Martin Compart


„RATTLE REKRUT REICHEL“ by Martin Compart
6. Dezember 2019, 10:45 am
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Dies ist ein Auszug aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES, stark überarbeitete Neuausgabe demnächst bei ZERBERUS).

.http://zerberus-book.de/
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Aus dem Kapitel über die 1960er.

Von nun an ging es Schlag auf Schlag!

Jede Woche war was Neues zu entdecken: Kinks, Troggs, Hollies, Manfred Mann, Procol Harum, Animals… Finanziell nicht zu bewältigen. Also sprach man sich ab: Du kaufst die, ich kauf die. Dann tauschen, wenn man die Single hundert Mal in der Woche gehört hatte.
Meine Popularität im Elternhaus erreichte einen Tiefstand. Aber sie kriegten es nicht hin, diese sittlich-ethisch desorientierenden Musik-Kapellen unter Strafe zu stellen. Für uns war die Rock-Musik ein goldener Fluss, und wir standen mit Eimern am Ufer. So erklommen wir die Gipfel der Ruchlosigkeit und Schande.

Noch heute muss man für die frühe Geburt dankbar sein, dass man nicht von kastrierten Prä-Rentnern wie Wincent Vice, Pietro Lombardi oder Glasperlenspiel sozialisiert wurde. Gegen die hätte sogar Willy Hagara gepunktet.

Eine neue jugendgefährdende Tradition entwickelte sich: der Party-Keller!
Manche hatten das Glück, in ihren Häusern Keller zu haben, die nicht als Kohlelager dienten, die recht adrett herzurichten waren. Etwa mit alten Sofas und selbst gezimmerter Bar. Prototypen dieser Hedonismusstellplätze waren bereits in den 50ern von der 5.Kolonne Moskaus eingeschmuggelt worden.

Am wichtigsten war natürlich der Plattenspieler.

Dicht gefolgt von Bildern der Stars, rausgerissen aus der „Bravo“ und an die Wände geklatscht. Ganz weit vorne war man mit einem „Bravo-Starschnitt“, der etwa Robert Fuller (AM FUSS DER BLAUEN BERGE) oder James Dean in Lebensgröße wiedergab. Da konnte schon mal ein Knie fehlen („Da waren wir in Italien und da kriegst du keine Bravo.“).
Ein gutbestückter Party-Keller verfügte natürlich nicht nur über die neuesten Platten, er hatte auch die verbotene Frucht für 10- bis 12jährige im Ausschank: Cola! Wer Cola trank war mindestens schon halbstark. Schmeckte gar nicht so doll, brachte aber Reputation.
An diesem Ort hatte pubertäre Verzweiflung Pause. Mit einem leeren Glas dazusitzen, grenzte an Hausfriedensbruch.

Nein, am wichtigsten für den Party-Keller waren Eltern, die nicht zu Hause waren.

Denn ALTE waren der Horror! Sie lebten ein Leben nach Regeln, die sich andere für sie ausgedacht hatten, die sie nicht einmal kannten.

Und dann kamen die Rattles!
Welches Ambiente war für sie geeigneter als ein Party-Keller? „Come On and Sing“, „Las Las Las Vegas“… Was für ein Krach! Lärm für Frühpubertierende, die mit hochrotem Pickelgesicht unbekannte Wesen fragten, „ob sie mit einem gehen wollen“.

Als man mich aufklärte, dass die Rattles aus Hamburg kamen, wollte ich es nicht glauben. Was für eine Enttäuschung! Als Beat-Band deutsch zu sein, fühlte sich nicht richtig an. Nein, das war schon direkt FALSCH.
Deutsch zu sein war sowieso scheiße. Ami – ja (schließlich plante man eine Karriere als Jess Harper bei den Cowboys), Engländer war auch okay.
Aber Deutscher?
An den Alten konnte man doch sehen, wie hinterletzt es war Deutscher zu sein. Spießer oder Altnazi. Viel mehr war da nicht drin. Und deutsche Musik… I mean really – da war man schon lange drüber weg.
In der Jugend darf man solange hochmütig sein, wie es dem Kenntnisstand nicht widerspricht.

Aber dann fand ich die Rattles doch verdammt gut. Besonders Achim Reichel war ein echter Kerl. Denn bei den Auftritten in heißen Studios hatte er eine Fellweste an, die man ihm aboperierte, als er zur Bundeswehr musste. Zum Start als Panzergrenadier brachte er unterm Stahlhelm 1967 das Video zu „Trag es wie ein Mann“ – noch immer ein Brüller.

Die „ernsthafte“ Journaille war damals stilistisch immer ganz weit vorne, wenn sie über Beat schrieb.

„Die Zeit“ aus Hamburg hatte tatsächlich mitgekriegt, dass es in Hamburg den Star Club und eine Beat-Szene gab. Und dass die Obermacker der Szene Hamburger Jungs waren, die sich „The Rattles“ nannten und nicht – wie man leicht hätte annehmen können – etwas waren, was sich quer durch die Erde aus der Mongolei dorthin durchgebuddelt hatte.

Deswegen war der „Zeit“ Achims Bundeswehreinsatz auch am 29. Juli 1966 einen Wahnsinnsartikel wert, unter der Überschrift RATTLE-REKRUT REICHEL. Ein paar Auszüge:

„Panzergrenadier Achim Reichel, 22 Jahre alt, Ehemann und Vater von zwei Kindern, ist im Privatleben ein Rattle. Ein Rattle ist die deutsche Ausgabe der berühmten englischen, von der Königin dekorierten Beatles. Was John Lennon für die Beatles ist, ist Achim Reichel für die Rattles. Er ist ihr Bandleader, fabriziert für sie Texte, setzt Töne und schlägt die Gitarre. Der Hamburger Star Club ist ihr Domizil. Von hier aus gehen sie auf ertragreiche Tourneen… Doch da flatterte dem Ober-Rattle unerwartet der Einberufungsbefehl ins Haus: Das Kreiswehrersatzamt bat den Beatkomponisten zu einem 18monatigen Gastspiel auf den Kasernenhof. Die Bundeswehr zeigte jedoch Verständnis. Für ein halbes Jahr stellte sie den Rattle zurück, zwecks seiner und seiner Band Geschäfte abzuwickeln. Achim Reichel aber dachte an die Millionen seiner britischen Kollegen und klagte, als nach einem halben Jahr der endgültige Befehl kam, vor dem Verwaltungsgericht. Er trug den Richtern vor: Die Musik, die er mache, sei mehr oder weniger Modesache. In den 18 Monaten seines Wehrdienstes könne sie passé sein. Seine Karriere, die sich so hoffnungsvoll anließ, könne er dann nie wieder nachholen. Der Anschluß sei dann verpaßt.
Die hanseatischen Verwaltungsrichter waren anderer Meinung: `Es liegen bisher keine Anzeichen dafür vor, daß die Beatmusik in naher Zukunft aus der Mode geraten wird´…“

Diese Weitsicht bestätigt mein Vertrauen in die deutsche Justiz.

Eine ältere Kusine, die längst vertraut war mit der Welt des Rock´n´Roll sagte: „Wenn Achim vom Bund zurück ist, ist er genauso erledigt wie Elvis.“

Im Gegensatz zu Elvis ist er stärker zurückgekommen (auch weil er weniger Filme gedreht hat).

Mit Wonderland ließ er es nach dem Bund sofort krachen. An „Moscow“ kam ´68 keiner vorbei.
„Die grüne Reise“ kam für mich zu früh. Diese Begleitmusik für psychedelische Freizeitpharmazeutika entdeckte ich erst nach meiner bescheuerten (aber kurzen) Amon Düül-Phase. Achim schloss nie eine Vollkaskoversicherung für kommerziellen Erfolg ab.

Während Udo Lindenberg zu nerven begann und sich deutsche Liedermacher auf verstaubten Ritterburgen was vorsangen, schuf Reichel die elektronische Musik, die erstmal kaum einer wirklich verstand. Spätestens da war jedem klar, dass er sich nicht einordnen ließ oder wollte. Sturköpfig zog er nur das durch, was er wollte. Seitdem weiß man nicht, womit er beim nächsten Album um die Ecke kommt.

Warum halten ihm die Fans bei allen unerwarteten Volten die Treue?
Das sieht man bei Live-Konzerten, die er immer reichlich gibt:
Auch wenn er auf ´ner Bühne sitzt, hat jeder im Raum das Gefühl, er spielt nicht für uns, sondern mit uns. Dadurch entsteht ein merkwürdig intensives Gemeinschaftsgefühl. Und Achim Reichel wird als „einer von uns“ wahrgenommen. Ähnliches konnte man in den späten 60ern erleben, als die Bands ein Teil des Movement waren und nicht als Wirtschaftsunternehmen gesehen wurden.
Reichel hat diese tief empfundene demokratisch-sozialistische Utopie der 60er nie aufgegeben. Wie sehr ihn die politisch-ökonomischen Fehlentwicklungen bewegen, hört man in seinen wütenden Texten, etwa in „Exxon Valdez“ oder „Neandertaler in Nadelstreifen“.
Aber was nützt der beste Text, wenn die Musik keine Substanz hat?

Mitte der 1970er überraschte er mich mit „Dat Shanty Alb´m“. Das war unter den hanseatischen Emigranten in München stark angesagt.
Und in den 1980ern lernte ich ihn persönlich kennen, dank Jörg Fauser, mit dem Achim damals intensiv zusammenarbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte… Siehe https://martincompart.wordpress.com/2019/01/25/herzlichen-glueckwunsch-achim-reichel/

Achim war immer so hanseatisch deutsch, wie Ray Davies britisch oder Bob Dylan nordamerikanisch war, beziehungsweise ist. So wie Davies Music Hall-Einflüsse verarbeitete und aktualisierte, gräbt Achim immer wieder tief im deutschen Kulturgut, um Shantys oder Volkslieder zu entstauben und aktuell zu revitalisieren. In „Kuddel daddel du“ kann man den Schlager der Weimarer Republik raushören.

Wer sich so intensiv mit Volkskultur (im progressiven Sinne) beschäftigt, schafft dann selber welche.

Anders als der Egomane Davies nutzt Achim auch die Werke deutscher Klassiker oder neuer Dichter (am prominentesten wohl Fauser), um sie originell zu vertonen. Er riss zu vergessen drohendes oder zu Schulstoff verkommenes („Erlkönig“, „Zauberlehrling“ etc) zurück in die Popularität.
Das hat so manchem gelangweilten Schüler klar gemacht, wieviel Spaß man an dem alten Mist haben kann.

Mit Davies scheint er auch die Liebe zu seiner Heimatstadt zu teilen. Ohne London ist Ray kaum vorstellbar, er schrieb einige der schönsten Songs über die Stadt („Sunny Afternoon“, „Waterloo Sunset“ u.a.). Bei Reichel schwingt der Hanseat immer mit – im Tonfall und auch in der coolen Ereignisbeschreibung („Dolles Ding“), die man erst braucht, wenn sie da ist.

Am verblüffendsten ist für mich sein laid-back-Sound!
Diese uramerikanische Gitarrenmusik, die man mit Leuten wie Tony Joe White oder J.J.Cale verbindet, geht Reichel in Kombination mit deutschen Themen und Texten so leicht aus der Klampfe, als hätte er sein Leben lang in Oklahoma auf der Veranda Maispfeife geraucht.

Diese Unangestrengtheit kommt auch seinen Hits zu Gute: „Der Spieler“, „Aloha Heja He“, „Fliegende Pferde“, „Exxon Valdez“, „Amazonen“, „Boxer Kutte“, „Kuddel Daddel Du“ – wenn er will, kann er eben mal so Hits raushaun (auch wenn der Markt das manchmal nicht mitkriegt oder Radio-Idioten sie sabotieren, wie bei „Amazonen“ von 1993, von Radiosendern nicht gespielt, weil er das Wort „Männerarsch“ enthielt und als „frauenfeindlich-diskriminierend“ interpretiert wurde).

Ganz nebenbei schrieb er auch noch den definitiven Song, der die „Neue Deutsche Welle“ voll auf den Punkt bringt: „Robert der Roboter“.

Das Lied über maritime Geschlechtskrankheiten „Aloah Heja He“ ist einer der ganz wenigen Schichten übergreifenden Monsterhits: Er funktioniert grölend im Bierzelt und auf Schützenfesten genauso wie unter kichernden, kiffenden Intellektuellen. Vielleicht sowas wie sein „Satisfaction“. Im Mörserfeuer dieses Songs verbrennt er jeden Saal, der dann in bester Laune nach Hause geht, ohne von Gonokokken beunruhigt zu sein. „Die Single klemmte zuerst und die Plattenfirma war schon drauf und dran, den Mut zu verlieren. Und dann kam von denen der wunderschöne Spruch, den ich nie vergessen werde: ‚Achim, wir glauben, der Song ist zu sehr ‚Out of normality‘.“

Das Reichels Platten international lässig mithalten, liegt auch an der Qualität ihrer Produktion. Immer auf der Höhe technischer Möglichkeiten, aber nie überproduziert und mit exzellenten Arrangements (da macht ihm niemand was vor). Und er hat ein Händchen für Musiker! Die Bands, mit denen er tourt, sind immer erstklassig und laufen auf allen 12 Zylindern.

Und während die meisten zeitgenössischen Pop-Musikanten – Bands wie Silbermond und andere mit durchnummerierten Christa Stürmer-Zombie-Sängerinnen – in ihren Hirnen Geisterstädte unterhalten, ist Reichel neugierig und rege wie immer.

Achim gehört zu den wenigen Großen aus den Sixties, die nicht nur nostalgisch Säle füllen, sondern weiterhin relevant sind, weil sie keinen Trends hinterher laufen. Viele Sixties-Ikonen sind inzwischen so leer wie Abbruchhäuser.

Nun ist Achim Reichel selbst Kulturgut. Zum Glück weiß er das nicht und macht einfach weiter, um mit den Stones, Ray Davies und einigen anderen dahin vorzustoßen, wo noch keiner war. Denn er ist immer noch topfit mit seinem wartungsfreien Gute-Gene-Körper.

Einer der schönsten Songs mit Fauser:

Bei dem Arrangement kann ich ausflippen. Einer meiner absoluten Lieblingssongs aller Zeiten!

Einer der schönsten Songs über eine Seite von Fauser – und damals kannten sie sich noch nicht.

Und hier erzählt Herr Reichel was:



40 JAHRE BITTERMANN by Martin Compart

Zur 40jährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht der Verleger Texte über seine Autoren, die wichtig für den Verlag waren und sind und ihn mit geprägt haben, Texte über Wolfgang Pohrt und Eike Geisel, über Harry Rowohlt und über die verlorene Freundschaft mit Roger Willemsen, über Fanny Müller und Horst Tomayer, über Hunter S. Thompson und Guy Debord. Außerdem enthalten sind Elogen auf Bücher und Literatur von Lucia Berlin, Patrick Modiano, Mordechai Richler, J.D. Vance, Rita Navai, Didier Eribon und Benjamin von Stuckrad-Barre, die der Verleger selbst gerne verlegt hätte. Ein großer Essay über die verführerische Kraft der Zigarette, die zur Emanzipation der Frau mehr beigetragen hat als die Frauenbewegung, eine Verteidigung des »Kommenden Aufstands«, ein Vortrag über den Palästinakonflikt, einige Bemerkungen über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass und den verschrobenen Rechthaber Sarrazin. Dabei entsteht ein Bild mit vielen Facetten, die dem Verlag sein einigermaßen unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Critica Diabolis 269
Broschur
380 Seiten
20.- Euro
ISBN 978-3-89320-249-2

Das Spektrum der Texte ist viel größer als es ein kurzer Klappentext darstellen kann.

Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen.
Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.

Die höchst unterschiedlichen Texte zeigen Bittermanns literarische und analytische Fähigkeiten in vielen Aspekten und erklären damit auch, warum seine EDITION TIAMAT zu einem der bedeutendsten deutschen Verlage geworden ist.
Die Portraits zeigen Bittermanns „Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream sind…“

Unter den Betrachteten befinden sich auch Autoren, die nicht in der Edition Tiamat veröffentlicht wurden. Darunter eine sehr schöne Erinnerung an Jörg Fauser, der zum ersten Mal ein Buch von Bittermann (aus dem Spanischen Bürgerkrieg – wie könnte es anders sein?) auf ein Magazin-Cover (TIP) brachte.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who-Is-Who der Außenseiter-Literatur der letzten Jahrzehnte – eher mehr: denn auch Friedrich Engels oder Ben Hecht werden besprochen.

Bittermann ist nicht nur ein kluger Analytiker, er verfügt auch über eine beeindruckende Bildung. Ich bin beim Lesen auf eine ganze Reihe von Namen gestoßen, die mir zuvor unbekannt waren, die jetzt kennenzulernen mich Bittermanns Texte begierig stimmen.

Man kann diese Collection freudig hintereinander weg lesen. Genauso kann man sich immer wieder ein Stück herauspicken. Sicherlich eines dieser Bücher, die in zwei Jahren völlig zerlesen sind, da man immer wieder auf sie zugreift.

Mir bereiten die „Feind-Texte“ ein besonderes Vergnügen. Im Gegensatz zu Bittermanns „Freunden“, teile ich seine „Feinde“ alle. Und da findet man auch eleganteste Bosheiten:
„Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.“

„Nur ich nahm Martin Walser vor diesen Anfeindungen in Schutz und behauptete, das einzige Problem Walsers sei, dass er nicht schreiben könne, dies aber ausführlich tue.“

Mehr qualitativen Gegenwert an bedruckten Papier kann man mit schnöden Mammon kaum erwerben.

Der Verleger mit Kinky Friedman.



ACHIM REICHEL ÜBER JÖRG FAUSER by Martin Compart
15. November 2019, 1:49 pm
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Leider war EINE EWIGKEIT UNTERWEGS aber auch die letzte Platte, auf der ich mit Jörg Fauser zusammen gearbeitet habe. Mit Jörg ist mir nicht nur ein guter Freund verloren gegangen, sondern auch eine Art Lehrmeister. Von ihm lernte ich unglaublich viel über das Kreieren von Texten.

Jörg war einfach extrem inspiriert. Der sagte gern mal nach einem Gespräch: „Gib mir mal ein paar Minuten.“, und brachte in dieser Zeit den Inhalt unseres Gedankenaustausches in eine Versform, bei der jedes Wort am richtigen Platz erschien – das fand ich beeindruckend. Fauser war als Schreiber in vielen Disziplinen zu Hause, ein wahrer Meister des Wortes.

Was man aber auch über ihn wissen muss, ist, dass er einen riskanten Lebensstil pflegte. Der lebte seine eigenen Geschichten bis zum Exzess. Und die damit verbundenen Milieu-Studien waren für ihn ein Teil seiner Suche nach dem Echten, dem Wahren.
Mein Lieblings-Titel auf dem Album „In Bali“ vermittelt das in seinem Text ganz deutlich. Fauser kannte sich im Milieu aus. Über Figuren, wie sie In Bali auftauchen, kannst Du nur schreiben, wenn Du sie selber kennen gelernt hast.

Das ist denn auch eine gute Überleitung zu meiner Ost-Asien-Tour, auf der Jörg eben auch dabei war und die er für den Stern dokumentierte. Anschließend ging es dann auf Deutschland-Tour, die ich auf Grund einer Salmonellen-Vergiftung abbrechen musste. Und just, als ich aus dem Krankenhaus kam, ist Jörg betrunken vor einen LKW gelaufen und das auch noch an seinem Geburtstag. Irgendein Tod wäre für ihn wohl zu wenig gewesen – auch wenn das jetzt zynisch klingt. Ein großer Verlust.

https://www.achimreichel.de/



HEUTE GEHT ES LOS! ACHIM REICHEL ON TOUR! by Martin Compart
23. Oktober 2019, 8:21 am
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23.10.2019 Flensburg Deutsches Haus
24.10.2019 Lübeck Muk
26.10.2019 Berlin Admiralspalast
28.10.2019 Hannover Theater Am Aegi
29.10.2019 Hamburg Laeiszhalle
30.10.2019 Hamburg Laeiszhalle
01.11.2019 Husum Kongresszentrum
02.11.2019 Oldenburg Kulturetage
04.11.2019 Bremen Glocke
05.11.2019 Braunschweig Stadthalle
06.11.2019 Osnabrück Rosenhof
08.11.2019 Mannheim Musensaal
09.11.2019 Mainz Frankfurter Hof
11.11.2019 Essen Lichtburg
12.11.2019 Köln Gloria
13.11.2019 Nürnberg Hirsch
15.11.2019 Leipzig Haus Auensee
16.11.2019 Düsseldorf Savoy
17.11.2019 Bielefeld Ringlokschuppen
19.11.2019 Dresden Alter Schlachthof

ZUSATZKONZERT : HAMBURG – LAEISZHALLE AM 30.10.2019
VERLEGT : DRESDEN – ALTER SCHLACHTHOF AM 19.11.2019

Für Karten wird es eng! Fast die Hälfte der Gigs ist bereits ausverkauft.

https://www.achimreichel.de/



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG INS SCHLANGENMAUL 4/

Heute: GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE

Was sind schon Schriftsteller, Kritiker und Autoren ohne einen Verein, der den Lauf der Zivilisation ändert?

1983 gründeten Peter Schmidt, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE mit Programm, Pressekonferenz und dem ganzen Kram. Georg Schmidt sorgte dafür, dass das Manifest im „TIP“ verbreitet wurde. Der Name basierte auf dem Ort, der beim Austausch von Spionen im Kalten Krieg bevorzugt wurde.
Das musste erstmal gefeiert werden.

Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin angesagt. Gemäß unserem Konzept für progressive Völkerfreundschaft und deutsche Thriller-Motive von internationalem Niveau.
Treffpunkt Kochstraße, mit der U zur Friedrichstraße. Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt, nach Hause zu gehen und führte das OBERBAUM-Manifest in der israelischen Kampfjacke mit.

Jörg und Schmidt kamen unbelästigt durch die Kontrollen.
Mich krallten sie sich und zogen das subversive Pamphlet aus der Brusttasche. Wahrscheinlich hatte ein Spitzel in der U-Bahn mitgekriegt, dass ich mir Sorgen wegen des mitgeführten Textes machte.

Das war’s.

Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Bautzen oder Sibirien?
Ob Markus Wolf einen Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich könnte die nächste Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.

Mein ohnehin gestörtes Vertrauen in den real existierenden Sozialismus schwand von Minute zu Minute mehr, und ich fühlte mich Matthias Walden plötzlich so nahe, wie es nicht sein durfte.

Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Elend durstig, kaufte ich mir am Getränkestand vor dem Bahnhof eine Art Flüssigkeit, die als „Klub-Cola“ in die Geschichte der deutschen Trennung eingegangen ist. Ich spie sie umgehend aus, und umgehend machte ich mich an die Ausreise. Die geschah innerhalb von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze voll vom Arbeiter- und Bauernstaat.

Schmidt und Jörg hatten eine Stunde gewartet, bevor sie alleine los tobten. Jörg hatte zu Schmidt gesagt: „Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den Vorstand von Springer.“
Ja, ein guter Freund denkt auch ans berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel.

Ich verzog mich umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich hin. Da war ich wohl gerade noch einem Schicksal schlimmer als der Tod entkommen.
Ob West- oder Ost-Berlin – warum wollten sie mich denn bloß dauernd in den Knast stecken?

Abends wurde Sturm geklingelt. Ich turselte benommen zur Gegensprechanlage, und Jörg fragte aufgeregt: „Haben sie dich wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?“
Wir gingen einen trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit Schmidt hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen.

Sie hatten ab Friedrichstraße einen Stasi im Schlepptau gehabt, der sie „unauffällig“ beschattete. Den Beiden machte das Spaß. Einmal klatschte Schmidt seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und brüllte: „Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.“ In den Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, dass es nur Korn gäbe.
„Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste nicht lesen? Gib uns Wodka!“, verlangte Schmidt, während sich auf Jörgs Stirn die Schweißperlen vermehrten.
Kein Feingefühl für das Empfinden der Besetzten.

Ende Januar 1985 hatte sich Gavin Lyall mal wieder in Berlin angesagt. Gavin war immer einer meiner Lieblingsautoren gewesen. Erst durch Abenteuer- und Action-Thriller wie MIDNIGHT PLUS ONE (Filmrechte kaufte der unvermeidbare Steve McQueen) oder THE MOST DANGEROUS GAME, später dann die MAJOR MAXIM-Serie und vier historische Spionage-Romane. In meinem ersten Monat hatte ich die deutschen Rechte an Lyall für Ullstein erworben. Es entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft daraus.
Natürlich kannte Jörg ebenfalls Gavins Bücher.

Ein guter Grund für ein Annual Dinner der Gruppe Oberbaumbrücke.

Wir luden dazu unseren Ehrenpräsidenten Ross Thomas ein, der so kurzfristig nicht konnte. Jörg hatte ihm geschrieben, dass wir ein paar Leute rausgeschmissen hätten und nun nur noch eine Handvoll Mitglieder wären.
Ross schrieb ihm zurück, wir sollten noch ein paar Leute rauswerfen, um ein wirklich exklusiver Verein zu werden.

Beim Interview in der ZDF-Doku VERRÄTER UND SPIONE.

Am 30. Januar trafen wir uns zum Dinner in einem höchst exklusiven Restaurant, das Jörg ausgesucht hatte, um unseren Ehrengast Gavin Lyall zu würdigen.

Jörg schrieb das Protokoll:

„Annual Dinner of Oberbaumbrücke, 30 January 1985 at Bamberger Reiter, Berlin. Present: Mr. M.Compart, Mr. W.Proll, Mr.J.Behrens, Mr.J.Fauser. Guest of Honour: Mr.Gavin Lyall. Order of the Day: Speech. Food. Drink. General amusement. “

Über das Dinner schrieb Gavin im OBSERVER:

„You don’t expect friends to be perfect. They want me to go to a small literary dinner where I know Martin will try to get me to drink Korn (dynamite-flavoured vodka), and Wolfgang (Proll) slipped on the ice and knocked out two teeth, which spoils his perfect English, and when he asked what he should wear for the dinner, Jörg said `Teeth ‚which tells you something about Jörg. Friends should be friendly, comfortable and sometimes exciting. That is how I would describe West Berlin.“

Wir hatten uns hingesetzt und die ersten Drinks genommen.

Jörg stand auf und schlug leicht gegen sein Glas. Dann legte er los:

Gentlemen, informed that one of the original members of Oberbaumbrücke had been defected, Mr. Ross Thomas, as our Honorary President, wrote: „I refuse to admit that the group has become defunct. Instead, it has only become more exclusive. With just a few more defections, it may well become the most exclusive organization in the world with a total membership of minus one.“

Introducing our guest of honour tonight I can now assure Mr.Thomas that even without more defections we have become exclusive. Or what could be more distinguished company than Mr.Gavin Lyall, of whom John London’s once wrote: „Good thriller writers are born, not made. They are one in a thousand – and Gavin Lyall is unmistakably of their company.“
In one of your novels, Mr.Lyall, you give a very vivid description of what it means for a professional pilot to be cut off from the daily weather report. This has struck me as a perfect image of what literature – at least the kind we at Oberbaumbrücke support – is all about.

The thriller is indeed like a weather report of the troubled regions of human existence, and to be cut off from these reports would be like being condemned to live permanently in the vast hall of an airport where everybody is on strike, staring at the disconnected announcement boards, cut off from reality.

The heroes of your novels – whether they are smugglers or pilots, hunters or soldiers – rank among the finest of their kind, because – however offhand they might approach their subject – they are performing reconnaissance missions for human qualities without which we could not survive as men and as writers: courage and loyalty.

Reading your novels one knows what kind of storms we are living through; but one draws also a very British kind of toughness from them: we shall endure.

I congratulate our group on having you with us tonight.

Der ultracoole Gavin hatte eine Träne im Auge.

Vor dem Dessert fragte Gavin in die Runde, ob und warum der Wald so eine starke Bedeutung für die Deutschen habe. Wir vier schnatterten aufgeregt eine halbe Stunde hin und her. Dann kamen wir mit dem epochalen Konsens: Nicht unbedingt für Städter, aber auch!
Gavin kam aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Jörgs Originaltext

Gavins charmante und brillante Frau ist in GB selbst ein Star:



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart
13. September 2019, 9:06 am
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DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 3/

HEUTE: ABENTEUER IM ÜBERBAU

Drei Tage vor dem Bruce Springsteen-Konzert 1981 war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung durch München einen neuen Rekord aufgestellt. Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das Speed glühte nach. Ich war dabei, die Entgiftung mit summa cum laude abzuschließen: Da war doch dieses Buch, das ich schon ´ne Weile lesen wollte: MARLON BRANDO von Fauser. Ein bisschen was hatte ich von ihm schon im „TIP“ gelesen.

Und natürlich war ich von ALLES WIRD GUT begeistert, das mir verdeutlichte, wie tief man in München noch sinken kann…

Später bekundeten wir häufig und missionarisch, dass München viel härter wäre als Berlin mit seiner Subventionskultur, in der jeder für ein „Projekt“ ein paar Groschen abgreifen konnte. Das erzählten wir jedem, der es nicht hören wollte – wie hart sich unser Überlebenskampf in Minga gestaltet hatte:

„Wasser? Wasser gab es nicht jeden Tag. Manchmal war man zu schwach, um sich bis zur Isar zu schleppen, um zu trinken. Und wer hatte schon eine Flasche, um Wasser mitzunehmen? Ein seltenes und kostbares Gut für die bürgerlichen Schichten.

Essen? Nun ja, gelegentlich warf einem schon mal eine gutherzige Marktfrau eine glasige Kartoffel zu oder eine vertrocknete Brezen… Das waren dann Feiertage, an denen man weinend dem Herrn dankte, dass er doch über einen wachte. Man war zu arm, um sich Aberglauben leisten zu können. Wir hatten nur unseren Seelenadel.

Bier? Jaja, Minga-Bierstadt. Bayrisches Bier gilt da ja als Grundnahrungsmittel. Kein Getränk für jedermann. Für uns was ganz seltenes und besonderes. Da kam man ganz schwer dran. Das einzige Bier, das wir auch nur wenige Male gekostet haben, bestand aus zusammen geschütteten, abgestandenen Resten in der Blauen Nacht oder einem unübersichtlichen Biergarten, bevor man mit Tisch- oder Stuhlbeinen da weggeprügelt wurde.

Nachts suchte man Trost beim einzigen Buch, das man aus einem Sperrmüll gezogen hatte und der größte Schatz war, den man in seiner abgewetzten Wehrmachtsuniform immer bei sich trug. Im schummrigen Licht der Straßenlaterne (wenn man das Glück hatte, eine zu finden, von der man nicht mit bissigen Hunden vertrieben wurde) las man dann in der zerfledderten Vorkriegsausgabe von OLIVER TWIST, um ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Das ermutigte manchmal, den Strick um den Hals an einer der Isarbrücken wieder zu lösen. Manchmal auch nicht. Dann hing man da, über der nächtlichen Isar, leicht im Wind baumelnd, mit gebrochenem Genick…“

Ich knallte mir das Buch rein und konnte nicht fassen, wie gut es war. So eine Star-Biographie hatte ich noch nie gelesen!

Ich nahm mir fest vor, diesen Typen kennenzulernen.
Später stellte sich heraus, dass wir in München wohl zur selben Zeit in teilweise dieselben Kneipen gegangen waren.
Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden, ohne ins Gespräch zu kommen. Denn im Gegensatz zu Jörg, bin ich fast nie allein um die Häuser geschlichen. Weißbierkeller, Blaue Nacht, rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel… Wahrscheinlich hatten wir in denselben Nachtvorstellungen dieselben französischen Gangsterfilme geguckt.

„Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere auch gemacht“, fragte mich Jörg später.
„Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest du mich garantiert abserviert.“
„Nicht unbedingt.“
„Nee, nicht unbedingt.

Für die „Arbeitsgemeinschaft Kriminalliteratur“ (im Umfeld der Münchener Uni 1980 gegründet) schrieb ich regelmäßig Artikel und Kolumnen für das Mitteilungsblatt. Aber auch schon mal ein Feature über das Sammeln von Kriminalliteratur für das „Sammlerjournal“.
Da ich zu zart für körperliche Arbeit bin, schrieb und übersetzte ich, um das karge Bafög aufzustocken.

In München bekam man sogar den Berliner „TIP“, der damals verstärkt überregional vertrieben wurde. Den las ich regelmäßig, denn der Kulturteil war moderner und progressiver als der durchschnittlicher Blätter. Film und Musik hatten mehr Platz, und mit den Rezensionen konnte ich mehr anfangen. Dass da Jörg Fauser seit Anfang 1981 am Werk war, fiel mir erst auf, als DER SCHNEEMANN vorabgedruckt wurde. Der Roman gefiel mir, klar, dass er als Redakteur stattfand, war mir nicht klar.

Der „TIP“ wäre vielleicht das richtige Forum für einen Artikel über Kriminalliteratur. Ich schickte, er wurde angenommen, veröffentlicht.

Nachdem Bernd Jost seinen bevorstehenden Wechsel zu Rowohlt als Nachfolger von Richard K.Flesch verkündet hatte, musste für Ullsteins Gelbe Reihe ein Nachfolger gesucht werden.
Ullsteins Geschäftsführer Viktor Niemann und Pressechef Wolfgang Mönninghof (in Personalunion als Chef-Lektor) trafen sich gelegentlich auf Drinks mit Fauser und „TIP“-Chef Werner Matthes, der Fauser nach Berlin geholt hatte. Es gab auch keine Zweifel, dass Niemann an Fauser als Autor für Ullstein interessiert war. Jedenfalls regte man an, die Ullsteiner sollten sich doch mal den Typen von der Arbeitsgemeinschaft ansehen, der diesen Artikel über Kriminalliteratur geschrieben hatte.

Niemann hatte ich schon zuvor als Chefideologe der AK belästigt
(„Hören Sie auf, die Innenklappe mit Marlboro-Werbung zu verunstalten.“
– „Wäre es Ihnen lieber, dass die Krimis dann teurer würden?
– „Nein. Senken Sie den Preis und lassen Sie gleichzeitig die Reklame weg.“

Ich hatte also meine betriebswirtschaftliche Kompetenz bereits nachgewiesen).

Der Rest ist bekannt: Nach einem Gespräch in Berlin hatte ich den Job, wurde jüngster Herausgeber Deutschlands, und bereits im ersten Job-Monat kreuzten sich Jörgs und meine Pfade.

Ich hatte zwar schon „TIP“-Chefredakteur Werner Mathes persönlich getroffen, aber Jörg noch nicht kennengelernt. Muss Anfang August ’82 gewesen sein, als Matthes mich zu einer Gaststätte bestellte, um über den „Literatur-Tip“ zur Buchmesse zu sprechen. Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur.

Es war ein scheißheißer Tag, und ich frittierte im Büro im eigenen Schweiß. Mit einem Taxi fuhr ich durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz. Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken Whisky. Matthes stellte Fauser und mich einander vor. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich es Ihnen zu verdanken hatte, bei Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich wollte auch einen Whisky. Fauser grinste. Ich konnte kein ganz schlechter sein.
Aber wir saßen nicht nur da und waren hübsch anzusehen, wir gingen auch ernsthafter Trinkertätigkeit nach, und ich akzeptierte natürlich den Vorschlag, über Jim Thompson zu schreiben.

Nach der Veranstaltung in Loccum, verdichtete sich unsere Bekanntschaft und entwickelte sich zu einer zelebrierten Männerfreundschaft.

Wir besuchten gelegentlich Kultur-Veranstaltungen, gehörten aber nicht dazu, weil wir nicht dazu gehören wollten. Wir meinten eine Art „freundlichen Stalinismus“ der Apparatschicks auszumachen, der sich für Disziplin gegenüber genehmen Denkmustern und gegen abweichenden Individualismus richtete. Ihrem Kastendenken stellten wir die Wahrhaftigkeit der Noir-Avenues gegenüber. Diese Kulturszene interessiert (e) sich nur für Biedermeierthemen. Wie die Welt wirklich funktioniert, interessiert sie nicht. Da mussten wir schon zu Jim Thompson oder Ted Allbeury greifen. Es ging gar nicht mal um die Systemfrage, es ging darum, wie das System funktioniert. Erkennt man das, kommt die Systemfrage von selbst.

Existentialistische, an Camus erinnernde Aussage, wie diese von Jean-Pierre Melville passten hier nicht hin: „Ich mag nutzlose Anstrengungen sehr. Der Aufstieg zum Misserfolg ist eine ganz und gar menschliche Seite. Der Mensch geht von Erfolg zu Erfolg unentrinnbar auf sein letztes Scheitern zu: den Tod. In meinen Filmen gibt es immer eine Minute der Wahrheit: Der Mensch vor dem Spiegel, das ist die Prüfung, die Bilanz.“
Nein, hier kreiste alles um großbürgerliche Ästhetik, bürgerliches Glücksstreben in der Idylle eines progressiven Opernhauses und dessen Unmöglichkeit wegen der großen Schuld der Väter. Echokammern eines überholten Geisteslebens. Kulturelle Geisterfahrer.

Jörg wurde nicht vom bourgeoisen Feuilleton missachtet, er wurde von ihm nicht verstanden. Das zeigt sich auch darin, dass er jederzeit zu ihm Zugang fand. Ein Helmut Karasek hatte kein Problem, Jörg im „Spiegel“ über Mickey Spillane schreiben zu lassen, die „FAZ“ druckte seinen Essay über Ross Thomas vorab. „Lui“, „TransAtlantik“ und andere Zeitungen und Magazine standen ihm offen. Indem er den TIP (nicht nur mit der jährlichen Literaturbeilage zur Buchmesse) mit einer regelmäßigen literaturkompetenten Portion ausrüstete, wurde er selbst zum Player in diesem desparaten Genre. Seine Überlegenheit und Originalität kam eben nur nicht bei jedem Mitkombattanten gut an. Besonders nicht seine Tunnelbohrungen durch diesen überdimensionalen Misthaufen, der als deutsche Gegenwartsliteratur gefeiert wurde.

Denn unter den Möglichkeiten für eine zeitgemäße Literatur sahen wir Formen der Kriminalliteratur als überzeugendste Möglichkeiten (in der Umsetzung anders als der häufig talentlose Sozio-Krimi und seine stilistisch begrenzten Autoren). Denn in der sogenannten zeitgenössischen deutschen Literatur ging es ja nur darum, dass Leute, die einen nicht interessieren, nichts erleben.

Mit André Malraux teilten wir die Ansicht, dass Kriminalliteratur „das wirksamste Mittel ist, einen ethischen oder poetischen Sachverhalt in seine ganze Intensität zu übersetzen“.
Angesichts des Widerstandes (zum Teil Hass), der uns von Feuilletonisten und Autoren entgegenschlug, grinsten wir lediglich in unserer tief empfundenen Arroganz und hielten es (abgewandelt) mit John Milton: „Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.“
Eine unserer Strategien gegen unserer Meinung nach gestriges Kulturverständnis waren Debatten statt Diskussionen, da diese den höheren Provokationsfaktor haben. Jörg kannte die gegnerischen Konzepte genau: Oft las er diese Nabelschau-Bücher nur zu Ende, weil er wissen wollte, ob der Autor tatsächlich dieses miese Niveau halten konnte.

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Für mich sollte sich diese schöne Erkenntnis einmal mehr beweisen. Eines Abends – ich machte mich gerade für die Piste fertig – klingelten die Bullen. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus der Münchener Zeit mit Karibik-Horst, den ich längst begraben wähnte, war noch anhängig. Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft, bis die Banken öffneten.

Soviel Kohle hatte ich nicht einstecken, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram wie Kreditkarten. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort am Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer besseres als Knast vor?

Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte in der Frontstadt damals manch kleines Wunder. Die Cops waren einverstanden und führten mich ohne Handschellen zu Jörg ins 13.Arrondissement.
Da Jörg Gäste erwartete, musste er zu Hause sein. Es war noch früh, zu früh für einen Joint, die Gäste waren erst angekommen. Keine Rauchschwaden zu erwarten.
Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg musterte die grinsenden Bullen, zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein und die Bullen wünschten uns noch einen schönen Abend.

Gibt wohl nicht viele Autoren, die einen Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht. Allerdings liebte er es auch, erbost zu sein. Ein feuilletonistischer Streuner, Hass in der Feder, hatte ihn oder von ihm geschätztes dann angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muss, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen.

Von Jörg selbst bearbeitetes Manuskript.

Zeit seines Lebens, wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt: „Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert“. Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrissbirnen nicht an ihn ran.

Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name, Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen den Hass auf Jörgs Überlegenheit, den Hass darauf, dass er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Hass darauf, dass er in jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold herstellte, den Hass darauf, dass er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Hass auf ihre eigene Unzulänglichkeit.

Noch heute gibt es ja solch ewige Buben, die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, dass von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. „Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden“, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.

Was zum Teil von denen zu halten ist, die ihre Talentlosigkeit damit überdecken, dass sie sich heute auf Fauser beziehen, ist eine andere Geschichte.

Wie wir alle (und insbesondere Künstler), war auch Jörg eitel. Wenn jemand clever genug war, die richtigen Knöpfe zu drücken, konnte er mit seiner Wohlgesonnenheit spekulieren. Mich hat das häufig verärgert:
„Aber der hat doch bereits nachgewiesen, dass er nicht schreiben kann!“
„Jeder fängt mal an. Und in seiner Bestrebung zu mir lässt sich erkennen, dass er nach dem richtigen Weg sucht.“
„Er schmiert dir Honig ums Maul, weil er hofft, dass du für ihn nützlich sein kannst.“
„Zweifellos ein Zeichen von Intelligenz.“
„Du hast selbst gesagt, wie schlecht er schreibt.“
„Er hat noch einen langen Weg vor sich. Um so wichtiger, von den Besten zu lernen.“
„Aber sicher. Du bist eine Vollkaskoversicherung für ästhetisches Gelingen.“


Alles was auch nur den Anflug von Hippie-Kultur und Verwandtem hatte, war für Jörg sehr schlecht beleumdet. In seiner TIP-Kolumne ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um sich mit alternativen Subkulturen anzulegen („Lieber die Pershing im Vorgarten, als den Politkommissar am Schreibtisch“). Vom „Underground“ war da nicht viel übrig.
Es waren Zeiten der Polarisierung, und das liebte Herr Fauser. Außerdem gefiel ihm die Rolle des Advocatus Diaboli.
Abgesehen von seinem Gespür und Bewusstsein für (politische) Kriminalität war Jörg in vielem so progressiv wie ein sozialdemokratischer Ortsvereinskassierer.
Aber für die vielen Masken der Korruption hatte er ein feines Gespür.

Ich hatte zwar auch für den Rest meines Lebens genug von dem Alternativscheiss (siehe meine Aufzeichnungen in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Sozialisationsgeschichte mit den Rolling Stones), aber mir standen Hausbesetzer näher als Innensenator Lummer.
Jörg hatte ein Faible für kleinwüchsige autoritäre Spießer. Erkennbar auch in seiner kurzzeitigen Faszination von Proll Gert Schröder und Joschka Fischer. Deren volle Idiotie des Kommenden war damals noch nicht wirklich vorhersehbar; das muss man als mildernde Umstände anführen.
Das Meiste aus dem Alternativscheiss wird sowieso zum Mainstream von Morgen, wenn es sich kommerziell verwerten lässt. Zwischen den Stühlen konnten wir vortrefflich stehen um auf die Sitzenden herabzublicken.

Andererseits war Jörg immer interessiert am Anarchismus und an Freiheitskriegen. Ihm missfiel die Idiomatik, mit der die „Linke“ (was immer das sein mag) alles heroische verteufelte und klein zu machen versuchte. Wir hatten beide erlebt, wie die Linke sich seit den 70ern gegenseitig exkommunizierte. Diese dogmatischen Idioten ernst zu nehmen, fiel schwer, während wir der Roten Armee Fraktion Respekt nicht verweigern konnten.
Der Spanische Bürgerkrieg und George Orwell und die Beats hatten ihm jeden Dogmatismus ausgetrieben. Mit der Faszination des Faktischen, der Macht der Tat, war Jörg ganz bei seinen literarischen Idolen.

Zu meinen Freundschaftsaufgaben gehörte es auch, Jörg gelegentlich zu stabilisieren.
Da ich alles verachtete, was Häme oder Unverständnis über ihn ausschüttete, war das ziemlich leicht. Wenn ich mit meinem hypertrophierten Selbstbewusstsein diese Bagage lächerlich machte und vollkommen überzeugt darauf hinwies, dass es keinen Autor deutscher Zunge gab, der ihm das Wasser reichen könne, blieb ihm nur Zustimmung, bessere Laune und weitere Pläne schmieden.

Kritiker haben Jörg immer mal wieder vorgeworfen, er hätte Probleme gehabt mit Gefühlen umzugehen, sei unnahbar und arrogant gewesen, habe sich hinter einer Männerwelt verschanzt.
Gerade aufs SCHLANGENMAUL bezogen hat man das öfters gehört und gelesen. Alles völlig verblödeter Unsinn kontaktgestörter Stubenhocker. Der Preis für Autonomie ist Isolation.

Jörg konnte ein äußerst warmherziger und sensibler Freund sein. Genauso konnte er eiskalt und arrogant gegenüber Arschlöchern sein (oder weil er gerade schlecht drauf war).
Jörg schrieb über Männerwelten, weil er diese kannte und sich in ihnen bewegte. Für diese Kritiker ist das exotischer als eine Reise mit der Enterprise. Dieselbe Art kastrierter Marketender der Literatur haben Hemingway vorgeworfen, dass er über Stierkampf, Krieg oder das Fischen schrieb. Oder Dashiell Hammett, dass er die harte Welt der Pinkertons kannte. Jörg liebte es, durch Schlamm und Morast der dunkelsten Ecken unserer Gesellschaft zu waten.
Diese geistigen Feuilleton-Hinterlader finden ihre schlichten Freuden wohl nur bei lästigen Autoren, für die Rolf Giesens unsterblicher Satz über den deutschen Film gilt: „Wenn sie schon nichts erlebt haben, warum müssen sie dann Filme darüber drehen?“

Jörg, je mehr ich diesen Scheiß aufzeichne, um so mehr habe ich das Gefühl, mich von Dir zu entfernen.

Gewisse Autoren, die heute begeistert über Fauser sind, ahnen wahrscheinlich tief in ihrem Inneren, dass Jörg für ihr Geschreibsel nur Hohn und Spott übrighätte.

In ihren Betriebszeitschriften schreiben sie alles hoch, was bedeutungslos, langweilig, unerotisch und fade ist. Eben alles, was wie sie ist.
Und dazu gehört noch immer oder wieder das Gros „neuer“ deutscher Kriminalliteratur nach/seit Fauser. Ein guter Referenzpunkt für Idioten.
Leblose Romane für Alphabeten-Zombies mit Restmimik.

FORTSETZUNG FOLGT



ERINNERUNGEN AN JÖRG FAUSER by Martin Compart

DER LANGE WEG ZUM SCHLANGENMAUL 2/

HEUTE: GETRÄNKEKONSUM

Wir erlebten viel, vorzugsweise nachts. Wir zogen nicht dauernd durch dieselben Destillen, sondern erkundeten Bezirke vom Wannsee bis Neukölln.
Manche dieser Kneipen waren Wartesäle der Verzweiflung, in denen das halbkomatöse Publikum aufs Ableben hinsoff. Wir tranken ohne Berührungsängste in Kaschemmen voller zechender Wüstlinge, in denen das Bier wie die Pisse volltrunkener Diabetiker schmeckte, bis wir bei Morgengrauen am Tageslicht zupften. Höhlen, in die sich nie Autoren, Feuilletonisten oder andere Kulturfuffis verirrten. In diesen letzten Ausfahrten vor der Gosse war man sicher vor ihren schleimigen Zellhaufen.

Sollte ein unangenehmer Zeitgenosse in die Quere kommen, warf Jörg die Killermaschine an – und dann ging man besser schleunigst in Deckung. Jörg konnte Leute rhetorisch auseinandernehmen, bis sie weinten. Oder er killte mit absoluter Sprachlosigkeit, starrte den anderen nur an, ohne auf eine Frage zu antworten. Irgendwann schlich er gedemütigt davon.

Eingekeilt zwischen Tresen und kalten Drinks redeten wir über alles und nichts. Wir waren immer auf der Suche nach der perfekten Bar, in der es den perfekten Martini gab und uns der perfekte Barkeeper – wie bei Ross Thomas – mit den Worten begrüßte: „Und was wollen wir heute gegen das Elend tun?“
Auf der Suche nach Mac’s Place folgten wir jedem Gerücht wie Esel der Mohrrübe.

Wir waren echte Zen-Buddhisten: Der Weg war das Ziel.

Eine Zeitlang existierte genau in der Mitte zwischen Jörgs und meiner Wohnung etwas, was nahe ran kam: das Martini-Stübchen. Die Cocktails waren exzellent, es gab Becks vom Fass, und der Tresen hatte die richtige Höhe. Die Höhe des Tresens war ein immer wieder kehrendes Thema, dass in großer Ernsthaftigkeit diskutiert wurde.

Euphorie war nie weiter entfernt als der nächste Barhocker. In der DICKEN WIRTIN gab es hervorragende Eintöpfe, die wir als Grundlage für unsere Reisen durch die Nacht zu uns nahmen.
Schräg gegenüber war ein Frauenbuchladen mit dem schönen Schild: MÄNNER MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN. Wir vermuteten, dass der Gehalt an heterosexueller Pornographie der dort angebotenen Lektüre eher gering war.

Der Bummel durch die „Bleistreustrasse“ war uns meist zu fade angesichts der alternativ-kleinbürgerlichen Bistrokneipen. Aber gelegentlich musste man da mal durch, um das lang zurückliegende Shootout zwischen persischen und deutschen Zuhältern zu würdigen. Wir fanden ein paar Einschusslöcher.

Spät in der Nacht konnten wir uns impulsiv dazu entschließen, ein anderes Reservat aufzusuchen, ein neues Territorium zu erkunden. Dann sprangen wir ins Taxi und genossen die Fahrt durch ein ebenso düsteres wie nuttig beleuchtetes Berlin. Stumm aus dem Fenster blickend, brachte uns ein dumm vor sich hin schimpfender, specknackiger Taxifahrer durch fremde Straßen mit fürchterlichen Schicksalen hinter jedem Fenster. Hier schlummerte eine Menge Rohstoff.

Berüchtigt waren die Trinkgelage bei Ullstein. Vor den halbjährlichen Vertreterpartys sammelte sich die Clique in meinem Büro: Rolf Giesen (vollgestopft mit den neuesten Gemeinheiten über die Filmszene), Wolfgang Proll (der im Auftreten wieder in seine undurchsichtigen Zeiten beim Diplomatischen Korps zurückfiel, Jürgen Behrendt (in freudiger Erwartung der Freidrinks), Ronald M.Hahn (als Science Fiction-Lektor extra aus Wuppertal angereist) und Jörg (im besten Zwirn). Dann war Lärm im Maschinenraum.

Die Nacht endete meistens mit einer Roomparty im Exzelsior, wo unsere Vertreter Domizil nahmen. Es muss wohl in der Suite von Eckkart Müller gewesen sein. Christiane Bertoncini hatte sich ins Bad geflüchtet, war dort – wie häufig – wahrscheinlich eingeschlafen. Jörg hämmerte gegen die Badezimmertür und forderte beständig: „Machen Sie auf, Madame! Lassen Sie mich für heute Nacht Ihr Gatte sein!“

Wir zogen gerne mit den Ullstein-Vertretern herum, eine handfeste und intelligente Clique. Jörg sah den Nebeneffekt wie ich: Das waren die ersten Verkaufsgespräche für unsere Produkte.

Gelegentlich trafen wir uns im Musik Café am Olivaer-Platz (dort begann auch die Veröffentlichungsfeier von ROHSTOFF). Die Kundschaft bestand hauptsächlich aus vergnügungssüchtiger Mittelschicht, die sich wie ein Song von CULTURE CLUB stylte.

Wir machten Wallfahrten zu den Puffs in der Giesebrecht (Salon Kitty)- und Clausewitzstrasse (hier verkehrte James Bond) und anderen Heiligtümern. Gärten der Verderbtheit.

Wir gingen nicht nur in hippe Bars oder etablierte Schänken, wir durchpflügten die Berliner Tränken vertikal. Eben noch in einer feinen Hotelbar, dann in einer brutalen Absturzkneipe. Diese Unterschiede und Gegensätze machten Vergnügen. Mit dem Bierglas in der Hand durch die Gesellschaftsschichten. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Hoffnungen, unterschiedliche Codes, unterschiedliches Grauen, unterschiedliche Musik, unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Wut, unterschiedlicher Spaß, unterschiedliche Preise, unterschiedliche Einkommen.

Jörg registrierte alles, um es gegebenenfalls literarisch zu verwerten. Diesen Hang zur Schichtendurchlässigkeit hatten wir wohl beide aus München mitgebracht.

Unwohl fühlte sich Jörg nur in alternativen Kiez-Szenekneipen, in denen Mütter ihre Säuglinge öffentlich und nicht mit Gin stillten. Wenn ich ihn dazu bewegte, eine „Alternativkneipe“ zu besuchen, machte er ein Gesicht, als müsse er zu einer Darmspiegelung. Keine Druckbetankung würde helfen. Da konnte Jörg ausfallend und richtig aggressiv werden. Das führte natürlich auch zu äußerst begrenzter Verweildauer – was Herr Fauser von Anfang an im Sinne hatte. „Ein solcher Scheißladen reicht für einen Abend.“

Auch die „Paris-Bar“ war nicht unser Ding. Da wurde man von den falschen Leuten erkannt. Denn dort verkehrte jeder, der sich selbst als kulturell wertvoll empfand. Berlins selbsternannte Qualitäts-Elite. Hauptsache, die Armen, Ungebildeten und Hässlichen blieben, wo sie hingehörten, nämlich die Nasen von außen an die Scheiben gepresst.

Der „Zwiebelfisch“ war nicht weit von dieser parfümierten Jauchegrube, aber freigeistiger.

Wir suchten den Zauber der Großstadtnacht in Ruinen, in Bars, beim Flanieren, in zügigen Neuköllner Hinterhöfen, in einer düsteren Spelunke tief unter dem Anhalterbahnhof, in Mitternachtsvorstellungen mit Eastwood, Delon und Bronson, in koreanischen Stehausschänken oder Kiezfesten. Das war eine Welt jenseits der dreisten Konventionen der Bürgerlichen Gesellschaft. Dann wurde bei der Zeit der Pausenknopf gedrückt. Und wir erregten uns gerne über das Versagen der zeitgenössischen deutschen Literatur vor der Realität. Besonders der politischen. Dann zählten wir angelsächsische West-Berlin-Romane auf un fragten einander, welcher deutsche Autor da mithalten könne. Oder welcher deutsche Autor schon mitbekommen hat, dass diese Stadt ein Brennpunkt des Kalten Krieges ist. Nach Kirst, Heinrich oder Herbst wohl keiner mehr. Und was war Günter Grass im Vergleich zu Fallada? Und warum kennt keiner mehr Kirst – bei allen Mängeln, die ein kompetentes Lektorat hätte ausgleichen können? Manchmal wurde es richtig abstrus: Etwa, dass man jede deutsche Großstadt (und Weltstädte sowieso) am Trottoirpflaster erkennen könne…

Nachdem er in die Krumme Straße gezogen war, hingen wir gelegentlich bei ihm ab. Er hatte eine Wohnung im 13.Stockwerk eines Hochhauses, die wir das 13.Arrondissement nannten. Wenn es stürmte, wackelte die schmale Terrasse, die sich um die Wohnung zog, und der Wind rüttelte an den Fenstern. Mit einer Dose Becks stellten wir uns ans Geländer, darauf bedacht, nicht über die Brüstung geweht zu werden. Wie an eine Reling gelehnt, machten wir eine Sturmfahrt über das in Donner und Blitz getauchte Berlin unter uns.
Ein Joint half dabei.

Während eines heißen Sommers zeigte ich Jörg, wie man in der Karibik Bier trinkt, um den Kater zu bekämpfen. Das wurde zum regelmäßigen Ritual, für das Jörg Paletten Becks-Büchsen und Zentnerweise Zitronen einkaufte. Dann saßen wir in der Hitze auf der Terrasse, eine Kiste mit Zitronenhälften, Salz und eiskaltes Bier. Salz wurde vor den Öffnungsschlitz gestreut, Zitronensaft bis zum Büchsenrand drauf und dann alles zusammen in die Kehle. Das kam gewaltig, und nach der dritten Büchse wich der Kater einem neuen, euphorischen Rausch.

Beim alten Fremdenlegionärscocktail „Apotheke“ (halb Fernet, halb Pastis) hielt sich seine Begeisterung in Grenzen (obwohl das Bukett Fliegen tot von der Decke fallen ließ).

Möglichst an Tagen, an denen wir im DDR-Fernsehen Umzüge ansahen und so schöne Plakate entdeckten wie „Wir danken der Partei für ihre kluge Politik“.
Unser Shinto-Schrein war der Videorecorder, munitioniert mit Melville-Filmen. Wenn wir nachts aus den Kneipen wankten, war immer noch Zeit für einen Joint bei UN FLIC.
Manchmal telefonierte Jörg nachts mit seiner Tochter in England. Der Tonlage nach mussten die Beiden ein gutes Verhältnis zueinander gehabt haben.

Häufig war nach dem vorvorletzten Getränk rund um uns der Morgen schon im vollen Gange. Die Nacht war weggesickert. Es war nicht angenehm, bei Tageslicht aus einem Laden zu kommen: Um einen herum die hysterischen Bewegungen der Graden, die zum Arbeitsplatz eilten. Man selbst hatte sich wieder nüchtern gesoffen, ohne Geld zurück verlangen zu können. Dann verabschiedeten wir uns schlecht gelaunt, stürzten heim, um die Decke über den Kopf zu ziehen und versperrten dem Universum den Zutritt zum Schlafzimmer.

Das bereits erwähnte „Martini-Stübchen“ lag auf halber Strecke zwischen Jörgs Wohnung in der Krumme Straße und meiner auf der Kant. Wenn wir sowas wie einen Hauptwohnsitz hatten, dann war das hier.

Betrieben von zwei cleveren jungen Männern und einer hübschen jungen Frau, die höchst angenehm und humorvoll im Umgang waren. Einer von ihnen war wohl ein ausgebildeter Barmann. Jedenfalls bekamen wir dort die besten Martinis von Berlin – und das nutzten wir weidlich. Vor einem leeren Glas zu sitzen, hätte an Hausfriedensbruch gegrenzt. Außerdem war es eine Art Salon, in dem wir Verabredungen empfingen, Gäste einladen konnten, die wir nicht in unseren Wohnungen haben wollten. Endlich eine Destille, die nicht zu klein war für unsere Gespräche. Ja, näher waren wir nie an „Mac´s Place“. Davon gibt es kein Filmmaterial – eine kulturgeschichtliche Schande.

Gelegentlich lief da auch ein „Nachwuchsautor“ ein. Ich habe dann Jörg vorgeworfen, er sei viel zu freundlich. Denn jeder angehende Möchtegernautor konnte ihm sein Manuskript andrehen. Statt es dann in die Tonne zu kloppen, verschwendete Jörg Stunden darauf, es zu redigieren und mit dem „Autor“ zu reden. Meist war die Karriere damit erledigt. Kaum einer wollte am Text arbeiten, umschreiben und lernen. Getreu dem Hammett-Motto: „Es ist schön, einen neuen Roman zu haben, an dem ich nicht arbeite. Der alte, an dem ich nicht gearbeitet habe, begann mich zu langweilen.“

Ullstein hatte damals eine Gelddruckmaschine: das GUINNESS-BUCH DER REKORDE, lektoriert vom ehemaligen SAFARI-Verlagsleiter Hans-Heinrich Kümmel mit der Assistenz von Karin Fehse. In vielen Haushalten muss es das einzige Druckwerk gewesen sein, Deshalb gab es auch jahrelang auf der Frankfurter Buchmesse beim Ullstein-Stand einen Guinness-Ausschank. Da konnte dann der geneigte Messebesucher auf Ullstein kosten ein gepflegtes Guinness trinken, wenn ihm das Durchpflügen der heiligen Hallen die Kehle ausgetrocknet hatte.

Ich hatte mich eines Morgens mit Helmut Wenske verabredet. Ein oder zwei Jahre zuvor war sein Underground-Klassiker ROCK´N ROLL TRIPPER erschienen, aber Wenske war nach wie vor als Maler und Cover-Künstler bekannt. Wir richteten uns an der schönsten Stelle am Stand ein, denn ich war auch mit Jörg verabredet. Wenske und ich sprachen dem dunklen Bier zu.

Und dann kam auch irgendwann Herr Fauser.
Jetzt ging die Party richtig los:

Zwei lautstarke Underground-Hessen, Guinness und dazwischen ein schüchterner Lektor. Hessischer Anarchismus, der in dem Manifest gipfelte: „Ich lass mir doch nicht von Idioten erzählen, was ich zu machen habe.“
Die Hostess kam mit dem Zapfen kaum nach. Für weitere Kundschaft war nun wirklich kein Raum oder Becher mehr. Das Kontingent reichte ja kaum für uns.
Die Kreise, die man um uns (und den Ullstein-Stand) zog, wurden immer weiter. Keiner schien dem niveauvollen Geplärre lauschen zu wollen.

Dann kam Geschäftsführer Viktor Niemann, ein durchaus toleranter und humorvoller Mensch, und nahm mich beiseite. Er bot mir einen Hunderter an, wenn ich mit meinem Pack woanders hingehen würde. Sein Wunsch war mir pekuniärer Befehl und so zogen wir zu Fischer, Hoffmann & Campe… und…und… Na dahin, wo schon vormittags was im Ausschank war. Immer nur zwei, drei Wein und ein paar Kurze. Denn kein Verlag schien gewillt zu sein, Büchermacher auf Motivsuche langfristig zu bewirten. Der Hunderter ging dann irgendwann in Äppelwoi-Kaschemmen drauf, bevor Jörg und ich zum Ullstein-Empfang torkelten, um Scholl-Latour zu treffen, der ein Idol von uns war.

Jörg hatte wie jeder ernsthafte Trinker den Trick raus, nüchtern zu sein, wenn es drauf ankam. Zum Beispiel, wenn eine Deadline bevorstand. Oder wenn er beim TIP „Heft machen musste“. Alle zwei Wochen. Dann zeigte er eiserne Selbstdisziplin. Er war eben kein Säufer, sondern ein ernsthafter Trinker.

Wenn Jörg an einem längeren Stück arbeitete – insbesondere an Romanen -, gab es kein um die Häuser ziehen oder Saufereien. Dann verließ er seinen Kampfstand nur um einzukaufen, vor allem Milch, literweise Milch. Jörgs Image als Streuner war seit Frankfurter Tagen so etabliert, dass die Zeitungen darüber berichteten, wenn er mal zu Hause war.

In Klausur hämmerte er auf seine mechanische Reiseschreibmaschine ein, wie die großen Vorbilder von Graham Greene bis George Orwell. Ich schlug ihm mal vor, es mit einer schönen neuen elektrischen zu versuchen (ich selber hatte gerade die Freuden einer IBM Kugelkopf kennengelernt), die ihm das Schreiben erleichtern könne. Er sah mich nur verächtlich an: „Man muss um jeden Satz kämpfen.“

Und dieser selbstmitleidlose Kampf zeichnete seine Texte aus. Die meisten Bücher werden nur gelesen, andere sind Erfahrungen, die zum Bestand der eigenen Biografie werden. Das erklärt vielleicht auch, weshalb Jörg heute noch auf so viele jüngere Leser eine Faszination ausübt.

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