Martin Compart


„Pacific Crest Trail Killer“ – wenn eine Herausforderung zum Desaster wird von Jochen König by Martin Compart

Der Pacific Crest Trail ist ein eindrucksvoller, rund 4300 Kilometer langer Wanderweg, der an der amerikanischen Pazifikküste entlang, von Mexiko bis nach Kanada führt. Christian Piskulla ist einen Teil des Weges gewandert und hat diese Unternehmung in einen Kriminalroman eingebettet.

Kann man machen, doch was Piskulla zusammengebraut hat, ist nahezu unverdaulich.

Der Teil, der die Wandererfahrung beschreibt, hat den Duktus eines beflissenen Referats, das mit Wandervokabular (Switchbacks, „Hiker Buddy“, Trailname und ähnliches) hausieren geht und zumindest ein bisschen Wissenswertes über den Trail zu berichten hat. Leider ist dieser Part gespickt mit Product-Placement, in dem das Kommunikationsgerät eines Herstellers von Navigationssystemen exzessiv gepriesen wird, Accessoires wie Rucksäcke und Zelte inklusive Preisangaben beworben werden und ein großer Versandhandel seinen erbötigen Eintrag bekommt. In diesen Passagen ist der „Pacific Crest Trail Killer“ eine Art Text gewordene Butterfahrt.

Stellt trotzdem den lesenswerteren Teil des Buches dar, denn die Krimihandlung ist ein Debakel.

Der ehemalige Dorfsheriff und Militärpolizist Mark Stetson (Piskullla hat es mit sprechenden Namen. Dass eine FBI-Direktorin Gillian Anderson heißt, ist der einzig gelungene Joke des Buchs. Der zudem unbeabsichtigt ist. Denn zuvor lautete ihr Vorname Gabrielle). Stetson stolpert zufällig über einen Tatort. Angesichts der brutal getöteten jungen Wandersfrau schließt er messerscharf auf die Tat eines kommenden Serienmörders.
Was Steve Cortez, den Anführer des eintreffenden FBI-Trupps (von der FBI-Mordkommission Los Angeles – völliger Humbug, so etwas existiert nicht) tief beeindruckt und veranlasst, Stetson auf die Schnelle zum FBI-Agenten zu ernennen (noch so ein Blödsinn. FBI-Agent wird man erst nach einem strengen Aufnahmeverfahren plus Prüfung), um vor Ort zu ermitteln.

Stetson findet zwar, wie der völlig unfähige FBI-Trupp aus Los Angeles, wenig Wissenswertes heraus, bekommt aber ein sexuell stimulierendes Techtelmechtel mit seiner zeitweisen Hiker-Gefährtin Rebecca spendiert, die wenig später zur Verdächtigen mutiert. Derweil verliert sich das FBI-Team (das hierarchielos samt und sonders aus „Special Agents“ besteht) in Recherche, die nicht beherrscht wird (wie findet man Motels, die keine Homepage besitzen etc.), hält blutig endende Schäferstündchen, schaut begierig Handy-Pornos (die lesbische Agentin Judy Tonka) oder verbringt die Zeit mit abgestandenen Herrenwitzen.

Wird doch einmal gearbeitet, treibt man offensichtlich zu Unrecht verdächtigte Kleinkriminelle in den Selbstmord. Woraufhin der unfähige Agent Blackwater immerhin verhaftet wird – unter Mordverdacht. Die amerikanische Justiz treibt zwar irre Blüten, aber solche?

Pseudophilosophisch wird es schließlich, wenn Agent Cortez und Mark Stetson darüber räsonieren, wieso Menschen töten. Die Antwort, liebe Freunde, weiß – ohne, dass man Jahrzehnte Polizeiarbeit bemühen muss – nicht bloß der Wind.

Als ob das noch nicht reichen würde, bekommt der Serienkiller aus der Retorte ebenfalls einige Innenansichten zugestanden. Darin wird deutlich, dass er von einem Mentor inspiriert wird, der ihn dazu veranlasst, zu vergewaltigen, morden und die Taten zu filmen. Der Mörder selbst ist eine unglaubwürdige Mixtur aus dumpfem, getriebenem Versager und scharfsinnigem Vollstrecker, der seinen Häschern immer einen Schritt voraus ist. So ist er in der Lage, mit dem Nachtsichtgerät auf die Jagd zu gehen, während seine Verfolger brav mit Taschenlampen ihre Position verraten. Da waren selbst die Absolventen der Police Academy befähigter als das bundesbehördliche Selbstmordkommando.

Es kristallisiert sich heraus, dass der Autor ein Anliegen hat: Ihm ist die moderne (Populär)-Kultur in ihrer Verherrlichung von Gewalt nicht geheuer. So wird die Schädlichkeit von Bild, Ton und Text thematisiert, unabhängig davon ob es sich um finsterste Gewaltpornographie oder eher leichtgewichtigen Funsplatter handelt.

Autor Piskulla

Piskulla betreibt eine reaktionäre Kulturkritik, die die Gefahr aus allem kulturellem Tun verbannen möchte. Eine Vertiefung diskussionswürdiger Aspekte von Gewaltdarstellung in der Kunst findet zu keinem Zeitpunkt statt. Bloße Empörung ist das Richtmaß.
Eine Denkungsweise, die letztlich in rigider Zensur enden muss. Dass Christian Piskulla einen trostlosen Serienkiller-Thriller voller Stammtisch-Sexismus als Transportmittel benutzt, erhöht die Perfidie dieser schalen Anschauung.

Gipfelt in dem kläglich naiven, mehrfach wiederholten Postulat: „Was gute Menschen denken, das führen böse Menschen aus“ („Guter“ Mensch: „Ich denke an den Weltfrieden“. „Böser“ Mensch: „Okay, wird erledigt“). Immerhin konsequent: Die üble Chose endet in peinlicher, selbstreferentieller Überschätzung.

Bekommt das erste Opfer samt Angehörigen zumindest eine rudimentäre Hintergrundgeschichte zugeschrieben, ist bereits die zweite Tote kaum einen Eintrag wert.
Ähnlich halbherzig verfährt Piskulla mit sämtlichen Frauenfiguren. Selbst wenn diese scheinbar selbstbestimmt Sexualität ausleben (geschildert auf dem Niveau eines tristen Pornos), bleiben sie doch ständig empfangsbereite Objekte der (männlichen) Begierde.

Außer Judy Tonka, deren lesbische Beziehung dem Untergang geweiht ist.

Zwischendurch darf es auch mal sozialkritisch werden, mit der nicht gerade tiefgreifenden Erkenntnis, dass in den USA zu viel Armut existiert, dadurch eine Menge verzweifelter Menschen in Trailer Parks hausen müssen.
Ist ehrenwert, wirkt aber im Kontext dieser zusammengestoppelten Serienkiller-Moritat aufgesetzt und versandet im Hinterland, je weiter der Roman voranschreitet.

Wer uninteressanten Figuren in interessanter Landschaft beim hanebüchenen Agieren, Phrasendreschen und schlechte Witze reißen begleiten möchte, kann einen Blick auf den „Pacific Crest Trail Killer“ werfen.
Alle anderen können getrost auf dieses unerfreuliche, 630 Seiten lange Machwerk verzichten.

Autor: Christian Piskulla
Buch: Pacific Crest Trail Killer
ISBN:9783944755298
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:648 Seiten
Verlag:Cleverprinting ®
Erscheinungsdatum:31.08.2021



KLASSIKER DES NOIR-THRILLERS: „DIE ERSTE TODSÜNDE“ von LAWRENCE SANDERS by Martin Compart

Mitternacht in New York: In einer Straße der vornehmen Upper East Side wird ein Mann ermordet aufgefunden. Der Tote war ein einflussreicher Politiker, der lautstark für Recht und Ordnung eintrat. Aber dieses Verbrechen ist nur das erste Glied in einer Kette von Morden ohne erkennbares Motiv, die die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen.

So beginnt dieser Roman zweier Männer: Captain Edward X. Delaney, Leiter des 251. Polizeireviers in Manhattan, seit über 25 Jahren im Polizeidienst, guter Ehemann und Vater, stolz auf seine Familie, seine Stadt, sein Revier und vor allem auf seinen Beruf. Daniel Blank, mit 36 Jahren Vertriebsleiter eines großen Zeitschriften-Konzerns, stolz auf seine intellektuellen Fähigkeiten genießt die Früchte seines Erfolgs: er besitzt eine Luxuswohnung, fährt einen schnellen Wagen, hat ein sehr männliches Hobby: als Bergsteiger unternimmt er gern gewagte Kletterpartien.

Aber es gibt Risse im Leben beider Männer: Delaneys Frau wird von einer geheimnisvollen Krankheit befallen. Auch beruflich: Politiker der Stadt mischen sich in seine Arbeit ein, undurchsichtige Machtkämpfe schaffen bald eine Atmosphäre des Misstrauens und bedrohen das festgefügte Weltbild des Captains. Für Daniel Blank endet eine nach außen glückliche Ehe mit der Scheidung von seiner Frau Gilda. Dann tritt die exotische, reizvolle Celia Montfort in sein Leben. Ihre bloße Gegenwart entfesselt dunkle, abseitige Triebe in Daniel, die ihn selbst erschrecken.
Inzwischen häufen sich die Morde, es gibt kein Motiv, keine Erklärung für sie – die Polizei kann nicht einmal die Tatwaffe feststellen. Hier beginnt der einsame Kampf Captain Delaneys, der sich geschworen hat, den Mörder zu überführen und die Gesellschaft gegen die Macht des Bösen zu schützen.

Der Leser wird mit Männern und Frauen diesseits und jenseits des Gesetzes konfrontiert, mit Opfern des Zufalls und der Umstände. Er wird hineingerissen in einen Strudel von Ehrgeiz, Hochmut und Stolz, Sex, Liebe und Leidenschaft.

Im Wesentlichen aber handelt diese Geschichte von Verbrechen und Bestrafung, von dem Kampf zwischen Polizisten und Mördern, zwischen Jäger und Gejagten, von dunklen Besessenheiten und vor allem von der ersten Todsünde, dem Hochmut, der beide einander immer ähnlicher werden lässt, der ihre Identitäten zu zerstören droht, ein psychologisches Duell, das an die Moral der Gesellschaft rührt. Noch kein Roman hat den gigantischen Polizeiapparat einer Metropole, das raffinierte Räderwerk kriminalistischer Ermittlungen, aber auch die menschlichen Unzulänglichkeiten und Rivalitäten der Beamten so überzeugend und detailliert dargestellt. Atemberaubende Wirklichkeit. Schuld und Sühne in New York.
(KLAPPENTEXT)

Von den 1970er – bis in die 1990er Jahre war Lawrence Sanders (1920-98) in den USA ähnlich populär wie Stephen King. Und er hatte einen ähnlich hohen Ausstoß dank – wie man heute weiß – der Beschäftigung von Ghostwritern oder Co-Autoren. Sanders war ein sehr ungleichmäßiger Schriftsteller, der neben faszinierenden und fesselnden Romanen auch banalen Trash produzierte. Die meist gleichmäßige Qualität bei hohem Ausstoß, wie man sie von King kennt, gelang ihm nicht.

1985, auf dem ersten Höhepunkt seiner Popularität, waren von seinen 20 Büchern 25 Millionen Taschenbücher und 1.5 Millionen Hardcover in 15 Sprachen verkauft worden.
In seinem Todesjahr hatten seine 23 Bücher, die in 30 Ländern veröffentlicht worden waren, allein in den USA fast 60 Millionen Exemplare verkauft.

Sanders, der zuvor im Vertrieb der Verlagsbranche und als Lektor tätig war, begann erst relativ spät zu schreiben: Er war 50 Jahre alt, als er seinen ersten Roman veröffentlichte (den aus fiktiven Dokumenten und Abhörprotokollen konzipierten THE ANDERSON TAPES). Für ihn bekam er den damals bei Debütanten üblichen Vorschuss von $ 3.000, aber sein Agent verkaufte anschließend die Filmrechte für $ 100.000 und die Taschenbuchrechte für $ 210.000.

Er verdiente in drei Jahrzehnten Millionen Dollar, hätte sich zurücklehnen können und darauf warten, wie die Tantiemen aufs Konto rollten. Stattdessen arbeitete er täglich bis zu seinem Tod:

„I don’t have hobbies. I have no desire to travel. I start writing every night a 17 and finish at 21:30 p.m. Sound boring? Writing is the most important thing in my life—above marriage. You can live a million lives. All your fantasies come true. It’s all from imagination and newspaper clips.”
Er schrieb handschriftlich auf Schreibblöcken fünf Seiten pro Sitzung, sieben Tage die Woche.

Lawrence Sanders war der erste Autor, der eine bis heute gültige Formel für den Serienkiller-Thriller fand.

In seinem Bestseller THE FIRST DEADLY SIN nahm er weitgehend voraus, was dann Thomas Harris in seinen Lecter-Romanen perfektionierte: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Jäger und Gejagten, erzählt in wechselnden Perspektiven. Diese Perspektivwechsel zwischen Prota- und Antagonisten bewährten sich, da sie mehr Dynamik in den Handlungsablauf bringen.

Sanders Detektiv versucht sich naiv behavioristisch in den Mörder zu versetzen. Er verfügt noch nicht – wie Harris´ FBI-Profiler – über die Erkenntnisse der Behavioral Science Unit. Das macht die retrospektive Lektüre sowohl interessant wie auch antiquiert. Ein wenig so, als würde man die langen Landschaftsbeschreibungen bei Walter Scott lesen.

Er brachte den Polizeiroman wie auch den Serienkillerroman als erster auf die Bestsellerlisten. Zuvor waren die „police proceduralsˮ zumeist kurze Taschenbuchoriginalausgaben gewesen. Sanders schrieb Hardcover, die zwischen 400 und 600 Seiten lang sind. Genug Platz für Charakterisierungen, die man so zuvor noch nicht gelesen hatte.

THE FIRST DEADLY SIN, und die drei weiteren Captain Edward X. Delaney-Romane beschrieb ein Kritiker als „psychosexual thriller”, der den Standard für die weiteren Entwicklungen des Subgenre setzten.

Sensibel wird der Leser gleich zu Beginn des Romans in die Geschichte und Persönlichkeit des Killers Daniel Blank eingeführt. Er ist wahrlich böse, aber im Gegensatz zu späteren Serienkillern kein Sadist und an jeder Form von perverser Erotik interessiert. Seit jungen Jahren ist er fasziniert von der Entgrenzung des Bösen.

Nicht weniger sensibel wird auch sein Gegenspieler dem Leser nahegebracht: Edward X.Delaney hatte zuvor sein Debüt in dem experimentellen Erstling von Sanders, THE ANDERSON TAPES, der mit dem Edgar ausgezeichnet und mit Sean Connery verfilmt wurde. Delaney ist ein alter Hase, knallharter Ermittler, aber auch um seine kranke Frau rührend besorgt. Er respektiert Frauen und ist ein ungewöhnliches Beispiel aus einer Zeit, in der ein Ermittler meistens ein männlicher Chauvinist ist.

„I don’t like him,“ sagte Sanders. „I think he’s an old expletive . An opinionated, pontifical SOB. But the readers love him, mostly the women. I don’t understand it. The guy took on a life of his own.“

Liest man das Buch heute, hat es bei allen zeitlosen Qualitäten auch etwas von einer Zeitreise. Wie eingefroren liegt das damalige New York vor einem; es hat so gut wie nichts mit der heutigen Stadt zu tun. New York war ein gefährliches Pflaster in den frühen 1970er Jahren, mit täglich mindestens fünf Mordfällen allein in Manhattan. Brave Bürger blieben abends daheim und mieden sinistere Orte wie etwa den damaligen Times Square.
Von 1963 bis 1972 war die Zahl der Morde in New York von 550 auf 1691 gestiegen. New York war in den 1970er Jahren ein Ort der Stadtflüchtlinge, für die selbst die Lichtquellen die Farbe der Finsternis angenommen hatte. Das vermitteln Sanders Romane ziemlich eindrucksvoll. New York ist als Hintergrundrauschen in den SIN-Romanen allgegenwärtig.

Heute ist vielen Lesern der Roman viel zu lang. Der Plot hebt erst ab Seite 200 richtig ab. Zuvor nutzt er den Raum, um seine Charaktere sorgfältig zu entwickeln. Das verlangt eine Geduld, die der heutige Leser kaum noch aufbringt (die aktuellen „dicken Schinken“ unter den Thrillern zeichnen sich meistens durch nervtötende Redundanz aus, nicht durch Stil oder sorgfältige Charakterisierung).

Sanders galt als heiß (und ab 1973 war er Stammgast auf den Bestsellerlisten) und verkaufte umgehend die Filmrechte von SIN an Columbia.

Es dauerte sieben Jahre, bis die Adaption in die Kinos kam. Ursprünglich war Roman Polanski als Regisseur vorgesehen. Nachdem er aber nach Frankreich geflogen war, um der Strafverfolgung wegen seiner Vergewaltigungsanklage zu entgehen, übernahm Brian G.Hutton. Frank Sinatra spielte überzeugend den Detektiv und Bruce Willis gab als „Man entering Diner“ sein Leinwanddebut.

Das Ende des Romans wurde für den Film drastisch geändert. Faye Dunaway, die Delaneys kranke Frau spielte, wurde als schlechteste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Sicherlich kein großer Film, aber man kann ihn sich immer noch ansehen.

Sanders Roman ist zusammen mit KILL von Shane Stevens der wichtigste Vorläufer für den Serial Killer-Boom seit den späten 1980er Jahren. Inzwischen scheint das Subgenre als Teil der Sublimierungskultur totgetrampelt. Trauriger Endhöhepunkt sind Romane wie die von Ethan Cross um eine „Familie der Serienkiller“ (nein, es handelt sich dabei nicht um surrealistische Werke). Mit dem Roman THE THIRD DEADLY SIN führte Sanders 1981 den wahrscheinlich ersten weiblichen Serienkiller im Subgenre ein.
DIE ERSTE TODSÜNDE führt ebenfalls die Darstellung des Serienkillers als Pathographie ein.

“The vision of life that Lawrence Sanders communicates has been called depressing. The sweaty sex, the deadpan descriptions of sadistic killings, the downbeat endings – Delaney has an unattractive tendency to toy with his villains until they destroy themselves – leave some readers slightly queasy. Sanders says that’s just the way things are.“ (THE WASHINGTON POST)

Edward X. Delaney–Serie

1970 The Anderson Tapes (dt. 23 Uhr, York Avenue. Molden, Wien 1971)
1973 The First Deadly Sin (dt. Die erste Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1975)
1977 The Second Deadly Sin (dt. Die zweite Todsünde. Rowohlt, Reinbek 1980)
1981 The Third Deadly Sin (dt. Die dritte Todsünde. Blanvalet, München 1987)
1985 The Fourth Deadly Sin (dt. Die vierte Todsünde. Blanvalet, München 1986)

„Ich hab den Sinnattra immer gern gehört. Besonders das Lied über die sieben Fässer Wein. Oder waren es acht? Musse mal hören, wenze Kanzler bist. Da isss Kraft drinn.“




Wir wollen unsern Kaiser Wilhelm wieder haben! NACH 13 JAHREN: DER NEUE THOMAS HARRIS-Roman „CARI MORA“ by Martin Compart
22. Mai 2019, 10:07 am
Filed under: Rezensionen, Thomas Harris, thriller | Schlagwörter: , , , , ,

Die Schreie einer Frau sind Musik in Hans-Peter Schneiders Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Denn wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken.
Cari Mora ist eine ehemalige Kindersoldatin und auch die Hüterin einer Villa in Miami Beach, die einst Pablo Escobar gehört hat. Hier sollen 25 Millionen Dollar in Gold versteckt sein, gesichert durch 15 Kilo Semtex.
Neben Schneider sind noch andere an den Dollars interessiert, die ebenfalls nicht zimperlich sind
.

Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya
Originaltitel: Cari Mora
Hardcover mit Schutzumschlag, 336 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-27238-5
€ 22,00

Thomas Harris ist einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Kriminalliteraten der letzten vierzig Jahre. Für den Erfolg des Serienkiller-Romans war er ähnlich verantwortlich wie Dan Brown für den Conspiracy-Thriller, indem er ein Subgenre bestsellertauglich machte.

Außerdem schuf er mit der Figur des Hannibal Lecter einen populärkulturellen Mythos, durchaus vergleichbar mit Sherlock Holmes, Flashman, Dracula oder 007.

Lecter ist inzwischen ähnlich multimedial verbreitet und neben den gelobten Filmen sehe ich die TV-Serie (siehe https://crimetvweb.wordpress.com/category/h/hannibal/) als überzeugendste und beeindruckendste Umsetzung der Figur.
Die Inspiration für Lecter war ein mexikanischer Gefängnisarzt, dem Harris als junger Reporter begegnete.

Seit 1975 (sein Debut war der Katastrophenthriller BLACK SUNDAY, verfilmt von John Frankenheimer) schrieb er lediglich fünf Romane, vier davon mit Hannibal Lecter. Mit RED DRAGON, 1986 genial und mit auf die Spitze getriebener „Miami Vice“-Ästhetik von Michael Mann verfilmt, der damals sagte: „Das ist einfach die beste Kriminalgeschichte, die mir je in die Finger gekommen ist.“, und THE SILENCE OF THE LAMBS schrieb Harris zwei der besten und stilprägendsten Thriller in der Geschichte des Genres (zu Serienkiller siehe auch: https://martincompart.wordpress.com/category/shane-stevens/).

Dieser Autor muss nichts mehr beweisen.
Vielleicht ein Grund, weshalb der neue Roman fast experimentell wirkt, indem er Erwartungshaltungen unterläuft, annähernd sabotiert (ein Kapitel ist gar aus der Perspektive eines Krokodils geschrieben und seine Faszination der Fauna Floridas erinnert an die Faszination der Flora des amerikanischen Südens bei James Lee Burke).

Zur Veröffentlichung gab Harris das erste Interview seit den 1970er Jahren (https://www.nytimes.com/2019/05/18/books/thomas-harris-new-book.html).
“I’ve been fortunate that my books have found readership without me promoting them, and I prefer it that way,”

Foto: Rose Marie Cromwell für The New York Times.

„Harris and I met on a bright, muggy morning in the parking lot of the Pelican Harbor Seabird Station, an animal rescue center on Biscayne Bay that features prominently in his new novel. Cari works there as a volunteer, caring for injured birds. Harris, a nature lover, has been visiting the center regularly for 20 years. He’s brought orphaned squirrels and an injured ibis there, and he took a wildlife rehabilitation workshop, learning how to intubate a distressed animal by practicing on a dead possum.“

Der neue Roman ist ein Gegenentwurf zur Lecter-Serie und ein Heist Thriller. Dem 79jähigen Autor geht es nicht mehr um Ästhetik, Wissenschaft und Krankenbilder, sondern um die brutale Realität im Lemming-Kapitalismus, in dem alles zur Ware wird.

Der deutschstämmige Soziopath Schneider ist allerdings ein echtes Harris-Monster, das aus Geldgier und Sadismus besteht, und mit seinem Geschäftsmodell den Ausverkauf einer Zivilisation betreibt. Anders als Lecter ist Schneider kein Connaisseur.

In den Lecter-Romanen thematisiert Harris die Exotik des Bösen, in CARI MORA beschreibt er dessen Banalität. Das enttäuschte viele Kritiker, die Charaktere und Spannungsbögen nicht überzeugte. Vom „Guardian“ über „Washington Post“ bis zur „Stuttgarter Zeitung“ ist das Gejammer groß, dass Harris nicht das Buch geschrieben hat, dass die Kritiker gerne gelesen hätten.

Bereits sein letzter Roman HANNIBAL RISING, 2006, enttäuschte Kritiker und Publikum; es war die Novelisierung eines erpressten Filmskriptes, über die Harris ambitioniertes sagte: „Harris says that’s because he wrote some of the exchanges between Hannibal and his aunt, Lady Murasaki, in the poetic style of the Heian period, as a homage to the 11th-century Japanese novel, “The Tale of Genji.” The allusion was apparently lost on some readers.” (NYT).

Manchmal scheint es, als wolle Harris die selbst geschaffenen Klischees aus der Lecter-Serie „dekonstruktivieren“. John Connolly teilt wohl diese Einschätzung; in seiner Rezension in der „Irish Times“, in der er sie mit der Dylans Dekonstruktion seiner Songs in den 1980ern vergleicht.

Auch stilistisch geht Harris in diesem kurzen Roman andere Wege: Keine barocke Üppigkeit, wie häufig in den Lecter-Romanen, mit genauer Darstellung des Innenlebens der Figuren, sondern „stripped to the bone“ wie eine Hemingway-Story. Konservierte Energie. Sein kürzester Roman.

CARI MORA ist auch ein Florida-Roman. Harris, 1940 in Mississippi geboren, lebt seit dreißig Jahren hier und engagiert sich im Tierschutz.

Er schildert ein Florida, dass John D.MacDonald nicht in seinen schlimmsten Prophezeiungen vorausgesehen hat und das noch über die Beschreibungen von Elmore Leonard oder James W.Hall hinausgeht.

Er zeigt das heutige Inferno, das eine Folge ist, seitdem die USA ganz offen auf beiden Seiten des „Drogenkrieges“ agieren (DEA und FBI sorgen für stabile Preise, die CIA für Nachschub und Chaos in den Anbauländern, Wall Street für Banken- und Konzernkapital durch Drogengelder und der militärisch-politische Komplex für Armut und politische Dominanz).

Wie sagte Harris im Interview?
“I don’t think I’ve ever made up anything. Everything has happened. Nothing’s made up. You don’t have to make anything up in this world.”

Man könnte den Kampf zwischen der Kolumbianerin Cari gegen den geldgierigen Sadisten Schneider, der unübersehbar als Krieg zwischen Gut und Böse angelegt ist, auch als Bildnis des Verhältnis zwischen der 3.Welt und dem US-Imperialismus interpretieren. Zudem bedeutet der Vorname der Heldin, Caridad,  auch noch Nächstenliebe, Wohltätigkeit oder Almosen. Ein kluger Mensch wie Harris, wird sich da etwas gedacht haben. Dass Schneider einer deutschen Familie aus Paraguay entstammt, ist ebenfalls nicht ohne Symbolkraft: Stehen doch die nach Paraguay geflüchteten Nazis für die extremste Form des Kapitalismus, dem Faschismus.

Während es in den Lecter-Romanen noch so etwas wie dekadente Hoffnung durch forensischen Fortschritt gab, beschreibt Thomas Harris in CARI MORA eine Welt, in der man es kaum erwarten kann, dass das Artensterben endlich den Homo Sapiens erreicht.

Leider ist in der deutschen Ausgabe das Nachwort von Harris nicht enthalten. Stattdessen gibt es sinnlose sieben Kapitel von DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER mit dem Betteln ums weiterlesen.

Ob mir das Buch gefallen hat? Es hat mir extrem gut gefallen.

Auch die Komik, die der Spannung nichts nimmt, fand ich herzerfrischend: „Abgesehen von X hatte das Krokodil erst ein Mal einen Menschen gefressen, einen Säufer, der von einem Boot voller Säufer fiel und weder damals noch später vermisst oder betrauert wurde. Nachdem ihn das Krokodil verspeist hatte, war es eine ganze Stunde lang ziemlich beschwipst.“



KLASSIKER DES NOIR-ROMANS: SHANE STEVENS und sein Roman „KILL“ by Martin Compart

„Inspiriert von realen Fällen zeigt »Kill« im fesselnden, halb dokumentarischen Stil den (fiktiven) Serienmörder Thomas Bishop in seiner Entstehung, in seinen Taten, aber auch in seinem Alltagsleben, und beleuchtet die Auswirkungen, die seine grausamen Morde auf die Gesellschaft und ihre Moral haben.

»Kill« von Shane Stevens gilt als der erste Roman, der einen Serienmörder in den Mittelpunkt stellt, und ist damit das Vorbild für Thomas Harris und seine Hannibal Lecter-Romane.
»Kill« gilt als erster Serienkiller-Roman, der zugleich die True-Crime-Literatur vorwegnahm, und wird heute von der Literaturkritik als Klassiker gewürdigt.“

Immer noch gibt es unbekannte Klassiker zu entdecken!

Das gilt auch für Shane Stevens, dessen Roman KILL (BY REASON OF INSANITY) der Heyne-Verlag neu aufgelegt hat (eine gekürzte Version erschien bereits bei Moewig, 1981).

Shane Stevens ist ein wunderbarer Schriftsteller mit einem ungewöhnlich treffenden Gespür für Sprache, Charaktere, Situationen und Atmosphäre. Gleich das erste Kapitel ergießt sich mit emotionaler Wucht über Leser, die befähigt sind, diese literarische Qualität wahr zu nehmen:

„Im Frühjahr wälzt sich der Nebel wie stummer Donner über die Bucht und scheint San Francisco in Quecksilber zu baden.“

Was für ein erster Satz! Chandler hätte Freude an dieser Poesie gehabt.

Ich mag auch den Humor des Autors:

„Um die Hintergründe zu verstehen, müssen wir in die frühen Nachkriegsjahre zurückgehen… Im Valley wurden neue Reihenhäuser gebaut… Es gab auch wieder mehr Lebensmittel… In Washington versuchte die Truman-Administration Europa vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten. Aber wie üblich tat niemand etwas gegen das Wetter… Irgendwann am Abend entschied ein Mann, dass dies eine gute Nacht wäre für Raub und Vergewaltigung…“

Völlig natürlich gleitet Steven stilistisch zwischen humorigen Bemerkungen aus der Metaebene zu berührenden subjektiven Perspektiven:

„Sie wollte nicht sterben, und sie wollte auch nicht schwanger werden. Und doch lag sie hier, die Beine gespreizt, und dieser Fremde auf ihr hatte seinen Spaß. Und das alles nur, weil er ein Mann war und eine Waffe hatte.“

Die verschachtelten Rückblenden im ersten Kapitel zeigen bereits Stevens großes Können.

Stevens behandelt sein Personal mit der Höflichkeit eines gut erzogenen Henkers.

Er beschreibt die politischen, journalistischen, medizinischen und gesellschaftlichen Implikationen dieser Jagd in erstaunlicher stilistischer Meisterschaft. Unterfüttert wird alles mit einer sein gesamtes Werk durchdringenden Frage: Was ist Identität?

Kriminaltechnisch ist das Buch natürlich veraltet. Kein abschreckendes Argument, höchstens für anspruchslose Novitätenleser. Als wütendes Portrait der USA ist es nach wie vor aktuell.

Neben den Aktivitäten des Killers Thomas Bishop, bilden den zweiten Hauptstrang die Nachforschungen des Journalisten Adam Kenton, die häufig in die Irre führen. Geradezu klassisch führt Stevens beide Stränge zum Höhepunkt in eine Synthese.

Die üblichen Serien-Killerromane, die die Bestsellerlisten zumüllen, interessieren mich einen Dreck. Ihr Subtext ödet mich an: Serienkiller-Geschichten unterstellen, dass Technologie und Wissenschaft ausreichen, um soziales Fehlverhalten auszuschalten. Stevens gibt der Sozialisationstheorie weiten Raum, beschreibt das dämonische in der entsprechenden Konditionierung, ohne zu dämonisieren.

„In einem Alter, wo junge Leute nach Möglichkeiten suchen, um ihr Innerstes zum Ausdruck zu bringen, suchte Bishop nach Möglichkeiten, wie man dies am besten verbarg.“

Eine fließende, mehrstufige Geschichte, die auch ein Plädoyer für die Lerntheorie ist, denn die Darstellung von Bishops Konditionierung dürfte jeden Behavioristen begeistern.
Wenn man Bishops Entwicklungsgeschichte gelesen hat, erscheint einem die Karriere zum Serienkiller fast zwangsläufig.

Einmal in die Hand genommen, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Ein einzigartiges und eigenartiges Meisterwerk. Wieder mal ein Buch das den deutschen Spitzweg-Spießer in seiner you-Tube-Gestalt überfordern könnte.

Die wenigsten Serienkiller-Autoren verfolgen die These, dass eine empathielose Gesellschaft sich in empathielosen Mördern spiegelt. Oder warum einige Theoretiker den Serienkiller als „letzten amerikanischen Helden“ titulieren (eine besonders perverse Variante ist der „gerechte Serienmörder“ in DEXTER von und nach Jeff Lindsay).

Über den Autor ist wenig bekannt.

Shane Craig Stevens wurde am 8.Oktober 1941 in New Yorks Hell´s Kitchen geboren; er starb 2007. Er wuchs in Harlem auf und war mit Harry Crews während ihrer gemeinsamen Zeit als Stipendiaten in Bread Loaf befreundet (damals entstanden die beiden einzigen Fotos von Stevens, die zugänglich sind). Er schrieb acht Romane, die in sechs verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Im heutigen Markt wäre er wohl e-Publisher geworden.
In den USA ist er fast so unbekannt wie bei uns. Und natürlich – man muss es wie ein Mantra runterbeten – kennt ihn in Frankreich jeder Noir-Fan.

Er war politischer Aktivist und Vietnam-Kriegs-Gegner, was sich in vielen seiner Romane brutal äußert. Sein Platz war mitten in den Ereignissen, und seine Erfahrungen im Harlem der 1960er Jahre finden sich in den ersten Büchern.

Seine Hautfarbe war Stevens unwichtig.

Er schlug sich durch, kannte die Armut. Einmal musste er seinen ersten Agenten um ein paar Dollar anbetteln, damit er nicht ins Gefängnis kam.

Im Malrauxschen Sinne dürfte kein Unterschied zwischen Leben und Handeln gestanden haben, kein Gegensatz zwischen Werk und Leben. Noir-Romane sind Grenzbegegnungen in den Randbezirken des Grauen. Bücher als Waffen.

In seiner Besprechung von Eldridge Cleavers SOUL ON ICE in „The Progressive“ zeichnete Stevens so etwas wie sein Credo als Autor:

„For those of us who believe that the writer must grapple with the moral issues of his day, that he must view himself in the context of events and not just from his own personal needs, these are dangerous times. The urge to be a full-time revolutionary in a country so desperately ill is overwhelming.”
Crime fiction is supposed to be social fiction—I think even more so than “literary fiction”—confronting the issues we currently face as human beings in our society… It’s much more comforting for us to reduce criminal actions to the purely aberrant: the criminal becomes mutant, his behavior occurring for the same reasons that a baby might be born with six fingers or webbed toes. These actions are then countered through: the might of pure logic/reason; the law-breaking force which exists only to reaffirm the status quo; or because the mutation (the criminal) is faulty, it simply “fails to thrive”. Too often as well, the crime itself becomes the only important thing without any acknowledgment of motivation and circumstance. The heist, the murder for hire, and the million dollar drug-deal are played simply for thrills and to showcase the writer’s ingenuity or capacity to craft empty brutality.”

Der zweite Roman, WAY UPTOWN IN ANOTHER WORLD, ist die zornige Ich-Erzählung eines Schwarzen, der voller Verachtung über „sein Volk“ spricht und für die politischen Aktivitäten der Afro-Amerikaner nur Hohn hat. Outlaw-Literatur in der Tradition von William S. Burroughs und Hubert Selby jr. (der seinen Erstling GO DOWN DEAD, an dem Stevens sechs Jahre gearbeitet hatte, über einen Harlemer Gang-Leader lobte).

Sein dritter Harlem-Roman war RAT PACK – also kein Wunder, das zeitgenössische Leser ihn für einen Schwarzen hielten. Über letzteren schrieb Chester Himes: “Truly a classic of the lower depths.”

Der Roman DEAD CITY, 1973, ist ein brutales Mob-Drama, das einem Kritiker als eine Art Vorläufer für Martin Scorseses Film GOODFELLAS erscheint.

Der letzte Roman unter seinem Namen war der Polit-Thriller THE ANVIL CHORUS über die Jagd nach einem Nazi-Killer,1985. Danach erschienen noch die beiden Privatdetektiv-Romane unter J.W.Rider.

In KRIMIAUTOREN VON A-Z (https://krimiautorena-z.blog/2018/05/22/stevens-shane/) steht über die Malone-Romane von Rider:

„Malone ist einer der härtesten und gemeinsten Ermittler der Kriminalliteratur. Er nimmt grundsätzlich nur Mordfälle an – allenfalls noch Fälle von Morddrohung. Liiert ist er mit der aparten Malerin Marilyn, die sich auf Werwolf-Bilder spezialisiert hat. Im ersten Roman ‚Der Teufel hat vielen Masken‘, einer mit ausgesprochen fiesen Gestalten bevölkerten Geschichte, hat Malone zwei Auftraggeber: Den aufstrebenden Immobilienhai Cooper Jarrett, dem anonyme Telefonanrufer einen baldigen Tod vorausgesagt haben, wenn er sich nicht aus seinem Milliardenprojekt beim Hafen von Jersey City zurückzieht; und Constance Kelly, eine atheistische Aktivistin, deren Mutter kürzlich durch eine Kugel aus dem Leben schied – laut der Polizei handelte es sich um Suizid. Schon bald wird Malone klar, dass die beiden Fälle eng miteinander verknüpft sind – Geldgier und Korruption, Sexualität und Hass sind die Bindeglieder. Welche Rolle aber spielt Jarretts Ex-Frau und Geschäftspartnerin Laura, die Malone heftig umgarnt?“

Warum seine Stimme dann verstummte, ist mir nicht bekannt. Aber kaum entschuldbar. Stevens war einer der klügsten Köpfe und besten Schreiber im Genre, der „Black Experience“ und die Outlaw-Literatur der Beats mit tiefsten noir verband.

Die meiste Zeit verdiente er wenig. Erst mit KILL kam das „große Geld“: Der Roman verkaufte sich gut, es kamen ausländische Lizenzen hinzu und Hollywood kaufte die Filmrechte. Für Columbia Pictures schrieb er ein Drehbuch nach KILL. Daneben verfasste er wohl noch andere Adaptionen für Hollywood.

Popular crime fiction is really one big buffer zone that reinforces the status quo.

Shane Stevens bediente nicht die lahmen Mittelschichts-Phantasien, die den durchschnittlichen Kriminalroman verseuchen. Rassen- und Klassenkampf, institutionalisierte Gewalt, Armut, Korruption, Verrohung, rücksichtslose Ausplünderung gehörten zu seinen Themen, und sie sind gerade in den Staaten aktueller denn je. Auch wenn es in seinen Büchern keine Smartphones gibt.

In einem Brief an Charles Harris:

“What’s happening is that this is a class struggle going on in this insane country. Of which white racism is a part. What counts is not skin color but life style: money, Charles, money. The question is how you live—that determines what side of the gun you’re on. Now the people of all colors who are poor are beginning to move and they’re moving against those who keep them down. Middle class America: with its false liberals, its private ownership of everything needed to live, its slave state mentality and racist theology…”

Stephen King sagte über sein Werk, dass er drei der besten Bücher über die dunkle Seite des amerikanischen Traums geschrieben habe. Nachdem sich King im Nachwort zu seinem Roman THE DARK HALF begeistert über Stevens ausgelassen hatte, wurden drei Bücher neu aufgelegt. King hatte von Stevens in seinem Roman den Namen Alexis Machine aus DEAD CITY für George Starks Protagonisten übernommen.

Vom Heyne-Verlag wird der Roman unnötig als „Mutter aller Serienkiller-Romane“ vermarktet (Serienkiller bevölkerten die Literatur bereits vor 1979; z.Bsp. Ellery Queens CAT OF MANY TAILS, 1949, oder Robert Blochs PSYCHO, 1959). Das sei gerne verziehen für diese Veröffentlichung und hoffentlich die Publikation weiterer Romane Stevens (dessen beiden J.W.Rider-Bücher ich in der SCHWARZEN SERIE publizieren durfte). Die Behauptung, dieser Roman hätte die True-Crime-Literatur vorweggenommen, ist natürlich absoluter Schwachsinn. Und mit True-Crime hat er genauso wenig zu tun wie DRACULA mit Chiropterologie.

Sicherlich kann man aber KILL zusammen mit Lansdales ACT OF LOVE und Thomas Harris´ RED DRAGON, beide 1981, als die Romane ansehen, die das Sub-Genre in seiner aktuellen Form definiert haben. KILL hebt sich dank der literarischen Qualität und dem gesellschaftlichen Blick ganz klar heraus.

Die von Heiko Arntz ergänzte und überarbeitete Übersetzung von Alfred Dunkel ist gut gelungen (auch wenn mal wieder ein „Sedan“ herumfährt).

P.S.: Quelle der Zitate ist der angehende Stevens-Biograph Chad Eagleron.



ERSTE TAGE IM BUNKER – DIE TV-SERIE MINDHUNTER by Martin Compart

Eine Welt ohne Serienkiller ist heute nicht mehr vorstellbar. Ob in Realität oder Fiktion, der Serienkiller ist zum Topos eines Horrors der westlichen Zivilisation geworden. Film, TV und vor allem die zeitgenössische Kriminalliteratur sind überflutet mit den hirnrissigsten Killern (der bisherige Höhepunkt literarischer Idiotie dürfte Ethan Cross mit seiner Familie der Serienkiller sein; ein Gevatter arbeitet gar für das FBI, um den Horror heimelich zu machen).
Erst vor etwa vierzig Jahren wurde der Begriff „Serienkiller“ kreiert, und zwar von dem FBI-Agenten Robert Ressler. Obwohl zuvor dieses kriminelle „Phänomen“ bekannt war (von Jack the Ripper bis Ed Gein), wurde es erst seit Mitte der 1970er Jahre wissenschaftlich erforscht.

Und zwar von den Pionieren Professor Ann Burgess, Robert Ressler und John Douglas.

Die spannende Entwicklungsgeschichte ihrer Forschungsarbeit, die für die Kriminologie neue Türen öffnete, ist das Thema der TV-Serie MINDHUNTER von David Fincher, Charlize Theron, Joe Penhall und Jim Davidson nach den Erinnerungen von John Douglas.
MINDHUNTER ist eine der radikalsten Serien der jüngeren TV-Geschichte…

weiterlesen auf CRIME-TV unter https://crimetvweb.wordpress.com/2018/12/14/erste-tage-im-bunker-mindhunter/



DER ERSTE SERIENKILLER-ROMAN? BLAISE CENDRARS „MOLOCH. DAS LEBEN DES MORAVAGINE“ by Martin Compart

Moravagine wird von dem jungen Arzt Raymond la Science, dem Erzähler der Geschichte, in einer Irrenanstalt entdeckt und befreit. Sofort erliegt er der Faszination, die von Moravagine ausgeht. Zusammen führen beide bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges ein ruheloses Leben auf der Flucht: Sie nehmen in Russland 1905 an der ersten Revolution teil und planen einen Anschlag auf die Zarenfamilie, der im Fiasko endet; sie fliehen nach Amerika und gelangen schließlich zu einem Indianerstamm am Amazonas. Nach der Rückkehr nach Europa werden alle weiteren hochtrabenden Pläne durch den Kriegsausbruch vernichtet, beide werden eingezogen und verlieren sich aus den Augen; wahnsinnig geworden, stirbt Moravagine am Morphium 1917. Seine zahlreichen Manuskripte und Zukunftsvisionen über einen 99-jährigen Krieg und eine Marsexpedition gehen an La Science, über den sie wiederum zum vermeintlichen Herausgeber Cendrars gelangen, der dem Buch ein entsprechendes Vor- und Nachwort mit auf den Weg gibt.

Das „Problem“ ist, dass Moravagine, der letzte Nachfahre der ungarischen Könige, gerne Frauen quält und aufschlitzt und – wie es sich für einen ordentlichen Serienkiller gehört – eine Blutschneise durch die besuchten Länder zieht.

MORAVAGINE ist wohl der erste Serienkillerroman, der einen Täter in den Mittelpunkt des Romans stellt und ihn „analysiert“.

Zuvor behandelten Kriminalromane kaum oder gar nicht Triebtäter als Serienkiller. Und wenn, dann aus völlig anderer Perspektive. Marie Belloc Lowndes etwa, schrieb ihren Jack-the-Ripper Roman THE LODGER (1913) rein aus der Perspektive einer unbeteiligten Zeugin, der Vermieterin, und ließ bei allen Verdachtsmomenten das Ende offen.
Sie schuf eher einen stilbildenden Psychothriller, der heute noch funktioniert, als einen Serienkiller-Roman.

„Die Pathologie als Spezialgebiet einer allgemeinen Philosophie anzusehen – das hatte noch niemand gewagt.“

Der Ich-Erzähler und Begleiter des Killers ist derPsychiater Raymond la Science.

Die Person „Raymond la Science“ existierte tatsächlich und war Mitglied der französischen Anarchistengruppe Bonnot-Gang, die sich hauptsächlich auf Diebstähle und Randale spezialisierte. Raymond la Science wurde 1913 mit der Guillotine hingerichtet. Im Buch selbst gibt es einen Hinweis darauf („Wir kamen in Paris an, als die Affäre Bonnot gerade zu Ende ging“)! Man kann also davon ausgehen, dass Cendrars sehr bewusst diesen Namen wählte.

Getrieben wird er von seiner Faszination für Wahnsinn und das menschliche Unbewusste. Er wird von Moravignes Amoral infiziert, ist von Beginn an offen dafür:
„Endlich sollte ich mit einer menschlichen Bestie zusammen sein, ihr Leben teilen.“

Der Erzähler ist besessen davon zu erkunden, welche unterbewussten Prozesse „die Tätigkeit des Instinkts wandelt und so aus der Bahn kommt, dass sie entartet.“ Fragen sowohl nach Auschwitz wie Jack-the-Ripper. Der Roman zeigt Empathielosigkeit als unbefriedigendes Erklärungsmodell.

„Moloch. Das Leben des Moravagine „(französischer Originaltitel: Moravagine) erschien erstmals 1926 Der Autor hatte bereits 1917 den Roman  zu schreiben begonnen. Der Schock des Ersten Weltkriegs und das damit verbundene Ende der bekannten Zivilisation durchzieht das Buch. Was soll danach entstehen? Die Umwertung aller Werte? In der Fetischisierung der Kriegsmaschine positioniert Cendrars die Amoral der Wissenschaft vor der Diskussion über die Atombombe.

Eine erste Fassung mit 1800 Seiten, die verloren ging, entstand schon 1914 „…unter dem Eindruck der ersten sensationellen Erfolge der Fliegerei und der Lektüre von FANTOMAS machte ich daraus einen Abenteuerroman“.

Blaise Cendrars (1887-1961) ist einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller, der aber auch gerne der französischen Literatur zugeschlagen wird. Er war Lyriker, Romancier, Filmemacher und Abenteurer, der Reisen durch Asien, Afrika und Amerika unternahm („…solange ich, Blaise Cendrars, durch die Welt irre, durch Länder, Bücher und Menschen.“).

Anfang des 20.Jahrhunderts ging er nach Paris und gehörte bald zur Pariser Avantgarde der 1910er Jahre. Er kämpfte freiwillig als Fremdenlegionär im Ersten Weltkrieg für seine Wahlheimat Frankreich und verlor dabei einen Arm. Sein Leben selbst war ein Abenteuerroman und die Inspiration für ungewöhnliche Bücher. Er schrieb um die 40 Bücher, daneben Gedichte, Hörspiele und Filme.

Henry Miller übersetzte MORAVAGINE 1930 ins Amerikanische und war von ihm tief beeindruckt. Er erklärte, es sei in Frankreich nicht publizierbar, empfahl es aber einem deutschen Verlag (die deutsche Erstausgabe erschien 1928 bei Georg Müller, München). Cendrars wurde zu einem von Henry Millers Helden und Freunden (Cendrars war der erste, der WENDEKREIS DES KREBSES rezensierte).

Cendrars sieht in diesem lustmordenden Serienkiller ein Prinzip, in dem aus asozialer Destruktion Kreativität erwächst. Prägend war für Moravagine die geradezu maschinelle Soldateska, die seine Kindheit begleitete. Dabei schmerzt ihn die Sinnlosigkeit seiner Existenz, da er weder philosophisch noch religiös zu einer Antwort findet. Mit seiner Destruktion fordert er das Universum heraus.

Der Schriftsteller Oleg Jurew sieht eine Bedeutung des Romans darin, dass „mit den Mitteln eines Abenteuer- und Schauerromans Cendrars ein Bild der europäischen Menschheit in der ausgehenden Moderne bereitet… Am Ende des 19.Jahrhunderts… verwandelte sich Europa in einen Lustpsychopathen, der nur das will, was für Geld nicht zu bekommen wäre – Frauen aufschlitzen, fremde Länder zerstören, einen Weltkrieg anzetteln.“

„Daraufhin sprachen wir dann vom Krieg, korrekt und freundlich.“

Die amoralischen Freiheiten, die heute gerne in den Serienkiller hineininterpretiert werden, spiegeln die rücksichtslose Gier der imperialen Mächte wieder, die sich von Nationalstaaten zu Wirtschaftsmächten entwickelt haben und nun von den Finanzterroristen aufgeschlitzt werden. So könnte man vielleicht Moravagine in der Fortsetzung dieser Auslegung weiterführend interpretieren.

Die „Verwissenschaftlichung der Brutalität“ und „Industrialisierung des Mordens“ als Verdinglichung von Rationalität und Aufklärung, die bis heute fortwirkt um Gier zu legitimieren.

„Was bedeutet mir ein Mord mehr oder weniger auf dieser Welt, die Entdeckung der kleinen Leiche eines unschuldigen jungen Mädchens?“

Die schwachsinnige Behauptung des Serienkillers als „letzten amerikanischen Helden, der die substantielle Freiheit des Individuums ausübt“ pervertiert Gedanken der Aufklärung durch asoziale Fokussierung auf das Individuum, die dem vor-aufklärerischen Denken entspricht. Gilles des Rais lässt grüßen.

Trotz der gewollten Entemotionalisierung der Sprache ist die fiebrige Überspanntheit von Huysmans oder der Nachhall des fin-de-siècle spürbar (Cendrars nimmt immer wieder Bezug auf Auguste de Villiers de L´Isle-Adam).
Außerdem erinnert Moravagines apodiktische Verkündungswut an Nietzsche. Der ganze Roman hat etwas von einer wirren Interpretation des „Übermenschen“.

Um das alles im Genre einzugliedern: Ein ungewöhnlicher Serienkillerroman, der kaum für Freunde von Ethan Cross oder Karen Slaughter taugt.

Wahrscheinlich ist der Roman schon postmodern gewesen, bevor irgendwelche Strategen diesen Marketingbegriff à la „Ende der Geschichte“ kreierten.