Martin Compart


MICK HERRON – DER ABDECKER DES SECRET SERVICE 1/ by Martin Compart

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef Jackson Lamb, ein Falstaff des Thrillers.
Slough House, das ist der Ort, an den Agenten des Geheimdiensts MI5 in London verdammt werden, deren Karrieren frühzeitig gescheitert sind. Hier soll man in Verzweiflung, freiwillige Kündigung, hysterischen Niedergang und Selbstaufgabe getrieben werden (welch grandiose Paraphrase für das 21.Jahrhundert!).

Ein Ort, der nur von einem genossen und geliebt wird: Jackson Lamb.

Vielleicht haben diese ›Slow Horses‹ einen Auftrag komplett vermasselt, kamen einem ehrgeizigen Kollegen ins Gehege, oder sie hingen einfach zu sehr an der Flasche, was in diesem Gewerbe nicht unüblich ist. Außer dass sie Einzelgänger sind, haben sie noch eins gemeinsam: Sie alle wollen wieder zurück in den aktiven Dienst in Regent’s Park, raus aus Lambs Abdeckerei.


Slow Horses
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Hardcover Leinen
480 Seiten
ISBN 978-3-257-07018-7
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70

Der Diogenes Verlag liefert einmal mehr Grundnahrungsmittel für den anspruchsvollen Thriller-Fan: Mick Herron, einer der fünf besten britischen Polit-Thriller-Autoren der Gegenwart. In Großbritannien und jetzt auch in den USA wird er bereits als Klassiker gehandelt.

Und das mit vollem Recht: Er ist nicht nur ein eindrucksvoller Stilist, er bringt auch Innovationen in ein Genre, dass seit zwanzig Jahren stagniert oder in dümmlichen Anti-Terroristen-Agenten-Thrillern verharrt. Herron bestätigt Eric Amblers Postulat des „Thrillers als letzte Zuflucht für Moralisten“ und zeigt unsere heutige Moral als Anpassung an Sozialsysteme.

Sein zynischer allwissender Erzähler kriecht jeder Figur so tief unter die Haut, dass denn Leser selbst die scheinbar uninteressanteste Figur interessiert. Nur bei der Hauptperson Jackson Lamb ist er weniger allwissend; sie scheint er selber noch zu erforschen. Ihr gelingt es, diesen so dominanten Erzähler zu überraschen. Überraschungen gehören zu den großen Stärken von Herron: Die Plots nehmen überraschende Wendungen, die Charaktere verhalten sich überraschend und die Dialoge sind es auch – immer gespickt mit witzigen Zynismen.

Herron überrascht den abgebrühtesten Thriller-Fan immer wieder.

Ein Grund sich etwas ausführlicher mit ihm zu beschäftigen.

Denn seine überfällige Veröffentlichung auf dem deutschen Markt ist ein absolutes Highlight. Auch wenn er es nicht auf die Jauchegrube unserer Bestsellerlisten schafft (dazu sind seine Romane zu intelligent und anspruchsvoll), sollte er doch eine große Gemeinde finden, für die in hoffentlich kurzen Abständen die bisherigen sechs Bände der SLOUGH HOUSE-Serie von Diogenes veröffentlicht werden. 1)

Mit diesen Romanen hat Herron sich als einer der besten Stilisten und intelligentesten Autoren seiner Generation etabliert; nicht nur im Spy-Genre. Seinem traumwandlerisch sicheres Sprachgefühl merkt man die frühe und langjährige Leidenschaft für Lyrik an. Sie fließt völlig unangestrengt in seine Epik.

Herron wurde 1963 in Newcastle upon Tyne geboren und studierte in Oxford am Balliol College, wo er seinen Abschluss in englischer Literatur machte. Schon als Teenager begann er Gedichte zu schreiben. „Erst später begann ich mit Romanen. Aber seit meiner Jugend schreibe ich jeden Tag.“

Nach dem Studium arbeitete er mehr als 15 Jahre lang als Textredakteur in London. Er wohnte in Oxford und fuhr jeden Tag zum Job in die Metropole. „Der Job lehrte mich eine Menge über das Schreiben. Besonders über das Weglassen von Worten. Nebenher schrieb ich nachts täglich 350 Worte an Romanen.“

Es dauerte zwei Jahre, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand: DOWN CEMETERY ROAD, 2003, war der erste Band in seiner Oxford Serie über Sarah Tucker und Zoe Boehm. Er hatte 18 Monate an dem Roman gearbeitet. Ein Jahr später folgte der zweite Band der Serie. Insgesamt schrieb er bis 2009 vier Romane über seine weiblichen Protagonisten.

“The two women are very different, I hope, so shuttling between them allows me to indulge opposing viewpoints. Sarah is the more feeling of the pair, and I sometimes claim that I’m getting in touch with my feminine side when writing about her. The more likely truth is that, when writing about Zoë, I’m trying to bolster my masculine nature.”

Bedingt durch seinen Fulltimejob arbeitete Herron sehr langsam. Besonders viel Zeit nahm und nimmt das Lektorieren in Anspruch: „Das Ausmerzen der verdammten Semikolons!“

2006 verfasste er mit LOST LUGGAGE seine erste Kurzgeschichte für „Ellery Queen´s Mystery Magazine“. 2009 wurde er von dem Magazin für seine Story DOLPHIN JUNCTION mit dem „Ellery Queen Readers Award“ ausgezeichnet.

2010 gelang ihm mit SLOW HORSES der große Wurf, der erste Roman über die „Abdeckerei“-Abteilung des MI 5.

Obwohl er gleich für den „Ian Fleming Steel Dagger Award“ nominiert wurde, stand er plötzlich ohne Folgevertrag bei Soho Crime da. Soho Crime hatte den Roman zuerst erfolglos in den USA veröffentlicht und die Resonanz in England war auch nicht besonders. Deshalb dauerte es drei Jahre, bis der Verlag sich durchrang den zweiten Roman, DEAD LIONS, zu veröffentlichen. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis Herron und sein Agent einen neuen Verlag fanden. Als dann John Murray die Serie übernahm, erkannten die dortigen Mitarbeiter das Potential und bedienten es entsprechend. Ein britischer Kritiker nannte das Verhalten von Soho Crime das „literarische Äquivalent zur Ablehnung der Beatles durch Decca“.

Warum der Wechsel von düsteren Psychothrillern zum Spionage-Roman?

„Ich wollte über größere Themen schreiben. Der Spionageroman bietet diese Möglichkeiten. Als Kind war ich ein großer Fan der frühen Romane von Alistair MacLean. Ich begann früh Bücher für Erwachsene zu lesen. Das war sofort Kriminalliteratur. Angefangen mit Agatha Christie. Alistair MacLean. Der wunderbare Dick Francis. Dann entdeckte ich die amerikanische Literatur: Hemingway, Fitzgerald, Steinbeck. Ich las sehr früh Nabokov, da wir ein Buch von ihm zu Hause hatten. Vor allem war ich ein Bibliotheks-Gänger – das bin ich immer noch. Ich greife mir, was mich anspringt. Heute vergessene Autoren wie John O´Hara oder Victor Canning.“

Ein Autor, der noch Victor Canning kennt und liest, kennt das Genre in all seinen Verästelungen.

Und selbstverständlich kennt er die Klassiker wie Ian Fleming (sein Lieblings-Bond-Roman ist MOONRAKER) oder Len Deighton („Ich hatte einen Goldfisch namens Harry Palmer.“).

Welcher Autor hat ihn am stärksten beeinflusst?

GORKY PARK von Martin Cruz-Smith ist meine Messlatte. Aber ich kaufe jedes Buch von ihm, sobald es veröffentlicht wird. Dialoge waren für mich anfangs das schwierigste zu schreiben. Inzwischen fällt es mir leicht. Ich habe die großen Dialog-Schreiber intensiv studiert – Elmore Leonard zum Beispiel.

Und welche aktuellen Spionageautoren bewundert er?

Ich mag eine Reihe von Büchern von Alan Judd und John Lawton. Es gibt noch einige andere Autoren, die ich sehr mag, aber die beiden fallen mir zuerst ein.

Große TV-Serien wie THE SANDBAGGERS oder SPOOKS sind unter seinen Einflüssen vermutbar: Sie dürften die Ensemble-Struktur der SLOUGH HOUSE-Serie angeregt haben.
“There are some good thriller writers working today in the spy genre but they’re thin on the ground. Many of the good ones tend to write within a historical context. Modern espionage fiction is not what it once was. Maybe the fact that the real spy world is now a team game with secret services conducting wars more with technology than field operatives, has contributed to rendering some of the traditional tropes of the contemporary spy thriller redundant. Lone agents fighting to save the world have simply lost their relevance.”

Das ihn Kritiker für seinen „neuen Realismus“ loben, amüsiert Herron: „Because I’m a thriller writer that narrows the choices. My stuff could have been police officers but then I would have had to do actual research. And you’d have to get the procedure right because if you don’t, if you just make stuff up and you write about the police, you’re going to get into trouble. But if you make stuff up about the Secret Service, people say, ‘you seem to know an awful lot about that’ and then they assume you have some sort of experience.”

Bei Herrons Qualität wird natürlich der gottgleiche Langweiler als Vorbild, Vergleich oder Pate herbei gequält. “I won’t say that le Carré cast a shadow, rather he cast a light over the spy genre that will continue for a long, long time.”

Wenige Autoren schreiben so eindrucksvoll über London. Sicherlich werden seine Romane künftig auch im Genre „London Novel“ verzeichnet sein, als Bücher, die das Zeitgefühl der Stadt im frühen 21.Jahrhundert unter der Terrordrohung ähnlich überzeugend wiedergeben wie etwa Joseph Conrads THE SECRET AGENT es für den Anfang des 20.Jahrhunderts tat.

“I worked in London for fifteen years, without ever living there. And yes, I think love/hate sums it up. As a locale for fiction, it fulfils all my needs: it’s bright and dazzly, grubby and creepy; it’s got all the history one could want, and still offers huge scope for making up more when required. But it’s noisy and crowded, and doesn’t always work properly, and you have to travel annoying distances to get anywhere. And the reputation it’s developed as the world’s money-laundering capital, which goes hand-in-hand with all manner of other corruption, fills me with unease.”

1) Ein Problem dabei könnte sein, dass 90% der deutschen Kritiker (nicht nur sogen. Genre-Kritiker) mit ihren bescheidenen Maßstäben Stil weder erkennen, einordnen noch würdigen kann. Man muss sich nur bisherige Besprechungen der deutschen Ausgabe ansehen, ohne durch Fremdschämen betroffen zu werden. Aber Stil ist ein intelligentes Vergnügen, dem man folgen können muss. Ich tu mich daran selber schwer, bin dann aber über die nicht allzu schwere Erkenntnis höchst erfreut.

FORTSETZUNG FOLGT




GARY OLDMAN IST JACKSON LAMB by Martin Compart
9. September 2020, 6:56 am
Filed under: MICK HERRON, Spythriller, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , ,

Zur ersten Mini-Serie der Slough House-Serie von Mick Herron, in der Gary Oldman die Hauptrolle spielt, Schrieb Stephe Arnell am 6.Februar 2020 in TELEVISION BUSINESS INTERNATIONAL (TBI):

… Herron, who tells TBI he is enthused by the prospect of the Apple adaptation.
‘I’m very happy that we have a great team in Graham Yost (Justified) and Will Smith (Veep) bringing Slow Horses to the screen. I’ve already visited the writers room,” he says, adding that Yost’s presentation of the show’s storyline to Apple was “incredibly impressive.”
The author also stresses the importance of historical context in the Slough House series, emphasising that the story “hues to the tradition of more grounded, realistic British spy thriller, but includes satirical elements, often referencing current events.
“With the political turmoil of the present-day, it helps with such outlandish occurrences as Trump that you can push the boundaries, although Slough House eschews the gadgetry of some spy thriller novels.”

For Apple, Slow Horses is clearly another costly bet on talent-led drama. The presence of 2018 Oscar winner Oldman in a very rare TV role adds to the lustre of Slow Horses and could help sell the show to prospective subscribers who may not yet have engaged with the streamer.
The series may also have the knock-on effect of giving Oldman’s post-Oscar career a boost, following appearances in thrillers such as Tau, Hunter Killer, The Courier and Killers Anonymous. And while there has been little word yet on the supporting cast, the presence of the aforementioned Yost as executive producer, together with Veep co-writer and co-producer Smith promise a strong commitment to crackling dialogue and character development.



DIE VERLOGENEN POLITIKER by Martin Compart
6. September 2020, 8:28 pm
Filed under: Ekelige Politiker | Schlagwörter:

Wenn die Saudis in ihrer Istanbuler Botschaft einen Journalisten zerhacken und wie Tönnies ein Schwein zerlegen, droht das Merkel nicht mit Sanktionen, sondern lässt Krauss-Maffei und Rhein-Metall nachfragen „Darfs ein bisschen mehr sein“?



WEISE WORTE by Martin Compart
3. September 2020, 2:59 pm
Filed under: Weise Worte | Schlagwörter: ,

‘But remember the Republican Party is not a political party. It’s a mindset, like Hitler Youth. It’s full of hatred.’

Gore Vidal



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
28. August 2020, 3:42 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Die Femme fatale des Rockabilly kann auch anders (und das ist von ihrem Swing-Album!).



WEISE WORTE by Martin Compart
27. August 2020, 1:57 pm
Filed under: Weise Worte | Schlagwörter: ,

Amerika ist das einzige Land, das ohne Zivilisation von der Barbarei zur Dekadenz übergegangen ist.

Oscar Wilde



ZUM STONES-BUCH by Martin Compart
23. August 2020, 6:28 pm
Filed under: Politik & Geschichte, Rezensionen, Rolling Stones | Schlagwörter: ,

Den fähigen und guten Leuten von ECLIPSED ist im letzten Heft ein Fehler unterlaufen (manchmal passieren Sachen, die man sich kaum erklären kann; ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen). Sie haben die Größe, ihn im aktuellen Heft zu korrigieren:

 



HAPPY BIRTHDAY! by Martin Compart
22. August 2020, 9:58 am
Filed under: Allgemein

Viktor Niemann (80)

Ein Ständchen zum Geburtstag (den Du bestimmt richtig verstehst):



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
21. August 2020, 1:48 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Ja, es ist mit Mark Knopfler.



Fahrenheit 11/9 von Michael Moore by Martin Compart
14. August 2020, 10:30 am
Filed under: Ekelige Politiker, Parasiten, Politik & Geschichte



GANGS OF LONDON – Es gibt ein Sterben nach den Krays oder Tod den Investoren by Martin Compart

London 2020.

Lange vorbei sind die Zeiten liebgewonnener Folklore, in der die Kray-Twins die Unterwelt beherrschten. Auch die Yardie-Romantik gehört weitgehend der Vergangenheit an. Ja, es gibt ein Leben nach den Krays, deren Eastend-Mythos den britischen Gangsterfilm bis heute beeinflusst. Heute ist London einer der größten moralischen Slums der Welt, in dem sie Evil-Twins kaum noch eine Chance hätten.

Aber nun werden neue Töne angeschlagen.

Das wird einem innerhalb der ersten drei Minuten der Eröffnungsszene klar, die an Brutalität in filmischer Eleganz alles übertrifft, was man bisher auf dem Bildschirm gesehen hat.

Die TV-Serie GANGS OF LONDON zeigt ein aktuelles, sicherlich überzeichnetes, Bild, wie Organisierte Kriminalität in der Finanzmetropole heute abläuft: Alle ethnischen Gruppen, von Albanern über Asiaten bis hin zu den Iren, haben sich in einem Aufsichtsrat zusammengeschlossen und die Märkte aufgeteilt. Hinter ihnen stehen Investoren (die in der Serie erstmal im Dunkel bleiben), die renditiert werden. Denn die City – immer auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten – schätzt das steuerfreie Geschäft mit Rauschgift, Mord, Prostitution und anderen illegalen Spezialgebieten. Hier sind die Kursgewinne gigantisch, hier tobt der Feudal-Kapitalismus ungehemmt auf höchstem Niveau.

Der Wahnsinn wirkt authentisch. Die Krays kennt hier niemand mehr.

Stattdessen romantisiert man den Zusammenschluss unterdrückter Ethnien zum ökonomischen Vorteilsstreben. Die Allianz zwischen dem irischen Kingpin und seinem schwarzen Adlatus resultiert aus Diskriminierungszeiten der 1970er: „No Blacks, No Irish. Illegitimate bastard children of the great British Empire. A city of closed doors brought us together.

Der Finanzmakler, eine Art irischer Mayer-Lansky, der dieses Profitmodell entwickelt hatte und anführt, wird in der Pilotfolge umgebracht, und sein nachfolgender Sohn löst durch eine falsche Marktstrategie („Alle Geschäfte stehen still, bis ich den Mörder meines Vaters habe.“) gewalttätige Tumulte aus, die an die Substanz der Unternehmen gehen.
Gespielt wird der Tycoon von Colm Meaney, Hackfresse und Legende des britischen Gangsterfilms.

Über den Bildschirm laufen nun gnadenlos choreographierte Brutalitäten, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. Dagegen wirken die meisten Martial-Arts-Filme wie Vorabend-Serien.

Heike Hupertz beschreibt das im F.A.Z.-Net vortrefflich: „…stimmig choreographierte Folge von Kampfszenen, die den Betrachter visuell überwältigen und unter Dauerspannung halten. Superbrutal, extraordinär, meisterlich geschnitten, auf präzise Weise gespielt, stimmen hier die Details, die Augenblicke, die Zeitlupen, die Zooms, die dramatischen Verzögerungen, jeder berserkerhaft gefilmte Kontrollverlust. Der Waliser Gareth Evans, zusammen mit dem Kamermann Matt Flannery Verantwortlicher der neunteiligen Actionserie Gangs of London, führt lediglich in der Pilotfolge und in der fünften Folge selbst Regie. Regie, die Maßstäbe für das Genre Untergrundkrieg der organisierten Kriminalität setzt.“
Sie weist auch zu Recht darauf hin, dass die Serie ebenfalls als Charakter-Drama funktioniert. Tatsächlich wirken die Gewaltorgien nie anorganisch in dieser komplexen Erzählung, die durch die ungewöhnlichen Charaktere und ihrer Gier nach Rache oder neoliberalem Wirtschaftsstreben vorangetrieben wird.

Schon jetzt ist klar, dass GANGS OF LONDON neue Maßstäbe setzt. Ästhetisch vergleichbar innovativ wie MIAMI VICE in den 1980er Jahren. Für das Genre des britischen Gangsterfilms ein stilistischer Quantensprung, der selbst die Aficionados schockiert und verwirrt. Um die dysfunktionale Zivilisation vorzuführen findet GANGS OF LONDON bisher nie gesehene Bilder und Szenen neben den genrespezifischen Topoi.

Der ehemals gefeierte „Erneuerer“ Guy Ritchie wirkte mit seinen Werken schon immer gestriger als VILLAIN, SEXY BEAST oder GET CARTER (deren Klassiker-Status nie zur Disposition steht).

Bereits mit dem Pilot-Film hat GANGS OF LONDON seine eigene Mythologie geschaffen und inszeniert. Wie bei VILLAIN und im Gegensatz zu Ritchie dient die erschreckende Brutalität nie dazu, pickeligen Popcornfressern ein debiles Lachen zu entlocken. Evans und Flannery meinen es ernst und mildern nichts durch ironische Seitenblicke. Schönes, heroisches Sterben, wie in französischen Gangsterfilmen (vor allem mit Alain Delon), gab und gibt es nicht im britischen Pendant.

Zwischen deutschen Produktionen und den besten internationalen liegen inzwischen Lichtjahre.
Das ist auch Jan Freitag aufgefallen; er schreibt im „Tagesspiegel“:
„Anders als deutsche Produktionen. Diese Wortkargheit ist es auch, mit der sich „Gangs of London“ von deutscher Redundanz distanziert. Eine Szene wie jene, als Sean 30 endlose Sekunden lang schweigend am offenen Sarg seines Vaters steht und Mutter Marian mit den Augen allein offenbart, wie abgrundtief sein Hass ist, wie übermächtig sein Ehrgeiz, scheint in deutscher Produktion schlicht undenkbar.“

Höhnisch meinte „The Indipendent“, dem die Serie weniger gut gefiel: „Evans’ series is an unholy combination of The Raid and EastEnders.“
Wie so viele Gangstergeschichten ist auch GANGS neben anderem eine Familien-Saga. Und anders als bei den Waltons oder Cartwrights hat hier jedes Familienmitglied etwas zu verbergen.

Gangsterepen sind inzwischen zu Symbolen des Kapitalismus geworden. Zeigen sie doch wunderbar in der beginnenden Endzeit der Klimakatastrophe, dass diese Form des Wirtschaftens auf denselben Vernichtungsstrategien eines Dschingis Khans beruht, nur effektiver dank technologischer Fortschritte. Mit Zivilisation hat das so viel zu tun wie das Morden und Plündern barbarischer Horden.

Man könnte über gelegentliche Klischees und Unstimmigkeiten der Serie mäkeln: Eine Gang-Organisation handelt gar mit Silikon-Puppen. Aber ich schließe mich da gerne GQ an: „sex dolls (we’re not sure why, given these are legal and easily available on the internet, but OK)“. Aber es sagt auch etwas über Klischeebruch aus, wenn ausgerechnet der mörderische Boss der Albaner-Gang wie der nette Nachbar rüberkommt.

Entwickelt wurde die Serie für Pulse-Films von dem preisgekrönten Filmemacher Gareth Evans (The Raid: Redemption) und seinem kreativen Partner Matt Flannery (Kamera). Beide arbeiteten schon für indonesische Martial-Arts-Filme. Evans nennt sein ästhetisches Konzept für London „Gothamized“.

Und „Empire“ erkennt: „Where Gangs Of London makes its biggest mark, however, is in an area that will surprise nobody who’s seen The Raid or its sequel. Having made their name in the Indonesian film industry, Evans and Flannery now import their own brand of hyper-kinetic, unflinchingly ferocious screen violence to the streets of our capital, with each episode featuring at least one virtuoso action sequence (even after Evans hands the directing reins to Corin Hardy, who in the fourth episode shows he’s as adept at action as he is horror).“

In England gab es wegen der Gewaltdarstellung viel Protest. Das hinderte aber nicht daran, dass die durchschnittlichen Zuschauerzahlen auf fast 1, 5 Millionen stiegen und die downloads im Mai 16,6 Millionen erreichten. Sie ist nach GAME OF THRONES die zweiterfolgreichste Serie von Sky Channel – und das „Okay“ zu einer zweiten Season war nur eine Formsache.

„The British gangster thriller has never fackin’ seen anything like this before.“ (Empire)

Autoren: Peter Berry, Claire Wilson, Carl Joos, Lauren Sequeira, Gareth Evans, Matt Flannery
Regisseure: Corin Hardy, Xavier Gens (drehte den Backwood-Kracher FRONTIER(S)), Gareth Evans
Hauptdarsteller: Joe Cole (Peaky Blinders), Sope Dirisu (Humans), Colm Meaney (Star Trek), Lucian Msamati (His Dark Materials), Michelle Fairley (Game of Thrones), Paapa Essiedu (Press), Pippa Bennett-Warner (Harlots).
Production Company: Pulse Films
Vorlage war ein gleichnamiges PSP-Video-Spiel von 2006.

P.S.:
Schön ist auch, was im Blog der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft von Uwe Breitenborn zu der Serie zu lesen ist:

„Um es vorwegzunehmen: Ein außerordentlich hohes Gewaltlevel prägt die meisten Episoden, so dass sich der FSF-Prüfausschuss bei fünf der neun Episoden erst für eine Freigabe ab 18 Jahren entschied…

Auch wenn die Gewalthandlungen genretypisch exzessiv und zuweilen überchoreografiert sind, haben sie durchaus einen spekulativen Grundton. Eine gewisse Gewaltlust ist der drastischen Inszenierung nicht abzusprechen, was als sozialethisch desorientierend gewertet wurde. Einge Episoden erhielten aber auch eine Freigabe ab 16 Jahren. Bei ihnen wird dieser Altersgruppe zugetraut, sich von den Gewaltexzessen distanzieren und diese Szenen einordnen zu können. Die Gewaltexzesse sind dramaturgisch zumeist angebahnt und einordenbar. Es gibt zudem kaum deutlich positive Identifikationsfiguren…

Bemerkenswert ist die Komplexität und Vielschichtigkeit des Plots, der ein weit aufgefächertes Figurenensemble aufweist, eine faszinierende, aber auch zynische Inszenierung des neoliberalen Londons. Die Skrupellosigkeit des turbokapitalistischen Zeitgeistes durchweht jede Pore des Films. Luxus und Gosse sind fest verwoben, etwas Durchschnittliches gibt es hier nicht, nur Extreme. Das gilt für die exzellente Besetzung ebenso wie für die überbordende Gewalt, die sich wild über Genrekonventionen hinwegbewegt. Hier werden Bauernhäuser zu Kriegslandschaften, Gangrivalitäten zu Massakern und Beziehungen zu Folterhöhlen. Kriegsfilm, Splatter, Western, Gangsterdrama – ja, Oper müsste man eigentlich sagen. Ein Epos ohne Grenzen. All das muss man aushalten, man kann es auch bewundern. Aber getreu dem Motto eines regionalen Radiosenders ist zu sagen: Nur für Erwachsene!“


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