Martin Compart


Surfin’ Saigon – Interview mit r.evolver by Martin Compart
17. November 2019, 1:17 pm
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r.evolver strikes again! Zehn Jahre nach dem legendären Pulp-Abenteuer „The Nazi Island Mystery“ und sechs Jahre nach der Fortsetzung „Pol Pot Polka“ ist endlich der letzte Teil der Trilogie um die Kult-Agentin Kay Blanchard erschienen. In „Surfin’ Saigon“ zieht Autor r.evolver alle Register trashiger Spannungsliteratur …

In Wien nennt man Dich augenzwinkernd den John Le Carré des Trash. Deine Geschichten erinnern auch an eine Mischung aus Peter O’Donnells Modesty Blaise und Jean-Claude Forests Barbarella. Wo steht denn nun die literarische Wiege der Kay Blanchard?

Lustigerweise ganz wo anders. Wer meine Plots kennt, weiß, dass der Bogen stets von einem Whodunit-Rätsel getragen wird und das kommt ja aus der Agatha Christie-Richtung. Wobei Kay Blanchard natürlich nichts mit Miss Marple am Hut hat. Eher schon was mit Sandra King. Allerdings gewährt uns Kay viel mehr intime Einblicke. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin vom BIA konsumiert Kay Drogen und lebt ihre Sexualität exzessiv aus – eine Vorliebe, die sie mit Barbarella teilt. Allerdings geht es bei Kay Blanchard in der Horizontalen letaler zu – ihre Liebhaber ereilt häufig ein trauriges Schicksal.

Und sie weint ihnen trotzdem keine Träne nach …

Stimmt. Das liegt wohl daran, dass Kay ihre eiskalte Professionalität und ihren Pragmatismus von Modesty Blaise geerbt hat. Nur ist sie eben keine Privatière, sondern als MI6-Agentin eine Beamtin der Krone. Darüber hinaus ist Kay reflektierter und neigt, zur Freude des Publikums, durchaus zu selbstironischen Betrachtungen. Eine Eigenschaft, die sie bis zu einem gewissen Grad mit ihrem Kollegen 007 teilt. Obwohl sie als Superfrau öfter an ihre Grenzen stößt als Commander Bond. Das macht sie aber auch um einiges glaubwürdiger. Kay gerät ständig in brandgefährlich-irrwitzige Situationen, aus denen sie meist durch noch irrwitzigere Strategien oder verrückte Zufälle wieder herausfindet. Und da sind wir jetzt bei der TV-Figur Emma Peel – ich erinnere hier im Speziellen an die Ermittlungen im Hellfire-Club. Mrs. Peel ist – nicht nur wegen ihres hautengen Lederanzugs – ebenfalls eine Patin von Kay Blanchard. Ich würde sagen, Kays Abenteuer sind ein Genre-Mix aus Agenten-, Abenteuer- und Detektivroman, gewürzt mit einer deftigen Brise (Fetisch)Sex und Absurdität.

Eines ihrer Sexabenteuer sorgt in „Pol Pot Polka“ dafür, dass Kay unverhofft schwanger wird. In „Surfin’ Saigon“ hat sie das Kind zur Welt gebracht. Wie lässt sich Kays Mutterschaft mit ihren Eskapaden vereinbaren? Oder ist sie am Ende brav geworden?

Ganz und gar nicht. Gleich zu Beginn wird Kays Spross Ruby ja entführt. Und wer Agentin Blanchard kennt, weiß, dass Sie die Entführer ihrer Tochter bis ans Ende der Welt jagen, dort stellen und am Ende kein Erbarmen mit ihnen haben wird. Im Zuge der nervenaufreibend-mörderischen Suche geht sich natürlich auch die eine oder andere Dosis Amphetamin aus und – trotz aller Sorge – auch hormoneller Ausgleich in gewohnt verrückten Settings.

Ein gutes Stichwort. Kay Blanchard operiert ja in einem schrägen Paralleluniversum. Ist Dir unsere Welt nicht verrückt genug?

Das möchte man angesichts von „Pop-Dschihad“, dem derzeitigen US-Präsidenten (erinnert der nur mich an den präsidialen Hohepriester in „Frankensteins Todesrennen“?) und immer exzessiverem Individualismus meinen. Als ich 1999 das erste Abenteuer von Kay in der österreichischen Netzzeitschrift EVOLVER veröffentlichte, waren diese Entwicklungen noch nicht abzusehen. Damals genügte es noch, Nazis, Werwölfe und Außerirdische in ein klassisches Sex & Crime-Szenario einzuflechten, um aus dem Rahmen zu fallen. Tatsächlich muss ich mir dieser Tage mein Gehirn immer intensiver zermartern, um eine Welt zu erfinden, die unsere Realität noch toppen kann. Wenn es in dem Tempo weitergeht, werden das Vierte Reich und die NSDAP 2.0 in absehbarer Zeit traurige Wirklichkeit sein. Nur leider wird es keine englische Superagentin geben, die dagegen ankämpft …

Die ersten beiden Abenteuer deiner Heldin sind einst als Print-Titel beim Wiener Indie EVOLVER BOOKS-erschienen. Den gibt es nicht mehr. Wo habt ihr Zwei eine neue Heimat gefunden?

Peter Hiess hat seinen Verlag 2017 dichtgemacht. Und das aus Gründen, die nur ihn etwas angehen. Obwohl ich seine Motive nachvollziehen konnte (und noch immer kann), war es damals natürlich ein Schock für mich, gemeinsam mit meiner Heldin, plötzlich „obdachlos“ zu sein. Noch mehr geärgert hat mich das alles, weil mir Peter jahrelang in den Ohren lag, endlich den abschließenden dritten Teil zu schreiben und ich immer irgendwelche Ausreden parat hatte, warum das grad nicht möglich war. Dann, als ich endlich das Exposé fertig hatte, war Schluss und ich stand ohne Verlag da. Weil ich in dieser ohnehin schon schwierigen Situation nicht auch noch Klinken putzen wollte, beschloss ich, den Release meiner Kay-Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Peter Hiess überließ mir freundlicherweise die Namensrechte an der ehemaligen Evolver Books-Heftreihe SUPER PULP. Die stand dann Ende 2018 Pate für meine neue „Edition SUPER PULP“. Unter dieser Flagge habe ich „Surfin’ Saigon“ und die beiden Vorgänger neu veröffentlicht.

Seit dem vorletzten Kay-Teil „Pol Pot Polka“ sind knapp sechs Jahre vergangen. Am Ende von „Surfin’ Saigon“ kündigst du den Beginn eines neuen Zyklus an. Wie lange müssen wir auf das nächste Abenteuer warten?

Ich hoffe inständig, dass es nicht mehr so lange dauert. Zumindest habe ich mir das fest vorgenommen. Übrigens: Bevor ich den neuen Zyklus mit dem Titel „Mission Europa“ angehe, wird noch das Kay-Prequel „Beirut Boogie“ herauskommen – das erste Abenteuer meiner Heldin, wo sie als Studentin vom Secret Service „entdeckt“ wird. Die Geschichte ist seit Jahren fertig und muss nur noch einmal überarbeitet werden. Eine kleine Kostprobe daraus wurde ja schon zu EVOLVER BOOKS-Zeiten in der ersten SUPER PULP-Ausgabe abgedruckt.

Apropos, neben deiner Autorentätigkeit firmierst du im Rahmen deiner Edition auch als Herausgeber der gleichnamigen, periodisch erscheinenden Anthologie-Reihe (SUPER PULP), wo du neben bekannten „phantastischen“ Gesichtern auch neue Genre-Autoren präsentierst. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass ein honoriger Verlag auf das Vehikel aufgesprungen ist …

Da pfeifen die Spatzen das richtige Lied. Tatsächlich erscheint meine Edition ab Frühjahr 2020 als Imprint im Blitz-Verlag, der vorerst aber nur die Anthologie-Reihe herausbringt. Bei meinen Kay-Sachen bin ich sehr heikel und eigensinnig. Vor Jahren war geplant, die ersten beiden Abenteuer als Hörbücher bei einem einschlägig bekannten Verlag herauszubringen. Schweren Herzens habe ich damals die Einwilligung gegeben, bestimmte Passagen zu entschärfen und dann ist die Veröffentlichung erst recht an der Frage einer möglichen Indizierung gescheitert. Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich hab dafür Verständnis und bin keinesfalls jemandem Böse. Aber ich möchte hier in Zukunft nicht einmal einen Punkt oder ein Komma argumentieren müssen. Kay ist wie sie ist: Brutal, goschert (wie wir Ösis sagen), kompromisslos, sexy – und genauso soll sie auch bleiben. Wenn das bedeutet, dass ich ihre Adventuren auch in Zukunft unabhängig herausbringen muss, werd ich das mit Freuden tun. Andernfalls liefe ich sowieso Gefahr, dass Kay mir mit ihrem Stilett den Garaus macht …

Kay Blanchard bei der Edition SUPER PULP: http://www.super-pulp.com
r.evolver im Netz: http://www.facebook.com/revolverswelt



ACHIM REICHEL ÜBER JÖRG FAUSER by Martin Compart
15. November 2019, 1:49 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, JÖRG FAUSER, MUSIK | Schlagwörter: , ,

Leider war EINE EWIGKEIT UNTERWEGS aber auch die letzte Platte, auf der ich mit Jörg Fauser zusammen gearbeitet habe. Mit Jörg ist mir nicht nur ein guter Freund verloren gegangen, sondern auch eine Art Lehrmeister. Von ihm lernte ich unglaublich viel über das Kreieren von Texten.

Jörg war einfach extrem inspiriert. Der sagte gern mal nach einem Gespräch: „Gib mir mal ein paar Minuten.“, und brachte in dieser Zeit den Inhalt unseres Gedankenaustausches in eine Versform, bei der jedes Wort am richtigen Platz erschien – das fand ich beeindruckend. Fauser war als Schreiber in vielen Disziplinen zu Hause, ein wahrer Meister des Wortes.

Was man aber auch über ihn wissen muss, ist, dass er einen riskanten Lebensstil pflegte. Der lebte seine eigenen Geschichten bis zum Exzess. Und die damit verbundenen Milieu-Studien waren für ihn ein Teil seiner Suche nach dem Echten, dem Wahren.
Mein Lieblings-Titel auf dem Album „In Bali“ vermittelt das in seinem Text ganz deutlich. Fauser kannte sich im Milieu aus. Über Figuren, wie sie In Bali auftauchen, kannst Du nur schreiben, wenn Du sie selber kennen gelernt hast.

Das ist denn auch eine gute Überleitung zu meiner Ost-Asien-Tour, auf der Jörg eben auch dabei war und die er für den Stern dokumentierte. Anschließend ging es dann auf Deutschland-Tour, die ich auf Grund einer Salmonellen-Vergiftung abbrechen musste. Und just, als ich aus dem Krankenhaus kam, ist Jörg betrunken vor einen LKW gelaufen und das auch noch an seinem Geburtstag. Irgendein Tod wäre für ihn wohl zu wenig gewesen – auch wenn das jetzt zynisch klingt. Ein großer Verlust.

https://www.achimreichel.de/



Interview zu LEMMINGE IM PALAST DER GIER by Martin Compart

LEMMINGE IM PALAST DER GIER – Fragen an Compart

Rezensionsexemplare über michael.contre@zerberus-book.de



DER COUNTDOWN LÄUFT… by Martin Compart
11. November 2019, 4:55 pm
Filed under: ACHIM REICHEL, MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Momentan mein Lieblingssong. Das Arrangement ist Weltklasse!



FANAL – Interview mit Michael Contre by Martin Compart
7. November 2019, 9:37 am
Filed under: Interview, Michael Contre, Politik & Geschichte | Schlagwörter: , , ,

Worum geht es in FANAL ?

Vordergründig um einen ehemaligen V-Mann, der bei einem Abstecher nach Deutschland, den er gezwungener Maßen unternimmt, um Geld aufzutreiben, von ehemaligen Staatsschützern und Geheimdienstlern genötigt wird, erneut seinem alten Handwerk nachzugehen, das er in den 80er – 90er Jahren bereits für den Staatsschutz ausgeübt hatte. Mich interessiert diese Grauzone von Obrigkeit, sei es Staatsschutz oder Polizei, und Verbrechen, ob politisch angetrieben oder rein kriminell, d.h. materialistisch motiviert.

Vor ewigen Jahren hatte ich intensiven Kontakt zu einem Verdeckten Ermittler, die Gespräche haben mich dahingehend sensibilisiert, genauer hinzuschauen. In FANAL setzte ich mich aus der Perspektive unterschiedlichster Charaktere mit dieser Grauzone auseinander.

Wie kam die Idee zustande?

Der konkrete Aufhänger war die Occupy-Bewegung 2011-2012. Ich war im Vorfeld des arabischen Frühlings zufällig in Ägypten gewesen und hatte hautnah die Spannungen erlebt, die dort auf der Straße für jeden Beobachter erkennbar waren. Als es dann in Tunis losging und wie ein Lauffeuer durch den Nordafrika und den Nahen Osten wanderte, entstand überall eine revolutionäre Stimmung, die dann einige Monate später unter völlig anderen Vorzeichen und Themen in den USA zur Occupy-Movement führte. Dann gingen in Deutschland die Menschen gegen die Politik der Banken, gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus auf die Straße. Eine Entwicklung, die seit Seattle 1999 immer mehr an Zulauf gewann und dem Staatsschutz Sorge macht.

Ich erinnere nur an Heiligendamm oder den G20-Gipfel in Hamburg 2017. Am Beispiel unseren bürgerlichen Medien konnte man 2011/12 sehr gut studieren, wie die Occupy-Bewegung im Laufe der Zeit schrittweise abserviert wurde. Totgelabert von den ewig gleichen Dummschwallern.

Für einen Roman muss man ja zuspitzen, also stellte ich mir die Frage: Was ist, wenn die gleichen Leute, die zwanzig Jahre früher den RAF-Terrorismus unterwanderten und an Straftaten beteiligt waren, nun ihre Chance erkennen, um wieder ins Geschäft zukommen? Damit war zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt und konnte mich mit dem Thema Staat und Terrorismus viel breiter und grundsätzlicher auseinandersetzen.

Wieso ausgerechnet das Thema?

Die Baader/Meinhof-Bande oder Rote-Armee-Fraktion, hat mich 28 Jahre lang immer wieder beschäftigt. Sie begleiteten sozusagen meine Kindheit und Jugend. Die Fahndungsplakate hingen bei uns im Dorf in der Post und allen anderen öffentliche Gebäuden aus. Die Verhaftung von Baader und Meins wurde in der Tagesschau gezeigt. Zwei ausgemergelte Kerle in Unterhosen, die von mehreren uniformierten Polizisten festgehalten wurden. Eine Vorführung für die Bevölkerung zur besten Sendezeit.

Die Endphase des Deutschen Herbst 1977 habe ich im Schullandheim miterlebt, das war wochenlang Thema und dann schließlich die Morde an Herrhausen und Rohwedder, da war ich gerade ins Berufsleben eingestiegen. Seltsam wie erleichtert ich mich fühlte, als der Gewaltverzicht bekanntgegeben wurde und dann später die Selbstauflösung. Als wurde von klein auf im Unterbewusstsein verankert: auch du bist in Gefahr. Was natürlich Blödsinn war, aber schon zeigt, wie die öffentliche Berichterstattung auf die Psyche eines Kindes einwirkt. Offensichtlich musste das aufgearbeitet werden.

Wie stehst du persönlich zu Terrorismus im Allgemeinen und zur Roten Armee Fraktion im Besonderen?

Terrorismus ist Strategie und Taktik, von Schwächeren gegenüber einer Übermacht angewendet. Die ersten Terroristen der Neuzeit waren die Anarchisten ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich gegen das Unrecht und die Gewalt der Obrigkeit zur Wehr setzten und Verantwortliche wie unschuldige Menschen erschossen oder wegbombten. Die Wurzeln liegen im Klassenkampf. Wir haben zum einen ein legitimes Anliegen, das Einforderung von Rechten und dem Kampf gegen Ausbeutung, zum anderen eine Waffenwahl, die jeden diskreditiert, der zur ihr greift, und sofort gegen die gute Sache verwendet wird. Diese Form von Terror lehne ich strikt ab.

Es gibt für mich aber eine klare Trennung zwischen Terrorismus gegen Systemvertreter oder die Zivilbevölkerung in einem freien Land und Guerillawiderstand, Freiheitskampf, wie im besetzten Frankreich gegen die Nazi-Okkupation stattfand oder später in Cuba und Algerien. Ich finde den zivilen Ungehorsam, wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi ihn betrieben, oder heute Extinction Rebellion ihn betreibt, legitim und probat. Außerdem führte er nachweislich zu Veränderungen, weil er die Bevölkerung nicht entfremdet. Die entscheidende Frage ist also, wie schaffe ich es, die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen, um wirklich notwendige Veränderungen herbeizuführen? Die parlamentarische Demokratie ist schwer imstande, sich grundsätzlich und konsequent zu verändern, wenn sie nicht von großen Bewegungen, wie der Friedensbewegung oder der Anti-Atomkraftbewegung dazu gezwungen wird.

Zur RAF im Besonderen. Die Gedanken dazu habe ich im Roman, aus Sicht der Charaktere dargelegt, weitere Überlegungen sind im Zusatzmaterial skizziert. Darum möchte ich den Fokus deiner Frage auf die Personen legen, die in Westdeutschland in den 1970er – 1980er Jahren in den terroristischen Untergrund gingen. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass man die Gedanken eines Philosophen nicht von seiner Psyche und seiner Sozialisation trennen kann. Man könnte auch sagen, es ist der Charakter, der die Gedanken färbt. Das trifft für mich durchaus auf die RAF-Mitglieder zu. Wobei hier wohl zwischen den sogenannten Generationen unterschieden werden muss. Bei Baader, Meinhof und Co. glaube ich eine starke Traumatisierung in der Kindheit zu erkennen, die ihre Radikalität befördert hat. Die zweite und dritte Generation bestand mehrheitlich aus Leuten mit einem hohen Ungerechtigkeitsempfinden, die sich aus dem Umfeld der Sympathisanten rekrutierten. Da war die Entscheidung eine viel überlegtere, könnte ich mir vorstellen.

Der Schritt in den Untergrund verlangt neben starker politischer Überzeugung, Willen und Mut, es braucht viel Kraft, isoliert, als Gejagter zu leben, vor allem, wenn man es über Jahre durchhalten will oder muss, im Bewusstsein, dass die Familie, die alten Freunde usw. alle beobachtet werden und ständig versucht wird, V-Leute an einen heranzuspielen usw. Da reicht Abenteuerlust meiner Meinung nach nicht sehr weit. Natürlich gab es auch Außenseiter-Typen, die sich über das Anti-Gesellschaftselement in dieser Gruppe definierten, aber irgendwann beschäftigt man sich damit, aus dem Untergrund zurückzukehren – Grams und Hogefeld scheinen Überlegungen in diese Richtung gehabt zu haben – nur wie soll das dann gehen?

Mit dem Leben im Untergrund verhält es sich meiner Meinung nach ähnlich wie mit Soldaten im Kampf. Das ganze Gelaber von Vaterland, Demokratie und Freiheit verteidigen, verflüchtigt sich und die kämpfen dann nur noch für die Kameraden gegen die Feinde, die einen töten wollen, genau wie man sie selbst auch töten will. Ich kann mir gut vorstellen, dass man im Untergrund auch ganz schnell in einer vereinfachten Freund-Feind-Welt lebt und die ganzen politischen Motive und Ziele etwas in den Hintergrund treten. Wer von aller Welt gejagt wird und sein Gesicht auf Fahndungsplakaten im ganzen Land wiederfindet, dessen Fokus ist es, unerkannt zu bleiben und zu überleben. Man lebt irgendwann nur für den nächsten Tag.
Karlheinz Dellwo ist in dieser Hinsicht ja sehr offen, auch wenn das, was er sagt, für mich immer noch der Versuch ist, die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns nicht zuzugeben. Er ist stark bemüht den Verständniskontext herzustellen, aus dem heraus er seine damalig Entscheidung getroffen hat. Dies kann ich sehr gut nachvollziehen, die Typen, die er kennen gelernt hat, gab es in meiner Kindheit zuhauf. Vielleicht ist aber das rationale Begründen nicht anderes als die Rechtfertigung eines irrationalen Impulses der dich zwingt etwas zu tun und du erkennst es erst, wenn du es getan hast. Das sogenannte RAF-Trio ist hier schon eine echte Besonderheit, die leben seit bald vierzig Jahren im Untergrund. Mit denen würde ich mich gerne darüber unterhalten, vielleicht ist es ja auch alles Quatsch was ich sage und die Wahrheit ein ganz andere.

Wie kam der Titel zustande?

Ich wollte einen einprägsamen Titel, der nicht so geläufig ist, zugleich aber auf mehreren Ebenen funktioniert. Fanal bedeutet ursprünglich Leuchtzeichen, Fackel, diente beim Militär als weithin erkennbares Feuer/Rauchsignal, es bezeichnete das Licht in einem Leuchtturm und wird heute mit einem folgenschweren Ereignis assoziiert im Positiven wie im Negativen. Passt genau.

Es gibt keine positiven Charaktere. Warum nicht?

Was heißt denn schon positiv? Ich hoffe sie sind menschliche Charaktere, mit all ihren Sehnsüchten, Wünschen, Widersprüchen. „Nicht wir verändern uns, es ist das Leben, das uns verändert“, um Jean-Pierre Melville zu zitieren. Genau das ist mit allen Charakteren geschehen.

Du kategorisierst das Buch als Noir und nicht als Thriller.

Noir beschreibt es treffender. Ich folge hier Manchette, der sagt, die vorherrschende Weltordnung ist schlecht. Der Roman noir, verkürzt Noir, trägt dem Rechnung. Thriller sind für mich immer irgendwie von einer Obrigkeitsordnung geprägt, die für die Rettung verantwortlich ist und am Ende diese Ordnung zumindest teilweise wieder herstellt. Das sollen andere schreiben.

FANAL



FREDERICK FORSYTHS LETZTES AUFGEBOT? by Martin Compart

Ein junger Hacker manipuliert die Waffensysteme der Supermächte, er bringt die Welt aus dem Gleichgewicht – er darf nicht in falsche Hände geraten

Die meisten Waffen tun, was man ihnen befiehlt. Die meisten Waffen hat man unter Kontrolle. Aber was ist, wenn die gefährlichste Waffe der Welt keine intelligente Rakete oder ein Tarnkappen-U-Boot oder gar ein Computerprogramm ist? Was ist, wenn es ein Siebzehnjähriger ist, der die Sicherheitssysteme von Staaten knackt, der Verteidigungssysteme manipulieren kann, so dass sie sich gegen die Supermächte selbst richten? Und was würde man unternehmen, um seiner habhaft zu werden? Eines ist klar: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn er darf nicht in die falschen Hände gelangen.

Als Forsyth-Fan der ersten Stunde habe ich den Niedergang seines Werkes seit DER AFGHANE immer tief bedauert. Als würde ein Freund an Alzheimer erkranken. Um so mehr erfreut es, dass der 80jährige Klassiker zu Lebzeiten noch einmal aufdreht und auf der Höhe der Zeit die aktuelle Welt der „Sicherheitskräfte“ transparent macht.

Sicher, immer noch konservativ und so reaktionär wie in den letzten Romanen. Der amerikanische Präsident (ein verschlüsselter Trump) ist eitel und naiv (bis zur Blödheit) und der verschlüsselte Putin ein Killer. Die Regimes in Russland, Nordkorea und Iran sind böse, die Amerikaner dämlich. Gott schütze Britannien! Denn die Welt ist trotz allem wieder schwarz und weiß. Forsyth neigte immer dazu, die Welt in gut und böse einzuteilen.

Im „Wettstreit der Ideologien“ bezog er knallhart Position zu Gunsten konservativer Werte. Insofern reiht er sich in die Tradition der konservativ bis reaktionären britischen Thriller-Autoren ein – angefangen bei LeQueux, Oppenheim und Buchan.

Eine große Stärke von Forsyths 14. Roman (sein Werk besteht aus einer Autobiographie +einer Novelle, zwei Novellensammlungen und einem Kurzgeschichtenband) sind mal wieder die genauen Fakten, die in die Story eingearbeitet sind und für Spannung sorgen. Keine Frage: Freddie weiß auch heute, wie die Dienste arbeiten und ihre geostrategischen Interessen verfolgen.

„In den acht Präsidentschaftsjahren George W.Bushs und den ersten vier Jahren Barack Obamas verwandten die USA eine Billion Dollar für den Aufbau der größten, schwerfälligsten, der redundantesten und möglicherweise ineffizientesten staatlichen Sicherheitsstruktur, die die Welt je gesehen hat… Die staatlichen Ausgaben für das eine pandemische Wort „Sicherheit“ explodierten wie eine Atombombe über dem Bikini-Atoll, klaglos bezahlt durch den stets vertrauensvollen, immer hoffnungsvollen und allezeit leichtgläubigen amerikanischen Steuerzahler.“

Was Spannungsaufbau angeht, war Forsyth immer einer der besten Thriller-Autoren aller Zeiten. Nach einigen Ausfällen erreicht er mit DER FUCHS wieder sein altes Niveau. Die Eröffnungsszene, in der Special Forces in ein englisches Haus eindringen, um terroristische Hacker festzusetzen, ist für ihn eine atemberaubende Möglichkeit, die gesamte (missratene) Sicherheitsarchitektur der USA unbarmherzig zu zerlegen.

Sein faktisch orientierter journalistischer Stil mit wenigen Dialogen wurde von vielen Autoren kopiert, ohne ihn zu erreichen. Das klingt kunstlos, ist es aber nicht. Viele Kritiker neigen dazu, Forsyths literarische Qualitäten zu unterschätzen. Wie breit sein Spektrum ist, kann man sehr schön mit der Kurzgeschichtensammlung IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN erfahren. Oder in dem AFGHANEN, besonders in der Sequenz, in der Kampfflugzeuge einen ganzen Berg zerstören. Da zeigt sich seine literarische Sensibilität.

“Everything I’ve ever written about has depended upon two half-answered questions: ‘What would happen if…?’ and ‘Would it be possible to…?’ I wondered what it would be like to take this young man with a strange talent, put him on the payroll, and have him peek into our enemies’ secret archives.”

Der autistische Knabe Luke, der nur seine Mutter an sich heranlässt und ein Hackergenie ist, wird seit Jahren als Klischee durch die Populärkultur geschoben. Forsyth bedient dieses Klischee.

Oder?

“I’d read that somewhere in Britain, a young man [activist Lauri Love] had been charged by the American government with breaking into one of their most secret databases. But he also had a fragile mind – he had Asperger Syndrome, which makes it hard to get along with other people, but was at home in cyberspace. I didn’t know such a brain existed.”

Luke ist eine Art “McGuffin” im hitchcockschen Sinne, denn seine Fähigkeiten als Hacker werden nie erklärt. Hier lässt Freddie mal die Fakten weg. Aber das stört nicht, denn keiner möchte wohl eine langatmige Einführung in die Welt des Programmierens lesen. Die Action geht um den Schutz des Hackers, denn die Mächte des Bösen haben ihre Killerkommandos auf ihn angesetzt.

Trotzdem ist es einer der wenigen überzeugenden Thriller über Cyberwar. Und Forsyth veranschaulicht die nebulösen Vorstellungen, die herumgeistern.

Mit etwas über 300 Seiten ist DER FUCHS ein dünner Roman in seinem Oeuvre. Das kommt dem Tempo bei diesem etwas sperrigen Thema zu Gute. Routiniert, wie es kaum ein anderer Thriller-Autor kann, mischt er die Actionszenen mit interessanten Details und den nicht weiter ausgeführten Darstellungen des Cyberkrieges und dessen Auswirkungen auf die „reale Welt“.
Natürlich verarbeitet Forsyth die geopolitischen Minenfelder der letzten Jahre. DER FUCHS ist ein hochaktueller Thriller, der großes Vergnügen bereitet und den Leser durch die Seiten peitscht, wenn er sich auf ihn einlässt.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies Forsyths letzter Roman sein wird. Damit verabschiedet sich ein Autor, der wie wenige die Entwicklung des Thrillers mitgeprägt hat. Er gehört zu den Klassikern des Genres, die auch von künftigen Generationen gelesen werden. Und er ist nie langweilig.

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ZUM 30.TODESTAG VON GÜNTER UNGEHEUER by Martin Compart
2. November 2019, 1:46 pm
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