Martin Compart


MiCs TAGEBUCH by Martin Compart
22. Januar 2017, 7:54 pm
Filed under: Allgemein

MiCs Tagebuch spezial

Anlässlich des 20. Januar

ALL THE PRESIDENT‘S CON-MEN

Mit 2,49 Millionen Stimmen hinten liegen und trotzdem 45. US-Präsident werden. Freunde, bedarf es eines deutlicheren Beweises für die Lächerlichkeit der 20 Monate währenden Multimedia-Farce, die sich US-Wahl nannte? Bush der Dümmere hatte im Jahre 2000 nur 550.000 Stimmen weniger als Gegenkandidat Gore. Seine Präsidentenkür musste damals der Oberste Gerichtshof noch per Dekret anweisen, in dem er eine Neuauszählung der abgegebenen Stimmen in Florida untersagte.

17 Jahre später ist soviel Demokratiezinnober nicht mehr erforderlich. Das freundliche Gesicht des Systems tritt ab (BO, der Friedensnobelpreisträger und Dronenkrieger, Whistleblowerjäger und Bankerfreisprecher) und die ungeschminkte Fratze des Großkapitals, DJT, tritt an. Heute braucht der Spät-Kapitalismus keine strahlenden Verkäufer mehr. Alle Welt hat längst kapiert, dass er „alternativlos” ist. Wer anderer Meinung sein sollte, den bestrafen die Massenvernichtungswaffen des Systems: IMF und Weltbank. Bei ganz und gar Renitenten eilt die militärische Schutzmacht zur Rettung herbei. Der systematisch verblödete Populus in den USA – und nicht nur dort, wie der Blick auf die erstarkende Rechte in Frankreich, Polen, Ungarn, England und hierzulande lehrt – liegt derart danieder, dass er in Gestalten wie dem heute inthronisierten das Heil sucht.

Im 21. Jahrhundert gilt mehr als zuvor: Jedes Volk wählt sich die Regierung, die es verdient. Diese Wahrheit ist auch bei einem Sieger mit 2,49 Millionen Stimmen weniger als seine Gegenkandidatin HRC gültig. (Mir sträubt sich alles, die Namen dieser Subjekte länger auszuschreiben.) Bei der Alternative zwischen Kandidat Pest oder Kandidat Cholera, haben sich die Wahlroboter für die leichter auszusprechende Krankheit entschieden. Tödlich verlaufen bekanntlich beide, wenn die Patienten nicht richtig behandelt werden. Wer sich die Regierungsmannschaft des Grauens anschaut, die ausnahmslos aus Milliardären und Millionären, Abtreibungsgegnern, Evangelisten, Klimawandelverneinern, Kreationisten, Militaristen, Rassisten, Steuerbetrügern, Subventionsschwindlern, und natürlich Goldman Sachs Mitarbeitern besteht, der weiß was geschieht. Nämlich nichts. Jedenfalls nichts von dem, weshalb DJT von seinen zahnlosen White-Trash Fans gewählt wurde. Wer die Amtsantrittsrede von DJT liest und sich dazu eine Sitcomtonspur mit Gelächter vorstellt, der bekommt richtig Spaß. Wer sich das nicht antun will, bekommt trotzdem Spaß, denn ausbaden müssen den Mist bekanntlich alle, auch diejenigen, die nicht für den Schwachmaten und seine Kotztruppe gestimmt haben.

Reichtum korrumpiert. Großer Reichtum macht größenwahnsinnig. Es besteht kein Unterschied, ob DJT mit allen Mitteln versucht, Anlieger seines Golfplatz-Ressort in Schottland zum Verkauf ihrer Grundstücke zu nötigen, damit er seinen Immobilienbesitz vergrößern kann, oder ob Facebook-Zuckerberg auf Hawaii Ureinwohner per Klage zwingen will, ihre Strandgrundstücke an ihn zu veräußern, damit er seinen Immobilienbesitz vergrößern kann. Egal wie nett „Zucki” daherkommt.

Die Ursache für die Unruhe in der Welt liegt im Finanzmarkt und Corporation getriebenen Spät-Kapitalismus, dem alles dominierenden Wirtschaftssystem, welchem sich mittlerweile sämtliche Nationen verschrieben haben (müssen) – auch Nukleartyrann Kims Nordkorea. Die daraus resultierenden Probleme und Krisen, wie eskalierende Ressourcenausbeutung, globale Klimaerwärmung, großflächige Umweltzerstörung, Vergiftung der Meere und massives Artensterben, die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen reicher Minderheit und armer Mehrheit, kann, vor allem aber will dieses System nicht lösen. Es sind nicht die Folgen, sondern die Voraussetzungen des allein auf Wachstum und Profit beruhenden Wirtschaftssystems. (Corporations, börsennotierte Großkonzerne, können nur eines, „extract capital”, Geld rausziehen und in die Taschen der Shareholder pumpen.) Die unmittelbaren Folgen, wie Kriege und Migration, dauern nicht nur an, sie werden drastisch zunehmen. Die „Globalisierung“, die nie etwas anderes war, als der Versuch der USA, ihre Weltvormachtstellung nach Ende des Kalten Krieges zu festigen und auszubauen, ist in ihrer jetzigen Form der Turbobeschleuniger des Niedergangs.

In unserer ahistorischen Gegenwart wird leicht vergessen, dass ein gewisser Hitler 1933 auch per demokratischer Wahl an die Regierung kam. In Zeiten wirtschaftlicher Not, gestützt von Großkapital und Bürgertum, die naiverweise glaubten, den Schreihals kontrollieren und entsorgen zu können, wenn er ihnen lästig würde. Die Nummer ging anders aus als erwartet. Geschichte wiederholt sich nie gleich, es gibt aber Parallelen zu den unruhigen Jahrzehnten des frühen 20. Jahrhunderts. Eine der Lehren aus Weltwirtschaftskrise 1929 und Depression der 1930er Jahre war eine Zügelung der Kräfte des freien Marktes. Diese Zügelung wurde 1999 abgeschafft. (Stichwort De-Regulierung.) Seitdem herrschen Krisen, Unruhe und Terror, dominieren Angst und Zynismus die Gefühlswallungen des Populus – und Wut. Aus den Millionen „kleiner Männer”, die nichts machen können, sind Heerscharen Stimmzettel mächtiger „Wutwichtel” geworden.

Ein Symptom von Krisenzeiten ist es, dass Typen wie DJT, narzisstisch, vulgär, sexistisch, rassistisch, pubertär, egozentrisch, nationalistisch und verlogen, als Retter betrachtet werden. Die Rachephantasien der Arschgefisteten entzünden sich an der Vorstellung, denen da oben selbst einmal richtig in den Arsch zu fisten. Und dafür suchen sich die Wutwichtel ausgerechnet einen selbstverliebten, größenwahnsinnigen Superreichen, der in einem goldüberladenen Penthouse lebt und Gucci-Schuhe trägt? Klar doch, ein Wutwichtel erkennt eben den anderen.

Schau mir in die Augen, Kleiner.

MiC, 20.01.17



Unglaubliches von den öffentlich-rechtlichen Sendern! by Martin Compart
22. Januar 2017, 5:31 pm
Filed under: DEUTSCHER-TV-SCHROTT, Deutsches Feuilleton, NEWS, Sternstunden der Verblödung, TV | Schlagwörter: , ,

Gerade wurde auf Phoenix ein „Professor“ Horx als Gesprächspartner des Wiener Instituts fürhttp://www.zukunftsinstitut.de/?gclid=CIK7sJyi1tECFYkp0wod5K8F5g präsentiert. Als nächstes wird wohl Professor Maschmeyer über Rentenfragen in „Das war der Tag“ referieren. Die Bildungslosigkeit und journalistische Durchfallsqualität von Phoenix erreicht neue Höhrepunkte. „Professor“ Horx https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Horx hat seine Professur wohl mit einem ehemaligen deutschen Verteidigungsminister gemacht.
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Ich wär auch gern a Professor, bitteschön.
Solche Köpenicker machen Wien so bunt, werden aber von öffentlich-rechtlichen Pseudojournalisten nicht entsprechend eingeordnet.



Zu Unrecht vergessene Songs: GIRLS ALOUD! by Martin Compart
21. Januar 2017, 1:51 pm
Filed under: Zu Unrecht vergessene Songs | Schlagwörter: ,

Sie waren die intellektuelle Antwort auf Gewürzgurken (Spice Girls). Sie sind die einzige Band, die keinen (für sie geschriebenen) schlechten Song aufgenommen hat. Sie sind, vor den Surpremes, die beste Girl-Group aller Zeiten. Und im Vergleich zu den Spice Girls, wozu nicht viel gehört  (ein Spice Girrl  hat angeblich einen Fußballer geheiratet und ihre Wünsche übererfüllt)  hat zumindest, auch mit den schönsten Frauen ausgestattet. Der kulturelle Höhepunkt der Casting-Kultur.

Und richtig erfolgreich waren sie nur in Polen. Was weniger für den Ostblock spricht als gegen den Westen.



Mark Fisher ist tot by Martin Compart
15. Januar 2017, 4:19 pm
Filed under: Mark Fisher | Schlagwörter:

Nicht nur die Edition Tiamat trauert.
Zur Erinnerung:
https://martincompart.wordpress.com/category/mark-fisher/



KLASSIKER DES POLIT-THRILLERS: NENA SAHIB von Sir John Retcliffe by Martin Compart

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Nena Sahib mit Eskorte

Der indische Aufstand war ein Medienereignis, über das 1857 weltweit berichtet wurde. Ähnlich kritisch wie heute über die USA, wurde damals über das britische Imperium reflektiert. Außerhalb des britischen Einflussbereich waren die Mainstream-Medien eher kritisch – eine weitere Parallele.

Über die Situation in Deutschland schrieb Thomas Schwarz in einer Rezension zu Shaswati Mazumdar (Hg.): Insurgent Sepoys. Europe Views the Revolt of 1857. New Delhi 2011, für „Das Argument“ höchst anschaulich:

„Als erster (weltweit)hatte dies Karl Marx in seinen Artikeln für die New York Daily Tribune getan, in denen er beispielsweise auch einen Zusammenhang mit der Finanzkrise desselben Jahres herstellte… Zum Auftakt (des Buches) geht Claudia Reichel auf Theodor Fontane ein, der sich 1855-58 als Korrespondent der preußischen Kreuzzeitung in London aufhielt. sepoy_sm11Fontane machte britische Ignoranz und Arroganz gegenüber einer angeblich niedrig stehenden indischen Kultur für den Aufstand verantwortlich. Die Vorstellung, dass Europa eine mission civilisatrice haben könnte, war Fontane fremd. Ähnlich wie Marx betonte er, dass Hindus und Moslems sich verbündet hatten, um das Prinzip der britischen Kolonialherrschaft, divide et impera, erfolgreich zu unterlaufen. Er betonte die Grausamkeit der britischen Kriegsführung und geriet so zunehmend in einen Gegensatz zur redaktionellen Position der Kreuzzeitung. Um die Ansichten Fontanes zu relativieren, kommentierte die Redaktion einen seiner Artikel mit dem Hinweis, dass die Rebellen nicht vor mörderischen Aktionen gegen Frauen und Kinder zurückschrecken würden…“

Später geht er auf Fontanes Redaktionskollegen Hermann Goedsche ein, der unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe zeitgleich die „Mutiny Novel“ NENA SAHIB formulierte und Gegenstand dieses Artikels ist.

Schwarz: “ Anil Bhatti analysiert den Roman Nena Sahib oder die Empörung in Indien von Sir John Retcliffe, der in den Jahren 1858/59 unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse entstanden ist. Indien wird einerseits als tropisches Paradies, andererseits als ein höllischer Ort blutrünstiger Menschenopfer dargestellt. Die ostindische Kompanie transformiert das Land in ein Spekulationsobjekt. Der Roman schließt sich der im deutschen kolonialen Diskurs etablierten Auffassung an, dass die Deutschen im Vergleich mit den Briten die besseren Kolonisatoren seien. Bei Retcliffe sind letztere außerstande, ihre historische ›Aufgabe‹ der Kulturmission zu erfüllen. In Nena Sahib erwächst ihnen ein Gegner, dessen Barbarentum durch die Liebe seiner irischen Ehefrau zunächst gezähmt wird – ein literarischer Kunstgriff, der die koloniale Situation Irlands und Indiens parallelisiert. Zum Rückfall Nena Sahibs kommt es, als ein britischer Major seine Frau vergewaltigt. Er wird der Agent der Vergeltung, indem er eine Mörderbande in den Kampf gegen die Kolonialherren führt. Retcliffes Roman orientalisiert die Rebellen zu unbeherrschten Gewalttätern, deren angeblich essenziell rachsüchtige und sadistische Natur in der Revolte durchbricht. Nena Sahib mutiert zum radikalen Terroristen, der antikoloniale Aufstand wird auf einen Ausbruch der wilden Natur gegen die Zivilisation reduziert.“ (1)

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DIE MUTINY NOVEL:

Erstaunlich, dass einer der Begründer dieses äußerst britischen Sub-Genres des Kolonialromans der deutsche Kolportage-Autor Hermann Goedsche, alias Sir John Retcliffe, war. ret21>Heute wenig bekannt, sind seine „Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart“ nichts weniger als die ersten Polit-Thriller in deutscher Sprache.

Bis in die 1930er Jahre war Goedsche ein vielgelesener Autor in den unterschiedlichsten Bearbeitungen. Berüchtigt – bis heute – ist er durch ein Kapitel aus seinem Roman BIARRITZ: „Der Judenfriedhof von Prag“ wurde als Grundlage der Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“ benutzt und belegt die Theorien des Antisemitismus als Fiktion.

Der Indien-Roman NENA SAHIB (der, wie immer bei Goedsche, auch Schauplätze auf mehren Kontinenten aufweist) nimmt in Goedsches Werk eine besondere Stellung ein. Er spiegelt zeitgleich das aktuelle Geschehen auf dem Sub-Kontinent während des Sepoy-Aufstandes. Um die Wirkung seiner Darstellung authentisch zu erhöhen, steht im Impressum der Erstausgabe: Englische und deutsche Originalausgabe. Der Roman ist bis heute nicht ins Englische übersetzt worden. Sein Pseudonym Sir John Retcliffe wählte er bekanntlich, um die Glaubwürdigkeit seines Informationsstand zu suggerieren (und um seine Anglophobie noch perfider zu gestalten).

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Kim Wagner hat in seinem Essay über den Roman nachgewiesen, wie sich Retcliffe bei englischen Quellen (etwa den aktuellen Zeitungen und Magazinen) bedient hat, um zeitnahe in seinen Lieferungsromane die Vorgänge in Indien einzuarbeiten. (2) Er hatte keine Probleme damit, auf Werke der von ihm bekämpften Kommunisten zurück zu greifen: In NENA SAHIB nutzte er als Quellmaterial sogar Karl Marx´ Artikel „Über die Folterungen in Indien“ (‘Investigation of Torture in India’, New-York Daily Tribune , 16 Sept. 1857) (3)

Über den alten Reaktionär und preußischen Geheimagenten Goedsche selbst wurde an anderer Stelle schon berichtet: https://martincompart.wordpress.com/category/sir-john-retcliffe/

Natürlich setzte Goedsche die Korrespondentenberichte und Reportagen im Sinne seiner anti-britischen Haltung ein. Dabei blieb er aber nicht einseitig, sondern schilderte auch minutiös die sadistischen Grausamkeiten der Gegenseite. Wagner zitiert Patrick Brantlinger aus Rule of Darkness: British Literature and Imperialism, 1830-1900 (Cornell UP, 1988) : „Goedsche `dehumanizes both the dominated and the imperialist dominators´ but he does so in a markedly different manner from that of his contemporary British writers.“

Interessant ist an dem Roman auch, dass er einen des kontinentalen Blick auf die Vorgänge wirft und z.Bsp. französische Interessen an der Schwächung des Empires formuliert. In bester Conspiracy-Thriller-Manier lässt er Agenten von Napoleon III, (der unvermeidbare Grimaldi) die Meuterei mit anfachen, um die britischen Kräfte in Fernost zu binden.
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Der Roman beginnt 1853 und endet 1857, führt über den ganzen Planeten und hat das für Retcliffe übliche überbordende Personal, das in ausufernden Plots und Subplots verwickelt ist. Strukturell kann man – wie schon in SEBASTOPOL und den späteren Werken – kaum den Überblick behalten. Die Handlung gerät schnell außer Kontrolle und wird nur durch die Meuterei notdürftig zusammen gehalten. Trotzdem bleibt er faszinierend wegen der politischen Hintergründe, die Goedsche auf seine paranoide Art zusammen hält.nena-sahib-oder-die-emporung-in-indien-die-zentrale-figur-des-indischen-aufstands-von-1857-vollst1

Unter den vielen Charakteren ist der deutsche Dr. Friederich Walding als alter ego des Autors wohl der eigentliche Held (neben Nena Sahib). Ein ritterlicher Gentleman, der trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Briten dafür sorgt, dass die Sikhs gegenüber ihren englischen Herren loyal bleiben. Auch er hat natürlich ein tragisches Schicksal: seine große Liebe ist ausgerechnet eine Britin. Und diese wird von einem monströsen Neger in sein Haus verschleppt und vergewaltigt (hier bedient Goedsche, indem er sie von einem Schwarzen und nicht von einem Inder missbrauchen lässt, die „Angst vorm schwarzen Mann“).
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Auch in diesem Roman zeigt sich seine Faszination an Gräuel und Gewalttaten, die er vor dem Leser allzu gern ausbreitet. Es gibt wohl wenige Kolportageroman dieser Zeit, die in dieser Hinsicht so weit gehen (das Meiste wurde dann in späteren Ausgaben getilgt oder bearbeitet). Die geschilderten Brutalitäten können mit modernen Slasher-Szenen durchaus mithalten. 180px-lt_wa_kerr_earning_the_victoria_cross_during_the_indian_mutiny1Er versteht es, den Leser auf die schönste voyeuristische Weise zu schockieren. Gewalt gegen Frauen mochte er besonders gern; angeblich galt Goedsche unter seinen Zeitgenossen als frivoler und vulgärer Plauderer. Die Augenzeugenberichte über die Massaker (etwa von Cawnpore), arbeitete er detailverliebt in den Roman ein. In einem späteren Werk zwingen Assassinen Frauen dazu, sich mit Affen zu paaren, Für den Erfolg (und spätere Bearbeitungen) von Goedsches Büchern dürften seine überhitzten pornographischen Phantasien mitverantwortlich sein.

„There was no shortage of sensationalist accounts of the brutalities of 1857 in England at the time, and James Grant’s First Love and Last Love: A Tale of the Indian Mutiny of 1868, for instance, bears many similarities to Nena Sahib ; yet few writers managed toreach the heights of hysteria and depths of abasement that Goedsche does with such obvious relish.“ (Wagner)

Während die meisten „Mutiny Novels“ mit der Wiederherstellung der kolonialen Ordnung enden, endet die Originalfassung vom NENA SAHIB mit dem Massaker von Cawnpore (das Flashy mitgemacht hat). Zwei Drittel von Goedsches Roman befassen sich mit der Planung der Revolte, eingebettet in zahlreichen Subplots.

Seiner Anglophobie lässt er freien Lauf: “ The British are repeatedly referred to as evil merchants who worship gold and who are incapable of producing anything of value themselves; they are seen to be the cause behind industrialisation, capitalism, rationalism and liberalism – in short, everything that Goedsche hated.“ (Wagner)

Die Briten sind für die Meuterei selbst verantwortlich durch ihre unstillbare Gier und die brutale Unterdrückung der Inder. Dabei lässt er aus, wie auch viele spätere Autoren, dass dieser Aufstand, so monströs er in seiner Gewaltexplosion auch war, eine rein regionaler war, der sich auf Nordindien beschränkte und sich auf einem Zehntel des Subkontinents abspielte.

Seine Kolonialismuskritik hat keine Tiefe und geht nie über seine Anglophobie hinaus. Seine Sympathie für die Inder hält sich in Grenzen, trägt auch rassistische Züge. Darin ist er ganz Kind seiner Zeit.

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Die Thugs

Natürlich kann der große Verkünder der Geheimgesellschaften auch nicht auf die Thugs verzichten.

Die Thugs gehören zu Indien wie Curry und Fakire – so scheint es jedenfalls, wenn man der Abenteuerliteratur glaubt. Diese Mördersekte im Dienst ihrer Herrin Kali regt bis heute die Phantasie von Thriller-Autoren an. Dabei war dieser weit verbreitete Geheimbund bereits in den 1830er Jahren so gut wie ausgerottet, dank der Aktivitäten des britischen Offiziers William Sleeman. Dies ist nicht der Ort, um über Fiktion und Realität der Thugs zu reflektieren. Hier soll es um ihre Wirkung auf die Literatur gehen, insbesondere im Zusammenhang mit Retcliffe und dem Sepoy-Aufstand.

thuggees1In der westlichen Literaturgeschichte tauchen die Thugs erstmals 1839 auf in dem damaligen Blockbuster MEMOIRS OF A THUG von Philip Meadows Taylor. Seitdem sind sie aus der Thriller- und Abenteuer-Literatur nicht mehr wegzudenken und tauchen in unterschiedlicher Gestalt immer wieder auf.

Der wahrscheinlich erste deutsche Thug-Roman erschien 1845: Carl Gottfried Rössler: Die Thugs, oder Indischer Fanatismus. Historischer Roman(Altenburg: Schnuphase’sche Buchhandlung, 1845).

In Kontinentaleuropa wurden sie besonders populär durch Eugène Sue, dem damals erfolgreichsten Bestsellerautor. In seinem Roman DER EWIGE JUDE (1844/45) flieht der Thug Feringheea aus britischer Gefangenschaft bis nach Europa und tritt in Frankreich den geheimen Jesuiten bei! Goedsche dürfte den Roman gekannt haben. Aber ähnlich wie heute, hatten in den damaligen Krisenzeiten Geheimgesellschaften, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen, Hochkonjunktur.

Die Vernichtung oder Unterdrückung der Thugs, die von den Briten durchgeführt wurde, machten Überlebende des Kults sicherlich nicht zu Freunden der Briten und ihres Kolonialsystems. Insofern könnten sie während des Aufstandes durchaus eine aktive Rolle gespielt haben.human-sacrifice-by-thugs-or-thuggee-in-india-1901-emfj5k1

Goedsche machte aus dem engen Verbündeten Nena Sahibs, Tantya Tope, den Rebellenführer Tukallah, der gleichzeitig Herrscher über die Thugs ist. Der einstige Diener eines Engländers ist somit Gebieter über eine dritte Kraft, das geheime Thug-Reich mit einem unterirdischen Tempel, in dem unglückliche Gefangene auf die brutalste Weise der Göttin Kali geopfert werden. Mehr kann der sensationslüsterne Leser (oder Indiana Jones) wirklich nicht verlangen. Goedsche bezeichnet die Thugs als die „Jesuiten des Orients“, womit sich ihre Gräuel fast von selbst erklären. Wie die europäische „Geheimgesellschaft“ verfügen sie über ein weitreichendes Netz, mächtige Verbündete, Loyalität und gruselige Rituale um ihre fanatischen Ziele zu erreichen.

„If the thugs become the tools of Nena Sahib in Goedsche’s novel, he is himself also a slave to his Eastern passions and unruly temper. Educated and civilised, Nena Sahib is only transformed into the infamous ‘Demon of Cawnpore’, when the British, as represented by the evil Lieutenant Rivers, abduct his wife… Typically of the romantic novel of the nineteenth century, epic historical events are caused by personal motives, as the themes of love, hate and revenge become the primal forces determining the course of history. In that sense the uprising of 1857 is the direct result of Rivers’ violation of Nena Sahib’s white bride, given for the cruelty of Nena Sahib, beyond his inherent Oriental bloodlust and though Goedsche’s portrayal of the Indian prince can hardly be said to be sympathetic, the author does provide some kind of explanatory context for the acts and motives of Nena Sahib.Interestingly, the cruelty of Nena Sahib and the rebelling Indians, which is a central feature of any fictional account of 1857, also introduces an element of ambiguity in Goedsche’s novel.Moral Ambivalence and the Spectacle of Torture.“ (Wagner)

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Die Thugs wurden so populär, weil sie geradezu Sinnbild britischer Kolonial-Paranoia waren: Sie verhielten sich freundlich gegenüber Reisenden, taten so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, um dann ein geheimes Zeichen zu geben und mit Erbarmungslosigkeit über den oder die zuvor Getäuschten (THE DECEIVERS ist auch der Titel des Thug-Romans von John Masters, verfilmt mit Pierce Brosnan) herzufallen. Der Sepoy-Aufstand muss die Briten fatal an das unheilvolle Treiben der Mördersekte erinnert haben. Waren die liebenswürdigen Kolonialherren nicht auch durch Freundlichkeit und Unterwürfigkeit eingelullt worden, um dann auf das Ungeheuerlichste überfallen zu werden, als man so gar nicht damit gerechnet hat? Very thuggee.

NENA SAHIB war ein Riesenerfolg. Der erste Band des Romans war ausverkauft und ging in die zweite Auflage, bevor der zweite Band überhaupt erschienen war.sir-john-retcliffe-nena-sahib-iii-retcliffe-verlag1

Der Roman endet abrupt, ohne alle Handlungsstränge zu Ende geführt zu haben. Ursache dafür war Goedsches Streit mit seinem Verleger Carl Nöhring. Erst 20 Jahre später griff er die losen Stränge von NENA SAHIB wieder auf und führte sie in seinem Zyklus UM DIE WELTHERRSCHAFT zu Ende.

Das Werk inspirierte andere deutsche Autoren zu ähnlichen. Berühmtestes Beispiel ist wohl Karl Mays DIE JUWELENINSEL (in „Für alle Welt“ , 1880-82).

mutiny-india_1Für die Briten gehörte der Aufstand mit seinen Massakern zu den traumatischsten Ereignisse der Geschichte des Empires und da verwundert es nicht, das es bis heute literarisch und historisch behandelt wird. Die Briten machten daraus es ein direktes Sub-Genre des Kolonialromans namens „Mutiny Novel“. Es erreichte den Höhepunkt 1890. Alleine in diesem Jahr erschienen 19 Romane über die Meuterei. Pamela Lothspeich zählt bis zum 1.Weltkrieg über 80 Romane, Theaterstücke, Gedichte und Jugendbücher zum Sujet. (4)

mutiny-india_1Retcliffe antizipierte die britische „Mutiny Novel.“, indem der erste Band von NENA SAHIB ein Jahr vor Edward Money’s THE WIFE AND THE WARD (1859) veröffentlicht wurde, der in England (nicht unumstritten) als Begründer des Genres gilt.

Zu den Gründen der Popularität dieses Subgenres zählt u,a., das dieser Aufstand als erster großer Befreiungskrieg der kolonialisierten Völker zu werten ist. Für die Unterhaltungsindustrie ist attraktiv, dass hier alle exotischen Klischees zum Tragen kommen: Von steinreichen Radschahs über geheimnisvolle Paläste bis hin zu asiatischer Grausamkeit und furchtbaren Geheimgesellschaften (das die Thugs wohl keine Rolle mehr gespielt haben, interessiert Autoren wie Goedsche herzlich wenig; auf so einen gruseligen Topos verzichtet man ungern).

Eine Bibliographie über deutsche Publizistik zum Sepoy-Aufstand unter:

https://1857revolt.wordpress.com/2009/03/08/titles-in-german/

In der deutschen Unterhaltungsliteratur findet man sowohl Beispiele, die Retcliffes anti-britischer Haltung folgen, wie auch pro-britische. Hier ein paar ausgewählte Werke:

Nana Sahib, der Dämon Indiens. Roman nach Pierre Zaccone, von Paul Gut. 1858 [In: Der Humorist. Eine Zeitschrift. Hrsg. von Moritz Gottlieb Saphir

Egon Fels (1830-1909): Die Rose von Delhi. Roman aus der Zeit des indischen Aufstandes unter Nena Sahib. 4 Bde. Jena und Leipzig, Naumburg, 1866.

Hans Brunner: Anarkalli, die indische Bajadere, oder der Sepoy- Aufstand in Indien. Reutlingen: Enßlin und Laiblin [ca. 1880] 64 S. (7)

Otto Berger: Schlangenkönig Singhal. Eine Geschichte aus Indien für die Jugend. Reutlingen: Enßlin und Laiblin [1890] (eine Bearbeitung von Sir John Retcliffes „Nena Sahib“)

Wilhelm Oertel von Horn: Der Lohn einer guten That : eine Geschichte aus Indiens neuesten Ereignissen, dem Volk und der Jugend erzählt. Wiesbaden: Kreidel und Niedner, [1858].

Karl Müller (1819-1889): Der junge Rajah. Lebensbilder und Abenteuer aus Indien. Zu Lust und Lehre für die reifere Jugend erzählt. Leipzig: Verlag von R. F. Albrecht. 1880 .stacks_image_102471

Robert Kraft(1869-1916): “Ein stummes Opfer” Erzählung aus dem indischen Aufstande. 1898.

“Um die indische Kaiserkrone” Erlebnisse eines Deutschen im Lande der Wunder. Bde I-IV. Dresden: H.G. Münchmeyer 1905/06.

Otto Robert Walthari, Aus Indiens gärender Zeit! : eine Erinnerung an den Sipahi-Aufstand des Jahres 1857, Berlin: Walter Müller, 1905

Siking, Franz: Die Bajadere. Historischer Roman. Leipzig: Schulze & Co., 1912,

Christoph Erik Ganter (1884-1959); Pseudonym of Curt Elwenspoek: Die roten Lotosblüten: Roman d. indischen Aufstandes unter Nana Sahib, Stuttgart ; Berlin : Rowohlt 1941.clure-mazeppa1

Sogar noch in den 1950er Jahren bewegte der indische Aufstand und Nana Sahib noch die Kreativität deutscher Unterhaltungsautoren:

So etwa Oscar Herbert Breucker (1908-90), der unter dem englischen Pseudonym (auch darin Retcliffe folgend) Clifford Clure, ein zweibäändiges Werk vorlegte: Mazeppa, die Tochter des Nena Sahib. Skorpion-Verlag: Kaiserslautern, ca. 1955; Brandfackel über Indien. Skorpion-Verlag: Kaiserslautern, ca. 1960.

(1) (http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1703-insurgent-sepoys

(2) Kim Wagner: The Protocols of Nena Sahib: the 1857-fantasy of Hermann Goedsche http://www.csas.ed.ac.uk/mutiny/confpapers/Wagner-paper.pdf

(3) Karl Marx: Der indische Aufstand http://www.mlwerke.de/me/me12/me12_285.htm

(4) Pamela Lothspeich: Unspeakable Outrages and Unbearable Defilements:Rape Narratives in the Literature of Colonial India; Michigan State University.

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PS:

„Zu einem wahrhaft großen Freiheitssang gegen die Politik in der Downing Street wuchs unter seinen Händen das dreibändige Werk NENA SAHIB , obgleich von manchem anderen seiner Romane noch übertroffen, zeigt sich die Meisterhand des künstlerisch Schaffenden, die Klaue des Löwen. Ein Hundertmillionenschicksal entrollt er vor unseren Augen mit erschütternder Wucht. Wie kein Zweiter verschmäht er es, weichlich zu mildern und an den bittersten Folgerungen vorüberzugehen; schonungslos reißt er die Hüllen von den furchtbarsten Dingen… Gewiss, es ist keine Lektüre für Kinder und solche, die es bleiben wollen. Aber jeder, der Geschichte erleben will, wie sie war, wie sie ist und wie sie sein wird, solange auf der Erdkugel die stärkste Faust den Schwächeren brutalisiert, der wird bei Sir John Retcliffe das finden, was er sucht.“

Lisa Barthel-Winkler , Vorwort zu NENA SAHIB, März 1926.

Mehr Schwulst geht kaum noch. Die Bearbeitungen von Barthel-Winkler gehören zu den umstrittenen Retcliffe-Ausgaben- Siehe:

http://www.ablitverlag.de/autoreninfo-sir-john-retcliffe.html



MiCs TAGEBUCH by Martin Compart
11. Januar 2017, 10:40 am
Filed under: MEILENSTEINE DER VERBLÖDUNG, MiCs Tagebuch | Schlagwörter: , ,

Zehn Tage vor Trumps Einmarsch ins Weiße Haus.

FRÜHVERBLÖDUNG DURCH HOLLYWOODS KAPITALISMUSMASCHINE

„City council has already stopped the funding, it is for us to restore the baywatch brand.”

„Die Stadt hat bereits den Etat gestrichen, es liegt an uns die Marke Baywatch wieder hoch zu bringen“, sagt der Kassenwart zu Ober-Bademeister Dwayne Johnson.

(Er hätte auch sagen können, „make baywatch great again.“)

Der Satz des Kassenwarts aus dem Trailer von Johnsons neuem Film „Baywatch”, benennt exemplarisch die ideologische Verzerrung mit der Hollywood die Kinozuschauer (14-24 Jahren) ständig überschüttet. Die staatlichen Organe (hier die Stadt Los Angeles) kümmern sich nicht, also müssen wir (die Bürger und gedungenen Steuerzahler) es selbst tun. Die nächsten 120 Minuten werden Bademeister zur Marke und schöne Körper – Steroidmuskeln und Gummitüten – gehen zum Erhalt ihres Arbeitsplatzes anschaffen: Sie retten mit cooler Action und lässigen Sprüchen Menschen aus akuter Badenot, re-etablieren so die Marke Baywatch (deutsch: Buchtbeschauer) und halten sich selbst damit weiter am Kacken. (Wo bleiben eigentlich der Online-Fan-Shop und der Devotionalien-Katalog mit Rettungsboard, roten Badeshorts und gleichfarbigem Dildo-Set für die tiefsinnigen unter den Johnson Fans?)

Das scheinbare Empowerment des kleinen Lebensretters ist nichts anderes als die Absage an die große Solidargemeinschaft und die Kampfansage der Zweckgemeinschaft an eben jene korrupten Einrichtungen, die ihnen das Geld streichen. Man singt das hohe Lied der Selbstausbeutung. Solche Menschen brauchen keine staatlich organisierte Krankenversicherung, keine Altersvorsorge, kein Arbeitslosengeld, keine Pflegeunterstützung, denn sie wissen, nur die von allen staatlichen Zwängen befreiten Bürger können den Tag retten. Jeder ist seines Glückes Schwimmmeister. Mit drei Em. Gute Nacht, Freunde.

Wo „Hunger Games”, „Elysium” und andere Dystopien die Ideologie der Herrschenden mit Schrecken dem Publikum verkaufen und es so auf härtere Zeiten einstimmen, jubeln Komödien dieser Couleur ihre frohe Botschaft mit Funfaktor den Kinogängern unter.

Fehlt nur noch der absegnende Tweet des neuen Besetzers im Weißen Haus, „I think this movie makes America great again”, und die wachsende Fraktion der Zahnlosen im Land der Freien kann sich ein zweites Arschloch freuen. Jetzt geht die Party richtig los, denn das Jahr fängt eben erst an.



Zu Unrecht vergessene Songs: Imagination by Martin Compart
9. Januar 2017, 7:42 pm
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Wäre WHAM und somit George Michael ohne Leee John vorstellbar?