Martin Compart


VORWORT ZU WENSKES ROCK´N ROLL TRIPPER by Martin Compart
18. Mai 2016, 7:48 am
Filed under: Bücher, Hunter S.Thompson, Manny Herrmann, Porträt, WENSKE | Schlagwörter: , ,

Wir wurden aber nicht geschnappt, und alles andre war uns scheißegal!

Der TRIPPER hat nichts auf der Bestsellerliste verloren, denn „wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet“(Nietzsche). Soll Chris Hyde ruhig weiterhin Helmut Wenske anpumpen, wenn er Papier kaufen will. Diese Neuauflage darf nur an Leute gehen, die ein Führungszeugnis von Hunter S.Tompson vorweisen können. Horrorvorstellung, dass die Büttel der Subventionskultur mit TRIPPER vor der Nase S-Bahn fahren, oder ranzige Latzhosen sich dabei einen runterholen. Ich will, dass der TRIPPER weiterhin den Outlaws gehört, die sonst kein Buch anrühren und es wie einen Schatz hüten. Das ist nix für Bildungsbürger, die sich schon bei Cormac McCarthy vor Angst in die Hose scheißen. Wie die Leute freiwillig gegen ihre Interessen wählen, so haben sie gefälligst auch gegen ihre Interessen zu lesen.

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http://www.amazon.de/RocknRoll-Tripper-Chris-Hyde/dp/3940213179/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1463557777&sr=1-2&keywords=chris+hyde

Wie war das noch mit den Fifties?

Mandolinen im Mondschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und Haxen fressen als Gipfel des Hedonismus. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n‘ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies rumirrten.

Wer auf dieser Müllhalde herumkroch und bei klarem Verstand überleben wollte, hatte nur eine Chance: Er musste wahnsinnig werden. Denn Wahnsinn verschafft Autonomie. Wenske buddelte sich aus der Mülltonne der Blockwarte, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Das macht er immer noch. Keith Richards würde mit ihm auf Tournee gehen. Er hat mit Worten das gemacht, was Keith auf der Gitarre anstellt: Literatur als Riffs. Ich fand Bill Haley immer blöde, bis ich bei Chris Hyde lesen musste, wofür er Mitverantwortung trägt.
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Bis heute lässt Hyde sich nicht mit Geld zumüllen (Versuche gab’s einige) und geht dem System mächtig auf den Senkel. Und was das Schlimmste ist: Er schrieb mit nicht wiedergutzumachenden Worten schlichtweg den deutschen – das Wort kommt mir schwer aus der Feder – : Klassiker der Beat-Literatur. Hydes Neal Cassady heißt Helmut Wenske. Er krallte sich Wenskes Leben und presste einen verdammten Klassiker raus. Es gibt wenig Authentischeres, und nichts besser Geschriebenerws. Dabei auch noch so witzig wie Bukowski auf Äppelwoi, der gerade mit den Hells Angels ein Drehbuch für Klaus Kinski schreibt. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist es der Undergroundreport der fetten Jahre der Republik. Dr.Wenske und Mr.Hyde wissen nicht, dass sie einen Klassiker geschrieben haben – und werden mich angesichts dieser Behauptung in den Arsch treten wegen übler Nachrede. Schmeiß drauf. Es ist nun mal unser Beat-Klassiker. Die Beats waren/sind Existentialisten, die ihre Glückseligkeit aus der Verachtung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft zogen. Ihr unersättlicher Lebenshunger, der aus jeder Seite des TRIPPER spricht, knallt dem Über-Ich zu Gunsten des Es eine Pulle über den Schädel. Es ist die Rehabilitierung des Instinkts. Hyde hasst die Gleichschaltung der Persönlichkeit und des Alltagsleben, hasst jeden Konformismus und die verlogenen bürgerlichen Moralnormen. Er schmeißt auf die Jagd nach materiellen Wohlstand und das selbstzufriedene Leben der Spießer. Narkotiker und sozial Gestrandete sind eben interessanter als Bankbeamte oder Lokalpolitiker.

TRIPPER hat kein Fett – schier unmöglich, was zu streichen. Der Stil ist so dicht wie in Kerouacs besten Momenten, politisch so korrekt wie ein Abend im Puff. Jede Zeile belegt, dass neben Politikern der brave, ordnungsliebende, hart arbeitende Spießer die niedrigste Lebensform auf diesem Planeten ist. Es ist die deutsche Gesamtausgabe von EXILE ON MAINSTREET, ein deutscher Outlaw-Blues, der uns schlimme Sachen zeigt, um Mythen zu spenden. Wenige Bücher sind nicht zu ersetzen durch Film, Musik, Flipper, Fußball, Radio oder Sex; dies ist eines. Hyde stopft den Leser in die Betonmischmaschine und kurbelt ihn solange durch, bis er erschöpft und um eine echte Erfahrung reicher rausplumpst. Über dem Buch hängt der Satz des Duluoz: „Es war nicht so sehr die Dunkelheit der Nacht, die mich störte, sondern die abscheulichen Lichter, die der Mensch erfunden hat, um diese Dunkelheit zu erhellen.“ Über Kerouac schrieb Henry Miller was auch für Chris Hyde gilt: „Der wirkliche Poet, oder in diesem Fall der spontane Bop-Prosodist, ist immer scharfhörig für die Ab- und Eigenart des Sprachlichen seiner Zeit – für den Swing, den Beat, den abgerissen metaphorischen Rhythmus, der so schnell, so wild, in so wirrem Getümmel kommt, so unglaublich und doch ergötzlich verrückt, daß, zu Papier gebracht, ihn niemand erkennt. Das heißt, niemand außer dem Dichtern. Er `hat es erfunden‘, sagen die Leute. Sie meinen, er habe es künstlich zusammengebraut. Sie sollten aber sagen: `Er hat es‘. Er hat es, hat es ganz mitgekriegt, er hat es niedergeschrieben… die ganze Nacht lag er wach und horchte mit Augen und Ohren. Eine Nacht von tausend Jahren. Hörte es im Mutterleib, hörte es in der Wiege, hörte es in der Schule, hörte es auf den Brettern der Lebensbörse, wo man Träume gegen Gold einhandelt. Und Mensch, wie er es überhat, er will es nicht mehr hören. Er will weiter. Er will abschwirren.“
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Sicher, auch bei uns gab es ein bisschen Beat-Literatur. R.D.Brinkmann, nach dessen Tod Fauser deutlich erkannte: „…daß man bei uns noch mehr als anderswo auf der Hut sein muss vor den Kulturverwertern, diesen Schakalen der total mediatisierten Welt… nicht mal sterben kann man, ohne Angst zu haben, verschaukelt und verscheißert zu werden“. Bisher hatte Hyde das Schweineglück, nicht den Feuilletonisten in die Hände zu fallen, um dort verharmlost zu werden, wo man bei uns die Outlaws erledigt. Fauser stand mit AQUALUNGE damals – wie sein Freund Jürgen Ploog – Burroughs näher als Kerouac oder Mailer (jawohl, Mailer! Lies erstmal WHITE NEGRO, bevor Du dreist „falsche Baustelle“ schreist). Fauser, der den TRIPPER sofort richtig einschätzte und bewunderte, traf Hyde einmal: Auf der Buchmesse ’84 beim Guiness-Ausschank am Ullstein-Stand. Ich war dabei. Man bot uns Geld, wenn wir nur woanders weitermachten.

Du liest noch immer? Dann schnall Dich an, denn jetzt kommt the Real Thing. This is the Trip… I really like it…Und erzähle hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.

Martin Compart

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NOIR-FRAGEN AN WILLI VOSS by Martin Compart

Wer ist Willi Voss?

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Im letzten Jahr begann man, Willi wegen seiner Vergangenheit als Abenteurer, Freiheitskämpfer, Terrorist und CIA-Agent durch die Medien zu hypen. Und Willi konnte Faulkners Satz am eigenen Leib erfahren: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen“. Dabei versuchten ihn die üblichen Opportunisten in die rechte Ecke zu rämpeln (in ihrer geistigen Bescheidenheit erkennen sie natürlich nicht, dass die Angrenzung zwischen PLO, Schwarzer September und RAF nahe liegender ist/war als kurzfristige Schnittmengen mit Gladio). Willi hat in jungen Jahren so einiges erlebt und angestellt (sicherlich mehr, als die meisten deutschen Autoren zusammen), aber eines ist er dabei nicht gewesen: Antisemit oder Faschist. Das „Syndikat“, eine Vereinigung von Menschen, die gerne schreiben und lesen, wollte gar ein politisches Ausschlussverfahren gegen Willi eröffnen um ihn als Faschisten zu brandmarken und rauszuwerfen. Die verantwortlichen Buben, die nichts erlebt haben und darüber Kriminalromane schreiben, sahen wohl eine Chance, in ihrer selektiven Entrüstung für sich selber als politisch korrektes Gammelfleisch ein wenig mediales Interesse zu erschleichen. Willi kam dem Schrebergarten-Gesinnungsprozess zuvor und bewahrte sich seine Integrität. Inzwischen ist er auf nationaler und internationaler Bühne ein gern eingeladener Gesprächsgast, der spannendes und informatives zu berichten weiß.

Ich lernte Willi kennen, als ich 1986 von Ullstein zu Lübbe wechselte. Voss hatte sich bereits einen Namen als Profi gemacht, Heftromane und Taschenbuchkrimis geschrieben. Als mir sein Buch GEGNER (unter dem PseudonymWilli Voss E.W.Pless geschrieben) in die Hände fiel, erfreute es mich so sehr, dass ich es Jörg Fauser schickte. Fauser war von dem Libanon-Roman begeistert. Umso mehr, da das Buch von einem deutschen Autor stammte, dessen literarische Sozialisation nicht auf Toscana-Besuchen, Weißwein beim Italiener und Stadtschreiberstipendiaten bestand. Kurz darauf schrieb Willi mit SIGNUM F einen der ersten modernen deutschen Conspiracy-Thriller. 28662646[1] Inzwischen hatte ich Willi persönlich kennen gelernt (und ihn an meinen Ullstein-Nachfolger Georg Schmidt vermittelt, der seine Potenz natürlich sofort erkannte). Also kam es, wie es kommen musste: Fauser reiste von München an, Willi aus Spanien und zu dritt verlebten wir ein denkwürdiges Wochenende zwischen Bergisch-Gladbach und Witten-Ruhr (aber das ist eine ganz eigene Geschichte). Genug der Panegyriken.

Hier erstmal der Bünnagelsche Fragebogen mit WILLI VOSS:

Name?

Willi Voss, und andere je nach Gelegen- und Notwendigkeit

Berufungen neben dem Schreiben?

Nach gutem Lesestoff fahnden. Bogen um Fastfood machen. Am Herd Essbares komponieren. Im Halbsuff Weltbewegendes quatschen. Originaltexte wie diesen von einem gewissen X (Ich lasse den Namen hier weg um seinen werlosen Arsch zu schützen. M.C.) gelassen ertragen:

„DAS (siehe unten) sehe ich ganz anders. Vielleicht bin ich auch als Vater eines noch jungen Polizistensohnes sensibler geworden. Aber auch als Krimiautor sage ich: Wer in irgendeiner Weise kriminelle Taten begangen hat, gehört nicht ins SYNDIKAT. Als Krimiautoren jonglieren wir eh bei jedem Buch, bei jeder Lesung mit dem moralischen Aspekt. MEIN Publikum erwartet von mir, bei allem Gruseln, Horror, Gänsehaut-Feeling etc, einen Menschen, der ihnen das Kriminelle, das Grauen, manchmal auch heiter verpackt, präsentiert, aber nicht repräsentiert. In diesem Zusammenhang (ich weiß, dass interessiert im SYNDIAKT keinen Menschen): geht es irgendwo auch noch um Literatur? Oder wollen wir allen Ex-Knackis, Ex-Terroristen, Ex-Sympathisanten etc. einen Logenplatz (und sei es in dieser Mailingliste) reservieren, bloß weil SPIEGEL und Co (und das gesamte Unterschicht-TV von RTL bis sonstwo) solche Typen brauchen
Lieber Willy Voss, oder wie immer du heißen magst: Ich habe nie eine Knarre besessen und rühme nicht, irgendwelche Idioten gekannt zu haben, die am Massaker von 1974 beteiligt waren.
Daher fordere ich mal ganz plakativ: Krimanal-Autoren ja! Kriminelle Autoren = nein!“

Film in Deinem Geburtsjahr?

La Paloma mit Hans Albers und kreisenden Papmachétauben in den Hauptrollen, sozusagen als Ankündigung der Kontinuität deutschen Filmschaffens.

Was steht im Bücherschrank?

Ein Sammelsurium von Brecht, Heine, Storm, Wolfe, Hammet, Fauser, Caputo, meine Sachen, aber wegen abrupter Zeitläufte unvollständig; Perez-Reverte und Trevanian als Mahnung, niemals nachzulassen. Kenneth Spencer, der in meiner Erinnerung gnadenloseste Leihbuchschreiber aller Zeiten. Schreibe von den Kulturwächtern wg. Erfolg, Sex & Brutalität unter den Ladentisch verdammt oder gar verboten.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

Nix Buch, nix Film. Will Platten, Redakteur der Deutschen Reihe im Bastei Verlag, den ein Autor auf´n Topf gesetzt hat, und der mich fragte, ob ich mir zutraue, einen Ersatz zu schreiben. Weil ich nicht nur anderen, sondern auch mir fast alles zutraue, habe ich den Job angenommen und innerhalb von vier Tagen mit „Tränen schützen nicht vor Mord“ geliefert. Ahnungslos, weil vom Kriminalroman vollkommen unbeleckt, außerdem bewiesen, dass auch Henne nach dem Ei möglich ist.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Wenn im heftigsten Geballere die Liebe zuschlägt und der Regisseur den bösen Gangstern für die Knutscherei ( und das Abkühlen der 268-schüssigen Sechskammer-Revolver ) zwei Minuten Waffenstillstand genehmigt.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Fahrstuhl zum Schafott. Guns for hire. Psycho. Richtig umgehauen hat mich lediglich „Der eiskalte Engel“. (Damals)

Und abgesehen von Noirs?

Brücke am Kwai. Seitdem war mir klar, dass Krieg mit schmissiger Marschmusik beschallt wird und eine wahrhaftig heroische Veranstaltung ist. Jenseits von Eden. Ein Streifen der ´ne Weile mein Auftreten und besonders meine Kleidung veränderte.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

Ich gehörte exekutiert, wenn ich für einen der saudepperten Eliminierenswerten Knast riskierte.

Internet?

Geht Leben ohne Wasser?

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Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir

1.Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Die des rauchenden Kerls an der ihn stützenden Laterne, der verdammt genau weiß, dass er einige Leichen zu wenig hinterlassen hat.

2.Und der Spitzname dazu?

Dirty Trench

3.Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Theodor J. Reisdorf

4.Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)

„Baby, die Harpune darfst du zur Gangsterjagd laut § 0341B nur unter Wasser benutzen.“

5.Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Die Bösen schwarzweiß, die Guten in Farbe.

6.Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Die ich gefragt habe, bestanden darauf, anonym zu bleiben

7.Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Keine, es sei, Ikea ( oder welcher Hersteller auch immer ) hätte mir das Bettmodell „Untergang“ ins Schlafzimmer gestellt.

8.In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Im Bentley vom Erzbischoff, dessen Chauffeuse und die reichhaltig ausgestattete Bar stresshemmend sein dürften.

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Die Dame am Steuer und schussicherem Jäckchen trägt unverschämt H&K MP 7A1, 4,6 MM, verfügt in der Hutablage seiner Heiligkeit über ein halbes Dutzend Handgranaten, zwei Stinger-Raketen und gilt laut Waffenjournal selbst als die schärftse Waffe seit Erfindung des Schießpulvers.

10.Buch für den Knast?

Memoiren von „El Lute“. „Camina o revienta“, in der Hoffnung, darin ein brauchbares Rezept für den schnellstmöglichen Ausbruch zu finden.

11.Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Würd´ich gerne drüber schreiben, alter Junge



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: KINO DER BLICKE von HANS GERHOLD by Martin Compart

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Ja, ich weiß: dies ist ein Sachbuch und kein Roman. Und? Ich kenne fiktionale Thriller, die sind stinklangweilig, und ich kenne Sachbücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann und Angst vor der letzten Seite hat. Hans Gerholds Geschichte des französischen Kriminalfilms gehört zu letzteren. Es ist eines der fünf besten Film-Bücher, die ich je gelesen habe – vielleicht das aufregendste. Gerhold hat leider nur wenige Bücher geschrieben (darunter das wohl schönste Buch über Woody Allen ), schreibt regelmäßig Kritiken (die „Westfälischen Nachrichten“ sollte man schon seinetwegen abonnieren), Beiträge in Anthologien und hält Vorlesungen. Aber es sind zu wenige für die kleine, aber anspruchsvolle Gemeinde seiner Fans. Wäre die deutsche Journaille weniger verkommen, würde man ihn abfeiern wie die Amerikaner ihren David Thomas. Wir haben ja zum Glück einige gute Filmkritiker, aber Gerhold ist ganz klar die Nummer Eins. Kein anderer schreibt so unterhaltsam und gleichzeitig analytisch wie er.

39ccb7b09cGerhold, der ganz richtig einen offenen Gattungsbegriff als Ansatz wählt, hat mit KINO DER BLICKE nicht nur die beste historische Entwicklung des Sujets geschrieben, sondern auch eine sozio-kulturelle Geschichte Frankreichs: „…dass die wichtigsten Beispiele des polar stets auch typische Produktionen gewesen sind, die soziale Veränderungen und Entwicklungen transparent machen und, bei aller Relativierung, Zeitdokumente sind“. Wie brillant er als Theoretiker und Rhetoriker ist, zeigt schon die Titelwahl der Einführung, in der er seine Vorgehensweise verdeutlicht: „Wahl der Waffen“. Um dieses Buch beneiden uns die Franzosen, denn nicht einmal sie haben ein intelligenteres und spannenderes zum Thema. Gerhold berücksichtigt natürlich auch die literarischen Einflüsse und nennt Autoren, die viel zu oft nicht gewürdigt werden – jedenfalls im kulturell verspäteten Deutschland (etwa Alphonse Boudard). Es sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, die dieses Buch zum Musterbeispiel der Filmtheorie machen.

Das Buch ist von 1989 (Fischer Taschenbuch) und seitdem nicht mehr (aktualisiert) aufgelegt worden – ein weiteres Indiz für den erbärmlichen Zustand der Verlage, die bei uns Filmliteratur im wahrsten Sinne des Wortes „verlegen“. Es zeigt wohl, wie genügsam sie bei geistiger Nahrung sind in einer Ära reduzierter Erwartungen.

45637091Ich kenne Gerholds Schreibe seit dem legendären Hanser-Buch über Melville (1982). Es war neben Nogueiras Interviewband mit dem Meister Quell und Inspiration für andauernde Diskussionen zwischen Jörg Fauser und mir. Fauser war ebenfalls ein Afficionado des französischen Gangsterfilms und wir sahen uns jeden an, den wir nur zu sehen bekommen konnten (bei LE CHOC, nach Manchette, haben wir damals brüllend vor Wut das Kino verlassen als Catherine Deneuve ihren ersten Auftritt hatte, in Gummistiefeln Gänse fütternd). Sätze wie „wie Gerhold richtig bemerkte“, fielen fast an jedem Tresen, den Jörg und ich bei unseren alkoholisierten Reisen durch die Nacht adelten.
Ich habe Hans erst Ende der 1990er Jahre kennen gelernt: Wir waren beide Juroren in einer Jury des Grimme-Preises (nicht um Auszeichnungswürdiges zu finden, sonder um das Schlimmste zu verhindern). Ich hatte schweißnasse Hände vor der ersten Begegnung, wie man sie nur hat, wenn man nach Jahren der Bewunderung einem Idol wie Mick Jagger oder Hunter S.Thompson gegenüber tritt. Durch permanentes Nerven gelang es mir sogar, ihn zur Mitarbeit an meinen Noir-Readern zu nötigen.

Zum Glück kann man KINO DER BLICKE noch antiquarisch auftreiben. Ich selbst habe drei Ausgaben: eine zerlesene, mit Unterstreichungen misshandelte Loseblattsammlung, eine zur wiederholten Lektüre (man findet immer wieder neues) und ein jungfräuliches Exemplar für alle Fälle. Aber es ist schon verdammt ärgerlich, dass dieses Buch nicht – wie gesagt: aktualisiert – als fett bebildeter, großformatiger Luxusband neu aufgelegt wird. Wo bleibt eigentlich der Taschen-Verlag, wenn man ihn braucht?



NEWS: TIERDIEBSTAHL UND ESSAYS ZUR POPULÄREN KULTUR by Martin Compart

Alexandra und ihre Mitkämpfer haben ein neues Forum gegründet, dass ich allen ans Herz lege, die Kriminalität gegen Tiere nicht unberührt lässt. Zwar ursprünglich für den süddeutschen Raum, deckt es jetzt jeden Postleitzahlenbereich ab:
www.pit.community4um.de/

Nun ist es endlich lieferbar: Mein erstes Book on Demand: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Stones, Fauser und andere Verbrecher. Essays zur populären Kultur. Neben dem überarbeiteten Buch EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES enthält es längere Aufsätze und Essays zu Jean-Pierre Melville, Jörg Fauser, Krays u. Chandler. Es hat 256 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die zu machenden Erfahrungen werden mir sicherlich Erkenntnisse über diesen neuen Publikationsmarkt ermöglichen. Aber sicherlich ist es was völlig anderes, ob man ein special interest-Produkt anbietet, als in dieser Form einen Roman zu veröffentlichen.

Buch bei amazon.de

Buch bei BoD



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL – Nachtrag by Martin Compart

7.
Irgendwann in den Neunzigern ging ich dummerweise mal
zu einem Monatstreffen der Kölner Drehbuchautoren. Im
Gespräch mit einer damals gefeierten Edelfeder fiel auch
Jörgs Name. Da er öfters für die Bavaria arbeitete, fragte ich
die »Edelfeder«, wie lange die noch mit ihrem fetten Arsch
auf den Verfilmungsrechten vom Schlangenmaul sitzen wolle,
ohne zu produzieren. »Unverfilmbar! Daran haben sich
schon jede Menge Autoren versucht. Unmöglich zu adaptieren.
Da war es wieder: dieses Sich-in-Dumpfheit-und-Unfähigkeit-
Verschanzende, das Jörg und ich so oft kichernd
kommentiert hatten. Die deutsche Kulturindustrie als Vollidiotenbranche
voller Gestalten, die mit einer Halbautomatik
russisches Roulette spielen würden. Die »Edelfeder« beklagte
den Plot, nicht wissend, daß es im Film vor allem um
Szenen geht. Aber vielleicht sahen sich er und seine Gesellen
ja Howard Hawks Chandler-Verfilmung wegen des ebenso
stringenten wie nachvollziehbaren Plots an …



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 5/ by Martin Compart
17. Februar 2010, 5:08 pm
Filed under: Bücher, Crime Fiction, JÖRG FAUSER, Noir, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: ,

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Eine Erkenntnis, die sich mir einmal mehr bewies, als eines Abends die Bullen bei mir klingelten. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus München, den ich
längst begraben wähnte.
Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft. Soviel Kohle hatte ich nicht bar, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort zum Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer Besseres als Knast vor? Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte damals in der Frontstadt manche kleine Wunder. Die Cops waren einverstanden
und führten mich zu Jörg ins 13. Arrondissement. Da Jörg Gäste hatte, mußte er zu Hause sein. Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein, und die Bullen wünschten uns noch einen schönen
Abend. Gibt wohl nicht viele Autoren, die ihren Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht, wenn wir uns trafen.
Ein feuilletonistischer Streuner, Haß in der Feder, hatte ihn angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muß, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen. Zeit seines Lebens wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt:
»Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert«.
Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrißbirnen nicht an ihn ran. Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name,
Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen Haß auf Jörgs Überlegenheit, den Haß darauf, daß er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Haß darauf, daß er in
jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold schürfte, Haß darauf, daß er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Haß auf ihre eigene Unzulänglichkeit. Noch
heute gibt es ja solche ewigen Buben (oft mit den Namen von Comic-Witzfiguren), die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, das von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. »Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn
untrüglich daran erkennen, daß sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden«, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser-Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 2/ by Martin Compart

Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne
die Krimiszene zu Tagungen ein, deren inhaltliche Öde durch
abendliche Trinkgelage kompensiert wurde. Hier trafen sich
überwiegend Autoren der bescheidenen Kategorie zu lärmender
Ausgelassenheit und stupiden Katerforen. Da rannten sie
ein paar Tage wild onanierend durch die Gegend. 1982
waren Jörg und ich dabei. Zuvor hatten wir uns nur ein paar
Mal persönlich gesehen. Ausquartiert in einen unbewohnten
Seitenflügel hatte man uns karge Klausen zugewiesen, die unserem
Außenseiterstatus entsprachen. Als frischgebackener
Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den meisten anwesenden
Deutschschreibern gleich mal meine Popularität auf Null
gebracht, indem ich kategorisch verkündete, daß ich keine
deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe machen würde,
solange mir angelsächsische Weltklasse zur Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er
hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen. Was da rumschlich
und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete,
waren die Gründerväter einer Organisation namens »Syndikat
«, die angebliche Krimiautoren vertrat. Der Verein schadete
ähnlich stark wie die Gruppe 47. Jörg verachtete diese
sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine
Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben
sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen
und damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit
erreicht. Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf
dem Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits
wahrgenommen zu werden. In seinem Essay »Leichenschmaus
in Loccum« hatte Jörg die Veranstaltung gewürdigt:
»Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und
toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer
Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die
Kneipe.«

Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen,
überließen wir sie weitgehend ihrem Elend. Jörg, Peter
Schmidt (damals einziger deutscher Autor derUllstein-
Krimis) und ich erkundeten lieber die örtliche Gastronomie.
Schmitti und Jörg bekundeten lauthals ihre John-le-Carré-
Bewunderung. Jörg: »Hier fielen drei, vier fremde Herren
nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis
auf Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten,
wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen:
Greene! Oder: Himes! Oder: le Carré!« Das war wohl der Tag
der Zeugung der GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE, die etwa
neun Monate später zur Welt kam.
Beim Auspacken bekam ich mit, daß Jörg vorausschauend
zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte uns
über den ersten Tag. In der Nacht darauf ging uns der Stoff
aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos nuckelte
ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum Plündern
aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky zurück.
Wie hatte er das wieder hingekriegt? Er schrieb nicht nur wie
kein zweiter deutscher Autor, er löste auch Nachschubprobleme
mit links. Später haben Schmidt und ich es aus ihm
rausgelockt. Jörg war durch ein offenes Fenster in die Dorfkneipe
eingestiegen, hatte Licht gemacht und dann lautstark
Bedienung eingefordert. Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug
aus dem ersten Stock heruntergetapert und hatte ihm
anstandslos eine Pulle verkauft. Wenn Jörg Durst hatte, gab
es keine Mauern.

1983 gründeten Schmitti, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE
mit Programm, Pressekonferenz und dem
ganzen Scheiß. Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin
angesagt. Treffpunkt Kochstraße, mit der U-Bahn zur Friedrichstraße.
Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt,
nach Hause zu gehen, und führte das OBERBAUM-Manifest
in der israelischen Kampfjacke mit. Jörg und Schmitti kamen
unbelästigt durch den Checkpoint. Mich krallten sie sich und
zogen das subversive Programm aus der Brusttasche. Das
war’s. Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach
durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer
Konvention. Bautzen oder Sibirien? Ob Markus Wolf einen
Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich würde die nächste
Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.
Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei
der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Die geschah innerhalb
von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze
voll vom Arbeiter-und-Bauern-Staat. Schmitti und Jörg hatten
eine Stunde gewartet, bevor sie allein lostobten. Jörg hatte
zu Schmitti gesagt: »Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn
nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den
Vorstand von Springer.« Ja, ein guter Freund denkt auch ans
berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel. Ich verzog mich
umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich
hin. Abends wurde Sturm geklingelt. Ich torkelte zur Gegensprechanlage,
und Jörg fragte aufgeregt: »Haben sie dich
wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?« Wir gingen einen
trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit
Schmitti hatte Prellungen hinterlassen. Sie hatten ab Friedrichstraße
einen Stasi im Schlepptau, der sie »unauffällig«
beschattete. Den beiden machte das Spaß. Einmal klatschte
Schmitti seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und
brüllte: »Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.« In den
Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, daß es
nur Korn gäbe. »Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste
nicht lesen? Gib uns Wodka!« Kein Feingefühl für die Russenressentiments
der DDR-Brüder.