Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CHARLES WILLIAMS – VON DEN BACKWOODS ZUR HOCHSEE by Martin Compart

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Es fängt mal wieder ganz harmlos an: Der herunter gekommene Ex-Footballer Lee Scarborough muss sein Auto verkaufen und gerät dabei an die attraktive Madelone Butler. Und die schlägt ihm ein windiges Geschäft vor: Er soll in ein Haus einbrechen und die versteckte Beute aus einem Raub holen. Und damit geht die Party natürlich erst richtig los.

A TOUCH OF DEATH (100 MEILEN ANGST bei Heyne, 1968) gehört zu den düstersten Romanen von Charles Williams. Vielleicht der Roman mit der schlimmsten femme fatale aller Zeiten („Wenn sie Eiswasser wollte, dann brauchte sie sich nur eine Ader zu öffnen.“). Williams Frauenfiguren haben weniger mit den üblichen femmes fatales der Pulp- und Paperback Originals gemein, als dass sie die „Heldinnen“ in Neo-Noir-Filmen, wie LAST SEDUCTION (1994) von John Dahl oder Lawrence Kasdans BODY HEAT (1981), vorweg nehmen. Sie sind emanzipiert und absolut skrupellos. Und Williams dämonisiert nicht, sondern versucht zu verstehen. Die Frauen sind in seinen Büchern die komplexeren Wesen, die seine begrenzten Ich-Erzähler weder begreifen, noch durchschauen.

YnMta3QtMDA0MDMtYmswMDQ=Williams männlichen Helden, abgesehen von den Hochsee-Romanen, sind meistens die typischen Noir-Figuren: von Gier beherrschte, zur Gewalt neigende Gescheiterte aus der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Ihrer einstigen Hoffnungen beraubt, sind sie dazu bereit, eine Menge Risiken einzugehen um einmal an das große Geld und eine Sexgöttin zu kommen. Sie sind keine primitiven Machos, aber selten dazu in der Lage die Manipulationen durch die Frauen zu durchschauen.

Eines der durchgehenden Subtexte in Williams Romanen ist, dass der Held, oder Anti-Held, feststellen muss, dass er nicht die geringste Ahnung von Frauen hat, da er sie nur an seiner Denkungsweise misst. Die „Ironie des Schicksals“ könnte man Williams Plot-Technik bezeichnen.

Seine Ich-Erzähler beschreiben unsentimental jede überraschende Wendung, die ihnen (und den Lesern) zustößt. Sein literarisches Können zeigt sich auch darin, mit wie wenigen Sätzen er seinen Personen und deren Beziehungen zueinander Tiefe verleiht.

Für jeden Fime-Macher sind seine Vorlagen ein Traum; und zum Glück sind einige großartige Filme nach seinen Romanen entstanden (Truffauds Verfilmung von THE LONG SATURDAY NIGHT gehört m.E. nicht dazu; dieser 1962 erschienene Roman war übrigens sein letztes Buch für Gold Medal). Von den 23 Romanen wurden 14 Filmoptionen verkauft und bisher 10 für das Kino verfilmt.

Williams, Scorpion Reef, UK SCORPION REEF war sein erstes Hardcover und sein erster Hochsee-Thriller. Ein Kritiker nannte diese Romane „nautic noir“. Williams selbst war ein fanatischer Segler und Angler. Der aktuelle Meister des Hochsee-Thrillers, der Brite Sam Llewellyn, verdankt ihm mindestens soviel wie der Handlungsführung von Dick Francis.

HELL HATH NO FURY (THE HOT SPOT) von 1953 war das erste Paperback Original, das von der New York Times besprochen wurde. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem NYT-Rezensenten nicht um Anthony Boucher gehandelt hätte, der einflussreichste Kritiker der amerikanischen Kriminalliteratur und von da an bekennender Williams-Fan.

Am nächsten einem konventionellen Privatdetektiv- oder Detektivroman entsprechend, ist Williams in GO HOME, STRANGER (1954). Der Protagonist versucht die Unschuld seiner zu Unrecht des Mordes an ihrem Mann angeklagte Schwester zu beweisen, indem er den wahren Killer sucht. Aber es sind genügend typisch Williamsche Backwood-Elemente vorhanden um den Roman ebenfalls zu einem herausragendes Paperback Original zu machen.

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Seine Backwood-Romane, die einiges Erskine Caldwell verdanken, umfassen nicht nur Noir-Thriller, sondern auch die aberwitzige Comedy UNCLE SAGAMORE AND HIS GIRLS, die Manchette für die komischste Geschichte über Hinterwäldler hielt.

Am bekanntesten ist Charles Williams heute noch für seine Hochsee-Thriller (dank der erfolgreichen Verfilmungen von AGROUND und DEATH CALM). Daneben schrieb er erfolgreich in anderen Subgenres, etwa Southern-Bachwoods wie seine Girl-Trilogie oder gemeine Kleinstadt- und On the Run-Thriller.

Stranger Er ist der große Vergessene (außer in Frankreich) der Paperback Original-Autoren der 1950er- und 1960er Jahre.

Er war lediglich einmal für den EDGAR nominiert („Best Paperback Original“ für AND THE DEEP BLUE SEA).
Um ihn hat es nie einen Kult gegeben wie um Jim Thompson oder David Goodis. Warum, ist schwer zu begreifen: Seine Plots sind oft besser, seine Weltsicht genauso düster und seine Figuren umwerfend. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen ähnlich in sich geschlossenen psychopathischen Kosmos beschreibt wie Thompson oder Goodis.

Er beschildert die erkennbare Realität der amerikanischen Gesellschaft eher aus einer cooleren Perspektive, ohne deshalb ihre Verkommenheit auszusparen. Das gibt den Büchern eine zeitlose und moderne Dimension, die Goodis oder Thompson fehlen (mit äußerstem Verlaub gesagt). Seine Thriller sind oft action orientierter und haben mehr überraschende Handlungswendungen als fünf gute PO-Thriller zusammen. Im Grunde schrieb er bereits Neo-Noir als Goodis und Thompson noch Noir-Klassiker notierten. Ed Gorman, der als erster einen Essay über Williams schrieb, sagte, er sei der beste aller Gold Medal-Autoren.6992967609_5e10e1e44c_z

Charles Williams wurde am 13. August 1909 in San Angelo, Texas, geboren. Er hatte vier Brüder. San Angelo hatte damals unter 10 000 Einwohner und lebte von Rindern, Schafen und Öl. Die Kleinstadt über dem Fluss sollte später in den unterschiedlichsten Formen in vielen seiner Thriller beschworen werden. Genauso, wie die texanischen Backwoods. Wahrscheinlich begann hier in seiner Jugend seine andauernde Leidenschaft fürs Fischen und Leben in der Natur.
Er ging 1929 für zehn Jahre zur Handelsmarine, wo er sich auf Radiotechnik spezialisierte und vor allem als Funker arbeitete. So entkam er der Depression, indem er um die Welt fuhr. Seine Liebe zum Meer hielt ein Leben lang an und inspirierte ihn zu den exzellenten Hochsee-Thrillern.

Nachdem er 1939 Lasca Foster geheiratet hatte, arbeitete er für RCA und andere Firmen bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Dann ging er mit seiner Frau nach San Francisco, wo er bei Mackay Radio arbeitete, bis 1951 sein erster Roman, HILL GIRL, erschien. Er war bereits 41 Jahre alt. Der Roman war ein Riesenerfolg und verkaufte über zwei Millionen Exemplare. Es folgte sein erster on-the-run-Thriller: BIG CITY GIRL. williams-hill

Williams arbeitete von nun an als Schriftsteller und Drehbuchautor. Anfangs natürlich ausschließlich für die Paperback Originals. Ray Banks bemerkte, dass er von den PO-Klassikern derjenige war, der die wenigsten Qualitätsschwankungen in seinen Büchern aufwies.

Er zog mit seiner Familie öfters um und lebte eine Zeitlang in der Schweiz, in Peru. Frankreich, wo seine Romane hoch geschätzt wurden; auch als Drehbuchautor war er dort gefragt.

Für NOTHIN IN HER WAY erhielt er 1956 den Grand prix de littérature policière. Die Franzosen taten einmal mehr für Williams das, was sie auch für Goodis, Thompson und einige andere Noir-Klassiker getan haben: Sie hielten ihn lieferbar, als in seinem Heimatland alle Bücher nur noch in Secondhand-Shops aufzutreiben waren.

Die Franzosen verfilmten auch einige seiner Romane: NOTHING IN HER WAY mit Belmondo und Jeanne Moreau von Marcel Ophüls (1963) war die zweite Williams-Verfilmung nach THE THIRD VOICE (1960) von Hubert Cornfield (nach ALL THE WAY).

John D. MacDonald sagte über ihn: „Nobody can make violence seem more real.“

Anfang der 1970er Jahre starb seine Frau an Krebs. Williams kaufte etwas Land an der Grenze zwischen Oregon und Kalifornien und lebte dort in einem Trailer. Er konnte zwar fischen, aber nichts schreiben. Also zog er 1972 nach Los Angeles, wo er an einigen Drehbüchern mitarbeitete. In den letzten 12 Jahren seines Lebens hatte er nur noch drei Romane geschrieben. Sein Erfolg verblasste in den USA bereits in den 1960ern.
1975 setzte er seinem Leben ein Ende und erschoss sich. Im selben Jahr gab es noch eine Verfilmung: THE MAN WHO WOULD NOT DIE nach dem Roman THE SAILCLOTH SHROUD.

Er wurde am 7.April in seinem Appartement in Van Nuys tot aufgefunden.


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Eine der besten Verfilmungen:

 

L’arme à gauche  von Claude Sautet nach AGROUND

bearbeitete Imdb-Filmography

1990 The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer (book „Hell Hath No Fury“) / (screenplay)
1990 La fille des collines (novel „Hill Girl“)
1989 Mieux vaut courir (TV Movie) (novel „Man on the Run“)
1989 Todesstille (novel)
1983 Auf Liebe und Tod (novel „The Long Saturday Night“)
1975 Miami Connection (novel „The Sailcloth Shroud“)
1971 Die Filzlaus kehrt zurück (novel „The Diamond Bikini“)                                             1971 Talk of the Town (uncredited) – The pilot episode of Cannon (1971)
1970 The Deep (novel „Dead Calm“) von Orson Welles; unvollendet.
1968 Die Schurken vom Bolivar (writer)
1968 Mit allen Wassern gewaschen (novel „The Wrong Venus“) / (screenplay)
1965 Schieß, solange du kannst (adaptation and dialogue) / (novel „Aground“)
1964 Wie Raubkatzen (dialogue) / (screenplay)
1964 Sein größter Dreh (novel „The Big Bite“)
1963 Heißes Pflaster (novel) / (screenplay)
1960 Ein Toter ruft an (novel „All the Way“)
1955 Folio (TV Series) (1 episode)
– The House by the Stable/Grab and Grace (1955)

DIE BIBLIOGRAPHIE MIT DEURSCHEN ÜBERSETZUNGEN UNTER:

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Williams_(Schriftsteller,_1909)

 



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS: WATERBOYS by Martin Compart
17. Januar 2020, 5:21 pm
Filed under: MUSIK, Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,




MEIN BESTER ROMAN 2019: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von BOSTON TERAN by Martin Compart

Obwohl es das Copyright von 2018 im Impressum zeigt, ist das Buch weitgehend erst seit November 2019 zugänglich und für mich deshalb das mit Abstand beste Buch des Jahres 2019.

A novel about the American theatre of the 1850s.

The New York theatre of that era was the Hollywood of its day, with all its trademark insanities. It was everything that was America. Its beauty and excitement, its rise and fall of personalities, its joys and desperations, selfish corruptions and violence. Even its hatred and racism.

Enter Colonel Tearwood’s American Theatre Company. Helmed by actor Nathanial Luck and playwright Robert Harrison, it revolutionizes the theatre of the times by bringing daily life to the stage: Love affairs, social corruption, political intrigue, violence and death grip the audience as backstage the players‘ fortunes rise and fall and rise again in an all too human play. There’s dashing Nathaniel Luck, hunted for the Pickwick Paper murders; beautiful Genevieve Wells, a con artist and swindler; Rosina Swain, aspiring actress in search of a father; and Robert Harrison, scion of a wealthy family, who was burned and disfigured in the infamous Wall Street fire, and turns the ruins of his body into art. How beautiful they were…

„This taut chronicle of despair and hope poses a powerful lens over a transformative period of our past. Unrelenting and haunting, yet at times poetic, How Beautiful They Were is deeply inventive and an irresistible read.“ – Eliot Pattison, Edgar Award winning author of the Inspector Shan Series and the Bone Rattler series

Dies ist der letzte Roman von Boston Terans DEFIANT AMERICAN-Trilogie, zu der THE CLOUD IN THE FIRE und A CHILD WENT FORTH gehören. Alle spielen im 19.Jahrhundert und sind ungewöhnliche Mischungen aus historischem Roman, Gesellschaftsroman und Thriller. Alle zeigen die USA im Gestalt annehmen, auf welchen Verbrechen sie begründet sind und welche Ereignisse dazu beitrugen, dass sie zu dem wurden, was sie heute sind.

Boston Teran überrascht immer wieder durch ungewöhnliche Sujets und natürlich seine literarische Qualität.

Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich einmal für Theatergeschichte interessieren würde (schon gar nicht für die des amerikanischen vor dem Bürgerkrieg im New York der 1840er Jahre).

Die Theaterwelt ist der zentrale Ort, von dem die unterschiedlichsten Hoffnungen ausgehen und der die heftigsten Verwerfungen kreuzt. „Theatre is ideas, and ideas change the flow of power, and the flow of power affects who has the money, and everyone has a dog in that fight… To live where art and life are impossible to separate.”

Der Roman ist strukturiert wie ein Theaterstück in vier Akten.
Er ist aus zwei Perspektiven erzählt: der gegenwärtigen von Nathaniel Luck und der Rückblenden von Jeremiah Fields. Ähnlich wie in E.L.Doctorows RAGTIME wird ein der Geist eines Geschichtsabschnitts der USA durch die persönlichen Verstrickungen der Charaktere definiert. Dabei führt dieses gewaltige Epos durch alle relevanten Schichten, durch Rassen und ökonomische Strukturen.

Aufklärung als historischer Thriller – inzwischen eines von Boston Terans Markenzeichen. Genau wie die Lüge des „American Dream“, wenn man ihn mit der Realität konfrontiert. Auf der Metaebene schwingt immer mit, wie es um die „Moral“ der Vereinigten Staaten seit jeher bestellt ist.

Für Künstler wie Boston Teran kann man den Amerikanern einiges verzeihen (wenn auch nicht ihren Politikern von Reagan bis Dump und ihrer White-Trash-Wählerschaft).

Der Leser spürt den kranken Geist des Rassismus, der das Blut vor Zorn in Wallungen bringt, wird aber mitgerissen vom Suspense und der brillanten Action. Die Auswirkungen von Gewalt und Sklaverei auf die Charaktere dürften keinen Leser unberührt lassen.

Außer Cormac McCarthy in ähnlichen Werken, findet man wohl nichts Vergleichbares. Dass Boston Teran bisher keinen deutschen Verlag hat, sagt viel über den Zustand der Branche aus. Als hätte sich die Musikindustrie dazu entschlossen, die Rolling Stones nicht unter Vertrag zu nehmen.

Obwohl der Roman – wie bei Teran üblich – auf genau recherchierten Fakten und Mentalitäten beruht, erscheint er dem heutigen Leser manchmal wie Fantasy. Entsprechend der Maxime des britischen Schriftstellers Leslie Poles Hartley: “The past is a different country, they do things differently there.”

Die Charaktere sind unvergesslich, die Brutalität schwer erträglich, die Erkenntnis zwingend, die Spannung vorantreibend und die Sprache wunderschön.

Kein anderer lebender Autor hat mich in diesem Jahrhundert bisher tiefer beeindruckt als Boston Teran, der wie ein Chamäleon die Farben wechseln kann, dabei aber immer dieselbe Meisterschaft behauptet. Unterschiedliche Genres, unterschiedliche Stile – immer gleichzeitig aktuell und zeitlos.

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UND HIER NOCH MEHR VON MEINEN BESTEN VON 2019:

Bester Roman: HOW BEAUTIFUL THEY WERE von Boston Teran
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Beste deutsche Erstausgabe: DEAD LIONS von Mick Herron
https://martincompart.wordpress.com/2018/09/21/mick-herron-der-abdecker-des-secret-service-1/

Bestes Debut: TOD EINES GENTLEMAN von Christopher Huang

Bester deutscher Thriller: FANAL von Michael Contre
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/07/fanal-interview-mit-michael-contre/

Beste Sekundärliteratur: EINIGE MEINER BESTEN FREUNDE UND FEINDE von Klaus Bittermann und DAS IMPERIUM-GESCHÄFT von Berthold Seliger
https://martincompart.wordpress.com/2019/11/21/40-jahre-bittermann/
https://martincompart.wordpress.com/2019/06/19/ticketing-gangster-berthold-seligers-analyse-der-konzertindustrie/

Beste TV-Serie: MINDHUNTER
https://crimetvweb.wordpress.com/category/mindhunter/

Bestes Album: DAS BESTE von Achim Reichel
https://martincompart.wordpress.com/2019/12/06/rattle-rekrut-reichel/

Beste Wiederentdeckung: VILLAIN -sowohl Roman wie auch Film
https://martincompart.wordpress.com/category/villain/




DRACULA 2.1. – bissiger denn je by Martin Compart
6. Januar 2020, 5:28 pm
Filed under: Dracula, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

„Um so etwas wie leben zu können, müssen wir anderen Menschen die Zukunft rauben, ihnen die Jahre stehlen… Aber ich habe kein eigenes Leben, nur den Hunger und die Gier danach.“

Aus: Jack Sharkeys Kurzgeschichte DIE DÄMONIN (TRADE-IN, 1964)

DRACULA (1897) von Bram Stoker gilt vielen Theoretikern als letzte Gothic Novel, in der sich noch einmal der Triumph des Bürgertums über den Feudalismus manifestiert.

Seitdem wurde Stokers Roman für alle Medien adaptiert und interpretiert, häufig dem jeweiligen Zeitgeist angepasst und unterschiedliche Akzente gesetzt. Inzwischen ist Dracula eine weltweite Ikone der Pop-Kultur.

Es war kein geringerer als Lord Byron, der den Vampir aus dem Volksglauben nahm und ihn als melancholischen Gothic-Schurken in die Literatur einführte.

Von der reinen Feudalismustheorie entfernt sich dieser Dreiteiler ebenso, wie von der Wissenschaftseuphorie des Romans.
Eine interessante Variante der „Blutgier“ liefert der Dreiteiler mit: Blutsaufen wird nicht nur als bestialisch erklärt: Im Blut liege Wissen gespeichert, dass der Vampir in sich aufnimmt.

Jonathan Harkers Schicksal in der Mini-Serie ist schlimmer als der Tod.

Ähnlich wie bei der Renovierung von SHERLOCK HOLMES verblüffen Mark Gatiss und Steven Moffat (für BBC und Netflix) durch überraschende Wendungen, die Bezüge zur ursprünglichen literarischen Vorlage haben. Auch das ursprüngliche Personal wird verdreht genutzt: Professor Van Helsing etwa, ist hier eine Nonne mit scharfer Zunge und geringem Glauben. Die Macher gehen aber in ihrer Kultur- und Religionskritik weit über frühere Interpretationen hinaus. Das wird einige Hardcore-Fans irritieren.

„Was ängstigt sie so vor dem Kreuz, Dracula?“
„All die Qualen und Dummheiten, die das Kreuz über die Menschen gebracht hat, manifestiert sich im Blut. Ich musste Jahrhunderte ihr Blut saufen. Der Ekel hat sich übertragen, deshalb fürchte ich das Kreuz.“

Der Dreiteiler spielt mit Variablen des Vampirmythos, thematisiert auch dessen Widersprüche und Ungereimtheiten. Optisch nutzt er heute mögliche Horroreffekte.

Wir werden von den Mächten des Bösen angegriffen werden.“
„Wieso sollten sie ein Kloster angreifen?“ !
„Vielleicht vertragen sie keine Kritik.“

Dieser Dialog zeigt einen schönen Ansatz, mit dem die Macher von DRACULA schon SHERLOCK HOLMES aktualisiert hatten: Ironie und britisch-schwarzer Humor.
Aber immer mit Respekt und genauer Kenntnis der Vorlage. Besonders witzig ist die Transformation des Dracula-Sklaven Renfield zu einem Anwalt.

Am Anfang jedes Teils wird durch nicht-lineares Erzählen so viele Fragen eröffnet, dass man auch bei gelegentlichen Längen dabei bleibt. Dafür sorgen auch die großartigen Darsteller (Claes Bang gelingt eine überzeugende Vorstellung eines Draculas für das 21.Jahrhundert; er tat für DRACULA ähnliches, was Daniel Craig für JAMES BOND getan hat – zumindest in CASINO ROYAL) und die rasante Regie und die hohe Produktionsqualität.

Diese Interpretation von DRACULA ist eine Allegorie für die Feigheit (nicht Angst) vor dem Tod.
In der Nachbetrachtung ein verstörendes – nicht immer völlig überzeugendes -Kunstwerk als Plädoyer für Liebe und Endlichkeit.

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Guten Rutsch und Happy New Year by Martin Compart
31. Dezember 2019, 1:10 pm
Filed under: Rolling Stones | Schlagwörter:



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
29. Dezember 2019, 11:35 pm
Filed under: Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Präsentiert von Deutschlands peinlichster Oma:



DR.HORRORS WEIHNACHTSBOTSCHAFT by Martin Compart
28. Dezember 2019, 11:43 am
Filed under: Dr. Horror, Ekelige Politiker | Schlagwörter: , , ,

DAS WUNDER DER WEIHNACHTSZEIT

Wie sehr hat doch die katholische Kirche unter dem ihr vom Bösen aufgezwungenen Missbrauchsskandal zu leiden!
Da wurden fromme Ministranten und Jungs sowieso von Geistlichen „z.b.V.“ eingesetzt und in einen sexuellen Abgrund geführt. In dieser kritischen Stunde mutet es wie ein weihnachtliches Wunder an, dass Deutschlands ältester Junior, ein Kind aus dem deutschen Osten, einen mutigen Schritt getan hat und dies auch überall in die Welt hinausposaunt.

Via BILD am Sonntag, Radio und TV erfahren wir, dass Jesaja 9:6 eine neue Bedeutung in der Person des zweitjüngsten Bundestagsabgeordneten erfahren hat: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.“
Na gut, die Herrschaft ist noch nicht auf CDU-Amthors Schulter, aber was nicht ist, kann ja noch werden – solange den jungen Vorpommern, der am 13. Dezember in einer Berliner Kirche das heilige Sakrament einer katholischen Taufe empfangen hat, niemand aus der mitunter geilen Geistlichkeit… Aber reden wir nicht davon.
Er stamme, sagt der junge Amthor, aus der katholischen Diaspora: Das habe ihn allerdings nicht davon abgehalten, sich aus voller Überzeugung für die katholische Kirche zu entscheiden, an der er vor allem ihre Regelhaftigkeit schätze.

Regelhaftigkeit? Was ist das?

Ich schlage nach im Internet, welches wir auch in Vorpommern empfangen: Ein Schema wird demzufolge definiert als eine ausdrucksseitige Gestalt, der eine spezifische REGELHAFTIGKEIT in dem Sinne anhaftet, dass sie ein bestimmtes Konzept wiederholt ausdrucksseitig repräsentiert. Mit dem Schema ist in Amthors Fall womöglich ein Denkschema gemeint. Amthor weist jedoch darauf hin, dass wir uns über seinen Glaubensschritt, der kein Schnellschuss gewesen sei, bitte keine weiteren Gedanken machen sollen: Es sei eine sehr private Angelegenheit, die nicht von anderen politisch instrumentalisiert werden solle, sondern – so ergänzen wir mal – nur von ihm selbst.
Lk 18,16: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“

Nach dem Dritten also nun das Reich Gottes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und wählt das Gotteskind Amthor von der CDU.
Gehen wir auf die Knie und schließen den wundersamen Philipp in unser weihnachtliches Dankgebet ein, auf dass auf deutschem Boden wieder geglaubt werde.

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„Jeder, der verrücktgenug ist, um seines Aberglaubens willen eine Strafe zu riskieren, verdient sie auch.“
Harry Flashman



„SERIÖS“ – SERIENEXPERTEN, WIE SIE NUR DAS DEUTSCHE FERNSEHEN HERVORBRINGT by Martin Compart

Auch Serien-Spezialist Jochen König (https://www.krimi-couch.de/magazin/film-kino/) hat sich SERIÖS angetan:

Unglaublich. Es gibt eine Diskussionsreihe über Serien. Die der personifizierte Möchtegernstatus ist. Die kleine Gartenzwerghölle, diesmal nicht im Vorgarten, sondern in einem ach so heimelig eingerichteten Fernsehstudio.

Für alle, die direkt damit konfrontiert werden möchten, warum Deutsches Fernsehen der Horror ist. Man nehme drei mittlere Ausfälle (Kurt Krömer, Ralf Husmann, Annie „wer auch immer diese ‚Allesguckerin‘ ist“ Hoffmann) und einen Totalausfall (Annette „ich bin die ganz tolle Schreiberin von „Weißensee“, die sich supi auskennt mit allem und jedem und auch in Stereo biographieren kann“ Hess) und setze sie nach Vorbild des literarischen Quartetts zusammen (nur viel lockerer, mit nackte Füße auffe Couch und so), und lasse sie über Serien reden. Äh falsch, quatschen, quasseln, abgehen auf billigste Pointenjagd.

Pestlippen, die Lauch sind, aber so lit wie sonst was sein möchten.

Kontexte: Existieren nicht, ernsthafte Auseinandersetzung: Watt willsndu Alda, spinnsde? Perspektivisch und inhaltlich tiefgreifendere Themen zu eröffnen spielt keine Rolle.
Da hält Hess eine Lobrede auf den mäßig komischen und hochnotpeinlich chargierenden Ricky Gervais (ist sonst besser) als „Derek“, und moniert,dass Ekel im Serien-TV kaum eine Rolle spielt. „Derek“ hingegen…
Haben wir die (nicht mal ansatzweise erreichten) Vorlagen für „Derek“ nicht präsent? Monty Python und Little Britain waren weit wagemutiger, besser gespielt und längst da, wo „Derek“ möglicherweise hin möchte.
Die „League Of Gentleman“, „South Park“, die „Simpsons“, „Futurama“, selbst harmlose Serien wie „Inspector Barnaby“ (Leiche im Bierfass, aus dem munter getrunken – und anschließend gekotzt wird) und „Brokenwood“ (ist es Wein oder Natursekt?)widmen dem Thema „Ekel“ ungeteilte Aufmerksamkeit. Nur ein paar Beispiele unter vielen.

Bei „Seriös“ reichen sich Ignoranz, Ahnungslosigkeit, bemühte Witzischkeit und haarsträubende Vergleiche/Pointe die Hände („’Game Of Thrones‘ ist wie die ‚Lindenstraße‘. Viele Charaktere“).
Wer wie ich aus einer pietistisch angehauchten Gegend stammt, in der man nicht in den Keller geht, um zu lachen, sondern um sich zu geißeln, wird die Reihe zu schätzen wissen.

Auf die falscheste Art. Für den Rest ist es eine Übung in Fremdscham (und ein kleiner Blick auf den maroden Zustand des german televison, das nichts proudly zu präsentieren hat).

Ralf Husmann zieht sich noch am besten aus der Affäre. Er kennt sich mit dem Schämen für andere halt aus und erweckt zumindest manchmal den Eindruck, dass ihm die Sendung peinlich ist.

Merke: Wer nix mehr merkt merkt nix. Wenn man mal wissen will, was man garantiert nicht über Serien wissen will, ist man bei „One“ und in der Mediathek richtig: