Martin Compart


DER NOIR-FRAGEBOGEN MIT STEFAN HEIDSIEK by Martin Compart
25. Oktober 2018, 10:09 am
Filed under: Fragebogen | Schlagwörter: , , ,

Gerade hat Stefan Heidsieks Blog CRIMEALLEY sein dreijähriges Bestehen gefeiert. Die dortigen Rezensionen sind manchmal kontrovers, immer fundiert und gut geschrieben. Stefan ist nicht nur ein exzellenter Kenner des Genres, er stellt die besprochenen Bücher und Autoren auch in den ästhetischen, politischen und historischen Kontext. Er hat eine eigene, unverwechselbare Stimme in der Krimi-Szene.

Über mich selbst:

Geboren in Bielefeld und aufgewachsen im ländlichen Jöllenbeck. Über Grundschule, Realschule und Gymnasium den Weg zur Universität angetreten. Vier Semester Bachelor-Studium in Literaturwissenschaften und Geschichte Richtung Fachdidaktik, dann Abbruch des Studiums und Beginn einer Ausbildung zum Buchhändler bei Thalia in Bielefeld sowie an den Schulen des Deutschen Buchhandels in Seckbach, Frankfurt. Aufgrund privater Gründe Umzug in den hessischen Spessart, Beendigung der Ausbildung bei Thalia in Kassel und anschließend Wechsel zur Filiale in Darmstadt. Dort knapp drei Jahre verantwortlich für den Bereich Belletristik und Spannungsliteratur. Nach Geburt der Tochter berufliche Umorientierung und inzwischen Plant-Coordinator für RFID im Bereich Industrie 4.0.

Nebenbei zwischen 2009 und 2014 als Online-Redakteur auf dem Internetportal Krimi-Couch tätig (https://www.krimi-couch.de/). Seit Oktober 2015 schreibe ich Rezensionen auf meinem eigenen Blog Crimealley (https://crimealleyblog.wordpress.com/), vorwiegend zu Spannungsliteratur, aber auch ausgewählten Titeln anderer Genres. Ab Juli 2017 Erweiterung des Teams um Jochen König und Dieter Paul Rudolph, welcher zu unserer großen Trauer leider bereits kurze Zeit später überraschend starb.

Hier der Bünnagelsche Fragebogen mit Stefan Heidsiek:

Name?

Stefan Heidsiek. Über Umwege verwandt, aber nicht profitierend von der französischen Champagner-Dynastie. Auf dem Fußballplatz für alle nur „Heidsiek“.

Berufungen neben dem Schreiben:

Natürlich in erster Linie die Lektüre, vorzugsweise auf dem heimeligen Sofa mit entsprechendem Soundtrack in Hintergrund und einem kleinen Notizbuch zur Hand. Überhaupt ist die Musik ein ganz wichtiger Bestandteil des Lebens, hier vor allem Hard-Rock und Heavy Metal, aber auch Britpop (z.B. Blur, Oasis, Stereophonics oder Snow Patrol). Seit zwei Jahren zudem leidenschaftlicher Gärtner und mit Frau und Kindern gern in der Natur. Dazu die seit 1992 und ewig währende Passion Borussia Dortmund. Lieblingsreiseland ist die britische Insel, allein voran das raue Schottland.

Film in Deinem Geburtsjahr?

„Die Rückkehr der Jedi-Ritter“. Die klassische Star Wars Trilogie begleitet mich bis heute.
„James Bond – Octopussy“. Unvergessen aufgrund der klischeehaften Darstellung der Deutschen und tatsächlich mein erster Bond.
„Scarface“. Brian De Palmas grandiose Visualisierung von Armitage Trails Roman. Einer der wenigen Verfilmungen, die mir besser gefällt als die literarische Vorlage.
„Im Wendekreis des Kreuzes“. Gregory Peck in seiner für mich besten Rolle.
„Der Sinn des Lebens“. Anarcho-Humor von Monty-Python. Klassiker!

Ansonsten ein mehr als maues Filmjahr.

Was steht im Bücherschrank?

Es sind ehrlich gesagt mehrere Bücherschränke und diese sind nach Genres und darunter nochmal alphabetisch nach Autoren geordnet. Allein im Bereich Krimi sind es inzwischen weit über 3.000 Titel.

Wichtige Schriftsteller wären im Bereich Krimi u.a.: Alter, Ambler, Ball, Block, Bruen, Burke, Campbell, Carr, Chandler, Charyn, Christie, Collins (Max Allan), Connelly, Connolly, Crais, Crumley, Dexter, Disher, Doyle, Ellroy, Estleman, Giovinazzo, Hall, Hamilton, Hammett, Hart, Highsmith, Hill, Higgins, Hunter, Juretzka, Lansdale, Le Carré, Lehane, Leonard, MacDonald (Ross und John D.), McBain, McKinty, Manchette, Manotti, Meyer, Mosley, Murphy, Nunn, Parker (Robert B.), Peace, Pelecanos, Rankin, Raymond, Sallis, Spillane, Stark, Starr, Thomas, Thompson, Vachss, Wambaugh, Westlake, Willeford, Woodrell und Woolrich.

Außerhalb des Krimis: Auster, Ballard, Blackwood, Boyd, Boyle, Bradbury, Bukowski, Burgess, Carver, Celine, Cornwell, Dick, Dijan, Dostojewski, Dubus, Eco, Fallada, Faulkner, Fitzgerald, Ford, Gablé, Gay, Greene, Hemingway, Herbert, Irving, Kerouac, King, Lovecraft, Maugham, McCarthy, McCullers, Miéville, Niven, O’Brien, (Flannery) O’Connor, Pancake, Perutz, Poe, Pynchon, Selby, Simmons, Sinclair, Stackpole, Steinbeck, Stevenson, Tolkien, Verne, Wells, Welsh, West, Yates und Zahn.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

Es ging ganz klassisch mit Raymond Chandler und Dashiell Hammett los, im Anschluss daran folgten gleich mehrere Autoren aus Bastei Lübbes „Schwarze Serie“ sowie vor allem der grandiose Cornell Woolrich.

Aufgrund meines Jahrgangs erst mit dem Neo-Noir in Kontakt gekommen. „L.A. Confidential“ und vor allem „Chinatown“ begeistert mit den Eltern auf dem Sofa geguckt. Dann später über Woolrich Entdeckung des klassischen Film Noir mit „Die Nacht hat tausend Augen“ und „Das unheimliche Fenster“ sowie die Hammett-Verfilmung „Der Malteser Falke“. Anschließend Fixierung auf Robert Mitchum, Hauptdarsteller in zwei meiner Lieblingsfilme, „Goldenes Gift“ und „Die Nacht des Jägers“ (Ich sage nur: „Ruhe, Ruhe …“).


Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Wie man meinem Blog ansieht natürlich die gängigen: Schwarz-Weiß, nasses Kopfsteinpflaster, Straßenlaternen im Nebel, Mann mit Fedora-Hut und Trenchcoat, Zigarettenrauch in der Dunkelheit, ein Schatten in einem Fenster, ein Schrei, ein Mord – und die Femme Fatale am Tatort.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Neben den bereits erwähnten u.a. „Ein Satansweib“, „Tote schlafen fest“, „Die Narbenhand“, „Im Zeichen des Bösen“ (Welles‘ Meisterstück!).

Bei den Neo-Noirs: „Die letzten beißen die Hunde“, „Point Blank“, „Vertigo“, „Dirty Harry“, „Millers Crossing“, „Pulp Fiction“, „Heat“, „Fargo“, „Collateral“, „Sin City“, „Drive“ und beide Blade-Runner-Filme

Und abgesehen von Noirs?

Puh, von den bisher nicht genannten, sind auf jeden Fall folgende ewige Favoriten: „Star Wars – Episode 4-6“, „Agenten sterben einsam“, „Die Brücke über den River Kwai“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „The Good, The Bad & The Ugly“, „Herr-der-Ringe“-Trilogie, „Der Geist und die Dunkelheit“, „Gesprengte Ketten“, „Die Verurteilten“, „Batman – The Dark Knight“, „Prestige – Die Meister der Magie“, „Total Recall“, „Terminator“ und „Prisoners“. Und ich habe bestimmt noch einige vergessen.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

William Hamleigh aus „Die Säulen der Erde“ ist mir aus Jugendtagen eindringlich in Erinnerung geblieben. Im Noir-Bereich gibt es viele hassenswerte Gestalten – die haben allerdings eher meine Sympathie, denn ohne sie wäre es ja kein richtiger Noir.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir

1. Im fiktiven Film Noir Deines Leben – welche Rolle wäre es für Dich?

Ein Private-Eye, mit nem Deckel in jeder Bar, tagsüber schlafend, nachts die Gassen der Stadt unsicher machend.

2. Und der Spitzname dazu?

The Axe

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Ian Rankin

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?

„Rien ne va plus, Arschloch.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Farbfilm. Der Ton aber vornehmlich dunkel, die Farbe kommt allein von Laternen oder Leuchtreklame. „Blade Runner“ lässt grüßen.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Kavinsky

7. Welche Femme Fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Im Film Noir: Claudia Cardinale
Im Neo Noir: Jennifer Lawrence

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Ford Mustang 428CJ Fastback, Baujahr 1968, V8 mit 360 PS, in „Bullitt“-Green

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Smith and Wesson Model 29

10. Buch für den Knast?

James Joyce „Ulysses“ – Da habe ich keine Ausreden mehr

11. Und am Ende. Welche Inschrift würde auf Deinem Grabstein stehen?

„Dead men are heavier than broken hearts.“

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DIE USA ALS KANNIBALEN-NATION ENTTARNT! by Martin Compart
20. Oktober 2018, 3:18 pm
Filed under: Horror, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , , , , , ,

Für gute Weird Fiction bin ich immer zu haben!

Sei es literarisch, als Hörbuch oder audiovisuell.

„So war es George Washington möglich, eine Nation von Kannibalen zu schaffen“,

heißt es in Peter Medaks spannender Verfilmung von Bentley Littles Story THE WASHINGTONIANS, Bestandteil der ziemlich ungleichmäßigen TV-Horror-Anthologie MASTERS OF HORROR von 2007.

Diese einstündige Folge war bestes Grusel-Vergnügen, in dem Little eine der heiligsten Kühe des amerikanischen Mythos schlachtet, den verehrten Gründervater Washington. Wie gerne bei Little zeigt er auch hier, dass hinter allen Formen des Establishments das Böse lauert. Das sich hinter den verbreiteten Bildern und Wahrheiten ganz anderes verbirgt:

Die meisten Historiker sind nichts anderes als PR-Manager der Vergangenheit.“
THE WASHINGTONIANS ist in eine Story aus Littles THE COLLECTION.

Bentley Littles Bücher sind eine Weile auch bei uns bei Bastei-Lübbe veröffentlicht worden.

Die wenigen, die ich gelesen habe, gefielen mir ausgesprochen gut. Ich werde auf den Autor zurück kommen. Man muss sich allerdings häufig auf lange Intros einstellen, in denen der Autor seine Sets geradezu plastisch werden lässt, damit die anschließenden Schockwellen wie ein Tsunami über den Leser hinein brechen.

Mein Tipp ist FURCHT (THE ASSOCIATION). Das sollte man lesen, bevor man sich dazu entschließt, in eine abgeschottete Enklave der Wohlhabenden zu ziehen, obwohl die einem ein schwer zu widerstehendes Angebot gemacht haben. Lange (aber faszinierende) Anfahrt, und dann eine Explosion, die lange nachhallt. Eine Suburbia-Allegorie auf den Überwachungsstaat und seiner üblen Interessen vor dem Hintergrund scheinbar garantierter Sicherheit.

https://www.amazon.de/Furcht-Spannungs-Roman-Bentley-Little/dp/3404157982

In diesen Horror-Romanen schwingt als Subtext mit, dass man heutzutage kaum noch dazu in der Lage ist, sich und die Familie gegen die maßlose Gier des Establishments zu verteidigen. Wer nicht mitmacht und selbst zum Kannibalen wird, der wird von ihnen gnadenlos erledigt. Es gibt keinen Platz mehr für Rebellen und Outsider im neuen Jahrtausend.

Am Ende von THE WASHINGTONIANS steht die Botschaft: Die einzige Möglichkeit, mit diesen Ghoulen und ihrer unstillbaren Gier fertig zu werden, ist, sie niederzumetzeln.

Das ist allerdings Peter Medaks Botschaft (obwohl Little dem in anderen Werken zustimmt).

In der literarischen Vorlage erzählt der Autor einen anderen Gag.

Die zusätzliche Punchline von Medak im Epilog ist ebenso gruselig wie spaßig.



KANADA HAT HASCHISCH LEGALISIERT! Die lernen es nie, by Martin Compart
19. Oktober 2018, 9:56 am
Filed under: Politik & Geschichte, Weise Worte | Schlagwörter: , ,

… denn das war ein unfairer Schlag gegen das Organisierte Verbrechen, dem zumindest wieder mal ein Markt verloren geht.

Die repressive Drogenpolitik hat vornehmlich drei Ziele: die Gewalttätigkeit in der Gesellschaft zu fördern, das Einspeisen  steuerfreier Gewinne in die legale Wirtschaft (ein dehnbarer Begriff), und die Preise hoch zu halten.

Die Anti-Drogen-Industrie ist  – in den USA zumindest – ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor (insbesondere die private US-Gefängnis-Industrie).

Außer der Gesellhaft, gibt es für diese alternativlose Politik nur Gewinner.

Klingt nach einem Anlagemodell der Deutschen Bank?



CHARLIE MUFFIN by Martin Compart

Charlie Muffin ist für viele (mich eingeschlossen) die größte Kult-Figur des Polit-Thrillers. Sein erster Auftritt in Brian Freemantles Roman CHARLIE M schlug 1977 ein wie eine Bombe; vergleichbar vielleicht mit Len Deightons THE IPCRESS FILE fünfzehn Jahre zuvor oder LeCarrés SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM. Charlie war noch mehr anti-establishment als Deightons namenloser Ich-Erzähler.

Inzwischen ist die Serie auf 19 Titel angewachsen. In Deutschland erscheint sie schon lange nicht mehr.

Muffin ist der wahre proletarische Held unter den fiktionalen Agenten. Und er ist vielleicht der abgewichsteste und cleverste, der die Schwächen der degenerierten britischen Oberschicht genau kennt und ausnutzt, ihre Heimtücken durchschaut.

Leider gibt es bisher nur eine audiovisuelle Umsetzung: 1979 drehte der große Jack Gold die Adaption des ersten Muffin-Romans für das britische Fernsehen. David Hemmings wurde für Charlie Muffin das, was Sean Connery für James Bond ist. Das sah Freemantle ganz ähnlich:

Here’s a secret. It’s not as easy for me now to write Charlie as it was in the beginning and the problem was the film of that first Charlie Muffin book. David Hemmings brilliantly played the part. I met him for the first time on set, when a gambling club scene was being shot. Between takes he came over to me, clad in scruffy suit and down-at-heel Hush Puppies ( it’s the feet problem) and said: ‚Here I am. I’m Charlie Muffin.’Which he was. Up until that moment I knew how Charlie Muffin thought and how he’d react and what he physically looked like. But I didn’t have his facial features. But from then on I did and it’s always David Hemmings‘ face I see when I’m writing, not my blank-canvassed Charlie.

Nicht nur Hemmings ist eine Weltmacht! Der Film ist in jeder Rolle perfekt besetzt und Jack Gold inszeniert diesen „Agentenpoker“, der eher ein Schachspiel ist, genau und mit dem richtigen Gefühl fürs Timing. Gold (1930-2015)ist m.E. wegen seiner häufigen TV-Arbeiten ein schmählich unterschätzter Regisseur, der für Klassiker wie THE RECKONING oder MAN FRIDAY verantwortlich war.

Für Charle gefährlicher als die Russen: seine Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Geradezu nostalgisch wird man bei den Szenen, die in Ost- wie West-Berlin spielen. Gold fängt das Zeitgefühl des Kalten Krieges und die Atmosphäre der geteilten Stadt ein.

Dies ist kein Action-Film!

Die Handlung fordert vom Zuschauer Mitdenken (ist also nichts für heutige Kino-Gänger oder Krawall-Serien-Freunde). Jack Gold lässt sich Zeit um jede Nuance und jeden Dialog effektiv zu inszenieren.

Etwa, wenn Ian Richardson (einmal mehr: großartig!) als arroganter und unfähiger Geheimdienstchef über Charlies Klassenzugehörigkeit sinniert:

Die Arbeiterklasse ist in ihrer Freizeit immer brünstig.

Ausgegraben hat dieses Kleinod der Spy-Fiction wieder mal PIDAX-Film. Die Crew um Edgar Maurer gräbt bekanntlich tief, wenn es um vergessene TV-Schätze oder zu wenig bekannte Filme geht (dasselbe gilt für den Hörspielbereich, in dem sie den Klassiker Hans Gruhl wieder zugänglich machen). Ich stöbere gerne in ihrem Katalog.

Die Qualität dieser DVD-Ausgabe ist ausgezeichnet. Schade nur, dass es kein Zusatzmaterial gibt.

Was soll´s! Endlich kann ich meine vergammelte Video-Kopie entsorgen und diese bisher einzige Verfilmung eines Freemantle-Stoffes (was lagert da für ein Film- und TV-Potential!) in meine Bibliothek einordnen.

Kein Freund guter Spionagefilme kommt ohne CHARLIE MUFFIN aus, dessen Schlusspointe neue Maßstäbe im Genre setzte. Freemantle gab der Spynovel mit diesem „Happyend“ eine neue politische Dimension.

https://www.pidax-film.de/



DAS ROCK´N ROLL-EREIGNIS DES JAHRES by Martin Compart
13. Oktober 2018, 1:11 pm
Filed under: MUSIK, WENSKE | Schlagwörter: , , , , ,



Klassiker Des Noir-Romans: DEATH WISH von Brian Garfield by Martin Compart

Es gibt wohl wenige literarische Werke, die unter dem überragenden Erfolg einer Verfilmung so zu leiden haben wie DEATH WISH von Brian Garfield. Der wahnwitzige Erfolg, der Charles Bronson endgültig zur Ikone machte, versaute das Image eines Meisterwerks des psychologischen Noir-Thrillers auf breiter Front. Fans der Filme enttäuscht die Lektüre der Vorlage. Verächter der Filme kommen gar nicht auf die Idee, den Roman mit spitzen Fingern in die Hand zu nehmen.

Das hat schon ein bisschen was Tragisches.

Ende der 1960er begann der Vigilantismus zu einem erfolgreichen Topos in der Pop-Kultur zu werden, der seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren erreichte. Einer der Ersten, der das Thema kontroverser als die Standard-Rächer-Romane in den Pulps und Paperback Originals behandelte, war Joe Gores mit A TIME FOR PREDATORS, 1969, für den er zu Recht den „Edgar-Allan-Poe-Award“, der damals noch etwas bedeutete, erhielt. Den literarischen (und dann filmischen) Höhepunkt erreichte das Motiv ausgerechnet mit dem Anti-Vigilanten-Roman DEATH WISH, aus dem Hollywood den Inbegriff des Vigilanten als Superhelden machte.

Aber hier geht es nicht um das Remake von Bruce Willis, hier geht es um einen der besten Noir-und anderes-Autoren des 20. Jahrhunderts.

Garfield schrieb DEATH WISH in zwei Wochen!

Im Roman ist Paul Benjamin (für Film und deutsche Übersetzung hat man den Nachnamen in Kersey geändert) Steuerberater, und am Anfang des Romans wird man in die schmutzigen Tricks der Aktiengeschäfte eingeführt, die heute geradezu niedlich anmuten, aber die kriminelle Progression schon erahnen lassen.
Er ist der typische Liberale, der an die gesellschaftlichen Regeln glaubt, tolerant und sanftmütig.

Eines Tages erfährt er telefonisch (anders als im Film wird der Überfall im Roman nicht ausgeführt), dass seine Frau und Tochter im Krankenhaus liegen. Sie wurden Opfer eines Überfalls in ihrer Wohnung. Pauls Frau stirbt an den Folgen, seine Tochter fällt in eine anhaltende Gemütsstarre und wird zum Pflegefall.

Langsam entwickelt sich der brave Angestellte zu einem Monster. Das eigentliche Thema des Romans. Paul ist weder Held noch Anti-Held, eher ein Opfer urbaner Schizophrenie mit der typischen gehobenen Redneck-Mentalität: “Those who commit crimes should be killed. If they didn’t want to face the consequences, then they shouldn’t have broken the law.”

Die Idee zum Roman kam Garfield durch eine unangenehme Erfahrung:

„I was the victim of a minor crime of violence; it all followed from there. I’d been at my publisher’s apartment — a penthouse overlooking the Hudson River (the area where Paul stalks muggers in the film). When I came out to get my car and drive home to the Delaware River, I found the top of my 10-year-old convertible slashed to ribbons. Must’ve been some vandal having his fun with a knife. For me the „rage“ element was that it was snowing pretty hard and it was cold. I had a two or three hour drive home. It wasn’t exactly a comfortable ride. I got pretty mad, [and thought] „I’ll kill the son of a bitch. Of course by the time I got home and thawed out, I realized the vandal must have had a strong sharp knife (convertible-top canvas is a very tough fabric to cut) and in reality I didn’t want to be anywhere near him. But then came the thought: What if a person had that kind of experience and got mad and never came out of it? I thought at the time that the impetus needed to be something stronger, more personal, than the slashing of an impersonal canvas car-top, but later I’ve become aware that the very triviality of the crime would have made much clearer the point of the story. Anyhow that was its provocation. The hero, or anti-hero, set himself up to clean up the town. I felt a sort of sympathy for him, but right from the outset it seemed clear enough to me that he was a nut who kept becoming nuttier.”

Der komplexe Roman ist auch das Portrait einer Stadt im Niedergang, eines Manhattans, bevor es von Walt Disney umgebaut wurde, und die Kriminalität noch vornehmlich auf den Straßen stattfand. Es ist die Zeit kurz vor der kulturellen Erosion New Yorks.

Bereits 1972 reflektiert Garfield die zunehmende Umweltverschmutzung Manhattans. Das klingt heute fast so wie bei Diskussionen über Dieselfahrverbote: „Normalerweise konnte man nicht sehen, wie die vergiftete Luft die Lungen angriff, also achtete man nicht darauf… Es kommt noch so weit, dass man sich nichts mehr einzuatmen traut, was nicht durch eine Zigarette gefiltert ist.“

Eines der Hauptthemen, das sich durch Garfields Werk zieht, ist der plötzliche Einbruch unerwarteter Gewalt und wie sie Leben und Verhalten der betroffenen Menschen verändert.


In DEATH WISH dekliniert Garfield an dem Protagonisten, der vom Opfer zum Täter wird, psychologisch, politisch und philosophisch diese Erfahrung durch. Im Roman geht es nicht darum, einen body-count zu illustrieren, sondern um diese Transformation. Dieser Prozess ist in der Verfilmung kaum realisiert. „Wenn Bronson in einem Film auftaucht, weiß man, dass er bald ein paar Typen wegblasen wird. Ich habe das als Kritikpunkt gegenüber Michael Winner erwähnt. Er nannte mich einen Idioten.“

Im inneren Monolog werden Pauls Entwicklungen hin zur Paranoia so glaubhaft wie nachvollziehbar gezeigt. Große schriftstellerische Kunst! Garfield braucht (in diesem Roman) so gut wie keine Action. In einem anderen Kontext als dem um den Film-Hype hätte man ihn als meisterhaften Psychothriller eingeordnet, der einer Patricia Highsmith würdig gewesen wäre.

Wenn Paul gen Schluss des Buches durch die Stadt streift und Drogensüchtige als potenzielle Angreifer erhofft, wertet er ihre Harmlosigkeit als Enttäuschung. Alles andere als ein Rächer-Held, muss er seine Veränderung erkennen:
„Er hatte sein Gleichgewicht nur deshalb bewahrt, weil ihn dasselbe Leiden erfaßt hatte, das auch (seine den Überfall und die Vergewaltigung überlebende Tochter) Carol infiziert hatte – die Unfähigkeit, irgend etwas zu fühlen… als wäre sein Empfindungszentrum gelähmt worden.“


Der Leser folgt einer Entwicklung, die der eines Serienkillers nicht unähnlich ist. Bis hin zum typischen Selbstmitleid:

„Niemand hatte Zuspruch für ihn – er war elendiglich einsam; er wollte die Nacht nicht mit einer Frau verbringen – er wollte die Nacht überhaupt nicht verbringen.“

Während der Film nur mäßig spannend ist (wer fürchtet schon um Charles Bronson?), liest sich der Roman atemlos, auch noch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Brian Garfield ist außerstande, einen langweiligen Satz zu schreiben. Ein weit unterschätzter Autor, vielen vom Feuilleton gepriesenen Highbrow- Schreibern überlegen, mit scharfer Beobachtungsgabe, die er literarisch umzusetzen versteht. Das Wartezimmer eines Krankenhauses: „Es war die Art von Raum, wo man die Dinge nicht ansah; man vermied es hinzusehen.“

Und das grandiose Finale hat eine intelligentere und bessere Pointe als der Film.
Existenzialistisch  veranschaulicht der Roman Penn-Warrens These: „Es gibt nur ein paar Monate, die das Leben bestimmen. Manchmal nur einen. Dann ist es vorbei.

Garfields Stil ist trotz innerer Monologe sehr visuell, was für einen Autor, der ca. zwanzig Filme geschrieben und/oder produziert hat, nicht verwunderlich ist. Er schrieb von 1960 bis 69 34 Romane (fast alles Western), danach 28 weitere, zwei Story-Collections und drei Sachbücher (darunter ein inzwischen sehr gesuchtes Buch über Western-Filme, „Western Films: A Complete Guide“, 1982 ). Sein vielseitiges Werk umfasst Western, Abenteuer, Comedy, eine Biographie, Polit-Thriller, historische Thriller, Noir- und Crime-Fiction; 17 Bücher dienten als Vorlage für Film- oder TV-Produktionen. Sein Sachbuch „The Thousand-Mile War: World War II in Alaska and the Aleutians“, war Finalist beim Pulitzer-Preis, und sein Roman „Hopscotch“ gewann 1976 den Edgar; 1980 co-produzierte er die Verfilmung mit Walter Matthau. Weltweit verkauften seine Bücher bisher 20 Millionen Exemplare.

In den 1950ern war er Musiker und hatte mit seiner Band „The Palisades“ sogar einen Top-40-Hit mit dem charmanten Doowop-Song I CAN´T QUIT.

Er begann das professionelle Schreiben 1960,zur selben Zeit wie seine Freunde Donald Westlake und Larry Block, mit denen ihn nicht nur die hohe Produktionszahl in den 1960ern verbindet. Ab 1965 lebte er in New York und gehörte zu der legendären Poker-Runde mit Westlake, Block, Justin Scott, Robert Ludlum (und wenn er in der Stadt war: Ross Thomas), Henry Morrison (Agent der meisten und Entdecker von Ludlum, dessen Bourne-Verfilmungen er produziert) u.a.

Michael Winners DEATH WISH folgten weitere Vigilanten-Filme. Der künstlerisch gelungenste war wohl TAXI DRIVER. Charles Bronson wurde durch vier Fortsetzungen und viele Variationen gejagt.

“I hated the four sequels. They were nothing more than vanity showcases for the very limited talents of Charles Bronson. The screenplay for the original Death Wish movie was quite good, I thought. It was written by Wendell Mayes — look him up; he was a great guy and a splendid screenwriter; but his Death Wish script was designed to be directed by Sidney Lumet, with Jack Lemmon to star as Paul. The last-minute changes in director and star were imposed by a new producer to whom the project was sold, rather under protest, by the original producers Hal Landers and Bobby Roberts. The point of the novel Death Wish is that vigilantism is an attractive fantasy but it only makes things worse in reality.”

Da Garfield zur Zeit der Premiere des Films in Afrika zu Recherchen weilte, bekam er den Rummel um den Film nicht mit. Nach seiner Rückkehr sah er sich ihn zusammen mit Donald Westlake an. Beide mochten den Film nicht und teilten dies auch Michael Winner mit. Das Dumme daran war, dass Garfield und Westlake ein weiteres Projekt mit Bronson und Winner entwickelten: Die Verfilmung von Westlakes Parker-Roman BUTCHER´S MOON:

“Charles Bronson had an estate across the Hudson River from Albany, and he’d agreed to do Butcher’s Moon if it could be filmed in and around Albany so he could commute to work. Michael Winner had said he’d direct Butcher’s Moon as his next project. These elements were all in place when Don recommended that Fox hire me to write the script;
I’d just written the introduction for the book of Butcher’s Moon, and my Death Wish was just then being filmed in New York with Bronson, directed by Michael Winner.
The producers had cooled, Bronson had cooled, and Winner had finished filming Death Wish—a movie that both Don and I, having seen it in screenings, disliked. It became a huge hit in the summer of ’74, at a time when I was in Africa researching something else. I sort of understand the appeal of the movie—it had an excellent screenplay by Wendell Mayes—but I thought it was a hasty and indifferent job of filmmaking. I suppose Don and I both failed to hide our disappointment with the movie, so it’s not too surprising that both Bronson and Winner walked away. Without them, I gather Fox had very little interest in pursuing the project.”

Für angehende Thriller-Autoren hat Garfield generös Tipps bereit:
http://thrillerwriters.org/library/Brian%20Garfield%20-%20Ten%20Rules%20for%20Suspense%20Fiction.pdf

Garfield schrieb mit DEATH SENTENCE (ebenfalls verfilmt) einen weiteren Roman um Paul Benjamin – aber das ist eine andere Geschichte.






ZU UNRECHT VERGESSENE SONGS by Martin Compart
11. Oktober 2018, 12:40 pm
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