Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: ALAN WILLIAMS, DER VERGESSENE KÖNIG by Martin Compart

“Ben, du musst fort von hier – weit fort, übers Meer. Geh nach Südamerika, damit du erkennst, was für ein Glückspilz du bist, nicht als einer der Ungewaschenen geboren worden zu sein. Sei unglücklich mit ihnen. Es wird dich nicht viel kosten.“

Drei Männer und eine Frau, besessen von der Gier nach Diamanten, hoffen, im Dschungel Südamerikas ihr Glück zu machen. Was wie ein Abenteuer begann, verwandelt sich unter gnadenloser Sonne, in moskitoverseuchten Sümpfen und lauernden Gefahren zu einer Reise ins Jenseits. Zermürbt von Hass, Misstrauen und Angst wissen sie nicht, was am Ziel auf sie wartet: Unschätzbarer Reichtum oder ein grausames Ende.

…heißt es im Klappentext zu der unverschämt gekürzten deutschen Ausgabe.

SNAKE WATER dürfte neben Travens SCHATZ DER SIERRA MADRE das zynischste, spannendste und böseste Buch über eine Schatzsuche in Lateinamerika sein. Wie Traven widerspricht Williams der romantischen Idee, dass Abenteuer und Gefahr Vergnügen für sportliche Glückssucher sind, sondern eine System bedingte Überlebensstrategie von sozial entwurzelten Menschen. Der Einzelne muss sich nicht nur gegen feindliche Natur behaupten, sondern auch gegen seine Mitstreiter, die auf der Suche nach Profit von Verbündeten zu Konkurrenten werden.

Ich stimme Barry Forshaw zu, der über Williams vor ein paar Jahren schrieb: „Frankly, very little this good is being written today.“

Die Lektüre von Mike Ripleys KISS KISS, BANG BANG (siehe Rezension in diesem Blog unter „Sekundärliteratur“) hatte mich daran erinnert, endlich mal einen Roman des Thriller-Titanen Alan Williams wieder zu lesen. Sofort kam mir SNAKE WATER in den Sinn, denn das war meine erste Williamslektüre, und die hatte mich als zarten 14jährigen aus den Socken gehaun und zum lebenslangen Fan des Autors gemacht.
Schamvoll muss ich zugeben, dass ich ihn Ende der 1970er Jahre völlig aus den Augen verloren habe. Nach Ripleys Erinnerung stürzte ich mich sofort wieder auf ihn und zog drei Romane hintereinander weg. Er gefiel mir besser, als bei der Erstlektüre und ich ärgere mich maßlos, dass ich ihn nicht in einer meiner Reihen veröffentlicht habe.

Williams´ Sujets sind inzwischen historische aus der Zeit des Kalten Krieges. Aber seine Wucht, seine literarischen Qualitäten, seine nuancierten Beschreibungen sind zeitlos. Das Erodieren von Zukunft in den vergangenen zwei Jahrzehnten existiert in seinem Werk natürlich nicht, gibt ihm heute eine ungewollte optimistische Note. Ein zusätzlicher Reiz ist ihr zeitdokumentarischer Charakter.

Das erste Kapitel ist schnell und gnadenlos: Wenn Ben Morris sein Tramp-Schiff verlässt und ein fiktives südamerikanisches Land betritt, liest sich das so intensiv, genau beobachtet und zynisch wie das Beste von Graham Greene und Eric Ambler. Der Leser spürt: Genauso lief oder läuft es ab, wenn man als ungebetener Tourist jenseits der Abzockerrouten eine korrupte Bananenrepublik betritt. Ben leidet unter Schuldgefühlen und neigt zu dämlichen Handlungen. Also gerät er umgehend in Schwierigkeiten. und von da an schaltet Williams die Gänge seiner Plot-Maschine immer höher.

In SNAKE WATER taucht erstmals der Südafrikaner Reyderbeit auf, ein versoffener Psychopath, den Williams neben dem fetten französischen Gangster Charles Pol (Williams Version von Cusper Gutman tritt in sechs Romanen auf; in GENTLEMAN TRAITOR soll er Kim Philby helfen, aus der Sowjetunion zurück zu kehren) als Serienfigur in mehreren Romanen nutzt und die zwei seiner faszinierendsten Schöpfungen sind. Bei Williams gibt es keine Serienhelden, aber Serienschurken (auch damit war er innovativ). Natürlich keine Romane für Gestalten, die Hitler für eine Fernsehfigur halten.

Williams Thriller enden häufig düster (und seine Ganoven stehen für weitere Taten bereit).

Aber das bemerkenswerte an diesem überzeugenden Roman ist vielleicht, dass Williams nie in Lateinamerika gewesen ist. Deshalb ist es der einzige Roman von ihm, der in einem fiktiven Land angesiedelt ist. Alle sonstigen Romane spielen in Ländern und Regionen, die er als Journalist viel bereist hat und gut kennt. Ähnlich wie bei Eric Ambler, ein Freund der Williams-Familie, als er MASK OF DIMITRIOS schrieb, bevor er Istanbul besucht hatte. Der fiktionale Realismus – gespeist durch langjährige Erfahrungen in der 3.Welt – hat nichts gemein mit den ungelüfteten Vorstellungswelten zweitklassiger Abenteuerromanautoren.

Für die englische Hardcover-Ausgabe gestaltete Williams selbst den Umschlag.

Auch SNAKE WATER hat die Figurenkonstellation, die Williams häufig verwendet: den Autor oder Journalisten, der bewusst oder unbewusst ins Schlammassel gerät, eine mysteriöse Frau oder femme fatale, deren Motive unklar sind und zwielichtige Gangster oder Abenteurer, die dem Protagonisten zu schaffen machen. Und am Ende steht der Protagonist nicht viel anders oder besser da als am Anfang des hoffnungsfrohen Unternehmens.

SNAKE WATER unterscheidet sich allerdings von seinen anderen Thrillern: Es ist kein Polit-Thriller, sondern ein lupenreiner Abenteuerroman um eine Diamantenjagd.

Die renommierte KIRKUS REVIEW:

Not since the Treasure of the Sierra Madre has the courage and the cunning induced by avarice been so well traced. Its source this time is on the banks of the stagnant Snake Water, a volcanic river in a South American country where the terrain, the climate and the inhabitants come off the page like a small town in Hell. The raw diamonds are lying along the river bank. This is the biggest something-for-nothing Sam Reyderbeit has ever heard about. The psychopathic South African drunk, given to manically lyrical dialogue, enlists the aid of tourist Ben Morris, a young English widower who would like to forget the death of his wife or, failing that, get himself killed. They are joined by Melanie MacDougall, a frigid succubus, whose presence on the trek into the nearly waterless, snake infested back country pressures the psychological hazards to the bursting point. What a movie this will make. Snakes, locust-like mosquito swarms, seven corpses to cross, then flight bags full of diamonds — and it’s so hard to keep track of a flight bag… Swift, sardonic, can’t-lay-it-down adventure.

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Eines der vielen ungelösten Rätsel Hollywoods ist, wie Delbert Mann 1968 mit James Garner und Eva Renzi aus dieser Vorlage einen so beschissenen Film wie THE PURPLE JUNGLE machen konnte. Der Roman ist so filmisch, dass man die Kamera nur auf die Buchseiten hätte halten müssen. Die wahrscheinlich schlechteste Literaturverfilmung in der Geschichte des Films. Wer die Nerven dazu hat: https://www.youtube.com/watch?v=kea4sKPszFo

Williams bezeichnete PURPLE JUNGLE als den schlechtesten Film, den er in seinem Leben gesehen hat und „the film-makers took the characters‘ names and nothing else from the novel“.

Dirk Bogarde hatte vor, BARBOUZE mit Orson Welles und Bryan Forbes als Regisseur zu verfilmen, aber es blieb lediglich beim Vorhaben. Richard Burton kaufte die Filmrechte von THE TALE OF THE LAZY DOG, aber auch daraus wurde nichts. Völlig unverständlich, wie die Filmindustrie einmal mehr versagt hat.

Der Autor selbst ist mindestens so spannend wie seine Romane:

Alan Williams war nicht nur ein begnadeter Autor und immens einflussreicher Kriegsreporter und Journalist – er war auch ein Draufgänger, der sich auf aberwitzige Abenteuer einließ. Mike Ripley nennt ihn gar den „Bad boy among the british thriller writers“.

Alan Emlyn Williams wurde am 28 August[ 1935 als Sohn des Schauspielers und Schriftstellers Emlyn Williams geboren. Noël Coward war sein Pate und sein jüngerer Bruder Brook (1938–2005) war ebenfalls Schauspieler.

Er lernte und studierte in Stowe, Grenoble und Heidelberg, dann am King’s College, Cambridge, wo er 1957 mit einem B.A. in Sprachwissenschaften abschloss. Ironisch sagte er mal: “Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass ich der einzige Cambridge-Student in den 1950ern war, der weder vom KGB noch MI6 angeworben wurde. Aber ich habe mich auch so schlecht benommen, dass wahrscheinlich jeder Dienst dachte, ich wäre bereits für den anderen tätig.“

Als Student nahm er am Ungarn-Aufstand teil und brachte Penizillin nach Budapest. Maskiert durchstreifte er die DDR, um sich ein wahres Bild zu machen und aus Polen schmuggelte er mit Freunden einen polnischen Studenten in den Westen.

Sein erster Job nach dem Studium war im CIA gestützten Sender Radio Free Europe in München. Die Schattenwelt umfing ihn.

Er kehrte nach England zurück und arbeitete als Journalist für die „Western Mail” und dann für “The Guardian”, bevor er Auslandskorrespondent für den „Daily Express“ wurde mit dem Gebiet „covering international wars and other horrors“.

Williams berichtete über den mittleren- und fernen Osten, Osteuropa und die Sowjetunion. Er war in jedem “Hot Spot” der 1960er und 1970er Jahren zu finden: Algerien-Krieg, Vietnam, Ulster, Tschechoslowakei, Rhodesien, Zypern, Israel – you name it, Williams had been there.

Als er einmal in Algerien war, bekam das Auswärtige Amt in London sowohl von den Franzosen wie von arabischen Staaten Beschwerden über Williams. Beide Seiten beschuldigten ihn, für die jeweils andere zu spionieren. Als man dann auch noch vor Ort auf sein Auto „Barbouze“ geschmiert hatte, wurde es brenzlig, und man musste ihn aus dem Land schmuggeln.

Vietnam. Wie gut er Indochina kennt, lässt sich in seinem Thriller THE TALE OF THE LAZY DOG (der den besten Ambler-Romanen in GARNICHTS nachsteht) betrachten. Wahrscheinlich der erste Thriller, der die AIR AMERICA zeigt.

Als Kriegsberichterstatter war er einflussreich. Jon Bradshaw schrieb 1968 in seinem “Bradshaw’s Guide: The Best of Current Magazine Writing” über ihn: “perhaps the best observer of war in England. His articles on Vietnam are far and away the best pieces produced in Britain on the subject.“ Überhaupt hatte Williams ein großes Gespür für das knappe und undeutliche Gemurmel der damaligen Machtpolitik.

Er schmuggelte für den englischen Verlag The Bodley Heat Solschenizyns Manuskript KREBSSTATION:

”Soviet authorities had prohibited Aleksandr Solzhenitsyn from publishing his semi-autobiographical novel Cancer Ward. The notoriety piqued British publishers‘ curiosity, among them The Bodley Head. Rival attempts were soon under way to obtain a copy of the manuscript. Williams and his friend Nicholas Bethell went behind the Iron Curtain to obtain the manuscript from a go-between who had a signed document attesting that he was acting on Solzhenitsyn’s behalf. Both men knew they were risking their lives and time. There was no guarantee they would succeed, be the first to obtain the novel, or that The Bodley Head would purchase the manuscript let alone publish it. According to several sources, Williams] smuggled the book out of Czechoslovakia, passing through the frontier post with the leaves spread out on his lap under a road map. The Bodley Head subsequently published the first Russian-language edition of the novel and the English language translation… Williams used a fictionalized version of this incident as an ironic story element in his novel The Beria Papers. There, the protagonists pretend to smuggle a manuscript from behind the Iron Curtain. “ (Wilkinson, L.P. Kingsmen of a Century, 1873–1972. p. 32. This authority claims Williams smuggled the manuscript out of Russia).

Felicity Hailey in einem Blog über Williams: “My sister Geraldine Dexter (born 1 946 and died in 2007) was in a relationship with Alan in 1972-1973. They shared many adventures together including that holiday in Corfu and Alan’s trip to Russia when he was trying to obtain the Gulag manuscript. Such wild times .”

Williams war nicht nur ein großer Trinker, er war auch ein großer Frauenheld, was seine drei Ehen belastete.

Er hat drei Kinder: Einen Sohn und eine Tochter aus seiner Ehe mit Antonia (geborene Simpson). Aus seiner letzten Ehe mit der Literaturagentin Maggie Noach (1949–2006) stammt eine weitere Tochter. Maggie vertrat u.a. Brian Aldiss, Colin Greenland, Garry Kilworth, Michael Scott Rohan und Geoff Ryman.

Williams veröffentlichte seinen ersten Roman im Alter von 26 Jahren: LONG RUN SOUTH wurde umgehend für den „John Llwelyn Rhys Memorial Prize“ von 1963 nominiert. Insgesamt schrieb er in 20 Jahren elf Romane; er war 46, als mit HOLY ON HOLIES sein wohl letzter erschien. Auf deutsch wurden in der PHOENIX SHOCKER-Reihe des Scherz-Verlages fünf unangenehm gekürzte Thriller veröffentlicht.

Was man diesen Büchern nicht anmerkt, ist der Kraftaufwand, durch den sie entstanden sind. Es mangelte Williams nicht an Fantasie, Erfahrung oder Stilsicherheit. Aber seine Talente auf die fiktionale Form anzuwenden, bereitete ihm Mühe. Er gehörte zu den Autoren, die Alkohol für die schriftstellerische Arbeit nutzten. Das funktionierte anfangs bei dem überzeugten Trinker recht gut.
Aber mit der Zeit fiel ihm das Schreiben zunehmend schwerer, und der steigende Alkoholkonsum konnte das irgendwann nicht mehr ausgleichen. Wahrscheinlich auch ein Grund, weshalb nach 1981 kein weiterer Roman entstand.

Eine Joyce erinnerte sich 2008 in einem Blog: “Like Susan (who wrote you May 24) I’ve been trying to find information on Alan Williams. I knew him briefly while he was staying on the island of Corfu (1971 or 72). Every evening he would join us in the village tavern and read to us what he had written while getting very drunk, after which he would wander upstairs to write. There were times we had to help him up the stairs. We worried about his health and I’ve been concerned that the drinking may have done him in, especially since I’ve been able to find only old books authored by him on the internet.”

LONG RUN SOUTH setzte ihn sofort in die Spitzengruppe der britischen Thriller-Autoren.

Noël Coward schrieb in sein Tagebuch: „I have read a thriller by my godson Alan Williams called Long Run South and it is really very good indeed. He is an authentic writer. There is, as with all his generation, too much emphasis on sex, squalor and torture and horror, but it’s graphically and imaginatively written.“

Williams zweiter Roman erregte noch mehr Aufsehen. Einige Kritiker schrieben über BARBOUZE, dieser Thriller habe das Genre verändert, er sei der legitime Erbe von Ian Fleming und die „Sunday Times“ lobte den „Reichtum und die Poesie seines Stiles, wie er selten in der zeitgenössischen britischen Literatur zu finden“ sei.

Alan fiel das Romanschreiben nicht leicht. Um BARBOUZE „in absoluter Ruhe“ schreiben, ging er an Bord eines Tramp-Schiffes, mit dem er wochenlang durchs Mittelmeer schipperte.

Als sie in Beirut dockten, besuchte Alan die Bar des St George’s Hotel und setzte sich zu einem anderen Trinker: Kim Philby schlief im Rausch ein, erwachte und lud Williams zum Lunch ein „at an excellent place where they did ‚ Abyssinian goat’“. Alan hatte eine Verabredung und ging nicht mit. Drei Tage später lief Kim Philby zu den Russen über.

“All the trade-mark characteristics of an Alan Williams adventure thriller coalesce in Barbouze, his early masterpiece first published in 1962. There’s a footloose, dissolute and cynical hero – usually a journalist – who begins as the innocent Englishman abroad and rapidly finds himself embroiled in foreign conflicts, often being duped along the way by a femme fatale or a double-crossing criminal mastermind. “

Zu der langen Liste seiner Fans und Bewunderer gehörte bald auch Robert Ludlum.

2010 feierte Williams seinen 75.Geburtstag. Keine großen Würdigungen, kein Roman seit dreißig Jahren. Es ist still geworden um diesen Großmeister des Thrillers. Im Jahr zuvor hatte Mike Ripley damit begonnen, einige seiner Thriller bei Ostara Publishing als TOP NOTCH THRILLERS neu herauszugeben.

Es wird gemunkelt, Williams habe einen Schlaganfall erlitten und lebe in einem Apartment in Holland Park zusammen mit einer Katze namens „The General“. Gelegentlich trinkt er im Chelsea Arts Club.

2015 mailte Antonia Williams in einem Blog:

„I am Alan’s second ex-wife and mother of Owen and Laura and now there are two grandchildren. We all live in London, as well as Sophie his daughter by Maggie who died about eight years ago. Alan lives alone and is not at all well, but can still be clever and humorous at times.”

    BIBLIOGRAPHIE:

    Long Run South [1962] Zur Hölle mit Leila, 1969.

    Barbouze [1964] U.S. title: „The False Beards“. Blutiger Sand, 1966.

    Snake Water [1965][39] Schlangenbrut, 1966.

    The Brotherhood [1968] U.S. title and U.K. paperback reprint title: „The Purity League“. Konjunktur für Killer, 1969.

    The Tale of the Lazy Dog [1970] Die Milliardenfalle, 1971.

    The Beria Papers [1973]

    Gentleman Traitor [1975]

    Shah-Mak [1976] U.S. paperback retitled „A Bullet for the Shah“

    The Widow’s War [1978]

    Dead Secret [1980]

    Holy of Holies [1981]

    (Herausgeber)The Headline Book of Spy Fiction [1992]

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ES WAR EINMAL IN WASHINGTON: GEORGE P. PELECANOS by Martin Compart

Mein Nachwort zu Dumont Noir Bd.6: DAS GROSSE UMLEGEN.

Im ersten Noir-Roman seiner historischen Washington-Trilogie, THE BIG BLOWDOWN (DAS GROSSE UMLEGEN), beschreibt George P.Pelecanos die amerikanische Hauptstadt der 40er- und 50er Jahre. Damals wurden für eine Reihe Entwicklungen die Weichen gestellt, die bis heute richtungweisend sind. Der Hass der ethnischen Gruppen untereinander, die alle auch kriminelle Fraktionen bilden, ist natürlich über das historische Washington hinaus aktuell. Genauso das Abgleiten perspektivloser Jugendlicher, die ihre neue Welt noch nicht richtig verstehen, in Gangs, um sich gegen reale wie vermeintliche Bedrohungen von Außen zu verteidigen.

Pelecanos schreibt über die Stadtteile der amerikanischen Hauptstadt, vor denen uns die Reiseführer warnen, falls sie überhaupt erwähnt werden.

Er ist Washingtoner griechischer Herkunft, hat die US-Klassiker des proletarischen Romans wie THIEVES LIKE US von Edward Anderson oder THIEVES MARKET von A.I.Bezzerides genauso studiert wie Hammett und Chandler. Seine Romane beleuchten die Machtzentrale Washington D.C., wie man diese Stadt bisher noch nicht in der Literatur gesehen hat. Es ist die Welt der Immigranten und Sklavennachkommen, die sich mehr schlecht als recht durchbeißen, um einen Stück vom Kuchen des amerikanischen Traumes herunterschlucken zu können.

Der 1957 geborene Pelecanos hat eine eigene originelle Stimme und ein eigenes Thema, von dem er geradezu besessen scheint. „Meine Idee war, als ich begann, über die Arbeiterklasse Washingtons zu schreiben in der Form des Kriminalromans. Meines Wissens hat das bisher keiner getan. Wenn Washington das Thema von Romanen oder Thrillern ist, dann geht es nur um hohe Politik oder einen verrückten Militär, der den roten Knopf drücken will. Es ist meine Lebensaufgabe geworden, über das wahre Washington vor den verschlossenen Türen zu schreiben. Durch alle Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hindurch.“

Pelecanos Vater kam als Kleinkind in die USA. Die ganze Familie arbeitete in der Billiggastronomie, und George wuchs in den Küchen, Bars und Coffeshops der griechischen Einwandererszene auf. Ab dem zehnten Lebensjahr half er seinem Vater in den Sommerferien. „Ich tat dies mein ganzes Leben, bis ich Schriftsteller wurde.“ Nach seinem Kunststudium nahm er eine Reihe unterschiedlicher Jobs an.

1989 kündigte er seinen Job als Manager einer Kette von Haushaltsgeschäften, um einen Roman zu schreiben. Für den Lebensunterhalt arbeitete er nachts in einer Bar im Nordwesten Washingtons. Der Roman erschien 1992 unter dem Titel „A Firing Offense“ und war der erste einer Trilogie um den Washingtoner Privatdetektiv Nick Stefanos.

Ihm gelang mit den drei Stefanos-Romanen, was inzwischen zu den schwierigsten schriftstellerischen Aufgaben gehört: neue Funken aus einem Klischee strotzenden Subgenre zu schlagen. Die Private-Eye-Novel stand Jahrzehnte unter dem übermächtigen Einfluss von Raymond Chandler und war schon fast in Stereotypen erstickt als Ende der 1970er Jahre und in den 80er Jahren Autoren wie Robert.B.Parker, Lawrence Block, Loren D.Estleman, Marcia Muller, James Crumley, Joe Gores, Joseph Hansen und einige andere neue Wege gingen. Aber ob Regionalismus-Trend, neuer Realismus oder harte weibliche Privatdetektive, in den 90er Jahren schien der Privatdetektivroman wieder in einer Sackgasse gelandet zu sein. Pelecanos schrieb mit der Stefanos-Trilogie einen im Regionalismus verwurzelten Entwicklungsroman, dessen Hauptperson jenseits abgedroschener Klischees angesiedelt war.

„Ich liebe das Genre. Ich wurde an der Universität, ich war an der University of Maryland, durch einen Lehrer damit bekannt gemacht. Von da an las ich mehrere Bücher pro Woche zehn Jahre lang. Und dann dachte ich mir, ich könnte selbst einen Privatdetektivroman schreiben. Aber ich hatte natürlich keine Ahnung von der Arbeit als Privatdetektiv. Also besann ich mich auf meine proletarischen Wurzeln und die Milieus, die ich kenne. Ich hatte auch eine ganze Reihe Romane gelesen, die eher an der Peripherie des Genres angesiedelt sind: THIEVES LIKE US von Edward Anderson, THIEVE’S MARKET von A.I.Bezzerides und die Bücher von Horace McCoy. Ich kannte diesen proletarischen Moment in der Hard boiled novel. Ich wollte nicht irgendwas Originelles erfinden oder konstruieren, ich schrieb nur aus einer anderen Perspektive über bisher literarisch nicht beachtete Milieus.“

Damit gab Pelecanos die Perspektive der Mittelklasse, die den Privatdetektivroman von Chandler bis Sue Grafton, Parker oder Sarah Paretsky beherrschte, auf. Aber Pelecanos sagt auch: „Heute nicht zuzugeben, dass Chandler die Standards vorgab, wie es einige Autoren tun, ist völliger Unsinn. Jeder von uns PI-Autoren schuldet oder verdankt ihm etwas.

Anders als bei den üblichen Privatdetektivromanen schrieb Pelecanos nicht dasselbe Buch mehrmals: in jedem der drei Stefanos-Romane macht der Protagonist eine radikale Veränderung durch, die aus seinen Erfahrungen rührt. „Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, dessen Klappentext behauptet, der Autor sieht sich als geistiger Nachfolger von Chandler, möchte ich es am liebsten an die Wand schmeißen. Ich bin sicher, Mr. Chandler würde von einem jungen Autor erwarten, dass er etwas neues, anderes wagt, selbst mit dem Risiko zu scheitern. Ich achte die Regeln des Genres, aber genauso ist es mir wichtig, diese Regeln zu verändern, ich will die Konventionen solange zusammenpressen, bis Blut herausläuft.

Den Kosmos, den Pelecanos in seiner Stefanos-Trilogie, entwickelt hat, nutzt er auch für spätere Bücher: Im GROSSEN UMLEGEN etwa taucht Nicks Großvater Big Nick Stefanos auf, und Nick selbst ist ein Baby. Das gibt seinem Gesamtwerk eine zusätzliche Dimension epischer Breite und seinem Jahrzehnte überspannenden Sittenbild glaubwürdige Geschlossenheit.

Über DAS GROSSE UMLEGEN sagt er:
„Der Anfang ist eigentlich die Geschichte meines Vaters. Er kam aus Griechenland und lebte in Washingtons Chinatown. Damals kein reines Chinesenviertel, sondern der übliche Ort, wo sich arme Immigranten niederließen. Im 2.Weltkrieg ging mein Vater zu den Marines; er nahm an den Nahkämpfen auf Leyte teil. Peter Carras im Roman kehrt aus dem Krieg zurück und schlägt dann einen anderen Weg ein als mein Vater, der seine Familie hatte. DAS GROSSE UMLEGEN wurde mein Big Book, mein großer Gangsterroman. Es schrieb sich von selbst und ist immer noch mein Lieblingsbuch. Naja, ganz von selbst schrieb es sich natürlich nicht. Ich verbrachte Monate im Washingtonraum der Martin Luther King-Bibliothek und fraß mich durch Zeitungen von damals. Mich interessierte natürlich alles über die Kriminalität. Es gab keine richtig große Gang, obwohl es natürlich organisiertes Glücksspiel gab und enge Verbindungen mit New York zum Costello-Syndikat. Außerdem sprach ich mit älteren Leuten, die sich noch gut an die Zeit erinnern konnten. Dann setzte ich mich hin und schrieb das Buch in vier Monaten. Der Film noir der 40er Jahre beeinflusste mich sehr stark bei diesem Roman.“

Der nächste Band der Trilogie, KING SUCKERMAN, spielt in den 70er Jahren mit Pete Karras‘ Sohn Dimitri als einen der Protagonisten.
„Das war meine große Zeit. Das Buch spielt in der Woche der großen Zweihundertjahrsfeiern 1976. Ich war 19 Jahre alt und es war mein Sommer. Ich glaube, jeder Mensch hat einen großen Sommer, in dem alles großartig ist. Ich erinnere mich an jedes Detail. Das Buch ist in einem völlig anderen Stil geschrieben als DAS GROSSE UMLEGEN. Viel lockerer, weil es eine Zeit darstellt, in der ich gelebt habe und die ich nicht mühselig recherchieren musste. Mich haben besonders diese radikalen Veränderungen in der Kultur innerhalb von dreißig Jahren fasziniert. Ein Mann in den 40er Jahren band sich einen Windsorknoten und setzte einen Fedora auf, bevor er aus dem Haus ging. Man muss sich mal vorstellen, er ginge aus dem Haus und würde in den 7oer Jahren landen. Alleine wie die Leute gekleidet waren, wäre ein Schock für ihn gewesen. Wie bei dem GROSSEN UMLEGEN der Film noir ein Einfluss war, schlugen sich bei KING SUCKERMAN das schwarze Actionkino der 70er Jahre, die blaxploitation movies nieder. Der letzte Band der Trilogie heißt THE SWEET FOREVER und spielt 1986.“ In diesen Büchern vermittelt Pelecanos neben der crime story auch die Tragödie, dass keine Generation der nächsten ihre Erfahrungen wirklich vermitteln kann. „Ja, es ist ein Moment der Tragödie, denn man ahnt oder weiß, was passieren wird, weil die eine oder andere Person nicht zuhört, was ihm der Ältere zu vermitteln versucht.“

Neben seiner Karriere als Schriftsteller arbeitet Pelecanos noch in der Filmbranche. „Auf einem Hongkong-Festival am American Film Institute hatte ich THE KILLER von John Woo gesehen und war tief beeindruckt. Als ich erfuhr, daß Jim und Ted Pedas die amerikanischen Vertriebsrechte für Circle Films gekauft hatten, meldete ich mich bei ihnen. Ich wollte eigentlich nur die Promotion für diesen einen Film machen, blieb aber dann bei Circle Films.“ Circle Films vertrieb BLOOD SIMPLE der Coen-Brüder und produzierte für die Coens RAISING ARIZONA, MILLER’S CROSSING und BARTON FINK. „MILLER’S CROSSING ist im Grunde eine Adaption von Dashiell Hammetts RED HARVEST und THE GLASS KEY. RED HARVEST ist oft für das Kino adaptiert oder geklaut worden:von Kurosawas YOYIMBO bis zu Sergio Leones EINE HANDVOLL DOLLAR und Walter Hills LAST MAN STANDING.“ Pelecanos war Co-Produzent bei Bob Youngs Film CAUGHT mit Edward James Olmos, „eine Art James M.Cain-Geschichte mit der Musik von meinem alten Idol Curtis Mayfield“. Zuletzt produzierte er WHATEVER, der von Sony Pictures gekauft wurde. Es liegt nahe, daß Pelecanos Romane selbst als Filmvorlage dienen könnten. „Meine Agentin trommelt dafür. Mein non-serie-Roman SHOEDOG ist unter Option, aber ob er wirklich verfilmt wird, steht in den Sternen. Ich habe das Drehbuch geschrieben, und ich schrieb die Drehbuchadaption von DAS GROSSE UMLEGEN. Ich wollte nicht, daß ein anderer das macht. Das Buch steht mir und meiner Familie zu nahe. Es geht um echte Menschen, nicht um Stereotype.“

P.S.: Pelecanos hat 2000 mit SHAME THE DEVIL noch einen Band nachgelegt und somit wurde aus der Trilogie eine Tetralogie.

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EL CHAPO, TV-Serie by Martin Compart
19. Februar 2019, 9:30 am
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MiCs TAGEBUCH: El Chapo liveticker – Gedankengewitter während Staffel 3.
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Interview mit Michael Contre zu DESPERADO by Martin Compart

DESPERADO

Angesichts des Erscheinens von DESPERADO traf ich mich mit dem Autor Michael Contre (natürlich ein Pseudonym) stilgerecht in einer der kleinen Hafenkneipen mit Pension in Antwerpen. Hier wurden 1964 viele Söldner für den Kongo rekrutiert. Der richtige Ort für Pastis und ein Gespräch über sein Buch, das den afrikanischen Weltkrieg reflektiert.

Warum ausgerechnet der Kongo, das interessiert doch niemanden?

Mich empört die unerträgliche Situation in Kivu (das stellvertretend für alle rohstoffreichen Regionen steht), trotz politischer Instabilität und mörderischer Zustände ist der Ostkongo perfekt in das globale Wirtschaftssystem integriert. Die Tyrannei des Marktes dominiert alles und jeden und darum ändert sich auch nichts, solange sich das System nicht ändert. Von dessen Alternativlosigkeit heute inzwischen jeder überzeugt zu sein scheint, sofern er oder sie überhaupt darüber nachdenken.

Und der Held der Geschichte, denkt er darüber nach?

Gezwungenermaßen. Den Begriff „Held“ finde ich übrigens unpassend, er wird inflationär verwendet und dazu noch falsch. Helden opfern sich für andere und müssen zwangsläufig sterben. Der Protagonist, der Mann, der sich Roland Burget nennt, ist kein Held, sondern ein enttäuschter Revolutionär, der zu einem abgebrannten Abenteurer verkommen ist und nach Nord-Kivu geht, um endlich ans große Geld zu gelangen. Was er dort erlebt, konfrontiert ihn mit seinen längst verloren geglaubten Idealen und stürzt ihn in eine tiefe existenzielle und existenzialistische Krise. Das will er natürlich nicht wahrhaben. Er will wie jeder von uns sein unbedeutendes Scheißleben behalten.

Der Mann, der sich Roland Burget nennt? Er heißt nicht so?

Roland Burget ist ein „Kampfname“, wenn Du so willst, eine falsche Identität, nicht unüblich bei Söldnern und Glücksrittern seiner Art.

Was sind seine persönlichen Gründe?

Er hat sich in seiner Jugend für die falschen Ziele engagiert und musste seine Heimat verlassen.

Und weiter?

Nichts weiter.

Warum nennt er sich ausgerechnet Roland Burget?

Weil Namen zum Charakter passen müssen. Wir leben in einem Zeitalter, wo einerseits jeder glaubt, sich neu erfinden zu können – Persönlichkeit als Eigenschöpfung und etwas bewußt Veränderbares proklamiert wird – und andererseits der Name als Marke fungiert, unter der sich der Einzelne „vermarktet“. Der Wert einer Ware ist allein abhängig von ihrem Vermarktungspotenzial. Damit hat der Mensch, genau wie alles Leben an sich keinen Wert mehr. Willkommen in der Gesellschaft des Spektakels 3.0.

Was ist mit Deinem Pseudonym?

Ich halte es mit Jean-Pierre Melville, der sagte, jeder hat das Recht seinen eigenen Namen zu wählen, und beziehe mich auf B. Traven, sinngemäß: es zählt das Werk und nicht der Autor. Für Burget hingegen ist die Anonymität ein Muss, ihm bleibt nichts anderes übrig.

Burget hat sich demnach strafbar gemacht?

Was heißt strafbar? Burget hielt die gesellschaftlichen Zustände für inakzeptabel und wollte sie verändern.

Was wollte er denn ändern?

Keine Atomkraftwerke, die Ausbeutung und die Umweltzerstörung stoppen. Hat nicht geklappt.

Jetzt ist er genauso korrumpiert wie alle?

Darunter leidet er, was ihn von vielen zynischen Zeitgenossen wohltuend unterscheidet.

Was erwartet den Leser bei DESPERADO?

Ein Höllenritt, wie Arthur Simpson gesagt hat. Eine schonungslose Abenteuerreise durch Nord-Kivu und Ruanda mit ungewissem Ausgang und hoffentlich einer Menge Spaß.

Ausgerechnet Spaß?

Wer angesichts der Absurdität unseres Daseins nicht lachen kann, ist in der Hölle der eigenen Gedanken gefangen. Einer meiner Lieblingssätze stammt von Rafael Sabatini: „He was born with the gift of laughter and a sense that the world is mad.“ Frei übersetzt: Er war mit der Gabe des Lachens geboren und der Erkenntnis, dass die Welt verrückt ist. Wo gibt es heute noch solche Charaktere?

In welcher literarischen Tradition siehst Du Dich?

Des Roman noir und dem Absurden? Keine Ahnung. Geschichten sind für mich Metaphern fürs Leben, der Versuch, die Welt zu verstehen und Stellung zu beziehen. Jedenfalls gefällt mir die Aussage von John Ralston Saul sehr gut: „Autoren sind dann am besten, wenn sie Terroristen sind, soziale Terroristen, manchmal politische Terroristen und Terroristen des Herzens.“ Über die ersten beiden literarischen Formen des Terrors bin ich mir klar, die dritte deute ich für mich als das große Hadern mit der Welt, die Unvereinbarkeit von „rational etwas nachvollziehen zu können“, es aber „emotional einfach nicht akzeptieren zu wollen“. Ist das die Tradition der Aufklärung oder der Rebellion?

Welche Autoren haben Dich am stärksten beeindruckt? Und welche – glaubst Du – am meisten beeinflusst?

Beeindruckt haben mich eine ganze Menge. Manche nur mit einzelnen Sätzen oder bestimmten Momenten. Mein erstes literarisches Aha-Erlebnis war For Whom the bell tolls von Hemingway. Der beschrieb ein Gefühl, das exakt meinem eigenen Empfinden entsprach. Das war nichts Besonderes, nur sehr fein beobachtet, ein kleines Gefühl am viel zu frühen Morgen. Ich war der Meinung, das hat Ernest nur für mich geschrieben. Am meisten beeinflusst haben mich sicherlich Dashiell Hammett, Albert Camus und Jean-Patrick Manchette. Vor allem Manchette als Autor, Theoretiker und politischer Mensch. Raymond Chandler und Chris Hedges möchte ich hier auch nennen. Handwerklich begeistern mich Richard Stark und Elmore Leonard. Es gibt noch viele mehr, wie F. Scott Fitzgerald, B. Traven, Kurt Tucholski, der eine großartige Eloge auf Traven geschrieben hat. Und dann ist da noch David Milch, der war lange Zeit mein absoluter Schreibguru, durch ihn habe ich ganz zentrale Dinge begriffen.

Hast Du ein weiteres Buch in der Pipeline?

Desperado hat einen Folgeband, der im nächsten Jahr, 2020, kommen wird. Vorher erscheint der erste Band eine neuen Actionthriller-Serie mit einem Typen, der sich für dreckige Jobs gegen Bares anheuern lässt, dessen persönlicher Code aber zwangsläufig mit seinen Auftraggebern kollidiert. Ich mag Leute, die gegen den Strudel, der sie gnadenlos hinunterzieht ankämpfen.

Das Gespräch war beendet. Die Chimären alter Söldner und Katanga-Gendarmen hatten sich im Pastis-Nebel verfestigt. Es war an der Zeit, im Bauch der Stadt durch die Nacht zu gehen, in dem sich so viele tummelten, von denen Graham Greene, Céline oder Eric Ambler erzählten …

http://zerberus-book.de/



ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
15. Februar 2019, 2:58 pm
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MiCs Tagebuch by Martin Compart
9. Februar 2019, 10:40 am
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MiCs Tagebuch – Februar 2019

EL CHAPO im Liveticker

in CRIME-TV unter https://crimetvweb.wordpress.com/2019/02/09/mics-tagebuch-februar-2019-el-chapo-im-liveticker/

„Baut die Mauer hoch genug, Gringos.“



KISS KISS, BANG BANG – Eine Geschichte des Golden Age of Thrillers by Martin Compart


Dies ist ganz klar ein Buch für mich – eines, auf das ich lange gewartet und mit dem ich kaum noch gerechnet habe.

Deshalb habe ich es auch fast zwei Jahre nicht in die Hand genommen und auf den „Belohnungsstapel“ gelegt. Dort darf immer zugegriffen werden, wenn man zu viel Mist gelesen oder eine gute Tat vollbracht hat.
Nach etwa einem Jahr des Stapelabtragens war ich nun endlich bei Ripleys wunderbaren Buch. Es führt mich zurück in ein Königreich, in dem ich verdammt viel Zeit verbracht habe, und das mich bis heute mit schönsten Erinnerungen beschenkt:
Etwa in die Zeit des Schulschwänzens „wegen lesens“ (als man Maturins MELMOTH natürlich nur an verregneten Vormittagen in einer Burgruine lesen konnte, während andere sich im Mathematikunterricht foltern ließen). KISS KISS, BANG BANG ist deshalb für mich auch eine persönliche Zeitreise.

Für Genre-Historiker ist es ein wichtiges Buch! Denn über den Thriller der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde viel gearbeitet. Aber das wahre Golden Age wurde bisher nicht wirklich zusammenhängend dargestellt (natürlich gibt es massenhaft Sekundärliteratur zu LeCarré, Deighton, 007 usw., aber ganz wenig zu der vermeintlich zweiten oder dritten Garde). Zu Recht wurde Ripley auch für diese Pionierarbeit ausgezeichnet.
Das launige Vorwort ist von Lee Child, der sich in dieser Tradition sieht.

Worum geht es?

Um die Zeit ab den frühen 1950ern, in der die britischen Thriller-Autoren fast alle westlichen Bestsellerlisten dominierten. Die Rede ist vom Abenteuer- oder Agenten-Thriller, nicht etwa vom klassischen Detektivroman.

Mike Ripley grenzt das „Golden Age“ ein auf die Jahre von 1953 (erscheinen des ersten Bond-Romans) bis 1975 (er setzt als Endpunkt Jack Higgins THE EAGLE HAS LANDED). Man könnte noch einige Jahre dran hängen, aber Ripley meint, dass mit dem Aufkommen etwa der amerikanischen Conspiracy-Thriller (Ludlum) und Techno-Thriller (Clancy) die absolute Dominanz der Briten im Genre gebrochen wurde. Meinetwegen.

Das Buch behandelt ca. 160 Autoren (neben Briten auch ein paar Südafrikaner und Australier), die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Natürlich werden auch die inzwischen als Klassiker gewerteten Autoren, wie Fleming, Deighton, Francis, Forsyth, Ambler usw., behandelt. Aber da es über diese Autoren genügend Literatur gibt, bemerkt Ripley richtig, habe er sich auf die Unbekannteren konzentriert.

Da ich einige dieser Autoren seit den 1960er Jahren gelesen habe, kann ich häufig Ripley zustimmen: Darunter sind verborgene Klassiker, umwerfende Spannungsromane, die trotz der verstrichenen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren haben. Ich nenne hier nur mal Gavin Lyall, Geoffrey Jenkins, Adam Hall, Alan Williams, Berkeley Mather, James Mitchell(Munro), Francis Clifford.

Es gab und gibt in dem Buch vieles zu entdecken, und bei der Lektüre wuchs meine Leseliste. Beim Wieder- oder Erstlesen ist die hohe Qualität vieler Autoren verblüffend! Dagegen wirken die meisten Thriller der Gegenwart wie elaborierter Schund.
Da merkt man deutlich, wie der PC bei Autoren zum disziplinlosen Schreiben verführen kann (ich fragte in den 1980ern mal Gavin Lyall, warum Desmond Bagleys neue Romane langsamer und dicker würden. Gavin: „He bought a word processor.“). Diese Thriller – egal, von welcher Qualität – verzichten zumeist auf retardierende Momente und gehen direkt nach vorne und beschleunigen zunehmend. Die Besten können einen auch heute noch atemlos und tief in den Lesesessel pressen. Obwohl die meisten Autoren (schon aus Altersgründen) die „Beatkultur“ gehasst haben (dafür gibt es in den Texten genügend Andeutungen, Häme und Hinweise), entsprachen ihre schnellen literarischen Beats dem Rhythmus der Zeit. So wie die YARDBIRDS mit ihren Klängen uns in ferne Sphären trugen, führten diese Autoren in exotische Länder, Katastrophen und fremde Mentalitäten.
Faszinierend sind auch die unterschiedlichen Themen und Stile der Autoren! Dank dieser Vielfalt verdient die Epoche wahrlich das Etikett „Golden Age of Thrillers“.

England hatte den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Das Empire brach auseinander, das Land war wegen der Kriegskosten hochverschuldet und Lebensmittelmarken (für bestimmte Produkte) gab es noch bis Anfang der 1950er (im Gegensatz zum Verliererland Deutschland).
Trotzdem errichteten die Briten einen Sozialstaat, der im Westen unvergleichlich war (und spätestens seit Thatcher, Tony Blair und dieser ganzen Neo-Con-Bande zerstört wurde). Jeder hatte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung; die Gewerkschaften waren extrem stark, Vollbeschäftigung, Trümmergrundstücke.
Und wo heute der „Gunpowder“ am erahntbarsten ist.

Laut vielen Briten, die in den 1950ern aufwuchsen, gab es nur ein Problem: England war stinklangweilig (was war denn dann Deutschland mit seinen Fress- und Wirtschaftswunder-Kapitänen, die aus dem 3.Reich direkt in die Chefetagen wechselten?).

Ripley bemerkt für sich und viele seiner Altersgenossen: Das einzig spannende waren Rock´n Roll und Thriller. Dafür konnte man sein Taschengeld ausgeben. Ripley gab mehr für Paperback-Thriller aus, denn da bekam man zwei für den Preis einer Single „At least that was my thinking until I discovered girlfriends, and the Rolling Stones recorded BEGGAR´S BANQUET.“ In diesem launigen und unterhaltenden Ton plaudert er das Buch hindurch und erzählt bisher unerzähltes, intelligentes, verblüffendes, spannendes, triviales, erhellendes.
Ein Buch, von dem der Fan hofft, es möge nie enden. Wie jeder gute Kritiker hat der Schriftsteller und Rezensent Mike Ripley ein feines Gespür für Drama.

Es ist nicht immer das analytischste oder systematischte Buch (den Anspruch erhebt Ripley auch nicht, nennt es „seine Lesergeschichte“), aber immer wieder voller erstaunlicher Fakten und Kenntnisse: Etwa, dass FROM RUSSIA WITH LOVE 1957 mit einer Auflage von 15 000 Hardcovern gestartet wurde, während Alistair MacLeans GUNS OF NAVARONE alleine in den ersten sechs Monaten 400 000 Exemplare verkaufte!

Ripley ordnet Thriller und Autoren immer in den historischen Kontext ein, zeigt die soziologischen und politischen Spannungen auf, die sich direkt oder indirekt auf die Literatur auswirkten.

Er behandelt die Abenteuer-Thriller und Agentenromane (richtig unterschieden in Spy Novels, wie etwa Deighton, und Spy Fantasy, wie Bond), die millionenfach in Paperbacks die westliche Lesewelt zwei Jahrzehnte überfluteten. „Kiss Kiss, Bang Bang is a ‘reader’s history’ – specifically this reader – of a particular period, roughly 1953-1975, when British thriller writers ruled the world.”

Ripley streift und würdigt auch die Arbeit von Cover-Designern wie Raymond Hawkey, die für den speziellen look der Thriller verantwortlich waren. Was gäben diese Cover einen prächtigen Bildband ab!

Die Helden dieser Romane sind unterschiedlicher politischer Couleur, wie ihre geistigen Väter.
Lediglich bekennende Faschisten oder Kommunisten sucht man vergebens. “Their heroes regularly confronted Nazis, ex-Nazis and proto-Nazis, the secret police of any and all communist countries and a variety of super-rich and power-mad villains, traitors, dictators, rogue generals, mad scientists, secret societies and ruthless businessmen.”

Ripleys Buch ist ein Anfang, diese Epoche weiterhin zu untersuchen. Aber bis auf weiteres muss es als Standardwerk des britischen Thrillers in dieser Zeit gelten. Nächste Kundschafter sollten vielleicht den Zeitrahmen bis zum Ende des Kalten Krieges ausdehnen.

LESELISTE – Die unten stehenden, fast vergessenen Titel, will ich unbedingt wiederlesen und als Tipps weitergeben. Und das ist nur eine ganz kleine Auswahl!


Geoffrey Jenkins: A Twist of Sand, 1959.

Geoffrey Jenkins: The River of Diamonds, 1964.

Lionel Davidson: The Rose of Tiber, 1962.

Anthony Lejeune: Glint of Spears, 1963.

Alan Williams: Snake Water, 1965.

Gavin Lyall: The Most Dangerous Game, 1966.

Gavin Lyall: Midnight Plus One – und eigentlich jedes andere Buch von ihm!

James Munro: The Man Who Sold Death, 1964.

Peter Driscoll: The Wilby Conspiracy, 1972.

Peter O´Donnell: A Taste for Death, 1969.

Derek Marlowe: A Dandy in Aspic, 1966.

Duncan Kyle: A Cage of Ice, 1970.

Duncan Kyle: Black Camelot, 1978.

Desmond Bagley: High Citadel, 1965.

Desmond Bagley: The Vivero Letter, 1968 (u.v.m.).

Alistair MacLean: HMS Ulysses, 1955.

Ian Stuart: The Satan´s Bug, 1962.

Francis Clifford: Honour the Shrine (Kriegsroman; Birma), 1953.

Francis Clifford: All Men Are Lonely Now, 1967.

Victor Canning: Black Flamingo, 1962.

Clive Egleton: Seven Days to a Killing, 1973.

Desmond Cory: Feramontov-Quintet, 1962-71.

Anthony Price: Other Paths of Glory, 1974.

Andrew York: The Eliminaror, 1966.

Adam Diment: The Dolly Dolly Spy,1967.
https://martincompart.wordpress.com/category/adam-diment/

Brian Freemantle: The Man Who Wanted Tomorrow, 1975.
https://martincompart.wordpress.com/category/brian-freemantle/

Adam Hall: The 9th Directive,
https://martincompart.wordpress.com/category/klassiker-des-polit-thrillers/adam-hall/

Len Deighton: The Ipcress File, 1962.
https://martincompart.wordpress.com/2009/05/15/krimisdie-man-gelesen-haben-sollte/

Berkeley Mather: The Pass Beyond Kashmir, 1960
https://martincompart.wordpress.com/category/berkeley-mather/