Martin Compart


KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: THE LINGALA CODE von WARREN KIEFER by Martin Compart

Seit etwa zehn Jahren erfreut sich afrikanische Kriminalliteratur (besonders natürlich südafrikanische) auch bei uns eine gewisse Aufmerksamkeit.

Aber es ist doch erstaunlich, wie wenige europäische- und amerikanische Polit-Thriller sich mit afrikanischen Themen und Krisen auseinandergesetzt haben – abseits von Graham Greenes und John LeCarrés Romane zur Apartheit und den üblichen Serien von OSS117 über NICK CARTER bis MALKO. Natürlich gab es immer mal wieder Romane von Ted Allbeury, Brian Freemantle (oder Eric Amblers DIRTY STORY) und anderen zu einem afrikanischen Thema, aber der einzige Autor, der diese regelmäßig in die westlichen Bestsellerlisten trug, war wohl der Südafrikaner Wilbur Smith.

Schon deshalb kommt dem hier genannten Buch eine besondere Bedeutung zu.

Es war die Lektüre von Larry Devlins Erinnerungen, die mich an einen höchst ungewöhnlichen Thriller aus dem Jahre 1972 erinnerte und zum Wiederlesen bewegte.
Als CHIEF OF STATION, CONGO (Public Affairs, 2007) diente Devlin (wie der Ich-Erzähler Michel Vernon des Romans THE LINGALA CODE) der CIA und „begleitete“ die Unabhängigkeitsbestrebungen und blutigen Auseinandersetzungen im Kongo der frühen 1960er Jahre.

Das war der Beginn der Stellvertreterkriege des Kalten Krieges, der den Kontinent bis heute foltert (auch wenn es nicht mehr um Machtsphären der Supermächte geht, sondern um die noch brutalere Ausbeutung der Rohstoffe durch monopolkapitalistische Konzerne im Dienste der Superreichen und ihre oligarchischen Handlanger).

I. DER ROMAN:

Sie waren Freunde gewesen: Michel Vernon, CIA-Chief of Station im Kongo, und Ted Stearns, der Luftwaffen-Attaché, dem Vernon sein Leben verdankte.

Nun war Ted in Leopoldville erschossen worden.
Angeblich von einem Einbrecher.

Niemand wusste es wirklich. Denn der schnell gefasste Täter hatte in der Zelle Selbstmord begangen. Einen zweifelhaften Selbstmord. Aber ein Leben zählte sowieso nichts im Kongo.

Michel schwor sich, den Tod seines Freundes aufzuklären.

Er hatte gute Kontakte in die einheimischen Machtstrukturen, die sich häufig ändern konnten.
Aber man will Ted schnell begraben und die Angelegenheit vergessen. Auch die eigenen Leute sind nicht daran interessiert, dass Vernon im Dreck wühlt.
Denn der stößt schnell auf Widersprüche

Ein Toter mehr – während der Kongo im Chaos zu versinken droht. Man hat ganz andere Sorgen.
„Die neue Kongo-Republik war durch eine Frühgeburt zur Welt gekommen und bei keinem anderen Land hatten so viele politische und diplomatische Hebammen dabei geholfen. Und Repräsentanten aller Großmächte hockten im Kreißsaal und warteten darauf, ihren Segen geben zu können.“

Die Zeit: Ende 1961:
Nach der Ermordung Lumumbas, der Separation Katangas, der Intervention der UNO und der internen Machtkämpfe, die weitgehend auch tribalistisch geprägt waren. Tod am großen Fluss. „Wenn du lange genug am Ufer siehst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbei treiben sehen“, lautet angebliche ein kongolesisches Sprichwort. Bei allen barbarischen Metzeleien und kannibalistischen Festgelagen, verlangten die Unruhen der 1960er Jahre aber nur einen Bruchteil der Opfer, verglichen mit den Millionen Toten seit 1997.

Mit der Unabhängigkeit des Kongo begann die Zeit der Stellvertreterkriege und der Aufstieg westlich gestützter Despoten, die jedem Rassisten Freude bereiteten.
Oder wie es Christopher Othen ausdrückt: „The events of 1960 are the ground zero of CIA-sponsored African dictatorships, private military contractors, conflict diamonds and global corporations picking clean the bones of Third World Countries” (KATANGA 1960-63, The History Press, 2015).

Damals rückten erstmals Kindersoldaten in die Öffentlichkeit in Form der Jugendorganisationen („jeunesse“); ihre Gräuel wurden für die westlichen Medien zum Inbegriff rassistischer Kommentare (ohne zu bemerken, dass sich Hitlers Volkssturm neben alten Leuten auch aus „Pimpfen“ speiste).

Ich fühlte feuchte Wände, Mehltau und die Armut des ruralen Kongo.

Die Darstellung des Kongo ist authentisch und genau (wie man etwa im Abgleich mit Larry Devlins Memoiren nachprüfen kann). Die Schilderung einer aberwitzigen Wahl der „Miss Leopoldville ist mir Beweis, dass Kiefer den Kongo ziemlich genau erlebt haben muss.

Die Suche nach den wahren Gründen für den Mord durch das Gestrüpp unterschiedlicher und tödlicher Interessen, die den Kongo zerlöchern, ist mehr als schwierig. Nichts darf ans Tageslicht.

„Man bleibt im Dunkeln, Monsieur Vernon, wenn man Jäger ist und essen will“, hatte mir Seku erklärt. Und Seku jagte Macht und aß gut.

Das ganze Chaos der damaligen Situation durchzieht das Buch: Die Angst der Amerikaner vor Einflussverlust, Tschombes Abspaltung Katangas für die Interessen der belgischen Mineralgesellschaften, das strategielose Geballer hirnloser UN-Truppen und die tribalistischen Machtkämpfe der Einheimischen. Die unterschiedlichsten Gruppierungen schmieden aberwitzige Allianzen, die niemand wirklich durchschaut:

„Finden Sie heraus, woher sein Geld kommt und bieten Sie ihm mehr. Er wird seine Haltung zwar nicht ändern, aber Sie finden so Gelegenheit, die führenden Köpfe der Gruppe kennenzulernen. Und wenn Sie das geschafft haben – informieren Sie Mobutu. Sollen die Kongolesen sich um ihn kümmern.“

Kiefer erzählt es nicht emotionslos, aber doch kühl mit der Stimme eines menschlichen Ich-Erzählers in einem zynischen Job. Er weiß, wie das „Geschäft“ läuft und stellt es nicht in Frage. Da ist er ganz Profi. Aber wenn es persönlich wird, scheut er auch nicht den Konflikt mit der eigenen Interessenseite.

Für jedes Verbrechen gibt es eine Entschuldigung, für jede Tugend findet man eine zynische Rationalisierung.

 

„Man könnte sein Erinnerungsvermögen etwas stimulieren,“

   „Dazu habe ich nicht die Mittel“, sagte Martin.

   „Es muss nicht unbedingt Geld sein“, sagte ich.

 

Wenige Polit-Thriller sind so intensiv in einer politisch realen Situation verwurzelt und nutzen diese so effektiv für ihren Plot. Ohne Kiefers literarisches Können, würde er sich passagenweise wie ein Sachbuch lesen. Aber dank der Erzählerstimme, die mich manchmal ein wenig an Paul Theroux erinnert, bleibt der Roman in der Spur. Die Informationen zur realen Lage werden organisch vermittelt, da sie zum Job und zum Umfeld des Erzählers gehören. Deshalb wirkt nichts aufgesetzt.
Warren Kiefer gehört zu den wenigen Polit-Thriller-Autoren, deren mitreißender Stil die Leser einsaugt und sie dabei unauffällig mit Fakten zum Hintergrund über das Sujet aufklärt, die sich dann als integral für die Handlung erweisen.


II. DER AUTOR:

Warren David Kiefer gehört zu den geheimnisvollsten Autoren der Kriminalliteratur. Er ist nicht nur ein in Vergessenheit geratener Autor, sondern auch ein nur Spezialisten bekannter Drehbuchautor und Regisseur.

Er wurde 1929 in Rochelle Park, New Jersey, geboren. Wahrscheinlich starb er 1995 in Buenos Aires.

Kiefer studierte an der University of New Mexico und an der University of Maryland. Er studierte u.a. Journalismus und Fotografie und strebte eine M.A, in südamerikanischer Geschichte an.

Sein Freund Paul Mims erinnerte sich an ihn: „Warren and I first met in the autumn of 1949. We were students at the University of New Mexico, Albuquerque, I a 26 year old grad student from the University of Wisconsin, he a 20-year old under graduate from the Chicago suburbs. The Kiefer I knew was 20 years old, of medium height; say about five-foot eight inches tall, weighing approximately 160 pounds. He had a well muscled frame. His hair was light brown, close cropped but given to being wavy. Although not a rich boy he was from the upper middle class and used to the “good life”. Even as an under graduate he had extravagant tastes for food, liquor and girls. One of the great dilemmas in his life was how to combine both the “good life” and the artist’s bohemian life style. You see, one part of Kiefer, although quite capable of performing in the world of public relations and advertising, loathed its suffocating, mundane ethos” (Zitat nach Robert Curti in dem ausführlichsten Artikel zu Kiefers Filmschaffen, unter: http://offscreen.com/view/warren_kiefer).

Während seiner Zeit in Maryland lernte er seine Frau Ann kennen, die er 1954 heiratete und mit der er einen Sohn hatte. Das Studium langweilte ihn irgendwann und er begann in der PR-Branche zu arbeiten. Er machte u.a, Public Relations für die Geburtsstadt seiner Frau, Kalamazo in Michigan, und für den Pharma-Giganten Pfizer (was in PAX einfloss).

Sein erster Roman, den er gemeinsam mit Harry Middleton geschrieben hatte, wurde 1958 unter dem Pseudonym „Middleton Kiefer“ veröffentlicht:

PAX ist eine hard-boiled-novel über Betrug in der Pharma-Industrie, die Bezüge zum Mind-Controlprogram der CIA (Operation Artischocke, MK Ultra) aufweist. Zu seinen literarischen Vorbildern gehörten damals Hemingway und Fitzgerald; zu seinen Freunden gehörte – ebenfalls Absolvent der University of New Mexico – Edward Abbey, dessen Roman THE LONELY COWBOY (1956) Kiefer laut Curti beeinflusst haben soll.

Im selben Jahr wurde sein Sohn Alden geboren.

Dann schmiss er alles hin: Familie, Job und Wohnort. Quasi über Nacht begann er ein neues Leben.

Kiefer zog nach Rom, damals neben Los Angeles die größte Filmstadt der westlichen Hemisphäre. Im Umfeld von Cinecittà suchte und fand er Jobs. “I was working the Middle East and Africa as a director-producer of TV Specials and documentaries.”

Für Esso drehte er eine Dokumentation in Lybien. Auch wenn nichts darüber bekannt ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1961 oder 1962 auch den Kongo besucht. Das Detailwissen über die geheimdienstlichen Aktivitäten, wie er es zehn Jahre später im LINGALA CODE darlegte, war zum Zeitpunkt des Erscheinens einem Außenstehenden nicht zugänglich. Entweder hatte Kiefer sehr gute Quellen, oder er war unter der beliebten Tarnung als Dokumentarfilmer oder Journalist in CIA-Aktivitäten aktiv verwickelt.

1963 war er wieder zurück in Rom und lernte Paul Maslansky kennen, der als Production Managere gerade für Irvin Allans THE LONG SHIPS arbeitete. „He and Maslansky met at the Cinecittà tank, where Kiefer was shooting additional footage for his Esso documentary: they liked each other, got along well, and talked about making a movie together. According to Maslansky, Kiefer had married again at that time, with a beautiful Argentinian woman“ (Curti).

Rolf Giesen: „Zum Film kam Kiefer durch Paul Maslansky und den Mammutfilm `The Long Ships´ (Raubzug der Wikinger). Maslansky lebt noch. Er nahm 1967 am 6-Tage-Krieg teil. Er war der Produzent der `Police Academy´-Filme. In einem von Kiefer geschriebenen Film spielte Mario Adorf.“

So kam es dazu, dass Kiefer mit CASTLE OF THE LIVING DEAD (Il castello dei morti vivi) seinen ersten Kinofilm als Autor und Regisseur drehte, dem zwei weitere folgten. Auch unter verschiedenen Pseudonymen, wie Lorenzo Sabatini, erledigte er weitere Filmarbeit.

Wer näheres zu diesem speziellen Bereich in Warren Kiefers Werk sucht, sollte sich den langen Artikel von Robert Curti ansehen.

In CASTLE spielte Donald Sutherland seine erste Filmrolle. Sutherland und Kiefer wurden so gute Freunde, dass der Schauspieler seinen Sohn nach ihm benannte. Kiefer widmete ihm den LINGALA CODE, den er noch in Rom geschrieben hatte..

Irgendwann nach 1972 verließ er Rom und zog mit seiner argentinischen Frau nach Buenos Aires .
Trotz gelegentlicher Buchveröffentlichungen, weiß anscheinend niemand, was Kiefer in Argentinien so getrieben hatte und womit er Geld verdiente.

Es war die Zeit der CIA gesteuerten Operation Condor, die mit Nazi-Methoden in ganz Lateinamerika gegen Befreiungsorganisationen und Gewerkschaften vorging. Sein Roman THE KIDNAPPERS greift die damalige Situation in Argentinien auf: Ein alter Schneider versucht seine Kenntnisse sowohl an die CIA wie die ODESSA zu verkaufen.
Er hatte noch Kontakte zur Filmindustrie.

Rolf Giesen: „Juliette de Sade war dann offiziell Kiefers letzter Film, der ihn nach Argentinien brachte. Ich selbst denke, dass er dort weitergemacht hat, neben den Romanen. Über internationale Co-Produktionen lässt sich gut Geld waschen.
Paul Maslansky, Warren Kiefers alter Weggefährte, plante 1990 eine Filmkomödie in Argentinien zu produzieren: „Honeymoon Academy“. Maslanskys Frau Sally sollte die Produktion überwachen. Es ging viel daneben; der Film entstand, dann nicht in Argentinien. Ursprünglich unter dem Titel „For Better For Worse“ geplant, sollten in Argentinien 5 Millionen Dollar ausgegeben werden. Die Produktion ging schließlich nach Spanien.
Ich bin sicher, dass Kiefer an der argentinischen Verbindung beteiligt war und dort Geld locker machen sollte.“
(Giesen in E-Mails an mich)

Obwohl nicht verifiziert, gilt 1995 als Kiefers Todesjahr.

Als Autor blieb er ein Geheimtipp, der nie den großen Erfolg verbuchen konnte.

1973 gewann er für den LINGALA CODE den Edgar Allan Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres.

1976 folgte der Vatikan-Thriller THE PONTIUS PILATUS PAPERS über einen entdeckten und gestohlenen Augenzeugenbericht der Kreuzigung Christi. 1977 erschien THE KIDNAPPERS.

Nach langer Pause folgte 1989 mit OUTLAW eine Western-Saga (Kiefer war ein Western-Fan und hatte die Drehbücher zu dem Lee Van Cleef-Film DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967, VERGELTUNG IN CATANO, 1965, und THE LAST REBEL, 1971, geschrieben), die von 1870 bis 1968 spielt.

1990 erschien mit THE PERPIGNON EXCHANGE ein Nahost-Thriller, 1992 mit dem Wall Street-Thriller THE STANTON SUCCESSION sein letztes Buch.

DER LINGALA CODE ist inzwischen ein Klassiker des Polit-Thrillers, der literarisch und thematisch einen ganz besonderen Platz in der Geschichte des Genres einnimmt in seiner perfekten Verbindung zwischen Realität und fiktionaler Erzählung. Die erneute Lektüre nach über vierzig Jahren zeigte mir zudem, dass der Roman stilistisch nicht im Geringsten antiquiert ist. Er liest sich, als hätte ihn ein vortrefflicher gestern erst geschrieben.

In deutscher Übersetzung sind lediglich zwei Romane erschienen: DER LINGALA CODE bei Heyne, 1974 und THE STANTON EXPRESS als DER DRITTE KANDIDAT bei Bastei-Lübbe, 1993.


EINIGE EMPFEHLENSWERTE AFRIKA-THRILLER:

ALEXANDER, Patrick, Death of a ThinSkinned Animal, London, Macmillan, 1976.

ALLBEURY, Ted, The Girl from Addis, London & New York, Granada, 1984.
AMBLER, Eric, Dirty Story, London, Bodley Head, 1967.

BOYD, William, Brazzaville Beach, New York, William Morrow, 1990.

BROWNLEE, Nick, Snakepit, London, Piatkus, 2011.

CAPUTO, Philip. Horn of Africa, New York, Holt, Rinehart and Winston, 1980.

CARNEY, Daniel, The Whispering Death, Salisbury, College Press,1 1969.

CHASE, James Hadley, The Vulture is a Patient Bird, London, Hale, 1969.

CLIFFORD, Francis, The Blind Side, London, Hodder, 1971.

DRISCOLL, Peter J., The Wilby Conspiracy, New York & Philadel-phia, Lippincott, 1972.

FORSYTH, Frederick, The Dogs of War, London, Hutchinson, 1974.

FREEMANTLE, Brian, Target, Sutton, Severn House, 2000.

GRANGÉ, Jean-Christophe, Fug der Störche, 1994. U.a. desselben Autors.

HARTMANN, Michael, Game for Vultures, London, Heinemann, 1975.

LE CARRE, John, The Constant Gardener, 2001; The Mission Song, New York, Little, Brown and Company, 2006.

McCARRY, Charles, The Miernik Dossier, New York, Saturday Review Press,1973.

DONELL, Nick, An Expensive Education, London, Atlantic Books, 2010.

McNAB, Andy, Recoil, New York, Bantam, 2006.

MILLS, Kyle, The Lords of Corruption, New York, Vaguard Press, 2009.

QUINNELL A. J., Black Horn, London, Chapmans Publishers, 1994.

SILLITOE, Alan, The Death of William Posters, New York, Knopf, 1965.

SMITH, Wilbur, The Leopard Hunts in Darkness, London, Heinemann, 1984.

THOMAS, Ross, The Seersucker Whipsaw, New York, Morrow, 1967.

TYLER, W. T., Rogue’s March, New York, Harper & Row, 1982; The Lion and the Jackal, New York, Simon and Schuster, 1988.

WINGATE, William, Bloodbath, London, Hutchinson, 1978.

WOODHEAD, Patrick, The Secret Chamber, London, Arrow, 2011

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KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET von YUKIO MISHIMA by Martin Compart


„Zu meinen unabänderlichen Überzeugungen gehört der Glaube, daß das Alter unendlich häßlich und die Jugend unendlich schön ist. Die Weisheit der Alten ist unendlich trübe, die Taten der Jungen unendlich durchsichtig.“

Yukio Mishima im Nachwort zur Aufstand-Trilogie (Ni Ni Roku)

Diese barbarische Haltung verdeutlicht Mishima u.a. in dem höchst verstörenden Noir-Roman DER SEEMANN, DER DIE SEE VERRIET (GOGO NO EIKO, 1963).

Die schöne junge Witwe Fusako aus Yokohama verliebt sich in den Seemann Ryuyi. Ihr dreizehnjähriger Sohn Noburu, der unter dem intensiven Einfluss des Bösen-Buben-Bosses der sechsköpfigen Kinderbande und dessen pubertären Nihilismus steht, bewundert Ryuyi zunächst als Helden des Meeres. Nachdem dieser jedoch der „See abschwört“ und zum neuen Vater zu werden, droht, beschließt die Bande ihn zu töten.


https://www.amazon.de/Seemann-die-See-verriet-Roman/dp/349915823X/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1523360115&sr=8-6&keywords=yukio+mishima

Es war einer der Lieblingsromane von David Bowie und Hans Werner Henze vertonte ihn2003 zu seiner Oper DAS VERRATENE MEER. Lewis John Carlino (Autor von THE MECHANIC) verfilmte ihn 1976 mit Sarah Miles und Kris Kristofferson.

In den USA würde man den Roman vielleicht sogar dem Genre der juvenile deliquents- novel zuordnen (das sich in den 1950er Jahren entwickelte und auch noch 1963, als Mishimas Roman erschien, einer gewissen Beliebtheit erfreute.

Andererseits wurde dem Buch unterstellt, es erzähle eine Geschichte, die sich aus kulturellen Traditionen speise, die dem westlichen Leser unzugänglich seien:

„Diese ‚Fallgeschichte‘ Aus Japan thematisiert die Mechanismen der Anpassung, die Triebregungen und Wünsche, das Realitätsprinzip einer mittelständischen Kleinfamilie. Ich begann darüber nachzudenken, ob ihr Drama, die Tat des kleinen Jungen, der seinem Vater den Verrat an den traditionellen, männlich-heroischen Idealen nicht verzeihen kann, auch in unserer Gesellschaft vor stellbar wäre. Ich bin der Überzeugung, daß Mishimas Geschichte sich nach eigenen Gesetzen vollzieht, die außerhalb der für uns geltenden Normen liegen. Sie wurzeln in einer rauschhaften Heldenkultur, wie wir sie so in Europa nicht kennen. Die Geschichte vom ‚Seemann, der die See verriet‘ bleibt gebunden an eine Dimension des Unfaßbaren und bereit eine Skala uns unbekannter, von uns nicht gelebter Gefühlsmuster aus“ (Gisela von Wysocki).

Demgegenüber lässt sich einwenden, dass die widerwärtigen Kinder (die in der furchtbarsten Szene des Buches eine kleine Katze töten und sezieren um ihr eigenes Mitleid auszurotten) generell (und nicht nur in japanischer Tradition) kulturelle Entwicklungen symbolisieren, die Empathie und Solidarität bewusst auslöschen (auch darin ist dieser Roman wieder hochaktuell).

Oder wie es DER SPIEGEL bei dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe formulierte: „Der Japaner Mishima, 44, wiederholt als ein Anwärter auf den Nobelpreis genannt, hat schon manches Sujet der europäischen Literatur in japanische Hintergründe verarbeitet. In seinem für Deutschland neuen Roman, einem ästhetizistisch arrangierten Thriller von Liebe und Tod, behandelt er ein Thema, von dem traditionsbewußte Japaner sagen, es sei ebenfalls aus dem Westen importiert: den Generationskonflikt.“

Ein Thema ist auch die Aufgabe pubertärer Allmachtphantasien in Form von Heldenträumen um ein kleinbürgerliches Leben zu führen. Dies ist die See, die der Seemann verrät. Deshalb verurteilen die Kinder ihn zum Tode, denn er hat die Ideale der Kindheit verraten, deren Nihilismus erschreckende Ähnlichkeiten mit der Ideologie des fanatisierten Jungvolks im 3.Reich aufweist.

Durch den Text schwingt auch Mishimas Zorn auf die Väter-Generation, die den Krieg verloren hatte und sich statt „ehrenvoll“ zu opfern, sich einer ehrlosen Kapitulation hingab, die das japanische Reich für den barbarischen Coca Cola-Kapitalismus unterwarf.

„…Einen gerechten Vater kann es gar nicht geben, weil schon die Rolle des Vaters eine Form des Bösen ist. Strenge Väter, nachsichtige Väter, nette, gemäßigte Väter – einer ist so schlecht wie der andere. Sie stehen uns im Weg und versuchen, uns mit ihren Komplexen zu belasten, mit ihren unerfüllten Wünschen, ihrem Groll, ihren Idealen, ihren Minderwertigkeitskomplexen, die sie nie jemanden anvertrauen konnten, mit ihren Sünden, ihren kitschigen Träumen, ihren Geboten, an die sie sich niemals gehalten haben, weil ihnen der Mut dazu fehlte…. Die Väter sind die Schmeißfliegen dieser Welt. Sie liegen auf der Lauer, bis sie an uns etwas Faules entdecken, auf das sie sich stürzen können. Dreckige Fliegen sind sie, die überall ausposaunen, dass sie mit unseren Müttern geschlafen haben. Wenn es darum geht, unsere absolute Freiheit und unser Können zunichte zu machen, schrecken die Kerle vor nichts zurück. Sie denken nur daran, die schmutzige Stadt zu beschützen, die sie sich erbaut haben.“

Mishima veröffentlichte den Roman zu einer Zeit, als er von westlichen Lesern zögernd entdeckt wurde (die ihn aber schnell zum Kandidaten für den Literaturnobelpreis erkoren), in Japan aber sehr viele Leser verlor. Damals wurde er nicht als das atemberaubende Meisterwerk bewertet, als das es heute gilt:

„Mishima’s greatest novel, and one of the greatest of the past century“ (The Times)

„Explores the viciousness that lies beneath what we imagine to be innocence“ (Independent)

„Told with Mishima’s fierce attention to naturalistic detail, the grisly tale becomes painfully convincing and yields a richness of psychological and mythic truth“ (Sunday Times)

„Coolly exact with his characters and their honourable motives. His aim is to make the destruction of the sailor by his love seem as inevitable as the ocean“ (Guardian)

„Mishima’s imagery is as artful as a Japanese flower arrangement“ (New York Times)

Erstaunlich und verblüffend, dass weder Marguerite Yourcenar noch Hans Eppendorfer oder Henry Scott Stokes in ihren Büchern über Mishima auf diesen Roman eingehen, der in seinem komplexen Gesamtwerk eine besondere Stelle einnimmt. In seiner dystopischen Seelenbeschreibung geht er weit über Noir-Autoren wie Jim Thompson oder Tim Willocks hinaus. Gesehen als Noir-Roman, ist er verstörender und erschreckender als jeder andere Noir-Roman, den ich kenne. Literarisch kann ihm sowieso kaum einer das Wasser reichen.

Es gibt Passagen und Momente, da könnte man glauben, sie seien von Patricia Highsmith im Sake-Rausch geschrieben sein.

Yukio Mishima (1925-70), der wie kein anderer für die Traditionen des Kaiserreichs und der Samurai-Kultur steht, galt auch als der westlichste unter den japanischen Schriftstellern. Sicherlich, weil er durch die leicht wahnsinnige Großmutter isoliert von Gleichaltrigen aufwuchs und seine Zeit vor allem mit der Lektüre westlicher Autoren verbrachte (Rilke. D´Annunzio, Radiguet, Gide, Oscar Wilde und Thomas Mann). Aus dem weichlichen Knaben formte Mishima bewusst einen homosexuellen Samurai mit dem Körper und den Fähigkeiten eines Kriegers. 1970 beging er öffentlich Seppuku, nachdem er mit Getreuen seiner Schildgemeinschaft vor Soldaten eine Rede zur Rettung der japanischen Seele gehalten und zum Putsch gegen die Verfassung, die eine offizielle Armee verbot, aufgerufen hatte.

Nach Arnold Toynbee hatte Asien im 19. Jahrhundert nur zwei Möglichkeiten: durch Verwestlichung zu überleben oder im Widerstand dagegen unterzugehen. In der Meiji-Ära (1868 bis 1912) wählte Japan den ersten Weg, industrialisierte das Land, wechselte vom Feudalsystem zu einer zentralistisch organisierten Regierung und schuf eine nationale Armee. Leidtragende dieser Entwicklung waren die Samurai. Etwa 40 000 von ihnen rebellierten 1877 gegen die Regierung. Erst nach achtmonatigem Kampf wurden sie von der Armee besiegt.

Eine Hundertschaft nationalistischer Samurai griff während dieser Rebellion eine Militärkaserne nur mit Schwertern und Speeren bewaffnet an. Die Soldaten schossen sie mit vom Westen importierten Gewehren nieder, die Überlebenden begingen Harakiri. Diese Tragödie spielte in Mishimas geschichtspolitischem Verständnis eine zentrale Rolle. Der rasend schnelle Umbruch vom Mittelalter ins Industriealter war wohl auch mitverantwortlich für die hohe Selbstmordquote unter japanischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts.

P.S.: Mishima war ein großer Katzen-Fan, der seinen Katzen auf Reisen Postkarten schickte und im Postskriptum seinen Vater eindringlich ermahnte, freundlich zu ihnen zu sein. Der Vater berichtete später: „Manchmal arbeitete er stundenlang mit einer Katze auf den Knien. Mich hätte das verrückt gemacht.“ Mishima: „Du musst einen Hundeverstand haben, Vater. Du hast eben keine Ahnung von der zarten Psyche einer Katze.“





THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: SCHATTENLICHTER von THEODORE ROSZAK by Martin Compart

Ein junger Filmstudent auf den Spuren eines vergessenen Kultregisseurs. Rätselhafte Symbole in alten Stummfilmen. Eine mächtige Bruderschaft, die ihre Novizen in der Kunst des Filmhandwerks unterweist. Ein Geheimnis, das die Grundfesten unserer Welt erschüttert…

SCHATTENLICHTERs Ich-Erzähler ist der junge Filmstudenten Jonathan Gates, der in den fünfziger Jahren in einem Kellerkino in Los Angeles seinen ersten Film des vermeintlichen B-Movie-Regisseurs Max Castle sieht, dessen Ästhetik ihn im Folgenden nicht mehr loslässt. Was Gates in den Filmen von Castle sah, verweist nach jahrelangen Recherchen auf einen Orden hin, der seit den Anfängen religiöser Erfahrung existiert, älter als das Christentum ist und immer dann aktiv wird, wenn bewegte Bilder eine Rolle spielen.
Aber welche Rolle spielte der überaus intelligente Castle dabei? Und was wollen die „Sturmweisen“ wirklich?
Gates macht sich auf die Suche nach einer Antwort — und findet Unglaubliches heraus…

Film als Verschwörung!

Angesichts der heutigen Mediendiskussion für und gegen die Manipulation der Massen (jüngstes Beispiel ist die Verarschung durch die Mächtigen in der „Skripal-Affäre“ um Stimmung gegen Russland zu erzeugen – denn sowohl Amerikaner wie Briten haben medial nicht intensiv  nachgefragten Zugang zu Nowitschok –  um Rüstungsausgaben anzuheizen; da ist das Establishment wieder ähnlich beweistüchtig wie bei Saddams „Vernichtungswaffen“ und Gaddafis „Massenmord“ ) ein noch immer aktueller Hintergrund für einen schon klassischen Noir-Conspiracy-Thriller.
Für einen Roman wie diesen, gibt es keinen mir bekannten Vergleich. Dazu weiter unten.

Neben der spannenden Handlung erzählt der Roman auch noch Filmgeschichte vom Stummfilm bis zur Nouvelle Vague in so wunderbarer Form, dass Film-Aficionados alleine schon deshalb das Buch lieben. „Theodore Roszak schafft es jedenfalls, alle Strömungen, die die Wahrnehmung des Kinos im letzten Jahrhundert bestimmt haben, auf pfiffige Weise aufzugreifen, und was sein Held dabei an Kulturpessimismus entwickelt, wird ihm am Ende geradezu zum Verhängnis.“ (FAZ, 20.10.2005)  Pfiffig wie die FAZ. Aber wie oft bei Ausnahme-Thrillern, ist auch hier der Weg das Ziel. Ein Weg, der rund um den Globus und zu behexenden Charakteren führt.

SCHATTENLICHTER ist auch eine Art parzifalesker „Bildungsroman“ des Ich-Erzählers und die Sozialisationsgeschichte eines Cineasten. Dafür nimmt sich Roszak jede Menge Zeit, ohne auch nur eine Seite zu langweilen (ausgenommen natürlich für Leser, die sich nicht für kulturgeschichtliche Hintergründe interessieren, aber die greifen sowieso eher zu deutschen- oder skandinavischen Provinz-Krimis).
Denn Roszak erweist sich als großartiger Romancier, der filmisches Detailwissen, witzige Beobachtungen und unvergessliche Charaktere mit einem treibenden Plot verbinden kann. Neben verschlüsselten Personen lässt der Autor auch unverschlüsselte Heroen der 7.Kunst auftreten, wie Orson Welles oder Edgar Ulmer.

Aber es ist auch ein Roman, der sein Publikum spaltet: Entweder man liebt ihn, oder man kann nichts mit ihm anfangen und ist gelangweilt. Wer nicht nach den ersten zwanzig Seiten Blut geleckt hat, sollte auf die restlichen 850 verzichten.

An seinen Formulierungen habe ich große Freude:

„Er (der Mythos) war in unser Bewusstsein eingesickert, als hätten wir Schmutz verschluckt.“

„Kunst durfte nur über den urteilsfähigen Verstand in unser Leben treten, sonst sei sie nicht mehr als eine Droge.“

„…die Studios brauchten jemanden, dessen natürlicher Lebensraum die kinematografische Müllkippe war.“

„Ohne Ästhetik keine Ethik“

„Ich beneidete Claire um die unbekümmerte Art ihrer Verachtung.“

„Überzeugt von der geistigen Brillanz meiner Lehrerin – und angesichts meiner eigenen, eher mittelmäßigen Begabung – war ich bereit, als perfektes Trägermedium zu fungieren.“

Da viele Rezensenten gerne Autorenvergleiche (immer gerne genommen: Dan Brown) zu dem Buch bilden, möchte ich auch einen abliefern: Als hätten Mark Fisher und Umberto Eco bei diesem Roman kooperiert. Tatsächlich ist Umberto Eco der einzige Autor, der mir zu Roszak einfällt: Ein ähnlicher professoraler Hintergrund und eine ähnliche Herangehensweise an die eigene fiktionale Tätigkeit, die im hohen Maße kulturgeschichtliche Betrachtung und Analyse miteinschließt.

Der Autor war ein ungewöhnlicher Mann, der die Verschwörungen in den USA stets durchschaute: Geschichtsprofessor Theodore Roszak(1933-2011) von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.

Roszak war der Erste, der sich wissenschaftlich der Jugendrevolte der 1960er Jahre genähert hatte. 1968 versuchte er mit The Making of a Counter Culture den Intellektuellen der älteren Generation die Jugendbewegung zu erklären. Weitere Sachbücher folgten, in denen er die Ökopsychologie entwickelte, „die er als eine Synthese von Ökologie und Psychologie in einem neuen wissenschaftlichen Paradigma begründete. Dabei betrachtete er auch den Zusammenhang von zunehmender Zerstörung des Planeten Erde und den psychischen Befindlichkeitsstörungen vieler Menschen“(Wikipedia).

Seit der amerikanischen Wiederveröffentlichung steht eine geplante Verfilmung in den Branchenblättern. Dabei sollte Darren Aronofsky Regie führen und Jim Uhls (FIGHT CLUB nach Chuck Palahniuk) das Drehbuch schreiben. Nach der Lektüre des ersten Entwurfs von 2004 schrieb ein Insider über Uhls Werk: „Auf der ersten Seite war bereits Roszaks Name falsch geschrieben – von da an ging´s bergab.“

SCHATTENLICHTER
Originaltitel: Flicker, 1991.
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
878 Seiten, Heyne-Verlag, 2005.

P.S.:
In seinem Essay über das Buch, SECRET MOVIES, sieht Dennis Cozzalio den Roman dem Horror-Genre zugehörig:

Three years ago I was commissioned to write about Flicker for writer Bill Ryan’s annual October consideration of horror at his great blog The Kind of Face You Hate. I had to admit, I never really thought of Flicker as a horror novel in the strictest sense while I was immersed in it– the first half reads more like an indulgent orgy of movie lore woven expertly into a pleasingly reluctant, expertly teased detective story. But the book certainly qualifies as horror in that it shares the obsessive nature of its protagonist, film historian Jonathan Gates, who follows the decaying nitrate trail of long-forgotten genre filmmaker Max Castle (apparently at least partially inspired by Ulmer and his travails, from set designer for a series of great German films– Nosferatu and Metropolis included– to a career as a subversive director of Poverty Row B-movies) all the way down the rabbit hole, beneath the deceptively tacky first layer of the director’s strangely seductive imagery and into a nightmare world of secret movies. Here, bathed in the sinister interplay of shadows and light, where something always seems to be just hidden from view, the hooks of the past are set, dragging the academic, and us, into a present where Castle’s subliminal text is developing, with the help of a mysterious religious sect and a newly emerging cult phenomenon by the name of Simon Dunkle, into malignant foreground. Flicker‘s vampires and creatures of the night may remain locked in tattered celluloid, the remains of Max Castle’s oeuvre, but like Castle’s mysterious technique, known as the flicker, Roszak’s book gets under your skin, makes you shiver, and makes you think about how elastic the horror genre really can be.



RUN von DOUGLAS E. WINTER – ein Klassiker des NOIR-THRILLERS by Martin Compart

Ein illegaler Waffendeal.

Ein Attentat.

Und ein Bauernopfer, das zwischen alle Fronten gerät.

Burdon Lane lebt den Amerikanischen Traum. Sein Job ist es, regelmäßig Waffen dorthin zu liefern, wo sie gebraucht werden – in jene amerikanischen Problemviertel, in denen sich die Bewohner mit besonderer Regelmäßigkeit gegenseitig erschießen und wo die Behörden gern eine Auge zudrücken. Ziel seiner jüngsten Lieferung ist es, zwei verfeindete Straßengangs in Harlem zu bewaffnen. Das System ist erprobt und todsicher. Was Burdon jedoch nicht weiß: Die Regierung hat bei diesem Deal ihre Hände im Spiel. Und was die Behörden nicht wissen: Der Deal ist nur ein Vorwand für einen weitaus perfideren Plan.

Als der Deal platzt, bricht die Hölle los. Plötzlich erschießen die Waffenhändler ihre eigenen Leute, die Cops scheinen keine echten Cops zu sein, und als sich der Pulverdampf verzieht, ist Burdon Lane plötzlich auf der Flucht – vor seinen Auftraggebern, den Feds, und so ziemlich jedem Cop entlang der Ostküste. Mit zwei Millionen Dollar, einem ungewöhnlichen Verbündeten, und jeder Menge Waffen.


RUN – SEIN LETZER DEAL
Luzifer Verlag, 2018.
350 Seiten;7,99 € (eBook) – 13,95 € (sehr schöne Klappbroschur)
ISBN: 978-3-95835-284-1
Aus dem Amerikanischen von Peter Mehler

https://luzifer.press/produkt-kategorie/thriller/

 

Es mag seltsam klingen, aber mit diesem Titel ist für mich die Messlatte für alle weiteren in diesem Jahr noch erscheinenden Hardboiled-Noir-Thriller um einiges nach oben gerutscht. Lange keinen stilistisch oder inhaltlich so konsequent durchexerzierten Actionthriller mehr gelesen“, kommentiert Jörg K, den Roman RUN von Douglas E. Winter bei AMAZON.

Ich kann mich ihm nur anschließen.

Douglas E. Winter, geboren 1950, ist hauptberuflich Anwalt in Washington und hat sich seit Jahrzehnten als Kritiker, Essayist und Anthologist für Weird Fiction profiliert. Außerdem schrieb er Biographien über Stephen King und Clive Barker und Kurzgeschichten, deren stilistisches Bewusstsein auffällig war.

Leider ist RUN sein bisher einziger Roman.

Er ist Partner in the international ausgerichteten Kanzlei Byran Cave und lebt in Oakton, Virginia. In einem Interview (in LOST SOULS), kurz vor der Veröffentlichung von RUN, sagte er: über sein Schreiben, mit dem er bereits als Kind begonnen hatte:

„I would create stories about very fantastic things because those were the things that appealed to me. They served as an escape, to a certain extent, and also, just a way of expressing those things inside that were my peculiar way of looking at the world. I’m literally putting the finishing touches on a novel. It’s called RUN.
I’ve been writing this book for a couple of years. It’s finished but I’m still.noodling the last three chapters. I’m an unrepentant editor and reviser… I I’ve written it without a safety net — without a contract. Something I haven’t done for 15 years. It was a wonderful and yet very anxious experience. I wrote the first half and then polished the hell out of it, put it into what I consider to be final form, and sent it to my agent just to make sure I was going down the right path. He thought I was doing all right, so that made it much easier to devote time to doing the second half, and doing it right… I think most people would consider the book to be a criminal suspense novel or a thriller. It concerns gun running, it concerns gangs, it concerns the problem of guns. The meaning weapons have in our current culture. It’s very violent and very ugly. Horrific as I said. I think it’s funny and my wife thinks it’s funny as well. It’s set in what I think is a very real world. It’s a world in which there aren’t good guys and bad guys — as my agent says, there are just bad guys and worse guys. And I think that’s appropriate based on what I’m trying to say in this particular book.”

Der Roman ist in der ersten Person Präsenz aus der Perspektive des Protagonisten Burdon Lane geschrieben. Manchmal strömt es als stream-of-consciousness aus ihm heraus und gibt dem Leser authentischen Einblick in seine Welt (Kerouac lässt grüßen), seine Gefühle und seinen Noir-Code.
Die Story spielt innerhalb von 24 Stunden und legt ein rasantes Tempo vor, die dem Leser einsaugt und unmittelbar teilhaben lässt. Winter beschleunigt suggestiv bis zum blutigen Finale und macht RUN zu einem Noir-Thriller der Extraklasse, zu einem frühen Genreklassiker des 21.Jahrhundert (die Originalausgabe erschien bereits 2000; ich habe den Roman seitdem in meiner Bibliothek und nicht mehr damit gerechnet, dass ein deutscher Verlag ihn veröffentlichen wird).

Weird Fiction-Experte Hank Wagner fand folgende Vergleiche: „Traces of Donald Westlake/Richard Stark, James Ellroy, Jim Carroll, William Goldman, Donald Goines, Quentin Tarantino and John Woo are evident, all filtered through Winter’s unique sensibilities. As such, the book transcends those influences. Winter delivers an explosive tale of loyalty and betrayal, one which simultaneously honors and elevates the thriller genre.” Der eigenwillige Ton, in dem Lane über seine Welt berichtet, erinnert auch an Jim Thompson-Erzähler, die nicht Lou Ford sind. Ich finde diese Erzählerstimme faszinierend, glaubhaft und höchst kunstvoll. Für Leser, die sie nicht mögen, sich nicht auf sie einlassen wollen oder können, taugt das Buch nicht, denn es steht und fällt mit seinem Sound.

Die Fluchtgeschichte packt einen und lässt nicht mehr los. Schließlich hat man nach anfänglichen Schwierigkeiten zumindest Empathie für den „Helden“. Und der atemlose Thrill der Hetzjagd integriert sich organisch in die düstere Welt, die uns Winter vorführt. Bevölkert ist diese Welt von ebenso glaubhaften wie unangenehmen Personen, denen der Autor aber nicht ihre Menschlichkeit nimmt. Außerdem strotzt das Buch vor Fach- und Insiderwissen, aus denen sich für die Handlung immer neue Twists entwickeln.

2011 war eine Verfilmung durch die Gotham Group mit Lindsey Williams als Producer und John Cusack als Hauptdarsteller im Gespräch. Daraus ist bisher nichts geworden, deutet aber darauf hin, dass die Filmrechte blockiert sind.

Der Roman hat in seiner Gesamtheit eine völlig eigene Stimme und gehört in den Kanon der großen Noir-Thriller.

Mark Timlin ist absolut zuzustimmen, wenn er sagt: »RUN ist zweifellos einer der besten Romane über Gewalt, die ich je gelesen habe … Bei Winter sitzt jedes Wort, und selbst wenn er nie wieder etwas zu Papier bringen sollte, hat er sich damit selbst eine Nische zwischen den besten Kriminalautoren dieser oder jeder anderen Generation geschaffen.« [im Independent on Sunday]



JOCHEN KÖNIGS KRIMINALROMAN DES JAHRES 2017 by Martin Compart

Das Jahr ist noch jung, deshalb kann man noch einen Rückblick auf 2017 wagen. Und ein guter Tipp ist sowieso immer willkommen. Jetzt also Jochens Wahl:

Mein Kriminalroman des Jahres 2017 ist, knapp vor Lawrence Osborns hervorragendem Marokko-Roman „Denen man vergibt“ (Wagenbach Verlag), „Eileen“ von Ottessa Moshfegh (erschienen bei Liebeskind). Beide Romane verweisen interessanterweise partiell und völlig zu Recht auf die hochgeschätzte Patricia Highsmith.

„Eileen“ ist ein unkonventioneller Coming-Of-Age Roman. Denn die Hauptfigur ist zur Zeit der Handlung bereits fünfundzwanzig Jahre alt, ein scheinbares Mauerblümchen, das sein spätes Erblühen fünfzig Jahre später nacherzählt. Eine Woche voller dunkler Wunder und einschneidender Veränderungen.

Eileen geht mit sich und ihrer Umgebung schonungslos ins Gericht. Eindrücklich beschreibt sie ihr trostloses Leben in einem noch trostloseren Umfeld, in das Liebe, Gewalt und Tod mit Macht Einzug halten. Ottessa Moshfegh beherrscht ihr Handwerk meisterlich, weshalb der Stoff nie zu einer Etüde selbstgefälligen Jammerns verkommt.

Eileen Dunlop ist keine sympathische Figur, aber eine der ambivalentesten und faszinierendsten der letzten Jahre. Ein kraftvolles Buch, schmutzig, spröde, voller scharfem Witz und starken Szenen. Sprachlich ein Genuss, fein übersetzt.
Oder wie John Banville als Laudator schreibt: „„Hätte Jim Thompson sich mit Patricia Highsmith zusammengetan, wäre dabei „Eileen“ herausgekommen. Nachtschwarz, eiskalt und großartig erzählt.“ Es gibt unzutreffendere Klappentexte.



KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: TRIAL AND ERROR von ANTHONY BERKELEY (COX) by Martin Compart

„Überall, vom politischen System bis zum menschlichen Körper, muß das Böse herausgeschnitten werden, bevor das Gute sich ausbreiten kann.“
„Ja. Ja, ich denke, das klingt vernünftig“ , sagte der Major.
„Absolut“, bekräftigte der Zivilist.
„Aber ich muss schon sagen, dass ich gerne jeden unredlichen Politiker in unserem Land erschossen sähe.“
„Bliebe dann einer übrig?“ fragte Ferrers lächelnd.
„Sie meinen, Sie könnten sich zum Richter über Leben und Tod machen?“ wiedersprach der Pfarrer.
„Warum nicht? Ich wäre ein guter Richter.“

Stammen diese Sätze aus einem zeitgenössischen zynischen Noir- oder Kriminalroman?

Nein. Aus dem ersten Kapitel eines britischen Klassikers von 1937, aus dem Golden Age. Aus einem der Meisterwerke eines der größten Innovators der gesamten Kriminalliteratur, Conan Doyle, Hammett, Cain oder Forsyth mit eingeschlossen. Nämlich aus TRIAL AND ERROR (DER VERSCHENKTE MORD)von Anthony Berkeley Cox.

Heute fast völlig in Vergessenheit geraten, war Cox der intelligenteste Schriftsteller, der je Detektivromane geschrieben hat und mit Sicherheit verkörpert er inhaltlich und stilistisch der Höhepunkt des Golden Age.
Er führte den formalen Rätselroman auf einen Höhepunkt und entwickelte aus ihm den modernen Kriminalroman. Seine Plots waren raffinierter als die meisten von Agatha Christie, seine Plaudereien so gebildet wie die von Michael Innes oder Nicholas Blake und stilistisch mag ich ihn lieber als Dorothy L.Sayers oder die hoch geschätzte Margery Allingham, da er eher mit P.G.Wodehouse, dem der Roman gewidmet ist, oder H.C.Bailey und sogar mit Chesterton vergleichbar ist. Jedenfalls was zynischen Witz angeht.
Mit Bailey verbindet ihn auch die oft amoralische Haltung und das geringe Vertrauen in staatliche Strukturen.

TRIAL AND ERROR nutzt die Elemente des klassischen Detektivromans nur da, wo Cox sie auf den Kopf stellen kann: Der todkranke Mr.Lawrence Todhunter will seinem Leben einen Sinn geben indem er einen Gesellschaftsschädling umbringt. Aber das richtige Opfer zu wählen, ist nicht ganz einfach. In einer Besprechung mit Freunden, die nichts von Todhunters Absichten ahnen, wird das Thema abstrakt diskutiert und Hitler und Mussolini als potentielle Opfer ausgeschlossen, da diese nur Spitzen ihrer Bewegungen seien und sofort durch andere ersetzt würden. Auch ein Zeitungsherausgeber, „der seine Leser absichtlich zu seinem eigenen Nutzen in die Irre führt“ scheidet aus mit der Erkenntnis „Würde das nicht alle Herausgeber betreffen?“

Trotzdem wird ein Opfer gefunden und ein Unschuldiger gerät unter Mordverdacht. Und nun beginnt die Coxsche Plotmaschine auf vollen Touren zu laufen. Etwa dadurch, dass Mr.Todhunter trotz alle Bemühen nicht dazu in der Lage ist, den Unschuldigen zu entlasten, und die eigene Schuld zu beweisen.

William B. Strickland bringt es in seinem Essay über Cox (in TWELVE ENGLISHMEN OF MYSTERY, Bowling Green University Press, 1984) auf den Punkt: „It is a mad tea-party of a book, with the inverted form combined with the puzzle, the courtroom drama with near farce, the novel of suspense with the comedy of P.G.Wodehouse.“

Cox´ Ansatz ist nicht nur zynisch oder ironisch, er interessiert sich wirklich für die moralische Dimension. Das Verbrechen ist kein blutloser Problemauslöser, sondern eine ernsthaft zu untersuchende Kategorie im zivilisatorischen Prozess.

Der 1893 geborene Autor kämpfte im 1.Weltkrieg in Frankreich an der Westfront, bis er durch einen Gasangriff invalid wurde. Wirtschaftlich nicht auf Überlebenssicherung durch Erwerbstätigkeit angewiesen, begann er eine Schreiberkarriere mit humoristischen Stücken für „Punch“ und andere Magazine.
1925 erschien sein erster Kriminalroman, THE LAYTON COURT MYSTERY, der auch der erste Roger Sheringham-Roman war. Seine ersten beiden Roman wurden anonym veröffentlicht. Zeit seines Lebens war Cox um Diskretion und Distanz bemüht. Um so verwunderlicher, dass er 1928 den legendären „Detection Club“ gründete um sich mit anderen Autoren zu treffen. Christianna Brand, ebenfalls Mitglied des Clubs und seine Nachbarin, schrieb über ihn: „Ein charmanter Städter, der cleverste von uns aber auch rücksichtslos und gemein.“ Seine Karriere als Kriminalliterat umspannte gerade mal 15 Jahre. Er war Bestsellerautor, aber durch Erbe und Herkunft nicht darauf angewiesen.

Nach seiner letzten Romanveröffentlichung lebte er noch 32 Jahre und schrieb als „Francis Iles“ einflussreiche Krimikritiken im „Daily Telegraph“ und in der „Sunday Times“. So wird ihm in dieser Funktion zugeschrieben, er habe als einer der ersten auf die Talente von P.D.James und Ruth Rendell hingewiesen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte er in einem Haus St. John´s Wood und ging täglich in sein Büro auf dem Strand, wo er als einer von zwei Direktoren der A.B.Cox Ltd. tätig war. Bis heute weiß niemand, was diese Firma getrieben hat. Very british.

Er starb 1971.

Von 1925 bis 1934 schrieb er seine Serie über den nicht unbedingt sympathischen und zur Selbstüberschätzung neigenden Amateurdetektiv Roger Sheringham, der nichts mit den übergescheiten Superdetektiven der Epoche gemeinsam hat, sondern Fehlschlüssen nachrennt oder sogar aus reiner Blödheit Tatorte verändert (JUMPING JENNY).
In dem unterschätzten Castaway-Krimi PANIC PARTY erahnt Sheringham zwar den Mörder, kann ihn aber nicht überführen. Beeinflusst wurde die Figur Sheringham durch E.C.Bentleys Trent, der als Gegenentwurf zum allwissenden Superdetektiv à la Sherlock Holmes konzipiert worden war.
Cox interessierte sich für echte Kriminalfälle und sein zweiter Roman, THE WYCHFORD POISONING CASE, 1926, war direkt beeinflusst von dem damals Aufsehen erregenden Florence Maybrick-Fall. Auch die Polizei, die im Vergleich mit dem Superamateuren fast immer dämlich erscheint, besteht bei Cox nicht aus Idioten, sondern ernsthaften Profis. Inspector Moresby ist ein weitaus besserer Ermittler als Roger Sheringham.

Im Gegensatz zu den ideologisch angepassten Autoren der Zwischenkriegsjahre ist der Mörder in Cox´ Geschichten nicht immer ein unsympathischer Regelbrecher. Manchmal ist er sogar ein Sympathieträger mit ehrenwertem Motiv. Er gehört also nicht zu der Vielzahl der Golden Age-Autoren, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht hinterfragen. Damit ist er ein Vorläufer der kritischen Schule der 1950er Jahre, von John Bingham bis Julian Symons.

Eine Figur, die in mehreren Büchern – auch in TRIAL AND ERROR – auftaucht ist der unscheinbare Ambrose Chitterwick, der in den dem Sheringham-Klassiker POISONED CHOCOLATES (DIE VERGIFTETEN PRALINEN), 1929, die entscheidende Rolle spielt. Schon in der Sheringham-Serie wird deutlich, wie experimentierfreudig Cox die Formeln des klassischen Detektivroman durch Varianten aufbricht und manchmal die Grenzen durchstößt. Stil, Ironie und psychologischer Suspense werden ihm zunehmend wichtiger. Die Entwicklung hin zu den Francis Iles-Romanen erscheint folgerichtig.

Bereits 1930 hatte Cox im Vorwort zu THE SECOND SHOT geschrieben: „Ich bin davon überzeugt, dass die Tage des alten Krimi-Puzzles, rein und einfach, das nur von der Grundsituation ausgeht und bei dem es keine attraktiven Charaktere, Stil, ja nicht einmal Humor gibt, ihrem Ende entgegen gehen. Ich bin davon überzeugt, dass sie Detektivgeschichte dabei ist, sich in einem Roman mit detektivischen oder kriminallistischen Interesse zu entwickeln, wobei der Leser mehr durch psychologische als durch mathematische Probleme gefesselt wird. Das Puzzle-Element wird zweifellos bleiben, aber es wird eher ein Rätsel des Charakters als ein Rätsel der Zeit, des Ortes, des Motivs oder der Gelegenheit sein.“

Heute nennt ihn die Sekundärliteratur hauptsächlich wegen seiner Romane, die er unter dem Pseudonym Francis Iles schrieb. Mit MALICE AFORETHOUGHT, 1931, und BEFORE THE FACT, 1932, entwickelte er aus der „inverted story“ den modernen psychologischen Kriminalroman. Ohne seine Pionierarbeit wären z.Bsp. Patricia Highsmith, Boileau/Narcejac oder F.J.Bardin nicht denkbar. Dies war wohl seine wichtigste Innovation. Der erste Roman ist aus der Täterperspektive geschrieben, der zweite aus der des Opfers. Die Opfer/Heldin ist so dämlich, dass der Leser sie am liebsten selber umbringen würde. Joy Fielding & Co verdanken diesem Roman alles – bis hin zu den unerträglich blöden Heldinnen, die wohl nur noch von der Blödheit ihres Publikums übertroffenen werden.

Der Snob Berkeley verachtete sein Publikum. Er lässt seinen Roger Sherinham, der wie sein Erfinder zum Bestsellerautor aufstieg, sagen, er verdanke seinen Erfolg lediglich der Dummheit seiner Leser.

Alfred Hitchcock ruinierte die Verfilmung von BEFORE THE FACT als SUSPICION durch ein völlig anderes Ende, da er Cary Grant nicht als psychopathischen Mörder vorführen wollte. Der völlig überschätzte Alfred hatte zuvor bereits John Buchans 39 STEPS in den Sand gesetzt.

1939 erschien ein dritter Iles-Roman, AS FOR THE WOMAN, mit einer vergleichbaren Ausgangsidee wie DOUBLE INDEMNITY. Nur zeigte Cox dem guten James Malahan Cain, wie man alles aus einem Plot rausquetscht. Sein Verleger lehnte das Buch mit der Begründung ab, es sei zu „sadistisch“.

Einschränkend zu der Iles-Innovation durch MALICE AFORETHOUGHT muss man sagen, dass C.S.Forester, bevor er Hornblower erfand, mit PAYMENT DEFERRED dessen Plotstruktur schon 1926 vorweg nahm. Und das mit beeindruckender Konsequenz.

Man sollte auch Marie Belloc Lowndess erwähnen, die bereits 1913 mit ihrem berühmtesten Werk, THE LODGER (DER UNTERMIETER), auf den modernen Psychothriller hinwies.
Das Pseudonym „Francis Iles“ basierte auf einem von Cox Vorfahren mütterlicherseits, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt.

Boileau/Narcejac würdigten MALICE in ihrem Buch DER DETEKTIVROMAN (Luchterhand, 1967) als ersten organisch vollkommenen Kriminalroman: „Weil er uns ein Schicksal erzählt; weil sich Intelligenz und Fatalität so eng miteinander vermischen, dass der Autor wie ausgeschlossen von den Ereignissen scheint, die er berichtet.“
…sich also nicht der Formelhaftigkeit des klassischen Detektivromans unterwirft.

Der große Erfolg von Berkeley in den 1930ern begründet sich auch auf seinen freizügigen Umgang mit Sexualität. Nach heutigen Maßstäben ist das alles harmlos, aber im Gegensatz zu den meisten Golden Age-Autoren steckte er nicht bis zur Kinnlade im Sumpf viktorianischer Sexualmoral.
Auffällig ist eine Parallele zu den amerikanischen Hardboiled-Vettern, die in ihren Geschichten gerne Männer der Mittelklasse unter der Lust und Sexualität destruktiver Frauen leiden ließen. Bei Berkeley sind es natürlich Männer der Oberschicht. Aber auch sie sind den Gemeinheiten bösartiger Frauen ausgesetzt, die Berkeley als ruchlose Erpresserinnen brandmarkt (und ihr tödliches Schicksal verdienen; daran lässt er keinerlei Zweifel).

Deutsche Ausgaben erschienen bei Heyne und Diogenes.



KRIMI DES JAHRES 2017 by Martin Compart

In unregelmäßiger Folge nennen hier ausgewiesene Kenner des Genres einen Titel, der sie 2017 besonders beeindruckt hat. So wollen wir nicht das Weh beklagen, das die meisten Neuerscheinungen erzeugt haben, in ihrem erstaunlichen Niveau.

MARTIN COMPART
Die beste Neuerscheinung, die ich letztes Jahr gelesen habe, ist der zweite Roman des herausragenden Southern-Autors Michael Farris Smith.Sein Erstling, RIVERS, erschienen bei Heyne, ist bei uns völlig untergegangen und auch noch als eine Art SF verkauft worden. Dabei war es eher eine Horror-Noir-Quest. Mit DESPERATION ROAD schrieb er ein Meisterwerk, das Southern Noir mit poetischen Realismus verbindet. Die heimatlose Maben streift mit ihrer Tochter durch Mississippi um eines Tages in einem üblen Kaff zu landen. Ihre letzten Dollar gehen fürs Motel drauf. Nach elf Jahren Knast (weil er jemanden totgefahren hatte) kommt Russell in dieses Kaff, das seine Heimatstadt ist, zurück um von den rachsüchtigen Brüdern seines Opfers empfangen zu werden. Russel wird zusammengeschlagen und soll sich auf die ganze Wucht der Rache freuen… Maben wird vom Deputy vergewaltigt, den sie erschießen kann, bevor seine Kumpels zum Gangbang kommen. Und dann fängt endlich der Spaß an.

‚One of the best writers of his generation, Desperation Road may very well be his best work‘ – Tom Franklin

http://bittersoutherner.com/from-the-southern-perspective/politics/the-united-states-of-mississippi-michael-farris-smith

 

 

MiC:
Herr Compart bestand darauf, dass das Buch hierzulande zwischen Januar und Dezember 2017 erschienen sein muss. Der Monat wäre egal, das Jahr Pflicht.

Auf zwei gelesene Titel treffen o.g. Kriterien zu:

Antonin Varenne, Die Treibjagd, Penguin – dreckige Machenschaften in der französischen Provinz, jedes Arschloch kassiert mit, ein „Heimatkrimi“, der rockt.https://martincompart.wordpress.com/category/antonin-varenne/

Jérome Leroy, Der Block, Edition Nautilus – der Aufstieg einer nationalistischen Partei in Frankreich bis in die Hallen der Staatsmacht, erhellend, spannend, Parallelen erkennbar

In Frankreich bereits 2015 bzw. 2011 erschienen. Beide empfehlenswert.

Nicht den o.g. Kriterien entsprechend, dafür absolute Knaller, drei Sachbücher, die tief in die Mechanismen unserer Welt blicken, alle drei dazu „echte Spannungslektüre“:

The Killing of Crazy Horse, Thomas Powers – die feige Entsorgung eines dem System gefährlichen Helden. Powers ist u.a. der Autor eines Buches über Richard Helms (1979), das auch bei uns einiges Aufsehen erregte.

The Last Stand, Nathaniel Philbrick – Eitel-Custer als Prototyp des kapitalistischen Aufsteigers und PR-Profis in eigener Sache.

Heroes, Massmurder and Suicide, Franco Berardi – die neuen „Helden“ unserer kapitalistischen Realität werden im Titel verraten.

FRANK NOWATZKI:
„Krimi des Jahres“ klingt überkandidelt, „Krimi-Debüt des Jahres“ trifft es dagegen für meinen Geschmack schon eher, auf jeden Fall war er für mich mit seinem individuellen, literarischen Sound, der seinen amerikanischen Vorbildern wie Raymond Carver oder Barry Hannah in nichts nachsteht „die Überraschung des Jahres“. Wir sprechen von: Sven Heuchert mit „Dunkels Gesetz“. http://www.pulpmaster.de/wp/dunkels-gesetz-ein-interessantes-debuet-von-sven-heuchert/
Ich freue mich jedenfalls jetzt schon wie Bolle auf seinen neuen Storyband „Könige von nichts“, der im Frühjahr bei Bernstein erscheinen soll.

MYRON BÜNNAGEL
Dieses Jahr stand eher im Zeichen von abgegriffenen Taschenbüchern,
statt Neuerscheinungen. Aber eine gab es doch:

54 x 13 – Die Tour de France nach Jean-Bernard Pouy

Zwar von 1996, aber dieses Jahr in einer Neuübersetzung im egoth Verlag erschienen. Vier gnadenlose Stunden der Tour. Eine schonungslose Berg- und Talfahrt. /54 x 13/ bildet dabei das perfekt zusammengeschraubte Rennrad für diese Tour de Force.http://www.mordlust.de/jean-bernard-pouy-54-x-13/

Hanspeter Eggenberger:

Gar nicht so einfach dieses Jahr.
Der Hammer war nicht dabei.
Also:
Eine Wahnsinnsentdeckung hat das ausgehende Jahr im Krimibereich für mich nicht gebracht. Zu den Sachen, die ich sehr gerne gelesen habe, gehört insbesondere
Wallace Stroby: „Geld ist nicht genug“ (Pendragon),
der zweite Band der Reihe um Crissa Stone.
«Crissa zog sich die Skimaske über das Gesicht, trat auf die Kupplung des Schaufelladers und schaute über den Asphalt zum Geldautomaten hinüber und dem rotgeziegelten Bankgebäude dahinter.» Mit diesem ersten Satz ist man mitten drin in der Geschichte um die Berufskriminelle. Sie kommt ein bisschen rüber wie eine kleine Schwester von Parker, dem Helden der legendären Romanreihe von Richard Stark (bzw. Donald E. Westlake). Wie Parker geht es Crissa in dieser Geschichte, die vor allem von Treue und Verrat handelt, darum, das Richtige zu tun, auch wenn es illegal ist. Ganz auf der Höhe von Stark/Westlake ist der 1960 geborene Stroby nicht, aber das kann ja noch werden. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Band, „Fast ein guter Plan“, der im kommenden Februar erscheint.


PETER HIESS
:

Sterben auf Italienisch/Tod auf der Piazza (metro/Unionsverlag)

Viel zu spät draufgekommen … also habe ich mit den zwei letzten Büchern der hervorragenden Aurelio-Zen-Reihe begonnen. Und die sind großartig! Alles andere als geschmäcklerische Literatur für sozialdemokratische Toscana-Rentner, sondern vielmehr witzige, gut erzählte Krimis um einen sympathischen (und angenehm unneurotischen) Ermittler, der als Polizist immer wieder an anderen Orten Italiens stationiert ist. Michael Dibdin nimmt verblödete Silicon-Valley-Millionäre, verstockt-verbrecherische Bergbewohner und verkokste Fernsehköche aufs Korn – und zeigt dabei nicht nur seine Liebe zum Land, sondern auch zum Krimi. Genau das zählt. Musste sofort die neun Vorgänger kaufen.


AMBROS WAIBEL:

Mir hat Sven Heucherts „Dunkels Gesetz“ am besten gefallen. Die Begründung steht (hoffentlich) hier:

http://www.taz.de/!5451251/

Und um es mit Heiner Müller zu sagen: Wenn ich es anders hätte sagen können, dann wäre ich nicht extra nach Siegburg gefahren. Ich freue mich einfach auf alles, was aus der Heuchertschen Werkstatt noch so kommen mag.