man sollte sich heute nicht darüber aufregen, dass der Markt so unglaublich viele (scheiß)Bücher hervorbringt, sondern, das überhaupt Bücher erscheinen.



GET LEWIS – TED LEWIS UND BRIT-NOIR 9/ by Martin Compart

Elemente der britischen Noir-Literatur lassen sich auf Thriller von Autoren wie Leslie Chateris, Sidney Horler oder Peter Cheyney zurückführen, die alle bezeichnenderweise in dem englischen Pulp-Magazin The Thriller in den 20er- und 30er Jahren Geschichten um gesellschaftliche Außenseiter veröffentlichten. Natürlich waren diese Autoren keine Noir-Autoren im heutigen Sinne. Aber ihre atmosphärische Darstellung der Vorkriegszeit hatte etwas Beklemmendes und Düsteres. Robin Cook alias Derek Raymond sieht die Urväter des Noir-Romans durchaus in Autoren wie Shakespeare, der die dunklen Gefilde der Seele ausleuchtete, William Godwin, dessen CALEB WILLIAMS wohl die erste hard-boiled novel ist und die Pulp- oder Black-Mask-Revolution vorwegnahm, Henry Fielding mit seiner Gangsterbiographie JONATHAN WILDE und natürlich Charles Dickens, der den Horror der urbanen Industriegesellschaft wie kein anderer einfing. Interessierten sei Derek Raymonds autobiographisches Buch, das gleichzeitig eine brillante Betrachtung der Noir-Literatur ist, empfohlen: DIE VERDECKTEN DATEIEN (erschien 1999 als erster Band der DUMONT NOIR-Reihe).
Das vielleicht verbindliche Geburtsjahr des modernen britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debütierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika angesiedelten Roman NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH (KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH; zuletzt im Ullstein Verlag 1989). Obwohl er später harte Geschichten aus der Londoner Unter- und Halbwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein fiktionales Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf sich Chase einen eigenen Kosmos um die fiktive Stadt Paradise City. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in Chase County spielen, in dem er den Sozialdarwinismus der kapitalistischen Gesellschaft ungeschminkt vorführen konnte. Er erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Mitmenschen ist, wenn er nicht untergehen will. Initialzündung für seinen Kosmos war James M.Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT; Heyne 1987). Später schrieb Chase manch besseren Cain-Romane als Cain selbst.
1941 erschien ein weiterer Meilenstein: A CONVICT HAS ESCAPED von Jackson Budd, einem Pseudonym von William John Budd (1898-?). Der Roman zeigt ein beeindruckendes Bild der Londoner Eastend-Unterwelt während des Krieges. Dem Helden werden Schiebereien und Schwarzmarktgeschäfte zum Verhängnis. Das Buch wurde 1947 von Alberto Cavalcanti mit Trevor Howard unter dem Titel THEY MADE ME A FUGITIVE verfilmt. Ein harter und düsterer Film ohne Happy End, der die Handlung in die Nachkriegszeit verlegte. Budd hatte bereits in den frühen 30er Jahren Kriminalromane zu schreiben begonnen, aber keines seiner Bücher übertraf diesen Noir-Klassiker.
Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth und andere schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole bis in die 60er Jahre hinein.

Der erste Autor, der auch die Organisation eines Geheimdienstes beschrieb, war Peter Cheyney mit seiner DARK-Serie. Zuvor hatten die Gentlemanagenten lediglich mit einem nicht weiter ausgeführten Spionageapparat zu tun. Cheyney war der erste, der den Geheimdienst als strukturierte Organisation von Spezialisten beschrieb. Der Autor, der mit fiktiven amerikanischen Slangabenteuern um den FBI-Agenten Lemmy Caution einen Welterfolg hatte, zeigte das Geheimdienstspiel angesichts des zweiten Weltkriegs brutaler und zynischer als seine Vorgänger. In den Dark-Büchern gibt es wiederkehrendes Personal, dass in dem einen Roman eine Haupt- und im nächsten Roman eine kleine Nebenrolle spielt. Die integrierende Figur ist Agentenführer Quayle, der seine Leute von Marokko bis Florida gegen die Deutschen einsetzt. Wie in seinen Lemmy Caution-Romanen gibt es Doppel- und Dreifachspiele zwischen den handelnden Personen. Niemand ist, was er zu sein vorgibt. Cheyney war wohl der erste Spionageautor, der auch der „richtigen“ Seite Skupellosigkeit unterstellte.

Reginald Southouse Cheyney, der sich selbst später Peter Evelyn Cheyney nannte, wurde am 22.2.1896 in London geboren. Er wuchs im Eastend auf, wo seine Mutter ein Korsettgeschäft in Whitechapel betrieb und sein Vater in Billingsgate am Fischmarkt arbeitete. Cheyney besuchte die Mercers School und studierte an der Londoner Universität Jura. Während des 1. Weltkriegs diente er beim Royal Warwickshire Regiment und wurde im Krieg verwundet. Nach dem Krieg führte er kurze Zeit eine Anwaltspraxis. Er versuchte sich mit geringen Erfolgen als Buchmacher, Privatdetektiv, Liedertexter und Politiker; er war Mitglied der faschistischen Partei von Sir Oswald Mosley, was ihm die ohnehin nicht wohlgesonnenen Kritiker immer wieder vorhielten. Cheyney war geradezu ein psychopathischer Patriot. So war er bereit jeden zum Duell zu fordern, der Britannien oder die königliche Familie beleidigte.1933 war er für ein Jahr Redakteur beim „Sunday Graphic“. In dieser Zeit begann er abenteuerliche Kurzgeschichten und Serials für Magazine wie „The Thriller“ zu schreiben, die er zum Teil unter Pseudonymen veröffentlichte. Sein erster Held war der ganz deutlich von Leslie Chateris‘ „The Saint“ beeinflußte Alonzo MacTavish. 1936, als Vierzigjähriger, veröffentlichte er seinen ersten Roman, THIS MAN IS DANGEROUS, der auch der erste Roman mit seinem erfolgreichsten Helden Lemmy Caution war. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er 34 Romane, 31 Bände mit Kurzgeschichten und schrieb unzählige Stories und eine Reihe von Hörfunkserien. Er hatte irrsinnigen Erfolg. 1944 verkaufte er mehr als zweinhalb Millione Bücher, ab 1946 pro Jahr mindestens 1 Million. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte er allein in Frankreich jährlich 9000000 Bücher und in den USA, dem Handlungsort zahlreicher Romane, den er nie besuchte, 300000 Exemplare. Er starb am 26.Juni 1951 in London.